Stimmen in Blau 

 



 
 

 



ROMAN KOSHMANOV
[HERAUSGEBER]

STIMMEN
IN BLAU

DEUTSCHE DICHTUNG
1970–2010
deutsch und russisch














 
VODOLEJ

 



 






















ISBN 3-926370-xx-x
© 2010 Arnshaugk Verlag
Alle Rechte vorbehalten
www.arnshaugk.de
 

 



INHALT

FRITZ USINGER
Alpha und Omega
Alexandria Eschata
Früh und spät
Bescheidung
14
16
18
20

ODA SCHAEFER
Mitternacht
Gedenke des Todes
Liebeslied
Flüchtlinge
24
26
28
30

HELMUT BARTUSCHEK
Die Häutung des Schlangenkönigs
Der Dichter als Magier
Summa vitae
Später Sinnspruch

34
36
38
40

WOLF VON AICHELBURG
Fortuna
Der Ring
Der Tanz
Dein Antlitz
Rune
Chinesische Schrift
Die Fahne
Emmaus
44
46
48
50
52
54
56
58
 

 


CLAUS IRMSCHER
Fingerhut
Frühling
Liebe im Herbst
62
64
66

ROLF SCHILLING
Schwäne im Schlaf
Der Tod des Helden
Luzifer
Mozart
Questengesang
Quester im Herbst
Weiß
Einhorngesang
Das Goldene Vlies
Königskerzen
Ringelnatter
Mai-Segen
Herbst-Sonett
Leguan
Tigridia
Nacht im Garten
Phaeton
Kaiser Friedrich II.
Parzival
Chevalier errant
70
72
74
76
78
82
84
86
90
92
94
96
100
102
104
108
110
112
114
116

JOACHIM WERNEBURG
Thüringer Meer
An das Schicksal
Die Haut der Eidechse
Der Aurorafalter
120
122
124
126
 

 


UWE LAMMLA
Inkarnation
Flieder
Nachtwanderung
Vagant
Glückliches Lakedaimon
Archilochos
Harras
Sündenpfuhl
Kunst als Lobpreis
Zwetschge
Jonathan
Grauwürger
Siebenschläfer
Brand-Knabenkraut
Harsweg
Die Königin der Nacht
Magnesia alba
Caprolactam
Rittergut Reusa
134
138
140
142
144
146
150
154
156
158
160
162
164
166
168
170
172
174
180

UWE HAUBENREISSER
Schweigezeit
Ammonit
Et in Arcadia ego
Holunder
Impression
Sterbender Vogel
Ignis autumnalis
Im Ried
Gevatter
Oktoberseele
182
184
186
192
194
196
198
200
202
210
 

 


WOLFGANG SCHÜHLY
Buchenwald
Waldmeister
Seidelbast
Nestwurz
214
216
218
220

UWE NOLTE
Des Sperbers Geheimnis
Gesang der Quellnymphe
224
228

TIMO KÖLLING
Stimme in Blau
Nigredo
236
238

BEN BERRESSEM
Allerseelen
Student an der Lahn
Imperium Romanum
König Aigeus
244
246
248
252

FLORIAN KIESEWETTER
Die Prinzessin zu Artern
Lilienstück
Zephyrus
Löwe
Merlin
258
262
264
268
270
 

 

9
 


VORWORT

Seit den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gibt es in Deutschland eine Bewegung, in der Dichtung wieder an traditionelle Themen und Formen anzuknüpfen. Es entwickelte sich ein loser Kreis von persönlich mit einander bekannten Dichtern der unterschiedlichsten Altersgruppen, denen gemeinsam war und ist, daß sie sich nicht mit dem publizistischen und akademischen Zeitgeist in zunächst zwei, später nur einem deutschen Staat anfreunden wollten und wollen. Gemeinsam ist allen Dichtern, daß Sie allein durch formale und literaturimmanente Dinge in Widerspruch zu dem offiziell vermittelten Bild von der deutschen Literatur gerieten. Am Anfang dieses Buches stehen vier Dichter, die zwischen 1981 und 1994 gestorben sind. Nach Ansicht des Herausgebers gehören sie unbedingt zu dem hier vorgestellten Kreis, weil sie zu Lebzeiten in völliger Nichtbeachtung leben mußten und erst durch die älteren der hier vorgestellten Dichter in ihren letzten Lebens­jahren erfuhren, daß die Flamme deutscher Dichtung, wie sie noch die Großväter verstanden, nicht erloschen ist. Bei den lebenden Dichtern ist der älteste 75 Jahre alt, der jüngste 20, es ist jedes Jahrzehnt vertreten.

Der Arnshaugk Verlag, der 1986 in München gegründet wurde, bemüht sich seit je um Betreuung aller deutschen Dichter mit einem traditionellen Hintergrund und einem solchen Anliegen. Diese Sammlung erleicherte die Herausgabe eines solchen Buches. Obwohl von fast allen der hier vorgestellten Autoren Bücher bei xxxxxxxxxxxxx

 

 

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Arnshaugk erschienen sind, fehlte bislang eine Zusammenstellung, die zeigt, daß es sich bei diesen Einzelkämpfern durchaus um eine gesellschaftlich relevante Kraft handelt. Die zweisprachige Ausgabe will dem Leser in Rußland das Bild vom zeitgenössischen literarischen Deutschland berichtigen, und da man in Deutschland schon oft erlebt hat, daß ein klarerer Blick auf das Eigene im Ausland gefunden wurde, erhofft sich das Projekt auch Wirkungen auf Deutschland, wo beispielsweise die germanistische Forschung diese Dichter und Dichtungen komplett ignoriert.

Der Herausgeber betrachtet die hier vorgestellte Schar, die mit den avantgardistischen Prinzipien gebrochen hat und sich wieder am Volkslied und der nationalen Tradition orientiert, als die eigentliche Avantgarde unserer Zeit. Nachdem uns die fortwährend gesteigerten Provokationen ermüden, stellt der Rückgriff auf das angeblich Überlebte die größte Provokation dar. Hier zeigt sich, daß es geistesgeschichtlich nichts wirklich Überlebtes gibt, daß alte Fragen unter veränderten Prämissen neue Brisanz gewinnen, aber auch, daß es die ewige Aufgabe der Dichtung bleibt, der Sprache nachzulauschen und einer Eigengesetzlichkeit zu folgen, die von der Literaturwissenschaft niemals endgültig ausgelotet werden können.

Vor allem erhofft sich der Herausgeber mit diesem Buch einen Ermutigungseffekt. Talente, die meinen, die Dichtung habe sich erschöpft und es lohne sich nicht mehr, Kraft und Mühe zu investieren, wird es manchenorts geben. Möge mancher erfahren, daß er mit xxxxxxxxxxxxx

 

 

11
 

seinem Zweifel an literaturhistorischen Dogmen nicht alleinsteht, möge mancher wieder Mut finden, seinem Instinkte zu vertrauen und die Fackel der toten Dichter aufzunehmen. Die schönste Wirkung dieses Buches wäre, daß eine Folgeauflage die Wiedergeburt der deutschen Dichtung nur noch fragmentarisch darstellen könnte, wenn also die Bewegung eine solche Breite gewönne, daß es solcher Gesamtdarstellungen nicht länger bedürfte.

Roman Koshmanov

 

 

 

 




FRITZ USINGER



 

 

14
 


ALPHA UND OMEGA
Ewig genannt und ewig getrennt,
Weit wie an den Enden der Welt,
Geheimnis ist's, das euch erreiche:
Alpha und Omega sind das Gleiche.

Ein weiter Weg durchs Alphabet,
Der sich im Seltsamsten ergeht,
Durch Zeichen-Welt, die trügt und lügt
Und sich doch still zusammenfügt.

Aus Wildwuchs ist das All gemacht,
Aus Stacheln und aus Blumenpracht,
Und dennoch kreist die Erde da
Als Aleph und als Omega.
 

 

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16
 


ALEXANDRIA ESCHATA
I
Bis hierher kam Athene und sie sah
Die Eiswand über sich: Himalaya,
Und wußte, dies ist Hellas' fernster Rand.
Hier endet endlich das Apollon-Land.

Und eine Stadt zu gründen, hauchte sie
Dem Geiste Alexanders ein und lieh
Ihr einen Namen, hier nur griechisch da
Und niemals mehr auf Erden: Eschata.


II
Bis hierher rührte heilig-griechischer Geist,
Daß er die Jahrtausende die Erde speist.
Hier standen Thermen, strahlten Götterbilder.
Durch Schönheit atmeten die Dschungel milder.

Doch Tiger schlichen um die Marmorstufen.
Man hörte fern der Elefanten Rufen.
Und langsam sank das Land in alte Ruh,
Und Chodschent deckte stillen Marmor zu.
 

 

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18
 


FRÜH UND SPÄT
Ach, was ist früh, und was ist spät?
Hör einfach in, was dir der Welt-Wind rät:
Bei Nacht die Meere-großen Lichter-Flöre,
Bei Tag die Sonne-trunkenen Säulen-Chöre.

Das alles lauscht und rauscht und zuckt und raunt,
Daß dir der Sinn vor ewigem Rätsel staunt.
Materie singt und brennt, erleuchtet dich
Und schreckt dein Auge mit des Lichtes Stich.

Da sie nicht schläft, sollst drum auch du nicht schlafen
Im Angesicht von wachen Tragelaphen,
Mit denen du die mächtigen Straßen zierst,
Daß dein Gedenken niemals du verlierst.

Geh langsam haftenwärts die Tempelstraße,
Daß dich der Meerwind salzig sanft umblase!
Die Zeiten sind von ewig her gesät.
Ach, was ist früh und was ist spät?
 

 

19
 
 

 

20
 


BESCHEIDUNG
Daß ich nicht zu dauern brauche,
Daß ich mich in Dich verhauche,
Solch Genügen zu erlernen,
Wirkt der Blick von Deinen Sternen.

Die Provinzen Deines Reiches
Finden nirgendwo ein Gleiches,
Also ewig, also schweigend,
In noch weitre Welten zeigend.

Ihnen meinen Sang zu fügen,
Wird die Stimme nie genügen.
Darum laß die schönen Scherben
Des Gedichts mit mir ersterben.

Schenken Dir als kleinste Gabe,
Daß ich mich vergessen habe,
Daß ich mich in Dich verhauche,
Daß ich nicht zu dauern brauche.
 

 

21
 
 

 

 

 




ODA SCHAEFER



 

 

24
 


MITTERNACHT
Ach, du wirst mich verraten,
Eh noch die Hähne krähn,
An der Wand der langnasige Schatten
Wird all die schlafenden Taten
Und deine Lüge erspähn.

Im Kreis der flackernden Kerzen
Wandert die Zeile und schwankt,
Die mitternächtigen Schwärzen
Dröhnen wie Glocken so erzen,
Am Traume bist du erkrankt.

Dem purpurnen, violetten
Weine vermischt sich mein Blut,
Was du verrätst, wird dich rettten,
Trinke! Es fallen die Ketten,
Entsteige der stygischen Flut.
 

 

25
 
 

 

26
 


GEDANKE DES TODES
O denk daran! Der Tod ist wie ein Kern
In dir und deinem Tagewerk verborgen,
Wie Haselnuß und heller Apfelstern,
Wie Pflaumensamt ihn einhüllt bis zum Morgen,
O denk daran, es nützt dir keine Flucht,
Er lebt in dir wie in der süßen Frucht.

Im vollen Fleische mästet er und nährt
Sich heimlich von den klaren, zarten Säften
Der Jugend erst, bis langsam aufgezehrt
Du nichts als Schale bist den matten Kräften,
Bis du den Herbst erwartest, der dich fegt,
Mit Sturm zum Haufen gelben Laubes trägt.

Er ist Vollendung auch. Dem braunen Rot
Der Hagebutte gleicht er nach der Rose.
Wie voller Mond so rund erscheint der Tod,
Wenn er begriffen wird im späten Lose
Als Inneres, gefältet tiefer Sinn
Der Knospe nur, die ich im Anfang bin.

Vergiß es nicht! Der Tod ist wie ein Kind
In deinem Leib, du speisest mit dem Schlage
Des Bluts ihm die Geburt, doch maulwurfsblind
Durchwühlst du noch die Erde deiner Tage.
Vergiß es nicht, er löst dir dein Gesicht,
Es dunkelt schon, du aber stehst im Licht.
 

 

27
 
 

 

28
 


LIEBESLIED
Du, wie mit tausend Hüllen
Aus dünnem, sprödem Glas
Verborgner! Kein Erfüllen,
Von Tränen bin ich naß.
Wo find ich dich, Gestalt!
Im Schweigen träumt der Wald.

Ein Fisch verschlingt den zweiten,
Es kehret keiner um.
Mein Schatten will sich breiten
Zu deinen Füßen stumm,
Verströmend singt mein Blut,
Kühl das Geliebte ruht.

Erinnern und Vergessen,
Nicht mehr als nur ein Tausch,
Die Klagen sind Zypressen,
Umdüstern jeden Rausch.
Du, atme tief mein Lied,
Das zuckend naht und flieht!
 

 

29
 
 

 

30
 


FLÜCHTLINGE
Die Erde will uns nicht tragen.
Wir wurzeln nur noch in Luft,
Aus den gemäßigten Tagen
Sind wir ins Kalte verschlagen –
Verlassen das Haus und die Gruft,
Der Rosen zärtlicher Duft.

Wo wir so lange lebten,
Geht jetzt ein fremder Fuß,
Wo wir in Hoffnung erbebten,
Im Monde der Liebe schwebten –
Hinunter floß auch der Kuß
Den ewig murmelnden Fluß.

Verloren sind wir und irren
Durch die lemurische Nacht,
Hören die Fledermaus schwirren,
Uns die Gedanken verwirren –
Keine Arche als Fracht
Hat uns zum Berge gebracht.

Alle, die fliehen mußten,
Die jemals geflohen sind,
Und die vom Kriegsrauch Berußten,
Ob wir es früher schon wußten –
So wie im Winter der Wind
Weint ein vertriebenes Kind.
 

