Uwe Lammla ·  Das blaue Licht





Uwe Lammla



Das blaue Licht

Essays


















Arnshaugk



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ISBN 978-3-926370-56-3
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INHALT

Bauhaus und Lebensreform  
Gradus ad Parnassum
Ein junger Dichter
Wider den Ästhetizismus
Musik und Revolution
Die Lust des Sokrates
Zweifrontenkrieg
Kaiphas und Barabbas
Barmherzigkeit
Betrachtungen eines Unpolitischen  
Das blaue Licht
Nächstenliebe und Fernstenliebe
Wagner und sein Fall
Besuch in Fürstenwalde
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BAUHAUS UND LEBENSREFORM

Das Bau­haus in Weimar, Dessau und Berlin zählt zu den zen­tra­len Kul­tur­wer­ten im heu­ti­gen Deutsch­land. Das Bau­haus in Dessau ver­steht sich als Ikone der Moderne, in Weimar gibt es heute die Bau­haus-Uni­ver­si­tät. Auch in Berlin und in den USA werden die histo­ri­schen Stät­ten dieser Be­we­gung ge­pflegt. Dabei fehlt es nicht an Kritik. Die gewiß nicht als ge­sell­schafts­kri­tisch be­kannte Wiki­pe­dia zitiert die Mär­ki­sche Oder­zei­tung: »Kri­ti­ker be­män­gel­ten, daß Gro­pius im Be­stre­ben, das Bauen zu indu­stria­li­sie­ren und zu nor­mie­ren, auch manch­mal zu weit ge­gan­gen sei: der Schie­nen­ver­lauf der Dreh­kräne hätte Grund­risse be­stimmt und nicht die Be­dürf­nisse der Be­woh­ner; Bade­wan­nen würden zwi­schen Spüle und Herd ge­setzt; Fen­ster ließen sich nicht ganz öffnen; auch die Kup­fer­haus­sied­lung in Finow (Ober­bar­nim) z. B. sprä­che weder ästhe­tisch noch funk­tio­nal an.« Zu­sam­men­fas­send heißt es: »Gro­pius hat mit seiner Idee vom Bau­kasten im Großen die Grund­lage für die Plat­ten­bau­ten in den Satel­li­ten­städ­ten dieser Erde gelegt. Einer­seits er­mög­lichte die indu­stri­elle Mas­sen­fer­ti­gung die Be­reit­stel­lung von drin­gend be­nötig­tem Wohn­raum, ande­rer­seits ano­ny­mi­sierte sie das Wohnen und schuf neue soziale Pro­bleme.«
Wenn man sich heute fun­da­men­tal­kri­tisch mit der Ästhe­tik aus­ein­ander­setzt, die im Bau­haus Ge­stalt gewann, sieht man sich leicht in die Nähe der Kräfte ge­rückt, die die Bau­hausbwegung zu­nächst aus Thü­rin­gen nach Dessau, dann nach Berlin und schließ­lich in die Emi­gra­tion trie­ben. Dem ist leicht zu ent­geg­nen. Die Natio­nal­sozia­li­sten be­zeich­ne­ten das Bau­haus als die »Kirche des Mar­xis­mus«. Dem steht ent­gegen, daß der Stali­nismus in Moskau, aber auch in der Ost­ber­li­ner Stalin­allee bewußt anti­modern an den Histo­ris­mus anknüpft und die Bau­haus­be­we­gung als »kos­mo­poli­tisch« be­kämpft. »Kirche des Mar­xis­mus« wäre also nur ge­recht­fer­tigt, wenn man die USA als marxi­sti­sches Land be­trach­tete. Im übri­gen muß deut­lich betont werden, daß diese Be­we­gung nicht im Aus­land ent­stan­den ist und die Grün­der in der deut­schen Tra­di­tion ver­wur­zelt waren. Die Be­haup­tung von Fremd­ein­fluß ist eine Wei­ge­rung, Selbst­ver­schul­dung ein­zu­ge­ste­hen, ein Art blin­der Fleck im Auge, wie er dem natio­nal­sozia­li­sti­schen Denken auch sonst häufig an­haf­tet.
Die Bau­haus­be­we­gung muß als ein Kind der Lebens­reform­be­we­gung im Wil­hel­mis­mus be­trach­tet werden. Dies auf­zu­zei­gen will diese Arbeit ver­suchen. Zur poli­ti­schen Rele­vanz sei ab­schließend an­ge­merkt, daß die Re­form­be­we­gung zwar durch­aus Mar­xi­sten her­vor­brachte, aber ebenso viele An­hän­ger des Natio­nal­sozia­lis­mus und nicht zu­letzt die zahl­rei­chen ein­ander feind­li­chen Schu­len der demo­kra­ti­schen Moderne. Eine ein­sei­tige Be­trach­tung ver­bie­tet sich daher. Viel­mehr han­delt es sich um ein grund­sätz­li­ches Phä­no­men, das der Indu­stria­li­sie­rung folgt. Im fol­gen­den soll der Re­form­an­satz in bezug auf die Archi­tek­tur dar­ge­stellt werden, im wei­te­ren sollen die Resul­tate an ur­sprüng­li­chen Ambi­tio­nen ge­mes­sen werden. Ab­schließend werde ich der Frage nach­gehen, ob diese Ent­wick­lung un­aus­weich­lich war und welche Alter­na­ti­ven heute be­ste­hen.
Am Anfang stehe ein Blick auf das Bau­haus-Signet. Dieses ist von einer Häß­lich­keit, die kaum noch zu über­trump­fen ist. Maß und Zen­trum der Schön­heit ist für den Men­schen immer die mensch­li­che Ge­stalt. Die Über­lie­fe­run­gen ver­schie­den­ster Kul­tu­ren stim­men darin über­ein, daß der Welt­schöp­fer im mensch­li­chen Ant­litz sein eige­nes Wesen in die Zeit stellt. Alle Ästhe­tik ist not­wen­dig anthro­po­zen­trisch. In der uns um­ge­ben­den be­leb­ten Natur er­ken­nen wir uns wieder, im Baum, aber auch in der Blume, im Korn auf dem Feld und im Flie­gen­pilz an der Birke. Bei der Be­trach­tung eines Blat­tes läßt sich sehr gut das Ver­hält­nis von Sym­me­trie und Asym­me­trie des Lebens stu­die­ren. Uns eignet im Großen die Sym­me­trie mit leich­ter Asym­me­trie, wie sie sich etwa beim Bauen ohne Prä­zi­sions­in­stru­mente ein­stellt, im Klei­nen eine Viel­ge­stal­tig­keit, die durch ihre Ten­denz zum Ganzen zu­sam­men­ge­hal­ten wird. Das Bau­haus-Signet tritt all diese Regeln bewußt mit Füßen. Ein exak­ter Kreis, mit Stri­chen und Qua­dra­ten, die sich jedem orga­ni­schen Zu­sam­men­gehen ver­wei­gern, und dem Be­trach­ter sagen, daß er keinen Schlüs­sel zu dieser Hiero­glyphe finden kann. Ein­zel­nes, das kein Ganzes bildet und sich trot­zig aller Struktur ver­wei­gert. Natür­lich han­delt es sich bei dem Signet nicht um Zu­fäl­li­ges. Aber das Band der Zei­chen ist rein in­tel­lek­tu­ell, eso­te­risch im eigent­li­chen Sinn des Wortes, im offe­nen Wider­spruch zu allen un­be­wuß­ten Har­mo­nie­be­dürf­nis­sen. Jeder, der nicht durch diese Schule ge­gan­gen ist, emp­fin­det die Ausstrahlung einer un­er­träg­li­chen Arro­ganz.
Ebenso steht es mit den Bauten der zeit­ge­nös­si­schen Archi­tek­tur. Un­ab­hän­gig davon, ob es sich um gigan­ti­sche Glas­türme, ver­schlun­gene Rohr- und Ring­sy­steme, flie­gende Unter­tas­sen, die von Außer­irdi­schen her­ge­steu­ert schei­nen, oder um ein schlich­tes Ein­fami­lien­haus han­delt, immer ist die Ver­let­zung anthro­po­zen­tri­scher Seh­ge­wohn­hei­ten signi­fi­kant. Schon beim Ein­fami­lien­haus wider­spre­chen Winkel der Dach­schräge, Größe der Dach­gau­ben, An­ord­nung und Größe der Fen­ster und man­ches mehr dem In­stinkt für das rich­tige Maß. Bei größe­ren Bauten wird mit dem Gefühl für Statik Ent­set­zen ge­trie­ben. Aber nicht nur der Sicht­sinn ver­spürt Un­be­hagen. Endlos weite Wege sind für den Fuß­gän­ger zu über­win­den. Die Ein­fahrt für das Automibil ent­fal­tet hin­gegen mit­unter regel­recht Sakra­li­tät. Bei den Bau­stof­fen domi­niert das Künst­li­che und Ge­suchte.
Schaut man sich hin­gegen das Ge­bäude der Wei­ma­rer Kunst­ge­wer­be­schule, aus der das Bau­haus her­vor­ging, an, so über­wiegt der Ein­druck des Ge­die­ge­nen, Ver­wur­zel­ten und Tra­dier­ten. Gleich­wohl ist es ver­fehlt, einen Bruch zwi­schen van de Velde und Gro­pius zu kon­sta­tie­ren, nicht nur, daß Gro­pius seinen Posten auf Emp­feh­lung des älte­ren bekam, van de Velde baute später auch den Bücher­turm der Uni Gent, der der Gegen­warts­archi­tek­tur in punkto Per­ver­si­tät in nichts nach­steht. Die Ur­sachen müssen also vor dem ersten Welt­krieg ge­sucht werden.
Die Inten­tio­nen von Henry van de Velde und Walter Gro­pius waren, die Kunst von der Indu­stria­li­sie­rung zu eman­zi­pie­ren und das Kunst­hand­werk wieder zu be­le­ben. Wie in ande­ren Re­form­an­sät­zen sollte der Unter­schied von Hand­wer­ker und Künst­ler auf­ge­hoben werden. In roman­ti­scher Manier ver­stand man dabei unter »Künst­ler« einen krea­ti­ven Men­schen, zu dem sich alle, die durch die so emp­fun­dene Ent­frem­dung zum stumpf­sin­ni­gen Arbei­ter redu­zier­ten Men­schen er­he­ben soll­ten. Rich­tig ist, daß der Histo­ris­mus früher ent­wickelte Orna­mente mas­sen­haft indu­stri­ell kopierte und damit ent­seelte. Es war jedoch eine roman­ti­sche Ver­zeich­nung des tra­di­tio­nel­len Hand­wer­kers, wenn man diesen als »Künst­ler« apo­stro­phierte. Der vor­moderne Hand­wer­ker tat im all­ge­mei­nen genau das, was im Histo­ris­mus die Indu­strie effek­ti­ver be­sorgte, er kopierte über­kom­mene Muster. Wenn er dabei Krea­ti­vi­tät ent­fal­tete, dann nicht etwa, um sich im moder­nen Sinne selbst zu ver­wirk­li­chen, son­dern weil die je­wei­li­gen Um­stände eine ge­treue Übernahme nicht zu­ließen. Natur­ge­mäß war das nicht immer der Fall. So ergab sich ein ge­mäch­li­cher Fluß von Wie­der­holung und ge­le­gent­li­chem Wandel. Ein Phä­no­men, das wir heute Stil nennen.
Bei den wesent­li­chen Gegen­stän­den des Lebens, etwa bei einem Stuhl, über deren Ge­stal­tung sich Men­schen seit vielen Gene­ra­tio­nen Ge­dan­ken ge­macht haben, kann man davon aus­gehen, daß irgend­wann ein Opti­mum ge­fun­den ist und der Ge­stal­tungs­spiel­raum zu­neh­mend ver­schwin­det. Be­reits im Jugend­stil ge­winnt jedoch die Wahn­idee Macht, das »Krea­tive« sei das eigent­lich Mensch­liche, und also müsse der Krea­tive im­mer­fort neue Formen und Ge­stal­ten er­sin­nen. So kommt es, daß Stühle ent­ste­hen, die weder bequem noch halt­bar sind und deren Mate­rial- und Pro­duk­tions­kosten in keinem Ver­hält­nis zum an­ge­streb­ten Zweck stehen. Diese Ori­gi­na­li­täts­sucht trifft sich mit dem Inte­resse der Indu­strie, die infolge von Über­pro­duk­tion mit einem Preis­ver­fall zu kämp­fen hat und die Lösung in der Kurz­lebig­keit aller Pro­dukte sieht. Jeder Gegen­stand des Lebens wird der Mode unter­wor­fen, nicht nur die rela­tiv kurz­lebige Klei­dung, auch Möbel und Appa­rate, schließ­lich auch die Archi­tek­tur. Dabei war ein Haus seit Men­schen­ge­den­ken immer Symbol des Be­stän­di­gen, die Gene­ra­tio­nen Über­dau­ern­den, noch heute werden viele Bauten des Mit­tel­alters be­wohnt und ge­nutzt. Das Krea­tiv­haus wurde zum Weg­werf­haus.
Die Indu­stria­li­sie­rung schuf eine ge­wal­tige Be­völ­ke­rungs­ver­meh­rung, damit auch eine große Nach­frage an Häu­sern und ande­ren Dingen des Lebens. Diese Be­völ­ke­rungs­ver­meh­rung ist in Mit­tel­europa seit langem ge­stoppt, ge­blie­ben ist jedoch die Indu­strie und ihr Inte­resse an dau­ern­der Pro­duk­tions­ver­meh­rung. Da kann eine archi­tek­to­ni­sche Theo­rie gar nicht ver­rückt genug sein. Denn je ab­sei­ti­ger, frap­pie­ren­der und be­rau­schen­der eine Neu­schöp­fung da­her­kommt, umso schnel­ler ver­fällt ihr An­sehen. Nichts ist älter als die Zei­tung von gestern. In­so­fern ist der Ab­riß­auf­trag eine sichere Ren­dite des Bau­schaf­fen­den. Da dies Raum für neue Krea­ti­vi­tät schafft, dürfen wir den Ansatz von van de Velde durch­aus als ver­wirk­licht ansehen. Der Hand­wer­ker wird zum Künst­ler, er schafft Schall und Rauch und ver­wan­delt den Raum in Zeit. Zeit, die sich immer rascher taktet, fort­wäh­rend be­schleu­nigt und auf ihren Unter­gang zurast.
Die Alter­native zum Bau­haus liegt natür­lich nicht im Histo­ris­mus, zu dem es ein Reflex ist. Be­reits das Stil­wol­len der Neo­stile zeigt das Miß­ver­hält­nis an, der Stil ergibt sich nicht mehr natür­lich aus dem Bau­wol­len und dem Schön­heits­in­stinkt. Schon hier sind Be­schleu­ni­gung und Kurz­lebig­keit die Ur­sachen des Ver­falls. Kri­ti­ker der Indu­strie gab es seit dem Auf­tre­ten der­sel­ben, aber auch heute noch über­wiegt die Mei­nung, diese Ent­wick­lung sei un­aus­weich­lich. Dabei ist die Welt sehr reich, wenn der Mensch als Natur­wesen agiert. Lang hat er davon ge­träumt, diese Bürde ab­zu­wer­fen. Nun träumt er davon, sie zu­rück­zu­ge­win­nen.
 

GRADUS AD PARNASSUM

Wenn ein Dich­ter über solch ein Thema schreibt, so ist ein ge­wis­ses Maß an Ironie von­nöten. Es liegt auf der Hand, daß gerade der Dich­ter zu diesem Thema nicht objek­tiv refe­rie­ren kann. Den An­spruch sich selbst zu atte­stie­ren, ver­langt die Selbst­ach­tung. Und die Be­wer­tung des Mark­tes steht im Ver­dacht, dem eige­nen Wohl­stand ge­schul­det zu sein. Der Er­folg­rei­che wird die Ge­rech­tig­keit des Mark­tes prei­sen, der Er­folg­lose wird die Nie­der­tracht der Markt­ge­setze an­pran­gern. Wenn wir den Markt jedoch nicht nur als Wohl­stands­börse, son­dern als all­ge­meine Tausch­in­stanz ver­ste­hen, zeigen sich nicht nur die Son­nen­sei­ten von Gewinn und Ver­lust, son­dern der ganze Janus­kopf.
Mein Titel stammt aus einem der popu­lär­sten Ge­mälde in Deutsch­land, dem »Armen Poeten« von Spitz­weg. In der un­ge­heiz­ten Dach­kam­mer muß der Dich­ter wegen Win­ters­kälte in einem im­pro­vi­sier­ten Bett arbei­ten, wo er Flöhe zu fangen hat. Ein Regen­schirm ver­weist auf das un­dichte Dach. Unter den Büchern be­fin­det sich ein dicker Schin­ken mit der Auf­schrift »Gradus ad Par­nas­sum« – die Stufen zum Parnaß, der als Sitz der Musen gilt. Im heu­ti­gen Kon­text würde »Der Weg zum Erfolg« auf dem Buch­rücken stehen.
Spitz­weg selbst war kein armer Mann. Die Eltern ge­hör­ten zum Groß­bür­ger­tum. Alle Ge­schwi­ster mach­ten Kar­riere, Spitz­weg selbst wurde nach väter­li­chem Wil­len Apo­the­ker, stu­dierte Phar­ma­zie, Bota­nik und Chemie. Obwohl seine Be­gabung früh er­kenn­bar war, wid­mete er sich ihr erst, als er über das väter­li­che Erbe ver­fügen konnte. Zu Leb­zei­ten konnte er etwa 400 Bilder ver­kau­fen. Wenig be­kannt ist, daß Spitz­weg auch Dich­ter war. Gut­mü­tig reimt er, die Male­rei sei sein Ver­gnü­gen am Tag, daß ihn zu einem »Plai­sir« am Abend, näm­lich dem Dich­ten be­rech­tige. Ein sol­cher Stolz auf das eigene Glück er­scheint schon fast un­an­stän­dig. Tags­über Erfolg mit der Male­rei und abends das Glück, daß mit der Dich­tung ja nichts ver­dient werden braucht. Als Spitz­weg 1865 den baye­ri­schen Michaels­orden er­hielt, ver­faßte er das Spott­ge­dicht:
Wenn einer einen Orden kriegt,
Bei uns ists so der Brauch,
Sagt jeder grad zu ihm ins Gsicht:
»Ver­dient hätt ich ihn auch!«
Wahr­haft er­freu­lich ist dies schon,
Es gibt ein treues Bild!
Wie hoch muß stehen die Nation,
Wo jeder sich so fühlt!
Nach diesen Versen kann über die Inten­tio­nen des »Armen Poeten« kein Zwei­fel mehr be­ste­hen. Es han­delt sich nicht um Ge­sell­schafts­kri­tik, Spitz­weg meint nicht, der Dich­ter müsse wegen der Kälte im Bette blei­ben, er meint viel­mehr, der Dich­ter habe kein Geld zum Heizen, weil er lieber im Bett bleibt. Offen­bar hul­digt der Maler der Maxime, daß dem Tüch­ti­gen die Welt offen stehe. Gleich­wohl räumt er ein, daß man mit Male­rei zu Wohl­stand kommen könne, mit Dich­tung eher nicht.
Unter den Kün­sten hat die Dich­tung eine Aus­nahme­posi­tion. Wah­rend in den bil­den­den Kün­sten und in der Musik das Hand­werk eine große Rolle spielt und jedem Außen­ste­hen­den deut­lich macht, daß hier ein Können vor­liegt, über das der Außen­ste­hende nicht ver­fügt, ist die Spra­che Ge­mein­gut. Jedes Kind lernt spre­chen und schrei­ben. Aus diesem Grunde muß der Dich­ter erst den Nach­weis er­brin­gen, daß es sich bei seinen Wort­zu­sam­men­stel­lun­gen um Dinge han­delt, die nicht jeder­mann ge­lin­gen. Das zweite Pro­blem be­steht darin, daß der Dich­ter kein Pro­dukt zu ver­kau­fen hat. Die bil­den­den Künst­ler ver­kau­fen Ori­gi­nale, die man­cher als Geld­an­lage hortet. Ein Ge­dicht ist mit ge­rin­ger Mühe kopier­bar, schon in vor­moder­nen Zeiten. Kom­po­ni­sten schla­gen sich ge­mein­hin als Diri­gen­ten durch und blei­ben dabei zu­min­dest im Metier. Wenn Dich­ter sich als Biblio­the­kare, Haus­leh­rer oder Buch­händ­ler ver­din­gen, meinen sie jedoch, daß sie gänz­lich die Sphäre des An­spruchs ver­las­sen und in die des Mark­tes wech­seln.
Wenn Dich­tung sich nicht ver­kau­fen läßt, muß des­halb der Dich­ter nicht not­wen­dig ein armer Mann sein. Er­freut er sich großer öffent­li­cher Wert­schät­zung, so gab es früher pri­vate Mäzene, heute Lite­ra­tur­preise und Sti­pen­dien. Im anti­ken Grie­chen­land stan­den die Dich­ter in der sozia­len Hier­archie weit über allen ande­ren Künst­lern. Die Bild­hauer, deren Werke wir noch heute be­wun­dern, galten als Banau­sen, Orpheus hin­gegen ver­stand es sogar, die Herr­scher des Toten­reichs zu rühren. Der Minne­sang des Mit­tel­alters ist uns in Folian­ten über­lie­fert, an denen hun­derte Schrei­ber und Illu­stra­to­ren be­tei­ligt waren. Schil­ler bekam seine Pro­fes­sur in Jena ohne Gehalt, aber das Auf­tre­ten des däni­schen Mil­lio­närs, der ihn schließ­lich groß­zügig ali­men­tierte, dürfte mit dem Erfolg seiner Vor­lesun­gen, zu denen die Stu­den­ten Schlange stan­den, zu­sam­menge­han­gen haben. Wenn wir frei­lich die Gegen­wart be­trach­ten, so müssen wir fest­stel­len, daß die Nischen am Schwin­den sind, auch Spen­den, Preise und son­stige Zu­wen­dun­gen sind Teil des Markt­ge­sche­hens ge­wor­den.
Dabei darf nicht über­gan­gen werden, daß die Ver­armung des Dich­ters als Spe­zial­fall der all­ge­mei­nen Ver­armung an­zu­sehen ist. Der moderne Mensch, der sich in gro­tes­ker Fehl­ein­schät­zung für den reich­sten der Welt­ge­schichte hält, ist in Wahr­heit der ärmste. Die Sach­werte der Welt haben seit der Zeit der großen Ent­deckun­gen des 16. Jahr­hun­derts nicht zu­ge­nom­men. Der Grund­be­sitz als land­wirt­schaft­liche Nutz­fläche und Ab­bau­ge­biet für Boden­schätze ist end­lich und teilt sich durch eine massiv ge­wach­sene Welt­be­völ­ke­rung. Ge­stie­gene Er­träge werden mit Nega­tiv­fol­gen er­kauft, die kaum eine Wert­stei­ge­rung der Fläche übrig­las­sen. Von Boden­schät­zen kann in Mit­tel­europa nach jahr­hun­derte­lan­ger Schür­fe­rei kaum noch die Rede sein. Neben dem Grund stehen an Sach­wer­ten vor allem Ge­bäude. Hier hat sich die Zahl zwar ge­wal­tig erhöht. Wäh­rend jedoch eine Rit­ter­burg tau­send Jahre stehen kann, werden die Bauten der acht­zi­ger Jahre be­reits wieder ab­ge­ris­sen. Auch hier ist die Wert­stei­ge­rung eine Mogel­rech­nung. Gei­stige Werte als Sach­an­lagen an­zu­sehen, man spricht da heute von Know-how, ist auch prob­le­ma­tisch, weil des stän­dig stei­gende Tempo des Wett­laufs diese rasch nivel­liert. Bleibt also die Nega­tiv­bi­lanz bei Sach­wer­ten. Neben den Sach­wer­ten be­ste­hen Geld­werte. Diese sind jedoch nichts als Schuld­ver­hält­nisse der Men­schen unter­ein­ander. Wenn sich die Geld­menge ver­mehrt, egal in wel­cher Form das Geld vor­liegt, heißt dies nur, daß die Schul­den, also die Ab­hän­gig­kei­ten sich ver­meh­ren. Der moderne Mensch ist über und über in Ab­hän­gig­kei­ten ver­strickt. Das soll ein Wert sein!
Die fran­zö­si­sche und die rus­si­sche Revo­lu­tion wurden in ganz wesent­li­chem Um­fange von Lite­ra­ten und Jour­na­li­sten ge­macht. Eine Ände­rung der Lage des gei­sti­gen Arbei­ters war ein wesent­li­ches Pro­gramm des Kom­mu­nis­mus. Was dabei her­aus­kam, ist sehr tref­fend in Michail Bul­ga­kows Roman »Der Mei­ster und Margarita« be­schrie­ben: Groß­zügige Pro­gram­me, die aller­lei zwei­fel­haf­tes Volk ali­men­tier­ten. Der Lebe­mann hängt sich das Schild des Dich­ters um, und wenn in dem Poem zur Groß­tat der Elek­tri­fi­zie­rung nur dick genug auf­ge­tra­gen wird, steht dem Wochen­ende mit der Lieb­sten in der Dat­sche nichts im Wege, und Wodka ist auch genug da. Wenn die rus­si­sche Lite­ra­tur in den zwan­zi­ger und dreißi­ger Jahren eine Blüte erlebt hat, dann nicht durch die Ab­zocker an den staat­li­chen Fleisch­töp­fen, son­dern durch die un­sichere Situa­tion, das Schwert des Damo­kles, das in dem Will­kür­re­gime über jedem Intel­lek­tu­el­len hing. Man­chen hat dies ver­an­laßt, alles zu geben.
Die gei­stige Situa­tion im Nach­kriegs­deutsch­land ist ganz wesent­lich von den Be­sat­zungs­mäch­ten ge­prägt. Die Sow­jets haben sich nach Sta­lins Tod weit­gehend aus den kul­tu­rel­len Fragen her­aus­ge­hal­ten. Die Füh­rung der DDR hat sich natür­lich am großen Bruder orien­tiert, aber doch nicht in der glei­chen Weise mit der Tra­di­tion ge­bro­chen. So gab es in der DDR die Ver­lage Reclam, Insel, Kie­pen­heuer usw. und nicht wie in Moskau den Mono­pol­ver­lag »für schöne Lite­ra­tur«. Die Ali­men­tie­rung der Auto­ren war maß­vol­ler und spießi­ger. Gleich­wohl rühmte sich bei­spiels­weise Chri­sta Wolf Anfang der acht­zi­ger Jahre, daß sie fast ihre ge­samte pri­vate Kor­re­spon­denz per Tele­fax ab­wickle. Selt­samer­weise war dies zu einer Zeit, als der Nor­mal­bür­ger der DDR so ein Gerät nie­mals sehen, ge­schweige denn nutzen konnte, allen­falls Gegen­stand von Witzen, nicht etwa von Empö­rung wie später die Misch­bat­te­rien im Regie­rungs­lager Wand­litz.
Für die Lite­ra­tur der DDR war die wirt­schaft­li­che Exi­stenz des Autors kein Thema, wem das Schrei­ben nicht unter­sagt wurde, der bekam auch Mittel, sich zu unter­hal­ten. Wer mit der Partei im Kriegs­zu­stand lebte, hatte zu­min­dest immer die Mög­lich­keit, eine andere, be­schei­den be­zahlte Er­werbs­tätig­keit zu finden. Die Er­folgs­mög­lich­kei­ten waren be­schei­den wie die Not. Dieses Klima war der Krea­ti­vi­tät nicht gün­stig. Es führte in eine gei­stige Ab­hän­gig­keit vom Westen, Bücher west­euro­päi­scher oder nord­ame­ri­ka­ni­scher Auto­ren waren sofort aus­ver­kauft, und sie galten als weg­wei­send für die Zeit. So ergab es sich, daß die DDR gei­stig grund­sätz­lich das­selbe wie West­deutsch­land machte, nur immer mit ein paar Jahren Ver­zöge­rung.
Im Westen wie­der­um hatten die Ame­ri­ka­ner schon wäh­rend des Krie­ges be­schlos­sen, eine kul­tu­relle Domi­nanz auf­zu­bauen. Das Kino und die Pop-Musik werden heute nahezu voll­stän­dig von den USA be­herrscht. Die Best­sel­ler in den großen Pub­li­kums­ver­la­gen sind zu 90% Über­setzungen aus dem Eng­li­schen. Damit ist der deut­sche Lite­ra­tur­markt als ganzes zu einem Nischen­markt ver­kom­men. In­so­fern stellt sich die Über­lebens­frage des Dich­ters in neuer Schärfe. Unter dem Stich­wort Glo­ba­li­sie­rung ist eine wei­tere Ver­schär­fung be­schlos­sen.
Die Stra­te­gen in den markt­be­herr­schen­den Medien­unter­neh­men be­gnü­gen sich mitt­ler­wei­len nicht mehr mit dem sogannten Main­stream. Expan­sion ist im ge­sät­tig­ten Markt nur noch durch eine plan­mäßige Er­schließung aller Nischen mög­lich. Auf diese Weise werden auch Themen und Inte­res­sen von ihnen be­dient, die vor zehn Jahren noch frei ver­füg­bar waren. Von daher ver­bie­tet sich jeder Exo­tis­mus, denn wer auf solche Weise aus­weicht, ist immer der Hase im Wett­lauf mit dem Igel. Wer schnel­ler zu sein ver­sucht, wird früher oder später merken, daß die Welt des Vir­tu­el­len und des Be­tru­ges auf ihren Domä­nen un­über­biet­bar bleibt. Es führt kein Weg an der Er­kennt­nis vorbei, daß es neben dem glo­ba­len Markt un­per­sön­li­cher Aus­tausch­ver­hält­nisse auch noch einen der per­sön­li­chen Aus­tausch­ver­hält­nisse gibt, so­lange der Mensch nicht voll­stän­dig zur Maschine dege­ne­riert. Hier müßte gerade der Mit­tel­deut­sche im Vor­teil sein, denn in der DDR spiel­ten Nach­bar­schafts­hilfe, Freunde und Ver­wandte eine wesent­lich größere Rolle als im Westen, der mit der Über­pro­duk­tion gren­zen­lose Mög­lich­kei­ten vor­gau­kelte. Der Dich­ter sollte sich also nicht fragen, welche Themen Herrn Reich-Ranicki inte­res­sie­ren, son­dern welche die Men­schen, die ihm auf der Straße be­geg­nen. Über den Ge­schmack der Masse die Nase zu rümp­fen, ist billig. Die Tat­sache, daß in Men­schen­an­samm­lun­gen ab einer be­stim­mten Größe Ver­nunft und guter Ge­schmack bar der Aus­sich­ten sind, besagt nichts über den ein­zel­nen, der in dieser Wahr­neh­mung zur Quan­ti­tät redu­ziert wird. Es ist die Auf­gabe des Dich­ters, den Müll­mann so spre­chen zu lassen, als wäre er der Sohn des Zeus. In eini­gen Momen­ten sei­nes Lebens ist er es tat­säch­lich. Diese zu er­ken­nen und auf­zu­spü­ren, ist die Sache des Dich­ters.
Wesent­lich ist immer, daß der Rück­zug ins pro­vin­zielle Metier nicht zu einem Rück­zug in pro­vin­zielle Gei­stig­keit wird. Hei­mat­lite­ra­tur ist nur dann Lite­ra­tur, wenn sie im Spe­ziel­len das All­ge­meine auf­spürt, wenn sie im Loka­len die Grund­fra­gen der Reli­gion, der Welt­ge­schichte, der Macht­poli­tik usw. auf­schei­nen läßt. Mein Vor­bild ist da der Nobel­preis­trä­ger Knut Hamsun. Er zeigt mit seinen ge­nauen und liebe­vol­len Schil­de­run­gen der Bauern und Fischer nor­we­gi­scher Dörfer die großen Linien des Glau­bens und der Be­wäh­rung. Ich sagte schon bei ande­rer Ge­le­gen­heit, daß der Mangel unse­rer Zeit nicht Klug­heit heiße, son­dern Mut. Mut gehört aber dazu, sich den Dingen zu widmen, die sonst kaum­wer für be­lang­voll hält. Das Gros der moder­nen Dich­ter befaßt sich mit nar­ziß­ti­schen Spie­gel­fech­te­reien. Dafür be­steht er­wie­se­ner­maßen weni­ger Bedarf als An­ge­bot. Der Markt ist immer nicht nur der kapi­ta­li­sti­sche der Waren­pro­duk­tion, son­dern immer auch die Welt der realen Be­dürf­nisse. Erst wenn man sie auf­zu­spü­ren ge­lernt hat, kann man als Dich­ter Erfolg haben. Not auf dem Wege dahin ist nicht un­be­dingt von Nach­teil. Überhaupt gilt für Dich­ter nicht weni­ger als für Poli­ti­ker, daß es ihnen gut tut, wenn sie einer prak­ti­schen Tätig­keit nach­gehen. Wer nur Rent­ner kennt, entbehrt ganz wesent­liche Er­fah­run­gen.
Schil­ler sagt in den »Göt­tern Grie­chen­lands«: »Was un­sterb­lich im Gesang soll leben, / Muß im Leben unter­gehn.« Das Vers­paar paßt gut an die Stelle, denn die grie­chi­sche Ephebo­phi­lie hul­digt ja einer höchst ver­gäng­li­chen Schön­heit: mit dem Bart­wuchs ist alles vorbei. In dieser Ge­stimmt­heit zeigt die grie­chi­sche Tra­gö­die gern auf, wie gerade inne­rer Reich­tum, Anmut und Schön­heit zum Schei­tern in der Welt führen. Nur wer die Tra­gö­die liebt, sollte nicht ver­ges­sen, daß die Grie­chen auf diese immer ein Satyr­spiel folgen ließen, wo gerade diese Be­trach­tungs­weise der Lächer­lich­keit preis­ge­ge­ben wird. Wird das Tra­gi­sche ver­abso­lu­tiert, ist der Weg nicht weit zur reinen Pose.
Scho­pen­hauer meint gar »Für das prak­ti­sche Leben ist das Genie so brauch­bar wie ein Stern­tele­skop im Thea­ter.« Da nun in der Roman­tik das Wort »Genie« recht wohl­feil ge­braucht wurde, dürfen wir es ge­trost auch mit Dich­ter er­set­zen. Dieses Zitat muß man vor dem Hin­ter­grund von Scho­pen­hau­ers Zwei-Rei­che-Ethik sehen. Für Scho­pen­hauer ist die öffent­li­che Welt eine hoff­nungs­lose Sache, hin­gegen die Kunst eine Welt der inte­resse­losen An­schau­ung. Kunst und Leben sind für ihn radi­kal ge­trennt.
Der scho­pen­hauer­sche Pes­si­mis­mus ent­fal­tete im 20. Jahr­hun­dert in der Lite­ra­tur vor allem durch Thomas Mann große Wir­kung, der sich zu der Lehre ver­stieg, die son­stige Un­brauch­bar­keit sei die not­wen­dige Vor­aus­set­zung, Lite­rat zu werden. Ganze Gene­ra­tio­nen be­müh­ten sich in An­er­kennt­nis dieser Lehre dar­zu­tun, wie krank, be­zie­hungs­ge­stört, aller­gisch, lebens­un­taug­lich sie seien. Es wurde Mode, sich keinen Dich­ter mehr ohne mehr­fa­che Schei­dun­gen, Homo­sexu­ali­tät, Alko­hol- und Dro­gen­pro­bleme vor­stel­len zu können, ja als Land­strei­cher, Kri­mi­nel­len, Deser­teur und Asy­lan­ten. Da das Skan­da­löse durch Ge­wöh­nung sein Wesen ein­büßt, mußten immer neue Ab­artig­kei­ten er­fun­den werden. Un­ge­hört blieb der vernüftige Ein­wand, Thomas Mann könne viel­leicht nur seine eige­nen Pro­bleme ins Kos­mi­sche auf­ge­bläht haben, und diese Kon­zep­tion des Dich­ters sei reiner Non­sens.
Es ist Blöd­sinn, die Autor­schaft an irgend­wel­chen äuße­ren Kenn­zei­chen fest­machen zu wollen. Ein Dich­ter ist, wer etwas zu sagen hat, und dieses in einer Form tut, die unser Sprach­ge­fühl for­dert und be­frie­digt. Und einer, der dies, warum auch immer, tun muß, un­ab­hän­gig davon, ob er des­wegen be­zahlt und geehrt wird oder nicht, ist wesen­haft Dich­ter. Dies ist ein Schick­sal, das heißt, dem Wil­len ent­zogen. Man kann einen Autor unter­stüt­zen, ver­legen, bespre­chen und vor­stel­len, aber man kann nie­man­den zum Dich­ter machen. Wer dich­tet, ist des­halb nicht un­be­dingt ein Dich­ter. Wer Fuß­ball spielt, be­zeich­net sich des­wegen auch nicht als Fuß­bal­ler. Viel­mehr ist es so, daß auch das Dich­ten zu den gei­sti­gen Übun­gen zählt, in denen sich jeder ge­sunde Mensch ver­suchen sollte. Aber Dich­ter ist man nur dann, wenn einem dieses Tun so un­ent­behr­lich ist wie das täg­liche Brot. Und wenn dies so ist, dann werden Lohn und An­er­ken­nung sekun­där.
Man kann durch­aus fest­stel­len, daß die Dring­lich­keit der Frage, wie denn der Dich­ter zu ent­loh­nen sei, gerade zur selben Zeit wuchs, in der die Dich­tung verkam. Früher mußte jeder Gym­na­siast eine Anzahl Ge­dichte ver­fas­sen, nie­mand hielt diese Pro­dukte je für be­deu­tend. Fast alles, was mir heute als Ver­leger an­ge­boten wird, liegt im Niveau weit unter diesen frü­he­ren Schul­übun­gen. In einer Zeit, wo die Schule nicht mehr die Be­schei­den­heit gegen­über der Tra­di­tion lehrt, son­dern den Halb­star­ken ein­redet, sie seien Ori­gi­nal-Genies, weil sie etwa eine Farb­spray-Dose zu be­die­nen wissen, braucht man sich nicht über den Ver­lust der Maß­stäbe wun­dern. Schon der zeit­li­che Hori­zont ist dürftig, die mei­sten lesen nie ein Buch, das schon vor ihrer Einschulung ge­druckt wurde.
Wie Kant rich­tig her­aus­hob, ist die höch­ste mensch­li­che Gei­stes­lei­stung die Ur­teils­kraft. Der Dich­ter wird nie­mals eine infan­til zu nen­nende Stufe überschrei­ten, wenn es ihm an Selbst­er­kennt­nis ge­bricht. Wo Auf­schnei­de­rei als un­er­läß­lich gilt, um mehr als nur Krümel vom Kuchen ab­zu­be­kom­men, sind Mut und Red­lich­keit nötig für eine Selbst­er­kennt­nis. Aber nur so sind Er­kennt­nis und An­er­kennt­nis zu finden und der Erfolg, um den es hier geht. Einen Weg zum Parnaß ohne Dornen und Schwie­len gibt es nicht.

