Uwe Lammla ·  Der Seerosenritter 

 



 
 

 



UWE LAMMLA




DER
SEEROSEN
RITTER















 
ARNSHAUGK

 



 









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ISBN 978-3-926370-62-4

© 2011 Arnshaugk Verlag
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Alle Rechte beim Autor
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16,- EUR
 

 


DER SEEROSENRITTER
Zueignung
Der Rote Hiel
Am Kreuzweg
Seerosen
Antinoe
Die Burg der Gefahren
Herbst in Kornwall
Die Steilküste
Tintagel
Camelot
Glatisant
Excalibur
Merlin
Galahad
Parzival
Lanzelots Grab
Der Seerosenritter
Die Seeschlange
Arcana
Der Haselstab-Eid
Lotophagen
Enkidus Tod
Siduri
11
13
15
19
23
24
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33
37
39
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58
69
81
83
85
93


DER WEISSE FALTER
Der Prophet
Erst am Ende
Jasmin
Flieder
Lavendel
99
101
102
103
104
 

 

Osterspruch
Maiglöckchen
Hohenwarte
Sphinx
Nachtwanderung
Das Reisebuch
Göttlicher Staub
Theseus
Keine Blumen
Am Brunnen
Amaryllis
Psalm
Mittelalter
Vier Winde
Reaktion
Bachanten-Orden
Hermetisch
Ein Sommertag
Nordland
Postillon
Goldene Acht
Atlasspinner
Distelfalter
Schmetterling
Homo Solaris
Almandin
Jorinde und Joringel
Der Weiße Falter
Für Ritter Lanzelot
Das Tor des Westens
Erntedank
Trank und Geist
Spät im Jahr
Nachtlied am Hafen
106
107
109
113
115
116
125
127
129
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133
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151
152
154
156
157
164
167
170
172
174
178
180
182
 

 

HELIODROMUS
Lethelicht
Lob der Sieben
Nadir
An den Dichter
Triskell
Walknut
Dioskuren
Im Traum
An den Morgenstern
Nostradamus
Vier Blätter
Gartentag
Würfelspiel
Zollstation
Palmyra
Quaserblut
In memoriam
Outremer
Idolum
Christophoros
Abschied von Röcken
Herbstspur
Allerseelen
Totenherbst
Goldregen
Prometheus
Der Traum des Nebukadnezar
Petra Genetrix
Das Licht in der Grotte
Ostia
Riegeler Mithräum
Heliodromus
187
189
190
194
196
197
198
199
200
201
203
205
206
209
211
212
213
214
215
217
219
221
222
223
225
227
229
231
233
236
238
240
 

 

 

 




DER SEEROSENRITTER



»Rote Rosen, stolz und prächtig,
Blühen in der Gärten Rund,
Eine weiße wiegt sich nächtig,
Wurzelnd in der Welle Grund.

Ihre zarten bleichen Wangen
Färbte nie der Erde Lust,
Nur ein stilles Traumverlangen
Blieb das Sehnen ihrer Brust.

Gerne spräch sie mit den Sternen,
Aber wenn sie kaum erwacht,
Müssen jene sich entfernen,
Folgend ihrer Mutter Nacht.

Goldne Blätter wirft hernieder
Vom Gestad ein stolzer Baum,
Und sie hascht darnach, und wieder
War es nichts als nur ein Traum.

Denn das Laub, wie Purpur glühend,
Färbte nur der Herbst so rot,
und sie selbst sinkt nun verblühend
Mit hinunter in den Tod.«

 
LINGG       

 

 

 

11
 


ZUEIGNUNG
Laß dich für eine ungewisse Frist
Vergessen machen, daß die Dichter lügen,
Und finde, so wie Kinder tun, Genügen
Im Wortspiel, dem der Tag abhanden ist.

Es ist ein Traum, der Liebe birgt und Haß,
Frag nicht, ob wir in andere erwachen,
Ob Weinen wirklich sei, ob Lust, ob Lachen,
Und ob es lohne, ob es schade, laß

Dich, bis das Leuchten deiner Stirn erlischt,
Der Zeit, die mit Verweilen kargt, entführen,
Und uns versteckspieln – ob wir ihn erspüren,
Der uns die Lose wirft und wieder mischt?

Ach nimm, was ich dir bring und geben will,
Als sei es mehr, als Masken uns versprechen,
Und dürfe nicht des Tages Argwohn brechen,
Wie Blumen, die im hohen Grase still.

Zu ernten geh ich, was ich nicht gesät,
Und zügellos ist es, sich hinzugeben
Dem Gaukler, der die Flügel spreizt, zu schweben
Im Mittagslicht, das uns so rasch verrät.

Mag sein, daß, was sich ausspricht, schon verweht,
Die Ernte überdauert nur das Brache,
Das Glück hat kein Gedicht und keine Sprache,
Und immer nur die Klage ist beredt.
 

 

12
 
Nicht bring ich, was die Hoffnung bang erbat,
Ich bin in manchen Garten eingebrochen
Und wußte, hättest du den Duft gerochen,
Du hättest nicht gebilligt, was ich tat.

Nicht was mir mit dem Sommer sanft entglitt,
Was mein, ist allen Jahreszeiten früher,
Und böse Räusche bergen diese Blüher
Der Unschuld, die sie morgen schon zertritt.

Wie kann ich töten, was mir so verwandt,
Der Laune, die dich führen mag, verfallen,
Du hältst, was mir erhalten blieb von allen,
Weiß und zerreißbar leicht in deiner Hand.

Mag sein, auch dieses letzte Blatt verfällt,
Das Wort verblaßt und alle Dichter lügen,
Vielleicht ging dein Befehl, es so zu fügen
Im Traum, der jeden andern Blick verstellt.
 

 

13
 


DER ROTE HIEL
I

Der Rote Hiel ist ein verwunschner Pfuhl
Im Plothner Hag, wo zwischen Damm und Kuhl
Auf hoher Warte schuf der Himmesfluß
Ein Märenreich für Röhricht, Star und Uhl.

Hier gab die Nymphe dir den ersten Kuß,
Hier träumtest du bei Eich und Haselnuß,
Hier sprach der Lieb das rote Ahornblatt,
Daß einst sie hold ans Ufer schwimmen muß.

Die Seeros war dein Stern an dieser Statt,
Du sahst dich nie an ihrer Schönheit satt,
Sie sprach, doch für die Mär von Reich und Rex
Warst du zu schmal, das Knabenkinn zu glatt.

Gefahr war dir bewußt, vor Schlinggewächs,
Reißfesten Stengeln, die wie Nix und Hex
Den Frevler überstelln dem Höllenhund,
Warst du gewarnt am Tag des Taucherschrecks.

Doch blieb dir dieses Aug auf blauem Grund
Wo Schweigen Schweigen nah ein schmaler Sund,
Und lieb war dir im feinen Schlick Gesuhl,
Wo alles dich verließ, was streng und wund.
 

 

14
 


II

Sie steht bei Tage schwarz und weiß bei Nacht
Am Hiel und sie bewegt sich nicht, sie wacht.
Und ihr Gewand, im Wechsel schwarz und weiß,
Hat deiner Worte nicht, noch deiner Willkür acht.

Sie lockt die Buben nicht auf morsches Eis,
Sie gibt den Schwimmer keinem Strudel preis,
Kein Schloß, das sie dem armen Mann verspricht,
Kein Hunger, den sie stillt mit Trank und Speis.

Ob ihr Gewand von Seide sei, ob schlicht,
Man wagt sie kaum zu sehn, zu denken nicht,
Sie wartet, doch worauf? in weiß, in schwarz
Sind Gram und Liebe eins im Angesicht.

Ihr Dasein ein Geheimnis birgt, sie wahrts
In einer Geste von erstarrtem Harz,
Ob sich ihr Schicksal je entscheid und ründ,
Vergaßen Quell und Wasserspiegels Quarz.

Ob hier die Kunigund von Orlamünd
Als Schatten ihrer Kindermorde stünd?
Doch trät auch der Geliebte in den Kreis,
Daß er Vergebung und Erlösung künd,

Sie achtete kein Schwert voll Blut und Schweiß
Und nicht das Lied, das sie verwunschen, leis,
Auch nicht den Fall der Hohenzollern-Macht,
Denn sie besteht allein in Schwarz und Weiß.
 

 

15
 


AM KREUZWEG
I

Die sind die bleichen Gewalten,
Launen von Qualle und Quarz,
Die sich im Kreis der Gestalten
Immer wie Brücken verhalten,
Stygische, vierfach und schwarz.

Wo Hyakinthos zu bluten
Anhebt in schwindender Zeit
Und dich Gesichte befluten,
Darfst du nur dunkel vermuten,
Welches der Worte befreit.

Und du begreift, daß die Toten
Nah dir sich sammeln zum Fest,
Wo ihre Scheite verlohten,
Wird dir die Kreuzung zum Knoten,
Bannwald, der keinen entläßt.

Magische Worte, Machandel,
Morchel, Medusenhaupt, Moor ...
Und im Aroma der Mandel
Wandlerin, selbst ohne Wandel,
Schickt ihre Hundsbestien vor.
 

 

16
 
Wer, unter Menschen geboren,
Hielte sich mannhaft und frei?
Schierling und Eiter vergoren
Schlangenbewacht in Amphoren
Brennkraut und brodelnden Brei.

Aber die jagdliche Lanze
Aus dem Verdunkelten dringt,
Wo eine spätere ganze
Weisheit im reiferen Tanze
Palme zu Delos besingt.

Was ihre Heiligkeit gerbte,
Wermut, Zypresse und Pfeil,
Siegt über Rachsucht-verderbte
Künste, die Wundfieber färbte,
Daß dir das Augenlicht heil.

Erbin der mondnen Mysterien
Schirmt sie Geburten und Jagd,
Weiß sich die Sonne in Ferien,
Mischt sie den Gaukler zu Serien,
Bis er die Seerose sagt.
 

 

17
 


II

Viele Namen trägt die Silberleuchte,
Die sich ründet, schlankt, versteckt und füllt,
Sie gemahnt ans Gärende, ans Feuchte,
Das den Geist in Mohn und Moder hüllt.

Was in Rudeln jagt, ist ihr verschworen,
Ihre Bleiche macht die Welt dual,
Unerbittlich sind die Mittnacht-Foren,
Da nur Freund und Feind erkennt die Wahl.

Als der Mann die Sonnenstadt erbaute,
Blieb dem Weib der Ring von Keim und Tod,
Da es seiner Führerschaft vertraute,
Zog in Tann und Ried das Ährenbrot.

Aber die Kultur ist eine Decke,
Die Windstoß schon zusammenrollt,
Mit der Sonnentage schweigt der Recke,
Wenn Verstoßnes mit Verdrängtem tollt.

Frühe Namen heißen Gier und Schlächter,
Offen strömen Blut und Lustgeschrei,
Später wird geheimnisvoll der Wächter,
Stumm und fährlich wie der weiße Hai.

Und am Kreuzweg wird die Glut zum Zeichen,
Wenn das Schicksal gähnt und nichts verspricht,
Macht und Mäntel sich im Schrecken gleichen
Und das Kraut erwacht im Silberlicht.
 

 

18
 
Blust und Same horten Heil und Gifte,
Richter, die nach Stunde, Feuchte, Stand
Urteiln, wer die Zaubergärten stifte,
Wen der Styx in Finsternisse bannt.

Tiefer wird die Nacht, wo brackes Wasser
Laub und Rohr vermischt mit Kot und Aas,
Wird die Schwärze schwankender und krasser,
Leuchtet auch der Blust im Göttermaß.

Seeros heißt das Auge dir im Weiher,
Aber du, an Sorge reich und Pflicht,
Bleibst im Vorhof dieser Königsfeier,
Deine Stunde kam bisher noch nicht.
 

 

19
 


SEEROSEN
I

In seichte Wasser seine Kiesel glitten
Und kräuselten die Sommernachmittage,
Das mürbe Schilf und Wind mit sanfter Klage
Umwiegten ihn und sein Gesicht inmitten

Der Kreise, die in gleicher Weise bitten,
Daß ihre Herrin aus verwunschner Sage
Mit Glanz und Anmut aus dem Weiher rage,
Daß sie nicht länger seine Willkür litten.

Und fröstelnd eines Flügelschlages inne,
Schaut er der gleichen Welle Wiederkehr
Und wie sie schmeichelt und bezwingt: zerrinne!

Doch eine Welle trinkt die andre leer,
Und schleierlos zerwehn betäubte Sinne
Wie Blätter auf ein unberührtes Meer.
 

 

20
 


II

Sie spielen noch wie einst mit ihren Garnen,
Wenn sie dem Schläfer ihre Schönheit zeigen,
Ach Herz, du mußt dich immerfort verneigen,
Vergessen, was dich zweifeln ließ und warnen.

Wer wüßte schon, ob sie sich selber meinen,
Wenn sie uns von verwunschnen Wesen künden,
Von unbefriedet aufgebrochnen Schlünden,
Die sie der tiefen Dunkelheit vereinen?

Wer weiß von Seelen, da die Welt Gemüt
Und Anklang ward, ein todkrank süßer Schauer
Voll Sanftheit, die im Fieberwahn verglüht?

Doch der Erinnrung ahnndungsvolle Trauer
Bleibt dunkel, wenn die Königliche blüht
Durch ihrer Wasser spiegelblanke Mauer.
 

 

21
 


III

Die trocknen Blüten weißer oder blauer
Seerosen machen deinen Knaster fein,
So darfst du auch ein Lotophage sein
Und helln das Blut, das dunkel ward und sauer.

Im weißen Rauch reit Wind und Mähre ein,
Den Blust zu preisen, wird dein Spruch genauer.
Auf Lieder, die im Moder prunken lauer,
Nach Bildern, die wie Lotosfarben rein.

Sie bergen Kraft, die Herz und Augenweide
Vereint, daß unser Traum karfunkeln darf,
Der nicht mehr unterscheidet Erz und Seide.

Nicht mehr die Mutterbrust und Klingen scharf,
Nicht mehr den Schnitter und das Goldgetreide,
Nicht mehr die Schlacht und Minneleichs Geharf.
 

 

22
 


IV

Der hellste Blust wächst in der Todeskuhle,
Wo die Verwesung alles löscht und schlingt,
Was sonnenhaften Blick und Duft erringt,
Erhebt sich im Moraste und im Pfuhle.

Der Ritter, der nach Haus den Waisen bringt,
Gilt letzten Menschen als der Somnambule,
Weltnacht und Wolfzeit sind ihm Hort und Schule,
Bis er das Szepter in der Hofburg schwingt.

Ihm lausche in der Rose und im Schwane
Und ganz zuletzt noch im Geleucht im Sumpf,
Umstellt von Tod und weich umarmt vom Wahne.

Denn erst wenn alles trostlos dirbt und stumpf,
Entrollt der Heiler die Wacholder-Fahne
Und der April begrünt den Eichenstumpf.
 

 

23
 


ANTINOE
Seeros, rot, die Herodot
Früh beschrieb, die Hadrian,
Der am Nil den Leuen zwang,
Wuchs im Blut des Wüstenherrn,
Die Benamung folgt dem Gott,
Der ertrank bei schwankem Kahn,
Dessen Schönheit Untergang
Folgt auch dieser Blütenstern.

Seeros, Grundstein für die Stadt,
Dem Bithynier Grabesmal,
Gottes Trauer hat den Nil
Solcherart mit Huld beschenkt,
Daß noch heut Gesichte hat,
Wer sich wagt in dieses Tal,
Drein mit unbestimmtem Ziel
Sich das Gold des Abends senkt.

Seeros, Wappen für den Schild,
Aller die auf Hadrian
Baun in Streit und Opferhain
Wie die Blüte weiß und rot.
Seeros, Lichtes Ebenbild,
Minneglück und Minnewahn,
Drin des wahren Reiches Stein
Wartet auf das Schwanenboot.
 

 

24
 


DIE BURG DER GEFAHREN
I

Nimm das zerbrochene Schwert,
Frag nicht, ob Taten dich achten
Oder der Gott, dem sich schlachten,
Andere Waffen begehrt.

Heische nicht Rüstung und Pferd,
Rühre die Erde mit sachten
Schritten, von blau überdachten
Lüften mit Sanftmut versehrt.

Dein sind nicht Heimkunft und Herd,
Ruhm und Triumph nicht dein Trachten,
Wenn sie die Blutgrube schachten,
Wahr dein zerbrochenes Schwert.

Ares, der fortgeht und kehrt,
Wird dich mit Blindheit umnachten,
Wenn seine Jünger verschmachten,
Wirst du mit Bronze geehrt.

Er, der mit Flammen verzehrt,
Will, wenn die Sturmwind-Entfachten
Leiber und Landschaft verlachten,
Dich mit zerbrochenem Schwert.
 

 

25
 
Die im Getümmel durchspeert,
Werden dein Auge befrachten
Und dein Alleinbleiben pachten
Sprachlos und nackt und bewehrt.

Blut, das dich bannt und ernährt,
Dem die Gestalten entwachten,
Das die Jahrhunderte brachten,
Das dir die Väter vermachten,
Rinnt vom zerbrochenen Schwert.
 

 

26
 


II

Laß Schild und Schar
Und stell dich bloß,
Denn die Gefahr
Ist wappenlos,
Die Erde brich
Mit Kreuz und Pflug,
Die Burg, wenn dich
Die Lilie trug.

Der Richtung bar,
Müh Meer und Land,
Denn die Gefahr
Ist unbekannt
Und auch, woher,
Wohin er ging,
Der Ritter, der
Die Otter fing.

Die Pfeile spar
Und folg dem Stern,
Denn die Gefahr
Ist sagenfern,
Doch faß den Speer
Und tu genug
Der Burg, wenn er
Die Lilie trug.
 

 

27
 
Kein Hochaltar
Bekränz den Bund,
Denn die Gefahr
Ist ohne Grund,
Aus Laub und Lehm
Dein Lied erkling
Dem Ritter, dem
Die Otter fing.

Vergiß, was war,
Ob hehr, ob schlicht,
Denn die Gefahr
Vergleicht sich nicht,
Die Burg bewein
Im Funkenflug,
Wenn sich allein
Die Lilie trug.

Dann bring dich dar,
Im Ginster ruh,
Denn die Gefahr
Bist einzig du,
Legenden gehn
Im Ried, im Ring
Vom Ritter, den
Die Otter fing.
 

 

28
 


III

Der Gott, der dein Walten
Geträumt auf der Fahrt,
Da Lethe zu kalten
Kristallwäldern ward,
Zu eisigen Grotten,
Der Sonne unfroh,
Wird wieder vergotten,
Was nachthin entfloh.

Er stieß seine Lanze
In morsches Geblink,
Er setzte das Ganze,
Unherrlich und link,
Er bot sein Gedächtnis
Der Schmelze zum Raub
Und ließ sein Vermächtnis
Dem fragenden Staub.

Was ließ sein Versinken
Im irrenden Hall
Des Stoßes, welch Winken
Verbirgt sich im Fall?
Er hat nichts verraten,
Er hat nur geruht,
Er braucht keine Taten,
Er braucht keinen Mut.
 

 

29
 
Er fragt nicht, zu fragen
Beginnt sein Gedicht,
Gesponnen aus Tagen
Von Schatten und Licht,
Aus Rufen und Schweigen
Im rieselnden Sand,
Mit Stolz und Verneigen
An Erde gebannt.

Sag, träumend Geträumter
Und selber die Sphinx,
Sind Lebens Verleumder
Gespiegelt wir rings?
Wir Schlaf aus Erwachen,
Ist Wachen Schlafs Frucht?
Und werden wir lachen
Am Ende der Flucht?

Wo werden wir walten?
Des Sommers Geheiß
Versuchte die alten
See-Götter in Weiß,
Uns, wälderwärts wärmer,
Hat keiner entdeckt,
Da mindere Schwärmer
Die Doppelaxt schreckt.

Und bot uns die Schlange
Im punkenden Herbst
So unendlich lange
Die Spur, die du färbst
 

 

30
 
Mit ihren Metallen
Und all deinem Blut,
Mit Träumen, mit allen,
Ob schrecklich, ob gut?

Nicht wirst du es sagen,
Der Gott ist erwacht,
Es hat ihn verschlagen
In tiefere Nacht,
Die Lanze zu wahren,
Im Glanz, den er trinkt,
Die Burg der Gefahren,
Aus der er dich winkt.
 

 

31
 


HERBST IN KORNWALL
Das Jahr liegt welk und verschlissen
Auf Klippen, von Wolken zerrissen,
Von schmähenden Stürmen zerbissen,
Befochten von Wogen-Gewalt,
Als Inland, und daß es nicht blühe
Und taub sei und Höhn jeder Mühe,
Das Clairon von Abend und Frühe
Im Südwest-Winde erschallt.

Die Wildkräuter dorren und schwinden,
Die Sturmböen beugen und schinden
Die frauen in wechselnden Winden,
Die Regen und Sonne verriet,
Und Himmel, die grimm überschäumen
Mit Formen aus düsteren Träumen,
Als ob sich, die Bühne zu räumen,
Das Jahr bürg, lang eh es verschied.

Bezeugend die Wunder, die waren,
Tintagel die Donner entfahren,
Die Zeichen, die schlagen und scharen
Die Fröste der Felder vom Wind,
Trompetenstoß, heller geblasen
Als jener vom blutigen Rasen,
Wo wehrhafte Männer sich maßen
Und fielen, im Kampfesrausch blind.
 

 

32
 
Aus schwärzrer Behausung von Schrecken
Solch Zeichen von Weh sich entrecken,
Durch äußerste Finsternis wecken
Sie Furcht, einem Sänger bestimmt:
Welch Seelen der Sonne entsanken,
Welch Lieben, verlorene, wanken
In Schreien, die schweben und schwanken
Im Sterblichen, der sie vernimmt.

Wo Hektors Bruder, manch tausend
Noch weitere, gramvoll und grausend
Der Mutter, wie Dante sagt, hausend
Im Pfuhl, drei das Urteil sie schlug,
Gekettet, weil sie ihn nicht ehrten,
Vielleich, weil sie keines begehrten,
Isolde und Tristan sich wehrten
Der Tränen, sich einzig genug.

Nach Norden empört sich der schlimme,
Gestoßene Schrei einer Stimme,
Die weiß in unsterblichem Grimme,
Wie Leben sich aufrecht besteh,
Das Herz eines Jahres, das offen,
Zu wund, noch Genesung zu hoffen,
Vom Dorn der Gedanken getroffen,
Zerbrach mit der brechenden See.
 

 

33
 


DIE STEILKÜSTE
Hier enden die Pfade,
Und wer sie betrat,
Benennt die Gestade
Fahrwohl und Verrat,
Hier sinne nicht Walter
Auf Hoffnung und Glück,
Die See ohne Alter
Nimmt alles zurück.

Hier birst der basaltne
Und eherne Turm,
Und alles erhaltne
Sind Woge und Sturm,
Hier gibt es nur heute,
Einst war und einst sei
Sind Traumschutt und Beute
Im tosenden Brei.

Bei Sträuchern, entlaubten,
Bei Möwengekrächz
Den Traum zu behaupten
Des Menschengeschlechts,
Erfährt den von Schauern
Gegerbten Altar
Ur-Taumeln, Ur-Trauern
Mit rotblondem Haar.
 

 

34
 
Wer stand auf den Klippen?
Sind Sturzflut uns Kamm
Den schwellenden Lippen
Nun Heimstatt und Hamm?
Und führte die Welle
Das stürzende Tor
Stromaufwärts zur Quelle,
Die allem zuvor?

Bei ihren Geräuschen
Noch schlummert April,
Die Tage zu täuschen,
Die sein, ob er will,
Ob er sich ermanne
In Forst und Revier,
Ob weiter im Tanne
Der Winter regier.

Er mag sich noch zieren,
Er mag seinen Traum
Erst später verlieren,
Die See rührt es kaum,
Hier wird keine Wende
Dem Schicksal, Bestand
Der Front nicht, kein Ende
Der Not, die sie bannt.

Wer hierhin sich fügte,
Macht niemandem kund,
Welch Gott ihm genügte,
Welch Liebwort dem Mund
 

 

35
 
Im schallenden Lachen,
Im Weinen entflieht
Und ob ihm zum Drachen
Die Schlange geriet.

Der Pfad brach, die Gerte,
Und keiner mehr weiß,
Woher seine Fährte,
Wohin sein Geheiß,
Er ließ keine Zeichen,
Er war nur ein Traum,
Sein Werden, sein Weichen
Bleibt spurlos im Raum.

Kein Lenz ihn entfaltet,
Kein Herbst schickt ihn heim,
Die Schaumkrone waltet
Im eigenen Reim,
Wer sie und das Wehen
Des Westwinds gefreit,
Sein Kommen, sein Gehen
Nicht achtet die Zeit.

Hier sind selbst die Pforten
Des Traums, Truhe, Schrein,
Gelöscht, Welle, Worten
Abhold, wiegt sie ein
Zu Wellen-Verwandten,
Einander so fremd
Wie Sand allen Sanden,
Die See angeschwemmt.
 

 

36
 
Sie funkeln und gären,
Doch tiefern gewinnst
Aus keinem, sie nähren
Kein Pforten-Gespinst,
Sie sind sich verfallen
Wie, weltabgekehrt,
Ein Gott, der sich allen
Selbstherrlich verwehrt.

Hier enden die Pfade,
Doch wer sie beging,
Verläßt ihre Gnade
Und schmiedet den Ring:
Die Waage, die Welle,
Die türmt und vertut,
Das Tor an der Quelle
Und Sturz in die Flut.
 

 

37
 


TINTAGEL
Herrisch ragt an Kornwalls Küste,
Fels und Mauer überm Meer,
Thronend über solcher Rüste,
Wird Verteidigung nicht schwer.
Man erzählt, daß Merlin magisch
Uther Herzogs Aussah gab,
Daß er hasche wenig tragisch
Gattin, Feste, Krone, Stab.

Da du wählst die Felsenstiege,
Weißt du wohl, daß Artus nicht
Einst gezeugt in dieser Riege,
Die sich labt an seinem Licht,
Doch die echten Zeugen findet
Niemand mehr im Trümmerstaub,
Drum sei Spätres, das verbindet,
Hehr vor Sturm und Flammenraub.

Wogen schlagen an die Klippen,
Schaum bespritzt dein Baumwollhemd,
Riesen taugen solche Rippen,
Drein sich manch Legende schwemmt,
Über Wunder, über Zeichen
Richtet nicht der Chronolog,
In der Weltgeschichte Speichen
Greift der Ebbe Taumelsog.
 

 

38
 
Taumeln läßt dich bald die Höhe,
Wo die Stufen kurz und glatt,
Und du fühlst dich in der Böe
Wehrlos wie ein Ahornblatt,
Doch du dringst in die Ruine,
Drin die Sage sichtbar wirkt,
Und als nie erschöpfte Mine
Deinen Liedern Silber birgt.

Das Geleit des Vaterlosen,
Den ein Incubus gezeugt,
Hättst du gern auf diesen Moosen,
Draus der Kult der Kelten äugt,
Denn als Barde und Druide
Greift er tiefer in den Quell,
Wo im späten Klosterliede
Ließ die Fruchtkraft der Triskell.

Aber wie die Sonnenhelle
Reißt die Wolkenmauer auf,
Stehst du selbst an seiner Stelle,
Spürst am Gurt den Bronzeknauf,
Weiter spannst du Reim und Bogen,
Als dem Reiseführer schien,
Und vom Schwane hergezogen,
Pflanzt die Eiche Lohengrin.
 

 

39
 


CAMELOT
Der Frühtag walisischer Sagen,
Der Kelten und Römer betaut,
Hat mächtig im felsigen Hagen,
Die Krone der Questen erbaut,
Gelang dir das Holde und Hehre,
So tritt vor den König und Gott,
Karfunkelnd mit Würde und Ehre,
Im Rittersaal von Camelot.

Hier wirkte die herrliche Runde,
Die tafelt mit Minne und Schwert,
Besungen aus edelstem Munde,
Und aller Gedichtkreise wert,
Sie zog nach dem Blut, das im Grale
Gewahrt von Gebräm und Gerott,
Die Blauaugen preisen die Schale
Im Rittersaal von Camelot.

