Uwe Lammla ·  Endymion 

 

 


 
 

 

 


UWE LAMMLA




ENDYMION
















 
ARNSHAUGK

 

 


 









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ISBN 978-3-926370-61-7

© 2011 Arnshaugk Verlag
www.arnshaugk.de


Alle Rechte beim Autor
www.lammla.de

16,- EUR
 

 

 


INHALT

FLIEDERBLÜTEN
Am Buchnußberg
Bei Meusebach
Lindenbaum
Die Quelle
Geheimnis
Mein Zeichen
Erster Frost
Blaue Blume
November
Park Sanssouci
Die Katze
Einmal fliegen
Verfall
Dunkle Wälder
Der Bilsengott
Elegie
An Ufer der Elbe
Dem Selbstlosen
Weidengesang
Wolken
Fliederblüten
Hermannswerder
Metamorphose
Die Türen
Der Hohlweg
Die einsame Gasse
Tonio Kröger
Das Erbe
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46
47
 

 

 
Gesellschaftsspiel
Dichterlos
Namenloses
Stunde vor Tag
Inkarnation
Noah
Moses am Sinai
Judas Ischarioth
Amor intelectualis
Apollon
Luzifers Stein
Ertrunkener Jüngling
Franz Pander
Ganymedes
Eisenach
Chrysanthemen
Endymion
48
49
50
51
56
58
59
60
62
68
71
73
74
75
76
77
78


GEFANGENER SCHWAN
Das Gnadenreich
Sänger im Herbst
Quastenflosser
Nautilus
Abschied
Symbole
Mnemosyne
Hyakinthos
Ein Traum
Maskenball
Ruinen
Collage
Der Sturzgeweihte
Hermes
83
84
85
86
87
88
90
91
92
93
94
95
96
97
 

 

 
Mai
Traumwind
Der Schläfer
Gefangener Schwan
Weckruf und Mohn
Der Wassermann
Klippenaug
Babel
Die Sprache
Einsame Nacht
Herbstmelodie
Inschrift für einen Dolch
Orpheus
Quendel
Ulmenallee
Johannisbeeren
Im Spiegel
Spleen
Silbernes Horn
Medusa
Nachtlied
Engel in Waffen
Zeitgedicht
Schlangensohn
Alter und Lied
Anadyomene
102
103
105
107
108
111
113
115
116
118
120
122
123
124
125
126
128
131
137
138
140
141
143
145
148
149


WECKRUF UND MOHN
Zueignung
Gnaden-Reich
Initialen
Vision des Gesangs
Die Stimme
153
156
158
159
160
 

 

 
Arnshaugk
Heilige Bäume
Das Offenbare
Wort und Stern
Luzifer
Amfortas
Noah
Don Quixote
Sprachfahrt
Erfrorene Frucht
Dein Los
Phoenix
Inkarnation
Hyakinthos
Birkenwald
Felsiges Tal
Abschied und Tod
Apollon
Atlantis
Falter-Gesang
Eisenach
Bootsfahrt
Reigen
Die Schlange im Traum
Der Fremdling
Verlaßnes Zimmer
Ganymedes
Europa
Ars Moriendi
Lied der Nacht
Hermes
Ziel einer Reise
Schatzgräbers Lied
Der Tiger
161
162
163
164
165
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168
169
170
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172
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174
176
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178
179
180
181
182
183
185
186
187
188
189
190
191
192
194
195
196
197
198
 

 

 
Schlaf
Alphabet
Einhorn-Sonate
Ertrunkener Jüngling
Endymion
Chrysanthemen
Sphingiden
Ein Schatten
Narkissos
Daimonion
Seerosenritter
Wendezeit
Verfall
Dezember
Sage
Elfte Stunde
Nächtlicher Gang
Vision einer Heimkehr
Traumfarbner Tiger
Die Dame vom See
Artemis
Muta Dea
Wiesen-Reigen
Sub Iovem
Die Priesterin
Am Fluß
Himmlische Heimkehr
Quetzalcoatl
Babylon
Coca
Lamm
Laudine
Lindenschatten
Abendmahl
Weckruf und Mohn
199
200
201
203
204
205
206
207
208
209
210
212
213
214
215
216
217
218
219
221
222
223
224
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228
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231
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235
236
237
 

 

 
 

 

 



FLIEDERBLÜTEN





»Ein blühender Erguß verrinnt sehr sacht...«
 
TRAKL       

 

 
 

 

13


AM BUCHNUSSBERG
Gespenstisch greller Blitz verzuckt
Im Heiligtum der Nacht,
Und weiche Schatten stehn geduckt
In alter Buchen Pracht,
Der Bach, der kein Vergessen bringt,
Wenn er vom Neubeginnen singt,
Hat wie der Traum, den er durchdringt,
Das alte Leid entfacht.

Gelassen steht die Felsenwand,
Auf ihrer Linien Bild
Liegt die verliebt verspielte Hand,
Doch durch der Wipfel Schild
Bricht Tag, der sie nicht duldet, an,
Ich hob den Blick, zerbrach daran,
Daß nichts, was nachts bedeuten kann,
Am hellen Tage gilt.

Sie kam und ging im Buchenwald
Mit ihrem leisen Schuh,
Die Liebesnacht, mein Rufen hallt
Nach dem verlornen Du.
Ich tauschte sanfte arger Not,
Ach ließe ich, wenn Morgen droht,
Der mir ihr süßes Weh verbot,
Nur beide Augen zu!
 

 

14


BEI MEUSEBACH
Um Augen, die verwunschen blau,
In Wehmut blind erschlafft,
Wirbt goldner Dolden Blüten-Au
Verspielt am schlanken Schaft.

Und Tau, von einem Blatt geschenkt,
Den ich getrunken hab,
Eröffnet mir, in Schau versenkt,
Entschwundner Jahre Grab.

Ein Traum, der süß verwegnes Weh
Im Atem, schwer, verheißt,
Verströmt in Bildern, die ich seh,
Bis mir der Film zerreißt.

Vielleicht, daß die erwachte Gier
Die Bilder überkam,
Da schwaches Blut, zu lange hier,
Die frühe Unschuld nahm.

So hör ich, was die Blüte spricht,
Nicht mehr und laufe bang
Aus ihrem Reich, doch mein Gedicht
Trägt ihren Duft noch lang.
 

 

15


LINDENBAUM
In einer Nacht, vom Winde
Gezaust und jäh durchblitzt,
Hab ich in eine Linde
Ein kleines Kreuz geritzt.

Um meiner Hand zu reichen
Und meiner Tränen Salz,
Trägt sie das Leidenszeichen
Wie du am schlanken Hals.

Hier hab ich oft zu hoffen
Gewagt, ein Engel käm,
Der uns in Himmel, offen,
Zusammen mit sich nähm.

Und manchmal war im Rauschen
Zu hörn, von Mördenhand
Seist du schon fort, zu tauschen
Den Tag im Dunkelland.

Und weiter sprach die Krone:
Ich ging zum Richter hin,
Daß er mich nicht verschone,
Bis ich verwandelt bin.

Doch Sturm hat mich betrogen,
Der sie entwurzelt hat,
Und du bist fortgezogen
In eine andre Stadt.
 

 

16


DIE QUELLE
Den Fels, der Trost und Helle,
Des Wandrers Himmel deckt,
Hat die versteckte Quelle
Mit erstem Grün befleckt.

Ich wußte, vierzehn Tage
Muß durch Gebirge, schoff,
Mein Weg in deine Frage,
Der ich entgegenhoff.

Sie wußte nichts vom Leben,
Das ihre Wasser trank,
Und ihr verschenktes Geben
Begehrte keinen Dank.

Ich hoffte, vierzehn Nächte
Mit Traum und Fels allein,
Das Flüstern tiefer Schächte
Mög bald das deine sein.

Sie hoffte keine Liebe
Und keinen Lustgewinn
Und war für dürre Triebe
Die große Trösterin.

Ich hab geschaut nach deinen
Gelockten Haarn, verkürzt
Die Wanderung, mit Steinen
Bin ich zu Tal gestürzt.
 

 

17


GEHEIMNIS
Ich hege im Geheimen
Ein fest verschloßnes Glas,
Wenn auch der Trost in Reimen
Den Weg zu mir vergaß.

Ich hab, wenn ich allein war,
Das Glas so oft entblößt,
Den kleinen Gott, der scheinbar
Die ganze Welt erlöst.

Und weiß: Du bleibst für immer
In leichter Abendluft,
Und schwer betäubt im Zimmer
Der Bittermandelduft.
 

 

18


MEIN ZEICHEN
So wie der Samen, der stirbt für die Erde,
Trägt es die Quelle, die Wasser verschenkt,
Hebt es die Sonne, die abends sich senkt,
Fröhlich, daß Morgen am nächsten Tag werde,

Stickt es der Wind aller Zeit in den Saum,
Wie auch dem Baum, den die Axt tödlich schlug,
Kraftlosem Stroh, das doch Ähren einst trug,
Einmal sich gebend, doch einsam im Traum,

Lebt es im Bache, der mündet im Fluß,
Weiß es sich mündig in allem, was treibt,
Rechtfertigt es auch den kühnsten Entschuß

Dessen, der reuelos stürzend es schreibt
Über das tötend gebärende Muß:
Es ist mein Zeichen, das Zeichen, das bleibt.
 

 

19


ERSTER FROST
Der Sandale
Sanfte Spur
Brach in kahle
Herbstnatur.

Was die Ernte
Galt im Licht,
Der Besternte
Achtets nicht.

Hölzer faulen
Vor dem Dach,
Hunde jaulen
Ungemach.

Was den Tieren
Längst geschah:
Zu verlieren
Sind wir da.

Eine Mauer,
Dornbespickt,
Hat die Trauer
Heimgeschickt

In die Zimmer,
Da sie schmilzt,
Wenn du nimmer
Wachen willst.
 

 

20


BLAUE BLUME
Wenn ich, umspielt vom Traum, der Kummer
Und Freude war, durch Fenster seh,
Dann bricht aus ihrem tiefen Schlummer
Die blaue Blume durch den Schnee.

Dann hoff ich, daß in deiner Nähe,
Wo gleichen Winters Stille währt,
Dies Wunder ebenso geschähe,
So daß dein Blick von mir erfährt.

Vielleicht bist du im Sturm der Nächte,
Der mich umtobt, als riefe wer,
Vielleicht, daß er dich wiederbrächte,
Doch diese Blume niemals mehr.
 

 

21


NOVEMBER
Wo die kahlen Bäume
Ihre Äste strecken,
Werden meine Träume
Keinen Trost erwecken.

Und die Fröste kratzen
An gebrochner Stütze,
Und, begrenzt von Spatzen,
Schwappt die volle Pfütze.

In gedrängtem Lärmen
Hocken sie, die längste
Nacht ist nah, sie wärmen
Alle dumpfen Ängste.

Doch der Blätter letztes
Schwebt in Nebelschleiern,
Und ein Zeichen setzt es
In die Schwermut, bleiern.
 

 

22


PARK SANSSOUCI
Wir liefen blind und selbstvergessen,
Verfolgt von einer Rätselspur,
Die wir gezeichnet, auszumessen,
Wo Kunst beginnt und wo Natur.

Wir stilisierten unsre Schritte:
Wenn einzig die Verwandlung gilt,
So sei uns im Symbol der Mitte,
Die unsichtbar, ein Ebenbild.

Uns trieb ein Nachhall von verlornen
Gefühlen, die im späten Herbst
Sich tummeln, doch die traumgebornen
Verschwiegen, was du mir vererbst.

Und Fliegen, die schon bald verenden,
Umschwärmten unsern Unverstand,
Und manchmal schien auf unsern Händen
Ihr schwarzer Schatten eingebrannt.
 

 

23


DIE KATZE
Sie kannte keinen Traum und keine Trauer
Und keinen Herrn. Wie tiefgeschwärzte Nächte,
So war sie ganz und überwand die Mauer.

Sie war im Einklang mit sich selbst, die Rechte,
Die sie nicht nahm mit angespannter Hüfte,
Umschlossen sie wie tiefen Abgrunds Schächte.

Sie glitt in stolzer Anmut über Klüfte,
Dort sehn sie Sklaven, froh der Freiheit, traben,
Die Uhr schlägt, und es zittern leicht die Lüfte –

Am Morgen liegt die Katze tot im Graben.
 

 

24


EINMAL FLIEGEN
Ungestillt zeitlos verharrte mein Lieben,
Begehrend lag ich oft nächtelang wach,
Im Winterwind traurig, verzweifelt und schwach,
Sah ich verwundert ein Vögelein fliegen.

Es nahm meine Liebe aus grauen Intrigen,
Hoch in den Himmel, es schwang sich vom Dach,
Aber das Herz, ob das Auge auch lach,
Gewahrte das Meer, wo die Kräfte versiegen.

Liebe gebar sie, doch nichts ist geblieben,
Das Vögelein flog mir nicht lange umher,
Die Wolken erdrückten es eiskalt und schwer.

So wertlos und tot am Erdboden liegen –
Bläulich zerfrorn seh den Vogel ich leer.
Ach, wenn gleich ihm ich geflogen doch wär!
 

 

25


VERFALL
Sehnsuchtsvoll vor den Ruinen
Frühgeliebter Träume stehn,
Toten Sonnen, die einst schienen,
Huldigen, doch weitergehn,
Meinte Sommer, frühlingsfroh,
Und es schien, ich ebenso.

Und ich schwenkte meine Grüße
Manchem goldnen Falter hin,
Schmeckte Reifens Honigsüße,
Sah im neuen Tag Gewinn
Und im Wechsel Wiederkehr
Einer Kraft, vor allen hehr.

Doch mein Schauen mußte zeigen,
Was ich besser nicht gesehn:
Blasser Kinder Totenreigen,
Geier, die nach Beute spähn,
Trauer, Traum und nie ein Ziel,
Nur Betrunkner Würfelspiel.

Wo die Brunnen lüstern locken
Aus verwittertem Gestein,
Brachen Götter ganze Brocken
Unverdautes, Rotz und Schleim,
Und ihr Todesröcheln ward
Die Musik auf meiner Fahrt.
 

 

26
Und der Götter Spielgefährten:
Blume, Baum, kristallner Quell,
Schwanden mit verbrannten Gärten,
Und ihr Schreien, kurz und grell,
Schlang ein Feuer, ausgesandt,
Drin ich mein Gesicht erkannt.

Ich verkroch mich in die Sümpfe,
Sah die Sterne blaß und blank,
Und ich sah die Flucht der Nymphe,
Dorn entriß ihr Nachtgewand,
Was die Seide mir vergieß,
War ein Wort, das Wind zerblies.

Und ich suchte es zu fassen,
Und ich spann so manchen Reim,
Und ich konnte dies nicht lassen,
Doch ich holte sie nicht heim.
Und so fahr ich leblang fort,
Doch ich finde nie das Wort.
 

 

27


DUNKLE WÄLDER
Dies vertraue keinem andern:
Dunkler Wälder Namentausch,
Wiese, Wind und Weiterwandern
Waren Tod und Todesrausch.

Stille Lieder und Gedichte,
Liebe, angstvoll, schnell und stark,
Waren Tod und Todgesichte,
Die ich im Geheimen barg.

Gott, verraten und geschunden,
Seine Worte, sternenher,
Waren Tod und Todeswunden,
Liebesbürde, doppelt schwer.

Wandre weiter und versäume,
Wo das Mohnfeld Tag verschlingt,
Dunklen Tod und Todesträume,
Drin dein Lied sich weitersingt ...
 

 

28


DER BILSENGOTT
Verwandler, der Verlangen
Und holdes Fieber schürt,
Der Leib, im Licht gefangen,
Von Kleidern eingeschnürt,
Blüht unter deinen Zangen
Und bäumt sich, lustberührt.

O Lust von Todes Gnaden,
Der tief im Kräuticht reift,
Laß mich im Wahnsinn baden
Und sei, in Brunst gesteift,
Ein Gott, der zornbeladen
Durch tiefe Schwärze schweift.

Weck Larven auf, Lemuren
Mit Schleim von Lurch und Molch,
Zerschlag das Herz in Fluren
Von Stein, beschäm mit solch
Gebieterischen Spuren
Der Assassinen Dolch.

So fach die schwarze Flamme
Und lösch dem Tag Gesicht,
Wenn einer Lust verdamme,
Entkomm er Ketten nicht,
Und bis zum Grund zerschramme
Dein Stoß, bis er zerbricht.
 

 

29
Das Buch vertrau dem Fauer,
Denn einem, sagts, gelangs,
Ihm war sein Antlitz teuer
Bei Strafe Untergangs,
Er trägt zerbrochnes Steuer,
Am Hals das Mal des Strangs.

Dem Rauch, verdunkelnd, weihe
Dies allerletzte Bild,
Daß niemand mehr verzeihe
Und keine Gnade gilt
Und die Musik der Schreie
Zu Orgeltönen schwillt.
 

 

30


ELEGIE
Die großen Vögel kehren aus den Schwärzen,
Aus nackten Himmeln, sternenlosen, blinden,
Im Sturm der Schwingen loschen Herd und Kerzen,
Und niemand wird die Sonne wiederfinden.
Ein Schrei, erstickt, die Worte auszumerzen,
Die Echsen, die sich todwund weiterwinden,
Die Blitze und die Horionte blauer
Erleuchtung leiten meinen Gott der Trauer.

Ich lag im Hain, verspielten Rufgeräuschen
Der Lauscher, der auf seine große Stunde
Die Muster träumt und, Fliegen fortzuscheuchen,
Die Hand nicht hebt und im geschloßnen Munde
Melancholie, die niederfiel zu täuschen,
Begehrt und heimführt, wenn vergeßner Kunde
Die Bilder dichten, vor der Zeit gewußte,
Ein Träumer, der den Traum vergessen mußte.

Ein Land, von Bergen, wild gezackt, umrandet,
Die pfadlos sind, und nur dem Flügel offen,
Verhießen Klippen, manches Wrack, gestrandet,
Und Jahre, die auf hohe Einsicht hoffen.
Ein Adler, der im Innersten gelandet,
Verriet nichts als die unbegehbar schroffen
Begrenzungen, die er zu überfliegen
Die Sonne focht, nach höherm Glanz verstiegen.
 

 

31
Mir wird das Haupt kein Rat, kein Weckruf heben,
Und auch die Sanduhr wird kein Heros drehen,
Nur manchmal spricht die Glocke, daß das Leben
Verrinnt bei dem Versuch, es zu verstehen.
Jedoch die Ahndung zittert im Epheben –
Und was verschwommen mag mir ganz verwehen
Die Hütten wie die falternden Paläste
Im Wind, der von der Linde reißt die Äste.

Kein Sturm, doch Stimmen, bohrend und verstiegen –
Sie suchen wohl, daß ich mich noch ermanne?
Was gilt die Zeit vor hoffnungslosen Kriegen
Dem Traurigen, der leise seufzt im Tanne?
Zum Bogen werd die Esche ich nicht biegen,
Kein Luchs wird sehn, daß ich die Sehne spanne.
Was für ein Los geworfen ist dem Müden?
Weiß es der Zug, der herkommt aus dem Süden?

Die großen Vögel kehren aus Gefahren,
Verborgenen, solang uns Tag behütet.
Sie sind der Himmel, Flur und Flut zu paaren,
Wenn Erde bebt und das Gewitter wütet.
Doch wer, wenn sie sich diesmal offenbaren,
Hebt blitzgezeugt und irden ausgebrütet
Das Horn um Stoß und überwölbt mit Dauer
Die große Stunde für den Gott der Trauer?
 

 

32


AM UFER DER ELBE
Vergiß die Farben dieser Stadt, die Klänge
Und alle, die die Adern ihr durchwimmeln,
Den Tag und laß der Sommernacht Gesänge
Von Sorge nicht und Vorbericht verstümmeln,
Glaub nicht, daß eine Deutung uns gelänge,
Wenn wir den Rausch verwürfen, milden Himmeln,
Vom Strom, der unsern Atem netzt, befeuchtet,
Entflöhn und seinem Glanz, der uns durchleuchtet.

Und laß uns, eh wir weitergehn, verneigen
Das müde Haupt, gebannt von Schlangenwegen,
Und einmal in die schwarzen Wasser schweigen,
Die Tode heiter und geheim erleben,
Denn was wir sonst in bunter Flut verzweigen,
Darf tief geeint an diesen Ufern schweben,
Vermutend, daß der kalte Strom uns riefe
Zur Neugeburt im Innersten der Tiefe.

Was hier verfloß, verlangt nicht nach Gestaltung,
Im Stamm verloren Zweige sich und Blüten
Des Baumes, dessen Keime um Entfaltung
Nicht Licht und seine Leichtigkeit bemühten.
Sie kennen nur die abgewandte Haltung,
Sie werden und verstreuen nichts, sie hüten
Den Traum der Heimkehr, den Gebildern flüchtig,
Ist schon der Quell nach Untergängen süchtig.
 

 

33
Dies Bild soll uns in eigner Weis berühren
Und sagen, daß wir diesem Strome gleichen,
Wir fallen, um uns inniger zu spüren,
Und suchen unsre Gründe zu erreichen.
Wir sind gewiß, was wir auch je erführen,
Es bliebe wie Endymion ein Zeichen,
Das Jahr und Tag vertut, als ob man schliefe
Zur Neugeburt im Innersten der Tiefe.

Es steht im Anfang immer schon das Ende,
Und weil wir jung, sind wir in Wahrheit Greise,
Wir ziehn zu Tal und reichen uns Hände,
Derweil der Weg gemächlich wird und leise.
Daß einer bang, daß er die Heimat fände,
Es macht uns lachen auf der ganzen Reise,
Der silbernen, auf der wir mürb und schmächtig
Die Augen reiben, kalt und übernächtig.

So bleibt uns, daß der krumme Pfad schon immer
Zur Mündung schritt im Zeichenkreis der Fische,
Und was uns sang, verriet den Saitenstimmer,
Sein Abendmahl und die gedeckten Tische
Des großen Stroms und seine weiten Zimmer,
Drin Psyche schwimmt und uns verfiehlt: vermische
Der Flut, dich träumend, deine Traumarchive
Zur Neugeburt im Innersten der Tiefe.
 

 

34


DEM SELBSTLOSEN
Ich ging spazieren, hochgemut,
Und fand die Wege, zahllos, gut,
Wie ein Gebirgsbach niederschäumt,
Doch er, ich sah, von Müh gebeugt,
Die Sonne nur als Schweiß bezeugt,
Als Knechtschaft, die Erlösung träumt.

Ein Notschrei fleckt die weite Flur,
Ein stummer Blick der Kreatur,
Die unterm Joch nach Beistand fleht,
Kein Gott, der diese Einfalt stört,
Und wie das Amen selbst gehört
Vergeblichkeit zum Bittgebet.

Ob ich mich rasch vorüberschleich,
Für ein Almosen viel zu reich,
Dem Tag zu froh für Selbstbetrug?
Gott schweigt auf weiter, weiter Fahrt,
Doch seine Schatten, dicht geschart,
Versehn sein Amt gerecht genug.
 

 

35


WEIDENGESANG
I

Du, auf den dunkelnden Wassern,
Bist du mir gütig gesonnen?
Des Abends Verwandlung wird kommen.

