Uwe Lammla ·  Traum von Atlantis 

 



 
 

 



UWE LAMMLA




TRAUM
VON
ATLANTIS














 
ARNSHAUGK

 



 



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ISBN 3-926370-60-2
© 2011 Arnshaugk Verlag
www.arnshaugk.de
Alle Rechte beim Autor
www.lammla.de
 

 



INHALT
Herbstbann
Die Kräheninsel
Spätherbst in Lindau
Advent
Atlantis
Eiland
Klingsor
Vagant
Undine
Das Goldene Korn
Sindbad
Sirenen
Insel-Sonette
Zwilling
Meeresfahrt
Salomonisch
Die Frohe Insel
Lyonesse
Avalon
Helike
Meropis
Panchaia
Punt
Ophir
Xanadu
Krakatau
Tongatapu
Pagan
Tuvalu
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Thule
Gotenhafen
Neuschwabenland
Oz
Faust
Dorestad
Rungholt
Eydum
Orplid
Ramsee
Vineta
Eichenhain
Ravensburg
Noatun
Elysium
Johannistag
Traum von Atlantis
Ausklang
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»... Und immer
Ins Ungebundene gehet eine Sehnsucht. Vieles aber ist
Zu behalten. Und not die Treue.
Vorwärts aber und rückwärts wollen wir
Nicht sehn. Uns wiegen lassen, wie
Auf schwankem Kahne der See.«

 
HÖLDERLIN       

 

 

 

9
 


HERBSTBANN
Wagemut, zur Welt zu treten,
Steht am Eingang, nach Plotin,
Im Gewand des Exegeten
Folgst du deinen eignen Speen,
Zeig dir das Relief der Stele
Szenen aus dem Sommerglück,
Sprich mit sanfter Vogelseele,
Eh sie schweigt im Niezurück.

Durch den andern fortzuschreiten,
War dir Rat für dutzend Jahr,
Doch, die Flügel auszubreiten,
Der Befehl des Herzens war,
Dem Vergleiche standzuhalten,
Ist noch Zeit, drum geh, vertrau,
Denn du wirst ein Reich verwalten,
Sprichst du heiter und genau.

Sein Gedicht verheißt das Feuer,
Deins den Schluck aus Mimirs Born,
Er füllt manchem Jahr die Scheuer,
Aber du verstreust das Korn
Für die Raben, für die Narren,
Für das flüchtigste »Ich bin«
Unter den gekreuzten Sparren
Mit der Otternkönigin.
 

 

10
 
Sammelt sich das ganz Vergangne
Im Gerausch, das dich umsäumt,
Öffne halb das traumverhangne
Auge, das am tiefsten träumt,
Unterm Aufgang der Plejaden
Wich das Gold dem nackten Stahl,
Doch du hängst an diesem Faden,
Und wer liebt, hat keine Wahl.

Stimmen, Rufe, Siegeszeichen –
Eingetreten bist du nie.
Kannst du je die Schuld begleichen,
Daß du wähltest, nicht wie sie?
Aus der Wunde quillt der Eiter,
Und der Vorhang fällt so schnell,
Denn die Jünger zogen weiter,
Und ein Reif sank auf den Quell.
 

 

11
 


DIE KRÄHENINSEL
I

Erlen, entlaubt und mit Nebel beschuht,
Starren wie Schwerter aus schwärzlichem Sud.

Dies ist das Ziel, seit uns keines mehr lockt,
Laut überwölkt in die Strömung gepflockt.

Steg in den Fluß, drin der Abend verglomm,
Modert am Ufer und spricht kein Willkomm.

Spinnweb zerreißt dein Gebot, dein Gesicht,
Aber im letzten entkommst du ihm nicht.
 

 

12
 


II

Vergiß die Qual
Der Fahrten, streif
Saturns Opal
Vom Silberreif,
Denn dein Begehr
War dir zu flink,
Der Wein so schwer.
Sink!

Was du geraubt
Aus Schlick und Schlamm,
Lehn wie dein Haupt
An diesen Stamm
Und spüre wund
Den Wurf, der traf
Den Rosen-Mund.
Schlaf!

Was schäumt und gärt,
Berührt dich kaum,
Und ewig währt
Allein der Traum,
Der Stich, der Schlag,
Das Pulsen: trink!
Und fern der Tag.
Sink!
 

 

13
 
Hackt dein Gesicht
Das Rätseltier,
Entsag dem Licht
Und seiner Gier,
Erwacht der Drud,
Des Waldes Graf,
So sei ihm gut.
Schlaf!

Der dich erreicht,
Ist dir voraus,
Sandalenleicht
Im Muschelhaus,
Einäugig blick,
Einseitig hink,
Dein Gott-Geschick:
Sink!

Vergiß den Ruhm
Im Hof der Nert,
Ihr Heiligtum
Bleibt dir versperrt,
Ihr Einerlei
Mit Blut erwirb,
Im Krähenschrei
Stirb!
 

 

14
 


III

Angekommen zwischen Fluten,
Inseln, weiß bewohnten,
Speeren, die das Ziel verschonten,
Schwänen, die verbluten –

Aufgegangen unter Sonnen,
Nebelher besungen,
Halm, der zwischen Dämmerungen
Ward zu Gold gesponnen –

Eingefahren neben Runen
Abendlicher Lohe,
Schatten, die der Windesfrohe
Eingub in die Buhnen –

Abgewiesen, fremd und ohne
Fürsprech in der Runde,
Geh dahin und geh zugrunde
Mit dem Schlangensohne.
 

 

15
 


IV

Du träumst sie und willst sie begehen
Und malst sie mit feinerem Pinsel
Als uns und du willst sie bestehen,
Als böt sie ein Obdach, die Insel.

Es meiden die lichteren Schweber
Den Pfuhl, wo Verfemte sich scharen,
Doch dir sind die Schattenreich-Weber
Das Ziel, das sie immer schon waren.

Die Zeichen, die du in die Zweige
Der Erlen hängst, müssen verblassen
Vor jenen, die Fülle und Neige
Und alles, was sichtbar ist, hassen.

Umsonst hast du trunkener Falter
Den Acheron rudernd betrogen,
Dir bleiben der Tod und das Alter,
Der Wind und der Gleichklang der Wogen.
 

 

16
 


V

Laß dich, umweht
Vom dunklen Met
Des Abendscheins,
Dem Traum-Gered
Korallensteins,
Wer leise geht
Und dies versteht,
Dem sind Gebet
Und Gottheit eins.

Des Windes Hand
Hat dich entsandt,
Der strenge West,
Der kam und schwand,
Im Herzen fest
Bleibst du dem Land
Zutiefst verwandt
Und dennoch Tand
Im Krähennest.

Kein heller Deich
Begrenzt, was weich
Ins Schwarze fällt,
Und kein Vergleich
Sagt Ich und Welt,
So ist dein Reich,
Ob rot, ob bleich,
Für Sturm und Streich
Ein dünnes Zelt.
 

 

17
 
Du bist dem Tier,
In Scharen hier,
Kein Licht, kein Lot,
Trotzdem verlier
Dein morsches Boot,
Es bieten dir
Zenit, Nadir
Nur eine Zier:
Den Krähentod.
 

 

18
 


SPÄTHERBST IN LINDAU
Ein letzter Sonnentag, dann stürzt
November aus den Bergen her,
Tyrs Einhand uns die Kehle schürzt,
Und das Gewand der Nacht verkürzt
Die Wintertage mehr und mehr.

Allein die Schwäne fürchten nicht
Das kalte Naß aus Reif und Schnee,
Als wär Gelassenheit die Pflicht,
Erfreuen sie dein Angesicht
Mit Sanftheit aus dem Bodensee.

Die Insel macht die Gassen eng,
Das schützt vor Bön und Feuchtigkeit,
Doch in der Ferne siehst du streng
Die Gletscher wachsen im Gedräng
Nach einem undurchbrochnen Kleid.

Der See, der lind sich wellt und wiegt,
Täuscht uns im West mit Meeresart,
Manch kleines Schiff vor Anker liegt,
Und klein ist auch der Sinn, der siegt
In Gaun, in seinem Dunst geschart.

Du schrittst die Uferrunde ab
Und tatst dies auch im letzten Herbst,
Zwar wird der Atem noch nicht knapp,
Doch fragst du dich, welch Wunder kapp
Die Fessel, drein du Winter kerbst.
 

 

19
 
Du denkst an die Gefährtenschar,
Die sich am Rheinfall einst getrennt
Du stehst geschützt und ohne Fahr,
Doch die Erinnrung macht dir klar,
Daß dir die Zeit vom Leibe rennt.

Wenn man auf einer Insel steht,
Schärft sich der Sinn für Kunft und Gehn,
Diesmal ein strengrer Atem weht,
Und wenn dein Fuß hier endlich geht,
So wagst du nicht, dich umzudrehn.
 

 

20
 


ADVENT
Wenn die Wege Schnee bedeckte,
Zeit sich ganz im Raum verlor,
Wenn der Gärten buntgescheckte
Schar vergaß das offne Tor,
Laß dem Drachen die Kollekte,
Spann Delphin dem Wagen vor
Und verlaß das abgesteckte
Reich, das zum Kristall gefror.

Sag dem Glanz Fahrwohl und gehe
Auf den Saum Vergessens zu,
Nur der Narr vermeint, er sehe,
Doch die Blindheit preisest du,
Kaltes Licht und Nacht noch ehe
Tag dich riß aus dunkler Ruh,
Wo kein Deuter raunt: verstehe --
Keine Spur entrinnt dem Schuh.

Aller Bindung bar bereiten
Sollst du dich -- doch welcher Braut?
Ließ August die Mähder schreiten,
Schien dein Glück auf Sand gebaut,
Doch im Ballspiel der Gezeiten
War dir eins zuerst vertraut,
Und es wird dich ganz erstreiten
Unsichtbar und ohne Laut.
 

 

21
 


ATLANTIS
Muschel der Vorwelt, perlmutterne Woge des Goldes,
Liebling der Gaia, die seligster Stunde empfing,
Bist du das Ufer der Flut, wo sich Hohes und Holdes
Band und heraushob zum Schlüssel im ewigen Ring.

Sanftester Zephir, darin sich in lauterem Reigen
Kinder des Himmels, befiedert, der Schönheit allein
Als ihrer Herrin in heiterer Anmut verneigen,
Wirst du für immer die Perle des Ozeans sein.

Jungfrau, zu rein für die Worte der Preiser und Lober,
Birgst du dein Antlitz, gewoben aus lichtestem Dur,
Traumhin, daraus es den Gott wie der Rose Zinnober
Heilig erschrickt, der dein Auge im Drachen erfuhr.

Hort der Präludien, die niemals geboren vergingen,
Schwester der Gorgo in Uranus' nächtlichem Dom,
Wurdest du Prüfung noch jedem, der anhebt zu singen,
Ob er Gelächter verfall oder Daphnes Arom.

Wie schon die stummen Korallengestade dich preisen,
Born, der das Lot in unendlicher Tiefe verliert!
Aber die Sonne vertauschte das Kupfer dem Eisen,
Gaia verschlingt, was sie maßlos und fruchtbar gebiert.

Trägst du dein Lichtspiel hinüber ins erzene Alter,
Wo dich der Mann, der sich selber das Maß ist, gewinnt,
Oder verfällst du wie flammender Kerze der Falter,
Zeitlos Saturn, der nun wissend das Kostbarste minnt?
 

 

22
 
Frühtag, darum sich die Nacht als ein reines Vergessen
Legte, als Lethe, noch nicht zu den Schatten verbannt,
Abhielt, am Tage die anderen Tage zu messen,
Hast du dein Wunder in dunkle Bereiche gewandt.

Sylphe, bereit mit dem Sinken des Lichts zu verlohen,
Insel des Glücks, auf den Karten der Segler verwischt,
Weichst du dem Vliese des Widders und seinen Heroen,
Aber der Falter erwacht, wenn die Kerze erlischt.