Dann fiel mit dem König das Lehen,
Die Feste geriet in Verfall.
Die Seewinde schinden und wehen
Die Schriften aus Mauer und Wall,
Nur Lieder und Mären bewahren
Die Weltstunde über dem Trott
Der Einfalt und was wir erfahren
Im Rittersaal von Camelot.
 

 

40
 
Hier ist die Historie umschlugen
Von Träumen, der Weltschöpfung nah,
Hier ward eine Einheit errungen
Von Urschmerz und Heils-Omega,
Hier ruht ein gewaltiger Segen,
Und Rüste für Lug und Komplott,
Du pilgerst auf Gnadenreich-Wegen
Im Rittersaal von Camelot.

Du suchst in Geröll und Archiven
Nach Namen, nach Taten und Quest,
Im Strudel, im Schrägen, im Schiefen
Halt nicht das Beglaubigte fest.
Entsage dem Reimlaut-Getrennten
Und räume von Borden den Schrott,
Dann stahlt aus den Blut-Pergamenten
Der Rittersaal von Camelot.
 

 

41
 


GLATISANT
Gepolter und Gebell verrät
Dem müden Reiter Glatisant,
Wer nicht mehr weiß, wie früh, wie spät,
Der wird von solchem Larm berannt.

Ein Schlangenkopf am Leopard,
Ein Leuenschwanz und Hirsches Huf,
Das Tier, das Zoologen narrt,
Beweißt sich durch den Kläffer-Ruf.

Nur wenn es trinkt am kühlen See,
Schweigt das Gekeif in seinem Leib,
Du jagst es durch Geblüh und Schnee,
Doch ist dein Mühn nur Zeitvertreib.

Kein Jäger je das Wind gewann,
Daß sich verbirgt und jäh das Pferd
Erschreckt und jede List ersann,
Daß, was du tust, zuletzt verkehrt.

Doch ists gewiß kein arger Schelm,
Da Pedrag starb, da weint es gar,
Es strafft dem Ritter Brust und Helm,
Der ziellos ohne Queste war.

So hat es Gott der Welt geschenkt,
Daß es uns sporn zu Tat und Fahr,
Und weil es kein Verfolger fängt,
So spornt es uns auf immerdar.
 

 

42
 


EXCALIBUR
I

Hartscharte, Wappen, Panzerschild,
Siegrune, Eiche, Mistelzweig,
Der Träger als der König gilt,
Das Nahn als Gottes Fingerzeig.

Da Merlin es in Felsen rammt,
Versucht sich mancher edle Sproß,
Doch nur wer aus der Vorwelt stammt,
Gewinnt das Erz und so den Troß.

Wenn es der Feind im Kampf zerschlug,
So reit hinab zu Sumpf und Moor,
Wie Schlick und Schlamm die Rose trug,
So reicht es eine Hand hervor.

So fügt sich zu dem Rosenschild
Das hehrste Schwert als Nymphengift,
Als Held auf Berg und Feste gilt,
Wer früh im Ried die Ahnen trifft.

Im Rittertum ist Christi Licht
Als Blüte eins mit mit Schleim und Brei,
Und wenn ein Streiter strahlend ficht,
So sind die Toten stets dabei.
 

 

43
 


II

Fast ein Jahrtausend galt dem Lied
Ein König über allen hehr,
Die Runde seiner Tafel zieht
Sich als Karfunkel durch die Mär.

Ein Rittertum, das Gott gefällt,
Bemißt sich ganz an seiner Kraft,
Sein Glanz und sein Erfolg verstellt
Mancher Geschlechter Leidenschaft.

Da Lanzelot und Parzival
Mit Galahad, Gawain und Bors,
Dem König dienten, schien der Gral
Als Heil des unverschloßnen Tors.

Doch dieser Blüte Rosenglanz,
Die Stärken bündelt, wild und frei,
Macht nur die Unbedingtheit ganz,
Daß Artus rechter König sei.

Dies macht allein nicht Mut und Schwung,
Nicht Weisheit und kein Bardenlied,
Das Zeichen, das die Dämmerung
Der Toten gab, die Wahl beschied.

Daß ihm das Schwert aus Schmand und Schlick
Gereicht als Seeros, lichtumblitzt,
Bannt jeden Ritters Sonnenblick,
Bis er von ihm das Lehn besitzt.
 

 

44
 
So ist die Seeros Gottes Wink,
Daß jeder Edle schwör und folg,
Drum morgenfrüh am Ufer trink,
Auf daß sich licht die Nebelkwolk.

Wir sind versprengt, des Fürsten bar,
Wie die Titanen unterm Joch,
Doch einmal wird der Himmel klar,
Und unsre Stunde zeigt sich noch.

So üb das Aug und reim das Lied
Für Keltenkreuz und Treueschwur
Bis eine Nymphe aus dem Ried
Dem Retter reicht Excalibur.
 

 

45
 


MERLIN
Schlüssel für Artus und Queste,
Quecksilbrig schlanker Merkur,
Ob in der Schlacht, auf dem Feste,
Beischlaf und harter Tortur,
Immer vorm Abgrund ein Quentchen,
Gleichwohl schon wieder Hast,
Reicht dir der Barde das Händchen,
Und schon vermißt du Gast.

Was einst die Kelten gewesen,
Eint er im schütteren Haupt,
Was er gesagt, kann man lesen,
Aber nicht was er geglaubt,
Zwischen Druiden und Christen
Seiltanzt der Narr auf der Zinn,
Und nach unmöglichen Fristen
Hat sein Besuch wieder Sinn.

Dunkel sind alle Propheten,
Meistens und eigentlich stets
Wurde der Rat nicht erbeten,
Aber nicht ohne ihn gehts,
Daß er ein eigener Lenker,
Und ein Geheimnis sein Plan,
Sagen mal froher, mal kränker,
Alle, die jemals ihn sahn.
 

 

46
 
Zwischen Gefilden im Nebel
Und unserm Nebel aus Licht,
Reicht er die Wecker und Knebel
Und er verfehlt kein Gesicht,
Wo alle Weisheit am Ende,
Wo alle Zuversicht schwand,
Zeigt er sich geisterbehende
Und er verheißt uns das Land.

Niemand wird jemals in finden,
Spurlos der Magier entflog,
Ob er dich trifft an der Linden
Oder bei Schweinen am Trog,
Niemand weiß solches zu sagen,
Wenn ers dir selbst nicht verriet,
Aber in dunkelsten Tagen
Tritt er der Zeit ins Gebiet.

Was ihn veranlaßt zu kehren,
Sagt nicht, was immer er raunt,
Gold ist ihm Tand oder Ehren,
Nichts hat er jemals bestaunt,
Um das Geweb zu besticken,
Krudeste Pfade er nimmt,
Meint aber, alles zu schicken,
Wie es von jeher bestimmt.

Dies rührt an ältestes Raten,
Wenn sich doch alles entschied,
Wozu verlangt es die Taten
Schwerts und nach feierndem Lied,
 

 

47
 
Niemand löst je diesen Knoten,
Drum laß den Weisen in Ruh,
Fragst du, was ewig verboten,
Schnürt er ihn fester nur zu.

Mühe dich nicht, ihn zu stören,
Glaub nicht, daß je es gelingt,
Wollte er selbst dich erhören,
Nutzlos, was etwa er bringt,
Was er dir mag prophezeien,
Reimt dir nur bündig und knapp,
Was dir die Kolkraben schreien,
Lautstark vom Dache herab.
 

 

48
 


GALAHAD
Der Reine, der vom Makel frei,
Pfingstmorgens ward zum Hof gebracht,
Die Runde wußte gleich, dies sei
Der Mann, für den der Stuhl gemacht.

Erzogen ward er nun von Fraun,
Doch war in ihm der Vater stark,
Von Schwertern, die aus Steinen schaun,
Er seins ganz ohne Zögern barg.

Das Einhorn war sein Wappentier,
Er trug das Kreuz, das rot wie Blut,
Er kannte weder Neid noch Gier,
Weshalb er große Taten tut.

Er schritt auf Pfaden, die dem Ahn
Manch eine Leidenschaft verwehrt,
Doch lief auch anders seine Bahn,
Hat er den Vater tief verehrt.

Er starb gestillt auf Sarras dann
In Frieden mit der Welt und Gott,
Von seinen Lippen hörte man
Zuletzt den Namen Lanzelot.
 

 

49
 


PARZIVAL
In Wolframs Buch vom Grale fahrn
Zwei Ritter nach der höchsten Quest,
Daß beide höchst verschieden warn
Und dieses täglich offenbarn,
Sich ärger gar nicht zeigen läßt.

Gawain kennt Takt und Höflichkeit,
Die Riten auch der Religion,
Er zeigt Geduld in Huld und Streit,
Doch Parzival ist davon weit
Und gilt als großer Torheit Sohn.

Gawain versteht den Ernst, den Spaß,
Er weiß, wie man die Worte wägt,
Und Parzival sieht so den Has,
Der Unterschied von Zinn und Glas
Ist nichts, was ihm Gedanken trägt.

Doch alle Kunst und Müh verpufft,
Wenn Wege schlängeln wirr und krumm.
Was nützt die Ehr in schlechter Luft,
Und wenn ein armer Hund der Schuft,
Wird wer gerecht nicht froh darum.

Gott hat bestimmt, daß Parzival,
Der Narr, die Burg des Grals befrei,
Wenn dies mißlingt beim ersten Mal
Und fortsetzt sich des Königs Qual,
War gleichwohl Gottes Will dabei.
 

 

50
 
Selbst daß er Gottes Gnade pön,
Ist not für das Erlösungsstück,
Nichts festhält, daß er sich gewöhn,
Und mißversteht, was gut und schön,
Hat teil, daß die Verheißung glück.

Gawain besteht die Prüfung oft,
Doch dorten wartet nicht der Gral,
Der andre handelt unverhofft,
Doch daß sich Heilands Blut verstofft,
Ist ausersehn nur Parzival.
 

 

51
 


LANZELOTS GRAB
Schon früh mischt sich zum Rittertume,
Dem mancher Dichter Glanz verlieh,
Zum Minneglück, zum Schlachtenruhme
Der Wunsch nach Bruch und Parodie,
Das Spiel mit Irrsinn und Grotesken,
Mit dem Absurden und dem Spleen,
Verschafft dem Ehebrecher Fresken
Mit der nur lind verhüllten Queen.

Berüchtigt ist der schöne Knabe,
Der mannbar ward zu Avalon,
Von Fährnis sprach ein alter Rabe,
Das Kind verstand die Lust davon,
Die Suche nach des Heilands Wunde
Verheißt ihm Urlaub, Sport und Kur,
Und ein Spaziergang ist die Stunde
Des Schmiedes von Excalibur.

Hart ward ihm eine Burg zu brechen,
Doch härter ward, was er gewann,
Zwar mancher meint, in See zu stechen,
Käms nicht auf Ziel und Beute an,
Nicht, daß er Gold und Silber hole,
Zerbrach er Wall und Zinnenwehr,
Doch ist der Sieg die Nekropole,
So wird der Mut gar manchem schwer.
 

 

52
 
Hier liegt der Toten Kapitale
Mit Gräbern, Grüften, Schrift und Stein,
Hier füllt entfleuchter Seelen Schale
Das Schädelhaus im Abendschein,
Hier sind die Ritter, Knappen, Weiber,
Des Odems bar Reliquienschatz,
Hier deckt den Knochenbau der Leiber
Ein Marmorblock mit Goldbesatz.

Und der mit Macht die Ruhe störte,
Entdeckt im Lindenbaum-Geschatt
Den Namen, der ihm selbst gehörte
Und Grab und Todesdatum hat,
So einem Ziel der Kraftverschwendung
Begegnend, wächst ihm kein Begehr
Nach Seele und nach Pflichtvollendung,
Und er fährt fort wie vordem her.

Dies ist kein Akt in einem Stücke,
Das mit der Tat im Glauben wächst,
Hier trifft die Ignoranz die Tücke,
Die prophezeit mit Schau und Text,
Hier wird das Mittelalter mürbe,
Der Waise aus der Krone fiel,
Ob einer steh, ob einer stürbe,
Gilt gleich in diesem Schelmenspiel.

Da sich die Zwölfertafel rundet
Zum Kodex, der die Szenen faßt,
Wird schon ein Abgesang bekundet
Auf Reiche, die schon längst verpraßt,
 

 

53
 
Wir meinen noch im Heil zu schürfen,
Und sehn Kapitulantenwerk,
Wo wir von Artus lesen dürfen,
Versank die Riesenzeit im Zwerg.

Drum soll dir nicht aus Pergamenten
Das Mittelalter auferstehn,
Im Echo und im Gott-Getrennten
Kannst du das Reich nur wahnhaft sehn,
Drum streife froh auf Au und Anger
Und find den Herrn in Wind und Quell,
Stellt dich der Teufel an den Pranger,
So weißt du, daß dein Auge hell.
 

 

54
 


DER SEEROSENRITTER
I

Als Solitär in Wappenschmuck und Stand
Gleicht er dem Auge am Verderbnis-Strand,
Hier retten nur der Dost und der Dorant
Vorm Lockruf und der Wassergeister Hand.

Die Nymphe, die aus Moor und Moder singt,
Sie äugt durch Zeit und Ewigkeit, beschwingt
Vom Aleph, das den Weltenanfang bringt
Und durch die Zeichen zu sich selber dringt.

Was er im Schilde führt durch Fahr und Lust,
Mischt er dem Knaster und im Rauch der Brust,
In ihm sind Tat und Schläfrigkeit bewußt,
Daß du nicht Mai und Julfest trennen mußt.

Dich macht kein Habitus zum Schwertgenoß
Des Ritters, der nicht Rat begehrt noch Troß,
Der hohe Ort mit Graben, Wall und Schloß
Ist wie ein Traum, der mit der Nacht zerfloß.

Doch wie zuende rechnet Platons Jahr
Wird mancher Himmel wolkenlos und klar,
Für seine Kunft sei du der Abend-Aar,
Daß gelte, was in Gott schon immer war.
 

 

55
 
Du schaust, wenn dich der Mittagsglast beschwert,
Den schweren Reiter auf dem schwarzen Pferd,
Doch dies bleibt nur Gesang, für ihn nicht wert,
Daß er als Gast in deinen Garten kehrt.

Er waltet sein im stillesten Gericht,
Er wägt, doch er verwirft das Leichte nicht.
Er ist der Schimmer, der Poseidon bricht,
Den Wellen Reim, darin die Natter spricht.

Noch liegt sein Stern von andrer Welt verdeckt,
Noch schweigt die Stunde, die sein Haupt erweckt,
Doch wenn die Häfen sein Gebieter schreckt,
Zerreißt der Horizont, der ihn verdeckt.

Ob Gnade fänd vor ihm das deutsche Land,
Das sich verlor und noch nicht wiederfand?
Als Solitär in Wappenschmuck und Stand
Gleicht er dem Auge am Verderbnis-Strand.
 

 

56
 


II

Lichtaug, umblaut,
Blust überm Sumpf,
Tränen-betaut
Rottet der Stumpf
Donars, von Wahn
Eisern gefällt,
Aber der Schwan
Rettet die Welt.

Wie einst vom Nord
Delos erschien,
Hütet der Hort
Glimmenden Kien,
Knaster-entflammt,
Schaust du das Meer,
Jegliches Amt
Kommt von dorther.

Seerosenblatt
Tröstet das Aug,
Bis das Geschatt
Weicht von Arnshaugk,
Bis uns die Bris
Blustarom-schwer
Thuleher blies
Den Solitär.
 

 

57
 
Frisch ist sein Schritt,
Froh ist sein Mut,
Führt er den Schnitt,
Zeigt sich kein Blut,
Pflanzenhaft grünt
Welt, der er reift,
Die er entsühnt,
Eh sie begreift.

Fest wie der Stiel
Unter dem Blust
Schenkt ihm das Ziel
Freude und Lust,
Da er gefeit,
Wird es ihm leicht,
Daß ihm die Zeit
Folge zur Beicht.

Trinke den Hauch
Seiner Gestalt,
So wie der Rauch
Pfeifen entwallt,
Wird seine Hand
Richten die Not,
Wenn dieses Land
Sichtet das Boot.
 

 

58
 


DIE SEESCHLANGE
Sag, Ritter und Rufer
Auf Suche und Fahrt,
Ob Nebel am Ufer
Dein Wappen bewahrt?
Du fandest zu Jahren,
Doch niemals das Tal,
Die Burg der Gefahren
Den heiligen Gral.

Der Frieden verbrauchte
Die Zwölfzahl, die Gunst,
Das Heiligtum tauchte
Ins Traumreich der Kunst,
Doch suchen, so bitter
Geschlagen, noch weit
Die fahrenden Ritter
Das Heil in der Zeit.

Du folgtest den Worten
Des Königs, des Herrn,
Er wies mit verdorrten
Gelenken den Stern,
Der Seerosenritter
Nur heile sein Herz,
Er zöge den Splitter
Von glühendem Erz.
 

 

59
 
Nicht deutet die Auren
Lombardisches Meer,
Nicht wissen die Mauren
Verlorenen Speer,
Von Gipfeln und Plätzen
Vertrieb dich das Wort,
Die Segel zu setzen
An Ibrahims Port.

Was Händler und Fürsten
Am indischen Strand
Erhoffen, erdürsten,
Erscheint dir als Tand,
Mit ihnen zu reisen,
Bereitet dir Pein,
Doch einer sang Weisen
Von Liebe und Wein.

Er sang dir von Tränken,
Dem Träumenden hold,
Von Pflanzen-Geschenken,
Begehrter als Gold,
Der Alte vom Berge
Den höchsten gewann,
Ihm wurde ein Scherge,
Wer kostet daran.

Was je die Legende
An Glück dir verhieß,
Die Lust ohne Ende,
Das Traum-Paradies
 

 

60
 
Gewannen Adepten,
Zur Rückkehr ins Tal
Erschlugen, verschleppten
Sie, wen er befahl.

Die Lieder, die Reime,
Verstanden nur kaum,
Sie wurden dir Keime
Für tieferen Traum,
In weiteren Fluten,
Im Wind, der dich striff,
Arabische Gluten
Entsanken dem Schiff.

Kein Felsen verriegelt,
Was sein wird und war,
Das Himmelsbau spiegelt
Sich rein offenbar,
Passat, der dich streichelt,
Gedankenentrückt,
Und Hoffnung, die schmeichelt,
Daß alles noch glückt.

Doch abends am Feuer
Sprach einer von Sturm,
Vom Seeungeheuer,
Dem mächtigen Wurm,
Erröteter Wange
Erhebt er das Wort
Vom Walten der Schlange
Im blaudunklen Hort.
 

 

61
 
Mit mächtigen Schleifen
Umschlang sie den Kahn,
Was lebt, zu ergreifen,
Die Mannschaft, im Wahn
Erstarrt und ertrunken
Im Strudel, im Schacht,
Im Schiff, das versunken
Zu ewiger Nacht.

Er donnert die Sagen,
Die Runde erbebt,
Und keiner wird fragen,
Wie er überlebt,
Die Narben gewähren,
Verbranntes Gesicht,
Die Mythen, die Mären
Bestreitest du nicht.

Du möchtest erzählen,
Wer du bist, was dein,
Die Traumhäute schälen,
Den Schleier, den Schein,
Doch dürftest du brechen
Die Eide von Stahl,
Du könntest nicht sprechen,
Nicht, wer ist der Gral.

Doch möglich, der andern
Erzählungen, alt,
Berichten dein Wandern,
Die Spiegelgestalt,
 

 

62
 
Vielleicht bist du keiner,
Der Meere befährt,
Der Suchenden einer,
Der nirgendwo währt.

Und bist du an Zielen
Zum Hiersein versucht,
So hast du die vielen
Zu Träumen verbucht,
Du deutest die Zeichen,
Du führst sie im Kreis,
Und wen sie erreichen,
Beschloß dein Geheiß.

Die Nächte gewinnen,
Die Sonne versinkt,
Nun sag, ist es innen,
Wo Jupiter blinkt?
Die Schaumkrone führte
Den babelschen Turm,
Und jedermann spürte
Das Beben im Sturm.

Die Wolken verhängen
Die Augen der Nacht,
Die Weiser, zu Längen
Und Breiten gedacht,
Die Fahrenden irren,
Der Zeichen entblößt,
In Rätseln, in wirren,
Die niemand mehr löst.
 

 

63
 
Und du, der so lange
Die Worte gespart,
Vermutest die Schlange
Als Kurs unsrer Fahrt.
Dir antworten Blicke
Und Kehlen, verdorrt,
Am besten, man schicke
Dich rasch über Bord.

Vielleicht sind die Tode
Dein ewiges Mal,
Verschieden nach Mode,
Geschmack, Ritual,
Der Wandel der Zeiten
Verändert den Sinn,
Den Tiger zu reiten
Nach nirgendwohin.

Der nächste Tag brachte
Die Sonne zurück,
Und jedermann lachte
Und weinte vor Glück,
Als sie sich brüste
Mit reichestem Lehn,
Indianische Küste
Lag, unweit zu sehn.

An Möwen verfüttert
Man Brot, lacht dabei,
Doch plötzlich erschüttert
Ein furchtbarer Schrei
 

 

64
 
Den Mittag: die Schlange!
Dann Schweigen im Boot,
Gebrochen und bange
Schaut jeder den Tod.

Und Lehnsherr und Knappe,
Was Augen hat, gafft,
Mit Herzen von Pappe,
Mit Gliedern, erschlafft,
Auf Kurven und Schleifen
In windstiller See,
Sie knurren und keifen,
Ein Wunder gescheh.

Ein Schnattern, ein Pfeifen,
Ein wildes Gemisch
Von Lauten, sie streifen
Die See mit Gezisch,
Dann wieder ein Kichern,
Und abtaucht das Braun,
Als wollt wer versichern,
Du seiest zu schaun.

Und wilder die Reifen
Der Kette sich drehn,
Die Wogen zu steifen,
Die Fahrenden sehn
Die Wasserfiguren
Urweltlich, urfrüh,
Ein Spiel und die Spuren
Aus Tanz und Gesprüh.
 

 

65
 
Die Schleifen, die Laute,
Die Wogen, der Schaum,
Sie sind dir vertraute
Aus kindlichem Traum,
Du bittest die Starren
Um Ruder und Boot,
Sie geben dem Narren
Und grüßen den Tod.

Mit leisesten Schlägen
Durchfurchst du die Flut,
Als wolltest du wägen,
Was unter dir ruht.
Doch wie du dem Reigen
Dich näherst, wird klar
Die See, und ein Schweigen
Verheimlicht, was war.

So gehst du zur Rüste
Auf winzigem Riff,
Die sichere Küste
Erreichte das Schiff,
Du hast sie verlassen
Und stellst dich allein,
Die Botschaft zu fassen,
Die Schale, den Stein.

Die Stunden verrinnen,
Die Sonne entsank,
Was außen, wird innen,
Was Groll war, wird Dank
 

 

66
 
Und Rauschen Gestotter
Und Pfeifen Gezisch,
Da reicht dir ein Otter
Dein Abendmahl: Fisch.

Er reckt sich in Würde,
Zeigt Silber im Pelz,
Die trennende Hürde
Verflog euch am Fels,
Du spürst seine Trauer,
Vertrautes Gelall,
Der Seewind wird rauher,
Verdunkelt das All.

Er schlägt auf die Schale
Der Muschel, sie platz,
Die Wunder bezahle
Mit kostbarem Schatz,
Du sollst ihn bewachen
In Tagen der Welt,
Bevor er dem Drachen
Am Ende verfällt.

Du ahndest den Schimmer,
Das schwache Geleucht,
Bevor dir für immer
Dein Ferge entfleucht,
Du trägst deine Perle
Durch Donner und Sturm
Zum Ufer, wo Kerle
Erzählen vom Wurm.
 

 

67
 
Und wie dir der Spender
Für immer verlorn,
Erhelln sich die Ränder
Des Urtraums, erkorn
Vom schlafenden Gotte
In silberner Furt,
Dem Mond in der Grotte
Bei deiner Geburt.

Der Otter, der Fänger
In Spiel und Gefahr,
Dir Traum-Wiedergänger,
Dir Totemtier war,
Er reichte den Kiesel,
Du trägst ihn am Hals
Und gleichst ihm als Wiesel
Im schäumenden Salz.

Du hast dich umrundet,
Du wohntest dir bei,
Der König, verwundert,
Zwar gab dich nicht frei,
Doch ob du ihn fändest,
Ob jemals das Tal,
Sorg er, denn du sendest
Den heiligen Gral.

Der Alte vom Berge
Nutzt Liebreiz und Lust,
Doch was dir dein Ferge
Im Herzen bewußt,
 

 

68
 
Birgt stärkere Tränke
Und schärfere Wehr
Als Zauber und Ränke,
Verlorener Speer.

Man wird dir erzählen
Vom Tod, der ihn griff,
Die Gralssucher wählen
Die Pferde, das Schiff,
Doch keiner sei Dritter
Dir, Himmel und Saal,
Dir, Seerosenritter,
Dir, heiliger Gral.
 

 

69
 


ARCANA
                  Weltkinder sah ich ruhen
                  Gemächlich ganz und gar,
                  Sie waren doch auf Reisen
                  Und wurdens nicht gewahr.


                           ABU TAMMAM


I

Streif durch diesen Rätselgarten,
Der vereinigt Acht und Hut,
Und mit Ampeln und Standarten
Züchtet Witz und Spielermut.
Suche ihn in allen Karten,
Glaube nie, du mischtest gut!
Denn wie kannst du Sieg erwarten,
Den der Gaukler nicht vertut?
Schärfe Schwer und wetz die Scharten,
Er ist ganz von deinem Blut,
Und das Ziel, nach dem wir starten,
Birgt sein Stab, drin alles ruht.
 

 

70
 


II

Wenn die Zeichen sich verzweigen,
Tritt sie auf mit reinem Schoß,
Bis des Einhorns Minnereigen
Sie bezwingt im Waldesmoos.
Sieb Schleier sind ihr eigen,
Doppelkrone, selten bloß,
Will sie dir ihr Antlitz zeigen,
Schaust du nur dein eignes Los.
Sie bewacht das Himmelsschweigen
Und des dunklen Fährmanns Floß,
Doch du wirst sie einst besteigen
Und entführn mit sanftem Stoß.


III

Hörtest du im Laubicht raunen
Urgelall, der Sprache feind,
Hüll dein lichtes Kleid in braunen
Bast, der deinen Stolz verneint,
Die erwacht in dumpfen Daunen,
Muttermund, der müd erscheint,
Deutungslos ist ihre Launen,
Ihr entwuchs, was lacht und weint,
Und mit Quellen, Göttern, Faunen
Bist du ihrer Huld vereint,
Ihre Gnade zu bestaunen,
Ihren Zorn, der jäh versteint.
 

 

71
 


IV

Siehst du Schlangenadler kreisen,
Augen starr nach Osten spähn,
Übergib dem vierfach weisen
Sonnenheld und Souverän,
Was du mitgebracht an Eisen,
Klingen, die Geziefer mähn.
Ohne Waffen sollst du reisen,
Unheil nicht, noch Schmerzen sän,
Panzern werden seine Speisen
Deinen Leib und Wunden nähn,
Wenn sich in den Purpurschneisen
Stachellose Vipern blähn.


V

Segelst du vom Wall der Taten
Hochgemut zu fremdem Strand,
Schüf mit Zauber nicht und Spaten
Rotes Gold, das Drachen bannt,
Der dein Wappen längst erraten,
Dreizackträger, Hierophant,
Schätzt gering die reichen Staaten,
Hält, was sie beglückt, für Tand.
Was die andern nicht erbaten,
Schätze, die noch niemand fand,
Hortest du und nimmst dem Paten
Nur den Segen seiner Hand.
 