 

31
 
 

 

 

 




HELMUT BARTUSCHEK



 

 

34
 


DIE HÄUTUNG DES SCHLANGENKÖNIGS
Einer ist nicht zu greifen,
Er schlüpft heil aus gläserner Haut:
Glatt gleich dem Aal gebaut
Weiß er er Hand zu entschweifen,

Der Hand, der zupackend graut,
Spürt ihr hohles Rund sie ihn streifen:
Er ringelt sich um sie in Reifen
Und entrinnt, nur als Schemen geschaut,

Nur als Schatten gewahrt man noch, im Kneifen
Der Lider vorm Licht, das erblaut
Aus dem Äther: Silbriges, Haut –
Trocknes Knistern, ektrisch . . . ein Pfeifen,

Später, sagengrell, ein Laut,
Nicht zu fassen noch zu begreifen,
Ein Zischeln, entwischt in Schleifen
Den Fetzen, den flötenrohr-steifen,
Leeren Glasts, den der Herbststurm durchrauht . . .

DIC, CUR HIC . . . Keine Haut
Legt ihm lauernd Schlingen noch Schleifen:

Einer ist nicht zu greifen,
Er schlüpft heil aus gläserner Haut.
 

 

35
 
 

 

36
 


DER DICHTER ALS MAGIER
Mit seinen zehn Zauberfingern
Winkt er den schlafdunklen Merowingern.

Mit seinen Vexier-Instrumenten
Gebietet er Schein-Prätendenten.

Den Schah läßt er sich drehn
Auf den kaaba-starren Zehn...

Er ist ein Traumreich-Verhandler,
Er ist ein Tausend-Verwandler:

Er entzwängt der hürnenen Kluppe
Die Chrysalide, die Puppe –

Aus dem Mumienbänderring
Befreit er den Schmetterling.

So bleibt er, in vielerlei Zeichen,
Er selbst in Toten-Trugreichen!
 

 

37
 
 

 

38
 


SUMMA VITAE
Hinwelkt selbst Salomons Siegel,
Das Katzensilber wird blind:
Der Blick geht in Scherbenspiegel,
Die weltverhangen sind.

Tränen? Wozu noch Tränen,
Ihr Gesicker taugt nichts mehr,
Wo sich die Weiten dehnen
Saharagolden, leer...

Der Auftrag, der dem Dichter –
Wer weiß von wem ihm bleibt:
Hauch, der sich licht und lichter
Ins blaue Nichts hin schreibt.
 

 

39
 
 

 

40
 


SPÄTER SINNSPRUCH
Wiegt sich windtaumlige Drohne
Mit mächtigem Weisel im Tanz
In azurblauer Zone
Goldenen Heliosgespanns,

Wohne der Hochzeit bei, wohne
Ihr weltberückt bei im Glanz:
Rühme in Eltern, im Sohne
Rühme Äonen, sie ganz!

Dichter, und denk nicht wie's lohne,
Deuter des Zeugungslands:
Dein sei die Erntekrone,
Dein sei der Distelkranz!
 

 

41
 
 

 

 

 




WOLF VON AICHELBURG



 

 

44
 


FORTUNA
Geschenk ist alles. Blüten taumeln nieder,
Die hoch Fortuna aus dem Füllhorn streute.
Du hältst die Hände, und sie duften wieder,
Des Lächelnden geheim erhaschte Beute.

Hörst du die Göttin über Wolken rollen?
Ihr Wagen ist so weich wie Wolkenschwingen.
Du spürst ihn nur im Wind, dem schauervollen,
Wenn Blumen regnen und an Zweigen klingen.

Dort schüttelt eine Wolke Rosenflitter,
Und weiter ist es wie ein tauig Wehen.
Du fühlst die Bahn am wandernden Gezitter,
Am Wolkenrosenleuchten und Vergehn.

Wie Maienregens hellendes Erquicken
Ist es ein schauernd Hin- und Widerwallen,
Ein Tanz im Fangen, Bergen, Fliehn und Bücken,
Wenn Sterne dich umsprühn und samten fallen.

Dein Haar ist triefend und dein Mund ist offen
Und weiß kein Wort für diesen Glanz zu sagen.
Da blitzts! Ein grader Strahl hat dich getroffen,
Du schaust die Göttin hoch und windgetragen.
 

 

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46
 


DER RING
Er sprang vom Finger in die Flut
Und war verklungen und verschwunden.
Ich hielt die Stelle jäh verbunden,
Als stillte ich verströmend Blut.

Ein goldumschlungner Diamant,
Saturn und Sonne, Eis und Feuer,
Nun ohne Licht und ohne Steuer
Versunken tief in Schlaf und Sand.

Er glüht, doch keiner weiß um ihn,
Und keiner wird von ihm erfahren,
Den dunkle Wasser mit den Jahren
Mit Schlamm und Schlacke überziehn.

Er war für eine Weile mein,
Mein Blut, ich konnte ihn nicht halten.
Ihn nahmen schweigende Gewalten
Zurück, und er wird niemands sein.
 

 

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48
 


DER TANZ
Der Tänzerinnen kannst du dich entsinnen,
Mein Lieb, wie eine von der andern schwebte,
Sich wieder fand zu zärtlichem Beginnen,
Und eine aus der andern Händen lebte,

Wenn sie den Arm emporgewendet hielten,
Die anderen darunter, helle Flammen,
Im Wirbel den gereckten Arm umspielten
Wie Duft und Wind verschlungen und zusammen

Den seidnen Teppich fast nicht mehr berührten,
Bis einer Sohle Aufschlag und ein Klatschen
Sie wieder holten, einzeln, und verführten
Zum stolzen Ruck im grellen Schrei der Ratschen,

Zur jähen Wendung und zum knappen Sprunge...
Ein Flüstern dann, ein wellendes Verstehen,
Ein Schlängeln wie das Spielen einer Zunge
Und wieder süßes Ineinandergehen?

Ist unser Spiel von Kosen und Entsagen,
Von brennendem Umarmen und Verlassen,
Das täuschende Verbergen und das Wagen,
Das ruhige Verströmen und das Fassen

Nicht ebenso wie dieser Mädchen Reigen
Geordnet und gezählt nach holden Tönen,
Und steiten wir nicht, schwingend, wie zwei Geigen,
Die trunken sich im letzten Ton versöhnen?
 

 

49
 
 

 

50
 


DEIN ANTLITZ
Dein Antlitz ist voll Zauber, nicht zu sagen
Und nicht zu zeichnen, führt ich auch den Strich
Mit viel Genauigkeit, ich täuschte mich
Und würde es ein andermal nicht wagen.

Nein, nicht die Stirne, Wange nicht und Mund,
Auch nicht die Augen – hab ich dich verraten?
Ach sieh, die Blicke sind wie Torentaten,
Und nur der Blick des Blinden macht gesund.

Die andern fassen deinen Zauber nicht.
Vielleicht ist er gehaucht wie Spinngewebe
Und ohne Sein und Dauer. Doch ich lebe
Und blühe auf in deinem Augenlicht.

Und sagt mir wer, du siehst, was gar nicht ist,
So sag ich, daß das Glück allein das Wähnen.
Und rührt mich Eingebildetes zu Tränen,
So weiß ich: alle lügen, du nur – bist.
 

 

51
 
 

 

52
 


RUNE
Allhier stößt du auf Rippen und Gestein.
Die Träne, Sturzbach, spült das Harte rein,
Und wo der Humus und die Lebensweiche
Verspült sind, herrscht das Kantige und Bleiche.

Im Schattenwald gedeiht das Wunderbare,
Doch erst im Sonnenlicht das Bleibend-Klare.
Vieldeutig ist des Lebens Wellenschlag,
Doch eines Sinns der Tote und der Tag.

Die Träne ist des kalten Frührots Siegel,
Im Kelch das dunkle Licht des Taus ihr Spiegel.
Die Rune, die sich langsam eingesenkt,
Ist ohne Leid. Sie heilt nicht zu, sie sprengt.
 

 

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54
 


CHINESISCHE SCHRIFT
Der wunderbare Pinsel malt
Aufs Porzellan geschweifte Zeichen.
Das werd ich, sagst du, nie erreichen,
Dies Eins von Sinn und von Gestalt.

Willst du vereinen Zier und Sinn,
So mußt du tiefer in dir graben,
Denn deine kargen Zeichen haben
Nicht Prägekraft von Anbeginn.

In China war kein Sündverbot,
Drum war das Bild schon Kern und Hülle.
Du suchst fernab von Zeichen Fülle,
Senkst in das Wort dein zitternd Lot.

Wofür du nicht ein Zeichen hast,
Das mußt du mühevoll umschreiben.
Wird Sprache Bild, dann muß sie bleiben.
Was Rede, welkt und wird zur Last.
 

 

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56
 


DIE FAHNE
Kühne Wager haben dich erflogen,
Dennoch bleibst du Sage, unbewohnt,
Niemals um dein Herrscherrecht betrogen,
Niemals untertan dem Menschen, Mond.

Stapfen, die sie in den Staub getreten,
Bleiben haften mehr als jedes Mal
Irdischen Triumphs. Sie überwehten
Keine Stürme. Wie Granit und Stahl

Hielten sich Konturen, werden halten,
Wenn sich längst die Gier, der Wunsch verzehrt,
Dich nach Menschen-Maßen zu verwalten.
Auch der Fahnenstumpf bleibt unversehrt.

Niemehr wird sie flattern in Gefahren,
Leerer Sieg, von keinem Raub bedroht,
Eine Fahne, auch nach tausend Jahren
Ohne Schicksal, Jubel, Ruhm und Tod.
 

 

57
 
 

 

58
 


EMMAUS
Löscht das Feuer, hört den Wind der Nacht,
Wie er geisternd durch die Gärten rauscht,
An der Mauer Atem schöpft und lauscht,
Nur der Brunnen plätschert fort und wacht.

Wir sind Traum, doch unser Heiland geht
Hoch durch unser Schweigen. Seine Schritte
Hallen zögernd nach durch unsre Bitte:
Laß uns nicht, denn es ist worden spät.

Alle Blumen schlafen in den Gräsern,
Taugefunkel hängt im Schlehendorn,
Wo du schreitest durch das weiße Korn,
Geht die Mondessichel kalt und gläsern.

Unsrer Hände Tun ruht in den Ähren.
Unser ist ein armes Ziegeldach.
An der Schwelle über dem Gemach
Bittet dich ein Türspruch einzukehren.

Herr, du hörst die großen Winde singen.
Einsam gehst du durch den hellen Tod.
Weinend brechen wir das letzt Brot,
Hören deinen Schritt im Feld verklingen.
 

 

59
 
 

 

 

 




CLAUS IRMSCHER



 

 

62
 


FINGERHUT
Was der Fingerhut zu sagen weiß,
Sommersprossen auf den rosa Wangen,
Preist er grell in giftigem Verlangen,
Lockung auf des Untergangs Geheiß.

Wehe, wenn du unbedacht des Maßes
Käfer, dein Begehren sorglos stillst!
Wo vor Freud du Trunkner überquillst,
Stürzt du fallend schon ins Grab des Grases.

Etwas, Liebe, ist dein Kuß getränkt
Mit dem Gift des Fingerhuts, dem süßen.
Soll ich, weglos, meine Liebe büßen?
Wer bewahrt schon, der sich nicht beschränkt?

Weil sich Lust und Leid die Hände reichen,
Wollen auch wir zwei den beiden gleichen.
 

 

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64
 


FRÜHLING
Der Frühling lacht. Es tanzen alle Sinne,
Als wären sie von Zentnerlast befreit.
Gedankenfäden webt der Hoffnung Spinne
Und finge gern ihr Opfer ein, die Zeit.

Wie sie erscheinen schwinden sie schon wieder:
Schneeglöckchen, Märzenbecher und Narziß.
Wenn Freya ihre Krone schmückt mit Flieder,
Klappert Verfall bereits mit dem Gebiß.

Des Jahres Hochzeit darf nicht lange dauern.
Wo wäre sonst ihr träumerischer Wert?
Das Brautpaar wird vor Rührung kurz erschauern,
Von der es einen Sonnenumlauf zehrt.

Was lange währt, will uns nicht viel bedeuten.
Sternschnuppen sind gefragt bei allen Leuten.
 

 

65
 
 

 

66
 


LIEBE IM HERBST
Des Jahres warme Tage sind vergangen.
Das bunte Tuch der Lust ist ausgebleicht.
Der Himmel des Vergnügens bleibt verhangen,
Da uns der Herbst den Schwamm des Regens reicht.

Doch in uns reift ein Friede voll Behagen
Und findet keine Grenze und kein Maß.
Und nirgends dulden wir, uns zu beklagen.
Es spiegelt sich das stille Glück im Glas.

Solange wir uns bei den Händen fassen
Und stapfen munter durch Morast und Wind,
Muß Bosheit selber voller Neid erblassen,
Weil wir zu zweit unüberwindlich sind.
 

 

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ROLF SCHILLING



 

 

70
 


SCHWÄNE IM SCHLAF
Dem Schauenden ist alles Kunst und Spiel.
Wer, seiner dunklen Wurzel nur noch leis
Verknüpft, sich halb im Grenzenlosen weiß,
Erfände, hintergründig und subtil,

Den Schlafgesang barocker Schnörkelwesen,
Zur Hochzeit weiß bereitet, zart gewoben
Aus Traum und Dämmer, tagentrückt, erlesen
Im Schimmer ihrer magischen Garderoben.

Die stolzen Neiger, reinem Raum entstiegen,
Sie schaukeln, äußerer Bezüge bar,
Verhüllten Haupts in duftenden Gehegen,

Dem eignen eingebornenen Bewegen
Gemach verhaftet... Wind und Wellen wiegen
Der Träumenden geheimnisreiche Schar.
 

 

71
 
 

 

72
 


DER TOD DES HELDEN
Der Blutkelch seiner Wunden ist versiegelt,
Und schleimig schön glänzt die zerfetzte Haut,
Die Blasen treibt und blauen Himmel spiegelt,
Der teilnahmslos das Leichenfeld beschaut.

Verschmiert und bitter klebt das Blut am Munde.
Die Augen fließen wie ein klarer Quell
Aus ihren dunklen Löchern, schillern hell
Und perlen wie der Tau zur Morgenstunde.