Sonne, uralter, versinkst du,
Willst du nicht sehn, ob ich schlafe?
Der Abend deckt Wölfe und Schafe.

Weide, geschmeidige, weiche,
Wirst du mir beistehen, wenn ich
Den Abend allein nicht erreiche?
 

 

36


II

Nur wo die blinden Farben
Die Farbenschwere fliehn,
Solln unsre gleichen Narben
Noch einmal weiterziehn.

Denn eine Frau, verschleiert,
Sie trägt den Mond allein,
Die Nacht, dahin sie feiert,
Muß unermeßlich sein.

Wo Schweigen, angesammelt,
An ihren Fingern klebt,
Ein Lied, im Wahn gestammelt,
Den Weidenbaum umschwebt.
 

 

37


III

O du Weide, verhaltenes Wiegen
Der vergangenen Lichter, sag, schlüge
Deinen Wurzeln das Winterglas Wunden
Ohne Anwort im Echo der Nächte?

Sind die hauchdünnen Zeichen, die Silben,
Was verquollenen Schlünden entronnen,
Auf dem Schrei viele Wasser, wo keinem
Je gereicht ward das Letzte, nur einmal,
Wo ich eintauch ins Alles-Begehren.

Wo das Scherbenblut, kupfernes, schillert,
Auch die Schatten am Ufer zerbrechen,
Und ein Wetterbaum wuchert in Himmel,
Wenn das Ganz-Haben-Wollen uhergeht,
Daß die Nacht, die gestürzte, sich zwinge
Durch verknotete Zweige, die zittern.
 

 

38


IV

Weites Gäst im Schimmer
Sternheller Nacht,
Selbst sich betörend, versucht es mich immer
Sacht.

Keiner der Lieben verstünde
Antwort zu geben dem werbenden Baum,
Trauer und Traum
Sind seine Gründe.

Er übergibt sich den Zweigen,
Reifend
Zwischen noch dunkleren Gästen.

Keiner bewacht ihn begreifend,
Unter den Ästen
Wanderer, hast du zu schweigen.
 

 

39


WOLKEN
Wolken bewachen die schweigende Erde,
Lieben aus Wasser, das leichter als Luft,
Alles Vermuten wird Gunst und Gbärde,
Atmet Musik und verschwendeten Duft.

Wolken versprechen die Heimkehr im Hafen,
Täuschen die Fahrt, die im Nebel versinkt,
Alles Vermuten und alles Verschlafen
Hütet ihr Meer, das der Einsame trinkt.

Wolken, auch sagt mir mit trunkener Geige,
Waltet die Lust, davon Leichtigkeit spricht,
Unter Verborgenem, das ich verschweige,
Oder verrät sich der Glanz im Gedicht?
 

 

40


FLIEDERBLÜTEN
Wiedergeborn ist der Seele
Fisch, unter lächelnden Geiern
Teilen die Flocken, zerstäubt,
Schamhaarbewachsene Teiche.

Bittersüß ist die gefundne
Hand die Versuchung geworden,
Denn das Verfloßne verschenkt
Nur für die Nacht seinen Namen.

Tonlos aus torfig verwachsnem
Grund greift uns an das Zerträumte,
Und unsre Treue versucht
Weit in die Weichen zu treiben.

Schal tropft das Wasser aus deinen
Haarn, wenn die Angler ergrauen,
Einzig der Flieder bestreut
Treulos die fliehenden Fische.
 

 

41


HERMANNSWERDER
Triff mich nur im Abgelegnen,
Wo die leisen Worte schwimmen
Und die Halme, uns zu segnen,
Spielerisch den Tag erklimmen.

Fremd vertraut sind es die seichten
Wasser, die uns schmiegsam fließen,
Wenn wir laufen und mit leichten
Füßen dunkle Münder schließen.

Wenn aus uns die Glocken läuten,
Was Geburt uns aufgetragen,
Schweig, denn ungewollt erbeuten
Wir den Weg in unsre Sagen.

Spür der Wellen kleines Winken,
Wenn sie mit dem Spiegel hadern,
Wie sie schwellen, niedersinken,
Wiederklingt in deinen Adern.

Und ihr Halt ist nicht zu hoffe,
Da der Herbst in sanfter Schwebe.
Hier sind alle Türen offen,
Daraum geh, vergiß – und lebe!
 

 

42


METAMORPHOSE
Schau im Hinterhof der Städte,
Wo der Hall Konturen schlingt
Und, von Zweck verschont und Wette,
Stein, als ob er Zungen hätte,
Den vertriebnen Geistern singt.

Wo, was übrig blieb, den glatten
Boden deckt, aus mancher Zeit,
Schimmert wie ein Riß der Schatten
Fahlem Licht im Spiel der Ratten
Der Ruin zur Heimlichkeit.
 

 

43


DIE TÜREN
Kein Heim auf der trostlosen Halde,
Kein Herd oder Dach, nur die Pforte
Steht noch wie ein Engel im Walde
Allein am verlassenen Orte.

Sie kündet vom Heimkehr und Wandel
Und sie wiederholt meine Frage:
Was suchst du zu finden im Handel
Mit Träumen vergangener Tage?

Sie weist auf die Seiten der Schwelle,
Wo Austritt und Eintritt sich gleichen,
Ragt sie, da sich sämtliche Fälle
Erübrigen, einsam als Zeichen.

Das gleiche davor und dahinter:
Die Straßen, die nirgendwen führen,
Der Herbst und der drohende Winter
Und zwischendrin: stehende Türen.
 

 

44


DER HOHLWEG
Aus einem Hohlweg erreichen
Ziellose Stimmen die Flur,
Über dem Boden, dem weichen,
Zittern und kriechen sie nur.

Aber sie wissen von Träumen,
Da ich gelebt habe einst,
Und sie erzählen von Räumen,
Darin du niemals erscheinst.

Wissen die magischen Orte,
Daß unsre Tage gezählt?
Jenseits der hölzernen Pforte
Hätt ich dich niemals erwählt.

Und meine liebende Klage
Wüßte nicht länger, warum,
Was ich im Herzen ertrage,
Bliebe mir namenlos stumm.

Doch eine innige Trauer,
Der ich den Namen nicht spür,
Mischt sich dem seligen Schauer,
Wenn ich dich liebend berühr.

Darum sei möglich, daß dorten
Tiefere Liebe verlor,
Und an den magischen Orten
Findet ihr Kummer mein Ohr.
 

 

45


DIE EINSAME GASSE
Lange nicht als meine Schritte,
Endlos mit mir voller Streit,
Bis sie uns gab als die Dritte
Schweigend ihr zartes Geleit.

Dorthin, wo Schatten verschwimmen,
Wie sie das Gassenlicht schenkt,
Haben die inneren Stimmen
All mein Begehren gelenkt.

Pausenlos tropft eine Rinne,
Kündet die nahende Schlucht,
Deren Geruch meine Sinne
Ruhelos schweifend gesucht.

Tagsüber laufen so viele
Durch sie, als wären sie taub,
Abends dann spieln wir die Spiele
Heimlich und träumen von Raub.

Unter den bröckelnden Mauern
Hat mir ein Genius vertraut,
Daß ich verlasse mein Trauern
Wie eine Schlange die Haut.

Daß ich das Heitre verpasse,
Kümmert mich freilich nur kaum,
Weil diese einsame Gasse
Allem Erträumten der Traum.
 

 

46


TONIO KRÖGER
Die blauen Auge und die festen Schritte,
Die selbstbewußte Wohlanständigkeit
Der Blindheit für die trauerreiche Mitter
Der Dinge weckt dir wehmutvollen Neid.

Du willst den Neid mit Liebe überspielen
Und bietest deine schmale Hand vergebens,
Doch auch der Rausch des liederlichen Lebens
Befriedigt nicht dein unbestimmtes Zielen.

So läuft du voller Zweifel durch die Städte
Italiens, die den Spätern glauben machen,
Hier einte sich der Traum mit Erdenglück.

Du aber, letztes Glied in einer Kette,
Vermagst mit Toten nicht allein zu wachen
Und fällst mit Wucht ins Bürgertum zurück.
 

 

47


DAS ERBE
Den Bürgerfleiß der väterlichen Tage
Verriet die Liebsnacht und warf die Bürde,
Vertrauend, daß es recht geraten würde,
Der Nachwelt in die Schalen ihrer Waage.

Jedoch die Zeiten, unheilvoll, erkoren,
Im Urteil schwankend, ungewohnte Bahnen.
Im Sohn, der ihre Träume litt, verloren
Verdienste sich und Segnungen der Ahnen.

Die ihn erhielten, ihren Bräuchen treulich,
Erfuhren nicht, was nur dem Vater greulich
Enthüllte, wie sein stolzer Stamm verdorrte.

Da reute ihn, was er aus sich gegeben,
Er sah den Glanz verrinnen wie sein Leben,
Verfluchte sich und Gott im letzten Worte.
 

 

48


GESELLSCHAFTSSPIEL
Tyrannen walten. Selbsternannte Weise
Begegnen sich zu nächtlichen Disputen,
Sie nennen die Gerechten sich, die Guten
Und mutig die Gedanken ihrer Kreise.

Sie glauben an die Freiheit ihrer Thesen,
Das Volk ist ihnen stets der wohlvertraute
Gewährsmann, wer verworren spricht und laute
Ideen predigt, gilt als recht belesen.

Wie gleichen die Gesichter ihren Feinden,
Die könnten solche Szenen eingemeinden
In ihr Theater, Mittelmaß und fad.

Doch ihr Geschäft, von greisenhaften Schemen
Beschwert, vermag sich nimmer zu bequemen,
Bis andre Dummheit kommt und Meucheltat.
 

 

49


DICHTERLOS
Gedankenspiel, o Spiel der Dissonanzen,
Von Süchten prall und linden Traurigkeiten,
Wir müssen durch verfallne Gassen schreiten,
Uns vor dem Pöbel dieser Stadt verschanzen.

Mein Lied, dies werden keine guten Zeiten,
Ob andre besser warn? – In meinem Ranzen
Liegt mancher Gold, doch um zurück zum Ganzen
Zu gehn, genügen auch die sturzgeweihten.

Sie bringen meinen Leib und Geist zur Strecke,
Versteigern, was ich hab, für niedre Zwecke
Und zwingen deinen hohen Mut ins Joch.

Doch sag, was geht mich noch in Sommerwärme,
Wenn ich als Falter über Wiesen schwärme,
Die Raupe an, als die ich schutzlos kroch.
 

 

50


NAMENLOSES
Ein Festsaal von erlauchten Prädikaten
Palavert drum, welch Tun in dieser Runde
Den Lorbeerkranz verdien, und manche Stunde
Entflieht, indes sie eingesperrt beraten.

Erst als die Langeweile läßt entschlafen
Die letzten auch der flügellosen Larven,
Betritt der Gast, den sie gebläht verwarfen,
Das Hirn, wo sich die großen Taten trafen.

Er hält an ihren Rändern, grundlos, Wacht,
Er breitet seiner Wirklichkeiten Macht,
Erhält sie, wie der Hirt die Herde hegt.

Im Möglichen, wo Sein Vergessen schenkt,
Spannt er das Netz, das ihren Absturz fängt,
Und flieht, wenn dort sich ein Gedanke regt.
 

 

51


STUNDE VOR TAG
I

Du segeltest im Land, wo sandverschneit
Maßloser Götter Tempel ausgestreckt,
Zu hoch, als daß dich meine Stimme schreckt,
Die letzte Lust aus dem Vergessen schreit.

Den Fittich und dein Traumgesicht versteckt
Kein Wolkenschlaf, in Nebelländern weit,
Du sahst die Schatten deiner Einsamkeit,
Ich deinen, der den Wüstensand befleckt.

Und alles, was mir, dir zu sagen, war,
Erreichte dich im Traum und wunderbar
Erschien es dir, wie Leben, einst gelebt.

Und meine Glieder wurden leicht, Gefahr
Vergaß ich, und ein Strom, der blau und klar,
Schwoll an, bis er den toten Körper hebt.
 

 

52


II

Im Hochgebirg steht Wasser frühlingsfarben,
Ein Spiegel, der geritzt von Felsenbrocken,
Ich wandelte, verführt von blonden Locken,
Auf schmalem Sims, wo Traurigkeiten starben.

Das Wasser zeigt sich grünlich und berandet
Von geisterhaft geformtem, scharfem Strich,
Daran es dauernd, weiß und fürchterlich
Verschweigend in die tiefern Nebel brandet.

Hier ist der Stunden schwerer Gang entmachtet,
Die Träumer fliegen lautlos aus und ein,
Und keiner, der Erinnern draußen spürt.

Doch einmal bleibt vom hohen Grat, umnachtet,
Im Schuh, der dich am Morgen drückt, ein Stein,
Der dich zurück ins das Geheimnis führt.
 

 

53


III

Was ist das für ein Morgen, der den Schönen
So glanzlos macht, so grau und ohne Wesen,
Doch mehr als Gram ist Müdigkeit zu lesen
In Augen, die den wachen Tag verhöhnen.

Er konnte nicht zur Hirtenflöte werden,
Sich nymphenhaft in ein Getön verzaubern,
Es blieben ihm ein Schreien nur und Schaudern,
Bis ausdruckslos verging auch dies Gebärden.

So schmolz er hin zu einem Wüstenflusse
Und wälzt sich ölig weiter noch zur Mulde,
Vergißt, daß er den großen Schmerz erdulde

Dem Gott zur Freude, der im Überdrusse
Sein Herz entließ, und nur wie eine Sage
Vernimmt man seine unerhörte Klage.
 

 

54


IV

Erhoben hab ich mich auf schroffen Steinen,
In die der Fluß die Heimat sich geschürft,
Als kurz er aus Jahrhunderten mit seinen
Vertrauensvollen Gruß entgegenwirft.

Ein Wind verfolgt durch diese Landschaftskerbe,
Die bald sich etwas lichtet, bald sich drängt,
In ihm liegt Gift, ich sehne, daß ich sterbe,
Als Opfertier von ihm im Fluß versenkt.

Doch hör ich leise sprechen den des breiten
Gewässers Jäger, der schon ewig jagt
Und flüstert einen Bruchteil der Sekunde:

Ich werde, was du vorhast, nicht bestreiten,
Doch vordem sei ein Wunsch mir zugesagt,
Die Wasser dir zu Füßen hier umrunde!
 

 

55


V

Der Engel träumt. Sein Fliederblütenkranz
Bewahrt den Duft der Hand, die weinend flocht.
Und Blut in seiner weißen Schläfe pocht,
Die Geigen spielen auf zum letzten Tanz.

Und Brunnen randbeschneit in Stille warten,
Mit patriarchisch weißem Haar bekrönt.
Der Engel seiner tiefsten Neigung frönt:
Er träumt von Flieder, weiß wie Schneee im Garten.

Kein Wind stößt müde Luft aus ihrem Harren,
Die sich der Grubendunkelheit entwöhnt:
In Träume fallen Engel, fallen Narren.

Die Schwalbenbotschaft durch die Gärten tönt,
Und Augen, die nun aus den Dingen starren,
Sind kurz mit Gott und seiner Welt versöhnt.
 

 

56


INKARNATION
Ich trottete, von Sonnenlicht geblendet,
Auf zähem, aromatischem Asphalt,
Die Wärme, arg im Lichtertanz verschwendet,
Lag wie Musik im grünen Hinterhalt.

Und ozeanisch weit, wie Moos weich eben
Gedieh die Zeit und harrte dem Vertreib,
Die Müdigkeit, die Müdigkeit am Leben
Umrankte wie ein Trauerflor den Leib.

Die Nacht lag in der Sonne, sie besamte
Die Erde mit Verrat und dunkler Gier,
Gestaltloser Unendlichkeit umrahmte
In Wandlungen den Himmelshof der Stier.

Doch bald zerfiel das Bild aus Unterpfänden,
Zertrieb ein zwingendes Gefühl den Deich,
Fuhr wie ein Blitz aus grauen Wolkenwänden
Die Schönheit, blaß und sommerwarm zugleich.

Ein Engel schritt mit Leichtigkeit, die Füße
Berührten nicht den aufgeweichten Teer,
Ich war zu wach, so daß ich meine Grüße
Nicht wiederfand und schrecklich schwieg wie er.

Doch Sturmwind, den sein Atem jäh entfachte,
Trieb Feuer, das aus dunklem Auge loht,
Und auch der Skarabäus, den er brachte,
Wies mit den Weg in den erwählten Tod.
 

 

57
Oh – rief ich aus – die deine Art zu lieben:
Im Blütenkelch der Welt entrückt zu sein,
Im Löwenmaul des Eros gleich den Dieben
Des Himmels stehn. Du kennst die Antwort: Nein!

So rief ich, und für die verbrannte Kehle
War nirgends eine Linderung bereit,
Ich blieb allein und nackt an Leib und Seele,
Gefallen in den Ozean der Zeit.

Ich trottete, von Sonnenlicht geblendet,
Auf zähem, aromatischem Asphalt,
Die Wärme, arg im Lichtertanz verschwendet,
Lag wie Musik im grünen Hinterhalt.
 

 

58


NOAH
Nur Meer umgibt ihn. Seine Tauben bringen
Ihm kein Gezweig, kein staubbedecktes Grün.
Er sieht den Sommer welken und verblühn
Im letzten Lied, in warmen Taubenschwingen.

Das Vogelherz, gut hörbar, scheint zu hämmern
Im Rhythmus seiner Schläfen, hell und hart.
Der Trost prallt ab, und den Gefangnen narrt
Die Hoffnung nur. O würd es endlich dämmern!

Die Nacht zerrinnt. Ein lauter Jubelschrei
Reißt ihn an Land, daß er das Meer verflucht
Und Erde küßt. Doch welch ein feines Weh

Bedrängt ihn immer stärker so, als sei
Die Tapferkeit zerschellt und er versucht?
Er weicht zurück, sticht traumlos in die See.
 

 

59


MOSES AM SINAI
Die Gletscher waren wie sein Herz geartet,
So still, daß Gott mit Menschenzungen redet.
Er stieg herab, jedoch, von Furcht befehdet,
Das Volk ein Wort, das seine nicht, erwartet.

Er sah die Gier im Unverstand der Meute,
Zerschlug die Tafeln, Tand in solchen Ohren,
Doch stand er nackter noch, als ihn gereute
Die Tat, ihr Sieg, für seinen Gott verloren.

Sie stießen ihn zurück in Einsamkeiten,
Nicht mehr die seinen, und das Herz zu weiten,
Gelang nicht dem Gehetzten, und die schlimme

Verfolgung war der Groll in seinen Sinnen.
Sag: welche Macht wird ihr Gebot beginnen?
Sie sprach, doch war es nicht die erste Stimme.
 

 

60


JUDAS ISCHARIOTH
O fahr, mein Leben, rasch dahin, geschwinder
Als der Gedanke, der mein Herz verbrennt,
Ich weiß nicht, wem ich Sucher war, doch Finder
Bin ich der Fratze, die sich selbst erkennt.

Was muß, o Herr, das Menschenherz erdulden,
Von allen Teufeln stets zugleich verwirrt?
Doch nein, die meine Liebestat entschulden,
Sind schlimmer als der Liebende, der irrt.

Sie werden sagen, um das Volk zu retten
Geriet der Plan, der meinen Herrn versucht,
Und andre, geistig ärmere noch, wetten,
Ich sei von allem Anbeginn verflucht.

Ich habe nur geliebt, wie Menschen lieben,
Mag sein, mich selbst in ihm, und möglich sei,
Daß uns gerade dort Dämonen schieben,
Wo Wollen wählt und, wie wir glauben, frei.

Ich laufe und ich höre die Trompeten
Des Irrsinns: handle rasch, solang du denkst!
Verbrauche zu Visionen und Gebeten
Die wilden Kräfte nicht, bevor du hängst!

Ich ließ die Stadt, die ekelhaft verdreckte,
Ein Spinnennetz von Götzendienst und Geld,
Und hör die Stimme, die mich oft erschreckte,
Liebkosen noch auf gottverlaßnem Feld.
 

 

61
Wir zogen lang zum Garten, wo entscheiden
Du solltest, und mein letzter Kuß gebot
Gewißheit, was geschrieben steht und beiden,
Doch nun erkenn ich dich als meinen Tod.

Und meine Jugend wird am Strick verkommen,
Und keine Macht dir, mich zu strafen, blieb,
Denn da du das Gericht auf dich genommen,
Verrietst du, was mir heilig war und lieb.

Ich weiß, daß ich der Teufel bin und läster,
Doch dies verschlimmert kaum, was längst zuschand,
Und dieser Ast, dies glaube wohl, ist fester
Als Jüngerschaft, die mich im Leben band.

So fahr mein Leben rasch dahin, geschwinder
Als der Gedanke, der mein Herz verbrennt,
Ich weiß nicht, wem ich Sucher war, doch Finder
Bin ich der Fratze, die sich selbst erkennt.
 

 

62


AMOR INTELECTUALIS
I

Einst zogen wir vertrauend los und hielten
Im Meer, das in der Musen Herrschaft stand,
Auf kühner Fahrt, die kein Genügen fand,
Auf Sterne Kurs, die auf dem Wasser spielten.

Wir überließens bürgerlicher Enge,
Zu messen, was der Fang an Reichtum barg,
Jedoch am Ende war die Ernte karg,
Nur wenige erreichten schöne Strenge.

Die schlugen ihre Lager an den Quellen
Und in Gebirgen auf. Die Lebenswaage
Sprach Tod in Nächten, Tod am nächsten Tage.

Das Grabmal aber, so gelebt, den Zeiten
Unsterblichkeit, bezwang den Tod in hellen,
Saphirenen und stolzen Einsamkeiten.
 

 

63


II

Wir fanden uns am Nabel des Modernen
Zu viert, ein Kreis verschwenderischer Hirne,
Durchforsteten Geschichte und Gestirne
Nach Träumen, uns verwandten, in Tavernen.

Aus kahlen Schluchten schlugen Kaktusblüten,
Und Götter traten ein und ungeschlachte
Gestalten, die, solang uns Bacchus lachte,
Erbaten, daß wir deuteten die Mythen.

Auf Bergen sahn wir Adler Schlangen tragen,
Die Wehmut trieb das blaue Meer zur Nacht,
Diotima der Zärtlichgroßen dacht ...

Doch Bacchus ging so bald, und auch die Schar
Verstreute sich in bunten Tagesfragen,
Bis ich allein mit meinen Träumen war.
 

 

64


III

Wir sahn die Stadt. In fliehend aufgereckten
Gebäuden, wo in glasbedeckten Schotten
Blutsauger ihre Brut zusammenrotten,
Erahnten wir Büros von Architekten.

Hier wachte Macht in unbedachten Schritten,
Daß, was der Mensch dem Menschen schuf, versage,
Wir staunten, etwas abseits nur am Tage,
Auf Sicherheiten, die uns jäh entglitten.

Die Straße wurde breiter, und die Türen,
Die in Gespinste, undurchdringlich, führen,
Versprachen Schmerz dem Schauenden und Schrecken.

Wir durften Sonne, staubvermischte, spüren
Als Schinderin und Schmach, das Blut zu schmecken
Der Opfer, die in dieser Stadt verrecken.
 