 

72
 


VI

Vorwärts kamst du manche Meilen
Hoch zu Roß ins Huld und Streit,
Aber vor besternten Pfeilen
Bleibst du ewig ungefeit.
Sag, bei welcher willst du weilen,
Schlangenfrau und Lindenmaid?
Einer Rache magst enteilen,
Doch die andre, froh gefreit,
Sie wird nicht die Wunde heilen,
Achten Ehre nicht und Eid
Und den ärgern Schlag erteilen
Zu den Gottes Heiterkeit.


VII

Rühmt der Sänger dich im Hagen,
Sieger und den Göttern gleich,
Tilgtest du die Androphagen,
Und am Stymphaliedenteich
Rodest du den Mannestagen
Lebensraum mit festem Deich.
Doch dem triumphalen Wagen
Über Feinden, schreckenbleich,
Mußt du doch zuletzt entsagen,
Wenn dich Alter lähmte, schleich
Ruhmlos, und vergeblich klagen
Fraun und dein zerstörtes Reich.
 

 

73
 


VIII

Zwischen Übermut und Trauern
Ziehst du eine Grenze nicht,
Götter schenken reich, doch lauern
Im Gewinn Verlust, Verzicht.
Was dich hebt in Wonneschauern,
Morgen femt und Schande spricht.
Wenn am Brett die schwarzen Bauern
Kontern, ist die Weisheit schlicht:
Beiderseits der Tempelmauern
Ist die Wahl zugleich die Pflicht,
Und der Mann wird aufrecht dauern,
Huldigt er dem Gleichgewicht.


IX

Deinen frühsten Traum ergründen,
Sucher, der durch Wüsten ritt,
Kannst in Ordnen, Gilden, Bünden
Nie, drum sei der Eremit.
Trenne dich von Pfand und Pfründen,
Klausner, der den Clan, selbdritt,
Der nach Seligkeit und Sünden
Ordnet, viel zu lange litt.
Bei den Minotauren münden
Mantelschwarz mit sicherm Schritt
Fragen, wie die Sterne stünden,
Die dein Herz zur Haut erstritt.
 

 

74
 


X

Waltest du im zehnten Zeichen,
Sei die Sphinx, die dies bewacht,
Nutz die Masken, ihr zu gleichen,
Falkenschwinge, Löwentracht.
Sie allein greift in die Speichen,
Spinnerin von Pein und Pracht,
Und das Recht, dich auszustreichen,
Hat auch dir sie zugedacht.
Aber einmal noch entweichen,
Streiter, magst in stillster Schlacht,
Gehst du leicht und über Leichen,
Clown, der unter Tränen lacht.


XI

Furchtbar sind die Tilgerscharen,
Furchtlos und dem Stern getreu
Thront dein Augenlicht, das Aaren
Ansteht und dem Roten Leu.
Du wirst deine Waffen wahren,
Zärtlich sei die Hand und freu
Sich im Rachen der Gefahren
Wie die Schweifer im Gebläu.
Deine Stärke offenbaren
Götter, die dem Menschen scheu,
Gibst du dich mit Haut und Haaren,
Wacht iht Glanz, ihr Zeichen neu.
 

 

75
 


XII

Der dir sagt, du gehst zugrunde,
Dessen Speer dich nie verpaßt,
Trinkt genüßlich an der Wunde,
Die du weit geöffnet hast.
Aber deine Marterstunde
Schlingt allein nicht Fuß und Ast,
Sondern auch dem Baum zum Bunde,
Was du trägst wie er die Last.
Neunmal steigt der Mond, und Hunde
Jaulen dem gehängten Gast,
Bis die Rinde Rundenkunde
Und den Sinn des Opfers faßt.


XIII

Würde dich Saturn verschonen,
Wärst du nicht der Herr und Held
Aller, die im Zielicht wohnen,
Halm gmäht und Frucht zerspellt.
Sieh die königlichen Kronen
Und die Herrlichkeit der Welt
Mit den Häuptern der Gorgonen
Deinen Träumen zugesellt.
Aber du im Flug der Drohnen
Botst Gesang, der nie verfällt,
Dem das Herz der Dunkelzonen
Keine Macht entgegenstellt.
 

 

76
 


XIV

Deutest du die Vogelzüge,
Loht an deiner Stirn der Stern,
Schwinge, der du eigne Flüge
Dankst vor allen Zauberern,
Ruht, wenn du in Silberkrüge
Füllst das Öl vom Sonnenkern.
Demut birgt die sanfte Rüge,
Stolz der Dienst am höchsten Herrn,
Denn das Maß beschämt die Lüge,
Aber es verheimlicht gern,
Wie es sich am Ende füge,
Faßbar stets und ständig fern.


XV

Wurdest du zum Zeichensetzer,
Über nicht Renegatenhatz,
Unbestechlich sei der Schätzer,
Patina von Bronze kratz.
Gib dem bibelfrommen Schwätzer
Nie in deinem Hause Platz,
Was am Fürsten er der Ketzer
Ächtet, ist Eunuchengnatz.
Der Versucher, der Verletzer
Spiele seinen Part im Satz,
Denn er wird zum Traumvernetzer,
Gönnst du ihm den Drachenschatz.
 

 

77
 


XVI

Wenn die Götter nicht mehr hören,
Speist die Quelle keinen Bach,
Doch im Übermaß zerstören
Blitz und Feuer Herd und Dach.
Sonne flieht in schwarzen Flören,
Schwefel macht die Herzen schwach,
Turm, bekrönt, in Donnenchören
Spielball, stürzt im Spottgelach.
Sag, wenn wir uns selbst verlören,
Wär es es schlimmres Ungemach,
Wenn der Wahn, der lind betören
Durfte, böt dem Geiste Schach?


XVII

Wies der weiße Stab der Eibe
Deiner Reise Weg und Ziel,
Auch die Beerenfrucht zerreibe
Sternbewacht mit Stumpf und Stiel.
Kommt Merkur, mir nacktem Leibe
Wasser schöpf aus Selsebil
Und mit Nix und Nymphen treibe
Neckerei und Liebesspiel.
Du hast viel von einem Weibe,
Und vom Manne viel zu viel,
Venus, Mars zusammenschreibe
Als Gallionsfigur am Kiel.
 

 

78
 


XVIII

Wein, der süß von Edelfäulen,
Küßt der Pilze Blutgetropf,
Wo dein Kleid im Ruf der Eulen
Glich der Brut des Wiederhopf.
Die dein Herz verhirscht, im Heulen
Ihrer Doggen jagt, den Kopf
Nicht verlier, denn eh sie Keulen
Nutzt, faßt dich die Gier am Schopf.
Mondner Pfad durch Zwillingssäulen
Endet für den Krebs im Topf,
Aber du ziehst deine Beulen
Aus dem Sumpf am eignen Zopf.


XIX

Sei gegrüßt mit sanfter Brise,
Tief im Süden wuchs der Wind,
Prächtig thront der Flammenriese,
Sonntagssproß und Junikind,
Daß dich seine Gunst erkiese,
Danke dem, der stets gewinnt,
Minnegarten, Blumenwiese
Nur ein Blatt des Gauklers sind.
Wenn er morgen schon zerbliese
Glück, für allen Abschied blind,
Trag die Sonnenparadiese
Durch das Spiel, das neu beginnt.
 

 

79
 


XX

Ob die Opfer sie entrücken,
Weißt du nicht, und ob die Zahl
Ihrer Münder gleicht den Mücken,
Die der Dämmer schickt ins Tal.
Auferstehn nicht Mühn, die glücken,
Höher als Verdienst, Moral
Schönheit gilt, und jung entrücken
Götter, wen befiel die Wahl,
Der posaunt aus freien Stücken,
Sperber, Greif, Adon und Baal,
Wird maskiert die Unschuld pflücken,
Kelch und Knospe zwanzigmal.


XXI

Elemente, vier auf Erden,
Mischen sich zu Geist und Ding,
Engel grüßt mit Huldgebärden
Einhorn auf dem Siegelring.
Ritter nahn mit schwarzen Pferden,
Linde lädt zu Trunk und Thing.
Alles muß Verwandlung werden,
Daß die hohe Kunst geling.
Du, bekränzt, mußte stets gefährden,
Was ich geben will und bring,
Denn ich weih dir Haus und Herden
Und die Strophen, die ich sing.
 

 

80
 


XXII

Eh sie dich zu Grabe karren,
Andrer Narr die Geige führ,
Schließ das Buch, die goldnen Barren
Laß dem Volk, das Bündel schnür.
Götter halten dich zum Narren,
Menschen halten dich dafür,
Recht ist wohl ihr Rechtbeharren
Wie dem Zöllner die Gebühr.
Blauer Grund, gestürzter Sparren,
Dies dein Wappen, Fluch und Kür,
Nicht nach Menschen sollst du starren,
Weit, weit offen steht die Tür.
 

 

81
 


DER HASELSTAB-EID
Entschlag dich der Suche
Auf Pfaden, verbrannt,
Und mache der Buche
Dein Leben bekannt,
Die Schwalbe, von Linden
Verstiegen, ist weit,
Die Götter zu binden
Im Haselstab-Eid.

Die Führer, die Rater
Der Rätsel zuhauf,
Sie wecken den Vater
Vom Tode nicht auf,
Er sang dir die Reise,
Von Ausfahrt und Streit,
Dir wurde die Weise
Zum Haselstab-Eid.

Die Schlange im Garten
Hat alles gezeigt,
Die Ahnen der Arten,
Was Mistel verschweigt,
Den Seerosenritter,
Des Weltenkinds Leid,
Alraune und bitter
Den Haselstab-Eid.
 

 

82
 
Die Stimmen der Raben
Erreichen dich nicht,
Und was in den Waben
Der Honig verspricht,
Im Sumpfblumen-Dotter
Verbirgt sich die Zeit,
Der trauernde Otter,
Der Haselstab-Eid.

Die Eichen, die Kronen,
Von Stürmen gezaust,
Wer mag sie bewohnen?
Die Wipfel behaust
Die Hamadryade,
Gespielin und Maid
Dem Schirmer der Pfade,
Dem Haselstab-Eid.

Die Hermen, die Säulen
Zerrieseln am Markt,
Die Werwölfe heulen,
Zu Rudeln erstarkt,
Und der dich verbannte
Zu Niedertracht, Neid,
Er war der Gesandte
Vom Haselstab-Eid.
 

 

83
 


LOTOPHAGEN
Wo der Golf der Großen Syrte
Grüßt das Land im Wüstenwind,
Skepsis den Besucher gürte,
Weil der Rausch dem Sonnenkind
Alles nimmt an Pflicht und Ehre,
Was vertraut und was bekannt,
Heimat hinterm Mittelmeere,
Muttersorg und Vaterland.

Im Gelag der Lotosesser
Weiß man weder Feind noch Krieg,
Ganz geschichtlos scheint es besser,
Daß nicht Reife nah der Wieg,
Seewinds Fächeln hegt die Tage,
Kinderreime Nacht und Traum,
Unberührt von Schmerz und Plage,
Weiß man auch vom Alter kaum.

Daß dies gleich dem Paradiese,
Meint seit alters manch Epheb,
Daß die holde Blumenwiese
Ängste lösch und Stimmung heb,
Hofft der Nascher, der die Muße
Nicht als strenge Herrin grüßt,
Und mit fessellosem Fuße
Jede Stunde würzt und süßt.
 

 

84
 
Doch das Glück ist nicht ein Falter,
Den betäubt der Blütenschmand,
Gott ist Schöpfer und Gestalter,
Und der Freie liebt die Hand,
Die dem Acker, Kraut und Nessel,
Abringt Korn und Knollenwurz,
Unter Mühen, Fluch und Fessel,
Loht die Freude rot und kurz.

Dies ist mehr als ein Behagen,
Das nichts weiß von Leid und Tod,
Flut und Feuer sollst du wagen
Für der eignen Hände Brot,
Was die Blumen dir versprechen,
Gelte nur, solang im Herd
Feuer schlingt die Jugendschwächen,
Und dem Wind die Mauer wehrt.
 

 

85
 


ENKIDUS TOD
                  Einer der Träume Gottes
                  blickte sich selber an,
                  Blicke des Spiels, des Spottes
                  vom alten Spinnenmann ...


                           BENN


I

Wo Adler sich und Schlange einst verbünden
Im Kalksteintempel und am Schwemmland-Thron,
Wo Säulen stehn, wo Fackelträger ründen
Die Traum-Gestalt, die Freiheit birgt und Fron,
Und wo die Nabelschnur aus Klamm und Schlünden
Noch blutet, sag, Gespiel und Steppensohn:
Wenn Tat und Zwiespalt ozeanisch münden
Und schon ein Viertel ließ das Aug verlohn,
Mag dann mir Ninsun deinen Lenz ergründen,
Den Sperber rührn mit Blut und Rosenton
Und all die Boten, die den Traum verkünden:
Stechapfel, Hanf und Bilsenkraut und Mohn?
 

 

86
 


II

Nicht bist du deines Seelensegels Reeder,
Doch Opfer für das Himmelsstieres Streit.
Soll nun die Gruft, die dich verheimlicht, weder
Den Duft bewahrn, noch Huld und Heiterkeit?
Der Flaum verflog, vom Helm die Schwanenfeder,
Vergessen herrscht im Turm der Wüstenzeit,
Nicht rufen Amber, Moschus dich und Leder
Und traurig steigt der Rauch vom Sandelscheit.
Nun sag, wozu schützt vor Gewürm, Gefleder,
Dein Rätselauge, Lid und Lippenleid
Der Stein und die geheime Macht der Zeder,
Einst Chumbaba und nun für dich geweiht?


III

Ach, daß nicht Alter mit Verzagtheit flecke
Den Herrn des Herrschers und nicht welke Haut
Die Löwen, die dich säugten, einst erschrecke,
Vergrub der Greif das Gold, und Morgen graut
Auf Hügeln nicht, daß er die Lerche wecke.
Sag, welchem Heil hast du dich anvertraut,
Stirnlocke, die beschämt die Traumverstecke
Und Wigwams nicht aus Rohr und Binsen baut?
Du flohst, und der Verfolger gleicht der Schnecke,
Die nur das Blatt und nicht die Eiche schaut,
Und deine Zunge schweigt, als ob sie schmecke
Die Nichtigkeit von Furcht und Daseins-Maut.
 

 

87
 


IV

Die Krähe hockt auf dem zerbrochnen Pfeiler,
Stechpalme blüht, und schwarze Jade wacht,
Doch lilienweiß entfährt dem Opfermeiler
Der Pfad, der unsre Eitelkeit verlacht.
Nicht unsrer Gier, nicht unsrer Sorgen Teiler,
Nicht Tageswerk und keine Liebesnacht
Bist du, der sich zum Glanz empört auf steiler
Flugbahn, die Sturm und Funkenflug verlacht.
Den Leib des Lamms zerwühlt der alte Keiler,
Ein Felsenbrocken schloß den Brunnenschacht,
Dich aber Häftling, Hohenloh und Heiler
Umschlingt der Rautengurt mit Runenmacht.


V

Du zogst, und prinzlich war die Wahl der Proben,
Zum Schlangenpfuhl und nach dem Greifenstein,
Die Dunklen, die zerschnitten, was sie woben,
Bereiteten den Kampfplatz, wo allein
Du streitest nicht um Reiche mehr und Roben,
Nicht unser Gold birgt der Karfunkelschrein,
Die Streiche, die die Lebensträumer loben,
Erscheinen dir als Würfelspiel und Wein.
Doch sage mir, wenn unser Zwist zerstoben
Von Au und Acker, Abel einst und Kain,
Bist du dann auch dem Rittertum enthoben
Und aller Ewigkeit von Lust und Pein?
 

 

88
 


VI

Nicht sagst du es, unendlich fremd in blinder
Verwahrung, und kein Boot verläßt die Bucht,
Als wärest du vom Sucher ganz zum Finder
Gewandelt und geheilt von Wahn und Sucht.
Doch sag, ob solche Eintracht nicht verminder
Den Ruhm, mit Waffen unerreicht und Wucht,
Wenn sich der Tod als Eigen-Überwinder
Erhob und schlug in Finsternis und Flucht?
Was gilt der Mann, wenn ihm der feige Schinder
Den Mut entriß in seiner Schlächter-Schlucht,
Und wären wir noch alle deine Kinder,
Verlörst du, was uns Zaumzeug war und Zucht?


VII

In Bächen schimmert Blut, und nächtens regnen
Goldpfeile, fruchtbar, und die Minze reift
Im Tal, wo Hirsch und Einhorn sich begegnen
Und wo der Wind die Sensenklänge pfeift.
Aus Reichen, außerhalb der Zeit gelegnen,
Die Schwefelquelle sprüht und salbt und seift
Dein giftzernagtes Haupt mit süß wild-verwegnen
Essenzen, doch der Sonnenkäfer schweift,
Nicht mehr in Weiß, die Jüngerschar zu segnen,
Nicht mehr in Gold und nackt im Zorn gesteift,
Und zehnmal wird dein Sonnenherz durchdegnen
Aruru, der nach deiner Größe greift.
 

 

89
 


VIII

Wirst du, was dir beschlossen ward, zu rächen,
Die Karte ziehn, die dir der Gaukler mischt,
Das Schwert für seinen reinen Bann zerbrechen,
Ein Lehnsmann sein, der ganz im Äther fischt?
Dein Wappen ruht in seinen dunklen Flächen,
Jedoch dein Ritt gleicht Hagelschlag und Gischt,
Dich reizt das Warten nicht auf Gegner-Schwächen,
Kein Herbst, der Korn zerspellt und Halme drischt,
Und wär dein Wort allein das Blut in Bächen,
Ich wüßte deine Lust, die nie erlischt,
Den Schlangenmund, der Unterwerfung sprechen
Nie wird und selbst dem Gott entgegenzischt.


IX

Die Sonne steigt, die Tage werden länger,
Der Singschwan kehrt zurück ins Nordrevier,
Doch du, der wie ein Füllhorn labt den Sänger,
Schweigst wie ein Traum, ein ausgestorbnes Tier.
Der dritte Tag gehört dem Wiedergänger,
Dem Opfer, das Skopion vermählt und Stier,
Es knistert, das der schwarze Tiger schwänger
Den Käferstein, der einer ist und vier.
Was uns versucht, was uns zum Seelenfänger
Die Lanze spitzt, dem Gral das Elixier
Entsaugt, macht deine Obhut nur noch strenger
Und die Gefahren, hehr und nicht von hier.
 

 

90
 


X

Doch Zimt und Pinie sprechen deinen Namen,
Und Wolken türmen Groll nach deiner Art,
Selbst Krokodile mischen sich den Zahmen
Im Trauerzug als großer Schweigerpart,
Und all die Tiere, die zu klagen kamen,
Bezwingt Gesang, der sie zu Reigen schart,
Als wäres du, das Hochzeitsfest zu rahmen,
Selbst Sänger, der erzählt von Fall und Fahrt,
Doch wie die Macht der Pflanze liegt im Samen,
Hat erst dein Tod den Reichtum offenbart,
Und Soma bist du, Atemstoß und Amen
Des Weltenkinds, das ganz Legende ward.


XI

Du gleichst dem Regenbogen und dem Pfauen,
Dem stolzen, der verrottet ist im Ried,
Ihm stahl ich, was den Anger schuf, die Auen,
Den Kiel, der sich zum Lobgesang beschied.
Die Farbe Weiß, der Todes-Mächte trauen,
Und eine Sehne, der kein Pfeil entflieht,
Dies blieb dir, wenn mich deine Augen schauen
Aus Stern und Stein und werden Lob und Lied,
Doch wenn dein Körper keimt in allen Gauen,
Muß nicht dem Schnitter, der vorüberzieht,
Das harte Eis in seinem Herzen tauen
Im Glanz, den er in deinen Träumen sieht?
 

 

91
 


XII

Im Zedernwald die Schlangendrachen unken,
Was das Relief gemeint am hohen Ort,
Du schaust sie nur, wenn du ihr Gift getrunken,
Doch Anu warf den Silberschlüssel fort.
Sag, habe ich dich geträumt und heimgewunken,
Und gab ich dir Gestalt und See und Port,
Und durftest du, von mir erschaffen, prunken
Im Steppenkaut als Flußgeists Rosen-Hort?
Im Quellgerausch, im Lindenholz, das Funken
Versprüh und knistert, ruht der Traum-Akkord,
Und du bist ganz in mich zurückgesunken
Und wurdest wieder Klang und wieder Wort.


XIII

Dein rotes Blut befleckt die Anemone,
Schwertbrücke, die uns trennt, und Welten-Ei
Gedeihn im Garten, und der Gärtner Rhone
Spielt Mandoline, und er prüft im Mai
Die esten Beeren, Fliederblust und Bohne
Und zählt die Ringe nach am Hirschgeweih.
Er sieht mich nicht, doch sieht er zweifelsohne
Den Schatten, den du wirfst im Todesschrei,
Doch wollte ich, daß dich die Krankheit schone,
Und ließe dich der Welt und gäb dich frei,
Sag, hättest du ein Kleid und eine Krone,
Die ich nicht schuf und deinem Walten leih?
 

 

92
 


XIV

Und doch, mein Herz ist angefüllt mit Trauer,
Wenn ich den Tieren, die dich preisen, sing,
So wird das Blut in meinem Herzen sauer
Und meint, daß niemals mehr Gesang geling.
Und Gift und Galle blühn im Fieberschauer
Und Aussatz dort, wo die Sandale ging.
Zwar ist auch Tod ein Traum und seine Mauer
Bedeutungslos im Zeichenkreis, im Ring,
Doch wollte ich dich frei von mir in Dauer,
Und ließ dir Raum, der selbst die Götter zwing,
Sag, stieß mich dann nicht selbst der Eberhauer
Und wäre ich nicht selbst ein leblos Ding?


XV

So mag es sein, und du bist dann mein Dichter,
Ich falle, wenn dein Reim den Sturz gebot,
Du trägst die Fackel, bist der Scheite-Schichter,
Das Schwert und für die Wunde Brand und Jod.
Ja, Zwilling dann, vernichteter Vernichter,
Wenn eine Welle uns beginnt, bedroht,
Ein Gott uns tauscht, ein Untergang-erpichter,
Hat dann das All nicht unsern Wechsel not?
So ist die Zeit auch eins nur der Gesichter
Der Freiheit, und das Spiel von Ich und Tod
Folgt unsern Regeln, und wir selbst sind Richter
Und Traum und Welt und Mohn und Morgenrot.
 

 

93
 


SIDURI
Folg dem Weg der Sonne
Durch die Unterwelt,
Wenn mit Purpurwonne
Sie ins Dunkel fällt,
Öffnet sich die Grotte,
Die sie morgens spie,
Denn beim nächtgen Gotte
Wohnt auch Siduri.

Waffenstarrend Wächter,
Die nur der verwirrt,
Der als Wort-Gerechter
Nicht metallen klirrt,
Nur mit den Metaphern
Und der Psalmodie
Wird den Rätselschaffern
Weg zu Siduri.

Kommst du durch die Pforte,
Weil die Hüter starr,
Aus dem Glimmer-Orte
Keine Schätze karr,
Wo Türkis, Karfunkel,
Lapislazuli
Bannen alles Dunkel,
Such nach Siduri.
 

 

94
 
Bei Smaragd, Achaten,
Bei Obsidian
Schaust auf Marmorgraten
Siduris Altan,
Alle Diamanten
Die Hephäst nicht spie,
Leuchten dem Gesandten
Bis zu Siduri.

Rosenquarz und Perlen,
Amethyst, Türkis,
Stehn wie tagwelts Erlen
Hier als Schattenvlies,
Da sie selber strahlen,
Braucht die Fackel nie,
Wer die Nektarschalen
Sucht bei Siduri.

Zwischen Malachiten
Strahlt sie als Rubin,
Kommt der Held geschritten,
Schaut sie nur noch ihn,
Wo das Dach beryllen
Selbst für Knecht und Vieh,
Nicht mit Samt und Tüllen
Reizest Siduri.

Bei den Turmalinen
Fehlt allein das Blut,
Leus und Tigers Minen
Sind hier seltnes Gut,
 

 

95
 
Nur wem Reichtum Plunder
Für gebeugtes Knie,
Findet Gunst und Wunder
Hier bei Siduri.

Denn das Heliodore
Ist hier kein Korund,
Im Erwähltheits-Flore
Gleißt der Schlangenmund,
Wem Verweilen Flause,
Wer nach Aufbruch schrie,
König ist im Hause
Stets bei Siduri.

Wo der Sintflut-Schwimmer,
Der unsterblich ward,
Sich verlor für immer,
Wie zu ihm die Fahrt,
Wie man stak die Fähre
Und den Todstrom flieh,
Sagt dir die Hetäre
Namens Siduri.
 

 

 

 




DER WEISSE FALTER





»Der hat nie das Glück gekostet,
Der die Frucht des Himmels nicht
Raubend an des Höllenflusses
Schauervollem Rande bricht.«

 
SCHILLER       

 

 

 

99
 


DER PROPHET
Suche nicht in fremden Häfen
Früchte, die noch unbesungen,
Denn der Zeichner deiner Schläfen
Residiert in deinen Lungen.
Was ihn künftig macht und kleidet,
Hat sich deinem Wort verschworen,
Ist dem Weisen wie dem Toren
Alles, was die Geister scheidet.

Sag nicht, daß du nichts zu sagen
Habest, wo allein die Sage
Weg und Welle bot, zu tragen
Traum zur Nacht und Traum am Tage.
Was die Götter dir vermachten,
Bot Geduld mit ihren Schwächen,
Da sie erst, als du zu sprechen
Anhobst, aus dem Staub erwachten.

Noch ist deine Spur verständig
Manchem, dem du angehangen,
Darum tilge eigenhändig
Alles, was dich je gefangen.
Nicht die frohen Zecher zählen,
Wenn der Mantel abgetragen,
Niemand wird zu fragen wagen,
Welches Wort die Wölfe wählen.
 

 

100
 
Wer mit deinen Waffen spielte,
Schmückt sein Haar mit deinen Zeichen,
Meint, dem Aar, nah dem er zielte,
Könne er das Wasser reichen.
Doch aus Staub von deinen Füßen
Sollst du deine Räusche keltern,
Aus dem Schatten deiner Eltern
Tritt, die Ältesten zu grüßen.

Niemand wird das Meer vermessen,
Dem du Schwimmer bist und Wolke,
Was dein Hochmut je besessen,
Kam aus ungeliebtem Volke.
Fremd dem Stamm und seinen Zweigen,
Sollst du ganz der Welle trauen
Und, wenn du dich umdrehst, schauen
Die Unendlichkeit: das Schweigen.
 

 

101
 


ERST AM ENDE
Erst am Ende tritt der große Eine,
Der den Limes der Geschichte lichtet,
Aus dem Nebel und errichtet seine
Schlangensäule, die Geschichte dichtet.

Erst am Ende ordnen sich die Spuren,
Die Geburt in unsre Hand gegraben,
Mit den Blüten und den Sternfiguren
Ganz in ihn, den wir entfaltet haben.

Erst am Ende deuten sich die Namen,
Findet sich das Nächste im Entfernten,
Bringt das Floß, mit dem wir alle kamen,
Ihn, die Trauer dieser Welt zu ernten.

Er verbirgt sich in der Ackerkrume,
Wein und Korn verraten seine Spende,
Und wenn wir sein Wort in einer Blume
Ahnden, stehn wir immer erst am Ende.
 

 

102
 


JASMIN
Duftblust, stark wie Honiggold,
Bumig und an Süße prall,
Unverdünnt bist du zu hold,
Daß mir dein Gedicht gefall.

Fruchtig, krautig untertönt,
Birgt dein Öl, geschätzt und rar,
Einen Liebreiz, der verschönt,
Hals und Lippe, Stirn und Haar.

In Pomade und Parfüm,
Dominiert der Stoff Jasmon,
Über manchem Au-Geblühm
Wird erkannt der volle Ton.

Diese Nymphe hat die Kraft,
Daß der Mann das Aug erkennt,
Das die Glut der Leidenschaft
Bläst, bis jede Faser brennt.
 

