Uwe Lammla · Das blaue Licht
Uwe Lammla
Das blaue Licht
Essays
Arnshaugk
Bibliographische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN 978-3-926370-56-3 © 2011 Arnshaugk Verlag Alle Rechte vorbehalten www.arnshaugk.de Gedruckt in DeutschlandINHALT
Bauhaus und Lebensreform
Gradus ad Parnassum
Ein junger Dichter
Wider den Ästhetizismus
Musik und Revolution
Die Lust des Sokrates
Zweifrontenkrieg
Kaiphas und Barabbas
Barmherzigkeit
Betrachtungen eines Unpolitischen
Das blaue Licht
Nächstenliebe und Fernstenliebe
Wagner und sein Fall
Besuch in Fürstenwalde |
7 13 24 32 38 47 77 84 91 99 118 135 145 164 |
BAUHAUS UND LEBENSREFORM
Das Bauhaus in Weimar, Dessau und Berlin zählt zu den zentralen Kulturwerten im heutigen Deutschland. Das Bauhaus in Dessau versteht sich als Ikone der Moderne, in Weimar gibt es heute die Bauhaus-Universität. Auch in Berlin und in den USA werden die historischen Stätten dieser Bewegung gepflegt. Dabei fehlt es nicht an Kritik. Die gewiß nicht als gesellschaftskritisch bekannte Wikipedia zitiert die Märkische Oderzeitung: »Kritiker bemängelten, daß Gropius im Bestreben, das Bauen zu industrialisieren und zu normieren, auch manchmal zu weit gegangen sei: der Schienenverlauf der Drehkräne hätte Grundrisse bestimmt und nicht die Bedürfnisse der Bewohner; Badewannen würden zwischen Spüle und Herd gesetzt; Fenster ließen sich nicht ganz öffnen; auch die Kupferhaussiedlung in Finow (Oberbarnim) z. B. spräche weder ästhetisch noch funktional an.« Zusammenfassend heißt es: »Gropius hat mit seiner Idee vom Baukasten im Großen die Grundlage für die Plattenbauten in den Satellitenstädten dieser Erde gelegt. Einerseits ermöglichte die industrielle Massenfertigung die Bereitstellung von dringend benötigtem Wohnraum, andererseits anonymisierte sie das Wohnen und schuf neue soziale Probleme.«
Wenn man sich heute fundamentalkritisch mit der Ästhetik auseinandersetzt, die im Bauhaus Gestalt gewann, sieht man sich leicht in die Nähe der Kräfte gerückt, die die Bauhausbwegung zunächst aus Thüringen nach Dessau, dann nach Berlin und schließlich in die Emigration trieben. Dem ist leicht zu entgegnen. Die Nationalsozialisten bezeichneten das Bauhaus als die »Kirche des Marxismus«. Dem steht entgegen, daß der Stalinismus in Moskau, aber auch in der Ostberliner Stalinallee bewußt antimodern an den Historismus anknüpft und die Bauhausbewegung als »kosmopolitisch« bekämpft. »Kirche des Marxismus« wäre also nur gerechtfertigt, wenn man die USA als marxistisches Land betrachtete. Im übrigen muß deutlich betont werden, daß diese Bewegung nicht im Ausland entstanden ist und die Gründer in der deutschen Tradition verwurzelt waren. Die Behauptung von Fremdeinfluß ist eine Weigerung, Selbstverschuldung einzugestehen, ein Art blinder Fleck im Auge, wie er dem nationalsozialistischen Denken auch sonst häufig anhaftet.
Die Bauhausbewegung muß als ein Kind der Lebensreformbewegung im Wilhelmismus betrachtet werden. Dies aufzuzeigen will diese Arbeit versuchen. Zur politischen Relevanz sei abschließend angemerkt, daß die Reformbewegung zwar durchaus Marxisten hervorbrachte, aber ebenso viele Anhänger des Nationalsozialismus und nicht zuletzt die zahlreichen einander feindlichen Schulen der demokratischen Moderne. Eine einseitige Betrachtung verbietet sich daher. Vielmehr handelt es sich um ein grundsätzliches Phänomen, das der Industrialisierung folgt. Im folgenden soll der Reformansatz in bezug auf die Architektur dargestellt werden, im weiteren sollen die Resultate an ursprünglichen Ambitionen gemessen werden. Abschließend werde ich der Frage nachgehen, ob diese Entwicklung unausweichlich war und welche Alternativen heute bestehen.
Am Anfang stehe ein Blick auf das Bauhaus-Signet. Dieses ist von einer Häßlichkeit, die kaum noch zu übertrumpfen ist. Maß und Zentrum der Schönheit ist für den Menschen immer die menschliche Gestalt. Die Überlieferungen verschiedenster Kulturen stimmen darin überein, daß der Weltschöpfer im menschlichen Antlitz sein eigenes Wesen in die Zeit stellt. Alle Ästhetik ist notwendig anthropozentrisch. In der uns umgebenden belebten Natur erkennen wir uns wieder, im Baum, aber auch in der Blume, im Korn auf dem Feld und im Fliegenpilz an der Birke. Bei der Betrachtung eines Blattes läßt sich sehr gut das Verhältnis von Symmetrie und Asymmetrie des Lebens studieren. Uns eignet im Großen die Symmetrie mit leichter Asymmetrie, wie sie sich etwa beim Bauen ohne Präzisionsinstrumente einstellt, im Kleinen eine Vielgestaltigkeit, die durch ihre Tendenz zum Ganzen zusammengehalten wird. Das Bauhaus-Signet tritt all diese Regeln bewußt mit Füßen. Ein exakter Kreis, mit Strichen und Quadraten, die sich jedem organischen Zusammengehen verweigern, und dem Betrachter sagen, daß er keinen Schlüssel zu dieser Hieroglyphe finden kann. Einzelnes, das kein Ganzes bildet und sich trotzig aller Struktur verweigert. Natürlich handelt es sich bei dem Signet nicht um Zufälliges. Aber das Band der Zeichen ist rein intellektuell, esoterisch im eigentlichen Sinn des Wortes, im offenen Widerspruch zu allen unbewußten Harmoniebedürfnissen. Jeder, der nicht durch diese Schule gegangen ist, empfindet die Ausstrahlung einer unerträglichen Arroganz.
Ebenso steht es mit den Bauten der zeitgenössischen Architektur. Unabhängig davon, ob es sich um gigantische Glastürme, verschlungene Rohr- und Ringsysteme, fliegende Untertassen, die von Außerirdischen hergesteuert scheinen, oder um ein schlichtes Einfamilienhaus handelt, immer ist die Verletzung anthropozentrischer Sehgewohnheiten signifikant. Schon beim Einfamilienhaus widersprechen Winkel der Dachschräge, Größe der Dachgauben, Anordnung und Größe der Fenster und manches mehr dem Instinkt für das richtige Maß. Bei größeren Bauten wird mit dem Gefühl für Statik Entsetzen getrieben. Aber nicht nur der Sichtsinn verspürt Unbehagen. Endlos weite Wege sind für den Fußgänger zu überwinden. Die Einfahrt für das Automibil entfaltet hingegen mitunter regelrecht Sakralität. Bei den Baustoffen dominiert das Künstliche und Gesuchte.
Schaut man sich hingegen das Gebäude der Weimarer Kunstgewerbeschule, aus der das Bauhaus hervorging, an, so überwiegt der Eindruck des Gediegenen, Verwurzelten und Tradierten. Gleichwohl ist es verfehlt, einen Bruch zwischen van de Velde und Gropius zu konstatieren, nicht nur, daß Gropius seinen Posten auf Empfehlung des älteren bekam, van de Velde baute später auch den Bücherturm der Uni Gent, der der Gegenwartsarchitektur in punkto Perversität in nichts nachsteht. Die Ursachen müssen also vor dem ersten Weltkrieg gesucht werden.
Die Intentionen von Henry van de Velde und Walter Gropius waren, die Kunst von der Industrialisierung zu emanzipieren und das Kunsthandwerk wieder zu beleben. Wie in anderen Reformansätzen sollte der Unterschied von Handwerker und Künstler aufgehoben werden. In romantischer Manier verstand man dabei unter »Künstler« einen kreativen Menschen, zu dem sich alle, die durch die so empfundene Entfremdung zum stumpfsinnigen Arbeiter reduzierten Menschen erheben sollten. Richtig ist, daß der Historismus früher entwickelte Ornamente massenhaft industriell kopierte und damit entseelte. Es war jedoch eine romantische Verzeichnung des traditionellen Handwerkers, wenn man diesen als »Künstler« apostrophierte. Der vormoderne Handwerker tat im allgemeinen genau das, was im Historismus die Industrie effektiver besorgte, er kopierte überkommene Muster. Wenn er dabei Kreativität entfaltete, dann nicht etwa, um sich im modernen Sinne selbst zu verwirklichen, sondern weil die jeweiligen Umstände eine getreue Übernahme nicht zuließen. Naturgemäß war das nicht immer der Fall. So ergab sich ein gemächlicher Fluß von Wiederholung und gelegentlichem Wandel. Ein Phänomen, das wir heute Stil nennen.
Bei den wesentlichen Gegenständen des Lebens, etwa bei einem Stuhl, über deren Gestaltung sich Menschen seit vielen Generationen Gedanken gemacht haben, kann man davon ausgehen, daß irgendwann ein Optimum gefunden ist und der Gestaltungsspielraum zunehmend verschwindet. Bereits im Jugendstil gewinnt jedoch die Wahnidee Macht, das »Kreative« sei das eigentlich Menschliche, und also müsse der Kreative immerfort neue Formen und Gestalten ersinnen. So kommt es, daß Stühle entstehen, die weder bequem noch haltbar sind und deren Material- und Produktionskosten in keinem Verhältnis zum angestrebten Zweck stehen. Diese Originalitätssucht trifft sich mit dem Interesse der Industrie, die infolge von Überproduktion mit einem Preisverfall zu kämpfen hat und die Lösung in der Kurzlebigkeit aller Produkte sieht. Jeder Gegenstand des Lebens wird der Mode unterworfen, nicht nur die relativ kurzlebige Kleidung, auch Möbel und Apparate, schließlich auch die Architektur. Dabei war ein Haus seit Menschengedenken immer Symbol des Beständigen, die Generationen Überdauernden, noch heute werden viele Bauten des Mittelalters bewohnt und genutzt. Das Kreativhaus wurde zum Wegwerfhaus.
Die Industrialisierung schuf eine gewaltige Bevölkerungsvermehrung, damit auch eine große Nachfrage an Häusern und anderen Dingen des Lebens. Diese Bevölkerungsvermehrung ist in Mitteleuropa seit langem gestoppt, geblieben ist jedoch die Industrie und ihr Interesse an dauernder Produktionsvermehrung. Da kann eine architektonische Theorie gar nicht verrückt genug sein. Denn je abseitiger, frappierender und berauschender eine Neuschöpfung daherkommt, umso schneller verfällt ihr Ansehen. Nichts ist älter als die Zeitung von gestern. Insofern ist der Abrißauftrag eine sichere Rendite des Bauschaffenden. Da dies Raum für neue Kreativität schafft, dürfen wir den Ansatz von van de Velde durchaus als verwirklicht ansehen. Der Handwerker wird zum Künstler, er schafft Schall und Rauch und verwandelt den Raum in Zeit. Zeit, die sich immer rascher taktet, fortwährend beschleunigt und auf ihren Untergang zurast.
Die Alternative zum Bauhaus liegt natürlich nicht im Historismus, zu dem es ein Reflex ist. Bereits das Stilwollen der Neostile zeigt das Mißverhältnis an, der Stil ergibt sich nicht mehr natürlich aus dem Bauwollen und dem Schönheitsinstinkt. Schon hier sind Beschleunigung und Kurzlebigkeit die Ursachen des Verfalls. Kritiker der Industrie gab es seit dem Auftreten derselben, aber auch heute noch überwiegt die Meinung, diese Entwicklung sei unausweichlich. Dabei ist die Welt sehr reich, wenn der Mensch als Naturwesen agiert. Lang hat er davon geträumt, diese Bürde abzuwerfen. Nun träumt er davon, sie zurückzugewinnen.
GRADUS AD PARNASSUM
Wenn ein Dichter über solch ein Thema schreibt, so ist ein gewisses Maß an Ironie vonnöten. Es liegt auf der Hand, daß gerade der Dichter zu diesem Thema nicht objektiv referieren kann. Den Anspruch sich selbst zu attestieren, verlangt die Selbstachtung. Und die Bewertung des Marktes steht im Verdacht, dem eigenen Wohlstand geschuldet zu sein. Der Erfolgreiche wird die Gerechtigkeit des Marktes preisen, der Erfolglose wird die Niedertracht der Marktgesetze anprangern. Wenn wir den Markt jedoch nicht nur als Wohlstandsbörse, sondern als allgemeine Tauschinstanz verstehen, zeigen sich nicht nur die Sonnenseiten von Gewinn und Verlust, sondern der ganze Januskopf.
Mein Titel stammt aus einem der populärsten Gemälde in Deutschland, dem »Armen Poeten« von Spitzweg. In der ungeheizten Dachkammer muß der Dichter wegen Winterskälte in einem improvisierten Bett arbeiten, wo er Flöhe zu fangen hat. Ein Regenschirm verweist auf das undichte Dach. Unter den Büchern befindet sich ein dicker Schinken mit der Aufschrift »Gradus ad Parnassum« – die Stufen zum Parnaß, der als Sitz der Musen gilt. Im heutigen Kontext würde »Der Weg zum Erfolg« auf dem Buchrücken stehen.
Spitzweg selbst war kein armer Mann. Die Eltern gehörten zum Großbürgertum. Alle Geschwister machten Karriere, Spitzweg selbst wurde nach väterlichem Willen Apotheker, studierte Pharmazie, Botanik und Chemie. Obwohl seine Begabung früh erkennbar war, widmete er sich ihr erst, als er über das väterliche Erbe verfügen konnte. Zu Lebzeiten konnte er etwa 400 Bilder verkaufen. Wenig bekannt ist, daß Spitzweg auch Dichter war. Gutmütig reimt er, die Malerei sei sein Vergnügen am Tag, daß ihn zu einem »Plaisir« am Abend, nämlich dem Dichten berechtige. Ein solcher Stolz auf das eigene Glück erscheint schon fast unanständig. Tagsüber Erfolg mit der Malerei und abends das Glück, daß mit der Dichtung ja nichts verdient werden braucht. Als Spitzweg 1865 den bayerischen Michaelsorden erhielt, verfaßte er das Spottgedicht:
Wenn einer einen Orden kriegt,
Bei uns ists so der Brauch,
Sagt jeder grad zu ihm ins Gsicht:
»Verdient hätt ich ihn auch!«
Wahrhaft erfreulich ist dies schon,
Es gibt ein treues Bild!
Wie hoch muß stehen die Nation,
Wo jeder sich so fühlt! |
Nach diesen Versen kann über die Intentionen des »Armen Poeten« kein Zweifel mehr bestehen. Es handelt sich nicht um Gesellschaftskritik, Spitzweg meint nicht, der Dichter müsse wegen der Kälte im Bette bleiben, er meint vielmehr, der Dichter habe kein Geld zum Heizen, weil er lieber im Bett bleibt. Offenbar huldigt der Maler der Maxime, daß dem Tüchtigen die Welt offen stehe. Gleichwohl räumt er ein, daß man mit Malerei zu Wohlstand kommen könne, mit Dichtung eher nicht.
Unter den Künsten hat die Dichtung eine Ausnahmeposition. Wahrend in den bildenden Künsten und in der Musik das Handwerk eine große Rolle spielt und jedem Außenstehenden deutlich macht, daß hier ein Können vorliegt, über das der Außenstehende nicht verfügt, ist die Sprache Gemeingut. Jedes Kind lernt sprechen und schreiben. Aus diesem Grunde muß der Dichter erst den Nachweis erbringen, daß es sich bei seinen Wortzusammenstellungen um Dinge handelt, die nicht jedermann gelingen. Das zweite Problem besteht darin, daß der Dichter kein Produkt zu verkaufen hat. Die bildenden Künstler verkaufen Originale, die mancher als Geldanlage hortet. Ein Gedicht ist mit geringer Mühe kopierbar, schon in vormodernen Zeiten. Komponisten schlagen sich gemeinhin als Dirigenten durch und bleiben dabei zumindest im Metier. Wenn Dichter sich als Bibliothekare, Hauslehrer oder Buchhändler verdingen, meinen sie jedoch, daß sie gänzlich die Sphäre des Anspruchs verlassen und in die des Marktes wechseln.
Wenn Dichtung sich nicht verkaufen läßt, muß deshalb der Dichter nicht notwendig ein armer Mann sein. Erfreut er sich großer öffentlicher Wertschätzung, so gab es früher private Mäzene, heute Literaturpreise und Stipendien. Im antiken Griechenland standen die Dichter in der sozialen Hierarchie weit über allen anderen Künstlern. Die Bildhauer, deren Werke wir noch heute bewundern, galten als Banausen, Orpheus hingegen verstand es sogar, die Herrscher des Totenreichs zu rühren. Der Minnesang des Mittelalters ist uns in Folianten überliefert, an denen hunderte Schreiber und Illustratoren beteiligt waren. Schiller bekam seine Professur in Jena ohne Gehalt, aber das Auftreten des dänischen Millionärs, der ihn schließlich großzügig alimentierte, dürfte mit dem Erfolg seiner Vorlesungen, zu denen die Studenten Schlange standen, zusammengehangen haben. Wenn wir freilich die Gegenwart betrachten, so müssen wir feststellen, daß die Nischen am Schwinden sind, auch Spenden, Preise und sonstige Zuwendungen sind Teil des Marktgeschehens geworden.
Dabei darf nicht übergangen werden, daß die Verarmung des Dichters als Spezialfall der allgemeinen Verarmung anzusehen ist. Der moderne Mensch, der sich in grotesker Fehleinschätzung für den reichsten der Weltgeschichte hält, ist in Wahrheit der ärmste. Die Sachwerte der Welt haben seit der Zeit der großen Entdeckungen des 16. Jahrhunderts nicht zugenommen. Der Grundbesitz als landwirtschaftliche Nutzfläche und Abbaugebiet für Bodenschätze ist endlich und teilt sich durch eine massiv gewachsene Weltbevölkerung. Gestiegene Erträge werden mit Negativfolgen erkauft, die kaum eine Wertsteigerung der Fläche übriglassen. Von Bodenschätzen kann in Mitteleuropa nach jahrhundertelanger Schürferei kaum noch die Rede sein. Neben dem Grund stehen an Sachwerten vor allem Gebäude. Hier hat sich die Zahl zwar gewaltig erhöht. Während jedoch eine Ritterburg tausend Jahre stehen kann, werden die Bauten der achtziger Jahre bereits wieder abgerissen. Auch hier ist die Wertsteigerung eine Mogelrechnung. Geistige Werte als Sachanlagen anzusehen, man spricht da heute von Know-how, ist auch problematisch, weil des ständig steigende Tempo des Wettlaufs diese rasch nivelliert. Bleibt also die Negativbilanz bei Sachwerten. Neben den Sachwerten bestehen Geldwerte. Diese sind jedoch nichts als Schuldverhältnisse der Menschen untereinander. Wenn sich die Geldmenge vermehrt, egal in welcher Form das Geld vorliegt, heißt dies nur, daß die Schulden, also die Abhängigkeiten sich vermehren. Der moderne Mensch ist über und über in Abhängigkeiten verstrickt. Das soll ein Wert sein!
Die französische und die russische Revolution wurden in ganz wesentlichem Umfange von Literaten und Journalisten gemacht. Eine Änderung der Lage des geistigen Arbeiters war ein wesentliches Programm des Kommunismus. Was dabei herauskam, ist sehr treffend in Michail Bulgakows Roman »Der Meister und Margarita« beschrieben: Großzügige Programme, die allerlei zweifelhaftes Volk alimentierten. Der Lebemann hängt sich das Schild des Dichters um, und wenn in dem Poem zur Großtat der Elektrifizierung nur dick genug aufgetragen wird, steht dem Wochenende mit der Liebsten in der Datsche nichts im Wege, und Wodka ist auch genug da. Wenn die russische Literatur in den zwanziger und dreißiger Jahren eine Blüte erlebt hat, dann nicht durch die Abzocker an den staatlichen Fleischtöpfen, sondern durch die unsichere Situation, das Schwert des Damokles, das in dem Willkürregime über jedem Intellektuellen hing. Manchen hat dies veranlaßt, alles zu geben.
Die geistige Situation im Nachkriegsdeutschland ist ganz wesentlich von den Besatzungsmächten geprägt. Die Sowjets haben sich nach Stalins Tod weitgehend aus den kulturellen Fragen herausgehalten. Die Führung der DDR hat sich natürlich am großen Bruder orientiert, aber doch nicht in der gleichen Weise mit der Tradition gebrochen. So gab es in der DDR die Verlage Reclam, Insel, Kiepenheuer usw. und nicht wie in Moskau den Monopolverlag »für schöne Literatur«. Die Alimentierung der Autoren war maßvoller und spießiger. Gleichwohl rühmte sich beispielsweise Christa Wolf Anfang der achtziger Jahre, daß sie fast ihre gesamte private Korrespondenz per Telefax abwickle. Seltsamerweise war dies zu einer Zeit, als der Normalbürger der DDR so ein Gerät niemals sehen, geschweige denn nutzen konnte, allenfalls Gegenstand von Witzen, nicht etwa von Empörung wie später die Mischbatterien im Regierungslager Wandlitz.
Für die Literatur der DDR war die wirtschaftliche Existenz des Autors kein Thema, wem das Schreiben nicht untersagt wurde, der bekam auch Mittel, sich zu unterhalten. Wer mit der Partei im Kriegszustand lebte, hatte zumindest immer die Möglichkeit, eine andere, bescheiden bezahlte Erwerbstätigkeit zu finden. Die Erfolgsmöglichkeiten waren bescheiden wie die Not. Dieses Klima war der Kreativität nicht günstig. Es führte in eine geistige Abhängigkeit vom Westen, Bücher westeuropäischer oder nordamerikanischer Autoren waren sofort ausverkauft, und sie galten als wegweisend für die Zeit. So ergab es sich, daß die DDR geistig grundsätzlich dasselbe wie Westdeutschland machte, nur immer mit ein paar Jahren Verzögerung.
Im Westen wiederum hatten die Amerikaner schon während des Krieges beschlossen, eine kulturelle Dominanz aufzubauen. Das Kino und die Pop-Musik werden heute nahezu vollständig von den USA beherrscht. Die Bestseller in den großen Publikumsverlagen sind zu 90% Übersetzungen aus dem Englischen. Damit ist der deutsche Literaturmarkt als ganzes zu einem Nischenmarkt verkommen. Insofern stellt sich die Überlebensfrage des Dichters in neuer Schärfe. Unter dem Stichwort Globalisierung ist eine weitere Verschärfung beschlossen.
Die Strategen in den marktbeherrschenden Medienunternehmen begnügen sich mittlerweilen nicht mehr mit dem sogannten Mainstream. Expansion ist im gesättigten Markt nur noch durch eine planmäßige Erschließung aller Nischen möglich. Auf diese Weise werden auch Themen und Interessen von ihnen bedient, die vor zehn Jahren noch frei verfügbar waren. Von daher verbietet sich jeder Exotismus, denn wer auf solche Weise ausweicht, ist immer der Hase im Wettlauf mit dem Igel. Wer schneller zu sein versucht, wird früher oder später merken, daß die Welt des Virtuellen und des Betruges auf ihren Domänen unüberbietbar bleibt. Es führt kein Weg an der Erkenntnis vorbei, daß es neben dem globalen Markt unpersönlicher Austauschverhältnisse auch noch einen der persönlichen Austauschverhältnisse gibt, solange der Mensch nicht vollständig zur Maschine degeneriert. Hier müßte gerade der Mitteldeutsche im Vorteil sein, denn in der DDR spielten Nachbarschaftshilfe, Freunde und Verwandte eine wesentlich größere Rolle als im Westen, der mit der Überproduktion grenzenlose Möglichkeiten vorgaukelte. Der Dichter sollte sich also nicht fragen, welche Themen Herrn Reich-Ranicki interessieren, sondern welche die Menschen, die ihm auf der Straße begegnen. Über den Geschmack der Masse die Nase zu rümpfen, ist billig. Die Tatsache, daß in Menschenansammlungen ab einer bestimmten Größe Vernunft und guter Geschmack bar der Aussichten sind, besagt nichts über den einzelnen, der in dieser Wahrnehmung zur Quantität reduziert wird. Es ist die Aufgabe des Dichters, den Müllmann so sprechen zu lassen, als wäre er der Sohn des Zeus. In einigen Momenten seines Lebens ist er es tatsächlich. Diese zu erkennen und aufzuspüren, ist die Sache des Dichters.
Wesentlich ist immer, daß der Rückzug ins provinzielle Metier nicht zu einem Rückzug in provinzielle Geistigkeit wird. Heimatliteratur ist nur dann Literatur, wenn sie im Speziellen das Allgemeine aufspürt, wenn sie im Lokalen die Grundfragen der Religion, der Weltgeschichte, der Machtpolitik usw. aufscheinen läßt. Mein Vorbild ist da der Nobelpreisträger Knut Hamsun. Er zeigt mit seinen genauen und liebevollen Schilderungen der Bauern und Fischer norwegischer Dörfer die großen Linien des Glaubens und der Bewährung. Ich sagte schon bei anderer Gelegenheit, daß der Mangel unserer Zeit nicht Klugheit heiße, sondern Mut. Mut gehört aber dazu, sich den Dingen zu widmen, die sonst kaumwer für belangvoll hält. Das Gros der modernen Dichter befaßt sich mit narzißtischen Spiegelfechtereien. Dafür besteht erwiesenermaßen weniger Bedarf als Angebot. Der Markt ist immer nicht nur der kapitalistische der Warenproduktion, sondern immer auch die Welt der realen Bedürfnisse. Erst wenn man sie aufzuspüren gelernt hat, kann man als Dichter Erfolg haben. Not auf dem Wege dahin ist nicht unbedingt von Nachteil. Überhaupt gilt für Dichter nicht weniger als für Politiker, daß es ihnen gut tut, wenn sie einer praktischen Tätigkeit nachgehen. Wer nur Rentner kennt, entbehrt ganz wesentliche Erfahrungen.
Schiller sagt in den »Göttern Griechenlands«: »Was unsterblich im Gesang soll leben, / Muß im Leben untergehn.« Das Verspaar paßt gut an die Stelle, denn die griechische Ephebophilie huldigt ja einer höchst vergänglichen Schönheit: mit dem Bartwuchs ist alles vorbei. In dieser Gestimmtheit zeigt die griechische Tragödie gern auf, wie gerade innerer Reichtum, Anmut und Schönheit zum Scheitern in der Welt führen. Nur wer die Tragödie liebt, sollte nicht vergessen, daß die Griechen auf diese immer ein Satyrspiel folgen ließen, wo gerade diese Betrachtungsweise der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Wird das Tragische verabsolutiert, ist der Weg nicht weit zur reinen Pose.
Schopenhauer meint gar »Für das praktische Leben ist das Genie so brauchbar wie ein Sternteleskop im Theater.« Da nun in der Romantik das Wort »Genie« recht wohlfeil gebraucht wurde, dürfen wir es getrost auch mit Dichter ersetzen. Dieses Zitat muß man vor dem Hintergrund von Schopenhauers Zwei-Reiche-Ethik sehen. Für Schopenhauer ist die öffentliche Welt eine hoffnungslose Sache, hingegen die Kunst eine Welt der interesselosen Anschauung. Kunst und Leben sind für ihn radikal getrennt.
Der schopenhauersche Pessimismus entfaltete im 20. Jahrhundert in der Literatur vor allem durch Thomas Mann große Wirkung, der sich zu der Lehre verstieg, die sonstige Unbrauchbarkeit sei die notwendige Voraussetzung, Literat zu werden. Ganze Generationen bemühten sich in Anerkenntnis dieser Lehre darzutun, wie krank, beziehungsgestört, allergisch, lebensuntauglich sie seien. Es wurde Mode, sich keinen Dichter mehr ohne mehrfache Scheidungen, Homosexualität, Alkohol- und Drogenprobleme vorstellen zu können, ja als Landstreicher, Kriminellen, Deserteur und Asylanten. Da das Skandalöse durch Gewöhnung sein Wesen einbüßt, mußten immer neue Abartigkeiten erfunden werden. Ungehört blieb der vernüftige Einwand, Thomas Mann könne vielleicht nur seine eigenen Probleme ins Kosmische aufgebläht haben, und diese Konzeption des Dichters sei reiner Nonsens.
Es ist Blödsinn, die Autorschaft an irgendwelchen äußeren Kennzeichen festmachen zu wollen. Ein Dichter ist, wer etwas zu sagen hat, und dieses in einer Form tut, die unser Sprachgefühl fordert und befriedigt. Und einer, der dies, warum auch immer, tun muß, unabhängig davon, ob er deswegen bezahlt und geehrt wird oder nicht, ist wesenhaft Dichter. Dies ist ein Schicksal, das heißt, dem Willen entzogen. Man kann einen Autor unterstützen, verlegen, besprechen und vorstellen, aber man kann niemanden zum Dichter machen. Wer dichtet, ist deshalb nicht unbedingt ein Dichter. Wer Fußball spielt, bezeichnet sich deswegen auch nicht als Fußballer. Vielmehr ist es so, daß auch das Dichten zu den geistigen Übungen zählt, in denen sich jeder gesunde Mensch versuchen sollte. Aber Dichter ist man nur dann, wenn einem dieses Tun so unentbehrlich ist wie das tägliche Brot. Und wenn dies so ist, dann werden Lohn und Anerkennung sekundär.
Man kann durchaus feststellen, daß die Dringlichkeit der Frage, wie denn der Dichter zu entlohnen sei, gerade zur selben Zeit wuchs, in der die Dichtung verkam. Früher mußte jeder Gymnasiast eine Anzahl Gedichte verfassen, niemand hielt diese Produkte je für bedeutend. Fast alles, was mir heute als Verleger angeboten wird, liegt im Niveau weit unter diesen früheren Schulübungen. In einer Zeit, wo die Schule nicht mehr die Bescheidenheit gegenüber der Tradition lehrt, sondern den Halbstarken einredet, sie seien Original-Genies, weil sie etwa eine Farbspray-Dose zu bedienen wissen, braucht man sich nicht über den Verlust der Maßstäbe wundern. Schon der zeitliche Horizont ist dürftig, die meisten lesen nie ein Buch, das schon vor ihrer Einschulung gedruckt wurde.
Wie Kant richtig heraushob, ist die höchste menschliche Geistesleistung die Urteilskraft. Der Dichter wird niemals eine infantil zu nennende Stufe überschreiten, wenn es ihm an Selbsterkenntnis gebricht. Wo Aufschneiderei als unerläßlich gilt, um mehr als nur Krümel vom Kuchen abzubekommen, sind Mut und Redlichkeit nötig für eine Selbsterkenntnis. Aber nur so sind Erkenntnis und Anerkenntnis zu finden und der Erfolg, um den es hier geht. Einen Weg zum Parnaß ohne Dornen und Schwielen gibt es nicht.
EIN JUNGER DICHTER
Obwohl Verlagskaufleuten schon bei dem Wort »Gedicht« die Haare zu Berge stehen und kaumwer sich noch die Mühe macht, zwischen Belangvollem und Belanglosem zu differenzieren, ist das Interesse am lyrischen Ausdruck ungebrochen. Die zeigt besonders das elektronische Netz, wo es jedermann möglich ist, ungefiltert an die Öffentlichkeit zu treten. Daß Foren für Gedichte sogar kommerziell betrieben werden, ja, daß es sogar Betrüger als Trittbrettfahrer gibt, beweist, daß hier ein erhebliches Potential besteht. Mit der Säkularisierung hat der allgemeine Hang zu Literatur stetig zugenommen. Es wäre verwunderlich, wenn sich dies in jüngster Zeit umgekehrt hätte. Die lyrische Form gilt als die subjektivste und zugleich als die sparsamste für den Autor wie für den Rezipienten.
Als mir Florian Kiesewetters Gedichte zum ersten Male in den Weiten des Datenmeeres begegneten, fiel mir sofort auf, daß hier jemand nicht nach der üblichen Sparsamkeit trachtete, mit minimalem Einsatz den maximalen Effekt zu suchen. Ganz im Gegenteil: der Autor beschwor Bilder und Szenen vielfältigster Mythologien, verschachtelte seine Exkurse wie Sommernachtsträume und hob im einmal gesetzten Versmaß zu immer neuen Strophen an. Das zentrale Wunder ist für den jungen Autor die Liebe, unendlich sind die Assoziationen, unendlich die Preisungen der begehrten Frau, unendlich die Leiden des Getrennten und Verschmähten. Dies ist der Königsweg in die Welt der Dichtung, denn im Lenz des Jahres und des Lebens wird fast jeder zum Extremisten des Herzens. Das Wort Extremismus ist bewußt gesetzt, denn der Eingang in höhere Sphären des Geistes gelingt allein auf dem Wege der Tabuverletzung. Nicht der sonnige Einklang mit allem und jedem führt uns zur Geistigkeit, sondern das Leiden am Widerspruch.
Dieser Extremismus des Gefühls ist deutlich zu scheiden von einem, der Ähnlichkeiten zum Altersstarrsinn aufweist. Das ärgste aller Vorurteile ist jenes, keine zu besitzen. Jeder Mensch hat und braucht Vorurteile, aber es macht einen großen Unterschied, ob er als Herr oder als Sklave dieser Vorurteile agiert. Ein besonderer Starrsinn ist es, den Kanon der guten Gedanken für abgeschlossen zu achten, also konservativ im Sinne einer Konserve zu sein. Dabei ändert es wenig, wenn man sich selbst als »links« apostrophiert und im Kanon nur »linke« Gedanken versammelt sind. Man ähnelt so rasch dem pawlowschen Hund, der auf bestimmt Reizworte in berechenbarer Weise reagiert. Es ist auch ein höchst albernes Credo, zu sagen, man sei für alles offen, was selbst die Qualität des Allseitsoffenen habe. Dies ist eine Nullmenge und damit das Eingeständnis des hermetisch Geschlossenseins. Denn ein unbegrenzt Offenes ermangelt jeglicher Identität.
Wenn man den Extremismus geistig und nicht rein äußerlich faßt, gibt es auch einen Extremismus der Mitte. Der wird seit der Romantik als Spießertum bezeichnet. Beim Spießertum muß man unterscheiden von einer Lebenspraxis und einem geistigen Prinzip. Wie der Dichter lebt, ist für seine Verse eher sekundär, wesentlich ist seine geistige Gestimmtheit. Das Wesen der Literatur ist die Leidenschaft. Und wer leidenschaftlich ist, der darf auch leidenschaftlich irren.
Es ist nicht so, daß der Mensch durch Erziehung von eindimensionalen Reflexen zu differenzierter Toleranz geführt würde. Bereits die frühesten Lebensäußerungen sind höchst komplex. Das Wort »Instinkt«, auf das Nietzsche immer so gern zurückkommt, ist aus der Wissenschaft weitgehend verbannt, weil damit das schlechthin Unbekannte bezeichnet wird. Die angeborenen Möglichkeiten entfalten sich am ehesten im aktiven Handeln, verkümmern dagegen im passiven Konsumieren. Deshalb stellt die Medienindustrie die größte Bedrohung des freien Geistes dar und nicht etwa der »Extremismus« von ein paar Wirren oder gar Alkoholisierten.
Die Tragik der DDR bestand ja darin, daß die Staatsmacht fortwährend »Feinde« verfolgte und dabei den wirklichen Feind, die Konsumverführung des Westens übersah. Die Feinde der DDR waren aber nicht die langhaarigen Jugendlichen, die Besucher der Blues-Festivals, die provokanten Dichter und die kirchlichen Gruppen, sondern die Strategen an der Ostküste der USA, die die Nato nun schon bis in die Ukraine ausdehnen wollen. Leider haben das noch nicht einmal die heutigen DDR-Nostalgiker begriffen. Auf der Seite der Freien Deutschen Jugend (FDJ) las ich heute, die Aggressoren im ehemaligen Jugoslawien wären als erstes und zweites die aggressiven Deutschen und erst als drittes kämen andere Imperialisten. Das ist eine groteske Verkehrung der realen Machtverhältnisse.
Florian Kiesewetters Dichtung ist in ihren Themen recht unpolitisch. Es gibt keine Polemik, keinen unmittelbaren Zeitbezug, auch keine Anspielungen zwischen den Zeilen. Der Titel des Buches »Sternbildsonate« deutet bereits an, daß es um die Stellung des Menschen im Kosmos geht und daß diese harmonisch, nach musikalischen Prinzipien, gefaßt werden soll. Aber wer ist dieser Mensch, der seine Stellung zu den Sternen bestimmt. Hier komme ich auf meine zentrale These: es ist die Generation, die beim Fall der Mauer geboren wurde und die sich jetzt zu Wort meldet. Ich versuche im folgenden darzutun, daß Florian Kiesewetter nicht nur zufällig dieser Generation angehört, sondern Stimme dieser Generation ist. Mit ihm findet sie Eingang in die hohe Literatur.
Diese Generation hat allen Grund, sich betrogen zu fühlen. Wenn immer wieder von der Fetischisierung der Jugend gesprochen wird, so kann sie nur darüber lachen. Natürlich gibt es diesen Fetisch, aber die reale Jugend hat herzlich wenig davon. Der Schulabgänger bekommt heute oft keine Lehrstelle mehr, gerade in den neuen Ländern. Eine Aussicht auf Besserung dieser Situation besteht nicht. Auf diese Weise fehlt ihm auch der Kontakt mit Kollegen, die nicht seiner Altersklasse angehören. Die meisten Kinder wachsen als Einzelkinder auf, in einem großen Überfluß, dem nur das fehlt, was Kinder wirklich brauchen. Die Erziehungsprinzipien sind entweder weltfremd oder eine organisierte Prinzipienlosigkeit. Das Dogma, man lebe in der besten aller Zeiten und habe dafür dankbar zu sein, muß ohnehin jeden Jugendlichen empören. Am stärksten aber wiegt der Umstand, daß junge Leute heute wie in keiner anderen Zeit Probleme haben, zum anderen Geschlecht zu finden. In einer Umwelt, die sich geradezu pornographisch gebärdet, entwickelt dies Sprengstoff.