 

65


IV

Die Morgennebel durften uns behagen
In Merlins Reich, und wie die Jahreszeiten
Im Tagesablauf ihren Abglanz breiten,
Fand Tollheit, die erwachte Herzen tragen,

Verwandelt, was die Wege fleckt und flutet
Mit Mustern mancher Gegend, die wir rüsten.
Oasen sahn wir, Sphinxe, goldne Küsten,
Wenn in Pergolen Herbstbefallenes blutet.

Und das Gemüt, von Bildern blindes, ortet
Im Weinberg, dem wir unsern Tagtraum danken,
Gewißheit, daß die Ordnungen versanken

Und die Provinzen Zeiten sind und kreisen,
Und ihre Wunder, die wir leicht bereisen,
Im Geist, der ihnen Meister ist, gehortet.
 

 

66


V

Der Bahnhof lag verstört wie ein Orakel,
Das immer sagt: Wie sinnlos – euch Tun!
Wir trotzten ohne Hoffnung, denn zu ruhn,
Schien schlimmer als das blödeste Spektakel.

Die Güterzüge quietschten auf den Weichen
Und standen mit der lauen Nacht im Zank,
Da lehnte am zerrißnen Fahrplan schlank
Der Freund, den wir begehrten zu erreichen.

Er nannte seinen Namen und verneinte
Vergeblich, der Gesuchte uns zu sein,
Und dachte wohl, bei ihm läg solches Glück.

Wir konnten nicht begreifen, was er meinte,
Doch da fuhr schon mit Lärm der Nachtzug ein.
Wir stiegen ein und kehrten nicht zurück.
 

 

67


VI

Der Morgen kam, und seine erste Röte
Schlich wie ein Katzentier in unser Zimmer.
Wir saßen stumm und bettelten den Schimmer
Der Sonne, daß sie letzten Aufschub böte.

Wir glaubten nicht, daß die verlorne Stunde
Zurückkehr und ein letztes zu erklären
Uns bliebe, doch wir harrten aus, als wären
Wir steinalt, und das Wort erstarb im Munde.

Die Hände, blutlos und verwelkt, umwanden
Relikte eines Sommers, dem ein zweiter
Wie er sich selbst, an diesem Tag abhanden.

Und Schwalben, suchend reingeschneit, um weiter
Zu fliegen, flohn. Wir schauten sie, verstanden,
Und sahn uns an, noch einmal, fest und heiter.
 

 

68


APOLLON
I

Von Brand und Beben traumschwer bleich,
Schweigt seine Stadt, ein düstres Los
Ist ihr bestimmt, es künden bloß
Noch Lieder aus dem toten Reich.

Der Nabelstein, den sein Erscheinen
Dem Python neidet, höchst begehrt,
Verlor die Kraft, das Liebesschwert
Verfiel in marmornes Verneinen.

Und Lorbeerblättern fern zerschliefen
Versuchungen, die er versenkt
In Wassern ohne Grund und Licht.

Sie stürzten schnell aus seiner Sicht
Und fallen ewig in den Tiefen,
Mit seinem schweren Herz behängt.
 

 

69


II

Ich liebte ihn, und meine Neigung
Gestand mit knabenhafter Scham
Ich seiner Reinheit und vernahm
Betroffen wirreste Verschweigung.

Ich Frevler hatte ihm zu nahn
Gewagt. Welch dreistes Unterfangen!
Doch sah ich mehr als mich in bangen
Verwundungen ihn angetan.

Er sprach viel mehr, als seinesgleichen
Für ihre Spielgefährten finden,
Und wirkte kindlich ungewiß,

Um dann im Schatten alter Eichen
Zu spieln mit welken Hyazinthen
Und mit der Blume des Narziß.
 

 

70


III

Das Spiel von Liebe, wilder Gärung
Mißlingt, denn seine Gottgestalt
Verfehlt die kühnste Mordgewalt
Und die romantische Verklärung.

So ward sein schöner Leib beleckt
Von Wolken, die umarmend ließen
Das Irdische ins Dunst zerfließen,
Hätt ihn nicht Vogelschrein geweckt.

Er wankt, denn aller Geist verwehrt
Den Blick auf seinen blauen Sand,
Das Aug dagegen zeugt Verfall –

Und wie der Sand, der Sein begehrt,
Irrt nachtumspielt Apollons Hand,
Den Styx vermutend, durch das All.
 

 

71


LUZIFERS STEIN
Gebieterisch und süß aus tiefem Schlafe
Trieb mich ein Ruf von unbekannter Seite,
Und durstig nach Gefolgschaft und nach Weite,
Erhob ich mich als dienstbeflißner Sklave.

Der Rufer schritt voran. Welch hoher Stil,
In Glanz und Gnade seiner selbst entrückt!
Und lustvoll, wie ein kleines Kind erschrickt,
Durchquoll mich Dunst, romantisch und febril.

Am Wegrand sah in höfischen Manieren
Uns Engel zu, die Wege uns zu zeigen,
In Frömmigkeit und sinnlichem Verschweigen
Der Führer zog durch blaue Ouvertüren.

Im Morgenrot die Gralsburg schimmernd lag.
Die Engel flohn. Ein goldner Pokal
Stand halbgefüllt, verwaist im großen Saal.
Mit staubig strammer Geste kam der Tag.

Das hektische Getu in Hinterzimmern
Drang kurz nach vorn mit nächtlichem Geflüster.
Kalt wie ein Fluch und unermeßlich düster
Lag in der Luft ein gottverlaßnes Wimmern.

Und zärtlich traurig keimte Liebesraub
In meiner Seele wehem Vogelflug,
Und meine Hand, ihn sanft berührend, trug
Die Wollust, und sein Leib zerfiel zu Staub.
 

 

72
Ich wurde blaß, mein Antlitz zu verfemen
Und alle Liebe, die mit seidnen Stricken,
Mit Wollust, goldnen Händen, kalten Blicken
Ermordet, schrien im Saal die Chrysanthemen.

Da sann ich zag, indes sie weiterschrien:
Was war er meiner Trauer hold und schlicht?
Als hätte ich versucht, für mein Gedicht
Die linnenweiße Haut ihm abzuziehn.
 

 

73


ERTRUNKENER JÜNGLING
Wie Mondschein lehnt er bleich an einer Weide
Und müht sich seine Fremdheit auszumessen,
Die weiße Haut und Glieder, schlank, vergessen
Vom Fährmann, der ihn traf in schwarzer Seide.

Er horcht in sich, und seine eigne Nähe
Gemahnt ihn an den Trauerlaut der Taube,
Und zweifelnd, ob er schwach genug erlaube
Den Beutezug, umkreist ihn eine Krähe.

Er träumt dem Boten nach, ein Gurren schreitet
Gemeßnen Schrittes, unter ihm ein Beben
Sich langsam zu Unendlichkeiten weitet.

In blutlos grauer Selbstentwandtheit geben
Sich leise über goldbedeckten Rasen
Der blassen Nonnen geistliche Ekstasen.
 

 

74


FRANZ PANDER
In stolzen Häusern, hell und marmorn, spuren
Die Diener dem Vergnügen reicher Leute,
Doch er gehörte, fremd im Hier und Heute,
Zu unerlaubt empfindenden Naturen.

Er schrie nach Schönheit, pflegte sich und bleute
Dem Herzen ein, die täglichen Blessuren
Bewahrten, wer bei Mägden lag und Huren,
Beschied die Triebe mit verdorbner Beute.

Denn sein Empfinden, wach und übersteigert
Von so viel Anschaun, ausgelegten Schlingen
Bizarrer Reize, ihrem Kult ergeben,

Erkannte, daß die Zärtlichkeit, verweigert,
Vergeblich war wie er und all sein Ringen
Um Glück, und er vernichtete sein Leben.
 

 

75


GANYMEDES
Er schwieg sich nackt in seinen Knabentraum,
Sandalenleicht – sein Schlaf und veilchenblau,
Doch ehrsuchtbleich umwand ein kühles Grau
Bereits den Hain und seiner Kleider Saum.

Der Flammenschein des Feuers am Verlöschen
Schlug gegen eine unsichtbare Wand,
Doch nichts erhob die schöne weiße Hand,
Ein Loch in den erwachten Wall zu brechen.

Der Himmel lag mit leicht verkrampftem Schauen
Und phallischer Begier in dunklem Rot
Und übergoß ihn zart mit Rosenduft.

Die Wimpern fielen leicht, und seine Luft
Ging ruhig. Nichts verriet die schweren Klauen
Und nichts die leise, rauschzerklirrte Not.
 

 

76


EISENACH
Zu Tal gelangt, wo schwere Nebelschwaden
Allmählich rissen in erwachter Helle,
Fand ich mein Herz von gotischer Kapelle,
Einst frevler Liebe Zeugin, eingeladen.

Einsiedlerisch jedoch in strenger Zelle,
Sang einstger Faun geläutert Gottes Gnaden,
An seiner Nahrung wimmelten die Maden,
Ich brachte Brot und aus der Felsenquelle

Erinnerung der Stirn, dem Sichelzeichen,
Er flüsterte: Komm, daß ich mich vergesse!
Und im Gebälk ermutigten die Eichen,

Gefällte einst, durch blutige Exzesse
Die Tempel des Gekreuzigten zu streichen.
Nur Ganymed verschlief die schwarze Messe.
 

 

77


CHRYSANTHEMEN
Die Sonne schien am Horizont zu wippen,
Unschlüssig, ob sie ihren Weg beschlossen,
Jedoch die Wolken, milchig prall, begossen
Ihr Taumeln noch mit schlampig süßen Lippen.

Das Schwanenweiß erglomm im Licht der Moore
Und warb um meine unentschiedne Schwebe,
Geschmückt erschien der Hirt von Rausch und Rebe,
Sein Stab schwoll an und öffnete die Tore.

Ich schritt durch seltner Räusche Sakristeien,
Wo Lust und Qual die gleichen Gifte nehmen,
Und ließ mich keiner Kostverachtung zeihen

Und litt der Lilie Finsternis und Femen
Des Löwen und wie das Gebiß von Haien
Die brüllend reife Pracht der Chrysanthemen.
 

 

78


ENDYMION
Die Sonne sinkt in goldigem Verneigen,
Die Luft bewegen blütenschwere Winde
Voll Wein und voller Abgesang im Schweigen
Des Tags und seiner sprödgewordnen Rinde.
Ich bin ein Schwärmer und vertrau dem Reigen
Des Dämmers, daß ich Hain und Holder finde.
Am Felsvorsprung die Inschrift dunkler Worte,
Ein sanfter Schauder hütet diese Pforte.

Ich trete ein. Die weit gewölbten Hallen
Verräterischer Blicke mir entstreben.
Ich ahne ihn. Ein seltsames Gefallen
Läßt Unberührtes deutlicher erleben:
Sein elfenbeiner Leib, die sanften Krallen
Der Kräuter, die aus den Essenzen schweben,
Und was gereift, im Äther sich zu mischen,
Der Schlange schmeichelt auf gedeckten Tischen.

Die alterslose Jugend, die im Schlummer
Sich breitet, muß dem Monde wohl behagen.
Dem Kommenden entsag und seinem Kummer,
Dem klammen Bangen und dem bittren Klagen!
Im Dämmer ist der Duldende kein Dummer
Wie jene, die dem Trug des Lichts erlagen.
Drum lausch dem Tropfenfall im Salzgefunkel
Und singe Hymnen über Nacht und Dunkel.
 

 

79
Den reinen Traum soll niemals Licht verstören,
Wer reich ist, kann im Tausche bloß verlieren,
Wo alles unscharf schwebt, dir zu gehören,
Wird selbst die Wunde Weiß und Unschuld zieren.
Ich zweifle, ob die Küsse mich betören,
Ob diese Welt von ausgestorbnen Tieren,
Ein Reich sei, drein ich mich am Ziele bette?
Ob ichs nicht grad herbeigerufen hätte?

Der Schläfer ist ein Spiegel für den Wachen,
Ein Bronnen, der den Badenden als Quelle
Sich läßt erfahrn. Was schenken will und fachen
Verwandelt sich an des Beschenkten Stelle,
Und also heißt der Traum mich Träume machen
Vom Stoffe, der besiegt das lieblos Helle,
Weil ihm gewiß, daß Wunder, zu begehren,
Nur aus dem nächtlich Willenlosen kehren.

Und doch! der Morgen sticht durch Zweig und Spalte,
Ein Degen, alles Heimelnde zu morden!
Kein Aufschub, der den Sonnenwagen halte!
Kein Trug, daß es im Hain nicht hell geworden!
O Jugendglück! ich bin der schartig Alte,
Der schullig wirkt in seinem Überborden.
Die Götter meiden Müh und Tags Gewimmel,
Allein die Nacht macht günstig uns den Himmel.
 

 

 
 

 

 



GEFANGENER SCHWAN





»Zu lernen, daß jede Zeit erfüllt ist,
Auch die leere, die nichtssagende, die einfach wartende,
Denn auch das Warten ist Erfüllung..«

 
USINGER       

 

 
 

 

83


DAS GNADENREICH
Wie gnadenreich in Lauheit bricht Gewitter,
Gebärdenlos der Ton stieg unzerkrankt,
Und fremd all den Bedenklichkeiten Dritter,
Entspinnen sanfte Flügel sich und Splitter:
Musik, die Körper war und so verlangt.

Ins Körperliche treibt das Ungefähre,
Im Ganzen wurzelnd und von ihm bewacht,
Doch was, von ihm begnadet, Raum und Sphäre
Gewinnt, als ob es ihm entwachsen wäre,
Ist Eigentum der dichterischen Macht.

Ob sich die Gnade in die Schluchten senke?
Und Echo, die auf schroffen Schrägen steht,
Vertrauen faß und sich dem Körper schenke,
Ob andre Stimme sei und sein gedenke,
Denn was dem andrn denkt, ist ihm Gebet.

Doch das Gedicht durchzieht der Reim: erdulde
Und sei dem Schatten, es verkörpernd, gleich.
Ob er dem Traum, der dies geschaffen, hulde,
Ob er ihm voller Scham zu schweigen schulde,
Der Dichter wacht allein im Gnadenreich.
 

 

84


SÄNGER IM HERBST
Sein Blick vergilbte rasch im Regenschauer,
Dem Trommeln früher Ungeduld, doch tief
Betäubt vom Lied der unbemeßnen Trauer,
Ergab er sich dem Schmerz, der ihn beschlief.

Wie karg erfuhr das Heim der reifen Rebe
Den roten Rauch versehrten Traumgelalls!
Er fiel wie Tau aus sommerlicher Schwebe
Und jüngte sich in seiner Lust des Falls.

Und wie er kindlich schrie in Weh und Wonne
Und seinen letzten goldnen Tag durchlitt,
Entflohn die Götter mit der Abendsonne,
Und der in ihm ging ohne Zögern mit.

Doch ihr Verstummen steigerte das Rauschen
Der Schwingen, die dem Fallenden Geleit,
Er sah die Götter seine Masken tauschen
Und wachte in gelöster Heiterkeit.

Da klang aus den Vergessenheiten wieder
Im welken Licht sein eigentliches Maß,
Er schrieb der Sommer Seligkeiten nieder,
Verlorene, die er nun ganz besaß.
 

 

85


QUASTENFLOSSER
Jüngst sah man dich in deinen Lebensraum
Zum ersten Mal, nachdem man lang gemeint,
Du seiest vor Jahrtausenden versteint
Und bloßer Abdruck und zuhaus im Traum.

Als Vetter von Amphibium und Fisch,
Verschwägerst du das Land dem Ozean,
Mit dem Tyrannosaurus abgetan,
Fand doch Refugium dein Gestalt-Gemisch.

So seis, daß manches noch dem Traum entweh,
Wie Troja einst erstand aus Lied und Mär,
Und so der Aberglaub zugrunde geh,

Daß längst erforscht und entgeheimnist wär
Die Welt und daß dem Menschen untersteh,
Was heil dem Aar, dem Pottwal und dem Bär.
 

 

86


NAUTILUS
Erretteter vom Clan der Ammoniten,
In deinen Kammern, die sich jeder Hast
Verweigern, ist der Königsweg gefaßt,
Drauf Urzeitwesen durch die Wogen glitten.

Wie Perlen strömt das Gas aus deinen Reifen
Und macht dich jedem Tiefgang schwer und leicht,
Wer solches Maß an Innenraum erreicht,
Der trägt in sich, was andre schwer begreifen.

Wer wollte deiner Weisheit sich vergleichen,
Dem Lochaug und dem klebrigen Tentakel,
Und will sie gar noch mit Trophän erschleichen?

Wer nicht erstarrt vor solchen Meer-Mirakel,
Erschaue nie ein solches Lebenszeichen,
Denn er führt jedes Reich in ein Debakel.
 

 

87


ABSCHIED
Wir waren ohne Raum, und die Gesänge
Berührten deine Lippen, bleich, verbittert,
So furchterfüllt, daß es mir schien, dich dränge,
Ein Hauch hinweg, der dein Gesicht zerknittert.

Und deine Stimme, die gepeinigt zittert,
Versagte fast im Schwergewicht der Zwänge
Und stolperte durch Melodien, zersplittert,
Verbrannte Bilder und zerstörte Strenge.

Du wolltest nicht, was offenbar, benennen,
Daß mir allein die Kunst gehört, zu trennen,
Die alles schlang, was uns zugleich beseelte.

Doch fände, wenn wir das Gedicht verbrennen,
Mein Herz nicht andre Waffen zu bekennen,
Daß es das Glück auf immerdar verfehlte?
 

 

88


SYMBOLE
I

Der dunkle Tropfen deines Augs verginge,
Und Federn fielen ab von deiner Sohle,
Gebär den Himmel nicht und seine Schwinge
Die unverhüllte Sprache der Symbole.

In ihnen wohnt, was aller Traum ersonnen,
Und was den Tiefen mengt das Abwärtsweisen.
Und was wir leichthin und im Licht bereisen,
Ward ihren Schattenpielen abgewonnen.

Sie sind bedächtig eingefügt dem Drange
Des Geistes, der im ewigen Gesange
Sie Runen nennt und raunende am Rande

Der Wasser und sich sicher wähnt im Lande,
Doch wechseln sie, wie Spieler tun, Gewande
Und schrecken ihn als ungezähmte Schlange.
 

 

89


II

In allen Dingen ruht derselbe Glaube,
Der tiefer als das Leben in Figuren
Das Urbild wahrt, damit es erst erlaube
Der Zeiten übergroße Lebensuhren.

Das Handeln, das auf pergamentnen Schalen,
Die leicht zerreißen können, glaubt inmitten
Der Macht, die es verwirft, den Initialen,
Die es vom Wahn der Dinge abgeschnitten.

Doch stünde es um Himmel auch der Frühe
Nicht traurig, dürften solche Eitelkeiten
Zu Zorn, zu allzu-menschlichem verleiten?

Und ist nicht Wahn genug, daß es der Mühe
Der Tiefen, die der Traumtanz aufgebrochen,
Bedürfte, solchen Mut zu unterjochen?
 

 

90


MNEMOSYNE
Sie liegt, und ihre Lust ist ungebunden.
Sie singt die Worte, die ich nicht verstand.
Sie spielt, und sie verachtet alle Stunden
Und kommt und geht gefeit und unerkannt.

Wer glaubte nicht, daß ihre losen Schritte
Die Müdigkeit, die uns betrifft, verschon
Und daß sie den Verlust von Mut und Mitte
Nicht kenn im sorglos hingehauchten Ton?

Der Glaube aber darf nicht lange dauern,
Der Wille ist gefordert, daß sie kehr.
Ihr Lied mag in den Rosenhecken lauern,
Allein ich wollte nicht, dort säße wer.

Sie wird für mich kein Instrument gebrauchen,
Nicht Wunder, die die hohe Schule schafft,
Sie darf aus den Vergessenheiten tauchen,
Solang sie ihnen gleicht und ihrer Kraft.

Im Sporenstaub und wo die Stümpfe eitern
Durchforstet sie den Herbst und flicht ihr Haar,
Sie lügt und wird mit einem Lächeln scheitern
In Gärten, wo sie singt und niemals war.
 

 

91


HYAKINTHOS
Er sieht die Schatten seinem Aug entschwinden.
Die Stunde höchster Glut und höchsten Glanzes
Erklimmt das Klanggebild des Tags als ganzes
Und läßt die frühen Himmel sanft erblinden.

Sie senkt sich, seine zarte Haut zu streifen,
Daß er, als ob er jäh sein Los erführe,
Fragiles Traumgerüst der schmalen Türe
Entgegenschwenkt, daß es die Blumen greifen.

Gespinste allem Pflanzlichen entragen,
Ein feiner Duft, ein Winken, scheu im Winde ...
Ein Riß, ein leiser Ruf ... Der Leib verblutet

Und sinkt, doch will die Nachtgewalt der Sagen
Vergottung, daß die Stunde nicht entschwinde,
Da rings Gelall entflammten Hag durchflutet.
 

 

92


EIN TRAUM
Wars Traum, wars Tag, da aus dem Ungeteilten
Mich seltsam süßen Weh vom Lager zog,
Daß enge Spalten meiner Lust im Sog
Als Raum und Eingangsweg entgegeneilten?

Ich fühlte meine Macht, den Born zu fliehen
Und ihm zu nahn in Spiel und Wiederkehr,
Und wachte auf, und ich beschrieb, wie er
Dem Halbschlaf zweites Angesicht verliehen.

Und selbst Versucher, kor ich ihn zum Wallen,
Zum Flugesquell, zum phallischen Gefährt,
Nach Tiefen toll, gefeit hinabzufallen.

Doch ach! was mir den freien Flug genährt,
Verwandelt sich und zeigt vergeßne Krallen
Aus einem Schlaf, der dann für immer währt.
 

 

93


MASKENBALL
Es widerhallt die Formlust der Zerstörung,
Wenn Tollhausengel die Verwesung kränzen
Und schluchzen die Geweihten, die Betörung
Und wilder Taumel treibt in ihren Tänzen.

Als wären sie von giftigen Skorpionen
Geritzt, umkreisen sie den schwarzen Pudel,
Zu sinken vor den eingestürzten Thronen,
Schakalen gleich, genießen sie den Strudel.

Die Runendeuter flohen die Krawalle,
Doch Wölfe wetzen Schneidezahn und Kralle
Und stehn im ersten Frührot, weiß bereift.

Noch schweben die Girlanden in der Halle,
Und jemand spricht von einer Mausefalle,
Die tief ins Fleisch, ins scharlachrote, greift.
 

 

94


RUINEN
Noch einmal kehr ich heim zu den Ruinen
Und glaube fast, es sei noch alles offen
Und alles, was der Traum verhieß, zu hoffen,
Obwohl die Brücken keinem Tage dienen.

Sie wachsen zwischen Träumen und Gedichten,
Versiegelten, von außen nicht zu brechen,
Wie Hauer, die verschüttet sind in Zechen,
Durchgraben sie die abgelebten Schichten.

Nur Tote ihrer Ankunft harren dürfen,
Sie haben Zeit, und wie sie näher schürfen,
Vernehmen sie sehr gut in ihrer Stille.

Wir aber spiegeln Salzkristall und Rille
Allein im Blut, draus ihr verschwiegner Wille
Den Mythos lebt, den sie vielleicht verwürfen.
 

