Uwe Lammla ·  Idäisches Licht 

 



 
 

 



UWE LAMMLA




IDÆISCHES
LICHT















 
ARNSHAUGK

 



 









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ISBN 978-3-926370-63-1

© 2011 Arnshaugk Verlag
www.arnshaugk.de


Alle Rechte beim Autor
www.lammla.de

16,- EUR
 

 



INHALT

TRAUM VON ATLANTIS
Herbstbann
Die Kräheninsel
Spätherbst in Lindau
Advent
Atlantis
Eiland
Klingsor
Vagant
Undine
Das Goldene Korn
Sindbad
Sirenen
Insel-Sonette
Zwilling
Meeresfahrt
Salomonisch
Die Frohe Insel
Lyonesse
Avalon
Helike
Meropis
Panchaia
Punt
Ophir
Xanadu
Krakatau
Tongatapu
Pagan
Tuvalu
11
13
20
22
23
25
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30
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58
59
61
63
64
67
68
 

 

Thule
Gotenhafen
Neuschwabenland
Oz
Faust
Dorestad
Rungholt
Eydum
Orplid
Ramsee
Vineta
Eichenhain
Ravensburg
Noatun
Elysium
Johannistag
Traum von Atlantis
Ausklang
69
71
75
78
82
86
87
88
89
90
91
92
94
97
100
103
105
109


IDÆISCHES LICHT
ERSTES BUCH
Mittelmeer
Erigeneia
Aquarellkunst
Dichterlos
Lebensalter
Jugend
Einsamkeit
Erntezeit
Tag der Toten
Philoktet
Faunisches Wort
Hyperboräische Briefe
113
115
119
121
125
126
128
129
130
131
122
138
 

 

Urania
Pharon
Polemos
Glückliches Lakedaimon
Leonidas
Tyrtaios
Helena
Nireus
Alkibiades in Sparta
Minoischer Traum
Rhyton
Androgeos
Ariadne
Diktynna
Kouros
Idäisches Licht
150
152
154
157
158
159
161
163
165
168
173
174
176
179
182
185


IDÆISCHES LICHT
ZWEITES BUCH
Amalthea
Der Diskos von Phaistos
Epimenides
Einsiedelei im Gebirg
Rosmarin
Diptamdost
Oregano
Wunderbaum
Oleander
Tamariske
Olivenbaum
Johannisbrot
Zypresse
Weißer Wein
191
194
196
201
204
205
207
208
209
210
211
212
213
215
 

 

Schwarzer Wein
Oreade
Steineiche
Kretischer Hirt
Letoai
Amorgos
Gyaros
Ortygia
Delos
Grotta Pelos
Archilochos
Limnos
Nike von Samothrake
Dioskuren
Heimsegelnd
217
220
222
225
227
230
232
234
237
242
249
251
252
253
254
 

 




TRAUM VON ATLANTIS





»... Und immer
Ins Ungebundene gehet ein Sehnsucht. Vieles aber ist
Zu behalten. Und not die Treue.
Vorwärts aber und rückwärts wollen wir
Nicht sehn. Uns wiegen lassen, wie
Auf schwankem Kahne der See.«

 
HÖLDERLIN       

 

 

 

11
 


HERBSTBANN
Wagemut, zur Welt zu treten,
Steht am Eingang, nach Plotin,
Im Gewand des Exegeten
Folgst du deinen eignen Speen,
Zeig dir das Relief der Stele
Szenen aus dem Sommerglück,
Sprich mit sanfter Vogelseele,
Eh sie schweigt im Niezurück.

Durch den andern fortzuschreiten,
War dir Rat für dutzend Jahr,
Doch, die Flügel auszubreiten,
Der Befehl des Herzens war,
Dem Vergleiche standzuhalten,
Ist noch Zeit, drum geh, vertrau,
Denn du wirst ein Reich verwalten,
Sprichst du heiter und genau.

Sein Gedicht verheißt das Feuer,
Deins den Schluck aus Mimirs Born,
Er füllt manchem Jahr die Scheuer,
Aber du verstreust das Korn
Für die Raben, für die Narren,
Für das flüchtigste »Ich bin«
Unter den gekreuzten Sparren
Mit der Otternkönigin.
 

 

12
 
Sammelt sich das ganz Vergangne
Im Gerausch, das dich umsäumt,
Öffne halb das traumverhangne
Auge, das am tiefsten träumt,
Unterm Aufgang der Plejaden
Wich das Gold dem nackten Stahl,
Doch du hängst an diesem Faden,
Und wer liebt, hat keine Wahl.

Stimmen, Rufe, Siegeszeichen –
Eingetreten bist du nie.
Kannst du je die Schuld begleichen,
Daß du wähltest, nicht wie sie?
Aus der Wunde quillt der Eiter,
Und der Vorhang fällt so schnell,
Denn die Jünger zogen weiter,
Und ein Reif sank auf den Quell.
 

 

13
 


DIE KRÄHENINSEL
I

Erlen, entlaubt und mit Nebel beschuht,
Starren wie Schwerter aus schwärzlichem Sud.

Dies ist das Ziel, seit uns keines mehr lockt,
Laut überwölkt in die Strömung gepflockt.

Steg in den Fluß, drin der Abend verglomm,
Modert am Ufer und spricht kein Willkomm.

Spinnweb zerreißt dein Gebot, dein Gesicht,
Aber im letzten entkommst du ihm nicht.
 

 

14
 


II

Vergiß die Qual
Der Fahrten, streif
Saturns Opal
Vom Silberreif,
Denn dein Begehr
War dir zu flink,
Der Wein so schwer.
Sink!

Was du geraubt
Aus Schlick und Schlamm,
Lehn wie dein Haupt
An diesen Stamm
Und spüre wund
Den Wurf, der traf
Den Rosen-Mund.
Schlaf!

Was schäumt und gärt,
Berührt dich kaum,
Und ewig währt
Allein der Traum,
Der Stich, der Schlag,
Das Pulsen: trink!
Und fern der Tag.
Sink!
 

 

15
 
Hackt dein Gesicht
Das Rätseltier,
Entsag dem Licht
Und seiner Gier,
Erwacht der Drud,
Des Waldes Graf,
So sei ihm gut.
Schlaf!

Der dich erreicht,
Ist dir voraus,
Sandalenleicht
Im Muschelhaus,
Einäugig blick,
Einseitig hink,
Dein Gott-Geschick:
Sink!

Vergiß den Ruhm
Im Hof der Nert,
Ihr Heiligtum
Bleibt dir versperrt,
Ihr Einerlei
Mit Blut erwirb,
Im Krähenschrei
Stirb!
 

 

16
 


III

Angekommen zwischen Fluten,
Inseln, weiß bewohnten,
Speeren, die das Ziel verschonten,
Schwänen, die verbluten –

Aufgegangen unter Sonnen,
Nebelher besungen,
Halm, der zwischen Dämmerungen
Ward zu Gold gesponnen –

Eingefahren neben Runen
Abendlicher Lohe,
Schatten, die der Windesfrohe
Eingub in die Buhnen –

Abgewiesen, fremd und ohne
Fürsprech in der Runde,
Geh dahin und geh zugrunde
Mit dem Schlangensohne.
 

 

17
 


IV

Du träumst sie und willst sie begehen
Und malst sie mit feinerem Pinsel
Als uns und du willst sie bestehen,
Als böt sie ein Obdach, die Insel.

Es meiden die lichteren Schweber
Den Pfuhl, wo Verfemte sich scharen,
Doch dir sind die Schattenreich-Weber
Das Ziel, das sie immer schon waren.

Die Zeichen, die du in die Zweige
Der Erlen hängst, müssen verblassen
Vor jenen, die Fülle und Neige
Und alles, was sichtbar ist, hassen.

Umsonst hast du trunkener Falter
Den Acheron rudernd betrogen,
Dir bleiben der Tod und das Alter,
Der Wind und der Gleichklang der Wogen.
 

 

18
 


V

Laß dich, umweht
Vom dunklen Met
Des Abendscheins,
Dem Traum-Gered
Korallensteins,
Wer leise geht
Und dies versteht,
Dem sind Gebet
Und Gottheit eins.

Des Windes Hand
Hat dich entsandt,
Der strenge West,
Der kam und schwand,
Im Herzen fest
Bleibst du dem Land
Zutiefst verwandt
Und dennoch Tand
Im Krähennest.

Kein heller Deich
Begrenzt, was weich
Ins Schwarze fällt,
Und kein Vergleich
Sagt Ich und Welt,
So ist dein Reich,
Ob rot, ob bleich,
Für Sturm und Streich
Ein dünnes Zelt.
 

 

19
 
Du bist dem Tier,
In Scharen hier,
Kein Licht, kein Lot,
Trotzdem verlier
Dein morsches Boot,
Es bieten dir
Zenit, Nadir
Nur eine Zier:
Den Krähentod.
 

 

20
 


SPÄTHERBST IN LINDAU
Ein letzter Sonnentag, dann stürzt
November aus den Bergen her,
Tyrs Einhand uns die Kehle schürzt,
Und das Gewand der Nacht verkürzt
Die Wintertage mehr und mehr.

Allein die Schwäne fürchten nicht
Das kalte Naß aus Reif und Schnee,
Als wär Gelassenheit die Pflicht,
Erfreuen sie dein Angesicht
Mit Sanftheit aus dem Bodensee.

Die Insel macht die Gassen eng,
Das schützt vor Bön und Feuchtigkeit,
Doch in der Ferne siehst du streng
Die Gletscher wachsen im Gedräng
Nach einem undurchbrochnen Kleid.

Der See, der lind sich wellt und wiegt,
Täuscht uns im West mit Meeresart,
Manch kleines Schiff vor Anker liegt,
Und klein ist auch der Sinn, der siegt
In Gaun, in seinem Dunst geschart.

Du schrittst die Uferrunde ab
Und tatst dies auch im letzten Herbst,
Zwar wird der Atem noch nicht knapp,
Doch fragst du dich, welch Wunder kapp
Die Fessel, drein du Winter kerbst.
 

 

21
 
Du denkst an die Gefährtenschar,
Die sich am Rheinfall einst getrennt
Du stehst geschützt und ohne Fahr,
Doch die Erinnrung macht dir klar,
Daß dir die Zeit vom Leibe rennt.

Wenn man auf einer Insel steht,
Schärft sich der Sinn für Kunft und Gehn,
Diesmal ein strengrer Atem weht,
Und wenn dein Fuß hier endlich geht,
So wagst du nicht, dich umzudrehn.
 

 

22
 


ADVENT
Wenn die Wege Schnee bedeckte,
Zeit sich ganz im Raum verlor,
Wenn der Gärten buntgescheckte
Schar vergaß das offne Tor,
Laß dem Drachen die Kollekte,
Spann Delphin dem Wagen vor
Und verlaß das abgesteckte
Reich, das zum Kristall gefror.

Sag dem Glanz Fahrwohl und gehe
Auf den Saum Vergessens zu,
Nur der Narr vermeint, er sehe,
Doch die Blindheit preisest du,
Kaltes Licht und Nacht noch ehe
Tag dich riß aus dunkler Ruh,
Wo kein Deuter raunt: verstehe --
Keine Spur entrinnt dem Schuh.

Aller Bindung bar bereiten
Sollst du dich -- doch welcher Braut?
Ließ August die Mähder schreiten,
Schien dein Glück auf Sand gebaut,
Doch im Ballspiel der Gezeiten
War dir eins zuerst vertraut,
Und es wird dich ganz erstreiten
Unsichtbar und ohne Laut.
 

 

23
 


ATLANTIS
Muschel der Vorwelt, perlmutterne Woge des Goldes,
Liebling der Gaia, die seligster Stunde empfing,
Bist du das Ufer der Flut, wo sich Hohes und Holdes
Band und heraushob zum Schlüssel im ewigen Ring.

Sanftester Zephir, darin sich in lauterem Reigen
Kinder des Himmels, befiedert, der Schönheit allein
Als ihrer Herrin in heiterer Anmut verneigen,
Wirst du für immer die Perle des Ozeans sein.

Jungfrau, zu rein für die Worte der Preiser und Lober,
Birgst du dein Antlitz, gewoben aus lichtestem Dur,
Traumhin, daraus es den Gott wie der Rose Zinnober
Heilig erschrickt, der dein Auge im Drachen erfuhr.

Hort der Präludien, die niemals geboren vergingen,
Schwester der Gorgo in Uranus' nächtlichem Dom,
Wurdest du Prüfung noch jedem, der anhebt zu singen,
Ob er Gelächter verfall oder Daphnes Arom.

Wie schon die stummen Korallengestade dich preisen,
Born, der das Lot in unendlicher Tiefe verliert!
Aber die Sonne vertauschte das Kupfer dem Eisen,
Gaia verschlingt, was sie maßlos und fruchtbar gebiert.

Trägst du dein Lichtspiel hinüber ins erzene Alter,
Wo dich der Mann, der sich selber das Maß ist, gewinnt,
Oder verfällst du wie flammender Kerze der Falter,
Zeitlos Saturn, der nun wissend das Kostbarste minnt?
 

 

24
 
Frühtag, darum sich die Nacht als ein reines Vergessen
Legte, als Lethe, noch nicht zu den Schatten verbannt,
Abhielt, am Tage die anderen Tage zu messen,
Hast du dein Wunder in dunkle Bereiche gewandt.

Sylphe, bereit mit dem Sinken des Lichts zu verlohen,
Insel des Glücks, auf den Karten der Segler verwischt,
Weichst du dem Vliese des Widders und seinen Heroen,
Aber der Falter erwacht, wenn die Kerze erlischt.

Widder zerstampfen die Flur, ihre Schöße zu siegeln,
Falken begleiten den Sieger und Löwengebrüll,
Aber die Pforte zu dir wird das Schwert nicht entriegeln,
Liebe, zu groß, daß sie jemals ihr Schicksal erfüll.

Was die Olympier aus eigener Kraft nicht vermochten,
Sammelt die Sage, nachts heilig, am Tage verpönt,
Ihren Triumphen, die Menschen und Götter erfochten,
Gibst du die Trauer, die alles Vorkommene krönt.

Auch ihre Größe wird einst an den Ufern verfallen,
Wo Aphrodite entstieg aus Gebilden des Schaums,
Aber vor Weltaltern frei und Erwählte vor allen,
Bleibst du die Königin unter den Inseln des Traums.
 

 

25
 


EILAND
Wenn der Traum den Tag verwehte,
Phoenix kehrt zu Nest und Brut,
Wenn der Wein vermischt mit Lethe
Welt und Wahn zusammentut,
Wenn der Mittler der Erflehte
Wird und weissagt, leichtbeschuht,
Daß zur Nacht der Wind sich drehte,
Steigt ein Eiland aus der Flut.

Niemand weiß den Ort zu klagen,
Ob du fern seist oder nah,
Sollst du nicht die Karten fragen,
Noch die Kunst der Kabbala,
Mag den Fuß die Welle tragen,
Weil dein Aug das Einhorn sah,
Ist dein Mund befugt zu sagen,
Eh du heimgehst: ich war da.

Muß des Tages Puls erlahmen,
Nutz das dritte Aug und buhl
Zm die Jünger, die dir kamen
Unterm Schirm der Irminsul.
Doch du findest nichts als Namen,
Hie und da ein Licht im Pfuhl,
Denn der Wind zertrieb den Samen
Und herrscht selbst am Kaiserstuhl.
 

 

26
 
Unten auf der Goldsternweide
Sucht der Gaukler Lungenkraut,
Dreifach schied der Weg euch beide,
Dreifach heischt die Huldin Maut.
Rost befocht des Schwertes Schneide,
Flut das Heim, auf Sand gebaut,
Nur den Giften im Getreide
Schenkt sich noch die dunkle Braut.

Wo die Götter sich verweigern,
Kann das Wort sich nur bemühn,
Den ererbten Glanz zu seigern,
Seine Schwebe androgyn,
Bis, umstellt von höchsten Schweigern,
Aus dem Schattenhort entblühn
Silben, die im Reim zu steigern,
Echo lauscht im Wipfelgrün.

Wenn sie spricht, erinnre leiser
Und vernimm, es werde gut,
Unterm Dach der Birkenreiser
Werde grün das Menschenblut.
Fand das Werk den rechten Weiser,
Wachsen Otter, Elch und Drud,
Und Apoll als Gegenkaiser
Hebt das Eiland aus der Flut.
 

 

27
 


KLINGSOR
Aus der tiefen Nacht des Nordens,
Nebelheim, verkannt und fern,
In der Heerschar deines Ordens
Gingst du zu auf manchen Stern,
Doch du läßt das Buch nicht fahren
Deiner Reise durch den Geist,
Ohne Lust und Schmerz zu paaren
Der Gestalt, die Klingsor heißt.

Wurzeltraum und Kronenrauschen,
Eiche, die sich selber minnt,
Was die Birken Rede tauschen,
Was der Quell des Lebens sinnt,
Sammelst du, der Wiesel-wendig
Alles Flüchtige verleibt,
Was du anrührst, wird lebendig,
Weil die Wunde offen bleibt.

Reines Ungefähr des Waltens
Im Gewog, das lind umwirbt,
Psalm des seligen Verhaltens,
Der in Eintracht steigt und stirbt,
Magst du keins der Reiche wollen
Als den Traum, dem du dich weihst,
Doch du hast Tribut zu zollen
Der Gestalt, die Klingsor heißt.
 

 

28
 
Du verschweigst, woher er stamme,
Doch das Grün verlangt nach Rot,
Wie die Flut, so hat die Flamme
Ihren Raum und ihr Gebot,
Jene weckt und nährt das Leben,
Diese heischt den höchsten Glanz,
Jene mag dir manches geben,
Aber diese nimmt dich ganz.

Deine Wunde soll nach innen
Schwären, bis du töten lernst,
Blut vom Stahl des Schlächters rinnen
Himmeln, die du neu besternst,
Ares soll dein Tagwerk segnen,
Schlange, die sich selber beißt,
Und dein Auge wird begegnen
Der Gestalt, die Klingsor heißt.

Wer er sei, wirst du ihn fragen,
Und du wirst ihn nicht verstehn,
Denn ihr habt euch nichts zu sagen,
Weil ihr wähnt, ihr könntet sehn,
Und der Wald wird sanfter dunkeln,
Wenn aus Fafnirs Hort das Gold
Aufblitzt, und die Pilze funkeln,
Und Alraune klagt so hold.

Dunkle Vögel schreiben Zeichen
In die Luft, doch ohne Scheu
Bleibt im Dämmerlicht der Eichen
Hirsch dem Herrn der Wälder treu,
 

 

29
 
Frühtau im Gesicht zu spüren,
Lid vom Trost des Schlafs befreist,
Denn du willst das Herz berühren
Der Gestalt, die Klingsor heißt.

Auf dem Netz der Spinne leuchten
Tropfen, unterm Harz-Arom
Lockt die Sonne aus dem feuchten
Boden manchen braunen Gnom,
Preisgesang von reich beschenkter
Welt tönt von den Wipfeln her,
Doch du tappst wie ein Gehenkter
Und vernimmst das Lied nicht mehr.

Aus der tiefen Nacht des Nordens
Nebelheim, verkannt und fern,
Als der letzte deines Ordens
Gehst du zu auf manchen Stern,
Im Gerausch den Leib zu ahnden,
Im Geloh den wachen Geist,
Ewig nach der Spur zu fahnden
Der Gestalt, die Klingsor heißt.
 

 

30
 


VAGANT
Steigt der Abend aus den Mulden,
Die die Sonne nicht erreicht,
Wirst du ihn behaglich dulden,
Denn du brauchst nicht Mark und Gulden
Für den Weg, verträumt und leicht.

Unter Wipfeln, die dir flüstern,
Senkt der Elch den Wappenschmuck,
Doch du trinkst, beflankt von Rüstern,
Nach der Sommersonne lüstern,
All ihr Gold im guten Schluck.

Auch der helle Stern im Norden
Weist den Weg nach Unbekannt,
Der im wappenlosen Orden
In den Liedern eins geworden
Mit dem Wein und dir, Vagant.

Droht die Wolke mit Gewitter,
Machst du unterm Laubicht halt
Und verlachst das Urteil Dritter,
Denn sie nennen dich den Ritter
Von der traurigen Gestalt.
 

 

31
 


UNDINE
Spätling des Schöpfers, der ernsteren Dingen entsagte,
Haar, das herabfließt von Gletschern in heiligem Weiß,
Schelmin im Zwielicht der Stunde, noch ehe es tagte,
Lockst du das Licht in die Au und die Fluten des Mais.

Leichtester Fuß, der den silbernen Spiegels nicht brechen
Mag, wenn dein Antlitz zuweilen in Tagträume taucht,
Bist du im Hain, wo sich andre Erkenntnis versprechen,
Kind, das die Früchte zu harmlosen Ballspielen braucht.

Ganz im Gestilltsein des ruhenden Gottes geschaffen,
Auge, das alles Begehren mit Blau überschwemmt,
Ahnst du die Lüste im helleren Klange der Waffen
Über dem Strom, den die Eisspange länger nicht dämmt.

Unter den Weiden im Dunkel die Rohrdommel flötet,
Und auch der Quell rät die Worte des Dichters, der singt,
Wunder der Feuchte im Kuß und die Träne, die tötet,
Bist du die Schmelze, die nächtliches Hochwasser bringt.

Weithin umschlängelt der Arm, der im Werben erblühte,
Zungen des Landes, die selten ein Jüngling betritt,
Strudeln vertraut und unendlich versunkener Güte,
Wogen, darauf nach Atlantis der Meeresgott ritt.

Herzraum, darin sich die Bäche der Wiesen vereinen,
Treue, die rein in den Wolken-Verwandlungen bleibt,
Nährst du im Lachen die flackernde Flamme des einen,
Der dein Zerfließen in prächtigen Bildern beschreibt.
 

 

32
 
Lust, sich im Springe zu teilen und drin zu verfließen,
Strahl, der den Weidner in grundloser Hingabe netzt,
Aber die Sommer verfügte, den Krug zu verschließen,
Eh noch der Schnitter den ersten der Halme verletzt.

Hörner des Krieges und Hörner des Königs erschallen,
Über dem Fluß, der so leichthin sein Erbe verriet,
Bist du erneut durch den offenen Spiegel gefallen,
Weil sich dein Herr mit gestatteten Freuden beschied.

Traube zerbirst und das Laub rottet hin im Oktober,
Säfte die heimkehren, ließen die Gerte erschlafft,
Nebel verbirgt, doch der Reim ruft am Ende den Lober,
Zeugnis des Sängers, der alle Erinnerung schafft.

Schwester im Grenzland der Stunde noch ehe es tagte,
Botin des Glücks, aller glücklichen Botschaften bar,
Spätling des Schöpfers, der ernsteren Dingen entsagte,
Kehrst du zurück in die Einheit, die uranfangs war.
 

 

33
 


DAS GOLDENE KORN
So weit wie die Füße dich tragen
Durch Frühtau und Nebel und Sumpf,
Durch siebenmal Leichtsinn und Plagen,
Durch Traumfelder, leuchtend und stumpf,
Mag mancher Verzicht dir behagen,
Doch treibt dich ein schneidender Dorn,
Du magst allen Kronen entsagen,
Doch niemals dem Goldenen Korn.

Du weißt von Begegnung und Scheiden,
Den Wunsch, sich im März zu verfrühn,
Von Herrschaft und Huld, und aus beiden
Den Schmerz, und du könntest dich mühn,
Die Gärten des Gauklers zu meiden,
Die Wahrträume, hell und verworrn,
Der Liebe entfliehn und dem Leiden,
Doch niemals dem Goldenen Korn.

Die Runen des Lichts zu verkehren,
Bist du mit Erleuchtung begabt,
Du kannst alle Süße entbehren,
Daran sich der Schwalbenschwanz labt,
Dem Tier gleich, bewaffnet mit Scheren,
Verleugnen Verheißung von vorn,
Den Göttern das Opfer verwehren,
Doch niemals dem Goldenen Korn.
 

 

34
 
Die gleichmütig wandeln und spinnen,
Vielleicht gibt die Narrheit dich frei,
Wo Dichter und Held nicht gewinnen,
Obsieg deine Unschuld, auch sei
Vergessen, was jene ersinnen,
Ihr Mund ein versiegelter Born,
Du sollst allem Anspruch entrinnen,
Doch niemals dem Goldenen Korn.

Du weißt, daß das sorgsam Gefügte
Einst Schimmel und Fäulnis verfärb,
Der Kreis, der dich pries oder rügte,
Sich schließt auf Gedeih und Verderb,
Doch unter dem Stier, der sie pflügte,
Vernehmen die Kräuter dein Horn,
Das Menschen und Göttern genügte,
Doch niemals dem Goldenen Korn.

Und wenn die Gefährten dich tragen
Durch Traumwälder, morsch und entlaubt,
So traut sich die Sonne nicht fragen
Nach Malen an Gliedern und Haupt,
Dann wird dir zur Krönung der Plagen
Ein Engel in schrecklichem Zorn
Das Herz und die Füße zerschlagen,
Doch niemals das Goldene Korn.
 

 

35
 


SINDBAD
Am Feuer, wo zur Nacht die Karawane
Den Staub vergißt und alle Mühn der Fahrt,
Erhält den Ehrenplatz, wie einst sein Ahne,
Der Dichter, der im prinzlichen Turbane
Die Weite und den Weg daher bewahrt.