EIN JUNGER DICHTER

Obwohl Ver­lags­kauf­leu­ten schon bei dem Wort »Ge­dicht« die Haare zu Berge stehen und kaum­wer sich noch die Mühe macht, zwi­schen Be­lang­vol­lem und Be­lang­losem zu dif­fe­ren­zie­ren, ist das Inte­resse am lyri­schen Aus­druck un­ge­bro­chen. Die zeigt be­son­ders das elek­tro­ni­sche Netz, wo es jeder­mann mög­lich ist, un­ge­fil­tert an die Öffent­lich­keit zu treten. Daß Foren für Ge­dichte sogar kom­mer­ziell be­trie­ben werden, ja, daß es sogar Be­trü­ger als Tritt­brett­fah­rer gibt, be­weist, daß hier ein er­heb­li­ches Poten­tial be­steht. Mit der Säku­la­ri­sie­rung hat der all­ge­meine Hang zu Lite­ra­tur stetig zu­ge­nom­men. Es wäre ver­wun­der­lich, wenn sich dies in jüng­ster Zeit um­ge­kehrt hätte. Die lyri­sche Form gilt als die sub­jek­tiv­ste und zu­gleich als die spar­sam­ste für den Autor wie für den Rezi­pien­ten.
Als mir Flo­rian Kiese­wet­ters Ge­dichte zum ersten Male in den Weiten des Daten­mee­res be­geg­ne­ten, fiel mir sofort auf, daß hier jemand nicht nach der übli­chen Spar­sam­keit trach­tete, mit mini­ma­lem Ein­satz den maxi­ma­len Effekt zu suchen. Ganz im Gegen­teil: der Autor be­schwor Bilder und Szenen viel­fäl­tig­ster Mytho­lo­gien, ver­schach­telte seine Ex­kurse wie Som­mer­nachts­träume und hob im einmal ge­setz­ten Vers­maß zu immer neuen Stro­phen an. Das zen­trale Wunder ist für den jungen Autor die Liebe, un­end­lich sind die Asso­zia­tio­nen, un­end­lich die Prei­sun­gen der be­gehr­ten Frau, un­end­lich die Leiden des Ge­trenn­ten und Ver­schmäh­ten. Dies ist der Königs­weg in die Welt der Dich­tung, denn im Lenz des Jahres und des Lebens wird fast jeder zum Ex­tre­mi­sten des Her­zens. Das Wort Ex­tre­mis­mus ist bewußt ge­setzt, denn der Ein­gang in höhere Sphären des Gei­stes ge­lingt allein auf dem Wege der Tabu­ver­let­zung. Nicht der son­nige Ein­klang mit allem und jedem führt uns zur Gei­stig­keit, son­dern das Leiden am Wider­spruch.
Dieser Ex­tre­mis­mus des Ge­fühls ist deut­lich zu schei­den von einem, der Ähn­lich­kei­ten zum Alters­starr­sinn auf­weist. Das ärgste aller Vor­ur­teile ist jenes, keine zu be­sit­zen. Jeder Mensch hat und braucht Vor­ur­teile, aber es macht einen großen Unter­schied, ob er als Herr oder als Sklave dieser Vor­ur­teile agiert. Ein be­son­de­rer Starr­sinn ist es, den Kanon der guten Ge­dan­ken für ab­ge­schlos­sen zu achten, also kon­ser­va­tiv im Sinne einer Kon­serve zu sein. Dabei ändert es wenig, wenn man sich selbst als »links« apo­stro­phiert und im Kanon nur »linke« Ge­dan­ken ver­sam­melt sind. Man ähnelt so rasch dem paw­low­schen Hund, der auf be­stimmt Reiz­worte in be­re­chen­ba­rer Weise rea­giert. Es ist auch ein höchst alber­nes Credo, zu sagen, man sei für alles offen, was selbst die Qua­li­tät des All­seits­offe­nen habe. Dies ist eine Null­menge und damit das Ein­ge­ständ­nis des her­me­tisch Ge­schlos­sen­seins. Denn ein un­be­grenzt Offe­nes er­man­gelt jeg­li­cher Iden­ti­tät.
Wenn man den Ex­tre­mis­mus gei­stig und nicht rein äußer­lich faßt, gibt es auch einen Ex­tre­mis­mus der Mitte. Der wird seit der Roman­tik als Spießer­tum be­zeich­net. Beim Spießer­tum muß man unter­schei­den von einer Lebens­praxis und einem gei­sti­gen Prin­zip. Wie der Dich­ter lebt, ist für seine Verse eher sekun­där, wesent­lich ist seine gei­stige Ge­stimmt­heit. Das Wesen der Lite­ra­tur ist die Lei­den­schaft. Und wer lei­den­schaft­lich ist, der darf auch lei­den­schaft­lich irren.
Es ist nicht so, daß der Mensch durch Er­zie­hung von ein­dimen­sio­na­len Re­fle­xen zu dif­fe­ren­zier­ter Tole­ranz ge­führt würde. Be­reits die frühe­sten Lebens­äuße­run­gen sind höchst kom­plex. Das Wort »In­stinkt«, auf das Nietz­sche immer so gern zu­rück­kommt, ist aus der Wis­sen­schaft weit­gehend ver­bannt, weil damit das schlecht­hin Un­be­kannte be­zeich­net wird. Die an­ge­bore­nen Mög­lich­kei­ten ent­fal­ten sich am ehe­sten im akti­ven Han­deln, ver­küm­mern da­ge­gen im passi­ven Kon­su­mie­ren. Des­halb stellt die Medien­indu­strie die größte Be­dro­hung des freien Gei­stes dar und nicht etwa der »Ex­tre­mis­mus« von ein paar Wirren oder gar Alko­ho­li­sier­ten.
Die Tragik der DDR be­stand ja darin, daß die Staats­macht fort­wäh­rend »Feinde« ver­folgte und dabei den wirk­li­chen Feind, die Kon­sum­ver­füh­rung des Westens über­sah. Die Feinde der DDR waren aber nicht die lang­haa­ri­gen Jugend­li­chen, die Be­sucher der Blues-Festi­vals, die pro­vo­kan­ten Dich­ter und die kirch­li­chen Grup­pen, son­dern die Stra­te­gen an der Ost­küste der USA, die die Nato nun schon bis in die Ukraine aus­deh­nen wollen. Leider haben das noch nicht einmal die heu­ti­gen DDR-Nostal­gi­ker be­grif­fen. Auf der Seite der Freien Deut­schen Jugend (FDJ) las ich heute, die Aggres­so­ren im ehe­mali­gen Jugo­sla­wien wären als erstes und zwei­tes die aggres­si­ven Deut­schen und erst als drit­tes kämen andere Impe­ria­li­sten. Das ist eine gro­teske Ver­keh­rung der realen Macht­ver­hält­nisse.
Flo­rian Kiese­wet­ters Dich­tung ist in ihren Themen recht un­poli­tisch. Es gibt keine Pole­mik, keinen un­mit­tel­ba­ren Zeit­bezug, auch keine An­spie­lun­gen zwi­schen den Zeilen. Der Titel des Buches »Stern­bild­sonate« deutet be­reits an, daß es um die Stel­lung des Men­schen im Kosmos geht und daß diese har­mo­nisch, nach musi­ka­li­schen Prin­zi­pien, gefaßt werden soll. Aber wer ist dieser Mensch, der seine Stel­lung zu den Ster­nen be­stimmt. Hier komme ich auf meine zen­trale These: es ist die Gene­ra­tion, die beim Fall der Mauer ge­bo­ren wurde und die sich jetzt zu Wort meldet. Ich ver­suche im fol­gen­den dar­zu­tun, daß Flo­rian Kiese­wet­ter nicht nur zu­fäl­lig dieser Gene­ra­tion an­ge­hört, son­dern Stimme dieser Gene­ra­tion ist. Mit ihm findet sie Ein­gang in die hohe Lite­ra­tur.
Diese Gene­ra­tion hat allen Grund, sich be­tro­gen zu fühlen. Wenn immer wieder von der Feti­schi­sie­rung der Jugend ge­spro­chen wird, so kann sie nur dar­über lachen. Natür­lich gibt es diesen Fetisch, aber die reale Jugend hat herz­lich wenig davon. Der Schul­ab­gän­ger be­kommt heute oft keine Lehr­stelle mehr, gerade in den neuen Län­dern. Eine Aus­sicht auf Bes­se­rung dieser Situa­tion be­steht nicht. Auf diese Weise fehlt ihm auch der Kon­takt mit Kol­le­gen, die nicht seiner Alters­klasse an­ge­hören. Die mei­sten Kinder wach­sen als Ein­zel­kin­der auf, in einem großen Über­fluß, dem nur das fehlt, was Kinder wirk­lich brau­chen. Die Er­zie­hungs­prin­zi­pien sind ent­weder welt­fremd oder eine organisierte Prin­zi­pienlosigkeit. Das Dogma, man lebe in der besten aller Zeiten und habe dafür dank­bar zu sein, muß ohne­hin jeden Jugend­li­chen empö­ren. Am stärk­sten aber wiegt der Um­stand, daß junge Leute heute wie in keiner ande­ren Zeit Pro­bleme haben, zum ande­ren Ge­schlecht zu finden. In einer Umwelt, die sich gerade­zu porno­gra­phisch ge­bär­det, ent­wickelt dies Sprengstoff.
Auf die Frage der Part­ner­wahl möchte ich etwas ein­gehen. Auf dem Rat­geber­markt sind »Hilfen« in dieser Hin­sicht eines der stärk­sten Um­satz­seg­mente. Im Netz wim­melt es von Ver­spre­chen wirk­sa­mer Hilfe. Diese funk­tio­niert im all­ge­mei­nen so, daß be­haup­tet wird, mit der Aus­wahl und der Zahl der Kon­takte wachse die Wahr­schein­lich­keit des gol­de­nen Tref­fers. Dies ist aber gerade der Irrtum. Die Ver­mas­sung kommt allein dem Exo­tis­mus zugute, den man auch weni­ger freund­lich als Per­ver­sion be­zeich­nen kann. Im Meer des Ange­bots kommt es auf das Auf­fal­len an. Ein »ge­wöhn­li­cher« Junge ist wenig ge­fragt.
Tradionell voll­zog sich die Erotik durch be­stimm­te Riten. Es gab den Tanz unter dem Lin­den­baum, wo be­reits das Nach­hause-Be­glei­ten-Dürfen als großer Sieg emp­fun­den werden konnte. Auch gab es den ersten Tanz, das ver­lorene Taschen­tuch und vieles mehr. Der Ge­dicht­band von Flo­rian Kiese­wet­ter ist ein Signal, daß sich die Jugend nach den ver­loren ge­gan­ge­nen Riten sehnt. Bei­spiele dafür gibt es zuhauf. Schauen wir zuerst die Liebe zur Prin­zes­sin von Artern an. Zu­nächst die Titu­lie­rung. Hier geht es nicht wie im Natu­ra­lis­mus um eine Hure, eine Lebe­frau oder gar um eine Emanze. Diese Topoi haben für die jungen Männer keine Fas­zi­na­tion mehr. Der Prin­zes­sin eignet eine große Pas­si­vi­tät, sie be­weist sich nicht, son­dern sie fas­zi­niert in ihrem gott­ge­ge­be­nen Sosein. Man­cher mag an die Prin­zes­sin auf der Erbse denken. Dies schreibt aber nicht ein ver­klemm­ter Weich­ling, son­dern ein Mensch mit einem rie­si­gen Freun­des­kreis, der an Aben­teu­ern und Fahr­ten nicht wenig vor­wei­sen kann. Offen­bar gibt es in diesem Kreis eine große Sehn­sucht nach Rit­ter­lich­keit, ja nach der Minne des Mit­tel­alters.
Zur Rit­ter­lich­keit paßt, daß der glück­li­chere Kon­kur­rent ge­ach­tet wird und bil­lige Wege ver­schmäht, sich seiner zu ent­ledi­gen. Das Ge­dicht be­ginnt mit einer Klage und dem Wunsch, diese an die Be­gehrte her­an­zu­tra­gen. In der letz­ten Stro­phe wird dies jedoch auf­ge­geben, statt dessen ein stum­mes »Tänz­chen« be­gehrt, also nicht ein Dis­kurs, son­dern ein Ritus. Mit der klei­nen Ab­wei­chung des Re­frains ins Prä­te­ri­tum wird an­ge­deu­tet, daß dieser Ritus zum ganzen Erfolg führt. Also nicht die Dia­lek­tik des gei­stige Über­lege­nen, son­dern das gänz­li­che Ab­sehen vom Wett­streit, das sub­stan­tielle Unter­ord­nen unter die Tra­di­tion des Ritus. Das klingt fast nach Fröm­mig­keit.
Im »Lilien­stück« sind un­schwer drei Aspekte des Weib­li­chen zu er­ken­nen. Es gibt hier einmal die un­mit­tel­bar Aus­ge­zeich­nete, also die be­reits er­wähnte Prin­zes­sin, dann jene am Wege, die vor allem von Raum und Zeit der Be­geg­nung charkterisiert ist, schließ­lich eine, die Auf­lösung, Heim­kehr und Ziel be­deu­tet. Der Schluß ist eine Absage an alle Insti­tu­tio­na­li­sie­rung, und damit der Kern der roman­ti­schen Welt­sicht. Das ist aber heute nicht so sehr eine Absage an die Wün­sche der Eltern, son­dern an den Kon­for­mi­täts­zwang sub­kul­tu­rel­ler Rang­ord­nun­gen. Die Prin­zi­pien der Wer­bung, der Zwang zur Selbst­dar­stel­lung sind heute tief in das ele­men­tare Ver­hal­ten ein­ge­drun­gen. Wer etwas be­gehrt, das nach modi­schen Maß­stäben nicht höch­stes Glück und Voll­kom­men­heit dar­stellt, wird gepönt. Der Dich­ter zeigt, daß seine Maß­stäbe nicht in der Mode, son­dern im Ele­men­ta­ren, man könnte auch sagen, im Mythi­schen, liegen.
Im »Feen­ge­sang« liegt der Schwer­punkt nicht so sehr auf der Er­wähl­ten, son­dern auf dem Walten der Feen, deren Gnade sich das ero­ti­sche Er­leben ge­schul­det weiß. Dabei blei­ben die Feen selbst un­deut­lich und nur in ihrem segens­rei­chen Wirken er­kenn­bar. Dies er­scheint mir eine be­mer­kens­werte Set­zung. Nicht die Er­obe­rung, nicht der goldne Tref­fer, die An­wesen­heit eines über­per­sön­li­chen Drit­ten machen das Glück der Liebe aus. Ähn­lich ist es mit den vielen Hymnen an den Monat Mai und über­haupt an den Früh­ling. Der Dich­ter be­greift das Glück nicht als Er­geb­nis von Lei­stung oder Cleverness, son­dern als Natur­vor­gang. Alle seine lei­den­schaft­li­chen Natur- und Land­schafts­hym­nen führen ins Ero­ti­sche zurück. Der Ort, die Quelle, der Was­ser­fall, sie machen das Glück der Liebe mög­lich. In seinem Lebens­lauf sagt der Autor, daß sein Dich­ten einer be­stim­mten Topo­gra­phie folgt, dem Harz mit den ge­hei­men Orten des Glücks.
In einer ganzen Reihe von »Krän­zen«, Rei­gen und An­ruf­un­gen ge­stal­tet der Autor die Viel­zahl der ero­ti­schen Be­rückun­gen. Die Summe zieht er in dem Ge­dicht »Früh­jahrs Minne­spiel«. Dort wird betont, daß das Be­son­dere das All­ge­meine struk­tu­riere, nicht etwa um­ge­kehrt, daß die Jah­res­zei­ten über dem Jahre stün­den. In vielen Varia­tio­nen, mit Bei­spie­len aus der Tier- und Pflan­zen­welt, wird immer wieder der Vor­rang der Natur gegen­über der Kultur be­haup­tet. Man fragt sich, ob dies wirk­lich zu einer Jugend mit MP3-Player paßt. Die Bot­schaft lautet, daß die Jugend das tech­ni­sche Spiel­zeug so gering schätzt, daß einem Ver­trauen in den tech­ni­schen Fort­schritt nicht einmal mehr wider­spro­chen werden braucht. Der Glit­zer­tand wird über­gan­gen. Wesent­lich sind die Linde, der Weiße Falter und das Ein­horn im Traum.
Eine solche Ge­stimmt­heit hat man von alters her als »panisch« be­zeich­net. Pan, der Gott der Hirten und Herden, älter als die Olym­pier und wur­zelnd im Tier­reich, steht für eine ganz be­son­dere Kor­re­spon­denz des Ge­wöhn­li­chen mit dem Be­son­de­ren. Er zeigt sich un­ver­hofft, oft er­schreckend, was zu dem be­kann­te­ren und gerade dem moder­nen Men­schen ver­trau­te­ren Wort »Panik« ge­führt hat. In Titeln wie »Pani­sche Stunde« haben die Dich­ter immer wieder ver­sucht, die Irri­ta­tion aus der Tiefe des Mythi­schen zu be­schrei­ben, der sie höch­stes Glück und höch­ste Ein­sicht ver­dan­ken. Auch in der »Stern­bild­sonate« gibt es ein Ge­dicht mit dem Titel »Pan«. Im Ge­dicht werden alle Argu­mente auf­ge­zählt, die an der An­wesen­heit des Gött­li­chen zwei­feln lassen könn­ten, aber der Re­frain bringt den Gott immer wieder zur Prä­senz. Er steht mit seiner »süßen Melo­die« für die un­aus­rott­bare Ge­wiß­heit, daß auch unter ver­zwick­te­sten Um­stän­den die Rück­kehr ins Ele­men­tare mög­lich ist. Und des­halb ist die be­tro­gene Gene­ra­tion keine ver­lorene Gene­ra­tion. Die Verse stehen bei aller Zart­heit auch für ein großes Selbst­be­wußt­sein. Es speist sich nicht aus den Er­war­tun­gen und Kämp­fen der Eltern, es sucht einen Neu­an­fang in der Be­sin­nung auf das, was immer und unter allen Um­stän­den gilt. Es wird immer wieder aus der Verborgenheit treten. Ob wir da von »Vor­urtei­len« oder von »Maß­stäben« spre­chen, ist eine andere Sache.
 

WIDER DEN ÄSTHETIZISMUS

Es ging mir als junger Mensch wie vielen ande­ren: Man glaubt über die Dinge der Welt frei zu urtei­len und merkt dabei nicht, wie man sehr viele Ur­teile un­kon­trol­liert von Auto­ri­tä­ten über­nimmt. Immer wieder ge­schieht es, daß man solche Ur­teile be­merkt, hin­ter­fragt und schließ­lich ver­wirft. Wenn man sich gei­stig weiter­ent­wickelt, endet dieser Prozeß erst mit dem Tode. Oft ist dar­über ge­strit­ten worden, ob die Er­fah­rung, das fort­wäh­rende Prüfen, das Ent­decken und Ver­wer­fen von Vor­urtei­len im Lebens­lauf zu einer Radi­ka­li­sie­rung der Welt­sicht oder zu einer Rela­ti­vie­rung führe. Ich glaube nicht, daß sich dafür eine all­ge­meine Regel auf­stel­len ließe. Ich glaube auch nicht, daß dies einzig eine Frage des Natu­rells des Urtei­len­den ist. Viel­mehr glaube ich, daß die Zeiten sowohl in ihren Haupt- als auch in ihren Neben­ten­den­zen, also die Leiter der Jahr­hun­derte wie der Jahr­zehnte grund­sätz­lich ver­schie­den zu be­ur­tei­len seien. Ein Urteil, das diesen Namen ver­dient, wird zu­neh­mend nicht vom Wesen des Urtei­len­den, son­dern vom Wesen des Gegen­stan­des be­stimmt sein.
Bis vor zwei Jahren ge­hörte ein Satz zu meinen Lieb­lings­zita­ten, ich nutzte ihn gern und häufig im Ge­spräch. Er lautet: »Die Welt war immer un­ge­recht, aber sie war nie­mals so häß­lich wie heute.« Viel­leicht hat mich die große Zu­stim­mung, die ich mit diesem Satze fand, miß­trau­isch ge­macht. Es sei wie es sei, ich lehne die Aus­sage dieses Satzes heute un­be­dingt ab.
Der Satz hat die Ten­denz, die mora­li­sche Frage da­hin­ge­stellt zu lassen und dem Ver­tei­di­ger der Moderne in diesem Punkte wenig­stens teil­weise recht zu geben, um die ästhe­ti­sche Ab­leh­nung der Moderne zu be­haup­ten. Es wurde auch schon be­haup­tet, die ästhe­ti­sche Revolte sei fun­da­men­ta­ler als jede mora­li­sche, im übri­gen sei sie minder illu­sio­när.
Ich möchte zu­nächst auf die Frage der Illu­sion und Rea­li­täts­ge­recht­heit ein­gehen. Daß der Mensch zwar einen un­be­stech­li­chen Sinn für das Schöne, jedoch nicht für das Gute habe, ist zwie­fach falsch. Zum einen gibt es sehr wohl einen men­schen­ge­mäßen Sinn für das Gute, zum ande­ren ist auch der Sinn für das Schöne sehr wohl kor­rum­pier­bar.
Die mora­li­sche Frage ist uni­ver­sell für den Men­schen. Gerade die Phi­lo­so­phie Fried­rich Nietz­sches, die Ästhe­ten immer wieder für sich be­mü­hen, unter­schei­det sich da­durch von den Erb­sen­zäh­lern des 19. Jahr­hun­derts, daß im Zen­trum eine Ethik steht. Die Grund­frage der Phi­lo­so­phie lautet: Wie soll ich leben? Des­halb sind die Aus­sagen der Phi­lo­so­phie immer impe­ra­ti­visch. Nietz­sches Wille zur Macht ist ein Stre­ben nach maxi­ma­ler Ent­fal­tung alles Seien­den. Dies ist aber nicht das Büh­nen­bild des Par­si­fal und auch nicht der iden­ti­täts­aus­löschende Rausch des Tri­stan. Der Ein­druck von Wider­sprüch­lich­keit ergibt sich immer daraus, daß Nietz­sche zum einen das kon­se­quent Ein­zelne preist, das seine ge­stei­gerte Iden­ti­tät gerade dem Ab­sehen von allem ande­ren ver­dankt, aber zu­gleich dem Ande­ren recht­gibt, das in diesem Ein­zel­nen not­wen­dig eine Ver­irrung und Schrulle er­blicken muß. Maxi­male Ent­fal­tung des Seien­den heißt eben auch maxi­ma­ler Wider­spruch. Um den Er­schei­nun­gen von einer höhe­ren Warte ge­recht zu werden, muß man einen Stand­punkt »jens­eits von Gut und Böse« ein­neh­men, das heißt, jens­eits von dem eige­nen Gut und Böse. Es ist ja gerade die Lei­stung Nietz­sches, daß er immer wieder zeigt, daß der Phi­lo­soph und auch er selbst, kei­nes­wegs so frei von eige­nen Inte­res­sen ist, wie er sich den An­schein gibt.
Aus der Ge­rech­tig­keit jens­eits von Gut und Böse folgt kei­nes­wegs ein Ver­zicht auf die Moral. Es wird ledig­lich ge­zeigt, daß die tra­dierte Moral per­sön­lich und histo­risch be­schränkt ist und eine uni­ver­selle Moral ge­for­dert. Eben eine, die dem Wesen der Welt ent­spricht und nicht dem Wesen des Phi­lo­so­phen.
Wenn die mora­li­sche Revolte als illu­sio­när be­zeich­net wird, so zielt dies im all­ge­mei­nen auf die Sozial­uto­pien der letz­ten Jahr­hun­derte. Wenn man frei­lich den Ge­mein­platz dieses Schei­terns ge­nauer hin­ter­fragt, stellt man bald eine große Leere fest. Im Grunde laufen die Ab­gren­zungs­be­mühun­gen darauf hinaus, daß Lenin und Hitler tot sind und immer weni­ger An­hän­ger finden. Das läßt sich von be­lie­bi­gen ande­ren histo­ri­schen Per­so­nen ebenso sagen. Lenins Be­haup­tung, neue ge­sell­schaft­li­che Ver­hält­nisse bräch­ten einen neuen Men­schen hervor, er­scheint mir nicht als wider­legt. Im Gegen­teil, es lassen sich Ent­wick­lun­gen aus­machen, die immer stär­ker in die bio­lo­gi­sche Sub­stanz ein­grei­fen. Wenn die Ver­mischung der Men­schen unter ande­ren Prä­mis­sen er­folgt, wenn ein ex­tre­mer Be­völ­ke­rungs­zu­wachs auf der einen Seite einer Ge­bär­ver­wei­ge­rung auf der ande­ren gegen­über­steht, so bleibt dies nicht fol­gen­los, und man muß ein­räu­men, daß die Urachen für diese Ver­ände­run­gen durch­aus im Leninschen Sinne ge­sell­schaft­lich sind. Ebenso ist die An­sicht Hit­lers, eine soli­da­ri­sche Ge­sell­schaft sei nur mit strik­ter Ab­gren­zung nach außen und einem Stre­ben nach Homo­geni­tät im Inne­ren mög­lich, in keiner Weise wider­legt. Im Gegen­teil: die offen­sicht­li­che Ent­artung der offe­nen Ge­sell­schaft läßt immer mehr Jugend­liche Iden­ti­tät in der Be­lebung alter Muster suchen.
Das Schei­tern der mora­li­schen Revolte wird mit dem Unter­gang von Staa­ten und Macht­zentren be­grün­det, der eine man­gelnde Trag­fähig­keit der gei­sti­gen Grund­lagen offen­bart habe. Der Natio­nal­sozia­lis­mus ist aber nicht an im­ma­nen­ten Wider­sprü­chen zu­grunde ge­gan­gen. Im Gegen­teil: alle übri­gen Macht­zentren der Welt haben sich gegen ihn zu­sam­men­ge­schlos­sen und ihn nach langem und ver­lust­rei­chem Kampf zu­nächst mili­tä­risch, danach mit straf­recht­li­chen, wirt­schaft­li­chen und er­zie­he­ri­schen Mit­teln syste­ma­tisch be­sei­tigt. Im Kom­mu­nis­mus hat sich nur die sow­je­ti­sche Vari­ante zur Kapi­tu­la­tion im Kalten Krieg ent­schlos­sen. Die chi­ne­si­sche Vari­ante führt hin­gegen den Kalten Krieg fort und ist auf dem besten Wege ihn zu ge­win­nen.
Sinn­voller als das Postu­lat eines Schei­terns mora­li­scher Revol­ten, er­scheint mir die Frage, wo­ge­gen diese histo­ri­schen Be­we­gun­gen eigent­lich revol­tier­ten und wie tief sie dabei gingen. Dabei zeigt sich ein eigen­wil­li­ger Befund: sie revol­tier­ten gegen Er­schei­nun­gen der Moderne wie Ent­frem­dung, Ent­wurze­lung, Klas­sen­gegen­sätze, Arbeits­losig­keit etc., aber sie stell­ten die Moderne nicht als solche in Frage. Im Gegen­teil, sie mein­ten gerade durch Moder­ni­sie­rung die Ge­bre­chen der Moderne zu über­win­den. Da­durch wurden sie zu Spiel­arten der Moderne, zu Strom­stel­len der Be­schleu­ni­gung auf der einen, zu Stau­däm­men der Poten­tial­an­häu­fung auf der ande­ren Seite. Wenn Marx die Revo­lu­tio­nen als Loko­mo­ti­ven der Welt­ge­schichte be­zeich­net, obwohl in diesen Schläch­te­reien gerade die Pro­duk­tiv­kräfte rei­hen­weis ver­nich­tet werden, die an­son­sten für Marx das Zug­pferd des Fort­schritts sind, sollte uns das zu denken geben. Das Opfer ist die Mutter aller Ent­wick­lung. Die Grund­eigen­schaft der Moderne ist die fort­schrei­tende Dyna­mi­sie­rung aller be­tei­lig­ten Iden­ti­tä­ten. Da die Ur­sache aller Be­schleu­ni­gung im Wider­spru­che be­stimmt liegt, sind in jeder moder­nen Ge­sell­schaft Ab­weich­ler und Gegner not­wen­dige Vor­aus­set­zun­gen zur Fort­füh­rung des Pro­gramms. Die Moderne zer­bricht eben nicht an ihren inne­ren Wider­sprü­chen, son­dern sie lebt gerade­zu von ihnen.
Was das Zeit­alter der Ver­zweckung und Aus­schlach­tung in seinen ver­schie­denen gei­sti­gen Rich­tun­gen eint, ist die An­sicht, durch diese Ent­wick­lung werde ein Reich­tum ge­schaf­fen. Streit be­steht ledig­lich dar­über, wie dieser Reich­tum ver­teilt werden solle. Eine wirk­li­che Absage an die Moderne setzt aber gerade an diesem Punkte an, sie weist darauf hin, daß diese Ent­wick­lung nicht Reich­tum, son­dern Armut pro­du­ziert, oder, wie Nietz­sche sagt: Die Wüste wächst. Wer aber den Fort­schritt zu immer größe­rem Ver­brauch geißelt, tut dies glei­cher­maßen mora­lisch und ästhe­tisch. Dieser Fort­schritt schafft nicht nur Öl­tep­piche und Ab­raum­hal­den, er pflanzt dem Men­schen einen höchst ver­derb­li­chen Be­griff des Guten ein und läßt sie ent­spre­chend han­deln.
Wenn Nietz­sche dem Pla­to­nis­mus unter­stellt, er kon­stru­iere einen Be­griff des Guten, der dem Leben wider­spre­che, so be­strei­tet er damit nicht die pla­to­ni­sche These, daß Gutes und Schö­nes im Abso­lu­ten zu­sam­men­fal­len. Gerade daß Nietz­sche mit seinem »Wil­len zur Macht« Monist ist, läßt eine Spal­tung von Gut und Schön nicht zu. Ganz anders Scho­pen­hauer, der meint, im inte­resse­losen An­schaun der Kunst werde der Wille der Welt über­wun­den. Scho­pen­hau­ers Lehre, die man auch als Bibel des Ästhe­ti­zis­mus be­zeich­nen könnte, wird von Nietz­sche be­reits zwin­gend wider­legt.
Es geht mir jedoch nicht um Scho­pen­hauer oder seine Jünger. Es geht um die weit­ver­brei­tete Nei­gung der Kon­ser­va­ti­ven, das Ästhe­ti­sche als eine Nische zu be­nut­zen, um einer Fron­tal­kon­fron­ta­tion mit dem Geist der Moderne aus­zu­wei­chen. Jüngst las ich die Auf­fas­sung, die Nie­der­lage der Deut­schen er­mög­li­che mit der Kapitulalition im Reich des Wirk­li­chen eine ver­stärkte Inner­lich­keit und damit ein größe­res Schöp­fer­tum in der Kunst. Ab­ge­sehen davon, daß dies histo­risch falsch ist, denn der poli­ti­schen Nie­der­lage folg­ten zahl­lose kul­tu­relle und gei­stige, ist dieser Ver­such, den Feind auf halbem Wege zu tref­fen, von vorn­her­ein zum Schei­tern veruteilt. Sollte es rich­tig sein, daß das deut­sche Volk im Kerne mora­lisch zu ver­dam­men sei, so folgte daraus not­wen­dig, daß auch die deut­sche Kunst und Kultur wert­los und faden­schei­nig seien. Ein Volk, dem der Haß auf alles andere kon­sti­tu­tiv ist, kann auch nie­mals gei­stig-ästhe­tisch vor Gott be­ste­hen, es sei denn, man meinte, jedes Volk habe andere Götter.
Wer also meint, ästhe­ti­sches Ge­wicht zu be­an­spru­chen und sich dabei um die mora­li­sche Frage drücken zu können, folgt dem Selbst­ver­rat des Gei­stes bei Thomas Mann, der in seinem »Doktor Fau­stus« den Mythos kre­ierte, dem deut­schen Wesen sei ein Teu­fels­pakt im­ma­nent. Es fügt sich vor­treff­lich in diese Kon­stel­la­tion, daß Thomas Mann ein An­hän­ger Scho­pen­hau­ers war und schon aus diesem Grunde zu Nietz­sche nur Ge­mein­plätze pro­du­zierte. Wenn vor Thomas Mann vom »Fau­sti­schen« die Rede war, dann dachte man dabei vor allem an Albrecht Dürer, der in heroi­schem Fleiß die Kunst über sich hin­aus­ge­führt hat. Seine zahl­lo­sen Stu­dien, sein inni­ges Wich­tig­neh­men eines jeden De­tails zeigen eine Liebe, in der für einen Wider­spruch von Gut und Schön kein Raum ist.
Wer also heute Kunst von Be­deu­tung schaf­fen will und sich als Künst­ler gegen die Moderne wendet, darf sich nicht mit dem Ver­dikt des Un­zeit­ge­mäßen be­gnü­gen, er muß auch das Ver­dikt des Ver­bre­chers for­dern. Sonst macht er sein Werk zu einer Schrulle, die man auch schon als »post­modern« be­zeich­net hat, zu einer Äuße­rung ohne Ge­wicht und Belang.
 

MUSIK UND REVOLUTION

Der Kom­mu­nis­mus trat mit dem An­spruch an, einen neuen Men­schen zu schaf­fen, einen, für den Frei­heit Ein­sicht in die Not­wen­dig­keit ist. Mit einem Rousseauschen Men­schen­bild meinte die Partei, daß Men­schen, die durch sozia­li­sti­schen Kin­der­gar­ten, die Schule und den volks­eige­nen Be­trieb ge­gan­gen sind, staats­tra­gende Denk­muster aus­bil­den müßten. Diese Rech­nung ging nicht auf. Der Mensch ver­änderte sich zwar, aber nicht in die ge­wünschte Rich­tung. Die Be­reit­schaft zu ver­ant­wort­li­chem Han­deln nahm nicht etwa zu, son­dern ab, allent­hal­ben setzte sich ein An­spruchs­den­ken durch, und die Be­frie­di­gung von Be­dürf­nis­sen ließ allein die­sel­ben ins Un­er­meß­li­che wach­sen. Der Anteil des feind­li­chen Westens an dieser Ent­wick­lung soll nicht ge­leug­net werden. Gleich­wohl ent­stand in den 80er Jahren eine Pro­test­kul­tur, die als hei­mi­sches Ge­wächs und nicht als Im­port­arti­kel ein­zu­stu­fen ist. Diese wurde von einer Gene­ra­tion ge­tra­gen, die nach dem Bau der Mauer ge­bo­ren und von Kin­des­bei­nen an der Pro­pa­gan­da­maschi­ne­rie aus­ge­setzt war.
In dieser Pro­test­kul­tur ver­mischten sich höch­ste ver­schie­dene Ele­mente. Sie konnten es ohne daß die Widersprüche offen­sicht­lich wurden, weil durch die Mythisierung der Herr­schaftsver­hältnisse das poli­ti­sche Denken weit­räu­mig verkümmert war. Zum poli­ti­schen Denken gehört die Kennt­nis von Alter­na­ti­ven, ein Freund-Feind-Be­wußt­sein im Schmittschen Sinne. Die Oppo­si­tion in der DDR hatte weder Freunde noch Feinde in diesem Sinne. Ihr Ver­hält­nis zur DDR war ambivalent, ebenso zum Westen. Und jede Mög­lich­keit eines Drit­ten wurde in der Mitte zwi­schen Ost und West verortet.
Mit dem Beitritt der mitteldeut­schen Länder zum Gel­tungsbereich des Grundgesetzes zerfiel diese hei­me­lige Welt in Lager. Dabei muß fest­ge­stellt werden, daß jene, die sich wei­ter­hin oppositionell ver­stan­den, Dinge aufs Korn nahmen, die in den beiden ver­fein­de­ten Staa­ten ge­mein­sam waren und vorher in einer Feuer-Wasser-Sicht auf die Ge­sell­schaftssysteme gar nicht als über­ein­stim­mend wahr­ge­nom­men werden konnten. Dies gilt für »Linke« und »Rechte« in glei­cher Weise. Wenn im fol­gen­den Hintergründe einer Fun­da­men­talopposition vor­nehmlich »rechts« er­klärt werden, so mag sich gleich­wohl man­cher hier finden, der sein Welt­bild als Traum von einer ge­rech­teren Ge­sell­schaftsordnung ver­steht.
Armin Mohler hat in seiner Dissertation 1949 das Wort Hugo von Hofmannsthals von der »kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­tion« zum poli­ti­schen Kampf­be­griff ge­formt. In der Zusammenfassung ver­schie­dener anti­demo­kra­ti­scher Be­we­gun­gen und Denker der Wei­ma­rer Zeit kämpft dieses Buch gegen die Vor­stel­lung, Antidemokratie und Natio­nal­sozia­lis­mus seien iden­tisch. In Anlehnung an die Aus­ein­an­der­set­zun­gen der zwan­zi­ger Jahre wird das Wort auch heute für eine Oppo­si­tion bemüht, die in einer zer­stör­ten Welt auf­ge­wach­sen ist und keine bessere Welt von früher kennt, die »konterrevolutionär« wieder eingeklagt wird. Aller­dings betont Hans-Diet­rich Sander in seinem Interviewband zu­recht, daß es sich um eine ver­fehlte Be­griffskonstruktion han­delt. Wer sie im Munde führt, zeigt, daß er den Kon­ser­va­ti­vis­mus nicht ver­stan­den hat. Mohler hätte die von ihm ausge­wer­tete Lite­ra­tur besser als »Reichsliteratur« be­zeich­net. Das »Reich« war der NS-Ideo­lo­gie eigent­lich viel zu wenig volkhaft, und wenn dieses Wort in jenen Jahren dau­ernd im Munde ge­führt wurde, so war dies allein der Popu­la­ri­tät des Be­griffs ge­schul­det. Mohler hätte sich theo­re­tisch mit diesem Be­griff sorgfältig abgegrenzt, praktisch frei­lich schwer in einer Zeit, in der das »Reich« von allen Seiten ver­teu­felt wurde.
In der Sehn­sucht nach dem Reich kommt eine Be­find­lich­keit zum Aus­druck, die das Heil nicht in der Ge­sell­schaft er­fährt, son­dern in Träu­men, Mythen und in der Natur, die sich er­folg­reich der Zäh­mung und Kate­go­ri­sie­rung wider­setzt. Durch ihre außerge­schicht­li­chen Quellen ist dieses Sehn­sucht gefeit für die vielen Nie­der­la­gen von 1918, 1945, 1968 und leider auch 1990. Sie sind ihr nicht Entmutigung, son­dern ein Pur­ga­to­rium. Gleich­zei­tig ist die Real­ge­schichte des Reichs eine Ge­schichte der Reichs­feinde. Des­halb knüft die Sehn­sucht nach dem Reich nicht 1945 oder 1806 an, son­dern an die Wur­zeln, ge­nauer, an den frühen Höhe­punkt im staufischen Universalismus. Diese ge­schicht­liche Ferne gilt auch für die Zu­kunft. Das »letzte Gefecht« ist eine jakobinische und also eine apokalyptische Meta­pher. Die Revo­lu­tion dieser Sehn­sucht ist ein Werk vieler Gene­ra­tio­nen. Dieses Wissen mischt sich aber mit der Hoff­nung, die sich aus dem Tempo des Wandels ergibt, dem in be­son­de­rer Weise die Her­vor­brin­gun­gen des Wandels unterliegen und dies rascher, als diese jede Art von Wider­stand es könnte. Dies meint Evola, wenn er sagt, man müsse »den Tiger reiten«. Wer den Tiger reitet, ver­sucht ihn nicht auf­zu­hal­ten. Er ver­sucht zu über­leben, bis der Tiger er­schöpft ist. Der Tiger ist die Moderne. Was be­rech­tigt mich zu der An­nahme, die­selbe müsse sich er­schöp­fen?
Die Moderne ist ein Vor­gang, dessen Eigen­art es ist, sich fort­wäh­rend zu be­schleu­ni­gen. Nicht um­sonst stim­men die Öko­no­men alle darin über­ein, daß fort­wäh­ren­des Wachs­tum schon die Vor­aus­set­zung sei, daß die Dinge sich nicht dra­stisch ver­schlech­ter­ten. Es kann aber nur etwas wach­sen, wenn etwas ande­res dafür schrumpft. Alles Leben auf der Erde be­steht auf der Grund­lage der Ener­gie, welche die Sonne dau­ernd ab­strahlt, bis sie irgenwann ver­löschen wird. Die Größe der Sonne macht es jedoch wahr­schein­lich, daß eher das Leben auf der Erde oder der ganze Planet über­haupt ver­schwin­den, als irgend­wann unter der Ab­küh­lung der Sonne zu leiden.
Die Zivi­li­sa­tion der Moderne ver­braucht jedoch ein Zig­tau­send­faches der gleich­zei­tig ein­strah­len­den Ener­gie. Sie ver­braucht aber nicht nur im physi­ka­li­schen Sinne. Ihr Wesen ist es, Dinge, die vorher ein­fach nur da waren, zu Gütern und Nut­zens­trä­gern zu machen. Das sind nicht nur Mine­ra­lien, Pflan­zen und Tiere, son­dern auch alle kul­tu­rel­len und see­li­schen Dinge. Sie durch­wühlt die Erde nach Scher­ben ver­losch­ner Kul­tu­ren, aber sie durch­wühlt auch unsere Träume und Sehn­süchte. Und wenn die Leute meinen, ihr Selbst zu ver­wirk­li­chen, so tun sie damit nichts ande­res, als ihr Ge­heim­nis auf dem Altare der Waren­wirt­schaft zu opfern.
Der alte Spruch, daß Gott den Men­schen nach seinem Bilde ge­schaf­fen habe, be­deu­tet aber, daß in unse­rer Seele etwas Außer­zeit­li­ches wirkt, das sich jeder Ver­mark­tung durch die Zeit wider­setzt. Hinter den Ideo­lo­ge­men und Sur­ro­ga­ten schim­mern Ur­bil­der, welche die Moderne nur nega­tiv als Rest­risiko, archa­ische Relikte und ani­ma­li­sche In­stinkte fürch­ten kann. Sie ver­leug­net diese Dinge nicht, aber sie be­setzt sie im Be­wußt­sein mit dem Unheil, Ver­bre­chen und Gewalt. Nietz­sche sagt dazu, daß die »Guten und Ge­rech­ten« den Ver­bre­cher fürch­te­ten, den Bre­cher ihrer Ge­bots­tafeln. Zwei­fel­los rich­tig hat er er­kannt, daß die Wende im rundum Tabui­sier­ten ihren Aus­gang nimmt. Eine be­son­dere Raf­fi­nes­se der Moderne be­steht nun darin, daß sie auch das Tabu als Mate­rial ihrer Vernutzungsbestrebungen er­kannt hat. Aber auch hier geht sie am Kern vorbei. Ab­ge­sehen davon, daß jeder Tabu­bruch neue Tabus schafft, ist es dem luzi­fe­ri­schen Wesen prin­zi­piell un­mög­lich, auf das Innen­bild unse­rer Gott­ähn­lich­keit zu­zu­grei­fen.
Der Wider­spruch zwi­schen un­ver­lier­ba­rem Innen­bild und realem Leben stärkt die Sehn­sucht nach dem Reich, und da dieser Wider­spruch not­wen­dig kras­ser wird, erhöht sich die Strahl­kraft der Wahr­heit. Die Bos­heit des Teu­fels ist zwar un­end­lich, aber seine Trick­kiste nicht. Ein schö­nes Bild ist es, daß es einem wie Schup­pen von Augen fällt. Die Revo­lu­tion ist also weni­ger eine ge­wal­tige Erup­tion als eine un­merk­liche Ver­ände­rung im Schauen. Macht­fra­gen sind Glau­bens­fra­gen. Und vor diesem Hin­ter­grund sind bis­herige Revol­ten dran ge­schei­tert, daß sie nicht tief genug vom Blend­werk sich lösten, daß sie nur an einer Ober­flä­che kratz­ten und das Innere da­hin­ge­stellt ließen. 1933 woll­ten die Deut­schen nur das Bis­marck-Reich zurück. Es gibt Roman­ti­ker der 80er Jahre, wie es welche der 50er oder der 30er gibt. Dies sind Sei­fen­bla­sen. Das Übel be­ginnt spä­te­stens 1789 mit der Fran­zö­si­schen Revo­lu­tion, im Grunde ge­nom­men, schon 1492 mit der Ein­füh­rung des römi­schen Rech­tes in deut­schen Landen. Aber auch diese Jah­res­zahl ist viel­leicht nur ein Mark­stein.
Ein be­freun­de­ter Russe, der sich als Don-Kosake be­zeich­net, was ich ihm, neben­bei be­merkt, voll ab­nehme (Zitat: »Meine Kinder hätten in der Welt, in der ich auf­wuchs, keine Über­lebens­chance.«), be­rich­tete mir von seinem großen Er­stau­nen, daß seine beiden Buben blond und blau­äugig seien, wo doch dies sowohl in seiner als auch in der Fami­lie seiner Frau seit Men­schen­ge­den­ken nicht vor­ge­kom­men sei. Natür­lich wird ein Übel­wol­len­der dieses Resul­tat auf eine ge­schmack­lose Weise er­klä­ren wollen, dies schei­det aber für mich un­be­dingt aus. Im Gegen­teil, dieses Bei­spiel dient mir als Ant­wort an alle Klein­gläu­bi­gen. Wir kommen von weiter her als von unse­ren Groß­eltern. Gottes Wege sind sehr viel kom­ple­xer, als uns die uns zu­gäng­li­che An­schau­ung weis­machen will. Ich stimme Evola zu, der Cham­ber­lains Ras­sen­lehre als infan­til be­zeich­nete. Be­kann­ter­weise wurde diese Lehre in den 30er Jahren zur Dok­trin. Wer frei­lich wegen der Un­stim­mig­kei­ten dieser Dok­trin die Rasse aus dem Kanon be­mer­kens­wer­ter Phä­no­mene ver­ban­nen will, schüt­tet das Kind mit dem Bade aus, viel­leicht, weil ihm das Kind ein viel größe­res Ärger­nis dar­stellt als das Wasser.
Ich habe nicht die Ab­sicht, das Phä­no­men der Rasse wis­sen­schaft­lich zu be­schrei­ben oder gar zu deuten. Ich be­kenne offen, daß ich dies nicht kann. Aber das stört mich wenig. Ich freue mich ein­fach an der Gnade Gottes. Ich weiß, daß es Un­ver­lier­bares gibt. In Orwells »1984« er­klärt der Fol­te­rer dem Opfer, Ge­schichte sei das, was als Er­inne­rung in den Köpfen und auf­ge­schrie­ben in den Büchern sei. Da sie, die Herr­schen­den, sowohl die Köpfe wie das Schrift­tum kon­trol­lier­ten, gäbe es keine andere Ge­schichte, als die von ihnen ge­schaf­fene. Sein Sieg im Roman ist es, daß der Auf­müp­fige alles preis­gibt, sogar seine Liebe. Aber sein Sieg ist ein Pyrrhus­sieg. Er kann näm­lich nicht er­klä­ren, wie es über­haupt zu dem ersten Ge­dan­ken­ver­bre­chen, der Suche nach einer Ecke im Zimmer, die der Tele­vi­sor nicht über­blicken und kon­trol­lie­ren kann, kommen konnte. Und weil er es nicht er­klä­ren kann, wird er in Kauf nehmen müssen, daß dieser Wider­stand immer und über­all wieder auf­flackern kann. Die Welt, die er über­wacht, ist näm­lich nur die mensch­li­che Ge­sell­schaft. Nicht nur, daß er von den Ge­stir­nen ab­hän­gig bleibt, nicht einmal das Wetter hat er im Griff. Ähn­lich ver­hält es sich mit der Ge­schichte. Es gibt völlig un­ab­hän­gig von aller Über­lieferung eine reale Ge­schichte und die ist dau­ernd in Gott prä­sent. Und jeder weiß von mysti­schen Er­leb­nis­sen, wo sich diese ihm auf eine Weise er­schlos­sen hat, daß die übli­chen Er­klä­rungs­muster ver­sagen.
Diesen Hin­ter­grund habe ich dar­ge­legt, um nicht nur zu ver­kün­den, daß für die Reichsidee die beste Hoff­nung be­stünde, son­dern auch, um den von kon­ser­va­ti­ver Seite immer wieder er­hobe­nen Ein­wand zu ent­kräf­ten, die neu­rechte Musik sei von daher nichts ori­gi­nä­res, weil sie auf dem Boden von im­por­tier­ter Musik und Müll­kul­tur wachse. Das Wesen der Musik er­grün­det nicht die Kom­po­si­tions­lehre oder Har­mo­nik. Dies sind sind inner­kul­tu­relle Er­klä­rungs­muster, die Kultur aber, die sie her­vor­brachte, ist in den Stahl­ge­wit­tern des Welt­krie­ges ver­blu­tet. Kul­tur­un­ab­hän­gig läßt sich die Musik nur in zwei Kate­go­rien ein­tei­len: Marsch oder Wie­gen­lied, An­hei­zer oder Balsam, Tyr­taios oder Orpheus. Ähn­lich ver­hält es sich mit dem Leben, es zer­fällt in Jugend und Alter, Aktion und Refle­xion, Kampf und Ver­söh­nung. Diese Gegen­sätze be­din­gen aber ein­ander: Nur wer in der Jugend schroff ist, kann später ver­bind­lich sein, nur wer das Feuer kennt, ent­wickelt das Gott­ver­trauen.
Beim Kampf ist nicht die Seite ent­schei­dend, son­dern Ehre, Mut und Treue. Er ist mein Feind, aber er ist ein Ritter wie ich, so lautet die Losung einer bes­se­ren Zeit. Bill Gates ist mein Feind, aber ich ver­sage ihm nicht die Ach­tung, Frau Merkel hin­gegen ist nur eine bil­lige Ver­räte­rin. Das Links-Rechts-Schema ist als sol­ches eine blöde Ideo­lo­gie. Fun­da­men­tal da­ge­gen ist der Gegen­satz zwi­schen Sieg­frieds Schwert und Wotans Speer. Wotan hütet die be­ste­hende Ord­nung, gegen die Sieg­fried auf­be­gehrt und zwar im Namen des Lebens. Denn eine Jugend, die nicht wider eine Welt auf­be­gehrt, welche die Er­wach­se­nen unter sich auf­ge­teilt haben, ist wider­natür­lich und per­vers. Dies muß auch in einer bes­se­ren Welt als der der­zei­ti­gen immer so blei­ben. Sieg­frieds Auf­be­geh­ren hat man tradi­tio­nell als links be­zeich­net. Nun ist aber Wotan, um im Bilde zu blei­ben, auf die Idee ge­kom­men, Sieg­fried da­durch aus­zu­schal­ten, daß er das Linke für sich ver­ein­nahmt und damit Sieg­fried in Ver­wir­rung führt. Aber Sieg­fried muß sich durch das Rollenspiel nicht ver­wir­ren lassen. Er war näm­lich schon rechts als er sich noch als links ver­stand und des­wegen von Wotan be­kriegt wurde. Er ist näm­lich inso­fern rechts, weil er im Namen des ewigen Gene­ra­tio­nen-Ge­set­zes han­delt und nicht nur für die kon­kre­ten Inte­res­sen seiner Gene­ra­tion.
Nie­mand kann links kämp­fen, ohne von seinem rech­ten In­stinkt ge­sta­chelt zu werden, nie­mand kann rechts ver­söh­nen, ohne vorher mit linken Idea­len ge­kämpft zu haben. Gerade die Radi­ka­len der 68er Be­we­gung wie Horst Mahler haben diese Weis­heit nach gründ­li­chem Nach­den­ken be­grif­fen. Wir leben in einer Welt töd­li­cher Er­star­rung, die nur noch die Schein­be­we­gun­gen des sozial­ver­sicher­ten Kon­sum­idio­ten zu­las­sen und alle wirk­li­che Be­we­gung unterdrücken will. Aus diesem Grunde ist aggres­sive Musik keine Ge­schmacks­frage. Die Musik wirkt wie keine Kunst un­mit­tel­bar auf die Seele. Des­halb war sie schon bei den Grie­chen um­strit­ten und ge­fürch­tet. Des­halb ist sie der Königs­weg der Revo­lu­tion.
 