 

103
 


FLIEDER
Blütenfarbe, Mai-Arom
Früher Genius, Gartentag.
Leuchte, Lohe, Heliodrom,
Dem ich froh zu folgen wag.

Fliedern wuchs die Melodie,
Fliedern war das Strauchgeschatt,
Draus der Knab, der Duft entlieh,
Seine großen Augen hat.

Öl, das Bild und Reim entflammt,
Busch, der sagt, du bist zuhaus,
Was aus diesen Wurzeln stammt,
Hebt den Tag und löscht ihn aus.

Kalk hat diesem Baum gefrommt,
Auf dem Hügel, Spiel und Traum,
Wer von solchen Rispen kommt,
Glaubt an andre Götter kaum.

Augenweide, Leichtigkeit,
Jugend, die mein Herz erlab,
Wenn mir schwinden Licht und Zeit,
Sei der Mai auf meinem Grab.
 

 

104
 


LAVENDEL
Der Strauch mit grau verfilzten Haaren
Weiß sich gar recht ins Bild zu setzen,
Blaulila Blüten quirlig scharen
Sich leuchtend, was die Bienen schätzen.
Sie führt wie uns der Duft am Bändel,
Dies ist so Sitte beim Lavendel.

Die Blüten-Rispen samt dem Stängel
Frühmorgens ernt und nach dem Regen,
Denn so gelingts, den Riecher-Engel
Recht unverstellt ins Glas zu legen.
Wie Ohren ein Quartett von Händel
Verzaubert uns die Nas Lavendel.

Vom Mittelmeere kommt die Pflanze,
In Welschland prunkt sie an den Hängen,
Dort mag man beim Gesellschaftstanze
Sein Lieb nicht wie ein Vieh bedrängen,
Drum braucht der Anstand beim Getändel
Arom von Rosen und Lavendel.

Robust die Stauden und Gehölze
Im Garten und im sonst Besonnten,
Bei Jena und am Weg nach Oelze
Reiht sich die Art zu Blüherfronten,
Also gesell Jasmin und Quendel
Das Dufterlebnis von Lavendel.
 

 

105
 
Daß Blüten holder uns als Tiere
Mag sein, weil sie in ihrem Reifen
Nicht Tatzen rühren zwei und viere
Und sanfter nach der Achtung greifen.
Ob launig der Geschmack auch pendel,
Zum Kanon zählt gewiß Lavendel.

Geheimnisreich ist das Sublime,
Das klingt in unsrer Sehnsucht wider,
Grad wie ein unsichtbarer Mime
Schreibts Sprüche oder Liebeslieder.
Drum bringt der Dichter auch ein Ständel
Der Flüchtigkeit aus dem Lavendel.
 

 

106
 


OSTERSPRUCH
Noch schreibt die Hand die alten Wunderzeichen,
Und das Geheimnis, dem Apoll erlauscht,
Mag noch für Traum und hohe Schöpfung reichen,
Solang der Bach durch meinen Garten rauscht.

Der Bogen schafft das Ziel und sein Verderben,
Und Eros leitet stets und unbedingt,
Er achtet nichts und wird doch alles erben,
Doch ruht die Sehne, wenn der Dichter singt.

Der Mensch ist Mittler zwischen seinen Welten,
Sie zu vereinen frei und ausgesandt,
Doch eitel ist sein Tun und sein Vergelten,
Und Herz und Haupt einander abgewandt.

Erwarte nichts von Niederen und Hohen,
Ob Mensch, ob Gott, sei deine Frage nicht.
Du wirst allein in deinem Glanz verlohen,
Und was dein Herz verbrennt, ist dein Gesicht.
 

 

107
 


MAIGLÖCKCHEN
Erst keglig bricht der Lenzgenoß
Zutag, sobald die Sonne brennt,
Umblättert wächst der zarte Sproß,
Der bestens seine Feinde kennt.

So mag der Reif, der Morgendieb,
Der Jungfrau übelsinnig dräun,
Doch wird die Sonne stark und lieb,
Wird bald sie den Versuch erneun.

Am Stielchen hängen Blüten vor,
Ein Tragblatt schützt die Glöckelein,
Wen solche Reinlichkeit beschwor,
Der steht vernarrt auf einem Bein.

Gesenkten Haupts, doch voll Arom,
Lockt dieser Blust Bestäuber an,
Ums Glöcklein wächst ein Nasendom
Mit seinem unsichtbaren Bann.

Kein Wunder, daß die milde Macht
Gewähnt wird als vom Paradies,
Im Blümlein wird Marien gedacht,
Die es bescheiden wandeln ließ.

Dem Roten Fingerhut verwandt,
Sind die Essenzen, die es braut,
Das Herz liegt in der kleinsten Hand,
Drum acht es mehr als Haar und Haut.
 

 

108
 
Kopernikus, der Astronom,
Ließ maln sich nicht mit Stern und Rohr,
Das Glöckchen mit dem Mai-Arom
Stand dem Beruf der Heikunst vor.

Von Eichendorff, der waldesstill,
Dem Lenzling eine Hymne webt,
Und auch von Fallersleben will,
Daß dieser Duft im Deutschen lebt.

Es ragt die Sprache dieser Blum
Vom Minnegärtlein bis ins Heut,
Bezeugt wird hier ein Königtum,
Das Hörner und Posaunen scheut.

So glaube mir bei unserm Herrn,
Ein jeder gelte mir als Schuft,
Der hat nicht Maienglöckchen gern
Und der nicht träumt bei ihrem Duft.
 

 

109
 


HOHENWARTE
Nach einem Fragment von Wolf von Aichelburg

Wächter, sag an, was entdeckst du im Tal?
Neunmalscharf weißt du die Zeichen zu scharen,
Sind sie uns günstig und heilig die Zahl,
Oder gebrauchst du das Horn der Gefahren? –
Höre, ich sehe, was war und was kommt,
Morgenrot blutet am Wall gegen Osten,
Aber der Wächter, dem schlafen nicht frommt,
Stand schon bei Nacht auf erhobenem Posten,
Steigender Nebel behindert die Sicht,
Aber geschärft sind die wachenden Ohren,
Um zu erraten, denn Täuschung ists nicht,
Grimmigen Feind vor den hölzernen Toren.
Nahend mit gradem, mit dröhnendem Schritt,
Schwingen sie Eisen und blutrote Fahnen,
Schleppen sie Werkzeug zur Folterung mit,
Weh, nicht zu denken, nicht einmal zu ahnen.
Wo sie vorbeikommen, wächst nicht das Korn,
Wo sie sich Platz schaffen, wuchtert die Wüste,
Steinhülle, Sandhölle, Staubspur und Dorn
Wachsen im Tal, das mich sonst hier begrüßte. –

Wächter, sag an, was ersiehst du uns noch?
Nirgends noch höre ich Dröhnen und Schreiten.
Sprich, denn ich sehe den Adler nur hoch
Schweigend die mächtigen Flügel ausbreiten. –
 

 

110
 
Höre, der Vogel, den Schnabel am Eis
Wetzt er und nährt sich von Sturm und Gewitter,
Tränen, gefroren, er frißt sie und weiß
Qualen unnennbar, für Worte zu bitter.
Sie, die die Wüste den Erben verrät,
Zählen und teilen und wägen und messen
Alles, was Gott in die Erde gesät,
Allen, und keiner wird dabei vergessen,
Schneiden quadratisch das heilige Brot,
Karg, doch für alle, und tuns mit den Worten:
Siehe, so tilgten wir jegliche Not
Hier, und so tun wir an jeglichen Orten.
Aber der Steinbock auf glitzendem Firn
Springt, und kein Bolzen wird je ihn erreichen,
Er senkt die drohenden Hörner der Stirn,
Dort aber lodert ein heiliges Zeichen. –

Wächter, sagt an, die dort drunten versorgt,
Will ihnen Brot ohne Segen noch munden,
Wissen sie nicht, daß die Erde uns borgt,
Ungestraft nie noch geschmäht und geschunden? –
Höre, sie nennen gerecht ihren Streit,
Was sie sich antun, Gesetz der Geschichte,
Höheres Menschtum, das Herkunft-befreit
Gottlos ein menschliches Weltreich errichte.
Aber ich seh sie in Reihe und Glied,
Peitschenknall ordnet den Zug der Vernichter,
Nur wer dem Wahn seine Wahrheit verriet,
Leidet nicht, aber die meisten Gesichter
Hungern, obwohl man den Hunger verbot,
Spüren die Fäulnis in Galle und Magen,
 

 

111
 
Doch wer verkündet, die Welt sei im Lot,
Geht ohne Last, seine Wegzehrung tragen
Dumpfere, blicklos, sie sprechen kein Wort,
Gleichgültig gegen sich selbst und die Lehren,
Schleppen sich klaglos und hoffnungslos fort,
Alle im Takt, und kein Held wird es wehren. –

Wächter, sag an, ist der Pfad uns geraubt,
Den wir vorzeiten im Tale gegangen?
Schwinden die Gipfel und was wir geglaubt,
Stürzen die Himmel und sind wir gefangen? –
Frage den Falken, denn nur bis zum Wald
Dehnt sich die Flur, die der äugende Wächter
Einfängt, ich weiß nicht, ob solcherart Halt
Hoffnung verhehl oder schlimmere Schlächter.
Aber, nun hör, was den Blick mir begrenzt,
Heiliger Hain, wo die Wege uns enden,
Brennt, und mein Herz, das du, Auge, verbrennst,
Faßt nicht das Wahnwerk von frevelnden Händen.
Feuer - o hör, wo einst Birke und Buchs
Sommerlang streichelten Augen und Ohren,
Wo wir die Eichen von mächtigem Wuchs,
Ahorn und Esche zu Göttern erkoren,
Wo uns die Nymphen die Liebe gelehrt,
Wo uns berauchte das Seltne und Hohe,
Dort sind die Runen des Lebens verkehrt,
Dorten herrscht einsam die letzte, die Lohe. –

Wächter, sag an, kann der Wald nicht bestehn,
Fallen die Fichten, die Lärchen und Linden,
Werden sie uns, die wir schwindelfrei gehn
Gratwege, doch in der Felswohnung finden? –
 

 

112
 
Höre, der Untergang reicht an das Meer,
Willkür umklammert, was Götter besaßen,
Äcker, geschnitten gerade und quer,
Ebne, bezwungen von künstlichen Maßen,
Landräuber suchen nach Wildwuchs, der Brand
Muß bald am Unmaß der Flamme ersticken,
Dem, der sich selber zum Landvogt ernannt,
Wird sich das Glück und die Ernte nicht schicken.
Nichts mehr zu teilen vermag die Vernunft,
Will das Gesetz auch die Waage betrügen,
Einzelne fliehn und die ruchlose Zunft
Sucht einen Ausweg in reicheren Lügen.
Andere wissen, daß alles zerstört,
Suchen vergessene, heilige Worte,
Einer gar wußte von uns, und gehört
Hat es die Menge und steht vor der Pforte. –

Wächter, nun schweig, denn dem Volke nun sprich,
Möge der kargeste Felsen sie lehren,
Ich aber geh und verlasse auch dich,
Die ist mein Tag und ich werde nicht kehren.
 

 

113
 


SPHINX
Sommer hat dich aufgerufen,
Seinem Lob dich einzureihn,
Und mit fessellosen Hufen
Möchtest du das Einhorn sein.
Wie die Träume, die dich schufen,
Nennst du, was dich wachrief, dein,
Aber auf den Tempelstufen
Fordert dich das Haupt von Stein.

Oft schon hast du es vermutet,
Doch du warst im Labyrinth,
Wie der Fluß den Fels umflutet,
Spieler stets, der hoch gewinnt.
Daß ihr nicht beisammen ruhtet,
Trug dein Wolkenherz aus Wind,
Doch die Wunde, die nicht blutet,
Wacht im Stein und fordert blind.

Allen dein Geschenk zu bringen,
Ziehst du, wenn der Traum dich ließ,
Und mit deinen Schritten singen
Feld und Wiese, Sand und Kies.
Jenen, die sich jäh verfingen,
Werde-Kreis und nichts als dies,
Singst du Land und dein Gelingen,
Doch der Stein dich schweigen hieß.
 

 

114
 
Mächte, die verborgen lenken,
Zögern. Doch die keiner zwingt,
Fragst du, ob sie dein gedenken,
Bist du nur der Gott, der singt?
Selig ist es, frei zu schenken,
Bitter, wer geschlagen bringt,
Wind mag ihn im Sand versenken,
Doch der Stein wacht unbedingt.

Oft betrachtest du die Waden,
Ob du endlich Hermes bist,
Willst dich in den Wassern baden,
Wo der Mensch den Mensch vergißt,
Doch der Ariadnefaden,
Der dich leitet und bemißt,
Hat dein Herz zum Streit geladen
Mit dem Stein, der blinder ist.

Rechter Hand vernarbte Stellen,
Doch die Wunde blutet links.
Weißt du nun, wo deine Quellen?
Ists das eigne Blut, so trinks.
Nicht die Winde, nicht die Wellen,
Nich Apoll gelaßnen Winks:
Niemand wir ein Urteil fällen,
Aber steinern wacht die Sphinx.
 

 

115
 


NACHTWANDERUNG
Die Nacht steigt aus dem Buchenwald,
Der Weg am Ufer schimmert kalt,
Und alles scheint vertan, versäumt,
Dort wo die Natter taglang träumt.

Du wanderst, wo dein Herz schon weiß,
Gebannt bist du im kleinsten Kreis
So wie der Pilz an sein Myzel
Und wehrlos vor dem Marschbefehl.

Die Grille und der Kauz, der schreit,
Sie finden keine Heiterkeit
In deinem Ohr, das wandern muß
Vom Fluß zum Wald, vom Wald zum Fluß.

Und auch die Sterne zählen nicht,
Wie oft dein Fuß die Spur zerbricht,
Und ihre Ordnung zeigt dir nur
Die Nacht und deine eigne Spur.
 

 

116
 


DAS REISEBUCH
I

Wo der Schnee erst spät zu tauen
Anfängt, steht dein Zelt gepflockt,
Nicht im Kreis der Weisen Frauen
Hast du stumm am Herd gehockt.
Doch in den Mäander-Gauen,
Als berührt dein Atem stockt,
Nahm die Gärtnerin der blauen
Blume Brot, in Milch gebrockt.

Wenn die Otter-Brüder fischen,
Räumtest du schon lang das Feld,
Deine frische Spur verwischen
Schweine, denen Schlamm gefällt.
Sonnenreichen, regnerischen
Tagen bleibt dein Fuß gesellt,
Immer stehst du bloß dazwischen,
Niemals ganz von dieser Welt.

Wo der Echs wie eine Spange
Einen Sonnenflecken ehrt,
Sah die Lenkerin euch lange
Zweisam nicht einander wert.
Was als Blut in Hirn und Wange
Kreist und dich mit Traum beschwert,
Ist der unsichtbaren Schlange
Aura, die dich ganz begehrt.
 

 

117
 
Niemand wird ihr Wort entsiegeln,
Aber wenn die Wasser blank,
Sagen ihr, verlorn in Spiegeln,
Alle Bilder lob und dank.
Füchse werden dich entigeln,
Wie Narziß am Quell ertrank,
Aber sie, nicht aufzuwiegeln,
Hortet, was dem Tag entsank.

Welchem Strom sie Wehr und Buhne,
Welchen Wolken sie der Wind?
Acht löscht ihre neunte Rune,
Wer sie rät, von vorn beginnt.
Nicht den Thythmus der Monsune
Darfst du wissen, zeitlos blind,
Denn die Minnemacht-Immune
Hat den reinen Tor geminnt.

Sagt sie dir, im Herzgrund Schwimmer,
Wer dir je begegnen darf?
Kirschend in Granit und Glimmer
Stößt das Schwert, für Herzen scharf.
Selbst Walküren, Mannheit immer
Freund und Waffenklangs Geharf,
Schaudern, weil den Speer dein grimmer
Arm ins Unbemeßne warf.

Daß dich Übermut erfreue,
Duldet sie, die dunkle, nicht,
Einsam unter Himmelsbläue
Stehst du waffenlos im Licht.
 

 

118
 
Was du birgst in heimatscheue
Schweigsamkeit, hat kein Gewicht
Hier, doch steht die ganze Treue
Dir als Narbe im Gesicht.

Mancher sieht den Nachtgesandten,
Zögling aus dem Reich der Hel,
Andre, daß im Abgewandten
Feuer, das herabfällt, schwel,
Doch die Kunst des Unerkannten
Schürft aus deiner Haut Befehl
Nur den blauen Diamanten,
Bösen Blickes Kronjuwel.

Deinen frühsten Traum zu schauen,
Hast du manches Zelt gepfählt,
Sturm verheerte Forst und Auen,
Sonne hat die Haut geschält.
Doch wo Otter spielend bauen,
Juni-Tag dein Herz erwählt,
Hat die Gärtnerin der blauen
Blume dir dein Los erzählt.
 

 

119
 


II

Ritter, der die sieben Pfähle
Auf dem Schilde, blau und blank,
Führt im Schwertwald und durch Säle,
Wo man prunkt mit Vers und Schwank,
Deine Weiberlisten zähle
Und des Teufels »Gott sei Dank«,
Daß die Natter dich erwähle
Und dein Lindenholz umrank.

Wo sich Laut und Strich verbünden,
Liturgie Magie erlaubt,
Flüchte in Gelächtermünden,
Weil Merkur die Waffen raubt,
Wo der Übermut die Sünden
Zahllos macht und keiner glaubt,
Daß die Runen Unheil künden,
Heb den Trank und stolz das Haupt.

Narr bist du im Kreis der Raben,
Tod dem Schwan, der dir verfiel,
Die nur ein Arkanum haben,
Reizen nicht zum zweiten Spiel.
Dem die Bienen Stock und Waben
Willig lassen, weiß das Ziel,
Doch er hat sein Herz vergraben
Vor der Frau am Roten Hiel.
 

 

120
 
Sie, Onyx und Alabaster,
Ebenholz und Elfenbein,
Kennt die Tugend nicht, das Laster,
Nicht das Glück und nicht die Pein,
Sie, die Bildnerin verblaßter
Träume, die im dunklen Wein
Leuchten, doch in grobem Raster,
Läßt in ihren keinen ein.

Dir ist andres aufgetragen,
Leuchtend, doch nur dem gewahr,
Der entkam der Burg der Klagen
Und der Festung der Gefahr.
Wer sich selbst als Pilz im Hagen
Aufaß, schaut im Dunkel klar
Und im Sold vergeßner Sagen
Deine Stirn von Adolar.

Wachse mit des Mondes Helle,
Werde selbst zum Horn und ruf
Nachgeschatt und weih die Stelle,
Die zertrat des Einhorns Huf.
Daß das Zeichen reif und quelle,
Daß ein Tropfen Blut erschuf,
Sei dein Hierophant die Welle
Und ihr Gleichnis dein Beruf.

Milchweiß und mit blauem Schimmer
Sei Delphin im Nacht-Geleucht,
Der, sobald er auftaucht, immer
Wie in höchster Wollust keucht,
 

 

121
 
Öffnet Uranus sein Zimmer
Überm Wind, der Wolken scheucht,
Ist der Stern der beßre Schwimmer,
Doch das Leben atmet feucht.

Lösch vor Tag den Lebensfunken,
Daß die Maya sich gestalt,
Zwar läßt alles, was versunken
Und was kehrt, die Götter kalt,
Doch ein Zauber macht sie trunken,
Der im Reim des Werdens hallt,
Du, sein Dichter, hast gewunken,
Wenn der Aar den Hirten krallt.

Ritter du der sieben Pfähle,
Doch von weiter kommst du her,
Durch der Mythen Blut-Kanäle
Trägst von Weib und Mann die Wehr.
Traum um Traum vom Schatten schäle
Und zuletzt den Kern verzehr,
Daß die Natter dich erwähle,
Daß sie heim zu Soma kehr.
 

 

122
 


III

Wie du anfingst, wirst du enden,
Was am ersten Tag tabu,
Führn die Götter, die dich blenden,
Auch dem letzten Tag nicht zu.
Deine Zeichen auszusenden,
Dienten Gift und Flügelschuh,
Doch du wirst den Spruch nicht wenden,
Das Orakel: Das bist du.

Als wir an der Weide lehnten,
War der Tag uns kaum erwacht,
Aber wir, die Schlaf ersehnten,
Sprachen Hymnen an die Nacht,
Schwermut, die wir sorgsam dehnten,
Blieb an Farbe arm und Fracht,
Doch Apoll erließ den Zehnten
Und Saturn die ganze Pacht.

Nicht zu herrschen, nicht zu hüten,
Wies der Engel uns den Gral,
Und am Saum der Wandlungsmythen
Reizten nicht Figur und Zahl.
Wo die Sehnsucht, drin wir glühten,
Todeslust und Lebensqual,
Rief der Duft der Fliederblüten
Heim zum letzten Abendmahl.
 

 

123
 
Als die Sonne höher rückte,
Fiel der Stolzeste im Ried,
Daß das Blut, das dich bezückte,
Dich zum zweiten Schritt beschied:
Heller als sein Kranz dich schmückte,
Flog dem Falken gleich das Lied
Aus der Blindheit, die dir glückte,
Aus dem Aug, das tiefer sieht.

Weiht der Stern dein Herz zum Krieger,
Rune spricht aus Stein und Bast,
Fand das Holz in dir den Bieger,
Bist du nicht mehr fremd, noch Gast.
Doch in die Figur der Flieger
Lies die Botschaft eingefaßt:
Nach dem Engel kommt der Tiger,
Der dich schlägt im Mittagsglast.

Seine Opfer zu verschmerzen,
Bist du dennoch ausersehn,
Deine Jugend auszumerzen,
Wird Merkur im Dämmer stehn.
Siebenarmig trägt er Kerzen
Und der Schwerter stößt er zehn
In den Leib, der deinem Herzen
Wonnen schuf, die nicht vergehn.

So beraubt vom Lust und Zielen,
Geh allein und sei verschrien,
Du vermutest ihn in vielen,
Doch in keinem fandst du ihn.
 

 

124
 
Nur die Narben, nur die Schwielen
Wissen, wie die Sonne schien,
Nur der Gaukler weiß zu spielen,
Wenn die andern sich verziehn.

Er lehnt spät noch an der Weide,
Bernsteinring und Silberstift
Siegeln ihm den Quell und Eide
Wie der Pfeil, der jeden trifft,
Wenn der Otter grüßt, sind beide
Eins und, bis das Horn der Hift
Tönt, gehüllt in dunke Seide
Und gesalbt mit Schlangengift.

Wie du anfingst, war er leise
Und entnahm dem Schrein die Schuh,
Heute dient er dir zur Speise
Und er geht in dir zur Ruh.
Auch das Tagebuch der Reise
Schließt er ganz gemächlich zu,
Und es tönt die alte Weise,
Das Orakel: Das bist du.
 

 

125
 


GÖTTLICHER STAUB
Unbezwinglich sind die Leichten,
Die nicht zählen und nicht lesen,
Und sie tun, was wir erreichten,
Ab, als wäre nichts gewesen.

Sie bestehn im Folgelosen,
Doch Zerstreutheit, ihrem Alter
Nachzusehn, betaut die Rosen
Und schenkt jedem Jahr die Falter.

Wenn sie unvorsichtig walten,
Ballt ihr Atem sich zur Wolke,
Dürften sie ihn ganz behalten,
Käm kein Dichter aus dem Volke.

Er bemerkt, was sie verloren,
Wenn auch niemand schätzt die Funde,
Fühlt er sich erkannt, erkoren
Und seit Ewigkeit im Bunde.

Seine Opfer und Altäre
Wird kein Himmlischer bemerken,
Selbst wenn er zugegen wäre,
Weiß er nichts von Dienst und Werken.

Doch die Dunkleren, noch blinder
Als die angerufnen Lichten,
Führen auch den Zeichenfinder,
Und das Herz kann nicht verzichten.
 

 

126
 
Denn die Rose spricht: entfalte,
Und der Falterflügel: schwebe,
Und das vor den Göttern alte
Spricht in alter Weise: webe!

Webe ein Gewand den Fernen
Und laß ein die Unbewußten,
Die den Himmel zu besternen
Erst dein Ja erwarten mußten.

Webe! an den großen Säumen
Soll dein Blut wie Taugold funkeln!
So die Herrin in den Träumen,
Nacht, noch älter als die Dunklen.

Webe! die dein Garn verfitzen,
Kümmert nicht, ob sie es kleide,
Und sie wollen nichts besitzen,
Keine Schuld und keine Eide.

Frost soll deinen Mut verletzen,
Trauer herrsch in deinen Reichen,
Was du webst, zerfliegt in Fetzen,
Doch es findet deinesgleichen.

Aber du verlorst die Spende
Wie die Götter Staub verloren,
Und erkennst sie, Nacht am Ende,
Unbemerkt aus dir geboren.
 

 

127
 


THESEUS
Die Wege sind dunkel, doch weiter
Als du, und so achte dein Stück,
Fahr wohl oder zaudre und scheiter,
Irrt jemals dein Auge zurück,
Ich wandte den Blick und ich lehre,
Den Zweifel zu lieben, die Nacht,
Die Traum und Gedächtnis und Ehre
Und all deine Götter bewacht.

Die Dunklen, die Blindheit vererben,
Nichtwissen vom Los, das dir fiel,
Sind gut, wenn du kommst mit Verderben,
Doch grausam, verdirbst du das Spiel,
Sie schlafen nicht, aber sie träumen
Wie riesige Spinnen die Zeit,
Sie wachen nicht, doch sie versäumen
Nicht eine, in allen bereit.

Ich schritt und ich ließ einen Faden
Auf Spuren, die blindlings zerwehn,
Wo Winkel und selbst die Geraden
Aus Schlaf und Vergessen bestehn,
Wo Schlünde wie Vipern sich blähen,
Wo Staub haust und Namen nicht sind,
Verhieß mir die Seide Trophäen
Und Heimkunft dem, der sie gewinnt.
 

 

128
 
Doch alles, was Menschen erringen,
Ist eitel und wendet sich bald,
Die Schlüssel erfährst du als Schlingen,
Was leicht war, wird hart und Gestalt,
Was feind war und Prüfung dem Täter,
Kommt nah und du siehst es genau,
Es scheint dir verwandt und viel später
Erkennst du dich selbst und die Frau.

Ich wollte den Blick erst nicht wenden.
Du standest im Fackelschein, kaum
Erkenntlich, doch hoch in den Händen,
So hieltest den Traum du vom Traum.
Vergiß mich, o leichter Geliebte,
Ich blickte zu nahe, vergib
Das Gold, das aus Sanden ich siebte
Und das mir entrann durch das Sieb.

Es sind nicht die Götter, die trennen,
Nicht Wind, nicht die Segel, die See,
Doch wenn wir uns selber erkennen,
So sind wir verraten seit je,
Wohl dem, der im Kerker der Seele,
Unkundig des Lichtes, verblich,
Dem Blindheit sein Antlitz verhehle,
Den Sieg und die Heimkunft und dich.
 

 

129
 


KEINE BLUMEN
Du, als Frühling ward, gegangen,
Ostermond, der treibt und weckt,
Hältst das Winterherz gefangen
Und die Hand, die blind vollstreckt,
Was die schwarzen Mauern brüten,
Pilzbesät und blutgetränkt,
Die dein großes Schweigen hüten,
Dem man keine Blumen schenkt.

Krebs und Salamander wohnen,
Wo du Labyrinthe baust,
Wer herabstieg, dir zu fronen,
Trägt die Keule in der Faust.
Muschelhaus und Honigwabe,
Spiegel, Prisma, Astrolab,
Alles meint dich, doch ich habe
Keine Blumen für dein Grab.

Raupe, die dich nicht bekümmert,
Gräbt die Runenspur ins Laub,
Aus dem Schädel, steinzertrümmert,
Flieht statt Herzblut Sporenstaub,
Wo der Tod sein Amt verloren,
Wo das Leben dich nicht fängt,
Wird der Täter dir zum Toren,
Dem man keine Blumen schenkt.
 