 

95


COLLAGE
Die Wand, die weiß ist und vielleicht die Leere,
Erscheint euch lauter und dem Zeichner hold,
Vielleicht, daß sie ihm ihre Achtung zollt
Und ihren Spott im Übermaß: Begehre!

O Eitelkeit! Ich bin der Hahn, Altäre,
Bedeckt mit Leder, Chinalack und Gold,
Sind Mode nach der Mode und umtollt
Von Konjuktiven: wollte, würde, wäre ...

Die Farben reimen, und die Reime färben,
Die Materialien möchten sich verderben,
So wie der Gott, der in der Maske wohnt

Und der nicht weiß, ob sich, das Fell zu gerben
Und um der Elemente Gunst zu werben,
Auch noch im Jenseits aller Werte lohnt.
 

 

96


DER STURZGEWEIHTE
Der Bundeslade bar im Weltgewander,
Bist du der Schmetterling im Salamander.

Du trauerst durch die welkenden Pergolen
Europa nach, vom Himmelsstier gestohlen.

Und fleckst, gemischt aus streitenden Naturen,
Mit deinem hellen Blut die Pantherspuren.

Die Engel künden vom Triumph der Tage,
Du aber hörst sie nicht in deiner Klage.

Die Trauer zu vergessen, spielt die Flöte,
Doch dir wird keine Nacht, die Abendröte

Hast du ersehnt und dunklen Augs gemieden ...
Die Geier kreisen lang und unentschieden.
 

 

97


HERMES
I

Er steht am Wegrand wie vor langen Jahren,
Gealtert nicht und trägt dieselben Kleider,
Als wär, was Zeit seit jener Zeit erfahren,
Geträumt und er Beweis der Einheit beider.

Jedoch er kennt mein Auge nicht, wie sollte
Er auch mein fremdes Wort verstehn, dasselbe
Nicht mehr, das einst am Uferweg der Elbe
Zerfließend alle Zeit zerbrechen sollte.

Er ist ein andrer, doppelt mir verloren,
Wenn dieser ist, ward jener nie geboren,
War jener, dann ist dieser Trug und List.

So mag es sein und mag dem Schalk gefallen,
Dem sich die Wasser auf den Händen ballen,
Der uns in Wolken hebt und dann vergißt.
 

 

98


II

Ich schwang mich ein und schnürte die Sandale
Mit Leichtsinn, unter Sterblichen vonnöten,
Und Jugend, ihren dumpfen Trott zu töten,
Versöhnte Spiegelbild und Opferschale.

Du aber klagst den Nattern nach am Weiher,
Die sich in Häuten, kaum vertrauten, ringeln,
Du forderst, und ich soll dein Herz umzingeln,
Und doch erträgst du Lohe nicht und Leier.

Wenn ich entschwand, so preist du meine Gilde
Und fertigst all den deinen Kunstgebilde
Und haschst nach dunklen Faltern, mir vertraut.

Jedoch ich hadre nicht mit meinem Amte,
Gefällt mir doch, daß der zum Staub Verdammte
Allein in mir sein eignes Antlitz schaut.
 

 

99


III

Du Wankelmut, der aus den Himmeln brandet,
Du Hirte aller Untreu Gram und Gnade,
Wer rief die Leier dein, als ihr Gestade
Der ausgestreckten Hände wiederfandet?

Wie lieb ich deinen Gang, die Wolkenpfade,
Daran die Zeit und ihre Prüfung strandet,
Zwar bin ich nicht auf dem Olymp gelandet,
Doch Federflaum gedeiht an Zeh und Wade.

Ich fülle die Quadrate mit Parabeln,
Such Geist und Trieb von Gäa abzunabeln
Und will als Gott, was ich begehr, beschlafen.

Doch überträf ich auch in Fahrt und Fabeln
Dein Reich, der Punkt, da sich die Pfade gabeln,
Bieb dein und ich nur eins von deinen Schafen.
 

 

100


IV

Wir gleichen lautlos eingefangnen Schwänen,
Die sich durch unsichtbare Gitter zwängen,
Die Stunden ziehn durch Müdigkeit und hängen,
Zerbrochnen Rudern gleich, aus morschen Kähnen.

Wir spielen Würfel und mit Drachenzähnen,
Und Haschisch soll die Düsternis verdrängen,
Wir pokern und wir tun, als ob wir sängen
In Trauer und mit kaum verhaltnen Tränen.

Wie unbewacht sind Harfe, Laute, Leier,
Wer weiß, ob dieser allerlängsten Feier
Ein derber Schalk nicht Requisiten tauscht?

Ob er nicht stolz und schadenfroh vernichtet,
Was sich schon lange satt hat und gerichtet,
Die Nächte, künstlich, welk und aufgebauscht.
 

 

101


V

Er jagte sommers nach den Schwalbenschwänzen
Und staunte, wenn sich einer jäh verfing,
Verließ die Armut vogelfrei und ging
Verwandlungshungrig über seine Grenzen.

Sein Talisman verriet im Fieberglänzen
Die hohe Kunst und das Orakel: schwing
Dich mit dem Traum und rühr den Siegelring!
Er stahl sich frei in überlangen Tänzen.

Er hat der Erde Drachenbauch geschwärzt
Im Nordlicht, das geheime Wege weist.
Als Meisterdieb, der mit den Bildern scherzt,

Blieb er die Galerie, und Wasser gleißt,
Auf dem Parkett, das allen Sturz verschmerzt
Und auch den körperlich gemachten Geist.
 

 

102


MAI
Wechsel der Wachheit: Erfahrung,
Spielerisch, tanzenden Schritts,
Ahnde Gewinn und Verwahrung,
Schlüssel im Schlüsselbesitz.

Wer ist das Pfand, wer der Pfänder,
Wer ist der Gärtner, der Baum?
Noch überschattet die Ränder
Mailich bewußtloser Flaum.

Trittst du hinaus aus der Zelle,
Wartest du lüstern am Hang:
Schmiegsamer Halm, eine Welle,
Falter, verpuppt, nur ein Klang ...

Wer ist der Flug, wer der Flügel,
Wer ist die Fläche, der Saum?
Noch überschattet die Zügel
Mailich bewußtloser Flaum.

Wirklichkeit: eitles Erhoffen,
Wandelbar – fragst du, wohin?
Jedes Geheimnis ist offen,
Alles verkündet: ich bin.

Wer ist der andre, der echte,
Wo ist die Treue, der Traum?
Noch überschattet die Mächte
Mailich bewußtloser Flaum.
 

 

103


TRAUMWIND
Traumwind: Versuchung der Hüter,
Raunen im stillesten Hain,
Blöße der heiligsten Güter,
Rufe aus Brunnen: Tritt ein!
Taugeperl, atementstammend,
Senkt sich erhaben und reinst,
Golden im Mythischen flammend,
Wandelt sich alles zum Einst.

Traumdunkel: weltab entfernte
Heimat, den Göttern zuvor,
Eine von Zwergen entsternte
Sage verriegelt das Tor.
Sprüche gekreuzigter Schlangen
Tanzen auf farbigem Nichts,
Und unser großes Verlangen
Krümmt sich im Joch des Gewichts.

Traumsturz: gefällte Heroen,
Wölfischen Rudeln zur Lust,
Hölzernen Scheiten entlohen
Namen, vorzeiten gewußt.
Darf ich dir wiederbegegnen,
Dunkler Karfunkel der Nacht,
Wirst du mein Opferblut segnen,
Frühesten Träumen gebracht?
 

 

104
Traumtod: die uralte Weise,
Stein, der Metalle in Gold
Wandelt, die Engel sind leise,
Aber das Heil ist gewollt.
Weißt du es noch, wir erkannten
Manchmal einander so licht,
Waren die himmlisch Gesandten
Jenseits von Sturz und Gericht.

Aber wir tragen das Zeichen:
Blitz, der die Weltesche spliß,
Lassen Orakel erbleichen,
Ist uns Erfüllung gewiß.
Was wir nur heimlich vermuten,
Ist uns beschlossen von je,
Fremd und allein zu verbluten,
Traumwind voll Asche und Weh.
 

 

105


DER SCHLÄFER
Zwischen Pilz und Moosen,
Farn und Hörnerschall
War im Morgenlosen
Lerche Nachtigall.
Ein Marienkäfer
Flog ins Liebestal,
Und der nackte Schläfer
Seufzt zum letzten Mal.

Nur die Wolken hören
Seinem Schweigen zu,
Und die Tiere stören
Keine Abendruh,
Seine Locken fallen
In die Augen, blind,
Und von Trauer hallen
Lieder, sein, im Wind.

Eine Bienenwabe
Süßes Weh der Nacht
War die Göttergabe,
Die er heimgebracht,
Fackel losch, Verhängnis
Hat den Kelch gelehrt,
Seine Traumempfängnis
War ein Lilienschwert.
 

 

106
Welcher es geschwungen,
Blieb ihm unbekannt,
Als sein Lied verklungen,
Leerte sich das Land,
Ob er wiederkomme,
Ob er ihn erkenn?
Ob sein Licht ihm fromme,
Ob es ihn verbrenn?

War der Schwan ein weißer
Oder schwarz wie Rus?
Hoch zu Roß der Kaiser
Oder arm zu Fuß?
Wenn wir früh erwachen
Einsam und verkannt,
Scheint ein Haus des Drachen
Uns die Nebelwand.

Lämmer, weiß und Schwäne
Barg der Drachenhort,
Seine letzte Träne
Wischt ihm keiner fort.
Pan, der große Schäfer,
Wacht im Haus des Leu,
Doch der wunde Schläfer
Bleibt dem Traum getreu.
 

 

107


GEFANGENER SCHWAN
Ein samtnes Violett thront überm Weiher,
Als er erstarrt. Und die Verfallsgefeiten
Sind dort, wo man die Flöte spielt. Die Saiten
Der Lyra rührt der Parzen Purpurschleier.

Den Holden ficht Gesindel nicht, den Geier
Und alle Räuber, die Verrat begleiten,
Bannt seine Schönheit, aber Nacht entschreiten
Die Blinden zu Gesang und Totenfeier.

Das reinste Licht muß ihrer Hoheit weichen,
Wenn aber Eis zerfloß, wird niemand finden
Den Leichnam, vom Verfallsinsekt umsummt.

Allein der Sänger darf im Traum erreichen
Die Schrecknis, um den Sang zu überwinden.
Er schaut den Schwan gefangen und verstummt.
 

 

108


WECKRUF UND MOHN
Sagbares, Sagloses,
Scheiden, Vermischen,
Wort – und ein großes
Wortlos dazwischen ...
Ferge, der fern ficht,
Ließ dir, entflohn,
Weltdorn im Sternlicht,
Abschied und Mohn.

Wo dich das herbe
Dollkraut begeistert,
Hast du das Erbe
Noch nicht gemeistert,
Silbernem Meerschaum
Wolf und Skorpion,
Eint dich der Gertraum,
Heimkunft und Mohn.

Furchtbarer Frevel
Holdet die Herzen,
Brennender Schefel
Fiel, euch zu merzen,
Wollust und Wein blieb,
Hornstoß, ein Ton
Flog, als euch eintrieb
Urgrund und Mohn.
 

 

109
Wiederkunft, Sage,
Klaglaut an Weihern,
Siebenfach Plage,
Stäbe, blank, bleiern,
Kreisen, Gewalt schwand,
Vater und Sohn
Dir, der Gestalt fand,
Mannheit und Mohn.

Weltnacht, von allen
Morgen geschieden,
Los warf, gefallen
Den Ikariden,
Blöße und Blutspur
Rahmen die Forn,
Zwei sind dir gut nur:
Häutung und Mohn.

Schirmst du den Toten,
Treu deinem Eide,
Trägst du des Boten
Schwert in der Scheide,
Fleckt es den Fang rot,
Leid dir und Lohn,
In den Gesang loht
Aufstieg und Mohn.

Sinne nach Namen
Für seine Taten,
Alle, die kamen,
Hast du verraten,
 

 

110
Nahen sie nachtfahl,
Spät ist es schon,
Töne dir achtmal
Lobsang und Mohn.

Schöpfe aus Lethe
Alle Gedichte,
Wassermann trete
In die Geschichte,
Niederen Zweck sühn
Blut des Adon,
Sein im Hinwegblühn –
Weckruf und Mohn.
 

 

111


DER WASSERMANN
Er lebt von Bildern, die wir blind erkoren,
Aus Träumen, die den wachen Mut erschrecken,
Er ist wie wir aus Schmerz und Blut geboren,
Aus Tropfen, die des Vaters Mantel flecken.

Sein Reichtum, wohlverwahrt in Silberkrügen,
Wird jeglichem gerecht, was je geschehen,
Er bringt den Krieg, doch seinen Falterflügen
Erwächst Geduld, daß wir das Los bestehen.

Im Gletschereis allein auf hoher Warte,
Darfst du von seiner Heiterkeit gewinnen,
Von Stab und Kelch trägt er die Asenkarte,
Von Schwert und Münze Acht und Königinnen.

Du wirst die zwei in einem dritten einen,
Doch er ist stets der vierte der Kabiren,
Dir möge Hermes geistgezeugt erscheinen,
Jedoch der Einfall liegt bei seinen Tieren.

Was dir zum Gott geriet aus bunten Steinen,
Ist nur der Schleier über dem Altare,
Du findest ihrer tausend, aber keinen,
Der dir, Narziß, den andern offenbare.

Vielleicht wird ihn der Waffengang versöhnen,
Vielleicht das Einhorn, das zur Mittagsstunde
In Wälder tritt, um Manneslust zu frönen,
Bis er die Kelche füllt an deiner Wunde.
 

 

112
Sei sicher, er verachtet nicht dein Wappen,
Er sammelt gern den Schmuck gefallner Ritter,
Doch deine Künste taugten nicht zum Knappen,
So wie dein Tag, zu kalt für sein Gewitter.

Er zeigt sich spät und pflanzenhaft gelasssen,
Er gibt die Rätsel auf und mischt die Karten.
Dich aber werden Hund und Henker fassen
Wie alle, die den hohen Tag erwarten.
 

 

113


KLIPPENAUG
Auge, auf pfadlosen Klippen
Hast du zu schauen gelernt,
Mächte, die wogen und wippen,
Haben das Dunkel besternt.

Gaben die Kunst, die dem Hellen
Schultern und Schenkel geraubt,
Strahlen, die sanglos zerschellen,
Wenn es die Braue erlaubt.

Dein sind die Wunder, das Werden,
Unter dem mächtigen Zelt
Treiben die Hirten die Herden,
Bis sie die Nacht überfällt.

Schweigen und dumpfe Gerüchte
Peinigen Herzen und Ohr,
Ob sich der Himmel auch flüchte,
Du bist dem Anfang zuvor.

Lippen, zerbissen, und Rosen
Faulen im Sagengeflecht,
Und im Novemberwindtosen
Klagt das entführte Geschlecht.

Du aber wachst, wenn die Lider
Willig sich schlossen, es weilt
Alles im Kern, wenn der Glieder
Wunde, vergiftet, nicht heilt.
 

 

114
Zwielicht um silbern Bereiftes
Spielt im erstorbenen Hain,
Entweder niemand begreift es,
Oder du fängst es allein.

Auge, geheim offenbare
Brücke von Traum und Ruin,
Schatte den Mittag und schare
Alles, was Licht hat, für ihn.

Balsam für Glieder und Lippe
Hast du und handelst doch nicht,
So bist du selber die Klippe,
Die alle Brandung zerbricht.
 

 

115


BABEL
Wo auf verlaßnen Trümmerwelten
Die Wüste herrscht mit Spiel und Spott,
Dort schimmern aus den großen Kälten
Der Mensch und seine Spiegel: Gott.

Die Wüste und die Einsamkeiten,
Im Wolkenschnee, im Blut gestaut,
Und die Gestirne aller Breiten
Sind aus Versuchung aufgebaut.

Doch was sind Tote, unbestattet,
Wenn der Gedanke sternhin treibt
Und hoher Mut, von Wahn beschattet,
Mit Blut die letzte Weisheit schreibt?

Und was sind Gram und bleiches Bangen
Im Traum, der keine Tat gewinnt,
Was Täler, die nur aus Verlangen
Bestehn und nichts als Spiegel sind?

Der Himmel hegt dieselben Stürme,
Die abgrundtief das Herz besitzt,
Er wird zum Schoß, wenn er die Türme
Beneidet und sie jäh zerblitzt.
 

 

116


DIE SPRACHE
Geschmähte, umschwärmte
Gespielin Gefahr,
Die Schatten erwärmte,
Wenn niemand mehr war,
Die oftmals zu leichte
Auf Welle und Schaum –
Wer weiß, ob sie reichte
Den Sternen, dem Traum?

Versprechen und Bitte:
Sei wenigstens Feind!
Was ist an der Mitte
Nun mein und gemeint?
Die jedermann feile
Auf Welle und Schaum
Entriß ihre Teile
Den Sternen, dem Traum.

Und später? Verstummte
Auch Gott nicht zuletzt?
Doch sie, die Vermummte,
Verwindet das Jetzt.
Ob sie uns noch rettet
Auf Welle und Schaum
An Felsen gekettet
Den Sternen, dem Traum?
 

 

117
Am Ende? Die Schrecken
Von Dämmer und Brand –
Wer konnte sie wecken?
Wer hat sie bekannt?
Die Schärferin Lautes
Auf Welle und Schaum
Weiht all ihr Gebautes
Den Sternen, dem Traum.

Nun frag, die Befragte
Behütet das Bild,
Auch wenn das Gesagte
Die Sehnsucht nicht stillt,
Sie deutet auf jeden
Gewinnbaren Raum
Und, einzig nach Eden,
Den Sternen, dem Traum.
 

 

118


EINSAME NACHT
Rinnender Abend
Ohne Gewinn,
Augen vergrabend,
Suchst du nach Sinn,
Namen, vergessen,
Werben dich sacht
Aus den Zypressen
Einsamer Nacht.

Rufende Schatten,
Seltsam vertraut,
Hast du in matten
Farben geschaut,
Atem hat falbe
Flamme entfacht,
Lindernde Salbe
Einsamer Nacht.

Du bist von allen
Freuden entfernt,
Himmeln entfallen,
Starr und entsternt,
Heilige Worte
Hast du bewacht
Bis an die Pforte
Einsamer Nacht.
 

 

119
Aber die Türen
Mehren den Schlund,
Ausgänge führen
Tieferem Grund,
Früherer Tage
Hast du gedacht
Wie einer Sage
Einsamer Nacht.

Was dich in Splittern
Spiegelnd beschreibt,
In den Gewittern
Morgenlos bleibt,
Was dir zu singen
Formlose Macht,
Wissen die Schwingen
Einsamer Nacht.
 

 

120


HERBSTMELODIE
Im Dämmer, der Trost
Und Hoffnung zerschlug,
Das Dasein, erlost,
In Wegloses frug.

Im schattigen Grund,
Geschehn und gewollt:
Von aschigem Mund
Gezeichnetes Gold.

Wer ankommt, vernimmt
Das Ziel nur noch zag,
Das Bild, das verschwimmt,
Durchgeistert Geklag.

Den Dreifuß, den Spat
Gebräunt im Verlust,
Umwölkt der Verrat
Des späten August.

Und was dich Vulkan
An Wundern gelehrt,
Ward alles zu Wahn
Und Wehmut gekehrt.

Im Taumel verrät
Die Herbstmelodie:
Du folgtest zu spät
Wie immer und nie.
 

 

121
Die Bitternis, mürb
Zerreift in der Frucht,
Gebietet: Nun wirb
Um Lippen der Sucht

Und saug, bis im Krug
Gewesenes schwillt,
Und sei es auch Trug,
Durchfliege das Bild.
 

 

122


INSCHRIFT FÜR EINEN DOLCH
Halt ein, bestaubter Pilger,
Der seinen Stern verlor,
Es überragt den Tilger,
Was sich zum Sein erkor.

Was ist schon ausgestanden
Nach jedem Widerruf?
Verwandelt, doch vorhanden,
Was sich im Traum erschuf.

Wird je ein Traum vergilben
Und herbstlich mürb verwehn?
Du klammerst dich an Silben,
Als dürften sie bestehn.

Dich haben Stern und Erde
Durch deinen Traum gehetzt,
Und dein Gedicht gebärde
Sich niemals unverletzt.

Was für ein Gott erdachte
Den Trank, der dich betrog?
Spürst du die traumentwachte
Gestalt, daraus er flog?

Entflieg! – dich halten Täue,
Die kein Gefeiter schnitt,
Und Traum, Verrat und Treue
Ziehn ewig mit dir mit.
 

 

123


ORPHEUS
Der Schlangenbiß Schmerz
Begräbt das Gepreis,
Trochäus und Terz
Auf Todes Geheiß.

Er wankt um den Quell
Entzweiten Gesichts,
Drin Dunkel und Hell
Des Klagegedichts.

Und inne der zwei
Im Herzen, drin loht
Gewähn und Geschrei,
Die Wunde, der Tod,

Besingt er die Schuld
Des Lebens, des Lieds
In Ordnung und Huld
Geweihten Gebiets.

Gewappnet, gefeit
Am nächtlichen Hang,
Entthront er die Zeit
Für einen Gesang.

Doch da er vergaß,
Verwundbar zu sein,
Verletzt er das Maß
Und weiß sich allein.
 

 

124


QUENDEL
Du flichst dich über Wacker und Terrassen,
Geringste Nahrung hoffend in den Ritzen,
Du willst kein fettes Wiegenbett besitzen,
Und weißt dich manchen Nöten anzupassen.

Doch kennt man dich als eine Bienenweide,
Du reicherst dich mit feinen Ölen an,
Wer Nektar aus dem kargen Los gewann,
Den nenn ich Dichterprinz im Kräuterkleide.

Solang ich den Verwandten oft zu grüßen,
Durch Steppenwälder und durch Gärten schleich,
Wird mir der Wackre manchen Tag versüßen.

Zwar fand ich noch kein Heim und eignes Reich,
Doch erntet das Gesicht mit wunden Füßen
Den Frühtau und den Vorgeschmack zugleich.
 

 

125


ULMENALLEE
Du wanderst, überwölbt von stolzen Rüstern –
Woher? wohin? dies bleibt dir ungewiß,
Da dir der Weg dem frühsten Traum entriß,
Irrst du, nach seinen Fliedergärten lüstern.

Es sagt dir wer, Verschwommnes und Chimären
Kerbst du mit deinem Griffel in die Tafel,
Ein andrer meint, ein irrer Redner schwafel,
Unfähig Sinn und Anlaß zu erklären.

Wohl möglich, daß die Müh, dich zu bewegen,
Die Kraft fraß, die Gesichte festzuhalten,
Die sich wie Kraken um die Kehle legen.

Doch wird der Atem nicht zu früh erkalten,
Daß sich vermähl dem Reim der Ratersegen,
Daß recht du sagst dem Werden und dem Alten.
 

 

126


JOHANNISBEEREN
Wo nach Feld und Hügelkuppe
Südlich unser Garten schaut,
Stand seit je die Sträuchergruppe,
Die vorzeiten angebaut,
Reifen sie im Sonnenscheine,
Gibts nicht wenig zu verzehrn,
Beeren rings, doch zahlreich keine
Wie so rot Johannisbeern.