Widder zerstampfen die Flur, ihre Schöße zu siegeln,
Falken begleiten den Sieger und Löwengebrüll,
Aber die Pforte zu dir wird das Schwert nicht entriegeln,
Liebe, zu groß, daß sie jemals ihr Schicksal erfüll.

Was die Olympier aus eigener Kraft nicht vermochten,
Sammelt die Sage, nachts heilig, am Tage verpönt,
Ihren Triumphen, die Menschen und Götter erfochten,
Gibst du die Trauer, die alles Vorkommene krönt.

Auch ihre Größe wird einst an den Ufern verfallen,
Wo Aphrodite entstieg aus Gebilden des Schaums,
Aber vor Weltaltern frei und Erwählte vor allen,
Bleibst du die Königin unter den Inseln des Traums.
 

 

23
 


EILAND
Wenn der Traum den Tag verwehte,
Phoenix kehrt zu Nest und Brut,
Wenn der Wein vermischt mit Lethe
Welt und Wahn zusammentut,
Wenn der Mittler der Erflehte
Wird und weissagt, leichtbeschuht,
Daß zur Nacht der Wind sich drehte,
Steigt ein Eiland aus der Flut.

Niemand weiß den Ort zu klagen,
Ob du fern seist oder nah,
Sollst du nicht die Karten fragen,
Noch die Kunst der Kabbala,
Mag den Fuß die Welle tragen,
Weil dein Aug das Einhorn sah,
Ist dein Mund befugt zu sagen,
Eh du heimgehst: ich war da.

Muß des Tages Puls erlahmen,
Nutz das dritte Aug und buhl
Zm die Jünger, die dir kamen
Unterm Schirm der Irminsul.
Doch du findest nichts als Namen,
Hie und da ein Licht im Pfuhl,
Denn der Wind zertrieb den Samen
Und herrscht selbst am Kaiserstuhl.
 

 

24
 
Unten auf der Goldsternweide
Sucht der Gaukler Lungenkraut,
Dreifach schied der Weg euch beide,
Dreifach heischt die Huldin Maut.
Rost befocht des Schwertes Schneide,
Flut das Heim, auf Sand gebaut,
Nur den Giften im Getreide
Schenkt sich noch die dunkle Braut.

Wo die Götter sich verweigern,
Kann das Wort sich nur bemühn,
Den ererbten Glanz zu seigern,
Seine Schwebe androgyn,
Bis, umstellt von höchsten Schweigern,
Aus dem Schattenhort entblühn
Silben, die im Reim zu steigern,
Echo lauscht im Wipfelgrün.

Wenn sie spricht, erinnre leiser
Und vernimm, es werde gut,
Unterm Dach der Birkenreiser
Werde grün das Menschenblut.
Fand das Werk den rechten Weiser,
Wachsen Otter, Elch und Drud,
Und Apoll als Gegenkaiser
Hebt das Eiland aus der Flut.
 

 

25
 


KLINGSOR
Aus der tiefen Nacht des Nordens,
Nebelheim, verkannt und fern,
In der Heerschar deines Ordens
Gingst du zu auf manchen Stern,
Doch du läßt das Buch nicht fahren
Deiner Reise durch den Geist,
Ohne Lust und Schmerz zu paaren
Der Gestalt, die Klingsor heißt.

Wurzeltraum und Kronenrauschen,
Eiche, die sich selber minnt,
Was die Birken Rede tauschen,
Was der Quell des Lebens sinnt,
Sammelst du, der Wiesel-wendig
Alles Flüchtige verleibt,
Was du anrührst, wird lebendig,
Weil die Wunde offen bleibt.

Reines Ungefähr des Waltens
Im Gewog, das lind umwirbt,
Psalm des seligen Verhaltens,
Der in Eintracht steigt und stirbt,
Magst du keins der Reiche wollen
Als den Traum, dem du dich weihst,
Doch du hast Tribut zu zollen
Der Gestalt, die Klingsor heißt.
 

 

26
 
Du verschweigst, woher er stamme,
Doch das Grün verlangt nach Rot,
Wie die Flut, so hat die Flamme
Ihren Raum und ihr Gebot,
Jene weckt und nährt das Leben,
Diese heischt den höchsten Glanz,
Jene mag dir manches geben,
Aber diese nimmt dich ganz.

Deine Wunde soll nach innen
Schwären, bis du töten lernst,
Blut vom Stahl des Schlächters rinnen
Himmeln, die du neu besternst,
Ares soll dein Tagwerk segnen,
Schlange, die sich selber beißt,
Und dein Auge wird begegnen
Der Gestalt, die Klingsor heißt.

Wer er sei, wirst du ihn fragen,
Und du wirst ihn nicht verstehn,
Denn ihr habt euch nichts zu sagen,
Weil ihr wähnt, ihr könntet sehn,
Und der Wald wird sanfter dunkeln,
Wenn aus Fafnirs Hort das Gold
Aufblitzt, und die Pilze funkeln,
Und Alraune klagt so hold.

Dunkle Vögel schreiben Zeichen
In die Luft, doch ohne Scheu
Bleibt im Dämmerlicht der Eichen
Hirsch dem Herrn der Wälder treu,
 

 

27
 
Frühtau im Gesicht zu spüren,
Lid vom Trost des Schlafs befreist,
Denn du willst das Herz berühren
Der Gestalt, die Klingsor heißt.

Auf dem Netz der Spinne leuchten
Tropfen, unterm Harz-Arom
Lockt die Sonne aus dem feuchten
Boden manchen braunen Gnom,
Preisgesang von reich beschenkter
Welt tönt von den Wipfeln her,
Doch du tappst wie ein Gehenkter
Und vernimmst das Lied nicht mehr.

Aus der tiefen Nacht des Nordens
Nebelheim, verkannt und fern,
Als der letzte deines Ordens
Gehst du zu auf manchen Stern,
Im Gerausch den Leib zu ahnden,
Im Geloh den wachen Geist,
Ewig nach der Spur zu fahnden
Der Gestalt, die Klingsor heißt.
 

 

28
 


VAGANT
Steigt der Abend aus den Mulden,
Die die Sonne nicht erreicht,
Wirst du ihn behaglich dulden,
Denn du brauchst nicht Mark und Gulden
Für den Weg, verträumt und leicht.

Unter Wipfeln, die dir flüstern,
Senkt der Elch den Wappenschmuck,
Doch du trinkst, beflankt von Rüstern,
Nach der Sommersonne lüstern,
All ihr Gold im guten Schluck.

Auch der helle Stern im Norden
Weist den Weg nach Unbekannt,
Der im wappenlosen Orden
In den Liedern eins geworden
Mit dem Wein und dir, Vagant.

Droht die Wolke mit Gewitter,
Machst du unterm Laubicht halt
Und verlachst das Urteil Dritter,
Denn sie nennen dich den Ritter
Von der traurigen Gestalt.
 

 

29
 


UNDINE
Spätling des Schöpfers, der ernsteren Dingen entsagte,
Haar, das herabfließt von Gletschern in heiligem Weiß,
Schelmin im Zwielicht der Stunde, noch ehe es tagte,
Lockst du das Licht in die Au und die Fluten des Mais.

Leichtester Fuß, der den silbernen Spiegels nicht brechen
Mag, wenn dein Antlitz zuweilen in Tagträume taucht,
Bist du im Hain, wo sich andre Erkenntnis versprechen,
Kind, das die Früchte zu harmlosen Ballspielen braucht.

Ganz im Gestilltsein des ruhenden Gottes geschaffen,
Auge, das alles Begehren mit Blau überschwemmt,
Ahnst du die Lüste im helleren Klange der Waffen
Über dem Strom, den die Eisspange länger nicht dämmt.

Unter den Weiden im Dunkel die Rohrdommel flötet,
Und auch der Quell rät die Worte des Dichters, der singt,
Wunder der Feuchte im Kuß und die Träne, die tötet,
Bist du die Schmelze, die nächtliches Hochwasser bringt.

Weithin umschlängelt der Arm, der im Werben erblühte,
Zungen des Landes, die selten ein Jüngling betritt,
Strudeln vertraut und unendlich versunkener Güte,
Wogen, darauf nach Atlantis der Meeresgott ritt.

Herzraum, darin sich die Bäche der Wiesen vereinen,
Treue, die rein in den Wolken-Verwandlungen bleibt,
Nährst du im Lachen die flackernde Flamme des einen,
Der dein Zerfließen in prächtigen Bildern beschreibt.
 

 

30
 
Lust, sich im Springe zu teilen und drin zu verfließen,
Strahl, der den Weidner in grundloser Hingabe netzt,
Aber die Sommer verfügte, den Krug zu verschließen,
Eh noch der Schnitter den ersten der Halme verletzt.

Hörner des Krieges und Hörner des Königs erschallen,
Über dem Fluß, der so leichthin sein Erbe verriet,
Bist du erneut durch den offenen Spiegel gefallen,
Weil sich dein Herr mit gestatteten Freuden beschied.

Traube zerbirst und das Laub rottet hin im Oktober,
Säfte die heimkehren, ließen die Gerte erschlafft,
Nebel verbirgt, doch der Reim ruft am Ende den Lober,
Zeugnis des Sängers, der alle Erinnerung schafft.

Schwester im Grenzland der Stunde noch ehe es tagte,
Botin des Glücks, aller glücklichen Botschaften bar,
Spätling des Schöpfers, der ernsteren Dingen entsagte,
Kehrst du zurück in die Einheit, die uranfangs war.
 

 

31
 


DAS GOLDENE KORN
So weit wie die Füße dich tragen
Durch Frühtau und Nebel und Sumpf,
Durch siebenmal Leichtsinn und Plagen,
Durch Traumfelder, leuchtend und stumpf,
Mag mancher Verzicht dir behagen,
Doch treibt dich ein schneidender Dorn,
Du magst allen Kronen entsagen,
Doch niemals dem Goldenen Korn.

Du weißt von Begegnung und Scheiden,
Den Wunsch, sich im März zu verfrühn,
Von Herrschaft und Huld, und aus beiden
Den Schmerz, und du könntest dich mühn,
Die Gärten des Gauklers zu meiden,
Die Wahrträume, hell und verworrn,
Der Liebe entfliehn und dem Leiden,
Doch niemals dem Goldenen Korn.

Die Runen des Lichts zu verkehren,
Bist du mit Erleuchtung begabt,
Du kannst alle Süße entbehren,
Daran sich der Schwalbenschwanz labt,
Dem Tier gleich, bewaffnet mit Scheren,
Verleugnen Verheißung von vorn,
Den Göttern das Opfer verwehren,
Doch niemals dem Goldenen Korn.
 

 

32
 
Die gleichmütig wandeln und spinnen,
Vielleicht gibt die Narrheit dich frei,
Wo Dichter und Held nicht gewinnen,
Obsieg deine Unschuld, auch sei
Vergessen, was jene ersinnen,
Ihr Mund ein versiegelter Born,
Du sollst allem Anspruch entrinnen,
Doch niemals dem Goldenen Korn.

Du weißt, daß das sorgsam Gefügte
Einst Schimmel und Fäulnis verfärb,
Der Kreis, der dich pries oder rügte,
Sich schließt auf Gedeih und Verderb,
Doch unter dem Stier, der sie pflügte,
Vernehmen die Kräuter dein Horn,
Das Menschen und Göttern genügte,
Doch niemals dem Goldenen Korn.

Und wenn die Gefährten dich tragen
Durch Traumwälder, morsch und entlaubt,
So traut sich die Sonne nicht fragen
Nach Malen an Gliedern und Haupt,
Dann wird dir zur Krönung der Plagen
Ein Engel in schrecklichem Zorn
Das Herz und die Füße zerschlagen,
Doch niemals das Goldene Korn.
 

 

33
 


SINDBAD
Am Feuer, wo zur Nacht die Karawane
Den Staub vergißt und alle Mühn der Fahrt,
Erhält den Ehrenplatz, wie einst sein Ahne,
Der Dichter, der im prinzlichen Turbane
Die Weite und den Weg daher bewahrt.