 

130
 
Turm, darin die Stufen scherzen,
Auf und ab, nicht abzusehn,
Wer sich so verlor im Herzen,
Läßt den Tröster achtlos stehn.
Handelnde im Netz der Spinne,
Die nicht weiß, was sie uns gab,
Sind wir dein, doch ich gewinne
Keine Blumen für dein Grab.

Zögest du aus meinen Händen
Eine Karte, wärs die Welt,
Doch du dürftest sie nicht wenden,
Ich nicht sehn, wer recht behält,
Kein Orakel soll uns leiten,
Wo allein das Schweigen lenkt,
Unterm Schwert der Außer-Zeiten,
Dem man keine Blumen schenkt.

Reibt der Traum als Seelenrufer
Lampe Aladins, die blinkt,
Bricht der Schattenfluß sein Ufer,
Daß er schau, wer länger trinkt.
Efeu rankt, und Faune schreien,
Fruchtbar bleibt der Schlangenstab,
Alles wächst, doch mir gedeihen
Keine Blumen für dein Grab.
 

 

131
 


AM BRUNNEN
Auch heute träum ich, und ich such zu träumen
Nach deiner Art, den Wein, vermischt mit Tränen,
Zu ahnden, wo in goldenem Verschäumen
Die Stolzen mich umspielen, die Fontänen,
Und würde gern, wie sie, mich netzend, säumen
In meiner Ordnung, sängest du mit Schwänen
Aus einer Stille, die mich tragend blutet,
Wo mich der Glanz, den ich verlor, umflutet.

Auch heute steigt der Brunnen, und die Rosen,
Die, wenn er sich vervielfacht, jäh erhaschen,
Was abfällt von dem Tisch der Sorgenlosen,
Das Gold, darin sie sich noch röter waschen,
Blühn auf, als müßt in dieses Wechsels Tosen
Die Sonne, die ihn salbt, gestürzt veraschen
Und, die sie für vergänglich hielt, erkennen
Als Meister, die aus tieferm Feuer brennen.

Auch heute seh ich dich und deine Braue,
Den Bogen aus verwunschnen Rosen-Schriften,
Der, wechselnd eins, der spielerisch genaue
Torschlüssel, Reiche ohne Maß zu stiften,
Den selbst die Schlange nicht, die neunmalschlaue,
Zu zeichnen wagt, und der die Lust an Giften
In Schatten wob, hellsichtig, wie im Tode
Gesang sich ganz gewann zur Rosen-Ode.
 

 

132
 
Auch heute treibt ein Haar durch das Getreide,
Und wer es einholt, trägt die Weltenkrone,
Wär Wasser fern und Sonne mied uns beide,
Ob Rosen-Kelch und Blatt das Reich bewohne,
Und wär, daß ich die Götter nicht beneide,
Zu hohes Wort, daß dein Gesang mich schone,
Zu viel, daß Wind und Zeit, die weiterfliegen,
Nicht umhinkönnten, zu verwehn, zu siegen?

Auch heute schlingt dein Mund, der aufgetane,
Wie dieser Brunnen, Traum um Traum, verloren,
Nicht wie die Rose trinkt, die ich erahne,
Die niemals ausspricht, wer ihr Rot erkoren,
Und nicht Fontäne wie im holden Wahne
Mein Puls, noch Treue wird, die wir geschworen,
Und erst verblüht, wenn mir versinkt die Wunde,
Und du verspottest meine Todesstunde.
 

 

133
 


AMARYLLIS
Entflammter Blüher, der mein Auge blendet,
Sag, wohl erfahrn in allen Schlangenkünsten,
Den Gott, der sich in unerhörten Brünsten
Verliert und darin solches Rot verschwendet.

Er geizte nicht mit Öl und Liebesdünsten
Und hat sein Fleisch, das in der Lohre endet,
Der Erde, draus die Farbe sprießt, verpfändet,
Wie wir, die Erz mit Traumgebilden münzten.

Doch du bist da, und wenn ich endlich glaube,
Daß dich zu senden, ging der Hochgemuten,
So wird es still im Herz und in der Laube,

Und Er spricht selbst und bannt das Absolute
In eines mit dem ungeformten Staube
Zu seinem Fleisch und Blut von seinem Blute.
 

 

134
 


PSALM
Preis der Stunde, die geschlagen,
Preis der Stunde aller Stunden,
Die das Aug zu öffnen wagen,
Haben Ernten stets gefunden,
Im Kristall der Traumzeit hausend,
Quäl dich nicht mit Nebendingen,
Denn die Speisung der fünftausend
Kann in jeder Nacht gelingen.

Was Sankt Georg dir erlegte,
Kehrt zur rechten Stunde wieder,
Wind, der um die Tennen fegte,
Wird zum Grundbaß deiner Lieder,
Nicht die Schmerzen auszusparen,
Bist du zum Gesang entschlossen,
Denn du weißt, die Wunden waren
Prüfungen und Leitersprossen.

Glanz des Taus und Glanz der Sonne,
Stehst du an der Wasserscheide,
Die verwoben Wahn und Wonne,
Schweigen, sie zu fragen meide.
Wo die Flöte sich der Leyer
Mählt, kredenz zu Barsch und Flunder
Für den Echsenmann Tokayer,
Für den Schlangensohn Burgunder.
 

 

135
 
Preis der Stunde, die dich findet,
Preis den Stunden, die vergangen,
Garn, das dich bedingt und bindet,
Wird sich im Gesang verfangen,
Wäre Echo nur die eine,
Die dich liebte und dich hörte,
Wärst du schon gerettet, keine
Macht blieb, die dich ganz zerstörte.

Was aus dieser Welt geborgen,
Hat im Traum die Spur gefunden,
Wird im Kreis von Nacht und Morgen
Nun vom Manne selbst entbunden.
Lenzgrün im Gerausch der Linden
Wird die Frohtat träumend wachen,
Denn der Schwimmer weiß zu finden
Den Rubin des Wasserdrachen.

Mit dem Hort sich zu vertauschen,
Kennt der Wächter Tor und Pfade,
Wenn er leuchtet, spür im Rauschen,
Was er war, und nenn es Gnade,
Träumt das rechte Aug am Weiher,
Wählt das linke Torf als Zunder,
Labt den Echsenmann Tokayer,
Schlürft der Schlangensohn Burgunder.

Preis der Stunde, die geschlagen,
Preis der Stunde aller Stunden,
Die die Welt zu rühmen wagen,
Haben bald auch Grund gefunden,
 

 

136
 
Nicht die Liebe pön als Leiden,
Bleibt der Born unangetastet,
Denn im letzten nicht zu scheiden
Ist wer schlemmt von dem der fastet.

Was sich abschied ins Geheime,
Wird sich heller offenbaren,
Mit dem unerlaubten Reime
Wirst du Orpheus' Ruhm erfahren,
Ob der Flug der Promethiden
Den des Adlers überrage,
Wird zuerst im Traum entschieden
Und bestätigt sich am Tage.

Preise sie, die dich bedeuten
Und wie du nicht wissen dürfen,
Wem zur Ehre sie sich häuten,
Ob sie besser nichts verwürfen,
Kehrt der Speer zur Abschiedsfeier,
Preise das Verjüngungswunder,
Wie der Echsenmann Tokayer,
Wie der Schlangensohn Burgunder.
 

 

137
 


MITTELALTER
Erst als man sich mit Absicht von der Mitte
Getrennt, ward auch das Altertum benannt,
Es eint die Völker, Staaten, Kult und Sitte,
Eh Sachsen sich zum Christentum bekannt.

Die Zwischenzeit hieß Mitte nicht als Achse,
Um die sich alles windet, dreht und reiht,
Ehr Bergfest, daß man rasch darüberwachse
Im Glauben an die unbemeßne Zeit.

Die Neuzeit aber ist allein Verfallen,
Als Gottessohn und endlich als Geschöpf
Wird Adam unter Rädern zum Vasallen
Und hofft nur, daß ihn der Konvent nicht köpf.

Die Teufelei mit Geistern zu verschleiern,
Gab Darwin Segen dem, was schamlos dreist
Sich durchsetzt, und dem Pyrrhussieg feiern,
Als Glaubenspflicht er Untertanen heißt.

Die Freiheit ward getauscht in Würfelspiele,
Auch das Geschlecht ward nichts als Kapital,
Die Zahl ward Herr, und als unsagbar viele
Nach Nahrung schrien, so ward auch sie zur Zahl.

Verbrauch von allen Wundern, die Äonen
Geschaffen, heißt des großen Trugs Rezept,
Wer spart, den wird das Leben nicht belohnen,
Wer schlemmt, heißt Visionär und Heilsadept.
 

 

138
 
Dies kann allein in Schmerz und Klage enden,
Der Teufel täuscht, dies weiß ein jedes Kind,
Wir müssen uns zurück zum Heiland wenden,
Daß uns Mitte wieder gibt und nimmt.

So mancher faselt von des Reiches Kehre
Und bleibt in seiner Träumerei modern,
Universal wie dies ist nur die Ehre
Des Heilands und der Glaube an den Herrn.

So steht als Tor der Ordnung uns die Buße,
Wer nicht die Götzen und Gespenster läßt,
Der findet nie zurück zu Heil und Muße
Und fieht in Wüsten vor dem Osterfest.
 

 

139
 


VIER WINDE
Vier Winde hat der Himmel dir geboren,
Ungleiche Brüder, die einander fremd,
Wer sich wie sie der Wanderschaft verschworen,
Spürt einen meist im Haar und auch im Hemd.

Der Leib ist deiner Seele weißes Segel,
Zu fliegen bläht es Wind mit froher Macht,
So braucht sie weder Pilgerpfad noch Regel
Und hat dem Traum die Führerschaft vermacht.

Allein der Aar ist freier in der Weite,
Drum grubst du ihn in Wappen, Siegel, Schild,
Daß sein Geheimnis deine Schritte leite,
Erkennst du dich in seinem Ebenbild.

Auf Hügeln, da die Winde walten, horsten
Die Greife, und auch du stehst auf Arnshaugk,
Hier ist so manches Scheunendach geborsten,
Doch hell bleibt hier die Stimme und das Aug.

Vom Nord ist dir das frühste Heil gekommen,
Wo Raben schrein und Thor die Midgart bannt,
Das Eis hat dir die Kinderfurcht genommen,
Das Herz bewaffnet und den Traum benannt.

Vom West kam dir der Sinn für See und Barke,
Wo Strandgut trägt der Woge weißer Saum,
Im Laub des Leibs umschmeichelt dich der Starke,
Der Ferge durch der Nebelwolken Traum.
 

 

140
 
Vom Süden ward das Licht und so die Gnade,
Wo Baldur fiel, ergrünt der schwarze Eich,
Daß dich zum Mahl der Auferstandne lade,
Vollendet sich dein Tun im Traum vom Reich.

Was Heil und Gnade nicht, noch Stärke führen,
Zeigt dir der Brüder jüngster aus dem Ost,
Es ist Geduld, sie in der Hand zu spüren,
Sollst wachen du, allein, bei karger Kost.

Sie heißt auch Segen, so wie Kraft die Stärke,
Wie Hoheit Heil, und wie die Gnade Gut,
Daß Gott sich wiederschau in deinem Werke,
Beweis als Segel und als Mitte Mut.
 

 

141
 


REAKTION
Sie weiß, daß Gott nach seinem Ebenbild
Den Menschen schuf, der dies schon lang vergaß,
Was für die meisten sicher ist und gilt,
Nennt sie Betrug und ein verfehltes Maß.

Ihr paßt die ganze Richtung nicht, der Troß,
Der sich beschleunigt und dabei vermehrt,
Ist ihr ein Wein, den Tölpelei vergoß,
Und der sich nicht um seine Herkunft schert.

Einst hat der Garten Eden uns geblüht,
Verfallen sind die Wälle, drum gehäuft,
Der Wächter dieses Landes wurde müd,
Da niemand mehr in diese Richtung läuft.

Sie langweilt sich bei technischem Triumph,
Den neusten Glücken bleibt ihr Herz verstockt,
Die Zukunft ist ihr ein Morast und Sumpf,
Bergab manch Pfad und manche Aue lockt.

Sie stolpern, straucheln ohne Ziel und Maß
Ins Laue, spricht sie über jed Geschlecht,
Und golden nennt die Einfalt Steppengras,
Wenn sie vergaß, was einzig ist und echt.

Wer diesen frohen Zug in Wüstenein
Zu bremsen sucht, der erntet ihren Spott,
Wer eine mied von tausend Teufelein,
Der findet nicht zurück zum Heil und Gott.
 

 

142
 
Längst ist die Höhe uns im Nebel fern,
Was man berichtet, stammt aus dritter Hand,
Allein die Sonne und der Abendstern
Sind uns noch aus dem Paradies bekannt.

Und jedes Leben spricht von dem Verfall,
Die Jugend weiß noch Engel, Tat und Leid,
Dem Rentner ist die Liebe Rauch und Schall,
Die Religion heißt nun Bequemlichkeit.

Ein Spielverderber ist die Reaktion,
Sie nennt Gerümpel, was der Stolz der Zeit,
Und meist hat sie sich aufgegeben schon
Und wundert sich, wenn wer das Ohr ihr leiht.
 

 

143
 


BACHANTEN-ORDEN
Die deutschfrohe Jugend begreifen,
Bachanten und Burschen, Scholarn,
Von Preußen ins Flämische streifen,
Von Friesland auch Kronstadt erfahrn,
Sollst du, der dem Lausitzer Orden
Als Freier den Treueeid schwurst,
Der Barde erzählt dir vom Norden,
Vom Gartensee auch du erfuhrst.

Die Pilger, die Sucher, die Schwärmer,
Sie sammeln Epheben zur Quest,
Sie machen die Heimat nicht ärmer
Und kehren zum Sonnenwend-Fest
Mit Liedern, die taulich vom Haine
Erzählen, von Feuer und Klampf,
Hier kommt eine Jugend ins Reine
Und rüstet sich härterem Kampf.

Hier trennt man sich von Surrogaten,
Hier gelten nur Auge und Fuß,
Den Wagern, den sonnigen Taten,
Gilt über die Zeiten der Gruß,
Denn jung ist, wer nicht hinter Schemen
Und sturer Gelahrheit versinkt,
Er läßt sich das Wunder nicht nehmen,
Das hinter dem Hügel schon winkt.
 

 

144
 
Drum tritt in die Schar der Bachanten
Und beug dich Natur-Hierarchie,
Die solche Gemeinschaft bekannten,
Vergessen das Fahrtenglück nie,
Es ruft in die Zeiten der Neige
Erweckend den blauenden Tag,
Auf daß sich der Menschensohn zeige,
Der starb zwischen Neid und Vertrag.

Nun so kann ein fruchtbarer Adel
Uns wachsen für Glauben und Staat,
Wer das Element ohne Tadel
Besteht und die Freiheit der Tat
Besitzt, dem Versucher zu lachen,
Der wird auch der Seelenkraft treu,
Am Rhein bis zum Hahnenschrei wachen,
Auf daß sich die Riche erneu.
 

 

145
 


HERMETISCH
Im Weiß der Muschel und auf Wolkenhügeln
Ergeht er sich und säumt Saturns Gefilde,
Schweigt dir das Herz, laß ab, ihn auszuklügeln,
Und führ zerbrochnes Sparrenkreuz im Schilde.

Doch ist im Schneckenhaus dir wohl, die Gilde
Der Pilze hold, mag dich sein Spiel beflügeln,
Gelingt es seiner Hand den Blitz zu zügeln,
Schaffst du den Gott nach deinem Ebenbilde.

Nicht Reichen sing, die aus der Zeit gegangen,
Sie gleichen Wachs, wenn die Sirenen singen,
Wer Himmel scheut, die im Geloder prangen,

Dem wird das Gehn auf Wasser nicht gelingen,
Doch der Erwählte sieht die beiden Schlangen
Sich kreuzweis um den Stab des Hermes schlingen.
 

 

146
 


EIN SOMMERTAG
Quell in der Mulde, tief im Waldesschatten:
Um hier zu baden, ging ich manche Stunde,
Doch seh ich, du versammelst in der Runde
Zur Helmschau die Geschuppten und die Glatten.

Mir wird bewußt im unverhofften Funde,
Welch große Herzen mir dies Glück gestatten,
Wenn sich die Augen solchem Reichtum gatten,
Geht niemand, der auf Fahrt sich weiß, zugrunde.

Denn noch verfügten sich ins Unsichtbare
Die Götter nicht, ist auch ihr Reich zerschnitten
Von Pfaden, drauf das Heiligtum erstarb.

Und ihre Dauer, die ich hier erfahre,
Erneuert sich und fährt mit meinen Schritten
In Welten, wo ich sie vergeblich warb.
 

 

147
 


NORDLAND
Wo die Wege über Sümpfen schwanken,
Heidekraut verführt und sich die alten
Kiefern mit den Birken unterhalten
Über Träume, die im Moor versanken,
Darf allein das Volk des Zwillings walten.

Dieses Land, im Tierkreis ungedeutet,
Ist an Pilzen reich und seine Mären,
Die aus Dämmer sich und Herbst gebären,
Hat die Schrift des Kreuzes nie erbeutet,
Wie der Schiffer nie bezwingt die Schären.

Daß dem Fremden sich dies Rätsel löse,
Glaube nicht, sieht er im Tun die Laune,
Und das Leiden, wenn sich sagt Alraune,
Denn der Zwilling trennt nicht Gut und Böse,
Drum vergiß den alten Zwist und staune.

Wandre durch das harte Gras und Gräben,
Wo die Kiefer sich vertraut der Birke,
Und begeht in elbische Bezirke,
Daß Apoll dich mit entflammten Stäben
Anrühr und der rote Zaubrer wirke.
 

 

148
 


POSTILLON
Wander-Gelbling, Sendling, Gast
Aus der Sonne Jupiters,
Senk dich sanft und ohne Hast
Auf das Gelb in meinem Vers.

Klee, Luzerne, Wicke sahn
Deine Post, bis du im Herbst
Habichtskraut und Löwenzahn
Mit der zweiten Gilbe färbst.

Aus dem Sonnenwagen keck
Nahm, der dich mit dunklem Rand
Schuf, das Licht, den Schuppenfleck,
Drein sich Goldgeäder wandt.

Von April bis Erntedank
Spannst du dich in Hain und Au,
Über Alpenpässe frank
Wanderst du in deutschen Gau.

Selten naht dein helles Kleid,
Wenn ich dich am Nektar merk,
Spür ich, wie das Herz befreit
Joves Gruß vom Idaberg.
 

 

149
 


GOLDENE ACHT
Des Zephyrs Gesind:
Die Schwelger im Schmand
Durchsegeln den Wind
Als Vierwappen-Stand.
Wo Brache und Weid
Zu Ostern erwacht,
Umschwärmt dich die Maid,
Die Goldene Acht.

Des Gauklers Symbol
Ward hier zum Tattoo.
Auf Kleeblatt und Kohl
Bei Widder und Kuh,
Ruhn Fächer, gespreizt
Zur magischen Tracht,
Wenn Sonne nicht geizt
Der Goldenen Acht.

Mit Flecken bespüht,
Mit Rauten gesäumt,
Von Adern durchglüht,
Der Larve entträumt,
Wo Psyche sich leicht
Die Schwestern erdacht,
Den Liebsten erreicht
Die Goldene Acht.
 

 

150
 
Der Fühler, für Duft
Und Tasten geprägt,
Krümmt sich in der Luft,
Die bettet und trägt,
Was Lippe und Mund
Ein Saugrohr entlacht,
Bemüht sich im Bund
Der Goldenen Acht.

Facettenaug klart,
Der Saugrüssel schmeckt,
Beschuppt und behaart
Der Tagfalter leckt,
Wie Kinder des Zeus,
Im süßesten Schacht,
Und nennt das Gehäus
Die Goldene Acht.

Sie werden noch sein,
Wenn Widder und Kuh
Weiß nur noch der Wein,
Sie hören ihm zu,
Fuhr unser Geschlecht
In stygische Nacht,
Bleibt Nektar gerecht
Der Goldenen Acht.
 

 

151
 


ATLASSPINNER
Rotbrauner Flügler, der Schlangen entrollt,
Geist, der mit Farben und Mächtigkeit bannt,
Grauviolettes Geäader und Gold,
Dreiecke, durchscheinend, magisch entspannt.

Dies ist der Recke, der Berge erhebt,
Unter den Psychen, aus Zartheit geschöpft,
Dies ist der Mantel, zur Krönung gewebt,
Der seinen hungernden Prunkträger köpft.

Kurz ist das Leben, das Nahrung nicht weiß,
Da sich der Puppe unendlicher Traum
Über die Farben von Lohe und Eis
Sichelhaft spannt in den bläulichen Saum.

Aber nicht Dauer allein ist das Glück,
Daß einen Augenblick prunke der Gott
Und sich der Purpur zum Fluge verzück,
Schleppt sich die Raupe als Klumpen und Spott.
 

 

152
 


DISTELFALTER
Eh die ersten Lieder
Wort und Weise spannen,
Schirmten Mohn und Flieder
Was die Brauen sannen,
Federkiel und Tusche
Suchten frühsten Psalter,
Unterm Fliederbusche
Kam der Distelfalter.

Ritter aus Italien,
Die sich hier verpuppen,
Wo Petunien Dahlien
Schaun am Gartenschuppen.
Barfuß und in Locken
Rinnt dein goldnes Alter,
Auf der Nessel trocken
Saß der Distelfalter.

Von den Apfelsinen
Spricht die Flügelfarbe,
Dunkelbraun von Kienen
Zeigt dir manche Narbe,
Wich das Jahr der Scharen
Rarsten Zeichens Halter,
Hast du doch erfahren
Deinen Distelfalter.
 

 

153
 
Juni-Sonne brannte
Überm Gartenzaune,
Und die Mythe kannte
Einhorn, Phoenix, Faune,
Manchen Freund erträumte
Deines Pfad Gestalter,
Doch der hell Gesäumte
Blieb der Distelfalter.

Mischt das Rot den Wäldern
Ahorn im Oktober,
Sieht in Stoppelfeldern
Dich das Lied als Lober,
Küren Halm und Ähre
Traum zum Sonnenwalter,
Zog zum Mittelmeere
Heim der Distelfalter.
 

 

154
 


SCHMETTERLING
I

Falterflügel, Faltersamt,
Sind der zartste Weg ins Licht,
Wem genug die Blüte flammt,
Findet hier sein Angesicht.

Schon seit alters wird die Seel,
Mit der Sonnlust gleichgesetzt,
Duftig ist der Marschbefehl,
Leicht ist dieser Schild verletzt.

Wer die größte Schonung braucht,
Ebenso im Feld agiert,
Wer in Nektarkelche taucht,
Sorgt, daß der kein Blatt verliert.

Wenig braucht, wer innigst spart,
Wer nicht jagt und nichts zerreißt,
Wer sein Mahl im Fluge gart,
Schmetterling und selig heißt.
 

 

155
 


II

Fliege nicht im Eulenkleid,
Brülle nicht wie Bär und Leu,
Denn du mußt nicht meilenweit,
Daß die Blume dich erfreu.

Schwebe ist nicht Raserei,
Vor dem Rausche steh der Traum,
Was ihn trage, was er sei,
Fühlt der so geformte kaum.

Größten Wagemut gewann,
Wem der Wortsinn kam abhand,
Auf die Flügel kommt es an
Und die Art, wie man sie spannt.
 

 

156
 


HOMO SOLARIS
Du kehrst aus Fernen, die ich nicht durchdringe,
Du weißt, dein Auge wird mich überlisten.
Du ordnest zu Gesang und Schweigefristen
Die Zeit, daß eins das andere bedinge.

Um deinenwillen bot verrückten Zwisten
Ich Nahrung und mir selber manche Schlinge,
Verleunete selbst dich und pries die Ringe
Der Schatten, die die schwarze Raute hißten.

Noch weiß ich nicht das rechte Maß zu gliedern,
Nach deiner Art die Arme zu befiedern,
Die rätseln, ob mir solche Weisheit tauge.

Vielleicht erscheinst du mit verhangnen Lidern,
Doch deinem Dunkel muß das Licht erwidern,
Noch vom Nadir das sonnenhafte Auge.
 

 

157
 


ALMANDIN
I

Verzweiflung tobt, Geschrei, Zerstörungswahn.
Der Pöbel plündert. Ins Gemach bricht Feuer.
Die Erde wankt. Ergebenheit Getreuer
Zerbricht, doch nicht der Schatz aus Sirian.

Ältester Macht entschlüpfen Ungeheuer
Durch Mürbes, das der goldene Titan
Beglüht hat und begrünt der große Pan,
Und hausen, daß der Rat den Göttern teuer.

Dich aber führt in deinem Ring das Steuer,
Dich faßt bwei deinem Gang durch Hof und Scheuer
Die Gorgo nicht noch der Charybde Zahn.

Du zahlst der Natter, die dich hegt, die Heuer,
Singst toten Göttern und den Aufbruch neuer,
Und der dich feit, erkennt in dir den Schwan.
 

 

158
 


II

Wenn Jove und Saturn im letzten Zeichen
Des Winters, hilft kein minderer Granat,
Und wenn das Reich von Papst und Zölibat
Zu büßen hat für die gefällten Eichen,

So sei getrost und Wolf im Hühnerstaat,
Und birg die Meisterwerke durch die Speichen
Der Zeit, der seine Hoheit zu vergleichen
Nicht ansteht dem, der Orpheus dort vertrat.

Für jene, die mit der Potenz von Leichen
Am Quell, für Echtes blind, vorüberschleichen,
Sei das Gelächter des Homer parat.

Doch Plünderer, die sich des Heros Reichen
Zu nahn getraun mit der Moral von Scheichen,
Vertilg der Stein mit Blitz und Attentat.
 

 

159
 


III

Wenn obere und untre Hydra kosen,
Das Firneis auf den Samenströmen thront,
Wenn Helios Weib wird und im Dunkeln front,
Gähnt die Chimaira aus Pandorens Dosen.

Wenn Hades selbst sein Requiem vertont,
Die Schatten treiben durch Alleen und Gosen,
Wenn sich zur letzten der Metamorphosen
Der Pfeil empörte, dem zu folgen lohnt,

So führ den Pegasos, den fessellosen,
Zum Atlas durch des Okeanos Tosen,
Der wund den Schwan Apollons nicht verschont.

Und decke dich im Marmorgrund mit Moosen,
Wo dich der Omphalos bekränzt mit Rosen
Und sternengleich die blanke Haut bewohnt.
 

 

160
 


IV

Du bist der Narr der einundzwanzig Pforten,
Der durch die Schale, die das Weltei deckt,
Lautlos hindurchgeht, Hieroglyphen weckt
Und der sie führt als magisches Eskorten.

Du hast des Pfauen leichtes Blut geschmeckt,
Du kennst den Winzer und du prüfst die Sorten,
Du trägst im Sack, verziert mit Silberborten,
Den Stein, der selbst des Tigers Mut erschreckt.

Wo Sichel, Dreizack, Krummstab mit verdorrten
Seekräutern, die dir Wind und Wellen horten,
Verschwistert und der Salamander heckt,

Sind Leu und Lilie eins in Zauberworten,
Bevor die Drachensaat an allen Orten
Aufgeht und sie verschlingt im Schlußeffekt.
 

 

161
 


V

Vertrau der Weisheit, die vom Sandelkiene
Den Raum durchweltet und im feinsten Rauch
Den Göttern frommt und dem Augurenbrauch,
Den Python weckt und die Psilozybine.

Der edle Stein birgt einer Schlange Hauch,
Im Bergkristall die weiße dir erschiene,
Die blaue schuf den Rat der Mandarine,
Und deiner fand sich ein Palladion auch.

Der Narwal spielt im Haar der Melusine,
Wenn Proteus sich mit einer Gauklermiene
Smaragden Augs vermählt onyxnem Bauch.

Doch sie, der was entsteht schon längst Ruine,
Wählt zum Gehäus die Macht der Almandine,
Darein dein Geist gefeit und heiter tauch.
 