Auf die Frage der Partnerwahl möchte ich etwas eingehen. Auf dem Ratgebermarkt sind »Hilfen« in dieser Hinsicht eines der stärksten Umsatzsegmente. Im Netz wimmelt es von Versprechen wirksamer Hilfe. Diese funktioniert im allgemeinen so, daß behauptet wird, mit der Auswahl und der Zahl der Kontakte wachse die Wahrscheinlichkeit des goldenen Treffers. Dies ist aber gerade der Irrtum. Die Vermassung kommt allein dem Exotismus zugute, den man auch weniger freundlich als Perversion bezeichnen kann. Im Meer des Angebots kommt es auf das Auffallen an. Ein »gewöhnlicher« Junge ist wenig gefragt.
Tradionell vollzog sich die Erotik durch bestimmte Riten. Es gab den Tanz unter dem Lindenbaum, wo bereits das Nachhause-Begleiten-Dürfen als großer Sieg empfunden werden konnte. Auch gab es den ersten Tanz, das verlorene Taschentuch und vieles mehr. Der Gedichtband von Florian Kiesewetter ist ein Signal, daß sich die Jugend nach den verloren gegangenen Riten sehnt. Beispiele dafür gibt es zuhauf. Schauen wir zuerst die Liebe zur Prinzessin von Artern an. Zunächst die Titulierung. Hier geht es nicht wie im Naturalismus um eine Hure, eine Lebefrau oder gar um eine Emanze. Diese Topoi haben für die jungen Männer keine Faszination mehr. Der Prinzessin eignet eine große Passivität, sie beweist sich nicht, sondern sie fasziniert in ihrem gottgegebenen Sosein. Mancher mag an die Prinzessin auf der Erbse denken. Dies schreibt aber nicht ein verklemmter Weichling, sondern ein Mensch mit einem riesigen Freundeskreis, der an Abenteuern und Fahrten nicht wenig vorweisen kann. Offenbar gibt es in diesem Kreis eine große Sehnsucht nach Ritterlichkeit, ja nach der Minne des Mittelalters.
Zur Ritterlichkeit paßt, daß der glücklichere Konkurrent geachtet wird und billige Wege verschmäht, sich seiner zu entledigen. Das Gedicht beginnt mit einer Klage und dem Wunsch, diese an die Begehrte heranzutragen. In der letzten Strophe wird dies jedoch aufgegeben, statt dessen ein stummes »Tänzchen« begehrt, also nicht ein Diskurs, sondern ein Ritus. Mit der kleinen Abweichung des Refrains ins Präteritum wird angedeutet, daß dieser Ritus zum ganzen Erfolg führt. Also nicht die Dialektik des geistige Überlegenen, sondern das gänzliche Absehen vom Wettstreit, das substantielle Unterordnen unter die Tradition des Ritus. Das klingt fast nach Frömmigkeit.
Im »Lilienstück« sind unschwer drei Aspekte des Weiblichen zu erkennen. Es gibt hier einmal die unmittelbar Ausgezeichnete, also die bereits erwähnte Prinzessin, dann jene am Wege, die vor allem von Raum und Zeit der Begegnung charkterisiert ist, schließlich eine, die Auflösung, Heimkehr und Ziel bedeutet. Der Schluß ist eine Absage an alle Institutionalisierung, und damit der Kern der romantischen Weltsicht. Das ist aber heute nicht so sehr eine Absage an die Wünsche der Eltern, sondern an den Konformitätszwang subkultureller Rangordnungen. Die Prinzipien der Werbung, der Zwang zur Selbstdarstellung sind heute tief in das elementare Verhalten eingedrungen. Wer etwas begehrt, das nach modischen Maßstäben nicht höchstes Glück und Vollkommenheit darstellt, wird gepönt. Der Dichter zeigt, daß seine Maßstäbe nicht in der Mode, sondern im Elementaren, man könnte auch sagen, im Mythischen, liegen.
Im »Feengesang« liegt der Schwerpunkt nicht so sehr auf der Erwählten, sondern auf dem Walten der Feen, deren Gnade sich das erotische Erleben geschuldet weiß. Dabei bleiben die Feen selbst undeutlich und nur in ihrem segensreichen Wirken erkennbar. Dies erscheint mir eine bemerkenswerte Setzung. Nicht die Eroberung, nicht der goldne Treffer, die Anwesenheit eines überpersönlichen Dritten machen das Glück der Liebe aus. Ähnlich ist es mit den vielen Hymnen an den Monat Mai und überhaupt an den Frühling. Der Dichter begreift das Glück nicht als Ergebnis von Leistung oder Cleverness, sondern als Naturvorgang. Alle seine leidenschaftlichen Natur- und Landschaftshymnen führen ins Erotische zurück. Der Ort, die Quelle, der Wasserfall, sie machen das Glück der Liebe möglich. In seinem Lebenslauf sagt der Autor, daß sein Dichten einer bestimmten Topographie folgt, dem Harz mit den geheimen Orten des Glücks.
In einer ganzen Reihe von »Kränzen«, Reigen und Anrufungen gestaltet der Autor die Vielzahl der erotischen Berückungen. Die Summe zieht er in dem Gedicht »Frühjahrs Minnespiel«. Dort wird betont, daß das Besondere das Allgemeine strukturiere, nicht etwa umgekehrt, daß die Jahreszeiten über dem Jahre stünden. In vielen Variationen, mit Beispielen aus der Tier- und Pflanzenwelt, wird immer wieder der Vorrang der Natur gegenüber der Kultur behauptet. Man fragt sich, ob dies wirklich zu einer Jugend mit MP3-Player paßt. Die Botschaft lautet, daß die Jugend das technische Spielzeug so gering schätzt, daß einem Vertrauen in den technischen Fortschritt nicht einmal mehr widersprochen werden braucht. Der Glitzertand wird übergangen. Wesentlich sind die Linde, der Weiße Falter und das Einhorn im Traum.
Eine solche Gestimmtheit hat man von alters her als »panisch« bezeichnet. Pan, der Gott der Hirten und Herden, älter als die Olympier und wurzelnd im Tierreich, steht für eine ganz besondere Korrespondenz des Gewöhnlichen mit dem Besonderen. Er zeigt sich unverhofft, oft erschreckend, was zu dem bekannteren und gerade dem modernen Menschen vertrauteren Wort »Panik« geführt hat. In Titeln wie »Panische Stunde« haben die Dichter immer wieder versucht, die Irritation aus der Tiefe des Mythischen zu beschreiben, der sie höchstes Glück und höchste Einsicht verdanken. Auch in der »Sternbildsonate« gibt es ein Gedicht mit dem Titel »Pan«. Im Gedicht werden alle Argumente aufgezählt, die an der Anwesenheit des Göttlichen zweifeln lassen könnten, aber der Refrain bringt den Gott immer wieder zur Präsenz. Er steht mit seiner »süßen Melodie« für die unausrottbare Gewißheit, daß auch unter verzwicktesten Umständen die Rückkehr ins Elementare möglich ist. Und deshalb ist die betrogene Generation keine verlorene Generation. Die Verse stehen bei aller Zartheit auch für ein großes Selbstbewußtsein. Es speist sich nicht aus den Erwartungen und Kämpfen der Eltern, es sucht einen Neuanfang in der Besinnung auf das, was immer und unter allen Umständen gilt. Es wird immer wieder aus der Verborgenheit treten. Ob wir da von »Vorurteilen« oder von »Maßstäben« sprechen, ist eine andere Sache.
WIDER DEN ÄSTHETIZISMUS
Es ging mir als junger Mensch wie vielen anderen: Man glaubt über die Dinge der Welt frei zu urteilen und merkt dabei nicht, wie man sehr viele Urteile unkontrolliert von Autoritäten übernimmt. Immer wieder geschieht es, daß man solche Urteile bemerkt, hinterfragt und schließlich verwirft. Wenn man sich geistig weiterentwickelt, endet dieser Prozeß erst mit dem Tode. Oft ist darüber gestritten worden, ob die Erfahrung, das fortwährende Prüfen, das Entdecken und Verwerfen von Vorurteilen im Lebenslauf zu einer Radikalisierung der Weltsicht oder zu einer Relativierung führe. Ich glaube nicht, daß sich dafür eine allgemeine Regel aufstellen ließe. Ich glaube auch nicht, daß dies einzig eine Frage des Naturells des Urteilenden ist. Vielmehr glaube ich, daß die Zeiten sowohl in ihren Haupt- als auch in ihren Nebentendenzen, also die Leiter der Jahrhunderte wie der Jahrzehnte grundsätzlich verschieden zu beurteilen seien. Ein Urteil, das diesen Namen verdient, wird zunehmend nicht vom Wesen des Urteilenden, sondern vom Wesen des Gegenstandes bestimmt sein.
Bis vor zwei Jahren gehörte ein Satz zu meinen Lieblingszitaten, ich nutzte ihn gern und häufig im Gespräch. Er lautet: »Die Welt war immer ungerecht, aber sie war niemals so häßlich wie heute.« Vielleicht hat mich die große Zustimmung, die ich mit diesem Satze fand, mißtrauisch gemacht. Es sei wie es sei, ich lehne die Aussage dieses Satzes heute unbedingt ab.
Der Satz hat die Tendenz, die moralische Frage dahingestellt zu lassen und dem Verteidiger der Moderne in diesem Punkte wenigstens teilweise recht zu geben, um die ästhetische Ablehnung der Moderne zu behaupten. Es wurde auch schon behauptet, die ästhetische Revolte sei fundamentaler als jede moralische, im übrigen sei sie minder illusionär.
Ich möchte zunächst auf die Frage der Illusion und Realitätsgerechtheit eingehen. Daß der Mensch zwar einen unbestechlichen Sinn für das Schöne, jedoch nicht für das Gute habe, ist zwiefach falsch. Zum einen gibt es sehr wohl einen menschengemäßen Sinn für das Gute, zum anderen ist auch der Sinn für das Schöne sehr wohl korrumpierbar.
Die moralische Frage ist universell für den Menschen. Gerade die Philosophie Friedrich Nietzsches, die Ästheten immer wieder für sich bemühen, unterscheidet sich dadurch von den Erbsenzählern des 19. Jahrhunderts, daß im Zentrum eine Ethik steht. Die Grundfrage der Philosophie lautet: Wie soll ich leben? Deshalb sind die Aussagen der Philosophie immer imperativisch. Nietzsches Wille zur Macht ist ein Streben nach maximaler Entfaltung alles Seienden. Dies ist aber nicht das Bühnenbild des Parsifal und auch nicht der identitätsauslöschende Rausch des Tristan. Der Eindruck von Widersprüchlichkeit ergibt sich immer daraus, daß Nietzsche zum einen das konsequent Einzelne preist, das seine gesteigerte Identität gerade dem Absehen von allem anderen verdankt, aber zugleich dem Anderen rechtgibt, das in diesem Einzelnen notwendig eine Verirrung und Schrulle erblicken muß. Maximale Entfaltung des Seienden heißt eben auch maximaler Widerspruch. Um den Erscheinungen von einer höheren Warte gerecht zu werden, muß man einen Standpunkt »jenseits von Gut und Böse« einnehmen, das heißt, jenseits von dem eigenen Gut und Böse. Es ist ja gerade die Leistung Nietzsches, daß er immer wieder zeigt, daß der Philosoph und auch er selbst, keineswegs so frei von eigenen Interessen ist, wie er sich den Anschein gibt.
Aus der Gerechtigkeit jenseits von Gut und Böse folgt keineswegs ein Verzicht auf die Moral. Es wird lediglich gezeigt, daß die tradierte Moral persönlich und historisch beschränkt ist und eine universelle Moral gefordert. Eben eine, die dem Wesen der Welt entspricht und nicht dem Wesen des Philosophen.
Wenn die moralische Revolte als illusionär bezeichnet wird, so zielt dies im allgemeinen auf die Sozialutopien der letzten Jahrhunderte. Wenn man freilich den Gemeinplatz dieses Scheiterns genauer hinterfragt, stellt man bald eine große Leere fest. Im Grunde laufen die Abgrenzungsbemühungen darauf hinaus, daß Lenin und Hitler tot sind und immer weniger Anhänger finden. Das läßt sich von beliebigen anderen historischen Personen ebenso sagen. Lenins Behauptung, neue gesellschaftliche Verhältnisse brächten einen neuen Menschen hervor, erscheint mir nicht als widerlegt. Im Gegenteil, es lassen sich Entwicklungen ausmachen, die immer stärker in die biologische Substanz eingreifen. Wenn die Vermischung der Menschen unter anderen Prämissen erfolgt, wenn ein extremer Bevölkerungszuwachs auf der einen Seite einer Gebärverweigerung auf der anderen gegenübersteht, so bleibt dies nicht folgenlos, und man muß einräumen, daß die Urachen für diese Veränderungen durchaus im Leninschen Sinne gesellschaftlich sind. Ebenso ist die Ansicht Hitlers, eine solidarische Gesellschaft sei nur mit strikter Abgrenzung nach außen und einem Streben nach Homogenität im Inneren möglich, in keiner Weise widerlegt. Im Gegenteil: die offensichtliche Entartung der offenen Gesellschaft läßt immer mehr Jugendliche Identität in der Belebung alter Muster suchen.
Das Scheitern der moralischen Revolte wird mit dem Untergang von Staaten und Machtzentren begründet, der eine mangelnde Tragfähigkeit der geistigen Grundlagen offenbart habe. Der Nationalsozialismus ist aber nicht an immanenten Widersprüchen zugrunde gegangen. Im Gegenteil: alle übrigen Machtzentren der Welt haben sich gegen ihn zusammengeschlossen und ihn nach langem und verlustreichem Kampf zunächst militärisch, danach mit strafrechtlichen, wirtschaftlichen und erzieherischen Mitteln systematisch beseitigt. Im Kommunismus hat sich nur die sowjetische Variante zur Kapitulation im Kalten Krieg entschlossen. Die chinesische Variante führt hingegen den Kalten Krieg fort und ist auf dem besten Wege ihn zu gewinnen.
Sinnvoller als das Postulat eines Scheiterns moralischer Revolten, erscheint mir die Frage, wogegen diese historischen Bewegungen eigentlich revoltierten und wie tief sie dabei gingen. Dabei zeigt sich ein eigenwilliger Befund: sie revoltierten gegen Erscheinungen der Moderne wie Entfremdung, Entwurzelung, Klassengegensätze, Arbeitslosigkeit etc., aber sie stellten die Moderne nicht als solche in Frage. Im Gegenteil, sie meinten gerade durch Modernisierung die Gebrechen der Moderne zu überwinden. Dadurch wurden sie zu Spielarten der Moderne, zu Stromstellen der Beschleunigung auf der einen, zu Staudämmen der Potentialanhäufung auf der anderen Seite. Wenn Marx die Revolutionen als Lokomotiven der Weltgeschichte bezeichnet, obwohl in diesen Schlächtereien gerade die Produktivkräfte reihenweis vernichtet werden, die ansonsten für Marx das Zugpferd des Fortschritts sind, sollte uns das zu denken geben. Das Opfer ist die Mutter aller Entwicklung. Die Grundeigenschaft der Moderne ist die fortschreitende Dynamisierung aller beteiligten Identitäten. Da die Ursache aller Beschleunigung im Widerspruche bestimmt liegt, sind in jeder modernen Gesellschaft Abweichler und Gegner notwendige Voraussetzungen zur Fortführung des Programms. Die Moderne zerbricht eben nicht an ihren inneren Widersprüchen, sondern sie lebt geradezu von ihnen.
Was das Zeitalter der Verzweckung und Ausschlachtung in seinen verschiedenen geistigen Richtungen eint, ist die Ansicht, durch diese Entwicklung werde ein Reichtum geschaffen. Streit besteht lediglich darüber, wie dieser Reichtum verteilt werden solle. Eine wirkliche Absage an die Moderne setzt aber gerade an diesem Punkte an, sie weist darauf hin, daß diese Entwicklung nicht Reichtum, sondern Armut produziert, oder, wie Nietzsche sagt: Die Wüste wächst. Wer aber den Fortschritt zu immer größerem Verbrauch geißelt, tut dies gleichermaßen moralisch und ästhetisch. Dieser Fortschritt schafft nicht nur Ölteppiche und Abraumhalden, er pflanzt dem Menschen einen höchst verderblichen Begriff des Guten ein und läßt sie entsprechend handeln.
Wenn Nietzsche dem Platonismus unterstellt, er konstruiere einen Begriff des Guten, der dem Leben widerspreche, so bestreitet er damit nicht die platonische These, daß Gutes und Schönes im Absoluten zusammenfallen. Gerade daß Nietzsche mit seinem »Willen zur Macht« Monist ist, läßt eine Spaltung von Gut und Schön nicht zu. Ganz anders Schopenhauer, der meint, im interesselosen Anschaun der Kunst werde der Wille der Welt überwunden. Schopenhauers Lehre, die man auch als Bibel des Ästhetizismus bezeichnen könnte, wird von Nietzsche bereits zwingend widerlegt.
Es geht mir jedoch nicht um Schopenhauer oder seine Jünger. Es geht um die weitverbreitete Neigung der Konservativen, das Ästhetische als eine Nische zu benutzen, um einer Frontalkonfrontation mit dem Geist der Moderne auszuweichen. Jüngst las ich die Auffassung, die Niederlage der Deutschen ermögliche mit der Kapitulalition im Reich des Wirklichen eine verstärkte Innerlichkeit und damit ein größeres Schöpfertum in der Kunst. Abgesehen davon, daß dies historisch falsch ist, denn der politischen Niederlage folgten zahllose kulturelle und geistige, ist dieser Versuch, den Feind auf halbem Wege zu treffen, von vornherein zum Scheitern veruteilt. Sollte es richtig sein, daß das deutsche Volk im Kerne moralisch zu verdammen sei, so folgte daraus notwendig, daß auch die deutsche Kunst und Kultur wertlos und fadenscheinig seien. Ein Volk, dem der Haß auf alles andere konstitutiv ist, kann auch niemals geistig-ästhetisch vor Gott bestehen, es sei denn, man meinte, jedes Volk habe andere Götter.
Wer also meint, ästhetisches Gewicht zu beanspruchen und sich dabei um die moralische Frage drücken zu können, folgt dem Selbstverrat des Geistes bei Thomas Mann, der in seinem »Doktor Faustus« den Mythos kreierte, dem deutschen Wesen sei ein Teufelspakt immanent. Es fügt sich vortrefflich in diese Konstellation, daß Thomas Mann ein Anhänger Schopenhauers war und schon aus diesem Grunde zu Nietzsche nur Gemeinplätze produzierte. Wenn vor Thomas Mann vom »Faustischen« die Rede war, dann dachte man dabei vor allem an Albrecht Dürer, der in heroischem Fleiß die Kunst über sich hinausgeführt hat. Seine zahllosen Studien, sein inniges Wichtignehmen eines jeden Details zeigen eine Liebe, in der für einen Widerspruch von Gut und Schön kein Raum ist.
Wer also heute Kunst von Bedeutung schaffen will und sich als Künstler gegen die Moderne wendet, darf sich nicht mit dem Verdikt des Unzeitgemäßen begnügen, er muß auch das Verdikt des Verbrechers fordern. Sonst macht er sein Werk zu einer Schrulle, die man auch schon als »postmodern« bezeichnet hat, zu einer Äußerung ohne Gewicht und Belang.
MUSIK UND REVOLUTION
Der Kommunismus trat mit dem Anspruch an, einen neuen Menschen zu schaffen, einen, für den Freiheit Einsicht in die Notwendigkeit ist. Mit einem Rousseauschen Menschenbild meinte die Partei, daß Menschen, die durch sozialistischen Kindergarten, die Schule und den volkseigenen Betrieb gegangen sind, staatstragende Denkmuster ausbilden müßten. Diese Rechnung ging nicht auf. Der Mensch veränderte sich zwar, aber nicht in die gewünschte Richtung. Die Bereitschaft zu verantwortlichem Handeln nahm nicht etwa zu, sondern ab, allenthalben setzte sich ein Anspruchsdenken durch, und die Befriedigung von Bedürfnissen ließ allein dieselben ins Unermeßliche wachsen. Der Anteil des feindlichen Westens an dieser Entwicklung soll nicht geleugnet werden. Gleichwohl entstand in den 80er Jahren eine Protestkultur, die als heimisches Gewächs und nicht als Importartikel einzustufen ist. Diese wurde von einer Generation getragen, die nach dem Bau der Mauer geboren und von Kindesbeinen an der Propagandamaschinerie ausgesetzt war.
In dieser Protestkultur vermischten sich höchste verschiedene Elemente. Sie konnten es ohne daß die Widersprüche offensichtlich wurden, weil durch die Mythisierung der Herrschaftsverhältnisse das politische Denken weiträumig verkümmert war. Zum politischen Denken gehört die Kenntnis von Alternativen, ein Freund-Feind-Bewußtsein im Schmittschen Sinne. Die Opposition in der DDR hatte weder Freunde noch Feinde in diesem Sinne. Ihr Verhältnis zur DDR war ambivalent, ebenso zum Westen. Und jede Möglichkeit eines Dritten wurde in der Mitte zwischen Ost und West verortet.
Mit dem Beitritt der mitteldeutschen Länder zum Geltungsbereich des Grundgesetzes zerfiel diese heimelige Welt in Lager. Dabei muß festgestellt werden, daß jene, die sich weiterhin oppositionell verstanden, Dinge aufs Korn nahmen, die in den beiden verfeindeten Staaten gemeinsam waren und vorher in einer Feuer-Wasser-Sicht auf die Gesellschaftssysteme gar nicht als übereinstimmend wahrgenommen werden konnten. Dies gilt für »Linke« und »Rechte« in gleicher Weise. Wenn im folgenden Hintergründe einer Fundamentalopposition vornehmlich »rechts« erklärt werden, so mag sich gleichwohl mancher hier finden, der sein Weltbild als Traum von einer gerechteren Gesellschaftsordnung versteht.
Armin Mohler hat in seiner Dissertation 1949 das Wort Hugo von Hofmannsthals von der »konservativen Revolution« zum politischen Kampfbegriff geformt. In der Zusammenfassung verschiedener antidemokratischer Bewegungen und Denker der Weimarer Zeit kämpft dieses Buch gegen die Vorstellung, Antidemokratie und Nationalsozialismus seien identisch. In Anlehnung an die Auseinandersetzungen der zwanziger Jahre wird das Wort auch heute für eine Opposition bemüht, die in einer zerstörten Welt aufgewachsen ist und keine bessere Welt von früher kennt, die »konterrevolutionär« wieder eingeklagt wird. Allerdings betont Hans-Dietrich Sander in seinem Interviewband zurecht, daß es sich um eine verfehlte Begriffskonstruktion handelt. Wer sie im Munde führt, zeigt, daß er den Konservativismus nicht verstanden hat. Mohler hätte die von ihm ausgewertete Literatur besser als »Reichsliteratur« bezeichnet. Das »Reich« war der NS-Ideologie eigentlich viel zu wenig volkhaft, und wenn dieses Wort in jenen Jahren dauernd im Munde geführt wurde, so war dies allein der Popularität des Begriffs geschuldet. Mohler hätte sich theoretisch mit diesem Begriff sorgfältig abgegrenzt, praktisch freilich schwer in einer Zeit, in der das »Reich« von allen Seiten verteufelt wurde.
In der Sehnsucht nach dem Reich kommt eine Befindlichkeit zum Ausdruck, die das Heil nicht in der Gesellschaft erfährt, sondern in Träumen, Mythen und in der Natur, die sich erfolgreich der Zähmung und Kategorisierung widersetzt. Durch ihre außergeschichtlichen Quellen ist dieses Sehnsucht gefeit für die vielen Niederlagen von 1918, 1945, 1968 und leider auch 1990. Sie sind ihr nicht Entmutigung, sondern ein Purgatorium. Gleichzeitig ist die Realgeschichte des Reichs eine Geschichte der Reichsfeinde. Deshalb knüft die Sehnsucht nach dem Reich nicht 1945 oder 1806 an, sondern an die Wurzeln, genauer, an den frühen Höhepunkt im staufischen Universalismus. Diese geschichtliche Ferne gilt auch für die Zukunft. Das »letzte Gefecht« ist eine jakobinische und also eine apokalyptische Metapher. Die Revolution dieser Sehnsucht ist ein Werk vieler Generationen. Dieses Wissen mischt sich aber mit der Hoffnung, die sich aus dem Tempo des Wandels ergibt, dem in besonderer Weise die Hervorbringungen des Wandels unterliegen und dies rascher, als diese jede Art von Widerstand es könnte. Dies meint Evola, wenn er sagt, man müsse »den Tiger reiten«. Wer den Tiger reitet, versucht ihn nicht aufzuhalten. Er versucht zu überleben, bis der Tiger erschöpft ist. Der Tiger ist die Moderne. Was berechtigt mich zu der Annahme, dieselbe müsse sich erschöpfen?
Die Moderne ist ein Vorgang, dessen Eigenart es ist, sich fortwährend zu beschleunigen. Nicht umsonst stimmen die Ökonomen alle darin überein, daß fortwährendes Wachstum schon die Voraussetzung sei, daß die Dinge sich nicht drastisch verschlechterten. Es kann aber nur etwas wachsen, wenn etwas anderes dafür schrumpft. Alles Leben auf der Erde besteht auf der Grundlage der Energie, welche die Sonne dauernd abstrahlt, bis sie irgenwann verlöschen wird. Die Größe der Sonne macht es jedoch wahrscheinlich, daß eher das Leben auf der Erde oder der ganze Planet überhaupt verschwinden, als irgendwann unter der Abkühlung der Sonne zu leiden.
Die Zivilisation der Moderne verbraucht jedoch ein Zigtausendfaches der gleichzeitig einstrahlenden Energie. Sie verbraucht aber nicht nur im physikalischen Sinne. Ihr Wesen ist es, Dinge, die vorher einfach nur da waren, zu Gütern und Nutzensträgern zu machen. Das sind nicht nur Mineralien, Pflanzen und Tiere, sondern auch alle kulturellen und seelischen Dinge. Sie durchwühlt die Erde nach Scherben verloschner Kulturen, aber sie durchwühlt auch unsere Träume und Sehnsüchte. Und wenn die Leute meinen, ihr Selbst zu verwirklichen, so tun sie damit nichts anderes, als ihr Geheimnis auf dem Altare der Warenwirtschaft zu opfern.
Der alte Spruch, daß Gott den Menschen nach seinem Bilde geschaffen habe, bedeutet aber, daß in unserer Seele etwas Außerzeitliches wirkt, das sich jeder Vermarktung durch die Zeit widersetzt. Hinter den Ideologemen und Surrogaten schimmern Urbilder, welche die Moderne nur negativ als Restrisiko, archaische Relikte und animalische Instinkte fürchten kann. Sie verleugnet diese Dinge nicht, aber sie besetzt sie im Bewußtsein mit dem Unheil, Verbrechen und Gewalt. Nietzsche sagt dazu, daß die »Guten und Gerechten« den Verbrecher fürchteten, den Brecher ihrer Gebotstafeln. Zweifellos richtig hat er erkannt, daß die Wende im rundum Tabuisierten ihren Ausgang nimmt. Eine besondere Raffinesse der Moderne besteht nun darin, daß sie auch das Tabu als Material ihrer Vernutzungsbestrebungen erkannt hat. Aber auch hier geht sie am Kern vorbei. Abgesehen davon, daß jeder Tabubruch neue Tabus schafft, ist es dem luziferischen Wesen prinzipiell unmöglich, auf das Innenbild unserer Gottähnlichkeit zuzugreifen.
Der Widerspruch zwischen unverlierbarem Innenbild und realem Leben stärkt die Sehnsucht nach dem Reich, und da dieser Widerspruch notwendig krasser wird, erhöht sich die Strahlkraft der Wahrheit. Die Bosheit des Teufels ist zwar unendlich, aber seine Trickkiste nicht. Ein schönes Bild ist es, daß es einem wie Schuppen von Augen fällt. Die Revolution ist also weniger eine gewaltige Eruption als eine unmerkliche Veränderung im Schauen. Machtfragen sind Glaubensfragen. Und vor diesem Hintergrund sind bisherige Revolten dran gescheitert, daß sie nicht tief genug vom Blendwerk sich lösten, daß sie nur an einer Oberfläche kratzten und das Innere dahingestellt ließen. 1933 wollten die Deutschen nur das Bismarck-Reich zurück. Es gibt Romantiker der 80er Jahre, wie es welche der 50er oder der 30er gibt. Dies sind Seifenblasen. Das Übel beginnt spätestens 1789 mit der Französischen Revolution, im Grunde genommen, schon 1492 mit der Einführung des römischen Rechtes in deutschen Landen. Aber auch diese Jahreszahl ist vielleicht nur ein Markstein.
Ein befreundeter Russe, der sich als Don-Kosake bezeichnet, was ich ihm, nebenbei bemerkt, voll abnehme (Zitat: »Meine Kinder hätten in der Welt, in der ich aufwuchs, keine Überlebenschance.«), berichtete mir von seinem großen Erstaunen, daß seine beiden Buben blond und blauäugig seien, wo doch dies sowohl in seiner als auch in der Familie seiner Frau seit Menschengedenken nicht vorgekommen sei. Natürlich wird ein Übelwollender dieses Resultat auf eine geschmacklose Weise erklären wollen, dies scheidet aber für mich unbedingt aus. Im Gegenteil, dieses Beispiel dient mir als Antwort an alle Kleingläubigen. Wir kommen von weiter her als von unseren Großeltern. Gottes Wege sind sehr viel komplexer, als uns die uns zugängliche Anschauung weismachen will. Ich stimme Evola zu, der Chamberlains Rassenlehre als infantil bezeichnete. Bekannterweise wurde diese Lehre in den 30er Jahren zur Doktrin. Wer freilich wegen der Unstimmigkeiten dieser Doktrin die Rasse aus dem Kanon bemerkenswerter Phänomene verbannen will, schüttet das Kind mit dem Bade aus, vielleicht, weil ihm das Kind ein viel größeres Ärgernis darstellt als das Wasser.
Ich habe nicht die Absicht, das Phänomen der Rasse wissenschaftlich zu beschreiben oder gar zu deuten. Ich bekenne offen, daß ich dies nicht kann. Aber das stört mich wenig. Ich freue mich einfach an der Gnade Gottes. Ich weiß, daß es Unverlierbares gibt. In Orwells »1984« erklärt der Folterer dem Opfer, Geschichte sei das, was als Erinnerung in den Köpfen und aufgeschrieben in den Büchern sei. Da sie, die Herrschenden, sowohl die Köpfe wie das Schrifttum kontrollierten, gäbe es keine andere Geschichte, als die von ihnen geschaffene. Sein Sieg im Roman ist es, daß der Aufmüpfige alles preisgibt, sogar seine Liebe. Aber sein Sieg ist ein Pyrrhussieg. Er kann nämlich nicht erklären, wie es überhaupt zu dem ersten Gedankenverbrechen, der Suche nach einer Ecke im Zimmer, die der Televisor nicht überblicken und kontrollieren kann, kommen konnte. Und weil er es nicht erklären kann, wird er in Kauf nehmen müssen, daß dieser Widerstand immer und überall wieder aufflackern kann. Die Welt, die er überwacht, ist nämlich nur die menschliche Gesellschaft. Nicht nur, daß er von den Gestirnen abhängig bleibt, nicht einmal das Wetter hat er im Griff. Ähnlich verhält es sich mit der Geschichte. Es gibt völlig unabhängig von aller Überlieferung eine reale Geschichte und die ist dauernd in Gott präsent. Und jeder weiß von mystischen Erlebnissen, wo sich diese ihm auf eine Weise erschlossen hat, daß die üblichen Erklärungsmuster versagen.
Diesen Hintergrund habe ich dargelegt, um nicht nur zu verkünden, daß für die Reichsidee die beste Hoffnung bestünde, sondern auch, um den von konservativer Seite immer wieder erhobenen Einwand zu entkräften, die neurechte Musik sei von daher nichts originäres, weil sie auf dem Boden von importierter Musik und Müllkultur wachse. Das Wesen der Musik ergründet nicht die Kompositionslehre oder Harmonik. Dies sind sind innerkulturelle Erklärungsmuster, die Kultur aber, die sie hervorbrachte, ist in den Stahlgewittern des Weltkrieges verblutet. Kulturunabhängig läßt sich die Musik nur in zwei Kategorien einteilen: Marsch oder Wiegenlied, Anheizer oder Balsam, Tyrtaios oder Orpheus. Ähnlich verhält es sich mit dem Leben, es zerfällt in Jugend und Alter, Aktion und Reflexion, Kampf und Versöhnung. Diese Gegensätze bedingen aber einander: Nur wer in der Jugend schroff ist, kann später verbindlich sein, nur wer das Feuer kennt, entwickelt das Gottvertrauen.
Beim Kampf ist nicht die Seite entscheidend, sondern Ehre, Mut und Treue. Er ist mein Feind, aber er ist ein Ritter wie ich, so lautet die Losung einer besseren Zeit. Bill Gates ist mein Feind, aber ich versage ihm nicht die Achtung, Frau Merkel hingegen ist nur eine billige Verräterin. Das Links-Rechts-Schema ist als solches eine blöde Ideologie. Fundamental dagegen ist der Gegensatz zwischen Siegfrieds Schwert und Wotans Speer. Wotan hütet die bestehende Ordnung, gegen die Siegfried aufbegehrt und zwar im Namen des Lebens. Denn eine Jugend, die nicht wider eine Welt aufbegehrt, welche die Erwachsenen unter sich aufgeteilt haben, ist widernatürlich und pervers. Dies muß auch in einer besseren Welt als der derzeitigen immer so bleiben. Siegfrieds Aufbegehren hat man traditionell als links bezeichnet. Nun ist aber Wotan, um im Bilde zu bleiben, auf die Idee gekommen, Siegfried dadurch auszuschalten, daß er das Linke für sich vereinnahmt und damit Siegfried in Verwirrung führt. Aber Siegfried muß sich durch das Rollenspiel nicht verwirren lassen. Er war nämlich schon rechts als er sich noch als links verstand und deswegen von Wotan bekriegt wurde. Er ist nämlich insofern rechts, weil er im Namen des ewigen Generationen-Gesetzes handelt und nicht nur für die konkreten Interessen seiner Generation.
Niemand kann links kämpfen, ohne von seinem rechten Instinkt gestachelt zu werden, niemand kann rechts versöhnen, ohne vorher mit linken Idealen gekämpft zu haben. Gerade die Radikalen der 68er Bewegung wie Horst Mahler haben diese Weisheit nach gründlichem Nachdenken begriffen. Wir leben in einer Welt tödlicher Erstarrung, die nur noch die Scheinbewegungen des sozialversicherten Konsumidioten zulassen und alle wirkliche Bewegung unterdrücken will. Aus diesem Grunde ist aggressive Musik keine Geschmacksfrage. Die Musik wirkt wie keine Kunst unmittelbar auf die Seele. Deshalb war sie schon bei den Griechen umstritten und gefürchtet. Deshalb ist sie der Königsweg der Revolution.
DIE LUST DES SOKRATES
Jüngst übte ich in einem elekronischen Lexikon Kritik an dem Artikel über »Homosexualität«, worauf ich gebeten wurde, einen besseren Artikel zu schreiben. Nach einigem Überlegen entsagte ich dieser Aufgabe. Maßgeblich waren dafür zwei grundsätzliche Bedenken. Ich zweifle sowohl an der Sinnträchtigkeit des Begriffes als auch an der Möglichkeit, lexikalisch, also objektiv, über die mit diesem Begriff angesprochenen Phänomene zu berichten. Ich nutze hier die essayistische Form, mich einem Konglomerat von Abgrenzungsbemühungen, halbbewußten Chiffren, Verheißungen und Enttäuschungen anzunähern.
Dem Aufkommen dieses neuen Wortes im späten 19. Jahrhundert folgten zahllose Versuche, die Ursache dieses Phänomens zu ergründen. Sie wurden von verschiedensten Seiten und mit den verschiedensten Absichten unternommen, und können ausnahmslos als wissenschaftlich gescheitert angesehen werden. Dies scheint mir mit Definitionsproblemen zusammenzuhängen. Im Mittelpunkt der Forschung standen im allgemeinen Männer, die sich auf der Suche nach geeigneten Partnern an einschlägigen Orten herumtrieben, also Leute von soziologischem und kriminalwissenschaftlichem Interesse. Wenn schon Mangus Hirschfeld bedauert, der Begriff betone mit »sexuell« Handlungen und vernachlässige das Begehren, so muß man ihm entgegnen, daß Wünsche für alle, die sie nicht selber hegen, vollkommen bedeutungslos und gleichgültig sind, solange daraus keine Handlungen folgen. Insofern ist es folgerichtig, daß eine öffentliche Diskussion sich immer an reale Vorgänge und nicht an seelische Befindlichkeiten knüpfen wird.
Das Wort entstand nicht im luftleeren Raum, sondern in der Zeit der Industrialisierung und der allgemeinen Verstädterung. Immer mehr Leute lebten in einer gänzlich andersgearteten Kultur als ihre Vorfahren. In einer Zeit, als es aufkam, »um die Häuser zu ziehen«, fiel auf, daß einige dies mit anderen Absichten machten als die Masse der Zerstreuungsbedürftigen.
Aus diesen Beobachtungen hat man dann auf die ganze Weltgeschichte zurückgeschlossen. Das ist ein Verfahren, wie es Marx unternimmt, wenn er aus den Arbeitskämpfen in den Fabriken Londons die Theorie entwickelt, daß die Geschichte der Menschheit eine Geschichte der Klassenkämpfe sei und die Revolutionen die Lokomotiven der Geschichte. Der Typus des Homosexuellen, wie er allgemein bekannt ist und in der Literatur beschrieben wird, steht und fällt mit der Industriegesellschaft. Will man von diesem absehen und etwas Außergeschichtliches in der menschlichen Natur erkennen, ist dieser Begriff schon ein methodisch fataler Einstieg.
Weiterhin ist einzuwenden, daß ein großer Teil der »Homosexuellen« keineswegs das begehrt, was er selber ist, also nicht das »Gleiche«. Die Pädophilie wird durch den Begriff eher verwischt als eingeschlossen. Auch wenn ein junger Mann eine Vaterfigur sucht und meint, er könne diese nur sexuell finden, wird er in eine Rubrik gebracht, die mißverständlich ist. Männer, die in eine Mann-zu-Frau-Transsexuelle verliebt sind, gelten als homosexuell, solang die Operation der Partnerin keine gesetzliche Personenstandsänderung gebracht hat. Danach gelten sie als heterosexuell.