Und im Palast des Sultans, wo Fontänen
Geheimnisreich die Marmor-Schalen fülln,
Entlockt der Dichter seinen Hörern Tränen,
Es scheint, als ob im Sande die Hyänen
Sich schütteln und die Herrn der Wüste brülln.

Und er vertraut, im Wort ein sichrer Wähler,
So manchem Ohr im Reim, der ihm behagt,
Was man erzählt von früherem Erzähler,
Der Geistermeere sah und Schlangentäler
Und siebenmal die große Seefahrt wagt.

Er füllt die Fahrten wie verschlungne Ringe
Mit Todeskampf und nackter Schreckenstatt,
Doch zieht er seinen Kopf aus jeder Schlinge,
Weil ihm der Herr der staubgeschaffnen Dinge
Ein hohes Alter zugemessen hat.

Die Inseln, die die Phantasie entzünden,
Bewacht das Meer, das keinem Herrn gehört
Als dem, den Tat und Weisheit nicht ergründen,
Der erstens war, in den die Zeiten münden,
Und dessen Plan nicht Macht noch Zufall stört.
 

 

34
 
Und Inseln gibt es, überhäuft mit Mären
Und Schrecken, die die Lauscher nie erfahrn,
Und ließe man den Dichter ewig währen,
Er könnte doch von dem, was sie gebären
An Träumen, höchstens Splitter offenbarn.

Die erste Insel, reich an Grün und Früchten,
Erweist sich als ein schlafversunkner Wal,
Und wer, gewarnt von seltsamen Gerüchten,
Dem Augenschein vertraut, muß hilflos flüchten
Ins Spiel der See und in die nächste Qual.

Was lebt, weiß nichts von seiner Todesstunde,
Und offen scheint, wann uns der Dunkle würgt,
Wir plagen uns und gehen doch zugrunde,
Und dennoch rührt uns jede Rettungskunde,
Weil sie die Rettung überhaupt verbürgt.

Geringe Dinge, die man sonst nicht achtet,
Sind ausersehn zu Wundern in der Not,
Und während die Gefährten Flut umnachtet,
In einem Zuber sich zu halten trachtet
Der Held und schaut ein Land im Morgenrot.

Es ist die Insel, wo in Neumondnächten
Der Seehengst deckt die Stuten des Mihrdschan,
Und wer das Stirnmal trägt des Gottgerechten,
Sorgt wohl, daß Diener ihn zum König brächten,
Und Ende fand die Fahrt aus Schmerz und Wahn.
 

 

35
 
Wer heimgekehrt ist, lobt sich Weib und Frieden,
Doch allzulang hat, wer die Sehnsucht kennt,
Zum Frommen oder Fluch sich nie beschieden,
Und wer ihn antrifft, sieht ihn Pläne schmieden,
Solang die Jugend in den Adern brennt.

Der Weise wird die Unvernunft nicht richten,
Die seinen Traum mit Atem füllt und Blut,
Und was sich klärt in dauernden Gesichten,
War Hochmut gegenüber Recht und Pflichten,
War ausgeschlagner Rat und Übermut.

Die Inseln sind Prinzessinnen, die schlafen,
Verwunschne Herzen, zärtlich und verträumt,
Und wer zu lauschen wagt im fremden Hafen
Den Liedern, wenn die Wogen Klippen trafen,
Hat bald im Schlaf das eigne Schiff versäumt.

So ist bestimmt auch dieser zweiten Reise
Verwegeneres als die Fahrt zu Schiff,
Und wer das Ei des Rock fand, kennt die Weise,
In seinem Fang durch eine Himmelsschneise
Zu schweben an ein fern gelegnes Riff.

Was später folgt bei palmbaumlangen Schlangen,
Bei Menschefressern, Affen, Ghulen, Dschinn,
Die Todesfurcht, in einer Gruft gefangen,
Und wie es ihm im Paradies ergangen,
Das stehe für die nächste Nacht dahin.
 

 

36
 
Auch sei verhehlt, was er an Öl und Sandel
Auf Irrfahrt bis ans Grab des Salomo,
Rubinen, Perlen, Aloe und Mandel
Errang und noch vermehrte durch den Handel,
Steht doch im Ost der helle Morgen loh.

Die Karawane wird den Rastplatz räumen,
Der Sultan wird noch ein paar Stunden ruhn,
Allein der Dichter hat nichts zu versäumen,
Er wird in jeder Lage weiterträumen,
Denn Traum ist all sein Leiden und sein Tun.
 

 

37
 


SIRENEN
Sänger, vom Nachtaug des Eros genährt,
Lenzmonden, groß, daß das Ohr euch vernimmt,
Wem, euch zu frommen, als Gnade gewährt,
War eurer Huld schon im Anfang bestimmt.

Andere greifen zu Ketten und Wachs,
Doch wen die Schwinge der Seligkeit traf,
Stürzt in den Pontus zu Flunder und Lachs,
Kühlung begehrend und köstlichen Schlaf.

Spürst du den Schoß, der dein Tagwerk verlacht,
Ist es Erfüllung, Versuchung, Gericht?
Götter der Jugend, vor ältester Macht
Kampflos zu weichen, verleibt ihr euch nicht.

Sing, auf den Pythischen ist kein Verlaß,
Aber besteh, sei es fruchtlos und kurz,
Bannst du den Doppelstern Liebe und Haß,
Bist du der Gott im Gesang vor dem Sturz.

Stifte das Maß, wo Bedingung und Schmerz
Früchte der Freiheit im goldnen Gehäus,
Weite zum All, das nun einstürzt, das Herz,
Frei und bedingt wie der stygische Zeus.
 

 

38
 


INSEL-SONETTE
I

Im Schoß der Gaia träumt der Ring der Schlange
Allein sich selbst und hat im eignen Lichte
Maß und Genügen, und die Schwergewichte
Sind Eigenheit und wundersam im Schwange.

Nach ihrer Welle Gang und Atem richte,
Leg an der Tiefe Pulsen Ohr und Wange,
Und spür die Zartheit, die im Schwanensange
Erst wiederkehrt am Ende der Geschichte.

Die Muschel rüstet reinsten Glanz im Zwange,
Und daß ihr Schmerz vor ihren Feinden prange,
Entroll zum Sturm die ungetrübte Dichte,

Tief wissend, was du tust im Lebensdrange
Der Holden, der im Schmerzlichen so lange
Gewahr, daß einst ein Schrei die Insel sichte.
 

 

39
 


II

Noch lockt das Licht die silberne Spirale,
Noch hegt der Knabe, goldverbrämt am Bronnen,
Was er vielleicht in einem Scherz begonnen,
Und lauscht verträumt auf den Gesang der Wale.

Sein Sinn, vertraut mit ungezählten Sonnen,
Labt Hirt und Herde, stiftet Rituale
Und glänzt, benetzt von seinem eignen Strahle,
In Farben, aus dem reinen Weiß gewonnen.

Er, der die Huldin lockt und dessen schmale
Behende Hüfte sie zum neunten Male
Bezwingt, vom Rot des Frühtags eingesponnen,

Mischt unserm Durst in einer Wasserschale
Die schlichte Trunkenheit und die sakrale,
Geschwister, aus dem Schlangenblut geronnen.
 

 

40
 


III

So wie das Blau sich rein und offen breitet
Und leugnet, was das Meer des Adlers leide,
Empfängt das Floß Apolls im Prunk der Kreide
Saturn, der auf der höchsten Woge reitet.

Der Schmerz der Tiefen trägt das Goldgeschmeide,
Doch tiefrer Schmerz hat Götter hergeleitet,
Die im Geloh, das allen Traum entzeitet,
Das Vlies verbrannten und den Stab der Eide.

Nicht wie der Schnitter durch Getreide schreitet,
Nicht wie das Wasser dem Gefäß entgleitet,
Das keinen weiß, der ihm die Freiheit neide,

Sie sanken, wo ihr Reich, zum Ring geweitet,
Den Traum der Tiefe und die Flut bestreitet,
Ins Mal der Wunden und verschlossen beide.
 

 

41
 


IV

Es ist ein Trug, doch für den Gott ein lichter,
Daß uns das Glück im Herbstgewand erscheine,
Es gibt so viele Inseln, doch die eine
Ist ganz aus Glück und frommt allein dem Dichter.

Er spielt mit Muscheln und er reiht die Steine
Zu Rätseln, die die Ordnung der Verzichter
Durchkreuzen, denn es glaubt der Steine-Schichter
Allein der Wahrheit, die sich sagt im Weine.

Wohl möglich, daß insektengleiche Richter
Nicht sondern Harm und kindliche Gesichter
Und jeder Adel hinsinkt ins Gemeine,

Doch taugt die gottgewollte Form zum Schlichter,
Bis Bilderflut den Traum zum Selbstvernichter
Bestimmt und sich die Schlange regt im Schreine.
 

 

42
 


V

Leg dein Gesicht in Dämmerlicht und Schweigen
Und roll dich wie das Meer die Erdenklöße,
Daß dich der Wind aus der Erfahrung flöße,
Undines Schwestern Herbst und Abschied geigen.

Nicht wird der Stier des Zeus von deiner Blöße
Erfahrn, kein Faun sich noch im Laubicht zeigen,
Der Baum des Lebens überdacht mit Feigen
Dein Herz und wiegt sich im Gewicht der Stöße.

Erst wenn dein Odem schwelgt im Insel-Reigen,
Wird sich im Ring der Irminschlange zeigen
Die Seherin in ihrer wahren Größe,

Wird sich, dem Licht für einen Traum zu eigen,
Noch einmal ins Gesprüh der Flut versteigen,
Bevor sie heimkehrt in den Schoß der Schöße.
 

 

43
 


ZWILLING
Wie sind sie doch seltsam verschieden,
Der Arm, der den Heerführer grüßt,
Und der, der im Krieg und im Frieden
Der Huldin den Schlummer versüßt,
Das Gold wird der erste erreichen,
Der andre ist selber ein Zeichen.

Das Bein, das du leicht und gelassen
Als Kreuz oder Waagbalken hältst,
Mag in deine Fußspur nicht passen,
Du gibst ihm die Schwebe und stellst,
Daß dauernd das Kunststück gelinge,
Den anderen Fuß in die Schlinge.

Ob mancher dir Stolz oder Jammer
Als Tagesgefährten bestimmt,
Dein Herz hat die andere Kammer
So offen wie jene, die nimmt,
Und strömt aus dem Schatten das Helle,
Gedenkst du der doppelten Schwelle.

Die Augen einander entschulden,
Und wer deine Nähe nicht flieht,
Wird andre Gefährten nicht dulden,
Er neigt sich dem Spiegel und sieht
Nur Sonne im Dunkel des Weines
Und von deinen Augen nur eines.
 

 

44
 


MEERESFAHRT
Die Säulen des Herakles schwinden
Im Sog der verschweigenden Flut,
Die Augen des Spähers erblinden
Im Glast, der sich tanzend vertut,
Doch wo, übergangen von Winden,
Das Schiff im Gestaltlosen ruht,
Wird sich das Vergessenste finden,
Wenn Wasser sich wandelt in Blut.

Wo Segel wie welkende Brüste
Verdorren im Zeiten-Geschleich,
Geht auch das Gedächtnis zur Rüste,
Und Schwermut umspielt den Vergleich,
Der Krieger, geschlagen, wer wüßte,
Ob nicht auf den Lippen so bleich
Der Traum von der Elfenbeinküste
Ein Zwilling des Traumes vom Reich?

Die Taube, Symbol der Gerechten,
Verschwistert sich niemals dem Ring,
Und wer sich gemeinmacht mit Knechten,
Im Wunsch nach Erlösung verfing,
Wird niemals das Scheitern verfechten,
Das Schwert, das am Erlenast hing,
Und opfert den blutlosen Mächten
Den Trank und die Weisheit des Thing.
 