DIE LUST DES SOKRATES

I
Jüngst übte ich in einem elekronischen Lexi­kon Kritik an dem Arti­kel über »Homo­sexu­ali­tät«, worauf ich ge­be­ten wurde, einen bes­se­ren Arti­kel zu schrei­ben. Nach eini­gem Überlegen ent­sagte ich dieser Auf­gabe. Maß­geb­lich waren dafür zwei grund­sätz­li­che Be­den­ken. Ich zweifle sowohl an der Sinn­träch­tig­keit des Be­grif­fes als auch an der Mög­lich­keit, lexi­ka­lisch, also objek­tiv, über die mit diesem Be­griff ange­spro­chenen Phä­no­mene zu be­rich­ten. Ich nutze hier die essayi­sti­sche Form, mich einem Konglo­me­rat von Ab­gren­zungs­be­mühun­gen, halb­be­wuß­ten Chiffren, Ver­heißun­gen und Ent­täu­schun­gen an­zu­nähern.
Dem Auf­kom­men dieses neuen Wortes im späten 19. Jahr­hun­dert folg­ten zahl­lose Ver­suche, die Ur­sache dieses Phä­no­mens zu er­grün­den. Sie wurden von ver­schie­den­sten Seiten und mit den ver­schie­den­sten Ab­sich­ten unter­nom­men, und können aus­nahms­los als wis­sen­schaft­lich ge­schei­tert an­ge­sehen werden. Dies scheint mir mit Defi­ni­tions­pro­ble­men zu­sam­men­zu­hän­gen. Im Mit­tel­punkt der For­schung stan­den im all­ge­mei­nen Männer, die sich auf der Suche nach ge­eig­ne­ten Part­nern an ein­schlä­gi­gen Orten her­um­trie­ben, also Leute von sozio­lo­gi­schem und kri­mi­nal­wis­sen­schaft­li­chem Inte­resse. Wenn schon Mangus Hirsch­feld be­dau­ert, der Be­griff betone mit »sexu­ell« Hand­lun­gen und ver­nach­läs­sige das Be­geh­ren, so muß man ihm ent­geg­nen, daß Wün­sche für alle, die sie nicht selber hegen, voll­kom­men be­deu­tungs­los und gleich­gül­tig sind, so­lange daraus keine Hand­lun­gen folgen. In­so­fern ist es fol­ge­rich­tig, daß eine öffent­li­che Diskus­sion sich immer an reale Vor­gänge und nicht an see­lische Be­find­lich­kei­ten knüp­fen wird.
Das Wort ent­stand nicht im luft­leeren Raum, son­dern in der Zeit der Indu­stria­li­sie­rung und der all­ge­mei­nen Ver­städ­te­rung. Immer mehr Leute lebten in einer gänz­lich anders­ge­arte­ten Kultur als ihre Vor­fah­ren. In einer Zeit, als es aufkam, »um die Häuser zu ziehen«, fiel auf, daß einige dies mit ande­ren Ab­sich­ten mach­ten als die Masse der Zer­streu­ungs­be­dürf­ti­gen.
Aus diesen Beobach­tun­gen hat man dann auf die ganze Welt­ge­schichte zu­rück­ge­schlos­sen. Das ist ein Ver­fah­ren, wie es Marx unter­nimmt, wenn er aus den Arbeits­kämp­fen in den Fabri­ken Lon­dons die Theo­rie ent­wickelt, daß die Ge­schichte der Mensch­heit eine Ge­schichte der Klas­sen­kämpfe sei und die Revo­lu­tio­nen die Loko­mo­ti­ven der Ge­schichte. Der Typus des Homo­sexu­el­len, wie er all­ge­mein be­kannt ist und in der Lite­ra­tur be­schrie­ben wird, steht und fällt mit der Indu­strie­ge­sell­schaft. Will man von diesem absehen und etwas Außer­ge­schicht­li­ches in der mensch­li­chen Natur er­ken­nen, ist dieser Be­griff schon ein metho­disch fata­ler Ein­stieg.
Wei­ter­hin ist ein­zu­wen­den, daß ein großer Teil der »Homo­sexu­el­len« kei­nes­wegs das be­gehrt, was er selber ist, also nicht das »Glei­che«. Die Pädo­phi­lie wird durch den Be­griff eher ver­wischt als ein­ge­schlos­sen. Auch wenn ein junger Mann eine Vater­figur sucht und meint, er könne diese nur sexu­ell finden, wird er in eine Rubrik ge­bracht, die miß­ver­ständ­lich ist. Männer, die in eine Mann-zu-Frau-Trans­sexu­elle ver­liebt sind, gelten als homo­sexu­ell, solang die Ope­ra­tion der Part­ne­rin keine ge­setz­li­che Per­so­nen­stands­ände­rung ge­bracht hat. Danach gelten sie als hetero­sexu­ell.
Ich er­laube mir hier einen kurzen Ein­schub zur Trans­sexu­ali­tät, die im öffent­li­chen Be­wußt­sein vor allem durch das Auf­tre­ten von Trans­vesti­ten mit gänz­lich ande­ren Er­schei­nun­gen ver­mischt ist. Hier geht es um die sehr sel­tene Er­schei­nung, die Medi­zi­ner eine »Ge­schlechts­iden­ti­täts­stö­rung« nennen. Der oder die Be­trof­fene meint im fal­schen Körper zu leben, es be­steht ein Kon­flikt zwi­schen see­li­schem Ge­schlechts­emp­fin­den und kör­per­li­chem Wuchs. Diese Norm­ab­wei­chung hat eigent­lich wenig mit der Sexua­li­tät zu tun, und die mei­sten Be­trof­fe­nen haben auch eher eine ver­küm­merte Sexua­li­tät. Was der Igno­rant für den glei­chen »Schwein­kram« wie andere Ab­wei­chun­gen hält, wurde jedoch kul­tu­rell völlig anders ge­hand­habt. Von den India­nern wird be­rich­tet, daß sie eine Ent­schei­dung gegen das kör­per­li­che Ge­schlecht für legi­tim nahmen. Wer frei­lich als Mann eine Frau sein wollte und sich von Jagd und Kriegs­dienst suspen­die­ren ließ, mußte ohne Klage alle weib­li­chen Pflich­ten er­fül­len. Eine moderne Tole­ranz, es dürfe sich jemand von über­all die Rosi­nen aus dem Kuchen suchen, gab es bei Natur­völ­kern nicht. Als aktu­el­les Bei­spiel ist er­wäh­nens­wert, daß im Iran, wo homo­sexu­elle Um­triebe mit der Todes­strafe ver­folgt werden, die Trans­sexu­ali­tät nicht nur ge­stat­tet, son­dern nach Thai­land auch welt­weit am mei­sten ver­brei­tet ist. Die Mul­lahs gehen offen­bar von der An­sicht aus, daß Trans­sexu­ali­tät zwar den Be­trof­fe­nen von der Fort­pflan­zung aus­schließt, aber im übri­gen die Ge­sell­schaft der Ge­schlech­ter nicht stört oder durch­ein­an­der­bringt.
Ich komme zum Thema zurück und erhebe einen drit­ten Ein­wand wider die Be­griff­lich­keit: der Be­griffs­schöp­fer hat eine Ideo­lo­gie in seinen Neo­greco­lati­nis­mus ge­packt. Für Karl Maria Kert­beny zer­fällt die Mensch­heit in »Homo­sexu­elle« und »Hetero­sexu­elle«. Hier ist un­schwer zu er­ken­nen, daß es dem Wort­schöp­fer auf die Gleich­wer­tig­keit der Be­griffe ankam, also letzt­lich eine Gleich­stel­lung von Schwu­len­kul­tur mit Ehe und Fami­lie. Wer also meint, die immer un­ver­schäm­te­ren For­de­run­gen der Schwu­len­lobby seien nach­träg­liche Aus­wüchse, der muß er­ken­nen, daß das ge­samte Pro­gramm schon in der Be­griff­lich­keit an­ge­legt war. In­so­fern mag für die Ideo­lo­gie der Ein­gang ihrer Wort­schöp­fung in offi­zielle Doku­mente wie etwa das Straf­ge­setz­buch zwar von un­be­ab­sich­tig­ten Kon­se­quen­zen sein, muß aber als wesent­li­cher Schritt zur Defi­ni­tions­hoheit ge­wer­tet werden. Wer sich auf die Be­griff­lich­keit ein­läßt, ist schon recht tief im Netz des Schöp­fers dieser Be­griff­lich­keit.
Zur Ver­schie­den­heit von Mann und Frau gehört es, zu­min­dest in Zeiten vor der mas­sen­haf­ten Ver­brei­tung der Pille, daß sich die Frau im Sexus viel stär­ker der Kon­se­quen­zen für Fami­lie und Gene­ra­tio­nen­folge bewußt ist und sich kaum Lax­hei­ten im Umgang mit der Lust lei­sten kann. Der Mann meint sich das in viel größe­rem Um­fange er­lau­ben zu dürfen und in der tra­dier­ten Welt waren ja Be­rufs­grup­pen be­kannt, für die ge­schlecht­li­che Lust in der Regel frei von per­sön­li­chen Kon­se­quen­zen blieb. Diese Un­gleich­heit der Ge­schlech­ter führt bei Män­nern zu der weitverbreiten Vor­stel­lung, man würde ja gern viel mehr Frauen be­glücken, wenn diese nicht so ent­setz­lich spröde wären. Aller­dings zeigt uns die isla­mische Kultur, wo Poly­gamie in dem Rahmen er­laubt ist, wie der Mann die Frauen er­näh­ren und unter­hal­ten kann, daß von dieser Mög­lich­keit sehr viel weni­ger Ge­brauch ge­macht wird, als man nach den In­hal­ten von Män­ner­ge­sprä­chen am Bier­tisch ver­muten sollte. Kurzum: die meiste Sexua­li­tät findet in der Phan­ta­sie statt, und dies ist auch gut so. Von den Theo­rien einer Mensch­wer­dung aus dem Tier­reich, deren Glaub­wür­dig­keit hier mal da­hin­ge­stellt blei­ben sollte, hat mich am ehe­sten der Ansatz über­zeugt, das über­große mensch­li­che Gehirn habe sexu­elle Ur­sachen.
Die sexu­elle Phan­ta­sie – das ist nicht nur die Welt der Part­ner, Prak­ti­ken und Stel­lun­gen. Nur das Hirn eines äußerst dump­fen Cha­rak­ters ist mit einem porno­gra­phi­schen Kino ver­gleich­bar. Kultur hat mit Wahl und Ge­schmack zu tun, und die ganze Ästhe­tik basiert auf der Lust. Die Dif­fe­ren­ziert­heit und damit Eigen­heit stei­gert sich mit der Sub­ti­li­tät. Dabei kann es zu Brü­chen kommen und der Gipfel der Sub­ti­li­tät in einer aus­ge­spro­che­nen Grob­heit be­ste­hen. Aber auch die mora­li­sche Welt durch­kreuzt die ästhe­ti­sche. Lust an der guten Tat ist kein Wider­spruch. Und wenn ein tüch­ti­ger Mann, der sie und die Kinder gut er­näh­ren wird, einer Frau als »schön« er­scheint, ist dies keine Kor­rum­pie­rung des ästhe­ti­schen Sinnes. Unsere Schön­heits­vor­stel­lun­gen sind immer Chiffren für Hoff­nun­gen. Und die Hoff­nung setzt nicht nur die Kirche der Liebe als Heils­weg zur Seite. Dazu kommt für die Kirche der Glaube, in die Welt der Liebe über­tra­gen, heißt dies Treue. Kein Mensch denkt wirk­lich gering von der Treue, er betone auch noch so laut­stark, er schätze die Un­ver­bind­lich­keit über alles. Gerade die Hilf­losig­keit, die Men­schen­kin­der so offen­sicht­lich von bei­spiels­weise neu­ge­bore­nen Hunden unter­schei­det, macht den Men­schen »kon­ser­va­tiv«, und dem Macht­an­spruch der Linken steht am stärk­sten der Um­stand ent­gegen, daß es ihnen noch nicht gelang, die Schwan­ger­schaft durch Maschi­nen zu er­set­zen.
Treue ist immer in der Mut­ter­zu­wen­dung be­grün­det und des­halb immer per­sön­lich, nur einem per­so­na­len Gott kann man treu sein, nur einem Reich mit König, nur einer Partei mit Führer, nur einem ganz realen Mann oder einer ganz realen Frau. Man kann nicht etwa einem Ge­schlecht treu sein, weder dem eige­nen, noch dem ande­ren. Weil Liebe immer die Lust der Wahl meint, nicht einer freien Wahl, aber einer un­be­ding­ten, stehen ihr immer Hoff­nung und Treue zur Seite. Wenn Hoff­nung und Treue zu Schreck­ge­spen­stern werden, ist die Liebe selbst ein Dämon.
Wenn der Mensch viele Dinge, die er nicht tut, träumt oder spie­le­risch in seiner Phan­ta­sie in­sze­niert, so macht er sich natür­lich auch seine Ge­dan­ken, wie es wohl in der Wunsch- und Angst­welt ande­rer Men­schen aus­sehen möge. Wenn nun Männer mit der roman­ti­schen Vor­stel­lung von Lust ohne Pflich­ten, Spaß ohne Kon­se­quen­zen, Frei­heit ohne Ge­bun­den­heit spie­len, ent­wickeln sie oft den nei­di­schen Aber­glau­ben, ande­ren Men­schen ge­linge sol­ches ganz vor­züg­lich, nur ihnen selbst fehle solch eine glück­liche Hand. Der Ein­sicht, daß dies aus gutem Grunde und zu jeder­manns Heil aus­ge­schlos­sen ist, neigt der schwa­che Cha­rak­ter da­von­zu­lau­fen. Der Kul­tur­bruch, der mit der Ver­städ­te­rung ein­setzt, fußt genau auf diesen Schwä­chen. Da gibt es plötz­lich Hoff­nun­gen ohne Treue, Lust ohne Last, Gewinn ohne Opfer. Ich mag die mit­tel­alter­li­chen Legen­den so gern, welche die Ver­füh­rungs­kün­ste des Teu­fels be­schrei­ben. Mir er­schei­nen sie so un­glaub­lich heutig. Nicht ohne Grund werden sie in der Roman­tik wieder ent­deckt. Da wird dem Schle­mihl an­ge­tra­gen, sich doch von etwas kaum Realen, zu­min­dest Ge­ring­wer­ti­gem zu tren­nen und dafür die höchst realen Schätze der Welt zu be­kom­men. Bei Hauff wird dem armen Köhler er­klärt, daß das mit­lei­dige Herz doch nichts als eine Be­lastung sei und es die Klug­heit ge­biete, das­selbe in brauch­bare Dinge ein­zu­tau­schen.
Die Toren, die in die Falle tappen, stel­len sich eine nahe­lie­gende Frage nicht, näm­lich: warum wird gerade mir ein An­ge­bot an­ge­tra­gen, das offen­sicht­lich so vor­teil­haft ist, daß es jeder mit Freu­den an­neh­men würde? Und wenn sie sich die Frage stel­len, geben sie eitle Ant­wor­ten, etwa, weil andere Men­schen so dumm, so ängst­lich, kurz, so kon­ser­va­tiv seien. Dies ist der Hoch­mut vor dem Fall. Denn in Wahr­heit ist alles ganz anders, sie geben das Wert­voll­ste, was der Mensch be­sitzt, seine Seele, seine Treue zur Mutter und damit seine Gott­kind­schaft, für einen wert­losen Plun­der, ein Feuer­werk von Sur­ro­ga­ten, das Blend­werk des Teu­fels.
Nun be­haup­tet die Ideo­lo­gie der Homo­sexu­ali­tät, es gebe bei den »Hetero­sexu­el­len« ein­fäl­tige Leute und Leute von hoher Lie­bes­kul­tur, und ebenso sei es auch am ande­ren Ufer. Wenn ein pro­mi­nen­tes schwu­les Paar Ehe­ähn­lich­keit zele­briert, jubelt die ganze Szene. Leute, die derlei Dinge nur aus dem Fern­sehn kennen, mögen sich täu­schen, aber die Rea­li­tät sieht anders aus. Im Grunde ist die ganze homo­sexu­elle Szene eine An­samm­lung von fru­strier­ten Leuten. Der eine, eher un­sicht­bare Teil flüch­tet in Gril­len und aller­lei Ver­schro­ben­heit. Der andere geht offen­siv damit um. Man trifft sich in Loka­len, in denen im all­ge­mei­nen min­de­stens zwei Bild­schirme mit porno­gra­phi­schen Filmen laufen. Dabei ist im all­ge­mei­nen einer der roman­ti­sche: zwei oder meh­rere Jungen, die gerade das legale Alter er­reicht haben, ent­decken schwär­me­risch die Liebe. Auf dem ande­ren testen einige rei­fere Männer in einem Fol­ter­kel­ler die Gren­zen der Be­last­bar­keit aus. Hier er­schei­nen zwei Welten, die letzt­lich eine Alters­frage schei­nen. Neben den Bild­schir­men ver­fügen besser ein­ge­rich­tete Lokale über ein Andreas­kreuz und Auf­hänge­vor­rich­tun­gen, in denen man öffent­li­chen Bei­schlaf zele­brie­ren kann. Ebenso enge Laby­rin­the, in denen Be­rüh­run­gen kaum zu ver­mei­den sind, Dunkel­zonen und Wände mit einem Loch in der rich­ti­gen Höhe, damit man beim Sex den ande­ren nicht sehen muß. Kurz Hilfs­mittel einer völlig ent­per­sön­lich­ten Sexua­li­tät. Und um die geht es auch mei­stens, man richte auch noch so gran­diose Ikonen auf. Auch der Blick auf die Ge­schichte der Schwu­len­be­we­gung zeigt an­schau­lich, daß der Akti­vis­mus nicht von Leuten aus­ging, die man als kulti­vier­tes Alibi vor sich her­trägt, son­dern immer von Leuten, die Aus­schwei­fung und Hedo­nis­mus auf ihre Fahnen ge­schrie­ben hatten. Wie jede Revo­lu­tion, so frißt auch die schwule ihre Kinder. Über Jahr­zehnte war das skadalöseste pro­schwule Buch Hans Blü­hers »Die Rolle der Erotik in der männ­li­chen Ge­sell­schaft«. Mitt­ler­weile ist dieser Autor aus dem Kanon zu­gun­sten von Magnus Hirsch­feld ver­bannt und gilt den Gut­men­schen als »Anti­semit«. Wie kam es dazu?
Hans Blüher war am Steg­lit­zer Gym­na­sium, als die Wan­der­vogel-Be­we­gung ihren Aus­gang nahm. Der Jugend­füh­rer Karl Fischer wurde für ihn das Urbild des »Män­ner­hel­den« in seinen Büchern. Offen­bar war Fischer ein Orga­ni­sa­tor mit großem Cha­risma, der viele Knaben in seinen Bann zog. Den mei­sten wurde dabei nicht bewußt, daß Fischers Nei­gung zu jungen Män­nern Motiv seiner Ener­gie und Un­er­müd­lich­keit war. Da die Sache den Nerv der Zeit traf, ver­selb­stän­dig­te sich diese, und es ent­stan­den aller­orten Wan­der­vogel-Kreise. Ob diese sich nahezu immer, wie Blüher be­haup­tet, um einen »Inver­tier­ten«, so Blü­hers Be­zeich­nung, bil­de­ten, läßt sich nicht mehr nach­prü­fen, im­mer­hin muß es häufig genug vor­ge­kom­men sein, denn es gab bald einen großen Skan­dal in der Presse und durchs Volk kur­sierte der Witz: »Die Wan­der­vögel haben sich ge­trennt. Die eine Gruppe wan­dert nur noch.«
Blüher be­haup­tet in seinem Buch, um den »Män­ner­hel­den« grup­piere sich die so­ge­nannte »männ­li­che Ge­sell­schaft«, die den Kern aller Män­ner­bünde dar­stelle. Er macht Männer, für welche die Fami­lie kein Lebens­modell dar­stellt, als staats­tra­gen­des Motiv aus. Seine Theo­rie von einer mit Ab­stand vom Zen­trum sich immer weiter ver­dün­nen­den Homo­ero­tik als tra­gen­des Prin­zip des Män­ner­bun­des wurde frei­lich nie­mals ernst­haft wis­sen­schaft­lich dis­ku­tiert. Bis in die 60er Jahre wurde das Werk von 1912 außer­ordent­lich gut ver­kauft. Der von Ame­rika aus­gehen­den sexu­el­len Revo­lu­tion paßte Blüher jedoch gar nicht Kon­zept, weil sein Men­schen­bild strikt ari­sto­kra­tisch war und der Klien­tel der neuen Be­frei­ung nicht schmei­chelte. Per­so­nen, die Blüher als »ge­sunde Voll­inver­tierte« be­zeich­net hätte, kamen in diesem Umfeld nicht vor. Es liegt nahe, daß ihn auf die Idee einer staats­tra­genden Rolle be­stimm­ter Cha­rak­tere die seiner­zei­tige Diskus­sion um den »Lie­ben­ber­ger Kreis« ge­bracht hat. Dieser Kreis stand für eine Gruppe in der Um­ge­bung des Kai­sers Wil­helm II., denen Nei­gun­gen zum eige­nen Ge­schlecht nach­ge­sagt wurden. Was immer man von Blü­hers Buch hält, so muß man doch fest­stel­len, daß er in Er­schei­nun­gen, die andere ledig­lich als Deka­denz-Phä­no­mene abtun wollen, Kon­struk­ti­ves zu ent­decken und das in diesem Auf­satz the­ma­ti­sierte Pro­blem nicht libe­ral, son­dern preußisch zu lösen suchte.
Blüher be­rich­tet in seinen Memoi­ren von einem Tref­fen, zu dem er von Magnus Hirsch­feld ein­ge­laden wurde. Er sei in ein Schreckens­sze­na­rium ge­ra­ten. Hirsch­feld habe Miß­bil­dun­gen und Monstrositäten ver­sam­melt und ein Panopti­kum des Ab­arti­gen zu­sam­men­ge­stellt. Wie glaub­haft dieser Be­richt auch sein mag, als sicher darf an­ge­nom­men sein, daß Blüher meinte, neben allen krank­haf­ten Er­schei­nun­gen »ge­schlecht­li­cher Zwi­schen­stu­fen« (Hirsch­feld) und allen Arten von Un­zucht gäbe es auch einen Typus des »ge­sun­den Voll­inver­tier­ten«. Hirsch­feld hin­gegen wollte mit der An­häu­fung von Kurio­sem und Ab­sei­ti­gem den Be­griff des Ge­sun­den über­haupt in Frage stel­len und wie seine er­folg­rei­che­ren Erben als Norm ab­schaf­fen.
In Blü­hers Buch ist dem Phi­lo­so­phen Sokra­tes, den wir nur aus Pla­tons Be­schrei­bung kennen, brei­ter Raum ge­wid­met. Zu Pla­tons Zeit er­freute sich die Kna­ben­liebe in Athen so großer Be­liebt­heit, daß der Staat zur Siche­rung der Ge­bur­ten die er­wach­se­nen Männer ge­setz­lich zur Ehe ver­pflich­tete. Aus diesem Grunde amü­siert sich die Lite­ra­tur seit 2000 Jahren über Sokra­tes' freud­lose Ehe­frau Xan­thippe.
Athen war nicht wie Sparta ein Krie­ger-, son­dern ein Händ­ler­staat. Wir dürfen uns also unter der Stadt durch­aus das moderne oder mon­däne Zen­trum Grie­chen­lands vor­stel­len. Gleich­wohl ist es völlig ver­fehlt, zu be­haup­ten, die vor­christ­li­che Antike hätte sexu­elle Liber­ti­nage im heu­ti­gen Sinne ge­pflegt. Porno­gra­phi­sche Vasen­male­rien, phal­li­sche Stelen und ero­to­mane Kulte dürfen nicht dar­über hin­weg­täu­schen, daß das ge­sell­schaft­li­che Leben kei­nes­wegs regel­los war und nicht be­lie­bige Marot­ten des ein­zel­nen dul­dete. Der Umgang älte­rer Herren mit jungen Athle­ten war zwar von einer Kör­per­lich­keit, die nörd­li­chere Kul­tu­ren als un­keusch emp­fun­den hätten, aber er war kei­nes­wegs schranken­los. Zum Bei­spiel war für einen freien Jüng­ling oder Mann der pas­sive Anal­ver­kehr abso­lut tabu.
Pla­tons Schrift »Das Gast­mahl« ver­dankt sich der Be­griff der Pla­to­ni­schen Liebe. Selten ist ein Be­griff stär­ker ent­stellt und miß­deu­tet worden. Im Gast­mahl be­klagt sich der junge und all­ge­mein als Schön­heit be­kannte Feld­herr Alki­bia­des, er sei zu dem Weisen Sokra­tes ins Bett ge­schlüpft und habe am Morgen noch so da­ge­legen wie er sich am Abend hin­ge­legt habe. Sokra­tes be­lehrt ihn, daß die höhere Form der Liebe keine kör­per­li­che Lust nötig habe. Aus dieser Szene macht nun der moderne Bil­dungs­ver­hun­zer ein Schlag­wort, um seine Freund­schaf­ten zu be­schrei­ben, bei denen der Freund (oder auch die Freun­din) keinen kör­per­li­chen Reiz auf ihn ausübt. Etwas lapi­dar formu­liert, die Freunde, die zwar inte­res­sant, aber häß­lich seien. Das ist aber bei Pla­ton nicht ge­meint. Sokra­tes be­strei­tet nicht, daß er Alki­bia­des be­gehrt, aber er ent­sagt der Lust für ein Bil­dungs­ideal.
Sokra­tes wurde schließ­lich als Ver­der­ber der Jugend zum Tode ver­ur­teilt und gilt des­halb als Mär­ty­rer der freien Liebe. Diese An­sicht ist naiv. Sokra­tes ver­kehrte mit Poli­ti­kern und Feld­her­ren. In diesem Milieu wird man nicht wegen Sit­ten­wid­rig­keit ge­tö­tet. Sein Tod hatte natür­lich poli­ti­sche Gründe. Die Ein­zel­hei­ten dazu sind nicht über­lie­fert, aber die Ge­wohn­heit des Sokra­tes, jungen Män­nern eine völlig neue Art des Den­kens bei­zu­brin­gen, wird ihm nicht nur Freunde ge­macht haben. Die Athe­ner hatten in reli­giö­sen Dingen eine große Libe­ra­li­tät und der Rahmen der Schick­lich­keit war groß. Es war durch­aus er­laubt, an diesem oder jenem Gott lächer­li­che Seiten zu ent­decken. Sokra­tes' Mythen­kri­tik ist jedoch von einer völlig neuen Qua­li­tät. Hinzu kommt seine Methode: das vor­aus­set­zungs­lose Fragen. Ich weiß, daß ich nichts weiß, ist die zen­trale These. Vom Nichts-Wissen zum Nichts-Glau­ben ist es jedoch nicht weit, da gähnt der Ab­grund der An­archie. Sokra­tes hat die Macht­frage ge­stellt.
Es wird über­lie­fert, Sokra­tes hätte nach dem Urteil die Mög­lich­keit zur Flucht gehabt, diese aber ver­schmäht und den Schier­lings­becher ge­nom­men. Dies macht ihn zu einem Hei­li­gen der Ver­nunft-Gläu­bi­gen. Mir er­schei­nen frei­lich andere Motive für dieses Sich-drein-Schicken plau­sibler als der Glaube an die überper­sön­li­che Wahr­heit der Phi­lo­so­phie. Sokra­tes war nicht mehr der jüng­ste und er hatte sich an ein Leben als Fla­neur ge­wöhnt. In seiner Hei­mat­stadt war er eine Auto­ri­tät und ein be­gehr­ter Ge­sprächs­part­ner, der in der Ober­schicht ge­hät­schelt wurde. Als Flücht­ling hätte er nur das nackte Leben retten können, ohne Status und Wohl­stand, dafür mit den Sorgen des Alters und der feh­len­den Ver­wandt­schaft. Er hat sich für den Tod ent­schie­den.
Gern wird von Frei­gei­stern Sokra­tes' Schier­lings­trank dem an­geb­lich würde­losen Kreu­zes­tod des Jesus von Naza­reth gegen­über­ge­stellt. Furcht und Zit­tern des Sokra­tes' hätte Pla­ton in seiner Apo­lo­gie gewiß ver­schwie­gen, aber die Evan­ge­lien be­rich­ten mit er­grei­fen­der Deut­lich­keit von dem Wunsch des Hei­lands, der Krug möge an ihm vor­über­gehen. Er ist gewiß nicht leben­smüde, wie es bei Sokra­tes durch­aus an­ge­nom­men werden kann. Das ent­schei­dende ist aber etwas ande­res: wenn Jesus sein Kreuz auf sich nimmt, dann nicht etwa, weil er meinte, damit ein Zei­chen zu setzen, die Kirche zu stif­ten oder was auch immer, son­dern er han­delt aus Ge­hor­sam gegen­über dem Vater.
Die treff­lich­ste Unter­schei­dung zwi­schen »links« und »rechts« er­scheint mir immer der höch­ste unter­schied­li­che Glaube, hier an den Bruder, dort an den Vater. Der Bruder ist der Glei­che oder der ver­meint­lich Glei­che. Der Vater ist die Auto­ri­tät. Zudem ist das Vater-Sohn-Ver­hält­nis eines der Gene­ra­tio­nen und ein Schlüs­sel für das ewige Muster der Iden­ti­tät im Ver­schie­de­nen. Zwi­schen Vater und Sohn steht die Mutter. Die Schwe­ster steht nie­mals zwi­schen den Brü­dern, son­dern immer da­ne­ben. An dieser Kon­stel­la­tion sehen wir deut­lich daß die rechte Welt­sicht der Ord­nung der Natur folgt, wäh­rend die linke die­selbe auf­zu­heben trach­tet.
Leute, die als betont homo­sexu­ell in Er­schei­nung treten, haben meist ein linkes Welt­bild. Kinder haben sie keine und zum Vater meist ein ge­bro­chenes Ver­hält­nis. Ihre Ge­meinde be­steht aus Brü­dern. Das wird schon bei Sokra­tes so ge­we­sen sein, obwohl der natür­lich ganz genau wußte, was er seinen Brü­dern voraus hatte. Das Bei­spiel Ernst Röhm wird gern be­nutzt, um den über- oder gar meta­poli­ti­schen Cha­rak­ter der Nei­gung zu be­to­nen. Aber gerade dieses Bei­spiel ist wenig stich­hal­tig. Hit­lers Weg zur Macht war ja gerade die Ver­bin­dung von linkem und rech­tem Denken, daß »Natio­nal­sozia­lis­mus« ein reiner Pro­pa­ganda­be­griff ge­we­sen sei, wurde erst nach 1945 be­haup­tet. Die SA um Röhm wollte eine zweite Revo­lu­tion und war damit zwei­fel­los eine Links­oppo­si­tion. Auch Röhm ist über seinen Griff nach der Macht ge­stürzt und nicht wegen seiner Orien­tie­rung. Seine Nei­gun­gen dürf­ten Hitler schon 1923 be­kannt ge­we­sen sein.
Als die be­kann­te­ste »Schwu­len­ver­fol­gung« des Mit­tel­alters gilt der Unter­gang des Temp­ler­ordens. Die Homo­sexu­ali­tät, die den Krie­gern in einem, aller­dings sehr präch­ti­gen, Mönchs­ge­wand nach­ge­sagt wurde, war dort sicher ver­brei­tet. Es ist jedoch poli­tisch naiv, zu ver­mute­ten, sie sei der tat­säch­liche Grund der Ver­fol­gung ge­we­sen und nicht ledig­lich Teil der Pro­pa­ganda, die Ge­stürz­ten im Volk her­ab­zu­set­zen. Die Temp­ler waren ein be­waff­ne­ter Staat im Staat und ver­wal­te­ten Sie die Finan­zen der fran­zö­si­schen Krone. Diese Macht war dem König ein Dorn im Auge. Nach der An­klage folgte eine Pro­zeß­lawine in ganz Europa. Wäh­rend aber in Frank­reich alle Pro­zesse mit Schuld­spruch und Todes­ur­teil ende­ten, gab es in Ita­lien nur wenige Schuld­sprü­che, in Deutsch­land und Eng­land wurde fast immer auf Frei­spruch er­kannt. Wäre es tat­säch­lich um Sexual­prak­ti­ken ge­gan­gen, wären diese Diffe­ren­zen kaum er­klär­lich, denn die Moral­vor­stel­lun­gen und Strafgesetze unter­schie­den sich kaum.
Überhaupt wurden Män­ner­bünde dieser Art schon in der Antike als mög­liche Ver­schwö­rer ver­däch­tigt, be­obach­tet und zu­zei­ten ver­folgt. Also häufig be­stand die Be­fürch­tung zu Recht. Man weiß auch, daß die Ge­brü­der Stauf­fen­berg ihrem Idol Stefan George hul­dig­ten, der, wobei seine pla­to­ni­sche Zu­rück­hal­tung nicht in­frage ge­stellt sei, doch der männ­li­chen Jugend außer­ordent­lich zu­ge­tan war. Es be­steht jeden­falls ein Zu­sam­men­hang zwi­schen Erotik unter Män­nern und einem poli­ti­schen Ge­walt­poten­tial. Auch der homo­sexu­elle Ein­zel­gän­ger hat oft große poli­ti­sche Ambi­tio­nen. Daß Thomas Mann sein Vater­land und die ganze abend­län­di­sche Kultur ver­riet, hat durch­aus nicht wenig mit Gustav Aschen­bach und seiner todes­seli­gen Kna­ben­liebe zu tun. Bei Thomas Mann lernen wir auch, daß man ein lite­ra­ri­sches Genie wird, wenn man die eigene Fami­lie nach Kräf­ten mit Dreck be­wirft. Bester Beweis für seine These, daß die Deut­sche seit Luthers Zeiten un­ver­bes­ser­li­che Nazis seien, ist frei­lich der Um­stand, daß die Deut­schen ihn, den großen Emi­gran­ten Thomas Mann, nach 1945 gar nicht wie­der­haben woll­ten. Nur wird das heute frei­lich alles so dar­ge­stellt, als miß­gönn­ten die Macht­haber ihren Unter­tanen ein biß­chen Spaß im Bett.
 
II
Was Häns­chen nicht lernt, lernt Hans nim­mer­mehr, sagt das Sprich­wort. In der Tat läßt sich wis­sen­schaft­lich nach­wei­sen, daß die Gei­stes­lei­stung bei Kin­dern und Jugend­li­chen be­son­ders hoch ist, im Er­wach­se­nen­alter bei den mei­sten Men­schen ab­sinkt und sich nur bei weni­gen bis zur Ver­grei­sung rela­tiv kon­stant hält. Im ersten Lebens­jahr­sie­bent ge­stal­tet sich die Bil­dung rela­tiv selbst­tätig, das Kind er­lernt Spra­che um Um­gangs­for­men, es lernt sich durch­zu­set­zen und die Dinge zu be­grei­fen, die sein Leben be­rüh­ren. Wesent­lich sind in diesem Alter vor allem mora­li­sche Werte, die durch Vor­bil­der ge­schaf­fen werden. Im zwei­ten Jahr­sie­bent bricht in Schü­ben die Sexua­li­tät herein, um im drit­ten oft zum Dauer­pro­blem zu werden. Dieses Zu­sam­men­tref­fen von star­ker Sexua­li­tät und hoher Gei­stes­lei­stung be­rührt sich mit dem weiter oben ver­mute­ten ent­wick­lungs­ge­schicht­li­chen Zu­sam­men­hang. Nun ist aber der Mensch ein Wesen, das in Jahr­tau­sen­den seinen ani­ma­li­schen Kern in eine Kultur ein­ge­bet­tet hat, die man all­ge­mein als ein Stre­ben nach Dauer­haf­tig­keit be­schrei­ben kann. Für spätere Früchte wird auf un­mit­tel­ba­ren Lust­ge­winn ver­zich­tet. Schon Kinder lernen, daß sich die Vor­aus­schau lohnt. Aber die Sexua­li­tät ist eine so große Natur­kraft, daß es die Ge­sell­schaft seit un­vor­denk­li­chen Zeiten für not­wen­dig ge­hal­ten hat, mit über­indi­vi­du­el­len Vor­keh­run­gen dafür zu sorgen, daß die kurze Lust nicht lange Reue nach sich zieht.
In hierarchi­schen Ge­sell­schaf­ten be­han­delt man die Jugend­li­chen höchst un­gleich. Bei jenen, die ge­sell­schaft­lich ganz unten stehen, den Knech­ten (einer sozia­len Gruppe, der die Moderne nahezu sämt­li­che Men­schen zu­ord­nen will), wird die Sexua­li­tät in keiner Weise ge­bremst. Sie sollen gerade im Jugend­alter für Nach­wuchs sorgen, denn eine Frau wird umso mehr Kinder be­kom­men, je früher sie damit an­fängt. Bei den Bauern und im Adel stellte man früh­zei­tig ein ge­eig­ne­tes Paar zu­sam­men, um nicht nur für Nach­wuchs, son­dern auch für eine legi­time Erb­folge zu sorgen. Anders beim Bür­ger­tum. Hier wurde zu­min­dest ver­sucht, die Sexua­li­tät bis zum zwan­zig­sten Lebens­jahre aus­zu­schal­ten, oft noch viel länger.
Diese Unter­drückung der Sexua­li­tät wird in der Moderne als Schänd­lich­keit gepönt, als Kron­zeu­gen dienen dabei Romane aus der Indu­stria­li­sie­rungs­zeit, in denen eine un­er­träg­li­che Span­nung in Kna­ben­inter­na­ten ge­schil­dert wird. Oft wird in diesen Werken auch der Ein­druck er­weckt, die Unter­bin­dung der ge­sun­den Sexua­li­tät führe zur krank­haf­ten und ver­derb­li­chen. Die Ge­schichte spricht aber eine andere Spra­che. Ob in der Lite­ra­tur, der Musik, der Male­rei – nir­gend­wo kann sich die Welt nach dem ersten Welt­kriege mit der Zeit davor messen. Aber nicht nur in der Kunst, auch in den Wis­sen­schaf­ten er­lebte das christ­li­che Abend­land eine Blüte, der ein großer Nie­der­gang folgte.
Die orga­ni­sche Welt unter­schei­det sich von der an­orga­ni­schen da­durch, daß sie Dauer nur durch fort­wäh­rende Er­neue­rung kennt. Jeder Muskel muß trai­niert werden. Nicht anders ist es mit dem Gehirn. Die Gei­stes­lei­stung hat zwei Pole: die Auf­fas­sungs­gabe und das Ge­dächt­nis. Beide können nur mit­ein­ander funk­tio­nie­ren. Ohne die Fähig­keit, Fakten zu ge­wich­ten, syn­the­tisch und anti­the­tisch zu ver­bin­den, ist alles Fak­ten­wis­sen nutz­los. Ebenso er­schöp­fen sich struk­tu­relle Fähig­kei­ten ohne an­ge­mes­se­nen Inhalt im leeren Spiel. Ich las vor eini­ger Zeit die zu­tref­fende, wenn auch dort ab­wer­tend ge­meinte, Ein­schät­zung, die be­son­dere Schu­lung des Ge­dächt­nis­ses sei das Kenn­zei­chen reak­tio­nä­rer Päda­go­gik. Rich­tig ist, daß linke Päda­go­gik auf Span­nung und Kritik setzt und von weni­gen, dafür umso mar­kan­te­ren, Aus­nah­men ab­ge­sehen, alles zu hin­ter­fra­gen lehrt. Man könnte auch zu­spit­zen: alles zu ver­däch­ti­gen. In der Kon­se­quenz ist dies eine Dyna­mi­sie­rung, die zum Leer­lauf wird oder um wenige kli­schee­hafte Fakten kreist. Die Schu­lung des Ge­dächt­nis­ses ist die Basis für ein langes Leben, dessen Gipfel einmal mit Weis­heit be­zeich­net wurde. Heute haben wir nicht mehr den Weisen, son­dern den Intel­lek­tu­el­len, der im Volke nicht ganz zu Un­recht oft den Ruf des Spitz­fin­di­gen, Überspannten, Selbst­be­zo­ge­nen hat.
Im Gegen­satz zur Auf­fas­sung, die viel von dem Spiel­trieb pro­fi­tie­ren kann, ist für die Schu­lung des Ge­dächt­nis­ses Kon­ti­nui­tät er­for­der­lich. Eine solche Päda­go­gik kann keine Kon­kur­ren­ten brau­chen. Folg­lich ist es natür­lich, daß gerade die »reak­tio­näre« Päda­go­gik ein Pro­blem mit der Jugend­sexua­li­tät hat. Für ein höhe­res Bil­dungs­niveau ist nicht nur eine Tren­nung der Ge­schlech­ter nötig, son­dern gerade­zu eine Ab­sper­rung.
Nun wird be­haup­tet, solche Kna­ben­inter­nate seien Brut­stät­ten der Homo­sexu­ali­tät. Dem ist zu wider­spre­chen, sie sind es ge­nau­so wenig wie Ge­fäng­nisse und Schiffe. Sicher findet in reinen Män­ner­ge­mein­schaf­ten hie und da Un­zucht statt. Aber diese ist recht fol­gen­los, weil ihr jeg­liche Kultur fehlt. Kein Werben, kein Zu­kunfts­pla­nen, keine Ver­nach­läs­si­gung ande­rer Dinge für das ero­ti­sche Ziel. Die weni­gen Homo­sexu­el­len, die Knast­roman­tik für bare Münze nahmen, wurden bitter ent­täuscht. Ihr Fazit: dort laufe zwar eini­ges, aber auf unter­stem Niveau. Diese Art von Un­zucht bleibt immer Notzucht. Ihr fehlt alle Raf­fi­nes­se einer Sub­kul­tur, die zeigen will, daß sie höhere Lust­ge­winne er­zie­len kann als die Ver­bin­dung von Mann und Frau. Und weil der Sex in Straf­an­stal­ten so dumpf und phan­ta­sie­los ist, bleibt er auch ohne Kon­se­quen­zen für den Sträf­ling nach seiner Ent­las­sung.
In den Kna­ben­inter­na­ten, wo Sex ver­pönt ist, aber nur milde be­straft wird, kommen noch wei­tere ent­lastende Momente hinzu. Da das Inte­resse an höhe­rer Bil­dung all­ge­mein ist, ist auch die Hier­archie von der gei­sti­gen Lei­stung be­stimmt. Nie­mand wird wegen irgend­wel­cher amurösen Aben­teuer in seinem Lei­stungs­stre­ben ge­hemmt. Das Lei­stungs­stre­ben zielt aber auf einen Platz in der bür­ger­li­chen Ge­sell­schaft. Dieser Platz heißt Ehe und Fami­lie. In den Inter­na­ten werden keine Gegen­ent­würfe ent­wickelt. Des­halb blei­ben ge­legent­li­che Spie­le­reien ohne Folgen.
Natür­lich gibt es neben den Män­nern, die solche Er­satz­hand­lun­gen trei­ben, auch jene, die Blüher als Voll­inver­tierte be­zeich­net und die lebens­lang keine Nei­gung zur Frau emp­fin­den und für die Ehe und Fami­lie un­disku­ta­bel sind. Die Ur­sachen­frage stellt sich bei dieser unter Nor­mal­be­din­gun­gen sehr klei­nen Gruppe ganz anders als bei denen, die erst unter be­stim­mten ge­sell­schaft­li­chen Be­din­gun­gen »auf den Ge­schmack kommen«. Die Ur­sachen­frage führt rasch zu dem hoch­poli­ti­schen: an­ge­boren oder er­wor­ben? Im Mate­ria­lis­mus unse­rer Zeit kann »an­ge­boren« nur gene­tisch determiniert be­deu­ten, allen­falls stehen noch Einflüsse wäh­rend der Schwan­ger­schaft im Blick. Der Ver­such, ein kom­plexes Ver­hal­tensschema, daß überdies ge­sell­schaft­lich defi­niert ist, molekular zu verifizieren, er­scheint gerade­zu lächerlich. Da ist ja selbst die astro­lo­gi­sche Welt­sicht rea­li­täts­ge­rech­ter, die ja im­mer­hin neben der Zeit noch den Ort als maß­geb­lich für das Schick­sal auffaßt.
Der Ansatz einer er­wor­be­nen Nei­gung, wird all­ge­mein unter dem Schlag­wort »Ver­füh­rungs­theo­rie« zu­sam­men­ge­faßt. Sie gilt heute als gänz­lich über­holt, aus dem ein­zi­gen Grunde, weil sie von der Schwu­len­be­we­gung uni­sono ab­ge­lehnt wird. Zu­nächst in der Ab­sicht, keine strafrechliche Ver­ant­wor­tung zu­zu­las­sen. Aber auch un­ab­hän­gig von sol­chen Be­fürch­tun­gen schmei­chelt es nun mal einem Er­wach­se­nen wenig, wenn die An­sicht be­steht, er sei durch ein für ihn zu­fäl­li­ges Er­leb­nis zu seiner lebens­lan­gen Praxis ge­kom­men. Da sind ihm die Gene doch lieber.
Die Ver­füh­rungs­theo­rie ist nicht so abseitig, wie oft wiederholt wird. Wunsch und Er­regung haben sehr viel mit inne­ren Bil­dern zu tun, mit Kon­stan­ten, die wir nicht hin­ter­fra­gen wollen, aber die doch einen kon­kre­ten Ein­gang in unser Leben ge­fun­den haben. Er­leb­nisse in der Jugend können eine große Präge­kraft ent­fal­ten. Gerade in diesem Alter ist die Sexua­li­tät heftig, das Schmach­ten tyran­nisch und die Ent­ladung ge­wal­tig. Aus­schlag­gebend für eine Prä­gung ist aber nicht das Er­leb­nis als sol­ches, son­dern die Ge­stimmt­heit, die Be­reit­schaft, sich einen Stem­pel auf­drücken zu lassen. Gilt es als harm­los, schwul zu sein, da­ge­gen als schimp­flich, sein Coming Out nicht absol­viert zu haben, wird man­cher ein Er­leb­nis für etwas nehmen, was es gar nicht hätte sein müssen. Die Ver­füh­rungs­theo­rie lassen übri­gens am ehe­sten Pro­sti­tu­ierte gelten, etwa nach dem Motto, man brau­che Geld und es würde dann doch etwas an einem hängen blei­ben.
Die besten Er­fah­run­gen hat man dort ge­macht, wo eine milde Unter­drückung be­stand. Jene, die meinen, nicht anders zu können, mußten ein schlech­tes Ge­wis­sen kom­pen­sie­ren, was mit­unter sehr große Lei­stun­gen her­vor­brachte. Für alle ande­ren war die ver­pönte Lebens­weise kein Modell. Man muß je auch be­rück­sich­ti­gen, daß unter vor­moder­nen Be­din­gun­gen Mann und Frau sehr stark auf­ein­an­der an­ge­wie­sen waren und es der über­großen Be­völ­ke­rungs­mehr­heit schon wirt­schaft­lich völlig un­mög­lich ge­we­sen wäre, auf einen Haus­stand zu ver­zich­ten. Auch die Versorgung der Alten war früher keine Sache des Staa­tes, son­dern der Fami­lie.
Aus dem Ge­sag­ten wird deut­lich, daß die Lust des Sokra­tes unter vor­moder­nen Be­din­gun­gen kein Pro­blem dar­stel­len kann. Wenn sie in den letz­ten Jahr­zehn­ten einen immer größe­ren Raum im öffent­li­chen Be­wußt­sein ein­nimmt, aus eini­gen Groß­städ­ten und natür­lich aus der kom­plet­ten Medien­branche über­haupt nicht mehr weg­zu­den­ken ist, so steckt da­hin­ter eine Ideo­lo­gie, die dieses Phä­no­men für ihr Zer­stö­rungs­werk nutzt.
Um das ganze Ausmaß dieser Ideo­lo­gie, ihrer Ab­sich­ten und Be­weg­gründe, zu er­fas­sen, darf man die Homo­sexu­ali­tät nicht iso­liert be­trach­ten. Das Pro­jekt der Moderne ist die klas­sen- und völ­ker­lose Welt­ge­sell­schaft. Allen tra­dier­ten Werten, Schran­ken, Tabus wird mit diesem Ziele ein Zwei­fron­ten­krieg auf­ge­zwun­gen. Eine Front stel­len kor­rum­pierte Eliten in Poli­tik, Wirt­schaft und Medien, die andere Front eine sich stetig ver­meh­rende Unter­schicht, die auf staat­li­che Unter­halts­zah­lun­gen an­ge­wie­sen ist und ihr Welt­bild aus den Medien be­zieht. Also Ver­räter und Knechte. Die zu­neh­mende Un­mün­dig­keit, die ja vor allem daher resul­tiert, daß man sich und die seinen nicht mehr aus eige­ner Kraft er­näh­ren kann, wird durch ein Unter­hal­tungs­pro­gramm kom­pen­siert, daß aus sich selbst den Mythos kre­iert, es sei die Pflicht des Staa­tes, die Lange­weile zu ver­trei­ben und die Leute bei Laune zu halten. Wäre dies in der Tat die erste Pflicht des Staa­tes, so müßten wir unsern als einen der besten feiern. Unter­hal­tung ge­lingt natür­lich am besten, wenn man den Leuten bei­bringt, wie sie sich zu unter­hal­ten hätten. Das nie­drig­ste Niveau ist ein Garant für höch­ste Ein­schalt­quo­ten.
Ein nicht un­be­trächt­li­cher Teil dieser Unter­hal­tungs­marotte ist die Lehre, die Sexua­li­tät sei nicht für die Folge der Gene­ra­tio­nen, für die Er­neue­rung des Lebens, den Auf­stieg von Völ­kern und Kul­tu­ren und für die Pola­ri­tät der Ge­schlech­ter als ein­ander be­din­gende Gegen­sätze in Geist und Leben da, son­dern zu Kurz­weil und Selbst­ver­wirk­li­chung eines jeg­li­cher Bil­dun­gen be­frei­ten Indi­vi­du­ums. Die erste Vor­aus­set­zung dieser Neu­be­wer­tung war die preis­werte Omni­prä­senz von Schwan­ger­schafts-Ver­hütungs­mit­teln. Auf diese Weise konnte breitetsten Schich­ten deut­lich ge­macht werden, daß Fort­pflan­zung und Sexua­li­tät doch nur bei den Leuten zu­sam­men­ge­hö­ren, die für die Seg­nun­gen der moder­nen Tech­nik ein­fach zu blöd sind. Im näch­sten Schritt wurde die Fötus­ab­trei­bung lega­li­siert und sogar die Kosten für diese Be­hand­lung der All­ge­mein­heit auf­ge­halst. Es könne ein­fach nicht sein, daß es beim ver­brief­ten Recht auf Lust und sexu­elle Selbst­be­stim­mung ein Rest­risiko gäbe.
Die sexu­elle Revo­lu­tion er­füllte jedoch die großen Er­war­tun­gen nicht. Ob Part­ner­tausch oder Grup­pen­sex, ob legale oder ille­gale Drogen, es blieb dabei, daß sich über kurz oder lange wieder die Lange­weile ein­stellte, die man doch so wirk­sam zu be­kämp­fen ver­sprach. Also wurde eine neue Runde der Libe­ra­li­sie­rung nötig. Mit dem Namen Beate Uhse ver­bin­det sich eine ganze Indu­strie. Die Porno­gra­phie kam von den Schmud­del­gas­sen in die großen Ge­schäfts­straßen. Die Video­kas­sette, der Com­pu­ter und zu­letzt das welt­weite Netz der Elek­tro­nen­rech­ner wurden von der Gier nach be­weg­ten Bil­dern finan­ziert. Vir­tu­el­ler Sex wird als frei vom An­steckungs­risiko ge­fei­ert. Kannte man früher die Tele­fon­num­mern von Poli­zei, Feuer­wehr und Not­arzt, so wußte nun bald jeder, mit wel­chen Num­mern man sich, ge­nügend Klein­geld vor­aus­ge­setzt, stun­den­lang von Nym­pho­manin­nen aku­stisch ver­wöh­nen lassen kann. Die mei­sten porno­gra­phi­schen Läden nahmen bald auch zu­sätz­lich Sex­spiel­zeug ins Pro­gramm, mit dem sich neue Lust­zen­tren ent­decken ließen. Da gibt es Gurte mit drei Nach­bil­dun­gen des männ­li­chen Glie­des, die von Frauen zu tragen sind, zwei Glie­der sind nach innen zur vagi­na­len und analen Selbst­be­frie­di­gung, mit dem drit­ten, größ­ten kann der Mann anal be­frie­digt werden. Das Sor­ti­ment reicht von übers Inter­net steuer­baren Bei­schlaf­auto­maten bis zum Andreas­kreuz. Hightech grüßt die Stein­zeit.
Nach­dem man nun die Sexua­li­tät vom Kin­der­krie­gen ge­trennt hatte, die Rol­len­ver­tei­lung der Ge­schlech­ter auf­brach und nach neuen Lust­zen­tren suchte, war es nicht be­son­ders ver­wun­der­lich, daß auch die Homo­sexu­ali­tät in neuem Lichte er­schien. Ja, sie eig­nete sich nicht nur als Garant, nicht in archa­ische Vor­stel­lung von Gene­ra­tio­nen­ver­ant­wor­tung zu­rück­zu­fal­len, sie bot auch eine Kon­su­men­ten­gruppe von ex­tre­mer Sprung­haf­tig­keit und Risiko­freu­dig­keit. In den frühen acht­zi­ger Jahren sprach in der Thü­rin­ger Pro­vinz noch das ganze Dorf davon, weil sich ein West­ber­li­ner mit Ohr­ring ge­zeigt hatte. Nicht nur daß die Schwu­len Trend­set­ter wurden, der Wech­sel der Moden be­schleu­nigte sich enorm und immer mehr Moden ge­rie­ten in den Status sexu­el­ler Feti­sche. Das be­son­dere Kon­strukt dieser Stufe ist die so­ge­nannte homo­sexu­elle Iden­ti­tät. Auch wenn Nach­rufe in Zei­tun­gen, ein »bei­spiel­haf­ter schwu­ler Lebens­lauf« habe sein Ende ge­fun­den, immer noch die Aus­nahme sind, fing eine immer größere Zahl von Leuten in den Groß­städ­ten an, eine so­ge­nannte Sub­kul­tur auf­zu­bauen und sich durch die­selbe zu defi­nie­ren.
Das Vor­bild dafür ist San Fran­ci­sco in Kalifornien, wo man nicht nur zum schwu­len Fri­seur und zum schwu­len Pop­sän­ger geht, son­dern auch seine Bröt­chen beim schwu­len Bäcker kauft. Sage einer, dies habe keine poli­ti­sche Rele­vanz. In einer fast aus­schließ­lich schwu­len Ge­sell­schaft wie in Be­zir­ken jener Stadt wird der Kon­for­mi­täts­druck in einer Weise ge­stei­gert, daß uns Rob­bes­piere als Waisenknabe er­schei­nen will. Da muß man sich tätowieren lassen und dies nach ein paar Jahren wieder ent­fer­nen lassen, weil es in­zwi­schen uncool ge­wor­den ist. Da ist man natür­lich intim­ge­pierct. Tabak ist out, Dope ist in. Oder besser noch Chems. Und vor allem wird man nicht müde zu be­to­nen, man kenne seinen Marktwert und im übri­gen keine Tabus.
Keine Tabus, das meint die Welt der Per­ver­sio­nen, und damit bin ich bei der vierten Stufe der sexu­el­len Be­frei­ung. Vorher möchte ich aber noch auf das Kunst­stück ein­gehen, das mit den Demon­stra­tio­nen und Liebes­para­den ge­lun­gen ist. Da wird zu­nächst gegen eine Ver­fol­gung pro­testiert, die es zu­min­dest für die mei­sten der Selbst­dar­stel­ler nie­mals gab. Aber dies ist ja nur der Anlaß zu einer großen Feier. Was feiert man eigent­lich? Man feiert, daß man »anders« ist. Anders, das kann vie­ler­lei be­deu­ten, etwa daß man Latex­feti­schist, leder­schwul oder Tunte, les­bisch, Mann-zu-Frau-trans­sexu­ell oder um­ge­kehrt ist, aber auch bi­sexu­ell, oder ein­fach eine Hexe, ein Clown, ein Sam­mel­surium von Eitel­kei­ten ist. Es ist ein gerade­zu genia­les poli­ti­sches Kunst­stück, lauter tief verfeindete Grup­pen mit dem Feindbild der Normalität vereinigt zu haben, und dies in einem Ge­schrei, das dem letz­ten Igno­ran­ten be­weist, daß wir nicht mehr in der Welt der tra­dier­ten Fami­lie leben.
Denn dies ist die Auf­gabe der groß­zügig ali­men­tier­ten Umzüge: den Beweis an­tre­ten, daß nur noch ewig Gestrige bzw. kahl­ge­scho­rene Dumpf­backen an einem Men­schen­bild fest­hal­ten, das nicht von Alice Schwarzer oder Calvin-Klein-Unter­hosen ge­prägt ist. An dieser Stelle er­laube ich mir auch die äußerst ket­ze­ri­sche Ver­mutung, daß die Zu­nahme von Aus­nah­me­er­schei­nun­gen etwas mit ras­si­schen Ver­ände­run­gen in Mit­tel­europa zu tun habe. Bilder, daß Jungen und Männer auf­wen­dige Fri­su­ren und Schmuck tragen, sind noch ver­hält­nis­mäßig jung. Im Westen kam dies erst in den sieb­zi­ger Jahren auf, in Mit­tel­deutsch­land erst nach dem Fall der Mauer. Was aber schon vorher ge­schah, war das Ver­schwin­den eines Frauen­typus, der in den Spiel­fil­men bis 1945 als Schön­heits­ideal ge­fei­ert wurde. Nun sind Spiel­filme ja nicht re­prä­sen­ta­tiv, das Aus­sehen be­lieb­ter Schau­spie­ler sagt wenig über das Aus­sehen der Leute im Volk. Im vori­gen Jahr sah ich jedoch einen Ama­teur-Doku­men­tar­film von 1938 über das letzte Brun­nen­fest in meiner Hei­mat­stadt vor dem Krieg. Gerade weil der un­be­kannte Pro­du­zent kei­ner­lei pro­pa­gan­di­sti­schen Zweck ver­folgte, ist ihm eine kaum zu über­bie­tende Pro­pa­ganda ge­lun­gen. Für das Thema hier inte­res­sie­ren mich nur die jungen Mäd­chen, die auf dem Markt­platz tanz­ten. Solche Mäd­chen gab es in den sieb­zi­ger Jahren in Mit­tel­deutsch­land nicht mehr. Bei älte­ren Frauen konnte man er­ken­nen, daß sie früher so aus­ge­sehen hatten. Aber hier war offen­bar ein früher nicht sel­te­ner Typus gerade­zu aus­ge­stor­ben. Das hat nichts mit Klei­dung oder Kos­me­tik zu tun, Dinge, die unter real­sozia­li­sti­schen Be­din­gen eher unter­ge­ord­net waren. Eine Er­klä­rung für diesen selt­sa­men Um­stand habe ich nicht, aber ich möchte ihn doch einmal aus­ge­spro­chen haben.
Nach der Homo­sexua­li­sie­rung kommen aber noch wei­tere Stufen der sexu­el­len Um­er­zie­hung. Wenn ich hier von Per­ver­sion spre­che, so meine ich damit die Nei­gung zu Urin und Ex­kre­men­ten, vor allem aber sadi­sti­scher Gewalt und maso­chi­sti­scher Unter­wer­fung. Es ist un­mög­lich, alle Spiel­chen von Wachs- und Elek­tro­be­hand­lung, Stie­fel­lecke­reien und ano­ny­mer Mas­sen­be­gat­tung im Dun­kel­raum oder mit Masken auf­zu­zäh­len. Der Sado­maso­chis­mus ist ein theo­re­tisch inte­res­san­tes Phä­no­men, das mitt­ler­weile nei­gungs­über­grei­fend noch weit häu­fi­ger als die Homo­sexu­ali­tät zu sein scheint. In einer Ge­sell­schaft, wo alle Brüder sind, es an­geb­lich weder Hirt noch Herde gibt, sehnen sich die Leute nach un­be­ding­ter Macht und un­be­ding­tem Ge­hor­sam. Aller­dings schein­bar. Wer ver­ge­wal­tigt zu werden wünscht, bleibt Regis­seur in dem Spiel, zu­min­dest im ersten Akt. Es muß nach einem Muster laufen. Woher kommt dieses Muster? Nun sage bitte keiner, es käme von De­müti­gun­gen im Drit­ten Reich. Dafür sind die Leute zu jung.
Der Sado­maso­chis­mus kop­pelt den Sexus nicht nur von Hoff­nung und Treue ab, dies haben die vori­gen Stufen be­reits er­reicht, er streicht auch end­gül­tig die Liebe durch. An ihre Stelle tritt eine reine Nega­ti­vi­tät, die übri­gens auch schon der klein­ste ge­mein­same Nenner der Lie­bes­parade war. Wenn die Nega­tion keine ge­sell­schaft­li­chen Tabus mehr zur Über­tre­tung vor­fin­det, muß sie sich schließ­lich gegen die bio­lo­gi­sche Sub­stanz wenden. Fol­ter­instru­mente, bei derem bloßen Zeigen im Mit­tel­alter hart­ge­sot­tene Ver­bre­cher ein Ge­ständ­nis ab­leg­ten, werden nun vom Delinquenten selbst für teures Geld an­ge­schafft. De Sade hat in seinen Werken un­miß­ver­ständ­lich klar­ge­macht, daß die luzi­fe­ri­sche Über­tre­tungs- und Ver­nei­nungs­sucht erst im Lust­mord ihr Ziel findet. Das Objekt der Be­gierde wird dann nicht mehr künf­ti­ger Lange­weile über­las­sen, son­dern zer­stört. Im all­ge­mei­nen gehen die moder­nen Jünger de Sades nicht so weit. Oft ist in An­zei­gen zu lesen, daß blei­bende kör­per­li­che Schä­den das ein­zige Tabu seien.
Vor eini­ger Zeit ging ein graus­li­cher Fall durch die Medien. Ein Kan­ni­bale hatte sein wil­li­ges Opfer, eben­falls einen Mann, über das Netz ge­fun­den. Der Kanibale ver­spei­ste im Augesicht des Opfers dessen Ge­schlechts­teil. Danach schlach­tete er es, und ver­spei­ste es nahezu voll­stän­dig über einen länge­ren Zeit­raum. Er ließ nichts ver­kom­men und war sich keiner Schuld bewußt, da er ja mit aus­drück­li­cher Ein­wil­li­gung des Opfers ge­han­delt habe, das nun eine be­son­ders innige Ver­eini­gung mit ihm ein­ge­gan­gen sei.
Was Fern­sehen und Zei­tun­gen nach den poli­zei­li­chen Er­mitt­lun­gen und der Ver­haf­tung des Kan­ni­ba­len be­rich­te­ten, war der Gipfel der Heu­che­lei. Nie­mand wollte Paral­le­len zur »ein­ver­ständ­li­chen« Sexua­li­tät sehen, die doch sonst als so hohe Er­run­gen­schaft ge­prie­sen wird. Eini­gen Dich­tern unse­rer Tage ist solche Heu­che­lei aller­dings fremd, einer meint, der ästhe­ti­sche Be­trach­ter sähe »die tote Ge­liebte mit weißen Lilien ge­schmückt auf Mee­res­wogen schrei­ten«, was zwar völlig dem mora­li­schen Han­deln wider­sprä­che. Man dürfe aber über die beiden Welten – das Leben, die Kunst – kein Wert­ur­teil fällen, denn zwi­schen beiden wan­dere »die Sehn­sucht ewig hin und her«. Es über­rascht nicht, daß der Autor gleich im näch­sten Absatz auf die »Homo­sexu­ali­tät« zu spre­chen kommt. Die sei die »rein ästhe­ti­sche Form der Liebe«. Also eine Liebe zum Tode. Er wird auch nicht müde zu be­to­nen, daß die Voll­endung der mann-männ­li­chen Liebe im ge­mein­sa­men Frei­tode läge.
Über die Natur der Liebe stritt man wohl nicht erst beim sagen­haf­ten Sän­ger­krieg auf der Wart­burg, son­dern ver­mut­lich schon in der Stein­zeit. Der Ge­danke einer Voll­endung im jugend­li­chen Tode er­scheint mir sehr modern, und es ist wohl kein Zufall, daß dieser Träu­mer seine Liebes­visio­nen nicht lebt, son­dern kunst­voll in Verse ver­packt.
Nach­dem Sex mit wech­seln­den Part­nern, Zu­schaun beim Sex, Sex mit Tech­nik und Feti­schen, Sex mit jedem Ge­schlecht und Sex mit Gewalt libe­ra­li­siert wurden, fehl­ten eigent­lich nur noch zwei Dinge, der gegen Geld und der mit Min­der­jäh­ri­gen. Beim ersten wurde im letz­ten Jahr­zehnt ein großer Schritt voll­zogen. Pro­sti­tu­tion gab es immer, aber bis vor weni­gen Jahren war die Zu­häl­te­rei ver­boten und es galt als Mini­mum an Seriö­si­tät, Wer­bung für kom­mer­ziel­len Sex keinen Vor­schub zu lei­sten. Das hat sich gründ­lich ge­ändert. Wer als Gym­na­siast zu wenig Taschen­geld von den Eltern be­kommt, geht für un­um­gäng­li­che An­schaf­fun­gen oder hohe Handy­rech­nun­gen auf den Strich. So­lange dies nicht haupt­be­ruf­lich ge­schieht, ist das über­haupt kein Thema. Das Inter­net bringt es mit sich, daß man sich nicht mehr im Sperr­be­zirk her­um­trei­ben und kost­bare Zeit ver­trö­deln muß. Man kann Vor­kasse per Paypal ver­lan­gen und stellt sich ohne Risiko zum Termin ein, worauf man dann einen Ein­trag ins vir­tu­elle Gäste­buch be­kommt, der neue Klien­tel an­lockt. Um es zu­sam­menzufassen: Mammon kommt auf der ganzen Linie zum Vor­schein, und da hätten wir den Gott auch der sexu­el­len Liber­ti­nage. Wenn näm­lich das Tabu der Min­der­jäh­rig­keit noch nicht ge­fal­len ist, dann ein­fach nur des­wegen, weil Kinder kein Geld haben. Sonst hätten sie natür­lich auch das Recht auf sexu­elle Selbst­be­stim­mung.
Es geht ums Geld. Und nicht nur um das der Nutten und der Stri­cher. Nicht nur um Porno­kinos und Sex­spiel­zeug. Es geht um den Kon­sum­idio­ten. Dieser ist ein Mensch ohne jede Iden­ti­tät, er kennt kein Volk und kein Rasse, er kennt kein Ge­schlecht, er kennt keine Sitte und keine Ver­pflich­tung. Er glaubt an die Lust, die käuf­liche Lust, und er ist täg­lich, ja stünd­lich neu prog­ram­mier­bar, er hegt die kon­trär­sten Wün­sche und Nei­gun­gen, immer im Wech­sel, immer in der Gier auf Neues, immer in der töd­li­chen Furcht vor der Lange­weile. Denn Lange­weile ist das Ein­ge­ständ­nis, daß er eine völlig nutz­lose Krea­tur ist, nicht wert, die Luft zu atmen, die Sonnenstrahlen zu spüren. Er gleicht nicht dem Tier, denn das Tier be­folgt sein bio­lo­gi­sches Gesetz. Der Mensch kann sein bio­lo­gi­sches Gesetz nur be­fol­gen, wenn er sein kul­tu­rel­les Gesetz be­folgt. Dies meint, daß er sich am Ewigen, am Gött­li­chen orien­tiert, von dem ihm ein Ab­glanz in die Seele ge­geben ist. Der Kon­sum­idiot ver­stößt gegen das kul­tu­relle und das bio­lo­gi­sche Gesetz. Mil­lio­nen dieser Spe­zies werden aus­ster­ben. Das Kapi­tal, das den kol­lek­ti­ven Selbst­mord in­sze­niert, wird ihn un­ge­rührt an­schauen. Es nennt dies Markt­be­rei­ni­gung.
 