Ich erlaube mir hier einen kurzen Einschub zur Transsexualität, die im öffentlichen Bewußtsein vor allem durch das Auftreten von Transvestiten mit gänzlich anderen Erscheinungen vermischt ist. Hier geht es um die sehr seltene Erscheinung, die Mediziner eine »Geschlechtsidentitätsstörung« nennen. Der oder die Betroffene meint im falschen Körper zu leben, es besteht ein Konflikt zwischen seelischem Geschlechtsempfinden und körperlichem Wuchs. Diese Normabweichung hat eigentlich wenig mit der Sexualität zu tun, und die meisten Betroffenen haben auch eher eine verkümmerte Sexualität. Was der Ignorant für den gleichen »Schweinkram« wie andere Abweichungen hält, wurde jedoch kulturell völlig anders gehandhabt. Von den Indianern wird berichtet, daß sie eine Entscheidung gegen das körperliche Geschlecht für legitim nahmen. Wer freilich als Mann eine Frau sein wollte und sich von Jagd und Kriegsdienst suspendieren ließ, mußte ohne Klage alle weiblichen Pflichten erfüllen. Eine moderne Toleranz, es dürfe sich jemand von überall die Rosinen aus dem Kuchen suchen, gab es bei Naturvölkern nicht. Als aktuelles Beispiel ist erwähnenswert, daß im Iran, wo homosexuelle Umtriebe mit der Todesstrafe verfolgt werden, die Transsexualität nicht nur gestattet, sondern nach Thailand auch weltweit am meisten verbreitet ist. Die Mullahs gehen offenbar von der Ansicht aus, daß Transsexualität zwar den Betroffenen von der Fortpflanzung ausschließt, aber im übrigen die Gesellschaft der Geschlechter nicht stört oder durcheinanderbringt.
Ich komme zum Thema zurück und erhebe einen dritten Einwand wider die Begrifflichkeit: der Begriffsschöpfer hat eine Ideologie in seinen Neogrecolatinismus gepackt. Für Karl Maria Kertbeny zerfällt die Menschheit in »Homosexuelle« und »Heterosexuelle«. Hier ist unschwer zu erkennen, daß es dem Wortschöpfer auf die Gleichwertigkeit der Begriffe ankam, also letztlich eine Gleichstellung von Schwulenkultur mit Ehe und Familie. Wer also meint, die immer unverschämteren Forderungen der Schwulenlobby seien nachträgliche Auswüchse, der muß erkennen, daß das gesamte Programm schon in der Begrifflichkeit angelegt war. Insofern mag für die Ideologie der Eingang ihrer Wortschöpfung in offizielle Dokumente wie etwa das Strafgesetzbuch zwar von unbeabsichtigten Konsequenzen sein, muß aber als wesentlicher Schritt zur Definitionshoheit gewertet werden. Wer sich auf die Begrifflichkeit einläßt, ist schon recht tief im Netz des Schöpfers dieser Begrifflichkeit.
Zur Verschiedenheit von Mann und Frau gehört es, zumindest in Zeiten vor der massenhaften Verbreitung der Pille, daß sich die Frau im Sexus viel stärker der Konsequenzen für Familie und Generationenfolge bewußt ist und sich kaum Laxheiten im Umgang mit der Lust leisten kann. Der Mann meint sich das in viel größerem Umfange erlauben zu dürfen und in der tradierten Welt waren ja Berufsgruppen bekannt, für die geschlechtliche Lust in der Regel frei von persönlichen Konsequenzen blieb. Diese Ungleichheit der Geschlechter führt bei Männern zu der weitverbreiten Vorstellung, man würde ja gern viel mehr Frauen beglücken, wenn diese nicht so entsetzlich spröde wären. Allerdings zeigt uns die islamische Kultur, wo Polygamie in dem Rahmen erlaubt ist, wie der Mann die Frauen ernähren und unterhalten kann, daß von dieser Möglichkeit sehr viel weniger Gebrauch gemacht wird, als man nach den Inhalten von Männergesprächen am Biertisch vermuten sollte. Kurzum: die meiste Sexualität findet in der Phantasie statt, und dies ist auch gut so. Von den Theorien einer Menschwerdung aus dem Tierreich, deren Glaubwürdigkeit hier mal dahingestellt bleiben sollte, hat mich am ehesten der Ansatz überzeugt, das übergroße menschliche Gehirn habe sexuelle Ursachen.
Die sexuelle Phantasie – das ist nicht nur die Welt der Partner, Praktiken und Stellungen. Nur das Hirn eines äußerst dumpfen Charakters ist mit einem pornographischen Kino vergleichbar. Kultur hat mit Wahl und Geschmack zu tun, und die ganze Ästhetik basiert auf der Lust. Die Differenziertheit und damit Eigenheit steigert sich mit der Subtilität. Dabei kann es zu Brüchen kommen und der Gipfel der Subtilität in einer ausgesprochenen Grobheit bestehen. Aber auch die moralische Welt durchkreuzt die ästhetische. Lust an der guten Tat ist kein Widerspruch. Und wenn ein tüchtiger Mann, der sie und die Kinder gut ernähren wird, einer Frau als »schön« erscheint, ist dies keine Korrumpierung des ästhetischen Sinnes. Unsere Schönheitsvorstellungen sind immer Chiffren für Hoffnungen. Und die Hoffnung setzt nicht nur die Kirche der Liebe als Heilsweg zur Seite.
Dazu kommt für die Kirche der Glaube, in die Welt der Liebe übertragen, heißt dies Treue. Kein Mensch denkt wirklich gering von der Treue, er betone auch noch so lautstark, er schätze die Unverbindlichkeit über alles. Gerade die Hilflosigkeit, die Menschenkinder so offensichtlich von beispielsweise neugeborenen Hunden unterscheidet, macht den Menschen »konservativ«, und dem Machtanspruch der Linken steht am stärksten der Umstand entgegen, daß es ihnen noch nicht gelang, die Schwangerschaft durch Maschinen zu ersetzen.
Treue ist immer in der Mutterzuwendung begründet und deshalb immer persönlich, nur einem personalen Gott kann man treu sein, nur einem Reich mit König, nur einer Partei mit Führer, nur einem ganz realen Mann oder einer ganz realen Frau. Man kann nicht etwa einem Geschlecht treu sein, weder dem eigenen, noch dem anderen. Weil Liebe immer die Lust der Wahl meint, nicht einer freien Wahl, aber einer unbedingten, stehen ihr immer Hoffnung und Treue zur Seite. Wenn Hoffnung und Treue zu Schreckgespenstern werden, ist die Liebe selbst ein Dämon.
Wenn der Mensch viele Dinge, die er nicht tut, träumt oder spielerisch in seiner Phantasie inszeniert, so macht er sich natürlich auch seine Gedanken, wie es wohl in der Wunsch- und Angstwelt anderer Menschen aussehen möge. Wenn nun Männer mit der romantischen Vorstellung von Lust ohne Pflichten, Spaß ohne Konsequenzen, Freiheit ohne Gebundenheit spielen, entwickeln sie oft den neidischen Aberglauben, anderen Menschen gelinge solches ganz vorzüglich, nur ihnen selbst fehle solch eine glückliche Hand. Der Einsicht, daß dies aus gutem Grunde und zu jedermanns Heil ausgeschlossen ist, neigt der schwache Charakter davonzulaufen. Der Kulturbruch, der mit der Verstädterung einsetzt, fußt genau auf diesen Schwächen. Da gibt es plötzlich Hoffnungen ohne Treue, Lust ohne Last, Gewinn ohne Opfer. Ich mag die mittelalterlichen Legenden so gern, welche die Verführungskünste des Teufels beschreiben. Mir erscheinen sie so unglaublich heutig. Nicht ohne Grund werden sie in der Romantik wieder entdeckt. Da wird dem Schlemihl angetragen, sich doch von etwas kaum Realen, zumindest Geringwertigem zu trennen und dafür die höchst realen Schätze der Welt zu bekommen. Bei Hauff wird dem armen Köhler erklärt, daß das mitleidige Herz doch nichts als eine Belastung sei und es die Klugheit gebiete, dasselbe in brauchbare Dinge einzutauschen.
Die Toren, die in die Falle tappen, stellen sich eine naheliegende Frage nicht, nämlich: warum wird gerade mir ein Angebot angetragen, das offensichtlich so vorteilhaft ist, daß es jeder mit Freuden annehmen würde? Und wenn sie sich die Frage stellen, geben sie eitle Antworten, etwa, weil andere Menschen so dumm, so ängstlich, kurz, so konservativ seien. Dies ist der Hochmut vor dem Fall. Denn in Wahrheit ist alles ganz anders, sie geben das Wertvollste, was der Mensch besitzt, seine Seele, seine Treue zur Mutter und damit seine Gottkindschaft, für einen wertlosen Plunder, ein Feuerwerk von Surrogaten, das Blendwerk des Teufels.
Nun behauptet die Ideologie der Homosexualität, es gebe bei den »Heterosexuellen« einfältige Leute und Leute von hoher Liebeskultur, und ebenso sei es auch am anderen Ufer. Wenn ein prominentes schwules Paar Eheähnlichkeit zelebriert, jubelt die ganze Szene. Leute, die derlei Dinge nur aus dem Fernsehn kennen, mögen sich täuschen, aber die Realität sieht anders aus. Im Grunde ist die ganze homosexuelle Szene eine Ansammlung von frustrierten Leuten. Der eine, eher unsichtbare Teil flüchtet in Grillen und allerlei Verschrobenheit. Der andere geht offensiv damit um. Man trifft sich in Lokalen, in denen im allgemeinen mindestens zwei Bildschirme mit pornographischen Filmen laufen. Dabei ist im allgemeinen einer der romantische: zwei oder mehrere Jungen, die gerade das legale Alter erreicht haben, entdecken schwärmerisch die Liebe. Auf dem anderen testen einige reifere Männer in einem Folterkeller die Grenzen der Belastbarkeit aus. Hier erscheinen zwei Welten, die letztlich eine Altersfrage scheinen. Neben den Bildschirmen verfügen besser eingerichtete Lokale über ein Andreaskreuz und Aufhängevorrichtungen, in denen man öffentlichen Beischlaf zelebrieren kann. Ebenso enge Labyrinthe, in denen Berührungen kaum zu vermeiden sind, Dunkelzonen und Wände mit einem Loch in der richtigen Höhe, damit man beim Sex den anderen nicht sehen muß. Kurz Hilfsmittel einer völlig entpersönlichten Sexualität. Und um die geht es auch meistens, man richte auch noch so grandiose Ikonen auf. Auch der Blick auf die Geschichte der Schwulenbewegung zeigt anschaulich, daß der Aktivismus nicht von Leuten ausging, die man als kultiviertes Alibi vor sich herträgt, sondern immer von Leuten, die Ausschweifung und Hedonismus auf ihre Fahnen geschrieben hatten. Wie jede Revolution, so frißt auch die schwule ihre Kinder. Über Jahrzehnte war das skadalöseste proschwule Buch Hans Blühers »Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft«. Mittlerweile ist dieser Autor aus dem Kanon zugunsten von Magnus Hirschfeld verbannt und gilt den Gutmenschen als »Antisemit«. Wie kam es dazu?
Hans Blüher war am Steglitzer Gymnasium, als die Wandervogel-Bewegung ihren Ausgang nahm. Der Jugendführer Karl Fischer wurde für ihn das Urbild des »Männerhelden« in seinen Büchern. Offenbar war Fischer ein Organisator mit großem Charisma, der viele Knaben in seinen Bann zog. Den meisten wurde dabei nicht bewußt, daß Fischers Neigung zu jungen Männern Motiv seiner Energie und Unermüdlichkeit war. Da die Sache den Nerv der Zeit traf, verselbständigte sich diese, und es entstanden allerorten Wandervogel-Kreise. Ob diese sich nahezu immer, wie Blüher behauptet, um einen »Invertierten«, so Blühers Bezeichnung, bildeten, läßt sich nicht mehr nachprüfen, immerhin muß es häufig genug vorgekommen sein, denn es gab bald einen großen Skandal in der Presse und durchs Volk kursierte der Witz: »Die Wandervögel haben sich getrennt. Die eine Gruppe wandert nur noch.«
Blüher behauptet in seinem Buch, um den »Männerhelden« gruppiere sich die sogenannte »männliche Gesellschaft«, die den Kern aller Männerbünde darstelle. Er macht Männer, für welche die Familie kein Lebensmodell darstellt, als staatstragendes Motiv aus. Seine Theorie von einer mit Abstand vom Zentrum sich immer weiter verdünnenden Homoerotik als tragendes Prinzip des Männerbundes wurde freilich niemals ernsthaft wissenschaftlich diskutiert. Bis in die 60er Jahre wurde das Werk von 1912 außerordentlich gut verkauft. Der von Amerika ausgehenden sexuellen Revolution paßte Blüher jedoch gar nicht Konzept, weil sein Menschenbild strikt aristokratisch war und der Klientel der neuen Befreiung nicht schmeichelte. Personen, die Blüher als »gesunde Vollinvertierte« bezeichnet hätte, kamen in diesem Umfeld nicht vor. Es liegt nahe, daß ihn auf die Idee einer staatstragenden Rolle bestimmter Charaktere die seinerzeitige Diskussion um den »Liebenberger Kreis« gebracht hat. Dieser Kreis stand für eine Gruppe in der Umgebung des Kaisers Wilhelm II., denen Neigungen zum eigenen Geschlecht nachgesagt wurden. Was immer man von Blühers Buch hält, so muß man doch feststellen, daß er in Erscheinungen, die andere lediglich als Dekadenz-Phänomene abtun wollen, Konstruktives zu entdecken und das in diesem Aufsatz thematisierte Problem nicht liberal, sondern preußisch zu lösen suchte.
Blüher berichtet in seinen Memoiren von einem Treffen, zu dem er von Magnus Hirschfeld eingeladen wurde. Er sei in ein Schreckensszenarium geraten. Hirschfeld habe Mißbildungen und Monstrositäten versammelt und ein Panoptikum des Abartigen zusammengestellt. Wie glaubhaft dieser Bericht auch sein mag, als sicher darf angenommen sein, daß Blüher meinte, neben allen krankhaften Erscheinungen »geschlechtlicher Zwischenstufen« (Hirschfeld) und allen Arten von Unzucht gäbe es auch einen Typus des »gesunden Vollinvertierten«. Hirschfeld hingegen wollte mit der Anhäufung von Kuriosem und Abseitigem den Begriff des Gesunden überhaupt in Frage stellen und wie seine erfolgreicheren Erben als Norm abschaffen.
In Blühers Buch ist dem Philosophen Sokrates, den wir nur aus Platons Beschreibung kennen, breiter Raum gewidmet. Zu Platons Zeit erfreute sich die Knabenliebe in Athen so großer Beliebtheit, daß der Staat zur Sicherung der Geburten die erwachsenen Männer gesetzlich zur Ehe verpflichtete. Aus diesem Grunde amüsiert sich die Literatur seit 2000 Jahren über Sokrates' freudlose Ehefrau Xanthippe.
Athen war nicht wie Sparta ein Krieger-, sondern ein Händlerstaat. Wir dürfen uns also unter der Stadt durchaus das moderne oder mondäne Zentrum Griechenlands vorstellen. Gleichwohl ist es völlig verfehlt, zu behaupten, die vorchristliche Antike hätte sexuelle Libertinage im heutigen Sinne gepflegt. Pornographische Vasenmalerien, phallische Stelen und erotomane Kulte dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, daß das gesellschaftliche Leben keineswegs regellos war und nicht beliebige Marotten des einzelnen duldete. Der Umgang älterer Herren mit jungen Athleten war zwar von einer Körperlichkeit, die nördlichere Kulturen als unkeusch empfunden hätten, aber er war keineswegs schrankenlos. Zum Beispiel war für einen freien Jüngling oder Mann der passive Analverkehr absolut tabu.
Platons Schrift »Das Gastmahl« verdankt sich der Begriff der Platonischen Liebe. Selten ist ein Begriff stärker entstellt und mißdeutet worden. Im Gastmahl beklagt sich der junge und allgemein als Schönheit bekannte Feldherr Alkibiades, er sei zu dem Weisen Sokrates ins Bett geschlüpft und habe am Morgen noch so dagelegen wie er sich am Abend hingelegt habe. Sokrates belehrt ihn, daß die höhere Form der Liebe keine körperliche Lust nötig habe. Aus dieser Szene macht nun der moderne Bildungsverhunzer ein Schlagwort, um seine Freundschaften zu beschreiben, bei denen der Freund (oder auch die Freundin) keinen körperlichen Reiz auf ihn ausübt. Etwas lapidar formuliert, die Freunde, die zwar interessant, aber häßlich seien. Das ist aber bei Platon nicht gemeint. Sokrates bestreitet nicht, daß er Alkibiades begehrt, aber er entsagt der Lust für ein Bildungsideal.
Sokrates wurde schließlich als Verderber der Jugend zum Tode verurteilt und gilt deshalb als Märtyrer der freien Liebe. Diese Ansicht ist naiv. Sokrates verkehrte mit Politikern und Feldherren. In diesem Milieu wird man nicht wegen Sittenwidrigkeit getötet. Sein Tod hatte natürlich politische Gründe. Die Einzelheiten dazu sind nicht überliefert, aber die Gewohnheit des Sokrates, jungen Männern eine völlig neue Art des Denkens beizubringen, wird ihm nicht nur Freunde gemacht haben. Die Athener hatten in religiösen Dingen eine große Liberalität und der Rahmen der Schicklichkeit war groß. Es war durchaus erlaubt, an diesem oder jenem Gott lächerliche Seiten zu entdecken. Sokrates' Mythenkritik ist jedoch von einer völlig neuen Qualität. Hinzu kommt seine Methode: das voraussetzungslose Fragen. Ich weiß, daß ich nichts weiß, ist die zentrale These. Vom Nichts-Wissen zum Nichts-Glauben ist es jedoch nicht weit, da gähnt der Abgrund der Anarchie. Sokrates hat die Machtfrage gestellt.
Es wird überliefert, Sokrates hätte nach dem Urteil die Möglichkeit zur Flucht gehabt, diese aber verschmäht und den Schierlingsbecher genommen. Dies macht ihn zu einem Heiligen der Vernunft-Gläubigen. Mir erscheinen freilich andere Motive für dieses Sich-drein-Schicken plausibler als der Glaube an die überpersönliche Wahrheit der Philosophie. Sokrates war nicht mehr der jüngste und er hatte sich an ein Leben als Flaneur gewöhnt. In seiner Heimatstadt war er eine Autorität und ein begehrter Gesprächspartner, der in der Oberschicht gehätschelt wurde. Als Flüchtling hätte er nur das nackte Leben retten können, ohne Status und Wohlstand, dafür mit den Sorgen des Alters und der fehlenden Verwandtschaft. Er hat sich für den Tod entschieden.
Gern wird von Freigeistern Sokrates' Schierlingstrank dem angeblich würdelosen Kreuzestod des Jesus von Nazareth gegenübergestellt. Furcht und Zittern des Sokrates' hätte Platon in seiner Apologie gewiß verschwiegen, aber die Evangelien berichten mit ergreifender Deutlichkeit von dem Wunsch des Heilands, der Krug möge an ihm vorübergehen. Er ist gewiß nicht lebensmüde, wie es bei Sokrates durchaus angenommen werden kann. Das entscheidende ist aber etwas anderes: wenn Jesus sein Kreuz auf sich nimmt, dann nicht etwa, weil er meinte, damit ein Zeichen zu setzen, die Kirche zu stiften oder was auch immer, sondern er handelt aus Gehorsam gegenüber dem Vater.
Die trefflichste Unterscheidung zwischen »links« und »rechts« erscheint mir immer der höchste unterschiedliche Glaube, hier an den Bruder, dort an den Vater. Der Bruder ist der Gleiche oder der vermeintlich Gleiche. Der Vater ist die Autorität. Zudem ist das Vater-Sohn-Verhältnis eines der Generationen und ein Schlüssel für das ewige Muster der Identität im Verschiedenen. Zwischen Vater und Sohn steht die Mutter. Die Schwester steht niemals zwischen den Brüdern, sondern immer daneben. An dieser Konstellation sehen wir deutlich daß die rechte Weltsicht der Ordnung der Natur folgt, während die linke dieselbe aufzuheben trachtet.
Leute, die als betont homosexuell in Erscheinung treten, haben meist ein linkes Weltbild. Kinder haben sie keine und zum Vater meist ein gebrochenes Verhältnis. Ihre Gemeinde besteht aus Brüdern. Das wird schon bei Sokrates so gewesen sein, obwohl der natürlich ganz genau wußte, was er seinen Brüdern voraus hatte. Das Beispiel Ernst Röhm wird gern benutzt, um den über- oder gar metapolitischen Charakter der Neigung zu betonen. Aber gerade dieses Beispiel ist wenig stichhaltig. Hitlers Weg zur Macht war ja gerade die Verbindung von linkem und rechtem Denken, daß »Nationalsozialismus« ein reiner Propagandabegriff gewesen sei, wurde erst nach 1945 behauptet. Die SA um Röhm wollte eine zweite Revolution und war damit zweifellos eine Linksopposition. Auch Röhm ist über seinen Griff nach der Macht gestürzt und nicht wegen seiner Orientierung. Seine Neigungen dürften Hitler schon 1923 bekannt gewesen sein.
Als die bekannteste »Schwulenverfolgung« des Mittelalters gilt der Untergang des Templerordens. Die Homosexualität, die den Kriegern in einem, allerdings sehr prächtigen, Mönchsgewand nachgesagt wurde, war dort sicher verbreitet. Es ist jedoch politisch naiv, zu vermuteten, sie sei der tatsächliche Grund der Verfolgung gewesen und nicht lediglich Teil der Propaganda, die Gestürzten im Volk herabzusetzen. Die Templer waren ein bewaffneter Staat im Staat und verwalteten Sie die Finanzen der französischen Krone. Diese Macht war dem König ein Dorn im Auge. Nach der Anklage folgte eine Prozeßlawine in ganz Europa. Während aber in Frankreich alle Prozesse mit Schuldspruch und Todesurteil endeten, gab es in Italien nur wenige Schuldsprüche, in Deutschland und England wurde fast immer auf Freispruch erkannt. Wäre es tatsächlich um Sexualpraktiken gegangen, wären diese Differenzen kaum erklärlich, denn die Moralvorstellungen und Strafgesetze unterschieden sich kaum.
Überhaupt wurden Männerbünde dieser Art schon in der Antike als mögliche Verschwörer verdächtigt, beobachtet und zuzeiten verfolgt. Also häufig bestand die Befürchtung zu Recht. Man weiß auch, daß die Gebrüder Stauffenberg ihrem Idol Stefan George huldigten, der, wobei seine platonische Zurückhaltung nicht infrage gestellt sei, doch der männlichen Jugend außerordentlich zugetan war. Es besteht jedenfalls ein Zusammenhang zwischen Erotik unter Männern und einem politischen Gewaltpotential. Auch der homosexuelle Einzelgänger hat oft große politische Ambitionen. Daß Thomas Mann sein Vaterland und die ganze abendländische Kultur verriet, hat durchaus nicht wenig mit Gustav Aschenbach und seiner todesseligen Knabenliebe zu tun. Bei Thomas Mann lernen wir auch, daß man ein literarisches Genie wird, wenn man die eigene Familie nach Kräften mit Dreck bewirft. Bester Beweis für seine These, daß die Deutsche seit Luthers Zeiten unverbesserliche Nazis seien, ist freilich der Umstand, daß die Deutschen ihn, den großen Emigranten Thomas Mann, nach 1945 gar nicht wiederhaben wollten. Nur wird das heute freilich alles so dargestellt, als mißgönnten die Machthaber ihren Untertanen ein bißchen Spaß im Bett.
Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr, sagt das Sprichwort. In der Tat läßt sich wissenschaftlich nachweisen, daß die Geistesleistung bei Kindern und Jugendlichen besonders hoch ist, im Erwachsenenalter bei den meisten Menschen absinkt und sich nur bei wenigen bis zur Vergreisung relativ konstant hält. Im ersten Lebensjahrsiebent gestaltet sich die Bildung relativ selbsttätig, das Kind erlernt Sprache um Umgangsformen, es lernt sich durchzusetzen und die Dinge zu begreifen, die sein Leben berühren. Wesentlich sind in diesem Alter vor allem moralische Werte, die durch Vorbilder geschaffen werden. Im zweiten Jahrsiebent bricht in Schüben die Sexualität herein, um im dritten oft zum Dauerproblem zu werden. Dieses Zusammentreffen von starker Sexualität und hoher Geistesleistung berührt sich mit dem weiter oben vermuteten entwicklungsgeschichtlichen Zusammenhang. Nun ist aber der Mensch ein Wesen, das in Jahrtausenden seinen animalischen Kern in eine Kultur eingebettet hat, die man allgemein als ein Streben nach Dauerhaftigkeit beschreiben kann. Für spätere Früchte wird auf unmittelbaren Lustgewinn verzichtet. Schon Kinder lernen, daß sich die Vorausschau lohnt. Aber die Sexualität ist eine so große Naturkraft, daß es die Gesellschaft seit unvordenklichen Zeiten für notwendig gehalten hat, mit überindividuellen Vorkehrungen dafür zu sorgen, daß die kurze Lust nicht lange Reue nach sich zieht.
In hierarchischen Gesellschaften behandelt man die Jugendlichen höchst ungleich. Bei jenen, die gesellschaftlich ganz unten stehen, den Knechten (einer sozialen Gruppe, der die Moderne nahezu sämtliche Menschen zuordnen will), wird die Sexualität in keiner Weise gebremst. Sie sollen gerade im Jugendalter für Nachwuchs sorgen, denn eine Frau wird umso mehr Kinder bekommen, je früher sie damit anfängt. Bei den Bauern und im Adel stellte man frühzeitig ein geeignetes Paar zusammen, um nicht nur für Nachwuchs, sondern auch für eine legitime Erbfolge zu sorgen. Anders beim Bürgertum. Hier wurde zumindest versucht, die Sexualität bis zum zwanzigsten Lebensjahre auszuschalten, oft noch viel länger.
Diese Unterdrückung der Sexualität wird in der Moderne als Schändlichkeit gepönt, als Kronzeugen dienen dabei Romane aus der Industrialisierungszeit, in denen eine unerträgliche Spannung in Knabeninternaten geschildert wird. Oft wird in diesen Werken auch der Eindruck erweckt, die Unterbindung der gesunden Sexualität führe zur krankhaften und verderblichen. Die Geschichte spricht aber eine andere Sprache. Ob in der Literatur, der Musik, der Malerei – nirgendwo kann sich die Welt nach dem ersten Weltkriege mit der Zeit davor messen. Aber nicht nur in der Kunst, auch in den Wissenschaften erlebte das christliche Abendland eine Blüte, der ein großer Niedergang folgte.
Die organische Welt unterscheidet sich von der anorganischen dadurch, daß sie Dauer nur durch fortwährende Erneuerung kennt. Jeder Muskel muß trainiert werden. Nicht anders ist es mit dem Gehirn. Die Geistesleistung hat zwei Pole: die Auffassungsgabe und das Gedächtnis. Beide können nur miteinander funktionieren. Ohne die Fähigkeit, Fakten zu gewichten, synthetisch und antithetisch zu verbinden, ist alles Faktenwissen nutzlos. Ebenso erschöpfen sich strukturelle Fähigkeiten ohne angemessenen Inhalt im leeren Spiel. Ich las vor einiger Zeit die zutreffende, wenn auch dort abwertend gemeinte, Einschätzung, die besondere Schulung des Gedächtnisses sei das Kennzeichen reaktionärer Pädagogik. Richtig ist, daß linke Pädagogik auf Spannung und Kritik setzt und von wenigen, dafür umso markanteren, Ausnahmen abgesehen, alles zu hinterfragen lehrt. Man könnte auch zuspitzen: alles zu verdächtigen. In der Konsequenz ist dies eine Dynamisierung, die zum Leerlauf wird oder um wenige klischeehafte Fakten kreist. Die Schulung des Gedächtnisses ist die Basis für ein langes Leben, dessen Gipfel einmal mit Weisheit bezeichnet wurde. Heute haben wir nicht mehr den Weisen, sondern den Intellektuellen, der im Volke nicht ganz zu Unrecht oft den Ruf des Spitzfindigen, Überspannten, Selbstbezogenen hat.
Im Gegensatz zur Auffassung, die viel von dem Spieltrieb profitieren kann, ist für die Schulung des Gedächtnisses Kontinuität erforderlich. Eine solche Pädagogik kann keine Konkurrenten brauchen. Folglich ist es natürlich, daß gerade die »reaktionäre« Pädagogik ein Problem mit der Jugendsexualität hat. Für ein höheres Bildungsniveau ist nicht nur eine Trennung der Geschlechter nötig, sondern geradezu eine Absperrung.
Nun wird behauptet, solche Knabeninternate seien Brutstätten der Homosexualität. Dem ist zu widersprechen, sie sind es genauso wenig wie Gefängnisse und Schiffe. Sicher findet in reinen Männergemeinschaften hie und da Unzucht statt. Aber diese ist recht folgenlos, weil ihr jegliche Kultur fehlt. Kein Werben, kein Zukunftsplanen, keine Vernachlässigung anderer Dinge für das erotische Ziel. Die wenigen Homosexuellen, die Knastromantik für bare Münze nahmen, wurden bitter enttäuscht. Ihr Fazit: dort laufe zwar einiges, aber auf unterstem Niveau. Diese Art von Unzucht bleibt immer Notzucht. Ihr fehlt alle Raffinesse einer Subkultur, die zeigen will, daß sie höhere Lustgewinne erzielen kann als die Verbindung von Mann und Frau. Und weil der Sex in Strafanstalten so dumpf und phantasielos ist, bleibt er auch ohne Konsequenzen für den Sträfling nach seiner Entlassung.
In den Knabeninternaten, wo Sex verpönt ist, aber nur milde bestraft wird, kommen noch weitere entlastende Momente hinzu. Da das Interesse an höherer Bildung allgemein ist, ist auch die Hierarchie von der geistigen Leistung bestimmt. Niemand wird wegen irgendwelcher amurösen Abenteuer in seinem Leistungsstreben gehemmt. Das Leistungsstreben zielt aber auf einen Platz in der bürgerlichen Gesellschaft. Dieser Platz heißt Ehe und Familie. In den Internaten werden keine Gegenentwürfe entwickelt. Deshalb bleiben gelegentliche Spielereien ohne Folgen.
Natürlich gibt es neben den Männern, die solche Ersatzhandlungen treiben, auch jene, die Blüher als Vollinvertierte bezeichnet und die lebenslang keine Neigung zur Frau empfinden und für die Ehe und Familie undiskutabel sind. Die Ursachenfrage stellt sich bei dieser unter Normalbedingungen sehr kleinen Gruppe ganz anders als bei denen, die erst unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen »auf den Geschmack kommen«. Die Ursachenfrage führt rasch zu dem hochpolitischen: angeboren oder erworben? Im Materialismus unserer Zeit kann »angeboren« nur genetisch determiniert bedeuten, allenfalls stehen noch Einflüsse während der Schwangerschaft im Blick. Der Versuch, ein komplexes Verhaltensschema, daß überdies gesellschaftlich definiert ist, molekular zu verifizieren, erscheint geradezu lächerlich. Da ist ja selbst die astrologische Weltsicht realitätsgerechter, die ja immerhin neben der Zeit noch den Ort als maßgeblich für das Schicksal auffaßt.
Der Ansatz einer erworbenen Neigung, wird allgemein unter dem Schlagwort »Verführungstheorie« zusammengefaßt. Sie gilt heute als gänzlich überholt, aus dem einzigen Grunde, weil sie von der Schwulenbewegung unisono abgelehnt wird. Zunächst in der Absicht, keine strafrechliche Verantwortung zuzulassen. Aber auch unabhängig von solchen Befürchtungen schmeichelt es nun mal einem Erwachsenen wenig, wenn die Ansicht besteht, er sei durch ein für ihn zufälliges Erlebnis zu seiner lebenslangen Praxis gekommen. Da sind ihm die Gene doch lieber.
Die Verführungstheorie ist nicht so abseitig, wie oft wiederholt wird. Wunsch und Erregung haben sehr viel mit inneren Bildern zu tun, mit Konstanten, die wir nicht hinterfragen wollen, aber die doch einen konkreten Eingang in unser Leben gefunden haben. Erlebnisse in der Jugend können eine große Prägekraft entfalten. Gerade in diesem Alter ist die Sexualität heftig, das Schmachten tyrannisch und die Entladung gewaltig. Ausschlaggebend für eine Prägung ist aber nicht das Erlebnis als solches, sondern die Gestimmtheit, die Bereitschaft, sich einen Stempel aufdrücken zu lassen. Gilt es als harmlos, schwul zu sein, dagegen als schimpflich, sein Coming Out nicht absolviert zu haben, wird mancher ein Erlebnis für etwas nehmen, was es gar nicht hätte sein müssen. Die Verführungstheorie lassen übrigens am ehesten Prostituierte gelten, etwa nach dem Motto, man brauche Geld und es würde dann doch etwas an einem hängen bleiben.
Die besten Erfahrungen hat man dort gemacht, wo eine milde Unterdrückung bestand. Jene, die meinen, nicht anders zu können, mußten ein schlechtes Gewissen kompensieren, was mitunter sehr große Leistungen hervorbrachte. Für alle anderen war die verpönte Lebensweise kein Modell. Man muß je auch berücksichtigen, daß unter vormodernen Bedingungen Mann und Frau sehr stark aufeinander angewiesen waren und es der übergroßen Bevölkerungsmehrheit schon wirtschaftlich völlig unmöglich gewesen wäre, auf einen Hausstand zu verzichten. Auch die Versorgung der Alten war früher keine Sache des Staates, sondern der Familie.
Aus dem Gesagten wird deutlich, daß die Lust des Sokrates unter vormodernen Bedingungen kein Problem darstellen kann. Wenn sie in den letzten Jahrzehnten einen immer größeren Raum im öffentlichen Bewußtsein einnimmt, aus einigen Großstädten und natürlich aus der kompletten Medienbranche überhaupt nicht mehr wegzudenken ist, so steckt dahinter eine Ideologie, die dieses Phänomen für ihr Zerstörungswerk nutzt.
Um das ganze Ausmaß dieser Ideologie, ihrer Absichten und Beweggründe, zu erfassen, darf man die Homosexualität nicht isoliert betrachten. Das Projekt der Moderne ist die klassen- und völkerlose Weltgesellschaft. Allen tradierten Werten, Schranken, Tabus wird mit diesem Ziele ein Zweifrontenkrieg aufgezwungen. Eine Front stellen korrumpierte Eliten in Politik, Wirtschaft und Medien, die andere Front eine sich stetig vermehrende Unterschicht, die auf staatliche Unterhaltszahlungen angewiesen ist und ihr Weltbild aus den Medien bezieht. Also Verräter und Knechte. Die zunehmende Unmündigkeit, die ja vor allem daher resultiert, daß man sich und die seinen nicht mehr aus eigener Kraft ernähren kann, wird durch ein Unterhaltungsprogramm kompensiert, daß aus sich selbst den Mythos kreiert, es sei die Pflicht des Staates, die Langeweile zu vertreiben und die Leute bei Laune zu halten. Wäre dies in der Tat die erste Pflicht des Staates, so müßten wir unsern als einen der besten feiern. Unterhaltung gelingt natürlich am besten, wenn man den Leuten beibringt, wie sie sich zu unterhalten hätten. Das niedrigste Niveau ist ein Garant für höchste Einschaltquoten.
Ein nicht unbeträchtlicher Teil dieser Unterhaltungsmarotte ist die Lehre, die Sexualität sei nicht für die Folge der Generationen, für die Erneuerung des Lebens, den Aufstieg von Völkern und Kulturen und für die Polarität der Geschlechter als einander bedingende Gegensätze in Geist und Leben da, sondern zu Kurzweil und Selbstverwirklichung eines jeglicher Bildungen befreiten Individuums. Die erste Voraussetzung dieser Neubewertung war die preiswerte Omnipräsenz von Schwangerschafts-Verhütungsmitteln. Auf diese Weise konnte breitetsten Schichten deutlich gemacht werden, daß Fortpflanzung und Sexualität doch nur bei den Leuten zusammengehören, die für die Segnungen der modernen Technik einfach zu blöd sind. Im nächsten Schritt wurde die Fötusabtreibung legalisiert und sogar die Kosten für diese Behandlung der Allgemeinheit aufgehalst. Es könne einfach nicht sein, daß es beim verbrieften Recht auf Lust und sexuelle Selbstbestimmung ein Restrisiko gäbe.
Die sexuelle Revolution erfüllte jedoch die großen Erwartungen nicht. Ob Partnertausch oder Gruppensex, ob legale oder illegale Drogen, es blieb dabei, daß sich über kurz oder lange wieder die Langeweile einstellte, die man doch so wirksam zu bekämpfen versprach. Also wurde eine neue Runde der Liberalisierung nötig. Mit dem Namen Beate Uhse verbindet sich eine ganze Industrie. Die Pornographie kam von den Schmuddelgassen in die großen Geschäftsstraßen. Die Videokassette, der Computer und zuletzt das weltweite Netz der Elektronenrechner wurden von der Gier nach bewegten Bildern finanziert. Virtueller Sex wird als frei vom Ansteckungsrisiko gefeiert. Kannte man früher die Telefonnummern von Polizei, Feuerwehr und Notarzt, so wußte nun bald jeder, mit welchen Nummern man sich, genügend Kleingeld vorausgesetzt, stundenlang von Nymphomaninnen akustisch verwöhnen lassen kann. Die meisten pornographischen Läden nahmen bald auch zusätzlich Sexspielzeug ins Programm, mit dem sich neue Lustzentren entdecken ließen. Da gibt es Gurte mit drei Nachbildungen des männlichen Gliedes, die von Frauen zu tragen sind, zwei Glieder sind nach innen zur vaginalen und analen Selbstbefriedigung, mit dem dritten, größten kann der Mann anal befriedigt werden. Das Sortiment reicht von übers Internet steuerbaren Beischlafautomaten bis zum Andreaskreuz. Hightech grüßt die Steinzeit.