 

162
 


VI

Noch ist es nicht die Zeit, das Floß zu sichten,
Mit dem der letzte von Atlantis stieß,
Der einst im Himmel Lapislazulis
Erscheint, eh sich die Wolken rasch verdichten.

Noch sucht der Argonaut das Goldne Vlies,
Der Narr den Stein zum Mosaik zu schichten,
Und noch versteht den Wipfelsang der Fichten
Die Schlange, die sich sonnt im Silberkies.

Noch fügt sich Klotho den Gesetzespflichten,
Und Atlas steht, ergraut in Sturmgesichten,
Ob Phosphoros auch die Posaune blies,

Und hält, den Elementenzwist zu schlichten,
Im Kern der Vierheit deinen Herzblut-Lichten,
Den großen Schlüssel, der Karfunkel hieß.
 

 

163
 


VII

Enthüll dein Sakrament der Pyramide,
Den Tag des Gauklers zelebrier und faß,
Vom Blut der Tiere und der Kräuter naß,
Das Los, für das sich Psychopomp entschiede.

An seiner Grenze glüh und glaub nicht, daß
Das Totenbuch in der Phiole siede,
Der Pytholith dein stolzes Herz befriede
Und einer käm, der Liebe tauscht für Haß.

So wandle unter flammender Ägide
Zum Hymnus dir das Heil und das Morbide
Auf Stirnen, vor der Macht des Sängers blaß,

Bis du zuletzt, die Götter leid, im Riede
Den Schwan des Zeus zerfetzt mit erznem Gliede,
Schwert-König stichst mit deinem letzten As.
 

 

164
 


JORINDE UND JORINGEL
Als noch das Haar des Dachses
Gab Maß für Lied und Buch,
In Feldern blauen Flachses
Wuchs Liebe, Treu und Such,
Als man sich noch mit sachter
Verbeugung an der Linde
Gegrüßt, schrieb ein Erwachter
Joringel und Jorinde.

Und zart sind seine Tupfer,
Verhalten ist sein Ton,
Er zagt als junger Hupfer
In Demut und Passion.
Er wagt mit ihr die Reise,
Schlank wie Vanill und Dingel,
Und so ertönt die Weise:
Jorinde und Joringel.

Doch ist das Böse älter
Als Glück und aller Reim,
Ein jeder tritt die Kelter
Allein und sucht sich heim,
Und ward das Schaf gemolken
Und Freizeit lacht dem Kinde,
Drohn doch schon dunkle Wolken
Joringel und Jorinde.
 

 

165
 
Der Mai weiß keinen Hagel,
Der Sauerampfer schmeckt,
Der braune Fingernagel
Hält sich in Scham versteckt,
Doch Neid schaft Pfeil und Bogen,
Daß er das Paar umzingel,
So wird der Lenz betrogen
Jorinde und Joringel.

Der Fluch, der ihn versteinte,
Sie fängt als Vogelsang,
Vernichtet das Vereinte,
Zerreißt im Eulenfang.
Die Schinderin der Herzen,
Gesalbt mit Ackerwinde,
Schafft Einsamkeit und Schmerzen
Joringel und Jorinde.

Er dient dem Treu-Examen
Als stiller Schäfer gut,
Er bleibt bei seinem Namen
Und rein in Aug und Blut,
Und seinen Tag durchläutet
Die Herde mit Geklingel,
Und der Refrain bedeutet
Jorinde und Joringel.

Der Sommer geht, Oktober
Macht gülden Au und Hag,
Das Heu ist längst im Schober,
Und kürzer wird der Tag,
 

 

166
 
Es folgen kühle Nächte,
Taub bleibt des Herbsts Gesinde,
Daß es zusammenbrächte
Joringel und Jorinde.

Es weiß ihm mancher besser
Was schicklich und gemein,
Und wie ein Schlachtermesser
Treibt Frost ins Herz hinein,
Daß manche Lippen röter
Und holder, rät ein Schlingel,
Doch wird das Eis nicht Töter
Jorinde und Joringel.

Er träumt die Blume, blutig
In ihren Blütenfarben,
Erfährt, daß viele mutig
Sie suchten und verstarben,
Das Perlen Morgentaues
Bekrönt, die niemand finde,
Er bittet Gott, vertrau es
Joringel und Jorinde.

Neun Nächte und neun Tage
Streift er durch Au und Tann,
Bis er, so weiß die Sage,
Den Wunderblust gewann,
Daß sie befreit sich finden,
Sein Zeh im Sand den Kringel
Vollendet, daß sich binden
Jorinde und Joringel.
 

 

167
 


DER WEISSE FALTER
Für Georg Pfeiffer

Entwaffne dich und schenk das Öl der Narden
Dem Gast, der eine Lanze für dich brach.
Vermute ihn im Sprung des Leoparden,
Im Falter, dem der Speer die Nahrung stach.
Du trägst den dunklen Edelstein der Sarden,
Den Skarabäus, der den Lichtgott sprach,
Doch du vertraust allein dem Rausch der Barden
Und gehst, ein Narr, allein der Nase nach.

Geheime Lust im Sonnenlicht zerbrechlich,
Als ob Dryade saumwund-samten klag,
Gespür, das dir der greise Wind nur schwächlich
Herüberwehn und offenbaren mag ...
Und doch, es macht die Botschaft nebensächlich,
Der große Pan sei tot, der Göttertag
Verlorn. Du weiß, das Auge ist bestechlich,
Und wo ein Reis dich lockt, siehst du den Hag.

Wo soll das enden – fragen Harm und Hege,
Bei dem, der mich gesandt – spricht froher Mut,
Der Wille ist ein Grund für Furt und Wege,
Was niemand wägt, das ist dem Wager gut.
Wer pirscht, geht anders als der Marsch-Stratege,
Denn erst im Tun erkennst du, was sich tut,
Und eh dich Alter auf die Bahre lege,
Siehst du im Dickicht stets den Wotansknut.
 

 

168
 
Du schaust den Weg, den, wenn er aufhört, keiner
Fortführt, den je ein Menschenherz erdacht,
Durchs Rad der Spinx, verhalten kurz ob einer
Speerspitze, die dein Wappen wob zur Tracht.
Für dieses Schiff bist du der rechte Schreiner,
Denn wer sich je erhob zur Kaiserwacht,
Ersehnt allein den Blick, der ihn versteiner,
Wenn ihn die Klamm umzingelt und die Nacht.

Die Weiser, die dich warnen, stehn erhoben,
Der Schleier auf dem Gral verlangt dein Blut,
Das Kreuz, flankiert von unsichtbaren Roben,
Schreckt den, der unerlaubt das deine tut.
Doch du, in seinen stillen Kreis verwoben,
Liebkost Basalt, darin die Vorwelt ruht,
Bis Stauden dich, die mildes Waldlicht loben,
Umwerben als der blaue Fingerhut.

Zuletzt wird dich der weiße überraschen,
Gespenkelt fein und reif im Julio,
Und du wirst an der Macht des Samens naschen
Den Rausch der Rauhnacht und des Indigo,
Bevor der Hang, durchfurcht und unterwaschen,
Lawinen löst, Gehölz und Gras und wo
Du Halt fandst, wie das Garn verletzten Maschen
Entrinnt und fällt, allein der Tiefe froh.

In welches Reich mag dich der Sturz verpflichten,
Der Schrecken, den du an der Pforte zahlst?
Wird dich der Neid der Götterschar vernichten,
Weil sterblich du von ihrer Tafel stahlst?
 

 

169
 
Doch holder sind dir noch die tiefren Schichten,
Drin du geschloßnen Augs die Zeichen malst,
Zutiefst beglückt in zärtlichen Gesichten
In Farben, die der Tag nicht kennt, erstahlst.

Hier erst, befreit vom Wehn der Menschenalter,
Tritt aus der Wolken Groll der volle Mond,
Der Wäger und dein Gast, der Traumverwalter,
Der selber Traum, den frühsten Traum bewohnt.
Daher, wo niemals Raum ist, dringt der Psalter
Zum Fels, darauf das Schwert der Asen thront,
Und du sprichst aus das Wort vom Weißen Falter,
Bevor er auffliegt und dich diesmal schont.
 

 

170
 


FÜR RITTER LANZELOT
Lenk deinen Schritt in seine Acht,
Am Morgen, eh der Tag erwacht,
Macht hohen Sinns die Barke flott,
Miß nicht die Tat, die du vollbracht,
Laß Sorge gehn und sorg der Fracht
Allein für Ritter Lanzelot.

Sei untreu, wenn sein Speer dir winkt,
Cäsaren, und im Stern, der sinkt,
Heisch nicht den dreimalgroßen Thoth,
Ist es dein Blut, das strömend blinkt,
Lausch dem Geräusch, wenn er es trinkt,
Leichthin für Ritter Lanzelot.

In Fahrt und Fahr sei seiner froh,
Nur ihn sieh und das Rechte so,
Gelassen noch auf Feinds Schaffott,
Leg dein Gesicht und frag nicht wo
Als letzten Stein im Domino
Milchweiß für Ritter Lanzelot.

Mit ihm hast du das Reich geschaut,
Land, Burg, Alraune, Lerchenlaut,
Als sei sein Teil, was einzig Gott.
So opfre Somas seidne Haut,
Cuprit, mit Wolkenschnee betaut,
Heilsam für Ritter Lanzelot.
 

 

171
 
Ihm sei das Schwert, das Gott zerbricht,
Lieb mag dir beistehn beim Gericht,
Lust im Gesang und Lust im Spott.
Ich schreib euch beide ins Gedicht,
Nur scheid ich eins vom andern nicht,
Genau wie Ritter Lanzelot.
 

 

172
 


DAS TOR DES WESTENS
Sag, Seher des Rades, der Schale,
Welch Reich dir im Westen vertraut,
Umklammert dich Ozeans fahle
Traumfarbe im Weltwogen-Laut?
Wenn Apophis, Laichplatz der Aale,
Im Spiegel, der blind bleibt, ergraut,
Gewahre im Grau der Opale
Den Schlund, der die Sonne verdaut.

Der Fahrende, abhold profaner
Ermüdung im Schlingwuchs von Tang,
Erkennt unterm Stier der Iraner
Den Widder mit großem Gesang,
Er tritt durch das Tor der Erahner
Und niemand besteitet den Gang,
Er bannt den Hermopolitaner
Und nährt sich von magischem Fang.

Sein Spruch ist die goldene Barke,
Sein Auge verkündet: Du weißt.
Kein Uschebti reicht ihm die Harke,
Kein Klagvogel trübt seinen Geist,
Er trinkt von den Bieren das starke,
Das Hirn er des Pavian verspeist
Und herrscherlich setzt er die Marke
Ins Nirgendwem, das ihn umgleißt.
 

 

173
 
Er trägt seinen Himmel im Herzen
Und Horus entlieh er die Tracht,
Der Messersee wird ihn nicht schmerzen,
Die Schlange besucht ihn bei Nacht,
Sein Kreis ist erleuchtet mit Kerzen,
Von Häuptern, gekrönten, gebracht,
Was duldet, verfällt seinen Scherzen,
Was aufsteht, verfällt seiner Macht.

Er nennt sich der Phoenix, das Gestern,
Er weiß, wen das Morgen zerstört,
Er weiß, was die Sieben verlästern,
Die Trauer der Isis empört,
Er treibt das Gewürm aus den Nestern
Am Ibishang, den er beschwört,
Er macht sich die Schwalben zu Schwestern
Und hat auch dem Falken gehört.

Dies wisse und sag deinen Gästen,
Der Kampfplatz der Götter ist rot,
Nichts blieb von den großen Palästen,
Doch dieser Kampf weiß nichts vom Tod,
Zwar fallen von jeher die Besten,
Und Sang wird von Schweigen bedroht,
Doch steht vor dem Tor gegen Westen
Ein Einzelner aufrecht im Boot.
 

 

174
 


ERNTEDANK
I

Wir bringen Früchte und den Reif der Ähren,
Gegürtet mit dem Rot des Rosenstocks,
Wir ziehn durch Öd und Weil zu Equinox
Und zeigen, was die Felder uns gewähren.

Ölkrüge tragen Esel uns und Ochs,
Urbrauch darf heut im hohen Amte gären,
Es gilt der Rode und den frühen Mären,
Sonst wärs verfehlt wie Gärten ohne Phlox.

Gesungen wird von alten Finsternissen,
Drauf Gottes Tag beruft den Bauernschweiß
Zum Bund, den Macht und Lüge nie zerrissen.

Und heilig sind uns Krume, Halm und Reis,
Die Früchte, die wir mit Fanfaren hissen,
Der Segen, dem wir treu in Dank und Fleiß.
 

 

175
 


II

Das Gotteshaus beherrscht die Erntekrone,
Der Überfluß, geschichtet und gereiht,
Auf daß sich Tat und Müh des Bauers lohne,
Sei Dank dem Herrn der Erde und der Zeit.

Nicht ist der Mensch vor Hungersnot gefeit,
Nicht vor der Flut, nicht vor der Steppenzone,
Und nicht daß er mit Witz und Weisheit frone,
Bestimmt, daß etwas fruchtet und gedeiht.

Drum sei im Dank das Opfer nie vergessen,
Darin wir dessen Herrlichkeit verehrn,
Den wir im Geist und in der Nahrung essen.

Er wird uns seinen Segen nicht verwehrn,
Denn größer ist sein Herz, als wir ermessen,
Sein Fittich, drunter wir kein Gran entbehrn.
 

 

176
 


III

Der Erntedank ist Zeit auch für den Sänger,
Hier kehrt zum Volk der Flug durch Au und Tann,
Wie Feld und Himmel rührn sich Weib und Mann,
Als ob der Wind das Abendrot verlänger.

Das Lied, das Mut in Einsamkeit ersann,
Faßt nur die Landschaft und den Kreislauf enger,
Doch jeder Psalm erweist den Wiedergänger
Des Schöpfers, der uns Flur und Flut ersann.

Nicht nur vom März zum Michaelisfeste
Schlug sich ein Kranz, den Winterschlummer sinnt,
Der Kreis des Jahr kreuzt auch des Ritters Queste,

Die vor der Zeit in Monsalvat beginnt,
Und jedes Jahr schaust du die stolzen Gäste,
Wenn Wahn und Wachen Bardenreim umspinnt.
 

 

177
 


IV

Im Erntedank hat sich der Wind gewendet,
Der Ostern sprach von Schmerzen und Passion,
Die Stoppeln bleichen, wo die Astern schon
Ein Gold begrüßen, das in Stürmen endet.

Wer viel gewann und wer im Rosen-Ton
Geschwelgt in dieser Stunde gern verschwendet
Sein Herz dem Wind, der nichts als Trauer spendet,
Melancholie für Julis Lieblingssohn.

Der Sommer scheint ein Hort der Kindertage,
Kornblumen, blau gezackt, und Mohnenrot
Sind ein verlornes Heil und ohne Frage.

Denn wo das Werk getan, erscheint der Tod,
Wo Jugend tanzt, schleicht sich die Dämmerklage
Zum Sänger, der das Erntedanklied bot.
 

 

178
 


TRANK UND GEIST
Erkenne meinen Hof und schöpf den Trank
Vom Brunnen, noch bevor der Abend sank.
Du bist erschöpft und deine Seele krank,
So sei gelabt und wasch dein Auge blank.
Hier bist du wohl bewahrt vor Krieg und Zank,
Ich frage nichts, erzähl den Birken schlank
Dein Los, und daß du ruhst auf schlichter Bank,
Sei Ehre mir und meinen Göttern Dank.

Ersteige meinen Horst und faß den Met
Mit beiden Händen,wenn der Westwind weht,
Wer hoch hinaus und stets aufs ganze geht,
Der meidet Gram und weibisches Gered.
Drum schmiede, bis der Runenzauber dreht
Das Schwert, und wenn das Aug nach Trübung fleht,
So sei gewiß, sobald das Füllhorn steht,
Komm ich dem Wunsch zuvor und dem Gebet.

Erfahre meine Halle, schmeck das Bier,
Daß niemand sag, du seiest säumig hier,
Dort wo die Schwarte tropft von Elch und Stier,
Vervollkommnt dich das Faß zum reinen Tier.
Die Rüstung, Helm und Wappenschmuck verlier,
Im Reich der Mütter lösch Gestalt und Gier,
Und was mein Stab dir reimt, das glaube mir
Und träum am Fuß von Eiche und Menhir.
 

 

179
 
Erinnre meines Heims dich, koste Wein,
Wer mich besucht, muß immer trunken sein.
Das Wunder liegt zutag im Sonnenschein,
Denn flüssig ist das wahre Gold vom Rhein.
Was lebt, das liebt, was lieben kann, ist mein,
So spricht der Becher, wenn die Dichter frein.
Was dichtet, schäumt, drum schenk nicht mäßig ein,
Wer so sich läutert, wird zum Edelstein.

Erobere mein Herz und tausch das Blut,
Ein andrer Trank verdünnt den eignen Sud,
Wenn uns der Rausch nicht reicht, die Augenglut
Das Band zerreißt, dann sind die Zähne gut.
Was sich nicht wehrt, das weckt die nackte Wut,
Daß Eros thront und Ares maßlos tut,
Bis der Olymp sich schloß mit Harm und Hut,
Und gastlich sei mein Haus der großen Flut.

Erwähle meine Huld und laß den Geist
Ausschweifen ins Gedicht, das dich beweist.
Er setzt das Maß, das du dem Schenken leihst,
Doch maßlos ist er selbst und trunken meist.
Er hat die Länder, die du suchst, bereist,
Er sagt dir nicht, wie du zur Mittnacht heißt,
Doch hegt er keinen Zweifel, wer du seist,
Und kennt den Trank, daß du zuletzt verzeihst.
 

 

180
 


SPÄT IM JAHR
Chorus, der die Elemente
In des Dichters Traum vertritt
Und das Wort der Unsichtbaren
Aus dem Nebel tragen mag,
Läßt, bevor der aszendente
Steinbock das Gezelt erstritt,
Alles Gold des Sommmers fahren
Für den dunklen Krönungstag.

Wer sich nach des Eisweins Ernte
Fand im Gotten-Turmalin,
Schwimmt forellengleich in freister
Tiefe ganz im Silberglanz,
Alles, was die Haut besternte,
Ist ein Lobgesang für ihn,
Denn der Souverän, der Meister,
Schenkte ihm den Lorbeerkranz.

Sieben Fackeln auszublasen,
Für die Hochzeit, die dir droht,
Mischt dein Atem sich mit Lethe
Und dein Sang mit dem der Flut,
Auf dem Asphodelosrasen
Wahrt allein der Pilz das Rot,
Und das Jahr, das dir verwehte,
Wird das Gift in deinem Blut.
 

 

181
 
Nichts vermag den Rausch zu dämpfen,
Ist die tiefste Nacht erreicht,
Unterm Schutt der Tempel preisen
Die Gefallenen den Krieg,
Du bist nicht ersehn zu kämpfen,
Denn ein Herz, dein Sinn ist leicht,
Was von Bronze war und Eisen,
Wandelt sich zu Gralsmusik.

Und im Klang der Philomelen,
Siehst du, an Vergessen reich,
Nur die Huldin, die sich häutet,
Was sie singt, verstehst du nicht.
Ihr Gesang kann nichts verhehlen,
Denn im Herzen seid ihr gleich,
Doch bevor dein Haupt es deutet,
Steht ein neues Jahr im Licht.
 

 

182
 


NACHTLIED AM HAFEN
Hör den Schlag vom Glockentum,
Der vermeint, es sei schon spät,
Dünengras vergaß den Sturm,
Strandgut, was Aurora rät.
Du in Rostbraun, du in Samt,
Geist, der von der Mündung stammt,
Solltest schlafen, doch das Lied
Schläft nicht, wenn dir Schlaf geschieht.

Kobalt-Schild, vom Traum geblaut,
Tod im Leib, dein Schuppenschwanz
Ruft die Nehrung, deine Braut,
Lautlos wach zum Neumond-Tanz.
Wo Bewegung nicht mehr mag,
Wird das Hiersein ganz zur Flucht,
Wird Legende Licht und Tag,
Schlaf Geheimnis, Geist der Bucht.

Heb die Anker aus dem Schlamm,
Ufer, das im Fischdunst west,
Werde ganz vom selben Stamm,
Wenn du dich im Schlaf ergehst.
Sei im Pelz des Hermelin,
Wink, daß Star und Schnepfe ziehn,
Hauch der Mole, ach, das Lied
Weiß nicht, wie dir Schlaf geschieht.
 

 

183
 
Nebel-Leite, Traum-geküßt,
Zieht die Haut aus Algen straff,
Einkehr herrsch, daß kein Gelüst
Trenn den Geist vom sanften Haff.
Wo kein Bug den Spiegel schnitt,
Ganz nach innen fiel die Sucht,
Spielt auch meine Karte mit,
Die du einfingst, Geist der Bucht.

Spann die Segel ins Gedicht,
Ins Verlorne wirf das Netz,
Alles was du tust, tu nicht,
Was dir nicht gegeben, setz.
Losch das Mal der Stirn, die Spur
Von Vergängnis, Lust, Tortur,
Träumst du silbern, doch das Lied
Hofft nicht, daß dir Schlaf geschieht.
 

 

 

 




HELIODROMUS





»Die Welt wird Prosa mehr und mehr,
Der Glaube selbst ist ohne Wehr,
Was hat das Ewige verschuldet,
Daß man's nur nebenher noch duldet?«

 
PLATEN       

 

 

 

187
 


LETHELICHT
Libelle vibriert im Geflimmer
Der Hitze, von Schemen umringt,
So dünn, wie von Nirgends und Nimmer
Die Grille am Ufersaum singt,
Und niemand, der hold oder grimmer
Gebärde ein Zeichen vollbringt,
Doch hoffst auf Blitze noch immer
Und auf einen Gott, der sie schwingt.

Flußfahrt, unter Himmeln zu reisen,
Figuren, zerküftet, gezackt –
O Gleichmut in wellenden Kreisen,
Die Furcht und Entsetzen nicht packt –
Ein Lied nicht, wie einst es die Meisen
Im Baum sangen, frühlingsbeflaggt,
Nur einmal im ahdungsweis Leisen
Schaust du noch dich selber und nackt.

Einkehr in die Träume der andern,
Wie Sumpfgas aus Schlicktiefen schnellt,
Mit Einhörnern und Salamandern
Die Spiegel durchschreiten der Welt –
Und doch, auf den sanften Mäandern
Fragt alles, was kommt und verfällt:
Was hilft es durch Herzen zu wandern,
Die morgens ein Lichtstahl zerschellt.
 

 

188
 
Dem Leben liegt nichts an den Toten,
Der Atem mach untreu, die Nacht,
Empfänglicher noch für die Boten,
Führt Sorgen und Trümmer als Fracht,
Und löst du geduldig den Knoten,
Das Netz, das den Schweifer verlacht,
Die Flammen der Lippen verlohten,
Und niemand ist frei, der sie facht.

Kehr heim, doch was war, ward zunichte,
Was Wachen und Wehen noch trennt,
Erinnerung oder Geschichte,
Wie sie diese Landschaft nicht kennt,
Verlor die ererbten Gewichte
Und sagt, bis sie taumelnd verbrennt,
Daß sie dich zu nichts mehr verpfliche,
Kein Los deiner Sehnsucht verschwend.

Libelle vibriert in der Hitze,
Und seltsam erleichtert vermißt,
Du nicht mehr die göttlichen Blitze,
Als Gast, der du immernoch bist,
Verschließt du entbunden die Ritze
Zu Wechsel, Gestaltung und Frist,
Und löschst wie der Zeichner die Skizze,
Und trinkst aus dem Strom und vergißt.
 

 

189
 


LOB DER SIEBEN
Wer den ersten Stein zu werfen
Wagt, hat sieben im Gepäck,
Um den sechsten Sinn zu schärfen,
Brauchts das siebente Versteck,
Wenn die Babylonier teilen,
Sieht man, ihr System besticht,
Fünf und sechs in Eintracht weilen,
Doch das Siebtel fügt sich nicht.

Sieben Fackeln vor dem Throne,
Sieben Hörner trägt das Lamm,
Sieben Fürsten hausen ohne
Gotteswort im Höllenschlamm,
Sieben Wandelsterne sagen,
Was im Künstigen gedeiht,
Sieben Weise, sieben Plagen,
Vierheit Raum und Dreiheit Zeit.

Dreimal sieben sind die Zeichen,
Drinnen sich der Narr verbirgt,
Sieben Tage mußten reichen,
Daß der Geist die Welt gewirkt.
Sieben Jahr die fetten Zeiten,
Sieben Jahr dann Hirsebrei,
Darum sagt, wer mag bestreiten,
Daß die Sieben göttlich sei?
 

 

190
 


NADIR
Nenn deinen Namen, Narr, und sei dir nah,
Eh du den Steinkreis schufst, war er schon da,
Eh Aleph sich erhob aus Omega,
Der Speer im Schwan sich schlang zur Algebra,
War er, der nie erschien und nie geschah,
Dem Nichts das Nur, das sich zum Noch ersah,
Als ob der Neid der Nacht befahl: gebier
Die Nacktheit, die zum Namen ward: Nadir.

Er schweigt, doch du, sein munterer Satrap,
Trägst den Anubis-Helm, den Eibenstab,
Insignien, die dir Proteus' Schwester gab,
Wie auch den Gürtel mit dem Spruch: Ich hab
Die Nacht geträumt. Berühr das Hügelgrab
Und fühl den toten Punkt im Astrolab,
Und eh dein Atem im Kristall gefrier,
Vergiß das sanfte Unwort nicht: Nadir.

Dein Wandeln spricht sich aus im Moosachat,
Sein ist das Wort und dein vielleicht die Tat,
Doch während Holdheit dein Gemach betrat,
Die Nereiden dich umwerben, naht
Auch Adrastea, Schlange, Schale, Rad,
Und ritzt ein Kreuz in den erwählten Pfad.
Wo Un zu Ur einst ward und Gold zu Gier,
Ragt er, der Unbekannte Gott: Nadir.
 

 

191
 
Du weißt es nicht, woher der Einfall traf,
Daß du den Quart verwirfst und zum Oktav
Die Hieroglyphen drängt, die Schwinge Schlaf,
Die Scheidemünze und das Opferschaf.
Du weißt nicht, ob er lohn und ob er straf,
Nicht wer der Pol und wer der Seismograph,
Nicht, wer der blinde Quell, wer der Menhir,
Nicht, wer der Barde und wer Nadir.

Du tagträumst, und die Sonne steigt im Hag,
Najade läßt, da Notus schwelgen mag,
Ihr Haar, und wie die Schnitter schaun Ertrag,
Kränzt Daphnes sprödes Blatt den Nachmittag,
Bis dich, Waidwunder, drin die Mistel stak,
Gewißheit packt, dir sind mit einem Schlag
Jodfarbner Gral und du, sein Juwelier
Kronkolonien der Nabelschnur: Nadir.

Was dich erlöst, macht nur den Magen frei,
Nicht Atem, Adern, nicht den Arm von Blei,
Für Ich und Mich birgt er den Kork der Drei,
Und wo du zuckst, wohnt er gelassen bei.
Er stellt den Kern und schweigt im Todesschrei,
Im Wirbelsturm ist er das Schlangenei,
Und in der Schlacht der Leu auf dem Panier,
Der Schicksalsfuge Kontrapunkt: Nadir.

Ihr ist, was ist und nicht ist, Ritual,
Ihm wird kein Scheitern schwer, kein Leuchten fahl,
Ihn überdacht die Welt, Saturns Opal,
Und Nicht-Welt überwölbt ihn tausendmal.
 

 

192
 
Des Rittes Aar, des Seglers Admiral
Ist er, und kürst du Lethelicht zum Gral,
Sp tönt, wenn du im Nachen träumst, am Pier
Die Weisheit des Cusanus noch: Nadir.

Sein Umkreis rötet Sol mit Neid und Scham,
Vor seinem Bogen scheint der Schütze zahm,
Der Himmel blaß und der Olymp infam,
Und Amaltheas Horn entbehrt den Rahm.
Er trägt den Keim, der in dir niederkam,
Das große Einerlei, da Almangam
Und hält den Gaukler dunkel im Visier,
Doch du, Narziß, fixierst ihn selbst: Nadir.