ZWEIFRONTENKRIEG

Erik Ritter von Kueh­nelt-Led­dihn konnte ich 1993 auf der Som­mer­uni­ver­si­tät der »Jungen Frei­heit« er­leben, die zu­nächst in Ravens­burg und dann in Kon­stanz statt­fand. »Hitler war ein Linker!«, stellte er apo­dik­tisch fest und er­gänzte dann, »Hitler war ein Bruder, kein Vater.« Diese prä­gnante Aus­sage, das Rechte orien­tiere sich am Väter­li­chen, das Linke am Brü­der­li­chen, hat mich seit­her nicht los­ge­las­sen. Sie er­scheint mir in ihrer Evi­denz selbst­er­klä­rend. In dieser Be­griff­lich­keit ist es mög­lich und ge­bo­ten, Hitler von rechts zu kri­ti­sie­ren. Die der­zei­tige poli­ti­sche Kultur titu­liert jedoch jedes Be­kennt­nis zu Hitler als »rechts­ex­trem« und ver­bie­tet damit schon theo­re­tisch eine Posi­tion »rechts von Hitler«.
Ana­ly­sie­ren wir Hitler und seine Be­we­gung zu­nächst einmal un­ab­hän­gig von aller Be­wer­tung seit 1945. Der Natio­nal­sozia­lis­mus ent­steht in den Mate­rial­schlach­ten des ersten Welt­krie­ges, den die Pro­ta­go­ni­sten als Bankrott der alten Welt er­leb­ten. Der Front­kämp­fer­mythos wurde kon­sti­tu­tiv. Im Gra­ben­kampf ver­schwan­den die mate­ri­el­len und gei­sti­gen Schran­ken, ent­stand eine Brü­der­lich­keit ge­mein­sa­mer Not und Ver­ant­wor­tung. Gleich­zei­tig kapi­tu­lierte die Idee der Inter­natio­nale. Die Pro­le­ta­rier aller Länder ver­einig­ten sich nicht, son­dern sie schos­sen auf­ein­an­der bis zur letz­ten Patrone.
Es ist be­kannt, daß Hitler bei öffent­li­chen Auf­trit­ten das Eiserne Kreuz als ein­zi­ges Ehren­zei­chen trug. Hier lohnt ein Blick in die Histo­rie. König Fried­rich Wil­helm III. von Preußen stif­tete diesen Orden un­mit­tel­bar nach seiner Bres­lauer Pro­kla­ma­tion. Dies war die erste Aus­zeich­nung in Deutsch­land über­haupt, die kämp­fe­ri­sche Lei­stun­gen ohne An­sehung von Stand, Her­kunft, Dienst­grad und mili­tä­ri­schem Rang zierte. Als Mate­rial war das Eisen sym­bol­träch­tig, es wurde bewußt auf die übli­chen wert­vol­len Mate­ria­len ver­zich­tet.
Es ist auch be­kannt, daß Hitler Hinden­burgs Ge­ring­schät­zung als »Ge­frei­ter« tapfer ertrug und sich in seinen Reden immer wieder auf den Kame­rad­schafts­geist der Gra­ben­kämpfe bezog. Zwei­fel­los sah er sich als einer von den Mil­lio­nen, die im grauen Feld­man­tel namen­los ihre Pflicht taten. Eine ein­drucks­vollere Brü­der­lich­keit ist kaum denk­bar.
Gleich­zei­tig miß­traute Hitler den alten Eliten, dem Offi­ziers­korps, dem Adel und der Kirche. Es ist keine Pro­pa­ganda, wenn es in allen Phasen des Auf­stiegs und der Macht Pro­gramm war, auch Arbei­ter­söhne soll­ten, Be­gabung, Fleiß und Mut vor­aus­ge­setzt, den Weg in Füh­rungs­posi­tio­nen ge­win­nen. Die Tüch­tig­keit vor dem Er­erb­ten wurde ge­fei­ert. In seinem eige­nen Auf­stieg aus dem Heer der Namen­losen sah er das Muster für jeden, der mit Opfer­be­reit­schaft und Zähig­keit um Macht und Ver­ant­wor­tung rang.
Es wird hier die Un­gleich­heit in Be­gabung und Cha­rak­ter betont, aber gleich­zei­tig jeg­liche Un­gleich­heit, die in histo­ri­schen und ge­sell­schaft­li­chen Be­din­gun­gen be­grün­det ist, aus­zu­mer­zen ge­trach­tet. Dies ist das radi­kal­ste Gleich­heits­credo, das in rea­li­täts­ge­rech­ter Welt­be­trach­tung über­haupt mög­lich ist. Alle äuße­ren Hemm­nisse, die den ein­zel­nen hin­der­ten, zu maxi­ma­ler Lei­stung und Krea­ti­vi­tät auf­zu­stei­gen, soll­ten be­sei­tigt sein, vor­aus­ge­setzt frei­lich, daß Lei­stung und Krea­ti­vi­tät der Volks­ge­mein­schaft dien­ten.
Wir sehen also hier Frei­heit, Gleich­heit und Brü­der­lich­keit der Fran­zö­si­schen Revo­lu­tion auf­ein­an­der wider­spruchs­frei an­ge­stimmt durch das Nor­ma­tiv der Nation. Zwei­fel­los eine linke Welt­an­schau­ung und ein linkes Pro­gramm.
Der Natio­nal­sozia­lis­mus ent­stand aus der Nie­der­lage im ersten Welt­krieg und damit genau an dem Punkt, an dem der Bol­sche­wis­mus zur histo­risch rele­van­ten Macht auf­stieg. In Ruß­land wurde die all­ge­meine Ord­nung durch die ver­hee­rende Nie­der­lage so ge­schwächt, daß nach einer Zwi­schen­stufe die radi­kal­ste Truppe um Lenin die Macht über­neh­men konnte und mit bei­spiel­losem Terror eine totale Um­ge­stal­tung von Wirt­schaft und Ge­sell­schaft er­zwang. Nach der Revo­lu­tion be­deu­tete die marxi­sti­sche Inter­natio­nale nicht mehr die Ver­hin­de­rung von impe­ria­li­sti­schen Krie­gen, son­dern einen totalen Impe­ria­lis­mus, der in einem Prunk­bau sein Symbol fand, der voll­endet werden sollte, wenn das letzte Land der Welt der Union der sozia­li­sti­schen Sowjetrupubliken bei­ge­tre­ten sei.
Einen sol­chen Impe­ria­lis­mus kannte der Staat Hit­lers nicht. Ihm war das Band der Nation kon­sti­tu­tiv, des­halb wider­set­zte sich Hitler jedem Export des Natio­nal­sozia­lis­mus. Des­halb wurden die Aus­lands­deut­schen nicht etwa zu Zellen der Außen­poli­tik, son­dern wurden ins Reich heim­ge­holt. Der trot­zige Iso­la­tio­nis­mus ist hier­bei nicht nur eine Kon­zen­tra­tion der Kräfte. Er ist Aus­druck eines spe­zi­fisch deut­schen Pro­gramms, keines Pro­gramms für die Mensch­heit. Auch daß die Juden nach ihrer Amster­da­mer Kriegs­er­klä­rung aus­ge­grenzt wurden, zeigt neben dem tota­li­tä­ren auch den anti­impe­ria­li­sti­schen Zug des Regimes.
Aus dem Ge­sag­ten ergibt sich zwin­gend, daß die Feind­schaft zwi­schen Hitler und Stalin keine Feind­schaft zwi­schen Rechts und Links war. Für Stalin war das rus­si­sche Volk das Mittel der Welt­revo­lu­tion, für Hitler war das deut­sche Volk Mittel und Zweck.
Nach der Nie­der­lage Deutsch­lands im ersten Welt­krieg ent­stand zuächst ein System, das den per­ma­nen­ten Bür­ger­krieg be­deu­tete. Die Par­teien waren sich zwar darin einig, daß das Land unter dem Ver­sail­ler Diktat aus­blute, aber sie waren gleich­wohl bereit, mit Feind­mäch­ten zu­sam­men­zu­arbei­ten, um gegen ihre Kon­kur­ren­ten in Deutsch­land vor­zu­gehen. Die Rech­nung der Sieger, durch Bru­der­krieg den deut­schen Er­folgs­wil­len zu zähmen, ging auf. Die deut­sche Nation wurde zum Tum­mel­platz der Lob­byi­sten und Spe­ku­lan­ten. In bei­spiel­loser Not stieg Hitler zum Führer einer Mas­sen­par­tei auf.
Die Regie­rungs­ver­ant­wor­tung er­reichte die NSDAP nur in Koa­li­tion mit der Deutsch­natio­na­len Volks­par­tei, die bei den März­wah­len dann unter der Be­zeich­nung Kampf­front Schwarz-Weiß-Rot antrat und die Koa­li­tion fort­set­zte. Dieses Bünd­nis, das schließ­lich zur Auf­lösung der DNVP führte, war in allen seinen Phasen für die monar­chis­tisch kai­ser­treue Partei ein Weg in den Unter­gang. Papen hatte sich lange, ge­mein­sam mit Hin­den­burg, dem Macht­an­spruch Hit­lers wider­setzt. Man weiß, daß er mit dem 30. Januar 1933 Hit­lers Stim­men im Reichs­tag für die Wie­der­er­rich­tung der Mon­archie in­stru­men­ta­li­sie­ren wollte und noch in der Mar­bur­ger Rede für ein sol­ches Pro­gramm warb. Aber nach der »Nacht der langen Messer«, die er selbst nur über­lebte, weil ihm Göring per­sön­lich ge­ra­ten hatte, zu­hause zu blei­ben, und in der seine engen Mit­ar­bei­ter Her­bert von Bose und Edgar Julius Jung zu Tode kamen, blieb er an Hit­lers Seite. Er war zu der Über­zeu­gung ge­kom­men, daß nur dieser Mann die Nation einen könne.
Das Ver­hal­ten Papens kann als bei­spiel­haft für die deut­sche Rechte an­ge­sehen werden. Der ideo­lo­gi­sche Gegen­satz zur NSDAP wurde auf­ge­geben, weil das Pro­gramm einer Eini­gung der Nation unter deren Herr­schaft mög­lich schien. Aus diesem Grunde konnte sich Hitler nicht nur in seinem Kampf gegen den Sow­jet­kom­mu­nis­mus auf die Rechte stüt­zen, son­dern auch im Aufbau sei­nes neuen Staa­tes. Der Schul­ter­schluß aller Natio­na­len mit dem Natio­nal­sozia­lis­mus ver­stärkte sich schließ­lich im Deutsch­land auf­ge­zwun­ge­nen Kriege und der Wei­ge­rung der Allierten zu jeg­li­chem Kom­pro­miß­frie­den, was schließich in einen Ver­tei­di­gungs­krieg aller deut­schen Gaue bis zur voll­stän­di­gen Be­sat­zung und Ent­rech­tung mündete. Daß Teile der deut­schen Rech­ten in illu­sio­närer Ver­ken­nung der realen Lage Hitler zu töten ver­such­ten, änderte an der Situa­tion rein gar nichts.
Wir haben hier eine histo­risch ein­malige Kon­stel­la­tion: die deut­sche Rechte wurde kom­plett von einer linken Partei ver­ein­nahmt, und dies wurde mög­lich, weil die Nation mit einer sol­chen Übermacht und einem sol­chen Ver­nich­tungs­wil­len an­ge­grif­fen wurde, daß die poli­ti­schen Diffe­ren­zen be­deu­tungs­los wurden. Diese Kon­stel­la­tion dauert bis die Gegen­wart an. Nach der mili­tä­ri­schen Nie­der­rin­gung wurde mit einem Schuld­kom­plex syste­ma­tisch Hand an die Wur­zeln des deut­schen Volks­tums gelegt. Die Be­mühun­gen dieser »Um­er­zie­hung« tragen reich­lich Früchte. Die deut­sche Stadt ist, nach einem Worte Bernd Rabehls, »asia­ti­schen Sied­lungs­land­schaf­ten« ge­wichen, an den Uni­ver­si­tä­ten werden anti­deut­sche Pseu­do­wis­sen­schaf­ten ge­lehrt, die Kunst ist zu ego­ma­nen Spie­gel­fech­te­reien ver­kom­men und die öffent­li­che Diskus­sion wird als effekt­hasche­ri­sche Kli­schee­an­häu­fung be­trie­ben. Gleich­zei­tig wird mit Ab­trei­bung und sexu­el­ler Frei­zügig­keit das Volk bio­lo­gisch dezi­miert und das Vakuum mit raum­frem­den Migran­ten ge­füllt. Das Chri­sten­tum wird syste­ma­tisch zu einer völ­ker­feind­li­chen Reli­gion um­ge­deu­tet und die Kir­chen werden kon­fes­sions­über­grei­fend für den »Kampf gegen Rechts« re­kru­tiert. Wer in einer Situa­tion der ex­tre­men Tabui­sie­rung Hit­lers Kritik an diesem übt, sieht sich sofort ein­ge­bun­den in den oft wieder­hol­ten Satz, Faschis­mus sei keine Mei­nung, son­dern ein Ver­bre­chen. Er wird zu einem Zeugen und Diener der Reichs­feinde. Eine wirk­li­che deut­sche Rechte kann es also erst wieder dann geben, wenn Hitler von seinem Stand­ort als »rechts­ex­trem« wieder dort­hin ge­scho­ben ist, wohin er tat­säch­lich gehört.
Es ist des­halb un­mög­lich, so aus­zu­tun, als ginge uns Hitler nichts an, weil wir nicht An­hän­ger seiner Lehren sind. Wäre die Be­haup­tung zu­tref­fend, daß Hitler auf eine Stufe mit Stalin, Mao Tse-tung und Pol Pot zu stel­len sei (oder gar noch dar­über), dann wäre die deut­sche Rechte in der Tat irre­para­bel kom­pro­mit­tiert. Darin be­steht die fun­da­men­tale Be­deu­tung der revi­sio­ni­sti­schen For­schung. Die ernst­zu­neh­mende be­strei­tet nicht deut­sche Kriegs­ver­bre­chen. Aber sie be­strei­tet ein­zelne Taten und Tat­waf­fen. Ins­be­son­dere be­strei­tet sie die Ab­sicht und die Durch­füh­rung einer orga­ni­sier­ten Aus­rot­tung eines ganzen Volkes. Es soll hier nicht über das Für und Wider der histo­ri­schen Argu­mente be­fun­den werden. Es sei ledig­lich darauf hin­ge­wie­sen, daß die Be­für­wor­ter des status quo mit einer un­glaub­li­chen Ver­bis­sen­heit, unter Rechts­beu­gung und nack­tem Terror solche For­schun­gen und die Publi­ka­tion und Diskus­sion der Er­geb­nisse zu ver­hin­dern suchen. Sie tun dies in der vor­geb­li­chen Ab­sicht, das An­den­ken der Opfer zu hüten. Diese Schutz­be­haup­tung kann kein poli­tisch den­ken­der Mensch glau­ben. Wo solche Mittel im Spiele sind, geht es nicht um eine Sen­ti­men­ta­li­tät, son­dern um die Macht­frage.
Der Herr­schen­den der Welt zit­tern vor dem Natio­nal­sozia­lis­mus. Das darf kein Grund sein, ihn nicht als eine Spiel­art der Moderne zu be­trach­ten, die es ins­ge­samt zu be­fechten gilt. Aber eine freie Kritik ist erst mög­lich, wenn man aus dem Zwei­fron­ten­krieg her­aus­tritt. Dazu muß man sich von den Tabus lösen, welche die Reichs­feinde ver­hängt haben. Wenn man diesen Rubikon überschritten hat, wird aus dem Zwei­fron­ten­krieg ein Ein­fron­ten­krieg.
 

KAIPHAS UND BARABBAS

Bei der Defi­ni­tion des Wortes »Zio­nis­mus« unter­schei­det das System-Lexi­kon Wiki­pe­dia zwi­schen einer Ideo­lo­gie und einer Be­we­gung. Als Ideo­lo­gie sei der Zio­nis­mus ein Natio­na­lis­mus, also im Sprach­ge­brauch dieser Enzy­klo­pä­die durch­aus ver­däch­tig, wenn nicht gar an­rüchig, gleich­wohl sei er auch eine »Natio­nal­be­we­gung« und damit völlig legi­tim. Ein ge­lun­ge­ner Spagat! Die Ideen­welt mag frag­wür­dig sein, aber die Sache ist ganz in der Ord­nung. Früher nannte man eine solche Logik »tal­mu­disch«.
Der Natio­na­lis­mus ist in Deutsch­land ver­pönt. Wer darauf hin­weist, stolz zu sein, daß er ein Deut­scher sei, zeige damit an, daß er sonst nichts habe, worauf er stolz sein könne. Nun darf man frei­lich gegen­fra­gen, ob es schimpf­licher sei, seine Zu­ge­hörig­keit zum Volke Luthers, Schil­lers oder Eichen­dorffs vor sich her­zu­tra­gen, oder den zwei­fel­haf­ten Ver­dienst, es etwa in den Vor­stand der Deut­schen Bank oder in die Redak­tion des Spie­gel ge­bracht zu haben. Dem Dünkel der Eta­blier­ten soll also hier nicht zu­ge­stimmt werden. Gleich­wohl ist an dem Vor­wurf ein Gran Wahr­heit. Es scheint affektiert, einen Um­stand her­aus­zu­stel­len, der so ge­wöhn­lich ist, wie der Mor­gen­nebel in unse­ren Tälern und das raben­haft Herbe in unse­rer Spra­che. Frei­lich werden deut­sche Gei­ster seit Jahr­hun­der­ten nicht müde, die Frage zu disku­tie­ren, was denn deutsch sei. Dies hat zu­nächst mit dem Mythos unse­res Volkes zu tun, der in die Zeit der Spal­tung in ein römi­sches und ein freies Ger­ma­nien zu­rück­reicht. Mit dem moder­nen Be­griff der Nation hat sich dieses Wort nie­mals ganz ver­tra­gen wollen.
Der Natio­na­lis­mus kommt aus Frank­reich und hat viel mit der Revo­lu­tion zu tun. Daß jeder Fran­zose sein sollte, löste die über­kom­me­nen Stände ab. Der Be­griff ver­bin­det also mit der Volks­zu­ge­hörig­keit die prin­zi­pielle Gleich­heit. Damit ist er ein Kampf­be­griff gegen das Hei­lige Römi­sche Reich der Deut­schen, das In­be­griff der deut­schen Seele und Sehn­sucht ist. Bis­marck schuf einen Natio­nal­staat und gab dafür Rom, Vene­dig, Wien und Prag auf. Von großer Dauer war sein Werk nicht. Sein Enkel Otto ge­hörte be­reits der CDU-Frak­tion im Bun­des­tag an.
Noch ver­fehl­ter als für die Deut­schen ist die Idee des Natio­na­lis­mus für die Juden. Im 19. Jahr­hun­dert, als die Idee der natio­na­len Selbst­be­stim­mung immer mehr durch die Indu­stria­li­sie­rung ent­wur­zelte Men­schen zu be­gei­stern und zu lenken begann, ent­wickel­ten Moses Hess und Theo­dor Herzl einen sol­chen Ent­wurf für die Gläu­bi­gen einer archai­schen Reli­gion, welche der mit­tel­alter­li­che Hin­wen­dung zu völ­ker­über­grei­fen­den Uni­ver­sal­reli­gio­nen wider­stan­den hatte. An dieser Stelle muß betont werden, daß die Alter­native Mono- und Poly­the­is­mus irre­füh­rend ist. Der ent­schei­dende Wech­sel führt von der Stam­mes- zur Uni­ver­sal­reli­gion.
Das Chri­sten­tum nahm seinen Aus­gang in Palä­stina. Die Evan­ge­lien lassen keinen Zwei­fel daran, daß das Leben Jesu von Geburt an in den Kon­flikt mit der jüdi­schen Theo­kra­tie steu­erte. Jesus pre­digt die Rein­heit des Her­zens als den Weg zum Heil, nicht das Be­fol­gen der mosai­schen Gebote. Daß er das Be­fol­gen der mosai­schen Gebote kei­nes­wegs in Abrede stellt, son­dern die Gebote be­stä­tigt, ent­schärft den Kon­flikt nicht wirk­lich. Er nimmt der Prie­ster­kaste die Heils­exklu­si­vi­tät, ähn­lich wie Luther in der Refor­ma­tion die Hei­lig­keit der römi­schen Kirche an­greift. Die mäch­tige Prie­ster­kaste hat sich wirk­sam ge­wehrt. Nach dem Kreu­zes­tod ist die Juden­mis­sion so wenig er­gie­big, daß Paulus die Be­mühun­gen auf die Hei­den­mis­sion lenkt. Dies mit Erfolg. Das Chri­sten­tum ent­wickelt sich zur Staats­reli­gion im römi­schen Reich und schließ­lich zur Welt­reli­gion. Der Geist des Kai­phas, der Jesus hin­rich­ten ließ, hat da nicht taten­los zu­ge­sehen. Seine Ant­wort auf die Evan­ge­lien ist der Talmud. Hier wird nicht nur der Mord an dem Hei­land ge­fei­ert, hier wird die Be­sei­ti­gung aller Chri­sten als strate­gi­sches Ziel aus­ge­geben. Im römi­schen Reich waren Juden im Fern­han­del füh­rend. Sie be­saßen Reede­reien und Um­schlag­plätze und sie be­saßen durch Kor­rup­tion Ein­fluß auf viele lokale Macht­haber. Ihr ex­pan­die­ren­des Netz funk­tio­nierte wesent­lich über Fami­lien­bande, die Ein­heit über große räum­li­che Distan­zen schu­fen. Schon in der Antike defi­nierte sich das jüdi­sche Volk reli­giös, sie sahen sich als aus­er­wählt und im Bunde mit Gott. Eine Defi­ni­tion über Lebens­raum und Spra­che, wie dies bei ande­ren Völ­kern der Fall war, war ihnen nicht mög­lich, die schmei­chel­haf­ten Ver­heißun­gen der Thora hiel­ten sie zu­sam­men. An dieser Stelle muß deut­lich ge­macht werden, daß die Zer­streut­heit nicht Folge einer römi­schen Ver­trei­bungs­poli­tik war, wie ein Mythos uns weis­machen will, son­dern Folge der Handels­tätig­keit. Überhaupt pfleg­ten die Juden schon seit ihren früh­sten Schrif­ten Mythen, in denen Nicht­juden diffamiert und fürchterliche Opfer be­haup­tet wurden. So wurde dem römi­schen Kaiser Hadrian unter­stellt, er habe sech­zig Mil­lio­nen Juden er­mor­det. Man muß frei­lich zu­ge­ben, daß gro­teske Über­trei­bun­gen bei Zah­len­an­ga­ben in der Antike kein jüdi­sches Pri­vi­leg waren.
Das Chri­sten­tum be­drohte das Juden­tum in ganz be­son­de­rer Weise. Nicht nur, daß diese Reli­gion lehrte, die ethni­sche Frage sei für die Heils­frage be­deu­tungs­los, sie hatte ihre Wur­zeln aus­ge­rech­net in der jüdi­schen Über­lieferung, in jüdi­schen Vor­stel­lun­gen und in der jüdi­schen Ge­schichte. In dieser ver­zwei­fel­ten Situa­tion be­gan­nen die Juden in Nord­afrika zu mis­sio­nie­ren, d.h., es gab für eine ge­wisse Frist die Mög­lich­keit, diesem ex­klu­si­ven Volk bei­zu­tre­ten, was zu ande­ren Zeiten allen­falls Frauen mög­lich war. Von der Ab­stam­mung her sind des­halb die mei­sten West­juden keine Hebräer son­dern Berber. Die größte Ver­meh­rung des jüdi­schen »Volkes« voll­zog sich jedoch im 8. Jahr­hun­dert, als die Kha­sa­ren, ein noma­di­scher, ver­mut­lich fin­nisch-tür­ki­scher Stamm zwi­schen Schwar­zem und Kas­pi­schem Meer, in Ab­gren­zung zum Islam die mosai­sche Reli­gion annahm. Der Stamm über­dau­erte als Glau­bensgmeinschaft die Er­obe­rung des Landes durch die Russen und die Chri­stia­ni­sie­rung und sam­melte sich vor allem in Weiß­ruß­land, in Rumä­nien und Gali­zien. Mit einem Anteil von etwa neun zehn­teln an den Juden der Welt stel­len die Ost­juden die Men­schen­mas­sen, wäh­rend die West­juden Finanz- und Ideen­wel­ten be­herr­schen.
In West­europa war es den Juden wegen ihrer Un­ver­zicht­bar­keit für den Fern­han­del und später auch für das sich ent­wickelnde Geld­wesen ge­lun­gen, sich Tole­ranz­edikte von den Mäch­tigen zu ver­schaf­fen. Wäh­rend Ab­weich­ler von der katho­li­schen Lehre als Ketzer ver­folgt wurden, er­freu­ten sich die Juden einer theo­lo­gisch ver­bräm­ten Dul­dung, die ihren Zu­sam­men­halt stärkte und die Ge­schäfte för­derte. Das auf­kom­mende Zei­tungs­wesen be­grif­fen sie als ein Feld, das der übernatio­na­len Ver­brei­tung und dem ideo­logi­scher Zu­sam­men­halt ent­sprach. Heute ist die Medien­branche fest in jüdi­scher Hand.
Der Rab­bi­ner­sohn Spi­noza steht am Anfang des west­euro­päi­schen Athe­is­mus. Jüdi­sche und christ­li­che Intel­lek­tu­el­le wand­ten sich von der Reli­gion ab und sahen in ihr zu­neh­mend ein Hin­der­nis zur Ver­stän­di­gung und Ent­fal­tung. Dies führte zu einer Schwä­chung der Kirche, aber nicht zu einer Schwä­chung des Juden­tums. Ein Jude, der sich taufen ließ, wurde aus der Ge­meinde aus­ge­stoßen, einer, der die Exi­stenz Gottes be­stritt oder aber an seine Stelle ein irdi­sches Para­dies, etwa die Ver­nunft oder später den Kom­mu­nis­mus, stellte, blieb der Soli­da­ri­tät des Bundes teil­haf­tig. Dies führte zu Schwie­rig­kei­ten bei der Be­griffs­be­stim­mung und schieß­lich zu dem Irrtum, es handle sich bei den Juden um eine ras­si­sche Ge­mein­schaft.
Im 19. Jahr­hun­dert waren die Juden in West- und Mit­tel­europa oft so gut eta­bliert, daß sie ge­sell­schaft­li­che Ver­ände­run­gen vor­wie­gend auf gei­sti­gen Ge­bie­ten, aber weni­ger bei der Ver­tei­lung der mate­ri­el­len Güter wünsch­ten. Sie koket­tier­ten bloß mit dem Mar­xis­mus. Er spielte ihren Inte­res­sen zu, wenn er die rus­sisch-ortho­doxe Kirche zer­störte, der eigene Vor­gar­ten sollte aber weiter ge­pflegt blei­ben. Aber die armen und kei­nes­wegs ver­hät­schel­ten Ost­juden grif­fen die Ideen ihrer Glau­bens­brü­der auf und stell­ten die erste Garde der bol­sche­wi­sti­schen Mord­bren­ner.
Der Zio­nis­mus ging oft mit dem Kom­mu­nis­mus paral­lel, aber nicht immer. Sein Ziel ist ein Groß-Israel vom Nil bis zum Euphrat. Sein Haupt­feind ist die Assi­mi­la­tion, eine Ent­wick­lung, die von vielen West­juden und Bür­gern der Gast­län­der gut­ge­heißen wurde. Daß sie nicht glücken konnte, lag nicht nur an den stetig nach­rücken­den Ost­juden mit ihren sozia­len Pro­ble­men. Die Assi­mi­la­tion strebte eine An­glei­chung unter Iden­ti­täts­ver­lust an. Sie ver­lagerte die Pro­bleme aber nur. Stritt man nicht mehr um die Reli­gion, stritt man um die Kunst. In das Vakuum, das die Ver­leug­nung des Chri­sten­tums hin­ter­ließ, ström­ten die Natio­na­lis­men.
Die Evan­ge­lien be­rich­ten, daß Pila­tus die Juden ge­fragt habe, ob er Jesus oder Barab­bas frei­geben solle. Über Barab­bas ist nichts be­kannt und viel spe­ku­liert worden. Meist sieht man ihn ebenso in Oppo­si­tion zu Kai­phas, aber mit einer irdi­schen Ver­heißung statt einer jen­sei­ti­gen. Das würde auch leicht er­klä­ren, warum das Volk so ein­deu­tig ent­schied. Ob für Barab­bas die natio­nale Idee, also die Ver­trei­bung der römi­schen Be­sat­zer und ihres reli­giö­sen Libe­ra­lis­mus, im Vor­der­grund stand und er damit Kai­phas als Kolla­bora­teur an­griff oder ob er gar die soziale Frage stellte und den Sturz der Theo­kra­tie an­strebte, ist letzt­lich be­lang­los. Kai­phas und Barab­bas sind Feinde, die gegen Jesus zu­sam­men­gehen, wie gegen die Chri­sten West- und Ost­juden, Kapi­ta­lis­mus und Kom­mu­nis­mus. Ein Zio­nist muß nicht un­be­dingt in Israel leben, ob­gleich es ein sol­ches Staats­ge­bilde in­zwi­schen gibt. Dieses Staats­ge­bilde ist auf seine Unter­stüt­zer in aller Welt an­ge­wie­sen, um­ge­kehrt brau­chen diese einen eige­nen Staat als Schlupf­win­kel, wenn sie anders nicht mehr ver­mei­den können, für ihre Mei­ster­stücke zur Rechen­schaft ge­zo­gen zu werden. Eine wirk­li­che Grenze zwi­schen Zio­ni­sten und Tal­mud­juden läßt sich nicht ziehen.
Sowohl gegen Kai­phas als auch gegen Barab­bas steht einzig Jesus. Die Frage Aus­wan­de­rung oder Assi­mi­la­tion ist falsch ge­stellt. Wenn wir zum Glau­ben zu­rück­keh­ren und auch keine Aus­nah­men für nütz­liche Juden er­lau­ben, werden die Juden das Inte­resse an ihrem Aus­nahme­sta­tus ver­lie­ren. Ob in unse­rer Mitte oder in der ara­bi­schen Wüste, sie werden unter­gehen, wie alle Völker der Antike unter­ge­gan­gen sind.