 

45
 
Das Reich, das die Heiteren meinen,
Der Traum, der den traumlosen Kreis
Durchströmt und nichts freigibt von seinen
Figuren in Dunkel und Weiß,
Verlor in den heiligen Hainen
Die Schlüssel zu Opfer und Preis,
Doch spricht er aus Sternen und Steinen
Den Herbst und die Fluten des Mais.

Wer, Freiheit vor ihm zu gewinnen,
Den Atem des Drachen bemüht,
Verliert, was ihn hertrieb, da innen
Die Rose des Gauklers verblüht,
Und wird, was ihm wohlwill, zu minnen,
Dem Blendwerk im salzigen Süd
Entfliehn und die Heimkunft ersinnen,
Das Licht, das am Nordhimmel glüht.

Die Säulen des Herakles schwinden
Im Sog der verschweigenden Flut,
Sie mögen der Erde entbinden,
Doch niemals dem prinzlichen Mut,
Er wird unterm Lied, das den Linden
Einst galt auf der Vorväter Gut,
Die Insel der Seligen finden,
Wenn Wasser sich wandelt in Blut.
 

 

46
 


SALOMONISCH
Wie Dunkel dem Tag
Folgt Leiden dem Glück,
Was Weisheit vermag,
Nimmt Torheit zurück,
Die Nacht, die zerrinnt,
Erneuert sich bald,
Und über den Wind
Hat niemand Gewalt.

Was Einsicht vermehrt,
Macht Dünkel zunicht,
Und was man begehrt,
Der Zugriff zerbricht,
Zu Same und Schoß
Ist mancher bestallt,
Doch über das Los
Hat niemand Gewalt.

Wer strebend sich müht,
Tut nie sich genug,
Was vorjahrs gebührt,
Verdunkelt der Pflug,
In Friede und Streit
Vertauscht sich, was galt,
Und über die Zeit
Hat niemand Gewalt.
 

 

47
 
Im Wechsel der Welt
Bleibt immerfort gleich,
Was schmerzt und gefällt,
Im sonnigen Reich
Hat Frohsinn und Not,
Wer jung ist und alt,
Doch über den Tod
Hat niemand Gewalt.

Wer rastet, wer rennt
Und wer allen Sinn
Als nichtig erkennt,
Hat keinen Gewinn,
Vergessen wird sein
Die Form, der Gehalt,
Und über das Nein
Hat niemand Gewalt.

Und was auch der Geist
Erhob zum Gesetz,
Der Spinne zerreißt
Ein Zufall das Netz,
So sorgsam sie spinnt
Um Mauer und Spalt,
Denn über den Wind
Hat niemand Gewalt.
 

 

48
 


DIE FROHE INSEL
Ist die Insel froh zu nennen,
Wo der Edle, fern dem Ruhm,
Daß die Ritter ihn nicht kennen,
Pflegt geheimes Königtum?

Doch der Minnemacht-beseelte,
Den kein andrer Bronnen stillt,
Sagt im Namen, daß er fehlte,
Mit der Königin im Schild.

Seine Herrlichkeit zu mehren,
Rief der König zum Turnier,
Kann das Reich die Stolzen ehren,
Dient der Stolze ihm zur Zier.

Sammelt er zur Tafelrunde,
Was die Zeit an Adel bot,
Bürgt das Leuchten einer Stunde
Für ein langes Abendrot.

Auch den Kühnsten eingemeinden,
Kann der Hof durch weisen Rat,
Doch zuletzt wird sich verfeinden,
Wer nicht Gunst schätzt, sondern Tat.

Und gehüllt in süßes Wissen,
Spürt der Held im Meeresblau,
Daß die Streiter ihn vermissen
Wie sein Herz die holde Frau.
 

 

49
 
Seine Insel hält die Waage
Hohem Traum und strenger Pflicht,
Und wer Zeit hat, schätzt die Lage
Zwischen Anspruch und Verzicht.

Namenlos in ungestümen
Wogen, eins mit Fels und Stein:
Welche Minne kann sich rühmen,
Solcher Opfer wert zu sein?

Doch die Fahrenden umwerben
Einen Ruf, der sich erneut,
Wenn die Kampfentschloßnen sterben
Unterm Schwert, das Milde scheut.

Wie das Rot der Hagebutte
Hell im Grün der Wälder brennt,
So verwirft die Dulderkutte,
Was sein Auge liebt und kennt.

Wer wie er zum Streit erkoren,
Dem vertraut der tiefre Blick
Treue nicht, die er geschworen,
Doch die Treue dem Geschick.
 

 

50
 


LYONESSE
Traum aus Buchs und Azaleen,
Lilienschwert und blauer Flachs,
Wo die Meereswinde wehn,
Sank ein Land wie weiches Wachs,
Trevilian beschrieb die Flut,
Daß kein Künftiger vergeß,
Wie am Meeresgrunde ruht
Lion bleau von Lyonesse.

Tristan kam von diesem Riff,
Das versank im Brodelschaum,
Keine Brise und kein Schiff
Führt ihn heim in seinen Traum,
Wer die Heimat nicht mehr kennt,
Fällt in Trauer und Tristesse
Und der Tod ist konsequent
Für den Helden Lyonesse.

Ob Isolde ihm die See,
Herrisch und an Wundern prall,
Er begehrt das höchste Weh
Und er sucht nach Schmach und Fall,
Hof und Schranzen narrt der Trank,
Doch dem Trinker bleibt Noblesse,
Denn für ihn ist alles krank,
Was ihn trennt von Lyonesse.
 

 

51
 
Wo die Muscheln sich am Herd,
Lachs und Flunder gütlich tun,
Wo dem First das Licht verwehrt,
Fuchs und Has beisammen ruhn,
Wo die Orgel nicht mehr schallt
Und uns ruft zu Heiles Meß,
Dort ist grad so jung wie alt
Tristans Eiland Lyonesse.

Wer bewahrt der Katastroph,
Ist im Herzen ganz zunicht,
Und am ruhmbedachten Hof
Schweigt er meistens oder spricht:
Schein ist diese Tafelrund
Und der Hirsch, den ich hier eß,
Denn ich lieg am Meeresgrund
In der Heimat Lyonesse.

Tod spricht Blust und Reifezeit,
Tod die Liebe fliederfarb,
Wer gestorben, meidet Streit
Und gefeit ist, wer verstarb,
Wem verlorn die Sonnenwelt,
Ist das Atmen schon Exzeß,
Ohne Klang die Glocke schellt
In die Riche Lyonesse.
 

 

52
 


AVALON
Nebel rings und nur ein Wort,
Sagenkreis in Traumes Haft,
Keiner reist nach diesem Ort,
Nichts die heilge Barke schafft.

Nach der Zeit der Questen fiel
Uns ein Schleier auf des Meer,
Von der Sehnsucht höchstem Ziel
Bringst du nicht ein Steinchen her.

Ists, daß uns zu fest der Schritt
Und zu grob die Hand, die faßt?
Die Legende spielt nicht mit
Im Gedräng der großen Hast.

Doch mag sein, was heute quält,
Fällt, daß nichts mehr spricht davon,
Dann wird fahren, wer erwählt,
Wieder auch nach Avalon.
 

 

53
 


HELIKE
Stolzeste Stadt im Archaischen Bund,
Trifft dich in blühender Schöne der Schlag
Beben zerstört die Gemäuer, der Grund
Sinkt, daß das Meer sich den Rest nehmen mag.

War dir Poseidon Patron und Garant
Für die Gewinne in Handel und Krieg,
Hat er die Tochter als Schlächter berannt,
Heim sie befehlend ins Mythen-Gewieg.

Hunderte Jahre noch schaut man vom Schiff
Klar durch das Wasser Ruine und Schneis,
Ehe der Mensch nach der Weltkrone griff,
Stören den Himmlischen jäh unsern Kreis.

Daß sich der Weltlauf im Schrecken erfüll,
Weiß dein Geschatt wie ein Saurierskelett,
Wie von Atlantis so kündet der Müll,
Davon daß Zeit unsere Träume nicht rett.

Platon, der endliche Ringe beschwor -
Hat ihn dein Schicksal zum Gleichnis bewegt,
Das unserm Sinn ins Zuerst und Zuvor
Jegliches Gold der Titanenzeit hegt?

Ob dies so sei, wird entschieden nicht mehr,
Aber den Dichter, den solches Los rührt,
Hast du, Erwählte, Geschlagene, schwer,
Mitten ins Zentrum des Traumes geführt.
 

 

54
 


MEROPIS
Kaum ward zur Schrift die Sage der Atlanter,
Schon grüßten Häme, Spott und Parodie,
Und mancher gab sich aus als ein Verwandter
Und sorgte, daß man rings vor Lachen schrie.

So gab uns Theopomp von Chios Kunde
Vom Eiland, das Meropis ward genannt,
Geteilt in Fromme und in Kettenhunde,
Die waffennärrisch ziehn durch jedes Land.

Das Glück ist ihnen Schmach und ganz verächtlich,
Sie rücken ab, wenn Widerstand nicht lohnt,
Am Rande wohnt Anostos mitternächtlich,
Drauf roter Dunst mit aller Trübnis thront.

Der Autor hofft nicht, daß der Leser glaube,
Und wählerisch sei bei Mixtur und Kost,
Ihm ist am wohlsten in der Narrenhaube,
Und starke Weine zieht er vor dem Most.

So soll uns auch die Kritelei nicht schmerzen,
Begrenzt ist doch das Reich von Schmäh und Fluch,
Die Sage von Atlantis geht zu Herzen,
Jedoch Meropis bleibt allein ein Buch.
 

 

55
 


PANCHAIA
Atlantis schuf den Dichtern ein Metier,
Das später als Utopia ward bekannt,
Ein Reich, das fern von den Historien steh,
Und aller Träumer Recht und Unterpfand.

Euhemeros kreuzte durch das Rote Meer
Gen Idia unter des Passats Befehl,
Arabien schien im glücklich, höchste Ehr
Erwies er Okeanos' Archipel.

Dort soll Panchaia fern von Dekadenz
Das Volk vereinen im Gemeinschaftsglück,
Das Streben nach Gewinn, kein Bürger kennts,
Was man erhält, gibt man vermehrt zurück.

Das Eigentum, das Hader schafft und Zwist,
Ist dort gemein, im Tempel sagt die Schrift,
Daß göttlich nur des Menschen Dienen ist,
Und daß man rings auf künftge Götter trifft.

So mancher hält dies für der Weisheit Kern,
Doch ist dies Kindsglück nur gemacht für den,
Dem alle Sehnsucht und die Schöpfung fern,
Und der bereit ist, sich im Kreis zu drehn.

Wer mehr verlangt, erfährt schon bald, daß Gott
Nicht nur erhält und Gleichklang will im All,
Nicht wächst die Welt im Dämmer und im Trott,
Sie lebt im Streit und sucht Triumph und Fall.
 

 

56
 


PUNT
Myrrhe, Gold, Weihrauchberg,
Pilgersold, Götterwerk,
Zedernwald, Sonnenmund,
Alt, uralt, Punt.

Dynastien zogen aus,
Hathor schien hier zuhaus.
Reichstem Jahr Scheitelstund,
Hochaltar Punt.

Lange gut Seth und Hor,
Geb und Nut täglich schor
Sich, wer rein front dem Bund,
Dem gemein Punt.

Wüstensand und erschöpft,
Unverstand Götter köpft,
Weisheit starb Stier und Hund,
Da verdarb Punt.
 

 

57
 


OPHIR
So wie Schliemann Troja glaubte,
Als man frühes Wort gering
Schätzte und an Kränen schraubte,
Daß man den Olymp bezwing,
War es manchem Forscher lieber
Seiner Bibel zu vertraun,
Als Tiberius in den Tiber
Und die Schrift hineinzuhaun.

Dorten steht an mancher Stelle,
Daß einst Hierams Schiffe froh
Ausfuhren nach der Sonnenhelle,
Schaffend Gold für Salomo,
Und das Land, wo solche Funde
Leicht und unermeßlich schier,
Führt das Königsbuch im Munde
Mit dem Namenszug Ophir.