Und im Palast des Sultans, wo Fontänen
Geheimnisreich die Marmor-Schalen fülln,
Entlockt der Dichter seinen Hörern Tränen,
Es scheint, als ob im Sande die Hyänen
Sich schütteln und die Herrn der Wüste brülln.

Und er vertraut, im Wort ein sichrer Wähler,
So manchem Ohr im Reim, der ihm behagt,
Was man erzählt von früherem Erzähler,
Der Geistermeere sah und Schlangentäler
Und siebenmal die große Seefahrt wagt.

Er füllt die Fahrten wie verschlungne Ringe
Mit Todeskampf und nackter Schreckenstatt,
Doch zieht er seinen Kopf aus jeder Schlinge,
Weil ihm der Herr der staubgeschaffnen Dinge
Ein hohes Alter zugemessen hat.

Die Inseln, die die Phantasie entzünden,
Bewacht das Meer, das keinem Herrn gehört
Als dem, den Tat und Weisheit nicht ergründen,
Der erstens war, in den die Zeiten münden,
Und dessen Plan nicht Macht noch Zufall stört.
 

 

36
 
Und Inseln gibt es, überhäuft mit Mären
Und Schrecken, die die Lauscher nie erfahrn,
Und ließe man den Dichter ewig währen,
Er könnte doch von dem, was sie gebären
An Träumen, höchstens Splitter offenbarn.

Die erste Insel, reich an Grün und Früchten,
Erweist sich als ein schlafversunkner Wal,
Und wer, gewarnt von seltsamen Gerüchten,
Dem Augenschein vertraut, muß hilflos flüchten
Ins Spiel der See und in die nächste Qual.

Was lebt, weiß nichts von seiner Todesstunde,
Und offen scheint, wann uns der Dunkle würgt,
Wir plagen uns und gehen doch zugrunde,
Und dennoch rührt uns jede Rettungskunde,
Weil sie die Rettung überhaupt verbürgt.

Geringe Dinge, die man sonst nicht achtet,
Sind ausersehn zu Wundern in der Not,
Und während die Gefährten Flut umnachtet,
In einem Zuber sich zu halten trachtet
Der Held und schaut ein Land im Morgenrot.

Es ist die Insel, wo in Neumondnächten
Der Seehengst deckt die Stuten des Mihrdschan,
Und wer das Stirnmal trägt des Gottgerechten,
Sorgt wohl, daß Diener ihn zum König brächten,
Und Ende fand die Fahrt aus Schmerz und Wahn.
 

 

37
 
Wer heimgekehrt ist, lobt sich Weib und Frieden,
Doch allzulang hat, wer die Sehnsucht kennt,
Zum Frommen oder Fluch sich nie beschieden,
Und wer ihn antrifft, sieht ihn Pläne schmieden,
Solang die Jugend in den Adern brennt.

Der Weise wird die Unvernunft nicht richten,
Die seinen Traum mit Atem füllt und Blut,
Und was sich klärt in dauernden Gesichten,
War Hochmut gegenüber Recht und Pflichten,
War ausgeschlagner Rat und Übermut.

Die Inseln sind Prinzessinnen, die schlafen,
Verwunschne Herzen, zärtlich und verträumt,
Und wer zu lauschen wagt im fremden Hafen
Den Liedern, wenn die Wogen Klippen trafen,
Hat bald im Schlaf das eigne Schiff versäumt.

So ist bestimmt auch dieser zweiten Reise
Verwegeneres als die Fahrt zu Schiff,
Und wer das Ei des Rock fand, kennt die Weise,
In seinem Fang durch eine Himmelsschneise
Zu schweben an ein fern gelegnes Riff.

Was später folgt bei palmbaumlangen Schlangen,
Bei Menschefressern, Affen, Ghulen, Dschinn,
Die Todesfurcht, in einer Gruft gefangen,
Und wie es ihm im Paradies ergangen,
Das stehe für die nächste Nacht dahin.
 

 

38
 
Auch sei verhehlt, was er an Öl und Sandel
Auf Irrfahrt bis ans Grab des Salomo,
Rubinen, Perlen, Aloe und Mandel
Errang und noch vermehrte durch den Handel,
Steht doch im Ost der helle Morgen loh.

Die Karawane wird den Rastplatz räumen,
Der Sultan wird noch ein paar Stunden ruhn,
Allein der Dichter hat nichts zu versäumen,
Er wird in jeder Lage weiterträumen,
Denn Traum ist all sein Leiden und sein Tun.
 

 

39
 


SIRENEN
Sänger, vom Nachtaug des Eros genährt,
Lenzmonden, groß, daß das Ohr euch vernimmt,
Wem, euch zu frommen, als Gnade gewährt,
War eurer Huld schon im Anfang bestimmt.

Andere greifen zu Ketten und Wachs,
Doch wen die Schwinge der Seligkeit traf,
Stürzt in den Pontus zu Flunder und Lachs,
Kühlung begehrend und köstlichen Schlaf.

Spürst du den Schoß, der dein Tagwerk verlacht,
Ist es Erfüllung, Versuchung, Gericht?
Götter der Jugend, vor ältester Macht
Kampflos zu weichen, verleibt ihr euch nicht.

Sing, auf den Pythischen ist kein Verlaß,
Aber besteh, sei es fruchtlos und kurz,
Bannst du den Doppelstern Liebe und Haß,
Bist du der Gott im Gesang vor dem Sturz.

Stifte das Maß, wo Bedingung und Schmerz
Früchte der Freiheit im goldnen Gehäus,
Weite zum All, das nun einstürzt, das Herz,
Frei und bedingt wie der stygische Zeus.
 

 

40
 


INSEL-SONETTE
I

Im Schoß der Gaia träumt der Ring der Schlange
Allein sich selbst und hat im eignen Lichte
Maß und Genügen, und die Schwergewichte
Sind Eigenheit und wundersam im Schwange.

Nach ihrer Welle Gang und Atem richte,
Leg an der Tiefe Pulsen Ohr und Wange,
Und spür die Zartheit, die im Schwanensange
Erst wiederkehrt am Ende der Geschichte.

Die Muschel rüstet reinsten Glanz im Zwange,
Und daß ihr Schmerz vor ihren Feinden prange,
Entroll zum Sturm die ungetrübte Dichte,

Tief wissend, was du tust im Lebensdrange
Der Holden, der im Schmerzlichen so lange
Gewahr, daß einst ein Schrei die Insel sichte.
 

 

41
 


II

Noch lockt das Licht die silberne Spirale,
Noch hegt der Knabe, goldverbrämt am Bronnen,
Was er vielleicht in einem Scherz begonnen,
Und lauscht verträumt auf den Gesang der Wale.

Sein Sinn, vertraut mit ungezählten Sonnen,
Labt Hirt und Herde, stiftet Rituale
Und glänzt, benetzt von seinem eignen Strahle,
In Farben, aus dem reinen Weiß gewonnen.

Er, der die Huldin lockt und dessen schmale
Behende Hüfte sie zum neunten Male
Bezwingt, vom Rot des Frühtags eingesponnen,

Mischt unserm Durst in einer Wasserschale
Die schlichte Trunkenheit und die sakrale,
Geschwister, aus dem Schlangenblut geronnen.
 

 

42
 


III

So wie das Blau sich rein und offen breitet
Und leugnet, was das Meer des Adlers leide,
Empfängt das Floß Apolls im Prunk der Kreide
Saturn, der auf der höchsten Woge reitet.

Der Schmerz der Tiefen trägt das Goldgeschmeide,
Doch tiefrer Schmerz hat Götter hergeleitet,
Die im Geloh, das allen Traum entzeitet,
Das Vlies verbrannten und den Stab der Eide.

Nicht wie der Schnitter durch Getreide schreitet,
Nicht wie das Wasser dem Gefäß entgleitet,
Das keinen weiß, der ihm die Freiheit neide,

Sie sanken, wo ihr Reich, zum Ring geweitet,
Den Traum der Tiefe und die Flut bestreitet,
Ins Mal der Wunden und verschlossen beide.
 

 

43
 


IV

Es ist ein Trug, doch für den Gott ein lichter,
Daß uns das Glück im Herbstgewand erscheine,
Es gibt so viele Inseln, doch die eine
Ist ganz aus Glück und frommt allein dem Dichter.

Er spielt mit Muscheln und er reiht die Steine
Zu Rätseln, die die Ordnung der Verzichter
Durchkreuzen, denn es glaubt der Steine-Schichter
Allein der Wahrheit, die sich sagt im Weine.

Wohl möglich, daß insektengleiche Richter
Nicht sondern Harm und kindliche Gesichter
Und jeder Adel hinsinkt ins Gemeine,

Doch taugt die gottgewollte Form zum Schlichter,
Bis Bilderflut den Traum zum Selbstvernichter
Bestimmt und sich die Schlange regt im Schreine.
 

 

44
 


V

Leg dein Gesicht in Dämmerlicht und Schweigen
Und roll dich wie das Meer die Erdenklöße,
Daß dich der Wind aus der Erfahrung flöße,
Undines Schwestern Herbst und Abschied geigen.

Nicht wird der Stier des Zeus von deiner Blöße
Erfahrn, kein Faun sich noch im Laubicht zeigen,
Der Baum des Lebens überdacht mit Feigen
Dein Herz und wiegt sich im Gewicht der Stöße.

Erst wenn dein Odem schwelgt im Insel-Reigen,
Wird sich im Ring der Irminschlange zeigen
Die Seherin in ihrer wahren Größe,

Wird sich, dem Licht für einen Traum zu eigen,
Noch einmal ins Gesprüh der Flut versteigen,
Bevor sie heimkehrt in den Schoß der Schöße.
 

 

45
 


ZWILLING
Wie sind sie doch seltsam verschieden,
Der Arm, der den Heerführer grüßt,
Und der, der im Krieg und im Frieden
Der Huldin den Schlummer versüßt,
Das Gold wird der erste erreichen,
Der andre ist selber ein Zeichen.

Das Bein, das du leicht und gelassen
Als Kreuz oder Waagbalken hältst,
Mag in deine Fußspur nicht passen,
Du gibst ihm die Schwebe und stellst,
Daß dauernd das Kunststück gelinge,
Den anderen Fuß in die Schlinge.

Ob mancher dir Stolz oder Jammer
Als Tagesgefährten bestimmt,
Dein Herz hat die andere Kammer
So offen wie jene, die nimmt,
Und strömt aus dem Schatten das Helle,
Gedenkst du der doppelten Schwelle.

Die Augen einander entschulden,
Und wer deine Nähe nicht flieht,
Wird andre Gefährten nicht dulden,
Er neigt sich dem Spiegel und sieht
Nur Sonne im Dunkel des Weines
Und von deinen Augen nur eines.
 

 

46
 


MEERESFAHRT
Die Säulen des Herakles schwinden
Im Sog der verschweigenden Flut,
Die Augen des Spähers erblinden
Im Glast, der sich tanzend vertut,
Doch wo, übergangen von Winden,
Das Schiff im Gestaltlosen ruht,
Wird sich das Vergessenste finden,
Wenn Wasser sich wandelt in Blut.

Wo Segel wie welkende Brüste
Verdorren im Zeiten-Geschleich,
Geht auch das Gedächtnis zur Rüste,
Und Schwermut umspielt den Vergleich,
Der Krieger, geschlagen, wer wüßte,
Ob nicht auf den Lippen so bleich
Der Traum von der Elfenbeinküste
Ein Zwilling des Traumes vom Reich?

Die Taube, Symbol der Gerechten,
Verschwistert sich niemals dem Ring,
Und wer sich gemeinmacht mit Knechten,
Im Wunsch nach Erlösung verfing,
Wird niemals das Scheitern verfechten,
Das Schwert, das am Erlenast hing,
Und opfert den blutlosen Mächten
Den Trank und die Weisheit des Thing.
 

 

47
 
Das Reich, das die Heiteren meinen,
Der Traum, der den traumlosen Kreis
Durchströmt und nichts freigibt von seinen
Figuren in Dunkel und Weiß,
Verlor in den heiligen Hainen
Die Schlüssel zu Opfer und Preis,
Doch spricht er aus Sternen und Steinen
Den Herbst und die Fluten des Mais.

Wer, Freiheit vor ihm zu gewinnen,
Den Atem des Drachen bemüht,
Verliert, was ihn hertrieb, da innen
Die Rose des Gauklers verblüht,
Und wird, was ihm wohlwill, zu minnen,
Dem Blendwerk im salzigen Süd
Entfliehn und die Heimkunft ersinnen,
Das Licht, das am Nordhimmel glüht.

Die Säulen des Herakles schwinden
Im Sog der verschweigenden Flut,
Sie mögen der Erde entbinden,
Doch niemals dem prinzlichen Mut,
Er wird unterm Lied, das den Linden
Einst galt auf der Vorväter Gut,
Die Insel der Seligen finden,
Wenn Wasser sich wandelt in Blut.
 

 

48
 


SALOMONISCH
Wie Dunkel dem Tag
Folgt Leiden dem Glück,
Was Weisheit vermag,
Nimmt Torheit zurück,
Die Nacht, die zerrinnt,
Erneuert sich bald,
Und über den Wind
Hat niemand Gewalt.

Was Einsicht vermehrt,
Macht Dünkel zunicht,
Und was man begehrt,
Der Zugriff zerbricht,
Zu Same und Schoß
Ist mancher bestallt,
Doch über das Los
Hat niemand Gewalt.

Wer strebend sich müht,
Tut nie sich genug,
Was vorjahrs gebührt,
Verdunkelt der Pflug,
In Friede und Streit
Vertauscht sich, was galt,
Und über die Zeit
Hat niemand Gewalt.
 

 

49
 
Im Wechsel der Welt
Bleibt immerfort gleich,
Was schmerzt und gefällt,
Im sonnigen Reich
Hat Frohsinn und Not,
Wer jung ist und alt,
Doch über den Tod
Hat niemand Gewalt.

Wer rastet, wer rennt
Und wer allen Sinn
Als nichtig erkennt,
Hat keinen Gewinn,
Vergessen wird sein
Die Form, der Gehalt,
Und über das Nein
Hat niemand Gewalt.

Und was auch der Geist
Erhob zum Gesetz,
Der Spinne zerreißt
Ein Zufall das Netz,
So sorgsam sie spinnt
Um Mauer und Spalt,
Denn über den Wind
Hat niemand Gewalt.
 

 

50
 


DIE FROHE INSEL
Ist die Insel froh zu nennen,
Wo der Edle, fern dem Ruhm,
Daß die Ritter ihn nicht kennen,
Pflegt geheimes Königtum?

Doch der Minnemacht-beseelte,
Den kein andrer Bronnen stillt,
Sagt im Namen, daß er fehlte,
Mit der Königin im Schild.

Seine Herrlichkeit zu mehren,
Rief der König zum Turnier,
Kann das Reich die Stolzen ehren,
Dient der Stolze ihm zur Zier.

Sammelt er zur Tafelrunde,
Was die Zeit an Adel bot,
Bürgt das Leuchten einer Stunde
Für ein langes Abendrot.

Auch den Kühnsten eingemeinden,
Kann der Hof durch weisen Rat,
Doch zuletzt wird sich verfeinden,
Wer nicht Gunst schätzt, sondern Tat.

Und gehüllt in süßes Wissen,
Spürt der Held im Meeresblau,
Daß die Streiter ihn vermissen
Wie sein Herz die holde Frau.
 

 

51
 
Seine Insel hält die Waage
Hohem Traum und strenger Pflicht,
Und wer Zeit hat, schätzt die Lage
Zwischen Anspruch und Verzicht.

Namenlos in ungestümen
Wogen, eins mit Fels und Stein:
Welche Minne kann sich rühmen,
Solcher Opfer wert zu sein?

Doch die Fahrenden umwerben
Einen Ruf, der sich erneut,
Wenn die Kampfentschloßnen sterben
Unterm Schwert, das Milde scheut.

Wie das Rot der Hagebutte
Hell im Grün der Wälder brennt,
So verwirft die Dulderkutte,
Was sein Auge liebt und kennt.

Wer wie er zum Streit erkoren,
Dem vertraut der tiefre Blick
Treue nicht, die er geschworen,
Doch die Treue dem Geschick.
 

 

52
 


LYONESSE
Traum aus Buchs und Azaleen,
Lilienschwert und blauer Flachs,
Wo die Meereswinde wehn,
Sank ein Land wie weiches Wachs,
Trevilian beschrieb die Flut,
Daß kein Künftiger vergeß,
Wie am Meeresgrunde ruht
Lion bleau von Lyonesse.

Tristan kam von diesem Riff,
Das versank im Brodelschaum,
Keine Brise und kein Schiff
Führt ihn heim in seinen Traum,
Wer die Heimat nicht mehr kennt,
Fällt in Trauer und Tristesse
Und der Tod ist konsequent
Für den Helden Lyonesse.

Ob Isolde ihm die See,
Herrisch und an Wundern prall,
Er begehrt das höchste Weh
Und er sucht nach Schmach und Fall,
Hof und Schranzen narrt der Trank,
Doch dem Trinker bleibt Noblesse,
Denn für ihn ist alles krank,
Was ihn trennt von Lyonesse.
 

 

53
 
Wo die Muscheln sich am Herd,
Lachs und Flunder gütlich tun,
Wo dem First das Licht verwehrt,
Fuchs und Has beisammen ruhn,
Wo die Orgel nicht mehr schallt
Und uns ruft zu Heiles Meß,
Dort ist grad so jung wie alt
Tristans Eiland Lyonesse.

Wer bewahrt der Katastroph,
Ist im Herzen ganz zunicht,
Und am ruhmbedachten Hof
Schweigt er meistens oder spricht:
Schein ist diese Tafelrund
Und der Hirsch, den ich hier eß,
Denn ich lieg am Meeresgrund
In der Heimat Lyonesse.

Tod spricht Blust und Reifezeit,
Tod die Liebe fliederfarb,
Wer gestorben, meidet Streit
Und gefeit ist, wer verstarb,
Wem verlorn die Sonnenwelt,
Ist das Atmen schon Exzeß,
Ohne Klang die Glocke schellt
In die Riche Lyonesse.
 

 

54
 


AVALON
Nebel rings und nur ein Wort,
Sagenkreis in Traumes Haft,
Keiner reist nach diesem Ort,
Nichts die heilge Barke schafft.

Nach der Zeit der Questen fiel
Uns ein Schleier auf des Meer,
Von der Sehnsucht höchstem Ziel
Bringst du nicht ein Steinchen her.

Ists, daß uns zu fest der Schritt
Und zu grob die Hand, die faßt?
Die Legende spielt nicht mit
Im Gedräng der großen Hast.

Doch mag sein, was heute quält,
Fällt, daß nichts mehr spricht davon,
Dann wird fahren, wer erwählt,
Wieder auch nach Avalon.
 

 

55
 


HELIKE
Stolzeste Stadt im Archaischen Bund,
Trifft dich in blühender Schöne der Schlag
Beben zerstört die Gemäuer, der Grund
Sinkt, daß das Meer sich den Rest nehmen mag.

War dir Poseidon Patron und Garant
Für die Gewinne in Handel und Krieg,
Hat er die Tochter als Schlächter berannt,
Heim sie befehlend ins Mythen-Gewieg.

Hunderte Jahre noch schaut man vom Schiff
Klar durch das Wasser Ruine und Schneis,
Ehe der Mensch nach der Weltkrone griff,
Stören den Himmlischen jäh unsern Kreis.

Daß sich der Weltlauf im Schrecken erfüll,
Weiß dein Geschatt wie ein Saurierskelett,
Wie von Atlantis so kündet der Müll,
Davon daß Zeit unsere Träume nicht rett.

Platon, der endliche Ringe beschwor -
Hat ihn dein Schicksal zum Gleichnis bewegt,
Das unserm Sinn ins Zuerst und Zuvor
Jegliches Gold der Titanenzeit hegt?

Ob dies so sei, wird entschieden nicht mehr,
Aber den Dichter, den solches Los rührt,
Hast du, Erwählte, Geschlagene, schwer,
Mitten ins Zentrum des Traumes geführt.
 

 

56
 


MEROPIS
Kaum ward zur Schrift die Sage der Atlanter,
Schon grüßten Häme, Spott und Parodie,
Und mancher gab sich aus als ein Verwandter
Und sorgte, daß man rings vor Lachen schrie.

So gab uns Theopomp von Chios Kunde
Vom Eiland, das Meropis ward genannt,
Geteilt in Fromme und in Kettenhunde,
Die waffennärrisch ziehn durch jedes Land.

Das Glück ist ihnen Schmach und ganz verächtlich,
Sie rücken ab, wenn Widerstand nicht lohnt,
Am Rande wohnt Anostos mitternächtlich,
Drauf roter Dunst mit aller Trübnis thront.

Der Autor hofft nicht, daß der Leser glaube,
Und wählerisch sei bei Mixtur und Kost,
Ihm ist am wohlsten in der Narrenhaube,
Und starke Weine zieht er vor dem Most.

So soll uns auch die Kritelei nicht schmerzen,
Begrenzt ist doch das Reich von Schmäh und Fluch,
Die Sage von Atlantis geht zu Herzen,
Jedoch Meropis bleibt allein ein Buch.
 

 

57
 


PANCHAIA
Atlantis schuf den Dichtern ein Metier,
Das später als Utopia ward bekannt,
Ein Reich, das fern von den Historien steh,
Und aller Träumer Recht und Unterpfand.

Euhemeros kreuzte durch das Rote Meer
Gen Idia unter des Passats Befehl,
Arabien schien im glücklich, höchste Ehr
Erwies er Okeanos' Archipel.

Dort soll Panchaia fern von Dekadenz
Das Volk vereinen im Gemeinschaftsglück,
Das Streben nach Gewinn, kein Bürger kennts,
Was man erhält, gibt man vermehrt zurück.

Das Eigentum, das Hader schafft und Zwist,
Ist dort gemein, im Tempel sagt die Schrift,
Daß göttlich nur des Menschen Dienen ist,
Und daß man rings auf künftge Götter trifft.

So mancher hält dies für der Weisheit Kern,
Doch ist dies Kindsglück nur gemacht für den,
Dem alle Sehnsucht und die Schöpfung fern,
Und der bereit ist, sich im Kreis zu drehn.

Wer mehr verlangt, erfährt schon bald, daß Gott
Nicht nur erhält und Gleichklang will im All,
Nicht wächst die Welt im Dämmer und im Trott,
Sie lebt im Streit und sucht Triumph und Fall.
 

 

58
 


PUNT
Myrrhe, Gold, Weihrauchberg,
Pilgersold, Götterwerk,
Zedernwald, Sonnenmund,
Alt, uralt, Punt.

Dynastien zogen aus,
Hathor schien hier zuhaus.
Reichstem Jahr Scheitelstund,
Hochaltar Punt.

Lange gut Seth und Hor,
Geb und Nut täglich schor
Sich, wer rein front dem Bund,
Dem gemein Punt.

Wüstensand und erschöpft,
Unverstand Götter köpft,
Weisheit starb Stier und Hund,
Da verdarb Punt.
 

 

59
 


OPHIR
So wie Schliemann Troja glaubte,
Als man frühes Wort gering
Schätzte und an Kränen schraubte,
Daß man den Olymp bezwing,
War es manchem Forscher lieber
Seiner Bibel zu vertraun,
Als Tiberius in den Tiber
Und die Schrift hineinzuhaun.

Dorten steht an mancher Stelle,
Daß einst Hierams Schiffe froh
Ausfuhren nach der Sonnenhelle,
Schaffend Gold für Salomo,
Und das Land, wo solche Funde
Leicht und unermeßlich schier,
Führt das Königsbuch im Munde
Mit dem Namenszug Ophir.

Auf den Seglerkarten fehlend,
Ward vermutet Ost und West,
Kurs und Reisezeit verhehlend,
Legt sich der Chronist nicht fest,
Und die Gier nach Gold erweckte
Manchen Wahn und manchen Mord,
Trieb aufs Meer die buntgescheckte
Menge nach dem Mären-Port.
 

 

60
 
Zwischen Träumern und Phantasten
Spricht wohl für Rhodesien viel,
Schon Ägyptens Priesterkasten
Schickten aus nach diesem Ziel,
Durch das Rote Meer am Saume
Afrikas entlang nach Süd,
Hat schon früh dem Goldlandtraume
Aller Sonnenglanz geglüht.

Freilich hat am Gold der Tempel
Vorrecht, wo die Seele trinkt,
Unerfunden war der Krempel,
Der nach seinen Eignern stinkt,
Rein war Gold, was Frevlerhände
Fleckten, floh das Joch der Zeit,
Daß der Teufelsspuk verende,
Bleibt der Weg nach Ophir weit.

War es einst den Wirklichkeiten
Feil und hold und offenbar,
Wird kein Wind den Segler leiten,
Ist die Welt der Ehrfurcht bar,
Gott kann jeden Schatz verschenken
Vom Zenit bis zum Nadir,
Er erwählt und weiß zu lenken
In das goldne Land Ophir.
 