BARMHERZIGKEIT

Es muß nachts gegen zwei ge­we­sen sein. Ich war am For­ma­tie­ren eines neuen Buches, und, wie oft, fiel es mir schwer, damit auf­zu­hören. Einen un­regel­mäßi­gen Tages­ab­lauf be­gün­stigt es, daß ich hier in völ­li­ger Ein­sam­keit lebe. Tags­über trei­ben sich auf dem Grund­stück noch die Mit­ar­bei­ter einer Firma herum, die ein Ge­bäude von uns ge­mie­tet hat. Mit denen habe ich wenig zu tun, und ich ärgere mich nur immer über die vielen Auto­mobile, die mir wie über­all lästig und wider­wär­tig sind. Außer­dem gibt es auf dem Grund­stück eine wohl wild lebende Katze, die ein meh­rere Hektar großes Areal als ihr Revier be­trach­tet. Sie kommt täg­lich vorbei und schaut in alle Be­rei­che, wie man im Winter an den Spuren im Schnee sehen kann. Einmal stahl sie mir ein halbes Pfund rohes Hack­fleisch, das ich nur leicht ver­packt im frost­kal­ten Lager liegen ließ. Butter mag sie auch, aber hier weiß sie die Maße zu wahren. Vor Men­schen ist sie aus­ge­spro­chen scheu, ich sah sie immer nur am Hori­zont fort­flit­zen. Nur einmal in zwei Jahren ließ sie mich bis auf sechs Meter her­an­kom­men. Die auto­mo­bi­li­sier­ten Nutzer des Grund­stücks hatten, wie sich am näch­sten Tage her­aus­stellte, von der Exi­stenz dieser Katze nie etwas be­merkt.
Ich schal­tete den Rech­ner aus, um mich in mein Schlaf­ge­mach zu be­ge­ben. Das ist nicht so simpel wie es klingt. Wäh­rend ich dichte und ver­lege, ver­wil­dert das Grund­stück, das wir uns vor vier Jahren zu­ge­legt haben. Da ich von Mün­chen hohe Schul­den mit­brachte und auch der Umzug eine hüb­sche Stange Geld kostete, konnte bis­lang auch nie­mand für In­stand­set­zung und Unter­halt der Ge­bäude und Außen­an­la­gen ein­ge­stellt werden. Wenn man sich einmal damit ab­ge­fun­den hat, daß die For­de­run­gen eines hek­tar­großen An­wesens mit vielen Ge­bäu­den neben­be­ruf­lich nicht zu stem­men sind, dann ge­schieht es auch leicht, daß man selbst jenes unter­läßt, was durch­aus zu schaf­fen und dabei höchst nütz­lich und er­leich­ternd wäre. So gibt es auf dem langen Wege zum Bett kei­ner­lei Be­leuch­tung, und der Weg ver­schwin­det auch immer mehr zwi­schen manns­hohem Gras und Büschen.
Die Nacht war nicht mond­los, und der Weg also nicht schwie­rig. Eine laue Maien­nacht, und ich war durch­aus in guter Laune. Als ich die Treppe zur Woh­nung ge­stie­gen war und die Tür öffnen wollte, hörte ich den Schrei eines Tieres. Ich wen­dete mich um, und lauschte in die Nacht. Der Platz vor dem Haus ist von einer mäch­ti­gen Birke be­schat­tet, und also be­son­ders dunkel. Ich sah die Dun­kel­heit und be­griff, daß es völlig aus­sichts­los war, dem Schrei nach­zu­gehen und zu schauen, was wo ge­sche­hen sei. Ich wandte mich ab und wollte die Tür öffnen. Aber da hörte ich einen zwei­ten Schrei, und es war, als ob eine Macht von mir Besitz er­griff. Ich ging wie in Trance die Treppe hinab und durch das hohe Gras auf die Büsche zu. Das Nacht­wand­le­ri­sche meines Han­delns ist mir so gut in Er­inne­rung, weil ich Ziga­ret­ten und Streich­höl­zer in der Hand trug, und diese nicht etwa ab­legte, obwohl mir diese für eine wie immer geartete Unter­neh­mung sehr im Wege sein mußten.
Ich schritt auf den mit Büschen be­wach­se­nen Damm zu, dessen Um­risse ich er­ken­nen konnte. Ich hörte ein er­neu­tes Klagen und gleich­zeig Plät­schern von Wasser. Nun war mir die Sach­lage klar. Hinter dem Damm befand sich ein Feuer­lösch­teich, den der ehe­malige Grund­stücks­eigen­tü­mer, der hier seine Firma zur Bie­nen­zucht­ge­räte­her­stel­lung und auch seine Pri­vat­woh­nung hatte, zu einem Schwimm­bad um­ge­baut hatte, mit Sprung­brett und Rut­sche. In der Nach­kriegs­zeit muß dies eine Jugend-Attrak­tion in unse­rer Klein­stadt ge­we­sen sein. Bis zum Ende der DDR nutz­ten die Arbei­ter des in­zwi­schen ver­staat­lich­ten Be­trie­bes das Becken und hiel­ten es sorg­sam in­stand. Vor eini­ger Zeit erfuhr ich, daß die Fami­lie, die bis zur Jahr­tau­send­wende noch die Räume be­wohnte, darin ich nun meine Nächte ver­bringe, das Becken wei­ter­hin sauber und nutz­bar ge­hal­ten hatte. Frei­lich war dies nicht mehr wie zu DDR-Zeiten bloß Arbeits­auf­wand, son­dern nun auch mit er­heb­li­chen Kosten ver­bun­den. Als wir das Grund­stück kauf­ten, war das Schwimm­bad­was­ser be­reits dicht von Algen be­deckt, da­zwi­schen schwamm man­cher­lei Unrat und auch ein totes Tier. Frei­lich fand mein Freund Wolf­gang, als wir ihm den Morast mit dem Kada­ver prä­sen­tier­ten eine sel­tene Blüte und tat den, viel­leicht pro­phe­ti­schen, Aus­spruch: »Ein Ort, wo diese Pflanze ge­deiht, kann kein ganz heil­lo­ser sein.« Es war immer aus­ge­macht, daß das Schwimm­bad erst an die Reihe käme, wenn andere Dinge ins Lot ge­bracht wären.
Um zum Aus­gangpunkt zu­rück­zu­keh­ren: Die Katze war in das Schwimm­bad ge­fal­len und schrie um ihr Leben. Ich ver­suchte in dem Ge­strüpp den Auf­gang zum Becken zu finden, aber das war un­mög­lich. Schließ­lich schwang ich mich, nach­dem die Schreie in meiner un­mit­tel­ba­ren Nähe zu hören waren, auf den Damm hoch in das Ge­strüpp. Dabei muß ich mich in der Ent­fer­nung ver­schätzt oder ein­fach zu viel Schwung gehabt haben, jeden­falls fiel ich direkt ins Wasser. Das erste, was ich unter Wasser tat, war, meine Ziga­ret­ten und Streich­höl­zer los­zu­las­sen, denn es stand außer Frage, daß sie ver­dor­ben seien. Dann krallte ich mich an den Rand des Beckens und ver­suchte, dort wieder her­aus­zu­kom­men, wo ich her­ein­ge­fal­len war. Zu meiner Schande muß ich ge­ste­hen, daß ich die Katze in dieser Panik voll­kom­men ver­ges­sen hatte. Ich wollte aus diesem Sud, der mir immer wie ein Moor er­schie­nen war und sich mir mit Flie­gen und Ver­wesung asso­zi­ierte. Mir war nicht be­kannt, daß Schwimm­becken all­ge­mein mit schrä­gem Boden an­ge­legt werden, und ich mich am tief­sten und damit ungüstigsten Punkt befand. Der schmale Rand reichte als Hebel nicht hin, sich her­aus­zu­hie­ven und auch die überhängenden Ge­strüpp­äste stell­ten keine Hilfe dar. Ich biß die Zähne zu­sam­men und ver­suchte mich hoch­zu­stem­men, allein, die Kraft reichte nicht hin. Mir kamen trübe Ge­dan­ken. Sollte ich in diesem Sumpf­loch er­trin­ken? Wäh­rend ich vor Er­schöp­fung inne­hielt, be­merkte ich, daß ich Grund hatte, also stehen konnte, was ich vorher, an den Rand ge­krallt, gar nicht be­merkt hatte. Damit wurde mir klar, daß ich Zeit hatte, einen Ausweg zu er­sin­nen und ich den auch finden würde. Nun hörte ich wieder die Katze und ging auf sie zu. Sie lag völlig steif und hielt sich offen­bar auf diese Weise über Wasser. Ich nahm sie mit beiden Händen und warf sie vor­sich­tig ans Ufer. Nach­dem ich eine ganze Weile schon nichts mehr von ihr gehört hatte, war ich mir nicht sicher, ob sie noch lebte oder wäh­rend meiner Panik er­trun­ken sei. Erst bei Son­nen­licht konnte ich sehen, daß sie um­gehend Reiß­aus ge­nom­men hatte.
Ich lief durch das Becken zur gegen­über­lie­gen­den Seite, wo sich die Rut­sche befand. An dem überste­henden Metall­ge­stänge ließ es sich sicher gut hoch­zie­hen, und so war es auch, ich machte mich durch die Büsche, umlief den Ort weit­räu­mig und suchte zu­nächst das Bade­zim­mer auf. Darüber, daß die Algen den Abfluß ver­stop­fen könn­ten, machte ich mir keine Ge­dan­ken, als ich mich in voller Montur duschte. Ich hatte zwei Stun­den vorher Feuer ge­macht, und nun schob ich den Klei­der­stän­der neben den Ofen und hängte die durch­näß­ten Sachen auf. Nach­dem ich fri­sche Wäsche trug, ging ich über dsen Hof ins Büro, um Hilke an­zu­rufen und ihr von meinem Aben­teuer zu er­zäh­len.
Be­reits beim Duschen hatte ich fest­ge­stellt, daß mein Geld­beu­tel mit Bar­schaft, Aus­weis und diver­sen Mag­net­kar­ten bei dem un­frei­wil­li­gen Bad ab­han­den ge­kom­men war. Offen­bar war er beim ver­geb­li­chen Ringen mit der Becken­mauer aus der Hose ge­rutscht. Am näch­sten Tag begann ich das Becken aus­zu­pum­pen. Die Was­ser­menge war so groß, daß dies bis zum Ein­bruch der Dun­kel­heit nicht ge­schafft wurde. Ich konnte also erst am drit­ten Tage mit Gum­mi­stie­feln in den Schlick stei­gen und nach dem Ver­lore­nen suchen. Nach einer halben Stunde hatte ich im Umkreis von zwei Metern um die Stelle meines Stur­zes allen Schlick mit der Schau­fel an­ge­hoben und unter wach­sa­mem Blick wieder her­unter­rie­seln lassen. Steine, Äste, Baum­rinde – aber kein erdbaunes Leder. Dann suchte ich die Stelle ab, wo ich das Becken mit Hilfe der Rut­sche ver­las­sen hatte. Dann die Büsche auf dem Hin- und auf dem Rück­weg. Schließ­lich stieg ich ein zwei­tes Mal ins Becken und wie­der­holte die Übung.
Der Geld­beu­tel mußte sich sehr weit vom Ort des Heraus­rut­schens fort­be­wegt haben. Eine Kom­plett-Ent­lee­rung des Beckens hätte zu­min­dest die Anlage eines An­fahrts­weges für eine Schub­karre zur Vor­aus­set­zung gehabt. Diesen Auf­wand konnte ich zum jet­zi­gen Zeit­punkt nicht lei­sten. Ich ging ins Büro und fing an, tele­pho­nisch neue Mag­net­kar­ten an­zu­for­dern. Dabei fiel mir die Ziga­ret­ten­schach­tel wieder ein. Im Gegen­satz zu dem brau­nen Geld­beu­tel, der sich farb­lich kaum von dem Schlick unter­schied, war diese in leuch­ten­dem Weiß und Rot ge­stal­tet. Wenn mir diese nicht vor Augen ge­kom­men war, konnte ich ein­fach nicht gründ­lich genug ge­sucht haben. Ich über­legte mir, daß diese doch recht leich­ten Gegen­stände sich viel­leicht unter dem Sog der Pumpe an die Ab­saug­stelle bewegt haben könn­ten. Ich stieg ein drit­tes Mal ins Becken und suchte mit neuen Prä­mis­sen. Es blieb er­folg­los.
Nach­dem ich nun ohne Aus­weis und Geld war, konnte es nicht aus­blei­ben, daß ich eini­gen Leuten von dem Vor­fall be­rich­tete. Die Reak­tio­nen gaben mir zu denken und ver­an­laß­ten mich schließ­lich, diesen Be­richt zu schrei­ben. Im all­ge­mei­nen be­weg­ten sich die Äuße­run­gen zwi­schen »Du bist unter die Tier­lieb­haber ge­gan­gen« und »Etwas teuer für eine Katze«. Der ent­schei­dende Punkt in der Ge­schichte, näm­lich der Not­schrei, schien den mei­sten wenig zu sagen. Ich wurde auch gerügt, keine Taschen­lampe parat gehabt zu haben. Dem muß ich frei­lich ent­geg­nen, daß ich mit einer Lampe sehr wohl den Auf­stieg zum Becken ge­fun­den hätte und nicht hin­ein­ge­plumpst wäre. Aller­dings hätte ich denn im Licht­kegel ge­se­hen, daß das Ufer so über­wach­sen war, daß keine Mög­lich­keit be­stand, zu der Stelle zu ge­lan­gen, an der sich die Katze befand. Es hätte sich mir klar­ge­stellt, daß man ins Wasser stei­gen müsse, um die Katze zu retten. Nach­dem meine Vor­stel­lun­gen von diesem Tümpel weit un­an­ge­neh­mer waren, als sich dann die Rea­li­tät her­aus­stellte, hätte ich dieses Opfer wohl nicht ge­bracht. Es war also die Ret­tung der Katze, daß ich ohne Lampe, ohne klare Kennt­nis der Ver­hält­nisse, ohne Orien­tie­rung war.
Ich muß es ganz deut­lich be­to­nen: Ich bin kein Vege­ta­rier oder sonst be­son­ders sen­ti­men­tal, was die Grau­sam­keit der Welt be­trifft. Leute, die kein Blut sehen können, haben mich immer amü­siert. Auch emp­finde keine be­son­dere Zärt­lich­keit für Katzen, von ge­le­gent­li­chen Aus­nah­men ab­ge­sehen. Wenn ich die Katze ret­tete und mich damit in Be­dräng­nis brachte, dann wegen dem Not­schrei, der alle Refle­xion aus­löschte und eine tie­fere Ebene be­rührte, als die ge­wöhn­li­che Ab­wägung von Gut und Böse. Mir machte die An­ge­legen­heit bewußt, daß Barm­her­zig­keit und über­haupt das Er­bar­men in einer vor- und außer­mora­li­schen Ebene sie­deln. Mora­li­sches Han­deln ist eine An­stren­gung des Wil­lens und des Intel­lekts. Gut-ge­meint ist oft das Gegen­teil von gut. Der mora­lisch Han­delnde ist nicht blind. In­so­fern war die Ret­tung ganz und gar keine »gute Tat«. Sie ge­schah nicht reif und bewußt, son­dern kind­lich und in­stink­tiv. Nicht auf­grund von Läu­te­rung oder Selbst­zucht, son­dern als reine Gnade. Ich war nicht aktiv tätig, son­dern gerade­zu ein Medium, selbst passiv und hin­ge­geben an etwas, das durch mich tat. Und gerade das Unver­diente dieser Er­fah­rung gibt mit ein tiefes Gefühl des Bewahrt- und Nicht-ver­loren-Seins.
Es ist eigent­lich nicht meine Art, in jedem Miß­ge­schick das Gute zu sehen, das es wider alle Ab­sicht ge­bracht hat. Es ist auch nicht meine Art, das Pas­sive, Kind­liche, Un­be­wußte gegen­über dem Akti­ven, Männ­li­chen, Überlegten zu prei­sen. Aber in diesem Falle kam mir nie­mals der Ge­danke, die Sache könne sich nicht ge­lohnt haben. Ich schlief eine Nacht schlecht, weil ich fürch­tete, die Katze könne in den Minuten meiner panischen Selbstrettungsver­suche er­trun­ken sein. Als ich ent­deckte, daß sie ent­kom­men war, fühlte ich mich be­schenkt, und so ist es auch heute noch. Irgend­wann werde ich die Börse wiederfinden, und es ist frag­lich, ob die Geldscheine dann noch Gül­tig­keit und nen­nens­werte Kauf­kraft be­sit­zen. Die Katze kann schon am näch­sten Tag bei ande­rer Ge­le­gen­heit ver­un­glückt sein, ich sie seit jener Nacht nicht wieder und kann nur ver­muten, daß den Ort einer schrecklichen Er­fah­rung meidet. Wie es sich mit all diesen Dingen auch verhalte, mir hat jene Nacht eine wich­tige Er­fah­rung ge­schenkt, die Er­fah­rung, daß mir Barm­her­zig­keit ge­geben wurde, die einen Not­schrei nicht ignorieren kann.
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BETRACHTUNGEN EINES UNPOLITISCHEN

Zu der Aura des Dich­te­ri­schen, die Thomas Mann umgibt, trägt die In­stinkt­sicher­heit, die er bei der Wahl seiner Titel be­weist, er­heb­lich bei: »Be­trach­tun­gen eines Un­poli­ti­schen« – das ist prä­gnant und schwe­bend zu­gleich, be­schei­den und non­kon­form in einem. Wenn man den Topos im Kon­text des Bis­marck­rei­ches be­trach­tet, so weiß man, daß sich als »un­poli­tisch« die Be­völ­ke­rungs­mehr­heit ver­stand, die bei Par­la­ment an Pala­ver dachte, meinte, daß viele Köche den Brei ver­der­ben und daß die Lust an der Diskus­sion eine Sache von Leuten sei, die zwei linke Hände hätten. Da sich aber die Mehr­heit der Roman­auto­ren dieser Zeit kei­nes­wegs als un­poli­tisch, son­dern als enga­giert ver­stand, war der Ein­druck sicher nicht un­be­ab­sich­tigt, hier mache ein Dich­ter Front gegen die Zivi­li­sa­tions­schrift­stel­ler, hier stün­den Tiefe und Ver­wur­ze­lung gegen ge­sell­schaft­li­ches Ge­plän­kel und Groß­stadt-Deka­denz. Gleich­zei­tig muß fest­ge­stellt werden, daß diese Be­deu­tung gar nicht in dem Worte »un­poli­tisch« liegt, son­dern ihr einzig von einem be­acht­li­chen und zah­lungs­fähi­gen Publi­kum bei­ge­legt wird. Hier liegt eine Hin­ter­tür. Auf diese werden wir noch zu­rück­kom­men.
Thomas Mann ver­ehrte den Dich­ter August von Pla­ten. Dieser war lebens­lang wenig er­folg­reich und wurde auch nach dem Tode nie­mals be­rühmt. Für Thomas Manns Pas­sion, er kannte zahl­lose Ge­dichte des Ver­ehr­ten aus­wen­dig, reicht die Kna­ben­liebe des Dich­ters als Motiv nicht hin. Sicher liegt hier eine große Ge­mein­sam­keit beider Gei­ster, nicht nur in der Nei­gung als sol­cher, son­dern auch im spe­ziel­len Ge­schmack, in der grund­sätz­li­chen Pas­si­vi­tät und dem Gefühl der Asozialität. Aber auch diese Über­ein­stim­mun­gen sind nicht so selten, daß sie er­klä­ren könn­ten, wie ein um­fas­send ge­bil­de­ter Mann aus der Fülle der Her­vor­brin­gun­gen der deut­schen Klas­sik und Roman­tik aus­ge­rech­net diesem Dich­ter die Palme reicht.
Pla­ten kon­kur­rierte mit Goethe. Goethe wie­der­um steht in Deutsch­land und dar­über hinaus in be­son­de­rer Ein­zig­keit da. Es ist gerade­zu ein Ge­mein­platz ge­wor­den, daß ein Dich­ter, der groß und dabei glück­lich sei, der die Balance in einer Welt der Um­brü­che halte, der in allen seinen Lebens­ent­schei­dun­gen der Ver­nunft folge, aber gleich­zei­tig in allen Werken und auch im Leben dem Gefühl die innig­ste und nach­drück­lich­ste Gel­tung ver­schaffe, eben Goethe sei. Das ist der Olym­pier. Da prallt alle Kritik am Tak­tieren, an Eska­pa­den, am Aus­wei­chen und ge­le­gent­li­chem Ab­ducken ein­fach ab. Erfolg und Lei­stung schei­nen im Ein­klang zu sein, wie sonst nir­gends. Pla­ten er­kannte rich­tig, daß Goe­thes große Be­gabung nicht im Drama oder im Roman liege, erst recht nicht in der Poli­tik oder in der Natur­wis­sen­schaft, son­dern im Ge­dicht. Was kein Barock­dich­ter konnte und kein Herder, was die Roman­ti­ker er­folg­los ver­such­ten, Goethe setzte das Ge­dicht in die Mitte des Volkes.
Dies ist bis heute so ge­blie­ben, zu­min­dest bis in die jüng­ste Ver­gan­gen­heit, als in Vers­leh­ren noch die klas­si­schen Prä­mis­sen galten. Pla­ten deu­tete Goe­thes Erfolg als for­ma­les Können, als Vir­tuo­si­tät. Damit lag er nicht falsch. Denn Goe­thes Vers weiß in der Tat die Worte so zu setzen, daß dem Deut­schen das Herz auf­geht, daß er sich bei der Hand nehmen und in Rei­che führen läßt, wo er nichts als stau­nen kann. Aber Pla­ten be­weist mit seinem Schei­tern, daß man Goethe nicht be­er­ben wird, wenn man diese Vir­tuo­si­tät über­trumpft, wenn man schwie­rig­ste sprach­li­che Pro­bleme löst, wenn man die dich­te­ri­sche Form zur höchst denk­baren Per­fek­tion treibt. Hier gilt das alte Sprich­wort: »Allzu scharf macht schar­tig.« Eine Poesie zu hoher Künst­lich­keit ver­liert die Er­den­haf­tung. Leichte Fehler stei­gern die Lie­bens­wür­dig­keit. Die Welt braucht keine überwelt­liche Kunst, son­dern eine, die sich immer wieder als welt­lich verrät. Kurzum: Pla­tens Ver­suche, Goethe zu über­tref­fen, brach­ten ihm allein den Ruf des Ver­schro­be­nen und Überspannten ein, und dies er­schien dem Publi­kum durch seinen miß­glück­ten Lebens­ent­wurf be­dingt.
Thomas Mann war zu klug, Pla­tens Fehler zu wie­der­holen. Er wußte, daß er ebenso wie Pla­ten nicht über den inne­ren Reich­tum eines Goethe ver­fügte und ihn also in der un­reflek­tier­te­sten und frei­sin­nig­sten Form, dem Ge­dicht, nicht in die Welt stel­len konnte. Die Fülle konnte nicht seine eigene sein, son­dern die seiner han­deln­den Per­so­nen. Seine Vor­gehens­weise nimmt schon viel von dem im 20. Jahr­hun­dert auf­kom­men­den Spiel­film vorweg. Der Regis­seur bleibt gänz­lich im Un­sicht­ba­ren und erntet doch zu­zei­ten höch­sten Ruhm. Er braucht keine Kamera führen zu können, seine Kunst ist es, eine ge­lun­gene von einer mäßi­gen sicher zu unter­schei­den. Die höch­ste Kunst liegt im Schnitt, also im Weg­las­sen. Damit ist er im Grunde ein Kri­ti­ker. Er läßt Mate­rial an­häu­fen und her­bei­brin­gen, be­wer­tet, nutzt und ver­wirft es. Er ver­strömt sich nicht im Ge­dicht, er ge­bie­tet über Frem­des und macht es durch seine Wahl zu Eige­nem.
Als Thomas Mann mit seinem ersten Roman »Bud­den­brooks« das neue Jahr­hun­dert er­öff­nete, war der Roman noch ein junges Genre. Zwar sind schon aus der Antike Werke über­lie­fert, die weder Vers­epen noch Histo­rio­gra­phien waren, aber es fehlte ein Gat­tungs­name dafür. Im Hoch­mit­tel­al­ter kommen die Artus­romane auf, ein Fest­zug der Fabu­lier­kunst, aber lite­rar­ästhe­tisch blei­ben sie im Schat­ten des Minne­sangs. Ein ent­schei­den­der Schub setzt mit dem Auf­kom­men des Buch­druckes und der damit ein­her­gehen­den Kommerzialierung der Lite­ra­tur ein. In der frühen Neu­zeit finden vor allem die so­ge­nann­ten Volks­bücher große Ver­brei­tung. In der Pyrrho­nis­mus­debatte des 17. Jahr­hun­derts gip­felt ein lange schwe­len­der Streit über die Wahr­haf­tig­keit schrift­li­cher Zeug­nisse. Von diesem Zeit­punkt an be­ginnt man Ge­schichts­werke, die mit einer Quel­len­dis­kus­sion Indi­ka­to­ren der Über­prüf­bar­keit lie­fern, von Roma­nen zu schei­den, die den An­spruch auf Wahr­haf­tig­keit nicht er­he­ben.
Am Ende des 19. Jahr­hun­derts wird der Be­griff der Lite­ra­tur neu defi­niert, um den Roman aus­drück­lich ein­zu­schließen. Dafür sind meh­rere Ent­wick­lungs­schritte ver­ant­wort­lich. Der Erfolg des »Amadis von Gal­lien«, der im 16. Jahr­hun­dert eine erste inter­natio­nale Lese­mode aus­löst, zieht die erste kri­ti­sche Debatte im neuen Feld der ele­gan­ten Lek­türe nach sich. Die angli­sti­sche For­schung ver­bin­det das 18. Jahr­hun­dert mit Theo­rien vom Auf­stieg des Romans. Die Ge­schichte der eng­li­schen Lite­ra­tur ge­winnt an dieser Stelle maß­geb­li­che Be­deu­tung. Mit ihr ver­knüpft sich die These eines Ein­fluß­wech­sels. Nach­wei­sen läßt sich für die eng­li­sche wie für die deut­sche und die fran­zö­si­sche Pro­duk­tion fik­tio­na­ler Prosa für das 18. Jahr­hun­dert ein be­schleu­nig­tes Wachs­tum. Paral­lel zu diesem Wachs­tum be­ginnt eine Phase der Rück­kop­pe­lung des Mark­tes mit der Lite­ra­tur­kri­tik, die in der zwei­ten Hälfte des 18. Jahr­hun­derts einen Kanon klas­si­scher Werke der Roman­kunst eta­blierte, an denen sich neue Romane von nun an messen mußten.
Wesent­lich sind bei diesem Prozeß ver­schie­dene Dinge. Zu­nächst die Ver­lage­rung öffent­li­cher Debat­ten in den pri­va­ten Raum. Hier glaubt man er­folg­rei­cher bei einer Reform der Sitten an­set­zen zu können. Eine näch­ste Stufe wird mit der Lite­ra­tur der »Emp­find­sam­keit« er­reicht. Es werden nun Cha­rak­tere zum Zen­trum der Hand­lung, die in nicht­fik­ti­ven Prosa­schrif­ten gar nicht auf­ge­tre­ten wären. Paral­lel ent­wickelt sich die Psy­cho­lo­gie als Lehre von der ge­hei­men Natur des Men­schen. Dies führt zu Ent­wick­lungs- und Bil­dungs­roma­nen und der Ent­wick­lung von neuen Ver­hal­tens­nor­men. Mit Wer­ther tritt ein neuer Heldentypus auf. Er steht nicht mehr wie in der klas­si­schen Tra­gö­die vor poli­ti­schen Ent­schei­dun­gen, er leidet unter der Enge der Ver­hält­nisse.
Drei Dinge sind zu­sam­men­fas­send fest­zu­stel­len: Zum einen ist der Roman ein Medium der Eman­zi­pa­tion, er ver­leiht zahl­lo­sen Per­so­nen, zu­neh­mend auch aus den Unter­schich­ten, eine Stimme, deren Ten­denz die Um­wäl­zung der ge­sell­schaft­li­chen Ver­hält­nisse ist. Zum ande­ren hat der Roman eine große Internationaliät, die Moden machen vor Landes­gren­zen nicht halt, er ist be­lie­big und kom­for­ta­bel über­setz­bar. Zum drit­ten schafft der Roman einen Mas­sen­markt, dessen Kind er zu­gleich ist.
Um auf Thomas Mann zu­rück­zu­kom­men: schon daß jemand »Romane« schreibt, ist nicht »un­poli­tisch«, schon gar nicht, wenn er plant, mit dieser in Deutsch­land noch wenig ent­wickel­ten Gat­tung ein neuer Goethe zu werden. Dies sollte man bei der Lek­türe der Mannschen Werke im Hinterkopf be­hal­ten.
Bevor ich aber zu den »Be­trach­tun­gen« und dem Politischen im engeren Sinne komme, noch ein paar Ge­dan­ken zu Thomas Manns Erst­ling, den »Bud­den­brooks«. An diesen Erfolg hat er ja fortan immer wieder angeknüpft. Die Hand­lung des Romans folgt einer Refle­xion Otto von Bis­marcks, wonach die erste Gene­ra­tion ein Ver­mögen anhäufe, die zweite es verwalte, die dritte Kunstgeschichte studiere und die vierte vollends verkomme. Diese Abfolge sah Thomas Mann nicht nur in seiner eige­nen Fami­lie. Nach dem ge­wal­tigen Auf­stieg des Bür­ger­tums im 19. Jahr­hun­dert schien ein nun fälliger Ab­stieg all­ge­mein aus­ge­macht und alle Anzeichen dafür er­freu­ten sich be­son­de­rer Aufmerksamkeit der Lite­ra­ten und des Publi­kums. Die unter­schied­li­chen Wertungen, einmal opti­mi­stisch, daß dieser Nie­der­gang not­wen­dige Vor­aus­set­zung einer höhe­ren Mensch­heit und Kultur sein werde, oder pessimistisch als all­ge­meiner Nie­der­gang der Kultur und der Moral, dürfen nicht dar­über hin­weg­täu­schen, daß die ver­schie­denen Lager die Erwartung einer fun­da­men­talen Wende ver­einte. Mann wiederholt also in ge­wisser Weise ein halbes Jahr­hun­dert später nur, was Marx schon 1848 in seinem Manifeste kundtat.
Nun mag ja der Glanz der bür­ger­li­chen Kultur ge­wal­tig ge­we­sen sein und die Anzeichen ihrer Morschheit eben­falls – aber mußte man des­wegen das Bür­ger­tum mit der Kultur über­haupt gleichsetzen? Wenn man schriftstellerischen Erfolg in dieser Zeit haben wollte und des­halb auf die »ge­sell­schaft­li­chen Pro­bleme« insistieren mußte, gewiß. Aber die Welt ist ein biß­chen größer. Goethe nannte Hegel (als dessen Jünger man Marx un­be­dingt be­grei­fen muß) in seinem Fort­schrittsglau­ben einen »dialektisch Kranken«, der Hei­lung im Studium der Natur suchen solle. Thomas Mann hat in seinen Roma­nen ganze Kapi­tel naturwis­sen­schaft­licher For­schun­gen eingearbei­tet, aber auch dies sind nur Bücherwelten, die reale Natur be­schränkt er auf Spaziergänge mit dem Hund.
Die Kunst des müßiggängerischen Lebens, also der letz­ten Gene­ra­tio­nen der »Bud­den­brooks«, wird in Thomas Manns Romanwerk in allen Facetten aus­ge­brei­tet, am üppigsten im »Zauberberg«, wo man auch real unter sich ist wie ja im Be­wußt­sein ohne­hin. Einzig im »Doktor Fau­stus« ver­sucht Thomas Mann einen Gegenentwurf, aller­dings in seiner Zu­spit­zung als gro­teske Ver­zeich­nung, der Schöpferische, Nicht-Müßiggängerische ist ein Getrie­bener, ein dämonisch Gehetzter, zwei­fel­los ein Mann des Teu­fels. In Adrian Leverkühn führt uns Thomas Mann nicht nur den Natio­nal­sozia­lis­mus vor, son­dern alles, was mit seiner Ten­denz der olympischen Ironie nicht mitschwimmt. Wer das Leben ernst nimmt, ist des Teu­fels. Die Deut­schen sowieso.
Um die Geschichtsphilosophie, die in Thomas Manns Romanwerk aus­ge­brei­tet wird, zu verdeut­lichen, hier noch ein kurzer Ein­schub. Man weiß, daß Thomas Mann Theo­dor Storm außer­ordent­lich schätzte und sich erzählerisch als dessen Schüler be­griff. In der Tat nimmt z. B. Storms Altersnovelle »Der Schim­mel­rei­ter« gleich zwei Motive vorweg, die bei Mann zu Roma­nen wurden, den Nie­der­gang des Deich­grafen­amtes in drei Gene­ra­tio­nen und den da­durch mög­li­chen Auf­stieg eines homo novus, der an seiner Ein­sam­keit und seiner Unfähigkeit, ein Ver­trauen­sver­hält­nis zu den Dorf­be­woh­nern herzustel­len, schließ­lich grandios scheitert. Der Hauptunter­schied ist zu­nächst, daß Storms Figuren in ihrer angestammten Um­ge­bung blei­ben. Das Mikrokosmische ist aber nicht nur der Gat­tung der Novelle ge­schul­det, es ent­spricht auch der Hal­tung des Autors, der zwar von den Dänen aus seiner Heimat vertrie­ben wurde, aber mit den Preußen zurückkehrte.
Storms Novelle ist 1934 und erneut 1978 verfilmt worden, beide Verfilmungen sind außer­ordent­lich ge­lun­gen. Interessant ist, daß beide Ver­suche ein Motiv der Novelle unterschla­gen, näm­lich das schwach­sin­nige Kind, das der Vater auf Deichritte mitnimmt und dessen Angstphantasien mehrfach wörtliche Ankläge an Goe­thes »Erlkönig« brin­gen. Ich habe mich an ande­rer Stelle zu dem Thema verbrei­tert, daß der Erlkönig eine Meta­pher für Odin, den umtriebigsten aller heidnischen Götter, dar­stellt. Nur sein un­um­stöß­li­ches Vorurteil, An­nahmen des Dämonischen in der Welt seien Krücken der Faul­heit und der Dumm­heit, läßt Hainen die un­über­seh­bare Fülle von bedrohlichen Zei­chen in der Hand­lung ignorieren. Wenn der Deichgraf der Rah­men­hand­lung die Erzählung des Schul­mei­sters mit dem Worte ab­qua­li­fi­ziert, dieser sei ein »Aufklärer« und damit ein Weismacher, so ge­winnt dieses Schlußwort da­durch Be­deu­tung, weil des Schul­mei­sters Über­zeu­gung, bei dem ganzen Teu­fels­ge­rede handle es sich um trübsten Aber­glau­ben, eigent­lich fort­wäh­rend im Wider­spruch zu so vielen De­tails steht.
Als Hauke den Schimmel von der zwielichtigen Person gün­stig erwirbt und Elke dann merk­wür­dig hellsichtig zu bedenken gibt, daß das Wohlfeilste meist auch das Teuerste sei (warum sagt sie das, wo die Ernährung eines Pferdes einen großen Hof kaum belasten kann), weiß er genau, daß er sich mit einer Aura umgibt, welche die Be­schei­den­heit seiner Her­kunft und seiner Jugend ver­ges­sen machen kann. Wenn wir den Aber­glau­ben als Aber­glau­ben ansehen, dann kalkuliert Hauke ihn ein. Dies ist sein Teu­fels­pakt oder sein Treten in die Rolle des heidnischen Gottes.
Damit dürfte die Paral­lele zu Adrian Leverkühn sichtbar ge­wor­den sein. Als Hauke Hainen die Fertigstellung sei­nes neuen Deiches feiert, muß er sich gefühlt haben, wie Hitler im be­setz­ten Paris, als der kleine Mann, der den Mut hatte, die Leute zu ihrem Glück zu zwingen, als Faust, der die Gren­zen der Biederkeit überschrei­tet und das Unmög­liche mög­lich macht. Das Faustische bei Hainen ist der Glaube an die Ver­nunft, die un­ab­hän­gig davon durch­ge­setzt werden muß, ob sie menschlich und kul­tu­rell ver­tret­bar ist. Bei Leverkühn ist das Motiv erst einmal da­durch ge­schwächt, da Kunst nicht eigent­lich eine Tat, son­dern die Vermittlung von Taten ist. Für eine neue Kompositionsart läßt sich die Vernuft viel schwererer be­mü­hen als für die Gewinnung von Neuland. Der ent­schei­dende Gegen­satz liegt aber an ande­rer Stelle, faustisch ist Hainen, weil er die Magie be­strei­tet, nicht, weil er sie bemüht. In­so­fern ist dies nicht nur ein Typus, der uns nicht nur in Hitler, son­dern über­haupt im Gange der Neu­zeit, im­mer­fort be­geg­net.
Im Gegen­satz dazu ist Leverkühn eine ideo­lo­gi­sche Kon­struktion, die wir in keiner Ver­gan­gen­heit und in keiner Gegen­wart finden werden. Der Mensch, der sich bewußt mit Syphilis infiziert und danach geniale Werke schafft, hat nie gelebt. Thomas Manns ver­hunzte Sinnlichkeit konstruiert eine Dämonie der Aus­schwei­fung. Der Gipfel der Peinlichkeit ist dabei die Ver­mischung mit der Leidensgeschichte Fried­rich Nietz­sches, von dem Mann offen­bar nicht mehr ver­stan­den hat als die Leute, die das falsche Zitat von dem Weib und der Peitsche vor sich her­tra­gen.
Als Hainen in seiner Hybis stürzt, stirbt seine Fami­lie aus. Das Dorf wird aber einen neuen Deichgrafen haben und die Ord­nung wird sich nach dem Schrecken wiederherstel­len. Wenn Mann Leverkühn in paralytischen Wahnsinn fallen und für sein wei­te­res Leben völlige Fremd­be­stim­mung dulden läßt, so muß man ihm frei­lich eine ge­wisse Prophetie be­schei­ni­gen. Nur wurde dieser Wahnsinn nicht durch Selbst­in­fek­tion, magische Rituale und sinnliche Exzesse ge­sucht, son­dern herbeigebombt mit tonnenweis Phosphor.
Bei Thomas Mann zele­briert der große Ein­zelne seinen Unter­gang, der zu­gleich der Unter­gang seiner kul­tu­rel­len Basis ist. Das ist nicht nur Nihilismus, son­dern Nihilismus um des Nihilismus willen. Groß ist allein die Zer­stö­rung. Gemessen daran ist Hainen ein gutmütiger Bauer. Er will mehr, will zu viel und stürzt dabei ab. Leverkühn will ab­stür­zen und alles mit sich reißen.
Als Thomas Mann sech­zig­jäh­rig die tsche­cho­slo­wa­ki­sche Staats­bür­ger­schaft annahm, die ein­zige Staats­bür­ger­schaft, für die man keine andere Vor­aus­set­zung brauchte als die Feind­schaft zum Deut­schen Reich, endete eine lange Phase seit dem Pro­test der Richard-Wagner-Stadt Mün­chen gegen Manns sehr per­sön­li­che Ver­ein­nah­mung des Kom­po­ni­sten. Die vier Jahre, die sich Adolf Hitler mit dem Er­mäch­ti­gungs­ge­setz ver­schafft hatte, um zu zeigen, daß er Deutsch­land aus einem deso­laten Zu­stand zu neuer Kraft und Größe führen könne, näher­ten sich ihrem Ende. Die Bilanz war offen­sicht­lich und dürfte auch Thomas Mann in Küs­nacht bei Zürich nicht ent­gan­gen sein. Aus Deutsch­land waren viele Roman­schrift­stel­ler emi­griert, aber sie waren eigent­lich alle ent­weder jüdi­scher Ab­stam­mung oder poli­tisch stark links ste­hend. Thomas Mann reiste seit Jahren mit einem ab­ge­lau­fe­nen Paß, der ohne per­sön­li­ches Er­schei­nen in Mün­chen nicht ver­län­gert werden sollte, aber die US-Ame­ri­ka­ner sahen groß­mütig über diese In­korrekt­heit hinweg.
Daß er nach der Er­mor­dung Rathe­naus die Rede »Von deut­scher Repu­blik« ge­hal­ten hatte, in die »Deut­sche Demo­kra­ti­sche Partei« ein­ge­tre­ten war und nach der Reichs­tags­wahl 1930 im Ber­li­ner Beet­hoven­saal eine »Deut­sche An­spra­che« hielt, die in be­schwö­ren­der Weise vor dem Natio­nal­sozia­lis­mus warnte, wären keine Hin­der­nisse ge­we­sen, nach Mün­chen zu­rück­zu­keh­ren. Viele Leute hatten Frie­den mit den neuen Ver­hält­nis­sen ge­macht, die sich in den Zwan­zi­gern noch viel ex­po­nier­ter gegen die neue Partei aus­ge­spro­chen hatten.
Wenn man Thomas Manns Leben als Ver­such einer Goethe-Imi­ta­tion be­trach­tet, fragt man sich, warum er zu einem Zeit­punkt, da sich die Ver­hält­nisse in Deutsch­land sta­bi­li­sier­ten, ein Flücht­lings­da­sein dem Frie­den mit der Macht vorzog. Als er schließ­lich in die Ver­einig­ten Staa­ten über­sie­delte, war zu­nächst zwar präch­tig für ihn ge­sorgt, aber alle Loya­li­täts­be­kun­dun­gen und pro­pa­gan­di­sti­schen Dien­ste im Krieg ver­hin­der­ten nicht, daß er 1951 vor dem Re­prä­sen­tan­ten­haus im Kongreß als »einer der welt­weit be­deu­tend­sten Ver­tei­di­ger von Stalin und Ge­nos­sen« be­zeich­net wurde und Ame­rika nicht minder freund­los ver­ließ als einst Deutsch­land. Das Nach­kriegs­deutsch­land pro­vo­zierte er mit der Kol­lek­tiv­schuld-These und damit, daß er zu den ver­wüste­ten deut­schen Städten ein lapi­da­res »Alles muß be­zahlt werden« ver­lau­ten ließ.
Wenn man die Lebens­läufe Goe­thes und Thomas Manns neben­ein­ander stellt, so könn­ten sie kaum unter­schied­li­cher sein. Zwar hat Goethe Frank­furt ver­las­sen wie Mann Lübeck, aber er hat der Stadt an der Ilm höch­ste Treue und innige Liebe ge­zeigt. Er hat zwar Reisen unter­nom­men und mit aller Welt kor­re­spon­diert, aber sein Lebens­mit­tel­punkt blieb un­ver­rück­bar. Er hat zwar Napo­leon be­wun­dert und seinem Sohn die Teil­nahme an den Frei­heits­krie­gen ver­boten, aber er hat kei­ner­lei Pro­pa­ganda für die Feinde Deutsch­lands be­trie­ben. Wenn bei Goethe von Dingen wie »Welt­bür­ger­tum« die Rede ist, dann sind damit die zeit­ge­nös­si­schen Fort­schritte in Wis­sen­schaft und Tech­nik ge­meint, keine poli­ti­schen Be­kennt­nisse. Und auch bei diesen Fort­schrit­ten igno­riert Goethe die Schat­ten­seite nicht, wie man im »Faust« nach­lesen kann.
Mann aber schafft es 1949 in seiner Rede zu Frank­furt, Goethe in die Nähe der Demo­kra­tie zu rücken. Bei dieser Un­ver­fro­ren­heit bleibt einem gerade­zu die Spucke weg. Ich halte es aber für einen großen Fehler, an­zu­neh­men, Thomas Mann habe nach der Nie­der­lage der Mit­tel­mächte im ersten Welt­krieg eine fun­da­men­tale Wand­lung durch­ge­macht, wie es seine spätere Distan­zie­rung von den »Be­trach­tun­gen eines Un­poli­ti­schen« nahe­legt. Ich glaube viel­mehr, daß sein Deutsch­land, von dem er in Ame­rika sagt »Wo ich bin, ist Deutsch­land«, schon immer völlig fern vom deut­schen Volke lag, und der Adel des Gei­stes, in dem er sich die Rolle des Dich­ter­für­sten ein­zu­neh­men an­schickte, immer der Adel einer ganz ande­ren Be­find­lich­keit als der deut­schen war.
Diese These mag man­chen schockie­ren. Sie stellt näm­lich den Kon­ser­va­ti­vis­mus des wil­hel­mi­ni­schen Groß­bür­ger­tums unter den Gene­ral­ver­dacht, in seiner schmieg­samen An­pas­sung an die Ver­hält­nisse der zwan­zi­ger Jahre offen­bart zu haben, daß die Pro­pa­ganda von deut­scher Tiefe und Ästhe­ti­zis­mus in Wahr­heit nur ein oppor­tu­nes Män­tel­chen wirt­schaft­li­cher Inte­res­sen war. Thomas Mann machte später­hin kein Hehl aus seinen wirt­schaft­li­chen Inte­res­sen, auch wenn er dabei nicht so weit wie seine Gattin ging. Ins­be­son­dere in seiner Exil­zeit stellt er diese als die natür­lich­ste Sache der Welt hin, und nennt minder er­folg­rei­che Kol­le­gen Faul­pelze. Eine Anek­dote hat sehr früh mein Bild vom frühen Thomas Mann ge­prägt. Es ging um eine Taschen­buch­aus­gabe der »Bud­den­brooks«. Manns Ver­leger Samuel Fischer wei­gerte sich, dieser neuen Mode zu folgen, weil er darin einen Ver­fall der Kultur und der guten Sitten sah. Ein sol­cher Geiz sei eine Miß­ach­tung des gei­sti­gen Gutes. Mann ließ nicht locker und drohte, die Taschen­buch­rechte an den Kon­kur­ren­ten Knaur zu ver­kau­fen, sodaß Fischer schließ­lich nach­gab.
Die »Be­trach­tun­gen eines Un­poli­ti­schen« sind ein Buch, das Thomas Mann unter Zwang schrieb. Un­mit­tel­bar nach Kriegs­aus­bruch hatte er sich von der all­ge­mei­nen Be­gei­ste­rungs­welle hin­reißen lassen, zwei Essays zur Ver­tei­di­gung der deut­schen Posi­tion zu schrei­ben. Sein Bruder Hein­rich ver­öffent­lichte dar­auf­hin in einer pazi­fi­sti­schen Zeit­schrift einen pole­mi­schen Sei­ten­hieb gegen den jün­ge­ren. Es ent­stand eine Situa­tion, mit der Mann sehr schlecht um­ge­hen konnte. An­ge­grif­fen zu werden kam in seinem Selbst­ver­ständ­nis nicht vor, für seinen Wunsch einer Goethe-Imi­ta­tion mag auch wesent­lich ge­we­sen sein, daß der Dich­ter­fürst acht­zig Jahre nach seinem Tode all­ge­mein so wahr­ge­nom­men wurde, als hätte es zu keinem Zeit­punkt irgend­wer gewagt, an der Selbst­ver­ständ­lich­keit sei­nes Thro­nes zu rüt­teln. Hinzu kam, daß sich Mann unter Roman­schrift­stel­lern mit seiner Posi­tion in der Min­der­heit sah. Die Moti­va­tion zu dem Buch lag also nicht in den In­hal­ten, son­dern in der ge­kränk­ten Eitel­keit. Über das tiefe Un­be­hagen, das Thomas Mann beim Schrei­ben des Buches be­glei­tete, kann seine Weit­schwei­fig­keit nicht hin­weg­täu­schen. Im Vor­wort ge­steht er ein, das Buch sei »poli­ti­scher« ge­ra­ten als be­ab­sich­tigt. Irgend­wie schwante ihm wohl, daß ihm das ganze noch leid­tun werde.
Thomas Mann war ein Autor von einer un­glaub­li­chen Be­lesen­heit. Die »Be­trach­tun­gen eines Un­poli­ti­schen« zeigen dies in zweier­lei Weise. Zu­nächst einmal stützt er seine Thesen in ex­zes­si­ver Weise durch Lite­ra­tur. Dabei fällt auf, daß Auto­ri­tä­ten be­vor­zugt werden, als wolle sich der Schrei­ber hinter ihnen ver­stecken. Da ist zu­nächst Goethe, es folgen Richard Wagner, Scho­pen­hauer und Dosto­jew­ski. Schließ­lich Fried­rich Nietz­sche, bei dem Mann, aber dies ist ein eige­nes Thema, das Kunst­stück voll­bringt, ihn nie­mals in Gegen­satz zu Scho­pen­hauer und Wagner treten zu lassen. Viel­mehr ergibt sich ein so­ge­nann­tes »Drei­ge­stirn«, wobei man sagen muß, das dieser nach Mann oft wie­der­holte Mythos gleich­wohl nur Manns Ver­drän­gungs­mecha­nis­men wie­der­gibt. Wenn Nietz­sche häufig betont, daß er zwar ein déca­dent sei, aber auch dessen Gegen­teil, so ist dieses Gegen­teil in Manns »Drei­ge­stirn« völlig ge­tilgt. Neben Goethe, Dosto­jew­ski und dem »Drei­ge­stirn« werden vor allem Auto­ren zitiert wird, die heute zwar ver­ges­sen sind, aber im Kai­ser­reich außer­ordent­lich er­folg­reich waren.
Der Ge­brauch der Lite­ra­tur ist aber nicht nur eine Frage der Auto­ri­tät und Legi­ti­ma­tion. Es zeigt sich auch, daß Manns Sicht der sozia­len und poli­ti­schen Welt nahezu aus­schließ­lich lite­ra­risch ge­prägt ist. Dies ist außer­ordent­lich ver­räte­risch. Manns hier ver­tre­tene Posi­tio­nen ent­stam­men keinen Kind­heits­er­fah­run­gen, sie sind nicht per­sön­lich er­fühlt und er­lit­ten, son­dern an­ge­lesen. Was wunder, daß diese unter ver­änder­ten Be­din­gun­gen zum Alt­papier wan­dern.
Das Kapi­tel »Poli­tik« ist das mit Ab­stand läng­ste im Buch. Darin stellt er der Poli­tik den Ästhe­ti­zis­mus ent­gegen. Zu diesem Be­griff habe ich mich schon an ande­rer Stelle aus­führ­lich ge­äußert. Hier ist zu wie­der­holen, daß dieser eine Um­fal­ler-Posi­tion dar­stellt, ein letz­tes Auf­bäu­men vor der be­din­gungs­losen Kapi­tu­la­tion. Wer nicht mehr mora­lisch stand­hal­ten kann, ver­sucht es schön­gei­stig. Als Zeugen ruft Mann Schil­ler, Flau­bert, Scho­pen­hauer, Tol­stoi und Strind­berg an. Zu­min­dest Schil­ler und Tostoi wären damit ganz gewiß nicht ein­ver­stan­den ge­we­sen. Wenn Nietz­sche Schil­ler vor­wirft, er mora­li­siere un­er­träg­lich, und sich auch Goethe ge­le­gent­lich über Schil­lers Ver­klemmt­heit amü­siert, so mag man hier vor­brin­gen, daß das Eigent­liche des Dich­ters auf einem ande­ren Ge­biete läge, aber es lag gewiß nicht auf einem Ästhe­ti­zis­mus. Daß Schil­ler bis zu seinem Tode für enthu­sia­sti­sche Knaben schwärmt, mag ihn für Thomas Mann un­ver­zicht­bar machen, aber diese Marotte be­grün­det nicht Schil­lers Posi­tion in der deut­schen Gei­stes­ge­schichte. Auch darf man über Tol­stois lebens­phi­lo­so­phi­sche Schrif­ten gerne ge­le­gent­lich schmun­zeln, wie es Hamsun vor­treff­lich in seinem Reise­be­richt »Im Mär­chen­land« tut, aber seine Apo­lo­gie des rus­si­schen Bauern ist gerade­zu das Gegen­teil von jedem Ästhe­ti­zis­mus. Es soll auch an dieser Stelle nicht ver­schwie­gen werden, daß das Werk Richard Wag­ners in­tel­lek­tu­ell am stärk­sten in Paris rezi­piert wurde, der fran­zö­si­sche Symbo­lis­mus ist ohne Wagner nicht denk­bar. Wag­ners Ruhm in Deutsch­land war über weite Strecken ein Re­im­port, was das ge­flü­gelte Wort »L’art pour l’art« sehr deut­lich zeigt. Die Gegen­über­stel­lung von Poli­tik und Ästhe­ti­zis­mus zeigt also nicht die Front­linie zwi­schen den Mit­tel­mäch­ten und der Entente, son­dern Pari­ser Salon­strei­te­reien zwi­schen Symbo­li­sten und Natu­ra­li­sten.
Aber ich will Thomas Mann selber zu Wort kommen lassen, was er denn unter Ästhe­ti­zis­mus ver­stehe. So heißt es in den »Be­trach­tun­gen eines Un­poli­ti­schen«, für den Ästhe­ti­zis­mus gelte, daß »alles bloß Ge­sagte be­dingt und an­grei­fbar ist, so abso­lut und apo­dik­tisch es auch im Augen­blick« emp­fun­den werde und daß »das Gei­stige, das Intel­lek­tu­el­le nie­mals ganz ernst« ge­nom­men werde. Zu­sam­men­fas­send formu­liert, nimmt Thomas Mann selber »nie­mals ganz ernst«, was er hier aus­brei­tet. Auf die Ironie werde ich noch kommen. Aber man muß sich das auf der Zunge zer­gehen lassen. Der bis dahin mör­de­risch­ste aller Kriege tobt. Der Westen hat das Kunst­stück voll­bracht, ge­mein­sam mit Ruß­land das Reich ein­zu­krei­sen. Die Gym­na­sia­sten gehen scha­ren­weis mit Not­abi­tur an die Front und die wenigesten kommen zurück. Und dies alles, weil das Gei­stige »nie­mals ganz ernst« ge­nom­men werde. Man könnte meinen, der Autor mache sich über sein Volk lustig.
Bei all seiner Pas­sion für deut­sche Jugend und Schön­heit meint Mann frei­lich, daß sich die Demo­kra­tie über­all in der Welt durch­set­zen werden, auch in Deutsch­land. Unter »Welt« ver­steht Mann offen­bar Eng­land, Frank­reich und die USA. Schon diese Set­zung ist par­tei­lich. Seine Pro­gnose, die Demo­kra­tie werde sich auch in Deutsch­land durch­set­zen, heißt doch nichts ande­res, als daß er den Krieg schon jetzt für Deutsch­land für ver­loren hält. Man sieht, wie wenig Thomas Mann von der Posi­tion sei­nes Bru­ders trennte, der später nicht grund­los zum Prä­si­den­ten der Ost­ber­li­ner Aka­demie der Künste ge­wählt wurde. Was Mann von den »Zivi­li­sa­tions­schrift­stel­lern« trennte, war ledig­lich seine Pas­sion für den deut­schen Jüng­ling. Hier fällt es schwer, nicht vulgär zu werden.
Hein­rich Mann muß übri­gens zugute ge­hal­ten werden, daß er zwar poli­tisch im Trend der Zeit lag, aber sich später in den USA nicht mit dem Gast­geber­land an­freun­den konnte. Er gehört zu den Linken, deren Schick­sal nicht frei von Tragik ist. Sein Bruder hin­gegen war letzlich über­all zu­hause, wo Erfolg und Wohl­stand wohnen.
Bermerkenswert er­scheint mir auch der Um­stand, daß nicht alle Kapi­tel des Buches später ab­qua­li­fi­ziert werden müssen. Die letz­ten beiden be­trach­tete Mann leb­lang als gültig für sein Werk. Aus diesem Grunde sollen sie noch ge­nauer unter die Lupe ge­nom­men werden.
Das Kapi­tel »Ästhe­ti­zi­sti­sche Poli­tik« stellt eine scho­pen­hauer­sche Zwei-Rei­che-Lehre vor. Mann be­an­sprucht Souve­rä­ni­tät im Rei­che der Kunst, be­feh­det aber jenen, der als Ästhet in der Poli­tik auf­trete. Wir haben hier wieder die Be­schei­dung auf eine auto­nome Kunst, in der nach Manns An­sicht »Mei­nun­gen« nichts gelten, wie auch die Gei­stig­keit nichts in der Poli­tik zu suchen habe, in der es allein auf den Erfolg an­kom­me. Man er­kennt wieder deut­lich, daß die sonst so hoch ge­hal­tene deut­sche Kultur bitte außen vor blei­ben solle, wenn es um den Geld­beu­tel geht. Roman­ti­sche Poli­tik ist auch von ande­rer Seite und mit gutem Recht an­ge­grif­fen worden. Aller­dings als Be­griff der poli­ti­schen Theo­rie. Nie­mand wird be­strei­ten, daß das Ringen um die Macht keine Oper ist, und mit einem wag­ne­ri­schen Leit­motiv kein Krieg ge­won­nen werden kann. Aller­dings ist diese Ent­frem­dung von Kunst und Leben ein Deka­denz-Phä­no­men. Für Theo­dor Körner stand die Klampfe noch nicht im Wider­spruch zum Schieß­ge­wehr.
Im Gegen­satz zu den Pole­mi­ken frü­he­rer Kapi­tel bleibt hier Mann merk­wür­dig diffus. Wer denn jene Ästhe­ten seien, die Poli­tik als Kunst­werk be­trie­ben, wird nicht gesagt. Diese Lücke wird Thomas Mann in spä­te­ren Jahren füllen. Hier hat er vor­ge­sorgt, später die letz­ten Wur­zeln zu ver­leug­nen. Einst­wei­len denkt man an eine Art Gustav von Aschen­bach, der sich als Ästhet auf ein Ter­rain begibt, wo er nur unter die Räder kommen kann.
Der Herr der Poli­tik ist der Erfolg, der Herr der Kunst meint es nie­mals ganz ernst. Die Kon­se­quen­zen dieser Kon­zep­tion sind offen­sicht­lich.
Im letz­ten Kapi­tel »Ironie und Radi­ka­lis­mus« wird das zu ver­tei­di­gende Ter­rain noch einmal ver­klei­nert. Nun geht es nicht mehr um Tiefe und Kultur, son­dern nur noch um den eige­nen »iro­ni­schen« Stil, den Mann gegen Sen­ti­men­ta­li­tät und kalte Intel­lek­tua­li­tät setzt. Ge­rade­zu ein Mauer­blüm­chen. Aber was hat es mit dieser Ironie auf sich? Da wird erst das Leben preis­ge­ge­ben und dann auch noch die Kunst zur Hälfte. Der Autor er­bet­telt von jenen, die er für die künf­ti­gen Sieger hält, sie mögen ihm doch sein klei­nes, trau­li­ches Nicht-ganz-ernst-Ge­mein­tes lassen, wenn sich welt­weit das Gesetz der Ge­schichte voll­ziehe. Er­bärm­li­cher geht es nicht mehr.
Ich komme zum Fazit der Unsuchung. Das Früh­werk Thomas Manns ist ebenso wie die Werke unter demo­kra­ti­schem Vor­zei­chen Aus­druck seiner Groß­bür­ger-Phi­lo­so­phie. Nur ein er­folg­rei­cher Mann ist ein guter Mann. Vor der Strenge dieses Satzes werden alle Über­zeu­gun­gen und Nei­gun­gen »nie­mals ganz ernst ge­meinte« Marot­ten. Manns schlech­tes Ge­wis­sen hält sich beim Verrat in Gren­zen. Schließ­lich hat er die Liebe ge­opfert, um ein Ver­mögen zu hei­ra­ten. Da kommt es auf Gott und Vater­land nicht mehr an.
Unter dem Strich steht ein Oppor­tu­nist, der sich die Pose gab, »über den Par­teien« zu stehen. Sein »Deutsch­land« ist der Spie­gel des Nar­kis­sos. »Rechts« klin­gende Sätze pro­du­ziert er nur dann, wenn er sich gegen seinen ehr­li­che­ren Bruder ab­zu­gren­zen sucht. Die »Be­trach­tun­gen eines Un­poli­ti­schen« stel­len keine prin­zi­pielle Ab­wei­chung dar, mag auch man­cher Käufer auf den Titel her­ein­ge­fal­len sein.
 