Auf den Seglerkarten fehlend,
Ward vermutet Ost und West,
Kurs und Reisezeit verhehlend,
Legt sich der Chronist nicht fest,
Und die Gier nach Gold erweckte
Manchen Wahn und manchen Mord,
Trieb aufs Meer die buntgescheckte
Menge nach dem Mären-Port.
 

 

58
 
Zwischen Träumern und Phantasten
Spricht wohl für Rhodesien viel,
Schon Ägyptens Priesterkasten
Schickten aus nach diesem Ziel,
Durch das Rote Meer am Saume
Afrikas entlang nach Süd,
Hat schon früh dem Goldlandtraume
Aller Sonnenglanz geglüht.

Freilich hat am Gold der Tempel
Vorrecht, wo die Seele trinkt,
Unerfunden war der Krempel,
Der nach seinen Eignern stinkt,
Rein war Gold, was Frevlerhände
Fleckten, floh das Joch der Zeit,
Daß der Teufelsspuk verende,
Bleibt der Weg nach Ophir weit.

War es einst den Wirklichkeiten
Feil und hold und offenbar,
Wird kein Wind den Segler leiten,
Ist die Welt der Ehrfurcht bar,
Gott kann jeden Schatz verschenken
Vom Zenit bis zum Nadir,
Er erwählt und weiß zu lenken
In das goldne Land Ophir.
 

 

59
 


XANADU
Coleridge schrieb Kublai Khan,
Ein Gedicht in großer Hast,
Das im Traum ihm kundgetan,
Alph, der Strom, trägt den Palast.
Aber ein Besucher stört,
Schlägt das Buch des Hypnos zu,
Also floh uns unerhört,
Was sich sagt von Xanadu.

Auf der Grotte, ganz von Eis,
Hob sich Glanz, der zart und licht,
Aber was der Träumer weiß,
Faßt zuletzt die Feder nicht.
Wo er sich dem Leben beugt,
Flieht der Angelos im Nu,
Also bleibt uns unbezeugt,
Das Geschehn in Xanadu.

Verse, sagt man, tragen dich.
Gib dich hin dem Wellenspiel!
Doch der Puls der Quelle wich,
Und verrät nicht Weg und Ziel.
Wo die Flut der Woge weicht,
Zeigt sich nur die Grabesruh,
Nur für einen Atem reicht
Jeder Weg nach Xanadu.
 

 

60
 
Mancher suchte das Gespinst
Fortzuknüpfen mit Geduld,
Doch daß du den Ort gewinnst,
Brauchts des Todes Bruderhuld,
Die dich zwar zuzeiten neckt
Als dein Lieb, mir dir auf du,
Doch der Tag weiß unbefleckt
Unsern Traum von Xanadu.

Niedre Geister nehmen frech
Dieses Wort als Siegelring,
Doch wissen selbst vom Pech,
Daß ihr Kranz ein leeres Ding.
Ihre Glimmer-Schwinge stutzt
Sonne, und der Staub am Schuh
Sagt: es bleibe unvernutzt
Alles Gold aus Xandadu.

Alter kommen, Alter gehn,
Täuschungen verweht der Wind,
Doch im Wechsel bleibt bestehn,
Daß wir tief gebunden sind.
Bis zum Schluß der Zeiten gilt,
Daß der Mensch geblendet tu,
Und die Sehnsucht ungestillt
Rufe an als Xanadu.
 

 

61
 


KRAKATAU
In der Tiefe, die uns fremd,
Drübers Meer die Sande schwemmt,
Brodelt Glut und ballt sich Druck,
Der beschämt das Blitzgezuck.

Wo du traust dem Sonnengold,
Magma west und sinnt und gollt,
Bis zuletzt die Kruste kracht
Und das Maß der Welt verlacht.

Als der Krakatau zerstob,
Einen Pilz von Bims erhob,
Losch die Sonne, staubgeschwärzt,
Und der Tag schien ausgemerzt.

Meer floß in den Kraterfall,
Abgewehrt mit lautstem Knall.
Eine Welle wie ein Turm
Schlang die Küsten weit im Sturm.

Erstmals sprach in Ost und West
So der Elemente Fest,
Ungeschlacht und urtagsroh,
Daß der Mensch der Maulwurfsfloh.

Wo verlosch der Eiland-Sporn,
Wächst uns neu der Feuerzorn,
Und der Tag ist ausgemacht,
Wo er ruft die Weltennacht.
 

 

62
 


TONGATAPU
Als James Cook nach Tonga kam,
Fand er ungewohnte Scham,
Denn der Landeskinder keins
Freute sich des Sonnenscheins,
Niemand setzte sich ins Gras
Oder von den Früchten aß.
Warum langt ihr denn nicht zu? –
Diese Insel ist tabu.

Unbegründbar das Gebot,
Was dem Bannverletzer droht,
Spricht nicht aus, wer eingeborn,
Und auf lauter taube Ohrn,
Trifft, wer fragt und prüfen will.
Was Gemeingut bleibt und still,
Weigert sich dem Licht des Worts
Und benamt das Heil des Orts.

Was uns Cook ins Abendland,
Brachte, ist meist unbekannt,
Doch das Wort, das er gehört,
Hat Europa tief verstört,
Denn man sah auch unser Tun
Tief auf Denkverboten ruhn,
Also ward die dunkle Kraft
Hauptwort uns und Eigenschaft.
 

 

63
 
Der Vernunft ein Geist-Advent,
Aufgeklärt die Zeit sich nennt,
Und Tabus endeckt man jetzt,
Der Franzos den Degen wetzt,
Was da mittelalter-alt,
Trifft der Spott in manch Gestalt,
Was dem Wohlsinn nicht mehr taugt,
Wurde lang genug geglaubt.

Und bei Schriften bleibt es nicht.
Thron und Kirche vors Gericht!
Auch die Königin, geköpft,
Nicht die Rebellion erschöpft.
Übern Rhein die Fahne zieht,
Manches Heer geschlagen flieht,
Überall wird aufgeräumt,
Auch das Reich zu End geträumt.

Doch der Geist ist Sehnsucht stets,
Wie hinauf hinunter gehts,
Die Romantik nun begehrt,
Was man grade abgeklärt,
Und es kommt in Mode bald,
Die Vernunft sei öd und kalt,
Heim zu Krypta, Schrein und Truh,
Heißts, es kehr uns das Tabu.

Seither nennen schwarz und rot
Stets den andern Schmerz und Not,
Ob der Wandel Freiheit schenk,
Oder Gott seit alters lenk,
 

 

64
 
Weihn sich Waffe, Kunst und Recht
Offnem und Geheim-Gefecht,
Und der Riß durch Welt und Wind
Geht durch jedes Menschenkind.

Jed Tabu – ob ich es stürz?
Mit dem Unbekannten würz
Meine Speis, mein Hoffen wirr?
Ob nicht Gott gar selber irr?
Tausendfältig klopft die Frag
In die Nacht und in den Tag,
Und ein Stern ist nicht zu schaun
Zwischen Zweifel und Vertraun.

Also spricht der Dichter leis,
Daß er nicht den Ausweg weiß,
Denn die Frucht von Edens Baum,
Hat gemacht uns Zeit und Raum,
Also prüf dein Herz im Kern,
Ob du nahseist oder fern,
Ob der Schleier Heil und Glück
Oder dir das Licht zerdrück.
 

 

65
 


PAGAN
Doppelsporn im Marianenbogen,
Schmaler Isthmus zwischen Grün und Golln,
Zwergenerde, wo Poseidons Wogen
Kaum genarbt durch Auf- und Abgang rolln.

Heideninsel heißt du unbestritten,
Weil nicht Pflug und Kirche dir Gestalt,
Nicht die Mühn erwerben dich, die Sitten,
Und Geschichte macht dein Herz nicht alt.

Daß der Fritz das Urgestein erwandre,
Grüßte einst die Flagge schwarz weiß rot,
Ähnlich, wie in spätrer Zeit die andre,
Die dem Mond bezeugte Nacht und Tod.

Narren tauschten Telegraph und Weiser,
Meinten Herrn an diesem Port zu sein,
Doch der Queen so wenig wie dem Kaiser,
Fügt sich dieses sperrige Gestein.

Als der Krater wieder einmal fauchte,
Floh der letzte, der zu siedeln froh,
Und seither er keine Mühe brauchte,
Daß er einem Okkupanten droh.

Also falln die letzten Mauerreste,
Jeder Buchstab auf den Schildern blich,
Fegt der Seewind früh dem Sporn die Weste,
Sind die alten Götter unter sich.
 

 

66
 


TUVALU
Splittersammlung winziger Atolle,
Großmut schien, was dich gemacht zum Staat,
Doch die Flut, begehrlich nach der Scholle,
Ätzt mit Salz die hoffnungslose Saat.

Stritt man einst um jeden Untertanen,
Sind nun die Bewohner unbequem,
Steigt das Meer, die Fristen anzumahnen,
Lästig scheints, daß wer die Leute nehm.

Dutzend Ellen trennen vorm Ertrinken,
Doch zur Panik, sagt man, sei kein Grund,
Dreißig Lenze noch bis zum Versinken,
Lieber denk an den Finanzenschwund!

Wer getaktet lebt nach Wahlperioden,
Hält Jahrzehnte für ein taubes Ei,
Wer im Halbjahr sieht das Maß der Moden,
Fordert, daß nur dies gewürdigt sei.
 

 

67
 


THULE
Geheimnis und schillernde Rune,
Was einer erfahr und erhoff
Verbindend als Nordhimmel-Bune,
Geschmeide von mythischen Stoff,
Von Griechen als Weltrand beschrieben,
Von Asgard mit Traumgold betaut,
Ist Thule das Eiland geblieben,
Das rein auf die Polkappe schaut.

Manch Forscher versuchte zu orten
Das Land, das dem Herzen gewiß,
Doch findet kein Segler die Pforten,
Eh Odin den Himmel zerriß,
Es ist nicht auf Karten zu bannen,
Es taugen nicht Kompaß und Stern,
Doch träumst du den Traum der Normannen,
Empfängt es dich willig und gern.

Der Volksglaube reimte beständig
Die reinere Luft und den Strand,
Hier blieb eine Hoffnung lebendig
Und wahrhaft ein gotisches Land,
Man sagte in Liedern und Mären,
Dem Hohen, das manchmal uns streift,
Wollt Gott eine Heimat gewähren,
Die wahrt, was das Festland zerschleift.
 

 

68
 
Es wird die Magie dir nicht frommen,
Kein Mond, keine Schlange, kein Kraut,
Du wirst nicht ins Thuleland kommen,
Eh du es nicht selber erbaut,
Es hilft dir kein Flügel, kein Wagen,
Selbst Oluf, der göttliche Schmied,
Durft einzig die Hufe beschlagen
Der Mähre, die nordhinnen zieht.

Dein Teil ists, den Traum zu besingen,
Der leuchtet als namloser Stein,
Wenn orphische Hymnen gelingen,
Läßt Midgard den Fahrenden ein,
Dann wird sie verwunschen zum Skalden
Und raunt, was Germania genannt,
Und wenn sich die Wogen bewalden,
Schaust du das verheißene Land.
 

 

69
 


GOTENHAFEN
Wir schreiten in der Abendsonne
Und schweigen, wo kein Vogel klagt,
Wir spüren eine Marschkolonne
Von Geistern, die kein Tag verjagt.

Die Form und die Magie der Mole
Zwingt uns zum Takt in Puls und Fuß,
Dies ist kein Rausch vom Alkohole,
Es ist, als kläng der deutsche Gruß.

Wir sprechen später erst darüber,
Doch geht uns gleiches durchs Gemüt,
Der Dämmer wird kein bißchen trüber,
Ehr schärfer alles zackt und glüht.

Ein Wall, da kraxeln wir ins Hohe,
Ein Warnschild ruft nach einem Reim,
Dann dämpft die wagerechte Lohe
Ein Waldstück lind, als seis daheim.