Nachdem man nun die Sexualität vom Kinderkriegen getrennt hatte, die Rollenverteilung der Geschlechter aufbrach und nach neuen Lustzentren suchte, war es nicht besonders verwunderlich, daß auch die Homosexualität in neuem Lichte erschien. Ja, sie eignete sich nicht nur als Garant, nicht in archaische Vorstellung von Generationenverantwortung zurückzufallen, sie bot auch eine Konsumentengruppe von extremer Sprunghaftigkeit und Risikofreudigkeit. In den frühen achtziger Jahren sprach in der Thüringer Provinz noch das ganze Dorf davon, weil sich ein Westberliner mit Ohrring gezeigt hatte. Nicht nur daß die Schwulen Trendsetter wurden, der Wechsel der Moden beschleunigte sich enorm und immer mehr Moden gerieten in den Status sexueller Fetische.
Das besondere Konstrukt dieser Stufe ist die sogenannte homosexuelle Identität. Auch wenn Nachrufe in Zeitungen, ein »beispielhafter schwuler Lebenslauf« habe sein Ende gefunden, immer noch die Ausnahme sind, fing eine immer größere Zahl von Leuten in den Großstädten an, eine sogenannte Subkultur aufzubauen und sich durch dieselbe zu definieren.
Das Vorbild dafür ist San Francisco in Kalifornien, wo man nicht nur zum schwulen Friseur und zum schwulen Popsänger geht, sondern auch seine Brötchen beim schwulen Bäcker kauft. Sage einer, dies habe keine politische Relevanz. In einer fast ausschließlich schwulen Gesellschaft wie in Bezirken jener Stadt wird der Konformitätsdruck in einer Weise gesteigert, daß uns Robbespiere als Waisenknabe erscheinen will. Da muß man sich tätowieren lassen und dies nach ein paar Jahren wieder entfernen lassen, weil es inzwischen uncool geworden ist. Da ist man natürlich intimgepierct. Tabak ist out, Dope ist in. Oder besser noch Chems. Und vor allem wird man nicht müde zu betonen, man kenne seinen Marktwert und im übrigen keine Tabus.
Keine Tabus, das meint die Welt der Perversionen, und damit bin ich bei der vierten Stufe der sexuellen Befreiung. Vorher möchte ich aber noch auf das Kunststück eingehen, das mit den Demonstrationen und Liebesparaden gelungen ist. Da wird zunächst gegen eine Verfolgung protestiert, die es zumindest für die meisten der Selbstdarsteller niemals gab. Aber dies ist ja nur der Anlaß zu einer großen Feier. Was feiert man eigentlich? Man feiert, daß man »anders« ist. Anders, das kann vielerlei bedeuten, etwa daß man Latexfetischist, lederschwul oder Tunte, lesbisch, Mann-zu-Frau-transsexuell oder umgekehrt ist, aber auch bisexuell, oder einfach eine Hexe, ein Clown, ein Sammelsurium von Eitelkeiten ist. Es ist ein geradezu geniales politisches Kunststück, lauter tief verfeindete Gruppen mit dem Feindbild der Normalität vereinigt zu haben, und dies in einem Geschrei, das dem letzten Ignoranten beweist, daß wir nicht mehr in der Welt der tradierten Familie leben.
Denn dies ist die Aufgabe der großzügig alimentierten Umzüge: den Beweis antreten, daß nur noch ewig Gestrige bzw. kahlgeschorene Dumpfbacken an einem Menschenbild festhalten, das nicht von Alice Schwarzer oder Calvin-Klein-Unterhosen geprägt ist. An dieser Stelle erlaube ich mir auch die äußerst ketzerische Vermutung, daß die Zunahme von Ausnahmeerscheinungen etwas mit rassischen Veränderungen in Mitteleuropa zu tun habe. Bilder, daß Jungen und Männer aufwendige Frisuren und Schmuck tragen, sind noch verhältnismäßig jung. Im Westen kam dies erst in den siebziger Jahren auf, in Mitteldeutschland erst nach dem Fall der Mauer. Was aber schon vorher geschah, war das Verschwinden eines Frauentypus, der in den Spielfilmen bis 1945 als Schönheitsideal gefeiert wurde. Nun sind Spielfilme ja nicht repräsentativ, das Aussehen beliebter Schauspieler sagt wenig über das Aussehen der Leute im Volk. Im vorigen Jahr sah ich jedoch einen Amateur-Dokumentarfilm von 1938 über das letzte Brunnenfest in meiner Heimatstadt vor dem Krieg. Gerade weil der unbekannte Produzent keinerlei propagandistischen Zweck verfolgte, ist ihm eine kaum zu überbietende Propaganda gelungen. Für das Thema hier interessieren mich nur die jungen Mädchen, die auf dem Marktplatz tanzten. Solche Mädchen gab es in den siebziger Jahren in Mitteldeutschland nicht mehr. Bei älteren Frauen konnte man erkennen, daß sie früher so ausgesehen hatten. Aber hier war offenbar ein früher nicht seltener Typus geradezu ausgestorben. Das hat nichts mit Kleidung oder Kosmetik zu tun, Dinge, die unter realsozialistischen Bedingen eher untergeordnet waren. Eine Erklärung für diesen seltsamen Umstand habe ich nicht, aber ich möchte ihn doch einmal ausgesprochen haben.
Nach der Homosexualisierung kommen aber noch weitere Stufen der sexuellen Umerziehung. Wenn ich hier von Perversion spreche, so meine ich damit die Neigung zu Urin und Exkrementen, vor allem aber sadistischer Gewalt und masochistischer Unterwerfung. Es ist unmöglich, alle Spielchen von Wachs- und Elektrobehandlung, Stiefelleckereien und anonymer Massenbegattung im Dunkelraum oder mit Masken aufzuzählen. Der Sadomasochismus ist ein theoretisch interessantes Phänomen, das mittlerweile neigungsübergreifend noch weit häufiger als die Homosexualität zu sein scheint. In einer Gesellschaft, wo alle Brüder sind, es angeblich weder Hirt noch Herde gibt, sehnen sich die Leute nach unbedingter Macht und unbedingtem Gehorsam. Allerdings scheinbar. Wer vergewaltigt zu werden wünscht, bleibt Regisseur in dem Spiel, zumindest im ersten Akt. Es muß nach einem Muster laufen. Woher kommt dieses Muster? Nun sage bitte keiner, es käme von Demütigungen im Dritten Reich. Dafür sind die Leute zu jung.
Der Sadomasochismus koppelt den Sexus nicht nur von Hoffnung und Treue ab, dies haben die vorigen Stufen bereits erreicht, er streicht auch endgültig die Liebe durch. An ihre Stelle tritt eine reine Negativität, die übrigens auch schon der kleinste gemeinsame Nenner der Liebesparade war. Wenn die Negation keine gesellschaftlichen Tabus mehr zur Übertretung vorfindet, muß sie sich schließlich gegen die biologische Substanz wenden. Folterinstrumente, bei derem bloßen Zeigen im Mittelalter hartgesottene Verbrecher ein Geständnis ablegten, werden nun vom Delinquenten selbst für teures Geld angeschafft. De Sade hat in seinen Werken unmißverständlich klargemacht, daß die luziferische Übertretungs- und Verneinungssucht erst im Lustmord ihr Ziel findet. Das Objekt der Begierde wird dann nicht mehr künftiger Langeweile überlassen, sondern zerstört. Im allgemeinen gehen die modernen Jünger de Sades nicht so weit. Oft ist in Anzeigen zu lesen, daß bleibende körperliche Schäden das einzige Tabu seien.
Vor einiger Zeit ging ein grauslicher Fall durch die Medien. Ein Kannibale hatte sein williges Opfer, ebenfalls einen Mann, über das Netz gefunden. Der Kanibale verspeiste im Augesicht des Opfers dessen Geschlechtsteil. Danach schlachtete er es, und verspeiste es nahezu vollständig über einen längeren Zeitraum. Er ließ nichts verkommen und war sich keiner Schuld bewußt, da er ja mit ausdrücklicher Einwilligung des Opfers gehandelt habe, das nun eine besonders innige Vereinigung mit ihm eingegangen sei.
Was Fernsehen und Zeitungen nach den polizeilichen Ermittlungen und der Verhaftung des Kannibalen berichteten, war der Gipfel der Heuchelei. Niemand wollte Parallelen zur »einverständlichen« Sexualität sehen, die doch sonst als so hohe Errungenschaft gepriesen wird. Einigen Dichtern unserer Tage ist solche Heuchelei allerdings fremd, einer meint, der ästhetische Betrachter sähe »die tote Geliebte mit weißen Lilien geschmückt auf Meereswogen schreiten«, was zwar völlig dem moralischen Handeln widerspräche. Man dürfe aber über die beiden Welten – das Leben, die Kunst – kein Werturteil fällen, denn zwischen beiden wandere »die Sehnsucht ewig hin und her«. Es überrascht nicht, daß der Autor gleich im nächsten Absatz auf die »Homosexualität« zu sprechen kommt. Die sei die »rein ästhetische Form der Liebe«. Also eine Liebe zum Tode. Er wird auch nicht müde zu betonen, daß die Vollendung der mann-männlichen Liebe im gemeinsamen Freitode läge.
Über die Natur der Liebe stritt man wohl nicht erst beim sagenhaften Sängerkrieg auf der Wartburg, sondern vermutlich schon in der Steinzeit. Der Gedanke einer Vollendung im jugendlichen Tode erscheint mir sehr modern, und es ist wohl kein Zufall, daß dieser Träumer seine Liebesvisionen nicht lebt, sondern kunstvoll in Verse verpackt.
Nachdem Sex mit wechselnden Partnern, Zuschaun beim Sex, Sex mit Technik und Fetischen, Sex mit jedem Geschlecht und Sex mit Gewalt liberalisiert wurden, fehlten eigentlich nur noch zwei Dinge, der gegen Geld und der mit Minderjährigen. Beim ersten wurde im letzten Jahrzehnt ein großer Schritt vollzogen. Prostitution gab es immer, aber bis vor wenigen Jahren war die Zuhälterei verboten und es galt als Minimum an Seriösität, Werbung für kommerziellen Sex keinen Vorschub zu leisten. Das hat sich gründlich geändert. Wer als Gymnasiast zu wenig Taschengeld von den Eltern bekommt, geht für unumgängliche Anschaffungen oder hohe Handyrechnungen auf den Strich. Solange dies nicht hauptberuflich geschieht, ist das überhaupt kein Thema. Das Internet bringt es mit sich, daß man sich nicht mehr im Sperrbezirk herumtreiben und kostbare Zeit vertrödeln muß. Man kann Vorkasse per Paypal verlangen und stellt sich ohne Risiko zum Termin ein, worauf man dann einen Eintrag ins virtuelle Gästebuch bekommt, der neue Klientel anlockt. Um es zusammenzufassen: Mammon kommt auf der ganzen Linie zum Vorschein, und da hätten wir den Gott auch der sexuellen Libertinage. Wenn nämlich das Tabu der Minderjährigkeit noch nicht gefallen ist, dann einfach nur deswegen, weil Kinder kein Geld haben. Sonst hätten sie natürlich auch das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung.
Es geht ums Geld. Und nicht nur um das der Nutten und der Stricher. Nicht nur um Pornokinos und Sexspielzeug. Es geht um den Konsumidioten. Dieser ist ein Mensch ohne jede Identität, er kennt kein Volk und kein Rasse, er kennt kein Geschlecht, er kennt keine Sitte und keine Verpflichtung. Er glaubt an die Lust, die käufliche Lust, und er ist täglich, ja stündlich neu programmierbar, er hegt die konträrsten Wünsche und Neigungen, immer im Wechsel, immer in der Gier auf Neues, immer in der tödlichen Furcht vor der Langeweile. Denn Langeweile ist das Eingeständnis, daß er eine völlig nutzlose Kreatur ist, nicht wert, die Luft zu atmen, die Sonnenstrahlen zu spüren. Er gleicht nicht dem Tier, denn das Tier befolgt sein biologisches Gesetz. Der Mensch kann sein biologisches Gesetz nur befolgen, wenn er sein kulturelles Gesetz befolgt. Dies meint, daß er sich am Ewigen, am Göttlichen orientiert, von dem ihm ein Abglanz in die Seele gegeben ist. Der Konsumidiot verstößt gegen das kulturelle und das biologische Gesetz. Millionen dieser Spezies werden aussterben. Das Kapital, das den kollektiven Selbstmord inszeniert, wird ihn ungerührt anschauen. Es nennt dies Marktbereinigung.
ZWEIFRONTENKRIEG
Erik Ritter von Kuehnelt-Leddihn konnte ich 1993 auf der Sommeruniversität der »Jungen Freiheit« erleben, die zunächst in Ravensburg und dann in Konstanz stattfand. »Hitler war ein Linker!«, stellte er apodiktisch fest und ergänzte dann, »Hitler war ein Bruder, kein Vater.« Diese prägnante Aussage, das Rechte orientiere sich am Väterlichen, das Linke am Brüderlichen, hat mich seither nicht losgelassen. Sie erscheint mir in ihrer Evidenz selbsterklärend. In dieser Begrifflichkeit ist es möglich und geboten, Hitler von rechts zu kritisieren. Die derzeitige politische Kultur tituliert jedoch jedes Bekenntnis zu Hitler als »rechtsextrem« und verbietet damit schon theoretisch eine Position »rechts von Hitler«.
Analysieren wir Hitler und seine Bewegung zunächst einmal unabhängig von aller Bewertung seit 1945. Der Nationalsozialismus entsteht in den Materialschlachten des ersten Weltkrieges, den die Protagonisten als Bankrott der alten Welt erlebten. Der Frontkämpfermythos wurde konstitutiv. Im Grabenkampf verschwanden die materiellen und geistigen Schranken, entstand eine Brüderlichkeit gemeinsamer Not und Verantwortung. Gleichzeitig kapitulierte die Idee der Internationale. Die Proletarier aller Länder vereinigten sich nicht, sondern sie schossen aufeinander bis zur letzten Patrone.
Es ist bekannt, daß Hitler bei öffentlichen Auftritten das Eiserne Kreuz als einziges Ehrenzeichen trug. Hier lohnt ein Blick in die Historie. König Friedrich Wilhelm III. von Preußen stiftete diesen Orden unmittelbar nach seiner Breslauer Proklamation. Dies war die erste Auszeichnung in Deutschland überhaupt, die kämpferische Leistungen ohne Ansehung von Stand, Herkunft, Dienstgrad und militärischem Rang zierte. Als Material war das Eisen symbolträchtig, es wurde bewußt auf die üblichen wertvollen Materialen verzichtet.
Es ist auch bekannt, daß Hitler Hindenburgs Geringschätzung als »Gefreiter« tapfer ertrug und sich in seinen Reden immer wieder auf den Kameradschaftsgeist der Grabenkämpfe bezog. Zweifellos sah er sich als einer von den Millionen, die im grauen Feldmantel namenlos ihre Pflicht taten. Eine eindrucksvollere Brüderlichkeit ist kaum denkbar.
Gleichzeitig mißtraute Hitler den alten Eliten, dem Offizierskorps, dem Adel und der Kirche. Es ist keine Propaganda, wenn es in allen Phasen des Aufstiegs und der Macht Programm war, auch Arbeitersöhne sollten, Begabung, Fleiß und Mut vorausgesetzt, den Weg in Führungspositionen gewinnen. Die Tüchtigkeit vor dem Ererbten wurde gefeiert. In seinem eigenen Aufstieg aus dem Heer der Namenlosen sah er das Muster für jeden, der mit Opferbereitschaft und Zähigkeit um Macht und Verantwortung rang.
Es wird hier die Ungleichheit in Begabung und Charakter betont, aber gleichzeitig jegliche Ungleichheit, die in historischen und gesellschaftlichen Bedingungen begründet ist, auszumerzen getrachtet. Dies ist das radikalste Gleichheitscredo, das in realitätsgerechter Weltbetrachtung überhaupt möglich ist. Alle äußeren Hemmnisse, die den einzelnen hinderten, zu maximaler Leistung und Kreativität aufzusteigen, sollten beseitigt sein, vorausgesetzt freilich, daß Leistung und Kreativität der Volksgemeinschaft dienten.
Wir sehen also hier Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit der Französischen Revolution aufeinander widerspruchsfrei angestimmt durch das Normativ der Nation. Zweifellos eine linke Weltanschauung und ein linkes Programm.
Der Nationalsozialismus entstand aus der Niederlage im ersten Weltkrieg und damit genau an dem Punkt, an dem der Bolschewismus zur historisch relevanten Macht aufstieg. In Rußland wurde die allgemeine Ordnung durch die verheerende Niederlage so geschwächt, daß nach einer Zwischenstufe die radikalste Truppe um Lenin die Macht übernehmen konnte und mit beispiellosem Terror eine totale Umgestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft erzwang. Nach der Revolution bedeutete die marxistische Internationale nicht mehr die Verhinderung von imperialistischen Kriegen, sondern einen totalen Imperialismus, der in einem Prunkbau sein Symbol fand, der vollendet werden sollte, wenn das letzte Land der Welt der Union der sozialistischen Sowjetrupubliken beigetreten sei.
Einen solchen Imperialismus kannte der Staat Hitlers nicht. Ihm war das Band der Nation konstitutiv, deshalb widersetzte sich Hitler jedem Export des Nationalsozialismus. Deshalb wurden die Auslandsdeutschen nicht etwa zu Zellen der Außenpolitik, sondern wurden ins Reich heimgeholt. Der trotzige Isolationismus ist hierbei nicht nur eine Konzentration der Kräfte. Er ist Ausdruck eines spezifisch deutschen Programms, keines Programms für die Menschheit. Auch daß die Juden nach ihrer Amsterdamer Kriegserklärung ausgegrenzt wurden, zeigt neben dem totalitären auch den antiimperialistischen Zug des Regimes.
Aus dem Gesagten ergibt sich zwingend, daß die Feindschaft zwischen Hitler und Stalin keine Feindschaft zwischen Rechts und Links war. Für Stalin war das russische Volk das Mittel der Weltrevolution, für Hitler war das deutsche Volk Mittel und Zweck.
Nach der Niederlage Deutschlands im ersten Weltkrieg entstand zuächst ein System, das den permanenten Bürgerkrieg bedeutete. Die Parteien waren sich zwar darin einig, daß das Land unter dem Versailler Diktat ausblute, aber sie waren gleichwohl bereit, mit Feindmächten zusammenzuarbeiten, um gegen ihre Konkurrenten in Deutschland vorzugehen. Die Rechnung der Sieger, durch Bruderkrieg den deutschen Erfolgswillen zu zähmen, ging auf. Die deutsche Nation wurde zum Tummelplatz der Lobbyisten und Spekulanten. In beispielloser Not stieg Hitler zum Führer einer Massenpartei auf.
Die Regierungsverantwortung erreichte die NSDAP nur in Koalition mit der Deutschnationalen Volkspartei, die bei den Märzwahlen dann unter der Bezeichnung
Kampffront Schwarz-Weiß-Rot antrat und die Koalition fortsetzte. Dieses Bündnis, das schließlich zur Auflösung der DNVP führte, war in allen seinen Phasen für die monarchistisch kaisertreue Partei ein Weg in den Untergang. Papen hatte sich lange, gemeinsam mit Hindenburg, dem Machtanspruch Hitlers widersetzt. Man weiß, daß er mit dem 30. Januar 1933 Hitlers Stimmen im Reichstag für die Wiedererrichtung der Monarchie instrumentalisieren wollte und noch in der Marburger Rede für ein solches Programm warb. Aber nach der »Nacht der langen Messer«, die er selbst nur überlebte, weil ihm Göring persönlich geraten hatte, zuhause zu bleiben, und in der seine engen Mitarbeiter Herbert von Bose und Edgar Julius Jung zu Tode kamen, blieb er an Hitlers Seite. Er war zu der Überzeugung gekommen, daß nur dieser Mann die Nation einen könne.
Das Verhalten Papens kann als beispielhaft für die deutsche Rechte angesehen werden. Der ideologische Gegensatz zur NSDAP wurde aufgegeben, weil das Programm einer Einigung der Nation unter deren Herrschaft möglich schien. Aus diesem Grunde konnte sich Hitler nicht nur in seinem Kampf gegen den Sowjetkommunismus auf die Rechte stützen, sondern auch im Aufbau seines neuen Staates. Der Schulterschluß aller Nationalen mit dem Nationalsozialismus verstärkte sich schließlich im Deutschland aufgezwungenen Kriege und der Weigerung der Allierten zu jeglichem Kompromißfrieden, was schließich in einen Verteidigungskrieg aller deutschen Gaue bis zur vollständigen Besatzung und Entrechtung mündete. Daß Teile der deutschen Rechten in illusionärer Verkennung der realen Lage Hitler zu töten versuchten, änderte an der Situation rein gar nichts.
Wir haben hier eine historisch einmalige Konstellation: die deutsche Rechte wurde komplett von einer linken Partei vereinnahmt, und dies wurde möglich, weil die Nation mit einer solchen Übermacht und einem solchen Vernichtungswillen angegriffen wurde, daß die politischen Differenzen bedeutungslos wurden. Diese Konstellation dauert bis die Gegenwart an. Nach der militärischen Niederringung wurde mit einem Schuldkomplex systematisch Hand an die Wurzeln des deutschen Volkstums gelegt. Die Bemühungen dieser »Umerziehung« tragen reichlich Früchte. Die deutsche Stadt ist, nach einem Worte Bernd Rabehls, »asiatischen Siedlungslandschaften« gewichen, an den Universitäten werden antideutsche Pseudowissenschaften gelehrt, die Kunst ist zu egomanen Spiegelfechtereien verkommen und die öffentliche Diskussion wird als effekthascherische Klischeeanhäufung betrieben. Gleichzeitig wird mit Abtreibung und sexueller Freizügigkeit das Volk biologisch dezimiert und das Vakuum mit raumfremden Migranten gefüllt. Das Christentum wird systematisch zu einer völkerfeindlichen Religion umgedeutet und die Kirchen werden konfessionsübergreifend für den »Kampf gegen Rechts« rekrutiert. Wer in einer Situation der extremen Tabuisierung Hitlers Kritik an diesem übt, sieht sich sofort eingebunden in den oft wiederholten Satz, Faschismus sei keine Meinung, sondern ein Verbrechen. Er wird zu einem Zeugen und Diener der Reichsfeinde. Eine wirkliche deutsche Rechte kann es also erst wieder dann geben, wenn Hitler von seinem Standort als »rechtsextrem« wieder dorthin geschoben ist, wohin er tatsächlich gehört.
Es ist deshalb unmöglich, so auszutun, als ginge uns Hitler nichts an, weil wir nicht Anhänger seiner Lehren sind. Wäre die Behauptung zutreffend, daß Hitler auf eine Stufe mit Stalin, Mao Tse-tung und Pol Pot zu stellen sei (oder gar noch darüber), dann wäre die deutsche Rechte in der Tat irreparabel kompromittiert. Darin besteht die fundamentale Bedeutung der revisionistischen Forschung. Die ernstzunehmende bestreitet nicht deutsche Kriegsverbrechen. Aber sie bestreitet einzelne Taten und Tatwaffen. Insbesondere bestreitet sie die Absicht und die Durchführung einer organisierten Ausrottung eines ganzen Volkes. Es soll hier nicht über das Für und Wider der historischen Argumente befunden werden. Es sei lediglich darauf hingewiesen, daß die Befürworter des status quo mit einer unglaublichen Verbissenheit, unter Rechtsbeugung und nacktem Terror solche Forschungen und die Publikation und Diskussion der Ergebnisse zu verhindern suchen. Sie tun dies in der vorgeblichen Absicht, das Andenken der Opfer zu hüten. Diese Schutzbehauptung kann kein politisch denkender Mensch glauben. Wo solche Mittel im Spiele sind, geht es nicht um eine Sentimentalität, sondern um die Machtfrage.
Der Herrschenden der Welt zittern vor dem Nationalsozialismus. Das darf kein Grund sein, ihn nicht als eine Spielart der Moderne zu betrachten, die es insgesamt zu befechten gilt. Aber eine freie Kritik ist erst möglich, wenn man aus dem Zweifrontenkrieg heraustritt. Dazu muß man sich von den Tabus lösen, welche die Reichsfeinde verhängt haben. Wenn man diesen Rubikon überschritten hat, wird aus dem Zweifrontenkrieg ein Einfrontenkrieg.
KAIPHAS UND BARABBAS
Bei der Definition des Wortes »Zionismus« unterscheidet das System-Lexikon Wikipedia zwischen einer Ideologie und einer Bewegung. Als Ideologie sei der Zionismus ein Nationalismus, also im Sprachgebrauch dieser Enzyklopädie durchaus verdächtig, wenn nicht gar anrüchig, gleichwohl sei er auch eine »Nationalbewegung« und damit völlig legitim. Ein gelungener Spagat! Die Ideenwelt mag fragwürdig sein, aber die Sache ist ganz in der Ordnung. Früher nannte man eine solche Logik »talmudisch«.
Der Nationalismus ist in Deutschland verpönt. Wer darauf hinweist, stolz zu sein, daß er ein Deutscher sei, zeige damit an, daß er sonst nichts habe, worauf er stolz sein könne. Nun darf man freilich gegenfragen, ob es schimpflicher sei, seine Zugehörigkeit zum Volke Luthers, Schillers oder Eichendorffs vor sich herzutragen, oder den zweifelhaften Verdienst, es etwa in den Vorstand der Deutschen Bank oder in die Redaktion des Spiegel gebracht zu haben. Dem Dünkel der Etablierten soll also hier nicht zugestimmt werden. Gleichwohl ist an dem Vorwurf ein Gran Wahrheit. Es scheint affektiert, einen Umstand herauszustellen, der so gewöhnlich ist, wie der Morgennebel in unseren Tälern und das rabenhaft Herbe in unserer Sprache. Freilich werden deutsche Geister seit Jahrhunderten nicht müde, die Frage zu diskutieren, was denn deutsch sei. Dies hat zunächst mit dem Mythos unseres Volkes zu tun, der in die Zeit der Spaltung in ein römisches und ein freies Germanien zurückreicht. Mit dem modernen Begriff der Nation hat sich dieses Wort niemals ganz vertragen wollen.
Der Nationalismus kommt aus Frankreich und hat viel mit der Revolution zu tun. Daß jeder Franzose sein sollte, löste die überkommenen Stände ab. Der Begriff verbindet also mit der Volkszugehörigkeit die prinzipielle Gleichheit. Damit ist er ein Kampfbegriff gegen das Heilige Römische Reich der Deutschen, das Inbegriff der deutschen Seele und Sehnsucht ist. Bismarck schuf einen Nationalstaat und gab dafür Rom, Venedig, Wien und Prag auf. Von großer Dauer war sein Werk nicht. Sein Enkel Otto gehörte bereits der CDU-Fraktion im Bundestag an.
Noch verfehlter als für die Deutschen ist die Idee des Nationalismus für die Juden. Im 19. Jahrhundert, als die Idee der nationalen Selbstbestimmung immer mehr durch die Industrialisierung entwurzelte Menschen zu begeistern und zu lenken begann, entwickelten Moses Hess und Theodor Herzl einen solchen Entwurf für die Gläubigen einer archaischen Religion, welche der mittelalterliche Hinwendung zu völkerübergreifenden Universalreligionen widerstanden hatte. An dieser Stelle muß betont werden, daß die Alternative Mono- und Polytheismus irreführend ist. Der entscheidende Wechsel führt von der Stammes- zur Universalreligion.
Das Christentum nahm seinen Ausgang in Palästina. Die Evangelien lassen keinen Zweifel daran, daß das Leben Jesu von Geburt an in den Konflikt mit der jüdischen Theokratie steuerte. Jesus predigt die Reinheit des Herzens als den Weg zum Heil, nicht das Befolgen der mosaischen Gebote. Daß er das Befolgen der mosaischen Gebote keineswegs in Abrede stellt, sondern die Gebote bestätigt, entschärft den Konflikt nicht wirklich. Er nimmt der Priesterkaste die Heilsexklusivität, ähnlich wie Luther in der Reformation die Heiligkeit der römischen Kirche angreift. Die mächtige Priesterkaste hat sich wirksam gewehrt. Nach dem Kreuzestod ist die Judenmission so wenig ergiebig, daß Paulus die Bemühungen auf die Heidenmission lenkt. Dies mit Erfolg. Das Christentum entwickelt sich zur Staatsreligion im römischen Reich und schließlich zur Weltreligion.
Der Geist des Kaiphas, der Jesus hinrichten ließ, hat da nicht tatenlos zugesehen. Seine Antwort auf die Evangelien ist der Talmud. Hier wird nicht nur der Mord an dem Heiland gefeiert, hier wird die Beseitigung aller Christen als strategisches Ziel ausgegeben. Im römischen Reich waren Juden im Fernhandel führend. Sie besaßen Reedereien und Umschlagplätze und sie besaßen durch Korruption Einfluß auf viele lokale Machthaber. Ihr expandierendes Netz funktionierte wesentlich über Familienbande, die Einheit über große räumliche Distanzen schufen. Schon in der Antike definierte sich das jüdische Volk religiös, sie sahen sich als auserwählt und im Bunde mit Gott. Eine Definition über Lebensraum und Sprache, wie dies bei anderen Völkern der Fall war, war ihnen nicht möglich, die schmeichelhaften Verheißungen der Thora hielten sie zusammen. An dieser Stelle muß deutlich gemacht werden, daß die Zerstreutheit nicht Folge einer römischen Vertreibungspolitik war, wie ein Mythos uns weismachen will, sondern Folge der Handelstätigkeit. Überhaupt pflegten die Juden schon seit ihren frühsten Schriften Mythen, in denen Nichtjuden diffamiert und fürchterliche Opfer behauptet wurden. So wurde dem römischen Kaiser Hadrian unterstellt, er habe sechzig Millionen Juden ermordet. Man muß freilich zugeben, daß groteske Übertreibungen bei Zahlenangaben in der Antike kein jüdisches Privileg waren.
Das Christentum bedrohte das Judentum in ganz besonderer Weise. Nicht nur, daß diese Religion lehrte, die ethnische Frage sei für die Heilsfrage bedeutungslos, sie hatte ihre Wurzeln ausgerechnet in der jüdischen Überlieferung, in jüdischen Vorstellungen und in der jüdischen Geschichte. In dieser verzweifelten Situation begannen die Juden in Nordafrika zu missionieren, d.h., es gab für eine gewisse Frist die Möglichkeit, diesem exklusiven Volk beizutreten, was zu anderen Zeiten allenfalls Frauen möglich war. Von der Abstammung her sind deshalb die meisten Westjuden keine Hebräer sondern Berber.
Die größte Vermehrung des jüdischen »Volkes« vollzog sich jedoch im 8. Jahrhundert, als die Khasaren, ein nomadischer, vermutlich finnisch-türkischer Stamm zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer, in Abgrenzung zum Islam die mosaische Religion annahm. Der Stamm überdauerte als Glaubensgmeinschaft die Eroberung des Landes durch die Russen und die Christianisierung und sammelte sich vor allem in Weißrußland, in Rumänien und Galizien. Mit einem Anteil von etwa neun zehnteln an den Juden der Welt stellen die Ostjuden die Menschenmassen, während die Westjuden Finanz- und Ideenwelten beherrschen.
In Westeuropa war es den Juden wegen ihrer Unverzichtbarkeit für den Fernhandel und später auch für das sich entwickelnde Geldwesen gelungen, sich Toleranzedikte von den Mächtigen zu verschaffen. Während Abweichler von der katholischen Lehre als Ketzer verfolgt wurden, erfreuten sich die Juden einer theologisch verbrämten Duldung, die ihren Zusammenhalt stärkte und die Geschäfte förderte. Das aufkommende Zeitungswesen begriffen sie als ein Feld, das der übernationalen Verbreitung und dem ideologischer Zusammenhalt entsprach. Heute ist die Medienbranche fest in jüdischer Hand.
Der Rabbinersohn Spinoza steht am Anfang des westeuropäischen Atheismus. Jüdische und christliche Intellektuelle wandten sich von der Religion ab und sahen in ihr zunehmend ein Hindernis zur Verständigung und Entfaltung. Dies führte zu einer Schwächung der Kirche, aber nicht zu einer Schwächung des Judentums. Ein Jude, der sich taufen ließ, wurde aus der Gemeinde ausgestoßen, einer, der die Existenz Gottes bestritt oder aber an seine Stelle ein irdisches Paradies, etwa die Vernunft oder später den Kommunismus, stellte, blieb der Solidarität des Bundes teilhaftig. Dies führte zu Schwierigkeiten bei der Begriffsbestimmung und schießlich zu dem Irrtum, es handle sich bei den Juden um eine rassische Gemeinschaft.
Im 19. Jahrhundert waren die Juden in West- und Mitteleuropa oft so gut etabliert, daß sie gesellschaftliche Veränderungen vorwiegend auf geistigen Gebieten, aber weniger bei der Verteilung der materiellen Güter wünschten. Sie kokettierten bloß mit dem Marxismus. Er spielte ihren Interessen zu, wenn er die russisch-orthodoxe Kirche zerstörte, der eigene Vorgarten sollte aber weiter gepflegt bleiben. Aber die armen und keineswegs verhätschelten Ostjuden griffen die Ideen ihrer Glaubensbrüder auf und stellten die erste Garde der bolschewistischen Mordbrenner.
Der Zionismus ging oft mit dem Kommunismus parallel, aber nicht immer. Sein Ziel ist ein Groß-Israel vom Nil bis zum Euphrat. Sein Hauptfeind ist die Assimilation, eine Entwicklung, die von vielen Westjuden und Bürgern der Gastländer gutgeheißen wurde. Daß sie nicht glücken konnte, lag nicht nur an den stetig nachrückenden Ostjuden mit ihren sozialen Problemen. Die Assimilation strebte eine Angleichung unter Identitätsverlust an. Sie verlagerte die Probleme aber nur. Stritt man nicht mehr um die Religion, stritt man um die Kunst. In das Vakuum, das die Verleugnung des Christentums hinterließ, strömten die Nationalismen.
Die Evangelien berichten, daß Pilatus die Juden gefragt habe, ob er Jesus oder Barabbas freigeben solle. Über Barabbas ist nichts bekannt und viel spekuliert worden. Meist sieht man ihn ebenso in Opposition zu Kaiphas, aber mit einer irdischen Verheißung statt einer jenseitigen. Das würde auch leicht erklären, warum das Volk so eindeutig entschied. Ob für Barabbas die nationale Idee, also die Vertreibung der römischen Besatzer und ihres religiösen Liberalismus, im Vordergrund stand und er damit Kaiphas als Kollaborateur angriff oder ob er gar die soziale Frage stellte und den Sturz der Theokratie anstrebte, ist letztlich belanglos. Kaiphas und Barabbas sind Feinde, die gegen Jesus zusammengehen, wie gegen die Christen West- und Ostjuden, Kapitalismus und Kommunismus. Ein Zionist muß nicht unbedingt in Israel leben, obgleich es ein solches Staatsgebilde inzwischen gibt. Dieses Staatsgebilde ist auf seine Unterstützer in aller Welt angewiesen, umgekehrt brauchen diese einen eigenen Staat als Schlupfwinkel, wenn sie anders nicht mehr vermeiden können, für ihre Meisterstücke zur Rechenschaft gezogen zu werden. Eine wirkliche Grenze zwischen Zionisten und Talmudjuden läßt sich nicht ziehen.
Sowohl gegen Kaiphas als auch gegen Barabbas steht einzig Jesus. Die Frage Auswanderung oder Assimilation ist falsch gestellt. Wenn wir zum Glauben zurückkehren und auch keine Ausnahmen für nützliche Juden erlauben, werden die Juden das Interesse an ihrem Ausnahmestatus verlieren. Ob in unserer Mitte oder in der arabischen Wüste, sie werden untergehen, wie alle Völker der Antike untergegangen sind. BARMHERZIGKEIT
Es muß nachts gegen zwei gewesen sein. Ich war am Formatieren eines neuen Buches, und, wie oft, fiel es mir schwer, damit aufzuhören. Einen unregelmäßigen Tagesablauf begünstigt es, daß ich hier in völliger Einsamkeit lebe. Tagsüber treiben sich auf dem Grundstück noch die Mitarbeiter einer Firma herum, die ein Gebäude von uns gemietet hat. Mit denen habe ich wenig zu tun, und ich ärgere mich nur immer über die vielen Automobile, die mir wie überall lästig und widerwärtig sind. Außerdem gibt es auf dem Grundstück eine wohl wild lebende Katze, die ein mehrere Hektar großes Areal als ihr Revier betrachtet. Sie kommt täglich vorbei und schaut in alle Bereiche, wie man im Winter an den Spuren im Schnee sehen kann. Einmal stahl sie mir ein halbes Pfund rohes Hackfleisch, das ich nur leicht verpackt im frostkalten Lager liegen ließ. Butter mag sie auch, aber hier weiß sie die Maße zu wahren. Vor Menschen ist sie ausgesprochen scheu, ich sah sie immer nur am Horizont fortflitzen. Nur einmal in zwei Jahren ließ sie mich bis auf sechs Meter herankommen. Die automobilisierten Nutzer des Grundstücks hatten, wie sich am nächsten Tage herausstellte, von der Existenz dieser Katze nie etwas bemerkt.
Ich schaltete den Rechner aus, um mich in mein Schlafgemach zu begeben. Das ist nicht so simpel wie es klingt. Während ich dichte und verlege, verwildert das Grundstück, das wir uns vor vier Jahren zugelegt haben. Da ich von München hohe Schulden mitbrachte und auch der Umzug eine hübsche Stange Geld kostete, konnte bislang auch niemand für Instandsetzung und Unterhalt der Gebäude und Außenanlagen eingestellt werden. Wenn man sich einmal damit abgefunden hat, daß die Forderungen eines hektargroßen Anwesens mit vielen Gebäuden nebenberuflich nicht zu stemmen sind, dann geschieht es auch leicht, daß man selbst jenes unterläßt, was durchaus zu schaffen und dabei höchst nützlich und erleichternd wäre. So gibt es auf dem langen Wege zum Bett keinerlei Beleuchtung, und der Weg verschwindet auch immer mehr zwischen mannshohem Gras und Büschen.