Ein Schmetterling, berauscht vom süßen Duft
Des Blutes, spreizt die bunten Flügel weit
Voll todesseliger Vergessenheit
Und taumelt trunken in der Sommerluft.

Das Vaterland ist fern. Die Grillen singen
Ein Lied, das keiner kennt und keiner hört.
Die große Ruhe ist in allen Dingen,
Und niemand mehr, der dieses Schweigen stört.

Die Würmer sind jetzt überall. Sie bohren
Sich in sein wundes Herz – er merkt es kaum.
Er schläft, an seine Schattenwelt verloren,
Den letzten Schlaf und träumt den letzten Traum.
 

 

73
 
 

 

74
 


LUZIFER
Spürt, bis ins Herz eurer friedlichsten Tage,
Söhne des Staubs meinen knirschenden Schritt,
Wenn ich mit rauschendem Fittich zerschlage
Sanftes Getier, das mich liebend erlitt.

Schöner als Gott und die himmlischen Heere,
Reiten wir, Engel vom Unteren Reich,
Silbernen Hufs durch die steinerne Leere,
Städte, schon morgen dem Erdboden gleich.

Muschelgehäus, das ich lachend zerstöre,
Panzer aus Kalk, meinem Eifer geweiht,
Dorrender Austern arkadische Chöre
Tönen, zum Untergang heiter bereit,

Göttern, die klagend in Sümpfen versanken,
Holdeste Botschaft verkündigend: Stirb!
Beute dem zärtlichen Hieb meiner Pranken,
Krümmt sich ein Engel mit zähem Gezirp.

Falken, die heiligen Werke zu segnen,
Zucken am Himmel, den Blitzen zum Raub,
Feuer wird fallen und Asche wird regnen,
Schlangen, sich sonnende, spielen im Staub.

Nichts, nur der Schutt soll den Tag überdauern.
Dies meine Botschaft – nun geht, und viel Glück!
Fern eurem Traumgelall, fern eurem Trauern
Trägt mich mein Fittich ins Chaos zurück.
 

 

75
 
 

 

76
 


MOZART
Zöpfe, Perücken, bepuderte Quasten –
»Seht doch den kleinen Narziß, wie er spielt!« –
Hand, einsam irrend auf schimmernden Tasten,
Hand, die zu klein war, die nichts mehr behielt.

»Nun aber lustig! Die Beine geworfen!
Singe, Verschnittener! Harlekin, flieg!
Schenk uns, gleichviel, ob die Lippen verschorfen,
Süße Gesänge, zum Scherz die Musik!«

Hat denn die Erde kein Glück als das eine,
Das du dir selber, Verzweifelter, gibst?
Hörst du, mein Gott, was ich winternachts weine?
Laß mich dein Antlitz schaun, wenn du mich liebst!

Gott aber hört nicht, Gott würfelt im Himmel,
Schicksalsmechanik, ein zielloses Rad –
»Allerliebst! Neckisch! Geklirr und Gebimmel!
Töne, du holder Musikautomat!«

Schlußakkord jäh, und das Gastspiel beendet,
Gastspiel auf Erden, drei Akt lang, fini,
Als deiner Hand, allem Schnörkel entfremdet,
Nicht mehr zum Klang geriet, was aus dir schrie.

Aus! – Kein Dacapo. Nur Nacht und Verwesen.
Deckt erst die Erde, was Staub an dir war,
Wird dich (so sagt man) ein Engel erlösen –
Aber der Engel blieb unsichtbar.
 

 

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QUESTENGESANG
Geh, unter Blitzen geborgen,
Nimm deine Götter mit dir,
Zwischen Gestern und Morgen
Bist du der blinde Kurier,
Schatzhüter, silbern betresste,
Schirmen die Grotte am Hang,
Wo sich die Holder der Queste
Sammeln zum Abschieds-Gesang.

Stämme, schwankend im Winde,
Gitter, auf Steine gelegt,
Unter der brüchtigen Rinde,
Die unser Anwesen trägt,
Dehnen sich weite Paläste,
Garten, Brunnen, Verlies,
Steht eine andere Queste,
Schattend auf Säule und Vlies.

Sie, jener oberen Spiegel,
Dauert, wenn diese verging,
Mit diamantenem Siegel
Ruft sie die Jünger zum Thing,
Heimstatt befiederter Gäste,
Schlafender Adler Gezelt,
Neigt sich die Untere Queste
Über die Wurzeln der Welt.
 

 

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Schlange, Zeit und Mäander
Weben den goldenen Saum,
Bieten Ziel dem Gewander,
Bieten Halt unserm Traum,
Wirrnis verflochtener Äste,
Laubhaar und Blüten-Gebind
Wölbt an der Unteren Queste
Bögen zum Labyrinth.

Wipfel im Holden, im Heilen,
Weltesche, runenbestickt,
Wer sie entziffert, die Zeilen,
Hat in die Zukunft geblickt,
Feder aus brennendem Neste,
Wer sie entschleierte, weiß:
Heimkehr im Zeichen der Queste
Bleibt ihr geheimes Geheiß.

Zeigen die Weiser nach Norden,
Trägt deine Stirne das Mal,
Ruft dich der samt-schwarze Orden,
Ritter vom Inneren Gral,
Aber zum Fest aller Feste,
Schweifenden Göttern gesellt,
Schweben die Holder der Queste
Über den Wipfeln der Welt.
 

 

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QUESTER IM HERBST
Wenn Schwinge schattet, Wipfelgold verloht,
Kehr, später Quester, heim ins Abendrot.

Nimm von der Eiche, die der Blitz zerspliß,
Den Mantel, der dich birgt in Finsternis.

Dein Banner, das von Golde troff und Blut,
Gib in der Dunklen unsichtbare Hut.

Laß deinen Hain, von Zeptern Pans bepilzt,
Dem Stern, der sich befiedert, wenn du willst.

Und sieh den Blütenflor und sieh das Kind,
In dem du wiederkehrst, das sich beginnt.

Von ihm behütet, aller Waffen bar,
Am Stab die Schlange, Schilf und Mohn im Haar,

So gehst du deinen unbemeßnen Gang,
Vor dir und hinter dir nichts als Gesang.
 

 

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WEISS
Weiß der Wolke, Weiß der Birkenrinde,
Weißer Fang verwundet weißen Leib,
Weißer Flieder, weißer Blust im Winde,
Weißes Blatt, auf das ich Zeilen schreib.

Weiß der Nordnacht, Weiß von Odins Rossen,
Weiße Schlange, die den Seher speist,
Samen-Weiß, aus dunkler Haft ergossen,
Weiß des Gipfels, den der Aar umkreist.

Weiß der Schnecke, Nußweiß, weiße Seide,
Weißer Albatros und weißer Hai,
Hermelin-Weiß, das im Gold-Geschmeide
Schlummert, weißer Schwan aus weißem Ei.

Milchweiß, Schneeweiß, Weiß des Elephanten,
Weiß des Marmors, Perlweiß, Nebelweiß,
Weiß der Sterne, Weiß des Grals-Gesandten,
Weiß des Einhorns, aller Weisheit Preis.
 

 

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EINHORNGESANG
Wir trugen durch endlose Räume
Das Kreuz, drin die irdische Gier
Erlischt, doch im Dunkel der Träume
Stand weiß und unzähmbar das Tier.
Und keiner, der sagt, was es sinne,
Und keiner, der weiß, ob es sei,
Doch wenn wir uns grüßten in Minne,
War immer das Einhorn dabei.

Wo Stirnen sich schmückten mit Speeren,
Frau Venus mit blühendem Reis
Uns rührte, das Holde vom Hehren
Sanft schied, und wir schritten in Weiß,
Wo Küsse den Büßer entsühnen,
In Wäldern, wo ewiger Mai
Die Minner beglückte, die kühnen,
War immer das Einhorn dabei.

Horn Oberons, Hörner der Brüste,
Horn Thors, draus verdunkelt das Blut
Des Delphins von goldener Küste
Verströmt in die salzige Flut,
Horn Rolands, Gepränge der Recken,
Horn Klingsors, aus berstendem Ei –
Wo Stämme stehn, Schäfte sich strecken,
War immer das Einhorn dabei.
 

 

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Wo Schlangen die Häupter erheben
In Säumen von seidener Haut,
Der Purpur aus Ranken und Reben
In Trauben, belaubten, sich staut,
Wo Quester-Adepten im Schatten
Dem Gralshüter, daß er sie weih,
Sich neigten zu frommem Begatten,
War immer das Einhorn dabei.

Sein Bild blich im Grün der Gefilde:
Gibt Winter die Treibenden frei,
Fügt keiner die Splitter zum Bilde,
Trägt keiner den Speer, der ihn frei.
Doch wenn, wie von göttlicher Gilde
Zur Hochzeit entboten, wir zwei
Uns finden im Spiegel der Schilde,
War immer das Einhorn dabei.
 

 

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DAS GOLDENE VLIES
Und wenn wir nichts wüßten als dies,
Und wenn uns kein Wurf mehr gelänge:
Von schimmernden Küsten das Vlies
Beglänzte den Saum der Gesänge.

Beglänzte die Lippe, die pries,
Entdeckte dem Fechter die Fänge,
Erweckte, wenn Pan nicht mehr blies,
Auf silbernen Saiten Gesänge.

Und wenn wir nichts fänden als dies:
Das Schweigen am Grund aller Klänge:
Aus lodernden Bränden das Vlies
Beglänzte den Saum der Gesänge.

Beglänzte den Pfeiler, den Fries,
Den Wächter im Winter-Gepränge,
Sein Blut, wenn der Speer ihn durchstieß,
Weckt silberner Saiten Gesänge.

Und wenn wir nichts riefen als dies:
Den Abgrund, der uns verschlänge:
Aus schimernden Tiefen das Vlies
Beglänzte den Saum der Gesänge.
 

 

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KÖNIGSKERZEN
Wo sich Äste schwärzen
Vor gestürztem Stamm,
Sieh der Königskerzen
Goldenes Geflamm.

Ihre Zeit zu messen,
Bist du nicht bestellt,
Herbst hat sie vergessen,
Schlank im Sonnenzelt

Stehn sie, leise zitternd,
Wenn der Wind sie streift,
Ihren Heimgang witternd,
Doch kein Schatten greift

Heut nach ihren Kronen,
Die so sicher stehn,
Daß die Schnitter schonen,
Was sie längst erspähn.
 

 

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RINGELNATTER
Aus dem Dunkel Wege weitend,
Spielerin, für dich erkiest:
Sieh sie schwimmend, sieh sie gleitend,
Wo die Binse silbern sprießt.

Ring aus Ring, sich hold verbreitend,
Stunde, die sich selbst genießt,
Welle, mit der Strömung streitend,
Drin die Huldin schimmernd fließt.

Sei, durch ihre Reiche schreitend,
Jener, der die Zeichen liest,
Bis du, sie zur Neige leitend,
Dich dem sanften Bann entziehst.

Ferne Bahnen dir bereitend,
Schlange, die vorüberschießt:
Sieh sie schwimmend, sieh sie gleitend,
Bis das Schilf ihr Bild verschließt.
 

 

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MAI-SEGEN
I

An Segen reich, von Flieder-Duft umflossen,
Stehn wir am Wall, wo sich zu jähem Streich
Der Lenz erhebt mit funkelnden Geschossen,
                  An Segen reich.

Die Sonne steigt, die die Natter träumt am Teich,
Gefilde grünen, Halm und Knospe sprossen,
Ein sanfter Regen macht die Äcker weich.

Verschwistert blühn im Glanz, der sich ergossen,
Die Rose blutend und die Lilie bleich,
Von eines Gartens goldnem Ring umschlossen,
                  An Segen reich.



II

Wenn Segen fließt, so frag nicht, wer ihn spende
Und wann der Himmel seine Pforten schließt,
Und spiel das Spiel, als ob sich alles wende,
                  Wenn Segen fließt.

Nicht war dir Winters Hermelin erkiest,
So weck den Lenz im blühenden Gelände
Und sei dem Hüter, der das Licht genießt,
 

 

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Gespiel und leg dein Herz in seine Hände
Zier deine Haut mit Zeichen, die er liest,
Und folg dem Traum, als ob er nimmer ende,
                  Wenn Segen fließt.



III

Gesegnet sei der Efeu an der Mauer,
Das Blatt des Ahorns und der Schwalbe Schrei,
Und hoffe du, daß auch des Herbstes Schauer
                  Gesegnet sei.

Nimm hin das Licht, und dem Oktober leih
Von deinem Gold, wehn auch die Lüfte rauher,
In deinem Herzen ist noch immer Mai.

Und frage nicht, ob dieser Traum von Dauer
Und ob der Winter dir ein Zeichen weih,
Und sorge du, daß auch der Tag der Trauer
                  Gesegnet sei.
 

 

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HERBST-SONETT
Pflück einen letzten Sproß vom Rosenbeet
Und heb die Hexen-Eier aus dem Laub.
Was du nicht heimbringst, wird dem Wind zum Raub
Und ist vor Tag verworfen und verweht.

Der Hirsch, in dessen Spur das Wasser steht,
Darin dein Bild verschwimmt, ist blind, nun glaub,
Daß dir das Einhorn aufspring mit Geschnaub,
Wo sich der Wächter mit dem Speer ergeht.

Er wird dir sagen, was der Schatten sprach,
Da schon der Holder, der sein Horn zerbrach,
Die Hand erhob zu traurigem Fahrwohl.

Schließ das Visier und geh der Schlange nach,
So dringst du ein ins innerste Gemach
Mit deinem Helm von rotem Karneol.
 

 

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LEGUAN
Naht sich nachts der Leguan,
Helm-geschmückt im Zackenkragen,
Siehst du Lilien-Speere ragen
Aus der Blätter Filigran.

Naht sich nachts der Leguan,
Wird Apoll dem Schwan entsagen,
Wird der Gott den Kampf nicht wagen
Mit dem Drachen, seinem Ahn.

Naht sich nachts der Leguan,
Wird das Wild den Fänger jagen,
Liegt der Hirt im Wald erschlagen
Und im Hagen der Ulan.

Naht sich nachts der Leguan,
Zier dein Schildhaupt mit dem Schragen,
Durch den Staub der Niederlagen
Ziehst du, Blinder, deine Bahn.