Wir stelln den Rucksack ab und sitzen
Beim Vesper bald mit Käs und Brot,
Wo nur vereinzelt Strahlen blitzen,
Der Frieden scheint mit uns im Boot.

Doch während wir nicht mehr versäumen,
Was Gaumen und dem Magen gut,
Muß doch ein Auge weiterträumen
Und fragen, was wozu wohl gut.
 

 

70
 
Wie eine Schrift gegrabner Zeichen,
Erst hie und da und dann ein Netz!
Wer tats? Was wollte er erreichen?
Wo löst sich das Geheimgesetz?

Zu flach, daß Schützen sich verschanzen,
Doch mags dem Nachschub Hilfe sein,
Das Grabenwerk, vereint zum ganzen,
Lädt uns auf einen Hügel ein.

Der protzt mit unverhofftem Lohne,
Ein Bunker steil und fast sakral,
Die Stellung mit der Flak-Kanone,
Die phallisch zeigt des Reichs Fanal.

Die Symmetrie erscheint vollendet,
Aufzüge rechts und links versehn
Den Schützen, der das Unheil wendet,
Mit Sprengkraft, unbesiegt zu stehn.

Dies alles wirkt wie grad verlassen,
Allein die Spinne zeigt uns an,
Daß, um vor Bombern nicht zu passen,
Die Haltbarkeit den Preis gewann.

Wir schaun aus jeder Perspektive
Das Meisterwerk des Willens an,
Als ob der Herr der Feste schliefe,
Bis er den rechten Tag gewann.

Detail und Konzeption versprechen,
Daß sich der Streiter nie ergibt,
 

 

71
 
Es mußten erst die Augen brechen,
Eh niemand die Granaten schiebt.

War dieser Wald ein Meer von Flammen?
In fünfzig Jahrn vergißt das Grün,
Wir reimen uns den Schluß zusammen
Und sehen selbst den Aufzug glühn.

Doch heller noch das Aug des Jungen,
Der mitten ins Geschwader schaut,
Und der im Herzen unbezwungen,
Dem Arm und seinem Rohre traut.

Dann aber schlägt ein Bombensplitter
Von hinten durch der Wirbel Band,
Und während blitzt das Stahlgewitter,
Liegt noch am Rohr die schmale Hand.

Wir finden, ist erst eins gefunden,
Noch manches Rohr in diesem Kreis,
Dann sagt ein Zaun uns unumwunden,
Wir seien ziemlich naseweis.

Nun ja, im jetzigen Regime
Im Zaun ein Loch ist niemals weit,
Wir meinen, daß der Weg uns zieme,
Und danken für die gute Zeit.

Doch wenig durchs Gehölz gebrochen,
Wir eine Panzerstraße sehn,
Nun freilich ist genug gekrochen,
So kann man besser weitergehn.
 

 

72
 
Quartiere stehn da bald in Reihe.
Dies war doch nicht der rechte Weg!
Da kommen der Soldaten zweie,
Weshalb ein Kehrt nun gar nicht geht.

Sie grüßen nicht, doch sie beachten
Uns auch nicht feindlich oder scheu,
Und wie wir nach dem Ausweg trachten,
Kommt schon das Tor – bei meiner Treu!

Nun haben wir zwar schon im Hafen
Am Ausgang lax den Paß gezückt,
Gleichwohl auch Genien müssen schlafen,
Drum selten solches zweimal glückt.

So geht es wiederum ins Grüne,
Bevor es weicht dem kahlen Tuff,
Die roten Leuchten auf der Bühne,
Sie zeigen an, daß hier der Puff.

Ja freilich, wir sind ja in Polen,
Es wird bei Nacht erst richtig hell,
Wo nicht mal Stalin den Katholen
Zu nehmen wagte das Bordell.

Doch dies verdirbt uns nicht die Laune,
Der Hügel hat ein Zwiegesicht,
Das rote hier und dort das braune,
Und wer dies sah, vergißt es nicht.
 

 

73
 


NEUSCHWABENLAND
I

Das deutsche Stück Antarktika
Nicht tote Stürme bloß durchwehn,
Was Gottes Geist am Anfang sah,
Schwebt hier auf über hundert Seen.

Viel Arten Algen netzt der Born,
Von Moos berankt bei neunzehn Grad,
Die Flechte liegt wie immer vorn,
Ihr wärs um diese Nische schad.

Bei Mühlig-Hoffmann im Gebirg
Sturmvögel brüten ungestört,
Und manches Jahr man im Bezirk
Sogar die Buntfuß-Sturmschwalb hört.

Doch unterm Eis, vom Sturm verschont,
Solln noch viel größre Wunder sein,
Wo erdbeheizt viel Wasser wohnt,
Dringt man nur mit dem U-Boot ein.

Es heißt, eh uns der Krieg verschlang,
Bezog ein Fähnlein das Quartier.
Doch sag – entgings dem Untergang,
Daß siebzig Jahre nichts passier?
 

 

74
 
II

Flugscheiben, denen See und Luft
Vielleicht sogar das Weltall feil,
Man baut sie dort, und aus der Gruft
Kommt manchmal hoch so flinkes Teil.

Auch seien Amis, die hier frech
Zu lange Nase reingesteckt,
Beklagend bald ihr großes Pech,
Geflohn, vom Angriff aufgeschreckt.

Vielleicht hat die SS allein
Nicht dieses Schauspiel aufgeführt,
Daß da auch Außerirdsche sein,
Hat mancher Visionär gespürt.

Wurmtunnel sein gewiß am Pol,
Daß fernste Welten man beehrt,
Am Ende ist die Erde hohl,
Nord ein, Süd aus und umgekehrt.

Der Mensch, der fabuliert, beweist,
Das er nicht grast und wiederkäut,
Doch wenn dies ohne Maß passiert,
Dann nenn ichs eine Flucht vorm Heut.

Gar mancher, der für Galaxien
Die Nächte raubt dem Bruder Schlaf,
Bei meiner Frage, wem dies dien,
Nicht ansatzweis ins Schwarze traf.
 

 

75
 
III

Das Kartenwerk des Piri Reis,
Gezeichnet zu Kolumbus' Zeit,
Auffallend viel antarktisch weiß –
Was stand dem Admiral zur Seit?

Uraltes Wissen, Hochkultur,
Als dort das Wetter mild und lind,
Vielleicht sogar Atlantis' Spur,
Ein Glück, draus wir gefallen sind.

So wohl das Ahnenerbe meint,
Doch sag ich drauf zuerst zuletzt,
Solch Ahndung mir entbehrlich scheint,
Wenn Beelzebub das Land besetzt.

Ein Unbekanntes Flugobjekt
Dem Deutschen nicht die Ketten sprengt,
Denn auch in dieser Maske steckt
Der Mob, der unsern Herrn gehenkt.
 

 

76
 


OZ
I

Ballone und dann später Zeppeline
Verhießen, daß die Luft uns werd zur Welle,
Sie fügten Technik an des Teppichs Stelle,
Von dem es hieß, daß Salomo er diene.

So drang das Meer ins Trockene und Helle,
Atlantis ließ die Algen und Delphine,
Und Wüstensand, Gebirges Schneelawine
Verbargen nunmehr die Legendenquelle.

So muß auch Sindbad nicht mehr Segel spannen,
Ein Sturm entführt ins Wunder einen Wagen,
Ein Kind mit einem Hündchen schwebt von dannen.

So mischt sich der Maschinendienst den Sagen,
Und süchtig macht, was Dichter so ersannen,
Daß Tausende bei ihrem Tode klagen.
 

 

77
 
II

Amerika, das Land der Möglichkeiten
Ersann die Politeia kleiner Kinder,
Wo Vogelscheuchen Bestien-Überwinder,
Und Eisenleute sich dem Herzschmerz breiten.

Die Phantasien der flügelleichten Finder
Verniedlichten die Räume und die Zeiten,
Ein Eimer Wasser kann ein Reich bestreiten,
Und nur im Zufall tötet man die Schinder.

Man wird gewahr den Kern in diesem Trotten,
Erfährt man, daß der Autor dieser Fabel
Empfahl, die Indios gänzlich auszurotten.

Setzt der Verwöhnte sich als Weltennabel,
Verwunderts kaum, doch es vergeht das Spotten,
Belehrt uns Kain, es wär ein Glück für Abel.
 

 

78
 
III

Im Rußland Stalins war die Schelm-Geschichte,
Darin ein Gaukler den Gorgonen Meister,
Ein Stoff, dem mathematicus in freister
Bearbeitung gab die gewünschte Dichte.

Die Kraft der Schwachen heißt der Szenen-Kleister,
Und nichts und niemand bremst den Weg zum Lichte,
Das Kainsmal fällt, und daß die Welt zunichte,
Geschah der Sturm der hexenhaften Geister.

Die Kinder wußten wohl, wer diese Schlimmen,
Denn Zwischentöne kennt man hier nicht viele,
In Gingema sieht man Germania glimmen.

Im Märchen sprechen ungebremste Spiele
Im Reinen so wie im verderblich Grimmen,
Doch echte Märchen taugen keinem Ziele.
 

 

79
 
IV

Die Mären, die dem Traum des Volks entsprießen,
Vermissen nicht die Kunst der Ingenieure,
Daß Gegenwart wie Technik hier nur störe,
Empfanden jene, die sie schreiben ließen.

Daß uns der Kern des Menschlichen betöre,
Gilts nicht mit Pulver und mit Blei zu schießen,
Ein Buch auftun heißt sich dem Spuk verschließen,
Der täglich sucht, daß ihm die Welt gehöre.

Drum ist der Schatz der Völker nicht zu mehren,
Wenn Broterwerb die Dichtung neuer Wunder,
Mag sich auch so viel Leserlust verzehren.

Wo Lüge spricht, sie hülfe uns profunder,
Ists forscher, die Wahrhaftigkeit zu ehren
Und Märchenschreiberei der reinste Plunder.
 

 

80
 


FAUST
I

Er ist ein Träumer, aber nicht besessen
Von der Idee, es würd sich alles fügen,
Würd seinem Traum die Macht der Welt genügen,
Und alles, was dagegen spricht, vergessen.

Er weiß von Wahrheit wenig, doch von Lügen
Genug um klug zu sein, sie nicht zu fressen,
Und auch im Traum vergißt er niemals, wessen
Die Gäule sind, die seine Wägen zügen.

Ihm ist die Tat zum Traum nicht Antipode,
Das Doppelantlitz aller Schöpfung inne,
Sieht er im Acker stets die Waldesrode.

Doch auch die Schuld verdirbt ihm nicht die Sinne,
Und der Vergebung dichtet er die Ode,
Den träumerischen Weckruf: Nun beginne!
 

 

81
 
II

Schlafwandlerisch ist alles Überwinden,
Magie, die Medien nicht gesucht und Pole,
Fragt nie, ob Außen oder Ich die Hohle,
Darin die Pfade sich im Kreuze finden.

Was ihm begegnet, wird ihm zum Symbole,
Zur Mächtigkeit, zu lösen und zu binden,
Und er erkennt die Ketten, die uns schinden,
In unsrer Jagd nach ungetrübtem Wohle.

Das Zentrum seines Traums heißt immer Schaffen,
Sein Wille an der Stumpfheit nicht erkaltet,
Und unter Menschen träumt er von Giraffen.

Auch wenn sein Bild im Zeitenwahn veraltet,
Ein Kapitän, den sah man fröhlich paffen –
Wer weiß, in welcher Träumerbrust er waltet.
 

 

82
 
III

Er leugnet nicht, mit Teufeln zu paktieren,
Wie in der Welt nichts sein kann ohne Wider,
Er singt den Kranken nicht Erbauungslieder,
Doch seinen Beistand fürcht nicht zu verlieren.

Er fühlt sich wohl im Panzer, im Gefieder,
Ob Kränze oder Lumpen ihn verzieren,
Er hält es mit den Winden allen vieren,
Und manchmal tarnt ihn, daß er allzubieder.