Mit Eulenaugen blick und auf den Zahn
Fühl ihm, der außer sich sinistrem Wahn
Alraune bot und den geköpften Hahn.
Seit Abend ist im Reich des großen Pan,
Weiß deine Klinge von Obsidian
Allein, was ungesagt und ungetan,
Und deine Haut benetzt der Opferstier,
Das Blut und das Mysterium: Nadir.

Doch du verfolgst das Tier des Bezoar,
Mohn blich die Lippe und der Mond das Haar.
Wer weist dir noch, was Zeichen ist, was wahr,
Wer trübt den Blick und macht den Spiegel klar?
Mag sein, in deinem Mantel rast der Mahr
Und du bist selbet die Trutzburg der Gafahr,
Der Stein, das Horn und ganz zuletzt das Tier
Dem Jäger, der dich nicht verfehlt: Nadir.
 

 

193
 
Wer wer, wer wem? wie bald schon wächst das Gras
Darüber, und dir bleibt kein Mindestmaß,
Denn wer den Brand der Asenburg vergaß,
Vergißt den Geier rasch und rasch das Aas.
Dein Talisman bleibt nicht, dein Schild-Topas,
Vielleicht bleibt einzig der Pythagoras
Im ungelösten Streit von Drei und Vier,
Die Pyramide und das Lot: Nadir.

Und dennoch blüht Adon auf goldner Au,
Und Ares haust in dem geschleiften Bau.
Dies wissend, sei getrost, den Augen trau,
Dem Herzen, Meistermann der Vogelschau.
In seiner Hut, im ungetrübten Blau
Wird Wesen Welle und das Wort genau,
Die Reiche Reim und die Zerstörung Zier,
Und alles fließt zurück und wird Nadir.
 

 

194
 


AN DEN DICHTER
I

Du bist in dieser Welt ein Meteor,
Daß man dich rühm, schieb einen Riegel vor,
Der dir die Zunge löst, will dich allein,
Dein Heil soll Traum und nicht die Nachwelt sein.

Was du dir schenken kannst, gib nicht für Lohn,
Dein ist der Dank, der Teil der Welt ist Hohn,
Du bist der Mund, der keinen Ruhm erwirbt,
Die Seidenraupe, die im Dunkeln stirbt.

Vielleicht, daß einer sich in dir erkennt,
Im gleichen Flammenkreis das Herz verbrennt,
Doch hüte dich, wenn er dir nicht genügt,
Er mordet, was er liebt, was ihn betrügt.

Luchs, Wiesel, Einhorn sind von selbem Wahn,
Kornblume dein, Anis und Baldrian,
Mercurium spricht von dir, noch im Fossil
Entholdet sich das Eins von Maß und Spiel.

Ob Stein, ob Bronze oder Stahlgeflecht,
Es ist nicht spät, du kommst gerade recht,
Du wanderst, was verharrt, bleibt außen vor,
Du bist in jeder Welt ein Meteor.
 

 

195
 


II

Du leuchtest, wenn die Katastrophe naht,
Es geht hier nicht um Dynastie und Staat,
Bedroht ist eines ganzen Äons Kraft,
Die Kunst, die Sitte und die Wissenschaft.

Die Erde hat schon manchen Brand erlebt,
Ihr Brautkleid manche Male neu gewebt,
Auch ist der Mensch gewiß ein zähes Tier,
Und manche lebten vor den Deutschen hier.

Du brauchst kein Volk, daß es den Spruch versteh,
Doch ohne Sprache sind kein Wohl und Weh,
Gibt dieses Volk sich auf in Zeit und Raum,
Wird auch dein Lied zum blinden Wogenschaum.

So sei dir nicht der Menge Walten gleich,
Nicht ohne sie gewinnst du Gott und Reich,
Du mußt benennen Warte, Feld und Flur,
Denn du bist dieser Sprache Anwalt nur.

So halte alles hoch, was deutsch und frei,
Du bist geborn, das es bezeichnet sei,
Du bist verdammt zu deiner Dichtertat
Und leuchtest, wenn der Große Mittag naht.
 

 

196
 


TRISKELL
Ruhepol im Sturm der Splitter,
Muster, das du nie erinnst,
Ward der Quell des Lebens bitter,
Sieh in diesen Schlangengitter,
Odins Weisheit wuchs im Zwitter
Von Spirale und Gespinst.

Der umschlugen hält die Garbe,
Ist der Geist, der maßlos schenkt,
Daß sie aufblühe, daß sie darbe,
Liegt beschlossen in der Narbe,
Jede Regenbogenfarbe
Wird aus diesem Tau getränkt.

Sucht der Nordwind auszufegen
Haus und Halle, zerrt am Gurt,
Soll dich nicht sein Grimm bewegen,
Was sich aufbäumt, wird sich legen,
Denn du schwelgst im großen Segen
Honiggelb am Born der Urd.

Dein Refugium, Maß und Weite,
Au und Acker, Feld und Fels,
Runenrat und Opferscheite,
Sieg des Sängers, Sieg im Streite,
Skaldenmet der Osterleite
Ruhn im Herzgrund des Triskells.
 

 

197
 


WALKNUT
Walknut, des Walvaters Zeichen
Dreisam geeinigte Drei,
Krieger, die Eschenholz gleichen,
Streiten und tanzen dabei.

Walknut, der Prüfungen neunte,
Schlüssel zu härtestem Los,
Weltbrand und Helnacht für Freunde
Baldurs, am Nachenzaun groß.

Walknut, Geschling und Gestichel,
Mal, das als Wunde dir schwär,
Unter der mondenen Sichel
Wird unsre Rasse zur Mär.

Walknut, der Fafner, den Drachen,
Losläßt in ärgester Not,
Walknut, als Lohengrins Nachen
Weist er das rettende Boot.

Walknut, Uresche und Wappen
Neuer Gemeinschaft im Reich,
Hüter vor Götter-Atrappen,
Schild und Verheißung zugleich.
 

 

198
 


DIOSKUREN
Walte ich im Eichen-Hagen,
Nistest du im Birkengrün,
Lenkst vortrefflich du den Wagen,
Wird dem Feind mein Faustschlag blühn.

Wird mein Speer zum Löwenzwinger,
Schlägt dein Schwert den roten Wurm,
Raubt die Königin der Springer,
Bietet Schach der Bruder-Turm.

Folge ich dem Rausch des Greifen,
Schwebst du in des Falters Traum,
Wird dein Antlitz Hera streifen,
Dann berührt mich Hermes kaum.

Fasse ich des Gauklers Karte,
Ziehst du aus dem Blatt den Tod,
Läßt dein Arm die Zwie-Standarte,
Läßt mein Mut, was Vater bot.

Trinkt mein Mut von Ganymedes,
Wohnt dein Durst den Schatten bei,
Ewig eins und einsam jedes
Schaut der Wanderer die zwei.
 

 

199
 


IM TRAUM
Im Traum, da ich mir selbst begegnet war,
Da faßte ich ein Herz und sprach mich an:
Wer bist du wohl, du fremd vertrauter Mann,
Und warum ist dein Aug so blau und klar?

Er faßte mich mit warmer Hand, besann
Sich kurz und sprach, der Wind zertrieb sein Haar,
Wer nahm dein Opfer an in Stolz und Fahr,
Da Jove nicht aus Staub erwachen kann?

Wer hortet, was aus deiner Welt entschwindet,
Sumpfdotterblume, die dein Fuß nicht findet,
Der Eichen neun und überm Ried den Aar?

Du selbst -- und ich, der unter dir erblindet
Und dem Vergessen diesen Traum entwindet,
Bring mich in dir für das Verlorne dar.
 

 

200
 


AN DEN MORGENSTERN
Dem Dichter hat die Muse ausbedungen,
Nur sie zu preisen, sei der Schrein erbrochen,
Doch du Gestirn hast ihn mit Glanz bestochen
Und wirst darob durch alle Zeit besungen.

Schon früh hast du, auch mich zu unterjochen,
Den Trunkenen mit Traum begabt und Zungen,
Und wie dein Meer Ertrinkenden die Lungen
Zersprengt, schien es im Herzen mir zu pochen.

Du liebst die Ungebärdigen, die Jungen,
Und Liebe hast du deinem Sohn versprochen,
Zu viel, als daß ein Minderes bezwungen

Ihn hätte, und er wär mit Haut und Knochen,
Hätt nicht der Tag das Zwiegestirn verschlungen,
Hinauf in deinen hellen Schoß gekrochen.
 

 

201
 


NOSTRADAMUS
Sturmaug des Schützen, in verbotne Fernen
Dich wagend, eh die Morgenglocke schellt,
Wer auszog, um das Fürchten zu erlernen
Und nachts seziert am Muttermal der Welt,
Der sammelt Blut in löchrigen Zisternen
Und Nebel, der sich zu Figuren stellt,
Und alles, was sich in verschloßnen Kernen
Des Drachen krümmt und ihm zuletzt verfällt.

Jahrhundertleid, blutiger Pfad für weitre,
Die kommen, daß der Sodomiten-Grind
Die Fliegen anlock und das Wundmal eitre,
Dem sie Gesäm und schwarzer Ausfluß sind.
Unstern, gewaltig, wer da aufsteh, scheitre
Am Strick, den eine große Dumpfheit spinnt,
Die Sorge trägt, daß sie das Volk erheitre
Am Schrecken, der des Herdes Platz gewinnt.

Nachtfalter landen auf zernagter Leber,
Am Lager, wo das Kreuz nicht mehr versöhnt,
Zerstampf das Korn der heimgekehrte Eber,
Bis Schnee das Tal mit sanftem Tod verschönt.
In dieser Stunde sei der Hinweisgeber,
Vertraut mit Worten, fährlich und verpönt,
Und sag den Schatz und den verruchten Heber
Im Moder, der den Königsmörder krönt.
 

 

202
 
Wolfszeit, gewähnt in der gewundnen Schramme
Des Kranken, den dein klarer Blick betört,
Doch wer das Rätsel ausspricht, wird zum Lamme,
Das Schuld und Sühne auf sein Haupt beschwört,
Und dunkler wird die Flut der Anagramme,
Das Wissen, das dir schon nicht mehr gehört,
Denn eh es tag, entsteigt der Kerzenflamme
Der Engel, der dich gnadenlos zerstört.
 

 

203
 


VIER BLÄTTER
Vier Blätter fielen aus dem Paradiese,
Bewilligt, Adams Blöße zu bedecken,
Das erste schuf der Wurm zum Seidenvliese,
Im zweiten ließ der Moschus sich erwecken,
Das dritte macht dem Bienenvolk die Wiese
Zum Füllhorn, doch die rarsten Wunder stecken
Im vierten, wert, daß es ein Aug erkiese,
Den Herrn zu schaun und seinen ganzen Schrecken.

Man deutet an und redet von Gewürzen
Für Speis und Trank und für den Rest der Tage,
Von Pfaden, Müh und Wanderschaft zu kürzen
In Reiche, gold vom Abendlicht der Sage,
Doch einer weiß, der Obelisk wird stürzen,
Allein das Feuer bleibt der Herr der Lage,
Er sieht Orion sich zum Angriff schürzen
Und zittert weidwund wie der Hirsch im Hage.

Er ist das Tier, das jenes Blatt verzehrte,
Sein Los fragt nicht, ob seine Kraft genüge,
Er dauert im Exil, in das er kehrte
Aus dem Gerausch der unbemeßnen Flüge,
Er hört den Engel, der sich sonst verwehrte,
Und er versteht den Sinn der Vogelzüge,
Er liebt, doch alles, was er je begehrte,
Gemahnt, daß er sich seinem Erbe füge.
 

 

204
 
Wie allen, die von Göttlichem sich nährten,
Ist ihm ein Fluch die unerhörte Gnade,
Er ist ein Narr dem Volk und den Gefährten,
Und was von Wert ist, ist für ihn zu schade.
Jedoch sein Aug verzaubert Flur und Gärten,
Und monden steigt die Göttin aus dem Bade,
Und wenn die Birken seinen Sinn beschwerten,
Küßt ihn zur Nacht die schlanke Oreade.

Soll er den andern ihre Dumpfheit neiden,
Die bald auch sonst das Göttliche vergessen?
Und doch - allein auf Sternenwiesen weiden
Und menschenfern die Spanne auszumessen
Des Tags und seine Täuschungen vermeiden:
Das heißt, nur noch das eine Blatt zu essen,
Das Adam half, die Dürftigkeit zu scheiden
Dem Blick, und man ergründet niemals, wessen.

Vier Blätter fielen aus dem Garten Eden,
Daß Gottes Traum der Finder weitersinne,
Und wer, getränkt von solchen Ganymeden,
Das Amt fand, wird der Drachenschluchten inne,
Die unterm Herz den hohen Mut befehden,
Doch Heil verbürgen und den Rausch der Minne,
Und die noch im Zerfall der Himmel jeden
Der Söhne fordern: Nimm den Stab, beginne!
 

 

205
 


GARTENTAG
Wenn die Tage länger werden,
Tritt in meinen Garten ein,
Wo mit reineren Beschwerden
Distel grüßt und wilder Wein.

Sei noch einmal eingebunden
In den Kreislauf, der so lang
Atem barg und Taumelstunden,
Ahndung, ach, so weit, so bang.

Keine Nymphe aufzuschrecken,
Klag dem Birnbau, der die Bank
Schattet, nicht die gelben Flecken,
Nicht, was kommt, was rasch versank.

Dein Geschenk als letzter Pilger
Weih dem Wind, der Wandlung liebt,
Dann vernimm den Troß der Tilger,
Der dir keinen Tag mehr gibt.

Laß die Blüten offenbaren,
Was das Wirkliche, was Schein,
Und wenn einmal Götter waren,
Werden immer Götter sein.

Um dein Lebenswerk zu krönen,
Bleibt dir diese Stunde noch,
Doch verzaubert von den Schönen
Trittst du stumm ins Schweigejoch.
 

 

206
 


WÜRFELSPIEL
Zieht der Mai mit bunten Bändern
In das Tal der Herzen ein,
Soll das Spiel mit Los und Pfändern
Schicksal und Versuchung sein,
Du, durch Winter nicht zu ändern,
Vogelherz von Elfenbein
Machst die Heischenden zu Spendern,
Schuld zu Rausch und Gut zu Wein.

Lindenschatten, Lenz der Minne,
Heidnisch unter dünnster Haut,
Wenn ich dieses Spiel gewinne,
Hab ich mir ein Haus gebaut,
Doch verlier ich Geld und Sinne,
Setz ich Seelenheil und Braut:
Woge Glück und Netz der Spinne
Und ein Trunkener, der schaut.

Du, der Schäbigste von allen,
Heilig, aber nicht im Geist,
Darfst den Rest des Abends lallen,
Wenn du mir den Vorschuß leihst,
Mich zum nächsten Spiel bestallen
Sollst, solang der Becher kreist:
Sagst du, wie die Würfel fallen,
Sag ich dir, woher du's weißt.
 

 

207
 
Wenn der Ritter fehlt dem Junker,
Wahrt die Regel nur das Spiel:
Fisch auf drei und Schuldenbunker,
Straße, Pasch und Götter-Stil!
Meine letzte Silberklunker,
Die noch nicht der Schur verfiel,
Geh mit Dichtung und Geflunker
Vor mir selbst durchs dunkle Ziel.

Hasenohr und Hundskamille,
Karten wären längst gezinkt,
Jeder Spieler liebt die Stille,
Doch wer recht hat, wird gelinkt,
Auch das Alter liebt die Grille,
Die im Glanz der Würfel blinkt,
Doch der Jugend frommt der Wille,
Der sich keinem Ziel verdingt.

Sieh nur, wie die Würfel rollen,
Dieser Vogel wird mir feist,
Während fern die Wetter grollen,
Liegt die Tafel abgespeist,
Bald sind wir, die aus dem vollen
Schöpfen, einsam wie zumeist:
Sagst du, was die Götter wollen,
Sag ich dir, woher du's weißt.

Langsam leert sich das Theater,
Ziel für manches Spott-Geschoß,
Sieh hinauf zum Himmelsvater,
Ganymed, sein Bettgenoß,
 

 

208
 
Fragt uns nicht in diesem Krater
Ohne Wappen, Schild und Roß,
Ob man uns den nächsten Kater
In den leeren Becher goß.

Unsre Augen auszubeuten,
Macht der Würfel sechsfach kund,
Auch geschmückt mit Schlangenhäuten,
Bleibt der Beutel ewig wund,
Ich hab manches zu bedeuten,
Hab zu manchem Schauder Grund,
Aber eh die Glocken läuten,
Muß die Neige in den Schlund.

Horch wie Gottes Mühlen mahlen,
Doch ich raube weitgereist
Einer Zwiebel nicht die Schalen,
Wenn mein Lied die Mitte preist,
Du, mir treu in Lust und Qualen:
Sagst du, wie der Teufel heißt,
Der die Zeche soll bezahlen,
Sag ich dir, woher du's weißt.
 

 

209
 


ZOLLSTATION
Federn an den Schuhn zu tragen,
Weiß der rechte Tunichtgut,
Wenn die Weiser nordwärts ragen,
Fehlt es nicht an Trank und Mut,
Dein Gepäck, von Sang und Sagen
Schwer und hold von Hanf und Mohn,
Steht mit dir und leerem Magen
Wieder an der Zollstation.

Im Gewande des Scholaren,
Der den Meister noch nicht traf,
Bist du ohne Gut und Waren
Für Merkur das schwarze Schaf,
Durch die Auen willst du fahren
Vogelfrei und ohne Fron,
Doch du mußt dich offenbaren
Wieder an der Zollstation.

Ohne Heim und Weibsgezeter
Hat dir Gott den Weg gefügt,
Und du sagst, du seiest Kreter,
Aber jeder Kreter lügt,
Atme frei noch zwanzig Meter,
Für die Kirche und den Thron
Hast du bald den schwarzen Peter
Wieder an der Zollstation.
 

 

210
 
Sturmgezaust auf Alpengraten,
Sollst vergeßne Tempel sehn,
Und ein Trostgedicht von Platen
Läßt dich manche Stunde gehn,
Stier begnügt sich mit Fermaten,
Doch versteckt erspäht Skorpion
Seinen nächsten Kandidaten
Wieder an der Zollstation.

Ob sie würfeln oder scherzen,
Die im Grenzland wachsam sind,
Sagt dich nicht das Blut im Herzen,
Nicht die Flut und nicht der Wind,
Was dir droh in ihren Schwärzen,
Wußte es der Menschensohn,
Da er sah die Stadt der Schmerzen
Wieder an der Zollstation?

Wisse du, dir folgt ein Dritter,
Dem das Tun der Menschen Tand,
Ohne Riegel, Schloß und Gitter
Rieselt fein der Marmorsand,
Seine Botschaft lautet bitter
Und sie reimt sich wie zum Hohn,
Denn du wartest mit dem Schnitter
Immer an der Zollstation.
 

 

211
 


PALMYRA
Stadt Vergessens, Stadt der Wüste,
Die ein sanfter Tod bewacht,
Die kein mindrer Meister grüßte,
Wo im Meer von Sand der frühste
Himmel trieb in späte Nacht.

Unterm Schirm der Säulenstraßen
Schlummern Oktavian und Bel,
Und im Marmorschutt vergaßen
Menschen, was sie einst vermaßen
Unter göttlichem Befehl.

Unbeeindruckt steht die Horen
Und kein Frevler hemmt den Fluß,
Wieviel mehr ging euch verloren,
Einst zu größerem erkoren,
Konstantin und Romulus!
 

 

212
 


QUASERBLUT
Wenn dich die Bilder überfallen,
Dein Genius Triumphator heißt,
Und wenn sich im Gesang der Geist
Wohllautend und kristallen
Fortpflanzt wie die Korallen,
Erkenn im Honig und im Rahm
Noch ihn, der dir die Jugend nahm.

Er wägt und wahrt in seinen Krügen,
Was du vielleicht zuletzt gewinnst,
Doch feilsche nicht um sein Gespinst,
Er weiß es so zu fügen,
Daß du dich selbst betrügen
Nur würdst, verlangtest du dein Teil,
Denn du weißt nichts von deinem Heil.

Nicht fändest du in seinen Welten
Den Schlüssel, der dir einzig frommt,
Nur wenn er wie ein Windstoß kommt,
Den Maß und Regel schelten,
Wird er dir groß entgelten
Dein Glück und dein verlornes Gut
Und nährt dein Wort mit seinem Blut.
 

 

213
 


IN MEMORIAM
Flattern die Wolken vorüber mit leichter Beschwerde,
Weckt mich der Bussard mit heftig gestoßenem Schrei,
Ist mir der Pfingstmond die letzte Versuchung der Erde
Oder dein Auge im Blauen der Wald-Akelei.

Juno, geharnischt, befielt ihre Minner zu Pferde,
Aber was du ihrer Herrschaft zu opfern geruhst,
Läßt seinen Schatten im heimlichen Dunkel der Erde,
Und ich entscheide nicht mehr, ob du träumst oder tust.

Wasser im Kelch und das knisternde Feuer im Herde
Haben erst dich und zuletzt die Legenden gespeist,
Auf der noch immer von Göttern besiedelten Erde
Ruft dich der Traum, der auf frühere Träume verweist.

Daß es das unsre und dadurch das heilige werde,
Reich durch das Blut, das die Mären und Lieder erneut,
Küßt du im Lande der Sehnsucht die offene Erde,
Die nicht Gewitter und dichteste Schwerthimmel scheut.

Ob dich Skorpion, der die Stunde erwartet, gefärde?
Nichts ist gewiß, doch die Stirn offenbart deinen Gruß.
Und er bedeutet: Im Einklang von Himmel und Erde
Darfst du vertraun auf den eignen beflügelten Fuß.

Was von uns bleibt, ist vielleicht nur die eine Gebärde.
Weltwund und weise nach nächtlich verlorenem Ritt
Trägst du gerichtet die härene Kutte der Erde,
Aber ich seh dich noch immer im weißen Habit.
 

 

214
 


OUTREMER
Im Jenseitsland, beherrscht von Staub und Krähen,
Vereinte sich mit Christi Mönchsgelübden,
Was brachlag lang im Dämmer der Mithräen,
Und flackerte in Festungen und Krypten.

Der Männerbund, der ritterliche Tugend
Der Armut weiht und dem Apostelstuhle,
War Augenleuchten einer frohen Jugend,
Die mehr verlangte als die Bauernschule.

Hier war ein Pfad, nicht Acker und Familie
Zu weihen alles Lebensglück und Wollen,
Hier bot ein Orden Raum für Gral und Lilie,
Der nicht im Mythendunkel blieb verschollen.

Doch da das Land entrissen Sarazenen,
Zerfiel auch die Kultur dem Ritterorden,
Und als mit Segeln schlafften auch die Sehnen,
Wars leicht die Krieger jählings hinzumorden.

Der König, der in Aragon den Klagen
So gerne glaubte und dem Schmutz, der Schande,
Zog nur den Schlußstrich den geweihten Tagen,
Die fielen mit der Macht im Heilgen Lande.
 

 

215
 


IDOLUM
Oktobertag, der rasch erlischt:
Der Dämmer, der sein Kleid füllt, wischt
Die Spuren von den Wegen,
Doch schattenhaft verheißt sein Buch,
Es zu entziffern sei dein Fluch,
Ihm zu vertraun dein Segen.

Der Abend macht die Farben stumm,
Und ohne Hast geht Hypnos um,
Die Astern zu befeuchten,
Doch du gehst weiter durch die Nacht
Großäugig, wo Astarte wacht
Und Mars und Jove leuchten.

Wer kündet, was die Stunde bringt?
Auch unter diesem Himmel singt
Das alte Lied die Weide,
Die Träume fliegen her und hin,
Und selten fängst du ihren Sinn,
Doch einer band euch beide.

Nicht rüstest du zur Himmelfahrt,
Auch den Atlantern falterzart
Hast du nur eins zu geben,
Der Ahne dort im nackten Stein
Holt dich zu jeder Stunde ein
Im Sterben und im Leben.
 

 

216
 
Sein ist der Weg und sein das Land,
Es liegt allein in seiner Hand,
Die Sonne einzuholen,
Die Bilder, drin dein Wort verhallt,
Umstellen dich mit der Gewalt
Granitner Nekropolen.

Sie sind seit je zum Fest bereit
Und schaun, ob deine Fruchtbarkeit
Den Stein der Vorwelt schwänger,
Damit, beschwert von solcher Last,
Das Sängerwort den Himmel faßt,
Die Erdenbrust den Sänger.

Okrobertag, der rasch versinkt,
In Schauern, die dein Odem trinkt,
Versteinert zu Gebärden:
Du bist Endymion, der träumt,
Die Seele, die ans Ufer schäumt,
Und Atlas sollst du werden.
 

 

217
 


CHRISTOPHOROS
Wohlan denn, Los, so fall, ich will dich tragen,
Spricht Jugend stolz mit ungeschütztem Blick,
Doch mit den Jahren mehren sich die Plagen,
Und wenn die Lungen ihren Dienst versagen,
Springt dir zur Nacht ein Alp auf das Genick.

Von mildem Sinn, der weiß, wie oft du fehltest,
Bist du darob den Jüngeren nicht gram,
Auch daß du manchen Undank dir verhehltest
Und billig, was dir recht erschienen, wähltest,
Sah der sofort, der hell vom Hügel kam.

Wie soll der Knabe durch die Strömung waten,
Nicht gut ist sein Gewand beschmutzt zu sehn!
O atme tief und träum von guten Taten,
Wer den Gesalbten trägt, ist wohlberaten,
Mit kleinen Schritten durch die Flut zu gehn.

Schon wird der Himmel finster und die Welle
Empört sich wider deinen schwanken Schritt,
Der Strom wird breit, der liebliche Geselle
So schwer, daß du nur mühsam von der Stelle
Dich rühren kannst und deine Bürde mit.

Die Kröten spürst du heißes Gift verspritzen,
Getier saugt aus den nackten Waden Blut,
Die Natter selbst will ihren Teil besitzen,
Derweil der Himmel mit gezackten Blitzen
Die Strudel weckt und die Dämonenbrut.
 

 

218
 
Und wie du stöhnst, gepeinigt und geschunden,
Wächst dir der Knabe zum Koloß und gleicht
Dem Turm zu Babel, der in Höllenstunden
Als Horn und Stachel stößt in deine Wunden
Und anderseits bis in den Himmel reicht.

Nicht späht dein Aug den Dürren mit der Sense,
Den du mit Inbrunst flehst, sofort zu nahn,
Doch so als seien dir noch hundert Lenze
Bewilligt, steigert sich der Schmerz zur Grenze,
Da er sich aufhebt und verströmt im Wahn.

Ein Herzschlag (oder ist es ein Jahrtausend),
Da dir der Leib in Seligkeit zerfloß,
Und du vollführst, durch Wassermassen brausend,
Im Rhythmus deiner tiefsten Wunde hausend,
Den Tanz der Jünger des Dionysos.

Und dann stehst du allein am stillen Wasser,
Der Kuß des Abschieds brennt, ein tiefer Schrei
Nach diesen Lippen, ach, nach dem Verfasser
Des Traums, nach deiner letzten Kraft Verprasser,
Dem Gott, der dir verhehlte, wer er sei.

Ein namenloses Bild, das rasch erblindet,
Was kündet die Legende von der Fahrt?
Ein Spiegel sei, was man im Gleichnis findet:
Der kranke Mann, den sein Gebrechen schindet,
Oder die Säule, die die Welt bewahrt.
 

 

219
 


ABSCHIED VON RÖCKEN
Herbstgoldne Kühle weht, die Krähen schrein.
Der Abendsonnenschein
Schmückt Felder, die der Schnitter längst vergaß,
Den Efeu und die schlichte Flucht
Der Höfe, welkes Gras,
Bestreut mit Laub und abgefallner Frucht.
Und eine Liebe, die ich einst besaß,
Streift flüchtig mein versunkenes Gemüt.
Die Aster blüht,
Wo sich der Mensch zum Sternenflug vermaß.