 

61
 


XANADU
Coleridge schrieb Kublai Khan,
Ein Gedicht in großer Hast,
Das im Traum ihm kundgetan,
Alph, der Strom, trägt den Palast.
Aber ein Besucher stört,
Schlägt das Buch des Hypnos zu,
Also floh uns unerhört,
Was sich sagt von Xanadu.

Auf der Grotte, ganz von Eis,
Hob sich Glanz, der zart und licht,
Aber was der Träumer weiß,
Faßt zuletzt die Feder nicht.
Wo er sich dem Leben beugt,
Flieht der Angelos im Nu,
Also bleibt uns unbezeugt,
Das Geschehn in Xanadu.

Verse, sagt man, tragen dich.
Gib dich hin dem Wellenspiel!
Doch der Puls der Quelle wich,
Und verrät nicht Weg und Ziel.
Wo die Flut der Woge weicht,
Zeigt sich nur die Grabesruh,
Nur für einen Atem reicht
Jeder Weg nach Xanadu.
 

 

62
 
Mancher suchte das Gespinst
Fortzuknüpfen mit Geduld,
Doch daß du den Ort gewinnst,
Brauchts des Todes Bruderhuld,
Die dich zwar zuzeiten neckt
Als dein Lieb, mir dir auf du,
Doch der Tag weiß unbefleckt
Unsern Traum von Xanadu.

Niedre Geister nehmen frech
Dieses Wort als Siegelring,
Doch wissen selbst vom Pech,
Daß ihr Kranz ein leeres Ding.
Ihre Glimmer-Schwinge stutzt
Sonne, und der Staub am Schuh
Sagt: es bleibe unvernutzt
Alles Gold aus Xandadu.

Alter kommen, Alter gehn,
Täuschungen verweht der Wind,
Doch im Wechsel bleibt bestehn,
Daß wir tief gebunden sind.
Bis zum Schluß der Zeiten gilt,
Daß der Mensch geblendet tu,
Und die Sehnsucht ungestillt
Rufe an als Xanadu.
 

 

63
 


KRAKATAU
In der Tiefe, die uns fremd,
Drübers Meer die Sande schwemmt,
Brodelt Glut und ballt sich Druck,
Der beschämt das Blitzgezuck.

Wo du traust dem Sonnengold,
Magma west und sinnt und gollt,
Bis zuletzt die Kruste kracht
Und das Maß der Welt verlacht.

Als der Krakatau zerstob,
Einen Pilz von Bims erhob,
Losch die Sonne, staubgeschwärzt,
Und der Tag schien ausgemerzt.

Meer floß in den Kraterfall,
Abgewehrt mit lautstem Knall.
Eine Welle wie ein Turm
Schlang die Küsten weit im Sturm.

Erstmals sprach in Ost und West
So der Elemente Fest,
Ungeschlacht und urtagsroh,
Daß der Mensch der Maulwurfsfloh.

Wo verlosch der Eiland-Sporn,
Wächst uns neu der Feuerzorn,
Und der Tag ist ausgemacht,
Wo er ruft die Weltennacht.
 

 

64
 


TONGATAPU
Als James Cook nach Tonga kam,
Fand er ungewohnte Scham,
Denn der Landeskinder keins
Freute sich des Sonnenscheins,
Niemand setzte sich ins Gras
Oder von den Früchten aß.
Warum langt ihr denn nicht zu? –
Diese Insel ist tabu.

Unbegründbar das Gebot,
Was dem Bannverletzer droht,
Spricht nicht aus, wer eingeborn,
Und auf lauter taube Ohrn,
Trifft, wer fragt und prüfen will.
Was Gemeingut bleibt und still,
Weigert sich dem Licht des Worts
Und benamt das Heil des Orts.

Was uns Cook ins Abendland,
Brachte, ist meist unbekannt,
Doch das Wort, das er gehört,
Hat Europa tief verstört,
Denn man sah auch unser Tun
Tief auf Denkverboten ruhn,
Also ward die dunkle Kraft
Hauptwort uns und Eigenschaft.
 

 

65
 
Der Vernunft ein Geist-Advent,
Aufgeklärt die Zeit sich nennt,
Und Tabus endeckt man jetzt,
Der Franzos den Degen wetzt,
Was da mittelalter-alt,
Trifft der Spott in manch Gestalt,
Was dem Wohlsinn nicht mehr taugt,
Wurde lang genug geglaubt.

Und bei Schriften bleibt es nicht.
Thron und Kirche vors Gericht!
Auch die Königin, geköpft,
Nicht die Rebellion erschöpft.
Übern Rhein die Fahne zieht,
Manches Heer geschlagen flieht,
Überall wird aufgeräumt,
Auch das Reich zu End geträumt.

Doch der Geist ist Sehnsucht stets,
Wie hinauf hinunter gehts,
Die Romantik nun begehrt,
Was man grade abgeklärt,
Und es kommt in Mode bald,
Die Vernunft sei öd und kalt,
Heim zu Krypta, Schrein und Truh,
Heißts, es kehr uns das Tabu.

Seither nennen schwarz und rot
Stets den andern Schmerz und Not,
Ob der Wandel Freiheit schenk,
Oder Gott seit alters lenk,
 

 

66
 
Weihn sich Waffe, Kunst und Recht
Offnem und Geheim-Gefecht,
Und der Riß durch Welt und Wind
Geht durch jedes Menschenkind.

Jed Tabu – ob ich es stürz?
Mit dem Unbekannten würz
Meine Speis, mein Hoffen wirr?
Ob nicht Gott gar selber irr?
Tausendfältig klopft die Frag
In die Nacht und in den Tag,
Und ein Stern ist nicht zu schaun
Zwischen Zweifel und Vertraun.

Also spricht der Dichter leis,
Daß er nicht den Ausweg weiß,
Denn die Frucht von Edens Baum,
Hat gemacht uns Zeit und Raum,
Also prüf dein Herz im Kern,
Ob du nahseist oder fern,
Ob der Schleier Heil und Glück
Oder dir das Licht zerdrück.
 

 

67
 


PAGAN
Doppelsporn im Marianenbogen,
Schmaler Isthmus zwischen Grün und Golln,
Zwergenerde, wo Poseidons Wogen
Kaum genarbt durch Auf- und Abgang rolln.

Heideninsel heißt du unbestritten,
Weil nicht Pflug und Kirche dir Gestalt,
Nicht die Mühn erwerben dich, die Sitten,
Und Geschichte macht dein Herz nicht alt.

Daß der Fritz das Urgestein erwandre,
Grüßte einst die Flagge schwarz weiß rot,
Ähnlich, wie in spätrer Zeit die andre,
Die dem Mond bezeugte Nacht und Tod.

Narren tauschten Telegraph und Weiser,
Meinten Herrn an diesem Port zu sein,
Doch der Queen so wenig wie dem Kaiser,
Fügt sich dieses sperrige Gestein.

Als der Krater wieder einmal fauchte,
Floh der letzte, der zu siedeln froh,
Und seither er keine Mühe brauchte,
Daß er einem Okkupanten droh.

Also falln die letzten Mauerreste,
Jeder Buchstab auf den Schildern blich,
Fegt der Seewind früh dem Sporn die Weste,
Sind die alten Götter unter sich.
 

 

68
 


TUVALU
Splittersammlung winziger Atolle,
Großmut schien, was dich gemacht zum Staat,
Doch die Flut, begehrlich nach der Scholle,
Ätzt mit Salz die hoffnungslose Saat.

Stritt man einst um jeden Untertanen,
Sind nun die Bewohner unbequem,
Steigt das Meer, die Fristen anzumahnen,
Lästig scheints, daß wer die Leute nehm.

Dutzend Ellen trennen vorm Ertrinken,
Doch zur Panik, sagt man, sei kein Grund,
Dreißig Lenze noch bis zum Versinken,
Lieber denk an den Finanzenschwund!

Wer getaktet lebt nach Wahlperioden,
Hält Jahrzehnte für ein taubes Ei,
Wer im Halbjahr sieht das Maß der Moden,
Fordert, daß nur dies gewürdigt sei.
 

 

69
 


THULE
Geheimnis und schillernde Rune,
Was einer erfahr und erhoff
Verbindend als Nordhimmel-Bune,
Geschmeide von mythischen Stoff,
Von Griechen als Weltrand beschrieben,
Von Asgard mit Traumgold betaut,
Ist Thule das Eiland geblieben,
Das rein auf die Polkappe schaut.

Manch Forscher versuchte zu orten
Das Land, das dem Herzen gewiß,
Doch findet kein Segler die Pforten,
Eh Odin den Himmel zerriß,
Es ist nicht auf Karten zu bannen,
Es taugen nicht Kompaß und Stern,
Doch träumst du den Traum der Normannen,
Empfängt es dich willig und gern.

Der Volksglaube reimte beständig
Die reinere Luft und den Strand,
Hier blieb eine Hoffnung lebendig
Und wahrhaft ein gotisches Land,
Man sagte in Liedern und Mären,
Dem Hohen, das manchmal uns streift,
Wollt Gott eine Heimat gewähren,
Die wahrt, was das Festland zerschleift.
 

 

70
 
Es wird die Magie dir nicht frommen,
Kein Mond, keine Schlange, kein Kraut,
Du wirst nicht ins Thuleland kommen,
Eh du es nicht selber erbaut,
Es hilft dir kein Flügel, kein Wagen,
Selbst Oluf, der göttliche Schmied,
Durft einzig die Hufe beschlagen
Der Mähre, die nordhinnen zieht.

Dein Teil ists, den Traum zu besingen,
Der leuchtet als namloser Stein,
Wenn orphische Hymnen gelingen,
Läßt Midgard den Fahrenden ein,
Dann wird sie verwunschen zum Skalden
Und raunt, was Germania genannt,
Und wenn sich die Wogen bewalden,
Schaust du das verheißene Land.
 

 

71
 


GOTENHAFEN
Wir schreiten in der Abendsonne
Und schweigen, wo kein Vogel klagt,
Wir spüren eine Marschkolonne
Von Geistern, die kein Tag verjagt.

Die Form und die Magie der Mole
Zwingt uns zum Takt in Puls und Fuß,
Dies ist kein Rausch vom Alkohole,
Es ist, als kläng der deutsche Gruß.

Wir sprechen später erst darüber,
Doch geht uns gleiches durchs Gemüt,
Der Dämmer wird kein bißchen trüber,
Ehr schärfer alles zackt und glüht.

Ein Wall, da kraxeln wir ins Hohe,
Ein Warnschild ruft nach einem Reim,
Dann dämpft die wagerechte Lohe
Ein Waldstück lind, als seis daheim.

Wir stelln den Rucksack ab und sitzen
Beim Vesper bald mit Käs und Brot,
Wo nur vereinzelt Strahlen blitzen,
Der Frieden scheint mit uns im Boot.

Doch während wir nicht mehr versäumen,
Was Gaumen und dem Magen gut,
Muß doch ein Auge weiterträumen
Und fragen, was wozu wohl gut.
 

 

72
 
Wie eine Schrift gegrabner Zeichen,
Erst hie und da und dann ein Netz!
Wer tats? Was wollte er erreichen?
Wo löst sich das Geheimgesetz?

Zu flach, daß Schützen sich verschanzen,
Doch mags dem Nachschub Hilfe sein,
Das Grabenwerk, vereint zum ganzen,
Lädt uns auf einen Hügel ein.

Der protzt mit unverhofftem Lohne,
Ein Bunker steil und fast sakral,
Die Stellung mit der Flak-Kanone,
Die phallisch zeigt des Reichs Fanal.

Die Symmetrie erscheint vollendet,
Aufzüge rechts und links versehn
Den Schützen, der das Unheil wendet,
Mit Sprengkraft, unbesiegt zu stehn.

Dies alles wirkt wie grad verlassen,
Allein die Spinne zeigt uns an,
Daß, um vor Bombern nicht zu passen,
Die Haltbarkeit den Preis gewann.

Wir schaun aus jeder Perspektive
Das Meisterwerk des Willens an,
Als ob der Herr der Feste schliefe,
Bis er den rechten Tag gewann.

Detail und Konzeption versprechen,
Daß sich der Streiter nie ergibt,
 

 

73
 
Es mußten erst die Augen brechen,
Eh niemand die Granaten schiebt.

War dieser Wald ein Meer von Flammen?
In fünfzig Jahrn vergißt das Grün,
Wir reimen uns den Schluß zusammen
Und sehen selbst den Aufzug glühn.

Doch heller noch das Aug des Jungen,
Der mitten ins Geschwader schaut,
Und der im Herzen unbezwungen,
Dem Arm und seinem Rohre traut.

Dann aber schlägt ein Bombensplitter
Von hinten durch der Wirbel Band,
Und während blitzt das Stahlgewitter,
Liegt noch am Rohr die schmale Hand.

Wir finden, ist erst eins gefunden,
Noch manches Rohr in diesem Kreis,
Dann sagt ein Zaun uns unumwunden,
Wir seien ziemlich naseweis.

Nun ja, im jetzigen Regime
Im Zaun ein Loch ist niemals weit,
Wir meinen, daß der Weg uns zieme,
Und danken für die gute Zeit.

Doch wenig durchs Gehölz gebrochen,
Wir eine Panzerstraße sehn,
Nun freilich ist genug gekrochen,
So kann man besser weitergehn.
 

 

74
 
Quartiere stehn da bald in Reihe.
Dies war doch nicht der rechte Weg!
Da kommen der Soldaten zweie,
Weshalb ein Kehrt nun gar nicht geht.

Sie grüßen nicht, doch sie beachten
Uns auch nicht feindlich oder scheu,
Und wie wir nach dem Ausweg trachten,
Kommt schon das Tor – bei meiner Treu!

Nun haben wir zwar schon im Hafen
Am Ausgang lax den Paß gezückt,
Gleichwohl auch Genien müssen schlafen,
Drum selten solches zweimal glückt.

So geht es wiederum ins Grüne,
Bevor es weicht dem kahlen Tuff,
Die roten Leuchten auf der Bühne,
Sie zeigen an, daß hier der Puff.

Ja freilich, wir sind ja in Polen,
Es wird bei Nacht erst richtig hell,
Wo nicht mal Stalin den Katholen
Zu nehmen wagte das Bordell.

Doch dies verdirbt uns nicht die Laune,
Der Hügel hat ein Zwiegesicht,
Das rote hier und dort das braune,
Und wer dies sah, vergißt es nicht.
 

 

75
 


NEUSCHWABENLAND
I

Das deutsche Stück Antarktika
Nicht tote Stürme bloß durchwehn,
Was Gottes Geist am Anfang sah,
Schwebt hier auf über hundert Seen.

Viel Arten Algen netzt der Born,
Von Moos berankt bei neunzehn Grad,
Die Flechte liegt wie immer vorn,
Ihr wärs um diese Nische schad.

Bei Mühlig-Hoffmann im Gebirg
Sturmvögel brüten ungestört,
Und manches Jahr man im Bezirk
Sogar die Buntfuß-Sturmschwalb hört.

Doch unterm Eis, vom Sturm verschont,
Solln noch viel größre Wunder sein,
Wo erdbeheizt viel Wasser wohnt,
Dringt man nur mit dem U-Boot ein.

Es heißt, eh uns der Krieg verschlang,
Bezog ein Fähnlein das Quartier.
Doch sag – entgings dem Untergang,
Daß siebzig Jahre nichts passier?
 

 

76
 
II

Flugscheiben, denen See und Luft
Vielleicht sogar das Weltall feil,
Man baut sie dort, und aus der Gruft
Kommt manchmal hoch so flinkes Teil.

Auch seien Amis, die hier frech
Zu lange Nase reingesteckt,
Beklagend bald ihr großes Pech,
Geflohn, vom Angriff aufgeschreckt.

Vielleicht hat die SS allein
Nicht dieses Schauspiel aufgeführt,
Daß da auch Außerirdsche sein,
Hat mancher Visionär gespürt.

Wurmtunnel sein gewiß am Pol,
Daß fernste Welten man beehrt,
Am Ende ist die Erde hohl,
Nord ein, Süd aus und umgekehrt.

Der Mensch, der fabuliert, beweist,
Das er nicht grast und wiederkäut,
Doch wenn dies ohne Maß passiert,
Dann nenn ichs eine Flucht vorm Heut.

Gar mancher, der für Galaxien
Die Nächte raubt dem Bruder Schlaf,
Bei meiner Frage, wem dies dien,
Nicht ansatzweis ins Schwarze traf.
 

 

77
 
III

Das Kartenwerk des Piri Reis,
Gezeichnet zu Kolumbus' Zeit,
Auffallend viel antarktisch weiß –
Was stand dem Admiral zur Seit?

Uraltes Wissen, Hochkultur,
Als dort das Wetter mild und lind,
Vielleicht sogar Atlantis' Spur,
Ein Glück, draus wir gefallen sind.

So wohl das Ahnenerbe meint,
Doch sag ich drauf zuerst zuletzt,
Solch Ahndung mir entbehrlich scheint,
Wenn Beelzebub das Land besetzt.

Ein Unbekanntes Flugobjekt
Dem Deutschen nicht die Ketten sprengt,
Denn auch in dieser Maske steckt
Der Mob, der unsern Herrn gehenkt.
 

 

78
 


OZ
I

Ballone und dann später Zeppeline
Verhießen, daß die Luft uns werd zur Welle,
Sie fügten Technik an des Teppichs Stelle,
Von dem es hieß, daß Salomo er diene.

So drang das Meer ins Trockene und Helle,
Atlantis ließ die Algen und Delphine,
Und Wüstensand, Gebirges Schneelawine
Verbargen nunmehr die Legendenquelle.

So muß auch Sindbad nicht mehr Segel spannen,
Ein Sturm entführt ins Wunder einen Wagen,
Ein Kind mit einem Hündchen schwebt von dannen.

So mischt sich der Maschinendienst den Sagen,
Und süchtig macht, was Dichter so ersannen,
Daß Tausende bei ihrem Tode klagen.
 

 

79
 
II

Amerika, das Land der Möglichkeiten
Ersann die Politeia kleiner Kinder,
Wo Vogelscheuchen Bestien-Überwinder,
Und Eisenleute sich dem Herzschmerz breiten.

Die Phantasien der flügelleichten Finder
Verniedlichten die Räume und die Zeiten,
Ein Eimer Wasser kann ein Reich bestreiten,
Und nur im Zufall tötet man die Schinder.

Man wird gewahr den Kern in diesem Trotten,
Erfährt man, daß der Autor dieser Fabel
Empfahl, die Indios gänzlich auszurotten.

Setzt der Verwöhnte sich als Weltennabel,
Verwunderts kaum, doch es vergeht das Spotten,
Belehrt uns Kain, es wär ein Glück für Abel.
 

 

80
 
III

Im Rußland Stalins war die Schelm-Geschichte,
Darin ein Gaukler den Gorgonen Meister,
Ein Stoff, dem mathematicus in freister
Bearbeitung gab die gewünschte Dichte.

Die Kraft der Schwachen heißt der Szenen-Kleister,
Und nichts und niemand bremst den Weg zum Lichte,
Das Kainsmal fällt, und daß die Welt zunichte,
Geschah der Sturm der hexenhaften Geister.

Die Kinder wußten wohl, wer diese Schlimmen,
Denn Zwischentöne kennt man hier nicht viele,
In Gingema sieht man Germania glimmen.

Im Märchen sprechen ungebremste Spiele
Im Reinen so wie im verderblich Grimmen,
Doch echte Märchen taugen keinem Ziele.
 

 

81
 
IV

Die Mären, die dem Traum des Volks entsprießen,
Vermissen nicht die Kunst der Ingenieure,
Daß Gegenwart wie Technik hier nur störe,
Empfanden jene, die sie schreiben ließen.

Daß uns der Kern des Menschlichen betöre,
Gilts nicht mit Pulver und mit Blei zu schießen,
Ein Buch auftun heißt sich dem Spuk verschließen,
Der täglich sucht, daß ihm die Welt gehöre.

Drum ist der Schatz der Völker nicht zu mehren,
Wenn Broterwerb die Dichtung neuer Wunder,
Mag sich auch so viel Leserlust verzehren.

Wo Lüge spricht, sie hülfe uns profunder,
Ists forscher, die Wahrhaftigkeit zu ehren
Und Märchenschreiberei der reinste Plunder.
 

 

82
 


FAUST
I

Er ist ein Träumer, aber nicht besessen
Von der Idee, es würd sich alles fügen,
Würd seinem Traum die Macht der Welt genügen,
Und alles, was dagegen spricht, vergessen.

Er weiß von Wahrheit wenig, doch von Lügen
Genug um klug zu sein, sie nicht zu fressen,
Und auch im Traum vergißt er niemals, wessen
Die Gäule sind, die seine Wägen zügen.

Ihm ist die Tat zum Traum nicht Antipode,
Das Doppelantlitz aller Schöpfung inne,
Sieht er im Acker stets die Waldesrode.

Doch auch die Schuld verdirbt ihm nicht die Sinne,
Und der Vergebung dichtet er die Ode,
Den träumerischen Weckruf: Nun beginne!
 

 

83
 
II

Schlafwandlerisch ist alles Überwinden,
Magie, die Medien nicht gesucht und Pole,
Fragt nie, ob Außen oder Ich die Hohle,
Darin die Pfade sich im Kreuze finden.

Was ihm begegnet, wird ihm zum Symbole,
Zur Mächtigkeit, zu lösen und zu binden,
Und er erkennt die Ketten, die uns schinden,
In unsrer Jagd nach ungetrübtem Wohle.

Das Zentrum seines Traums heißt immer Schaffen,
Sein Wille an der Stumpfheit nicht erkaltet,
Und unter Menschen träumt er von Giraffen.

Auch wenn sein Bild im Zeitenwahn veraltet,
Ein Kapitän, den sah man fröhlich paffen –
Wer weiß, in welcher Träumerbrust er waltet.
 

 

84
 
III

Er leugnet nicht, mit Teufeln zu paktieren,
Wie in der Welt nichts sein kann ohne Wider,
Er singt den Kranken nicht Erbauungslieder,
Doch seinen Beistand fürcht nicht zu verlieren.

Er fühlt sich wohl im Panzer, im Gefieder,
Ob Kränze oder Lumpen ihn verzieren,
Er hält es mit den Winden allen vieren,
Und manchmal tarnt ihn, daß er allzubieder.

Der Widerspruch der Welt hat ihn gerufen
Und ihm erschien die Werbung nicht zu schäbig,
Denn er begreift die Prüfungen als Stufen.

Als Bienenstock, der süß und hundertwäbig,
Preist er die vielen, die gewaltig schufen,
Und tuts mal flink und manchmal recht behäbig.
 

 

85
 
IV

Man hat so viel gekräht nach Doktor Fausten,
Daß Kinderscharen rief man zum Appelle,
Die Interpreten taten oft recht helle
Und merkten nicht, wem ihre Worte grausten.

Im Volksbuch wars ein seltener Geselle,
Ein Klotz dann von den gröbsten und den rauhsten,
Wenn Winterstürme arg und böse brausten,
Dann warnte man vom übelsten der Fälle.

Wir alle sind mit Teufeln nicht nur lose
Verbandelt und mit üblen Machenschaften,
Die allgemein im Schloß und in der Gose.

Doch Liebe läßt das Leben uns verkraften,
Und der Hand die unsichtbare Rose
Bleibt unsre Seele nicht am Abgrund haften.
 

 

86
 


DORESTAD
Was wir mit zitternden Händen ins Weltwetter stellen,
Was wir an Häfen, an Städten und Kreuzungen baun,
Dem sind bereit schon die alles zerbrechenden Wellen,
Über der Unterwelt Zorn, den die Augen nicht schaun.

Blüte solange der Rhein sich im Mündungslauf gabelt,
Friesische Gründung in Handwerk und Fernhandel frei,
Aber der Rhein ist es auch und agiert abgenabelt,
Schwenkt seine Arme, daß anders die Flußlandschaft sei.

So wird die Stadt nicht durch Flut und verrottete Deiche
Opfer Poseidons, der jäh und besinnungslos schlägt,
Sie muß verdursten und stirbt als gekettete Schleiche,
Weil das Gewerbe das Abseits der Lage nicht trägt.

Bald schon verfallen Paläste und endlich die Mole,
Krähenvolk kreist, wo die Hunde verenden in Not,
Trolln sich die Seelen, bevor sie der Belzebub hole,
Zieht als Alleinherrscher durch alle Gassen der Tod.
 

 

87
 


RUNGHOLT
Niederholz, das hier nicht häufig,
Brachte dir den Namen her,
Doch der Chronik ist geläufig
Nur dein Schicksal, das das Meer.

Warften, Schleusen und Zisternen,
Eine Pflugspur noch im Schlick,
Die Grassoden zu entfernen,
Reichte wohl ein böser Blick.

Oder warn es Glanz und Schätze?
Wen das Unglück überrollt,
Hört die schadenfrohe Sätze,
Die Vernichtung folge Gold.

Lächerlich die Neider-Sagen,
Doch zu recht man groß dich nennt,
Weil du mit beladnem Wagen
Stehst am Tor vom Zeitenend.

Andre, die den Boden laugen
Und als Schattenlose gehn,
Machen endlich große Augen,
Wenn sie vor dem Richter stehn.
 

 

88
 


EYDUM
Eydum, sag mir, was verdroß
Deinen Genius Westerland,
So, daß er die Chronik schloß
Und zerschnitt das Himmelsband?