DAS BLAUE LICHT

Bei den Moda­li­tä­ten des Lebens, die wir im Deut­schen mit den Zeit­wor­ten dürfen, sollen, müssen, wollen und können aus­drücken, be­zeich­nen drei die Fremd­be­stim­mung und zweie die Selbst­be­stim­mung, näm­lich Wille und Kunst. Daß einer Künst­ler sei, ist eine Gnade, also keine Selbst­be­stim­mung. Goethe spricht von den an­ge­bore­nen Ver­dien­sten. Daß solche Talent und Be­gabung seien, wird nur von Ideo­lo­gen der ab­so­lu­ten Vor­aus­set­zungs­losig­keit be­strit­ten. Ein wei­te­res muß hin­zu­tre­ten, eine Vision und Sehn­sucht, ein inne­rer Zwang zum Aus­druck, ein Kein-Ge­nügen-Finden an dem platt Not­wen­di­gen, ein un­bän­di­ger Wunsch nach Ver­zau­be­rung. Bringt diese innere Not einen star­ken Wil­len hervor, seinem Stern zu folgen, hart gegen sich und die Welt, immun gegen Wider­spruch und Schmei­che­lei, dann ent­steht große Kunst. Und weil in jeder realen Kunst sich der Wille deut­li­cher mani­fe­stiert als in jeder ande­ren Wil­lens­äuße­rung, er­scheint die ur­sprüng­lich nicht selbst­be­stimmte Kunst als die Krone der Selbst­be­stimmt­heit.
Ein sol­cher Kunst­be­griff be­schränkt sich nicht auf die klas­si­schen Musen. Er steht für alles, was inne­rer Be­gabung und inne­rer Not ent­sprun­gen ist und sich mit un­ab­ding­ba­rem Wil­len ver­mählt. Kunst ist ein aufs Ganze gehen. Alle Men­schen tragen Sehn­sucht danach, aber nur wenige ent­wickeln den an­dau­ern­den Wil­len. Dies ist auch gut so. Denn das Leben ist nur aus­nahms­weise selbst­be­stimmt, die Regel­para­meter lauten Not und Norm, Mangel und Grenze. Hoch ist die Latte gelegt für jene, die Blei­ben­des schaf­fen. Aber für alle ist ihr Reich­tum be­stimmt. Der Künst­ler sollte nie ver­ges­sen, daß seine Er­wählt­heit vom Volk ge­tra­gen wird und darum auch alles, was ihm ge­schenkt wird, diesem gehört.
Das Blei­bende meint nicht un­be­dingt die phy­si­sche Dauer in der mensch­li­chen Histo­rie. Setzt man diese abso­lut, so gehört der Kranz der Bau­kunst, zuerst den Pyra­mi­den, die aus einer uns ganz frem­den Welt un­über­seh­bar her­über­ragen. Die Musik hat gar keinen Ort im Raume und wan­delt sich im Zei­ten­lauf, wenn sie etwa nach einer Par­ti­tur wie­der­er­weckt wird. Eine Schlacht der Kriegs­kunst ist über­haupt nicht wieder­hol­bar, aber Legen­den und Lieder prei­sen den großen Feld­herrn. Vieles Ver­ges­sene wird zu­zei­ten wie­der­ent­deckt. Wir haben keine Vor­stel­lung, wie sich die Hier­archie der Künste vor Gottes Auge dar­stelle.
Die Moderne hat einen ande­ren Künst­ler­be­griff ent­wickelt. Ein be­gab­ter Mensch, der sich über die über­kom­mene Rol­len­ver­tei­lung hinwegssetzt. Dies aber nicht, um seinem Werke zu dienen, son­dern um zu zeigen, daß jeder­mann töricht ist, der nicht tut, was ihm Spaß macht. Dem Vor­wurf des Schma­rot­zer­tums be­geg­net er mit der Auf­for­de­rung, es möge ihm doch jeder gleich­tun, er miß­gönne es keinem. Natür­lich weiß auch der Ver­blen­det­ste, daß dies nie­mals ge­sche­hen wird. Denn die mei­sten Men­schen lassen sich lieber be­schimp­fen und ver­spot­ten, als sich selbst eine so alberne Pose zu­zu­muten. Sie wissen, daß sie keine Künst­ler sind, eben, weil sie eine un­ge­fähre Vor­stel­lung haben, was Kunst sei. Auch nehmen sie den Schimpf des Lebens­künst­lers nicht be­son­ders wich­tig, weil sie wissen, daß er diesen ja nicht ganz ernst meinen kann. Er selbst weiß das natür­lich auch und mei­stens weiß er auch, wie weit er gehen kann. Aber wäh­rend er für die Nicht­künst­ler nur eine dosierte Her­ab­las­sung mimt, emp­fin­det er gegen­über dem echten Künst­ler, der Kraft, Ge­sund­heit und jedes son­stige Glück seinem Werke opfert, un­zähm­ba­ren Haß. Denn dieser be­weist ihm seine An­maßung. So­lange es noch echte Künst­ler gibt, ist die Welt für den Lebens­künst­ler ein Tanz auf dem Vulkan.
Ich habe jüngst ab­fäl­lig über die Wende vom Ge­dicht zum Roman ge­ur­teilt und dabei auch darauf hin­ge­wie­sen, daß der Roman schon Ele­mente des Films vor­weg­nimmt. Es er­scheint also als Wider­spruch, wenn ich nun eine Filmk­unst preise. Dem muß ent­ge­gen­ge­hal­ten werden, daß zu­nächst die Vor­aus­set­zun­gen grund­ver­schie­den sind. Leni Rie­fen­stahl wollte nie­mals eine Dich­te­rin sein, die wegen man­geln­dem Können oder man­geln­den Aus­sich­ten beim Publi­kum zu einem moder­nen Metier griff. Zum ande­ren stand ihr die Pose fern, zum Symbol ihres Zeit­alters zu werden. Ihre Kunst hat sehr wenig mit dem Ge­dicht oder auch der Musik zu tun, viel näher steht sie der Archi­tek­tur oder der Bild­haue­rei. Haupt­kenn­zei­chen ihrer Kunst ist ein ent­fes­sel­tes Arbeits­ethos, gerade­zu eine Rase­rei des Schöp­fe­ri­schen. In diesem Zu­sam­men­hang sind die zahl­lo­sen Diener, denen sie im Schnitt zu Leibe rückt, nur Ver­län­ge­run­gen ihrer eige­nen Placke­rei.
Im übri­gen habe ich nicht zu­fäl­lig »Das blaue Licht« aus diesem langen Künst­ler­leben vom Tanz­the­ater bis zu den Unter­was­ser­fil­men aus­ge­wählt. Hier ge­stal­tet Leni Rie­fen­stahl nicht nur ihren ganz per­sön­li­chen Mythos, die Um­stände der Pro­duk­tion von der Finan­zie­rung, die Ver­wen­dung von Laien­dar­stel­lern, die Im­pro­vi­sa­tio­nen bei den Dreh­arbei­ten, das Chan­gie­ren mit per­sön­li­chen Be­zie­hun­gen, die zum Teil sehr un­er­freu­li­che Nach­spiele hatten, zeugen vom Aus­nahme­cha­rak­ter dieses Films, der so ganz und gar nicht den Ge­pflo­gen­hei­ten der Film­branche ent­spricht. Hier zeigt sich in zu­ge­spitz­ter Form das Janus­ge­sicht des Künst­lers als Avantgarde und archai­scher Traum.
Leni Rie­fen­stahl bekam 1932 nach der Ur­auf­füh­rung im Ufa Palast am Ber­li­ner Zoo einen ersten Vor­ge­schmack, wie ver­let­zend die so­ge­nannte öffent­li­che Mei­nung sein kann, ab 1945 wurde dieses Trei­ben zum dau­ern­den Lebens­be­glei­ter. Bevor ich den Film skiz­ziere und dar­stelle, warum er den Schlüs­sel zu dieser Frau dar­stellt, will ich die Gründe für diese Ver­dam­mung dar­stel­len, die kein Künst­ler sonst über so viele Jahre hinweg er­lebte.
Zu­nächst einmal wurde Frau Rie­fen­stahl an­ge­grif­fen, weil sie eine große Künst­le­rin ist. Nach­dem seit 1945 nicht nur in Deutsch­land, son­dern über­haupt in der Welt echte Künst­ler dem Ein­horn immer ähn­licher werden, ist die Menge der An­griffs­ziele ziem­lich be­grenzt. Gleich­zei­tig hat sich die weiter oben be­schrie­bene Klasse der Lebens­künst­ler dra­stisch ver­mehrt und damit der Wunsch, solche An­griffe aus­zu­füh­ren. Leni Rie­fen­stahl muß also stell­ver­tre­tend für viele, die es nicht gibt, An­griffe dulden.
Zum zwei­ten wird sie an­ge­grif­fen, weil sie freund­schaft­lich mit Adolf Hitler ver­kehrte, von ihm ge­för­dert wurde und Auf­trags­werke von ihm annahm. Man ver­langt fort­wäh­rend von ihr eine Defi­ni­tion dieses Ver­hält­nis­ses und kon­fron­tiert sie dann mit Wider­sprü­chen. So schafft jede Ver­tei­di­gung neue An­griffswaffen. Es war privat nicht poli­tisch – ja, war es dann ero­tisch? Wenn es privat war, wieso war sie dann bei so vielen offi­ziel­len Ver­anstal­tun­gen dabei? Die Bio­gra­phen haben recht, wenn sie schrei­ben, daß Leni Rie­fen­stahl sich windet. Aber was tut man wäh­rend der Folter? Die Wahr­heit sagen? Will etwa irgend­wer die Wahr­heit hören?
Die Wahr­heit hat Leni Rie­fen­stahl nie­mals ein­ge­stan­den. Sie hätte es viel­leicht getan, wenn sie 1945 schon so alt ge­we­sen wäre, daß sie ihr Werk als ab­ge­schlos­sen be­trach­tet hätte. Sie aber wollte un­be­dingt, auch mit be­schei­de­ne­ren Mit­teln, in einer Nische, auf einem ent­legen­den Schau­platz, erst in Afrika, dann tief unter Wasser, wei­ter­machen, ihrem Stern folgen, Kunst machen. Denn ein Künst­ler, der keine Kunst mehr macht, hört auf, einer zu sein. Jeder echte Künst­ler weiß das. Was ist die Wahr­heit, wenn es um das Über­leben geht?
Die Wahr­heit ist, daß sie von Hitler an­ge­zogen wurde, weil er Künst­ler war. Und weil sie wußte, daß ein Künst­ler an der Macht Mög­lich­kei­ten bietet, wie sie nicht jedes Jahr­hun­dert kennt. In­so­fern stimmt es, daß ihr Motiv meta­poli­tisch war, aber nur in dem Sinne, indem auch Hit­lers Motive meta­poli­tisch waren. Ein sol­ches Ein­ge­ständ­nis ist im Nach­kriegs­deutsch­land in­akzep­tab­ler als jeder Oppor­tu­nis­mus. Leni Rie­fen­stahl wollte sich aber auch nicht auf Oppor­tu­nis­mus fest­legen lassen, sie hat sich auf keine Un­wahr­heit fest­ge­legt, aber gleich­wohl die Wahr­heit ver­schwie­gen. Das bringt jeden In­qui­si­tor zur Rase­rei.
Daß Hitler hier als Künst­ler be­zeich­net wird, mag man­cher als Pro­vo­ka­tion ver­ste­hen. Es ist hier nicht der Ort, Hit­lers Kunst zu be­wer­ten. Es soll nur gesagt sein, daß es sich jene zu leicht machen, die Bilder zer­stör­ter deut­scher Städte prä­sen­tie­ren und hin­zu­fügen, dies sei das Ende vom Lied. Es ist nicht das Ende. Jede von Hit­lers Reden wird täg­lich hun­dert­fach im Netz auf­ge­rufen und gehört. Über nie­man­den gibt es so viele Bücher. Nie­mand wird in dieser Weise zum Maß­stab von An­schau­un­gen, Denk­wei­sen und Lebens­ein­stel­lun­gen ge­macht. Nie­mand muß als Ur­sache so vieler Dinge des Lebens her­hal­ten. Frei­lich sind die mei­sten Bezüge auf Hitler voller Schimpf und Empö­rung. Aber wenn man den eng­li­schen Spruch »Every press is good press« ernst nimmt, dann ist Hitler der er­folg­reich­ste Künst­ler aller Zeiten.
Der dritte An­griffs­punkt ist ihre Rolle als Frau. Viele Mythen um das Dritte Reich werden mehr oder minder er­folg­reich an­ge­grif­fen, aber einer scheint mir weit­hin un­wider­spro­chen. Weil der Natio­nal­sozia­lis­mus die von Linken pro­pa­gierte Eman­zi­pa­tion der Frau ab­lehnte und in der Poli­tik keine Frauen wünschte, er­scheint es all­ge­mein ein­leuch­tend, Hitler und seine Helfer woll­ten Frauen aus­schließ­lich als Nach­wuchs­pro­du­zen­ten und Haus­halts­spe­zia­li­stin­nen sehen. Dabei ist die Ab­sur­di­tät dieser An­sicht offen­kun­dig wie kaum eine andere. Nicht nur, daß die Rea­li­tät im Drit­ten Reich ent­gegen­ge­setzt war, nie zuvor seit Beginn der Indu­stria­li­sie­rung waren Frauen so selbst­be­wußt und so aktiv in öffent­li­chen Dingen, auch die Pro­pa­ganda spricht eine ganz andere Spra­che. Wenn man sich die preis­ge­krön­ten Filme dieser Zeit an­schaut, dann findet man aus­nahms­los ganz andere Frauen­ge­stal­ten, als uns der Heim­chen-Mythos weis­machen will: selbst­be­wußte, mutige, ent­schlos­sene, prin­zi­pien­feste. Oft be­schä­men sie Männer.
Natür­lich ist die an­geb­li­che Frau­en­unter­drückung im Drit­ten Reich einer der Haupt­stütz­pfei­ler aller Eman­zi­pa­tions­spin­ne­rei bis hin zum Femi­nis­mus. Zum Pech der Frauen­be­weg­ten sind die mei­sten Frauen nicht les­bisch und wissen in­stink­tiv, daß eine Be­frei­ung der Frau nicht die Ver­min­de­rung des Ge­schlechts­unter­schie­des be­deu­ten kann. Aber Frau Rie­fen­stahl, die leib­haftig zeigt, daß eine starke Frau gerade im Drit­ten Reich Höhen er­rei­chen konnte, die sie sonst nicht hätte er­rei­chen können, und die noch dazu die Frech­heit auf­bringt, nach der Ver­femung wei­tere Tri­um­phe zu feiern, muß natür­lich den Zorn derer auf den Plan rufen, die Rechte lieber ein­kla­gen als sie zu er­arbei­ten.
Im »Blauen Licht« geht es nicht um eine starke Frau, die sich in der Män­ner­welt durch­setzt. Das Mäd­chen Junta, das mit ihrem viel jün­ge­ren Bruder, Scha­fen und Ziegen fern von der Dorf­ge­mein­schaft in einer Alm­hütte lebt, weicht der Ge­sell­schaft aus. Die Sprach­grenze iso­liert sie zu­sätz­lich, sie und ihr Bruder spre­chen ita­lie­nisch, wäh­rend im Dorf deutsch ge­spro­chen wird. Sie lebt ihre eigene Reli­gion. Nahe dem Gipfel des Monte Cri­stallo be­fin­det sich eine Berg­kri­stall­höhle, die in Voll­mond­näch­ten ein ge­heim­nis­vol­les Licht in den Tälern sehen läßt: das blaue Licht. Dem Mäd­chen, das klet­ternd den Zugang zur Höhle ge­fun­den hat, ist es die Stätte der An­dacht und An­betung, den Dorf­be­woh­nern aber die Ver­heißung von mär­chen­haf­tem Reich­tum. Immer wieder machen sich junge Männer, von der Er­schei­nung ver­führt, auf, den Zugang zur Höhle zu er­stei­gen, sie schei­tern am bröck­li­gen Ge­stein oder ent­gegen­kom­men­dem Stein­schlag, zer­schmet­tert werden sie ins Dorf ge­tra­gen. Junta nimmt manch­mal einen lose lie­gen­den Kri­stall aus der Höhle fort, nach­dem sie sich ver­ge­wis­sert hat, daß der Geist des Berges ihr Han­deln bil­ligt. Um einige lebens­not­wen­dige Dinge zu er­wer­ben, ver­sucht sie den Kri­stall im Dorf zu ver­kau­fen, wenn sich ein Ge­schäfts­mann dort auf­hält.
Zum Beginn des Filmes kommt mit einer Post­kut­sche ein Maler ins Dorf, der offen­bar in Rousseauscher Grille der Groß­stadt ent­flo­hen ist und Ge­sundung in dieser Ab­ge­schie­den­heit sucht. Junta be­merkt die Kut­sche und wan­dert mit einem präch­ti­gen Stein hinab ins Dorf. Dort ist be­reits ein Händ­ler am Taxie­ren der Berg­kri­stalle, die ihm die Bauern an­bie­ten, er findet sie sämt­lich mick­rig und wert­los. Der Maler be­merkt be­reits bei seiner An­kunft ein merk­wür­dig ge­stal­te­tes Kru­zi­fix und erhält bei seiner Nach­frage die Aus­kunft, dies seien die viele ab­ge­stürz­ten jungen Bur­schen, das blaue Licht laste als ein Fluch auf dem Dorf. Er wird Zeuge, wie Junta, arg­wöh­nisch be­trach­tet, in einem Bier­gar­ten er­scheint. Als der Händ­ler den präch­ti­gen Stein in der Hand des ab­ge­ris­sen da­her­kom­men­den Mäd­chens er­blickt, nimmt er ihr den Stein ab und macht An­stal­ten, das Mäd­chen um diesen Reich­tum zu prel­len. Es kommt zu einem Ge­ran­gel. Nur da­durch, daß sie ihm in die Hand beißt, ge­lingt es ihr, den Stein zu­rück­zu­be­kom­men und zu flie­hen. Der Gast­wirt be­lehrt den Frem­den, daß es sich bei Junta um eine Hexe han­deln müsse, da ihr ge­länge, was so vielen Bur­schen zum Ver­häng­nis ge­wor­den sei.
In der näch­sten Voll­mond­nacht be­kommt der Maler selbst Ge­le­gen­heit, das Natur­schau­spiel zu be­wun­dern. Gleich­zei­tig macht wieder ein junger Mann den Ver­such, den Schatz zu ge­win­nen, und wird am näch­sten Tag tot auf einer Trage geholt und vor der Haus­tür der Mutter ab­ge­legt. Von dieser Sache nichts ahnend, unter­nimmt Junta einen neuer­li­chen Ver­such, den Stein im Dorf zu ver­kau­fen. Dabei ge­schieht es, daß die Mutter des Er­schla­ge­nen Junta er­blickt und als Schul­di­ge ver­flucht. Dies reißt die Bauern aus ihrer Lethar­gie, die Jagd auf das Mäd­chen be­ginnt. Das Mäd­chen flieht durch die Gassen, ent­kommt durch Haken­schla­gen und ein Aus­wei­chen durch Stal­lungen und Winkel, aber da sich immer mehr Bauern an der Ver­fol­gung be­tei­li­gen, wird sie schließ­lich er­wischt. Hier schrei­tet der Maler ein, der aus dem Fen­ster springt und sich in den Tumult mengt. Aus dem klei­nen Vor­sprung, den das Mäd­chen hierdurch ge­win­nen kann, wirft sie mit dem wert­vol­len Stein, wohl wissend, daß im Streit um diesen Reich­tum man­cher die Ver­fol­gung auf­geben wird. Einige ver­fol­gen sie den­noch bis zu dem Fluß, hinter dem der Wald be­ginnt. Die Dörf­ler be­nut­zen hier eine Brücke, das Mäd­chen watet immer durchs Wasser. Die Bauern sehen dies als Grenze ihres Reichs, jeden­falls wird an dieser Stelle die Ver­fol­gung ab­ge­bro­chen.
Der Maler ist fas­zi­niert von dem Mäd­chen und dem Ge­heim­nis, das es umgibt. So geht er auf eigene Faust los, sie zu suchen. Sie be­merkt ihn und es ent­wickelt sich eine Art Lock- und Ver­steck­spiel. Der Bruder ruft nach ihr, als der Maler nun in die rich­tige Rich­tung geht, duckt sie sich im Ge­sträuch. Als er meint, sich geirrt zu haben und sich ab­wen­den will, läßt sie einen frisch an­ge­bis­se­nen Apfel vor seine Füße rollen. Als er auf das Ver­steck schaut, duckt sie sich tief, aber als er in die Gegen­rich­tung schaut, blickt sie ihm nach. So kann er ihr Spie­gel­bild im See er­ken­nen.
Indem er sich ein­fach in ihre Hütte begibt und sich dort auf die Bank setzt, bricht der Maler das Spiel ab. Sie kommt selbst und ge­bie­tet ihrem Bruder, dem Gast Milch zu geben, was dieser höchst un­wil­lig tut und dabei die Hose des Malers be­kleckert. Darauf­hin greift sie selbst ein und be­dient ihn per­sön­lich. Er schwämt davon, wie herr­lich es in dieser Ein­fach­heit sei. Zur Nacht begibt er sich zurück ins Dorf. Beim Ab­schied bringt er das Mäd­chen dazu, ihm die Hand zu rei­chen, was ihm vorher nicht ge­lun­gen war.
Am näch­sten Tag muß er im Dorf er­leben, daß das Miß­trauen, das gegen Junta be­steht, nun auch ihn selbst trifft, und so packt er kurz­ent­schlos­sen seine Sachen. Mit Brot und ande­ren Lebens­mit­teln taucht er bei Junta auf, und sieht als ein­zi­ges Pro­blem die Anzahl der Schlaf­plätze. Junta hat jedoch kein Pro­blem damit, daß er nur wenig von ihr ent­fernt schläft. So zieht der Maler in die Schä­fer­hütte ein und meint der Sommer würde nie ein Ende nehmen. Juntas Bruder bleibt aber wei­ter­hin reser­viert. Wäh­rend er mit den Scha­fen unter­wegs ist, zeich­net der Maler das ihn fas­zi­nie­rende Natur­ge­schöpf. Die sprach­li­che Ver­stän­di­gung ver­bes­sert sich gleich­wohl nicht.
In einer Voll­mond­nacht be­merkt der Maler Juntas Unruhe und wie sie sich schließ­lich da­von­schleicht. Er folgt ihr un­be­merkt und findet so den ein­zi­gen gang­ba­ren Weg zum blauen Licht. Als er nach ihr in der Grotte auf­taucht, er­schrickt sie furcht­bar, er ver­sucht sie durch Um­armun­gen zu trö­sten. Später in der Hütte redet er auf sie ein, der Schatz müsse ge­hoben und damit vom Fluch zum Segen werden, das Dorf würde glück­lich werden und sie brau­che nicht mehr in Lumpen her­um­zu­lau­fen. Es wird über­aus deut­lich, daß Junta ihn nicht nur wegen der Sprach­bar­riere abso­lut nicht ver­steht. Er gibt es schließ­lich auf, läßt sie angst­voll und ver­stört zurück und geht ins Dorf.
Dort ist wieder ein Toter zu be­kla­gen, aber nach­dem der Maler eini­gen Män­nern den gang­ba­ren Weg zu der Grotte skiz­ziert hat, haben viele keine Zeit mehr für die Kirche. Lei­tern, Trage­körbe, Hammer und Meißel trägt ein langer Zug, dem eine Schar von Frauen nach­blickt. Offen­bar sind die Dörf­ler ent­schlos­sen, die An­ge­legen­heit mit einer ein­zi­gen Aktion zu be­wäl­ti­gen. So ge­schieht es auch. Der Berg­kri­stall wird aus dem Ge­stein ge­hackt und die Grotte voll­stän­dig ent­leert. Danach wird mit Musik ge­fei­ert, und dem Maler wird von zwei Seiten gleich­zei­tig Wein nach­ge­schenkt. Nach eini­gen ge­schei­ter­ten Ver­suchen, ins Bett zu kommen, gibt er sich völlig dem Trunke hin.
Am näch­sten Tag be­merkt Junta Kri­stall­split­ter und Werk­zeug auf tiefer lie­gen­den Fels­vor­sprün­gen und macht sich sor­gen­voll auf zum blauen Licht. Sie findet die Grotte in bei­spiel­loser Trost­losig­keit, Lei­tern und ge­bor­stene Hämmer liegen herum, wo einst Glanz und Hei­ter­keit herrsch­ten. Sie ist inner­lich zer­stört und hat ihre jugend­li­che Gewandtheit ein­ge­büßt, ganz stumpf trot­tet sie, bis sie schließ­lich in den Tod stürzt. Nach­dem der Maler den Rausch aus­ge­schla­fen hat, findet er Juntas Leiche.
Die Ge­schichte ist in eine Rah­men­hand­lung ein­ge­bet­tet, eine junge Berg­stei­ge­rin kommt in männ­li­cher Be­glei­tung per Auto­mobil in dem Dorf an, von lär­men­den Kin­dern um­ringt. Als Tou­ri­sten-Sou­ve­nir werden Bilder der Junta ge­han­delt. Die Berg­stei­ge­rin, wie auch die Junta von Leni Rie­fen­stahl selbst ge­spielt, ist fas­zi­niert von diesem alter ego und er­kun­digt sich nach dem Wahr­heitskern hinter diesem Kult. Darauf bringt man ihr einen dicken Folio­band, mit dessen Auf­schla­gen die innere Hand­lung be­ginnt. Im Ab­spann der eingebetten Ver­gan­gen­heit ist im Epilog des Buches zu lesen, daß das Dorf sich wegen der Ver­femung von Junta schäme und daß dieses Mäd­chen dem Dorf viel Glück und Reich­tum ge­bracht habe.
Diese um­fang­rei­che In­halts­an­gabe einer eher schlich­ten und ge­rad­lini­gen Hand­lung war notwenig, wie man sehen wird. Man­ches De­tails ist be­deut­sam in Bezug auf die Fragen, die uns hier be­schäf­ti­gen. Es wird immer wieder die Frage nach der Ur­heber­schaft dieses Films ge­stellt, wozu der 1938 ge­änderte Vor­spann Anlaß gibt. Zwei­fel­los sind bei Leni Rie­fen­stahls Erst­ling viele Ideen ein­ge­flos­sen, und fach­kun­di­gen Bei­stand hatte sie sicher nötig. Gleich­wohl be­steht das Er­geb­nis aus einem Guß. Es gleicht der Frage nach der Henne und dem Ei, wollte man fest­stel­len wer zuerst diesen oder jenen Ge­dan­ken aus­ge­spro­chen habe. Sicher ist, daß nichts in dem fer­ti­gen Film blieb, was nicht Leni Rie­fen­stahls ur­eigen­stem Traum ent­sprach. Und darum ist es legi­tim, wenn sie die allei­nige Autor­schaft be­an­sprucht.
Vor­der­grün­dig be­trach­tet ist dies ein Film über die Gier nach Reich­tum und die Zer­stö­rung der Natur. Über die Ver­logen­heit groß­städ­ti­scher Künst­ler, die träu­men, das mensch­li­che Elend könne mit Mit­teln der Aus­beu­tung be­sei­tigt werden. Über die Ver­logen­heit von Leuten, die ein Wesen zur Strecke brin­gen, um es dann besser ver­göt­zen und ver­mark­ten zu können. Auch, daß die ge­rin­gere Sünde, näm­lich der Haß auf eine mut­maß­lich Ver­der­ben­brin­gende, bereut wird, aber nicht die viel größere, eben diese Seele ohne das ge­ring­ste Un­rechts­be­wußt­sein zur Strecke ge­bracht zu haben. Diese Deu­tun­gen sind nötig und rich­tig. Aber sie tref­fen nicht den Kern von Leni Rie­fen­stahls Bot­schaft.
Es geht um das Er­wachen einer jungen Frau, das Auf­flackern des Eros, der frei­lich die Fackel des Todes trägt. Als der Maler sich ganz allein gegen ein ganzes Dorf stellt, er­kennt Junta zum ersten Male den Mann schlecht­hin. Sie trennt sich von dem Stein, den sie vorher mit Kral­len ver­tei­digt hat. Nicht indem sie ihn dem er­kann­ten Mann schenkt. Das wäre billig. Sie be­nutzt ihn als Waffe. Damit hat sie etwas von ihrem kind­li­chen Heil wegge­geben, ein wun­der­ba­rer Lie­bes­be­weis. Das er­kennt der Mann aber nicht. Er be­gehrt sie, aber er ver­steht sie nicht. Als ihm ihre Spiele zu blöd werden, bricht er sie kur­zer­hand ab. Er zeich­net sie, wie er es mit jeder Frau getan hätte. Auf die Idee, die ita­lie­ni­sche Spra­che zu er­ler­nen, kommt er nicht. Schon als er die Post­kut­sche ver­läßt, be­schwert er sich, daß nicht jeder­mann deutsch spricht.
Als der Mann bei Junta ein­zieht, hat er kei­ner­lei Be­den­ken, ob diese Zu­dring­lich­keit gut sei. Nur die Fragen der bür­ger­li­chen Schick­lich­keit werden ge­stellt. Daß er sie schließ­lich in ihr Hei­lig­tum ver­folgt, kann man nicht anders als eine Ver­ge­wal­ti­gung deuten. Auf die Idee kommt er in seiner Selbst­ge­rech­tig­keit natür­lich über­haupt nicht. Er hat auch nichts Eili­ge­res zu tun, als sein neues Wissen aus­zu­plau­dern und aus­zu­nut­zen. Er spricht ihr im Grunde jeden Eigen­wert ab. Seine Vor­stel­lun­gen vom Guten und Rech­ten sind maß­geb­lich.
Es geht um die weib­li­che Sehn­sucht nach dem star­ken Mann, stark genug, sie, die Frau zu zer­quet­schen, zu ver­skla­ven, aus­zu­plün­dern, der sich auch noch von der Frau zur An­wen­dung dieser Stärke er­mun­tern und her­aus­for­dern läßt, der aber die Frau heilig hält, ihrer Zart­heit und des Ge­heim­nis­ses wegen, das sich in der Zart­heit ver­birgt. Sie sucht den Mann, der sie nicht schont, weil sie stark ist und sich ver­tei­digt, nicht, weil sie ihn durch­schaut und Waffen im Hin­ter­halt hält, son­dern weil es ihm heilig ist, daß sie sich ganz und gar fallen lassen darf. Ein Mann, der die Frau durch­schauen und ihre Motive er­grün­den will, ist ein Gro­bian. Die Frau hat ihre Insel, die der Mann ver­tei­di­gen muß, aber nicht be­set­zen darf. Leni Rie­fen­stahl ist des­halb so stark und hart ge­wor­den, um über­haupt in die Nähe von star­ken Män­nern zu ge­lan­gen, von denen sie träumte. Sie meinte, wenn sie stark ist, darf sie das Glück der Schwä­che er­leben. Aber ebenso wie Junta blieb ihr das Glück der Schwä­che ver­sagt.
Leni Rie­fen­stahls Vater hätte sie gern mit einem chi­le­ni­schen Sil­ber­minen­erben oder einem spa­ni­schen Ari­sto­kra­ten ver­hei­ra­tet. Das waren Männer, die viel­leicht in der Ge­sell­schaft etwas galten, aber nichts in der Natur. Nicht ohne Grund be­stand Leni Rie­fen­stahl immer darauf, ein »Natur­kind« zu sein. Sie war als Kind viel im Freien und be­trach­tete dies als das Para­dies. Von einer lei­den­schaft­li­chen Kör­per­lich­keit ge­prägt, liebte sie das Turnen, das Schwim­men, das Tanzen. Es wun­dert mich nicht, daß sie das Halb­sei­dene im Ber­li­ner Tanz­ge­werbe der Zwan­zi­ger gar nicht be­merkte. Sie ging ihm aus dem Wege, wie sie in den dreißi­ger Jahren wohl man­chen ande­ren Dingen aus dem Wege ging. Einer Phi­lo­so­phin wäre das vor­zu­wer­fen, aber nicht einer Künst­le­rin, die eigent­lich nur Künst­le­rin wurde, um Frau sein zu dürfen, die das in der Kunst suchte, was ihr die Liebe vor­ent­hielt.
Der Dich­ter Rolf Schil­ling hat die in­zwi­schen Neun­zig­jäh­rige ins Herz ge­trof­fen, als er ihr sein Ge­dicht »Gala­thea« wid­mete, zwei­fel­los eines von seinen besten. Wie Gala­thea mit Poly­phem spielt, aus ihrer Sicht legi­tim, aber für Poly­phem ein Ärger­nis von Himmel und Erde, darin sah sie sich gern. Gala­thea will Poly­phem ge­fal­len, aber sie will ihm nicht ge­hören. Sie weiß, daß er sie töl­pel­haft kaputt machen wird. Rolf Schil­ling wurde auch bald nach Pöcking ein­ge­laden. Nach­dem der Starn­ber­ger See nicht weit von Mün­chen liegt, kam es, daß er mich zu dem Tref­fen mit­nahm.
Dies fiel in die drei glück­li­chen Jahre meiner 25­jähri­gen Selb­stän­dig­keit, in denen ich eine regu­läre An­stel­lung hatte und den Ver­lag nur nach Feier­abend be­trieb. Ich lernte solch selt­same Dinge wie Urlaub oder Weih­nachts­geld kennen. Aber dies nur am Rande. Als ich mir von meiner dama­li­gen Chefin Chri­stine Bauer Urlaub erbat, um Frau Rie­fen­stahl zu be­suchen, rief sie ent­rückt: »Die Leni!« Diese per­sön­li­che Remi­nis­zenz konnte ich mir nicht ver­knei­fen. Sie zeigt doch die Popu­la­ri­tät der Ver­fem­ten und zwar eine sehr herz­li­che Popu­la­ri­tät.
Wir wurden von Leni Rie­fen­stahls Lebens­ge­fähr­ten ein­ge­las­sen und war­te­ten an einer Treppe, daß sie von oben her­unter­kom­men würde. Als sie uns ent­gegen­kam, meinte sie zu­nächst, ich sei der ge­schätzte Dich­ter, ein Irrtum, der mir noch heute schmei­chelt. Wir schau­ten das gerade auf Digi­tal­tech­nik um­ge­stellte Studio im Keller und die Koral­len-Bücher an und spra­chen über alles mög­liche. Eines ist mir jedoch in be­son­de­rer Er­inne­rung ge­blie­ben. Sie kam auf die »Pen­the­si­lea« zu spre­chen und daß sie noch heute nicht ver­win­den könnte, daß dieser Film nie­mals Ge­stalt gewann. Der Sultan von Marokko hatte sich be­reit­er­klärt, tau­sende Pferde in der Wüste für das Ama­zo­nen­heer zur Ver­fügung zu stel­len. Leider kam der Krieg da­zwi­schen und später gab es keine Mög­lich­keit mehr für solche Groß­pro­jekte.
Höchst er­staunt war sie, daß Rolf Schil­ling und ich das Kleistsche Drama eben­falls außer­ordent­lich schät­zen. Be­kannt­lich war Goethe dieses Drama ein Greuel. Ihm wäre ver­mut­lich auch eine Frau ein Greuel ge­we­sen, die es wie Leni Rie­fen­stahl schon in jungen Jahren wagte, in ero­ti­schen Dingen die Ini­tia­tive zu er­grei­fen. Es hat ihr Ent­täu­schung, aber auch die Ge­wiß­heit ge­bracht, daß ihr das Para­dies nicht ge­schenkt werde, daß sie sich selber eines schaf­fen müsse. Pen­the­si­lea, die kein Ohr für Achil­les' Klage »Ist dies das Rosen­fest, das du ver­sprachst?« hat, findet den Punkt auch nicht, sich fallen zu lassen. Zu viel Stärke ist auf­ge­baut worden, damit das Fallen nicht billig und gemein werde. Darin liegt eine tiefe Tragik.
Nach dem Ge­sag­ten wird das Fazit nicht ver­wun­dern, daß bei der Ver­femung Leni Rie­fen­stahls das Künst­ler­tum und die Hitler-Freund­schaft gering wiegen gegen­über dem Tabu­bruch, den der Ernst dar­stellt, mit dem sie ihr Glück als Frau ein­for­dert. Ein Ernst, wie man ihn sonst nur bei Män­nern ge­wohnt ist, und auch dort nur noch höchst selten an­trifft. Wenn ich auf die ein­gangs auf­ge­zähl­ten Modal­ver­ben zu­rück­kom­me, so muß ich ein­räu­men, daß tun und leiden Voll­ver­ben sind. Der Wille zur Hin­gabe er­scheint sprach­lich als ein Wider­spruch, da Wollen immer ein Akti­vum im­pli­ziert. Viel­leicht liegt hier eine Mas­ku­li­ni­tät in der Spra­che und nicht in den Ver­ren­kun­gen, die femi­ni­sti­sche Sprach­kri­ti­ke­rin­nen im Auge haben. Wenn aber hier eine Lücke liegt, so ist sie keine eigent­lich sprach­li­che, son­dern eine Lücke, die das Gei­stige über­haupt in sich trägt. Die sollte man posi­tiv be­nen­nen, und dann scheint mir das Wort Ge­heim­nis an­ge­mes­sen. Der Autor be­kennt seine Un­wis­sen­heit über das Wesen der Frau.
Es ist üblich, einen Auf­satz über diese Künst­le­rin mit einem Ver­weis auf das Dritte Reich zu be­schließen, ich will hier, ganz gegen meine Ge­wohn­heit, nicht aus der Reihe tanzen. Ich emp­fehle drin­gend, die Frauen­ge­stal­ten der Filme dieser Zeit zu be­trach­ten und über sie nach­zu­den­ken, es könnte sein, daß man damit nicht nur den Schlüs­sel zu jenen zwölf Jahren, son­dern über­haupt zu unse­rer noch nicht ab­ge­schlos­se­nen Kri­sen­zeit findet.
 