Die Nacht war nicht mondlos, und der Weg also nicht schwierig. Eine laue Maiennacht, und ich war durchaus in guter Laune. Als ich die Treppe zur Wohnung gestiegen war und die Tür öffnen wollte, hörte ich den Schrei eines Tieres. Ich wendete mich um, und lauschte in die Nacht. Der Platz vor dem Haus ist von einer mächtigen Birke beschattet, und also besonders dunkel. Ich sah die Dunkelheit und begriff, daß es völlig aussichtslos war, dem Schrei nachzugehen und zu schauen, was wo geschehen sei. Ich wandte mich ab und wollte die Tür öffnen. Aber da hörte ich einen zweiten Schrei, und es war, als ob eine Macht von mir Besitz ergriff. Ich ging wie in Trance die Treppe hinab und durch das hohe Gras auf die Büsche zu. Das Nachtwandlerische meines Handelns ist mir so gut in Erinnerung, weil ich Zigaretten und Streichhölzer in der Hand trug, und diese nicht etwa ablegte, obwohl mir diese für eine wie immer geartete Unternehmung sehr im Wege sein mußten.
Ich schritt auf den mit Büschen bewachsenen Damm zu, dessen Umrisse ich erkennen konnte. Ich hörte ein erneutes Klagen und gleichzeig Plätschern von Wasser. Nun war mir die Sachlage klar. Hinter dem Damm befand sich ein Feuerlöschteich, den der ehemalige Grundstückseigentümer, der hier seine Firma zur Bienenzuchtgeräteherstellung und auch seine Privatwohnung hatte, zu einem Schwimmbad umgebaut hatte, mit Sprungbrett und Rutsche. In der Nachkriegszeit muß dies eine Jugend-Attraktion in unserer Kleinstadt gewesen sein. Bis zum Ende der DDR nutzten die Arbeiter des inzwischen verstaatlichten Betriebes das Becken und hielten es sorgsam instand. Vor einiger Zeit erfuhr ich, daß die Familie, die bis zur Jahrtausendwende noch die Räume bewohnte, darin ich nun meine Nächte verbringe, das Becken weiterhin sauber und nutzbar gehalten hatte. Freilich war dies nicht mehr wie zu DDR-Zeiten bloß Arbeitsaufwand, sondern nun auch mit erheblichen Kosten verbunden. Als wir das Grundstück kauften, war das Schwimmbadwasser bereits dicht von Algen bedeckt, dazwischen schwamm mancherlei Unrat und auch ein totes Tier. Freilich fand mein Freund Wolfgang, als wir ihm den Morast mit dem Kadaver präsentierten eine seltene Blüte und tat den, vielleicht prophetischen, Ausspruch: »Ein Ort, wo diese Pflanze gedeiht, kann kein ganz heilloser sein.« Es war immer ausgemacht, daß das Schwimmbad erst an die Reihe käme, wenn andere Dinge ins Lot gebracht wären.
Um zum Ausgangpunkt zurückzukehren: Die Katze war in das Schwimmbad gefallen und schrie um ihr Leben. Ich versuchte in dem Gestrüpp den Aufgang zum Becken zu finden, aber das war unmöglich. Schließlich schwang ich mich, nachdem die Schreie in meiner unmittelbaren Nähe zu hören waren, auf den Damm hoch in das Gestrüpp. Dabei muß ich mich in der Entfernung verschätzt oder einfach zu viel Schwung gehabt haben, jedenfalls fiel ich direkt ins Wasser. Das erste, was ich unter Wasser tat, war, meine Zigaretten und Streichhölzer loszulassen, denn es stand außer Frage, daß sie verdorben seien. Dann krallte ich mich an den Rand des Beckens und versuchte, dort wieder herauszukommen, wo ich hereingefallen war. Zu meiner Schande muß ich gestehen, daß ich die Katze in dieser Panik vollkommen vergessen hatte. Ich wollte aus diesem Sud, der mir immer wie ein Moor erschienen war und sich mir mit Fliegen und Verwesung assoziierte. Mir war nicht bekannt, daß Schwimmbecken allgemein mit schrägem Boden angelegt werden, und ich mich am tiefsten und damit ungüstigsten Punkt befand. Der schmale Rand reichte als Hebel nicht hin, sich herauszuhieven und auch die überhängenden Gestrüppäste stellten keine Hilfe dar. Ich biß die Zähne zusammen und versuchte mich hochzustemmen, allein, die Kraft reichte nicht hin. Mir kamen trübe Gedanken. Sollte ich in diesem Sumpfloch ertrinken? Während ich vor Erschöpfung innehielt, bemerkte ich, daß ich Grund hatte, also stehen konnte, was ich vorher, an den Rand gekrallt, gar nicht bemerkt hatte. Damit wurde mir klar, daß ich Zeit hatte, einen Ausweg zu ersinnen und ich den auch finden würde. Nun hörte ich wieder die Katze und ging auf sie zu. Sie lag völlig steif und hielt sich offenbar auf diese Weise über Wasser. Ich nahm sie mit beiden Händen und warf sie vorsichtig ans Ufer. Nachdem ich eine ganze Weile schon nichts mehr von ihr gehört hatte, war ich mir nicht sicher, ob sie noch lebte oder während meiner Panik ertrunken sei. Erst bei Sonnenlicht konnte ich sehen, daß sie umgehend Reißaus genommen hatte.
Ich lief durch das Becken zur gegenüberliegenden Seite, wo sich die Rutsche befand. An dem überstehenden Metallgestänge ließ es sich sicher gut hochziehen, und so war es auch, ich machte mich durch die Büsche, umlief den Ort weiträumig und suchte zunächst das Badezimmer auf. Darüber, daß die Algen den Abfluß verstopfen könnten, machte ich mir keine Gedanken, als ich mich in voller Montur duschte. Ich hatte zwei Stunden vorher Feuer gemacht, und nun schob ich den Kleiderständer neben den Ofen und hängte die durchnäßten Sachen auf. Nachdem ich frische Wäsche trug, ging ich über dsen Hof ins Büro, um Hilke anzurufen und ihr von meinem Abenteuer zu erzählen.
Bereits beim Duschen hatte ich festgestellt, daß mein Geldbeutel mit Barschaft, Ausweis und diversen Magnetkarten bei dem unfreiwilligen Bad abhanden gekommen war. Offenbar war er beim vergeblichen Ringen mit der Beckenmauer aus der Hose gerutscht. Am nächsten Tag begann ich das Becken auszupumpen. Die Wassermenge war so groß, daß dies bis zum Einbruch der Dunkelheit nicht geschafft wurde. Ich konnte also erst am dritten Tage mit Gummistiefeln in den Schlick steigen und nach dem Verlorenen suchen. Nach einer halben Stunde hatte ich im Umkreis von zwei Metern um die Stelle meines Sturzes allen Schlick mit der Schaufel angehoben und unter wachsamem Blick wieder herunterrieseln lassen. Steine, Äste, Baumrinde – aber kein erdbaunes Leder. Dann suchte ich die Stelle ab, wo ich das Becken mit Hilfe der Rutsche verlassen hatte. Dann die Büsche auf dem Hin- und auf dem Rückweg. Schließlich stieg ich ein zweites Mal ins Becken und wiederholte die Übung.
Der Geldbeutel mußte sich sehr weit vom Ort des Herausrutschens fortbewegt haben. Eine Komplett-Entleerung des Beckens hätte zumindest die Anlage eines Anfahrtsweges für eine Schubkarre zur Voraussetzung gehabt. Diesen Aufwand konnte ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht leisten. Ich ging ins Büro und fing an, telephonisch neue Magnetkarten anzufordern. Dabei fiel mir die Zigarettenschachtel wieder ein. Im Gegensatz zu dem braunen Geldbeutel, der sich farblich kaum von dem Schlick unterschied, war diese in leuchtendem Weiß und Rot gestaltet. Wenn mir diese nicht vor Augen gekommen war, konnte ich einfach nicht gründlich genug gesucht haben. Ich überlegte mir, daß diese doch recht leichten Gegenstände sich vielleicht unter dem Sog der Pumpe an die Absaugstelle bewegt haben könnten. Ich stieg ein drittes Mal ins Becken und suchte mit neuen Prämissen. Es blieb erfolglos.
Nachdem ich nun ohne Ausweis und Geld war, konnte es nicht ausbleiben, daß ich einigen Leuten von dem Vorfall berichtete. Die Reaktionen gaben mir zu denken und veranlaßten mich schließlich, diesen Bericht zu schreiben. Im allgemeinen bewegten sich die Äußerungen zwischen »Du bist unter die Tierliebhaber gegangen« und »Etwas teuer für eine Katze«. Der entscheidende Punkt in der Geschichte, nämlich der Notschrei, schien den meisten wenig zu sagen. Ich wurde auch gerügt, keine Taschenlampe parat gehabt zu haben. Dem muß ich freilich entgegnen, daß ich mit einer Lampe sehr wohl den Aufstieg zum Becken gefunden hätte und nicht hineingeplumpst wäre. Allerdings hätte ich denn im Lichtkegel gesehen, daß das Ufer so überwachsen war, daß keine Möglichkeit bestand, zu der Stelle zu gelangen, an der sich die Katze befand. Es hätte sich mir klargestellt, daß man ins Wasser steigen müsse, um die Katze zu retten. Nachdem meine Vorstellungen von diesem Tümpel weit unangenehmer waren, als sich dann die Realität herausstellte, hätte ich dieses Opfer wohl nicht gebracht. Es war also die Rettung der Katze, daß ich ohne Lampe, ohne klare Kenntnis der Verhältnisse, ohne Orientierung war.
Ich muß es ganz deutlich betonen: Ich bin kein Vegetarier oder sonst besonders sentimental, was die Grausamkeit der Welt betrifft. Leute, die kein Blut sehen können, haben mich immer amüsiert. Auch empfinde keine besondere Zärtlichkeit für Katzen, von gelegentlichen Ausnahmen abgesehen. Wenn ich die Katze rettete und mich damit in Bedrängnis brachte, dann wegen dem Notschrei, der alle Reflexion auslöschte und eine tiefere Ebene berührte, als die gewöhnliche Abwägung von Gut und Böse. Mir machte die Angelegenheit bewußt, daß Barmherzigkeit und überhaupt das Erbarmen in einer vor- und außermoralischen Ebene siedeln. Moralisches Handeln ist eine Anstrengung des Willens und des Intellekts. Gut-gemeint ist oft das Gegenteil von gut. Der moralisch Handelnde ist nicht blind. Insofern war die Rettung ganz und gar keine »gute Tat«. Sie geschah nicht reif und bewußt, sondern kindlich und instinktiv. Nicht aufgrund von Läuterung oder Selbstzucht, sondern als reine Gnade. Ich war nicht aktiv tätig, sondern geradezu ein Medium, selbst passiv und hingegeben an etwas, das durch mich tat. Und gerade das Unverdiente dieser Erfahrung gibt mit ein tiefes Gefühl des Bewahrt- und Nicht-verloren-Seins.
Es ist eigentlich nicht meine Art, in jedem Mißgeschick das Gute zu sehen, das es wider alle Absicht gebracht hat. Es ist auch nicht meine Art, das Passive, Kindliche, Unbewußte gegenüber dem Aktiven, Männlichen, Überlegten zu preisen. Aber in diesem Falle kam mir niemals der Gedanke, die Sache könne sich nicht gelohnt haben. Ich schlief eine Nacht schlecht, weil ich fürchtete, die Katze könne in den Minuten meiner panischen Selbstrettungsversuche ertrunken sein. Als ich entdeckte, daß sie entkommen war, fühlte ich mich beschenkt, und so ist es auch heute noch. Irgendwann werde ich die Börse wiederfinden, und es ist fraglich, ob die Geldscheine dann noch Gültigkeit und nennenswerte Kaufkraft besitzen. Die Katze kann schon am nächsten Tag bei anderer Gelegenheit verunglückt sein, ich sie seit jener Nacht nicht wieder und kann nur vermuten, daß den Ort einer schrecklichen Erfahrung meidet. Wie es sich mit all diesen Dingen auch verhalte, mir hat jene Nacht eine wichtige Erfahrung geschenkt, die Erfahrung, daß mir Barmherzigkeit gegeben wurde, die einen Notschrei nicht ignorieren kann.
 :
BETRACHTUNGEN EINES UNPOLITISCHEN
Zu der Aura des Dichterischen, die Thomas Mann umgibt, trägt die Instinktsicherheit, die er bei der Wahl seiner Titel beweist, erheblich bei: »Betrachtungen eines Unpolitischen« – das ist prägnant und schwebend zugleich, bescheiden und nonkonform in einem. Wenn man den Topos im Kontext des Bismarckreiches betrachtet, so weiß man, daß sich als »unpolitisch« die Bevölkerungsmehrheit verstand, die bei Parlament an Palaver dachte, meinte, daß viele Köche den Brei verderben und daß die Lust an der Diskussion eine Sache von Leuten sei, die zwei linke Hände hätten. Da sich aber die Mehrheit der Romanautoren dieser Zeit keineswegs als unpolitisch, sondern als engagiert verstand, war der Eindruck sicher nicht unbeabsichtigt, hier mache ein Dichter Front gegen die Zivilisationsschriftsteller, hier stünden Tiefe und Verwurzelung gegen gesellschaftliches Geplänkel und Großstadt-Dekadenz. Gleichzeitig muß festgestellt werden, daß diese Bedeutung gar nicht in dem Worte »unpolitisch« liegt, sondern ihr einzig von einem beachtlichen und zahlungsfähigen Publikum beigelegt wird. Hier liegt eine Hintertür. Auf diese werden wir noch zurückkommen.
Thomas Mann verehrte den Dichter August von Platen. Dieser war lebenslang wenig erfolgreich und wurde auch nach dem Tode niemals berühmt. Für Thomas Manns Passion, er kannte zahllose Gedichte des Verehrten auswendig, reicht die Knabenliebe des Dichters als Motiv nicht hin. Sicher liegt hier eine große Gemeinsamkeit beider Geister, nicht nur in der Neigung als solcher, sondern auch im speziellen Geschmack, in der grundsätzlichen Passivität und dem Gefühl der Asozialität. Aber auch diese Übereinstimmungen sind nicht so selten, daß sie erklären könnten, wie ein umfassend gebildeter Mann aus der Fülle der Hervorbringungen der deutschen Klassik und Romantik ausgerechnet diesem Dichter die Palme reicht.
Platen konkurrierte mit Goethe. Goethe wiederum steht in Deutschland und darüber hinaus in besonderer Einzigkeit da. Es ist geradezu ein Gemeinplatz geworden, daß ein Dichter, der groß und dabei glücklich sei, der die Balance in einer Welt der Umbrüche halte, der in allen seinen Lebensentscheidungen der Vernunft folge, aber gleichzeitig in allen Werken und auch im Leben dem Gefühl die innigste und nachdrücklichste Geltung verschaffe, eben Goethe sei. Das ist der Olympier. Da prallt alle Kritik am Taktieren, an Eskapaden, am Ausweichen und gelegentlichem Abducken einfach ab. Erfolg und Leistung scheinen im Einklang zu sein, wie sonst nirgends. Platen erkannte richtig, daß Goethes große Begabung nicht im Drama oder im Roman liege, erst recht nicht in der Politik oder in der Naturwissenschaft, sondern im Gedicht. Was kein Barockdichter konnte und kein Herder, was die Romantiker erfolglos versuchten, Goethe setzte das Gedicht in die Mitte des Volkes.
Dies ist bis heute so geblieben, zumindest bis in die jüngste Vergangenheit, als in Verslehren noch die klassischen Prämissen galten. Platen deutete Goethes Erfolg als formales Können, als Virtuosität. Damit lag er nicht falsch. Denn Goethes Vers weiß in der Tat die Worte so zu setzen, daß dem Deutschen das Herz aufgeht, daß er sich bei der Hand nehmen und in Reiche führen läßt, wo er nichts als staunen kann. Aber Platen beweist mit seinem Scheitern, daß man Goethe nicht beerben wird, wenn man diese Virtuosität übertrumpft, wenn man schwierigste sprachliche Probleme löst, wenn man die dichterische Form zur höchst denkbaren Perfektion treibt. Hier gilt das alte Sprichwort: »Allzu scharf macht schartig.« Eine Poesie zu hoher Künstlichkeit verliert die Erdenhaftung. Leichte Fehler steigern die Liebenswürdigkeit. Die Welt braucht keine überweltliche Kunst, sondern eine, die sich immer wieder als weltlich verrät. Kurzum: Platens Versuche, Goethe zu übertreffen, brachten ihm allein den Ruf des Verschrobenen und Überspannten ein, und dies erschien dem Publikum durch seinen mißglückten Lebensentwurf bedingt.
Thomas Mann war zu klug, Platens Fehler zu wiederholen. Er wußte, daß er ebenso wie Platen nicht über den inneren Reichtum eines Goethe verfügte und ihn also in der unreflektiertesten und freisinnigsten Form, dem Gedicht, nicht in die Welt stellen konnte. Die Fülle konnte nicht seine eigene sein, sondern die seiner handelnden Personen. Seine Vorgehensweise nimmt schon viel von dem im 20. Jahrhundert aufkommenden Spielfilm vorweg. Der Regisseur bleibt gänzlich im Unsichtbaren und erntet doch zuzeiten höchsten Ruhm. Er braucht keine Kamera führen zu können, seine Kunst ist es, eine gelungene von einer mäßigen sicher zu unterscheiden. Die höchste Kunst liegt im Schnitt, also im Weglassen. Damit ist er im Grunde ein Kritiker. Er läßt Material anhäufen und herbeibringen, bewertet, nutzt und verwirft es. Er verströmt sich nicht im Gedicht, er gebietet über Fremdes und macht es durch seine Wahl zu Eigenem.
Als Thomas Mann mit seinem ersten Roman »Buddenbrooks« das neue Jahrhundert eröffnete, war der Roman noch ein junges Genre. Zwar sind schon aus der Antike Werke überliefert, die weder Versepen noch Historiographien waren, aber es fehlte ein Gattungsname dafür. Im Hochmittelalter kommen die Artusromane auf, ein Festzug der Fabulierkunst, aber literarästhetisch bleiben sie im Schatten des Minnesangs. Ein entscheidender Schub setzt mit dem Aufkommen des Buchdruckes und der damit einhergehenden Kommerzialierung der Literatur ein. In der frühen Neuzeit finden vor allem die sogenannten Volksbücher große Verbreitung. In der Pyrrhonismusdebatte des 17. Jahrhunderts gipfelt ein lange schwelender Streit über die Wahrhaftigkeit schriftlicher Zeugnisse. Von diesem Zeitpunkt an beginnt man Geschichtswerke, die mit einer Quellendiskussion Indikatoren der Überprüfbarkeit liefern, von Romanen zu scheiden, die den Anspruch auf Wahrhaftigkeit nicht erheben.
Am Ende des 19. Jahrhunderts wird der Begriff der Literatur neu definiert, um den Roman ausdrücklich einzuschließen. Dafür sind mehrere Entwicklungsschritte verantwortlich. Der Erfolg des »Amadis von Gallien«, der im 16. Jahrhundert eine erste internationale Lesemode auslöst, zieht die erste kritische Debatte im neuen Feld der eleganten Lektüre nach sich. Die anglistische Forschung verbindet das 18. Jahrhundert mit Theorien vom Aufstieg des Romans. Die Geschichte der englischen Literatur gewinnt an dieser Stelle maßgebliche Bedeutung. Mit ihr verknüpft sich die These eines Einflußwechsels. Nachweisen läßt sich für die englische wie für die deutsche und die französische Produktion fiktionaler Prosa für das 18. Jahrhundert ein beschleunigtes Wachstum. Parallel zu diesem Wachstum beginnt eine Phase der Rückkoppelung des Marktes mit der Literaturkritik, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts einen Kanon klassischer Werke der Romankunst etablierte, an denen sich neue Romane von nun an messen mußten.
Wesentlich sind bei diesem Prozeß verschiedene Dinge. Zunächst die Verlagerung öffentlicher Debatten in den privaten Raum. Hier glaubt man erfolgreicher bei einer Reform der Sitten ansetzen zu können. Eine nächste Stufe wird mit der Literatur der »Empfindsamkeit« erreicht. Es werden nun Charaktere zum Zentrum der Handlung, die in nichtfiktiven Prosaschriften gar nicht aufgetreten wären. Parallel entwickelt sich die Psychologie als Lehre von der geheimen Natur des Menschen. Dies führt zu Entwicklungs- und Bildungsromanen und der Entwicklung von neuen Verhaltensnormen. Mit Werther tritt ein neuer Heldentypus auf. Er steht nicht mehr wie in der klassischen Tragödie vor politischen Entscheidungen, er leidet unter der Enge der Verhältnisse.
Drei Dinge sind zusammenfassend festzustellen: Zum einen ist der Roman ein Medium der Emanzipation, er verleiht zahllosen Personen, zunehmend auch aus den Unterschichten, eine Stimme, deren Tendenz die Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse ist. Zum anderen hat der Roman eine große Internationaliät, die Moden machen vor Landesgrenzen nicht halt, er ist beliebig und komfortabel übersetzbar. Zum dritten schafft der Roman einen Massenmarkt, dessen Kind er zugleich ist.
Um auf Thomas Mann zurückzukommen: schon daß jemand »Romane« schreibt, ist nicht »unpolitisch«, schon gar nicht, wenn er plant, mit dieser in Deutschland noch wenig entwickelten Gattung ein neuer Goethe zu werden. Dies sollte man bei der Lektüre der Mannschen Werke im Hinterkopf behalten.
Bevor ich aber zu den »Betrachtungen« und dem Politischen im engeren Sinne komme, noch ein paar Gedanken zu Thomas Manns Erstling, den »Buddenbrooks«. An diesen Erfolg hat er ja fortan immer wieder angeknüpft. Die Handlung des Romans folgt einer Reflexion Otto von Bismarcks, wonach die erste Generation ein Vermögen anhäufe, die zweite es verwalte, die dritte Kunstgeschichte studiere und die vierte vollends verkomme. Diese Abfolge sah Thomas Mann nicht nur in seiner eigenen Familie. Nach dem gewaltigen Aufstieg des Bürgertums im 19. Jahrhundert schien ein nun fälliger Abstieg allgemein ausgemacht und alle Anzeichen dafür erfreuten sich besonderer Aufmerksamkeit der Literaten und des Publikums. Die unterschiedlichen Wertungen, einmal optimistisch, daß dieser Niedergang notwendige Voraussetzung einer höheren Menschheit und Kultur sein werde, oder pessimistisch als allgemeiner Niedergang der Kultur und der Moral, dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, daß die verschiedenen Lager die Erwartung einer fundamentalen Wende vereinte. Mann wiederholt also in gewisser Weise ein halbes Jahrhundert später nur, was Marx schon 1848 in seinem Manifeste kundtat.
Nun mag ja der Glanz der bürgerlichen Kultur gewaltig gewesen sein und die Anzeichen ihrer Morschheit ebenfalls – aber mußte man deswegen das Bürgertum mit der Kultur überhaupt gleichsetzen? Wenn man schriftstellerischen Erfolg in dieser Zeit haben wollte und deshalb auf die »gesellschaftlichen Probleme« insistieren mußte, gewiß. Aber die Welt ist ein bißchen größer. Goethe nannte Hegel (als dessen Jünger man Marx unbedingt begreifen muß) in seinem Fortschrittsglauben einen »dialektisch Kranken«, der Heilung im Studium der Natur suchen solle. Thomas Mann hat in seinen Romanen ganze Kapitel naturwissenschaftlicher Forschungen eingearbeitet, aber auch dies sind nur Bücherwelten, die reale Natur beschränkt er auf Spaziergänge mit dem Hund.
Die Kunst des müßiggängerischen Lebens, also der letzten Generationen der »Buddenbrooks«, wird in Thomas Manns Romanwerk in allen Facetten ausgebreitet, am üppigsten im »Zauberberg«, wo man auch real unter sich ist wie ja im Bewußtsein ohnehin. Einzig im »Doktor Faustus« versucht Thomas Mann einen Gegenentwurf, allerdings in seiner Zuspitzung als groteske Verzeichnung, der Schöpferische, Nicht-Müßiggängerische ist ein Getriebener, ein dämonisch Gehetzter, zweifellos ein Mann des Teufels. In Adrian Leverkühn führt uns Thomas Mann nicht nur den Nationalsozialismus vor, sondern alles, was mit seiner Tendenz der olympischen Ironie nicht mitschwimmt. Wer das Leben ernst nimmt, ist des Teufels. Die Deutschen sowieso.
Um die Geschichtsphilosophie, die in Thomas Manns Romanwerk ausgebreitet wird, zu verdeutlichen, hier noch ein kurzer Einschub. Man weiß, daß Thomas Mann Theodor Storm außerordentlich schätzte und sich erzählerisch als dessen Schüler begriff. In der Tat nimmt z. B. Storms Altersnovelle »Der Schimmelreiter« gleich zwei Motive vorweg, die bei Mann zu Romanen wurden, den Niedergang des Deichgrafenamtes in drei Generationen und den dadurch möglichen Aufstieg eines homo novus, der an seiner Einsamkeit und seiner Unfähigkeit, ein Vertrauensverhältnis zu den Dorfbewohnern herzustellen, schließlich grandios scheitert. Der Hauptunterschied ist zunächst, daß Storms Figuren in ihrer angestammten Umgebung bleiben. Das Mikrokosmische ist aber nicht nur der Gattung der Novelle geschuldet, es entspricht auch der Haltung des Autors, der zwar von den Dänen aus seiner Heimat vertrieben wurde, aber mit den Preußen zurückkehrte.
Storms Novelle ist 1934 und erneut 1978 verfilmt worden, beide Verfilmungen sind außerordentlich gelungen. Interessant ist, daß beide Versuche ein Motiv der Novelle unterschlagen, nämlich das schwachsinnige Kind, das der Vater auf Deichritte mitnimmt und dessen Angstphantasien mehrfach wörtliche Ankläge an Goethes »Erlkönig« bringen. Ich habe mich an anderer Stelle zu dem Thema verbreitert, daß der Erlkönig eine Metapher für Odin, den umtriebigsten aller heidnischen Götter, darstellt. Nur sein unumstößliches Vorurteil, Annahmen des Dämonischen in der Welt seien Krücken der Faulheit und der Dummheit, läßt Hainen die unübersehbare Fülle von bedrohlichen Zeichen in der Handlung ignorieren. Wenn der Deichgraf der Rahmenhandlung die Erzählung des Schulmeisters mit dem Worte abqualifiziert, dieser sei ein »Aufklärer« und damit ein Weismacher, so gewinnt dieses Schlußwort dadurch Bedeutung, weil des Schulmeisters Überzeugung, bei dem ganzen Teufelsgerede handle es sich um trübsten Aberglauben, eigentlich fortwährend im Widerspruch zu so vielen Details steht.
Als Hauke den Schimmel von der zwielichtigen Person günstig erwirbt und Elke dann merkwürdig hellsichtig zu bedenken gibt, daß das Wohlfeilste meist auch das Teuerste sei (warum sagt sie das, wo die Ernährung eines Pferdes einen großen Hof kaum belasten kann), weiß er genau, daß er sich mit einer Aura umgibt, welche die Bescheidenheit seiner Herkunft und seiner Jugend vergessen machen kann. Wenn wir den Aberglauben als Aberglauben ansehen, dann kalkuliert Hauke ihn ein. Dies ist sein Teufelspakt oder sein Treten in die Rolle des heidnischen Gottes.
Damit dürfte die Parallele zu Adrian Leverkühn sichtbar geworden sein. Als Hauke Hainen die Fertigstellung seines neuen Deiches feiert, muß er sich gefühlt haben, wie Hitler im besetzten Paris, als der kleine Mann, der den Mut hatte, die Leute zu ihrem Glück zu zwingen, als Faust, der die Grenzen der Biederkeit überschreitet und das Unmögliche möglich macht. Das Faustische bei Hainen ist der Glaube an die Vernunft, die unabhängig davon durchgesetzt werden muß, ob sie menschlich und kulturell vertretbar ist. Bei Leverkühn ist das Motiv erst einmal dadurch geschwächt, da Kunst nicht eigentlich eine Tat, sondern die Vermittlung von Taten ist. Für eine neue Kompositionsart läßt sich die Vernuft viel schwererer bemühen als für die Gewinnung von Neuland. Der entscheidende Gegensatz liegt aber an anderer Stelle, faustisch ist Hainen, weil er die Magie bestreitet, nicht, weil er sie bemüht. Insofern ist dies nicht nur ein Typus, der uns nicht nur in Hitler, sondern überhaupt im Gange der Neuzeit, immerfort begegnet.
Im Gegensatz dazu ist Leverkühn eine ideologische Konstruktion, die wir in keiner Vergangenheit und in keiner Gegenwart finden werden. Der Mensch, der sich bewußt mit Syphilis infiziert und danach geniale Werke schafft, hat nie gelebt. Thomas Manns verhunzte Sinnlichkeit konstruiert eine Dämonie der Ausschweifung. Der Gipfel der Peinlichkeit ist dabei die Vermischung mit der Leidensgeschichte Friedrich Nietzsches, von dem Mann offenbar nicht mehr verstanden hat als die Leute, die das falsche Zitat von dem Weib und der Peitsche vor sich hertragen.
Als Hainen in seiner Hybis stürzt, stirbt seine Familie aus. Das Dorf wird aber einen neuen Deichgrafen haben und die Ordnung wird sich nach dem Schrecken wiederherstellen. Wenn Mann Leverkühn in paralytischen Wahnsinn fallen und für sein weiteres Leben völlige Fremdbestimmung dulden läßt, so muß man ihm freilich eine gewisse Prophetie bescheinigen. Nur wurde dieser Wahnsinn nicht durch Selbstinfektion, magische Rituale und sinnliche Exzesse gesucht, sondern herbeigebombt mit tonnenweis Phosphor.
Bei Thomas Mann zelebriert der große Einzelne seinen Untergang, der zugleich der Untergang seiner kulturellen Basis ist. Das ist nicht nur Nihilismus, sondern Nihilismus um des Nihilismus willen. Groß ist allein die Zerstörung. Gemessen daran ist Hainen ein gutmütiger Bauer. Er will mehr, will zu viel und stürzt dabei ab. Leverkühn will abstürzen und alles mit sich reißen.
Als Thomas Mann sechzigjährig die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft annahm, die einzige Staatsbürgerschaft, für die man keine andere Voraussetzung brauchte als die Feindschaft zum Deutschen Reich, endete eine lange Phase seit dem Protest der Richard-Wagner-Stadt München gegen Manns sehr persönliche Vereinnahmung des Komponisten. Die vier Jahre, die sich Adolf Hitler mit dem Ermächtigungsgesetz verschafft hatte, um zu zeigen, daß er Deutschland aus einem desolaten Zustand zu neuer Kraft und Größe führen könne, näherten sich ihrem Ende. Die Bilanz war offensichtlich und dürfte auch Thomas Mann in Küsnacht bei Zürich nicht entgangen sein. Aus Deutschland waren viele Romanschriftsteller emigriert, aber sie waren eigentlich alle entweder jüdischer Abstammung oder politisch stark links stehend. Thomas Mann reiste seit Jahren mit einem abgelaufenen Paß, der ohne persönliches Erscheinen in München nicht verlängert werden sollte, aber die US-Amerikaner sahen großmütig über diese Inkorrektheit hinweg.
Daß er nach der Ermordung Rathenaus die Rede »Von deutscher Republik« gehalten hatte, in die »Deutsche Demokratische Partei« eingetreten war und nach der Reichstagswahl 1930 im Berliner Beethovensaal eine »Deutsche Ansprache« hielt, die in beschwörender Weise vor dem Nationalsozialismus warnte, wären keine Hindernisse gewesen, nach München zurückzukehren. Viele Leute hatten Frieden mit den neuen Verhältnissen gemacht, die sich in den Zwanzigern noch viel exponierter gegen die neue Partei ausgesprochen hatten.
Wenn man Thomas Manns Leben als Versuch einer Goethe-Imitation betrachtet, fragt man sich, warum er zu einem Zeitpunkt, da sich die Verhältnisse in Deutschland stabilisierten, ein Flüchtlingsdasein dem Frieden mit der Macht vorzog. Als er schließlich in die Vereinigten Staaten übersiedelte, war zunächst zwar prächtig für ihn gesorgt, aber alle Loyalitätsbekundungen und propagandistischen Dienste im Krieg verhinderten nicht, daß er 1951 vor dem Repräsentantenhaus im Kongreß als »einer der weltweit bedeutendsten Verteidiger von Stalin und Genossen« bezeichnet wurde und Amerika nicht minder freundlos verließ als einst Deutschland. Das Nachkriegsdeutschland provozierte er mit der Kollektivschuld-These und damit, daß er zu den verwüsteten deutschen Städten ein lapidares »Alles muß bezahlt werden« verlauten ließ.
Wenn man die Lebensläufe Goethes und Thomas Manns nebeneinander stellt, so könnten sie kaum unterschiedlicher sein. Zwar hat Goethe Frankfurt verlassen wie Mann Lübeck, aber er hat der Stadt an der Ilm höchste Treue und innige Liebe gezeigt. Er hat zwar Reisen unternommen und mit aller Welt korrespondiert, aber sein Lebensmittelpunkt blieb unverrückbar. Er hat zwar Napoleon bewundert und seinem Sohn die Teilnahme an den Freiheitskriegen verboten, aber er hat keinerlei Propaganda für die Feinde Deutschlands betrieben. Wenn bei Goethe von Dingen wie »Weltbürgertum« die Rede ist, dann sind damit die zeitgenössischen Fortschritte in Wissenschaft und Technik gemeint, keine politischen Bekenntnisse. Und auch bei diesen Fortschritten ignoriert Goethe die Schattenseite nicht, wie man im »Faust« nachlesen kann.
Mann aber schafft es 1949 in seiner Rede zu Frankfurt, Goethe in die Nähe der Demokratie zu rücken. Bei dieser Unverfrorenheit bleibt einem geradezu die Spucke weg. Ich halte es aber für einen großen Fehler, anzunehmen, Thomas Mann habe nach der Niederlage der Mittelmächte im ersten Weltkrieg eine fundamentale Wandlung durchgemacht, wie es seine spätere Distanzierung von den »Betrachtungen eines Unpolitischen« nahelegt. Ich glaube vielmehr, daß sein Deutschland, von dem er in Amerika sagt »Wo ich bin, ist Deutschland«, schon immer völlig fern vom deutschen Volke lag, und der Adel des Geistes, in dem er sich die Rolle des Dichterfürsten einzunehmen anschickte, immer der Adel einer ganz anderen Befindlichkeit als der deutschen war.
Diese These mag manchen schockieren. Sie stellt nämlich den Konservativismus des wilhelminischen Großbürgertums unter den Generalverdacht, in seiner schmiegsamen Anpassung an die Verhältnisse der zwanziger Jahre offenbart zu haben, daß die Propaganda von deutscher Tiefe und Ästhetizismus in Wahrheit nur ein opportunes Mäntelchen wirtschaftlicher Interessen war. Thomas Mann machte späterhin kein Hehl aus seinen wirtschaftlichen Interessen, auch wenn er dabei nicht so weit wie seine Gattin ging. Insbesondere in seiner Exilzeit stellt er diese als die natürlichste Sache der Welt hin, und nennt minder erfolgreiche Kollegen Faulpelze. Eine Anekdote hat sehr früh mein Bild vom frühen Thomas Mann geprägt. Es ging um eine Taschenbuchausgabe der »Buddenbrooks«. Manns Verleger Samuel Fischer weigerte sich, dieser neuen Mode zu folgen, weil er darin einen Verfall der Kultur und der guten Sitten sah. Ein solcher Geiz sei eine Mißachtung des geistigen Gutes. Mann ließ nicht locker und drohte, die Taschenbuchrechte an den Konkurrenten Knaur zu verkaufen, sodaß Fischer schließlich nachgab.
Die »Betrachtungen eines Unpolitischen« sind ein Buch, das Thomas Mann unter Zwang schrieb. Unmittelbar nach Kriegsausbruch hatte er sich von der allgemeinen Begeisterungswelle hinreißen lassen, zwei Essays zur Verteidigung der deutschen Position zu schreiben. Sein Bruder Heinrich veröffentlichte daraufhin in einer pazifistischen Zeitschrift einen polemischen Seitenhieb gegen den jüngeren. Es entstand eine Situation, mit der Mann sehr schlecht umgehen konnte. Angegriffen zu werden kam in seinem Selbstverständnis nicht vor, für seinen Wunsch einer Goethe-Imitation mag auch wesentlich gewesen sein, daß der Dichterfürst achtzig Jahre nach seinem Tode allgemein so wahrgenommen wurde, als hätte es zu keinem Zeitpunkt irgendwer gewagt, an der Selbstverständlichkeit seines Thrones zu rütteln. Hinzu kam, daß sich Mann unter Romanschriftstellern mit seiner Position in der Minderheit sah. Die Motivation zu dem Buch lag also nicht in den Inhalten, sondern in der gekränkten Eitelkeit. Über das tiefe Unbehagen, das Thomas Mann beim Schreiben des Buches begleitete, kann seine Weitschweifigkeit nicht hinwegtäuschen. Im Vorwort gesteht er ein, das Buch sei »politischer« geraten als beabsichtigt. Irgendwie schwante ihm wohl, daß ihm das ganze noch leidtun werde.
Thomas Mann war ein Autor von einer unglaublichen Belesenheit. Die »Betrachtungen eines Unpolitischen« zeigen dies in zweierlei Weise. Zunächst einmal stützt er seine Thesen in exzessiver Weise durch Literatur. Dabei fällt auf, daß Autoritäten bevorzugt werden, als wolle sich der Schreiber hinter ihnen verstecken. Da ist zunächst Goethe, es folgen Richard Wagner, Schopenhauer und Dostojewski. Schließlich Friedrich Nietzsche, bei dem Mann, aber dies ist ein eigenes Thema, das Kunststück vollbringt, ihn niemals in Gegensatz zu Schopenhauer und Wagner treten zu lassen. Vielmehr ergibt sich ein sogenanntes »Dreigestirn«, wobei man sagen muß, das dieser nach Mann oft wiederholte Mythos gleichwohl nur Manns Verdrängungsmechanismen wiedergibt. Wenn Nietzsche häufig betont, daß er zwar ein décadent sei, aber auch dessen Gegenteil, so ist dieses Gegenteil in Manns »Dreigestirn« völlig getilgt. Neben Goethe, Dostojewski und dem »Dreigestirn« werden vor allem Autoren zitiert wird, die heute zwar vergessen sind, aber im Kaiserreich außerordentlich erfolgreich waren.
Der Gebrauch der Literatur ist aber nicht nur eine Frage der Autorität und Legitimation. Es zeigt sich auch, daß Manns Sicht der sozialen und politischen Welt nahezu ausschließlich literarisch geprägt ist. Dies ist außerordentlich verräterisch. Manns hier vertretene Positionen entstammen keinen Kindheitserfahrungen, sie sind nicht persönlich erfühlt und erlitten, sondern angelesen. Was wunder, daß diese unter veränderten Bedingungen zum Altpapier wandern.