Der Widerspruch der Welt hat ihn gerufen
Und ihm erschien die Werbung nicht zu schäbig,
Denn er begreift die Prüfungen als Stufen.

Als Bienenstock, der süß und hundertwäbig,
Preist er die vielen, die gewaltig schufen,
Und tuts mal flink und manchmal recht behäbig.
 

 

83
 
IV

Man hat so viel gekräht nach Doktor Fausten,
Daß Kinderscharen rief man zum Appelle,
Die Interpreten taten oft recht helle
Und merkten nicht, wem ihre Worte grausten.

Im Volksbuch wars ein seltener Geselle,
Ein Klotz dann von den gröbsten und den rauhsten,
Wenn Winterstürme arg und böse brausten,
Dann warnte man vom übelsten der Fälle.

Wir alle sind mit Teufeln nicht nur lose
Verbandelt und mit üblen Machenschaften,
Die allgemein im Schloß und in der Gose.

Doch Liebe läßt das Leben uns verkraften,
Und der Hand die unsichtbare Rose
Bleibt unsre Seele nicht am Abgrund haften.
 

 

84
 


DORESTAD
Was wir mit zitternden Händen ins Weltwetter stellen,
Was wir an Häfen, an Städten und Kreuzungen baun,
Dem sind bereit schon die alles zerbrechenden Wellen,
Über der Unterwelt Zorn, den die Augen nicht schaun.

Blüte solange der Rhein sich im Mündungslauf gabelt,
Friesische Gründung in Handwerk und Fernhandel frei,
Aber der Rhein ist es auch und agiert abgenabelt,
Schwenkt seine Arme, daß anders die Flußlandschaft sei.

So wird die Stadt nicht durch Flut und verrottete Deiche
Opfer Poseidons, der jäh und besinnungslos schlägt,
Sie muß verdursten und stirbt als gekettete Schleiche,
Weil das Gewerbe das Abseits der Lage nicht trägt.

Bald schon verfallen Paläste und endlich die Mole,
Krähenvolk kreist, wo die Hunde verenden in Not,
Trolln sich die Seelen, bevor sie der Belzebub hole,
Zieht als Alleinherrscher durch alle Gassen der Tod.
 

 

85
 


RUNGHOLT
Niederholz, das hier nicht häufig,
Brachte dir den Namen her,
Doch der Chronik ist geläufig
Nur dein Schicksal, das das Meer.

Warften, Schleusen und Zisternen,
Eine Pflugspur noch im Schlick,
Die Grassoden zu entfernen,
Reichte wohl ein böser Blick.

Oder warn es Glanz und Schätze?
Wen das Unglück überrollt,
Hört die schadenfrohe Sätze,
Die Vernichtung folge Gold.

Lächerlich die Neider-Sagen,
Doch zu recht man groß dich nennt,
Weil du mit beladnem Wagen
Stehst am Tor vom Zeitenend.

Andre, die den Boden laugen
Und als Schattenlose gehn,
Machen endlich große Augen,
Wenn sie vor dem Richter stehn.
 

 

86
 


EYDUM
Eydum, sag mir, was verdroß
Deinen Genius Westerland,
So, daß er die Chronik schloß
Und zerschnitt das Himmelsband?

In der Nacht von Allerseel
Kam die Flut und trieb das Volk
Auf die Geest, als ob sich Hel
Borgte die Gewitterwolk.

Abschied, sag -- für immer? trifft,
Was das Meer gefressen hat,
Muscheln, Seestern, Quallengift
Ewig an der Menschen Statt?

Manchen Tag der Flut entragt
Noch der Kirchturm, barmt und wacht,
Bis auch er der Zeit entsagt
Und zerfällt in stiller Nacht.
 

 

87
 


ORPLID
Dem Gedenken Eduard Mörikes

Weylas Kind, das leuchtet fern,
Sonnenstrand und Wandelstern,
Dem wir folgen durch die Zeit,
Immerfort zur Fahrt bereit.

Wo der Schwab behäbig schmaust,
Eine fremde Unruh haust,
Nicht mit Lärm und Unverstand,
Doch sie weiß von einem Land.

Ist es nichts als Litratur,
Oder ist der Mann Augur,
Der Gedichte sorgsam spricht
Und die Freiheit zeigt der Pflicht?

Jungfraun lieben Poesie,
Aber ernst ist solches nie,
Gleichwohl vor des Doktors Red
Bleibt es still wie beim Gebet.

Griechisch sind das Licht, das Meer,
Aber deutsch die Sehnsucht brennt,
Darum ist begnadet, wer
Weylas Lied von Orplid kennt.
 

 

88
 


RAMSEE
Andechsher gen Wartaweil
Mußt du gehn am Ammersee,
Lange Zeit lag hier das Heil
Auf dem Ort wie winters Schnee.

Dann wollt niemand länger hier
Acker haben, Vieh und Heim,
Bei der Brotzeit und beim Bier,
Findt kein Wandrer drauf den Reim.

Nicht wie einst Damasia sank,
Da zwei Schwestern Flut beschworn,
Dieser Ort war innerst krank
Und hat sich im Nichts verlorn.

Ob ihn Feuer so verheert,
Daß hier keiner wollt mehr baun?
Alle Kunde bleibt verwehrt,
Wenn wir karge Reste schaun.

Die Zisterne und ein Stein,
Der gemahnt an Christi Haus,
Mulden sollten Keller sein,
Aber fort sind Mann und Maus.

Ratlos sprichst du ein Gebet,
Daß der Heiland sorg und wach,
Daß dein Dorf noch lange steht,
Gartengrün mit rotem Dach.
 

 

89
 


VINETA
Vineta, sang die Mutter mir,
Vineta, ach, wie warst du hehr,
Vineta, aller Balten Zier,
Warum nahm dich das kalte Meer?

Dies sind die Weisen, die betörn,
Als Kind, als Mann, zur Todesstund,
Im Seewind meint man noch zu hörn
Den Glockenklang vom Meeresgrund.

Die Sage ist recht rasch erzählt,
Die Hoffart und die Eitelkeit
Ham statt des Herrn das Gold gewählt
Und grinsten dabei frech und breit.

Durch Spiegel, farbig hell im Dunst,
Und durch der Meerfrau Abgesang,
Erkannte wohl die Wahrsag-Kunst,
Daß nah der Schreckens-Untergang.

Doch soll das Urteil Demut nicht
Gefunden haben, Buß und Reu,
Vinetas Volk hielt das Gericht
Für Spuk und blieb sich selber treu.

So mags gerecht gewesen sein,
Daß jeder Damm zur Stunde brach,
Jedoch, ach, Mutter sing, ich wein
Und träum den kalten Fluten nach.
 

 

90
 


EICHENHAIN
Frostig und verweist am Morgen,
Feucht vom ungestürzten Wein,
Sollst du nicht bei Odin borgen,
Seine Raben nicht entleihn.
Laß im Offnen Gram und Sorgen,
Tritt, beschwingt in Herz und Bein,
Unterm Laubicht hoch geborgen,
Heiter in den Eichenhain.

Wer in diese See zu stechen
Weiß, ist noch vor Sol am Ziel,
Aus dem Stamm der Eiche brechen
Löwe, Natter, Krokodil,
Was die Bilder dir versprechen,
Taugt auch dir zum Minnespiel,
Was der Baum in seinen Flächen
Trägt, verheißt den großen Stil.

Faucht der Drache aus der Rinde,
Frucht aus göttlichem Inzest,
Scheu und Ekel überwinde,
Nimm ein Ei aus diesem Nest,
Wer sich fand in solchem Spinde,
Hält die Segenspfänder fest,
Reich an Ernten und Gesinde,
Bis der Odem ihn verläßt.
 

 

91
 
Ringe, die der Schlange gleichen,
Recken sich zum Licht empor,
Weit verzweigt, doch in den Speichen
Wölbt sich gotisch Gruft und Chor,
Fand die höchste Rang und Zeichen
Unterm Hammerschlag des Thor,
Sink ins Traumgeheg der Eichen,
Kind und allem Tag zuvor.

Weisheit herrscht in Balders Halle,
Und du saugst das Flüstern ein,
Eh das Horn des Weidners schalle,
Soll ihr Rat der deine sein,
Nicht der Aar mit harter Kralle,
Nicht das Gift, das Ottern spein,
Übertrifft die Wunder alle,
Aufgetan im Eichenhain.
 

 

92
 


RAVENSBURG
Weisheit des Türmers in luftiger Weite,
Stumm, wenn die Biene den Quendel umkreist,
Sag, was versprechen die rauchenden Scheite,
Rater der Mitternacht, sag, was du weißt.
Nicht soll die Springwurzel Gold offenbaren,
Aber des Rabensteins Träger begehrt
Deutung im Dunst, den die Westwinde scharen,
Kunde vom Sturm, der die Gärten verheert.

Höre, der Bogen des Ull ist zersplittert,
Pfeil, der die Wildgänse einstens geschreckt,
Modert am First, und die Halle verwittert,
Eibental fiel, und den Westhimmel deckt
Rauch aus den Schloten der Köhler und Schmiede,
Adler verschwanden, doch Spatzengeplärr
Plustert sich auf unter Rostheims Aegide,
Pafft und palavert und niemand ist Herr.

Weisheit des Türmers in sonniger Höhe,
Fiel, was der Fittich des Falken erschwingt,
Schlaffen die Segel, verriet uns die Böe,
Sag, ob der Süd uns nicht holderes bringt.
Ist doch die Sonne seit Menschengedenken
Ansporn dem Stolzen und männlichem Mut,
Unrat und Schmutz auf den goldenen Bänken
Duldet kein Krieger von edlerem Blut.
 

 

93
 
Höre, die Eichen sind Rädern gewichen,
Heuschreckenartig durchwimmeln das Land
Feurige Mischwesen, blitzend gestrichen,
Seidwerk des Kleinmuts in ratloser Hand.
Viel ist geschehn, seit der glänzende Balder
Breidablick ließ, und mag sein, daß bei Hel
Ruhmreicher dauert der Steppenbewalder
Als in der Wüste Zerstörungsbefehl.

Weisheit des Türmers in stürzenden Bächen,
Tränen des Himmels, die Jörd nicht mehr faßt,
Lohne es uns noch in die Welle zu stechen,
Sind auch die Wunder des Nordens verpraßt?
Loki entwindet sich listig dem Hamen,
Ob ihn auch Thor, der Gewaltige, fing,
Aber die Fluten, aus denen wir kamen,
Hüten das Leben und schließen den Ring.

Höre, am Nachenzaun trieb man die Furche
Tief in den Sund, wo nach Steinöl und Pech,
Möwen vertilgend wie Otter und Lurche,
Gräbt das Gewürm, im Entheiligten frech.
Wisse, das Meer kann uns nicht mehr ernähren,
Schwarz und vergiftet sind Hering und Hecht,
Triebe den Wanen zurück zu den Schären
Heimweh, bekäm ihm der Pestgestank schlecht.

Weisheit des Türmers im fliegenden Samen,
Hortner der Saaten bei kargester Kost,
Kundig der vielen vergessenen Namen,
Sag doch, was tut sich im ferneren Ost.
 

 

94
 
Hast du das Auge mit dreifach geweitet,
Leih mir den letzten, den wichtigsten Rat,
Hat uns Verhängnis nach Westen geleitet,
Wird uns im Morgen der leuchtende Pfad?

Närrisch dem Ratlosen Weisheit zu raten,
Widars Gedörn streckt sich weiter, als je
Einer geblickt, als die Kunde von Taten
Vordrang und weiter als Lohe und See.
Niemand wird je diese Weiten begreifen,
Als durch die Welten, dem Menschen verwehrt,
Laß deine eigenen Dinge nicht schleifen,
Während du schwatzt, losch die Flamme im Herd.

Weisheit des Türmers, am Ende nicht schlauer,
Sieht sich der Frager ins Dunkel gerückt,
Doch er versteht die unendliche Trauer
Odins, der sich mit zwei Raben bestückt.
Nicht an den Lauf aller Dinge zu rühren
Fordert die Sage, zu Ende gedacht,
Rabensteins Träger, du ahndest, sie führen
Mit dir und ohne dich tief in die Nacht.
 