Naht sich nachts der Leguan,
Nährt am Strand der Lotophagen
Dich der Halkyon mit Klagen
Und mit Blut der Pelikan.

Naht sich nachts der Leguan,
Steht der Quester ab vom Fragen,
Doch die Schale, die wir tragen,
Birgt vom Drachengold ein Gran.
 

 

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TIGRIDIA
Für Sylvia

Wenn die Tiger-Blume blüht,
Steht der Sommer auf der Schneide
Schwerts, daß er die Zeiten scheide,
Aber immer kommt verfrüht,
Wer sich anschickt zu erspähen,
Wie, bewacht von Skarabäen,
Drachenblut auf Gold zu säen
Sich die Tigerin bemüht.

Gelbe Blätter, schlaff gekreppt,
Säumen Schalen mit Gewürzen,
Satten, die den Sinn bestürzen,
Daß der schwebende Adept
Tiefer sich in Purpur-Schlünde
Senke, daß auf samtner Pfründe
Blick und Flügel sich entzünde,
Eh der Feuerstrom verebbt.

Ein fast fleischliches Gelüst
Spricht aus ihrem Kelch, der offen,
Wie vom Liebespfeil getroffen,
Trägt das schwankende Gerüst
Der entflammten Staubgefäße:
Was die Drachenfrau vergäße,
Wär dem Quester das gemäße
Und dem Tiger, der sie küßt.
 

 

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Purpur-Blick aus goldnem Schoß:
Vor dem sanften Flammenwerfer
Werden Fang und Kralle schärfer,
Liegen alle Adern bloß,
Eh der Wächter Schlaf-verhangen
Aufsteht, unterm Schirm der Schlangen
Blut und Opfer zu empfangen
Für die Götter Mexikos.

Kaum begonnen, schon gebeugt,
Sinken in der Abendkühle
Häupter welk auf braune Pfühle,
Doch ihr Zauber bleibt bezeugt,
Wenn die Eintags-Blüherinnen
Münder, die sie singen, minnen,
Ewig wieder zu gewinnen
Tiger-Purpur Gold-geäugt.

Wenn die Tiger-Blume blüht,
Scheint der Schlangenring geschlossen,
Scheint die Neige ausgegossen,
Doch der Sonnen-Widder sprüht
Weiter seine goldne Garbe,
Daß der Stempel, daß die Narbe
Leuchten in des Feuers Farbe,
Bis des Tigers Grimm verglüht.
 

 

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NACHT IM GARTEN
Blau der Hyazinthen
Lud zur Hochzeit ein,
Wen die Blüher minnten,
Weiß der Traum allein.

Duft der Nachtviolen
Lockt die Schwärmer her,
Eh wir Atem holen,
Sind die Kelche leer.

Zug der Schattenbilder,
Wolkenhoch gebauscht,
Bilsenkraut hat wilder,
Dunkler uns berauscht.

Mohn auf goldnem Linnen
Trägt dem Gärtner Zins,
Eh wir uns besinnen,
Spricht der Gott: Ich bins.
 

 

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PHAETON
Zäumer feurigen Gespanns:
Wird der hohe Sonnenwagen
Dich auf blaue Bahnen tragen,
Träumer mit dem Flammenkranz?

Lenker funkelnden Gefährts,
Silberne Gestirne schirrend,
Doch dem Ares, Eisen-klirrend,
Schenker des gezückten Schwerts.

Zügler, bald schon zügellos:
Eh den Stab der Götterbote
Senkt, bist du der Gold-umlohte
Flügler in den Schattenschoß.

Rager, Sagenglanz-verklärt:
Flammend in der Todeslohe
Bleibst du doch der Sonnen-hohe
Wager, der die Träume nährt.

Würzer bittersüßen Tranks:
Durch die Zeiten, durch die Räume
Stürzer über Wolkensäume
In die Krallen des Gesangs.
 

 

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KAISER FRIEDRICH II.
Im Feuer deiner Rosengärten schwärm
Im Prunk des Purpur, Schnee des Hermelins,
Und laß vor dir die Adler von Palerm
Entfliegen zu den Küsten Saladins.

Der Sänger spannt die Saiten vom Gedärm
Des Lamms auf seine Leyer – wo Jasmins
Berauschter Hauch die Wangen streift, erwärm
Dein Herz am weichen Klang des Tamburins.

Die Türme sind sehr alt und sehr erlaucht,
Von denen du durch goldne Nebel spähst,
Dein Reich zu schaun, der Sarazene taucht

Aus Rosen auf und lächelt, doch du säst
Die Perlen des Sonetts, vom Traum behaucht,
Aufs Schwert, das du zu schwingen nicht verschmähst.
 

 

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PARZIVAL
Er ist ein Ritter, doch er ist nicht rüde,
Sie schlagen blind im Fieber drein, er nie,
Und jedes andern Kriegers Attitüde
Verblaßt vor seines Winks Bizarrerie.

Wär Leid in Gold zu wiegen, er belüde
Die Schulter, bis er niederbräch ins Knie,
Er trägt den Speer, und sind die Schnitter müde,
Salbt er die Schlafenden und wacht für sie.

Er gürtet sich vor Klingsors Zaubergarten
Zur Prüfung, die kein Quester je bestand,
Sein Herz ist rein, sein Schwert ist ohne Scharten,

Sein Blick ist mutig, sicher seine Hand,
Er reißt die Adler ab von den Standarten,
Streut Funken aus und setzt die Burg in Brand.
 

 

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CHEVALIER ERRANT
Spät, aber nicht zu spät, hast du erkannt,
Daß irr und Ritter sein dasselbe sei.
Wer sich allein im Dienst des Traums ermannt,
Zollt auch dem Wahn ein Opfer nebenbei.

Wer trunknen Muts den Bogen überspannt,
Der sorge, daß der Himmel ihm verzeih,
Doch bleibt du nüchtern auch des Grals Trabant
Und hoffst, daß dich der Herr der Queste weih

– Zu welchem Ziel, vom Lilienwind gewiegt?
Am Quell der Wissenden zu welchem Grad?
Zerbrochnen Schwertes stehst du unbesiegt

Im Dämmer als der Schatten Potentat,
Und wenn die Schlange sich zum Goldreif biegt,
Sei du der Pfau und schlag vor ihr das Rad.
 

 

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JOACHIM WERNEBURG



 

 

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THÜRINGER MEER
Des Landes Flüsse führen zu schmal für euch,
Ihr möchtet Wassers Ernte wohl fahren ein,
Betrachtet das Gesicht des Meeres,
Inseln bedeuten der Väter Tage:

»Noch treiben Fische willig in Netze fast,
Und Boote kehrn, gewichtig die Ladung, heim
Bis dem Geflüster nachgegeben,
Trockener Geister, der See zu fluchen.

Die lose Rede lockte Poseidon an,
Und also sprach das Meer in den Inselraum.
Ein Thüringer, dem das Wasser bis zum
Halse stand, staunte mit offnem Munde.

Nicht Fisch, mit Schlingen freches Geflügel nun,
Das Wasser, ach, entziehet dem Brunnen tief,
Für Wellen fandet ihr die Räder,
Rollende Kähne, bespannt mit Pferden.«

Zwar klüger jetzt ihr pfleget die Landschaft, doch
Zu stolz, zu stolz nicht halle der laute Ruf.
Im Berge harren Flüsse eu'r und
Möchtet vergehen am Überflusse.
 

 

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AN DAS SCHICKSAL
In einem Brief erreichte dein Klaglied mich
   Das Vermaß ist antik und es schmiedete
      Mit diesem Takt ein Künstler Feuer
         Bringende Helden an Asiens Berge.–

Und mich, zurückführenden Gedankenspiels
   Ein Freund, Vergangnem dienend, betrifft es als
      Der rechte Text, nach dem Pandorens
         Krüg vorm Gebrauche zu prüfen seien.

Nicht spann die Parze mir diese Schwermut des
   Hyperion, die Türken sind längst besiegt,
      Doch sie, die an der Sage zweifeln,
         Gegen sie ward noch kein Heer gerüstet.

Was bleibt, erheitert sehr, und ich fertige,
   In manche Kammer sendend, die Sprüche dir,
      Daselbst vor dem Papier verharrend,
         Lichter geworfen in fremde Zeiten.
 

 

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DIE HAUT DER EIDECHSE
Mit schön gezeichnetem Kleide zeigt sie
   Sich dir vom Rasen, dann vom Baumstumpf,
      Huscht bald wieder ins Unsichtbare.
Auf ihrer Haut lese ich die Zeichen.
   Sie trägt Verborgenes vor Augen,
      Sieht auch aus – wie von andern Welten.

Nun will ich nicht nur die Rätsel lösen.
   Ich wünschte, auf die Haut zu schreiben,
      Botschaften für entrückte Reiche.
Doch wenn es kalt wird, erstarrt die Echse,
   Nur tote Buchstaben zu lesen
      Wie in Büchern, für Geld geschrieben.
 

 

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DER AURORAFALTER
Heiß der Tag, als ein Frosch durchmesse ich kühlendes                                                       Wasser.
Ob die Kröte noch weiß, was eine Larve verbirgt?
Blaue Libelle, hinschießend, sie zielt nach der                                                       schwimmenden Insel;
Und mit ihrem Geäug schaut sie ganz andere noch.
Schwankendes Eiland, mit Birken, Hecken und Gräsern,
Gleicht es der größeren Welt, die, nach dem Bad, ich                                                       besteig.

Mittags, die Heide knirscht, ein matter Hauch trifft die                                                       Binse,
Dünste steigen auf, Luftschlösser bilden sich leicht.
Ruhend auf weichem Gras durchdringt meine Glieder die                                                       Schwere,
Sink ich in tiefen Schlaf, Erde vergibt ihre Kraft.
Krumm, so liege ich gern und winde ich mich wie eine                                                       Schlange,
Hoffe auf ihren Witz jenseits von aller Geburt.

Dicke Eiche im Wald, trotz Borke tropft Harz auf die                                                       Bänke.
Alte Gesichter im Stamm holen die Gegenwart ein.
Schöpferisch braut sich das Wasser im düsteren Himmel                                                       zusammen,
Schaukelt gewundener Ast, fehlt ihm ein Mensch, der                                                       versteht.
Dunkelgrün schimmern die Blätter. Ein dünnes Rohr für                                                       die Blitze,
Aber sie schonen den Baum, Zeuge der donnernden                                                       Macht.
 

 

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Beeren – vom himmlischen kostend, dem Himbeermund                                                       einer Geliebten ...
Groß erscheint ihm die Zeit, da er den Blitz in sich fühlt.
Der Zigeunerin kam er, der Herrscher über den Wolken,
Hat sich der Schönen – ihr Haar, schwarz mit Schleifen–                                                       vereint.
Farn schmückt ihr Grab nun im Wald. Ein Feuerstrahl                                                       zeugte die Träublein,
Rot sind sie, die unterwegs jeder nun pflückt ohne Not.

Hier am Tiefen Ort erinnere ich das Gewitter.
Igel kreucht übers Gras, bleibt überrascht vor mir stehn,
Duckt sich vor den Versen und weist wie der Tag mir die                                                       Stacheln,
Hält aber aus bis zum Schluß, trollt sich dann bellend                                                       davon.
Durch das Tal zieht die Werra sich hin, eine Schlange,                                                       sie hütet,
Alles enthält es, das Salz, was mir zu sagen bestimmt.

Jetzt aber steigt eine Sonne, vom Puppenkleid löst sich                                                       der Falter,
Wandelte sich genug, leicht sich die Hülle verschließt.–
Nichts will er mehr von der Raupe wissen, denn immer                                                       nur frißt sie,
Hat nichts andres im Kopf, träge nur kriecht sie am                                                       Kraut.–
Schnell und geschickt bei stillem Wind, zwei farbige                                                       Flecke,
Fliegt er zum Nektar hin, den auch Aurora noch braucht.
 

 

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Sonnenpfeile nach den feuchten, den Grashalmen zielen,
Haben verborgne geweckt, Mücken, das emsige Volk,
Nicht nur die kleinen Punkte, versammelt zu einem                                                       Ensemble,
Hörst du nicht ihre Musik, siehst du doch noch ihren                                                       Tanz.
Wer ihre Noten aufschriebe, begriffe die Tiefe der Erde,
Drin sich die Künstlerin birgt, wenn ihr der Lichtstrahl                                                       verschwand.

Hergeflogen ein kleineres Horusauge, die Wespe.
Droht sie mit ihrem Dorn mir die Verwandlung nun an?
Kraftlos fällt sie, ein Edelstein zwar, auf die hölzerne                                                       Sitzbank,
Eine Erdscheibe bot so einer Sonne ihr Ziel.
Birnentrunken am Boden, noch einige Schläge der Flügel
Und ein letztes Gesumm.– Wurm, nun beginne dein                                                       Werk!

Auch von Birnen gesättigt, sitz aufrecht ich auf dem                                                       Platze.
Kribbeln spür ich im Fuß, Blitze, vom Erdreich gesandt.
Fichte, Hagebutt, silberne Wolke – gespiegelt im Teiche.
Aber das bin ich doch selbst, mir aus der Seele gestellt!
Spiel eines Kindes, ich lege es ab wie das Kleid einer                                                       Puppe.
Ward ich selber mir reif, breite die Flügel ich aus.
 

 

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UWE LAMMLA



 

 

134
 


INKARNATION
Ich trottete, von Sonnenlicht geblendet,
Auf zähem, aromatischem Asphalt,
Die Wärme, arg im Lichtertanz verschwendet,
Lag wie Musik im grünen Hinterhalt.

Und ozeanisch weit, wie Moos weich eben
Gedieh die Zeit und harrte dem Vertreib,
Die Müdigkeit, die Müdigkeit am Leben
Umrankte wie ein Trauerflor den Leib.

Die Nacht lag in der Sonne, sie besamte
Die Erde mit Verrat und dunkler Gier,
Gestaltloser Unendlichkeit umrahmte
In Wandlungen den Himmelshof der Stier.

Doch bald zerfiel das Bild aus Unterpfänden,
Zertrieb ein zwingendes Gefühl den Deich,
Fuhr wie ein Blitz aus grauen Wolkenwänden
Die Schönheit, blaß und sommerwarm zugleich.