Das Kapitel »Politik« ist das mit Abstand längste im Buch. Darin stellt er der Politik den Ästhetizismus entgegen. Zu diesem Begriff habe ich mich schon an anderer Stelle ausführlich geäußert. Hier ist zu wiederholen, daß dieser eine Umfaller-Position darstellt, ein letztes Aufbäumen vor der bedingungslosen Kapitulation. Wer nicht mehr moralisch standhalten kann, versucht es schöngeistig. Als Zeugen ruft Mann Schiller, Flaubert, Schopenhauer, Tolstoi und Strindberg an. Zumindest Schiller und Tostoi wären damit ganz gewiß nicht einverstanden gewesen. Wenn Nietzsche Schiller vorwirft, er moralisiere unerträglich, und sich auch Goethe gelegentlich über Schillers Verklemmtheit amüsiert, so mag man hier vorbringen, daß das Eigentliche des Dichters auf einem anderen Gebiete läge, aber es lag gewiß nicht auf einem Ästhetizismus. Daß Schiller bis zu seinem Tode für enthusiastische Knaben schwärmt, mag ihn für Thomas Mann unverzichtbar machen, aber diese Marotte begründet nicht Schillers Position in der deutschen Geistesgeschichte. Auch darf man über Tolstois lebensphilosophische Schriften gerne gelegentlich schmunzeln, wie es Hamsun vortrefflich in seinem Reisebericht »Im Märchenland« tut, aber seine Apologie des russischen Bauern ist geradezu das Gegenteil von jedem Ästhetizismus. Es soll auch an dieser Stelle nicht verschwiegen werden, daß das Werk Richard Wagners intellektuell am stärksten in Paris rezipiert wurde, der französische Symbolismus ist ohne Wagner nicht denkbar. Wagners Ruhm in Deutschland war über weite Strecken ein Reimport, was das geflügelte Wort »L’art pour l’art«
sehr deutlich zeigt. Die Gegenüberstellung von Politik und Ästhetizismus zeigt also nicht die Frontlinie zwischen den Mittelmächten und der Entente,
sondern Pariser Salonstreitereien zwischen Symbolisten und Naturalisten.
Aber ich will Thomas Mann selber zu Wort kommen lassen, was er denn unter Ästhetizismus verstehe. So heißt es in den »Betrachtungen eines Unpolitischen«, für den Ästhetizismus gelte, daß »alles bloß Gesagte bedingt und angreifbar ist, so absolut und apodiktisch es auch im Augenblick« empfunden werde und daß »das Geistige, das Intellektuelle niemals ganz ernst« genommen werde. Zusammenfassend formuliert, nimmt Thomas Mann selber »niemals ganz ernst«, was er hier ausbreitet. Auf die Ironie werde ich noch kommen. Aber man muß sich das auf der Zunge zergehen lassen. Der bis dahin mörderischste aller Kriege tobt. Der Westen hat das Kunststück vollbracht, gemeinsam mit Rußland das Reich einzukreisen. Die Gymnasiasten gehen scharenweis mit Notabitur an die Front und die wenigesten kommen zurück. Und dies alles, weil das Geistige »niemals ganz ernst« genommen werde. Man könnte meinen, der Autor mache sich über sein Volk lustig.
Bei all seiner Passion für deutsche Jugend und Schönheit meint Mann freilich, daß sich die Demokratie überall in der Welt durchsetzen werden, auch in Deutschland. Unter »Welt« versteht Mann offenbar England, Frankreich und die USA. Schon diese Setzung ist parteilich. Seine Prognose, die Demokratie werde sich auch in Deutschland durchsetzen, heißt doch nichts anderes, als daß er den Krieg schon jetzt für Deutschland für verloren hält. Man sieht, wie wenig Thomas Mann von der Position seines Bruders trennte, der später nicht grundlos zum Präsidenten der Ostberliner Akademie der Künste gewählt wurde. Was Mann von den »Zivilisationsschriftstellern« trennte, war lediglich seine Passion für den deutschen Jüngling. Hier fällt es schwer, nicht vulgär zu werden.
Heinrich Mann muß übrigens zugute gehalten werden, daß er zwar politisch im Trend der Zeit lag, aber sich später in den USA nicht mit dem Gastgeberland anfreunden konnte. Er gehört zu den Linken, deren Schicksal nicht frei von Tragik ist. Sein Bruder hingegen war letzlich überall zuhause, wo Erfolg und Wohlstand wohnen.
Bermerkenswert erscheint mir auch der Umstand, daß nicht alle Kapitel des Buches später abqualifiziert werden müssen. Die letzten beiden betrachtete Mann leblang als gültig für sein Werk. Aus diesem Grunde sollen sie noch genauer unter die Lupe genommen werden.
Das Kapitel »Ästhetizistische Politik« stellt eine schopenhauersche Zwei-Reiche-Lehre vor. Mann beansprucht Souveränität im Reiche der Kunst, befehdet aber jenen, der als Ästhet in der Politik auftrete. Wir haben hier wieder die Bescheidung auf eine autonome Kunst, in der nach Manns Ansicht »Meinungen« nichts gelten, wie auch die Geistigkeit nichts in der Politik zu suchen habe, in der es allein auf den Erfolg ankomme. Man erkennt wieder deutlich, daß die sonst so hoch gehaltene deutsche Kultur bitte außen vor bleiben solle, wenn es um den Geldbeutel geht. Romantische Politik ist auch von anderer Seite und mit gutem Recht angegriffen worden. Allerdings als Begriff der politischen Theorie. Niemand wird bestreiten, daß das Ringen um die Macht keine Oper ist, und mit einem wagnerischen Leitmotiv kein Krieg gewonnen werden kann. Allerdings ist diese Entfremdung von Kunst und Leben ein Dekadenz-Phänomen. Für Theodor Körner stand die Klampfe noch nicht im Widerspruch zum Schießgewehr.
Im Gegensatz zu den Polemiken früherer Kapitel bleibt hier Mann merkwürdig diffus. Wer denn jene Ästheten seien, die Politik als Kunstwerk betrieben, wird nicht gesagt. Diese Lücke wird Thomas Mann in späteren Jahren füllen. Hier hat er vorgesorgt, später die letzten Wurzeln zu verleugnen. Einstweilen denkt man an eine Art Gustav von Aschenbach, der sich als Ästhet auf ein Terrain begibt, wo er nur unter die Räder kommen kann.
Der Herr der Politik ist der Erfolg, der Herr der Kunst meint es niemals ganz ernst. Die Konsequenzen dieser Konzeption sind offensichtlich.
Im letzten Kapitel »Ironie und Radikalismus« wird das zu verteidigende Terrain noch einmal verkleinert. Nun geht es nicht mehr um Tiefe und Kultur, sondern nur noch um den eigenen »ironischen« Stil, den Mann gegen Sentimentalität und kalte Intellektualität setzt. Geradezu ein Mauerblümchen. Aber was hat es mit dieser Ironie auf sich? Da wird erst das Leben preisgegeben und dann auch noch die Kunst zur Hälfte. Der Autor erbettelt von jenen, die er für die künftigen Sieger hält, sie mögen ihm doch sein kleines, trauliches Nicht-ganz-ernst-Gemeintes lassen, wenn sich weltweit das Gesetz der Geschichte vollziehe. Erbärmlicher geht es nicht mehr.
Ich komme zum Fazit der Unsuchung. Das Frühwerk Thomas Manns ist ebenso wie die Werke unter demokratischem Vorzeichen Ausdruck seiner Großbürger-Philosophie. Nur ein erfolgreicher Mann ist ein guter Mann. Vor der Strenge dieses Satzes werden alle Überzeugungen und Neigungen »niemals ganz ernst gemeinte« Marotten. Manns schlechtes Gewissen hält sich beim Verrat in Grenzen. Schließlich hat er die Liebe geopfert, um ein Vermögen zu heiraten. Da kommt es auf Gott und Vaterland nicht mehr an.
Unter dem Strich steht ein Opportunist, der sich die Pose gab, »über den Parteien« zu stehen. Sein »Deutschland« ist der Spiegel des Narkissos. »Rechts« klingende Sätze produziert er nur dann, wenn er sich gegen seinen ehrlicheren Bruder abzugrenzen sucht. Die »Betrachtungen eines Unpolitischen« stellen keine prinzipielle Abweichung dar, mag auch mancher Käufer auf den Titel hereingefallen sein.
DAS BLAUE LICHT
Bei den Modalitäten des Lebens, die wir im Deutschen mit den Zeitworten dürfen, sollen, müssen, wollen und können ausdrücken, bezeichnen drei die Fremdbestimmung und zweie die Selbstbestimmung, nämlich Wille und Kunst. Daß einer Künstler sei, ist eine Gnade, also keine Selbstbestimmung. Goethe spricht von den angeborenen Verdiensten. Daß solche Talent und Begabung seien, wird nur von Ideologen der absoluten Voraussetzungslosigkeit bestritten. Ein weiteres muß hinzutreten, eine Vision und Sehnsucht, ein innerer Zwang zum Ausdruck, ein Kein-Genügen-Finden an dem platt Notwendigen, ein unbändiger Wunsch nach Verzauberung. Bringt diese innere Not einen starken Willen hervor, seinem Stern zu folgen, hart gegen sich und die Welt, immun gegen Widerspruch und Schmeichelei, dann entsteht große Kunst. Und weil in jeder realen Kunst sich der Wille deutlicher manifestiert als in jeder anderen Willensäußerung, erscheint die ursprünglich nicht selbstbestimmte Kunst als die Krone der Selbstbestimmtheit.
Ein solcher Kunstbegriff beschränkt sich nicht auf die klassischen Musen. Er steht für alles, was innerer Begabung und innerer Not entsprungen ist und sich mit unabdingbarem Willen vermählt. Kunst ist ein aufs Ganze gehen. Alle Menschen tragen Sehnsucht danach, aber nur wenige entwickeln den andauernden Willen. Dies ist auch gut so. Denn das Leben ist nur ausnahmsweise selbstbestimmt, die Regelparameter lauten Not und Norm, Mangel und Grenze. Hoch ist die Latte gelegt für jene, die Bleibendes schaffen. Aber für alle ist ihr Reichtum bestimmt. Der Künstler sollte nie vergessen, daß seine Erwähltheit vom Volk getragen wird und darum auch alles, was ihm geschenkt wird, diesem gehört.
Das Bleibende meint nicht unbedingt die physische Dauer in der menschlichen Historie. Setzt man diese absolut, so gehört der Kranz der Baukunst, zuerst den Pyramiden, die aus einer uns ganz fremden Welt unübersehbar herüberragen. Die Musik hat gar keinen Ort im Raume und wandelt sich im Zeitenlauf, wenn sie etwa nach einer Partitur wiedererweckt wird. Eine Schlacht der Kriegskunst ist überhaupt nicht wiederholbar, aber Legenden und Lieder preisen den großen Feldherrn. Vieles Vergessene wird zuzeiten wiederentdeckt. Wir haben keine Vorstellung, wie sich die Hierarchie der Künste vor Gottes Auge darstelle.
Die Moderne hat einen anderen Künstlerbegriff entwickelt. Ein begabter Mensch, der sich über die überkommene Rollenverteilung hinwegssetzt. Dies aber nicht, um seinem Werke zu dienen, sondern um zu zeigen, daß jedermann töricht ist, der nicht tut, was ihm Spaß macht. Dem Vorwurf des Schmarotzertums begegnet er mit der Aufforderung, es möge ihm doch jeder gleichtun, er mißgönne es keinem. Natürlich weiß auch der Verblendetste, daß dies niemals geschehen wird. Denn die meisten Menschen lassen sich lieber beschimpfen und verspotten, als sich selbst eine so alberne Pose zuzumuten. Sie wissen, daß sie keine Künstler sind, eben, weil sie eine ungefähre Vorstellung haben, was Kunst sei. Auch nehmen sie den Schimpf des Lebenskünstlers nicht besonders wichtig, weil sie wissen, daß er diesen ja nicht ganz ernst meinen kann. Er selbst weiß das natürlich auch und meistens weiß er auch, wie weit er gehen kann. Aber während er für die Nichtkünstler nur eine dosierte Herablassung mimt, empfindet er gegenüber dem echten Künstler, der Kraft, Gesundheit und jedes sonstige Glück seinem Werke opfert, unzähmbaren Haß. Denn dieser beweist ihm seine Anmaßung. Solange es noch echte Künstler gibt, ist die Welt für den Lebenskünstler ein Tanz auf dem Vulkan.
Ich habe jüngst abfällig über die Wende vom Gedicht zum Roman geurteilt und dabei auch darauf hingewiesen, daß der Roman schon Elemente des Films vorwegnimmt. Es erscheint also als Widerspruch, wenn ich nun eine Filmkunst preise. Dem muß entgegengehalten werden, daß zunächst die Voraussetzungen grundverschieden sind. Leni Riefenstahl wollte niemals eine Dichterin sein, die wegen mangelndem Können oder mangelnden Aussichten beim Publikum zu einem modernen Metier griff. Zum anderen stand ihr die Pose fern, zum Symbol ihres Zeitalters zu werden. Ihre Kunst hat sehr wenig mit dem Gedicht oder auch der Musik zu tun, viel näher steht sie der Architektur oder der Bildhauerei. Hauptkennzeichen ihrer Kunst ist ein entfesseltes Arbeitsethos, geradezu eine Raserei des Schöpferischen. In diesem Zusammenhang sind die zahllosen Diener, denen sie im Schnitt zu Leibe rückt, nur Verlängerungen ihrer eigenen Plackerei.
Im übrigen habe ich nicht zufällig »Das blaue Licht« aus diesem langen Künstlerleben vom Tanztheater bis zu den Unterwasserfilmen ausgewählt. Hier gestaltet Leni Riefenstahl nicht nur ihren ganz persönlichen Mythos, die Umstände der Produktion von der Finanzierung, die Verwendung von Laiendarstellern, die Improvisationen bei den Dreharbeiten, das Changieren mit persönlichen Beziehungen, die zum Teil sehr unerfreuliche Nachspiele hatten, zeugen vom Ausnahmecharakter dieses Films, der so ganz und gar nicht den Gepflogenheiten der Filmbranche entspricht. Hier zeigt sich in zugespitzter Form das Janusgesicht des Künstlers als Avantgarde und archaischer Traum.
Leni Riefenstahl bekam 1932 nach der Uraufführung im Ufa Palast am Berliner Zoo einen ersten Vorgeschmack, wie verletzend die sogenannte öffentliche Meinung sein kann, ab 1945 wurde dieses Treiben zum dauernden Lebensbegleiter. Bevor ich den Film skizziere und darstelle, warum er den Schlüssel zu dieser Frau darstellt, will ich die Gründe für diese Verdammung darstellen, die kein Künstler sonst über so viele Jahre hinweg erlebte.
Zunächst einmal wurde Frau Riefenstahl angegriffen, weil sie eine große Künstlerin ist. Nachdem seit 1945 nicht nur in Deutschland, sondern überhaupt in der Welt echte Künstler dem Einhorn immer ähnlicher werden, ist die Menge der Angriffsziele ziemlich begrenzt. Gleichzeitig hat sich die weiter oben beschriebene Klasse der Lebenskünstler drastisch vermehrt und damit der Wunsch, solche Angriffe auszuführen. Leni Riefenstahl muß also stellvertretend für viele, die es nicht gibt, Angriffe dulden.
Zum zweiten wird sie angegriffen, weil sie freundschaftlich mit Adolf Hitler verkehrte, von ihm gefördert wurde und Auftragswerke von ihm annahm. Man verlangt fortwährend von ihr eine Definition dieses Verhältnisses und konfrontiert sie dann mit Widersprüchen. So schafft jede Verteidigung neue Angriffswaffen. Es war privat nicht politisch – ja, war es dann erotisch? Wenn es privat war, wieso war sie dann bei so vielen offiziellen Veranstaltungen dabei? Die Biographen haben recht, wenn sie schreiben, daß Leni Riefenstahl sich windet. Aber was tut man während der Folter? Die Wahrheit sagen? Will etwa irgendwer die Wahrheit hören?
Die Wahrheit hat Leni Riefenstahl niemals eingestanden. Sie hätte es vielleicht getan, wenn sie 1945 schon so alt gewesen wäre, daß sie ihr Werk als abgeschlossen betrachtet hätte. Sie aber wollte unbedingt, auch mit bescheideneren Mitteln, in einer Nische, auf einem entlegenden Schauplatz, erst in Afrika, dann tief unter Wasser, weitermachen, ihrem Stern folgen, Kunst machen. Denn ein Künstler, der keine Kunst mehr macht, hört auf, einer zu sein. Jeder echte Künstler weiß das. Was ist die Wahrheit, wenn es um das Überleben geht?
Die Wahrheit ist, daß sie von Hitler angezogen wurde, weil er Künstler war. Und weil sie wußte, daß ein Künstler an der Macht Möglichkeiten bietet, wie sie nicht jedes Jahrhundert kennt. Insofern stimmt es, daß ihr Motiv metapolitisch war, aber nur in dem Sinne, indem auch Hitlers Motive metapolitisch waren. Ein solches Eingeständnis ist im Nachkriegsdeutschland inakzeptabler als jeder Opportunismus. Leni Riefenstahl wollte sich aber auch nicht auf Opportunismus festlegen lassen, sie hat sich auf keine Unwahrheit festgelegt, aber gleichwohl die Wahrheit verschwiegen. Das bringt jeden Inquisitor zur Raserei.
Daß Hitler hier als Künstler bezeichnet wird, mag mancher als Provokation verstehen. Es ist hier nicht der Ort, Hitlers Kunst zu bewerten. Es soll nur gesagt sein, daß es sich jene zu leicht machen, die Bilder zerstörter deutscher Städte präsentieren und hinzufügen, dies sei das Ende vom Lied. Es ist nicht das Ende. Jede von Hitlers Reden wird täglich hundertfach im Netz aufgerufen und gehört. Über niemanden gibt es so viele Bücher. Niemand wird in dieser Weise zum Maßstab von Anschauungen, Denkweisen und Lebenseinstellungen gemacht. Niemand muß als Ursache so vieler Dinge des Lebens herhalten. Freilich sind die meisten Bezüge auf Hitler voller Schimpf und Empörung. Aber wenn man den englischen Spruch »Every press is good press« ernst nimmt, dann ist Hitler der erfolgreichste Künstler aller Zeiten.
Der dritte Angriffspunkt ist ihre Rolle als Frau. Viele Mythen um das Dritte Reich werden mehr oder minder erfolgreich angegriffen, aber einer scheint mir weithin unwidersprochen. Weil der Nationalsozialismus die von Linken propagierte Emanzipation der Frau ablehnte und in der Politik keine Frauen wünschte, erscheint es allgemein einleuchtend, Hitler und seine Helfer wollten Frauen ausschließlich als Nachwuchsproduzenten und Haushaltsspezialistinnen sehen. Dabei ist die Absurdität dieser Ansicht offenkundig wie kaum eine andere. Nicht nur, daß die Realität im Dritten Reich entgegengesetzt war, nie zuvor seit Beginn der Industrialisierung waren Frauen so selbstbewußt und so aktiv in öffentlichen Dingen, auch die Propaganda spricht eine ganz andere Sprache. Wenn man sich die preisgekrönten Filme dieser Zeit anschaut, dann findet man ausnahmslos ganz andere Frauengestalten, als uns der Heimchen-Mythos weismachen will: selbstbewußte, mutige, entschlossene, prinzipienfeste. Oft beschämen sie Männer.
Natürlich ist die angebliche Frauenunterdrückung im Dritten Reich einer der Hauptstützpfeiler aller Emanzipationsspinnerei bis hin zum Feminismus. Zum Pech der Frauenbewegten sind die meisten Frauen nicht lesbisch und wissen instinktiv, daß eine Befreiung der Frau nicht die Verminderung des Geschlechtsunterschiedes bedeuten kann. Aber Frau Riefenstahl, die leibhaftig zeigt, daß eine starke Frau gerade im Dritten Reich Höhen erreichen konnte, die sie sonst nicht hätte erreichen können, und die noch dazu die Frechheit aufbringt, nach der Verfemung weitere Triumphe zu feiern, muß natürlich den Zorn derer auf den Plan rufen, die Rechte lieber einklagen als sie zu erarbeiten.
Im »Blauen Licht« geht es nicht um eine starke Frau, die sich in der Männerwelt durchsetzt. Das Mädchen Junta, das mit ihrem viel jüngeren Bruder, Schafen und Ziegen fern von der Dorfgemeinschaft in einer Almhütte lebt, weicht der Gesellschaft aus. Die Sprachgrenze isoliert sie zusätzlich, sie und ihr Bruder sprechen italienisch, während im Dorf deutsch gesprochen wird. Sie lebt ihre eigene Religion. Nahe dem Gipfel des Monte Cristallo befindet sich eine Bergkristallhöhle, die in Vollmondnächten ein geheimnisvolles Licht in den Tälern sehen läßt: das blaue Licht. Dem Mädchen, das kletternd den Zugang zur Höhle gefunden hat, ist es die Stätte der Andacht und Anbetung, den Dorfbewohnern aber die Verheißung von märchenhaftem Reichtum. Immer wieder machen sich junge Männer, von der Erscheinung verführt, auf, den Zugang zur Höhle zu ersteigen, sie scheitern am bröckligen Gestein oder entgegenkommendem Steinschlag, zerschmettert werden sie ins Dorf getragen. Junta nimmt manchmal einen lose liegenden Kristall aus der Höhle fort, nachdem sie sich vergewissert hat, daß der Geist des Berges ihr Handeln billigt. Um einige lebensnotwendige Dinge zu erwerben, versucht sie den Kristall im Dorf zu verkaufen, wenn sich ein Geschäftsmann dort aufhält.
Zum Beginn des Filmes kommt mit einer Postkutsche ein Maler ins Dorf, der offenbar in Rousseauscher Grille der Großstadt entflohen ist und Gesundung in dieser Abgeschiedenheit sucht. Junta bemerkt die Kutsche und wandert mit einem prächtigen Stein hinab ins Dorf. Dort ist bereits ein Händler am Taxieren der Bergkristalle, die ihm die Bauern anbieten, er findet sie sämtlich mickrig und wertlos. Der Maler bemerkt bereits bei seiner Ankunft ein merkwürdig gestaltetes Kruzifix und erhält bei seiner Nachfrage die Auskunft, dies seien die viele abgestürzten jungen Burschen, das blaue Licht laste als ein Fluch auf dem Dorf. Er wird Zeuge, wie Junta, argwöhnisch betrachtet, in einem Biergarten erscheint. Als der Händler den prächtigen Stein in der Hand des abgerissen daherkommenden Mädchens erblickt, nimmt er ihr den Stein ab und macht Anstalten, das Mädchen um diesen Reichtum zu prellen. Es kommt zu einem Gerangel. Nur dadurch, daß sie ihm in die Hand beißt, gelingt es ihr, den Stein zurückzubekommen und zu fliehen. Der Gastwirt belehrt den Fremden, daß es sich bei Junta um eine Hexe handeln müsse, da ihr gelänge, was so vielen Burschen zum Verhängnis geworden sei.
In der nächsten Vollmondnacht bekommt der Maler selbst Gelegenheit, das Naturschauspiel zu bewundern. Gleichzeitig macht wieder ein junger Mann den Versuch, den Schatz zu gewinnen, und wird am nächsten Tag tot auf einer Trage geholt und vor der Haustür der Mutter abgelegt. Von dieser Sache nichts ahnend, unternimmt Junta einen neuerlichen Versuch, den Stein im Dorf zu verkaufen. Dabei geschieht es, daß die Mutter des Erschlagenen Junta erblickt und als Schuldige verflucht. Dies reißt die Bauern aus ihrer Lethargie, die Jagd auf das Mädchen beginnt. Das Mädchen flieht durch die Gassen, entkommt durch Hakenschlagen und ein Ausweichen durch Stallungen und Winkel, aber da sich immer mehr Bauern an der Verfolgung beteiligen, wird sie schließlich erwischt. Hier schreitet der Maler ein, der aus dem Fenster springt und sich in den Tumult mengt. Aus dem kleinen Vorsprung, den das Mädchen hierdurch gewinnen kann, wirft sie mit dem wertvollen Stein, wohl wissend, daß im Streit um diesen Reichtum mancher die Verfolgung aufgeben wird. Einige verfolgen sie dennoch bis zu dem Fluß, hinter dem der Wald beginnt. Die Dörfler benutzen hier eine Brücke, das Mädchen watet immer durchs Wasser. Die Bauern sehen dies als Grenze ihres Reichs, jedenfalls wird an dieser Stelle die Verfolgung abgebrochen.
Der Maler ist fasziniert von dem Mädchen und dem Geheimnis, das es umgibt. So geht er auf eigene Faust los, sie zu suchen. Sie bemerkt ihn und es entwickelt sich eine Art Lock- und Versteckspiel. Der Bruder ruft nach ihr, als der Maler nun in die richtige Richtung geht, duckt sie sich im Gesträuch. Als er meint, sich geirrt zu haben und sich abwenden will, läßt sie einen frisch angebissenen Apfel vor seine Füße rollen. Als er auf das Versteck schaut, duckt sie sich tief, aber als er in die Gegenrichtung schaut, blickt sie ihm nach. So kann er ihr Spiegelbild im See erkennen.
Indem er sich einfach in ihre Hütte begibt und sich dort auf die Bank setzt, bricht der Maler das Spiel ab. Sie kommt selbst und gebietet ihrem Bruder, dem Gast Milch zu geben, was dieser höchst unwillig tut und dabei die Hose des Malers bekleckert. Daraufhin greift sie selbst ein und bedient ihn persönlich. Er schwämt davon, wie herrlich es in dieser Einfachheit sei. Zur Nacht begibt er sich zurück ins Dorf. Beim Abschied bringt er das Mädchen dazu, ihm die Hand zu reichen, was ihm vorher nicht gelungen war.
Am nächsten Tag muß er im Dorf erleben, daß das Mißtrauen, das gegen Junta besteht, nun auch ihn selbst trifft, und so packt er kurzentschlossen seine Sachen. Mit Brot und anderen Lebensmitteln taucht er bei Junta auf, und sieht als einziges Problem die Anzahl der Schlafplätze. Junta hat jedoch kein Problem damit, daß er nur wenig von ihr entfernt schläft. So zieht der Maler in die Schäferhütte ein und meint der Sommer würde nie ein Ende nehmen. Juntas Bruder bleibt aber weiterhin reserviert. Während er mit den Schafen unterwegs ist, zeichnet der Maler das ihn faszinierende Naturgeschöpf. Die sprachliche Verständigung verbessert sich gleichwohl nicht.
In einer Vollmondnacht bemerkt der Maler Juntas Unruhe und wie sie sich schließlich davonschleicht. Er folgt ihr unbemerkt und findet so den einzigen gangbaren Weg zum blauen Licht. Als er nach ihr in der Grotte auftaucht, erschrickt sie furchtbar, er versucht sie durch Umarmungen zu trösten. Später in der Hütte redet er auf sie ein, der Schatz müsse gehoben und damit vom Fluch zum Segen werden, das Dorf würde glücklich werden und sie brauche nicht mehr in Lumpen herumzulaufen. Es wird überaus deutlich, daß Junta ihn nicht nur wegen der Sprachbarriere absolut nicht versteht. Er gibt es schließlich auf, läßt sie angstvoll und verstört zurück und geht ins Dorf.
Dort ist wieder ein Toter zu beklagen, aber nachdem der Maler einigen Männern den gangbaren Weg zu der Grotte skizziert hat, haben viele keine Zeit mehr für die Kirche. Leitern, Tragekörbe, Hammer und Meißel trägt ein langer Zug, dem eine Schar von Frauen nachblickt. Offenbar sind die Dörfler entschlossen, die Angelegenheit mit einer einzigen Aktion zu bewältigen. So geschieht es auch. Der Bergkristall wird aus dem Gestein gehackt und die Grotte vollständig entleert. Danach wird mit Musik gefeiert, und dem Maler wird von zwei Seiten gleichzeitig Wein nachgeschenkt. Nach einigen gescheiterten Versuchen, ins Bett zu kommen, gibt er sich völlig dem Trunke hin.
Am nächsten Tag bemerkt Junta Kristallsplitter und Werkzeug auf tiefer liegenden Felsvorsprüngen und macht sich sorgenvoll auf zum blauen Licht. Sie findet die Grotte in beispielloser Trostlosigkeit, Leitern und geborstene Hämmer liegen herum, wo einst Glanz und Heiterkeit herrschten. Sie ist innerlich zerstört und hat ihre jugendliche Gewandtheit eingebüßt, ganz stumpf trottet sie, bis sie schließlich in den Tod stürzt. Nachdem der Maler den Rausch ausgeschlafen hat, findet er Juntas Leiche.
Die Geschichte ist in eine Rahmenhandlung eingebettet, eine junge Bergsteigerin kommt in männlicher Begleitung per Automobil in dem Dorf an, von lärmenden Kindern umringt. Als Touristen-Souvenir werden Bilder der Junta gehandelt. Die Bergsteigerin, wie auch die Junta von Leni Riefenstahl selbst gespielt, ist fasziniert von diesem alter ego und erkundigt sich nach dem Wahrheitskern hinter diesem Kult. Darauf bringt man ihr einen dicken Folioband, mit dessen Aufschlagen die innere Handlung beginnt. Im Abspann der eingebetten Vergangenheit ist im Epilog des Buches zu lesen, daß das Dorf sich wegen der Verfemung von Junta schäme und daß dieses Mädchen dem Dorf viel Glück und Reichtum gebracht habe.
Diese umfangreiche Inhaltsangabe einer eher schlichten und geradlinigen Handlung war notwenig, wie man sehen wird. Manches Details ist bedeutsam in Bezug auf die Fragen, die uns hier beschäftigen. Es wird immer wieder die Frage nach der Urheberschaft dieses Films gestellt, wozu der 1938 geänderte Vorspann Anlaß gibt. Zweifellos sind bei Leni Riefenstahls Erstling viele Ideen eingeflossen, und fachkundigen Beistand hatte sie sicher nötig. Gleichwohl besteht das Ergebnis aus einem Guß. Es gleicht der Frage nach der Henne und dem Ei, wollte man feststellen wer zuerst diesen oder jenen Gedanken ausgesprochen habe. Sicher ist, daß nichts in dem fertigen Film blieb, was nicht Leni Riefenstahls ureigenstem Traum entsprach. Und darum ist es legitim, wenn sie die alleinige Autorschaft beansprucht.
Vordergründig betrachtet ist dies ein Film über die Gier nach Reichtum und die Zerstörung der Natur. Über die Verlogenheit großstädtischer Künstler, die träumen, das menschliche Elend könne mit Mitteln der Ausbeutung beseitigt werden. Über die Verlogenheit von Leuten, die ein Wesen zur Strecke bringen, um es dann besser vergötzen und vermarkten zu können. Auch, daß die geringere Sünde, nämlich der Haß auf eine mutmaßlich Verderbenbringende, bereut wird, aber nicht die viel größere, eben diese Seele ohne das geringste Unrechtsbewußtsein zur Strecke gebracht zu haben. Diese Deutungen sind nötig und richtig. Aber sie treffen nicht den Kern von Leni Riefenstahls Botschaft.
Es geht um das Erwachen einer jungen Frau, das Aufflackern des Eros, der freilich die Fackel des Todes trägt. Als der Maler sich ganz allein gegen ein ganzes Dorf stellt, erkennt Junta zum ersten Male den Mann schlechthin. Sie trennt sich von dem Stein, den sie vorher mit Krallen verteidigt hat. Nicht indem sie ihn dem erkannten Mann schenkt. Das wäre billig. Sie benutzt ihn als Waffe. Damit hat sie etwas von ihrem kindlichen Heil weggegeben, ein wunderbarer Liebesbeweis. Das erkennt der Mann aber nicht. Er begehrt sie, aber er versteht sie nicht. Als ihm ihre Spiele zu blöd werden, bricht er sie kurzerhand ab. Er zeichnet sie, wie er es mit jeder Frau getan hätte. Auf die Idee, die italienische Sprache zu erlernen, kommt er nicht. Schon als er die Postkutsche verläßt, beschwert er sich, daß nicht jedermann deutsch spricht.
Als der Mann bei Junta einzieht, hat er keinerlei Bedenken, ob diese Zudringlichkeit gut sei. Nur die Fragen der bürgerlichen Schicklichkeit werden gestellt. Daß er sie schließlich in ihr Heiligtum verfolgt, kann man nicht anders als eine Vergewaltigung deuten. Auf die Idee kommt er in seiner Selbstgerechtigkeit natürlich überhaupt nicht. Er hat auch nichts Eiligeres zu tun, als sein neues Wissen auszuplaudern und auszunutzen. Er spricht ihr im Grunde jeden Eigenwert ab. Seine Vorstellungen vom Guten und Rechten sind maßgeblich.
Es geht um die weibliche Sehnsucht nach dem starken Mann, stark genug, sie, die Frau zu zerquetschen, zu versklaven, auszuplündern, der sich auch noch von der Frau zur Anwendung dieser Stärke ermuntern und herausfordern läßt, der aber die Frau heilig hält, ihrer Zartheit und des Geheimnisses wegen, das sich in der Zartheit verbirgt. Sie sucht den Mann, der sie nicht schont, weil sie stark ist und sich verteidigt, nicht, weil sie ihn durchschaut und Waffen im Hinterhalt hält, sondern weil es ihm heilig ist, daß sie sich ganz und gar fallen lassen darf. Ein Mann, der die Frau durchschauen und ihre Motive ergründen will, ist ein Grobian. Die Frau hat ihre Insel, die der Mann verteidigen muß, aber nicht besetzen darf. Leni Riefenstahl ist deshalb so stark und hart geworden, um überhaupt in die Nähe von starken Männern zu gelangen, von denen sie träumte. Sie meinte, wenn sie stark ist, darf sie das Glück der Schwäche erleben. Aber ebenso wie Junta blieb ihr das Glück der Schwäche versagt.
Leni Riefenstahls Vater hätte sie gern mit einem chilenischen Silberminenerben oder einem spanischen Aristokraten verheiratet. Das waren Männer, die vielleicht in der Gesellschaft etwas galten, aber nichts in der Natur. Nicht ohne Grund bestand Leni Riefenstahl immer darauf, ein »Naturkind« zu sein. Sie war als Kind viel im Freien und betrachtete dies als das Paradies. Von einer leidenschaftlichen Körperlichkeit geprägt, liebte sie das Turnen, das Schwimmen, das Tanzen. Es wundert mich nicht, daß sie das Halbseidene im Berliner Tanzgewerbe der Zwanziger gar nicht bemerkte. Sie ging ihm aus dem Wege, wie sie in den dreißiger Jahren wohl manchen anderen Dingen aus dem Wege ging. Einer Philosophin wäre das vorzuwerfen, aber nicht einer Künstlerin, die eigentlich nur Künstlerin wurde, um Frau sein zu dürfen, die das in der Kunst suchte, was ihr die Liebe vorenthielt.
Der Dichter Rolf Schilling hat die inzwischen Neunzigjährige ins Herz getroffen, als er ihr sein Gedicht »Galathea« widmete, zweifellos eines von seinen besten. Wie Galathea mit Polyphem spielt, aus ihrer Sicht legitim, aber für Polyphem ein Ärgernis von Himmel und Erde, darin sah sie sich gern. Galathea will Polyphem gefallen, aber sie will ihm nicht gehören. Sie weiß, daß er sie tölpelhaft kaputt machen wird. Rolf Schilling wurde auch bald nach Pöcking eingeladen. Nachdem der Starnberger See nicht weit von München liegt, kam es, daß er mich zu dem Treffen mitnahm.
Dies fiel in die drei glücklichen Jahre meiner 25jährigen Selbständigkeit, in denen ich eine reguläre Anstellung hatte und den Verlag nur nach Feierabend betrieb. Ich lernte solch seltsame Dinge wie Urlaub oder Weihnachtsgeld kennen. Aber dies nur am Rande. Als ich mir von meiner damaligen Chefin Christine Bauer Urlaub erbat, um Frau Riefenstahl zu besuchen, rief sie entrückt: »Die Leni!« Diese persönliche Reminiszenz konnte ich mir nicht verkneifen. Sie zeigt doch die Popularität der Verfemten und zwar eine sehr herzliche Popularität.
Wir wurden von Leni Riefenstahls Lebensgefährten eingelassen und warteten an einer Treppe, daß sie von oben herunterkommen würde. Als sie uns entgegenkam, meinte sie zunächst, ich sei der geschätzte Dichter, ein Irrtum, der mir noch heute schmeichelt. Wir schauten das gerade auf Digitaltechnik umgestellte Studio im Keller und die Korallen-Bücher an und sprachen über alles mögliche. Eines ist mir jedoch in besonderer Erinnerung geblieben. Sie kam auf die »Penthesilea« zu sprechen und daß sie noch heute nicht verwinden könnte, daß dieser Film niemals Gestalt gewann. Der Sultan von Marokko hatte sich bereiterklärt, tausende Pferde in der Wüste für das Amazonenheer zur Verfügung zu stellen. Leider kam der Krieg dazwischen und später gab es keine Möglichkeit mehr für solche Großprojekte.
Höchst erstaunt war sie, daß Rolf Schilling und ich das Kleistsche Drama ebenfalls außerordentlich schätzen. Bekanntlich war Goethe dieses Drama ein Greuel. Ihm wäre vermutlich auch eine Frau ein Greuel gewesen, die es wie Leni Riefenstahl schon in jungen Jahren wagte, in erotischen Dingen die Initiative zu ergreifen. Es hat ihr Enttäuschung, aber auch die Gewißheit gebracht, daß ihr das Paradies nicht geschenkt werde, daß sie sich selber eines schaffen müsse. Penthesilea, die kein Ohr für Achilles' Klage »Ist dies das Rosenfest, das du versprachst?« hat, findet den Punkt auch nicht, sich fallen zu lassen. Zu viel Stärke ist aufgebaut worden, damit das Fallen nicht billig und gemein werde. Darin liegt eine tiefe Tragik.