 

95
 


NOATUN
Tauch ins Gesicht
Der Riesenfrau
Und heisch das Licht
Aus Weiß und Blau:
Mit Fisch, gedörrt,
Und Gold in Truhn
Erwarte Njörd
In Noatun.

Die Strophe sing
Und gleich dem Schwan,
Eh dich verschling
Das Netz der Ran,
Im Treibholz such
Das fremde Wort,
Im Segeltuch
Den Wellenhort.

Mit Lachs und Stör
Den Fjord bemüh,
Leih dein Gehör
Dem Goldgesprüh,
Dem Wogenkamm
Sei Dramaturg
Und ruf den Hamm
Der Wasserburg.
 

 

96
 
Befrag den West
Nach Herd und Haus,
Die Saga läßt
Den Sturz nicht aus,
Im Dünensand
Die Schwerter ruhn,
Die Flotte schwand
Aus Noatun.

Im Seidwerk lern
Den Runenrat
Und frag den Stern,
Wer drunten naht,
Doch macht aus Schaum
Der Weiser kund
Allein den Traum
Von Rudersund.

Geschwisterkind
Nach Wanenrecht
Sei unterm Wind
Der Hornungshecht
Und kehr zurück
Zu Laich und Keim,
Ins Gatten-Glück
Bei Wogenheim.

Erkenn im Aal,
Was Weitblau tut,
Dem Herrn der Wal
Laß Met und Blut,
 

 

97
 
Berühr das Wrack
Mit Eisenschuhn,
Dein Herz beflagg
In Noatun.

Im Godenland
Verfiel das Thing,
Das Kreuz verbannt
Den Midgartring,
Ob auch ein Trick
Des Gaukles blufft,
Im Norden blick
Das Schiffsgehöft.

Was wir, was war,
Macht nur die Flucht
Dir offenbar
Im Schwarm der Bucht,
Erkenn die Zunft
Im Lied der Fraun,
Die Wiederkunft
Am Nachenzaun.

Vermähl den Reim
Dem Asen-Schiff,
Verlaßnes Heim
Versorg und triff,
Als sei schon längst
Das Einst im Nun,
Den weißen Hengst
In Noatun.
 

 

98
 


ELYSIUM
I

Nicht länger säum, das Paradies zu schildern
Im Maß, das dir der Schatten gab der Eichen,
Als könntest du den großen Meistern gleichen,
Faß unverzagt nach Melodien und Bildern.

Laß dich vom Kleinmut nirgendwo erweichen,
Den Verse ins Maß der Gegenwart zu mildern,
Du darfst im Uferschlamm der Ebbe wildern
Nach Mythen, Wappen, Traumgetier und Zeichen.

Dann wird der Maiwind hell und seidig fönen,
Den Strand vor Tag mit weißen Rosen krönen,
Noch ehe der Gesang am Quell erwacht,

Der aufsteigt, um die Gipfel zu versöhnen
Mit Stimmen, die im Grottengrund ertönen,
Das Gold der Sonne mit dem Gold der Nacht.
 

 

99
 


II

Des Frühsten und des Spätesten gedenke,
Den trüben Mustern danke wie den scharfen,
Und auch dem Traum, der in zerstörten Larven
Nie blüht und reift, die wachen Augen schenke.

Bezieh die Weiser ein, die dich verwarfen,
Im Morgentau den Speer der Herrschaft senke,
Dann tritt im Tal der weiße Hirsch zur Tränke,
Und aus dem Schatten tönt der Klang der Harfen.

Den Holder sieh, vom Schwanenpaar gezogen,
Wie er den Gast erquickt mit Milch und Rogen,
Das Herz mit Azaleenduft beschwert.

Und spür: der Himmel ist dem Geist gewogen,
Und du erkennst in seinem blauen Bogen
Den Drachen, der als Engel wiederkehrt.
 

 

100
 


III

Elysisch sei im Feld der blaue Schneider,
Das Knabenkraut soll alle Felder segnen,
Den Doppelleib im Licht, im Abgelegnen
Erfahre und genüg dem Anspruch beider.

Laß Tiere ein, die dir im Traum begegnen,
Üb Großmut und obwalt als sanfter Scheider,
Bleibst du dir treu, versiegt das Gift der Neider
Und golden wird die Lanze des Verwegnen.

Dem Nordlicht ist die Seherin zu danken,
Ghaselen, die wie Rosensträucher ranken,
Vermähle sie, wenn rings die Erde bebt,

Und von den Inseln, die im Gold versanken,
Bring ein Gedicht und einen Traum-Gedanken
Dem Schlangensohn, wenn er das Haupt erhebt.
 

 

101
 


JOHANNISTAG
Streift Johannes durch die Auen,
Wird der Born des Lebens klar,
Und die Knabenaugen schauen
Hopfen, Beifuß, Frauenhaar,
Seinen Liebestrank zu brauen,
Bringt sich manche Blüte dar,
Adler wiegen sich im Blauen
Über dem Johannisjahr.

Überall grüßt der Belauber,
Der sein Blut den Ernten weiht,
Hand und Wanne blitzen sauber
Vor der Wöchnerin, die schreit,
Gib dem Fluß den schwarzen Tauber,
Balsam, dunkelrot geseiht,
Unerstützt den Sonnenzauber
Jährlich zur Johanniszeit.

Der dem Fischer Lachs und Flunder,
Seine Boten, gern gebracht,
Wird zum trunkenen Gesunder
Allem Volk, das jauchzt und lacht,
Salbei, Nessel und Holunder
Mehren Gut und Mannesmacht,
Und im Feuer steigt sein Wunder
Hell in die Johannisnacht.
 

 

102
 
Ihren toten Gott zu minnen,
Der verborgne Wege geht,
Wälzen nackte Tänzerinnen
Sich im Flachs, der mannshoch steht,
Asche fällt von First und Zinnen,
Frucht zerplatzt zu Purpurmet,
Und die blutigste gewinnen
Gärtner im Johannisbeet.

Sein Vertraun in eine Stunde
Offenbart sich erst im Tanz,
Macht als Geist der Tafelrunde,
Was im Jahr zerdriftet, ganz.
Seine Priester sehn die Wunde,
Doch das Glück gehört zu Hans,
Und der Schürfer schätzt die Funde
Unter dem Johanniskranz.

Seine Feuer überspringe
Neunfach sonder Not und Klag,
In der Flamme tausch die Ringe
Für den ewigen Vertrag,
Überhör die dunkle Schwinge,
Lockt der Weiher dich im Hag,
Und den Elementen singe
Selig am Johannistag.
 

 

103
 


TRAUM VON ATLANTIS
Vermählt sich dem lechzenden Grale
Der Speer, der ihn schüttert und bauscht,
Vermut in subtiler Kabale
Den Schelm, der die Weiser vertauscht,
Läßt Jason im Sumpf die Sandale,
So lächelt Athene und lauscht,
Wie tief in der Schildkrötenschale
Der Traum von Atlantis verrauscht.

Schaut Hölderlin Neckar und Ister,
Schaut Tasso das heilige Land,
Erscheinen als Zwillingsgeschwister
Die Flut und der lodernde Brand,
Zieht Minne verborgne Register,
Und splittert der Bogen gespannt,
Betrachtet der homo sinister
Die stofflose Schrift an der Wand.

Nicht sagt die verwittert Bemooste,
Wer hold deinem Lager sich neigt,
Den Fremdling, der früh mit dir koste,
Hat keines der Zeichen gezeigt,
Ob Lanzelot hart mit dir tjoste,
Frag nicht, eh der Morgenstern steigt,
Und nicht, ob der Trauer zum Troste
Das Herz, das du fragen willst, schweigt.
 

 

104
 
Nach Ufern verweist es dich weiter,
Gesichtos, verschollen und fernst,
Dort zeigt dir ein nächtlicher Reiter
Die Himmel, die du erst besternst,
Doch wisse, ob jegliches scheiter,
Der Tag, sei es Tod, da du lernst,
Atlantis zu schauen, wird heiter
Im Jenseits von Scherzen und Ernst.

Ob du als ein bannend Gebannter
Poseidon die Sturmrosse schirrst,
Dem Knaben mit Flöte und Panther
Verfällst, oder taubengleich girrst,
Vergißt nicht, der Flug der Atlanter
Thront leicht über Zinne und First,
Und daß du im Traum ihr Verwandter,
Zum Aar und zum Seligen wirst.

Umschauern dich Brunnen und Hohle,
Gewähn, das das Morgenlicht scheut,
Heult Fenris am Mitternachtspole
Als Tilger und Traumtherapeut,
So halte die Lebenssymbole
Und was deine Sinne erfreut
Geheim wie Tagesparole
Der Arche in Holzapfelkreuth.

Nicht jedes Beginnen ist heilig
Und führt zu den Quellen zurück,
Ob was dir der Traum sprach gedeihlich,
Die Bläter vom Löwenzahn pflück,
 

 

105
 
Er spricht und verhüllt doppelzeilig
Von Himmel und Erde ein Stück,
Der Narr hat es immerfort eilig,
Doch regungslose wartet das Glück.

Es will wie die späteste Aster
Bemerkt sein am Rande des Jahrs,
Es spielt sich durch Tugend und Laster
Wie Wind durch die Wellen des Haars,
Und schlägt auf das steinerne Pflaster
Der Flieger des Traumes, den Mars
Ersinnt, wo ein kaum noch verblaßter
Dich einspinnt und seligt, erfahr's.

Bepflanz deinen eigenen Sprengel
Und deiner Domänen obwalt,
Begrenzt durch der Natter Geschlängel
Und offen dem Aar, der dich krallt,
Den Hauch spür, umschmiegend die Stengel
Der Lilien mit Träumen, uralt,
So weist dir im Herbstlicht ein Engel
Die Einheit von Strom und Gestalt.

Er will dich im Glauben befeuern,
Dich hegen als Mutter und Frau,
Die Traumhüter herzen und heuern,
Er will deine Bilder genau,
Den Rost sollen Sturmfluten scheuern,
Bis Midgard nach Thule die Schau
Dir freigibt, das Reich zu erneuern
Und seßhaft den Osterlandgau.
 

 

106
 
Das magische Gleichgewicht halte
Als Siegel für Spruch und Gedicht,
Den Umkreis des Gauklers entfalte,
Bevor diese Stunde zerbricht,
Und spür, wie dem Jungen das Alte
Den Kranz des Lebendigen flicht,
Und ob auch die Asche erkalte,
Die Wiederkehr nimmt sie dir nicht.

So wird ein gestrandeter Schimmer
Gemein, wenn die Woge sich bäumt,
Es faßt der ertrinkende Schwimmer
Ein Korn von der Krone, die schäumt,
Und sammelt der Tod das Geflimmer,
Wird Schutt von den Quellen geräumt,
Begreifst du erst, daß du schon immer
Den Traum von Atlantis geträumt.
 

 

107
 


AUSKLANG
Nach des Winters strenger Plage
Wacht erneut der Elbenchor,
Gab Apoll dir hundert Tage
Mit Gesang wie nie zuvor.

Als sein Streiter oder Mahner
Kann dich niemand übersehn,
Doch der Sonnen-Insulaner
Hört allein die Winde wehn.

Was sie weisen, was sie sprechen,
Ist bekannt von je zu je,
Doch wer in die See zu stechen
Wagte, fürchtet nicht die See.

Ob sich irgendwo ein Segel
Zeige mit vertrauter Huld?
Nur die Schlange weiß die Regel
Und sie hüllt sich in Geduld.

Auch der goldverbrämte Flügler,
Der die Stunde weist der Rast,
Wird dem Schweifenden zum Zügler,
Der den Mittag nie verpaßt.

Und Delphin, der Tiefensänger,
Häuslich dort, wo einst auch du,
Preist in dir den Wiedergänger
Und er prostet schaumweiß zu.