Zwar die schwarzen munden süßer
Als die Trauben säuerlich,
Doch die purpurhellen Grüßer
Warn schon früher hier als ich.
Zu versaften, zu vergrützen
Sind sie trefflich wie zu leern,
Gott mög unsre Beeren schützen
Und so rot Johannisbeern.

Sind sie nicht mehr so in Fülle,
Werd ich fremd sein unterm Blau,
Was dem Garten Kleid und Hülle,
Ich von beiden Seiten schau.
Zwar sind Himbeern mir viel feiner,
Und bei Brombeern gibts kein Wehrn,
Doch der Garten bleibt nur meiner,
Schirmen ihn Johannisbeern.
 

 

127
Immer war das früh Gefundne
Näher mir als spätrer Wuchs,
Was verging, als das Geschundne
Sah ichs und mein Zeichen trugs.
Nicht gewählt in Müh und Hoffen,
Nicht gefolgt dem erst Begehrn,
Wenn die Träume sich verstoffen,
Sinds gewiß Johannisbeern.

Und wenn alle Dämme brechen,
Und der Wandel alles schlingt,
Sind mir treu die frühsten Schwächen,
Wenn die Schwalbe kommt und singt.
Wenn der Groll der Tilger wütet,
Soll doch alles wiederkehrn,
Auch das Paradies behütet
Eine Reih Johannisbeern.
 

 

128


IM SPIEGEL
I

Durch meine Seele deiner Augen Schweben.
Den unbewachten Eingang findend, strich,
Bis endlich dieses angeschaute Leben
Dem ersten urverwandten Antlitz glich.

Und wie sich in den Hallen, drin sie gingen,
Auf Bildern ein Gefäd zusammenzog,
Umflatterte mein Herz mit kalten Schwingen
Des zweiten Höllenkreises Wahngewog.

Ich blickte nieder, schloß verzagt die Pforte
Und wappnete mir Augenlicht und Worte
Mit Fremdheit, die dein Weitergehn bestritt.

Doch dann, als ob sie sich mit mir vermähle,
Versank ich selbst in dunkle Spiegelsäle,
Bis ich in deinen Traum hinüberglitt.
 

 

129


II

Geviert der Furcht in kristallin vereister
Erstarrung, die als Summe deiner Bilder
Das Hirn beficht, sobald ich Schrecken schilder,
Vergehn sie, und ich bin dein Hexenmeister.

Ich habe mich aus jedem Reich verloren,
Wo sanft die Sommer, ahndungsvoll und trunken,
Und habe mir, dem frühen Licht entsunken,
Dein Unheil nun zum Aufenthalt erkoren.

Hier will ich, wo mich nichts erinnern kann,
Vergessen eines lichten Engels Flucht,
Sein Schwanenkleid, das rasch im Ried verwest.

Vergessen Zeit, da ich darüber sann,
Die große Sorge und die große Sucht,
Der du so fremd, daß du sie nie verstehst.
 

 

130


III

Zwei Bilder hat der Spiegel deiner Frage
Im Unheim stiller Reife ausgedrückt,
Und keines rettet, keines hebt und schmückt,
Und keines überwindet deine Klage.

Das erst flattert durch zerbrochne Dinge
Mit Anmut und mit viel Musik dahin,
Das zweite führt des gleichen zweiter Sinn
Im Kreis um des mißlungnen Fluges Schwinge.

Die Spiegelfremde darfst du nicht berühren,
Vermagst du dennoch hier hindurchzuschreiten,
Fliegt dir vielleicht die Überwindung zu.

Symbole und Orakel, dich zu führen,
Verbergen sich in allen Lebenszeiten
Am Saum des Wortes und im Schweigen: Du.
 

 

131


SPLEEN
I

Ich warf dir einen letzten Kuß Verrat
Ins Urteil, selbst verfaßter Schrift entfacht,
Und sah den Schritt, der kurz nach Mitternacht
Die Zigarette, halb geraucht, zertrat.

Ich blieb mit Bildern hier, verbraucht und fad,
Von Nachtgestalten, blind und kalt, verlacht,
Ich hatte dir, was ich besaß, vermacht,
Bis ich dich trieb zu Wahn und Opfertat.

Die Liebe war wie der Verrat vergeblich,
Und unklar blieb im Morgendämmer, neblich,
Was war, was wird und was für uns bestimmt.

Und Zeiten, flink und im Entfliehn vergeßlich,
Zerdehnten sich und wurden unermeßlich
Im Zweifel, den mir kein Vergessen nimmt.
 

 

132


II

Ich muß dein Bild in einem Keller lassen
Und alles, was ich deiner Huld gestohlen,
Dort mag es sich ein armer Teufel holen,
Bekommt er noch den Rest von mir zu fassen.

Ich muß dich Schicksal nennen und verfluchen,
Ich greife keinen Sinn in meinen Taten,
Wir habe uns in Ewigkeit verraten
Und müssen uns in Ewigkeiten suchen.

Wir haben wohl verdient, daß man uns lohne
Den Übermut, aus dem wie riefen: schone
Doch lieber Spieler in geringrer Sache.

Und so umschwärmt mich deines Geistes Rache
In Traum und Tag, und wo ich horchend wache,
Vergesse ich die Stadt, in der ich wohne.
 

 

133


III

Ein Gift erhellt mir eine lange Straße
Und lädt den Blick, sich schwer hinanzuhängen,
Sein Name ist vertraut mit meinen Gängen
Und segelt fort wie eine Seifenblase.

Wir bin ich sein Gefäß, Zierat und Vase,
Vielleicht auch nur ein launisches Vermengen
Von Dämonie und Langerweil in Zwängen
Des Überdrusses, dem zerbrochnen Glase

So ähnlich, daß, ob ich es rühm und läster,
Es dirigiert sein schweigendes Orchester,
Darein ich weiter, immer weiter sinke.

Nur manchmal zuckt das Wissen um die Lüge:
Ich kenne das Gesicht, das ich betrüge –
Es ist sein letztes Blut, das ich vertrinke.
 

 

134


IV

Vorhänge, Schleier, Mauern und Verhaue
Sind durchsichtiger als das reine Nichts,
Und ihre Scham ist unecht, des Gewichts
So sehr entleert, daß ich geblendet schaue,

Wenn ich der Farben Deckungskraft vertraue,
Verführungskünsten des gebrochnen Lichts,
Nichts Wirkliches ist solchen Glanzgesichts,
Doch eines wirkt, daß ich ihm Tunnel baue.

Nur Frevel können solcherart verbinden,
Nur Mörder schleichen um vergangne Orte,
Mit allen Schlüsseln einer Tür verbunden.

Nur Frevel kann die Grenzen überwinden
Und findet stets und überall die Pforte
Zum Untergang, zum Übergang: gesunden.
 

 

135


V

Der Sommer geht, und zwiefach unbeteiligt
Vergilbt dein Bild in meinen kleinen Siegen.
Gehörlos, stimmlos – ach, du darfst verfliegen
In Falter-Nebeln, von Verrat geheiligt.

Nachtschwärmer sind es, dichtende, entrückte,
Der Sagnis bis zum Rand entfernte Künder
Des heimlich offenbarsten aller Münder,
Davon ein Kind zur Nacht Holunder pflückte.

Ich sah sie irgendwann, vielleicht in Träumen,
Inmitten von verlorenen Gesichten
Und einem Berg zerbrochnen Porzellans

Und darf mich auf dem dünnen Eis versäumen
In reinem Warten, das aus dir zu dichten,
Ich Opfernder und Opfer meines Wahns.
 

 

136


VI

Ich bin die Flucht und du ein schwerer Reiter,
Mir zaubrisch dunkel zwischen Ried und Kiefer
Und meinem Blut ein eingedrungner Schiefer,
Verheißung, Opfer, Gift, daran ich eiter.

Du folgst mir durch verschlungne Träume, tiefer
Als wir die Tiefe denken dürfen, weiter
In Nächte, wo die Furien walten, scheiter
Ich nicht an dir, zerfrißt mich ihr Geziefer.

Und schliefe Nacht auf ihren weißen Rosen
Nicht ewig, wär mein Mut in ihrem Tosen
Ein Hauch und glömm in deinem dunklen Kuß.

Wir werden uns ins Unerhörte kosen,
Doch spätestens wird Abschied uns erlosen,
Wenn dich mein Blick am Tage treffen muß.
 

 

137


SILBERNES HORN
Silbernes Horn, mein Begleiter,
Letzter und Hoffnung nicht mehr,
War der Oktober mir heiter,
Schien es, dich blase noch wer.

Sind die Gesichter entschwunden,
Spur und Erinnern zerbricht,
Sorgt sich kein Vogel um Stunden,
Zählt sie das Winterherz nicht.

Laub, das verrottet am Wege,
Schneckenspur, silbern, am Stab
Kreuzen sich sonnige Hege,
Modergrund, Mutter und Grab.

Schläfernd bezwingst du den Sänger,
Wachend sein dunkleres Haus,
Ob er empfang oder schwänger,
Schweigen die Nächte sich aus.

Was er begehrt, ist vergangen,
Was er durchleidet, verfällt,
Doch deine Weisungen prangen
Über den Wipfeln der Welt.
 

 

138


MEDUSA
I

Sie war so schön, doch Pallas überraschte
Sie buhlerisch auf ihren Tempelstufen,
Im Zorn hat sie das Mädchen so verrufen,
Daß niemand mehr an ihrem Busen naschte.

War einst sie lind wie Zephyrus beim Baden,
So konnte nun der Schrecken bloß versteinen,
Zu arger Schmerz verströmt sich nicht im Weinen,
Er stockt das Herz und reißt den Lebensfaden.

Doch ist auch ihr Erlösung einst versprochen,
Wer, ihrem Blicke fern, sie weiß zu minnen,
Hat auch des Fluches Siegelwachs gebrochen.

Viel muß geschehn, daß solches mag beginnen,
Doch wer das Blut der Göttin machte kochen,
Stirbt nicht gestillt und anstandslos im Linnen.
 

 

139


II

Das Alter macht Gesichter zur Geschichte,
Im Tode kehrt die Einfalt früher Glücke,
Wir sehn ihn im Gefolge übler Tücke,
Doch wenn er kommt, gehn wir in anderm Lichte.

Wer Bringer ist, ist der, die Tod erleidet,
Hier fremd und stets von minderem Belange,
Der Eigenformer wechselt Maß und Zange,
Und streng er sie von dem Betrachter scheidet.

Im Haupt verbleibt der schreckenhafte Schinder,
Doch was draus floh, ist andrerweis geborgen,
Ihm ist der Mörder immer nur ein Blinder.

Er mag sich um die eigne Seele sorgen,
Es züchtigen die Götter ihre Kinder,
Die aber müssen die Gestalt nicht borgen.
 

 

140


NACHTLIED
Widerpart Wanken
Lähmt das Gewicht,
Abendwärts sanken
Sicherheit, Sicht.

Führt dich die Hohle
Traumdunkel hin,
Siegeln Symbole
Seele und Sinn.

Eingang verzage
Möglichkeit, Zahl,
Vor deiner Waage
Einziger Wahl.

Binden dich beide
Stirnzeichen Kains,
Fallen die Eide
Alle in eins.

Brechen die Grinde
Heil und gesund,
Funkenflug finde
Mutter und Mund.

Und deine Wehre
Nimmt dir der Wind.
Wird dir die Leere
Zum Labyrinth?
 

 

141


ENGEL IN WAFFEN
Du bist der niemals Erkannte,
Du hast die Namen verlernt,
Dein ist der allem entwandte
Gott, der sich allem entfernt.

Schweigen und Finsternis scharen
Schatten um Mauer und Grab,
Und deine Burg der Gefahren
Weicht dem verwunschenen Stab.

Jungfrau, von ältestem Grauen
Mürb unter zimtener Haut,
Einmal, im Zeichen des Pfauen,
Hast du die Schlange geschaut.

Und ein erschlagener Tauber
Rief dich zum Ritter der Tat,
Die im Verkleinerungszauber
Ruhmlos bleibt, Rauch und Verrat.

Er war der Engel in Waffen,
Er trug den Schlüssel am Gurt,
Weder geschickt noch geschaffen
Schien seine silberne Furt.

Er hat dein Auge geblendet,
Gnadenlos, kalt und ergrimmt,
Ob er im letzten noch wendet,
Was dir die Fackel bestimmt?
 

 

142
Du mußt die Götter, den Garten
Und was die Liebe dir nennt,
Lassen und darfst nichts erwarten,
Nicht mal dich selber am End.

Masken, die Masken umwerben,
Buhlen mit Stachel und Schoß
Um deine Zeit: dein Verderben,
Um deine Dauer: dein Los.

Und du erkennst: die Gebärde,
Die sich in Formen verhaucht,
Strömt zu den Quellen, die Erde
Wahrt, was der Himmel verbraucht.

Bist du zum Ganzen geworden,
Neigt sich zum Ganzen die Fracht,
Führt dich der samtschwarze Orden
Heim in das Haus deiner Nacht.
 

 

143


ZEITGEDICHT
Winternachts wuchern Gesichte
Dumpfen, gestaltlosen Wehs
Durch der verlornen Geschichte
Wölfischen Singsang des Schnees.

Apokalyptischen Bildern
Weigerst du Sprache und Schrift,
Aber die Städte verwildern,
Bis sie der Silberpfeil trifft.

Was dir zu sagen geworden,
Rührt die Geknechteten kaum,
Moder, Gemeinheit und Morden
Werfen zurück in den Traum.

Aber in Treue ist Wahres
Möglich und überdies Mut,
Und es erfüllt sich: auch Ares
Fordert uns seinen Tribut.

Werden die Freiräume schlanker,
Werden die letzten verlost,
Hilft uns kein rettender Anker,
Nur metaphysischer Trost.

Alles ist allem verpflichtet,
Zweischneidig senkt sich der Bann,
Doch wer sein Wappen gesichtet,
Hebt sich an jedem hinan.
 

 

144
Unsere strittigen Normen
Haben den Rhythmus gemein,
Wie wir das Zeitlose formen,
Weiß die Geschichte allein.

Müssen wir dennoch verlieren,
Was uns im Anfang gelohnt,
Trau den Gedichten und ihren
Träumen, vom Wandel verschont.
 

 

145


SCHLANGENSOHN
I

Blick, der Verweilen gewährte,
Goldaug, von Rätseln bewacht,
Sag mir, o sanfter Gefährte,
Magischer Schwärmer der Nacht:

Wirst du vom Hüter der Herde,
Spieler der Flöte des Pan,
Jählings zum Schnitter zu Pferde,
Taube zerstampfend und Schwan?

Steigt unter fallenden Häuten
Scharlach, aus Schalen gepellt,
Furchtbar der Jäger der Meuten,
Der seine Lieblinge fällt?

Oder umnachtet die Eile
Schrecken von ruchtloser Gier?
Meine geschriebene Zeile
Löst sich vom weißen Papier.

Wo ich dir Eintritt gewährte,
Wo ich zu Spielen und Scherz
Alles verriet, mein Gefährte,
Zieltest du, trafst du das Herz.
 

 

146


II

Flüchtiger, schamroter Wange
Mohnwärts verwunschen, verhallt,
Deine Gespielin, die Schlange
Schweigt dein Geheimnis: Gestalt.

Einzig der ihre, den Normen
Frevler, der Liebe ein Hohn,
Wirst du im Wandel der Formen
Reif für die strengere Fron.

Opfer am Ganzen, von Hunden,
Wächtern von Pappe, verlacht,
Gehst du mit blutenden Wunden
Schweigend ans Ende der Nacht.

Ob dich der Himmel noch sähe?
Ob er verzeih den Verzicht?
Nur eine hungrige Krähe
Schweift um dein mürbes Gesicht.

Ob dich mein Kuß noch erlange,
Goldaug voll Rätsel und Wein?
Bald bist du selber die Schlange,
Traumdunkel schmiegst du dich ein.
 

 

147


III

Hat dich das Sieden der Moore
Fremd durch die Formen gejagt,
Stehst du noch einmal am Tore,
Das dir die Heimkehr versagt.

Hier bist du zögernd zerstritten,
Wähnst du die Erde versäumt,
Aber in Studeln und Schritten
Hast du sie immer erträumt.

Alles Gependel von Uhren
Hat sich zu Wolken geballt,
Gütig verwischt deine Spuren
Zärtlichster Boten Gewalt.

Und in der kalten Laterne
Bläulichem Schimmer verfall,
Über dir segeln die Sterne
Heim in das schweigende All.
 

 

148


ALTER UND LIED
Die Liebe vergreise, verkünden die Toren,
Und alte Erinnerung sei uns verloren,
Da Werke des Jahrs mit dem Jahre vertosen.
Der Tau bleibt an liebliche Blumen gebunden,
Die Wärme belebt neubefiederte Stunden,
Und Sonne, schon alt, hegt die werdenden Rosen.

Doch holder dies alles der Muse beschwere
Gewand und Geflecht und die Blumen der Ehre,
Gewonnen schon lang und seit langem gesponnen,
Sie welken und falln nicht wie lenzene Blüten
Verfallen und tragend nicht zeitlos vergüten,
Da Sommer und Winter sind ihnen gesonnen.

Kein Werden entmutigt, kein Werden begeistert,
Die solcherart lieb warn, gefühlt und gemeistert,
Sie hoffen nicht Liebreiz von Sonne und Regen
Und schützende Schirme vor Frost und Gewitter,
Nicht ihrer zu sorgen den hegenden Ritter,
Denn ihnen blüht Dauer und furchtloser Segen.

Gedachtes von einst, das wir dankbar betrachten,
Wirkt länger, als Menschen und Völker beachten
Des Todes Befehl, und die einsamsten Gaben
Bewahren die edlen und ehernen Reiche,
Der Stolz aller Kraft, aller Lust bleibt der gleiche
Im Licht, über Menschen und Alter erhaben.
 

 

149


ANADYOMENE
Wo hast du, Gesang, geweilt,
Da ich mich nach dir versäumt?
Göttin, nackt an Land geschäumt,
Wo hast du, Gesang, geweilt?

Wann hast du, Gesang, geträumt
Zwischen Wogen, weiß gesteilt?
Ungeschiednem, zwiegeteilt,
Wann hast du, Gesang, geträumt?

Wer hat mich, Gesang, durchpfeilt,
Nächtlich sternhin aufgebäumt,
Einsam, heimlich, ungeheilt?

Wem hast du den Weg geräumt,
Klamm, von Silberschutt verkeilt,
Wessen Reiters Pferd gezäumt?
 

 

 
 

 

 



WECKRUF UND MOHN





»Auf einen Stern zugehen, nur dieses.«
 
HEIDEGGER       

 

 
 

 

153


ZUEIGNUNG
I

Das Buch vom Mohn und vom Fanal zum Tag
Ward eines langen Werdens Schmerzenskind,
Manch Einfall kam und mancher floh im Wind,
Und Zwiespalt kroch in jeglichen Ertrag.

Erst waren Wandelstern und Labyrinth
Die Paten, dann der Erde Nachtgesag,
Dann hab ich mich entfernt vom Sumpfgeklag
Und vom Geheimis, das Arachne spinnt.

Nicht länger bin ich Schauender allein,
Denn wo die Liebe sich dem Geist vermählt,
Soll auch ein Haus mit einem Garten sein.

Da taugts nicht, daß man Wolkenpferde wählt,
Die finden nur den Weg in Freyas Hain,
Drum such der Leser selbst, was wirklich zählt.
 

 

154


II

Der Flamme, weiß von Mohn und Morgenflor,
War ich Adept, ich trug ein dunkles Vlies
Und sah den Auftrag immerwährend: Gieß
Den letzten Krug in dämmerndes Zuvor.

Und der mich dabei leitete und wies,
Apollon schien, umringt vom Musenchor,
Doch niemand blieb im Heiligtum des Hor,
Als mich der Stimme Wandelkraft verließ.

Doch wie die Schlange, die von eignem lebt,
Blieb mir sogar im Dunkelsten der Reim,
Und wo er sich beschließend männlich hebt,

Ward am geschliffnen Stab ein junger Keim,
Der wächst und mählich die Gestalten webt
Und salamandrisch weiterführt und heim.
 

 

155


III

Die Schatten rief ich her mit eignem Blut,
Und was sie brachten, liegt auf dieser Bank,
Ich weiß nicht mehr, was welchem Ruf ich dank,
Doch wurde mir das Ende endlich gut.

Ich sah die Welt und auch mich selber krank,
Was dies mir endlich von den Schultern lud,
Zu sehn, brauchts wohl für weitre Bücher Mut,
Die meine Freunde horten blau im Schrank.

Geh auf den Stern! Das Motto stand als Licht
Als erstes, und ich wußt nicht, wie er heißt,
Doch dieses war von minderem Gewicht.

So soll es gehn, wie Dichtern gehts zumeist,
Sie kennen nicht den Sinn von der Geschicht,
Doch ihr Bemühn in neue Reiche weist.
 

 

156


GNADEN-REICH
Dem Chaos, Traum und Fruchtbarkeit, entquoll
Zuletzt, bedingend, der Gespiel in Moll.
Verweibte Welt, entmannter Esche Zoll,
Ließ dir die Form, die sie beherrschen soll.

Das Limit: Linie, Punkt und Raum – du weißt
Dich Dreiklang, der im Brennpunktdoppel kreist,
Wo einer Sphären, dir gewollt, durchgleißt
Und einer einzig der Verborgne heißt.

Das Stigma: Tod als Selbstbegegnung beim
Aufschaun ins Gleichnis, Allverwandlungs-Keim
In zwei Gesichtern, offenbar geheim,
Und beider Walten kehrt im Werk, im Reim.

Der Name: die Gestalt im Menschenmaß,
Die Fülle war und sie nicht nur besaß,
Das Reich der Gnade, Reichtums Pol, vergaß
Den andern nicht, der Traurigkeit erlas.

Du hast ihm früh die Zärtlichkeit gedankt,
Den Schatten, der den Adlerflug umrankt,
Musik, von Sturz und Nimmermehr beflankt,
Die leiblich war und wie der Leib verlangt.

Und Stern und Stein, benannt, erwachten da
Aus Schlünden, schwarz und im Gewitter nah,
Zerstobne Nacktheit, Flut, gezackt, ersah
Die Gnade, daß dies alles längst geschah.
 

 

157
Sie wurde dein, der reif zur Milde kor
Den Gott, der seine Schlangenhaut verlor,
Das Siegel leuchtet am verschloßnen Tor:
Nicht Welt, du selbst warst aller Welt zuvor.

Du lerntest gehn und wandtst beschiednen Sinn
Nun feierlich auf die Geschöpfe hin,
Die Große Mutter sprach im Welt-Gewinn
Und brachte dir Geschirr von Gold und Zinn.

Die Spannung wich im herben Donnengroll,
Der Krug zerbrach, mit Heimgebrachtem voll,
Dem Chaos, Traum und Fruchtbarkeit, entquoll
Zuletzt, bedingend, der Gespiel in Moll.
 

 

158


INITIALEN
In allen Dingen ruht die gleiche Schrift,
Die sich ihr Haus im Abgelegnen glaubt,
Wenn freies Handeln dem gekrönten Haupt
Die Erde nahm und nun auf Grenzen trifft.