Wie oft hat uns der Stein, der Zeichen bar,
In frohgestimmter Schar
Mit wachem Sinn und freiem Mut vereint.
Du birgst dein helles Angesicht,
Das jeden Trost verneint,
Denn was der Jünger sucht, das bist du nicht,
Du willst, ein Leichtfuß und den Gräbern feind,
Den Fels, wo sich die schlanke Natter sonnt.
An dieser Front
Schrak uns das Rätsel, das der Torweg meint.

Nun hat Gesindel, das sich spreizt und reckt,
Den stillen Ort entdeckt,
Hat wohldosiert an biederdeutsche Leut
Aus deinen Schätzen ausgeteilt
Und keine Müh gescheut,
Gereinigt hier, getüncht und dort gefeilt.
 

 

220
 
So springen die Gedanken, weit gestreut,
Der große Schrecken und das große Glück
Dorthin zurück,
Wo sich der Aar allein der Weisheit freut.

Noch ist es Herbst und abendlich mein Herz,
Nachthin und wälderwärts
Geh ich gefährtenlos mit dünnster Haut.
Am Brunnen, der sich hell ergießt
Mit zaubrisch holdem Laut,
Ist gut zu ruhn, denn meine Seele fließt
Aus ihm zurück, der in das Dunkel schaut,
Mich ehrt, weil seine Augen offen sind,
Und nur dem Wind
Ist alles, was zu sagen ist, vertraut.
 

 

221
 


HERBSTSPUR
Sturmnacht, Sturz der Eichenstämme,
Blitzgeflamm und fernes Grollen,
Auf dem Weiher Echsenkämme,
Die in Feld und Garten rollen ...

Sind die Gitter der Giganten
Mürb, verrostet Schloß und Ketten?
Maß und Anmut, die sie bannten,
Flohn entseelte Opferstätten.

Aufruhr einigt Flut und Lohe,
Aber durch die Wiesen schreitet
Eines Unbekannten hohe
Stirn, der Genius, der dich leitet.

Er, gewähnt in Klang und Bildern,
Trägt den Mantel kün geschwungen,
Seinen großen Wurf zu schilden,
Hat dein Reim seit je gerungen.

Sein Gespür wie sein Versprechen
Gleicht dem Blühn der Herbstzeitlosen,
Sein April wird Eis zerbrechen,
Sein Verwehn verheißt dir Rosen.

Und dein Herz, darein er glaubte,
Schlingt das Zeiten-Joch zur Schleife,
Was die Nacht dem Wandrer raubte,
Bringt sein Stern in dir zur Reife.
 

 

222
 


ALLERSEELEN
Was muß ich dich im Nebelland verfehlen,
Wo auch des Ahorns Herrscherkleid verfiel,
Daß Dunst, darein sich die Gesänge stehlen,
Zuletzt an deiner Statt bestimmt den Stil?

Weißt du es noch -- als wir zusammenkamen,
Trug jeder Wink schon des Gedichtes Keim.
Nun quält die Tür und ihren morschen Rahmen
Der Regen und er raunt für dich den Reim.

Mein Versfuß, durch galanten Scherz zu stelzen,
Vergnügte dich so wie Licin Catulls,
Doch Schnee wird unser Minnespiel bepelzen,
Und Pluto pocht in einem andern Puls.

Magie soll dich vor meine Augen bannen!
Sagt, Götter meiner Trunkenheit, sagt: Bin
Ich ganz allein und ist, was wir ersannen,
Verweht, und eine Klinge setzt den Sinn?

Saturn beschloß dem Dichtermut zu schaden,
Weil mich Apoll von deiner Jugend schied,
Doch liebtest du ein Aug, das sich beladen
Verstellte für ein wohlgeformtes Lied?

Mag sein, du nahst, wenn sich in Lerchenkehlen
Lenz kündet und sich leichthin fügt der Kiel,
Doch meine Weisheit schweigt zu Allerseelen
Beredt und schweigsam wie ein Traumfossil.
 

 

223
 


TOTENHERBST
Reif bedeckt die Morgenstunde,
Die dein Warten nicht versteht,
Dieser Tag bringt keine Kunde
Als ein Blatt, herabgeweht,
Schwanke Bilder, welke Funde,
Die kein andrer Himmel braucht
Als der stumme, drein im Grunde
Manches Reisigfeuer raucht.

Opferkranz von jeder Sorte,
Wo die letzte Garbe wacht,
Daß die Blüte nicht verdorrte,
Daß die Ernte eingebracht,
Aber du, vom Quell der Worte
Ausgesetzt in Wind und Wahn,
Klagst an der Wacholderpforte,
Daß das Werk des Jahrs getan.

Nicht die Winternacht zu schmücken,
Ward der Sommer zu Gesang,
Nur Verwelkendes zu pflücken,
Gingst du seinen Pfad entlang,
Kein Verweilen will dir gelücken,
Wenn du das Verwehn im Herbst,
Ob im Ganzen, ob in Stücken,
Safran oder purpurn färbst.
 

 

224
 
Du erinnerst dich des blauen
Auges, das du einst begehrt,
Maiennacht und Tag des Pfauen
Waren hold in eins gekehrt,
Und du weiß, dein trunknes Schauen
Hat die Lerche oft verlacht,
Im Novemberwind, im rauhen,
Gibst du auf ihr Schweigen acht.

Kein Gefährte mag dir frommen,
Luftgebilde, Spott und Spuk
Frage, wo du hingekommen
Auf der Woge, die dich trug.
Und du ahndest jäh beklommen,
Daß dein Herz den Federpfeil
Und die Eide ernst genommen,
Daß es pocht auf seinen Teil.

Ach, das Herz kann nicht verzeihen,
Daß dein Mut für Lied und Reim
Alle Wonnen, alle Weihen
Gab, und läßt dich nicht mehr heim,
Fragst du, wo die Götter seien,
Flammt ihr Gold im späten Herbst,
Und im Feld die Krähen schreien,
Was du stumm und einsam erbst.
 

 

225
 


GOLDREGEN
Zweige für den Tag des Lichtes
Schnitt ich an Sankt Barbara,
Aber du des Traum-Gesichtes
Rätsel warst schon gestern da,
Daß du dich so sehr verfrühtest,
Wird mir eben erst bewußt,
Meinen Schmerz, den du behütest,
Überwiegt die dunkle Lust.

Daß du niemals fortgegangen,
Wußte ich und arglos traf
Mich die Woge und gefangen
Sank ich in den tiefren Schlaf,
Eine Stunde nur zu wachen,
Hast du wortelos begehrt,
Aber dem gestillten Drachen
Ist der Himmelsflug verwehrt.

Ist die Blüte mir gediehen,
Keine, der sie sich vergleicht,
Wurde mir ein Maß geliehen,
Das das deine nie erreicht,
Wußte ich den Blick zu meiden
Dieses Strauchs im dünnen Hemd,
Sind die Kreise, die sich schneiden,
Immer noch einander fremd.
 

 

226
 
Golden ist die Scheitelstunde,
Die das Gift im Samen staut,
Gold verheißt die Schnitterwunde,
Die der Opfernde nicht schaut,
Treiben Sträucher aus dem Felsen,
Deckt die Erde ihre Scham,
Die ich auf dein Haupt zu wälzen
Mittnachts ging und wiederkam.

Ach, ich grüßte dich als Rächer
Einer Kunst, die sinnreich lügt,
Doch du breitetest den Fächer,
Der ein Leben faßt und fügt,
Einen Kelch hast du gehalten,
Dem ich Zuspruch schuldig blieb,
Denn ich muß den Spruch entfalten,
Den ein andrer Dichter schrieb.

Ob wir uns auf seinen Weiden
Wiederfinden, sagt mir nicht
Dieser Zweig, der einst uns beiden
Huldigte wie wir dem Licht,
Daß ich seiner noch gedenke,
Kehrst du zwischen nichts und nichts,
Und dir seine Grüße schenke,
Sei mein Wunsch zum Tag des Lichts.
 

 

227
 


PROMETHEUS
Stolzester Sprößling des goldnen Geschlechts,
Während Saturn sich dem Donnerer beugt,
Nach der von Felsen durchwirbelten Schlacht
Fortging nach West, wo die Sage ihm singt,
Formtest du Schöpfer und Anwalt des Rechts
Älterer Größe, Uranus-gezeugt,
Kunstreich und listig die rächende Macht,
Der, was den Vätern verwehrt blieb, gelingt:
Feuer zu schürn, das die Macht des Bestands
Aufbricht und zeitigt, was eins war und ganz.

Noch wer der Mensch, den der Jahreskreis hegt,
Ohne Verlangen, am Los, das ihm fiel,
Rüttelnd, das Blau, das dem Adler gehört,
Innerst zu wolln und das goldene Seil,
Aber im Opfer, getötet, zerlegt,
Zwangst du den Gegner verdeckt in dein Spiel,
Schmählich vom duftenden Stierfett betör,
Wählte der Gott den geringeren Teil,
Ehe sein Zorn, der die Menschen verletzt,
Zeichen, die er nicht mehr halten kann, setzt.

Daß er das Feuer dem Menschen entzog,
Schuf die Begehrlichkeit, dies Element,
Einst noch gering und ein Stiefkind, wo drei
Wohnung bedeuten für Fisch, Vogel, Tier,
Ward zur Verheißung, und faltergleich bog
Bannend gebannt aus der Spur, die er kennt,
 

 

228
 
Dunkel der Träumer und wohnte ihm bei,
Zeugend die Sehnsucht, dem Heute und Hier
Abhold, betrat er als Mensch und Titan
Wie ein Komet seine flammende Bahn.

Sieh seine Stunde, der Himmel wird eng
Für die Olympier, um Ausgleich bemüht,
Ruhmlos ergibt sich die Krone dem Pfeil,
Einzig die Schlange, die beides bewacht,
Dauert als Gottheit im Zeichen-Gedräng,
Sie, die was spät wird, verjüngt und verfrüht,
Waltet am Stumpf, wo das rodende Beil
Eichen, die ahndungsbang rauschten, verlacht,
Ihr allein, wahrend an Wandlungen reich,
Gelten Triumpg oder Untergang gleich.

Nicht, der die Leben am Kaukasos frißt,
Geier des Himmlischen, schreiend: Verfall,
Wird dich bezwingen, verpfändet der Zeit,
Doch das Gesetz, das den Himmeln zuvor,
Dem du, geblendet von Hochmut und Zwist,
Unbewußt dienst wie der Stimme der Hall,
Webt und zerreißt das geduldige Kleid,
Daß dich umfaßt, und die Schlange am Tor
Singt nicht der Flamme, dir Fürstin und Braut,
Sondern der Erde, die alles verdaut.
 

 

229
 


DER TRAUM DES NEBUKADNEZAR
Besieh dich im Spiegel der Zeit:
Gestalt, mit den Winden im Streit,
Entfaltet die Linie und siegt.
Der Stamm, der das Himmelzelt trägt,
Ergibt seine Wurzel der Nacht,
Doch dort, wo ein Schmetterling fliegt
Im seidigen Traumdämmer, wacht
Der Stein, der die Reiche zerschlägt.

Das Gold, das die Allgegenwart
Der Götter im Kranz offenbart,
Die Sonne im Herrscher verleibt,
Ist anfänglich fraglos und leicht
Zu spüren im reinen Gesicht.
Doch unter der Haut, die es schreibt
Mit Schlüsseln und Ziffern aus Licht,
Erkennst du den Stein, dem es weicht.

Die Priester behüten den Kult,
Bezeichnen mit sanfter Geduld,
Was vordem nicht vieldeutig war.
Ihr Silber, ein Schatten des Tags,
Verschleiert zum Rauschen des Quells
Die Götter mit schneeigem Haar,
Zu halten am böckelnden Fels
Den Stein, aber keiner vermags.
 

 

230
 
In tieferen Schichten, geschürft
Im Licht, das der Wappenschild wirft,
Entfremden sich Herrlich und Hold.
Das Erz, das im Schwertgesang tönt,
Und ihn, den der Schrecken erkor,
Verwandelt die Stunde zu Gold
Und Götter-Triumphen, bevor
Der Stein seinen Untergang krönt.

Dann siehst du die Schmiede, berußt,
Das Reich, das im Erdfeuer fußt,
Von Eisen, die Götter sind fern
Und niemand, der jemals sie traf.
Der Stein aber, der dies zerstäubt
Zuletzt und sich aufschwingt zum Herrn,
Ein Schmetterling hat ihn betäubt
Mit goldenen Schwingen aus Schlaf.
 

 

231
 


PETRA GENETRIX
Fels und Vulva, Sporn und Schlund,
Scheide von Es sei und Nicht,
Zwischen Tod und Opferbund
Gab sich Gott ein Angesicht.

Schmerz, dem frühern Glauben fremd,
Zeigt die Stirn am Phryger-Hut,
Daß sein Gut den Guten hemmt,
Zeugt des Himmelsstieres Blut.

Fragen, die seither nicht still,
Schufen sich ein erstes Bild,
Was der Herr der Schöpfung will,
Was ihm unser Trachten gilt.

Die das Denken hob im Stolz,
Beugten sich dem Mysten-Traum,
Unser Tun fügt mürbes Holz,
Unser Mühn ist eitler Schaum.

Nicht die Fruchtbarkeit der Au,
Daß das Wild dem Jäger feil,
Leitet hier die Gottesschau,
Die nun Heimat wird und Heil.

Welt ist Krieg und Opferschmerz,
Doch die Seele soll entfliehn,
Was da gärt im Menschenherz
Sei erlöst und sei verziehn.
 

 

232
 
Mitras mathematicus
Wird zum Kern der Harmonie
Ehe trifft Orions Schluß,
Alles fällt in Nichts und Nie.

Und der Wandelsterne Licht
Wird zu Rang und Ordnungsmacht,
Vor dem Kosmos steht die Pflicht,
Die Saturnus' Traum bewacht.

Aus der Stammwelt reifte Rom,
Alt und imperial zugleich,
Miles, Pater, Heliodrom
Fronen nur dem Traum vom Reich.
 

 

233
 


DAS LICHT IN DER GROTTE
Der Sphärenzahl Sieben,
Der Blutgrube Vier
Hast du dich verschrieben,
Und hörst du das Tier
Des Luzifer krähen,
Erkennst du geweiht
Den Glanz der Mithräen
Am Ende der Zeit.

Eh Neid ihn verschlinge
Mit Schmähung und Spott,
Noch einmal vollbringe
Die Heilstat der Gott,
Der ihre Begehung
Mit Schwermut vereint,
Geheim die Entstehung
Des Lebens beweint.

Die Schlachtmesser blinken
Und wecken den Strom,
Den Perser zur Linken
Und rechts Heliodrom,
Stürzt lodernd im Blute
Der Nachthimmel ein
Und gräbt seine Rute
Ins nackte Gestein.
 

 

234
 
Haoma soll fließen
Die Stufen hinab,
Die Reben entsprießen
Dem heiligen Grab,
Wenn Lorbeer Zypresse
Zum Beischlaf begehrt,
Herrscht Rauch in der Esse,
Die Flamme im Herd.

Der Gauherr der Gaue,
Der stachelt und stillt,
Schickt Pfeile ins Blaue
Und ruft ins Gefild
Die Spende, die regnend
Die Furchen betaut,
Und macht sich, ihn segnend,
Den Mysten zur Braut.

Im Schwertkampf befeure
Dich Grimm, doch entsag
Dem Kranz und erneure
Den Lehrensvertrag
Dem Gott, der dich grüßte,
Und stelle dich nackt
Dem Herren der Wüste,
Von Brunstrausch gepackt.

Die Schlange umgleite
Den Mischkruf, der schäumt,
Dem Weltspiel zur Seite
Saturnus, der träumt –
 

 

235
 
Ob er dich versöhne,
Frag nicht, eh sein Kuß
Dich himmelhin kröne
Und opfre am Schluß.

Die Stimmen der Raben
Verkünden der Schar,
Den göttlichen Knaben
Der Felsen gebar,
Wer Palme und Feige
Als Ahnen verehrt,
Spürt ihn, der die Zweige
Mit Träumen beschwert.

Du wirst sie ergründen
Nicht mehr in der Zeit,
Von all deinen Bünden
Fiel keiner im Streit,
Fliehn Weiber und Toren
Die Fackel des Manns,
Senkt, Dunklem erkoren,
Sie Hesperus ganz.

Die Fresken zerschlagen,
Die Wächter entmannt,
Der Strahlenkranz-Wagen
Gestürzt und verbrannt,
Doch stirbst du im Gotte
Der Sieben und Vier,
Strömt Licht in die Grotte,
Zu opfern den Stier.
 

 

236
 


OSTIA
Im Untergrund der Mithrasthermen
Erwartet dich das Heiligtum,
Auch wenn nicht mehr die Mannen schwärmen,
Im Kult dem Kaiser gut zu tun,
Kannst du wie meist in diesen Bauten,
Die blühten unter Hadrian,
Erahnden, was die Helionauten
In diesem Grottentempel sahn.

Im Wandrelief, darin der Schlachter
Das Blut des Himmelsherrn vergießt,
Der Schau der Präzession erdachter
Befehl, drin Equinox uns fließt,
Sah Perseus, der Medusen köpfte,
Als Perser und die Opfertat
Als Neugeburt, da sich erschöpfte
Der Äon, den der Stier vertrat.

Die Stufen sind die Weihegrade,
Von Podien ist der Gang beflankt,
Als Abendstern das Tor zum Bade,
Bis ihr im Ost zur Apsis drangt,
Wo der Altar einst den Eleven
Bespritzt, bekränzt und ausgesandt,
Daß er mit dornverletzten Schläfen
Die Weihe trag in Herz und Hand.
 

 

237
 
Die Stoa, die astralem Glauben
Vertraut, daß er dem Ethos dien,
Sah Tunika und Perserhauben
Als Weg zu Mut und Disziplin,
Da Zahl und Himmel Vorgeschichte
Erläuterten in Harmonie,
Ward jungem Blut in neuer Dichte
Für Leid und Tat Warum und Wie.

Und tiefer als zuvor die Väter
Wagt Jugend sich in Raum und Zeit,
Das große Reich verlangt vom Täter
Ein neues Maß an Heiligkeit.
Wer sich in das Mysterium traute,
Sah sich als höchster Ordnung Teil,
Und was der Sonnenläufer schaute,
Verbürgte Gnade, Ehr und Heil.
 

 

238
 


RIEGELER MITHRÄUM
Wo Kaiserstuhl den Schwarzwald schaut,
War schon der Römer drauf bedacht,
Daß auf den Weg mit Zoll und Maut
Das Siegel der Cäsaren acht.

Und Ziegler, Töpfer, Hütte, Guß
Gesellten sich zu dem Kastell,
Wo Legionäre dem Entschluß
Des Adlers treu mit Schwertern hell.

Ihr Gott war persisch und geheim,
Und männlich waren Dienst und Kult,
Daß er sich den Gestirnen reim,
Gab ihnen Stärke und Geduld.

Das Heiligtum im Boden stak,
Von Holzfach war der Oberbau,
Die Grottenform entzog dem Tag
Und rüstete zur Mysten-Schau.

Ein Grieche schenkte den Altar
Der Warte am Barbaren-Wall,
So fand die hartgeprüfte Schar
Ein weises Stück von Stern und All.

Das Blut des Stiers benetzte heiß
Den Jüngling, der dem Pater schwor,
Und wer sich so gebunden weiß,
Wagt sich in neue Weiten vor.
 

 

239
 
Die Taufe wird hier früh bemüht,
Erlösungswert der Mensch gedacht,
Wo später Christi Kirche blüht,
Sucht sich der Ausweg aus der Nacht.

Auch diese Stätte rasch verwaist,
Da Cäsar neuen Glauben fand,
Denn was die Schar im Kosmos schweißt,
War stets das Reich und sein Bestand.

So kündet Treue noch der Tod
Des Heiltums, das sich opfert hier,
Wie Mithras folgt dem Sterngebot,
Denn er ist selbst der Opferstier.
 

 

240
 


HELIODROMUS
I

Deus oriens, gepriesen,
Schlangenumschlungener eil
Hell, daß der Tau auf den Wiesen
Habe am Strahlenkranz teil!
Uns, die den Licht-Paradiesen
Fern und dem Goldnen Serail,
Die Katastrophen und Krisen
Sahn unterm doppelten Beil,
Wirst du mit dunklen Devisen,
Reckt sich der Palmwedel steil,
Herrlich den Thronfolger kiesen,
Träumte Saturnus das Heil.
 

 

241
 


II

In der Ordnung der Mithräen
Hat der Pater höchste Ehre,
Doch das Traumgold auszusäen,
Taugt nicht irischem Verkehre,
Also stehst du Sonnenläufer,
Der am Gipfel der Aktive,
Unverzagt als Stierblut-Träufer,
Daß da kein Gemeiner schliefe.

Wo des Paters Abkunft edel,
Liegt dein Adel in den Taten,
Dir obliegt der Palmenwedel
Und das Amt des Tagespaten,
Dir sind Blut und Dunkelräume
Pulse, die den Arm beflügeln,
Du erlaubst dem Herrn der Träume
Vornehm seine Hand zu zügeln.

Daß der Walter der Symbole
Selbst nicht tauge zum Propheten,
War ein Pfad, der sehr zum Wohle
Lange Fristen ward betreten,
Singen will ich nicht dem Tiefen,
Dem ein Engel ziemt als Preiser,
Sondern dir, dem Offensiven,
Wies gewöhnlich wagt kein Weiser.
 

 

242
 
Tag und Sonne anzukünden,
Bist du ganz der Stern der Frühe,
Auch wenn wir im Dämmer münden,
Kränzt zuletzt du Mut und Mühe,
Rahmer allem Lichtverschwornen,
Bist du Knospe, Lenz und Morgen,
Daß die Nachtgestad-erkornen
Brauchen sich kein Bild zu borgen.

Zum Gespann, zur Fackellohe
Setz das Attribut der Krüge,
Wer durchmißt das Himmelshohe,
Sorg, daß er das Rechte trüge!
Ob der Tau nach Tränen schmecke,
Fragt der Wäger aller Kosten,
Solches bringt nur den zur Strecke,
Der vergessen Rang und Posten.

Aber du, der Loh und Welle
Uns versöhnt im halben Kreise,
Stehst zu nah an jener Schwelle,
Wo es dunkel wird und leise,
Also möge ein Verkäufer
Preisen, was gehäuft im Lager,
Aber du, der Sonnenläufer
Singst dich immer nur als Wager.
 

 

243
 


III

Wenn du deines Amtes waltest,
Wenn das Große Werk geschah,
Grüßen dich, die du entfaltest:
Lotosblüte, Swastika.

Echse kriecht aus Felsverstecken,
Falter stößt die Hülle ab,
Säumigeres Volk zu wecken,
Kräht der Hahn des Äskulap.

Aus den Wassern, blind und nächtig,
Drüberhin ein Odem schwebt,
Mit dem Glanz der Sphären mächtig
Atlas seine Schultern hebt.

Schlange, die den Sturz der Väter
Sah, beginnt das alte Spiel,
Helios reitet durch den Äther
Auf dem blauen Krokodil.

Widder führt die Sommerzeichen,
Löwe schreckt das dunkle Heer,
Bis vor dir die Schatten weichen,
Heliodromus Luzifer.
 

 

244
 


IV

Saturnus träumt und spricht im Schlaf zuweilen,
Und was ihm frommt, errät der Lauscher nicht,
Er hat der Zeit entsagt, um sie zu heilen,
Er läßt sie taumeln und er läßt sie eilen,
Und niemand ist, der je sein Siegel bricht.

Wir stehn, von seiner Heiligkeit geblendet
Und von Verzagtheit, wenn die Stunde schweigt,
Der Schatten ruft und der Haoma spendet,
Auch unser Los, das götterferne, wendet,
Wenn sich im Ost der Sonnenläufer zeigt.

Er hebt die Fackel aus dem Reich der Fische,
Und sein Befehl ist königlich und hold,
Daß Hermes spiel am Pharaonentische,
Gestrenge Muster zeug und träumerische,
Ist sein Gesicht begabt mit Blut und Gold.

Er greift den Staffelstab des Erosknaben,
Der vor der Welt den Bogenschuß geübt,
Dient Ganymed im Federkleid des Raben,
Beschenkt er ihn, bis aus den Bienenwaben
Der Honig quillt, den kein Gedächtnis trübt.

Er wird der Stirn des Träumenden entblühen,
Der uns das Reich in neuem Glanz erkennt,
Und bringt in unser mürb gewordnes Mühen
Auf Falterflügeln, die im Frührot glühen,
Die Lotosblume aus dem Orient.
 

 

245
 


V

Jedes Jahr, das sich im März
Seine Siegeszeichen wählt,
Hat nach dem, der himmelwärts
Loht, die Bürgen ausgezählt.

Winter macht die Wege hart,
Niemand kennt, was drunter keimt,
Doch es weiß der Himmelswart,
Was sich seinem Leuchten reimt.

Ihn, der Palme zugeneigt,
Rufst du mit gespreizter Hand,
Wenn er dir dein Wappen zeigt,
Hat Saturn das Reich erkannt.

Er regiert, bevor es tagt,
Aber was das Füllhorn birgt,
Rinnt durch ihn, der ungefragt
Allenorts und allzeit wirkt.

Nimm das Los, das er uns warf,
Gold und Blut im dunklen Tann,
Den er überschütten darf,
Heliodromus Wassermann.
 

 

246
 


VI

Da sich die Weltzeit nach den Fischen färbte,
Und Rom umschloß das ganze Mittelmeer,
Vermischte sich das Volk, und die ererbte
Verehrung einte nicht mehr Reich und Heer.

Der Glaube wandte sich von Stamm und Sippe
Zum Kosmos und zum Einzelnen, beseelt,
Der Orient schien als Schoß und Spenderkrippe
Der Einheit, die dem Dichterwort verhehlt.

So suchten Magier, Weise, Moralisten,
Am Himmel und in Schriften, Scherben, Spurn,
Nach einem Kern in allen Götterlisten,
Dem Völker, Sprachen, Bräuche erst entfuhrn.

Daß Perseus überm Stier am Himmel thronte,
Verstand man als ein Zeichen für die Tat,
Daß er das hehrste Opfertier nicht schonte
Und so bewegt das Fixsternhimmel-Rad.

Die Wandelsterne wurden so zu Stufen
Der Einsicht und der Mann, der so geweiht,
Erlebte sich vom Größerm aufgerufen
Als der Begrenzte in der Väter-Zeit.

Doch waren Stier und Perser nicht die Sieger,
Das Menschenopfer bot ein stärkres Band,
Der neue Gott kam nicht als Wolf und Tiger,
Bei Ochs und Esel arm die Wiege stand.
 

 

247
 
Er starb verlacht, verhöhnt bei allen Qualen,
Die Bosheit, Neid und blindem Haß gedeihn,
Als Gegenpol zu Pracht und Himmelsstahlen
Schloß seine Not das Herz des Menschen ein.

Und die ihn liebten, stritten wider alle
Von Ninive, Ägypten, Babel, Ur,
Ererbtes galt nun als Versucher-Falle,
Zu tilgen mit dem Brand und der Tortur.

Auch Mithras ward zum Feind und zum Gebannten,
Die Weihe galt als Unfug und pervers,
Und da die seinen treu zum Kaiser standen,
Verschwand der Kult des Kriegers und des Heers.

Doch Manneszucht, die seine Schar erneute,
Bewahrte der Mithräen Heiligkeit,
Der edle Stand der Ritterschaft erfreute
Den neuen Glauben und die neue Zeit.

So zeigt sich der Iraner neu gewandet
Und steht der keuschen Jungfrau seinen Mann,
Doch da der Fische Weltenstunde strandet,
Spricht Mithras uns erneut im Geiste an.

Wir forschen über Himmel und Geschichte
Nach Ganzheit, die das Leben uns bedacht,
Und niemand weiß, wie einst sich die Gewichte
Verteilen, was verdämmert, was erwacht.