In der Nacht von Allerseel
Kam die Flut und trieb das Volk
Auf die Geest, als ob sich Hel
Borgte die Gewitterwolk.

Abschied, sag -- für immer? trifft,
Was das Meer gefressen hat,
Muscheln, Seestern, Quallengift
Ewig an der Menschen Statt?

Manchen Tag der Flut entragt
Noch der Kirchturm, barmt und wacht,
Bis auch er der Zeit entsagt
Und zerfällt in stiller Nacht.
 

 

89
 


ORPLID
Dem Gedenken Eduard Mörikes

Weylas Kind, das leuchtet fern,
Sonnenstrand und Wandelstern,
Dem wir folgen durch die Zeit,
Immerfort zur Fahrt bereit.

Wo der Schwab behäbig schmaust,
Eine fremde Unruh haust,
Nicht mit Lärm und Unverstand,
Doch sie weiß von einem Land.

Ist es nichts als Litratur,
Oder ist der Mann Augur,
Der Gedichte sorgsam spricht
Und die Freiheit zeigt der Pflicht?

Jungfraun lieben Poesie,
Aber ernst ist solches nie,
Gleichwohl vor des Doktors Red
Bleibt es still wie beim Gebet.

Griechisch sind das Licht, das Meer,
Aber deutsch die Sehnsucht brennt,
Darum ist begnadet, wer
Weylas Lied von Orplid kennt.
 

 

90
 


RAMSEE
Andechsher gen Wartaweil
Mußt du gehn am Ammersee,
Lange Zeit lag hier das Heil
Auf dem Ort wie winters Schnee.

Dann wollt niemand länger hier
Acker haben, Vieh und Heim,
Bei der Brotzeit und beim Bier,
Findt kein Wandrer drauf den Reim.

Nicht wie einst Damasia sank,
Da zwei Schwestern Flut beschworn,
Dieser Ort war innerst krank
Und hat sich im Nichts verlorn.

Ob ihn Feuer so verheert,
Daß hier keiner wollt mehr baun?
Alle Kunde bleibt verwehrt,
Wenn wir karge Reste schaun.

Die Zisterne und ein Stein,
Der gemahnt an Christi Haus,
Mulden sollten Keller sein,
Aber fort sind Mann und Maus.

Ratlos sprichst du ein Gebet,
Daß der Heiland sorg und wach,
Daß dein Dorf noch lange steht,
Gartengrün mit rotem Dach.
 

 

91
 


VINETA
Vineta, sang die Mutter mir,
Vineta, ach, wie warst du hehr,
Vineta, aller Balten Zier,
Warum nahm dich das kalte Meer?

Dies sind die Weisen, die betörn,
Als Kind, als Mann, zur Todesstund,
Im Seewind meint man noch zu hörn
Den Glockenklang vom Meeresgrund.

Die Sage ist recht rasch erzählt,
Die Hoffart und die Eitelkeit
Ham statt des Herrn das Gold gewählt
Und grinsten dabei frech und breit.

Durch Spiegel, farbig hell im Dunst,
Und durch der Meerfrau Abgesang,
Erkannte wohl die Wahrsag-Kunst,
Daß nah der Schreckens-Untergang.

Doch soll das Urteil Demut nicht
Gefunden haben, Buß und Reu,
Vinetas Volk hielt das Gericht
Für Spuk und blieb sich selber treu.

So mags gerecht gewesen sein,
Daß jeder Damm zur Stunde brach,
Jedoch, ach, Mutter sing, ich wein
Und träum den kalten Fluten nach.
 

 

92
 


EICHENHAIN
Frostig und verweist am Morgen,
Feucht vom ungestürzten Wein,
Sollst du nicht bei Odin borgen,
Seine Raben nicht entleihn.
Laß im Offnen Gram und Sorgen,
Tritt, beschwingt in Herz und Bein,
Unterm Laubicht hoch geborgen,
Heiter in den Eichenhain.

Wer in diese See zu stechen
Weiß, ist noch vor Sol am Ziel,
Aus dem Stamm der Eiche brechen
Löwe, Natter, Krokodil,
Was die Bilder dir versprechen,
Taugt auch dir zum Minnespiel,
Was der Baum in seinen Flächen
Trägt, verheißt den großen Stil.

Faucht der Drache aus der Rinde,
Frucht aus göttlichem Inzest,
Scheu und Ekel überwinde,
Nimm ein Ei aus diesem Nest,
Wer sich fand in solchem Spinde,
Hält die Segenspfänder fest,
Reich an Ernten und Gesinde,
Bis der Odem ihn verläßt.
 

 

93
 
Ringe, die der Schlange gleichen,
Recken sich zum Licht empor,
Weit verzweigt, doch in den Speichen
Wölbt sich gotisch Gruft und Chor,
Fand die höchste Rang und Zeichen
Unterm Hammerschlag des Thor,
Sink ins Traumgeheg der Eichen,
Kind und allem Tag zuvor.

Weisheit herrscht in Balders Halle,
Und du saugst das Flüstern ein,
Eh das Horn des Weidners schalle,
Soll ihr Rat der deine sein,
Nicht der Aar mit harter Kralle,
Nicht das Gift, das Ottern spein,
Übertrifft die Wunder alle,
Aufgetan im Eichenhain.
 

 

94
 


RAVENSBURG
Weisheit des Türmers in luftiger Weite,
Stumm, wenn die Biene den Quendel umkreist,
Sag, was versprechen die rauchenden Scheite,
Rater der Mitternacht, sag, was du weißt.
Nicht soll die Springwurzel Gold offenbaren,
Aber des Rabensteins Träger begehrt
Deutung im Dunst, den die Westwinde scharen,
Kunde vom Sturm, der die Gärten verheert.

Höre, der Bogen des Ull ist zersplittert,
Pfeil, der die Wildgänse einstens geschreckt,
Modert am First, und die Halle verwittert,
Eibental fiel, und den Westhimmel deckt
Rauch aus den Schloten der Köhler und Schmiede,
Adler verschwanden, doch Spatzengeplärr
Plustert sich auf unter Rostheims Aegide,
Pafft und palavert und niemand ist Herr.

Weisheit des Türmers in sonniger Höhe,
Fiel, was der Fittich des Falken erschwingt,
Schlaffen die Segel, verriet uns die Böe,
Sag, ob der Süd uns nicht holderes bringt.
Ist doch die Sonne seit Menschengedenken
Ansporn dem Stolzen und männlichem Mut,
Unrat und Schmutz auf den goldenen Bänken
Duldet kein Krieger von edlerem Blut.
 

 

95
 
Höre, die Eichen sind Rädern gewichen,
Heuschreckenartig durchwimmeln das Land
Feurige Mischwesen, blitzend gestrichen,
Seidwerk des Kleinmuts in ratloser Hand.
Viel ist geschehn, seit der glänzende Balder
Breidablick ließ, und mag sein, daß bei Hel
Ruhmreicher dauert der Steppenbewalder
Als in der Wüste Zerstörungsbefehl.

Weisheit des Türmers in stürzenden Bächen,
Tränen des Himmels, die Jörd nicht mehr faßt,
Lohne es uns noch in die Welle zu stechen,
Sind auch die Wunder des Nordens verpraßt?
Loki entwindet sich listig dem Hamen,
Ob ihn auch Thor, der Gewaltige, fing,
Aber die Fluten, aus denen wir kamen,
Hüten das Leben und schließen den Ring.

Höre, am Nachenzaun trieb man die Furche
Tief in den Sund, wo nach Steinöl und Pech,
Möwen vertilgend wie Otter und Lurche,
Gräbt das Gewürm, im Entheiligten frech.
Wisse, das Meer kann uns nicht mehr ernähren,
Schwarz und vergiftet sind Hering und Hecht,
Triebe den Wanen zurück zu den Schären
Heimweh, bekäm ihm der Pestgestank schlecht.

Weisheit des Türmers im fliegenden Samen,
Hortner der Saaten bei kargester Kost,
Kundig der vielen vergessenen Namen,
Sag doch, was tut sich im ferneren Ost.
 

 

96
 
Hast du das Auge mit dreifach geweitet,
Leih mir den letzten, den wichtigsten Rat,
Hat uns Verhängnis nach Westen geleitet,
Wird uns im Morgen der leuchtende Pfad?

Närrisch dem Ratlosen Weisheit zu raten,
Widars Gedörn streckt sich weiter, als je
Einer geblickt, als die Kunde von Taten
Vordrang und weiter als Lohe und See.
Niemand wird je diese Weiten begreifen,
Als durch die Welten, dem Menschen verwehrt,
Laß deine eigenen Dinge nicht schleifen,
Während du schwatzt, losch die Flamme im Herd.

Weisheit des Türmers, am Ende nicht schlauer,
Sieht sich der Frager ins Dunkel gerückt,
Doch er versteht die unendliche Trauer
Odins, der sich mit zwei Raben bestückt.
Nicht an den Lauf aller Dinge zu rühren
Fordert die Sage, zu Ende gedacht,
Rabensteins Träger, du ahndest, sie führen
Mit dir und ohne dich tief in die Nacht.
 

 

97
 


NOATUN
Tauch ins Gesicht
Der Riesenfrau
Und heisch das Licht
Aus Weiß und Blau:
Mit Fisch, gedörrt,
Und Gold in Truhn
Erwarte Njörd
In Noatun.

Die Strophe sing
Und gleich dem Schwan,
Eh dich verschling
Das Netz der Ran,
Im Treibholz such
Das fremde Wort,
Im Segeltuch
Den Wellenhort.

Mit Lachs und Stör
Den Fjord bemüh,
Leih dein Gehör
Dem Goldgesprüh,
Dem Wogenkamm
Sei Dramaturg
Und ruf den Hamm
Der Wasserburg.
 

 

98
 
Befrag den West
Nach Herd und Haus,
Die Saga läßt
Den Sturz nicht aus,
Im Dünensand
Die Schwerter ruhn,
Die Flotte schwand
Aus Noatun.

Im Seidwerk lern
Den Runenrat
Und frag den Stern,
Wer drunten naht,
Doch macht aus Schaum
Der Weiser kund
Allein den Traum
Von Rudersund.

Geschwisterkind
Nach Wanenrecht
Sei unterm Wind
Der Hornungshecht
Und kehr zurück
Zu Laich und Keim,
Ins Gatten-Glück
Bei Wogenheim.

Erkenn im Aal,
Was Weitblau tut,
Dem Herrn der Wal
Laß Met und Blut,
 

 

99
 
Berühr das Wrack
Mit Eisenschuhn,
Dein Herz beflagg
In Noatun.

Im Godenland
Verfiel das Thing,
Das Kreuz verbannt
Den Midgartring,
Ob auch ein Trick
Des Gaukles blufft,
Im Norden blick
Das Schiffsgehöft.

Was wir, was war,
Macht nur die Flucht
Dir offenbar
Im Schwarm der Bucht,
Erkenn die Zunft
Im Lied der Fraun,
Die Wiederkunft
Am Nachenzaun.

Vermähl den Reim
Dem Asen-Schiff,
Verlaßnes Heim
Versorg und triff,
Als sei schon längst
Das Einst im Nun,
Den weißen Hengst
In Noatun.
 

 

100
 


ELYSIUM
I

Nicht länger säum, das Paradies zu schildern
Im Maß, das dir der Schatten gab der Eichen,
Als könntest du den großen Meistern gleichen,
Faß unverzagt nach Melodien und Bildern.

Laß dich vom Kleinmut nirgendwo erweichen,
Den Verse ins Maß der Gegenwart zu mildern,
Du darfst im Uferschlamm der Ebbe wildern
Nach Mythen, Wappen, Traumgetier und Zeichen.

Dann wird der Maiwind hell und seidig fönen,
Den Strand vor Tag mit weißen Rosen krönen,
Noch ehe der Gesang am Quell erwacht,

Der aufsteigt, um die Gipfel zu versöhnen
Mit Stimmen, die im Grottengrund ertönen,
Das Gold der Sonne mit dem Gold der Nacht.
 

 

101
 


II

Des Frühsten und des Spätesten gedenke,
Den trüben Mustern danke wie den scharfen,
Und auch dem Traum, der in zerstörten Larven
Nie blüht und reift, die wachen Augen schenke.

Bezieh die Weiser ein, die dich verwarfen,
Im Morgentau den Speer der Herrschaft senke,
Dann tritt im Tal der weiße Hirsch zur Tränke,
Und aus dem Schatten tönt der Klang der Harfen.

Den Holder sieh, vom Schwanenpaar gezogen,
Wie er den Gast erquickt mit Milch und Rogen,
Das Herz mit Azaleenduft beschwert.

Und spür: der Himmel ist dem Geist gewogen,
Und du erkennst in seinem blauen Bogen
Den Drachen, der als Engel wiederkehrt.
 

 

102
 


III

Elysisch sei im Feld der blaue Schneider,
Das Knabenkraut soll alle Felder segnen,
Den Doppelleib im Licht, im Abgelegnen
Erfahre und genüg dem Anspruch beider.

Laß Tiere ein, die dir im Traum begegnen,
Üb Großmut und obwalt als sanfter Scheider,
Bleibst du dir treu, versiegt das Gift der Neider
Und golden wird die Lanze des Verwegnen.

Dem Nordlicht ist die Seherin zu danken,
Ghaselen, die wie Rosensträucher ranken,
Vermähle sie, wenn rings die Erde bebt,

Und von den Inseln, die im Gold versanken,
Bring ein Gedicht und einen Traum-Gedanken
Dem Schlangensohn, wenn er das Haupt erhebt.
 

 

103
 


JOHANNISTAG
Streift Johannes durch die Auen,
Wird der Born des Lebens klar,
Und die Knabenaugen schauen
Hopfen, Beifuß, Frauenhaar,
Seinen Liebestrank zu brauen,
Bringt sich manche Blüte dar,
Adler wiegen sich im Blauen
Über dem Johannisjahr.

Überall grüßt der Belauber,
Der sein Blut den Ernten weiht,
Hand und Wanne blitzen sauber
Vor der Wöchnerin, die schreit,
Gib dem Fluß den schwarzen Tauber,
Balsam, dunkelrot geseiht,
Unerstützt den Sonnenzauber
Jährlich zur Johanniszeit.

Der dem Fischer Lachs und Flunder,
Seine Boten, gern gebracht,
Wird zum trunkenen Gesunder
Allem Volk, das jauchzt und lacht,
Salbei, Nessel und Holunder
Mehren Gut und Mannesmacht,
Und im Feuer steigt sein Wunder
Hell in die Johannisnacht.
 

 

104
 
Ihren toten Gott zu minnen,
Der verborgne Wege geht,
Wälzen nackte Tänzerinnen
Sich im Flachs, der mannshoch steht,
Asche fällt von First und Zinnen,
Frucht zerplatzt zu Purpurmet,
Und die blutigste gewinnen
Gärtner im Johannisbeet.

Sein Vertraun in eine Stunde
Offenbart sich erst im Tanz,
Macht als Geist der Tafelrunde,
Was im Jahr zerdriftet, ganz.
Seine Priester sehn die Wunde,
Doch das Glück gehört zu Hans,
Und der Schürfer schätzt die Funde
Unter dem Johanniskranz.

Seine Feuer überspringe
Neunfach sonder Not und Klag,
In der Flamme tausch die Ringe
Für den ewigen Vertrag,
Überhör die dunkle Schwinge,
Lockt der Weiher dich im Hag,
Und den Elementen singe
Selig am Johannistag.
 

 

105
 


TRAUM VON ATLANTIS
Vermählt sich dem lechzenden Grale
Der Speer, der ihn schüttert und bauscht,
Vermut in subtiler Kabale
Den Schelm, der die Weiser vertauscht,
Läßt Jason im Sumpf die Sandale,
So lächelt Athene und lauscht,
Wie tief in der Schildkrötenschale
Der Traum von Atlantis verrauscht.

Schaut Hölderlin Neckar und Ister,
Schaut Tasso das heilige Land,
Erscheinen als Zwillingsgeschwister
Die Flut und der lodernde Brand,
Zieht Minne verborgne Register,
Und splittert der Bogen gespannt,
Betrachtet der homo sinister
Die stofflose Schrift an der Wand.

Nicht sagt die verwittert Bemooste,
Wer hold deinem Lager sich neigt,
Den Fremdling, der früh mit dir koste,
Hat keines der Zeichen gezeigt,
Ob Lanzelot hart mit dir tjoste,
Frag nicht, eh der Morgenstern steigt,
Und nicht, ob der Trauer zum Troste
Das Herz, das du fragen willst, schweigt.
 

 

106
 
Nach Ufern verweist es dich weiter,
Gesichtos, verschollen und fernst,
Dort zeigt dir ein nächtlicher Reiter
Die Himmel, die du erst besternst,
Doch wisse, ob jegliches scheiter,
Der Tag, sei es Tod, da du lernst,
Atlantis zu schauen, wird heiter
Im Jenseits von Scherzen und Ernst.

Ob du als ein bannend Gebannter
Poseidon die Sturmrosse schirrst,
Dem Knaben mit Flöte und Panther
Verfällst, oder taubengleich girrst,
Vergißt nicht, der Flug der Atlanter
Thront leicht über Zinne und First,
Und daß du im Traum ihr Verwandter,
Zum Aar und zum Seligen wirst.

Umschauern dich Brunnen und Hohle,
Gewähn, das das Morgenlicht scheut,
Heult Fenris am Mitternachtspole
Als Tilger und Traumtherapeut,
So halte die Lebenssymbole
Und was deine Sinne erfreut
Geheim wie Tagesparole
Der Arche in Holzapfelkreuth.

Nicht jedes Beginnen ist heilig
Und führt zu den Quellen zurück,
Ob was dir der Traum sprach gedeihlich,
Die Bläter vom Löwenzahn pflück,
 

 

107
 
Er spricht und verhüllt doppelzeilig
Von Himmel und Erde ein Stück,
Der Narr hat es immerfort eilig,
Doch regungslose wartet das Glück.

Es will wie die späteste Aster
Bemerkt sein am Rande des Jahrs,
Es spielt sich durch Tugend und Laster
Wie Wind durch die Wellen des Haars,
Und schlägt auf das steinerne Pflaster
Der Flieger des Traumes, den Mars
Ersinnt, wo ein kaum noch verblaßter
Dich einspinnt und seligt, erfahr's.

Bepflanz deinen eigenen Sprengel
Und deiner Domänen obwalt,
Begrenzt durch der Natter Geschlängel
Und offen dem Aar, der dich krallt,
Den Hauch spür, umschmiegend die Stengel
Der Lilien mit Träumen, uralt,
So weist dir im Herbstlicht ein Engel
Die Einheit von Strom und Gestalt.

Er will dich im Glauben befeuern,
Dich hegen als Mutter und Frau,
Die Traumhüter herzen und heuern,
Er will deine Bilder genau,
Den Rost sollen Sturmfluten scheuern,
Bis Midgard nach Thule die Schau
Dir freigibt, das Reich zu erneuern
Und seßhaft den Osterlandgau.
 

 

108
 
Das magische Gleichgewicht halte
Als Siegel für Spruch und Gedicht,
Den Umkreis des Gauklers entfalte,
Bevor diese Stunde zerbricht,
Und spür, wie dem Jungen das Alte
Den Kranz des Lebendigen flicht,
Und ob auch die Asche erkalte,
Die Wiederkehr nimmt sie dir nicht.

So wird ein gestrandeter Schimmer
Gemein, wenn die Woge sich bäumt,
Es faßt der ertrinkende Schwimmer
Ein Korn von der Krone, die schäumt,
Und sammelt der Tod das Geflimmer,
Wird Schutt von den Quellen geräumt,
Begreifst du erst, daß du schon immer
Den Traum von Atlantis geträumt.
 

 

109
 


AUSKLANG
Nach des Winters strenger Plage
Wacht erneut der Elbenchor,
Gab Apoll dir hundert Tage
Mit Gesang wie nie zuvor.

Als sein Streiter oder Mahner
Kann dich niemand übersehn,
Doch der Sonnen-Insulaner
Hört allein die Winde wehn.

Was sie weisen, was sie sprechen,
Ist bekannt von je zu je,
Doch wer in die See zu stechen
Wagte, fürchtet nicht die See.

Ob sich irgendwo ein Segel
Zeige mit vertrauter Huld?
Nur die Schlange weiß die Regel
Und sie hüllt sich in Geduld.

Auch der goldverbrämte Flügler,
Der die Stunde weist der Rast,
Wird dem Schweifenden zum Zügler,
Der den Mittag nie verpaßt.

Und Delphin, der Tiefensänger,
Häuslich dort, wo einst auch du,
Preist in dir den Wiedergänger
Und er prostet schaumweiß zu.
 

 

 

 




IDÆISCHES LICHT

ERSTES BUCH




»Ob es auf anderen Planeten
auch ein Mittelmeer gibt? –«

 
ERNST JÜNGER       

 

 

 

113
 


MITTELMEER
Wenn es still wird in der Seele,
Fraglos wird, wofür wir stehn,
Glaub nicht, daß dein Auge fehle,
Inseln grün und weiß zu sehn.
Wenn zu scheiden Leid und Lachen,
Uns das Licht, zu hell, zu hehr,
Wenn uns eins wird Schlaf und Wachen,
Rauscht im Herz das Mittelmeer.

Wo die Götter sichtbar schritten,
Unverschont von Wahn und Weh,
Zeichen in den Ölbaum schnitten,
Die uns leuchten auf der See,
Wo sie Sterblichen sich mischten
Und im Traum der Wiederkehr
Ihre Fremdheit ganz verwischten,
Thront der Schaum im Mittelmeer.

Offen und begrenzt wie keines,
Was im Licht des Helios treibt,
Hort des Schreckens, Gold des Scheines,
Den erringt, wer Sieger bleibt,
Urbass der Tragödien-Chöre,
Schlick und Tang, von Zeiten schwer,
Wenn der Himmel uns verlöre,
Führt uns heim das Mittelmeer.
 

 

114
 
Herrlich das Geschlecht der Mannen,
Herrlicher der Sehnsucht Pfeil,
Denn das Glück, das sie ersannen,
Galt nicht einem fremden Heil,
Tranken sie den dunkelroten
Wein, gestützt auf ihren Speer,
Dann erzählten ihre Toten
Von der Fahrt im Mittelmeer.

Zeitlos muß das Muster gelten,
Das mit dieser See gelang,
Selbst ein Schöpfer ferner Welten
Beugte sich vor diesem Rang.
Trüg ein Wesen Maß und Laune
Seiner Tat wie wir so sehr,
Gliche es wie wir dem Faune
Und sein Reich dem Mittelmeer.

Kommst du spät und aus der Ferne,
Gib dich hin und gib dich ganz,
Wie das Volk in der Taverne
Lieb den Leichtsinn und den Tanz,
Daß der Strom der Zeit sich wende,
Trag nicht Hoffnung noch Begehr,
Denn dein Licht ist die Legende
Und dein Traum das Mittelmeer.
 

 

115
 


ERIGENEIA
I

Früh erwachen darf sie an den Quellen
Ozeans noch vor des Bruders Nachen,
Daß die Götter und die Spielgesellen
         Früh erwachen.

Früh ists leicht, gelockt und rein zu lachen,
Früh stehn Luft und Land im Bann der Wellen,
Frei, die Glut auf Wangen zu entfachen.

Aber die im Frühen und im Hellen,
Sind bedroht vom Tiefen wie vom Flachen,
Müssen, hab der Strom auch böse Schnellen,
         Früh erwachen.
 

 

116
 


II

Wer geboren hat die vier, die Winde,
Jedem ist in gleicher Weis verschworen,
Schuf die Kräfte, daß sich niemals binde,
         Wer geboren.

Denn es gibt kein loseres Gesinde,
Keine Schnitter, die geschärfter schoren,
Als die Wechsel, dir geschenkt im Kinde.

Leicht, daß dich die nächste Liebe finde,
Aber du bist keiner Treu erkoren,
Darum sagt, daß dein Begehren schinde,
         Wer geboren.
 

 

117
 


III

Rosenfarben – ob vor Scham, vor Segen?
Wissen es die Knaben, die verdarben?
Wo ist Halt, wenn sich die Lippen regen
         Rosenfarben?

Reißt der Wind vom Feld die goldnen Garben
Oder wird er nur ein bißchen fegen?
Alles steht im Wind, was wir erwarben.

Wem gelingts, der Weisheit Kern zu pflegen?
Die nicht sterben oder die schon starben?
Welcher wird zuletzt den Morgen legen
         Rosenfarben?
 

 

118
 


IV

Morgenschimmer treibt uns auf die Meere,
Und ein solches Leuchten ruft uns immer,
Wer die Nacht durchwacht, tuts, daß ihn ehre
         Morgenschimmer.

Nicht in Büchern, im gelehrten Zimmer
Hoffe, daß das Urteil sich verkehre,
Denn im Offnen wirkt der Saitenstimmer.

Laß dich ein, und brechen alle Wehre,
So erheisch die Prüfung nur noch schlimmer,
Denn du hoffst allein, daß dich begehre
         Morgenschimmer.
 

 

119
 


AQUARELLKUNST
Göttliche Leichte, dem Wort des chinesischen Weisen
Folgend, daß Weichstes die härtesten Dinge besiegt,
Wer dies beherzigt, der folge nicht Schienen von Eisen,
Sondern dem Traum, der uns anrührt und dabei verfliegt.