Ein Engel schritt mit Leichtigkeit, die Füße
Berührten nicht den aufgeweichten Teer,
Ich war zu wach, so daß ich meine Grüße
Nicht wiederfand und schrecklich schwieg wie er.

Doch Sturmwind, den sein Atem jäh entfachte,
Trieb Feuer, das aus dunklem Auge loht,
Und auch der Skarabäus, den er brachte,
Wies mit den Weg in den erwählten Tod.
 

 

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136
 
Oh – rief ich aus – die deine Art zu lieben:
Im Blütenkelch der Welt entrückt zu sein,
Im Löwenmaul des Eros gleich den Dieben
Des Himmels stehn. Du kennst die Antwort: Nein!

So rief ich, und für die verbrannte Kehle
War nirgends eine Linderung bereit,
Ich blieb allein und nackt an Leib und Seele,
Gefallen in den Ozean der Zeit.

Ich trottete, von Sonnenlicht geblendet,
Auf zähem, aromatischem Asphalt,
Die Wärme, arg im Lichtertanz verschwendet,
Lag wie Musik im grünen Hinterhalt.
 

 

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FLIEDER
Blütenfarbe, Mai-Arom
Früher Genius, Gartentag.
Leuchte, Lohe, Heliodrom,
Dem ich froh zu folgen wag.

Fliedern wuchs die Melodie,
Fliedern war das Strauchgeschatt,
Draus der Knab, der Duft entlieh,
Seine großen Augen hat.

Öl, das Bild und Reim entflammt,
Busch, der sagt, du bist zuhaus,
Was aus diesen Wurzeln stammt,
Hebt den Tag und löscht ihn aus.

Kalk hat diesem Baum gefrommt,
Auf dem Hügel, Spiel und Traum,
Wer von solchen Rispen kommt,
Glaubt an andre Götter kaum.

Augenweide, Leichtigkeit,
Jugend, die mein Herz erlab,
Wenn mir schwinden Licht und Zeit,
Sei der Mai auf meinem Grab.
 

 

139
 
 

 

140
 


NACHTWANDERUNG
Die Nacht steigt aus dem Buchenwald,
Der Weg am Ufer schimmert kalt,
Und alles scheint vertan, versäumt,
Dort wo die Natter taglang träumt.

Du wanderst, wo dein Herz schon weiß,
Gebannt bist du im kleinsten Kreis
So wie der Pilz an sein Myzel
Und wehrlos vor dem Marschbefehl.

Die Grille und der Kauz, der schreit,
Sie finden keine Heiterkeit
In deinem Ohr, das wandern muß
Vom Fluß zum Wald, vom Wald zum Fluß.

Und auch die Sterne zählen nicht,
Wie oft dein Fuß die Spur zerbricht,
Und ihre Ordnung zeigt dir nur
Die Nacht und deine eigne Spur.
 

 

141
 
 

 

142
 


VAGANT
Steigt der Abend aus den Mulden,
Die die Sonne nicht erreicht,
Wirst du ihn behaglich dulden,
Denn du brauchst nicht Mark und Gulden
Für den Weg, verträumt und leicht.

Unter Wipfeln, die dir flüstern,
Senkt der Elch den Wappenschmuck,
Doch du trinkst, beflankt von Rüstern,
Nach der Sommersonne lüstern,
All ihr Gold im guten Schluck.

Auch der helle Stern im Norden
Weist den Weg nach Unbekannt,
Der im wappenlosen Orden
In den Liedern eins geworden
Mit dem Wein und dir, Vagant.

Droht die Wolke mit Gewitter,
Machst du unterm Laubicht halt
Und verlachst das Urteil Dritter,
Denn sie nennen dich den Ritter
Von der traurigen Gestalt.
 

 

143
 
 

 

144
 


GLÜCKLICHES LAKEDAIMON
Bergritter, streng, und am strengsten im Stil,
Wo das Gymnasion von Wehrwillen strotzt,
Tempel des Leibes in Ehre und Spiel,
Nur ihr Plateau der Verweichlichung trotzt.

Nichts als Verachtung ist für sie das Meer,
Wo sich auf Inseln die Kaufleut und Geld
Streiten und mauscheln, und blinder Verkehr
Alles vermischt mit den Rassen der Welt.

Hyperboreer, der Wanderung leid,
Hier wo sie Obstgärten schufen, bewacht
Von einem Ringwall aus Bergen, und weit
In einer Höhe, wo Hochmut erwacht.

Hochherzig ist dieses Volk, wo es still
Pflegt seine Reinheit und Händler-Geschwätz
Aussperrt und selbstfroh das Fremde nicht will
Und sich mit Mut unterwirft dem Gesetz.

Weltweit gefürchtet ist nur der Hoplit,
Nackt und gestählt in ephebischer Brunft,
Erst, wenn zurückkehrt, wofür er einst stritt,
Wird dem Olymp eine weitere Kunft.

Wo sich der Stolz in der Nacktheit beweist
Deß, den Pandora nicht trog mit der Büchs,
Wo Gott gesund und Gebärmutter heißt,
Thront der lakonische Tempel des Glücks.
 

 

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ARCHILOCHOS
Wenn sich die Woge, die Hellas umspült,
Nicht mehr im Wiegen der Wipfel erlöst,
Wenn sich der Streiter beflügelt im Speer
Und seinen Mut nicht dem Heimatherd weiht,
Sondern im Krieg seine Weltstunde fühlt,
Schwillt ein Gesang an, der himmelhin stößt
Und, überblendend den Vater Homer,
Aufreißt die Sternengewänder der Zeit.

Nicht von den Müttern, vom Strom, der es trägt,
Spricht dieses Lied, aller Wiederkehr feind,
Einsam und grundlos und selbst allem Grund
Ragt es von Erz aus den Träumen hervor,
Die sich in Fesseln, darein es sie schlägt,
Fassen und lauschen, im Zauber geeint,
Der als des Sängers berufener Mund
Stummheit verfügte für Echo und Chor.

Paros, von Kriegern umstellte Kyklad,
Gern hätt der Naxier Oliven und Wein,
Perlen von Silber und tönernen Krug,
Aber die Musen beschirmen den Haugk,
Hüten den Hain, und sie hegen die Saat,
Blenden den Grimmen und lullen ihn ein,
So mag dein Lied, das ins Weltdunkel frug,
Heil sein für Paros, für Atem und Aug.
 

 

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Tief sind die Wunden, die Ares im Feld
Schlägt, wo die Mannen verschwenderisch jung
Waffenruhm heischend ihm stürzen im Tanz,
Aber den Gott, der das Opfer verschlingt,
Der sich im Blitzen der Bronze gefällt,
Tiefer sich rötend und Feuer im Schwung,
Zeugt erst das Wort, dem die Musen den Kranz
Flochten im Krieg, den der Mut nicht erzwingt.

So zeigt dein Lied, das die Schande nicht schreckt,
Dich auch als Feigling und als Deserteur,
Läßt du dem Salier den Schild, der den Pfeil,
Speere und Streitäxte mütterlich schirmt.
Der dich mit Huld im Gemetzel bedeckt,
Wird auf der Flucht in der Musen Gehör
Lästig und tauschbar wie niemals das Heil
Und seine Himmel, wenn Lethe dich firmt.

Sterblich, doch unter den Musen der Sicht
Teilhaftig jener, die stygischer Schuld
Inne, daß Nacht, die Gestaltung nicht litt,
Trug deinen Pfeil, der dem Bogen der Zeit
Jählings entsprang, daß das Auge ihm nicht
Folge noch Ahndung ihn greif, noch Geduld,
Wacht auf dem All, das sein Leuchten erstritt,
Ob du ihn wiederschaffst, wieder so weit.
 

 

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HARRAS
Der Ritter Harras sitzt allein
Auf seiner Burg zu Lichtenwald,
Er ging so gern die Ehe ein
Mit Luitgard, monden von Gestalt,
Doch Schellenberger ist sein Feind,
Und Vater der begehrten Maid,
Kein gutes Wort die Fehde eint,
Und einsam geht die Sommerzeit.

Bei Schellenberger wächst der Haß,
Wenn er die Burg von weitem sieht,
Besinnt er nur, wie er sie schaß
Und seinen Feind zu Tode kriegt,
Da meldet ihm ein Knappe hell,
Daß Harras an der Flöha Gmünd,
Den Überfall beschließt er schnell
Und weiß nichts mehr von Brauch und Sünd.

Die Route führt durch finstern Wald,
Hier birgt der Mörder sein Gesind,
Das Laubicht deckt den Hinterhalt,
Die Lichtenwälder reiten blind,
Die Rotte schlägt gewaltig drein,
Und rasch färbt sich die Aue rot,
Doch Harras wendt sein Roß zum Hain
Und flieht mit Macht den sichern Tod.
 

 

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Bald holen die Verfolger auf,
Da schaut er eine Lichtung vorn,
Tief unten trennt der Zschopau Lauf
Den Rittersmann vom Heimatsporn,
Er wagts, er stürzt mit kühnstem Sprung
Ins Flußbett, seiner Rettung hin,
Ein Springborn netzt die Dämmerung
Und Gottes Wunder leuchtet drin.

Die Mähre findt im Strome Tod,
Doch er schwimmt sich zum Ufer frei,
Dem sich ein solches Schauspiel bot,
Bestimmt der Sprung, daß er verzeih,
Wer solchen Muts und solcher Gnad,
Führt Heil und Segen ins Geschlecht,
Drum ist dem Nachbar nach der Tat
Die Eh mit seiner Tochter recht.

Noch heute man die Klippe schaut,
Wo Mut das Menschenmaß beschämt,
Hier rettet nicht nur seine Haut
Der Reiter, den kein Schrecken lähmt,
Hier ward ein Mal den Erben gut,
Das spricht vor Gott und dem Gericht
Von deutscher Art und deutschem Mut
Und des Gerechten Ehr und Pflicht.
 

 

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SÜNDENPFUHL
Wie der Heiland ward im Stall,
Scheint es mir kein seltner Fall,
Daß dem Trog, drin Unrat flammt,
Auch das reinste Licht entstammt.

Wer die Sünde schilt und haßt,
Oft den höchsten Wink verpaßt,
Wenn im Haus des Lasters weilt
Eine Hand, die hegt und heilt.

Nie ein Selbstgerechter fand
Jemals das gelobte Land,
Sondern wer im Herz die Glut
Paart mit Offenheit und Mut.

Selig ist, was auch geschah,
Wem der Herr beständig da,
Wer gepriesen und gekränkt
Weiß, daß ihn der Himmel lenkt.

Drum das Herz vor Hochmut hüt,
Treibts die Gier auch arg und rüd,
Denn verborgen bleibt dem Wahn,
Was da geht nach Gottes Plan.
 

 

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KUNST ALS LOBPREIS
Die Werke, die moderne Kirchen schmücken,
Enspringen Theoremen Intellekts,
Und nicht mit Christus wollen sie beglücken,
Ihr Manifest, nach Selbstbespieglung schmeckts.

Die Kirche sollte besser sie verbannen,
Denn Schönheit kann nicht ohne Wahrheit sein,
Was die Narzisse ohne Gott ersannen,
Ist wie ein Kelch, der nie empfängt den Wein.

Ganz anders Anton Rückel sie gestaltet,
Ein Meister und den Schmieden Kürassier,
Er trägt die Botschaft, die uns nie veraltet,
In Stolz und Demut immer im Panier.

Er wagt die kleinen Dinge und Titanen,
Kein Perlenspiel und kein profaner Geist
Darf trüben sein Verherrlichen und Mahnen,
Das tröstet und den Mensch ins Zentrum weist.

Nicht scheut er den Vergleich zu alten Meistern,
Wie andere mit Technik und Sujet,
Drum darf sein Werk die Gläubigen begeistern,
Und es wird dauern, weil es gilt seit je.
 

 

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ZWETSCHGE
Zwetschgen hatt ich früh schon lieb,
Wo der Baum dem Klettrer feil,
Wie ein König thront der Dieb
Und hat am Olympos teil,
Leicht vom Stein gelöste Frucht,
Süßer Saft, der rostig rinnt,
Jeder Fahr Asyl und Flucht
Bot der Baum dem Wälderkind.

Als die Säge und die Axt,
Erdigten den treuen Knecht,
Hab ich mir ein Stück gewachst
Von dem Holz, das hart und echt,
Zwar zu klein zum Geigenbau,
Doch ein Talisman im Sack,
Trug ich fort durch manchen Gau,
Was mir ließ das Fäller-Pack.

Wenn ich Mus von Zwetschgen nasch,
Schäm ich mich, daß ich nur lau
Protestiert, da Schutt und Asch
Ward der Herzog in der Au,
Und ich schwör bei seiner Seel,
Stets mit Zähnen und mit Klaun
Ihr zu wehren, wenn da Hel
Wagt, an einen Baum zu haun.
 

 

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JONATHAN
Gottes Gabe und Geschenk
Sagte die geglückte Zucht,
Wenn ich an die Kindheit denk,
Spürt die Rechte diese Frucht.

Dunkelrot und prall und still
Widerstehst du Feinden gut,
Wintertags bis zum April
Grüßt dein feiner Lebensmut.

Reichtum, der auch Frost besteht,
Doch verlangt den guten Schnitt,
Bist du mit der Zeit verweht,
Da ich auf dem Holzpferd ritt.

Doch es soll der Pegasos
Dein gedenken, gelb und rot,
Eh sich meine Akte schloß,
Und der Traum des Gartens tot.
 

 

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GRAUWÜRGER
Starengroß und hakenschnäblig,
Zeichenträger in schwarz-weiß,
Herr in Sümpfen, klamm und neblig,
Steppengelb und Gletschereis.

Endlos darf dein Reich sich dehnen,
Nur die Inseln magst du nicht,
Irland, Island, Rom, Hellenen
Kommst du niemals zu Gesicht.

Posten auf der Ansitzwarte,
Der die Beute schlägt im Sturz,
Falknern die Eröffnungskarte,
Schwarz maskiert mit weißem Schurz.

Elsterle am Rain der Felder
Heißt dem Bauern harter Schrei,
Droht da Angriff, bist du Melder,
Wächter und ein Schelm dabei.