Die Initiale, die des Spruchs beraubt,
Doch gleichwohl inne der vergeßnen Gift,
Am Firn verhallt in ungehörter Hift,
Da nichts den Stab mit jungem Grün belaubt.

Geheimnis, das den Anspruch nicht verstofft,
Die Spuren, die ein junger Gott betrat,
Unlesbar, Zeugnis, das in Stille hofft.

Fruchtbar noch immer, Traum und Drachensaat
In Furchen, die die Zeit vergaß so oft,
Verheißung, die uns braucht und unsre Tat.
 

 

159


VISION DES GESANGS
Ein Hochplateau als See, am Rand bestricht
Von Wasser, das in Dichte Nebel fällt,
Vereinzelt deutet Felsiges auf Welt,
Die sich entzog zu schweigendem Verzicht.

Schneeschmelze, bläulich im aprilnen Zelt,
Auch diese Landschaft ist ein Angesicht.
Die Jahre fliehn, und wir bemerken nicht,
Wie sich das Bild in neue Rahmen stellt.

Es sind die Stunden, die die Sanduhr mißt,
Melancholie, die ihr Geheimnis webt,
Die Form der Sprache, die sich selbst vergißt.

Die Sicherheit, die in den Dingen lebt,
Aus Rissen schimmert und für kurze Frist
Die Welten auftut und zu Welt erhebt.
 

 

160


DIE STIMME
Sie lag und lachte leicht, als wäre sie
Vom Apis aus dem Rauch des Hanfs geweckt,
Hermaphrodit und Zwillingsstern, befleckt
Vom Gift, das eine schwarze Viper spie.

Ihr Spiel verbirgt, und kein Gebet bezweckt
Ihr Falterflug und ihr Gesang, wenn sie
Schuldloser Hand dem reifen Blut, das schrie,
Den Hort bedeutet, da der Drache steckt.

Sie wußte nichts und kam Vergessen-her,
Schmelzwasser, das von Sandsteinmauern rinnt,
Akkord des Anfangs, noch bedeutungsleer.

Sie lachte leichten Blütenstaub – in Wind
Geworfen wem? – und sie verrät nicht, wer
Geworfen hat, wenn wir verworfen sind.
 

 

161


ARNSHAUGK
Erinnern meint: Die grause Schädelstatt,
So atemlos erlauscht, war frühstes Bild,
Doch Traum, den Weh mit seiner Farbe schwillt,
Hat mehr Geschichte, als Geschichte hat.

Hier floh die Furt, wo das Gesetz nicht gilt,
Lichttrunkner Aar, gezeichnet von Geschatt,
Von Liebeswahn, der bebt und nimmersatt
Sich bäumt und steift, vergeblich, ungestillt.

Hier brütet, was dem Schauenden sich rar
Und launisch weiß, im Aug, vom Blitz beseelt,
Bis nur ein letzter wacht, des Schlags gewahr

Der Schwinge, die die Schrecken nicht verhehlt,
Im Wappenherz der weit verzweigten Schar
Des Haugks gedenkt, wo die Geschichte fehlt.
 

 

162


HEILIGE BÄUME
Dodonas Eiche, der Verheißung kund,
Eleusis Apfelbaum, von Kindsraub wund,
Der Buchsbaum irdner Feuerkünste und
Der Ahorn Krieg sind allen Schicksals Mund.

Und Palme, die Geburt der Jägerin
Verbarg, Zypresse, Dunkelstern-Beginn,
Und Kreuzdorn, wach, daß er die Huldin minn,
Und Urmeers Ulme sprechen drein: ich bin.

Jedoch der Ölbaum fordert Wacht und Sold,
Der Myrte nächtges Spiel verachtet Gold,
Und Lorbeer ist dem trunknen Barden hold.

Sie schirmen unsre Alter, und am Schluß
Steht, der uns durch die Pforten führen muß,
Deß Leier Traum dem Traum im Haselnuß.
 

 

163


DAS OFFENBARE
Verhirschter, den zerfetzt die Doggenschar,
Du gleichst dem Pollen, der im Hag verweht,
Den Wanderer, der geht und abseits steht,
Befranst ein Wind mit deinem blonden Haar.

Er reiht es in sein Runen-Alphabet,
In Formeln, die mit seltener Gefahr
Den Flaum beflüstern, das Geschlecht gewahr
Im Horn der Schwester und im Schilf-Gered.

Dort rätseln, die verfallen sind der Flut,
Mit Gesten, linkisch, um ein Schneckenhaus,
Verwunschenen als Hort und Bleibe gut.

Dort tändelt, was sich heimlich weiß, Gezaus
Des Seewinds, der auf stille Feste lud,
Umwirbt, was wird, und plaudert alles aus.
 

 

164


WORT UND STERN
Schau in den Stern und schau Vergangenheit,
Licht, das kristallnem Schalenkreis entwallt,
Noch unverschlungner Bahn, und nie erschallt
Das Wort, das klanghin dies Geheiß entzweit.

Nun lausch dem Klang, der alles jüngt, wo galt
Das Menschenmaß und Einheit bot Geleit,
Er hat sich zum Gesang empört, der Zeit
Das Wort verwehrt, das sternhin ruft: Gestalt.

Dies freilich bleibt dem werbenden Gesäum,
Damit es nicht erstarre noch zerrinn,
Geheim, als ob es nur sein eigen träum.

Und auf den Stern, den namenlosen, hin
Wirds Göttin, die, als ob sie Flut entschäum,
Uns anfaßt und sich selber sagt: beginn –
 

 

165


LUZIFER
Aus eins mach zwei, und es gewinnt der Takt,
Der Hader des Geschlechts: Passion und Akt,
Und eins, zu stolz für alle Zierde, nackt
Zerschlägt den Reif, um welkes Haupt gezackt.

Denn Aufruhr tobt, wo einer weiß: er kann.
Die Harmonie, die ein Äon ersann,
Wird schal und widert seine Gluten an,
Die eines sind und eins verlangen: Mann.

Das Recht der Jugend, rot gelockt, betaut
Mit Wünschen, die an seiner stolzen Haut
Zerperlen, kürt, mit dunkler Macht betraut,
Die Flamme, Herrin letzten Tags, zur Braut.

Und stärker als sie selbst verlockt Gefahr,
Er läßt als Stern sein scharlachfarbnes Haar
Und führt gen West zu Otter, Drud, Barbar
Vergoßnes Blut, das salamandrisch war.

Die Scheiterhaufen, dicht bewölkt, der Pfahl,
Intrige, Gift und falscher Worte Qual
Soll läutern, was im großen Läster-Saal
Gott kleinmacht und sich einverleibt im Tal.

Die Sanften, die im Mai-gewordnen Wind
In süßer Traurigkeit die Liebe lind
Beknospen, für Vergeblichkeiten blind,
Fleckt schwarzer Beulen aufgeplatzer Grind.
 

 

166
Den weißen Leib des Adonai im Korn
Zerfetzt des Ebers aufgebäumtes Horn,
Gebieterische Frucht aus dunklem Born
In blinder Wollust und geballtem Zorn.

Traumlos dem Meister, der allein ist: Schmerz
Der keine Sprache kennt denn die: Beherz
Nichts Seiendes, es treibt dich wundenwärts,
Und niemand weiß, ob es Gericht, ob Schwerz.

Und einer kommt und geht, vom Greif zerhackt,
Von irdner Glut zum Diamant entschlackt:
Aus eins mach zwei, und es gewinnt der Takt,
Der Hader des Geschlechts: Passion und Akt.
 

 

167


AMFORTAS
Wie einer Kerze Rest gestürzten Docht
Aufrichtet und ihm das Verlöschen wehrt,
Hielt ihn sein Erbe, zur Gewalt gekehrt,
Am wunden Herz, das nicht zuende pocht.

Das Königskleid, von Liebesleid versehrt,
Vermied der Kranke, den sein Amt befocht,
Das Ende, dessen Zwang er nicht vermocht,
Kam stückweis, mit geballter Qual beschwert.

Und linker Hand stand Vaters Macht und rechts
Das schwanke Kreuz, und den Erlöser trugs,
Vom Speer zerfetzten, blutenden Geschlechts.

Doch Mohn, der Feldern, todgeweiht, entwuchs,
Im Tal des Schreckens und im Lärm Gefechts,
Kommt heim und tötet schwerelosen Flugs.
 

 

168


NOAH
Das Meer bleibt uferlos, die Taube bringt
Nicht Hoffnungszweig, noch staubbedecktes Grün,
Einsame Tage kommen und verglühn
Im West, wo Dämmer sein Gebet verschlingt.

Das Vogelherz im Schlag verlorner Mühn
In seiner Schläfen gleichen Rhythmus dringt.
Der Trost prallt ab, und der Verlorne ringt
Mit Gott und Tod durch Nacht und Nebelfrühn.

Und endlich: Land! – ein lauter Jubelschrei
Auf Gott, der will, daß ihn der Mensch besteh,
Bestürmt die Küste, heimgekommen, frei –

Er atmet schwer, und schon umraunt ein Weh
Die Seele, daß dies nur Versuchung sei.
Er weicht zurück, sticht traumlos in die See.
 

 

169


DON QUIXOTE
Sie bringen ihn! Der sinnverwirrte Mann
Im Käfig schlummert, den das Dorf bestaunt,
Und mancher lacht, und manche Sorge raunt:
Er ists, der tun wollt, was Roman ersann.

Und einer träumt, gewiegt vom dunklern Sound:
Was Wahn, was wahr ist, zu entscheiden, kann
Gott überlassen sein, der dann und wann
Sich solchen Fragen neigt. Und gutgelaunt

Ersinnt der Häftling die verrückte Mär
Des nächsten Aufbruchs, seinem Stern getreu,
Der Tat, die nichts bewirkt, zu Dienst, als wär

Ihr Raum, und was sich dunkel birgt, ließ Scheu
Und böte sich dem Schwert des Tilgers, der
Die Spuren schaut in Bluts Gewalt-Gebräu.
 

 

170


SPRACHFAHRT
Seit ich vergaß, wann ich die Anker ließ,
Und Sonne schwand, von mürber Front bedräut,
Und Raubgeflügel rings ein Grabgeläut
Im Schweigen, das an Raum gewinnt, verhieß,

Erahnte ich, von schwarzem Licht bestreut,
Das Nahn Apolls im dichten Nebel-Vlies,
Im Wort, das Traum in ein Versprechen wies
Und dessen Fortgehn die Erkenntnis reut.

Da wußte ich: wenn sein Gebot erscheint,
Ist Tag nicht Licht und Nacht nicht Finsternis,
Und Schwindel, der uns Wort und Welt vereint

Ist der des Wolfs, des Schrecklichen gewiß,
Der zieht sein wundes Fell aus, wacht und weint:
Gefallner Engel, der dich mahnt: Vergiß!
 

 

171


ERFRORENE FRUCHT
Dem frischen Schnee, drin keine Frucht verdirbt,
Gab ich die letzte, die mir blieb vom Fest,
Und ahnte nicht, daß den gehegten Rest
Der weiße Schnitter unsichtbar umwirbt.

Nur ekler Schleim sprach tags darauf: nun eßt
Erinnerung, und Vogelweisheit zirpt:
Wir mögen nur, was durch uns selber stirbt,
Und Ares ists, der uns genießen läßt.

Ich dachte eines Traums, da Werwolf-Haar
Stach böse durch die Haut, Korallenstein
Der fad, porös und ohne Leben war,

Zerkauend, hielt ich höchster Not mir mein
Gesicht, doch Furcht sind Schrecken offenbar,
Die größer sind uns einst das ganze Sein.
 

 

172


DEIN LOS
Nimm diesen Spruch und widersprich mir nicht:
Du hast die lange Nacht umsonst gewacht,
Und der dirs wies, hat die Geduld verlacht,
Er ging noch früher als das letzte Licht.

Nichts hat der Opfer, die du bringst, gedacht,
Kulissen hieltst du für des Gotts Gesicht,
Es ist ihm gleich, wie bald dein Mut zerbricht,
Und deine Torheit gilt ihm ausgemacht.

Aus Bergen, die an Dauer glauben, her
Ragst du als Gletschereis, vom Neid gesäumt.
Die Winde fegen deine Tiefen leer ...

Wie Täler, denen du zum Sturz gebäumt –
Und einzig mürb zu werden, bis du wer,
Der schließlich fällt, und ewig weiterträumt.
 

 

173


PHOENIX
Wo Juni schwand und der August schon alt,
Frühnebel tropft auf den bemoosten Grat,
Gehst du zur Rüste und verfolgst den Pfad
Der weißen Spinnerin im Zeichen-Wald.

Kein Heer beficht, was ihrem stillen Staat,
Der Fäden löst und sie zu Knoten ballt,
Sie heischt das Opfer deiner Lichtgestalt
Und weiht die Asche, die dein Herz erbat.

Sie: wandellos, du spürst, wie Schicht für Schicht
Der Brand ein Buch durchblättert und verzehrt,
Und Masken fiehn vor frühestem Gesicht,

Da sie vorbeiging, und du lagst entehrt
Im Wissen, wie verfilzt ist, was dir schlicht
Und rein erschien, wenn es den Tod entbehrt.
 

 

174


INKARNATION
Der hohe Mittag war und wölbte um
Sein Reich die Pfade, die ich wählte, krumm,
Die Fluren brannten hell und jedes Trumm
Betrog mich wie das Lied im Windgesumm.

Sie flossen unbemannt und unbeweibt
Im Ozean, der die Geschichte schreibt,
Und litten, Wrack, das im Geeinten treibt,
Geduld, daß sich die Traurigkeit verleibt.

Das Dunkle war wie ein Umarmen hier,
Als schliefe Gott in dem vergrabnen Tier,
Sanft steigend wie im Himmelshof der Stier
Den Krieg verhieß: Verrat und nackte Gier.

Da wußte ich das Licht in höchster Pracht
Vereint mit Blindheit und mit Mitternacht,
Der Auen mürben Flüsterton bewacht
Vom großen Sterben der verlornen Schlacht.

Ein Engel schritt mit schwerelosem Fuß
Und rührte nicht, was Asche war und Rus,
Ich starrte stumpf und brachte keinen Gruß
In seiner Sende stumme Geste: Tu's!

Ich sah der Augen Zärtlichkeit verbrämt
Mit Schleiern seltner Bürde, fast verschämt,
Am Abgrund, der die großen Vögel lähmt,
Die Täter stürzt und alle Taten zähmt.
 

 

175
Und mein Gesicht entfloh berührter Not
In eigner Höhlen Dunkelheit, so rot
Wie Rosenkelche, ganz in sich verloht,
Zum Skarabäus, und er sprach vom Tod.

Ich spürte, wie mich seine Huld umwarb,
Die tiefen Ströme, klar und veilchenfarb,
Und wußte jäh, daß ich schon lange starb,
Und schrie die Furcht, die alle Fahrt verdarb.

Der Engel schwand, und alles kehrte zum
Vertrauten Trug, darin die Himmel stumm,
Der hohe Mittag war und wölbte um
Sein Reich die Pfade, die ich wählte, krumm.
 

 

176


HYAKINTHOS
Er stand im Frühlicht, und die Sonne glomm
Noch kupfern auf der Wunderwelt des Taus.
Sein edler Wuchs, die Haare, schwarz und kraus –
Es wurde Licht und rief ihn leise: Komm!

Er ließ die Mütter und ihr dunkles Haus
Für Wiese, Wald und Wind und glaubte, vom
Geglitzer blind, daß seiner Freude fromm
Der lichte Himmel weit gewölbten Blaus.

Doch wie zur Mittagsflamme hin das Maß
Sich selbst im Sehnen, übergroß, befocht,
Verwehrt die Mutter, was der Gott erlas.

Und ohne Halt, den nicht Apoll vermocht,
Sank er, und sein erwachtes Herz genas,
Bevor es Blut auf wilde Blumen pocht.
 

 

177


BIRKENWALD
Wie Meer den Hafen-Horizont verschlingt,
Riß Herkunft wie ein überspannter Draht.
Das Gras stand hoch, August verlangte Mahd,
Von schlanker Leiber Flüsterton umringt.

Ich ging – war es Entdeckermut, Verrat,
Die Unschuld, die sich dunkler Gier verdingt?
Vergeßnen Wesens, das die Sonne bringt,
Blutspur am Hans, die unvernarbte Naht?

Es waren Birken, weißer Übermut,
Drin eine Lust, nicht zu beschreiben, ruht,
Der letzte Tag, bevor der Herbst regiert.

Ein Zauber, der allsommerlich im Blut
Mich zog zu ihrer weiß veraschten Glut,
Entsann sich Namen, die er leicht verliert.
 

 

178


FELSIGES TAL
Ein Tal, in Schiefer, aufgetürmt, geschürft,
Weckt meinen Traum am nahen Horizont,
So oft der Fluß, von spätem Herbst besonnt,
Die Grüße Meers und Wolkendunsts verwirft.

Die Kerbe, eng, bedroht von steiler Front,
Getön des Winds und die Versuchung: dürft
Ich jener sein, der ozeanisch schlürft,
Einschlingend, was mir schlängelnd nahn gekonnt.

Doch kaum versuch ich, der ersehnten Au
Fußwegs zu nahn, verwehrt aus wärmerm Süd
Legion von Faltern, dich geschart, die Schau.

Und ich versteh: ich fand den Weg verfrüht,
Und wende mich zurück ins Himmelsblau,
Nach Wolken, spiegelnd, was im Tal geblüht.
 

 

179


ABSCHIED UND TOD
Ein Traum, in andre Träume eingefügt,
Ein Licht, so weiß, aus heißer Nächte Schlund –
Wem sind die Zeiten solcher Träume kund?
Sie haben sich und unserm Traum genügt.

Sie spielten sich an ihrer Schönheit wund,
Die Engel, licht, wo nie ein Morgen trügt,
Die Zeit vergaß, und auch daß Liebe lügt,
War nur ein Spiel auf dem erblühten Mund.

Der Fliederzweig und die verletzte Hand,
Die Wolken, weiß und leicht im Sommerwind –
Du hast den Engel, früh geschaut, bekannt.

Und Träume, da wir unsre Engel sind,
Erinnern sich, dem frühesten verwandt,
Wenn Blut so leicht auf weiße Laken rinnt.
 

 

180


APOLLON
Ein Knabe fast, im ersten Flaum des Kinns
Nachtwandelnd zwischen Klippen, ungestalt,
Ein Wunsch im Wind, der Regenbogen-alt
Unendlich leicht die Worte sprach: ich bins.

Seit je gesprochnes, Wind- und Kind-gelallt:
Geburt der Waage, zwiefach schwer, der Zins
Ist Blut des pflanzlich unerweckten Sinns,
Dem das Geheimnis, das ihn losließ, galt.

Nachthimmel, hell, der alle Träume nahm –
Der Python, Daphne, Hyazinth, und nicht
Mehr bluten soll die aufgerißne Scham ...

Ich bins – gesagt, unendlich leicht Gesicht –
Der Wunsch nach Sein, der wuchs und niederkam
Als Mensch im Dunkel, doch als Gott: das Licht.
 

 

181


ATLANTIS
Nun lächle dich empor, denn Helios hält,
Die Rosse wendend, wenn die Waage ruht,
Laß Nacht und zoll dem hohen Tag Tribut,
Der dein, wenn Auf und Ab zusammenfällt.

Erwach und sei im Augenaufschlag gut
Und Deutenden, von Masken bloßgestellt –
Wohl möglich: Du verlangst nach keiner Welt,
Die einsam glaubt und so das dunkle tut.

Sie weiß von ihren Wendepunkten nichts,
Dort hausen Namen, die vergessen sind,
Und andre fremden, lächelnden Gesichts,

Du aber frei vom Spiel, das geht, beginnt,
Bist früher Schöne sichtbar, uns gebrichts
Der Leichtigkeit, wenn Mittags-Bann gewinnt.
 

 

182


FALTER-GESANG
Apollon schläft nicht, und er dürfte es
Im Schoß der Musen, doch er senkt sein Haupt
Nur in das eigne Wachen. Lind belaubt
Sein Wimpernschlag, was müde uns, doch weß

Farbwunder uns das Licht-Geheimnis raubt
In Mittags, Mittnachts Gleiche, Zauber des
Großblickens, Flügel-Aug? – und nie vergeß
Ich Sommer, heimlich lieb und kaum geglaubt.

Kelch eines Ungeträumten, koste – ach,
Wo Honig fließt, mag auch die Stunde rasch
Entfliehen, Nymphe, scheu, nur Sternen wach,

Muß er im hohen Mittag sein. Erhasch
Nicht folgenloses Flattern, sink und fach
Sein helles Ruhn, drin dunkel deins verasch.
 

 

183


EISENACH
Die Herbste träumen ihren Nachmittag
Der Burg, die rot und voll Verheißung lag,
Von Wall und Sims, wo einst die Fahne stak,
Fliegt Garn ins Tal wie eine Stimme: sag,

Wo hast der langen Sommer du gelacht,
Gespielt, geweint und Namen ausgedacht,
Wo warst du hoch zu Mut die letzte Nacht
Und hast der Schlange deinen Gruß gebracht?

Die Knaben singen vor dem Abendmahl
Der Jungfrau und von des Erlösers Qual,
Und einer reicht, versehrt von seltner Wahl
Der Ahndung Weinbergs goldenen Pokal.

Nicht jedes Tier steht wohl erforscht im Brehm,
Manch einem ist allein der Traum genehm,
Die Spuren, frisch in Unterholz und Lehm,
Verraten dir das Hörsel-Diadem.

Dies ist der Tag, den Pantherpilz zu schauen,
Als Weiser seiner braunen Glut zu traun,
Und wo man einst nach Erz grub und Alaun,
Wird Klingsor dir die goldne Brücke baun.

Und Schlangen, von Verrat gesteifte, falln
Ins Hirn, das sie mit weitrem Gift bestalln,
Bis sich das Auge zwängt und Finger kralln,
Die Zungen im Gekreisch der Hexen lalln.
 

 

184
Aus Grotten, die des Drachen Brut behaust,
Dampf Lustgeächz, von Peitschenknall durchsaust,
Mischwesen metzeln, wem die Messe graust,
Die Satan liest, hundsköpfig und verlaust.

Der Spuk zerrinnt beim ersten Hahnenschrei,
Du bist gelöst und fühlst dich doch nicht frei,
Denn im Tumult von Tanz und Tollerei
Zerstob, was du gesucht, zu Blut und Schrei.

Ein Garn zerreißt und flattert weit im Hag
Des Hörselbergs, der sich nicht öffnen mag,
Die Herbste träumen ihren Nachmittag
Der Burg, die rot und voll Verheißung lag.
 

 

185


BOOTSFAHRT
Verwandlung: Wein, der niederschlug, befreit
Von Nacht, im rohen Zecherkreis verpraßt,
Im Wunsch: Sei Holz und schell die arge Last
Als Boot in kleiner Wellen Heiterkeit.

Im Röhricht, einem Flüstern froh, das fast
In Worte drängt, was leichtem Wind gedeiht,
Sprach so des heißen Tags verführtes Leid
Als Hauch Verfall in Prunk und Fieberglast.