Nach dem Gesagten wird das Fazit nicht verwundern, daß bei der Verfemung Leni Riefenstahls das Künstlertum und die Hitler-Freundschaft gering wiegen gegenüber dem Tabubruch, den der Ernst darstellt, mit dem sie ihr Glück als Frau einfordert. Ein Ernst, wie man ihn sonst nur bei Männern gewohnt ist, und auch dort nur noch höchst selten antrifft. Wenn ich auf die eingangs aufgezählten Modalverben zurückkomme, so muß ich einräumen, daß tun und leiden Vollverben sind. Der Wille zur Hingabe erscheint sprachlich als ein Widerspruch, da Wollen immer ein Aktivum impliziert. Vielleicht liegt hier eine Maskulinität in der Sprache und nicht in den Verrenkungen, die feministische Sprachkritikerinnen im Auge haben. Wenn aber hier eine Lücke liegt, so ist sie keine eigentlich sprachliche, sondern eine Lücke, die das Geistige überhaupt in sich trägt. Die sollte man positiv benennen, und dann scheint mir das Wort Geheimnis angemessen. Der Autor bekennt seine Unwissenheit über das Wesen der Frau.
Es ist üblich, einen Aufsatz über diese Künstlerin mit einem Verweis auf das Dritte Reich zu beschließen, ich will hier, ganz gegen meine Gewohnheit, nicht aus der Reihe tanzen. Ich empfehle dringend, die Frauengestalten der Filme dieser Zeit zu betrachten und über sie nachzudenken, es könnte sein, daß man damit nicht nur den Schlüssel zu jenen zwölf Jahren, sondern überhaupt zu unserer noch nicht abgeschlossenen Krisenzeit findet.
NÄCHSTENLIEBE UND FERNSTENLIEBE
Recht allgemein trifft man die Auffassung an, unsere Zukunft würde durch Überbevölkerung bedroht. Die Informationskänale zeichnen mit Hochrechungen ein apokalyptisches Bild und überschütten uns mit Bildern unvorstellbarer Menschenmassen, daraus resultierender Not und Freveln an den natürlichen Lebensgrundlagen. Der Europäer schüttelt mit dem Kopf, daß sich die Segnungen der Medizin und der gesteigerten Produktivität in ihr Gegenteil verkehren, weil die Menschen in den armen Länden so viele Kinder in die Welt setzen. Meist verdrängt er, daß er sich dabei anerkennend auf die eigene Schulter klopft. Denn der aufgeklärte Europäer macht bei diesem irren Treiben natürlich nicht mit. Seine Frau nimmt die Pille, und wenn sie es einmal vergißt, so gibt es ja den zwar nicht unbedingt schönen, aber gleichwohl unumgänglichen Eingriff, auf den selbstbestimmte Frauen einen Rechtsanspruch haben. Für den Europäer kann der Ausweg nur darin liegen, daß seine Ethik weltweit durchgesetzt wird, mit welchen Mitteln auch immer. Dabei verdrängt er wirksam, daß schon die derzeitige Weltbevölkerung bei einer Übernahme der westlichen Lebensart Probleme produzieren würde, die ein solches Szenarium von vornherein ausschließen.
Oft wird behauptet, der Planet verkrafte nur eine bestimmte Anzahl Bewohner. Ich halte diese These für wissenschaftlich nicht haltbar. Rein materiell betrachtet, ist die Erde groß genug, ein vielfaches unserer Artgenossen zu ernähren. Daß die Hektarerträge in den meisten Weltgegenden nur einen Bruchteil derer des mittleren Westens der USA ausmachen, hat keine natürlichen, sondern gesellschaftliche Gründe. Aber auch ohne große Flächen lassen sich große Mengen Nahrungsmittel produzieren. Denken wir nur mal daran, daß das kleine Holland ganz Europa mit Tomaten versorgt. Man halte die modernen Methoden der Nahrungsmittelgewinnung und Nährwertsteigerung für gut oder nicht, sind sind jedenfalls geeignet, Hunger für Milliarden zu vermeiden. Nicht anders sieht es mit dem Siedlungsraum aus. Bei einer Bevölkerungsdichte wie in München, einer Stadt, die immerhin ohne Hochhäuser auskommt, hätte die gesamte heutige Menschheit auf dem kleinsten Kontinent, nämlich Australien, Platz. Mit einer materialistischen Argumentation wird man auch hundert Milliarden Menschen auf Erden für möglich halten.
Der Grundfehler jedes Materialismus besteht darin, daß er die Dinge zählt und nicht gewichtet. Für ihn sind alle Menschen gleich, weil über 99% der Gene übereinstimmen. Er setzt auf die Statistik, die alle Qualitäten auf Quantitäten zurückführt. Verdrängt wird, daß die dabei abgefragten und selbstreferenziell sich verstärkenden Muster nicht ideologiefrei sind. Wer untersucht, wieviele von tausend Leuten sich täglich die Zähne putzen, setzt eine Gesellschaft mit Angeboten an Zahnpasta, Furcht vor Karies und mit finanziellen Mitteln, die Substanz zu erwerben, voraus. Wenn er daraus schlußfolgert, Kulturen ohne solche Volkskosmetika seien unmenschlich, erliegt er einem Zirkelschluß.
Die Frage, was denn nun der Mensch wirklich brauche, führt sehr schnell zu Absurditäten. Leo Tolstoi vertritt in seiner Schrift »Wieviel Erde braucht der Mensch?« die zurecht verlachte These, der Mensch brauche nicht mehr Raum als ein Leichnam. Diese Gedankenspiele zeigen an, daß es absurd ist, vom Menschen als solchen zu reden und daß es so etwas wie eine »artgerechte Haltung« bei Menschen wie bei Tieren nicht gibt und nicht geben kann. Was ein konkreter Mensch braucht, hängt von seinen Möglichkeiten ab, seinen inneren und äußeren, die sich erst mit dem Ende eines Lebens vollständig offenbaren und darum gewichten lassen. Niemand, am wenigsten er selbst, kann im Vorfeld diese Möglichkeiten schätzen. Da es aber schon völlig unmöglich ist, auch nur eines einzigen Menschen Chancen zu einem gelingenden Leben auszuloten, ist es eine üble Hybris, von Dingen wie »Chancengleichheit« zu sprechen. Solche Vokabeln sind die Anmaßung einer überzeitlichen, göttlichen Perspektive.
Kommen wir zum Materialismus zurück. Wenn wir hier der These anhängen, es komme nicht auf das Gleiche am Menschen an, sondern auf das Ungleiche, überhaupt sei das Entscheidende in der Welt nicht das Gemeine, sondern die Differenz, so erscheint dieses, so formuliert, keineswegs unmodern oder antiwestlich. Entscheidend ist aber die Qualität der Differenz und die Behauptung, daß es eine überzeitliche Hierarchie der Differenzen gebe. Tausend verschiedene Haartrachten, Tattoos oder Lieblingsspeisen schaffen nicht die geringste kulturelle Vielfalt. Wirkliche Differenz zeigt sich in den kulturstiftenden und kulturerhaltenden Potenzen. Diese sind in der modernen Welt keine grundsätzlich anderen als in der Steinzeit. Hier erhebt sich einer über den anderen durch die Menge und das Potential der Güter, Tiere und Menschen, die von ihm und seiner Leistungs- und Ordnungskraft abhängig sind. Dies sind zunächst einmal die leiblichen Nachkommen mit ihrer Bildung und ihrem Geschick, selbst einmal die Dinge in die Hand zu nehmen. Reichtum machen weder die Anzahl der Kinder noch der Grundstücke aus. Wohl aber, ob sie gesund, stark, intelligent und leistungsbereit sind, ob die Häuser solide gebaut, wetterfest und wehrhaft sind. Eine Burg ist mehr als zwanzig Bauernhäuser, aber auch eine Hütte ist mehr als zwanzig Eigentumswohnungen und sogar eine solche ist mehr als zwanzig Bewilligungsbescheide vom Amt. Kant sagt zurecht, daß die höchste Geistesleistung das Urteilsvermögen sei. Gerade dieses ist dem modernen Menschen gründlich abhanden gekommen. Deshalb glaubt er an Chimären und hat jeden Begriff von Stärke und Freiheit verloren.
Wenn hier vom Begriff des Starken und seinem Durchsetzungsvermögen die Rede ist, so ist das nicht darwinistisch zu verstehen. Wenn man sagt, es setze sich im Leben das Starke durch und unter Stärke das versteht, was sich durchsetzt, so ist das eine Tautologie. Man müßte also, um überhaupt eine Aussage zu treffen, Stärke unabhängig vom Effekt definieren. Das tut der Darwinist empirisch. Stark ist das, was sich historisch als stark erwiesen hat. Dies ist ein methodischer Fehler. Der Fuchsbau taugt dem Fuchse, aber nicht dem Bären. Es gibt keine Stärke an sich. Es gibt immer nur eine Stärke in bezug auf ganz konkrete Bedingungen. Und diese Bedingungen, die sich unabhängig vom Einzelnen wandeln, aber auch durch ihn gewandelt werden, wehren sich jeder Verifizierung. Die besondere Eigenart des Menschen ist die Vielfalt der materiellen und geistigen Räume, an den er teilhat. Bei einer Annäherung an den Begriff der Stärke ist auch besonders zu betonen, daß es hier gar nicht auf einen Durchschnittswert ankommt, sondern daß ein Pluspunkt im Krisenfall eine im übrigen recht mäßige Ausstattung mehr als wettmachen kann.
Diese Relativierungen von jedermanns Stärke und Leistungsfähigkeit dürfen aber nicht zum Relativismus führen. Mag die Welt auch genügend Beispiele aufweisen, daß den Weg zum heiligen Gral eben nur der reine Tor findet, so muß doch betont werden, daß der Gebildete dem Narren überlegen ist. Das Gemeinsame am Sieg des reinen Toren, aber auch des Klugen, der ein Rätsel löst und sich freimacht, ist die Not, in der beide stehen. Wenn der Mensch seine Möglichkeiten erkennt und ausschöpft, ja wenn er sie vergrößert und zum Heile der Gemeinschaft einsetzt, so stehen dabei immer Nöte am Anfang, Verhängnis, Schmerz und Verzweiflung.
Alle sozialen Bewegungen der letzten Jahrhunderte versprachen, das Leid in der Welt zu tilgen. Abgesehen davon, daß sie es objektiv drastisch vermehrt haben, ist bereits ihre Absicht ein Frevel an unseren Lebensgrundlagen und am göttlichen Gesetz. Denn das Leiden ist nicht nur Schlüssel zu Weisheit und Erlösung, sondern Basis aller Entwicklung und Entfaltung. Der Sozialismus ist ein tief verbrecherischer Angriff auf das Gesetz des Lebens, eine Brunnenvergiftung kosmischen Ausmaßes. Der Unterschied zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten besteht allein darin, daß erstere politische Hitzköpfe waren und den neuen Menschen durch Terror noch zu ihren Lebzeiten kreieren wollten. Die Sozialdemokraten setzten hingegen auf eine allmähliche Bewußtseinsveränderung, auf eine allgemeine Umwertung dessen, was als gut und anständig gilt. Dabei ist es ihnen gelungen, die konservativen Eliten mit ihrem Ideengut zu infizieren, was den Kommunisten niemals gelang. Schon Bismarcks Sozialversicherung verschiebt die gesellschaftlichen Parameter entscheidend zugunsten der Untüchtigen. Kein Wunder, daß er in diesem Punkte immer noch in Ehren gehalten wird.
Mittlerweile sind die Zeiten vorbei, da sich ein gescheiterter Geschäftsmann erschießt. Er wird sich ein Förderprogramm suchen, das ihm eine neue Runde seiner unverantwortlichen Spekulation ermöglicht. Die Medien führen uns skrupellose Narren als gefeierte Stars vor. Wer etwas leistet, ist einfach zu blöd, sich am Tisch des Überflusses zu bedienen.
Wer das Leid in der Welt für notwendig hält, wird mitleidlos und inhuman gescholten. Ihm wird die Verschwendung der Reichen vorgehalten und vorgerechnet, wieviel besser es den Armen ginge, wenn man diesen Reichtum aufteilte. Dabei wird übersehen, daß der Reichtum ja nur existiert, weil man für ihn arbeitet. Hat man sein Auskommen ohne Leistung, dann ist man wenig leistungsbereit, und wenn so die Mehrheit der Leute verfährt, existiert kein Reichtum mehr, den man aufteilen könnte. Dies ist keine Apologie des bestehenden sozialen Gefüges. Aber der Mensch bedarf der Not, sein Gesetz zu erkennen und ihm zu genügen oder, wie man heute sagt, sich selbst zu verwirklichen. Eine Selbstverwirklichung, die diesen Namen verdient, kann niemals eine Art Freizeitbeschäftigung sein, sondern immer nur ein Genügen der inneren und äußeren Not, ja die Einsicht in die Korrespondenz beider Nöte. Früher nannte man dies Weisheit.
Kritiker der Mitleidsmoral, allen voran Friedrich Nietzsche, machen das Christentum für die Umverteilung von den Starken auf die Schwachen verantwortlich. Dies ist ein grobes Mißverständnis. Das Christentum predigt das konkrete Mitleid, die Barmherzigkeit, keineswegs das abstrakte Mitleid, das sich in Gesellschaftsutopien bezeugt. Heutzutage muß sich der konkret Mitleidige, der dem Bettler ein paar Groschen gibt, von dem abstrakt Mitleidigen vorwerfen lassen, er finanziere den Erhalt eines Lasters, dem die gesellschaftlichen Grundlagen entzogen gehören. Ich bin freilich auch kein Freund der Bettelei. Es fiele aber deutlich leichter, die Groschen für sich zu behalten, wenn man wüßte, der Mann könne sich ebensogut, wie er seinen Hut hinhalte, als Erntehelfer verdingen.
Lassen wir also die Bettelei. Aber jemandem konkret in der Not zu helfen und zwar unabhängig davon, wie hoch man nun seine Schuld an seiner Situation veranschlagen mag, gilt zurecht seit alters als christlich. Dabei bezieht sich Nächstenliebe nicht nur auf Nächste im Sinne der eigenen Familie, der Heimat und des Volkes, sondern vor allem auch auf das konkret erfahrene. Wer im Angesicht einer Not hilft, verschenkt sein privates Vermögen. Ganz anders verfährt ein Parlament, das Milliarden für Hilfsprogramme bewilligt. Es handelt nämlich keineswegs mit dem Eigentum der Abgeordneten, sondern es verschenkt Dinge, die ihm überhaupt nicht gehören, die durch diesen Willkürakt erst geraubt werden. Aber hier erweist sich die Wahrheit des Spruches, daß unrecht Gut nicht gedeihe. Denn hier werden nicht nur die Steuerzahler beraubt, sondern auch jene, die in den Genuß der Transferleistungen kommen. Sie werden zu Bettlern gemacht und haben die Folgen zu tragen, daß ihre eigenen Fähigkeiten, Probleme und Krisen zu meistern, verkümmern. Daß Afrika seit Jahrzehnten im Chaos versinkt, hat seine Ursache darin, daß man einen ganzen Kontinent zu Bettlern gemacht hat. Jedes Geschenk zerstörte gewachsene Lebensstrukturen, die Landwirtschaft, den Handel, die allgemeine Moral. Wer in Afrika Kinder in die Welt setzt, hofft darauf, daß diese das System aushielte und auch daß genug für ihn abfiele, seien es nur genügend. Intelligenz und Bildung benötigen diese Kinder nicht, nur die Dreistigkeit und Raffinesse, vom Überfluß des Westens das ihrige einzufordern.
Das Evangelium fordert an keiner Stelle, die Welt »sozial« oder »verteilungsgerecht« zu gestalten. Es gibt Maximen für den persönlichen Umgang des Einzelnen, keine Anleitungen zu sozialen Experimenten. Im Gegenteil, die Ansicht, die Welt sei heilbar, wird als Unglauben ausdrücklich verworfen. Der Christ sucht sein Heil bei der Vergebung seiner persönlichen Schuld, nicht etwa in Verdiensten um fremde Völker, etwa den Kurden oder den Palästinensern.
Ich komme zum Ausgangpunkt meines Aufsatzes zurück. Ist die Überbevölkerung eine Bedrohung der Welt? Ja, sie ist es. Aber nicht der materiellen Welt, sondern der Kultur. Und zwar vor allem deshalb, weil sie das Übergewicht der Quantität über die Qualität, die Kennzeichen unseres Zeitalters ist, weiter verstärkt. Sie tut dies, indem Sie Geburtenförderer und Kondomfetischisten im materialistischen Ansatz vereint. Überbevölkerung und Gebärstreik sind aber zwei Seiten einer Medaille. Nicht die Masse der Menschen macht es, sondern ihr Reichtum an kulturstiftenden und kulturerhaltenden Fähigkeiten und ihr Opfermut, für das Wahre und Echte einzutreten.
Die Mächtigen unserer Zeit haben freilich kein Interesse an Menschen mit Kultur, Begabung und Charakter. Sie wollen keine Pyramiden bauen und auch keine Kathedralen. Sie wollen die allgemeine Verhausschweinung, wie es Konrad Lorenz so treffend gesagt hat. Hamster im Laufrad und Bettler sind gleicherweise erschreckende Vergewaltigungen des menschlichen Wesens, die nur durcheinander möglich sind und sich gegenseitig bedingen und verstärken. Unter den Bedingungen einer solchen Gleichschaltung werden alle natürlichen Stärken zu Behinderungen, und der Stoßtruppführer von einst endet als Heroinopfer in einer Toilette. Man kann nicht oft genug betonen, daß der Feind Christi zugleich auch der Feind des Menschen ist. Wer den Hedonismus predigt und die Transzendenz leugnet, hat es auf die Versklavung von Leib und Seele abgesehen.
Ein vom angloamerikanischen Völkermord-System befreites Europa wird wieder Not und Barmherzigkeit ins rechte Verhältnis setzen. Insbesondere wird sich wieder zeigen, daß die wahre Barmherzigkeit keine Abnahme leiblicher Mühsal sein kann, sondern die Spendung seelischer Befreiung. Diese besteht vor allem im Zeugnis des Glaubens. Der Mensch, der sich vom Heiland getragen weiß, kann niemals völlig »abstürzen«, wie es bei jenen, die in Abhängigkeit von Ämtern und Mehrheitsbeschlüssen leben, die Regel ist. Und der Mensch wird auch wieder zum rechten Verhältnis von Fruchtbarkeit und Enthaltsamkeit finden. Wesentlich bleibt, daß der Einzelne seine Not und die seiner Nachkommen einschätzen kann und sich vor Gott für sein Handeln verantwortlich weiß. WAGNER UND SEIN FALL
Heute lese ich nach langer Zeit wieder einmal den »Fall Wagner«. Ich trage mich seit längerem mit dem Gedanken, Nietzsches Wagner-Kritik viele Jahre unterschätzt und als eine Art »Sternenfreundschaft« verharmlost zu haben, und also suche ich nun in dem Texte Gewißheit.
Zunächst überkommt mich eine gewisse Beklommenheit. Was würde wohl Nietzsches unbestechlicher Blick zu meinen eigenen Werken sagen, kämen ihm diese vor Augen? Was würde er an erbärmlichen Motiven, billigen Effekten, Kaschierungen von Unvermögen enttarnen, auf welche Wunden den Finger liegen und sie unübersehbar machen? Es wäre vermessen zu behaupten, daß ich mich solch einer Prüfung gewachsen fühlte, etwa in dem Sinne, daß die zurückgeschnittenen Triebe dann nur um so stärker ausschlügen. Auf der anderen Seite habe ich bislang überhaupt noch keine ernstzunehmende Kritik meiner Dichtungen erlebt. Eine solche würde ich durchaus als spannende Erfahrung begrüßen.
Optimistisch bin ich in dem Punkte, daß mich Nietzsche nicht wie Wagner bezichtigen würde, »zu Kreuze gekrochen« zu sein, oder aber, daß ich einem solchen Vorwurf selbstbewußt entgegnen könnte. Im »Fall Wagner« meint das Zu-Kreuze-Kriechen ein fortschreitendes Ununterscheidbarwerden zum Geist seiner Zeit, ja die hellsichtige Voraussage Nietzsches, daß Wagner einmal als geradezu typisch für sein Zeitalter angesehen werde. Das Christentum wird von Nietzsche ja geradezu als Metapher für die Dekadenz seiner Zeit benutzt, im allgemeinen unterschlägt er, wenn er von Christentum spricht, alles, was nicht krank, erschöpft, instinktarm, larmoyant und lebensuntüchtig ist. Daß er andere Seiten des christlichen Äons durchaus auch im Blick hatte, läßt sich an vielen Aphorismen aus dem Nachlaß zeigen. In Nietzsches Zeit beansprucht aber nicht nur das Spießertum des Bismarck-Reiches das Attribut des Christlichen für sich, sondern auch alle Opposition gegen dieses. Mit dieser möchte aber Nietzsche noch weniger verwechselt werden, Utopisten, Lebensreformer und Obskuranten aller couleur verfallen noch beißenderer Kritik. Da in diesem Zeitalter der Schwätzer und Vielschreiber alle historischen Spielarten des Christlichen, ja des Platonischen und Intellektuellen überhaupt, vereinnahmt sind, wählt Nietzsche Metaphern des Dionysos, des Dunklen von Ephesos, der blonden Bestie, des Verbrechers, um als außerhalb stehend wahrgenommen zu werden, außerhalb eines Reigens stehend, der in lieblicher Verlogenheit das »Mitleid« hochhält. Auch Schopenhauer, dessen Radikalität ihn zunächst zu Nietzsches Lehrer werden läßt, krönt seinen mitleidlosen Willen mit einer Mitleidsmoral. Es wundert also nicht, daß Nietzsche den kleinsten gemeinsamen Nenner, das Mitleid, besonders angreift.
Das Christentum ist aber nicht auf eine Mitleidsmoral zu reduzieren, ebensowenig wie auf eine Todesverleugnung. Als Kind lernte ich nur einen gläubigen Menschen kennen, und dies war meine Großmutter, die zugleich unvergleichlich in Lebenstüchtigkeit, Mut und Prinzipientreue war. Sie lebte einen pflicht- und daseinsbejahenden Glauben vor und warnte vor Frömmelei. Durch sie allein erfuhr ich traditionale Dinge wie die Gebundenheit an die Scholle, die todüberdauernde Macht des Versprechens, die Poesie des Ländlichen mit Tieren und Gerätschaften, mit den Freuden und Plagen des Wiederkehrenden und des Immerfort-Neuen. Sie zeigte mir, was es bedeute, wenn auf Dingen und Taten Segen liege oder auch nicht. Gegen diese Kindheitserfahrung erschien mir später jede Art von Neuheidentum als intellektuelles Konstrukt.
Außerdem wuchs ich in einem Staate auf, der dem guten Willen der Kirche, sich jeder Art von Weltlichkeit, jedem System und jeder Herrschaftsstruktur anzudienen, wenig Gegenliebe entgegenbrachte. Für Marxisten war es ein unumstößlicher Grundsatz, daß Religion an sich ein Übel sei und keineswegs eine Erscheinung, die genausogut den eigenen Zwecken wie den gegnerischen dienen könnte. Eine Kirche, die solcherart zur Opposition gezwungen war, mußte Elemente entwickeln und pflegen, die dem Zeitgeiste nicht entsprachen. Meine erste Begegnung mit der Kirche war also eine Begegnung mit dem Natürlichen inmitten einer Welt des Verlogenen und Erstarrten. Allerdings erfuhr ich auch hier bald, daß jenes Refugium keineswegs so unbedingt dastand, wie es mir anfänglich erschienen war, vielmehr wurde diese Subkultur von Ideengebern jenseits der Mauer trefflich genährt. So fiel mir schon bald auf, daß wohl das Hauptziel der Gemeinden in sogenannten sozialen Projekten bestand, in Werkstätten für Behinderte oder Lebensmittelspenden für Hungernde in Afrika. Als ich nach Süddeutschland ausreiste, besuchte ich das Domizil der evangelischen Studentengemeinde und kehrte ihm nach einer Besichtigung des Hausflures den Rücken. Die aufgehängte Propaganda war von einem Parteibüro der DKP kaum zu unterscheiden. Nachdem ich im Gemeindebrief unterrichtet wurde, daß man künftig beim Heiligen Abendmahl aus Rücksicht auf Alkoholkranke alkoholfreien Wein ausschenken werde, trat ich aus der lutherischen Landeskirche Bayerns aus.
Natürlich paßt Nietzsches Gleichsetzung von Christentum und Dekadenz in meine Zeit noch viel besser als in die seine. Dazu brauche ich gar nicht solch krasse Auswüchse wie bestimmte Parteien oder die Stimmung auf einem Kirchentag, egal welcher Konfession, nehmen. Unter der Schundliteratur, unter der ich als Buchhändler in besonderer Weise leide, nimmt die christliche einen beachtlichen Rang ein. Die vatikanischen Bankgeschäfte fügen sich trefflich zum Kniefall des Papstes vor der Klagemauer.
Nun mag der Philosoph Berge aufsuchen, wo die Luft bereits dünn wird, oder sich geschichtlich dort verorten, wo kaum etwas überliefert und festgeschrieben ist. Dies ermöglicht ihm in der Tat einen scharfen Blick auf die Zustände. Allerdings verschuldet ein solcher Standort auch die Mißverständnisse, die Nietzsches Gleichnisse zum Ausweg aus dem dekadenten Sumpf erlitten, welche er unter dem Stichwort des »Großen Mittags« erzählt. Wer das Evangelium als weltfremd und wenig praktikabel pönt, muß zugeben, daß dies auf »Also spach Zarathustra« in gesteigertem Maße zutrifft. Nietzsche verstand sich als ein Schicksal und meinte offenbar, seine Aufklärung über das Wesen der Moral könne eine Wende in Kult und Kultur, bei Rang und Instinkt, bei Dienst und Herrschaft bewirken. So besehen sind seine Werke Idealismus oder gar Metaphysik.
Die Wende zur Erde, vom Großstädtisch-Zivilisierten zum Urtümlich-Bäurischen, vom Kaffeehaus-Literaten zu einem, der die Heimkehr der Störche und die Schnitter im Kornfeld besingt, kann immer nur im Einzelnen geschehen, und sie wird auch immer wieder im Einzelnen geschehen, weil die innere und äußere Natur des Menschen unergründlich und haushoch überlegen gegenüber der dünnen Patina zivilisatorischer Selbstverständlichkeiten bleiben wird. Hätte ich meine Großmutter nicht gehabt, hätte mich das Gerausch einer Quelle in Widerspruch zur Asphaltideologie gebracht. Aber das wäre freilich kein Christentum. Aber ist die Idee der Erlösung nicht auch die der Grenzüberschreitung und so ganz natürlich im Reich des Lebendigen? Muß man die Idee aus der Perspektive der Entartung eines Hysterikers mißverstehen?
Historisch ist es zweifellos unzutreffend, die Dekadenz sei mit dem Christentum in die Welt gekommen. Die von Nietzsche gepriesenen Hochkulturen standen auf den Trümmern von Reichen, aus denen Erscheinungen überliefert sind, die höchst modern anmuten. Gleichzeitig ist schon im Gilgamensch-Epos der Wunsch zentral, die Sterblichkeit zu überwinden, und dieser Wunsch tritt bei einem Helden auf, der über jeden Dekadenz-Verdacht erhaben ist. Aber wir müssen gar nicht so weit zurückgehen. Ich wuchs in einer Gegend auf, die vor allem von christlichen Mönchen kultiviert wurde. Nicht von »Predigern des Todes«, sondern von Erschließern abgelegener Täler, von Pionieren der menschlichen Kultur. Ist es männlicher, sich dem gleißenden Licht mediterraner Klippen zu stellen oder den Mücken im nordischen Sumpf und den reißenden Überschwemmungen bei der Schneeschmelze?
Was mich freilich nach Jahren des Umherirrens zum Christentum zurückfinden ließ, war nicht eine andere Gewichtung der geschichtlichen Überlieferung, sondern die Liebe. Keine Jungfrau, die für den interessanten Sünder betet, sondern eine Liebe, die zu einem Hausstand führte. Dieser ist als das eigentliche Seßhaftwerden die Voraussetzung für das Wiederfinden des kindlichen Traums traditionalen Lebens. Und dies kann nicht deutlich genug betont werden: der Ausweg aus der Dekadenz ist das sichtbare Vorleben, daß all die sogenannten Sachzwänge des modernen Irrsinns bedeutungslos werden, wenn einer ernst macht mit der Bereitschaft, unmodern zu leben. Es ist möglich. Das gesprochene Wort und das geschriebene Wort gewinnen eine neue Schlagkraft durch den tätlichen Beweis.
Nietzsche hat modern gelebt, in Hotels, auf Wanderschaft, und den Süden, den er suchte, könnte man boshaft auch mit dem Aphorismus aus dem Zarathustra zusammenbringen, nach dem der letzte Mensch, »die Gegenden verlassen [hat], wo es hart war zu leben«. Auch im Heidentum bzw. im Neuheidentum sehe ich ein Ausweichen vor der harten Realität christlicher Mißverständnisse und Schwärmereien. Aber wahr ist dies: das Evangelium ist keine Musik für die Seichten und Lauen, es betont, daß die breite Straße ins Verderben führe. Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt. Die Härte dieses Satzes kann auch Nietzsche nicht übertreffen. Und also ist das wahre Christentum kein bequemer Kniff, »zu Kreuze zu kriechen«. Es ist gerade das Gegenteil davon.
So einseitig Nietzsche das Christentum als Mitleidsmoral abqualifiziert, so überzeitlich treffend ist seine Diagnose des Wagnerschen Werkes. Scharf und ausgewogen zugleich, macht er gerade im Genie Wagners die Verderblichkeit seiner Schauspielerei aus. Zweifellos ist es für Nietzsche ein Grundsatz, daß für die höheren Menschen die höchsten Maßstäbe gelten, eine Auffassung übrigens, in der er sich mit der Doppelmoral der mittelalterlichen Kirche trifft.
Zu Zeiten, als ich mich selbst als Wagnerianer verstand, hat es mich gelegentlich gewundert, daß Richard Wagner den Untergang des Nationalsozialismus so glänzend überstanden hat. Es wurden ein paar Führungskräfte in Bayreuth ausgetauscht, danach ging es mit Enthusiasmus weiter. Auch in der Sowjetzone wurde Wagner gleich wieder aufgeführt und blieb in aller Zukunft von Angriffen verschont. Andere deutsche Künstler standen, sofern sie im Nationalsozialismus geschätzt wuden, zumindest lange Zeit unter Ideologieverdacht. Schiller kam zugute, daß Hitler weitere Aufführungen des »Wilhelm Tell« aussetzte, nachdem der Beifall beim Lob des Tyrannenmordes demonstrationsartige Formen angenommen hatte. Hölderlin und die Romantiker wurden in der DDR viele Jahre nicht gedruckt, Georg Lukács führte Kleist als Wegbereiter Hitlers vor und Nietzsche blieb ein solcher bis zum Ende des Staates. Ernst Jünger und Martin Heidegger wurden verboten.
Nun wäre es freilich untertrieben, zu sagen, Wagner sei im Dritten Reich geschätzt gewesen. Während andere Denkmäler und Prachtausgaben bekamen, kniete Hitler vor Wagner geradezu. In Bayreuth hatte Hitler jede Verehrung seiner eigenen Person untersagt, da hier ausschließlich dem Meister gehuldigt werden sollte. Als Hitler Mussolini besuchte, vermerkte das Protokoll, daß der »Lohengrin« gegeben wurde. Die Kunst Richard Wagners war mit diesem Staate verbunden wie keine andere. Wenn man nach 1945 über die Verbindung von Kunst und Ideologie referieren wollte, hätte man zuallererst Richard Wagner im Auge haben müssen.
Aber dies geschah nicht und geschieht bis heute nicht. Gelegentlich veröffentlicht jemand ein Buch über Wagners Antisemitismus, den der Komponist nicht nur mit zahlreichen Opernfiguren und Anspielungen ausdrückte, sondern auch mit der programmatischen Schrift »Das Judentum in der Musik«, aber diese Einzelstimmen finden wenig Gehör und kratzen am Lack des Meistes kaum. Dies sei nun mal der Zeitgeist des 19. Jahrhunderts gewesen. Eine ähnliche Milde erfährt sonst niemand.
Die Lösung dieses Rätsels ist verblüffend einfach: Wagner wird nicht demontiert, weil er für die Moderne unverzichtbar ist wie kein anderer. Ich gehe noch weiter und sage, er ist das Genie der Moderne. Zumindest unter Nichtjuden. Kein anderer Geist war so fundamental groß und so fundamental modern.
Nietzsche zählt im »Fall Wagner« viele Punkte auf, die Wagner als modern ausweisen. Ich möchte mich hier auf einen Punkt kaprizieren. Dies ist der Umstand, daß Wagner nicht etwa Dinge macht, für die er begabt ist oder die ihm am Herzen liegen, sondern von denen der größte Effekt auf die Masse ausgeht: dieses ist die Wiedererweckung des Mythischen. In den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts schrieb ein Dichter anerkennend über Wagner, sein größtes Verdienst sei die Theaterwerdung des Mythos.
In der Aufklärung des 18. Jahrhunderts zeigt sich ein Zugleich von Rationalismus und einer Neigung zur Magie. Bei den Automaten jener Zeit scheint beides verschränkt. Selbst materialistische Eiferer finden Muße zu Zahlenspielereien, Wissenschaft und Scharlatanerie geben sich oft die Hand, und die Freimaurer finden Mystizismen genauso faszinierend wie eine kulturübergreifende Toleranz. Im Mesmerismus findet das Zusammenspiel von Naturkunde und Magie einen gewissen Höhepunkt. Was hingegen dieser Zeit fremd bleibt, ist das Mythische. Dieses gerät im folgenden Jahrhundert in den Blick und damit eine Entgrenzung, ein Schritt ins Totale.
An dieser Stelle ein paar Gedanken zum Wesen des Mythischen. Der Begriff ist zwar vertraut, aber merkwürdig unscharf. Wer einige Mythen aufzählen kann, muß nicht notwendig eine Vorstellung von Wesen und Eigenart dieser Welt haben. Im Unterschied zu den Praktiken der Magie und den Übungen der Mystik ist das Mythische immer an einen narrativen Hintergrund gebunden. Wenn es etwa in einer Formel oder einem Hymnus auftritt, so wird dabei die Kenntnis einer Geschichte vorausgesetzt. Ein erstes Kennzeichen des Mythischen ist damit also die weite Verbreitung eines Stoffes, der durchaus variiert wird, aber einen stabilen Kern aufweist. Ein weiteres ist die allgemeine Überzeugung, daß diese Handlung und die agierenden Personen von einer überzeitlichen Bedeutung seien.
Mythen im schlechten Sinne des Wortes schafft jemand, der Geschichten erfindet, die zum Entsetzen eines Dritten von vielen geglaubt werden. Solche sind vom Mythischen, von dem hier die Rede ist, strikt zu trennen. Denn das Mythische kann auch als Fähigkeit verstanden werden zu mythisieren, also einen vergessenen Stoff mythisch anzureichern oder gar einen frei erfundenen Stoff so zu gestalten, daß er mythische Qualitäten aufweist. Wenn jemand alte Mythen erzählt, kann sich das mythische Element abschwächen oder verstärken, ja, es kann sogar in einem bis dahin profanen Stoff aufscheinen. Homer galt den Alten als der blinde Sänger, weil seine Dichtungen das Mythische leuchten ließen wie keine Fassung sonst.
Homer wurde mit »Ilias« und »Odyssee« zum Dichter eines ganzen Zeitalters und darüber hinaus. Eine solche Karriere hatte Wagner wohl im Blick, als er sich von den klassischen Opernstoffen abwandte und frühmittelalterliche Sagen und Geschichten auf seine Weise bearbeitete. Dabei hat Wagner die Stoffe zunächst der höfischen Tradition entkleidet. Positiv verstanden, würde dies bedeuten, er habe den allgemeinmenschlichen Kern herausgearbeitet. Dies würde ich ihm aber nur im Fall von »Tristan und Isolde« zugestehen. In der Tat ist der Stoff einer widergesetzlichen Liebe eines Paares, das man, etwas respektlos formuliert, als hochgradig überspannt bezeichnen kann, ein Thema, bei dem Wagner hohe Kompetenz zugebilligt werden muß. Ein rasendes Weib wie Isolde, als sie mit den Worten »und wärs meines Lebens Licht« die Fackel auslöscht, jene Lichtträgerin und damit Botin des liebesfeindlichen Tages, steht Penthesilea nicht nach. Aber im übrigen zeigt sich, daß sich Wagner nicht nur im Dramatischen, sondern gerade im Mythischen mit einem Kleist nicht messen kann.
Kleist, der sein Leben niemals ordnen konnte, von einem Extrem ins andere schwankte und schließlich beschloß, seinen Untergang zu zelebrieren, war von Kräften getrieben und zerrissen, die bei Wagner aus der Literatur kommen. Kleist hat das Mythische, deshalb bedarf er des mythischen Stoffes nicht, auch in einer Komödie wie dem »Zerbrochnen Krug« leuchtet das Mythische auf. Wagner hingegen ist ein Schauspieler, ohne einen Stoff, der vom Publikum bereits vorher als »mythisch« apostrophiert wird, kann er sich nicht auf die Bühne trauen.
Was aber Wagner im mythischen Dekor Theater werden läßt, was er mit kultischen Weihen ins kollektive Unterbewußte bannt, daß weithin wagnerische Fassungen der Stoffe bekannter werden als jene älterer Dichter, das ist nicht etwa jenes Allgemeinmenschliche, das dem Mythos angemessen ist und naturgemäß innewohnt, sondern es sind die Sehnsüchte des modernen Menschen, eines Menschen, für den die »Kultur« die Dienstleistung bedeutet, seiner Zerknirschung und seinem Größenwahn höhere Weihe zu geben.