NÄCHSTENLIEBE UND FERNSTENLIEBE

Recht all­ge­mein trifft man die Auf­fas­sung an, unsere Zu­kunft würde durch Über­be­völ­ke­rung be­droht. Die Informationskänale zeich­nen mit Hochrechungen ein apo­ka­lyp­ti­sches Bild und über­schüt­ten uns mit Bil­dern un­vor­stell­barer Men­schen­mas­sen, daraus re­sul­tie­ren­der Not und Fre­veln an den natür­li­chen Lebens­grund­la­gen. Der Euro­päer schüt­telt mit dem Kopf, daß sich die Seg­nun­gen der Medi­zin und der ge­stei­ger­ten Pro­duk­ti­vi­tät in ihr Gegen­teil ver­keh­ren, weil die Men­schen in den armen Länden so viele Kinder in die Welt setzen. Meist ver­drängt er, daß er sich dabei an­er­ken­nend auf die eigene Schul­ter klopft. Denn der auf­ge­klärte Euro­päer macht bei diesem irren Trei­ben natür­lich nicht mit. Seine Frau nimmt die Pille, und wenn sie es einmal ver­gißt, so gibt es ja den zwar nicht un­be­dingt schö­nen, aber gleich­wohl un­um­gäng­li­chen Ein­griff, auf den selbst­be­stimmte Frauen einen Rechts­an­spruch haben. Für den Euro­päer kann der Ausweg nur darin liegen, daß seine Ethik welt­weit durch­ge­setzt wird, mit wel­chen Mit­teln auch immer. Dabei ver­drängt er wirk­sam, daß schon die der­zei­tige Welt­be­völ­ke­rung bei einer Übernahme der west­li­chen Lebens­art Pro­bleme pro­du­zie­ren würde, die ein sol­ches Sze­na­rium von vorn­her­ein aus­schließen.
Oft wird be­haup­tet, der Planet ver­krafte nur eine be­stimm­te Anzahl Be­woh­ner. Ich halte diese These für wis­sen­schaft­lich nicht halt­bar. Rein mate­riell be­trach­tet, ist die Erde groß genug, ein viel­faches unse­rer Art­ge­nos­sen zu er­näh­ren. Daß die Hek­tar­er­träge in den mei­sten Welt­gegen­den nur einen Bruch­teil derer des mitt­le­ren Westens der USA aus­machen, hat keine natür­li­chen, son­dern ge­sell­schaft­li­che Gründe. Aber auch ohne große Flä­chen lassen sich große Mengen Nah­rungs­mit­tel pro­du­zie­ren. Denken wir nur mal daran, daß das kleine Hol­land ganz Europa mit Toma­ten ver­sorgt. Man halte die moder­nen Metho­den der Nah­rungs­mit­tel­ge­win­nung und Nähr­wert­stei­ge­rung für gut oder nicht, sind sind jeden­falls ge­eig­net, Hunger für Mil­li­ar­den zu ver­mei­den. Nicht anders sieht es mit dem Sied­lungs­raum aus. Bei einer Be­völ­ke­rungs­dichte wie in Mün­chen, einer Stadt, die im­mer­hin ohne Hoch­häu­ser aus­kommt, hätte die ge­samte heu­tige Mensch­heit auf dem klein­sten Kon­ti­nent, näm­lich Austra­lien, Platz. Mit einer mate­ria­li­sti­schen Argu­men­ta­tion wird man auch hun­dert Mil­li­ar­den Men­schen auf Erden für mög­lich halten.
Der Grund­feh­ler jedes Mate­ria­lis­mus be­steht darin, daß er die Dinge zählt und nicht ge­wich­tet. Für ihn sind alle Men­schen gleich, weil über 99% der Gene über­ein­stim­men. Er setzt auf die Sta­ti­stik, die alle Qua­li­tä­ten auf Quan­ti­tä­ten zu­rück­führt. Ver­drängt wird, daß die dabei ab­ge­frag­ten und selbst­re­fe­ren­ziell sich ver­stär­ken­den Muster nicht ideo­logie­frei sind. Wer unter­sucht, wie­viele von tau­send Leuten sich täg­lich die Zähne putzen, setzt eine Ge­sell­schaft mit An­ge­boten an Zahn­pasta, Furcht vor Karies und mit finan­ziel­len Mit­teln, die Sub­stanz zu er­wer­ben, voraus. Wenn er daraus schluß­fol­gert, Kul­tu­ren ohne solche Volks­kos­me­tika seien un­mensch­lich, er­liegt er einem Zir­kel­schluß.
Die Frage, was denn nun der Mensch wirk­lich brau­che, führt sehr schnell zu Ab­sur­di­tä­ten. Leo Tol­stoi ver­tritt in seiner Schrift »Wie­viel Erde braucht der Mensch?« die zu­recht ver­lachte These, der Mensch brau­che nicht mehr Raum als ein Leich­nam. Diese Ge­dan­ken­spiele zeigen an, daß es absurd ist, vom Men­schen als sol­chen zu reden und daß es so etwas wie eine »art­ge­rechte Hal­tung« bei Men­schen wie bei Tieren nicht gibt und nicht geben kann. Was ein kon­kre­ter Mensch braucht, hängt von seinen Mög­lich­kei­ten ab, seinen inne­ren und äuße­ren, die sich erst mit dem Ende eines Lebens voll­stän­dig offen­baren und darum ge­wich­ten lassen. Nie­mand, am wenig­sten er selbst, kann im Vor­feld diese Mög­lich­kei­ten schät­zen. Da es aber schon völlig un­mög­lich ist, auch nur eines ein­zi­gen Men­schen Chan­cen zu einem ge­lin­gen­den Leben aus­zu­loten, ist es eine üble Hybris, von Dingen wie »Chan­cen­gleich­heit« zu spre­chen. Solche Voka­beln sind die An­maßung einer über­zeit­li­chen, gött­li­chen Per­spek­tive.
Kommen wir zum Mate­ria­lis­mus zurück. Wenn wir hier der These an­hän­gen, es komme nicht auf das Glei­che am Men­schen an, son­dern auf das Un­glei­che, über­haupt sei das Ent­schei­dende in der Welt nicht das Ge­meine, son­dern die Dif­fe­renz, so er­scheint dieses, so formu­liert, kei­nes­wegs un­modern oder anti­west­lich. Ent­schei­dend ist aber die Qua­li­tät der Dif­fe­renz und die Be­haup­tung, daß es eine über­zeit­liche Hier­archie der Diffe­ren­zen gebe. Tau­send ver­schie­dene Haar­trach­ten, Tat­toos oder Lieb­lings­spei­sen schaf­fen nicht die ge­ring­ste kul­tu­relle Viel­falt. Wirk­li­che Dif­fe­renz zeigt sich in den kul­tur­stif­ten­den und kul­tur­er­hal­ten­den Poten­zen. Diese sind in der moder­nen Welt keine grund­sätz­lich ande­ren als in der Stein­zeit. Hier erhebt sich einer über den ande­ren durch die Menge und das Poten­tial der Güter, Tiere und Men­schen, die von ihm und seiner Lei­stungs- und Ord­nungs­kraft ab­hän­gig sind. Dies sind zu­nächst einmal die leib­li­chen Nach­kom­men mit ihrer Bil­dung und ihrem Ge­schick, selbst einmal die Dinge in die Hand zu nehmen. Reich­tum machen weder die Anzahl der Kinder noch der Grund­stücke aus. Wohl aber, ob sie gesund, stark, intel­li­gent und lei­stungs­be­reit sind, ob die Häuser solide gebaut, wet­ter­fest und wehr­haft sind. Eine Burg ist mehr als zwan­zig Bau­ern­häu­ser, aber auch eine Hütte ist mehr als zwan­zig Eigen­tums­woh­nun­gen und sogar eine solche ist mehr als zwan­zig Be­wil­li­gungs­be­scheide vom Amt. Kant sagt zu­recht, daß die höch­ste Gei­stes­lei­stung das Urteils­ver­mögen sei. Gerade dieses ist dem moder­nen Men­schen gründ­lich ab­han­den ge­kom­men. Des­halb glaubt er an Chimären und hat jeden Be­griff von Stärke und Frei­heit ver­loren.
Wenn hier vom Be­griff des Star­ken und seinem Durch­set­zungs­ver­mö­gen die Rede ist, so ist das nicht dar­wi­ni­stisch zu ver­ste­hen. Wenn man sagt, es setze sich im Leben das Starke durch und unter Stärke das ver­steht, was sich durch­setzt, so ist das eine Tauto­logie. Man müßte also, um über­haupt eine Aus­sage zu tref­fen, Stärke un­ab­hän­gig vom Effekt defi­nie­ren. Das tut der Dar­wi­nist empi­risch. Stark ist das, was sich histo­risch als stark er­wie­sen hat. Dies ist ein metho­di­scher Fehler. Der Fuchs­bau taugt dem Fuchse, aber nicht dem Bären. Es gibt keine Stärke an sich. Es gibt immer nur eine Stärke in bezug auf ganz kon­krete Be­din­gun­gen. Und diese Be­din­gun­gen, die sich un­ab­hän­gig vom Ein­zel­nen wan­deln, aber auch durch ihn ge­wan­delt werden, wehren sich jeder Veri­fi­zie­rung. Die be­son­dere Eigen­art des Men­schen ist die Viel­falt der mate­ri­el­len und gei­sti­gen Räume, an den er teilhat. Bei einer An­nähe­rung an den Be­griff der Stärke ist auch be­son­ders zu be­to­nen, daß es hier gar nicht auf einen Durch­schnitts­wert an­kommt, son­dern daß ein Plus­punkt im Kri­sen­fall eine im übri­gen recht mäßige Aus­stat­tung mehr als wett­machen kann.
Diese Rela­ti­vie­run­gen von jeder­manns Stärke und Lei­stungs­fähig­keit dürfen aber nicht zum Rela­ti­vis­mus führen. Mag die Welt auch ge­nügend Bei­spiele auf­wei­sen, daß den Weg zum hei­li­gen Gral eben nur der reine Tor findet, so muß doch betont werden, daß der Ge­bil­dete dem Narren über­legen ist. Das Ge­mein­same am Sieg des reinen Toren, aber auch des Klugen, der ein Rät­sel löst und sich frei­macht, ist die Not, in der beide stehen. Wenn der Mensch seine Mög­lich­kei­ten er­kennt und aus­schöpft, ja wenn er sie ver­größert und zum Heile der Ge­mein­schaft ein­setzt, so stehen dabei immer Nöte am Anfang, Ver­häng­nis, Schmerz und Ver­zweif­lung.
Alle sozia­len Be­we­gun­gen der letz­ten Jahr­hun­derte ver­spra­chen, das Leid in der Welt zu tilgen. Ab­ge­sehen davon, daß sie es objek­tiv dra­stisch ver­mehrt haben, ist be­reits ihre Ab­sicht ein Frevel an unse­ren Lebens­grund­la­gen und am gött­li­chen Gesetz. Denn das Leiden ist nicht nur Schlüs­sel zu Weis­heit und Er­lösung, son­dern Basis aller Ent­wick­lung und Ent­fal­tung. Der Sozia­lis­mus ist ein tief ver­bre­che­ri­scher An­griff auf das Gesetz des Lebens, eine Brun­nen­ver­gif­tung kos­mi­schen Aus­maßes. Der Unter­schied zwi­schen Kom­mu­ni­sten und Sozial­demo­kra­ten be­steht allein darin, daß erstere poli­ti­sche Hitz­köpfe waren und den neuen Men­schen durch Terror noch zu ihren Leb­zei­ten kreie­ren woll­ten. Die Sozial­demo­kra­ten setz­ten hin­gegen auf eine all­mäh­li­che Be­wußt­seins­ver­ände­rung, auf eine all­ge­meine Um­wer­tung dessen, was als gut und an­stän­dig gilt. Dabei ist es ihnen ge­lun­gen, die kon­ser­va­ti­ven Eliten mit ihrem Ideen­gut zu infi­zie­ren, was den Kom­mu­ni­sten nie­mals gelang. Schon Bis­marcks Sozial­ver­siche­rung ver­schiebt die ge­sell­schaft­li­chen Para­meter ent­schei­dend zu­gun­sten der Un­tüchti­gen. Kein Wunder, daß er in diesem Punkte immer noch in Ehren ge­hal­ten wird.
Mitt­ler­weile sind die Zeiten vorbei, da sich ein ge­schei­ter­ter Ge­schäfts­mann er­schießt. Er wird sich ein För­der­pro­gramm suchen, das ihm eine neue Runde seiner un­ver­ant­wort­lichen Spe­ku­la­tion er­mög­licht. Die Medien führen uns skru­pel­lose Narren als ge­fei­erte Stars vor. Wer etwas lei­stet, ist ein­fach zu blöd, sich am Tisch des Über­flus­ses zu be­die­nen.
Wer das Leid in der Welt für not­wen­dig hält, wird mit­leid­los und in­hu­man ge­schol­ten. Ihm wird die Ver­schwen­dung der Rei­chen vor­ge­hal­ten und vor­ge­rech­net, wie­viel besser es den Armen ginge, wenn man diesen Reich­tum auf­teilte. Dabei wird über­sehen, daß der Reich­tum ja nur exi­stiert, weil man für ihn arbei­tet. Hat man sein Aus­kom­men ohne Lei­stung, dann ist man wenig lei­stungs­be­reit, und wenn so die Mehr­heit der Leute ver­fährt, exi­stiert kein Reich­tum mehr, den man auf­tei­len könnte. Dies ist keine Apo­lo­gie des be­ste­hen­den sozia­len Ge­füges. Aber der Mensch bedarf der Not, sein Gesetz zu er­ken­nen und ihm zu ge­nügen oder, wie man heute sagt, sich selbst zu ver­wirk­li­chen. Eine Selbst­ver­wirk­li­chung, die diesen Namen ver­dient, kann nie­mals eine Art Frei­zeit­be­schäf­ti­gung sein, son­dern immer nur ein Ge­nügen der inne­ren und äuße­ren Not, ja die Ein­sicht in die Kor­re­spon­denz beider Nöte. Früher nannte man dies Weis­heit.
Kri­ti­ker der Mit­leids­moral, allen voran Fried­rich Nietz­sche, machen das Chri­sten­tum für die Um­ver­tei­lung von den Star­ken auf die Schwa­chen ver­ant­wort­lich. Dies ist ein grobes Miß­ver­ständ­nis. Das Chri­sten­tum pre­digt das kon­krete Mit­leid, die Barm­her­zig­keit, kei­nes­wegs das ab­strakte Mit­leid, das sich in Ge­sell­schafts­uto­pien be­zeugt. Heut­zu­tage muß sich der kon­kret Mit­lei­dige, der dem Bett­ler ein paar Gro­schen gibt, von dem ab­strakt Mit­lei­di­gen vor­wer­fen lassen, er finanziere den Erhalt eines Lasters, dem die ge­sell­schaft­li­chen Grund­lagen ent­zogen ge­hören. Ich bin frei­lich auch kein Freund der Bet­te­lei. Es fiele aber deut­lich leich­ter, die Gro­schen für sich zu be­hal­ten, wenn man wüßte, der Mann könne sich eben­so­gut, wie er seinen Hut hin­halte, als Ernte­hel­fer ver­din­gen.
Lassen wir also die Bet­te­lei. Aber jeman­dem kon­kret in der Not zu helfen und zwar un­ab­hän­gig davon, wie hoch man nun seine Schuld an seiner Situa­tion ver­an­schla­gen mag, gilt zu­recht seit alters als christ­lich. Dabei be­zieht sich Näch­sten­liebe nicht nur auf Näch­ste im Sinne der eige­nen Fami­lie, der Heimat und des Volkes, son­dern vor allem auch auf das kon­kret er­fah­rene. Wer im An­ge­sicht einer Not hilft, ver­schenkt sein pri­va­tes Ver­mögen. Ganz anders ver­fährt ein Par­la­ment, das Mil­li­ar­den für Hilfs­pro­gram­me be­wil­ligt. Es han­delt näm­lich kei­nes­wegs mit dem Eigen­tum der Ab­ge­ord­ne­ten, son­dern es ver­schenkt Dinge, die ihm über­haupt nicht ge­hören, die durch diesen Will­kür­akt erst ge­raubt werden. Aber hier er­weist sich die Wahr­heit des Spru­ches, daß un­recht Gut nicht ge­deihe. Denn hier werden nicht nur die Steuer­zah­ler be­raubt, son­dern auch jene, die in den Genuß der Trans­fer­lei­stun­gen kommen. Sie werden zu Bett­lern ge­macht und haben die Folgen zu tragen, daß ihre eige­nen Fähig­kei­ten, Pro­bleme und Krisen zu mei­stern, ver­küm­mern. Daß Afrika seit Jahr­zehn­ten im Chaos ver­sinkt, hat seine Ur­sache darin, daß man einen ganzen Kon­ti­nent zu Bett­lern ge­macht hat. Jedes Ge­schenk zer­störte ge­wach­sene Lebens­struk­tu­ren, die Land­wirt­schaft, den Handel, die all­ge­meine Moral. Wer in Afrika Kinder in die Welt setzt, hofft darauf, daß diese das System aus­hielte und auch daß genug für ihn ab­fiele, seien es nur ge­nügend. Intel­li­genz und Bil­dung be­nöti­gen diese Kinder nicht, nur die Drei­stig­keit und Raf­fi­nes­se, vom Über­fluß des Westens das ihrige ein­zu­for­dern.
Das Evan­ge­lium for­dert an keiner Stelle, die Welt »sozial« oder »verteilungsge­recht« zu ge­stal­ten. Es gibt Maxi­men für den per­sön­li­chen Umgang des Ein­zel­nen, keine An­lei­tun­gen zu sozia­len Ex­peri­men­ten. Im Gegen­teil, die An­sicht, die Welt sei heil­bar, wird als Un­glau­ben aus­drück­lich ver­wor­fen. Der Christ sucht sein Heil bei der Ver­gebung seiner per­sön­li­chen Schuld, nicht etwa in Ver­dien­sten um fremde Völker, etwa den Kurden oder den Palä­sti­nen­sern.
Ich komme zum Aus­gangpunkt meines Auf­sat­zes zurück. Ist die Über­be­völ­ke­rung eine Be­dro­hung der Welt? Ja, sie ist es. Aber nicht der mate­ri­el­len Welt, son­dern der Kultur. Und zwar vor allem des­halb, weil sie das Über­ge­wicht der Quan­ti­tät über die Qua­li­tät, die Kenn­zei­chen unse­res Zeit­alters ist, weiter ver­stärkt. Sie tut dies, indem Sie Ge­bur­ten­för­de­rer und Kon­dom­feti­schi­sten im mate­ria­li­sti­schen Ansatz ver­eint. Über­be­völ­ke­rung und Ge­bär­streik sind aber zwei Seiten einer Me­daille. Nicht die Masse der Men­schen macht es, son­dern ihr Reich­tum an kul­tur­stif­ten­den und kul­tur­er­hal­ten­den Fähig­kei­ten und ihr Opfer­mut, für das Wahre und Echte ein­zu­tre­ten.
Die Mäch­tigen unse­rer Zeit haben frei­lich kein Inte­resse an Men­schen mit Kultur, Be­gabung und Cha­rak­ter. Sie wollen keine Pyra­mi­den bauen und auch keine Kathe­dra­len. Sie wollen die all­ge­meine Ver­haus­schwei­nung, wie es Konrad Lorenz so tref­fend gesagt hat. Ham­ster im Lauf­rad und Bett­ler sind glei­cher­weise er­schreckende Ver­ge­wal­ti­gun­gen des mensch­li­chen Wesens, die nur durch­ein­ander mög­lich sind und sich gegen­sei­tig be­din­gen und ver­stär­ken. Unter den Be­din­gun­gen einer sol­chen Gleich­schal­tung werden alle natür­li­chen Stär­ken zu Be­hin­de­run­gen, und der Stoß­trupp­füh­rer von einst endet als Heroin­opfer in einer Toi­lette. Man kann nicht oft genug be­to­nen, daß der Feind Chri­sti zu­gleich auch der Feind des Men­schen ist. Wer den Hedo­nis­mus pre­digt und die Trans­zen­denz leug­net, hat es auf die Ver­skla­vung von Leib und Seele ab­ge­sehen.
Ein vom anglo­ame­ri­ka­ni­schen Völ­ker­mord-System be­frei­tes Europa wird wieder Not und Barm­her­zig­keit ins rechte Ver­hält­nis setzen. Ins­be­son­dere wird sich wieder zeigen, daß die wahre Barm­her­zig­keit keine Ab­nahme leib­li­cher Mühsal sein kann, son­dern die Spen­dung see­li­scher Be­frei­ung. Diese be­steht vor allem im Zeug­nis des Glau­bens. Der Mensch, der sich vom Hei­land ge­tra­gen weiß, kann nie­mals völlig »ab­stür­zen«, wie es bei jenen, die in Ab­hän­gig­keit von Ämtern und Mehr­heits­be­schlüs­sen leben, die Regel ist. Und der Mensch wird auch wieder zum rech­ten Ver­hält­nis von Frucht­bar­keit und Ent­halt­sam­keit finden. Wesent­lich bleibt, daß der Ein­zelne seine Not und die seiner Nach­kom­men ein­schät­zen kann und sich vor Gott für sein Han­deln ver­ant­wort­lich weiß.

WAGNER UND SEIN FALL

I
Heute lese ich nach langer Zeit wieder einmal den »Fall Wagner«. Ich trage mich seit länge­rem mit dem Ge­dan­ken, Nietz­sches Wagner-Kritik viele Jahre unter­schätzt und als eine Art »Ster­nen­freund­schaft« ver­harm­lost zu haben, und also suche ich nun in dem Texte Ge­wiß­heit.
Zu­nächst über­kommt mich eine ge­wisse Be­klom­men­heit. Was würde wohl Nietz­sches un­be­stech­li­cher Blick zu meinen eige­nen Werken sagen, kämen ihm diese vor Augen? Was würde er an er­bärm­li­chen Moti­ven, bil­li­gen Effek­ten, Kaschie­run­gen von Un­ver­mögen ent­tar­nen, auf welche Wunden den Finger liegen und sie un­über­seh­bar machen? Es wäre ver­mes­sen zu be­haup­ten, daß ich mich solch einer Prü­fung ge­wach­sen fühlte, etwa in dem Sinne, daß die zu­rück­ge­schnit­te­nen Triebe dann nur um so stär­ker aus­schlü­gen. Auf der ande­ren Seite habe ich bis­lang über­haupt noch keine ernst­zu­neh­mende Kritik meiner Dich­tun­gen erlebt. Eine solche würde ich durch­aus als span­nende Er­fah­rung be­grüßen.
Opti­mi­stisch bin ich in dem Punkte, daß mich Nietz­sche nicht wie Wagner be­zich­ti­gen würde, »zu Kreuze ge­kro­chen« zu sein, oder aber, daß ich einem sol­chen Vor­wurf selbst­be­wußt ent­geg­nen könnte. Im »Fall Wagner« meint das Zu-Kreuze-Krie­chen ein fort­schrei­ten­des Un­unter­scheid­bar­wer­den zum Geist seiner Zeit, ja die hell­sich­tige Vor­aus­sage Nietz­sches, daß Wagner einmal als gerade­zu typisch für sein Zeit­alter an­ge­sehen werde. Das Chri­sten­tum wird von Nietz­sche ja gerade­zu als Meta­pher für die Deka­denz seiner Zeit be­nutzt, im all­ge­mei­nen unter­schlägt er, wenn er von Chri­sten­tum spricht, alles, was nicht krank, er­schöpft, in­stinkt­arm, lar­mo­yant und lebens­un­tüch­tig ist. Daß er andere Seiten des christ­li­chen Äons durch­aus auch im Blick hatte, läßt sich an vielen Apho­ris­men aus dem Nach­laß zeigen. In Nietz­sches Zeit be­an­sprucht aber nicht nur das Spießer­tum des Bis­marck-Rei­ches das Attri­but des Christ­li­chen für sich, son­dern auch alle Oppo­si­tion gegen dieses. Mit dieser möchte aber Nietz­sche noch weni­ger ver­wechselt werden, Uto­pi­sten, Lebens­re­for­mer und Obsku­ran­ten aller cou­leur ver­fal­len noch beißen­de­rer Kritik. Da in diesem Zeit­alter der Schwät­zer und Viel­schrei­ber alle histo­ri­schen Spiel­arten des Christ­li­chen, ja des Pla­to­ni­schen und Intel­lek­tu­el­len über­haupt, ver­ein­nahmt sind, wählt Nietz­sche Meta­phern des Dio­ny­sos, des Dunk­len von Ephe­sos, der blon­den Bestie, des Ver­bre­chers, um als außer­halb ste­hend wahr­ge­nom­men zu werden, außer­halb eines Rei­gens ste­hend, der in lieb­li­cher Ver­logen­heit das »Mit­leid« hoch­hält. Auch Scho­pen­hauer, dessen Radi­ka­li­tät ihn zu­nächst zu Nietz­sches Lehrer werden läßt, krönt seinen mit­leid­losen Wil­len mit einer Mit­leids­moral. Es wun­dert also nicht, daß Nietz­sche den klein­sten ge­mein­sa­men Nenner, das Mit­leid, be­son­ders an­greift.
Das Chri­sten­tum ist aber nicht auf eine Mit­leids­moral zu redu­zie­ren, eben­so­wenig wie auf eine Todes­ver­leug­nung. Als Kind lernte ich nur einen gläu­bi­gen Men­schen kennen, und dies war meine Groß­mut­ter, die zu­gleich un­ver­gleich­lich in Lebens­tüch­tig­keit, Mut und Prin­zi­pien­treue war. Sie lebte einen pflicht- und da­seins­be­jahen­den Glau­ben vor und warnte vor Fröm­melei. Durch sie allein erfuhr ich tradi­tio­nale Dinge wie die Ge­bun­den­heit an die Scholle, die tod­über­dau­ernde Macht des Ver­spre­chens, die Poesie des Länd­li­chen mit Tieren und Ge­rät­schaf­ten, mit den Freu­den und Plagen des Wie­der­keh­ren­den und des Im­mer­fort-Neuen. Sie zeigte mir, was es be­deute, wenn auf Dingen und Taten Segen liege oder auch nicht. Gegen diese Kind­heits­er­fah­rung er­schien mir später jede Art von Neu­hei­den­tum als intel­lek­tuel­les Kon­strukt.
Außer­dem wuchs ich in einem Staate auf, der dem guten Wil­len der Kirche, sich jeder Art von Welt­lich­keit, jedem System und jeder Herr­schafts­struk­tur an­zu­die­nen, wenig Gegen­liebe ent­gegen­brachte. Für Mar­xi­sten war es ein un­um­stöß­li­cher Grund­satz, daß Reli­gion an sich ein Übel sei und kei­nes­wegs eine Er­schei­nung, die ge­nau­so­gut den eige­nen Zwecken wie den geg­ne­ri­schen dienen könnte. Eine Kirche, die sol­cher­art zur Oppo­si­tion ge­zwun­gen war, mußte Ele­mente ent­wickeln und pfle­gen, die dem Zeit­gei­ste nicht ent­spra­chen. Meine erste Be­geg­nung mit der Kirche war also eine Be­geg­nung mit dem Natür­li­chen in­mit­ten einer Welt des Ver­loge­nen und Er­starr­ten. Aller­dings erfuhr ich auch hier bald, daß jenes Re­fu­gium kei­nes­wegs so un­be­dingt da­stand, wie es mir an­fäng­lich er­schie­nen war, viel­mehr wurde diese Sub­kul­tur von Ideen­gebern jens­eits der Mauer treff­lich ge­nährt. So fiel mir schon bald auf, daß wohl das Haupt­ziel der Ge­mein­den in so­ge­nann­ten sozia­len Pro­jek­ten be­stand, in Werk­stät­ten für Be­hin­derte oder Lebens­mittel­spen­den für Hun­gernde in Afrika. Als ich nach Süd­deutsch­land aus­reiste, be­suchte ich das Domi­zil der evan­ge­li­schen Stu­den­ten­ge­mein­de und kehrte ihm nach einer Be­sich­ti­gung des Haus­flu­res den Rücken. Die auf­ge­hängte Pro­pa­ganda war von einem Par­tei­büro der DKP kaum zu unter­schei­den. Nach­dem ich im Ge­meinde­brief unter­rich­tet wurde, daß man künf­tig beim Hei­li­gen Abend­mahl aus Rück­sicht auf Alko­hol­kranke alko­hol­freien Wein aus­schen­ken werde, trat ich aus der luthe­ri­schen Lan­des­kirche Bay­erns aus.
Natür­lich paßt Nietz­sches Gleich­set­zung von Chri­sten­tum und Deka­denz in meine Zeit noch viel besser als in die seine. Dazu brau­che ich gar nicht solch krasse Aus­wüchse wie be­stimm­te Par­teien oder die Stim­mung auf einem Kir­chen­tag, egal wel­cher Kon­fes­sion, nehmen. Unter der Schund­lite­ra­tur, unter der ich als Buch­händ­ler in be­son­de­rer Weise leide, nimmt die christ­li­che einen be­acht­li­chen Rang ein. Die vati­ka­ni­schen Bank­ge­schäfte fügen sich treff­lich zum Knie­fall des Pap­stes vor der Klage­mauer.
Nun mag der Phi­lo­soph Berge auf­suchen, wo die Luft be­reits dünn wird, oder sich ge­schicht­lich dort ver­orten, wo kaum etwas über­lie­fert und fest­ge­schrie­ben ist. Dies er­mög­licht ihm in der Tat einen schar­fen Blick auf die Zu­stände. Aller­dings ver­schul­det ein sol­cher Stand­ort auch die Miß­ver­ständ­nisse, die Nietz­sches Gleich­nisse zum Ausweg aus dem deka­den­ten Sumpf er­lit­ten, welche er unter dem Stich­wort des »Großen Mit­tags« er­zählt. Wer das Evan­ge­lium als welt­fremd und wenig prak­ti­ka­bel pönt, muß zu­ge­ben, daß dies auf »Also spach Zara­thu­stra« in ge­stei­ger­tem Maße zu­trifft. Nietz­sche ver­stand sich als ein Schick­sal und meinte offen­bar, seine Auf­klä­rung über das Wesen der Moral könne eine Wende in Kult und Kultur, bei Rang und In­stinkt, bei Dienst und Herr­schaft be­wir­ken. So be­se­hen sind seine Werke Idea­lis­mus oder gar Meta­phy­sik.
Die Wende zur Erde, vom Groß­städ­tisch-Zivi­li­sier­ten zum Ur­tüm­lich-Bäu­ri­schen, vom Kaf­fee­haus-Lite­ra­ten zu einem, der die Heim­kehr der Stör­che und die Schnit­ter im Korn­feld besingt, kann immer nur im Ein­zel­nen ge­sche­hen, und sie wird auch immer wieder im Ein­zel­nen ge­sche­hen, weil die innere und äußere Natur des Men­schen un­er­gründ­lich und haus­hoch über­legen gegen­über der dünnen Patina zivi­li­sa­to­ri­scher Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten blei­ben wird. Hätte ich meine Groß­mut­ter nicht gehabt, hätte mich das Ge­rausch einer Quelle in Wider­spruch zur Asphalt­ideo­lo­gie ge­bracht. Aber das wäre frei­lich kein Chri­sten­tum. Aber ist die Idee der Er­lösung nicht auch die der Grenz­über­schrei­tung und so ganz natür­lich im Reich des Leben­di­gen? Muß man die Idee aus der Per­spek­tive der Ent­artung eines Hyste­ri­kers miß­ver­ste­hen?
Histo­risch ist es zwei­fel­los un­zu­tref­fend, die Deka­denz sei mit dem Chri­sten­tum in die Welt ge­kom­men. Die von Nietz­sche ge­prie­se­nen Hoch­kul­tu­ren stan­den auf den Trüm­mern von Rei­chen, aus denen Er­schei­nun­gen über­lie­fert sind, die höchst modern an­mu­ten. Gleich­zei­tig ist schon im Gilgamensch-Epos der Wunsch zen­tral, die Sterb­lich­keit zu über­win­den, und dieser Wunsch tritt bei einem Helden auf, der über jeden Deka­denz-Ver­dacht er­ha­ben ist. Aber wir müssen gar nicht so weit zu­rück­gehen. Ich wuchs in einer Gegend auf, die vor allem von christ­li­chen Mön­chen kul­ti­viert wurde. Nicht von »Pre­di­gern des Todes«, son­dern von Erschließern ab­ge­lege­ner Täler, von Pio­nie­ren der mensch­li­chen Kultur. Ist es männ­li­cher, sich dem gleißen­den Licht medi­ter­ra­ner Klip­pen zu stel­len oder den Mücken im nor­di­schen Sumpf und den reißen­den Über­schwem­mun­gen bei der Schnee­schmelze?
Was mich frei­lich nach Jahren des Um­her­irrens zum Chri­sten­tum zu­rück­fin­den ließ, war nicht eine andere Ge­wich­tung der ge­schicht­li­chen Über­lieferung, son­dern die Liebe. Keine Jung­frau, die für den inte­res­san­ten Sünder betet, son­dern eine Liebe, die zu einem Haus­stand führte. Dieser ist als das eigent­li­che Seß­haft­wer­den die Vor­aus­set­zung für das Wie­der­fin­den des kind­li­chen Traums tra­di­tio­na­len Lebens. Und dies kann nicht deut­lich genug betont werden: der Ausweg aus der Deka­denz ist das sicht­bare Vor­leben, daß all die so­ge­nann­ten Sach­zwänge des moder­nen Irr­sinns be­deu­tungs­los werden, wenn einer ernst macht mit der Be­reit­schaft, un­modern zu leben. Es ist mög­lich. Das ge­spro­chene Wort und das ge­schrie­bene Wort ge­win­nen eine neue Schlag­kraft durch den tät­li­chen Beweis.
Nietz­sche hat modern gelebt, in Hotels, auf Wan­der­schaft, und den Süden, den er suchte, könnte man bos­haft auch mit dem Apho­ris­mus aus dem Zara­thu­stra zu­sam­men­brin­gen, nach dem der letzte Mensch, »die Gegen­den ver­las­sen [hat], wo es hart war zu leben«. Auch im Hei­den­tum bzw. im Neu­hei­den­tum sehe ich ein Aus­wei­chen vor der harten Rea­li­tät christ­li­cher Miß­ver­ständ­nisse und Schwär­me­reien. Aber wahr ist dies: das Evan­ge­lium ist keine Musik für die Seich­ten und Lauen, es betont, daß die breite Straße ins Ver­der­ben führe. Viele sind be­ru­fen, aber wenige sind aus­er­wählt. Die Härte dieses Satzes kann auch Nietz­sche nicht über­tref­fen. Und also ist das wahre Chri­sten­tum kein bequemer Kniff, »zu Kreuze zu krie­chen«. Es ist gerade das Gegen­teil davon.
 
II
So ein­sei­tig Nietz­sche das Chri­sten­tum als Mit­leids­moral ab­qua­li­fi­ziert, so über­zeit­lich tref­fend ist seine Dia­gnose des Wag­nerschen Werkes. Scharf und aus­ge­wogen zu­gleich, macht er gerade im Genie Wag­ners die Ver­derb­lich­keit seiner Schau­spie­le­rei aus. Zwei­fel­los ist es für Nietz­sche ein Grund­satz, daß für die höhe­ren Men­schen die höch­sten Maß­stäbe gelten, eine Auf­fas­sung übri­gens, in der er sich mit der Dop­pel­moral der mit­tel­alter­li­chen Kirche trifft.
Zu Zeiten, als ich mich selbst als Wag­neria­ner ver­stand, hat es mich ge­le­gent­lich ge­wun­dert, daß Richard Wagner den Unter­gang des Natio­nal­sozia­lis­mus so glän­zend über­stan­den hat. Es wurden ein paar Füh­rungs­kräfte in Bay­reuth aus­ge­tauscht, danach ging es mit Enthu­sias­mus weiter. Auch in der Sow­jet­zone wurde Wagner gleich wieder auf­ge­führt und blieb in aller Zu­kunft von An­grif­fen ver­schont. Andere deut­sche Künst­ler stan­den, sofern sie im Natio­nal­sozia­lis­mus ge­schätzt wuden, zu­min­dest lange Zeit unter Ideo­lo­gie­ver­dacht. Schil­ler kam zugute, daß Hitler wei­tere Auf­füh­run­gen des »Wil­helm Tell« aus­setzte, nach­dem der Bei­fall beim Lob des Tyran­nen­mor­des demon­stra­tions­artige Formen an­ge­nom­men hatte. Höl­der­lin und die Roman­ti­ker wurden in der DDR viele Jahre nicht ge­druckt, Georg Lukács führte Kleist als Weg­be­rei­ter Hit­lers vor und Nietz­sche blieb ein sol­cher bis zum Ende des Staa­tes. Ernst Jünger und Martin Heid­egger wurden ver­boten.
Nun wäre es frei­lich unter­trie­ben, zu sagen, Wagner sei im Drit­ten Reich ge­schätzt ge­we­sen. Wäh­rend andere Denk­mäler und Pracht­aus­ga­ben be­ka­men, kniete Hitler vor Wagner gerade­zu. In Bay­reuth hatte Hitler jede Ver­ehrung seiner eige­nen Person unter­sagt, da hier aus­schließ­lich dem Mei­ster ge­hul­digt werden sollte. Als Hitler Mus­so­lini be­suchte, ver­merkte das Pro­to­koll, daß der »Lohen­grin« ge­geben wurde. Die Kunst Richard Wag­ners war mit diesem Staate ver­bun­den wie keine andere. Wenn man nach 1945 über die Ver­bin­dung von Kunst und Ideo­lo­gie refe­rie­ren wollte, hätte man zu­aller­erst Richard Wagner im Auge haben müssen.
Aber dies ge­schah nicht und ge­schieht bis heute nicht. Ge­legent­lich ver­öffent­licht jemand ein Buch über Wag­ners Anti­semi­tis­mus, den der Kom­po­nist nicht nur mit zahl­rei­chen Opern­figu­ren und An­spie­lun­gen aus­drückte, son­dern auch mit der pro­gram­mati­schen Schrift »Das Juden­tum in der Musik«, aber diese Ein­zel­stim­men finden wenig Gehör und krat­zen am Lack des Mei­stes kaum. Dies sei nun mal der Zeit­geist des 19. Jahr­hun­derts ge­we­sen. Eine ähn­liche Milde er­fährt sonst nie­mand.
Die Lösung dieses Rät­sels ist ver­blüf­fend ein­fach: Wagner wird nicht demon­tiert, weil er für die Moderne un­ver­zicht­bar ist wie kein ande­rer. Ich gehe noch weiter und sage, er ist das Genie der Moderne. Zu­min­dest unter Nicht­juden. Kein ande­rer Geist war so fun­da­men­tal groß und so fun­da­men­tal modern.
Nietz­sche zählt im »Fall Wagner« viele Punkte auf, die Wagner als modern aus­weisen. Ich möchte mich hier auf einen Punkt kapri­zie­ren. Dies ist der Um­stand, daß Wagner nicht etwa Dinge macht, für die er begabt ist oder die ihm am Herzen liegen, son­dern von denen der größte Effekt auf die Masse aus­geht: dieses ist die Wie­der­er­weckung des Mythi­schen. In den sieb­zi­ger Jahren des vori­gen Jahr­hun­derts schrieb ein Dich­ter an­er­ken­nend über Wagner, sein größ­tes Ver­dienst sei die The­ater­wer­dung des Mythos.
In der Auf­klä­rung des 18. Jahr­hun­derts zeigt sich ein Zu­gleich von Ratio­na­lis­mus und einer Nei­gung zur Magie. Bei den Auto­maten jener Zeit scheint beides ver­schränkt. Selbst mate­ria­li­sti­sche Eife­rer finden Muße zu Zah­len­spie­le­reien, Wis­sen­schaft und Schar­la­ta­ne­rie geben sich oft die Hand, und die Frei­mau­rer finden Mysti­zis­men ge­nau­so fas­zi­nie­rend wie eine kul­tur­über­grei­fende Tole­ranz. Im Mesme­ris­mus findet das Zu­sam­men­spiel von Natur­kunde und Magie einen ge­wis­sen Höhe­punkt. Was hin­gegen dieser Zeit fremd bleibt, ist das Mythi­sche. Dieses gerät im fol­gen­den Jahr­hun­dert in den Blick und damit eine Ent­gren­zung, ein Schritt ins Totale.
An dieser Stelle ein paar Ge­dan­ken zum Wesen des Mythi­schen. Der Be­griff ist zwar ver­traut, aber merk­wür­dig un­scharf. Wer einige Mythen auf­zäh­len kann, muß nicht not­wen­dig eine Vor­stel­lung von Wesen und Eigen­art dieser Welt haben. Im Unter­schied zu den Prak­ti­ken der Magie und den Übun­gen der Mystik ist das Mythi­sche immer an einen nar­ra­ti­ven Hin­ter­grund ge­bun­den. Wenn es etwa in einer Formel oder einem Hymnus auf­tritt, so wird dabei die Kennt­nis einer Ge­schichte vor­aus­ge­setzt. Ein erstes Kenn­zei­chen des Mythi­schen ist damit also die weite Ver­brei­tung eines Stof­fes, der durch­aus vari­iert wird, aber einen sta­bi­len Kern auf­weist. Ein wei­te­res ist die all­ge­meine Über­zeu­gung, daß diese Hand­lung und die agie­ren­den Per­so­nen von einer über­zeit­li­chen Be­deu­tung seien.
Mythen im schle­chten Sinne des Wortes schafft jemand, der Ge­schich­ten er­fin­det, die zum Ent­set­zen eines Drit­ten von vielen ge­glaubt werden. Solche sind vom Mythi­schen, von dem hier die Rede ist, strikt zu tren­nen. Denn das Mythi­sche kann auch als Fähig­keit ver­stan­den werden zu mythi­sie­ren, also einen ver­ges­se­nen Stoff mythisch an­zu­rei­chern oder gar einen frei er­fun­de­nen Stoff so zu ge­stal­ten, daß er mythi­sche Qua­li­tä­ten auf­weist. Wenn jemand alte Mythen er­zählt, kann sich das mythi­sche Ele­ment ab­schwä­chen oder ver­stär­ken, ja, es kann sogar in einem bis dahin pro­fa­nen Stoff auf­schei­nen. Homer galt den Alten als der blinde Sänger, weil seine Dich­tun­gen das Mythi­sche leuch­ten ließen wie keine Fas­sung sonst.
Homer wurde mit »Ilias« und »Odys­see« zum Dich­ter eines ganzen Zeit­alters und dar­über hinaus. Eine solche Kar­riere hatte Wagner wohl im Blick, als er sich von den klas­si­schen Opern­stof­fen ab­wandte und früh­mittel­alter­liche Sagen und Ge­schich­ten auf seine Weise be­arbei­tete. Dabei hat Wagner die Stoffe zu­nächst der höfi­schen Tra­di­tion ent­klei­det. Posi­tiv ver­stan­den, würde dies be­deu­ten, er habe den all­ge­mein­mensch­li­chen Kern her­aus­ge­arbei­tet. Dies würde ich ihm aber nur im Fall von »Tri­stan und Isolde« zu­ge­ste­hen. In der Tat ist der Stoff einer wider­ge­setz­li­chen Liebe eines Paares, das man, etwas re­spekt­los formu­liert, als hoch­gra­dig über­spannt be­zeich­nen kann, ein Thema, bei dem Wagner hohe Kom­pe­tenz zu­ge­bil­ligt werden muß. Ein rasen­des Weib wie Isolde, als sie mit den Worten »und wärs meines Lebens Licht« die Fackel aus­löscht, jene Licht­trä­ge­rin und damit Botin des lie­bes­feind­li­chen Tages, steht Pen­the­si­lea nicht nach. Aber im übri­gen zeigt sich, daß sich Wagner nicht nur im Dra­ma­ti­schen, son­dern gerade im Mythi­schen mit einem Kleist nicht messen kann.
Kleist, der sein Leben nie­mals ordnen konnte, von einem Extrem ins andere schwankte und schließ­lich be­schloß, seinen Unter­gang zu zele­brie­ren, war von Kräf­ten ge­trie­ben und zer­ris­sen, die bei Wagner aus der Lite­ra­tur kommen. Kleist hat das Mythi­sche, des­halb bedarf er des mythi­schen Stof­fes nicht, auch in einer Komö­die wie dem »Zerbrochnen Krug« leuch­tet das Mythi­sche auf. Wagner hin­gegen ist ein Schau­spie­ler, ohne einen Stoff, der vom Publi­kum be­reits vorher als »mythisch« apo­stro­phiert wird, kann er sich nicht auf die Bühne trauen.
Was aber Wagner im mythi­schen Dekor Thea­ter werden läßt, was er mit kul­ti­schen Weihen ins kol­lek­tive Unter­be­wußte bannt, daß weit­hin wag­ne­ri­sche Fas­sun­gen der Stoffe be­kann­ter werden als jene älte­rer Dich­ter, das ist nicht etwa jenes All­ge­mein­mensch­li­che, das dem Mythos an­ge­mes­sen ist und natur­ge­mäß inne­wohnt, son­dern es sind die Sehn­süchte des moder­nen Men­schen, eines Men­schen, für den die »Kultur« die Dienst­lei­stung be­deu­tet, seiner Zer­knir­schung und seinem Größen­wahn höhere Weihe zu geben.
Be­kannt­lich sah sich Hitler als Lohen­grin, und er steht mit dieser Selbst­sti­li­sie­rung, weiß Gott, nicht allein. Der Schwa­nen­rit­ter, ein Mann, in dessen Natur und ge­wöhn­li­cher Um­ge­bung nur das Hehre und frag­los Edel­mütige vor­kom­men, kommt durch den Hilfe­ruf und das zu­nächst be­haup­tete gren­zen­lose Ver­trauen einer Jung­frau in die Lage, ihr seine Liebe zu ge­ste­hen. Eine solche Tor­heit würde in jedem ande­ren Zu­sam­men­hange schal­len­des Ge­läch­ter beim Publi­kum aus­lösen. Aber hier be­kommt seine Narr­heit, dem Schwur der Göre zu glau­ben, tra­gi­sche Dimen­sion. Keine Rede davon, daß ein Schwur wenig be­deu­ten kann, wenn er die Wahl zwischem dem Henker und dem Thron be­deu­tet. Dafür schwö­ren nicht nur Frauen, son­dern auch Männer so ziem­lich alles, und sei es so eine Narr­heit wie das Unter­las­sen einer Frage. Was ge­schieht nun? Dieses gren­zen­lose, ja un­mensch­li­che Ver­trauen, ist auf Dauer nicht durch­zu­halten, schon gar nicht in der Inti­mi­tät einer Ehe. Hinzu kommen Gerede und Ein­flü­ste­run­gen, die frei­lich bei Wagner gegen­über dem, was bei einer Her­zo­gin üblich sein dürfte, recht ver­hal­ten aus­fal­len. Jeden­falls wird der Schwur nicht ge­hal­ten, und der Held, vom Men­schen­ge­schlechte gren­zen­los ent­täuscht, muß von dannen ziehen. Wer aber meint, aus dieser ab­ge­schmack­ten Story lasse sich kein großes Thea­ter machen, der kennt Richard Wagner nicht. Das Leit­motiv »Nie sollst du mich be­fra­gen« schwebt un­heils­schwan­ger durch den Saal und läßt die Herzen der Hörer erbe­ben. Ihnen ist die Situa­tion ver­traut, man wird von un­be­greif­li­chen Mäch­ten be­herrscht und ein win­zi­ger Fehl­tritt führt zur Kata­stro­phe. Oder noch simp­ler: Keiner ver­steht mich.
Die Hand­lung ande­rer Musik­dra­men steht an Stu­pi­di­tät dem »Lohen­grin« nur wenig nach. Ich möchte hier nur noch auf den »Ring des Nibe­lun­gen« ein­gehen, eines Pro­gramms für vier Abende, mit dem Wagner seine ge­wöhn­li­che Groß­artig­keit im Insze­nie­ren noch über­trumpft. Im­mer­hin hat mir dieser »Mythos« viele Jahre den Blick auf das Nibe­lun­gen­lied ver­stellt, und ich danke es Hebbel, daß dieser Stoff end­lich doch für mich frucht­bar werden konnte. Wagner hat diesen Stoff rück­wärts ge­dich­tet, die Fami­lien­tra­gö­die zu Bur­gund be­kommt immer mehr Vor­ge­schichte, bis sich schließ­lich die Ge­wichte ver­schie­ben und Sieg­fried und Hagen als Stell­ver­tre­ter für gött­li­che Aus­ein­an­der­set­zun­gen er­schei­nen. Dabei hat aber Wotan, der »trau­rige Gott«, in dem sich Wagner noch mehr als in Tann­häu­ser oder Lohen­grin selbst ein Denk­mal zu zeich­nen trach­tete, keinen eben­bür­ti­gen Gegen­spie­ler, son­dern die Ge­stal­ten über und unter der Erde lassen sich sehr leicht als Launen dieses ge­fru­ste­ten Ehe­man­nes aus­machen. Wotan ist ge­nau­so Albe­rich und Fafner, er be­kennt vor seiner Wal­küre, daß er in jungen Jahren un­be­son­nen war (wie wohl Wagner in Dres­den), daß er Ver­träge ge­schlos­sen habe, die ihn nun un­fä­hig mach­ten, die Welt zu führen. Man denkt un­will­kür­lich an Schuld­ver­schrei­bun­gen, also paßt diese Oper treff­lich zur aktu­el­len Schul­den­krise in Grie­chen­land.
Wie später auch im »Par­si­fal« er­folgt die Er­lösung der Ge­sell­schaft durch einen Idio­ten. Nur, daß es sich hier nicht um die Grals­bru­der­schaft und damit einen hortus con­clu­sus han­delt, son­dern um das Volk, die poli­ti­sche Welt. Man denkt an Marx, der die Er­lösung durch den Pro­le­ten er­träumte, an Freuds Über­zeu­gung im Walten des Neu­ro­ti­kers die Kräfte er­ken­nen zu können, die Kul­tu­ren schaf­fen und er­hal­ten. Also ein tal­mu­di­sches Revo­lu­tions­drama? Nein, hier kommt Scho­pen­hauer ins Spiel, und so wird der Stoff für den Kon­ser­va­ti­ven so akzep­ta­bel wie für den Land­stör­zer. Der Held fällt, der Mörder wird von Wei­bern im Rhein er­säuft und das Schluß­bild nimmt das bren­nende Berlin von 1945 vorweg. Großes Thea­ter, und für jeden was dabei.
Warum aber ist der ober­ste Gott so trau­rig? So trau­rig, daß er seinen eige­nen Sturz er­sehnt? Man denkt an die deut­schen Für­sten, die 1918, von weni­gen Aus­nah­men ab­ge­sehen, so rasch ab­dank­ten, daß man den Ein­druck hatte, sie hätten lange auf diese Ge­le­gen­heit ge­war­tet. Wotan muß er­ken­nen, daß seine Ver­träge reale Folgen ge­zei­tigt haben, die man nun nicht mehr korri­gie­ren kann, ohne sich die Hände schmut­zig zu machen. Gerade an den Stel­len der Hand­lung, wo er durch eine be­grenzte Gewalt die wei­tere Zu­spit­zung der Lage ver­hin­dern könnte, hält er sich vor­nehm zurück und nimmt damit wesent­lich ärgere Ge­walt­taten für die Zu­kunft bil­li­gend in Kauf. Im Grunde tut er in der Hand­lung über viele Gene­ra­tio­nen und Ge­schlech­ter nichts ande­res, als Aus­schau zu halten, wie er sich der Ver­ant­wor­tung für das kom­mende Unheil ent­ledi­gen könnte und zeigt dabei eine tal­mu­di­sche Gewitztheit. Nach­dem seine Frau die In­trige mit dem an­geb­lich völlig frei han­deln­den Sig­mund ent­tarnt hat, muß er bei Sieg­fried noch weiter beim Täu­schungs­manö­ver aus­holen, damit die Gattin nichts merkt.
Der Ober­ste der Asen als Narr und Feig­ling. Eine ärgere Paro­die ist eigent­lich nicht denk­bar. Aber ein Wag­neria­ner kommt nie­mals auf die Idee, ihm werde eine Paro­die vor­ge­setzt. Er hält die Albern­hei­ten für echte Tragik.
Das Mythi­sche bei Wagner ist, bei Licht be­se­hen, eine Fülle von Ab­sur­di­tä­ten und Ge­schmack­losig­kei­ten. Also nicht Anmut und Schön­heit auf der Bühne, son­dern Feig­heit, Faul­heit, Ge­mein­heit und Dumm­heit. Die Götter sind Spießer mit Spießer­pro­ble­men. Wagner ist nicht weni­ger modern als Rainer Werner Fass­bin­der oder Joseph Beuys. Aber er hat den Tarn­helm des Mime im Gepäck. Damit er­schei­nen das Grob­schläch­tige subtil, das Plumpe tän­ze­risch, das Selbst­ge­rechte edel.
 