Und Schlinggewächs, das rasch an Raum gewinnt,
Verfilzt den Traum, der kaum entwirrbar scheint,
Zur Ahndung bang am unvernarbten Grind:

Daß manche Spiele, schlanker Frist vereint,
Das Gleichnis für Jahrzehnt und Leben sind –
Am Schattenufer hat ein Gott geweint ...
 

 

186


REIGEN
Dies ist das letzte Wort der Liebe, lausch:
Sie gibt die Worte weiter, ihr gesagt,
Und Worte wandern, und ein Schauer jagt,
Und über große Wasser ragt der Tausch.

Ein Schauer andrer, fremd, und wer befragt,
Was jeder Frage fremd, es ist ein Bausch,
Der aufsaugt und dasselbe läßt im Rausch
Und phallisch über große Wasser ragt.

Dies ist das letzte Wort der Liebe, nimm,
Was du gegeben, Stern-bewacht im Kuß,
Allein und über große Wasser schwimm.

Und Weg ist, und du ziehst im großen Fluß
Auch über große Wasser halb so schlimm,
Wenn, was du liebhast, drin ertrinken muß.
 

 

187


DIE SCHLANGE IM TRAUM
Sie war mein Lieb, die seltne Wandlerin,
Und leibhaft, und sie spielte lang mit mir,
Und wer mich seither fragen will, ob wir
Uns wirklich waren, fragt, ob ich mir bin.

Denn sie verriet, und ich gehorchte ihr,
Eins, ich verstand nicht, wie so oft, den Sinn
Des Dings, vor Deuter scheu, und ich gerinn
Erst, wenn ich gern, was sie verschenkt, verlier.

Die Spur in Rot, und Rosen wars entlehnt,
Sie zog sie wieder fort und wieder her,
Als sei ihr Dasein weiter ausgedehnt

Als ihre Haut, die Zärtlichkeit und sehr
Bedürftig nach Berührung war, so sehnt
Sich Schönheit nach dem wohlgezielten Speer.
 

 

188


DER FREMDLING
Er lag im Schweiß, als ihm der Traum entglitt,
Allein in seiner Atemnot – allein.
Die Luft blieb willig, und sie drangen ein
Und brachten ihren langen Abend mit.

Und Unschuld, bös im tänzerischen Schritt,
Gefiel, was ihn erröten ließ, im Wein
Mit vielen Spielen zwischen dein und mein,
Die er nur schwer begriff und sanft zerlitt.

Ihm war, als ob er durch die Wüste ritt,
Dämonisch hellwach, und er wollte schrein,
Als ihn die Falte einer Hose schnitt.

Er blickte in sein leeres Glas und stritt
Mit seinem Raum und konnte nicht verzeihn,
Daß der zu arm war und zu eng zu dritt.
 

 

189


VERLASSNES ZIMMER
Verwinde Furcht und tritt ins Feld, entführt
Ließ er des Nichtseins Sprache, die erzählt
Aus Dingen, die verworfen und erwählt
Dich anschaun, der, was dauern will, berührt.

Archive schau, aus frischer Spur geschält,
Unlängst hat er im Ofen Glut geschürt,
Und mancher Brief noch seinen Atem spürt,
Wenn er sich Bildern, die verschweigen, mählt.

Und irre lang und alle Hoffnung nimm,
Du seiest es, der hier die Bilder stimm
Aus dunklem Klang zu spielerischem Zweck.

Und glaube bald, du seist gefangen im
Gewisper rings, das grün und giftig glimm
Und feindlich starr und über dich hinweg.
 

 

190


GANYMEDES
Er schwieg sich nackt in seinen Knabentraum,
Sandalenleicht – sein Schlaf und veilchenblau.
Doch ehrsuchtbleich fiel mit dem Morgentau
Ein Schatten aus dem weiten Himmelsraum.

Sein Licht erlosch und schlug im ersten Grau
Noch einmal zag an den erwachten Saum.
Der Wind, geplagt in einem hohlen Baum
Trieb dunkle Wolken über Hain und Au.

Der Himmel lag wob in leicht verkrampfter Schau,
Und die Begierde rüttelte am Zaum
Der Gottgestalt und schwoll im harten Stau.

Die Wimpern fielen leicht, und erster Flaum
Trug seine Lust, die arglos ging und lau,
Als merke sie die schweren Klauen kaum.
 

 

191


EUROPA
Die ohne Arg war, bis sie niederwarf
Ein Stier, der rasend auf sie losfuhr und
Sie weithin riß und im zerfetzten Schlund
Durchleiden und begreifen ließ: Er darf –

Betrat in strenger Heiterkeit den Grund
Erworbner Bürde, Klippensaum, der scharf
Abgrenzt Gestad, wo Meereswinds Geharf
Sie tröstet, aller Wiederkünfte kund.

Sie weiß, sie wird sehr einsam bleiben hier,
Der Eintracht derer, die nichts ahnen, fremd,
Und manche Mittnacht überfällt sie Gier,

Zu gleichen dem, was Wogen angeschlämmt,
Daß sie Gedächtnis, Rang und Aug verlier,
Ihr Tun, erlaubt, und ihre Tat, gehemmt.
 

 

192


ARS MORIENDI
Verlier die Ufer Traums, die niemands Neid
Gewinnt, und fließ in schöner Leichtigkeit
In tiefre Ringe, senk das Lot, entscheid,
Ob du begründet seist in Raum und Zeit.

Nicht Leere ist, kein Antlitz abgewandt,
Nicht Fluch noch Mauer, die verschloßne Hand
Des Gottes, der die Plagen ausgesandt:
Dein Traum hat aller Ämter Amt ernannt.

Die Zeichen, Zeiten für Verzicht und Kult,
Erweckst und schläferst du in gleicher Huld,
Im Weben, was du atmest, üb Geduld
Im weißen Taumel und im Tausch der Schuld.

So viele Träume, Traum-verschattet, stehn
Im Zwielicht, wo die Zweifelhaften gehen,
Einhorn und Sphinx und märchenreiche Feen
Umraunen dich, bis sie im Wind verwehn.

Dir aber frommt der rascheste Planet
Und was beflügelt kam und unerfleht,
Was reicher Scholle, Gott-besamtem Beet
Im Juli prunkt und im August vergeht.

Er, manchem Werk und mancher Botschaft gut,
Bleibt Mittler, herrlich hier, doch andrer Hut
Gehorchend, und sein blaues Reich beruht
Auf Einklang, hoch in Heiterkeit und Mut.
 

 

193
Solch hoher Mut, gespeist von höherm Traum,
Verwirft die Willkür nicht von Zeit und Raum
Und wertet sie zu Spiegeln der, die Schaum
Entstieg und sang, der Woge Zier und Zaum.

Ihm treu und gleich in Hehlerei und List,
Erlaubt in Takt und Tanz und holder Frist
Der Trommel, die euch Los und Hochzeit ist,
Wenn er dein Reich und du das seine bist.

Und dunkel bleibt, wer Knabe ist und Maid,
Und dunkel bleibt, was Freude war und Leid,
Verlier die Ufer Traums, die niemands Neid
Gewinnt und fließ in schöner Leichtigkeit.
 

 

194


LIED DER NACHT
Gedankenspiel – o Seil im Widerpart,
Sag mir den Ort, da dich die Trauer fand,
Du hast dich von den Märkten abgewandt,
Ein stolzes Schweigen, dir gemäß, bewahrt.

Du schweigst dem lähmend nüchternen Verstand,
Den Gläubigern, um seinen Trog geschart,
Ein Lied der Nacht hat rein dich offenbart,
Kaum hörbar nah am ungesagten Rand.

Die Dinge werden inniger Gestalt,
Geheime Hamonien in Zahl und Maß
Versehn in einem großen Spiel den Spalt,

Hinauszuschaun, was sich ein Gott erlas:
Musik, die Nichts zu Welt zusammenballt
Und die ihn mehr, als er sie je, besaß.
 

 

195


HERMES
In weiße Schlummer, halb erschascht, versink:
Der Argwohn blich in roten Himmeln, wund,
Er war Musik und sie erblühter Mund,
Nun schweig dein Lied, die ist die Quelle, trink.

Und zwei sind eins: der unerweckte Schlund,
Des Einhorns Flucht durchs Unterholz, zu flink
Im Zwielicht, eins mit beiden, Blatt-Geblink
Erzählt der Lieder Lied im Eschengrund.

Der Frühling, eins und drei, die er begehrt,
Er treibt sie leicht mit schlanker Gerte her,
Den Tod, den Schoß, daraus er wiederkehrt.

Gestimmtes Maß, Geflecht von wem und wer,
Im Klang, der nur sich selber fügt und wehrt,
Denn wer die Zahl ist, zählt nicht mehr.
 

 

196


ZIEL EINER REISE
Der Bahnhof sprach, gespenstisch leergefegt,
Orakelhaft: Was soll das ganze Tun?
Mein Trotz, in dieser lauen Nacht zu ruhn,
Ertrug die Ödnis, grau und unbewegt.

Die Grenzen, die das Einst bestimmt dem Nun,
Verwischte Schwermut, hoffnungsfrei gehegt,
Und er geschah, mit seltnem Glanz belegt:
Und hatte Flügel, ich erschrak, an Schuhn.

Und, früherblüht und ganz Gemüt – April.
Ich bot mich seiner Führung, halb im Spaß,
Und nahm sein Lächeln, rätselhaft: ich will.

Er wußte wohl, daß er sie längst besaß,
Die Seele, die an schwarzen Wassern still
Den Weg betrat, den schwerer Schlaf vergaß.
 

 

197


SCHATZGRÄBERS LIED
O Schatz, ich grab dir nach, denn ich versah
Dich Tiefen einst, und kamst du je zu Licht,
Dann früheren Verstecken, die ich nicht
Auslote, denn du bist durch sie nur da.

Nur das Verborgene gewinnt Gesicht,
Drum laß mir etwas Zeit, ich wähnte nah
Gewundnen Stollen, tief, entfesselt sah
Ich, was du deckst, auf Gegenwart erpicht.

Du hofftest, daß ich lieb und Hintersinn
Nicht leide und nicht losgelöst dem Glück
Durchschauend dir ein künftig fremder bin.

Doch morgen geb ich, wenn du magst, das Stück,
Das uns entfernt, nicht ohne Zinsgewinn
Dem Heute, das dir heut so wert, zurück.
 

 

198


DER TIGER
Das Auge – wach und weit und gänzlich hier.
Die Schlange, die den Deuter narrt, verwischt
Die Spur und weist gen Nord, wo schwarze Gischt
Gebiert und säugt, zu Speer geballt in dir.

Im Dunkel, dir vertraut und eigen, zischt
Der Winde Wahn, die Schrecken aller vier
Sind deine Farben, Widder, Lamm und Stier
Sind eins im Blut, das deine Pranke mischt.

Nur einer, der wie du geschichtslos bleibt,
Ist froh vor dir, daß du ihn willig trägst,
Dem Zentrum zu, dem ihn die Zeit verschreibt,

Daß du, es witternd, die Beschwer erwägst,
Ganz inne seist, daß es den Gott verleibt,
Dich aufbäumst und den Unbekannten schlägst.
 

 

199


SCHLAF
Er überfällt im Hinterhalt, beschleicht
Mit Eifersucht, daß er dich nicht allein
Beschauen darf, den schwanken Wunsch zu sein,
Der Rauch an Sommernachmittagen gleicht.

Den Räubern ist die Zärtlichkeit gemein.
Wer weiß, ob dich noch Wirklichkeit erreicht?
Der Traum ist fraglich, und das Wort: vielleicht
Zerspellt an einer Göttlichkeit von Stein.

Wohl möglich, daß sie Möglichkeit uns böt,
Sie anzuherrschen, fragenvoll: warum?
Und Nachsicht vieler Müdigkeiten röt

Dies Antlitz, das uns ewig schien und stumm,
Im Anflug: sprich und deine Fragen töt
Geraden Wegs, wenn alle Linien krumm.
 

 

200


ALPHABET
Hier sieh die Zeichen, drein die Welt gebannt,
Doch meide jede Eitelkeit der Wahl
Und lieb dich streng geschieden vom Vokal
Der Ahndung und Gewispers Konsonant.

Was in sich wob und wohlgefügt war, stahl
Ein Fälschergott, der plaudernd zog durch Land
Und leicht war, allem Faßlichen entwandt,
Ein Wort, entlaubt und nun Novermber-kahl.

Da trotzt der dunkle lichtem Klang, Gewalt
Von lang und kurz mischt Holdes harscher Wucht
Und füg und löst und wandelt sich so bald.

Und falsche Schlüssel treiben uns zur Flucht
Auf Meere, drauf kein Astrolab Gestalt
Erzwingt der Fahrt nach einer Hafenbucht.
 

 

201


EINHORN-SONATE
Als Blitz, als Pfeil von überspannter Schnur,
Als Krampe, die dem Zwillenast entfuhr,
Läßt er den Schatten, die auf seine Spur
Das Blut gebracht, die Nacht und Mondlicht nur.

»Es ist die Schlange, die zum Ufer schwimmt,
Der Jungfrau Bild, das meinen Weg bestimmt ...«
Er lauscht dem Brand, und das Arom von Zimt
Entquillt dem Stab, der schon zuende glimmt.

Und Lenz verflog, in Hain und Feld der Blust,
Die Geige spliß, Fanfare birst vor Lust
Im Mummenschanz der Masken, wenn August
Den Tiger fällt im Dorngestrüpp: Du mußt!

Der Honig gärt, und seine Hüter stehn
Im Vollmond stumm, und niemand ist zu sehn,
Doch Stimmen, kündend, und er weiß nicht wen,
Spieln »Ich und Du«, und er muß weitergehn.

Er weiß, er dringt in einen Fliedhof ein,
Wie einst als Kind, um einer Frau zu sein,
Die mondher steigt auf den bemoosten Stein,
Sie reicht den Kelch, ein Tropfen Blut im Wein.

Und er versteht im feinen Schmerz: Ihr wart
Der Himmel und der Pfeil, sein Widerpart,
Ein Leben, welchem beider Einst gespart,
Blüht mir so bös und meinem Haß so zart?
 

 

202
Und jemand sagt: Ich hab die Tat getan,
Aus Himmeln, wolkig, fiel der weiße Schwan
Auf den Altar, und die das Zeichen sahn,
Beweinten Gott, der doppelt schlug mit Wahn.

Auf einer Rose, schwarz gesäumt mit Pest,
Verschläft er Tag um Tag und flieht den Rest
Von allem, was begann, und ihr vergeßt
Ihn rascher, als euch Mitternacht verläßt.

Ist dieses Kunst und ist es gar – Natur?
Wie ward geschmäht und doch erfüllt der Schwur?
Als Blitz, als Pfeil von überspannter Schnur,
Als Krampe, die dem Zwillenast entfuhr.
 

 

203


ERTRUNKENER JÜNGLING
Er trieb und fand sein letztes Bett im Ried,
Schon schwer, nachdem er viele Stunden quoll,
Der Mond sah sein Gesicht, wo leiser Groll
Sich lila schwang um Lippenpaar und Lid.

Lautlose Klage, tief und sehnsuchtsvoll,
Die an das Ende lauer Nächte zieht,
Rief schwarze Tauben, die der Himmel mied,
Sie flogen tief, als Krähenschrei erscholl.

Und gurrten sanft ihr fern verhauchtes: Hilf!
Er schwieg, von ihrem Trauerlaut entrückt,
Als lächle er, vom ersten Tau beglückt,

Und bettete sich selbstentwandt im Schilf,
Wie sich in blasser Nonnen Leib gebückt
Gestaute Wollust himmelan verzückt.
 

 

204


ENDYMION
Erwache nicht aus festem Schlaf – verlörst
Du nicht die Unschuld, die mein Sinnen reizt?
Und rühr die Lippen nicht, denn Sprache beizt
Zerstörender als Küsse, wenn du hörst.

Im Traum, der blind mit keiner Wonne geizt,
Ein Lindenblatt auf blauen Wassern, störst
Du treibend nicht, was du so leicht betörst,
Wenn seufzend du die schlanken Flanken spreizt.

Willst du erwachen einmal noch, da dir
Von dunklen Malen übersät der Leib,
Dein Kreuz zu tragen ungestillter Gier?

Und willst du grübeln um des Traums Verbleib
Und wieder glauben, du seist anders hier?
Als zu der Götter Spiel und Zeitvertreib?
 

 

205


CHRYSANTHEMEN
Der Mond beschien das buntbemalte Glas
Und stellte seine grauen Scharen vor.
Sie ließen sich in den verstaubten Chor,
Den die Gemeinde und der Herr vergaß.

Ich hörte sie mit nachtgewohntem Ohr,
Den Durst, den ihre Dürftigkeit besaß,
Nach Blut, dem Leib und seinen Leiden Maß
Und Linderung für jeden, ders verlor.

Ich wußte, daß sie allesamt der Acht
Der Siegel, die der Schöpfer angebracht,
Erliegen, und mich nur die eigne Macht

Gefährdet. Doch den Vorglanz längster Nacht
Hat weißer denn ein Hai-Gebiß entfacht
Der Chrysanthemen brüllend reife Pracht.
 

 

206


SPHINGIDEN
Die Wolkenlippen, schlampig aufgebläht
Verschluckten Sonne, doch Gewalt gewann
Noch nicht der Mond, es ist der Grenze Bann,
Der Schwärmer schwirrflugs in die Gärten lädt.

Mag anderswo, was sich entscheiden kann,
Nicht wissen, daß der Honig erst so spät
So süß, und bald sind Kelche zugenäht,
Und was sich tummelt, ficht die Kälte an.

Die keusche Schönheit, suchtgehegt, sublim,
Die weiche Hand, die Staub und Stahl zerspliß,
Spürt Tod und Stimmen, traulich sanft: Sei ihm!

Ein Augenblick zu lang – und Finsternis
Strahlt hell auf die gepfählten Seraphim.
Und dann ist alles fürchterlich gewiß.
 

 

207


EIN SCHATTEN
Wo warst du, als dein Mund vom Blute trank,
In goldner Schale aufgebahrt, es hieß,
Ein Gott vergabs, den jäh sein Stern verließ,
Am Kreuz, verstellt von Rosendorn-Gerank.

Und Stern und Stein, bedeckt vom Wolkenvlies,
Bezeugten einer großen Stille Dank,
Da Schwere ganz durch dein Ufer sank
Und alles Trachten im Betrachten ließ.

So warst du Grund und allen Schlössern gleich,
Die, lang erwartet, ihrer Öffnung froh,
Schlingpfanze oder Tod-Umarmung, weich ...

Du weißt kein Wann und keines Waltens Wo,
Kein deines und kein dir entferntes Reich,
Du weißt: Es war in allen Zeiten so.
 

 

208


NARKISSOS
Wer bist du, mein, sag, wo zuerst gesehn,
Gehört, gefühlt, gerochen und gedacht?
Wie soll ich schähen, was mich selig macht,
Wie preisend meine Traurigkeit verstehn?

Wer bist du mein, der ruhlos wandernd wacht
In Schatten, die sich durch die Schatten drehn,
Und träumt am Fluß, wo seine Wächter gehn
Im gleichen Linnen wie die lange Nacht?

Wer bist du schwarzer Schmetterling? allein
Mein Blut soll dir die rechte Süße sein,
Quell, sprudelnd, und ein ebner Spiegel bald.

Ich gab mein Blut – nun sag, wer bist du mein?
Doch ach, so rasch, und wer ermißt die Pein,
Verfällt mein Aug und meine Gottgestalt ...
 

 

209


DAIMONION
Erinnern muß, was uns gegeben, Lust,
Daß tiefer sie in alte Sprüche führ,
Gleicht sie dem Riß und einer Pendeltür,
Drin du der Angeln Schmerz vernehmen mußt.

Hier bist du reif für diese Nacht, berühr
Des Engels Hand, die leichter ist als Blust
Und dennoch müde, und dir wird bewußt:
Das Leiden wächst mit Ahndung, Blick, Gespür.

So träum in seinen offenbaren Wink,
Dort finden manche Welten Fug und Fach,
Und deute nichts, und fliehn die Bilder flink,

Sie kehren, und beständig steht sein Dach,
Ob auch dies Haupt in Staub und Schutt versink,
Den nur der Schmerz hält die Verheißung wach.
 

 

210


SEEROSENRITTER
Er führt auf blauem Schild gestürzten Sparrn,
Und eine Königin verwirft ihr Garn,
Aus dunklem Schlund von Schlick und Wasserfarn
Sieht er sie steil in seinen Himmel starrn.

Sie ruht, uralte Wächterin, umringt
Von Glanz, Stirnschlange Res, beschwingt
Vom Aleph, das den großen Anfang bringt
Und durch die Zeichen zu sich selber dringt.

Ihn hat ein Herbst am Weiherrand verführt,
Sein Blut das Blatt, von je geliebt, gespürt,
Und Lyraklang, von Parzenhand geführt,
Vertrieb die Flöte Pans, der Mai gebührt.

Verwunschner Wesen kund sind Speer und Roß,
Den Fahrenden verriet der Albatros,
Wo Otter spielten, Ambraduft zerfloß
Von ihm, zu dem sich keine Fahrt erschloß.

Er wird uns erst im Haus des Wassermanns,
Wenn, was im Fisch zum Wirbel wurde, ganz
Im Grunde Wurzeln schlägt und rings Gefrans
Der Wedel deckt der Sporen Spiel und Tanz.

Jedoch das Blei von Helm und Harnisch rinnt
Schon lang als Blut und Gallensaft, geminnt
Von Traurigkeit, die süß und schwer gewinnt
In allen, die mit Zeit gesegnet sind.
 

 

211
Er waltet sein im stillesten Gericht,
Er wägt, doch er verwirft das Leichte nicht.
Er ist der Schimmer, den Poseidon bricht,
Der Wellen Reim, darin die Natter spricht.

Noch liegt sein Stern von andrer Welt verdeckt,
Noch schweigt die Stunde, die sein Haupt erweckt,
Doch wenn die Häfen sein Gebieter schreckt,
Zerreißt der Horizont, der ihn versteckt.

Ob wir vergeblich seinem Kommen harrn,
Den längst Titanen im Gebirg verscharrn?
Er führt auf blauem Schild gestürzten Sparrn,
Und eine Königin verwirft ihr Garn.
 

 

212


WENDEZEIT
So außerhalb wie ein erloschner Stern
Liegt unser Interregnum, mancher ging,
Zuerst der Zwilling, Riß und Werde-Ring,
Der ließ uns ewig unversöhnt dem Herrn.

Dann Stier, da jeder Tag am Busen hing,
Die große Mutter trug die Bürde gern,
Der Widder hob das Gold, jedoch im Kern
Gedieh der Wunsch, daß ihn das Lamm bezwing.

Zuletzt der Fisch, da Gott sich selber Leid
Zufügen ließ, vom Phallos-Speer durchblitzt,
Der ging, und nur die dunkle Heiterkeit

Des Unbekannten, uns versprochen, ritzt
Im Schrei des Kranichs manches Mal die Zeit,
Die uns umschlingt, bis er uns ganz besitzt.
 

 

213


VERFALL
Die Fülle, die mir keiner Neige rang,
Die Krüge, grundlos, Gold im Sonnenstahl:
Sie gleichen einem letzten Abendmahl,
Bevor die Nacht den jungen Gott bezwang.