Denn du hast im Imitieren
Große Lust und auch Talent,
Daß den Ausblick nicht verlieren
Wird, wer deine Laute kennt.
 

 

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SIEBENSCHLÄFER
In Bachaun an dem Modelwitzer Bache
Stehn Erln und Eschen im Mäanderrohr,
Dort rühr dich nicht und leisen Atems wache,
Denn hier kommt auch der Siebenschläfer vor.

Er schläft am Tage, um zur Nacht zu jagen,
Er ähnelt einem Eichhorn, freilich klein,
Großäugig siehst du ihn bedächtig nagen
Kastanien und die fetten Sämerein.

Er schnellt ins Baumloch, da wir ihn entdeckten,
Die feuchten Pforten haften wie ein Filz,
Zu Eicheln, Eckern, Nüssen gibts Insekten,
Und sommers Knospen, Rinden, Frucht und Pilz.

Er muß sich für die Schlafenszeiten rüsten
Und nimmt auch mal ein Vöglein und ein Ei,
Wenn solche Bilche nicht um Feinde wüßten,
Dann wären sie in Gottes Garten frei.

Doch Katzen, Marder und die Eulen dunkel
Zerhaun dem Tier den buschig grauen Pelz,
Der Aberglaube kennt gar viel Gemunkel,
Doch mir, so sag ich jedermann, gefällts.
 

 

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BRAND-KNABENKRAUT
Brandrübler Moor, wos brandig gärt,
Hier wird manch seltnes Volk genährt.

Hier wahrt gar zierlich Blust und Stand
Der Knab, dems Mannsein angebrannt.

Mit zweien eigestaltnen Knolln,
Scheints Können überdeckt vom Wolln.

Sein Sam hat kein Geweb zum Schmaus,
Er braucht den Pilz, sonst wird nichts draus.

Doch seine Blüte, zart gescheckt,
Erfreut das Aug, das ihn entdeckt.

Das Laub ist bläulich als Lanzett,
Als Büschel teiln sich fünf das Bett.

Wer meint, daß groß die Orchideen,
Der wird an ihm vorübergehn,

Doch wers zum rechten Schauen schafft,
Sieht auch im Zwerg des Himmels Kraft.
 

 

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HARSWEG
Siedlung ohne Kostbarkeiten,
Stilles Volk in Sorg und Freud,
Die Kapell aus Luthers Zeiten
Ist der Sonnentag der Leut.

Eingebunden von Domänen,
Horsten etwa tausend Seeln,
Doch ich darf mich glücklich wähnen,
Einer davon nie zu fehln.

Hausend am Kapellenpfade,
Zwischen Gärten unterm Dach,
Macht sie meine Bahn gerade,
Meinen Quell zum Sprudelbach.

Weit bin ich umhergegangen,
Bis ich fand das stille Heim,
Und den lieben roten Wangen,
Gelte stets mein schönster Reim.
 

 

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DIE KÖNIGIN DER NACHT
Um das Holz der Gitterstäbe
Schlängelt sich der Epiphyt,
Daß er sich die Blüte gäbe,
Wird der Ofen wohl bemüht.

Aus der Gluten der Kariben
Kam der Pflegling ins Labor,
Sieben Jahre stumm geblieben,
Treibt er schlanke Sprosse vor.

Aus den Kanten-Areolen
Wächst nur Haar, das bald ergraut,
Daß der Strauch nicht leicht bestohlen,
Stechen Nadeln aus der Haut.

Dann zur Nacht kommt jäh die Stunde,
Wo die Blüte sich entpuppt,
Bis die Offenbarungswunde
Rasch verfahlt und hart verschuppt.

Groß und duftend nach Vanille,
Gelb-orange und innen weiß,
Sternstund und Gestaltungswille
Geben ihr Geheimnis preis.

Splitter-Kranz und güldne Krone,
Daß vor Glück ich trunken bin:
Dies Geblüh stellt zweifelsohne
Jeder Nacht die Königin.
 

 

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MAGNESIA ALBA
Als Dolomit und Bitterspat zu finden,
Macht sie mit Kalk das Wasser hart und krustet
An Töpfen, Wannen oder Brunnenwinden,
Doch hilft sie, wenn der wunde Magen hustet.

Nach einer Stadt, am Sipylos gediehen,
Darf gleichfalls sich Magnesia nigra nennen,
Die läßt dem Glaser Eisenfarbe fliehen,
Doch der Chymist muß diese Schwestern trennen.

Denn grundverschieden ist nicht nur die Farbe,
Salzsäure läßt dich riechen, daß die beiden
Der Schöpfer nicht gebracht mit gleicher Garbe,
Sie sind sich fremd und können sich nicht leiden.

Im Puder ist seit alters diese Helle,
In neurer Zeit darf sie den Schweiß verzehren,
Denn ist die Hand auch unbedeckt vom Felle,
Kann Feuchte doch den sichern Griff verwehren.

Auch die Keramik dankt des Feuerfeste
Magnesia, deren Sprödheit nicht zu weichen,
So zeigt sich, daß kein Erdenstoff der beste,
Mischt er sich nicht mit vielen Dienerzeichen.
 

 

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174
 


CAPROLACTAM
Was Abrakadabra dem Laien,
Bedeutet nicht Vollmond und Spleen,
Im Eiweiß Amide sich reihen
Und wuchtige Größen vollziehn,
Der Forscher, der Raupen und Spinnen
Zu gleichen verachtet die Scham,
Sucht ähnliche Kunst zu ersinnen
Und schafft sie im Caprolactam.

Dem Fallschirm gab Japan die Seide,
Dem Westen wars feindlich und fern,
Die Faser zum luftigen Kleide
Ersann drum der Sprengstoffkonzern,
DuPont schuf erst erster Peptide
Als Nylon die Kunstfaser kam,
Dem Reich fehlte solche Ägide,
Bis nachzog das Caprolactam.

Daß New York und London benamten
Das Nylon, heißt heute Legend,
Doch was sie an Gründen auch kramten,
Die Ausrede jeder erkennt,
Hier war schon gezeichnet die Achse,
Als Rosevelt tat friedlich und zahm,
Daß draus ihm die Weltherrschaft wachse,
Die abwehrn will Caprolactam.
 

 

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Nicht deutsch ist, daß man imitiere
Das Zwei-Komponenten-Gebräu,
Vorm wechselnden Pfeil der Scharniere
Sei unsrer beständig und treu,
Uns macht kein Geschäft zu Nomaden,
Gemeng ist uns Schimpf und infam,
Und also entsteht uns der Faden
Auch einzig aus Caprolactam.

Der Solinger Beckmann erdachte
Wie magisch das Teilchen sich stell,
Die Vorstufe selber sich machte
Zum flinkesten Brauer-Gesell,
Der Ring, der sich streckte und wellte,
Den Ast in die Grundstruktur nahm,
Was man so in Schieflage stellte,
Beschied sich zum Caprolactam.

Paul Schlack fand die fehlende Karte
Grad anderthalb Jahr vor dem Krieg,
Berlin und Landsberg an der Warthe
Verhalfen der Forschung zum Sieg,
Eh erste Soldaten marschieren
Nach Graudenz und später zum Flam,
Beschert uns das Fortkondensieren
Gespinste von Caprolactam.

So war nur Phenol zu hydrieren,
Keton dann und letzlich Oxim,
Es wird sich Substanz kaum verlieren,
Wenn schrittarm das Stoff-Interrim,
 

 

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178
 
Am Wolgastrom legt uns der Kessel,
Wie Bomben den Jademund, lahm,
Im gleichen Jahr läßt seine Fessel
Der Falter aus Caprolactam.

Der Ausgang der bösen Geschichte
Ist oft wiederholt und beklagt,
Allmählich verschiebt die Gewichte,
Wer drüber was gültiges sagt,
Doch sei auch beim sumpfigsten Waten
Durch Kummer, Zerknirschung und Gram
Gesagt, daß das Reich nicht verraten
Die Helden des Caprolactam.
 

 

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180
 


RITTERGUT REUSA
Im Jahre nach vorletzter Hundertwende
Hat Plauen Reusa sämtlich aufgekauft,
Drum ist die Macht des Rates nicht zuende,
Wenn schattenfrei ihr durch die Heide lauft.

In frührer Zeit, weiß der Chronist zu sagen,
Den Zugriff widerrief manch dürres Jahr,
Zurück zur Freiheit gehts in unsern Tagen
Nicht mehr, was auch die Kasse offenbar.

Verniedlichend der Schreiber hieß die Beute
Ein Vorwerk, wo das Gut an manchen Stelln
Selbst Vorwerk hatte, Hufe dort und Leute,
So macht man kurz den Meister zum Geselln.

Nun hundert Jahre später gilt als Posse
Der Anfang, daß kein Dorf mehr selber schafft,
Ob Unternehmeranwalt, ob Genosse,
Man saugt aus jedem Flecken Seim und Saft.

Gemeinde sein war schließlich nur noch Bürde,
Zu zahlen, was wer anders gut befand,
Erst wenn das Dorf zurückbekommt die Würde,
Kann wieder Frieden sein im deutschen Land.
 

 

181
 
 

 

 

 




UWE HAUBENREISSER



 

 

184
 


SCHWEIGEZEIT
In den Tälern, auf den Graten
Schwindet still der müde Tag,
Eingehüllt von Traumkantaten
Welkt die Sonne überm Hag.

Vogel steigt ins Nimmerwieder,
Westwärts, wo der Tag verloht,
Lenkt mit rauschendem Gefieder
Schwer den Flug ins Abendrot.

Schatten wachsen in den Zweigen,
Weben dunkle Melodien,
Flechten sich als milder Reigen
In die Abend-Harmonien.

Wind durchflüstert Hain und Fluren,
Aus der Ferne, nachtgeweiht,
Tönen dumpf die alten Luren,
Rufen uns zur Schweigezeit:

Wenn die Auen widerklingen
Vom Gesang der Sterne sacht,
Trägt der Wind mit sanften Schwingen
Uns auf Kähnen durch die Nacht.
 

 

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186
 


AMMONIT
I

Urmeer ward zum Tabernakel
Deiner Zeichen, wunderbar:
Ganz Spirale und Tentakel,
Bist du Schnecke und Kalmar.


II

Leben speist sich selbst: Millionen
Können nur der Humus sein:
Aber was die Zeiten schonen,
Prägen sie in Felsen ein.


III

Diese Pulse sind verklungen:
Doch die Form, des Bildners Kraft,
Dauert immer, unbezwungen,
Leuchtet tief aus Steines Haft.
 

 

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188
 


ET IN ARCADIA EGO
I

Im bunten Lärm der Gassen,
Drin Menge sinnlos schäumt,
Steht einer da, gelassen,
Und lächelt nur und träumt.

Sie alle, die nicht gelten,
Die stumpfer Zwang nur müht,
Erahnen nicht die Welten,
Das Reich, darin er blüht.

Er steigt durch Schnee-Arkaden,
Die nie ein Wacher fand,
Zu lichten Esplanaden,
Azuren überspannt.

Im Glast von Gletscher-Firnen
Entrückt aus Zeit und Welt,
Hinauf zu den Gestirnen
Hat ihn ein Ruf bestellt –

Verstummen muß der Spötter
Geschrei. Der Tag verrauscht,
Da er dem Sang der Götter
Und ihrer Stille lauscht.
 

 

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190
 
II

Lohes Wort im Abendglühen
Stehst du, silben-überschwemmt,
Unter ihnen und willst blühen:
Doch ihr Auge mißt dich fremd.

Kränze flichst du – wen zu krönen.
Strophen lallst du – wem zur Lust.
Niemand lauscht den trunknen Tönen
Die du bebend singen mußt.

Wo nur Gräser dich begreifen
Sollst du schweifen im Geraun
Und dein bilderschweres Reifen
Dunklen Felsen anvertraun.

Mattes Blau verfrühter Schlehen
Kelterst du zu herbem Wein –
Doch die Nächte zu bestehen
Tunke Mohn in Wolfsmilch ein.

Weißer Schlaf, veraschte Gluten,
Traumlos sankest du ins Meer –
Endlich, aus Vergessens Fluten,
Hebst das Haupt du, blaß und leer.
 

 

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192
 
III

Nun füll den Krug und würze
Den Wein zu Lethe-Trank:
Die Parzen lieben Kürze
Und wollen keinen Dank.

Dein letztes Wort – verschweige.
Was noch am Herzen zehrt,
Gilt nichts, wenn erst zur Neige
Den Becher du geleert.

Im Garten summt die Imme
Um einen Hasel-Trieb:
So tönt die letzte Stimme,
Die dir vom Chor verblieb.

Den Bogen spannt Astarte,
Von Firnen stäubt der Schnee,
Schon gleitet die Standarte
Aus deiner Hand: Verweh

Und folge dem Geleite,
Wenn auch das Auge schwimmt,
Ins Unbemeßne, Weite,
Darin dein Traum verglimmt.
 

 

193
 
 

 

194
 


HOLUNDER
Du bringst mir Hollerbeeren,
Wir zupfen im Akkord.
Der dunkle Most wird gären,
Bevor die Dolde dorrt.

Ein zarter Kuß, ich schweige,
Du sagst: Ich muß zurück,
Durch lichte Pappelzweige
Begleitet dich mein Blick

Und hält auf leeren Nestern.
Wie schnell die Zeit verrann!
Es duftet süß nach Trestern,
Schon fliegen Wespen an.

Die hohen Tage waren,
Der Sommer geht uns aus.
In deinen blonden Haaren
Hat er noch ein Zuhaus.
 

 

195
 
 

 

196
 


IMPRESSION
Staubgeglüh der Mittagsstunden,
Sonnenglast durchkocht das Holz,
Duftend aus den frischen Wunden
Perlen Tropfen braunen Golds.

Bald gelockt aus kühlen Nähen
Schwirren Kerfe durch den Hain,
Tauchen zitternd in den zähen
Honigschweren Balsam ein.

Ein Gelag von kleinen Rittern –
Stämme, goldner Panzer voll:
Scharen neuer Gäste wittern,
Was aus herber Rinde quoll.

Doch nach Wonnen – stummes Leiden:
Kleister fesselt Glied um Glied
Und verzucken und verscheiden
Muß, was süßen Seim nicht mied.
 