Tupfend, lavierend im Reich der verfließenden Wasser,
Marderhaar, das seine Kräfte aufs äußerste zähmt,
Stellt er sich zwischen den Täter und den Unterlasser,
Daß alles Trotzen am Ende mit Reinheit beschämt.

Nichts ist berechenbar, aber es gelten Gesetze,
Drin sich das Licht in der Abfolge jeder Lasur
Spaltet und mischt, daß der Spinne im eigenen Netze
Gleicht der Demiurg, dem der Wille geriet zur Natur.

Lehrt den Titan so die Demut die Allmutter Erde,
Weiß doch der Sieger, der jegliche Willkür verschweigt,
Selbst das Mißglückte, die ungewollt rasche Gebärde
Zeigt sich als Pfad in dem Garten, der alle verzweigt.

Träume, die also verschachtelt sind unter den Tönen,
Dunkles und Leuchtendes, das ihm die Farbe erschließt,
Sollen sich Reinheit und Mischung im Wasser versöhnen,
Frühstes im Späteren aufscheint und wieder verfließt.

Ob die Gestalter der Augenlust farbenfroh schmeicheln,
Durchscheint gewiß, was man anfänglich vorsichtig zog,
Sichtbar verborgen, so wie in den trockenen Eicheln
Ganz ist der Gott, der die wispernden Baumwipfel bog.
 

 

120
 
Alles ist Anfang, es gibt kein Zurück, wo das Fließen
Feuchtester Balz seinen Sinn und sein Hoffen gewann,
Mag sich der Denker dem Randübergreifen verschließen,
Tritt doch der Zeichner stets keck an die Gorgo heran.

Wer den versteinernden Blick allen Schreckens beraubte,
Wer seinen Willen der Härte des Marmorblocks stellt,
Geht auch Pfade von Samt, wie die Schlange verstaubte
Tempel durchgleitet als Königin über der Welt.

Leicht ist sein Strich in Erwartung von härterem Walten,
Er, der sich spielerisch Statuen in seinem Geist
Nähert im Feuchten, wie Leben die ersten Gestalten
Zeugt, noch bevor es dem Himmel die Ehre erweist.

Hart ist das Leuchten und jäh der Triumph jeden Morgen
Über den Himmel, drin alles mit Schwertschärfe gleißt,
Aber im Wasser, vom Pinsel mit Sanftheit geborgen,
Ist es das Licht, der den Spieler als göttlich beweist.
 

 

121
 


DICHTERLOS
I

Der Dichter ist allein dem Gott zu willen,
Der mit dem Schmerz den Traum verflicht zu Welt,
Er kann das Blut der Schöpfungswunde stillen,
Wenn er die eigne Wunde offenhält.

Er opfert sich den schroffen und den schrillen
Orakeln, daß der Reim dem Ohr gefällt,
Doch was ihn bannt und ihn ins Offne stellt,
Das hält das Volk für Eitelkeit und Grillen.

Drum klag er nicht und wage keine Rüge,
Denn Tröster sind allein die Vogelzüge
Mit Mustern, die der Traum vorhergeschaut.

Und wenn Homer sein großes Werk zerschlüge,
So walte, daß dein Geist es wieder füge
Im Maß, das dir der Idaberg vertraut.
 

 

122
 


II

Den Dichter tragen Engel, nicht Motoren,
Er spielt noch mit bei Wachs und Segeltuch,
Daß einen Stahl beherrsch, benennt er Fluch,
Wer dies nicht merkt, der ist für ihn verloren.

Denn alle die bequemen Ketzereien
Des Geists, der alles Volk mit Vorteil narrt,
Sind Diener, die sich Zins und Tilgung hart
Verschaffen und sofort aufs neue leihen.

Und wenn Quixote mit Mühlenflügeln streitet,
So ist dies eine Tat, die Schmerz bereitet,
Weil er der Mensch ist im Lemurenstaat.

Doch wenn der Dichter wilde Xenien reitet,
So hegt er Hoffnung nicht, daß er verleitet,
Die Marionette brech den Führungsdraht.
 

 

123
 


III

Der Dichter ist von Herkunft frei und Hoffen,
Er schämt sich, seinen Namen hinzusetzten,
Was andre schmähn und wieder andre schätzen,
Ist nur geliehn und ob im Recht ist offen.

Will er verschenken, nennt man dies bestechen,
Und wenn er schweigt, so pönt man diese Grille
Ihm sind Gedichte sogar Wunsch und Wille,
Drum ist er wehrlos allem Haun und Stechen.

Er steht nicht nur im Widerspruch zum Wollen,
Er weiß dies und bedauert das Vertrackte,
Das ihn vereinsamt läßt im Sehnsuchtsvollen.

Doch wenn ihn einmal Zorn und Hoffahrt packte,
Läßt er wie keiner rings die Köpfe rollen,
Bis das Entsetzen aller Welt das nackte.
 

 

124
 


IV

Was wären Dichter, trüg die Lebenswelle,
Die ihnen Sprache gab, Gesicht und Mut,
Was ihnen hell war nicht erneuter Helle
Durch stygisches Gestein bis an die Quelle,
Da einer fühlt, es ist sein eignes Gut?

Was könnte uns Vergangenes berichten,
Wär einer nicht, der in Triumph und Leid
Sich fänd und fern von seinen Lebenspflichten
Am Traumgeweb des Dichters fortzudichten,
Geheiligt ist durch seine Einsamkeit?

Vielleicht, daß Götter sie zusammenschauen
In andrer Ordnung als Geschichte spinnt,
Doch das Gewähn aus Zweifel und Vertrauen
Weiß sich in einem Rhythmus aufzubauen,
Dem auch die Götter nicht gewachsen sind.

Drum hüte dich, den Eintritt zu verwehren
Dem Toren, der die Glockenblume hegt,
Vielleicht fällt alles, was wir stolz verehren,
In dieses Blau, das namenlos zu mehren,
Wir stehn, von Traum und Himmelsblau bewegt.
 

 

125
 


LEBENSALTER
Wer Rechenschaft und Ordnung weiß zu schätzen,
Die Jahre mit Periodenreihen ziert,
Der Dreischritt ist beliebt, die vier tradiert,
Und auch die sieben strebt nach ganzen Sätzen.

Doch was wir auch entwerfen, es verliert,
Sich rasch an Muster, die das Bild verletzen,
Ob wir gemach gehn oder furchtbar hetzen,
Kein Sterblicher ersinnt, was noch passiert.

Drum mag die letzte Ordnung keiner gleichen,
Die wir uns in der Vogelschau erschleichen,
Und unser Erbe lächelt drob gemein,

Doch ist die Müh mit Rhythmen und mit Zeichen,
Ein Segel, dran wir manchen Port erreichen,
Und Teil des Spiels ist auch sein Widerschein.
 

 

126
 


JUGEND
Ob Mohn, ob Seim,
Gefahr, Gedicht,
Sie ruft dich heim,
Was sie verspricht,
Ist alt, so alt
Wie nur die Welt,
Und es verhallt
Erst, wenn sie fällt.

Die Götter stehn
In ihrer Schuld,
Und wenn sie gehn,
So rückt der Kult
Vom Gipfelschnee,
Den sie nicht braucht,
In jede See,
Daraus sie taucht.

Ob sie das Heil
Im Flug begreift,
Als Sonnenpfeil
Durch Wolken schweift,
Ob sie ihn freit
Und sich vertauscht,
Ihr ist die Zeit
Ein Meer, das rauscht.
 

 

127
 
Sie krönt das Haupt
Wie Wogen Schaum,
Und wer ihr glaubt,
Agiert im Traum,
Der ihn umspielt
Und ihm nicht sagt,
Wohin er zielt
Und wann es tagt.

Doch wer ihr traut,
Hat ohne Groll
Auf Sand gebaut,
Und Glaubens voll,
Daß nicht ein Scherz
Die Karten leg,
Weiß er ins Herz
Den Königsweg.
 

 

128
 


EINSAMKEIT
Du spürst sie früh, und schon in Kindertagen
Hat dich ihr Doppel-Angesicht umkreist,
Sie gilt als eine von den sieben Plagen,
Doch auch als Wunder, das der Dichter preist.

Du wirst, solang du lebst, kein Urteil wagen.
Sie ist die Schlange, die sich selbst verspeist.
Die blinde Sucht, mit der sie dich geschlagen,
Ist alles, was du wirklich von ihr weißt.

Sie treibt das Herz und sie verwirrt den Magen,
Sie trübt den Blick und sie verzückt den Geist,
Wer sie nicht liebt, versucht sie zu verjagen,
Doch kommt sie wieder, rächt sie sich zumeist.

Sie nährt den Traum und spinnt das Garn der Sagen,
Sie ist der Spiegel, drin die Sehnsucht gleißt.
Will ihre Laune sich mit dir vertragen,
Gibt sie sich zweisam und betrügt dich dreist.

Wenn sie dir schenkt, so hast du nichts zu klagen,
Doch winde aus dem Hort, wenn du sie freist,
Kein Gran zu viel, sonst packt sie dich am Kragen
Wie einen jungen Hund die Mutter beißt.

Sie steht und weiß die Zeiten zu durchragen
Als Fels, der Mut und Hinterlist verschleißt,
Doch manchmal reicht sie ohne alle Fragen
Den Schlüssel, daß du ihr die Welt entleihst.
 

 

129
 


ERNTEZEIT
Wenn ausgeträumt die Insel der Atlanter
Und Pflingsten sich vermischt dem Idalicht,
Wenn aus dem Tann der Reim der Väter bricht,
Wird dir dein Schatz ein seltsam urverwandter.

Jetzt zeigt sich neuer Sinn in frühster Schicht,
Und fürchtet nimmer, daß sie ächt der Ganter,
Nicht Ritters Trauer zeigst du als Gebannter,
Denn wahre Liebe hellt dein Angesicht.

Die Engel hast du früh und oft bedichtet,
Doch spät hat sie dein Auge erst gesichtet,
Und da dich einer wählte, warst du frei,

Und schaust, wie sich der Hain von Sparta lichtet,
Und reifes Obst ist für dich aufgeschichtet,
Daß weiter nun der Kreis der Ernte sei.
 

 

130
 


TAG DER TOTEN
Ich weiß nicht, was ihr wart und was ihr schuft,
Doch spür ich eure große Gegenwart,
Wenn mich im Wald die erste Lerche ruft
Und wenn der Nachmittag die Wolken schart.

Der Morgen ist die Erstgeburt der Nacht,
Die wie der Rahm auf ihren Tiefen schäumt,
Wir sind aus Staub und einem Hauch gemacht,
Der nachther weht und unsre Wege träumt.

Was wirkt, was wirklich, ruht in eurer Hand -
Wie kann der Tag, den ihr verwunden habt
Und den ihr bunt in eurem Fächer spannt,
Enthalten, was ihr ihm nicht selber gabt?

Ihr schweigt, und dies, ein kostbares Gefäß,
Hat Raum für unser Mühn, euch zu erneun,
Und wer die Schrift, die ihm entleuchtet, läs,
Fänd Muße, sich der Wiederkehr zu freun.

Denn eurer Zeit ist unsre abgezweigt,
Und euer Schatten, der mein Auge traf,
Hat mich, wenn eines Tags die Lerche schweigt,
Geduld gelehrt für einen langen Schlaf.
 

 

131
 


PHILOKTET
Fern steht dir die Macht zu künden,
Wie der Freie nicht die Fron
Weiß, so wird, wer schaut, nicht gründen,
Denn die Quelle kann nicht münden,
Und Apoll hat keinen Sohn.

Was in Träumen und in Taten
Sich entfaltet und erzählt,
Sagt der Spur, in die wir traten,
Ob sie menschlich wohlgeraten
Oder göttlich auserwählt.

Ob uns schwanke Schemen treiben,
Oder ob der Blitz das Haar
Flammend färbte, wir verleiben
Nur das Urteil, ders dich schreiben
Hieß, braucht keinen Archivar.

Was er einst mir dir gepflogen,
Birgt kein Sterbenswort davon,
Ob der Dunkle dir gewogen,
Aber ohne deinen Bogen
Schleift sein Heer nicht Ilion.

Rüste dich, in See zu stechen,
Ohne Kehr, von Herkunft frei,
Nichts zu dulden, nichts zu rächen,
Sei dein Los und dein Verbrechen,
Was auch je gescheh und sei.
 

 

132
 


FAUNISCHES WORT
Für Wolfgang Schühly

I

Es träumt, bewacht von Stachel, Dornicht, Panzer,
Verwunschnes Herz, allein von Ahndung wund,
Von Wandlungen zu ungeteilter ganzer
Erfüllung aus dem eignen Muttergrund.

Das ungeprägte Gold gab noch kein Stanzer
Zu Wechsel frei, zu Irrung, Joch und Schwund,
Doch Wind, der Jäger mit dem Schmeichlermund,
Ist nicht nur Schnitter, sondern auch der Pflanzer.

Er ist bedenkenlos und ist Erglüher,
Der Flammenschläger aus dem Funken früher
Gefährdung, die das Herz nicht missen mag.

Und ruft der Lenz den großen Gold-Versprüher,
So wechsle von Diogenes zu Blüher
Und ohne Waffen opfere dem Tag.
 

 

133
 
         
II

Es herrscht der Mond der Sommersonnenwende,
Wenn Pan im falarsanischen Gestein
Erwacht und Faune sich im Fels-Gelände
Ergehen und im lichtdurchtränkten Hain.

Doch sag, wer säng das Maienlied zu Ende
Und höb das Haupt und blieb im Herzen rein –
Wer wagte sich dem neuen Herrn zu weihn
Und weigerte dem linderen die Spende?

Er bleibt dem Zug des Jahres der Entgleiser,
Sein Wind, der sanft entfernt und noch viel leiser
Zusammenführt und viel zu viel verspricht.

Wir stehn in seiner Hut, wenn wir die Reiser
Entflammen und der weiseste der Weiser
Die Tat verlangt und einen Traum zerbricht.
 

 

134
 
         
III

Ob Worte galoppieren, ob sie schleichen,
Ob einer meißle, schmied, mit Zungen red,
Ist für den Gott, der solche Siegeszeichen
Erobert, so, als ob der Wind sich dreht.

Doch wir, die nur mäanderwegs erreichen
Das Glück, daß unser einsamstes Gebet
Die Form vollbringt, die an das Alphabet
Der Götter rührt, verzehren uns nach Gleichen.

Denn Gleicher unter Gleichen sein ist heute,
Da Gleichheit absank zur Hyänenbeute,
Zur Augenweide, die am Markt verdirbt,

Mehr Opfer noch als Privileg, und scheute
Der Pöbel, wär doch einer da, die Meute
Zu hetzen, daß der neue Orpheus stirbt.
 

 

135
 
         
IV

Glaub nicht, ich sei gefaßt und in mir gäre
Kein Frühling liebestoll und fahrtenfroh,
Ich reiste selbst mit Charons schwarzer Fähre,
Mich bremst Megaira nicht, noch Alekto.

Als Alchymist, der sich auf die Chimäre
Versteht und zwiespricht mit Homunculo,
Setzt du den Zauberspruch und reimst ihn so,
Daß selbst die Argo ohne Steuer wäre.

Doch solltst du lieber selbst die Flügel breiten,
Bereit, den Stier der Kreter zuzureiten,
Daß dich nicht schreck der Herr des Labyrinths.

Nur wenn du überfliegst die Macht der Zeiten,
Erglüht im Lied, im Sommernacht-befreiten,
Die grüne Fee des pontischen Absinths.
 

 

136
 
         
V

Die Welt ist faunisch wie die Menschenseele,
Die ihre Größe nur dem Drang verdankt,
Daß Blut sich mische und die Lust nicht fehle,
Ob auch das Aug in Selbst und Fremdheit schwankt.

Drum faunisch sei das Lied aus deiner Kehle
Als sei der Wein, den ihr am Ölbaum trankt,
Ein Mittler, der das große Los entschrankt,
Daß Scham, was Zeus gemäß ist, nicht verhehle.

Das Lied, das Kretas Größe faßt, zu finden,
Mit Aquarellen leuchtend einzubinden
In Ziegenhaut als Wiegenlied des Zeus,

Hast du gewagt, bevor die Bilder schwinden
Und nur den Traum der Götter froh umwinden,
Das Licht des Ida sei dir frei, erneus.
 

 

137
 
         
VI

Der Faun ist ganz in Griechenland zuhause,
Nur wo die Quelle, Baum und Felsgestein
Beseelt sind, kann ein solches Wesen sein,
Es wäre sonst nur eine Dichterflause.

Er stellt sich nicht in einem Garten ein,
Der fürchtet, das die Sinnlichkeit ihm grause,
Er lebt und liebt und macht da niemals Pause,
Was manchen schreckt, das ist ihm noch zu klein.

Ihm ist der Tod kein gräßliches Gerippe,
Er nimmt die Götter gern mal auf die Schippe,
Denn auch der letzte Odem ist ein Kuß.

Draum lausch dem Meer auf einer spitzen Klippe,
Ob auch dein Mund am Schaum nur wenig nippe,
Erfährst du doch, daß alles wahr sein muß.
 

 

138
 


HYPERBORÄISCHE BRIEFE
I

Wo das Licht noch ungebrochen
Herrscht, wenn meins schon rot verfahlt,
Ist ein Feuer ausgebrochen,
Das mir tief ins Nachtherz strahlt.

Stärker noch als Helios' Erbe
Ist der nächtige Apoll,
Daß er alle Macht erwerbe,
Wird der Geist verrückt und toll.

Sag, wer könnte widerstehen,
Wenn der Gott den holden Wahn
Uns befiehlt, und nicht vergehen,
Eh der Pfeil auf seiner Bahn?

Sollen wir wie Knaben beten,
Solln wir küssen Stein und Wind?
Unterm Sturm des Musageten
Wird der Harscheste zum Kind.

Und vom Pythischen gerüttelt,
Will ich selbst der Apfel sein,
Vom Erkenntnisbaum geschüttelt
Als die Botschaft: Du bist mein.
 

 

139
 


II

Mancher, den das Glück betrogen
Unterm Joch der Gegenwart,
Flucht das Aug, das ihm gelogen,
Und das Ohr, das ihn genarrt.

Doch der Weise wird ihn schelten,
Weil aus ihm der Undank spricht:
Was du schaust, das soll dir gelten,
Doch dich selber schaust du nicht.

Schau den eignen Geist, der allen
Wegen Licht und Klang erhält,
Denn der Geist tappt nur in Fallen,
Die er selber aufgestellt.

Nicht die Taktik, die verfeinert,
Zwingt das Schicksal, das dir grollt,
Wen ihr Anlitz nicht versteinert,
Sieht Medusen jung und hold.

Drum vertrau der Traum-Devise,
Schau nach Segeln, die sich von
Osten mit dem Goldnen Vliese
Steuern auf Heraklion.

Schon in Bälde dich zu treffen,
Der Ägäis froh und nah,
Magst als Lotse für mich reffen
Stolzen Tags die goldne Rah.
 

 

140
 


III

Mein Kreter, durstig auf Laudanum-Reime,
Solang dein Magen würgt, dein Schädel birst,
Such ich Kamillensud und Haferschleime
Zu würzen, daß du heil und heiter wirst.

Wohl hat, was sonst dem Leib die Lebensfreude
Zurückgab, türkisch Bad, Balsam und Duft,
Und alles, was der Schlemmer gern vergeude,
Enttäuscht und ist als wirkungslos verpufft.

Es kann wohl sein, daß dir in dieser Grube
Ein Bote spricht und dir ein Warnwort raunt,
Daß eingesperrt in Schlafgemach und Stube
Das Kind in deinem Herzen horcht und staunt.

Hast du den Schmetterling in deinen Träumen
Vergessen und den Glanz, den er entfacht?
Und hast du selbst das köstlichste, sein Säumen,
Der Sorge und der Tagesmüh vermacht?

Die Liebe weiß von fürchterlichen Leiden,
Und mancher meint, daß sie selbst Krankheit sei,
Doch wer sie flieht, der wird nicht mehr entscheiden,
Ob sie dem Leib die seeligste Arznei.

Mög sie im Dunkel, das dich heimsucht, keimen,
Um dich zu sehn, der hell und heilig spricht:
Ich komme, um ein neues Lied zu reimen,
Und alles, was ich tu, sei dein Gedicht.
 

 

141
 


IV

Wenn ich träume, leicht und lauter,
See, die Tang und Salze blies,
Sag, Geliebter, ungeschauter,
Ob du ruhst auf Goldnem Vlies.

Sterne wandeln, alte Zeichen
Tauschend, und wer weiß, ob eins
Uns erlaubt, uns zu erreichen -
Dies verraten wird uns keins.

Früher Himmel deckt mein Amen
Und mein Menschenmund verwaist,
Du Geliebter ohne Namen
Kannst ermessen, was das heißt.

Wem Apoll im Mai gewogen,
Trägt den Fall des Jahres hart,
Doch der Pfeil von seinem Bogen
Schnellt in jede Gegenwart.

Nicht der Wunde, die der Panther
Schlägt, geb ich den Odem hin,
Du Geliebter, unbekannter,
Wirst erfahren, wer ich bin.
 

 

142
 


V

Steigt der Nebel aus dem Ried
Morgenhin, durchwachter Nacht
Deutend, daß sie jählings flieht,
Müd das Herz und traurig macht.

Zeigt sich Sonne, einem Drachen
Ähnlich, macht in Reim und Gruß
Dein Gedicht mein Haus zum Nachen
Und beflügelt Herz und Fuß.

Daß mich Pflichten von dir trennen,
Krampft die Brust und ballt die Faust,
Doch ich glaube dich zu kennen,
Daß du wachst und mir vertraust.

Also will ich dich erreichen,
Wo mein Blick im Dämmer frägt,
Denn der Leib ist selbst ein Zeichen
Für die Seele, die ihn trägt.

Seit wir uns im Geist berührten,
Fehlt vom Himmelsrund ein Stück,
Doch die Sterne, die uns führten,
Fragen nicht nach Leid und Glück.

Was ihr Strahl uns aufgetragen,
Deutet nur der Mund, der singt,
Und ich will es mit dir wagen,
Bis Saturn die Sense schwingt.
 

 

143
 


VI

Jeder Tag, der dich nicht bringt,
Jeder Atemzug der Bange
Ähnelt einer Riesenschlange,
Die mich würgt und dann verschlingt.

Wenn dein braunes, volles Haar
Nicht an meiner Seite fächelt,
Bin ich nur ein Hund, der hechelt,
Und des Trostes gänzlich bar.

Manche Freude birgt die Welt,
Doch nur deiner Augen Spiegel
Löst der Trübnis Schattensiegel,
Der mich ganz gefangen hält.

Grüßt, wenn ich dem Traum entwach,
Nicht der schlanke, urvertraute
Engel, schenken Harf und Laute
Nichts als Wimmern, Weh und Ach.

Wenn ich an die Trennung denk,
Zähl ich zu den Tantaliden,
Doch die Hoffnung gibt mir Frieden,
Denn den Schmerz schafft ein Geschenk.
 

 

144
 


VII

Unvergleichlich ist die Stimme,
Die mich streichelt, wenn sie spricht,
Selbst im Bangen und im Grimme
Wollt ich andre Laute nicht.

Unvergleichlich ist der Schatten,
Den du wirfst in Herz und Nest,
Daß die Götter solches hatten,
Glaub ich nicht besonders fest.

Unvergleichlich die Gebärde,
Wenn du eintrittst in den Raum,
Daß mich Stärkeres gefährde,
Fiele mir nicht ein im Traum.

Und es gibt auch kein Erbarmen,
Daß mir frommte ähnlich wie
Dein unsägliches Umarmen,
Drin ich jeden Schmerz verzieh.

Deiner Reize Lob-Bekunder
Sei mein Leben bis zum Schluß,
Doch das größte aller Wunder
Sind dein Atem und dein Kuß.
 

 

145
 


VIII

Wenn mir nur noch eines bliebe,
Schlöß ein Lied mein Auge zu.
Singen heißt mich meine Liebe,
Denn Musik – sie ist wie du.

Ihre Anmut gleicht der Welle,
Und sie ist der Seele Kleid,
Ohne Raum und ohne Stelle,
Doch vollkommen in der Zeit.

Du, Akkord, der mich ergründet,
Du, Fanfare, die mich stählt,
Wahrwort, das im Reimklang mündet,
Bleibst du vor der Zeit erwählt.

Da die Götter mich beneiden,
Ist die Rache mir gewiß,
Doch das Reich, das wir beeiden,
Trotzt dem Spruch der Nemesis.

Nicht nach Jahren und nach Tagen
Zählt, wer auf die Wolke setzt.
Unsre Schwinge wird uns tragen,
Bleibt sie von uns unverletzt.

Auf dem Idaberg zu danken,
Soll ein Opfer uns befrein,
Doch den reichsten der Gedanken
Sprich nicht aus und halt ihn rein.
 

 

146
 


IX

Du weißt, du bist
Von weit gesandt.
Nur der Psalmist
Bleibt dir verwandt.
Wer Ringe reiht
Ins nächste Glied,
Fällt mit der Zeit,
Die ihn erzieht.