Die Lose fielen, und Versuchung stahl
Den Tag, und aus bemoosten Grüften drang
Der Ruf: Sei nichts als unser Abgesang!
Ein schwarzer Schatten sank gemach ins Tal.

Der Rabe gab der Schwere sein Gedicht
Vom Jüngling, der in Galle, Blut und Grind
Gewürmzerfressen auseinderbricht.

Der Rauch verbrannter Leichen lag im Wind,
Im Sumpf verirrt glomm allerletztes Licht:
Ein blühender Erguß, der sacht verrinnt.
 

 

214


DEZEMBER
Die große Unschuld, die tyrannisch fällt
Hat dich erreicht, nun lösch die Fackel aus
Und laß Gesang, in einem Schneckenhaus
Ist Schweigen vor der Wiederkehr der Welt.

Hier ruhn die Bilder, oft gerufen, aus,
Die Stimme, die den Klang zusammenstellt,
Den Himmeln schweig, was dich im Leben hält,
Der Krähe nur, wie du verfemt, vertrau's.

Sie scharrt im Eis, bis sie es aufgibt und
Dich böse anstarrt, frostzerzaust und wund:
Sie weiß von Mord im Liebeslied-Geharf.

Sie weiß dein Wort, noch ungeformt im Mund,
Von Haß, geholt aus schlimmer Träume Schlund,
Von Schrecken, die man nicht vermuten darf.
 

 

215


SAGE
Die Nacht verfällt, und eine Gunst erschrickt
Im Antlitz still, Verlassenheit-gebläut,
Vom hohen Dom dringt Schwermetall-Geläut
In trübe Wasser, Schlinggewächs-verschlickt.

Der Herbst, der die Alleen mit Laub bestreut,
Geht fremd vorbei, und nur die Uhr vertickt
Den Morgen, der in kahle Zimmer blickt,
In fahle Farben, die er nicht erneut.

Im Bogen, den sein hohes Ziel zerbricht,
Verflog die Spannung, Haar, wie lose, fällt
Herab auf ein vergessenes Gesicht ...

Und nur die Schwermut, Nacht und Tag gesellt,
Der Mohn Saturns, verläßt die Stunde nicht,
Von Eppich-Kränzen schwerelos umstellt.
 

 

216


ELFTE STUNDE
Es wurde elf, und da verlor mein Alb
Die Zehn: Gesetz, die Zwölf der Wiederkehr,
Die Bäume hatten kein Namen mehr,
Ich ging und wußte: ich bin außerhalb.

Ich lief im Ruf, im Widerhall, ob wer
Auch diese Zahl, verdienstlos reuig, salb.
Der Mond verschwieg und warf die Dinge falb
In ihre Fremdheit, außerhalb wie er.

Ich dachte, daß ich wohl ein andrer sei,
Dem eine Laune wirre Fragen lieh,
Ein Möglichst-Andrer, zur Verwendung frei.

Ich wachte lang und hab vergessen wie,
Mit schweren Schritten ging der Tod vorbei:
Verlaßner Tag, doch Mitternacht ist nie.
 

 

217


NÄCHTLICHER GANG
Ich suche dich in einer fremden Stadt
Und unter fremden Sternen, die schon bald
Blutrot zur Erde falln. Die Nacht ist kalt
Für den, der geht und keine Heimat hat.

Das Laub am Rinnstein glimmt verwesend matt,
Vielleicht gar sind es Drachenschuppen. Hallt
Dort nicht ein Tropfen, bleiern, dumpf, geballt,
Und tränkt die Toten, die umhergehn, satt?

Sie sehen nicht, doch hätten sie mich Dieb
An ihrer großen Nichtigkeit erblickt,
Sie sagten dir, was ich verschweige: gib

Dich leis, ganz leis, daß keine Seel erschrickt,
Ich selber brau den Todestrank, mein Lieb,
Und dein ist all das Blut, das mich erstickt.
 

 

218


VISION EINER HEIMKEHR
Verlaß mich nicht, Gefährte, laß den Tand
Mir, daß dein Geist als eine Mitte ständ
Der Welt, die mit verlornem Punkt verbrennt
Und abstürzt, allem Haltenden entwandt.

Daß jemand sei, als ob mein Auge blend
Versteintes Licht von Kienen, abgebrannt,
Und einer böt, und sei es Tod, die Hand
Der Treue, die nur die Ruine kennt.

Und eine Landschaft, mir zum Gruße, sei,
Ein Kirchturm, hohes Schweigelob des Herrn,
Als wache er beim ersten Hahnenschrei

Mit Glocken, oft in Dämmerstunden fern
Vernommen und geliebt, von Wandel frei,
Wie du, Gefährte meiner Nächte, Stern.
 

 

219


TRAUMFARBNER TIGER
Den Träumenden ist sein Geheiß vertraut,
Und namenlos bleibt, was ihm Fell und Haut
So eigen macht, wenn rings der Morgen graut,
Denn niemand spricht, der diese Farbe schaut.

Dem Jäger ist, als ob ihn Erde schluckt
Und anderswo in die Reviere spuckt,
Man weiß von ihm, ins hohe Gras gedruckt,
Nichts als den Schrei der Beute, die verzuckt.

Er hat den blauen, roten überlebt,
Den weißen, schwarzen in sein Reich verwebt,
Und nach dem gelben, tief im Herzen, hebt
Er seinen Schweif, daher ein Falter schwebt.

Die Boten, die dem selben Erdenstamm
Entwuchsen, Tilger, doch vom Drachenkamm
Gezeichnet, trafen sanft und furchtbar am
Altar, darauf die Flamme losch, das Lamm.

Und alle ihre Gaben, süß und streng,
Verführten, daß sich das Geschiedne meng
Und Feuer seine Dunkelheiten schläng,
Das Fell, zu hold für diesen Ort, verseng.

Doch mehr als alles, was geschah und nicht,
War eins, denn dieses seltenste Gesicht
Fand Obdach, und ein Flügelschlag zerbricht
Die Hülle, daß der Unerlaubte spricht.
 

 

220
Und Artemis, von Weißer Insel her,
Naht unvermittelt, reicht den Runenspeer,
Jedoch dem gnadenreichsten Jäger, der
Ihn jagen muß, bleibt Hof und Halle leer.

Denn unsichtbar webt jegliches am Bild,
Das ganz war und dem alle Sehnsucht gilt,
Das Lust zu lieben und zu morden stillt,
Wenn unverhofft in säuselndes Gefild

Er einbricht und verschlingt Gestalt und Laut
Und sprengt, was Lust und Müdigkeit gestaut.
Den Träumenden ist sein Geheiß vertraut,
Und namenlos bleibt, was ihm Fell und Haut.
 

 

221


DIE DAME VOM SEE
Sie handelt nicht, wo die Gewohnheit warm
Den Fänger, den sie kaum gewahrt, umseilt.
Sie zaubert nie, doch wo ihr Auge weilt,
Wird Atmen Kunst und alle andre arm.

Und Marmorstaub, der durch die Taille eilt,
Wird gröber und von unbekanntem Harm
Gehemmt, als ob die Schwere sich erbarm
Saturns, das Blut stillt und die Wunde heilt.

Ich aber seh den Schmetterling, der bald,
Gefolgschaft des Verlangens, linde Alm
Durchsegelt, da der letzte Puls verhallt,

Und spüre machtlos, wie Sirenen-Salm
Zu Stein wird, unverrückbar schwer und kalt,
Und niemand trauert am geknickten Halm.
 

 

222


ARTEMIS
Wo Jugend noch um ihren Wert nicht weiß,
Geschlecht noch ungewiß und unbelehrt
Die Namen, die der Wind ihr gab, vermehrt,
Wacht sie allein im Winterdom aus Eis.

Sie naht im März und spornt ihr Wolkenpferd,
Uns furchtbar und mit launischem Geheiß.
Du lieb sie nicht, denn allerhöchsten Preis
Erheischt sie, jedem, der sie sah, begehrt.

Gepanzert rings in mondenheller Nacht,
Brescht sie ins Tal mit rasendem Gelopp,
Den weißen Hirsch, der ihrem Auge Acht,

Verfolgend, und wer mag entscheiden, ob
Ein Gott, ein Mensch von ungeahnter Macht,
Zuletzt sie selbst mit solcher Maske fopp.
 

 

223


MUTA DEA
Sie sieben, die das Aug erkennen kann,
Die Bahnen ganz aus goldenem Genug,
Die Deutungen aus Fahr und Vogelflug –
Sie gehen ihre Gegenwart nicht an.

Sie ist gesetzlos und ein irdner Krug,
Mit Lethe randvoll, und Woher und Wann
Betreffen nicht den unbenannten Bann,
Den sie, selbst ortlos, in die Orte trug.

Sie geht im Traum und geht im Tag vorbei,
Die Götterspiele sind ihr einerlei,
Doch manchmal liegt ihr jäh im Augengrund

Ein Stern, in Schöpfungsfrühe furchtbar, bei,
Und in der Kehle tobt ein Tigerschrei,
Den sie zurückdrängt und verdaut im Schlund.
 

 

224


WIESEN-REIGEN
Auf einer grünen Wiese ging mein Herz,
Weithin und aufgesogen fast vom Grün,
Kaum sichtbar noch im lenzenen Bemühn,
So leicht, so weiß wie letzter Schnee im März.

Es neigte sich und sah die Gräser kühn
Und aufgelegt zu Spielerei und Scherz
So Hoffnung-her, so blindlings Himmel-wärts
In wildem Wuchs den Morgentau versprühn.

Auf einer grünen Wiese ging mein Lieb
So weiß, so leicht, wo nur die Farbe gilt,
Wie Schnee, der Sonne küßt und spricht: Vergib!

Es neigte sich und sah die Gräser wild
Den Leib durchstechen, der im Grün verblieb –
Im Grün, im weiten Grün erlosch das Bild.
 

 

225


SUB IOVEM
Sie wurde sichtbar, noch bevor die Nacht
Den Traum und seiner Herrlichkeiten Troß
Zurückrief und im Morgenlicht zerfloß,
Und schwand in einer unbestimmten Macht

Durch Tore, die sie allzu sanft verschloß –
Sie forderten das Holdeste zur Pacht
Aus Gruben, wo das Gold die stille Pracht
Der Trauer, die im Dämmer thront, genoß.

Sie kam aus Reichen, die versunken sind,
Aus Ränken, Krieg und Ängsten ungestalt,
Geburt und Tod und frühen Göttern, blind,

Und geht in Wüsten, menschenleer und kalt,
Nach ihrer Schwester Zeit, von der der Wind
Ihr manchmal sagt, sie sei genauso alt.
 

 

226


DIE PRIESTERIN
Ich traf sie, wo der Nil schon alt und flach,
Und Weite, allem Menschenmaß entwandt,
Vertraun in die Magie der Formel fand:
Bleib länger als die Urgewalten wach.

Doch heller war ihr Aug und Blut, entsandt
Von Göttern, die an des Gebirges Bach
Berieten, und als ob ihr Hermes lach,
Wog manches Spiel in ihrer weißen Hand.

Sie schaut der Zeichen Wiederkunft, bewußt
Sind ihr die Reigen und verborgner Reim,
Die Lose, die wir ziehn zu Schmerz und Lust.

Und Jahre färben Heils und Herbstes Keim,
Doch das des Herrn der Farben, ihrer Brust
Unkund, bezwingt und führt die Stolze heim.
 

 

227


AM FLUSS
Die Dunklen hatten unsern Bund gewollt,
Ich sah dein Aug und so, daß du verstehst
Dich auf die Schatten, die, wenn Tag verwest,
Zur Tränke gleiten, den Ertrunknen hold.

Ganz wie die Huldin, der du ähnlich gehst,
Den Traum betritt, wo sie mit rotem Gold
Die Schalen schmückt, darein dein Blut gezollt,
Zog uns der Fluß, den du zu leuchten flehst.

Du schmiegtest dich an mein betäubtes Haupt
Und flüstertest: wer weiter geht, verbüßt
Im Schrei des Morgens, daß er unerlaubt

Entfernt war, ich erwiderte, du mühst
Dich ernsthaft nicht, und hab mit dir geglaubt,
Daß Mohn, uns treu, auch Morgenrot versüßt.
 

 

228


HIMMLISCHE HEIMKEHR
Wer aller Himmel Heiterkeit und Weh
Erfahren hat vom Scheitel bis zum Zeh,
Der frag die Horizonte, eh er geh,
Ob Weckruf oder Mohn am Ende steh.

Obs spät sei oder gar vielleicht erst früh?
Ob denn nicht nur ein Anfang war die Müh?
Wo es dir schien, der Abendhimmel glüh,
Die Quellen sprühn, daß rings die Aue blüh?

Kann sich der Streit, ob Fortschritt, ob Verfall,
Nur lösen durch den unbedingten Knall?
Schafft nicht das Leben selber Flut und Wall,
Den Spieler und womöglich gar den Ball?

Wer wenig ist erfahren und gereift,
Nach Weisheit in die höchsten Himmel greift,
Doch schaut, wer einhält und nicht länger schweift,
Wie sich der Trieb zu einer Knospe steift.

Der Dichter, dem Bedeutung hehr und fern,
Sucht eine Bahn, als sei er selbst ein Stern,
Doch wer zur Lebensmitte kehrt, zum Herrn,
Treibt selber Grün grad wie ein Apfelkern.

Nun steht nicht mehr die Frage, was verging
Und ob es wiederkehr im nächsten Ring,
Was leibhaft wird in Pflanze, Tier und Ding,
Hat tausend Stimmen, das sein Lied sich sing.
 

 

229
Doch eine einzig tuts im deutschen Laut,
Drum bist du mit der Transskription betraut,
Daß sanghaft sei, was rötet, grünt und blaut,
Hast du das Feld mit Korn und Mohn geschaut.

Und jeder Blick gebiert den nächsten Fund,
Einst war dein Herz von großer Öde wund,
Doch heute spricht sogar zur Nacht der Mund,
Der nichts mehr weiß von Neige oder Schwund.

Zwar spürst nicht jede Welle du im See,
Doch träumt und handelt, weil zuhaus seit je,
Wer aller Himmel Heiterkeit und Weh
Erfahren hat vom Scheitel bis zum Zeh.
 

 

230


QUETZALCOATL
Die Schlange, die gefiedert uns erscheint,
Die Macht der Ende eint dem Himmelsthron,
Den Gläubigen ist Weckruf sie und Mohn,
Weil sie in sich den Gegensatz vereint.

Sie gilt als Licht, obgleich ihr eigner Sohn
Das Dunkel ist, das sie im Flug beweint,
Nach andern ist die Finsternis ihr Feind,
Wie strittig bleibt, wer wessen Reich bewohn.

Wenn man die Bilder solcherweis verstrickt,
Mags taugen, daß man sanft darüber gleit,
Und sich in Kreise der Gestalten schickt.

Doch obs beklagenswert, wenn man die Zeit
Dazu vermißt, weil man aufs Tagwerk blickt,
Wird wohl entschieden nicht in Ewigkeit.
 

 

231


BABYLON
Vorm Löwentor zu stehn zum dritten Mal,
Als Kind, als Jüngling, als erwachsner Mann,
Dem Pilgrim manche Winke geben kann,
Bis er erneut kommt, und der Schädel kahl.

Es freut und ficht auch den Betrachter an,
Daß die Gefühle streiten um die Wahl,
So ging es Menschen oft in großer Zahl,
Im Zwiespalt mit der Macht, die es gewann.

Visionen von verbrannten Himmelshöhn
Erlaubte meine gute Seele nicht,
Doch einst war mir dies Zeichen schrecklich schön.

So kehrte das vertrauende Gesicht
Den Ariel-Schrecken in ein Horngetön,
Dem heiter auch das Ende der Geschicht.
 

 

232


COCA
Der immergrüne Strauch mit schwachem Blust
Dem Indio war ein Freund für lebenslang,
Wer klug ist, der mißtraut dem Werbesang,
Und wechselt nicht im Modetakt die Lust.

Den Anden warn bei Reiches Untergang
Die Folgen für das Brauchtum nicht bewußt,
Doch was der Bauer anbau, kau und hust,
Ward nun nicht mehr bestimmt vom eignen Drang.

Die Sieger wollten Glück für jedes Kind,
Obgleich im Streit, doch jeder ganz und gar,
Da ists nicht gleich, was Landwirtschaft gewinnt.

Wo einmal nichts als Gottes Segen war,
Der Krieg mit jedem grünen Blatt beginnt,
Und wem dies nützt, ist vielen gar nicht klar.
 

 

233


LAMM
Daß man das Lamm geadelt hat vorm Leu,
Rief Spott, es sei doch Gottes Bild kein Schaf,
Doch wars ein Bild, des gut das Wesen traf
Des Menschen, und dies zeigt sich immer neu.

Auch wer sich fern von dem gemeinen Schlaf
In Rollen träumt, wo die Umgebung Spreu,
Wird spätestens, wenns brennt im weichen Heu,
Einstimmen, daß man den Vermeßnen straf.

Und weil sich von der Herde einzig trennt,
Wer sich die Last lud, die am Hirtenstab,
Weil jeder dritte Weg zum Tode rennt.

Drum ist höchst lachhaft all das Hochgetrab,
Daß man den Weg, der fern von beidem, kennt,
Weils nur Beweis, daß man zu fressen hab.
 

 

234


LAUDINE
Daß eine Quelle sei ein schlankes Weib,
Vermutet nur, wer heimgekehrt entdeckt,
Daß viel mehr Kraft in einem Balsam steckt,
Als in der Dichter kosmischem Geschreib.

Der Fischer sagt, wiewohl der Kahn schon leckt,
Daß er die Seele such in jedem Leib,
Doch sehnt er sich, daß er ins Offne treib,
Weil ihn die Kargheit seiner Hütte schreckt.

Das Heil ist keine Löwin, keine Fee,
Kein Nachtgestad, wo hell die Pilze glühn,
Es ist bestimmt und offenbar seit je.

Du mußt dich nicht unendlich lang bemühn,
Doch reib das Aug, daß es die Freunde seh,
Dann blüht im eignen Haus das Immergrün.
 

 

235


LINDENSCHATTEN
Genieß den Lindenschatten und begreif,
Kein beßres Haus steht irgendwo im Land,
Und wer den Preis hat anderem erkannt,
Verwechselt wohl die Nase mit dem Schweif.

Der Boden zeigt sich kahl wie abgebrannt,
Die Luft ist nicht zu windig noch zu steif,
Ein Bann wie ein geheimnisvoller Reif
Macht alles innig, heimlich und verwandt.

Vollkommen wird der Raum, der dich umfängt,
Wenn du nicht einsam bist und doch bei dir,
Wenn nichts dich abhält oder ruft und drängt.

Mit jedem Atem dankst und singst du ihr,
An der dein Herz und deine Stärke hängt,
Und die verbürgt, daß Lindenschatten hier.
 

 

236


ABENDMAHL
Der Regen peitscht und Sturm die Dächer plagt,
Doch dies bringt nicht die Kerze aus der Ruh,
Was not, verlangt nicht, daß mans lächelnd tu,
Und doch ist Lächeln hier auch ungefragt.

Ein Heim ist nicht nur Schutz für Wams und Schuh,
Es sorgt, daß sich das Kreuz nicht länger plagt.
Dies schafft kein Balken, dran der Zweifel nagt,
Dies trägt ein Ich, das sich erkennt im Du.

Im Ofen knistert mancher morscher Ast,
Mit Speck und Zwiebeln gibts Kartoffelbrei,
Dem Petersilie du geerntet hast.

Daß niemand fragt, ob wo was Beßres sei
Und ob man nicht viel Schöneres verpaßt,
Das ist das Allerherrlichste dabei.
 

 

237


WECKRUF UND MOHN
Gesprochnes Wort und die Verheißung: glaub
Dem Rauschen, das sich sagt im Eichenlaub
Und das sich tut in Raserei und Raub!
Die Siegel brich und im Verstehn ertaub
Daß nicht Magie das Ei des Adlers klon,
Und stell dich als Rubin in Himmels Fron:
Der Weltdorn ragt aus Morgenrot und Mohn.

Gaballtes Wort, Vernichtung zugewandt,
Aus Glut und Schlacke steigt der Diamant,
Und wie der Geier säumt, bis du zuschand,
Sag kein Erinnern mehr was abgebrannt.
Ein Ekel ists dem inneren Skorpion,
Und eine Wolke Staub und kalter Hohn
Kehrt blind zurück zu Morgenrot und Mohn.

Genanntes Wort, das vom Karfunkel weht,
Die alte Weise dringt ins Frühgebet,
Und nur der Tod, der oft vorübergeht,
Weiß um das Buch, da sie geschrieben steht,
Die Speere, die erwachten Schwan bedrohn,
Von Traum zu Traum ein urvertrauter Ton,
Ein Lied, verflammt in Morgenrot und Mohn.

Gezeugtes Wort, dem keine Deutung sagt,
Die Taube selbst in Theben Rat erfragt,
In Nebeln, wallend, eines Augs Smaragd
Nach den verlornen Paradiesen klagt:
 

 

238
Kehr heim, das dir gebaute Haus bewohn!
Die Stimmen rufen den gereiften Sohn,
Verblutend zwischen Morgenrot und Mohn.

Gedachtes Wort, vom Nichts verfolgt, Exil
In Vogelfreiheit, Wink und leichter Kiel
Im Netz der Spinne, das zusammenfiel.
Der Zeichen-Zeit achatnes Linienspiel
Weiht Psychopmp dem Unterwelt-Baron,
Und Brutzeit wird, und Störche kehren schon
Im Echo, froh nach Morgenrot und Mohn.

Geahntes Wort im Chrysolith-Geleucht,
Geraun von Weibern, die der Morgen scheucht,
Im Eulenruf aus Mooren, Fluch-verseucht,
Hob sich die Maske, und den Wächter deucht,
Dein Herz sei unverwundbar, dring zum Thron
Und sieh das Reich und fasse Stab und Kron,
Selbst Schatten voller Morgenrot und Mohn.

Gespieltes Wort, zu Welt gedehnter Zwist
Des Trugs, der selber nur ein Schnörkel ist,
Im Wiedehopf, der aus Kloaken frißt,
Ruht der Onyx, der alle Form bemißt.
Aquarius taucht aus bleierner Vision
Und ozeanisch kehrt Aprils Adon
Der Flamme, weiß von Morgenrot und Mohn.

Gewahrtes Wort im namenlosen Stern
Traumfarbnes, allem außerhalb und fern,
Zahlloser Schalen unberührter Kern,
Gespart für einen unbekannten Herrn,
 

 

239
O Perle, drin wir sagenreich verlohn,
Der Huldin froh und ihrer Dunkelzon,
Die uns begrüßt als Morgenrot und Mohn.

Gelebtes Wort, das bürgt für Hof und Heim
Gesellt den Waisen dem Planetenreim,
Daß die vom Blitz geschwärzte Eiche keim
Weckts Glauben als der Schöpfungsfrühe Seim.
Der Herr im Kyff, den feig die Raben flohn,
Kehrt wieder in Apuliens Oktagon,
Und setzt sich selbst für Morgenrot und Mohn.