 

197
 
 

 

198
 


STERBENDER VOGEL
August. Die Hänge glühten.
Ich schritt durch welkes Land.
Im Flimmer dürrer Blüten
Zerfloß der Wege Rand.
Weiß fiel das Mittagsfeuer,
Das Leben schwieg, gebannt –
Nur Licht war, ungeheuer,
Von blauem Dom umspannt.

Ich fand ihn. Kniete nieder.
Ich trug ihn ins Geschatt.
Sein staubiges Gefieder –
Ich strich es sorgsam glatt.
Und glaubte noch zu wenden
Dies Schicksal, klein und fremd:
Doch in den kühlen Händen
Lag Leben, das verbrennt.

August. Die Hänge glühten.
Weiß stach der Tag ins Land.
Ich kniete zwischen Blüten
Auf Lehm und heißem Sand.
Ein federzartes Leben,
Das mit dem Sommer focht –
Ich hatte nichts zu geben,
Als dürstend es verpocht.
 

 

199
 
 

 

200
 


IGNIS AUTUMNALIS
Geh, wenn die Herbstzeitlosen blühn
Ins Offene und schau die Pracht
Der Feuer-Zeichen, herbstentfacht,
Entflammt vor dunklem Eiben-Grün.

Hier sind die Farben ausgebracht:
Der Wein will reinen Purpurs glühn,
Und goldengelbe Lichter sprühn
Auf Wegen, ahorn-überdacht.

Wenn erst der Sonne Lauf verflacht,
Glimmt Zunderschwamm am schwarzen Kien.
Als ein Fanal zu längster Nacht

Entbranden Rost und Karmesin –
Und sag: Wem ward je solche Tracht,
Und sei's zum Sterben auch, verliehn?
 

 

201
 
 

 

202
 


IM RIED
Der Himmel verhängt sich: mit wolkiger Last
Belädt er die Bläue. Ein Lichtstrahl verblaßt.
Schon steigen die Nebel aus Binse und Rohr
Und weben sich sanft um den welkenden Flor.
Die Wege verfallen. Du schreitest allein
Und fast wie ein Schatten durch Hagen und Hain.

Was ist dir verblieben vom früheren Glanz,
Von duftenden Wiesen, von Taumel und Tanz?
Ein trockener Strauß, ein vergangenes Glück –
So kehrst du, wie immer, als Bettler zurück.
Und trankest doch, falterleicht, ohne Beschwer
Die schäumenden Kelche des Sommers einst leer.

Der Himmel verhängt sich mit wolkiger Last –
Schon bald wird es regnen. In seltsamer Hast
Begehst du noch einmal den Pfad, wo manch Lied
Dir dunkel erklungen. Dann stehst du im Ried.
Und lauschest noch lange dem wispernden Chor,
Dem Raunen und Rufen aus rauschendem Rohr.
 

 

203
 
 

 

204
 


GEVATTER
I

Zuerst schickt er dir nur Adnoten
Voll Höflichkeit und Eloquenz –
Er respektiert die Sterbequoten
Und zeigt nicht seine Allpräsenz.

Doch hält er längst schon Residenz
In deinem Saft, dem warmen, roten...
Du aber lebst aus tausend Schloten
Und pfeifst auf jede Konsequenz.

Hinfort mit Regeln und Geboten!
So spottest du der Eminenz.
Du bist ein wohlgemuter Stenz
Und buckelst nicht vor dem Despoten.

Nun aber kommen seine Boten,
Mit ungeahnter Renitenz
Das letzte Stündlein auszuloten:
Wann, glaubst du, folgt die Audienz?
 

 

205
 
 

 

206
 
II

Die weißen Kittel murmeln kryptisch
Von mir und meiner Innenwelt:
Ins Neonlicht, apokalyptisch,
Hat man mich vor sie hingestellt.

Die Arme vor. Nun zwei, drei Schritte.
Ob er auf einem Bein sich hält?
Den Finger auf die Nasenmitte.
Die Zunge raus? Kommt wie bestellt.

Ich schau sie an und möchte schmunzeln,
Doch hat ein Blick es mir vergällt:
Es glotzt aus ihrem Stirnerunzeln
Die Fratze, mein – gelähmt, entstellt.
 

 

207
 
 

 

208
 
III

Den ersten Schlag hast du bestanden,
Der ohne Warnung niederschlug.
Doch wird der Gegner weitre landen?
Dir war der eine schon genug.

Vielleicht will er dich nur verwunden?
Und tänzelt immer noch im Ring,
Auf daß er dich – nach drei, vier Runden –
Zum Knockout in die Seile zwing?

Er ist der Meister aller Klassen.
Sei Fliegen-, Mittel-, Schwergewicht:
Du mußt ihm alle Titel lassen –
Und Niederlagen kennt er nicht.

Sein erster Schlag hat gut getroffen.
Doch boxt du dich bis Runde zwei,
Dann darfst du guten Grundes hoffen,
Daß es nicht deine letzte sei.
 

 

209
 
 

 

210
 


OKTOBERSEELE
Schatten und Scharlach. Mit moosigen Klauen
Krallt sich der Efeu in mürbes Gestein.
Einsame Gänge durch sterbende Auen,
Heimkehr am Abend. Es fiebert im Wein.

Knorrige Weiden im Nebelgrau triefen,
Nymphen beweinen verfallende Pracht,
Schwarz ruht der Weiher: in schwelende Tiefen
Sanken die todmüden Schwäne zur Nacht.

Himmel erfrieren. Wo Fittiche gingen,
Bleicht öde Heimstatt, von Stürmen durchnäßt.
Letzte der Schwalben mit kraftlosen Schwingen
Endet im dornigen Schlehengeäst.

Blätter verrotten auf schlammigen Wegen,
Ähren stehn falb, wo kein Eisen mehr schnitt –
Fernhin enteilen nach dunklern Gehegen
Späteste Schweifer mit lautlosem Tritt.
 

 

211
 
 

 

 

 




WOLFGANG SCHÜHLY



 

 

214
 


BUCHENWALD
Wanderer im Hügelland,
Siehst du Waldes Tempelwand,
Schlanken Schaft im dichten Stand,
Krone weit auf freiem Land.
Und von Fichten nicht erkannt,
Ilex säumt den Waldesrand
Wege, die das Wild erfand,
Buchenwald im Festgewand.

Rötlich-grau im Winterland,
Liegt die Au im Schlafgewand,
Doch alsbald die Kälte schwand
Und, berührt von Zauberhand,
Rote Buche knospt rasant,
Flaumreich ist der Blätter Rand.
Kein Vergleich zu Garten-Land:
Buchenwald im Maigewand.

Bald hat Sommer Oberhand,
Dunkler wird das Farbenband,
Reifend schauen in das Land
Eckern, die im Dorngewand
Paarweis ruhn, die Form markant.
Und der Herbst mit Meisterhand,
Taucht den Wald in Farben-Brand:
Buchenwald, ein Märchenland.
 

 

215
 
 

 

216
 


WALDMEISTER
Wie Brunnenschalen, die sich übergipfeln,
Stehn Quirle da von Winters Lasten frei,
Und weiß gekrönt mit schlanken Blütenzipfeln
Tritt er ans Licht im Wonnemonat Mai.

Steht unter Buchen er als Herr und Walter,
Ward er erwähnt als Waldes-Medizin,
Durch Hildegard schon seit dem Mittelalter,
Denn ihm entströmt beim Welken Cumarin.

Wohl feinen Duft das Kraut dem Wein verleihe
Wo Cumarin der Rebe sich vermählt,
Damit der Trank mit neuem Geist sich weihe,

Und doch, sofern der Zecher ungezählt,
Die Becher trinkt, in Bacchants froher Reihe,
Am nächsten Tag ein Ungemach ihn quält.
 

 

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218
 


SEIDELBAST
Der frühste Blüher, blattlos duftgeladen,
Erheischt die Gunst, bevor die Aue grünt,
Doch flüchtig ist der Reiz, und mit Najaden
Ist bald die kurze Frevelzeit gesühnt.

Die Beeren, rot, nach Sommerreife haschend,
Beschämen leuchtend selbst die Geisterwelt,
Ein Unbedarfter, an den Beeren naschend,
Zuckt kurz, eh er in tiefe Ohnmacht fällt.

Wem nicht bewußt, daß dieses Prunken Schwindel
Und daß die Lockung seinen Mut belügt –
Ein Dutzend Früchte für den Tod genügt.

So hüte sich vor dieser Beerenspindel,
Wems recht, er bleibe uns ein Erdenkindel.
Der Name eines falschen Lorbeers trügt.
 

 

219
 
 

 

220
 


NESTWURZ
Fahl und wächsern steht im Laub
Nestwurz, frei von Chlorophyll,
Mancher schaffts nicht ohne Raub,
Daß ihn Sonnensegen hüll.

Also wird Schmarotzerei
Hier die Richtung mal gekehrt,
Daß der Pilz der Diener sei,
Man bei diesem Blust erfährt.

Doch im letzten nicht der Pilz
Blutet für die Orchidee,
Aus der Buche Wurzel-Filz
Nährt der Gnom die bleiche Fee.

In der selben Weise nährt
Widerbart sich, gänzlich bloß,
Dingel, violett verklärt,
Trifft Korallenwurz im Moos.

Wo wer gibt, ein andrer nimmt,
Mancher zwittert im Geflecht,
Doch die Treu nur selten stimmt,
Und um Dauer steht es schlecht.
 

 

221
 
 

 

 

 




UWE NOLTE



 

 

224
 


DES SPERBES GEHEIMNIS
Drohend, von der Nächte Tal,
Bis zur Sonne jüngstem Strahl
Zieht ein Sperber seine Kreise
Durch das helle Morgenlicht.
Dort, im hohen Gras, ganz dicht,
Raschelt es verstohlen leise,

Als er jählings erdwärts stößt,
Seines Schattens sich entblößt.
Und er stürzt durch Wolken immer
Tiefer, landet kreischend jetzt;
Ausgerissen, blutbenetzt,
Wirbelt Haar im Staubgeflimmer.

Purpurn glüht des Sperbers Fang
Der des Opfers Leib durchdrang,
Rausch und Qual sich stumm entfalten.
Wer, mit Blitz und Sturm verwandt,
Wer hat ihn zur Nacht entsandt,
Wer bedarf des Schmerzes Walten?

Welchen Gottes dunkles Mal
Flammt in seinen Augen fahl?
Horus? Ares? Wer, geborgen
In der Nächte Dunkelheit,
Hat mit Opferblut entweiht
Diesen unschuldigen Morgen?
 

 

225
 
 

 

226
 
Sind der Tag, das Leben, nur
Eines alten Traumes Spur,
Dem der Sperber einst entronnen?
Ist er Herold, namenlos,
Aus dem unbekannten Schoß
Toter, längst verblaßter Sonnen?

Satt vom Blut, nach feistem Raub,
Schüttelt er der Erde Staub
Aus dem braunen Federkleide,
Sein Geheimnis hütend, hebt
Er vom Boden ab, entschwebt
Einsam in des Morgens Weite.

Noch berauscht er höher irrt
Bis er wieder Schatten wird,
Der nach Beute spähend gleitet,
Bis der Himmel, immerdar
Ihn beschirmend, unsichtbar,
Seine Arme um ihn breitet.
 

 

227
 
 

 

228
 


GESANG DER QUELLNYMPHE
Nach den winterlichen Träumen
Ferner Nächte, unter Bäumen,
Mich der späte März gebar.
Ungetrübt, befreit vom Eise
Sprudelt meine Quelle leise,
Grüßt mit Murmelklang das Jahr.

Ihres Wassers Frühlingssegen
Waltet heimlich; Bäume regen,
Kräuter, Sträucher schmücken sich.
Duft entströmt dem Heiligtume
Jeder aufgeblühten Blume,
Farben sprühen feierlich.

Käfer, Falter und Libellen
Schwirren wolkendicht um Quellen,
Funkeln in gelebter Pracht.
Überall erklingen wieder
Frohe, mir vertraute Lieder;
Meine Schwestern sind erwacht!

Von der Wolkenberge Hänge
Hallen wider die Gesänge,
Streuen ihre lichte Saat.
Melodien uns umwogen;
Ist der Frühling erst verflogen,
Bald das wilde Einhorn naht.
 

 

229
 
 

 

230
 
Brennen Tage sonnenlüstern,
Weht es mit geblähten Nüstern
In den Traum, der uns umsäumt.
Ungestüm, dem Licht verfallen,
Stürmt es durch des Himmels Hallen,
Von Gebeten ungezäumt.

Wo sein Huf berührt die Wiesen
Fingerhut und Pilze sprießen,
Reckt sich auf der Rittersporn.
Funken roten Mohnes ranken
Leuchtend sich um seine Flanken,
Glimmen auf dem Silberhorn.

Seiner Augen Sternensiegel
Ist der Sommernächte Spiegel,
Färbt die Weiten irrlichtblau,
Und wir preisen es mit Tänzen,
Samten seine Fährten glänzen,
Früh am Tag im Morgentau.

Jede Wiese wird ein großes,
Morgenrotes, uferloses,
Tiefes Diamantenmeer.
Auf den schaumgekrönten Wellen
Jagen wir vereint dem hellen
Einhorn jauchzend hinterher.
 

 

231
 
 

 

232
 
Schwestern, keiner wird es glücken,
Halt zu finden auf dem Rücken,
Wenn es unserm Traum entflieht,
Doch verlohte Wünsche glühen,
Werden mit dem Sommer blühen,
Den das Einhorn uns beschied.

Noch entzweit uns zages Bangen,
Schwestern, noch sind wir gefangen,
Noch besingen wir den März.
Nur die Lieder, die uns binden,
Wallen freier in den Winden,
Treiben lockend abendwärts.
 

 

233
 
 

 

 

 




TIMO KÖLLING



 

 

236
 


STIMME IN BLAU
Wir sind der Orden, der die ersten Strahlen
Des jungen Tags mit alten Wirren paart.
Wir sind die Schar, die auch in Not und Qualen
Vergeßnes und Verlorenes bewahrt.