Wer wagt und hofft,
Gewinnt das Spiel,
Was prunkt, ist oft
Auch höchst fragil,
Was blendet, meid,
Wenns schmerzt, so scheus,
Denn solches Kleid
Frommt nur dem Zeus.

Erahn noch spät
Das frühe Heil,
Im Kriegsgerät
Den Liebespfeil,
Des Schwans Gebalz,
Des Adlers Tracht,
Wo Sand und Salz
Diktynn bewacht.
 

 

147
 
So folg der Spur
Zum Idaberg,
Für Asias Flur,
Ein seltner Zwerg,
Doch welthin weiht
Das Leucht-Gefährt
Den, den vor Zeit
Die Ziege nährt.

Ägäisch schau
Poseidons Gischt,
Im Kurs genau
Das Segel zischt,
Ausguck erspäht
Den Zeus im Schlaf,
Der Westwind bläht
Konvex, konkav.

Ob seine Hut
Uns bräutlich weih?
Sein Traum ist gut,
Was auch gedeih.
Wenn sein Beschluß
Verwirft, was war,
Nimm diesen Kuß
Für immerdar.
 

 

148
 


X

Nicht, daß sich der Wunsch erfülle,
Nicht, daß wahr sei, was er glaubt,
Nicht, daß man sein Los enthülle,
Neigt der Beter fromm das Haupt.

Er vertraut dem Recht der Liebe,
Weiß in ihr den frühsten Traum,
Daß auch Götter zarte Triebe
Sind an ihrem Lebensbaum.

Doch er fleht, er mög es schaffen,
Froh zu sein in Glanz und Mut,
Daß ihm taugen Wehr und Waffen,
Wenn der Gott ihm Großes tut.

Nicht den Geistern, die verneinen,
Hat sein Herz das Ohr geliehn,
Und dem Schicksal im Erscheinen
Betet er, daß ers verdien.
 

 

149
 


XI

Unergründlich sind die Pfade,
Die wir gehn und die uns drohn,
Was uns fromm und was uns schade,
Welcher krumm und welcher grade,
Ist verhüllt dem Menschensohn.

Ob es uns erlaubt zu naschen
Am Verheißnen, das uns mählt,
Wenn der Gaukler, dich zu haschen,
Dich mit zarten und mit raschen
Flügelschlägen lockt und quält?

Niemand wird es uns verraten,
Doch im Linienspiel der Hand
Stehn Verzicht und stehen Taten,
Was wir hofften und erbaten,
Als Geheimnis eingebrannt.

Und im Auge ruht ein Drache,
Den allein ein Auge weckt.
Wir bemühn uns, daß er wache,
Unter manchem fremden Dache,
Doch er schweigt, bis ers entdeckt.

Seiner Weisheit zu vertrauen,
Werde froh und rüste dich,
Alle Wunder anzuschauen
Und sein Haus dareinzubauen,
Ist er reich und königlich.
 

 

150
 


URANIA
Wagst du dich ins Mittelmeer,
Achte die Sterndeuterei,
Sie als Mnemosyne-Kind
Schützt den Fuß vor Schlangenbiß.
Aus dem Nebel kommst du her,
Fändest nie den rechten Kai,
Dreifach taub und dreifach blind,
Blieb dir fremd, was ihr gewiß.

Wird der Himmel Poesie,
Hat das Leben Maß und Takt,
Sind Legenden dort gespannt,
Hast du selbst am Gleichnis teil,
Was zu Bild und Glanz gedieh,
Bleibt nicht ungestalt und nackt,
Und du weißt dich ausgesandt
Von der Heimat und dem Heil.

Drum sei nie darauf erpicht,
Daß die Musen wer verspott,
Das Museion schütze gut,
Daß der Glaube nicht versand,
Daß er ihren Kreis vernicht,
Hofft allein der Münzengott,
Der die Diebe gut beschuht
Und die Länder füllt mit Tand.
 

 

151
 
Nicht das Wissen zählt zuletzt,
Denn die Kunst, die grundlos spielt,
Waltet weiter, wenn uns längst
Sinne und Gedächtnis schwer,
Drum wer auf die Musen setzt,
Weiter und genauer zielt,
Und die Beute, die du fängst,
Ist vor allen Beuten hehr.

Was der Grieche je gedacht,
Steht am Himmel hell und rein,
Heller noch als alles Licht,
Das der Idaberg uns schenkt,
Diese Weisheit scherzt und lacht
Wie der beste Kreta-Wein
Und es strahlt dein Angesicht,
Wenn dich die Urania lenkt.
 

 

152
 


PHARON
Marke zwischen Land und See,
Lichtpunkt, der den Segler lenkt
Heller als der Gipfelschnee,
Den der Taygetos uns schenkt.

Stiller Adria entglitten,
Drein das Frankenreich uns ließ,
Sah Ionien uns inmitten
Sturms, der wie ein Drache blies.

Mag bewachen die Hellenen,
Was Poseidon gut befand,
Unsre Reise auszudehnen
Nach dem traumverheißnen Land.

Daß wir unsre Seele retten,
Bot erst der Messener Golf,
Wo das Land der Wunderstätten
Noch behaust von Bär und Wolf.

Nicht Odysseus nachzuahmen,
Refften wir die stolze Rah,
Doch wir nannten seinen Namen,
Nah der Insel Ithaka.

Fersengeld gab er den Freiern
Seiner Treue, aber heut
Sind die Schwaben und die Bayern
Durch ihr Geld die Herrschaftsleut.
 

 

153
 
Landluft macht den Kiel verständig,
Morgen loht mit Möwenschrei,
Und wir rühren eigenhändig
Griechenerde in Pharai.

Wein, der viel zu gut für Norden,
Schläfert fast schon am Kamin,
Doch er soll nicht überborden,
Denn wir wollen weiterziehn.

Mögen ruhen Satz und Letter
Und der Vers, der drein zerfloß,
Bis lakonisch uns das Wetter
Morgen grüßt im Taygetos.
 

 

154
 


POLEMOS
Er wacht bei den Gießern und Schmieden,
Die Wöchnerin kennt seinen Schritt,
Und ist dir ein Himmel beschieden,
So schürst du am Urfeuer mit.
Wenn lobsingt der Chor im Theater,
So hell, daß der Baumwipfel schweigt,
Verfällt die Geschichte dem Vater
Von allem, was kommt und sich neigt.

Vor ihm wird der Weltgeist zum Weibe,
Ob Knecht oder Freier – er dingt.
Er bricht wie die Ketten die Eide,
Wie Kronos die Kinder verschlingt,
Und sucht sich der Mann zu beweisen,
Daß König der Adler dem Lamm,
Schaut er unter Himmeln von Eisen
Zerstörte Gesichter im Schlamm.

Du schaust einen Krieger verwundet
Sich rüsten zu neuem Gefecht,
Kein Traum und kein Trauern bekundet,
Was Nemesis billig und recht,
Doch leuchtet, als gelte im Leben
Nur eins zwischen Abgrund und Licht,
Sein Auge, das Brünsten und Beben
Nicht nachgibt, solang es nicht bricht.
 

 

155
 
Er weiß, daß die mächtigsten Heere
Zerstieben, verläßt sie der Mann,
Dem gleich ist das Leichte und Schwere
Und auch, ob er muß oder kann,
Und daß die gewaltigsten Waffen
Ein Strohfeuer sind und nur gut,
Kulisse und Bühne zu schaffen
Für den, der Opfergang tut.

Wohl wissen die Götter im Lichte
Die Brüchigkeit all ihres Glücks
Und bannen den Weg der Geschichte
Im Schwur bei dem schrecklichen Styx,
Du weißt nicht, ob sie dir gewogen
Und ob sie den Feinden nicht viel
Versprachen und beide belogen,
Doch weißt du: sie bleiben im Spiel.

Ob je ihre Herrlichkeit endet,
Ob wiederkehr Chaos und Nacht,
Bleibt offen, das Licht ist verpfändet
Dem Opfer, in Freiheit gebracht.
Es lohnt sich, die Herdstatt zu segnen
Und einzustehn, ausweglos, ganz,
Der Freiheit, dem Gott zu begegnen
Und Waffen zu führen im Glanz.

Die Zeiten, die mutlos und kleinlich
Verleugnen, was Kraft hat und Rang,
Betrachten die Waffe als peinlich
Und ruchlos den Heldengesang.
 

 

156
 
Die Philosophie der Lakaien
Hat gleichwohl dem Krieg, der sie schreckt,
Samt seltsamen Riten und Weihen
Die furchtbarsten Waffen entdeckt.

Verwahre dein Herz dem Gemeinen
Und halte dein Späheraug blank,
Und hüt dich vor solchen, die meinen,
Sie schuldeten Göttern nicht Dank.
Wo Polemos, Herr über alle,
Verspottet die Treue, den Mut,
Vertraust du: Er ist keine Falle,
Trägst du deine Götter im Blut.
 

 

157
 


GLÜCKLICHES LAKEDAIMON
Bergritter, streng, und am strengsten im Stil,
Wo das Gymnasion von Wehrwillen strotzt,
Tempel des Leibes in Ehre und Spiel,
Nur ihr Plateau der Verweichlichung trotzt.

Nichts als Verachtung ist für sie das Meer,
Wo sich auf Inseln die Kaufleut und Geld
Streiten und mauscheln, und blinder Verkehr
Alles vermischt mit den Rassen der Welt.

Hyperboreer, der Wanderung leid,
Hier wo sie Obstgärten schufen, bewacht
Von einem Ringwall aus Bergen, und weit
In einer Höhe, wo Hochmut erwacht.

Hochherzig ist dieses Volk, wo es still
Pflegt seine Reinheit und Händler-Geschwätz
Aussperrt und selbstfroh das Fremde nicht will
Und sich mit Mut unterwirft dem Gesetz.

Weltweit gefürchtet ist nur der Hoplit,
Nackt und gestählt in ephebischer Brunft,
Erst, wenn zurückkehrt, wofür er einst stritt,
Wird dem Olymp eine weitere Kunft.

Wo sich der Stolz in der Nacktheit beweist
Deß, den Pandora nicht trog mit der Büchs,
Wo Gott gesund und Gebärmutter heißt,
Thront der lakonische Tempel des Glücks.
 

 

158
 


LEONIDAS
Zahlreich die Perser, doch größer das Heer
Schwitzender Knaben, daß atemlos lauscht,
Was uns Plutarch, deinem Streite zur Ehr,
Zeichnet, hat Schiller und Nietzsche berauscht.

Du bist die Klinge, die Weltzeit nicht stumpf
Macht, denn zum Liebling im Träumergehäus
Wird nicht der Feldherr in Gold und Triumph,
Sondern wer sank unterm Blitzstrahl des Zeus.

In den Berichten aus hundertster Hand,
Lischt nicht dein Leuchten, es dauert vermehrt,
Selbst wenn das meiste der Preiser erfand,
Seist du noch hundertfach stärker geehrt.

Denn durch dein Opfer, dem Rechner gering,
Heilig dem Erben, der hochherzig denkt,
Hat sich dem Griechen und Abendlands Ring
Herrlich der Mythos von Sparta geschenkt.

Kein Philosoph und kein orphisches Buch
Hat uns das Göttliche holder gesagt
Als das Bestehn vor dem knechtischen Fluch,
Drum der Hoplit das Unmögliche wagt.
 

 

159
 


TYRTAIOS
Nicht sing ich dem Manne mit hurtigem Fuß,
Dem siegreichen Ringer, Kyklopenkraft gleich,
Der rascher als Boreas brächte den Gruß,
An Anmut und Wuchs vor dem Tithon noch reich,
Deß Gold selbst dem Midas, dem Kinyras Neid,
Der hehrer als Pcelops, des Tantalos Erb,
Wenn ihm zur Bewährung nicht tauglich der Streit
Und Fliehen das Mittel, daß friedlich er sterb.

Allein im Gefecht zeigt sich wacker der Mann,
Der sehenden Auges das Morden erträgt,
Den Mut treibt an feindliche Streiter heran,
Der standhaft in vorderster Schlachtreihe schlägt,
Solch Tugend und Ruhm ist der köstlichste Preis
Dem Jüngling, der Stolz für das Volk und die Stadt,
Wer ausharrt und duldet und Wanken nicht weiß,
Auch für die Gefährten ein Feuerwort hat.

So sei die Musik der Phalanx General,
Daß sklavisch ihr Zeit und dem Schwerte der Raum,
Sie herrsche als Sturmbraut und Sieges Fanal,
Unzwinglich gesetzhaft wie Atem und Traum,
Sie glätte und eine, wo Eigenheit schwand,
Die Kämpfer zu Gleichen, die wogen im Takt,
Sie bündle die Muskeln zu göttlicher Hand
Und bürge für Urkraft im schreitenden Trakt.
 

 

160
 
Wer hintreibt zum Fliehen die feindliche Reih,
Gewaltigen Arms in der Fuge der Schlacht,
Wer sterbend noch schlägt eine Stoßgasse frei,
Wenn längst ihm der Panzer von Schlägen zerkracht,
Wer einzig der Polis und Vater zur Ehr,
Geborstenen Helmes, durchlöcherten Schilds,
Sich hingibt, dem huldigt kein Tränenaug leer
Von Jungen und Greisen des Heimatgefilds.

Wenn Trauer und Schmerz dem Gefallenen gilt,
Ist Ehre den Kindern, dem Grab, dem Geschlecht,
Auch unter der Erde sein Opfermut gilt,
Wo keiner sich schmähend und spottend erfrecht,
Wenn aber aus Ares gewaltigem Feld
Er siegreich sich naht in das dankbare Land,
Ist jeder ihm Diener und adelt den Held,
Und Hades allein kann mißgönnen den Stand.

Sein Vorrecht ist selbst dem Betagtesten wert,
Drum suche der Kämpfer den rühmlichen Grat,
Nie sinke der Mut, denn vor allem begehrt,
Ist Kriegsmannes Einsatz und herrliche Tat,
Drum sing ich nicht Dingen, die andernorts feil,
Und streite nicht ab, daß entbehrlich ich dächt
Das wundersam Große, weil Freiheit und Heil
Sich einzig beweisen in Krieg und Gefecht.
 

 

161
 


HELENA
Griechisches Schicksal der Name schon sagt
Fürsten umwerben dich, Göttinnen stehn
Ratend und streitend, der Wogenschaum klagt:
Welcher der Kämpfer je sollt dich bestehn?

Königin, frei als spartanisches Weib,
Hörst du die Stimmen in Hag und Kamin,
Daß sich in Epen dein schimmernder Leib
Wird duch die Träume und Schlachtreihen ziehn.

Daß Aphorodite der Sitte mißfällt,
Soll dich nicht wundern, sie huldigt dem Zwist,
Ihr ist es lieb, wenn die Ordnung der Welt
Unstet in seltsamsten Wendungen ist.

Paris, der dich aus dem Hochplateau singt,
Hat, was Gymnasion und Chor nicht geschenkt,
Er ist der Leichtsinn, der Musen-beschwingt
Durch die Ägäis das Kaperboot lenkt.

Daß Menelos mit seinem Geklag
Heerscharen stell, die noch keiner gekannt,
Weißt du nicht, noch, daß am blutigen Tag
Tragen Olympier die Axt in der Hand.

Aber es sei wie es sei, wenn du dies
Einstens gewußt, hättst du dennoch gewählt,
Was dir das Auge des Prinzen verhieß,
Was dir das Meer von Darnellen erzählt.
 

 

162
 
Daß sich die Männer um Weiber verheern,
Haben die Götter gemacht, und die Frau
Trägt nicht die Schuld, wenn in blutiger Schlacht
Böcke erschlagen den Hahn und den Pfau.

Schau von den Zinnen das harte Gefecht –
Dies ist die Welt und wer wählte sie je?
Krieg wird beweisen noch jedes Geschlecht,
Polemos dringt von dem Scheitel zum Zeh.

Mangel an Gründen hat nie noch dem Krieg
Schranken gesetzt, seit uns Himmel und Meer
Über der Erde als Lebens Gewieg
Freunde und Feind sind im fliegenden Speer.
 

 

163
 


NIREUS
Was Ilion schmückt an Anmut und Geschmeid,
Was Agamemnon dingt zum Schwertertanz,
Die Jugendschöne zeigt sich oft und weit,
Doch ihn zuerst schmückt Aphrodites Kranz.

Wir wissen ihm, der Symes Kämpfer führt,
Nur wenig nachzurühmen, und sein Tod
Ist nach dem Preis, der seinem Leib gebührt,
Das einzigste, das der Chronist uns bot.

Nicht wie Achilleus, der Patroklos rächt
Mit Hektors Tod, der Memnon niedermacht,
Pentesilea tötet im Gefecht,
Bis Phoibos' Silberpfeil zur Hades-Nacht

Ihn schickt, an Waffenehre unerreicht
Und schwer im Ruhm wie viele Wägen Golds,
Des Schönsten Ruhmesblatt ist falterleicht
Und schwimmt im Styx grad wie ein Birkenholz.

Und doch ist seine Amnut unbedingt,
Sie sagt sich in Begierde und in Neid,
Und wie Homer allein vom Preiser singt,
So bleibt es frei von aller Eigenheit.

Er gleicht Adon, dem selbst der Name fehlt,
Narkissos, den die Sehnsucht bannt und frißt,
Endymion, den Grottentraum verhehlt,
Und Ganymed, der nur ein Opfer ist.
 

 

164
 
Das Pflanzenhafte, das bei Hyazinth
Verwandlung fordert, ist des Lieblings Los,
Denn was sein Gehn im Sonnenschein gewinnt,
Ist Sehnsucht im Betrachterauge bloß.

Die Schönheit, die Erwachsensein verbot,
Ist ein Tyrann, der den Charakter merzt,
Wo sie regiert, gedeihn nicht Wein und Brot,
Kein Mut den Träger wandelt und beherzt.

So ist allein dem Tod, der nichts verschmäht,
Die Ernte, wenn die Götter sich verzehrn,
Wer solchen Glanz auf seine Schultern lädt,
Muß alles was dem Menschen frommt entbehrn.
 

 

165
 


ALKIBIADES IN SPARTA
In Argos heißts, daß der Gerichtsbeschluß
Auf schuldig und die Todesstraf erkennt,
Doch daß er neu sich profilieren muß,
Ist ihm Bewährungsfeld für sein Talent.

Zwar hat er Sparta übel mitgespielt,
Doch bittend Amnestie und Dienstvertrag,
Hat er zurecht auf den Bedarf gezielt,
Und daß der König solchen Handel wag.

Da er dem Vorteil und dem Ehrgeiz Nutz
Verspricht, an Ränken reich und Tauschgeschick,
Findt er nicht nur vor den Verfolgern Schutz,
Er findet auch zurück zur Politik.

Er schickt es, daß die Flotte von Athen
Vernichtet an Siziliens Fels verwes,
Um gleich in zweiter Front voranzugehn
Im Krieg zu Land auf den Peleponnes.

Als wichtigstes er Dekeleias Wehr
So rüstig macht, daß es dem Feinde graust,
In Lakedaimon sagt der Sperling her,
Daß großes Wohl in dieser Rater haust.

Er schert das Haar sich kahl und badet kalt,
Ißt schwarze Suppe und das Gerstenbrot,
Man traut den Augen kaum ob der Gestalt,
Und hält den früh verwöhnten Snob für tot.
 

 

166
 
Doch ist die Perfektion im fremden Brauch
Dem Snob ein Spiel, das seinem Ehrgeiz frommt,
Frappiert der erste Maskenwechsel auch,
So schmunzelst du, sobald der nächste kommt.

In Sparta anspruchslos und ein Athlet,
Ionien sieht ihn leicht und liederlich,
In Thrakien ihm der Wein den Kopf verdreht,
Und beim Satrapen übertrifft er sich.

Daß Prunksucht selbst den Perser übertreff,
Schlägt, wie man sagt, dem Faß den Boden aus,
Doch Lakedaimons Dipkomatenchef
Ist auch im Orient froh und ganz zuhaus.

Und endlich wandelt er auf Paris' Spur
Und spannt dem König seine Liebe aus,
Und als ein Sohn geborn wird, meint er nur,
Er dehn die Herrschaft auf den Folger aus.

Doch merkt er bald, wie er den Bogen spannt,
Geht der zu Bruch, er sucht ein neues Spiel,
Dem Perser sind die Griechen unbekannt,
Da nützt ein so Erfahrener ihm viel.

Nun wundert manchen, wie der kommt und geht,
Chamäleon in Glauben und Gestalt,
Doch wer als Demokrat begann die Red,
Der wird nur so mit seinen Schrullen alt.

Er wird noch für die Oligarchen ziehn,
Bald hier, bald da, und stets mit einem Knall,
 

 

167
 
Er inszeniert sich selbst und daß er dien,
Ist eine Rolle für des Falles Fall.

Sokrates war mit seiner Jugend hart,
Doch zog er selbst die Skepsis Demut vor,
Wenn man vor einen Balg Manieren karrt,
Tritt freilich nicht die Seele durch das Tor.

So ist auch Alkibiades Kind der Zeit,
Vom Glauben abgefalln und ohne Stern,
Dann freilich ist ein Ulk der ganze Streit,
Und gut ist, wer im Wohlstand lebt und gern.
 

 

168
 


MINOISCHER TRAUM
I

Welt des Poseidon und Welt des poseidischen Stieres,
Mythenreich dunkel, vom Schutt der Gezeiten verdeckt,
Gold, aber immer im Schatten des prächtigen Tieres,
Ehe noch Theseus das Zeichen des Widders erweckt.

Erst als das Blut fließt, der Faden den Flüchtigen leitet,
Stirbt eine Welt, die uns wenig verrät und vertraut,
Zeichen am Himmel, das jeglicher Deutung entgleitet,
Fremd, labyrinthisch in dunklen Symbolen erschaut.

Drehkraft des Himmels, die doppelte Streitäxte zieren,
Totenkult, der sich in Gängen und Kammern verirrt,
Traumtag, verschachtelt mit toten und lebenden Tieren,
Heimkehr verweigernd, wenn je sich der Faden verwirrt.

Als die Olympischen einst mit der Kraft der Heroen
Himmel und Erde dem Licht und der reinen Gestalt
Ganz übereigneten, durfte die Stierwelt verlohen,
Doch ihre Götter sind heutig und werden nicht alt.

Was sie uns raunen, im Wachsen des Mondes gewaltig,
Treibt uns noch stets in ihr heiliges Traum-Labyrinth,
Was sie uns raten mit Gesten, die Vorwelt-gestaltig,
Weiß, daß wir fiebernd minoische Nachkommen sind.
 

 

169
 


II

Da die Hyksos schwanden aus Ägypten,
Sank der große Zeichenkreis des Baal,
Eine Stele kündet in den Glypten
Sommerloses Jahr in großer Zahl.

Auf der Insel Thera hatten Beben,
Mensch und Vieh gewarnt von Gäas Groll,
Und die Bauern, die am Nabel leben,
Wußten, daß es Abschied heißen soll.

Als das Eiland unbewohnt verweilte,
Selbst die Mauern schlug man klein und fuhr
Jedes Stück, das so dem Zorn enteilte,
Bis auf Kreta sich verliert die Spur,

Bot ein Vorspiel sich in manchen Monden,
Weiße Asche stob und rosa Bims,
Was die Kräfte erst noch mäßig schonten,
Ward gehüllt in hohen Wall und Sims.

Gase stießen rot-organge Brocken,
Bis zerriß des Berges Krustenvlies,
Und das Wasser durfte Lava schocken,
Daß der Schlot die Welt erzittern ließ.

Blöcke, die verzwölft die Menschengröße,
Bombten durch den Himmel und das Meer,
Und Poseidon seine Fesseln löste,
Daß es jeden flachen Strand verheer.
 

 

170
 
Was gemahnte an die Schöpfungshimmel,
Da die Argo die Kyklade warf,
Machte des Jahrtausends Flurgewimmel
Zum Gesang, der neu beginnen darf.

Bald jedoch Autesion, den von Theben
Ein Orakel nach den Dorern bannt,
Sendet seinen Sohn und neues Leben,
Die dem Eiland nahn mit fester Hand.

Mag auch, was minoisch hier, der Kreter
Hüten, schiebt sich doch das Weltgewicht,
Gab sich Amalthea dieser Meter,
Leuchtet uns vom Idaberg das Licht.
 

 

171
 


III

Schickt es sich dem Sänger, froh zu rühmen,
Was die Herakliden einst vollbracht,
Gleicht jedoch nicht Nacht und Ungetümen,
Was der Stier verlor an Mut und Macht.

Seine Stunde gab nicht nur Bewährung
Den Heroen, die Medusen feind,
Als des Traumes zeichenpralle Gärung
Hat er stets den ganzen Ring gemeint.

Was wir unterm Idalicht gewinnen,
Ist auch eine Wunde und Verlust,
Wenn wir Minos' Scherbenspur besinnen,
Wird uns seine Vaterschaft bewußt.

Wird wie er auch unser Traum verwehen,
Dürfen Himmel, denen alles eins,
Myriaden Schöpfungslichter sehen,
Aber mancher Zeitenlauf hat keins.
 

 

172
 


IV

Im Lautenton
Des Mittmeer-Raums,
Bleib Erb und Sohn
Des Minostraums.