III
Das Mythi­sche ist das All­ge­mein­mensch­li­che in bild­haf­ter Zu­spit­zung. Große Dich­tung zeich­net sich immer durch ein mythen­bil­den­des Poten­tial aus. In­so­fern war der Rat, der mir als junger Dich­ter ge­geben wurde, ich müsse nun den Weg vom Pri­va­ten ins Mythi­sche finden, durch­aus rich­tig. Doch manch­mal wird ein Rat, lapi­dar in den Raum ge­stellt, zur Ver­hin­de­rung des Ge­mein­ten. Ein Schelm, wer Arges dabei denkt.
Wer das Mythi­sche als Mythi­sches sucht, gerät sehr schnell an das Herme­ti­sche und Eso­te­ri­sche. Wie der Mino­tau­ros im Laby­rinth nährt er sich von Opfer­gaben, die im Dämmer kon­tur­arm blei­ben. Er schwankt zwi­schen Form- und Mate­rial­feti­schis­mus. Über­all merkt man ihm das Fehlen von Licht und Be­we­gungs­frei­heit an. Er ver­gißt, daß der Hall von der Hohl­heit seiner Be­hau­sung her­rührt, und sti­li­siert die Ein­sam­keit zur Souve­rä­ni­tät. Er sucht die Be­deu­tung um der Be­deu­tung willen, er wendet sich vom Kon­kre­ten ab und damit von der Quelle aller Dich­tung. Denn das Metier des Dich­ters ist das un­mit­tel­bar Er­fah­rene, nicht das An­ge­lesene. Man ver­wechsle nicht Metier und Dekor.
Selt­samer­weise gelang mir per­sön­lich die Über­win­dung der Eso­te­rik in meiner Dich­tung gerade durch ein aus­ge­spro­chen eso­te­ri­sches Thema, die zwei­und­zwan­zig Großen Arcana des Tarot. Beim Be­dich­ten dieser Karten ging mir auf, daß es sich um eine Reise han­delt, um eine Lebens­reise, eine Folge von Prü­fun­gen. Die Ini­tia­tions­ritu­ale der Artus­legen­den zeich­ne­ten sich als mein Thema ab, und mir wurde bewußt, daß schon in den glück­li­chen Würfen des Jahres 1981 die Ini­tia­tion mein Thema ge­we­sen war, in der »In­kar­na­tion« und im »Gany­medes«. Die Prü­fung des Helden ist immer eine Auf­gabe. Damit wurde die Suche nach meinem Thema zu­gleich die Suche nach der Auf­gabe des Dich­ters in der Krise der Moderne.
In der Moderne ist es gerade­zu eine lite­ra­ri­sche Kon­stante, die Moderne über­win­den zu wollen. Die Moderne ist dabei ein Pro­teus, der man­gels tat­säch­li­cher Ge­stalt jede Ge­stalt an­neh­men kann. Auch hier steht Wagner am Anfang. In seinem Thea­ter sollte sich das Volk aller Stände läu­tern. Dies klingt nach dem päda­go­gi­schen An­spruch der Klas­sik. Nur, daß die Klas­sik ganz andere Prä­mis­sen setzte. Da kam zu­nächst die Ge­nau­ig­keit der Spra­che. Nicht wabernd, nicht Ur­suppe und Chaos am Tag vor der Schöp­fung, nicht aus­ufernd und inter­pre­ta­tions­ge­fäl­lig, nicht zu­dröh­nend und überwältigend, son­dern genau, kon­kret, faß­lich und ge­stalt­haft. Dann die Logik der Hand­lung, die Not­wen­dig­keit des Kno­tens und seiner Lösung, eine Not­wen­dig­keit, die als einzig mög­liche da­steht und doch im Ge­wande der Frei­heit da­her­kommt. Die Leicht­heit, mit der schwere Dinge zu schleppen sind.
Es ver­wun­dert nicht, daß alle Film­musik, ob von der Ufa oder von Holly­wood, immer in ganz be­son­de­rer Weise Richard Wagner ver­pflich­tet ist. Sie zielt auf unser Gemüt, wie Wagner es tat, nicht auf den kri­ti­schen Ver­stand. Es han­delt sich um eine be­son­ders nach­hal­tige Selbst­täu­schung der Moderne-Kri­ti­ker, wenn sie meinen, der Moderne mit dem Ab­sehen vom kri­ti­schen Ver­stande bei­kom­men zu wollen. Der Ratio­na­lis­mus braucht den Irra­tio­na­lis­mus, beide sind Seiten einer Me­daille. Der Moderne ent­rinnt man nur durch das rechte Ver­hält­nis von Wach­heit und Ver­trauen. Dies ist es, was Nietz­sche den ge­sun­den In­stinkt nennt.
Ähn­lich ist es mit der Über­lieferung und dem Gegen­wär­ti­gen. Wird eine Seite un­mäßig be­vor­zugt, so wan­dert die andere in die Brille, durch welche die Sache an­ge­schaut wird. Dort ist es sicher wie das Meer­häs­chen vor der Königs­toch­ter, zu­gleich aber deren Herr und Be­zwin­ger. Jeder Mensch, er ver­stehe sich links oder rechts, hat teil an der Welt des Vaters wie an der des Bru­ders. Wer die Tra­di­tion und das Erbe ver­leug­net, wird zum Tyran­nen, wer seiner Zeit­ge­bun­den­heit zu ent­flie­hen sucht, wird zum Hof­nar­ren eben dieser Zeit. Aus diesem Grunde ist Anti­moder­ni­tät oft ein siche­res Indiz von Moder­ni­tät. Die Pose des Weisen ge­biert den Gauk­ler und Schau­spie­ler.
Die Kirche nennt den Hoch­mut als erste unter den sieben Tod­sün­den und ordnet ihr Luzi­fer als Dämon zu. In der Tat lassen sich alle ande­ren Tod­sün­den, aber auch die läß­li­chen Sünden auf diese erste Tod­sünde zu­rück­füh­ren. Denn ein ande­res Wort für Hoch­mut ist Un­dank­bar­keit. Diese ist die Ur­sache für Neid, Zorn, Träg­heit, Hab­gier, Völ­le­rei und Wol­lust. Stand und Pro­fes­sion des Künst­lers sind in be­son­de­rer Weise an­fäl­lig für den Hoch­mut. Die Ver­nich­tung aller Zunft­fes­seln eines Hand­werks wirft ihn tyran­nisch auf sich selbst und eine selbst­ge­wählte Tra­di­tion zurück. Oft läßt ein eli­tä­res Be­wußt­sein die Ein­sam­keit leich­ter er­tra­gen. Und wer vom Publi­kum ge­fei­ert wird, läuft Gefahr, die eige­nen Lügen zu glau­ben.
Eine be­son­ders aparte Spiel­art des Hoch­muts be­steht übri­gens darin, die sieben Tod­sün­den neu zu defi­nie­ren, wie es Mahatma Gandhi für die moderne Welt tat. Hier wollte jemand be­son­ders klug sein und offen­barte gerade damit seine Durch­schnitt­lich­keit. So nannte er: Reich­tum ohne Arbeit, Genuß ohne Ge­wis­sen, Wissen ohne Cha­rak­ter, Ge­schäft ohne Moral, Wis­sen­schaft ohne Mensch­lich­keit, Reli­gion ohne Opfer­be­reit­schaft, Poli­tik ohne Prin­zi­pien. Das Stil­prin­zip »ohne«, ver­wandt dem »aber«, als Mar­ken­zei­chen des Aber­glau­bens, kom­pli­zierte Set­zun­gen seien wahrer und ge­rech­ter als ein­fache.
Anto­nios Mah­nung in Goe­thes »Tor­quato Tasso« »Ver­glei­che dich! Er­kenne, wer du bist!« wird ge­mein­hin als Auf­for­de­run­gen ver­stan­den, den eige­nen Rang nicht zu unter­schät­zen. Aber auch die gegen­tei­lige Aus­sage steckt in dem Worte. Der Ver­gleich ist sehr wohl auch ein Mittel, die eigene Über­schätzung zu ver­mei­den. Richard Wagner meinte, in Deutsch­land sei »nur der Winkel pro­duk­tiv« ge­we­sen. Er selbst kam zwar aus Leip­zig, einer Stadt, die bis 1945 von Be­deu­tung in Deutsch­land war. Aber es mag schon so sei, daß die mei­sten Genies aus Dör­fern und Klein­städ­ten kamen. Dort sind die Mög­lich­kei­ten des Ver­gleichs be­grenzt. Wer in seiner Schul­klasse der Primus ist und im Dorf der hell­ste Kopf, neigt leicht dazu, die Welt da draußen in seiner Be­trach­tung außen vor zu lassen. Wer in einem gei­stig armen Zeit­alter lebt, ver­steht die Welt als ein pom­mer­sches Kaff. Dies ist aber eine Selbst­täu­schung und böser Hoch­mut dazu. Wenn Nietz­sche nur Hera­klit als Vor­läu­fer gelten läßt, so hat der luzide Geist einen Bock ge­schos­sen. Keinen Eben­bür­ti­gen und keinen Über­lege­nen zu kennen ist ein Zei­chen von Blind­heit. Aber die Blind­heit ist ja das klas­si­sche Zei­chen des Sän­gers. Damit kehre ich zum Aus­gangs­punkt zurück, zu Homer und dem Wunsch der Künst­ler, ihm zu glei­chen. Die tie­fere Ein­sicht wäre es, ein­zu­räu­men, daß ein sol­cher Wunsch schon von daher un­statt­haft ist, weil eine solche Gnade zu­gleich auch ein Fluch ist. Richard Wagner ist nicht nur der größte, son­dern auch der erste aller moder­nen Künst­ler. Aber, was will das be­sa­gen? Viel­leicht nur, daß die Moderne ein kon­ti­nu­ier­li­cher Ab­stieg ist, der nur im Nega­ti­ven Rekorde zu reihen vermag? Wer weiß?
 

BESUCH IN FÜRSTENWALDE

Hans-Diet­rich Sander hat mir im vori­gen Jahr die Ehre er­wie­sen, sich trotz sei­nes hohen Alters einer stra­pa­ziö­sen Reise von 350 Kilo­metern aus­zu­set­zen, um den Dich­ter kennen­zu­ler­nen, der sich in der »Deut­schen Pas­sion« und dem »Jahr des Heils« be­zeugt hatte. Die Be­geg­nung war heiter und kurz­wei­lig. Gerade ge­legent­li­che kon­träre poli­ti­sche Ein­schät­zun­gen – ich er­innere mich deut­lich an unsere Kon­tro­verse dar­über, welche Optio­nen Dönitz 1945 gehabt hatte – waren für mich Be­rei­che­run­gen, wie man sie nur selten er­fährt. Wir schie­den in der Ge­wiß­heit, daß Hans-Diet­rich Sander in Neu­stadt an der Orla künf­tig eine gute ver­lege­ri­sche Heimat habe.
Hans-Diet­rich ist kein Dich­ter, son­dern ein Denker. Sein Feld sind nicht Melos und Bild, son­dern Wille und Machbarkeit. Aber durch­aus im Mit­tel­punkt sei­nes Den­kens steht die Lite­ra­tur. Nicht nur, weil er ein Buch über die Ge­schichte der schö­nen Lite­ra­tur in der DDR verfaßt hat, das seinerzeit Anstoß er­regte, weil es vom Fortbe­ste­hen einer deut­schen Natio­nal­lite­ra­tur aus­ging. Seine Dissertation und erste Buch­ver­öffent­li­chung befaßte sich mit der Kunst­theo­rie im marxi­sti­schen Denken und damit über­haupt mit der Machtrelevanz der Kunst. Daß die Lite­ra­tur von allen Kün­sten die größ­ten Berührungsflächen mit Macht­fra­gen hat, braucht sicher nicht be­son­ders be­grün­det werden, und so stehen auch Lite­ra­turtheoretiker mit ihren ver­schie­denen Phasen im Zen­trum von San­ders Buch. Im »Natio­na­len Imperativ« scheint die Lite­ra­tur in den Hin­ter­grund zu treten, bis man durch ein langes Zitat des Dich­ters Paul Valéry eines bes­se­ren be­lehrt wird. Ausgerechnet diesen Dich­ter läßt Sander, mit fran­zö­si­scher Schärfe im besten Sinne des Wortes, Ur­sachen und Kon­se­quen­zen des deut­schen Auf­stiegs um 1900 er­klä­ren. Auf diesen Maß­stab kommt er später mehrfach zurück. Es ist also nicht so, daß Hans-Diet­rich Sander in der Art Stefan Zweigs das »Who is who« der Lite­ra­tur aufführt, viel­mehr er­weist er dem Dich­te­ri­schen da­durch Aufmerksamkeit, indem er ganz gezielt »orphische« Wort­mel­dun­gen zur Er­klä­rung all­ge­meiner Zu­sam­men­hänge heranzieht. In der »Auf­lösung aller Dinge« stehen mit Benjamin und Weininger zwei Denker und Ge­stal­ten im Fokus, die beide von aus­ge­spro­chener Nei­gung zur Lite­ra­tur und von Kennt­nis der­sel­ben ge­prägt sind. Nicht zu­letzt will ich an dieser Stelle erwähnen, daß auch in den »Staats­brie­fen« die »schöne Lite­ra­tur« eine Stel­lung ein­nimmt, die man sonst in poli­ti­schen Periodika vermißt.
Wenn man nun argwöhnt, dies sei ein aufs Politische verengter Blick auf die Lite­ra­tur, wenn nicht gar der fortge­setzte Ver­such, die Kunst zur Waffe zu machen, so sei erwidert, daß es eine Kunst, ja einen Geist über­haupt nicht gibt, der von jeg­li­cher poli­ti­scher Rele­vanz frei ist. Alles Zeigen, alles Ge­stal­ten kor­re­spon­diert mit einem Denken und also auch mit einem Han­deln. Ein Han­deln ist auch dann poli­tisch be­deut­sam, wenn dem Han­delnden dafür jeg­liches Be­wußt­sein fehlt. Das haben Mächtige immer klar er­kannt, und die Ver­ken­nung dieser Zu­sam­men­hänge erzeugt Nebel. Solcher ist frei­lich im Inte­resse von Systemen, die Verschleierungen zur Grund­lage haben.
Politisches Be­wußt­sein bei Dich­tern wird von kon­ser­va­ti­ver Seite als ein Irrweg und der Beginn fort­schrei­tender Impotenz gepönt. Man nennt dann gern Johannes R. Becher, dessen Spätwerk zu poetischen Verlautbarungen der Parteilinie verkam. Ich halte das Bei­spiel für nicht zwin­gend. Zum einen halte ich Bechers Anfänge für nicht so be­deu­tend, daß hier ein klarer Ver­fall diagnostiziert werden könne. Zum ande­ren ist ja das bequeme Einfügen in die Linie der Partei, das Andere-für-sich-denken-Lassen gerade­zu das Gegen­teil von poli­ti­scher Bewußtheit. Rich­tig ist, daß ein Dich­ter seine Quellen verschüt­tet, wenn er Pro­pa­ganda pro­du­ziert, also Wortmaterial, das auf einen ganz kon­kre­ten Effekt, eine ganz kon­krete Über­zeu­gungsarbeit zielt. Denn des Dich­ters Wesen zielt auf die Tie­fen­schich­ten der Seele, nicht auf die Schreibhand, die auf dem Stimmzettel links oder rechts ihr Kreuzchen macht. Man könnte diese Hal­tung ganz un­poli­tisch als ein Schauen bis zur näch­sten Ecke be­zeich­nen. Dies ist in der Tat keine Poesie. Aber vom Volk, seinen Mythen und Sehn­süchten, von der Reichsidee, vom Glau­ben an den lebendigen Gott ge­tra­gen zu sein, also von durch­aus poli­ti­schen Kate­go­rien, dies ist dem Dich­ter nicht nur nicht schädlich, son­dern gerade­zu Vor­aus­set­zung, aus einem Mini­ma­lis­mus herauszutreten. Außer­dem halte ich es für nütz­lich, wenn ein Dich­ter lernt, sich wirt­schaft­lich zu be­haup­ten, denn die wirt­schaft­li­che Be­haup­tung ist eine ganz wesent­liche Seite der mensch­li­chen Natur, die nur Toren verachten. Im Aber­glau­ben, die Wirt­schaft sei das Schick­sal schlecht­hin, tut es not, das Gleich­ge­wicht leiblich zu zeigen.
Wenn ich heute an Hans-Diet­rich Sander denke, stelle ich mir ihn in seinem Haus in Für­sten­walde an der Spree vor. Es ist etwas völlig ande­res, jeman­den in seinem ge­wöhn­li­chen Lebens­um­feld zu er­leben als bei sich oder an neu­tra­len Ort­schaf­ten. Des Thema des Ortes und der moder­nen Ent­ortung ist fun­da­men­tal in San­ders Werk. Dieser Um­stand allein würde ihn mir zu einem Gei­stes­ver­wand­ten machen. Denn ein ande­res Wort für Ent­ortung ist die Mobi­li­sie­rung. Wer meine Ge­dichte und meine Lebens­weise kennt, weiß, welche Rolle für mich Auto­mobil und Flug­zeug spie­len. Wenn ich die Eisen­bahn als tech­ni­sches Ver­kehrs­mit­tel am ehe­sten akzep­tiere, dann spielt ihre Orts­ge­bun­den­heit an Bahn­höfe und Schie­nen­stränge dabei eine her­aus­ra­gende Rolle. Zur Einschränkung »am ehe­sten« möchte ich anmerken, daß gerade die Bahn­höfe der­zeit ab­ge­ris­sen oder zu Einkaufszentren ver­un­stal­tet werden, in jedem Falle aber alles ausgemerzt wird, was diesen Orten einst Würde vermachte. Die Moderne be­gnügt sich aber nicht damit, daß die Leute zum Ein­kau­fen fahren und zu Urlaubs­strän­den flie­gen, sie ent­ortet auch die Städte und Land­schaf­ten selber. Nicht nur, daß die Pro­pa­ganda der Kon­zerne die frühere der Partei um ein hun­dert­faches über­trifft, es werden über­all ge­wach­sene Stuk­tu­ren durch solche er­setzt, wie sie sich an­geb­lich anders­wo be­währt haben oder gerade Mode sind. Dabei liegt der Schwer­punkt auf dem Wandel der Struktur. Nicht nur die stei­gende Fre­quenz von Abriß und Neubau, auch die Anlage von Parknischen, »Kunst­werken« und son­stigen Ge­stal­tungselementen legt es darauf an, die Entstehung von Hei­mat­ge­fühl zu ver­hin­dern.
Aller­dings wird man den genius loci nur dann völlig ver­mis­sen, wenn man den durch Weg­wei­ser ge­zeich­ne­ten Haupt­tras­sen folgt, außer­halb derer für die mei­sten Men­schen gar keine Welt mehr exi­stiert. Die Fuß­wege von einem Ort zum andern sind gras­über­wuchert, weil Wan­de­rer einen Kreis (oder gar einen Natur­lehr­pfad) vom Park­platz zum Park­platz be­nut­zen. Eine Öko­no­mie, rasch von A nach B zu kommen, ist aus­ge­schil­der­ten Wan­der­wegen fremd, viel­mehr soll der Spa­zier­gang ge­dehnt werden und keine der Sehenswürdigkeiten aus­las­sen.
Es be­stä­tigt San­ders Sinn für die Orts­ge­bun­den­heit aller Ideen und aller Taten, daß er sich seinen künf­ti­gen Ver­leger in dessen Arbeits­um­ge­bung an­ge­schaut hat, zwi­schen den Rega­len und Palet­ten, dem Ver­packungs­mate­rial und dem klei­nen Karren, mit dem ich täg­lich meine Pakete zur Post ziehe. Drum­herum eine rie­sige Bau­stelle. In der Woh­nung war gerade das Gäste­zim­mer fertig reno­viert, sonst hätte ich den Be­sucher gar nicht emp­fan­gen können. Die Was­ser­lei­tung sollte erst einige Monate später gelegt werden. Man mußte quer über das ganze Grund­stück und dann in der Firma noch durch meh­rere Hallen, um zu einer funk­tio­nie­ren­den Toi­lette zu ge­lan­gen. Dies war bei einem nächt­li­chen Be­dürf­nis gewiß lästig. Hans-Diet­rich Sander hat diese Zu­mutun­gen ohne Murren er­tra­gen, bei denen heute schon Jugend­liche von einem Skan­dal spre­chen würden.
Aber ich möchte nicht von den Pro­ble­men meiner Heim­kehr nach Thü­rin­gen spre­chen, son­dern von meinem Gegen­be­such in Für­sten­walde. Die Ge­le­gen­heit ergab sich, als mich Hans-Diet­rich Sander bat, die Rest­be­stände seiner »Staats­briefe« in Kom­mis­sion zu nehmen. Wolf­gang Schühly reiste per Bahn aus Graz an und steu­erte dann seinen bei mir ge­park­ten Post-Volks­wagen­bus aus den frühen acht­zi­ger Jahren ins Bran­den­bur­gi­sche. Wir kamen erst bei Dun­kel­heit an, und da sich noch wei­tere Gäste zu einer Runde ein­ge­fun­den hatten, wurde das Ge­schäft­li­che auf den näch­sten Morgen ver­tagt.
In dieser Runde er­zählte San­ders Frau Elke, wie sie beide nach ihrem Umzug aus der baye­ri­schen Lan­des­haupt­stadt eine neue Heimat fanden. Horst Mahler hatte Hans-Diet­rich Sander ohne dessen Zu­stim­mung und im Wissen, daß eine solche auch nicht ge­geben würde, als Ehren­mit­glied auf die Liste sei­nes »Ver­eins zur Reha­bi­li­tie­rung der wegen Be­strei­tens des Holo­caust Ver­fol­gten« ge­setzt. Da solche Listen die An­ge­wohn­heit haben, auf kür­ze­stem Wege in die Büros der Sicher­heits­be­hör­den zu ge­lan­gen, kam es mor­gens um sechs Uhr zu einer zeit­glei­chen Haus­durch­suchung bei allen Ge­nann­ten. Bei den San­ders fuhren Schwer­be­waff­nete in Mann­schafts­wägen vor, über dem Grund­stück kreis­ten Hub­schrau­ber. Dieses Schau­spiel blieb gewiß nie­man­dem in der Rent­ner­sied­lung leid­lich wohl­haben­der Berlin-Flücht­linge ver­bor­gen. Frau Sander be­rich­tete nun, daß sie, ur­sprüng­lich als zu­ge­reist völlig fremd im Ort, seit­her von jeder­mann auf der Straße ge­grüßt werde.
Als ich die Ge­schichte einem Schrift­stel­ler­kol­le­gen er­zählte, ern­tete ich ein un­gläu­bi­ges Stau­nen und eine Rück­frage, ob er die Sache viel­leicht genau falsch herum ver­stan­den habe. Aber seine eben­falls zu­hörende Frau fand die Sache völlig ein­leuch­tend. Dies er­scheint mir wieder einmal ein Bei­spiel dafür, daß Frauen eine un­ver­stell­tere An­schau­ung vom Wesen des Volkes haben. Ihnen ist völlig trans­pa­rent, daß Leute, die sich ge­wöhn­lich wenig für die Poli­tik inte­res­sie­ren, empört sind, wenn ein über acht­zig Jahre altes Ehe­paar in sol­cher Weise von der Poli­zei be­lästigt wird. Und auch, daß die ein­fachen Leute keine Furcht haben, auf un­schul­dige Weise ihre Soli­da­ri­tät zu zeigen.
Zu den Lastern, welche die Rechte von der Linken über­nom­men hat, gehört die Volks­ver­ach­tung, und Deutsch­land ist auch wieder einmal dabei, Maß­stäbe zu setzen. Es ist viel­leicht über­flüs­sig zu be­to­nen, daß Sander von diesem Laster voll­kom­men frei ist, wie er über­haupt keiner gän­gi­gen Vor­stel­lung ent­spricht, die man ge­mein­hin von einem »Dissi­den­ten« hegt. Er spricht ruhig und ge­las­sen und dabei höchst prä­zise. Sein Humor ist ent­waff­nend, an seiner Aus­dauer bei nächt­li­chen Dis­kus­sio­nen könnte sich man­cher wesent­lich jün­gere eine Scheibe ab­schnei­den. Er hat einen guten Ge­schmack und ist kein Ge­schmäck­ler. Er macht einen sehr vita­len Ein­druck. Nur das schwin­den­de Hör­ver­mögen macht ihm zu schaf­fen. Im Zwie­ge­spräch ist dies kein Pro­blem, weil man sich dann leicht auf den Part­ner ein­stellt. Aber in einer größe­ren Runde wird oft über ihn hin­weg­ge­spro­chen, was ich zu meiner Scham immer wieder fest­stel­len mußte.
Zu der Ge­schichte von der Haus­durch­suchung ist noch nach­zu­tra­gen, daß sie, wie Elke Sander be­rich­tete, dem Ein­satz­lei­ter außer­ordent­lich pein­lich wurde, nach­dem er sich Zugang ver­schafft hatte. Alte Leute hatte er ja schon vor der Tür ge­se­hen. Aber die Bücher­borde mit Klas­si­ker­aus­ga­ben, die Spuren rings­um von Fleiß und kon­zen­trier­ter gei­sti­ger Tätig­keit mach­ten den Mann ver­legen, bei dem man sich wohl aus­rech­nen kann, was ihm vorher über die Ge­fähr­lich­keit dieser Staats­feinde er­zählt worden war. Ge­fun­den wurde auch rein gar nichts.
Das groß­zügig be­mes­sene Haus der San­ders ver­brei­tet jeden­falls eine Aura, die mich stark be­rührte, als wir die Räume be­tra­ten. Nicht, daß Bücher einen be­son­de­ren Ein­druck auf mich mach­ten. Als Buch­händ­ler habe ich schon viele Mil­lio­nen davon ge­se­hen, mit­unter auch sehr kon­zen­triert. Aber dies war keine Han­dels­ware, son­dern per­sön­li­che Pas­sion eines Ehe­paa­res, wo beide kon­zen­triert gei­stig arbei­ten. Obwohl es sich um ein Haus han­delte, das von einer Firma serien­weis gebaut und an­ge­boten wird, war die Stim­mung des Ortes in einer Weise un­ver­wech­sel­bar, daß sich mir Abend, Nacht und Morgen tief ein­ge­gra­ben haben.
Wie der große Geist aus allen Dingen spricht, die ihn um­ge­ben, so zeigt er sich auch in der Be­we­gung, im Gang und in der puren An­wesen­heit. Ich war mit Hans-Diet­rich Sander eigent­lich nie allein und auch zu wenig vor­be­rei­tet, um ein wirk­lich tief­grün­di­ges Ge­spräch zu führen. Den­noch fühlte ich mich an die frühen neun­zi­ger Jahre er­innert, als ich mit Rolf Schil­ling Ernst Jünger in Wilf­lin­gen be­suchte. Der Haus­herr in seinem Reich, das ist ein ganz eige­nes Er­leb­nis.
Aber Hans-Diet­rich Sander fas­zi­niert mich nicht nur, er über­zeugt mich auch. Dies im Unter­schied zu Ernst Jünger, den ich zwar wie ein Ein­horn be­staunt habe, aber dessen gei­stige Welt mir im letz­ten nicht wirk­lich nahe kam. Jünger fas­zi­niert in der Hal­tung, aber nicht in der Phi­lo­so­phie. Was ich bei ihm schätzte, waren Beobach­tun­gen und Ein­fälle, aber nicht seine Ideen und Ge­dan­ken. Auch er­weckt ein Werk, das zu weiten Teilen aus Tage­büchern be­steht, bei mir ge­wisse Vor­be­halte. Heb­bels Tage­bücher sind zwar auch ein Schatz­haus, aber ich möchte des­wegen seine Dramen nicht missen.
San­ders Pro­fes­sion als Arti­kel­schrei­ber und Her­aus­geber ist eine viel be­schei­de­nere als die eines Dich­ters, aber ein guter Schuh­macher bringt einen dem Ziel näher als ein schlech­ter Straßen­pfla­ste­rer. Sander stand die meiste Zeit sei­nes Lebens in der zwei­ten Reihe und wird erst als ein­zig­artig wahr­ge­nom­men, seit jene, die vor ihm stan­den, ge­stor­ben sind. Gemäß dem preußi­schen Grund­satze »Mehr Sein als Schein« ging es ihm immer mehr um die Sache als um seine Person. Schon dies ist im Jahr­hun­dert der Eitel­keit eine höchst rare Tugend. Zum zwei­ten fas­zi­niert die Gründ­lich­keit sei­nes Den­kens, die sich nicht mit dem be­schei­den will, was viel­leicht nötig ist, son­dern aus­loten möchte, was mög­lich ist. Dabei schreckt er vor keinem Tabu zurück, nicht aus Lust an der Über­tre­tung, son­dern aus den­ke­ri­scher Gründ­lich­keit.
Diese Gründ­lich­keit hat ihn auch um die Frage der Juden keinen Bogen machen lassen. Man weiß, daß in der west­li­chen Welt diese Reli­gionsgemeinschaft nur in einer Weise thematisiert werden darf, näm­lich, als un­schul­diges und maßlos leidendes Opfer der Deut­schen. Sander hat sich an diese Vorgabe nicht ge­hal­ten und gilt des­halb als »Anti­semit«. Dieser Titu­lie­rung ist schon von daher zu wider­spre­chen, weil das Tal­mud­judentum und erst recht der Zio­nis­mus nur ephemere Überschneidungen mit dem Semitischen haben und man fest­stel­len muß, daß die attackierten Palästinenser im Westjordanland oder im Gaza­strei­fen viel eher für sich in An­spruch nehmen dürf­ten, von den alten Hebräern abzustam­men, als dies die Ein­wande­rer können. Unseligerweise nähren Freunde und Feinde der Juden seit langem den Aber­glau­ben, es handle sich um ein Volk im ethni­schen Sinne oder eine Rasse. Rich­tig ist hin­gegen, daß es sich im Judaismus um eine Ideo­lo­gie han­delt, viel älter als jene, die wir sonst mit diesem Be­griffe fassen.
Ge­wich­tiger als dieser be­griffliche Ein­wand er­scheint mir ein ande­rer. Man weiß, daß Fried­rich Nietz­sche den zeit­ge­nös­si­schen Anti­semi­tis­mus mit höch­ster Verachtung strafte und es gerade­zu als per­sön­li­che Beleidigung auffaßte, daß seine Schwe­ster einen Pro­ta­go­ni­sten dieser Be­we­gung heiratete. Dies fügt sich schlüssig zu Nietz­sches Phi­lo­so­phie. Es darf näm­lich kein Zwei­fel be­ste­hen, daß sich der populäre Anti­semi­tis­mus des 19. Jahun­derts, jener des Natio­nal­sozia­lis­mus und auch der heu­tige aus dem Ressen­ti­ment speisen. Der Neid auf den rei­chen, erfolg- oder einflußrei­chen Juden ist der Vater fast aller Juden­feind­schaft. Daß Nietz­sche jenen Trick der »Zu­kurz­ge­kom­me­nen« für das Grundübel der Welt hält, dürfte be­kannt sein.
Hans-Diet­rich San­ders Ana­lyse der jüdi­schen Ge­stimmt­heit, im Falle Otto Weiningers gar eines unter dieser Ge­stimmt­heit be­son­ders offen­sicht­lich Leidenden, ist von heimlicher Bewunderung völlig frei. Er be­trach­tet Kon­zep­tion und Ge­schichte als tragisch. Aber die Tra­gö­die muß den Aufklärer hervorrufen, und sie tut dies auch. Zwei­fel­los haben die Juden einen höchst überproportionalen Anteil in der europäischen Auf­klä­rung ge­stellt. Dabei wurde an allen Tabus gerüttelt und zu­zei­ten Gewalt geübt: der mensch­li­chen Gotteskindschaft, der Ständeordnung, der Sitte – das geht bis zur Fami­lie und zur Ge­schlechtsidentität. Aber ein Tabu wurde sorg­sam um­schifft: daß die volkhaft ver­stan­dene Judenheit den hei­li­gen Schrein des Ge­set­zes hüte und ihn bis zum Ende der Welt behüten werde.
Dies ist nicht etwa eine ausge­fal­lene Grille von Sied­lern in der syrischen Wüste, son­dern Ge­dan­kengut, das die Weltpolitik be­stimmt und Schick­sale der Völker lenkt. Ein poli­ti­scher Denker, der diese fun­da­men­tale Frage igno­riert, hört auf, einer zu sein.
Zur Gründ­lich­keit gehört auch, daß sich Hans-Diet­rich Sander für keine Mühe zu schade ist, keine Arbeit ist ihm zu nied­rig. Ernst Jünger hat sich lieber be­stimm­te Sätze in seinen Büchern ver­knif­fen, als irgend­wann selber einen Ver­lag grün­den zu müssen. Ich schätze das aktive Pathos der Frei­heit mehr als die aristo­kra­ti­sche Ver­wei­ge­rung. Aber ab­ge­sehen von meiner Hoch­schät­zung dieses Cha­rak­ters, ver­bin­den mich eine ganze Menge Dinge mit San­ders Denken, die sonst kaum ge­mein­sam auf­tre­ten. Da ist zu­nächst einmal die Selbst­ver­ständ­lich­keit des Chri­sten­tums im Deutsch­tum, die Hoch­schät­zung der Pflicht, da ist das un­auf­ge­regte Ernst­neh­men der jüdi­schen Frage, da ist der Hori­zont auf tau­send­jäh­rige Ge­schicht­lich­keit in der deut­schen Be­stim­mung, da ist die Ver­bin­dung des Ent­wurfs über Gene­ra­tio­nen mit den Bana­li­tä­ten des poli­ti­schen All­tags­ge­schäfts, die Hoch­schät­zung der Klas­sik aber auch der Ein­satz für so viele un­be­ach­tete und ver­ges­sene Gei­ster der Lite­ra­tur und über­haupt eine tiefe Mit­mensch­lich­keit, die weder von Phra­sen noch von Resi­gna­tion über­schat­tet wird.
Überhaupt ist Hans-Diet­rich Sander eher von der Lite­ra­tur zur Poli­tik ge­kom­men als um­ge­kehrt. Zu­nächst un­frei­wil­lig durch die Re­pres­sio­nen, die Auto­ren in der jungen DDR zu er­lei­den hatten. Die Fas­zi­na­tion für Brecht kann ich zwar per­sön­lich nicht nach­voll­ziehen, aber sie muß in jener Zeit un­ge­heuer ge­we­sen sein. Ich er­innere mich noch gut, wie er in Neu­stadt ein Ur­er­leb­nis schil­derte. Er hatte Kiel zu­nächst zu einem Fünf­tel zer­stört ge­se­hen, wenig später zu vier Fünf­teln und resü­miert, er habe er­kannt, daß die Alli­ier­ten keinen Krieg gegen Hitler, son­dern gegen das deut­sche Volk führ­ten. Das deut­sche Volk, die deut­sche Kultur, die deut­sche Dich­tung – das sind Kon­stan­ten in San­ders Schrif­ten, der einen weiten Bogen in seinem Leben voll­zogen hat und sein Denken und seine Aus­sagen immer wieder an Er­eig­nis­sen und den neu zutage tre­ten­den In­forma­tio­nen über die Ver­gan­gen­heit ge­rie­ben hat. Sander fas­zi­niert im Wandel wie in der Treue.
Ich muß zu­ge­ben, daß ich in Hans-Diet­rich San­ders Büchern wenig ge­le­sen habe. Als wir die »Staats­briefe« ab­ge­holt hatten und ich zur Kata­lo­gi­sie­rung alle Auf­sätze der Ein­zel­hefte listete, habe ich mich doch recht häufig fest­ge­lesen. Dabei fand ich nicht nur un­glaub­li­che Paral­le­len des Den­kens und Emp­fin­dens, son­dern auch eine Mei­ster­schaft, der ich mich gern früher an­ver­traut hätte. Ich bin ja in diesem Punkte mehr­mals hart ent­täuscht worden und habe mich irgend­wann in gar keine Linie mehr stel­len wollen. Auch habe ich eigent­lich nie poli­ti­sche Denker ge­sucht, weil ich meinte, daß solche meiner Lite­ra­tur eher fern­stün­den.
Schon in Neu­stadt gab Hans-Diet­rich Sander seiner großen Ver­wun­de­rung Aus­druck, daß wir in Mün­chen so viele Jahre wenige Straßen­züge von­ein­ander ent­fernt werk­ten und uns nie be­geg­ne­ten. Wenn ich heute in den »Staats­brie­fen« blät­tere, so hätte man­cher Vers von mir gut her­ein­ge­paßt. Aber diese Verse sind erst ent­stan­den, als die »Staats­briefe« als Periodikum be­reits nicht mehr er­schie­nen. Natür­lich hätte alles ganz anders kommen können. Rolf Schil­ling hatte mich schon in den acht­zi­ger Jahren auf Hans-Diet­rich Sander als einen mög­li­chen Ver­bün­de­ten, aber auch später auf die »Staats­briefe« auf­merk­sam ge­macht. Ich bin beiden Hinweisen nicht nach­ge­gan­gen. Wesent­lich stär­ker als diese Nachlässigkeit be­rührte mich aber beim Lesen der »Staats­briefe«, daß dort Erich Lipok regel­mäßig Ge­dichte bei­steu­erte. Ich hatte ihn einst bei einer Lesung beim »Arbeits­kreis für deut­sche Dich­tung« in Wei­kers­heim ken­nen­ge­lernt, wobei er sich mir fest einprägte. Er stand näm­lich nach meiner Lesung von, im übri­gen völlig un­poli­ti­schen, Ge­dich­ten auf, gab mir die Hand und sagte: »Kame­rad Lammla (ich darf Sie doch so nennen?)...« Dazu muß man sagen, daß es für Lipok im Grunde nur zwei Men­schen­arten gab, die einen waren die »Kame­ra­den«, die ande­ren »Zivi­li­sten«, wobei ich den ver­ächt­li­chen Ton, indem das zweite Wort ge­spro­chen wurde hier nicht schrift­lich wiedergeben kann.
Es gab also durch­aus Wege, die zu Hans-Diet­rich Sander ge­führt hätten. Wäre ich sie ge­gan­gen, hätte ich wohl ab 2002 die »Staats­briefe« fort­ge­führt. Der Zeit­punkt wäre gün­stig ge­we­sen. Der Laden in der Leo­pold­straße war eta­bliert und der in der Geor­gen­straße noch nicht mit Ware zu­ge­bun­kert. Gut hätte ich dort die Redak­tion ein­rich­ten können. Die wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nisse waren auch ge­eig­net, ein neues Pro­jekt zu über­neh­men. Außer­dem hatten die Staats­briefe hin­rei­chend Abon­nen­ten und waren gewiß kein Zu­schuß­pro­jekt. Hätte ich mich dieser Auf­gabe ge­stellt, hätte mir die Zeit gefehlt, so viele An­ge­bote von Restauflagen wahrzunehmen. So hätte ich später nicht so viele Bücher nach Neu­stadt trans­por­tie­ren müssen.
Aber der Kon­junk­tiv in der Ge­schichte bleibt ein hoch­müti­ges Spiel. Gott wird es besser gewußt haben, daß er es so kommen ließ und nicht anders. Wir stehen im Offe­nen und sind frei im Herzen. Dies ist ent­schei­dend. Wei­te­res müssen wir er­kämp­fen. Wäh­rend ich diese Zeilen schreibe, be­reite ich einen wei­te­ren Besuch in Für­sten­walde vor, der das »Staats­briefe«-Lager end­gül­tig räumen soll. Ich freue mich auf die neuer­li­che Be­geg­nung mit dem Denker und auch auf seine Frau. Mögen uns beide noch lange er­hal­ten blei­ben, denn ich bin sicher, wir werden noch eini­ges ge­mein­sam zuwege brin­gen.