Daß sie der Zeiten Wandel nicht verderbe,
Verkünden wir die Botschaft: Wort und Klang
Verströmen wir, daß Mühe und daß Werbe
Sich einen mit des dunklen Stoffes Drang.

Es sei uns Sorge nicht, daß immer weiter
Das Rad zur Tiefe rollt und Wirrsal siegt,
Denn göttlich nennen wir der Zeiten Leiter,
Die Oben, Unten ineinander biegt.

Und ist, was immer wir gestalten, Leere,
So ist es Wille, dem wir uns ergeben,
Der einst uns mit der Kraft des Gotts bewehre,
In dem wir sind: sein Leben – unser Leben.

Geheim auch lenkt von unten die Geschicke
Die Gattin, die der Welten Lauf bemißt.
Du wohnst im Stoff, doch fern sind deine Blicke
Und fremd...– so sag uns Söhnen, wer du bist!
 

 

237
 
 

 

238
 


NIGREDO
Wir standen in der Nacht auf unserm Hügel
Und blickten auf das seltsame Getriebe,
Wie fern es war als ob nichts haften bliebe,
Wenn einst gebrochen sei das heilige Siegel.

Hier ist, wo wir zur Bruderschaft uns koren
In einer Frühlingsnacht, in der von Treue
Wir sprachen, und von jener Macht der Reue,
Der niemals zu ergeben wir uns schworen.

In heimlichen und schamvoll scheuen Fluchten
Entzündeten wir alle unsre Lichter,
Im Schein, der mühsam hellte die Gesichter,
Erschienen wir uns in geheimen Schluchten,

In die kein Gran des Menschentreibens dringen,
Noch je ein unbefugtes Auge blicken,
Noch spähen könne – anderen Geschicken
Gelobten wir im Fackelschein zu singen.

Jetzt stehen wir wie einst, während Getöse
Vom Tal, von wo die Lichter weithin leuchten,
Und wo die Menschen uns Gespenster deuchten,
Erschallt wie ferner Traum dunkel und böse.

Wir lassen aus Vergangenem erklingen,
Die Töne, die wir einst so tief gesogen.
Doch ist der Zauber längst nicht fortgezogen?
Gilts nicht, um gänzlich anderes zu ringen?
 

 

239
 
 

 

240
 
Du spürst, mein Blick verwundet dich im Grunde.
Wie soll auch diesen Schmerz ich noch ertragen?
Du weißt, daß ich verzichte auf das Fragen
Und mir genügt die offenbare Kunde.

Ich blicke dir wie damals in die Augen
Und hoffe, daß sie Horizonte wähnen,
Doch ich erkenne einzig falsche Tränen,
Die sich aus einem toten Holze saugen.

Was schafft dir die Gewohnheit, dran zu hängen?
Ich sehe wohl, du stehst auf fremder Seite
Und willst das neue Wort nicht zum Geleite,
Darum wird mir so müd bei deinen Klängen.
 

 

241
 
 

 

 

 




BEN BERESSEM



 

 

244
 


ALLERSEELEN
Mondenschein und Nebelreigen
Stehn auf dunklen Ackergründen,
Bach und Wiese, Ast und Zweigen
Menschenheim und Kirchenpfründen.

Von den Gräsern kriecht der Schleier
Auf die schneebedeckten Felder
Und das Schilf im starren Weiher
Bildet schauerliche Wälder.

Ginsterauen stehn geborgen
Hinter dunstverhangnen Birken,
Wo bis in den kühlen Morgen
Hexen ihre Zauber wirken.

Tau klebt an den steilen Matten,
Nachtverhangen, frostumwunden.
Dampfend gärt im Waldesschatten
Ein Kadaver, totgeschunden.
 

 

245
 
 

 

246
 


STUDENT AN DER LAHN
Wenn die Lahn im weiten Kreise
Fröhlich ihre Kurven schlingt,
Der Scholaren alte Weise
Über roten Dächern klingt.

Wenn von Band und bunter Mütze
Schillernd eine Farbe strahlt,
Sonnengott auf Marktes Pfütze
Spiegelnd diesen Streifen malt.

Wenn die Humpen lustig schwingen,
Mädchengruß vom Fenster schallt,
Und darob vor allen Dingen
Nie ein Wolkenschleier wallt.

Wenn ein Bursch mit blankem Hieber
Terz und Quarten sauber schlägt,
Und ein Fink im Städtchen lieber
Sein Klausurenzeugnis pflegt.

Dann, Du alter Musengarten
Füllst Du redlich Deinen Ruf,
Bangend aufs Examen warten,
Ist kein ehrlicher Beruf.
 

 

247
 
 

 

248
 


IMPERIUM ROMANUM
Wandrer an den Flußgestaden,
Horch des Tibers Sprudelsang,
Der auf eng geschlungnen Pfaden
Strömt im schnellen Wellengang!

Sieht dein Auge Kunst und Werke
Einer längst vergangnen Zeit,
Die mit Geisteskraft und Stärke
Diesen Ort zum Tempel weiht?

Fries und Stele sind zerschlagen,
Säulentrommeln liegen quer,
Und kein triumphaler Wagen
Kommt vom Felde zu dir her.

Ruhe nur auf Marmorstufen
Vor dem heiligen Altar,
Priester hörst du nimmer rufen,
Wo die Pilgerstätte war.

Hier, da einst der Puls der Erde
Ordnend und im Eifer schlug,
Reitet niemand stolze Pferde
Und gewinnt den Siegeskrug.

Dieser Stätte Art und Wesen
Trug der Tiber mit sich fort,
Von den Trümmern aufgelesen,
Blieb nur Rom als leeres Wort.
 

 

249
 
 

 

250
 
Greife wieder und mit Güte
Nach dem Szepter Deiner Macht,
Führ den Wandrer in die Blüte
Aus den Klauen dieser Nacht!

Dann mit Sinn und frohem Eifer
Lernt der Knabe von dem Greis.
Nur den Schüler macht er reifer,
Der das Gut zu schätzen weiß.
 

 

251
 
 

 

252
 


KÖNIG AIGEUS
Von Strahlen beschienen die ruhende See
Versendet ein schläfriges Rauschen,
Nur leise vermag er dem Zech-Evoe
Athens in der Ferne zu lauschen.

Doch droben beschweren am felsigen Riff
Den König die brennenden Sorgen.
Er wartet auf Theseus im säumigen Schiff,
Die Stunden vertreiben den Morgen.

Und Zephyr hebt an, als der Mittag vergeht,
Die Wasser gemächlich zu wiegen,
Er bläst, wo die Sonne im Himmelsblau steht,
Und kreischende Seemöwen fliegen.

Sie schicken den Ruf, der die Ruhe durchfährt,
Aus den Höhen zum steinigen Strande:
Kehr glücklich zurück an den heimischen Herd
Vom Kriege im kretischen Lande!

Die Planken umfaßt da ein silberner Schaum,
Als Wolken sich sammeln und türmen,
Boreas greift tief in das Segel am Baum,
Die Wetter geraten zu Stürmen.

Da Helios den Wagen zur Heimat schon lenkt,
Die Küste mit Nacht zu bedecken,
Hat Triton die Stimme zum Grunde gesenkt,
Die schlummernden Wellen zu wecken.
 

 

253
 
 

 

254
 
Da hebt König Aigeus die zitternde Hand,
Und möchte nicht halten die Träne.
Er ruft voller Freude ins attische Land:
Da kommt er, nach dem ich mich sehne!

Doch tiefere Stimmen von mächtigem Schall
Ertönen aus grollender Sphäre.
Da mischt sich der Regen im sausenden Fall
Mit brandenden Fluten im Meere.

Den Blitz, dessen Zucken die Wolken durchsticht,
Hat Zeus nicht um Donner betrogen,
So füllt sich die Weite mit gleißendem Licht
Und zeigt das Gefährt auf den Wogen.

Der König die Winke der Unterwelt spürt
Wie Dolche, die blutig verletzen:
Die Schwärze des Segels, am Maste geführt,
Erfüllt ihn mit blankem Entsetzen.
 

 

255
 
 

 

 

 




FLORIAN KIESEWETTER



 

 

258
 


DIE PRINZESSIN ZU ARTERN
In Artern, dieser schönen Stadt
Mit wohlbewehrten Mauern
Lebt eine Maid, die alles hat,
Worum ich würde trauern.
Ihr Schloß ihr Freuden bieten kann
Und sie ist froh mit allen,
Auch mit dem fremden Reitersmann,
Dem ist ihr Herz verfallen.

Was würde ich nicht alles tun,
Um einmal ihm zu gleichen,
Ich kann zur Mitternacht nicht ruhn
Und niemals Schlaf erreichen.
Ich frage mich nur immer: Wann
Wird liebes Wort erschallen
Dem andern, fremden Reitersmann,
Dem ist ihr Herz verfallen.

Ach, gäbs nur einmal Zeit und Ort,
Ihr meinen Schmerz zu sagen,
Ihr Öhrlein für das Flüsterwort,
Das ich kaum wag zu klagen.
Doch was ich im Gebet ersann,
Muß unerhört verhallen,
Denn dorten steht ein Reitersmann,
Dem ist ihr Herz verfallen.
 

 

259
 
 

 

260
 
Ich sing mein Lied nach Vogelart
Stets wohlgesetzt und munter,
Und wär ihr Ohr dem Sang gepaart,
Wärs inniger und bunter.
Doch taug ich nicht zu andrer Bann,
Mit Raub mich zu bestallen
Am andern, fremden Reitersmann,
Dem ist ihr Herz verfallen.

Doch hätt ich eine Bitte frei,
So will ich die euch sagen,
Ich würde, wenns gestattet sei,
Ein Tänzchen mit ihr wagen,
Sie geh zu ihrem Lieben dann,
Ich werd nicht Fäuste ballen,
Sie geh zu ihrem Reitersmann,
Dem war ihr Herz verfallen.
 

 

261
 
 

 

262
 


LILIENSTÜCK
An dem Steinhang moosbeflochten
Schlängeln sich der Lilien drei.
Feen, die Blütenstaub verkochten,
Eine ganz besonders mochten,
Wo die Sonne schien im Mai.

Wandrer, die ein Herz sich fassen,
Spüren, daß das Glück sie hüt,
Wenn sie Träume schweifen lassen
Über holde Waldterrassen
Und die zweite Lilie blüht.

Wenn sich erste Dämmer senken
In des Tages Abendglühn,
Ists des Flüglers, sich zu lenken
Nach den sanften Rasenbänken
Und der dritten Lilie Blühn.

Also sprechen alle dreie,
Schlängeln, Schweifen, Vogelflug:
Warte nicht auf höhre Weihe,
Aus dem Born der Erde leihe,
Was zum Ganzsein dir genug.
 

 

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264
 


ZEPHYRUS
Aus dem Frost der Unterwelt
Steigt heraus Gott Zephyrus,
Weil er sein Versprechen hält
Und den Westwind wecken muß.
Waltet er mit feuchtem Kuß,
Lichtet sich das Himmelszelt,
Alles fügt sich dem Beschluß
Daß der Strom zum Meere fällt.

Daß der Frühling Blumen schenkt,
War des Zephyrus Befehl,
Daß sich Tau auf Blüten senkt,
Gab ein Wort aus seiner Kehl,
Aber nicht der Hinweis fehl,
Wenn er stolz das Füllhorn schwenkt,
Zur Unsterblichkeit die Seel
Hätt er gern damit gelenkt.

Wenn dein Herz nicht sprechen wollt,
Lieb, es kam nicht selten vor,
Suchte ich der Sonne Gold
Auf dem Berg vor unserm Tor.
Was das Dämmertal verlor,
Sei dem Adlerblicke hold,
Für das Aug, das ich erkor,
Sei dem Westwind nichts gezollt.
 

 

265
 
 

 

266
 
Schau ich unterm Himmelsdach
Deiner Wangen Rosenglast,
Wird die Jugend wieder wach,
Wo du mich geadelt hast,
Wie Gott Zephyr ohne Rast
Ich für dich die Kränze mach,
Doch die Zeit verging ist Hast,
Und mir blieben Weh und Ach.

Schweigend sitzt er auf dem Thron
Und schaut bitter in die Aun,
Alle ruhn im Grabe schon,
Die sich solche Spenden traun.
Auf die Ewigkeit zu baun,
Schenk ich ihm nicht Klang und Ton,
Doch zum Preis der schönen Fraun,
Würz Wacholder ich mit Mohn.
 

 

267
 
 

 

268
 


LÖWE
Nur einer setzt Sein vor das Werden,
Sein glänzendes Wiegen verspricht es,
Er steht, wie kein zweiter auf Erden,
Der Löwe, der König des Lichtes.

Zu stolz, daß man etwas erkenne
Am Mienenspiel oder am Walten,
Urfeuer, dem not, daß es brenne,
Hat sich in dem König erhalten.

Im Setzen der prächtigen Pfoten,
Wird alles zum heiligen Akte,
Erscheint ihm ein Angriff geboten,
Erkennst du im Opfer das Nackte.

Er achtet nicht Sonne und Sterne,
Daß Himmel als Gleichnis ihm diene,
Erkennt der Betrachter von ferne
Auch ohne Opal und Rubine.

Wenn Mond sich gesellt seinen Plätzen,
Beweist er sich nur noch gespiegelt,
Du hörst nur das wilde Entsetzen
Des Schicksals, das stumm er besiegelt.
 

 

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270
 


MERLIN
Tage, kalt wie Marmorglanz,
Trieben meinen Mut ins Soll,
Bläst das Horn zum Totentanz,
Daß mich krön der Dornenkranz,
Oder schindet mich Apoll?

Krähe, Unglücksbotin, kreisch
Über meinem Haupte wild!
Ist so süß mein mürbes Fleisch?
Glaub nicht, daß ich lang noch heisch
Nach geliebtem Innen-Bild.

War hier nicht ein Wunderquell
Und ein Ruf zu Werk und Tat?
Wind verweht die Zeichen schnell,
Meinen Gram der Weggesell
Noch vermehrt mit seinem Rat.

Plötzlich auf den Himmel tupft
Sich ein Räuber, jagt im Kreis.
Der Merlin die Beute rupft,
Und ich merke, leicht verschnupft,
Daß die Welt stets Antwort weiß.
 

 

271