Er ließ die Macht
Und wehrt sich nicht,
Jedoch die Nacht
Gebar das Licht.

Was ihm entschwand,
Verwandelt bloß,
Das Meer, das Land,
Das Menschenlos.

Was er dir schenkt,
Nimm dankbar an,
Denn früher fängt
Der Heilsplan an,

Als die Geburt
Uns glauben macht,
Drum heg die Furt
In seine Pracht.

Und jeder Fahrt
Ein goldnes Korn
Sei aufgespart
Aus seinem Born.
 

 

173
 


RHYTON
Opferschwenker, Kultgeschirr,
Einer Hand gehenkelt, schenkt
Deiner Wölbung Glastgeflirr,
Was der Unsichtbaren denkt.

Stier und Widder, Menschenhaupt,
Formen sich im Trankgehäls,
Wer mit solcher Inbrunst glaubt,
Weckt die Flüchtigsten im Fels.

Unter Staub, milenienschwer,
Dauert fremd das kleine Stück,
Doch es stahlt gewaltig her
Aus dem ungeborstnen Glück.

Wir, die solches Zeichen sahn,
Schaudern, vor der Stahlkraft blind,
Und erfassen ganz den Wahn,
Darin wir gefangen sind.
 

 

174
 


ANDROGEOS
Lichtgestalt, flammend aus Zeiten, die kaum überliefert,
Dorische Säule im Himmel, von Blitzen durchzackt,
Ader im Mahlstrom der Gäa, in Schichten geschiefert,
Erbe und Traum-Solitär, unbezwinglich und nackt.

Sieg und Triumph bei den Spielen der Panathenäen
Leiten dich, von pallantidischer Garde beflankt,
Aber am Himmel, wo Kraniche kreisen und Krähen,
Zeigt sich das Zeichen, daraus die Legende uns rankt.

Denn was den Dichter zum ewigen Hymnus begeistert,
Ist nur die Schönheit, die dumpfester Niedertracht fällt,
Wo vor Abscheu die Sonne verdunkelte, meistert
Er das idäische Licht und errettet die Welt.

Neid schafft die Sage, und Dauer hat nur das verwehrte
Glück, das dem Norden im grausamen Bilde verwandt
Siegfrieds, des golden gelockten, als arg ihn durchspeerte
Laune des Lindenblatts, fallend aus göttlicher Hand.

Minos, der glückliche, muß seinen Sohn überlassen
Samt-schwarzem Mantel, der über die Lanze sich legt,
Hinter Zypressen verliert sich im Lethelicht-nassen
Nebel die Sorge und was wir an Hoffnung gehegt.

Frevel schafft Frevel, und Sühne erweist sich als Makel
Jüngerer, denen das Licht ist und damit das Recht,
Weil es Vergeltung nicht gibt, kann des Gottes Orakel
Ausführen erst ein von Kriegen enterbtes Geschlecht.
 

 

175
 
Aber ein Name, melodisch, zu Versen Verführer,
Lockt uns noch immer zu Harfen und Waffen der Lust,
Von den Phöniziern bis hin zu den Strömen der Syrer
Machen uns Steine die Tiefe des Traumes bewußt.

Flutwellen tilgen, was eben die Ebbe gestaltet,
Reiche verblassen und rufen die späteren her,
Unter dem Himmel, den niemand verjüngt und veraltet,
Gibt es nur Licht und gelegentlich Säulen am Meer.
 

 

176
 


ARIADNE
I

Die Heiligste, der Kreta Fruchtkraft dankte,
Verehrn auch Zypern, Naxos und Athen,
Die Insel Delos, die im Meere schwankte,
Hat auch für sie ein Heiligtum ersehn.

Von Minos kommt sie, der den Flügelwachser
Hieß baun des Minotauros Schreckensstatt,
Den sühnend Mord, die Stadt Athen in laxer
Gewährung füttert, bis er prall und satt.

Doch Theseus führt die Opfer-Jugendlichen,
Sein Aug der Ariadne Herz umflicht,
Ihr Geist ist nie von seiner Hand gewichen,
Ihr Wollknäul und ihr Schwert gewannen Licht.

Er floh mit ihr, jedoch dem Gott der Rebe,
Ließ er, die traulich tief auf Naxos schlief,
Der Wein, der sagt, daß er uns alles gebe,
War stärker als die Braut, die schluchzend rief.

Die Augen, die so hart gelitten haben,
Sind Keimen hold, in karges Land gesät,
Sie mag die Kreter mit den schlichten Gaben,
Und manchmal hängt im Ölbaum ihr Gefäd.
 

 

177
 


II

Die Minostochter stieg zu höchster Weihe,
Doch Theseus liebt sie noch im hehrsten Stand,
Sie hat sich für den Schatten heiß verwandt,
Und ihr Gemahl entführte ihn ins Freie.

Nur selten weiß die Sage zu berichten,
Daß einer aus dem Hadesdunkel kehr,
Doch wer das Labyrinth verließ im Lichten,
Dem bleibt die Hand auch überm Styx nicht leer.

Sie ist die Kraft, die Tod und Kerkermauer
Bezwingt und den Erwählten stählt und führt,
Wer sie geminnt, den können Horn und Hauer
Nicht letzen, weil ihm alles Heil gebührt.

Sie ist die Treue, die Vergebung breitet
Als Mantel, der uns wärmt und purpurn feit,
Was je erlöst, sie hat es vorbereitet,
Und sie bleibt wirksam noch in später Zeit.

Der Weinberg ist ihr Heim, der manche Jünger
Gesegnet, denen Gott das Ziel der Fahrt,
Wenn etwas wächst, so danke nicht dem Dünger,
Weil sich allein das Opfer offenbart.
 

 

178
 


III

Der Faden bleibt der Schirmer allen Strebens,
Wer sich bewahrt den schlichten Woll-Patron,
Den leitet durch das Labyrinth des Lebens
Die Nabelschnur von Morgenrot und Mohn.

Die Schlüssel sind uns frei und überliefert,
Doch wer vergißt, was sich mäandrisch sagt,
Steigt in den Ring, der sich mit Trug durchziefert,
Als Narr, der ohne ein Refugium wagt.

Drum dank dem Tag, der dir das Knäul vermachte,
Die Liebe gab es hin mit einem Schwert,
Weß Müh kein Aug mit Liebestränen dachte,
Dem bleiben Sieg und Heimatweg verwehrt.

So schließt sich von der Fruchtbarkeit der Äcker
Zum Heil des Manns ein Kreis im Herzensblut,
Und was uns schickt zu strenger Fahrt und kecker,
Es ist ein Kuß und unsrer Liebsten Gut.
 

 

179
 


DIKTYNNA
Kommst du nach Kreta, Nibelung,
Der Küste, die sich ewig jung
Gestaltet zwischen Licht und Meer,
So glaub nicht, niemand wisse, wer
Du seist, die Burg von Gold und Blut
War dir vor allem Anfang gut.
Drum opfre nicht allein dem Zeus,
Den Hafen in sein Schild-Gehäus
Bewacht mit Walrat feinst bewachst
Die Jungfrau mit der Doppelaxt.

Sie, die den König Minos floh,
Zum Sterblichsein nicht frei noch froh,
Die Nymphe, Frucht des großen Zeus,
Ist dir, ob Fries, ob Sachs, ob Preuß,
Gewogen, denn durch deutsche Zung
Blieb Kreta auch zur Weltnacht jung
Sein Licht, im Traum des Dichters hell,
Des Barden auf dem Bärenfell,
In Herz und Seele selbstgewiß
Der Dienerin der Artemis.

Sie, wehrhaft, souverän und frei,
Prostitution und Kriecherei
Sind ihr verhaßt, wer Waffen trägt,
Darf, daß sie ihm zur Seite schlägt,
 

 

180
 
Erflehn, von Dikti, Sparta, Rom
Bis hin zum Styx, dem Höllenstrom,
Trägt sie die Fackel, daß der Mann
Erkenne, was er will und kann,
Sie schirmt das Licht und sein Gesetz
Idäisch jung mit Axt und Netz.

Die Heimat, wo der Idaberg
Dem Vater gleicht, der schlafend Werk
Und Taten wägt, ob des Gewichts
Sie würdig seines Himmelslichts.
Sie aber kennt nicht Schlaf noch Lust,
Denn die Gefahr ist ihr bewußt,
Daß man das Recht und Ebenmaß,
Was Schlacke und was Erz, vergaß,
Und steht, daß du das Wort entschlackst,
Als Jungfrau mit der Doppelaxt.

Der Jägerin, die niemals fehlt,
Ist sie, von Leidenschaft beseelt,
So treu, daß sie in Trutz und Wehr
Symbol dem Amazonenheer,
Und hoch zu Roß in wilder Jagd
Hat sie der Mutterschaft entsagt,
Sie schätzt gering den Wert von Gold,
Ihr Dienst erwartet keinen Sold
Für jene, die die Axt zerspliß
Als Dienerin der Artemis.
 

 

181
 
So tritt in ihren Hafen ein,
Bereit, ihr deinen Vers zu weihn,
Der Mondwelt, die dich nicht betört,
Gibst, was ihr vor der Zeit gehört,
Dann sieh, wie sie dir Stege baut,
Froh, daß auf Kreta deutscher Laut,
Der lutherisch und unmodern
Ehrfürchtig sucht des Wesens Kern
Und hofft, daß ihn die Weisheit schätz
Idäisch jung mit Axt und Netz.
 

 

182
 


KOUROS
Da sich im Klange der Mensch eine eigne Geschichte
Schuf, daß er blinden Naturlaut in Sprache und Schrift
Zu einer Einheit von Formen und Farben verdichte,
Auch man die frühesten Werke der Bilderkunst trifft.

Eh noch der Logos sich zeigt, hat Grammatik gestritten,
Welche die frühsten Kulturen komplex und subtil
Handhabten wie ein Refugium des Geistes inmitten
Bebenden Schreckens, der Ares bekam und gefiel.

Was für die Stunde der Laut, sind im Raume die Steine,
Unbehaun, klobig, von Riesen geschleudert im Grimm,
Aber der Mensch fand im Herzen die Götter, die seine
Kehllaute ordneten, daß ihre Tonleiter stimm.

Er ward erhört und für alle, die Götter bestreiten,
Möge ein Blick in Vergangnes die Theodizee
Endgültig einfach entscheiden, im Anfang der Zeiten
Schliefen die Sorglosen nicht im olympischen Schnee.

Und auch die Muster für bildendes Tun und Gestalten
Zeigte der Kosmos, der fest und dynamisch sich stellt,
Jagt doch Orion mit Eifer den Winter der Welt,
Ehe ein Menschkind sich traut, diese Tat zu behalten.

Zwilling und Wassermann suchen die hegende Sonne,
Und so wie Hermes uns, geht ihr voran Heliodrom,
Trauer und Heiterkeit gehn im Gefolge der Wonne,
Stehen die Schmerzen als Pfeiler im güldenen Dom.
 

 

183
 
So wie die Stimme die Flöten und Leiern vereinigt,
Weiß auch die älteste Kunst, daß die Mitte des Alls
Menschengestaltig sich aus dem der Graniten gereinigt
Findet, verwundbar an Gliedergelenken und Hals.

Spätere, die, was die Frühtage schenkten, zerschlagen,
Tasten nach Sinn, der vom Taumel der Sinne befreit,
Aber was raumlos sich weiß und vom Chaos getragen,
Schafft weder Mythos noch Logos und hat keine Zeit.

Nur wer die Räume begreift als die Zeit-Parallelen,
Weiß, daß das Herz nicht nur Muskel ist wie das Gesäß,
Er reist ins Altertum, um ihm nicht länger zu hehlen,
Daß es für Zeus und das Himmelsgebläu das Gefäß.

Zeiten, die groß waren, dachten sich selber als Schüler
Größerer Meister, von ihnen durch Fesseln getrennt,
Die keine Mühe zerbricht und kein tastender Fühler,
Denn auch im Nektar verweilen die Götter uns nicht.

So wie die Sprache zur Spätzeit mit simpleren Formen
Aufgibt ihr Heil, so versuchen die Künstler abstrakt
Allem Vergleich zu entgehn und den göttlichen Normen,
Darin der Minner steht, aufrecht, verhalten und nackt.

Aber auch diese von Göttern verlassene Stunde,
Hat ihre Meister, die Demut vor Alten nicht scheun
Und, ihnen treu in dem wahrhaft archaischen Bunde,
All ihre Träume in ewigen Mustern erneun.

Wer aber weiß, welche schwindelnde Höhe geboten,
Fragt weder Staat noch die stolze Bohème von Paris,
 

 

184
 
Und er gestaltet den Jason und nicht die Zeloten,
Der um die Lenden nichts trägt als das Goldene Vlies.

Dir sind die Kouroi auf Kreta und auf den Kykladen,
Vorbild und Ansporn, dein Herzblut auf diesem Altar
Der Aphrodite zu weihen, ob so auch der Faden
Lebens zerrisse, der kleinerer Festigkeit war.

Nichts mehr zu hoffen, erkennst du, daß all unsre Mühen
Wurden vergolten am Tag, da die Weltschöpfung stand,
Auf einer Hutweide stehn wir und gleichen den Kühen,
Denen die Gräser gemäß sind für ihren Verstand.

So ist der Ruhm, den die heutigen oder noch spätre
Spenden, ein Mißgriff, wie Rilke schon sagte, der Wahn
Heutiger Leiden und Freuden ist nichts für den Maître,
Denn alle Zeit, die er göttlicht, ist längst schon vertan.

Früh befiehlt Stil und die Ordnung besetzt die Podeste,
Starrheit, die jeden, der näherkommt, bannt und fixiert,
Täuschung ist alles, was aufbricht und heimelt das Feste,
Denn keine Statue schreitet und schweift im Geviert.

In ihrem Anlitz entdeckst du kein menschliches Eigen,
Wo sich die Rasse noch fürstlich vor jede Person
Stellt und die Würde hat, jegliche Zeit zu verschweigen,
Dort komponierst du archaisch und ganz homophon.

Wenn du die Zeiten verwunden von Irrweg und Lehre,
Stellst du den Kouros ins Licht als den Säulen-Atlant,
Und du erschrickst vor dir selbst und idäischer Ehre,
Weil sich Herakles dir feind seiner Bürde entwand.
 

 

185
 


IDÄISCHES LICHT
Blender, Blitz, gewohnt
Minne, unbedingt,
Goldner Schild, der Schaum
Schwängert, weiß und hehr:
Hellen Gleichmuts thront
Gott, der schafft und schlingt,
Idaher der Traum
Überm Mittelmeer.

Zeichner, hart an Land
Marmor, scharf und glatt,
Sanftes Aquarell,
Wenn die Woge fällt.
Selbst der Küstensand,
Aller Farbe satt,
Dient als Widderfell
In der Inselwelt.

Unterm Blitz des Zeus
Stählern oder schwank
Schmerzt der Strahl das Aug,
Bis es traumhin weicht,
Doch im Grün erfreus,
Nährend, stolz und schlank,
Weide, Busch und Haugk,
Drin die Nymphe leicht.
 

 

186
 
Ihr verströmter Duft,
Den sie selbst entflammt,
Opfernd, im Arom
Zeus, dem Donnrer, nah,
Mischt dem Gold der Luft,
Die als Aleph-Amt
Strömt im Ida-Dom,
Blut als Omega.

Unterm Zeus-Zenit
Wird die Erde reich,
Schlange, die sich sonnt,
Weiß von frühster See,
Und wir feiern mit
Öl und Wein und Eich
An der Wetterfront
Seiner Krone Schnee.

Wer den Himmel rührt,
Steigend nackten Fels,
Wo das Firneis brennt
Im Kroniden-Glast,
Artemis verführt,
Müd des Hundsgebells,
Den, der Sehnsucht kennt,
Die ihr Herz nicht faßt.

Aber drunter gleißt,
Ob sein Kult auch sank,
Bis die Welt vergeh
Ehern heiß das Licht,
 

 

187
 
Ragt, von Dunst umkreist,
Zeus zu Lob und Dank
Kreta aus der See,
Stolz der Lehenspflicht.

Durch den Dichter sprichts:
Nimm das Opfer an,
Füllhorn meines Traums,
Den du nächtens schreibst,
Erst der Schmerz des Lichts,
Das den Krieg ersann,
Hob aus Meeresschaum
Sie, in der du bleibst.

Nenn sie kretisch grün,
Hoff, dies Eiland sei
Eigen ihr als Leib
Und der See Geschlecht,
Unser Schild-Bemühn
Halt die Furche frei,
Und der Dichter treib
Tief im Traumgeflecht.

Was als Frucht sich hob,
Weih dem Himmelsherrn,
Der die Bilder schuf
Und begabt mit Schau,
Seines Reiches Lob
Gib im Herz und gern,
Denn der Traum-Beruf
Liebt das Himmelsblau.
 

 

 

 




IDÆISCHES LICHT

ZWEITES BUCH




»Eine Welt in einem Licht, das oft beschrieben ist. Es ist Morgen, der Nordwind hat sich erhoben, der die Barken Athens nach den Zykladen treibt, und das Meer nimmt, wie bei Homer, die Farben des Weins und der Veilchen an, gegen die verrosteten Felsen schlägt es sanft, alles ist durchsichtig, jedenfalls in Attika, alles hat Farben, auch die Olympischen, Pallas, die Weiße, und Poseidon, der Azurgott. Ja durchsichtig, das ist das Wort, was aus der Hand der Griechen geht, das ist räumlich da, stark belichtet, Plastik, reiner Gegenstand, seine Jahrhunderte bereicherten den Peloponnes, stellten die Hügel und Inseln voll, lagerten etwas über die Weideflächen, erhöhten sie geographisch über den Meeresspiegel, und zwar mit etwas, was Ausdruck gewonnen hatte; Gelebtes, gekerbt vom Willen und den Erfahrungen der Rasse; Porphyr, bearbeitet von Traum, Kritik und höchster Vernunft; Ton und darauf die Linien menschlicher Bewegung, seiner Handlungsweisen, seiner Gesten, seines räumlichen Gefüges.«
 
GOTTFRIED BENN       

 

 

 

191
 


AMALTHEA
Wo die Bienen golden
Aus dem Überfluß
Safranfarbner Dolden
Im Begattungskuß
Scharenweise ernten,
Was sie nicht gesät,
Zeiten sich, entfernten,
Noch dein Glanz verrät.

Wo die Tauben tragen
Wein und Mistelzweig,
Nymphe hegt und Sagen
Säuseln Waldgeschweig,
Darf die Fülle prunken,
Milch und Honig fließt,
Bis der Knabe trunken
Seine Augen schließt.

Wo die Erde weise
Über aller List
Sicherheit und Speise
Ihrem Liebling ist,
Dem erwählten Gotte,
Ihrer Tochter Sohn,
Birgt die Bergesgrotte
Fruchtbarkeit und Mohn.
 

 

192
 
Wo der Traum in Räuschen
Weiß Triumph und Sieg,
Und Saturn zu täuschen,
Im Kuretenkrieg
Kupferschilde klirren,
Erz im Sonnenstrahl,
Dürfen Bienen schwirren,
Doch zum letzten Mal.

Wo den goldnen Reichen
Wächst das reinste Gold,
Ist im Himmelszeichen
Helios weit gerollt,
Schwermut des Titanen,
Der nicht deuten kann,
Wie im Glanz der Bahnen
Höchster Glanz zerrann.

Wo zur Abschiedsstunde
Reichste Ernte glückt,
Ist am Knabenmunde
Welt in eins gerückt,
Wo die Nymphen Falter,
Wind und Wald Gesang,
Preist das goldne Alter
Seinen Untergang.

Wo das Maß im Kampfe,
Stahl die Stiere bannt,
Daß der Widder stampfe,
Bist du ausgesandt,
 

 

193
 
Daß dein Füllhorn prange
Hell am Sphärenschild,
Unten nur die Schlange
Kenn dein Spiegelbild.

Wo der Salamander
Dein Geheimnis weiß,
Helios weiterwander
Durch den Zeichenkreis,
Blasen wir die Hörner
Hochgemut und hehr,
Sän wir Samenkörner
Deiner Wiederkehr.
 

 

194
 


DER DISKOS VON PHAISTOS
Wo, nach dem Doppelhorn des Ida strebend,
Ein Traum sich hob und formte zum Palast,
Der leicht wie jene, die vorüberschwebend
Ihn ehrten, da sie gern und oft zu Gast,
Wo Priester Kunst und Wissenschaften hegten
In Schlössern, die nur der Geweihte bricht,
Kam wie ein Schatz, dem wir im Traum begegnen,
Handspannengroß das Labyrinth ans Licht.

Die Scheibe, drein in doppelter Spirale
Bildzeichen scharf und sparsam eingeprägt,
Ist wie ein Spiegel, der dich tausend Male
Daran gemahnt, wie kurz dein Geist dich trägt,
Der Forscher, der Präludien seiner Reife
Erwartet, wo sich früher Himmel spannt,
Sieht im Gesetz von Faden, Spur und Schleife
Nichts als den Kampf um Weib und Ackerland.

Es führt kein Weg zum Heiligen vom Schlichten,
Als bloßer Nimbus, Ritual und Macht,
Kannst du die Zahl als Eigenheit gewichten,
Daß sie vor einer Flut von Bildern wacht,
Dann mag es dir ergehn wie dem, der Saiten
Zu stimmen weiß, so wie das Ohr gestimmt,
Im Gleichklang des Verschiedenen zu leiten
Das Maß der Fülle, das sich gibt und nimmt.
 

 

195
 
Die Alten, die den Wandel der Gestirne
Im Wechselspiel zu aller Weisheit sahn,
Sie beugten sich dem Gipfeleis der Firne
Und hießen nichts gelöst und abgetan,
Für sie war das Geheimnis Lohn der Mühe,
Und Rätsel boten Heimlichkeit und Halt
Im Spüren, daß der Geist im Raum der Frühe
Verbürgt blieb in der menschlichen Gestalt.

In ihrem Spiel sei deines Muts Verschwender,
Begreif die Zeit als Stier, der deiner harrt,
Denn löst du ihre Wirbel als Kalender,
Erfüllt die Schale dich mit Gegenwart,
Die durch das Labyrinth der Himmelszeichen
Nur den zu Schrecken und Verderben führt,
Der von der Harmonie in ihren Reichen
Kein Gran in seinem dumpfen Herzen spürt.
 

 

196
 


EPIMENIDES
I

Sucher nach Unschuld im Schatten
Diktäischer Höhle, wo Zeus
Blendungfrei augentrost-matten
Farben beläßt sein Gehäus,
Was sich die Otter im glatten
Gleiten aus Netzen und Reus
Raubt, ist ihm gleich, zu begatten
Nymphen im Gold des Gebläus.

Winters träumend, sommers sinnend,
Fiel die Zeit und Herrschaft hin,
Die, im Aufruhr sich beginnend,
Strafte den Gedächtnis-Sinn,
Im Exil die Mythen spinnend,
Urgroßvater, steig und minn,
Was die andern, blind verrinnend,
Sahn, und Strategie gewinn.

Der du deinen Geistverwandten
Sprache, Blitz und Dreizack raubst
Und zitierend mit Folianten
Auch zugleich den Gott entstaubst,
Sei gewiß, daß im Erkannten
Du dir selbst den Weg erlaubst
Und den Menschenmund-benannten
Zeus allein als menschlich glaubst.
 

 

197
 
Wer das Wort in seine Rechte
Einsetzt und am rechten Ort,
Stammt aus stolzestem Geschlechte,
Pflanzt sich nicht mit Weibern fort,
Daß der Erbe sein gedächte,
Wenn der letzte Stamm verdorrt,
Rief, der frech mit Knaben zechte,
Auch den Gott zurück ins Wort.

Wort, das anfangs war und wieder
Anfang wird, wenn du die Schar
Schwarzer Zeichen, starr und bieder,
Weckst zum Geist, der sie gebar,
Zeus im schützenden Gefieder,
Für dein Aug des Schreckens bar,
Nennt dich Ganymed und nieder
Schwingt er sich und macht sich wahr.

Einmal darfst du ihn erschauen,
Doch wenn du nicht warten kannst,
Wird der Nebel dir zum Grauen
Und die Lust zum Schmerz im Wanst,
Seinen Zeichen zu vertrauen,
Bis du dich zur Schau ermannst,
Kam er, um dich aufzutauen,
Bis dein Leib als Lohe tanzt.

Und du sagst: Wenn ihr doch wüßtet,
Daß ihr mit dem Zeichen fallt,
Weil, was uns nach euch gelüstet,
Bleibt in euern Herzen kalt.
 

 

198
 
Alle Freiheit, die dich rüstet,
Macht zum Heil erst die Gestalt,
Wer sich mit der Willkür brüstet,
Macht vor keiner Willkür halt.

Abgeschiedenheit zu üben,
Deinen Sinn an Wurzeln eich,
Drüben oft und manchmal hüben,
Sei wie Wasser flink und weich,
Laß dich nicht von Farben trüben
Und verharr im Zwischenreich.
Pilze recken sich in Schüben,
Und der Geist tuts ihnen gleich.

Wenn der Schattenfürstin Garten
Dich begrüßt, sag lob und sing,
Nur verlassene Standarten
Künden, was das Los verhing.
Wer betrügt, hat schlechte Karten,
Daß der große Wurf geling.
Du sollst Prüfungen erwarten,
Bis du aussteigst aus dem Ring.
 