Bekanntlich sah sich Hitler als Lohengrin, und er steht mit dieser Selbststilisierung, weiß Gott, nicht allein. Der Schwanenritter, ein Mann, in dessen Natur und gewöhnlicher Umgebung nur das Hehre und fraglos Edelmütige vorkommen, kommt durch den Hilferuf und das zunächst behauptete grenzenlose Vertrauen einer Jungfrau in die Lage, ihr seine Liebe zu gestehen. Eine solche Torheit würde in jedem anderen Zusammenhange schallendes Gelächter beim Publikum auslösen. Aber hier bekommt seine Narrheit, dem Schwur der Göre zu glauben, tragische Dimension. Keine Rede davon, daß ein Schwur wenig bedeuten kann, wenn er die Wahl zwischem dem Henker und dem Thron bedeutet. Dafür schwören nicht nur Frauen, sondern auch Männer so ziemlich alles, und sei es so eine Narrheit wie das Unterlassen einer Frage. Was geschieht nun? Dieses grenzenlose, ja unmenschliche Vertrauen, ist auf Dauer nicht durchzuhalten, schon gar nicht in der Intimität einer Ehe. Hinzu kommen Gerede und Einflüsterungen, die freilich bei Wagner gegenüber dem, was bei einer Herzogin üblich sein dürfte, recht verhalten ausfallen. Jedenfalls wird der Schwur nicht gehalten, und der Held, vom Menschengeschlechte grenzenlos enttäuscht, muß von dannen ziehen. Wer aber meint, aus dieser abgeschmackten Story lasse sich kein großes Theater machen, der kennt Richard Wagner nicht. Das Leitmotiv »Nie sollst du mich befragen« schwebt unheilsschwanger durch den Saal und läßt die Herzen der Hörer erbeben. Ihnen ist die Situation vertraut, man wird von unbegreiflichen Mächten beherrscht und ein winziger Fehltritt führt zur Katastrophe. Oder noch simpler: Keiner versteht mich.
Die Handlung anderer Musikdramen steht an Stupidität dem »Lohengrin« nur wenig nach. Ich möchte hier nur noch auf den »Ring des Nibelungen« eingehen, eines Programms für vier Abende, mit dem Wagner seine gewöhnliche Großartigkeit im Inszenieren noch übertrumpft. Immerhin hat mir dieser »Mythos« viele Jahre den Blick auf das Nibelungenlied verstellt, und ich danke es Hebbel, daß dieser Stoff endlich doch für mich fruchtbar werden konnte. Wagner hat diesen Stoff rückwärts gedichtet, die Familientragödie zu Burgund bekommt immer mehr Vorgeschichte, bis sich schließlich die Gewichte verschieben und Siegfried und Hagen als Stellvertreter für göttliche Auseinandersetzungen erscheinen. Dabei hat aber Wotan, der »traurige Gott«, in dem sich Wagner noch mehr als in Tannhäuser oder Lohengrin selbst ein Denkmal zu zeichnen trachtete, keinen ebenbürtigen Gegenspieler, sondern die Gestalten über und unter der Erde lassen sich sehr leicht als Launen dieses gefrusteten Ehemannes ausmachen. Wotan ist genauso Alberich und Fafner, er bekennt vor seiner Walküre, daß er in jungen Jahren unbesonnen war (wie wohl Wagner in Dresden), daß er Verträge geschlossen habe, die ihn nun unfähig machten, die Welt zu führen. Man denkt unwillkürlich an Schuldverschreibungen, also paßt diese Oper trefflich zur aktuellen Schuldenkrise in Griechenland.
Wie später auch im »Parsifal« erfolgt die Erlösung der Gesellschaft durch einen Idioten. Nur, daß es sich hier nicht um die Gralsbruderschaft und damit einen hortus conclusus handelt, sondern um das Volk, die politische Welt. Man denkt an Marx, der die Erlösung durch den Proleten erträumte, an Freuds Überzeugung im Walten des Neurotikers die Kräfte erkennen zu können, die Kulturen schaffen und erhalten. Also ein talmudisches Revolutionsdrama? Nein, hier kommt Schopenhauer ins Spiel, und so wird der Stoff für den Konservativen so akzeptabel wie für den Landstörzer. Der Held fällt, der Mörder wird von Weibern im Rhein ersäuft und das Schlußbild nimmt das brennende Berlin von 1945 vorweg. Großes Theater, und für jeden was dabei.
Warum aber ist der oberste Gott so traurig? So traurig, daß er seinen eigenen Sturz ersehnt? Man denkt an die deutschen Fürsten, die 1918, von wenigen Ausnahmen abgesehen, so rasch abdankten, daß man den Eindruck hatte, sie hätten lange auf diese Gelegenheit gewartet. Wotan muß erkennen, daß seine Verträge reale Folgen gezeitigt haben, die man nun nicht mehr korrigieren kann, ohne sich die Hände schmutzig zu machen. Gerade an den Stellen der Handlung, wo er durch eine begrenzte Gewalt die weitere Zuspitzung der Lage verhindern könnte, hält er sich vornehm zurück und nimmt damit wesentlich ärgere Gewalttaten für die Zukunft billigend in Kauf. Im Grunde tut er in der Handlung über viele Generationen und Geschlechter nichts anderes, als Ausschau zu halten, wie er sich der Verantwortung für das kommende Unheil entledigen könnte und zeigt dabei eine talmudische Gewitztheit. Nachdem seine Frau die Intrige mit dem angeblich völlig frei handelnden Sigmund enttarnt hat, muß er bei Siegfried noch weiter beim Täuschungsmanöver ausholen, damit die Gattin nichts merkt.
Der Oberste der Asen als Narr und Feigling. Eine ärgere Parodie ist eigentlich nicht denkbar. Aber ein Wagnerianer kommt niemals auf die Idee, ihm werde eine Parodie vorgesetzt. Er hält die Albernheiten für echte Tragik.
Das Mythische bei Wagner ist, bei Licht besehen, eine Fülle von Absurditäten und Geschmacklosigkeiten. Also nicht Anmut und Schönheit auf der Bühne, sondern Feigheit, Faulheit, Gemeinheit und Dummheit. Die Götter sind Spießer mit Spießerproblemen. Wagner ist nicht weniger modern als Rainer Werner Fassbinder oder Joseph Beuys. Aber er hat den Tarnhelm des Mime im Gepäck. Damit erscheinen das Grobschlächtige subtil, das Plumpe tänzerisch, das Selbstgerechte edel.
Das Mythische ist das Allgemeinmenschliche in bildhafter Zuspitzung. Große Dichtung zeichnet sich immer durch ein mythenbildendes Potential aus. Insofern war der Rat, der mir als junger Dichter gegeben wurde, ich müsse nun den Weg vom Privaten ins Mythische finden, durchaus richtig. Doch manchmal wird ein Rat, lapidar in den Raum gestellt, zur Verhinderung des Gemeinten. Ein Schelm, wer Arges dabei denkt.
Wer das Mythische als Mythisches sucht, gerät sehr schnell an das Hermetische und Esoterische. Wie der Minotauros im Labyrinth nährt er sich von Opfergaben, die im Dämmer konturarm bleiben. Er schwankt zwischen Form- und Materialfetischismus. Überall merkt man ihm das Fehlen von Licht und Bewegungsfreiheit an. Er vergißt, daß der Hall von der Hohlheit seiner Behausung herrührt, und stilisiert die Einsamkeit zur Souveränität. Er sucht die Bedeutung um der Bedeutung willen, er wendet sich vom Konkreten ab und damit von der Quelle aller Dichtung. Denn das Metier des Dichters ist das unmittelbar Erfahrene, nicht das Angelesene. Man verwechsle nicht Metier und Dekor.
Seltsamerweise gelang mir persönlich die Überwindung der Esoterik in meiner Dichtung gerade durch ein ausgesprochen esoterisches Thema, die zweiundzwanzig Großen Arcana des Tarot. Beim Bedichten dieser Karten ging mir auf, daß es sich um eine Reise handelt, um eine Lebensreise, eine Folge von Prüfungen. Die Initiationsrituale der Artuslegenden zeichneten sich als mein Thema ab, und mir wurde bewußt, daß schon in den glücklichen Würfen des Jahres 1981 die Initiation mein Thema gewesen war, in der »Inkarnation« und im »Ganymedes«. Die Prüfung des Helden ist immer eine Aufgabe. Damit wurde die Suche nach meinem Thema zugleich die Suche nach der Aufgabe des Dichters in der Krise der Moderne.
In der Moderne ist es geradezu eine literarische Konstante, die Moderne überwinden zu wollen. Die Moderne ist dabei ein Proteus, der mangels tatsächlicher Gestalt jede Gestalt annehmen kann. Auch hier steht Wagner am Anfang. In seinem Theater sollte sich das Volk aller Stände läutern. Dies klingt nach dem pädagogischen Anspruch der Klassik. Nur, daß die Klassik ganz andere Prämissen setzte. Da kam zunächst die Genauigkeit der Sprache. Nicht wabernd, nicht Ursuppe und Chaos am Tag vor der Schöpfung, nicht ausufernd und interpretationsgefällig, nicht zudröhnend und überwältigend, sondern genau, konkret, faßlich und gestalthaft. Dann die Logik der Handlung, die Notwendigkeit des Knotens und seiner Lösung, eine Notwendigkeit, die als einzig mögliche dasteht und doch im Gewande der Freiheit daherkommt. Die Leichtheit, mit der schwere Dinge zu schleppen sind.
Es verwundert nicht, daß alle Filmmusik, ob von der Ufa oder von Hollywood, immer in ganz besonderer Weise Richard Wagner verpflichtet ist. Sie zielt auf unser Gemüt, wie Wagner es tat, nicht auf den kritischen Verstand. Es handelt sich um eine besonders nachhaltige Selbsttäuschung der Moderne-Kritiker, wenn sie meinen, der Moderne mit dem Absehen vom kritischen Verstande beikommen zu wollen. Der Rationalismus braucht den Irrationalismus, beide sind Seiten einer Medaille. Der Moderne entrinnt man nur durch das rechte Verhältnis von Wachheit und Vertrauen. Dies ist es, was Nietzsche den gesunden Instinkt nennt.
Ähnlich ist es mit der Überlieferung und dem Gegenwärtigen. Wird eine Seite unmäßig bevorzugt, so wandert die andere in die Brille, durch welche die Sache angeschaut wird. Dort ist es sicher wie das Meerhäschen vor der Königstochter, zugleich aber deren Herr und Bezwinger. Jeder Mensch, er verstehe sich links oder rechts, hat teil an der Welt des Vaters wie an der des Bruders. Wer die Tradition und das Erbe verleugnet, wird zum Tyrannen, wer seiner Zeitgebundenheit zu entfliehen sucht, wird zum Hofnarren eben dieser Zeit. Aus diesem Grunde ist Antimodernität oft ein sicheres Indiz von Modernität. Die Pose des Weisen gebiert den Gaukler und Schauspieler.
Die Kirche nennt den Hochmut als erste unter den sieben Todsünden und ordnet ihr Luzifer als Dämon zu. In der Tat lassen sich alle anderen Todsünden, aber auch die läßlichen Sünden auf diese erste Todsünde zurückführen. Denn ein anderes Wort für Hochmut ist Undankbarkeit. Diese ist die Ursache für Neid, Zorn, Trägheit, Habgier, Völlerei und Wollust. Stand und Profession des Künstlers sind in besonderer Weise anfällig für den Hochmut. Die Vernichtung aller Zunftfesseln eines Handwerks wirft ihn tyrannisch auf sich selbst und eine selbstgewählte Tradition zurück. Oft läßt ein elitäres Bewußtsein die Einsamkeit leichter ertragen. Und wer vom Publikum gefeiert wird, läuft Gefahr, die eigenen Lügen zu glauben.
Eine besonders aparte Spielart des Hochmuts besteht übrigens darin, die sieben Todsünden neu zu definieren, wie es Mahatma Gandhi für die moderne Welt tat. Hier wollte jemand besonders klug sein und offenbarte gerade damit seine Durchschnittlichkeit. So nannte er: Reichtum ohne Arbeit, Genuß ohne Gewissen, Wissen ohne Charakter, Geschäft ohne Moral, Wissenschaft ohne Menschlichkeit, Religion ohne Opferbereitschaft, Politik ohne Prinzipien. Das Stilprinzip »ohne«, verwandt dem »aber«, als Markenzeichen des Aberglaubens, komplizierte Setzungen seien wahrer und gerechter als einfache.
Antonios Mahnung in Goethes »Torquato Tasso« »Vergleiche dich! Erkenne, wer du bist!« wird gemeinhin als Aufforderungen verstanden, den eigenen Rang nicht zu unterschätzen. Aber auch die gegenteilige Aussage steckt in dem Worte. Der Vergleich ist sehr wohl auch ein Mittel, die eigene Überschätzung zu vermeiden. Richard Wagner meinte, in Deutschland sei »nur der Winkel produktiv« gewesen. Er selbst kam zwar aus Leipzig, einer Stadt, die bis 1945 von Bedeutung in Deutschland war. Aber es mag schon so sei, daß die meisten Genies aus Dörfern und Kleinstädten kamen. Dort sind die Möglichkeiten des Vergleichs begrenzt. Wer in seiner Schulklasse der Primus ist und im Dorf der hellste Kopf, neigt leicht dazu, die Welt da draußen in seiner Betrachtung außen vor zu lassen. Wer in einem geistig armen Zeitalter lebt, versteht die Welt als ein pommersches Kaff. Dies ist aber eine Selbsttäuschung und böser Hochmut dazu. Wenn Nietzsche nur Heraklit als Vorläufer gelten läßt, so hat der luzide Geist einen Bock geschossen. Keinen Ebenbürtigen und keinen Überlegenen zu kennen ist ein Zeichen von Blindheit. Aber die Blindheit ist ja das klassische Zeichen des Sängers. Damit kehre ich zum Ausgangspunkt zurück, zu Homer und dem Wunsch der Künstler, ihm zu gleichen. Die tiefere Einsicht wäre es, einzuräumen, daß ein solcher Wunsch schon von daher unstatthaft ist, weil eine solche Gnade zugleich auch ein Fluch ist. Richard Wagner ist nicht nur der größte, sondern auch der erste aller modernen Künstler. Aber, was will das besagen? Vielleicht nur, daß die Moderne ein kontinuierlicher Abstieg ist, der nur im Negativen Rekorde zu reihen vermag? Wer weiß?
BESUCH IN FÜRSTENWALDE
Hans-Dietrich Sander hat mir im vorigen Jahr die Ehre erwiesen, sich trotz seines hohen Alters einer strapaziösen Reise von 350 Kilometern auszusetzen, um den Dichter kennenzulernen, der sich in der »Deutschen Passion« und dem »Jahr des Heils« bezeugt hatte. Die Begegnung war heiter und kurzweilig. Gerade gelegentliche konträre politische Einschätzungen – ich erinnere mich deutlich an unsere Kontroverse darüber, welche Optionen Dönitz 1945 gehabt hatte – waren für mich Bereicherungen, wie man sie nur selten erfährt. Wir schieden in der Gewißheit, daß Hans-Dietrich Sander in Neustadt an der Orla künftig eine gute verlegerische Heimat habe.
Hans-Dietrich ist kein Dichter, sondern ein Denker. Sein Feld sind nicht Melos und Bild, sondern Wille und Machbarkeit. Aber durchaus im Mittelpunkt seines Denkens steht die Literatur. Nicht nur, weil er ein Buch über die Geschichte der schönen Literatur in der DDR verfaßt hat, das seinerzeit Anstoß erregte, weil es vom Fortbestehen einer deutschen Nationalliteratur ausging. Seine Dissertation und erste Buchveröffentlichung befaßte sich mit der Kunsttheorie im marxistischen Denken und damit überhaupt mit der Machtrelevanz der Kunst. Daß die Literatur von allen Künsten die größten Berührungsflächen mit Machtfragen hat, braucht sicher nicht besonders begründet werden, und so stehen auch Literaturtheoretiker mit ihren verschiedenen Phasen im Zentrum von Sanders Buch. Im »Nationalen Imperativ« scheint die Literatur in den Hintergrund zu treten, bis man durch ein langes Zitat des Dichters Paul Valéry eines besseren belehrt wird. Ausgerechnet diesen Dichter läßt Sander, mit französischer Schärfe im besten Sinne des Wortes, Ursachen und Konsequenzen des deutschen Aufstiegs um 1900 erklären. Auf diesen Maßstab kommt er später mehrfach zurück. Es ist also nicht so, daß Hans-Dietrich Sander in der Art Stefan Zweigs das »Who is who« der Literatur aufführt, vielmehr erweist er dem Dichterischen dadurch Aufmerksamkeit, indem er ganz gezielt »orphische« Wortmeldungen zur Erklärung allgemeiner Zusammenhänge heranzieht. In der »Auflösung aller Dinge« stehen mit Benjamin und Weininger zwei Denker und Gestalten im Fokus, die beide von ausgesprochener Neigung zur Literatur und von Kenntnis derselben geprägt sind. Nicht zuletzt will ich an dieser Stelle erwähnen, daß auch in den »Staatsbriefen« die »schöne Literatur« eine Stellung einnimmt, die man sonst in politischen Periodika vermißt.
Wenn man nun argwöhnt, dies sei ein aufs Politische verengter Blick auf die Literatur, wenn nicht gar der fortgesetzte Versuch, die Kunst zur Waffe zu machen, so sei erwidert, daß es eine Kunst, ja einen Geist überhaupt nicht gibt, der von jeglicher politischer Relevanz frei ist. Alles Zeigen, alles Gestalten korrespondiert mit einem Denken und also auch mit einem Handeln. Ein Handeln ist auch dann politisch bedeutsam, wenn dem Handelnden dafür jegliches Bewußtsein fehlt. Das haben Mächtige immer klar erkannt, und die Verkennung dieser Zusammenhänge erzeugt Nebel. Solcher ist freilich im Interesse von Systemen, die Verschleierungen zur Grundlage haben.
Politisches Bewußtsein bei Dichtern wird von konservativer Seite als ein Irrweg und der Beginn fortschreitender Impotenz gepönt. Man nennt dann gern Johannes R. Becher, dessen Spätwerk zu poetischen Verlautbarungen der Parteilinie verkam. Ich halte das Beispiel für nicht zwingend. Zum einen halte ich Bechers Anfänge für nicht so bedeutend, daß hier ein klarer Verfall diagnostiziert werden könne. Zum anderen ist ja das bequeme Einfügen in die Linie der Partei, das Andere-für-sich-denken-Lassen geradezu das Gegenteil von politischer Bewußtheit. Richtig ist, daß ein Dichter seine Quellen verschüttet, wenn er Propaganda produziert, also Wortmaterial, das auf einen ganz konkreten Effekt, eine ganz konkrete Überzeugungsarbeit zielt. Denn des Dichters Wesen zielt auf die Tiefenschichten der Seele, nicht auf die Schreibhand, die auf dem Stimmzettel links oder rechts ihr Kreuzchen macht. Man könnte diese Haltung ganz unpolitisch als ein Schauen bis zur nächsten Ecke bezeichnen. Dies ist in der Tat keine Poesie. Aber vom Volk, seinen Mythen und Sehnsüchten, von der Reichsidee, vom Glauben an den lebendigen Gott getragen zu sein, also von durchaus politischen Kategorien, dies ist dem Dichter nicht nur nicht schädlich, sondern geradezu Voraussetzung, aus einem Minimalismus herauszutreten. Außerdem halte ich es für nützlich, wenn ein Dichter lernt, sich wirtschaftlich zu behaupten, denn die wirtschaftliche Behauptung ist eine ganz wesentliche Seite der menschlichen Natur, die nur Toren verachten. Im Aberglauben, die Wirtschaft sei das Schicksal schlechthin, tut es not, das Gleichgewicht leiblich zu zeigen.
Wenn ich heute an Hans-Dietrich Sander denke, stelle ich mir ihn in seinem Haus in Fürstenwalde an der Spree vor. Es ist etwas völlig anderes, jemanden in seinem gewöhnlichen Lebensumfeld zu erleben als bei sich oder an neutralen Ortschaften. Des Thema des Ortes und der modernen Entortung ist fundamental in Sanders Werk. Dieser Umstand allein würde ihn mir zu einem Geistesverwandten machen. Denn ein anderes Wort für Entortung ist die Mobilisierung. Wer meine Gedichte und meine Lebensweise kennt, weiß, welche Rolle für mich Automobil und Flugzeug spielen. Wenn ich die Eisenbahn als technisches Verkehrsmittel am ehesten akzeptiere, dann spielt ihre Ortsgebundenheit an Bahnhöfe und Schienenstränge dabei eine herausragende Rolle. Zur Einschränkung »am ehesten« möchte ich anmerken, daß gerade die Bahnhöfe derzeit abgerissen oder zu Einkaufszentren verunstaltet werden, in jedem Falle aber alles ausgemerzt wird, was diesen Orten einst Würde vermachte. Die Moderne begnügt sich aber nicht damit, daß die Leute zum Einkaufen fahren und zu Urlaubsstränden fliegen, sie entortet auch die Städte und Landschaften selber. Nicht nur, daß die Propaganda der Konzerne die frühere der Partei um ein hundertfaches übertrifft, es werden überall gewachsene Stukturen durch solche ersetzt, wie sie sich angeblich anderswo bewährt haben oder gerade Mode sind. Dabei liegt der Schwerpunkt auf dem Wandel der Struktur. Nicht nur die steigende Frequenz von Abriß und Neubau, auch die Anlage von Parknischen, »Kunstwerken« und sonstigen Gestaltungselementen legt es darauf an, die Entstehung von Heimatgefühl zu verhindern.
Allerdings wird man den genius loci nur dann völlig vermissen, wenn man den durch Wegweiser gezeichneten Haupttrassen folgt, außerhalb derer für die meisten Menschen gar keine Welt mehr existiert. Die Fußwege von einem Ort zum andern sind grasüberwuchert, weil Wanderer einen Kreis (oder gar einen Naturlehrpfad) vom Parkplatz zum Parkplatz benutzen. Eine Ökonomie, rasch von A nach B zu kommen, ist ausgeschilderten Wanderwegen fremd, vielmehr soll der Spaziergang gedehnt werden und keine der Sehenswürdigkeiten auslassen.
Es bestätigt Sanders Sinn für die Ortsgebundenheit aller Ideen und aller Taten, daß er sich seinen künftigen Verleger in dessen Arbeitsumgebung angeschaut hat, zwischen den Regalen und Paletten, dem Verpackungsmaterial und dem kleinen Karren, mit dem ich täglich meine Pakete zur Post ziehe. Drumherum eine riesige Baustelle. In der Wohnung war gerade das Gästezimmer fertig renoviert, sonst hätte ich den Besucher gar nicht empfangen können. Die Wasserleitung sollte erst einige Monate später gelegt werden. Man mußte quer über das ganze Grundstück und dann in der Firma noch durch mehrere Hallen, um zu einer funktionierenden Toilette zu gelangen. Dies war bei einem nächtlichen Bedürfnis gewiß lästig. Hans-Dietrich Sander hat diese Zumutungen ohne Murren ertragen, bei denen heute schon Jugendliche von einem Skandal sprechen würden.
Aber ich möchte nicht von den Problemen meiner Heimkehr nach Thüringen sprechen, sondern von meinem Gegenbesuch in Fürstenwalde. Die Gelegenheit ergab sich, als mich Hans-Dietrich Sander bat, die Restbestände seiner »Staatsbriefe« in Kommission zu nehmen. Wolfgang Schühly reiste per Bahn aus Graz an und steuerte dann seinen bei mir geparkten Post-Volkswagenbus aus den frühen achtziger Jahren ins Brandenburgische. Wir kamen erst bei Dunkelheit an, und da sich noch weitere Gäste zu einer Runde eingefunden hatten, wurde das Geschäftliche auf den nächsten Morgen vertagt.
In dieser Runde erzählte Sanders Frau Elke, wie sie beide nach ihrem Umzug aus der bayerischen Landeshauptstadt eine neue Heimat fanden. Horst Mahler hatte Hans-Dietrich Sander ohne dessen Zustimmung und im Wissen, daß eine solche auch nicht gegeben würde, als Ehrenmitglied auf die Liste seines »Vereins zur Rehabilitierung der wegen Bestreitens des Holocaust Verfolgten« gesetzt. Da solche Listen die Angewohnheit haben, auf kürzestem Wege in die Büros der Sicherheitsbehörden zu gelangen, kam es morgens um sechs Uhr zu einer zeitgleichen Hausdurchsuchung bei allen Genannten. Bei den Sanders fuhren Schwerbewaffnete in Mannschaftswägen vor, über dem Grundstück kreisten Hubschrauber. Dieses Schauspiel blieb gewiß niemandem in der Rentnersiedlung leidlich wohlhabender Berlin-Flüchtlinge verborgen. Frau Sander berichtete nun, daß sie, ursprünglich als zugereist völlig fremd im Ort, seither von jedermann auf der Straße gegrüßt werde.
Als ich die Geschichte einem Schriftstellerkollegen erzählte, erntete ich ein ungläubiges Staunen und eine Rückfrage, ob er die Sache vielleicht genau falsch herum verstanden habe. Aber seine ebenfalls zuhörende Frau fand die Sache völlig einleuchtend. Dies erscheint mir wieder einmal ein Beispiel dafür, daß Frauen eine unverstelltere Anschauung vom Wesen des Volkes haben. Ihnen ist völlig transparent, daß Leute, die sich gewöhnlich wenig für die Politik interessieren, empört sind, wenn ein über achtzig Jahre altes Ehepaar in solcher Weise von der Polizei belästigt wird. Und auch, daß die einfachen Leute keine Furcht haben, auf unschuldige Weise ihre Solidarität zu zeigen.
Zu den Lastern, welche die Rechte von der Linken übernommen hat, gehört die Volksverachtung, und Deutschland ist auch wieder einmal dabei, Maßstäbe zu setzen. Es ist vielleicht überflüssig zu betonen, daß Sander von diesem Laster vollkommen frei ist, wie er überhaupt keiner gängigen Vorstellung entspricht, die man gemeinhin von einem »Dissidenten« hegt. Er spricht ruhig und gelassen und dabei höchst präzise. Sein Humor ist entwaffnend, an seiner Ausdauer bei nächtlichen Diskussionen könnte sich mancher wesentlich jüngere eine Scheibe abschneiden. Er hat einen guten Geschmack und ist kein Geschmäckler. Er macht einen sehr vitalen Eindruck. Nur das schwindende Hörvermögen macht ihm zu schaffen. Im Zwiegespräch ist dies kein Problem, weil man sich dann leicht auf den Partner einstellt. Aber in einer größeren Runde wird oft über ihn hinweggesprochen, was ich zu meiner Scham immer wieder feststellen mußte.
Zu der Geschichte von der Hausdurchsuchung ist noch nachzutragen, daß sie, wie Elke Sander berichtete, dem Einsatzleiter außerordentlich peinlich wurde, nachdem er sich Zugang verschafft hatte. Alte Leute hatte er ja schon vor der Tür gesehen. Aber die Bücherborde mit Klassikerausgaben, die Spuren ringsum von Fleiß und konzentrierter geistiger Tätigkeit machten den Mann verlegen, bei dem man sich wohl ausrechnen kann, was ihm vorher über die Gefährlichkeit dieser Staatsfeinde erzählt worden war. Gefunden wurde auch rein gar nichts.
Das großzügig bemessene Haus der Sanders verbreitet jedenfalls eine Aura, die mich stark berührte, als wir die Räume betraten. Nicht, daß Bücher einen besonderen Eindruck auf mich machten. Als Buchhändler habe ich schon viele Millionen davon gesehen, mitunter auch sehr konzentriert. Aber dies war keine Handelsware, sondern persönliche Passion eines Ehepaares, wo beide konzentriert geistig arbeiten. Obwohl es sich um ein Haus handelte, das von einer Firma serienweis gebaut und angeboten wird, war die Stimmung des Ortes in einer Weise unverwechselbar, daß sich mir Abend, Nacht und Morgen tief eingegraben haben.
Wie der große Geist aus allen Dingen spricht, die ihn umgeben, so zeigt er sich auch in der Bewegung, im Gang und in der puren Anwesenheit. Ich war mit Hans-Dietrich Sander eigentlich nie allein und auch zu wenig vorbereitet, um ein wirklich tiefgründiges Gespräch zu führen. Dennoch fühlte ich mich an die frühen neunziger Jahre erinnert, als ich mit Rolf Schilling Ernst Jünger in Wilflingen besuchte. Der Hausherr in seinem Reich, das ist ein ganz eigenes Erlebnis.
Aber Hans-Dietrich Sander fasziniert mich nicht nur, er überzeugt mich auch. Dies im Unterschied zu Ernst Jünger, den ich zwar wie ein Einhorn bestaunt habe, aber dessen geistige Welt mir im letzten nicht wirklich nahe kam. Jünger fasziniert in der Haltung, aber nicht in der Philosophie. Was ich bei ihm schätzte, waren Beobachtungen und Einfälle, aber nicht seine Ideen und Gedanken. Auch erweckt ein Werk, das zu weiten Teilen aus Tagebüchern besteht, bei mir gewisse Vorbehalte. Hebbels Tagebücher sind zwar auch ein Schatzhaus, aber ich möchte deswegen seine Dramen nicht missen.
Sanders Profession als Artikelschreiber und Herausgeber ist eine viel bescheidenere als die eines Dichters, aber ein guter Schuhmacher bringt einen dem Ziel näher als ein schlechter Straßenpflasterer. Sander stand die meiste Zeit seines Lebens in der zweiten Reihe und wird erst als einzigartig wahrgenommen, seit jene, die vor ihm standen, gestorben sind. Gemäß dem preußischen Grundsatze »Mehr Sein als Schein« ging es ihm immer mehr um die Sache als um seine Person. Schon dies ist im Jahrhundert der Eitelkeit eine höchst rare Tugend. Zum zweiten fasziniert die Gründlichkeit seines Denkens, die sich nicht mit dem bescheiden will, was vielleicht nötig ist, sondern ausloten möchte, was möglich ist. Dabei schreckt er vor keinem Tabu zurück, nicht aus Lust an der Übertretung, sondern aus denkerischer Gründlichkeit.
Diese Gründlichkeit hat ihn auch um die Frage der Juden keinen Bogen machen lassen. Man weiß, daß in der westlichen Welt diese Religionsgemeinschaft nur in einer Weise thematisiert werden darf, nämlich, als unschuldiges und maßlos leidendes Opfer der Deutschen. Sander hat sich an diese Vorgabe nicht gehalten und gilt deshalb als »Antisemit«. Dieser Titulierung ist schon von daher zu widersprechen, weil das Talmudjudentum und erst recht der Zionismus nur ephemere Überschneidungen mit dem Semitischen haben und man feststellen muß, daß die attackierten Palästinenser im Westjordanland oder im Gazastreifen viel eher für sich in Anspruch nehmen dürften, von den alten Hebräern abzustammen, als dies die Einwanderer können. Unseligerweise nähren Freunde und Feinde der Juden seit langem den Aberglauben, es handle sich um ein Volk im ethnischen Sinne oder eine Rasse. Richtig ist hingegen, daß es sich im Judaismus um eine Ideologie handelt, viel älter als jene, die wir sonst mit diesem Begriffe fassen.
Gewichtiger als dieser begriffliche Einwand erscheint mir ein anderer. Man weiß, daß Friedrich Nietzsche den zeitgenössischen Antisemitismus mit höchster Verachtung strafte und es geradezu als persönliche Beleidigung auffaßte, daß seine Schwester einen Protagonisten dieser Bewegung heiratete. Dies fügt sich schlüssig zu Nietzsches Philosophie. Es darf nämlich kein Zweifel bestehen, daß sich der populäre Antisemitismus des 19. Jahunderts, jener des Nationalsozialismus und auch der heutige aus dem Ressentiment speisen. Der Neid auf den reichen, erfolg- oder einflußreichen Juden ist der Vater fast aller Judenfeindschaft. Daß Nietzsche jenen Trick der »Zukurzgekommenen« für das Grundübel der Welt hält, dürfte bekannt sein.
Hans-Dietrich Sanders Analyse der jüdischen Gestimmtheit, im Falle Otto Weiningers gar eines unter dieser Gestimmtheit besonders offensichtlich Leidenden, ist von heimlicher Bewunderung völlig frei. Er betrachtet Konzeption und Geschichte als tragisch. Aber die Tragödie muß den Aufklärer hervorrufen, und sie tut dies auch. Zweifellos haben die Juden einen höchst überproportionalen Anteil in der europäischen Aufklärung gestellt. Dabei wurde an allen Tabus gerüttelt und zuzeiten Gewalt geübt: der menschlichen Gotteskindschaft, der Ständeordnung, der Sitte – das geht bis zur Familie und zur Geschlechtsidentität. Aber ein Tabu wurde sorgsam umschifft: daß die volkhaft verstandene Judenheit den heiligen Schrein des Gesetzes hüte und ihn bis zum Ende der Welt behüten werde.
Dies ist nicht etwa eine ausgefallene Grille von Siedlern in der syrischen Wüste, sondern Gedankengut, das die Weltpolitik bestimmt und Schicksale der Völker lenkt. Ein politischer Denker, der diese fundamentale Frage ignoriert, hört auf, einer zu sein.
Zur Gründlichkeit gehört auch, daß sich Hans-Dietrich Sander für keine Mühe zu schade ist, keine Arbeit ist ihm zu niedrig. Ernst Jünger hat sich lieber bestimmte Sätze in seinen Büchern verkniffen, als irgendwann selber einen Verlag gründen zu müssen. Ich schätze das aktive Pathos der Freiheit mehr als die aristokratische Verweigerung. Aber abgesehen von meiner Hochschätzung dieses Charakters, verbinden mich eine ganze Menge Dinge mit Sanders Denken, die sonst kaum gemeinsam auftreten. Da ist zunächst einmal die Selbstverständlichkeit des Christentums im Deutschtum, die Hochschätzung der Pflicht, da ist das unaufgeregte Ernstnehmen der jüdischen Frage, da ist der Horizont auf tausendjährige Geschichtlichkeit in der deutschen Bestimmung, da ist die Verbindung des Entwurfs über Generationen mit den Banalitäten des politischen Alltagsgeschäfts, die Hochschätzung der Klassik aber auch der Einsatz für so viele unbeachtete und vergessene Geister der Literatur und überhaupt eine tiefe Mitmenschlichkeit, die weder von Phrasen noch von Resignation überschattet wird.
Überhaupt ist Hans-Dietrich Sander eher von der Literatur zur Politik gekommen als umgekehrt. Zunächst unfreiwillig durch die Repressionen, die Autoren in der jungen DDR zu erleiden hatten. Die Faszination für Brecht kann ich zwar persönlich nicht nachvollziehen, aber sie muß in jener Zeit ungeheuer gewesen sein. Ich erinnere mich noch gut, wie er in Neustadt ein Urerlebnis schilderte. Er hatte Kiel zunächst zu einem Fünftel zerstört gesehen, wenig später zu vier Fünfteln und resümiert, er habe erkannt, daß die Alliierten keinen Krieg gegen Hitler, sondern gegen das deutsche Volk führten. Das deutsche Volk, die deutsche Kultur, die deutsche Dichtung – das sind Konstanten in Sanders Schriften, der einen weiten Bogen in seinem Leben vollzogen hat und sein Denken und seine Aussagen immer wieder an Ereignissen und den neu zutage tretenden Informationen über die Vergangenheit gerieben hat. Sander fasziniert im Wandel wie in der Treue.
Ich muß zugeben, daß ich in Hans-Dietrich Sanders Büchern wenig gelesen habe. Als wir die »Staatsbriefe« abgeholt hatten und ich zur Katalogisierung alle Aufsätze der Einzelhefte listete, habe ich mich doch recht häufig festgelesen. Dabei fand ich nicht nur unglaubliche Parallelen des Denkens und Empfindens, sondern auch eine Meisterschaft, der ich mich gern früher anvertraut hätte. Ich bin ja in diesem Punkte mehrmals hart enttäuscht worden und habe mich irgendwann in gar keine Linie mehr stellen wollen. Auch habe ich eigentlich nie politische Denker gesucht, weil ich meinte, daß solche meiner Literatur eher fernstünden.
Schon in Neustadt gab Hans-Dietrich Sander seiner großen Verwunderung Ausdruck, daß wir in München so viele Jahre wenige Straßenzüge voneinander entfernt werkten und uns nie begegneten. Wenn ich heute in den »Staatsbriefen« blättere, so hätte mancher Vers von mir gut hereingepaßt. Aber diese Verse sind erst entstanden, als die »Staatsbriefe« als Periodikum bereits nicht mehr erschienen. Natürlich hätte alles ganz anders kommen können. Rolf Schilling hatte mich schon in den achtziger Jahren auf Hans-Dietrich Sander als einen möglichen Verbündeten, aber auch später auf die »Staatsbriefe« aufmerksam gemacht. Ich bin beiden Hinweisen nicht nachgegangen. Wesentlich stärker als diese Nachlässigkeit berührte mich aber beim Lesen der »Staatsbriefe«, daß dort Erich Lipok regelmäßig Gedichte beisteuerte. Ich hatte ihn einst bei einer Lesung beim »Arbeitskreis für deutsche Dichtung« in Weikersheim kennengelernt, wobei er sich mir fest einprägte. Er stand nämlich nach meiner Lesung von, im übrigen völlig unpolitischen, Gedichten auf, gab mir die Hand und sagte: »Kamerad Lammla (ich darf Sie doch so nennen?)...« Dazu muß man sagen, daß es für Lipok im Grunde nur zwei Menschenarten gab, die einen waren die »Kameraden«, die anderen »Zivilisten«, wobei ich den verächtlichen Ton, indem das zweite Wort gesprochen wurde hier nicht schriftlich wiedergeben kann.
Es gab also durchaus Wege, die zu Hans-Dietrich Sander geführt hätten. Wäre ich sie gegangen, hätte ich wohl ab 2002 die »Staatsbriefe« fortgeführt. Der Zeitpunkt wäre günstig gewesen. Der Laden in der Leopoldstraße war etabliert und der in der Georgenstraße noch nicht mit Ware zugebunkert. Gut hätte ich dort die Redaktion einrichten können. Die wirtschaftlichen Verhältnisse waren auch geeignet, ein neues Projekt zu übernehmen. Außerdem hatten die Staatsbriefe hinreichend Abonnenten und waren gewiß kein Zuschußprojekt. Hätte ich mich dieser Aufgabe gestellt, hätte mir die Zeit gefehlt, so viele Angebote von Restauflagen wahrzunehmen. So hätte ich später nicht so viele Bücher nach Neustadt transportieren müssen.
Aber der Konjunktiv in der Geschichte bleibt ein hochmütiges Spiel. Gott wird es besser gewußt haben, daß er es so kommen ließ und nicht anders. Wir stehen im Offenen und sind frei im Herzen. Dies ist entscheidend. Weiteres müssen wir erkämpfen. Während ich diese Zeilen schreibe, bereite ich einen weiteren Besuch in Fürstenwalde vor, der das »Staatsbriefe«-Lager endgültig räumen soll. Ich freue mich auf die neuerliche Begegnung mit dem Denker und auch auf seine Frau. Mögen uns beide noch lange erhalten bleiben, denn ich bin sicher, wir werden noch einiges gemeinsam zuwege bringen.
|