 

199
 


II

Letzter des traumhin versunkenen Zeus der Kureten,
Priester, geheim unter sinkenden Himmeln geweiht,
Was aus der Vorsehung dich überhäuft mit Gebeten,
Waltet im Heilen, vergißt es die achtlose Zeit.

Wo sich dein Raten in Feldern des Ares verkehrte,
Wählst du das Rätsel und steigst in das Höhlen-Exil,
Schlaf, den die Nähe des Göttlichen innig begehrte,
Kehrt wie ein Schatten im Wort und im geistigen Spiel

Aller, die meinen, die Fessel der Seele im Spiegel
Zu überwinden, daß Weisheit sie frei und erfreu.
Im Paradox, das dich bannt wie olympische Siegel,
Teilst du das Los der Titanen und bleibst ihnen treu.

Was du erlesen hast, was du hinzufügst den Schriften,
Bleibt dir allein, nur das wenige in deinem Grab
Wird man benutzen, den Himmel des Zeus zu vergiften,
Wartet das Feuer auf unechter Nachkommen Stab.

Daß es wem fromme und daß es ermuntre den Weisen,
Hast du zu hoffen und auch zu erflehn nicht gewagt,
Nacht hat zu folgen wie das Kupfer beerben wird Eisen,
Und das Vergessen ist Antwort, der Stimme, die sagt.

Was aber Winden getrotzt hat und jeglichen Wettern,
Wird unterm Zeichen der Fische im gnostischen Wahn
Trunkene Meute in großer Empörung zerschmettern,
Tönt auf den Wogen die Botschaft vom Tode des Pan.
 

 

200
 
Aber die Spuren, die einzig die Liebenden finden,
Dauern im Schutt bis die Stunde des Einklanges naht,
Eh nicht die Götter die Augen vom Flore entbinden,
Sei dir der Trauer und auch der Verzweiflung zu schad.

Immerfort dichtet das All an der Weltengeschichte,
Und die Gewichte verteilen sich anders und neu,
Was dir erschienen, auf daß es dich ewig verpflichte,
Wird auch erscheinen, daß wer deines Wortes sich freu.
 

 

201
 


EINSIEDELEI IM GEBIRG
Für Uwe Nolte

Dorne, die sich fest verwinden,
Labyrinthe ziern und sperrn,
Die Verheißung, zu verschwinden
Wie der helle Morgenstern,
Schlangenkörper, jählings schnellend,
Wie ihr euch geschmeidig bogt,
Nie geschaute Himmel hellend
Überm Grund, der dich umwogt.

Was im Schutz der Dornbuschhecke
Dämmert, muß verwunschen sein,
Ob das Wild, ob, ders zur Strecke
Brachte, weiß der Gott allein,
Der im Äther, der umnachtet,
In Gestalt der Nymphen wacht,
Und das Herz, das er verpachtet,
Seinem Himmelslicht vermacht.

Wenn du einkehrst in die Hütte,
Weißt du, eh der Riegel fällt,
Nur, daß sich dein Geist zerrütte,
Hat ein Traum sie aufgestellt,
Daß du aus dem Schädel tränkest,
Blutig rot auf schlankem Pfahl,
Und dich seiner Wandlung schenkest,
Glüht er lila, grün und fahl.
 

 

202
 
Hast das Bild du nicht verstanden,
Wie die Schlange, die entglitt,
Deiner Kunst so sehr abhanden,
Daß sie für den Gegner stritt?
Da das Haupt die Lippe rührte,
Ward es fleischlich auf dem Pflock
Herr und herrlich und es führte
Deinen Tanz als geiler Bock.

Zwar der Hund blieb knurrend sitzen,
Doch der Klausner, der hier haust,
Will das Blut dir nicht verspritzen,
Da du zitternd nach ihm schaust.
Will das Ritual nicht enden,
Bleibt es offen als Symbol,
Soll das Haupt in deinen Händen
Wieder schweigen, starr und hohl?

Zeichen, die im Irrlicht harren,
Neckisch, leicht, lasziv und kaum
Faßlich im Geviert der Sparren,
Folgen einem andern Traum.
Bist du vor der Zeit gekommen,
Hat ein Trick die tausend Jahr
Überspielt, um dir zu frommen,
Und was scheint, ist nirgends wahr?

Tiefer Schlaf ist dein Vermächtnis,
Den der Milan hoch bewacht,
Nicht nach Tagen und Gedächtnis
Fragt, wer neunfach front der Nacht,
 

 

203
 
Was die Höhlen dir vertrauten,
Sprich nicht aus bei Mahl und Rat:
Kein Verweilen im Erschauten
Nimmt dem Vlies die Drachensaat.

Auch das Haus, das Zeus im Garten
Wappnet mit dem Krautgesträuch,
Weiß den Südwind abzuwarten
Und der Nymphen Klag-Geräuch.
Bilder steigen, weiß umnachtet,
Aus der Silberspur: Ich bin.
Nur wer sie zu bannen trachtet,
Weiß um ihren Hintersinn.

Wenn sie schmerzen, wenn sie sehren,
Steigt ein tiefres dir zum Heil,
Nimmt, den Göttern im Begehren
Gleich, an den den Gelagen teil,
Überm Traum von Diptamdosten,
Schwerer noch als schwarzer Wein,
Hüllt ein trockner Wind von Osten
Auge und Gedächnis ein.
 

 

204
 


ROSMARIN
Tau des Meeres, Rosmarin,
Welche Sonne, die dir schien,
Hat dir solche Macht verliehn,
Ganz mein Herz in Bann zu ziehn?

Welcher Wind, der grollt und buhlt,
Hat sich im Gesträuch gesuhlt,
Jede Faser hold geschult,
Daß sie meine Träume spult?

Welche Wasser, Gischt und Glanz,
Lockten dich zu Spiel und Tanz,
Welche Kinderei des Manns
Wohnt in dir und weiß mich ganz?

Welchen Gottes sanfter Spleen
Spricht aus dir, und läßt nur ihn
Gelten, wenn die Wolken ziehn,
Tau des Meeres, Rosmarin?
 

 

205
 


DIPTAMDOST
Am Waldsaum, schattig-warm, bei Busch und Strauch,
Gekräut, das kalkig helle Erde liebt,
Ins Dornicht auf der Pinien-Lichtung tauch
Die Nase, der sich hier ein Wunder gibt.

Das Kraut, das traubig seine Blüten stellt
Und sommers laut den reifen Pollen stäubt,
Das weiß und rosa, lila gar die Welt
Des Grüns verzückt und dich mit Duft betäubt,

Mußt du nicht suchen, denn es lockt im Mai
Mit Ölen, die sublim und feurig quelln,
Den Kiffer, der den Rausch erhofft, herbei,
Mit Dictamin den Geist ihm aufzuhelln.

Vanille und Zitrone wagen hier
Nicht den Vergleich, was aus den Drüsen rinnt,
Ist reich und regsam, daß selbst Wein und Bier
Verzagen vor dem traumigen Absinth.

Tritt aus dem Wald und gib dich ihrem Rausch,
Mit Bitterstoffen würze Mark und Milz,
Dem Wort der Göttin, die hier nistet, lausch,
Ihr gleichzutun und ihrer Fülle, gilts.

Sie weiß zu werben und dir wird bewußt,
Daß solche Propaganda wäre not
Für all die Götter, die du hüten mußt,
In Zeiten, die dem Dichter nicht kommod.
 

 

206
 
Bei ihr, auf Kreta unverborgen, weil,
Wo Honig sich vergärt zu Met und Most,
Und werde froh und werde wieder heil
Im Schoß der Göttin, die verströmt im Dost.

Sie heilt dein Leiden, das venerisch schwärt,
Nicht modrig, sondern trocknen Elements,
Wo Eros straft und seine Gunst entehrt,
Trifft sie sein Pfeilgift, ächtets und verbrennts.

Sie lehrt dich unterm Himmelslicht des Zeus,
Daß alles, was hier keimt und wächst und blüht,
Lobsingt und preist sein herrliches Gehäus,
Ihm eigen und sein göttliches Gemüt.

Doch wenn der Juni Flur und Klippen sengt,
Die Tropfen ihres Öls zum Brennglas macht,
Wird sie zum Phoenix, der sich selbst verschenkt,
Weil sie das Opferfeuer selbst entfacht.

Und wenn der Busch, der sich vor dir entflammt
Und lodernd Äther und Arom verzehrt,
Siehst du im Feuer den, daher er stammt,
Den Himmelsvater, mit dem Blitz bewehrt.

Er blendet dich, daß du dem Orpheus gleichst,
Und küßt in dir das dritte Auge hell,
Daß du in Lied und Spruch sein Herz erreichst,
Schenkt er dir Honig, Milch und Widderfell.
 

 

207
 


OREGANO
Schmuck der Berge, echter Dost,
Kraut, das herb und eigen würzt,
Markenmal der Mittmeer-Kost,
Die belebt und Kummer kürzt.

Die Geburt bringst du in Fluß,
Und dein Öl den Parasit
Tötet, daß der Hexenschuß
Gottlob aus den Gliedern glitt.

Lila Blüte, Wurzelstock
Sind dem Teufel arg und gram,
Böser Nixen Liebgelock
Widersteht, wer dich bekam.

Wenn ich Hochzeit halten will,
Hilfst du mir zu Glück und Ruh,
Denn ich leg die Blüten still
In der Liebe Strauß und Schuh.
 

 

208
 


WUNDERBAUM
Wunderbaum im Kretalichte
Wasser schätzt und leicht entbehrt,
Schon die biblische Geschichte
Hat den stolzen Wuchs geehrt.

Zeckenförmig sind die Bohnen,
Palmenhaft der Wedelstern,
Die mit dir im Garten wohnen,
Mögen bronzne Blätter gern.

Öl, das die Verstopfung reinigt,
Und des Magiers Künste trifft,
Was der Wunderbaum vereinigt,
Ist beschützt von starkem Gift.

Tödlich ist schon wenig Schale
Für den Menschen, Hund und Laus,
Darum quetsch die ockerfahle
Flüssigkeit nur kalt heraus.

Nur des Bärenspinners Raupe
Frißt sich froh in dieses Fett,
Wenn sie dörrt die Zeckengaupe
Schirmt der Schatten Wandrers Bett.
 

 

209
 


OLEANDER
Immergrünes Holzgesträuch,
Gelblich, rosa, violett
Grüßen seine Blüten euch,
Die ihr schaut das pralle Fett.

Weich wie Ziegenleder faßt
Sich das Blatt, das bitter schmeckt,
Wenig lädts zu Fraß und Mast,
Dran schon bald das Herz verreckt.

Auch ein Schnitt vom scharfen Grat,
Gibt dir bösen Vorgeschmack
Von dem schnöden Attentat,
Das der Strauch gespeichert hat.

Also faß ihn mit Respekt,
Denn der Schöne wehrt mit Fahr,
Wenn er gelbe Blüten streckt,
Sei dir Mörderabsicht klar.
 

 

210
 


TAMARISKE
Kleiner Baum, der auf versalznem Boden
Wurzeln kann, weil ihn das Blatt entschlackt,
Vorhut, wo die Wogenkämme roden,
Festlands Pionier und erster Akt.

Wurzeltief mit Schuppenblatt, die Zweige
Dicht bedeckend wie ein Panzerkleid,
Wenn ich meinem Schatz die Blüten zeige,
Bannt ihr Rosa alles Weh und Leid.

Um die Triebe wuchern meistens Gallen,
Mit Tanninen, draus uns grüßt der Wein,
Von der Schildlaus wird der Stock befallen,
Und wir heimsen hier die Manna ein.

Wunderbar das Eins von Tier und Pflanze,
Wunderbarer der Mikroben Werk,
Der botanicus im Jubeltanze
Folgt dir immer gern zum Idaberg.
 

 

211
 


OLIVENBAUM
Ruhmreichster der Baumeszunft,
Tief und knorrig, breit und krumm,
Runenrat der Wiederkunft,
Den Jahrtausend schmeißt nicht um.

Noah treibt dem Zweige nach,
Dem Peisandros schmückst die Axt,
Dem Odyß ein Ehgemach,
Denn wo ihr, Oliven, wachst,

Sind die Götter niemals fern,
Und im Öl, das labt und heilt,
Hätt der knüppelharte Kern
Gern den Rest der Zeit geweilt.

Trockenheit und Wüstenglut
Steckst du ohne Klage fort,
Aber Frost zerstört den Mut,
Drum du nie gedeihst im Nord.

Doch dein Öl ist dort begehrt
Und im ganzen Erdenkreis,
Weil es uns so köstlich nährt,
Ob es kalt ist oder heiß.
 

 

212
 


JOHANNISBROT
Wilder Honig, der den Täufer
Wohl genährt im Widderfell,
Brotzeit für den Sonnenläufer,
Süße Frucht und Karamell.

Holz, das standhält den Charybden,
Hart und bruchfest, formstabil,
Schickt im frühesten Ägypten
Schon die Barken auf den Nil.

Von Arabien hergekommen,
Wo ihm taugen Staub und Schrott,
Bleibt ihm ewig wohlgesonnen,
Wer ihn aufnahm, diesen Gott.

Lange Hülsenfrucht sich ringelt
Schlangenhaft um Stamm und Ast,
Wenn das Bockhorn dich umzingelt,
Kennst du nicht des Hunger Last.

Denn Karob hält sich zur Ernte
Die Maschine gänzlich fern,
Und erscheint als der Besternte
Mit dem diamtnen Kern.

Zu den Wundern, die dem Süden,
Feil, ein höchstes Wunder lies,
Denn sie formten sich zu Krügen
Früher als das Paradies.
 

 

213
 


ZYPRESSE
Der Habitus dicht und gedrungen,
Als friere sie, was oft auch stimmt,
In Nebel und Norddämmerungen
Man ungestraft selten sie nimmt,
Im Lichte des Ida gewachsen,
Beschenkt, daß sie grüne und schmück,
Macht sie die Alleen zu Achsen,
Doch spricht sie kein Wörtlein vom Glück.

Ob bräunlich, ob bläulich, ihr Grünen
Im buschigen Selber-Verhülln,
Gemahnt uns an Büßen und Sühnen,
Als wollt ein Gesicht sich zerknülln.
Als sei sie ihr eigener Zapfen,
Ein Aug, das sich duckte ins Hemd,
Ein Fuß, der verwurzelt im Stapfen –
So sagt sie, sie bleibe uns fremd.

Es ist kein Geklag, kein Gegrantel,
Doch Dunkles ist fraglos im Schwang,
Ein Dichterwort sah einen Mantel,
Den über den Degen man schlang,
So tief ist die düstere Pose,
Daß alles Begreifen verstummt,
Und niemand will offen und lose,
Was also bestimmt sich vermummt.
 

 

214
 
Sie mischt allem Glanz etwas Fades,
Als sei alles Blühen Getu,
So gilt sie als Botin des Hades
Und raunt uns im Kehrreime zu,
In Gärten der Unterwelt grüne
Sie heimisch, dem Lenz wie dem Herbst
Nicht Schaustellerin oder Bühne,
Und nichts, daß die Wangen ihr färbst.

Auch wenn sich die Zweige zerklüften,
Wird doch die Gestalt nicht konkav,
Man schaut eine Vielzahl von Grüften
Vereinigt im ewigen Schlaf,
Sie zeigt eine Neigung zum Starren,
Wie selten das Leben sich müht,
Das Rätsel in ihrem Verharren
Befriedet das hellste Geblüt.

Die Priester des Ida verschollen
Und alle Mysterien verwaist,
Es schweigen, die hoffen und wollen
Den Himmel und Gipfel, vereist,
Doch sei es aus Hochmut und Sünde,
Aus Weisheit, aus Philosophie,
Daß man ihre Trauer ergründe,
Erlaubt die Zypresse uns nie.
 

 

215
 


WEISSER WEIN
Farbe der Pallas und Banner der gymnischen Spiele,
Wo uns der Wettkampf in Räusche und Taumel versetzt,
Weiß des Olympos und Wellenbekrönung, gar viele
Sagen erdichtend und jede verwerfend zuletzt.

Weiß des idäischen Traums über stygischem Dunkel,
Lammwolle, Busen der Mutter in purpurner Hut,
Weißpfeil Orions, der im Dioskurengefunkel
Ziere den Kiel, und das Ziel deiner Reise wird gut.

Wein, der dem Weisen so nahe in unserer Sprache
Und sich dem Blute so leicht und gefährlich vermischt,
Macht seine Freunde erschauen als Ernte das Brache,
Aber sie sammeln sich auch, wenn er Linien verwischt.

Bakchos, der Griechen der freudige Bringer der Rebe,
Naht nicht allein, wo erwacht der orgiastische Tanz,
Was dir als Mann oder Mutter, als Greis und Ephebe
Fehlt zu den Göttern, ergänzt seine Wandelkraft ganz.

Er ist der Falter, der Falken zu zähmen gewohnte,
Er ist der Falke, der Falter zum Angriff befiehlt,
Er kann die Bilder vertauschen, was fiel und was lohnte,
Ist nur ein Wurf, den er schalkhaft und treffsicher zielt.

Er weiß viel mehr über uns, als wir irgendwann wähnen,
Er hat den Mut für den Rückzug wie den für den Streich,
Frohsinn vergeht und ein Ende wird auch allen Tränen,
Einzig von Ewigkeit ist sein unendliches Reich.
 

 

216
 
Wer ihm ergeben ist, darf seinen Kräften vertrauen,
Denn seine Macht ist von Mode und Kampfpausen frei,
Was er dir preisgeben will, wird dein Auge erschauen,
Ob es auch trüb und von Pfeilen verunstaltet sei.

Heiß ist der Atem, der aus seiner Kühle dir mundet,
Heiß wird der Wunsch und Erfüllung zum Anfassen nah,
Was dir auch werden kann, er hat es längst überrundet,
Er, der nichts sehn muß, weil alles er längst schon ersah.

Er führt dich überall hin, wo du vorhast zu weilen,
Und er beschleunigt das Tun wie kein Rad oder Schiff,
Aber du weißt, im bedächtigen Tun und im Eilen
Steht doch am Ende der Fahrt ein vernichtendes Riff.

Siehe, er rettet dich nicht, und er ist nicht gekommen,
Daß du vom Staube dich höbest und gleich seist Apoll,
Er mag dem Felsen sogar zur Verwandelung frommen,
Aber er beugt sich dem Herzblut in Liebe und Groll.

Darum verein seine Glut nicht dem Arg und dem Grame,
Sondern der Liebe, die schenkt und sich dabei vermehrt,
Dann sieht der Blinde und tänzerisch waltet der Lahme,
Und sogar Narren erscheint nicht die Weisheit verwehrt.
 

 

217
 


SCHWARZER WEIN
Wenn die Sonne
Mählich sinkt,
Folg der Wonne,
Die sich trinkt,
Aus dem Leben,
Sieg und Pein,
Wähl die Reben
Schwarzer Wein.

Wenn der Sterne
Dunkelvlies
Aus der Ferne
Fällt, so ließ
Helios' Nachen
Haugk und Hain,
Aug und Rachen
Schwarzem Wein.

Nichts zu glauben
Als das Blut,
Das aus Trauben
Wonnig tut,
Sag mir, welche
Lust ist dein,
Füllt die Kelche
Schwarzer Wein.
 

 

218
 
Schein der Kerze,
Schmales Rund,
In die Schwärze
Bis zum Grund
Tauch die Lippen
Schlürfend ein,
Nicht zu nippen
Schwarzen Wein.

Holz der Fässer,
Schwarz und naß,
Doch nicht blässer
Als das Faß
Darf der schwanke
Zecher sein,
Daß er danke
Schwarzem Wein.

Heißsporn, mutig,
Tief und warm,
Frech und blutig
Kracht der Darm,
Reich an Dünsten
Gib dich drein,
Schwarzen Brünsten,
Schwarzem Wein.

Abgestumpftes
Trinkgeprotz,
Dem Triumph des
Rebengotts
 

 

219
 
Winkend, trüber
Lampenschein,
Weltnacht über
Schwarzem Wein.

Endlos trunken
In der Nacht,
Lischt der Funken,
Der noch wacht,
So verschütte,
Staub und Stein,
In die Hütte
Schwarzen Wein.

Heimgefunden
Hast du nicht,
Doch den Wunden,
Die das Licht
Schlug am Tage
Grob und fein,
Gab die Sage
Schwarzen Wein.

Stürz und funkle,
Hieb und Knall,
Daß der Dunkle
Noch im Fall
Dich bewaffne
Mit Verzeihn:
Mavrodaphne
Schwarzer Wein.
 

 

220
 


OREADE
Wenn der Weg, den ich genommen,
Grottenhin nach Einkehr ruft,
Sei die Fragerin willkommen,
Die mich anspricht, euch zu frommen,
Die ihr Weg und Himmel schuft!

Will die Frucht des Lebens schälen
Und zerschlagen selbst den Kern,
Was ich weiß, will ich erzählen,
Wo ich nichts weiß, gut zu wählen,
Hoffe ich auf meinen Stern.

Fragst du, was mir selber bliebe,
Wenn die Welt mir nichts mehr gibt? –
Allem wird die Zeit zum Diebe,
Doch unsterblich strahlt die Liebe
Dort, wo sie vergeblich liebt.

Fragst du mich, was mein entgrenzter
Geist im Haus der Schatten tut? –
Wohl vertraut sind mir Gespenster,
Und Gehenkten, die am Fenster
Rütteln, geb ich oft mein Blut.

Fragst du, ob mein Aug gespiegelt
Wohlfeil sei für Schild und Troß? –
Seine Tiefen sind versiegelt,
Was das Paradies entriegelt,
Taugt nicht für ein andres Schloß.
 

 

221
 
Fragst du mich, ob der zum Narren
Wird, der seinem Traume glaubt? –
Sieh, vom Dach nahm ich den Sparren,
Vor Medusen auszuharren,
Die im Land erhebt das Haupt.

Fragst du, ob ich Weitgereister
Sagen kann vom Höllenstrom? –
Im Gewimmel sattsam Feister
Artemis, dem Dunkel Meister,
Orpheus trug zu Heliodrom.

Aber, wo von Finsternissen
Stets die Rede, sei gesagt,
Keine Stunde möcht ich missen
Im Gefährlich-Ungewissen,
Das die Reue nie gewagt.

Soll Verrat der Richter schauen,
Wo der Liebende das Glück
Ahndet, wird das Firneis tauen,
Und der Fön kennt nur Vertrauen,
Und das Herz weiß kein Zurück.

Darum sollst nicht länger fragen,
Denn ich reim allein, was du
Wortlos meinst, wenn du im Hagen
Spät erscheinst, den Geist zu tragen,
Und die Augen fallen zu.
 

 

222
 


STEINEICHE
Für Christine Bauer

Wo sie steht, um dich zu schonen,
Haut, verletzlich und gespannt,
Darfst du dem Gedanken fronen,
Daß das Heim in ihrer Hand,
Denn das Rauschen solcher Krone
Weiß als lauer Winde Kiel,
Wem willkommen, daß er wohne,
Polemos nicht spielt das Spiel.

Sogar Zeus, einst selber Eiche,
Wird verjüngt von ihrer Huld.
Daß sie all sein Licht erreiche,
Zeigt sie Stolz und Gott-Geduld,
Aber wenn am ungut-sechsten
Schöpfungstag der Mann erscheint,
So entehrt mit Bronze-Äxten
Gaia er, die Quellen weint.

Denn ihr Liebling ist die Holde,
Die den Herrn des Himmels trägt,
Laubgeschmückt in seinem Golde
Schattet, wenn der Wandrer frägt,
In der Vielfalt ihrer Arten
Gilt als einzig ihre Nuß,
Drein der Donnrer seinem Garten
Siegelt göttlichen Beschluß.
 

 

223
 
Nur das klügste aller Tiere
Tritt in diesen Zauber ein,
Daß den Hunger es verliere,
Ist der Früchte froh das Schwein,
Halt es heilig, Götterspeise,
Cupula, das Eichelfett,
Macht die Mühen jeder Reise
Himmlisch und ambrosisch wett.

Und der Mensch baut Segelschiffe,
Macht den Erdkreis untertan,
Jede Klippe, fernste Riffe,
Ares folgt und seinem Wahn.
Opfre diesem Baum die Lanze,
Keiner Ziege tu zuleid,
Denn du schaust die schattend ganze
Welt des Zeus in Heiterkeit.

Deinen Horizont erweitre
In der Krone reichem Saal,
Daß die Fahrt zuland nicht scheitre,
Deckt sie stolz ihr Areal,
Deinen Dom ihr nachzubauen,
Gilts, dein Dach dem Blatt gezähnt,
Ihr gedenkend, zu vertrauen,
Daß sich Zeus im Walde wähnt.

Doch dem Blitz des großen Blenders
Ist sie schutzlos, Nymphe weich,
Nicht unsterblich, des Verschwenders
Gleichmut Opfer, ist sein Reich,
 

 

224
 
Nicht ihr letztes, Proserpin,
Der die Stolze wohlgefällt,
Mag sie gern im Garten ziehn,
Fruchtbar in der Unterwelt.

Wenn verbrannt das Zeus-Gewitter,
Grün und Leben, steht sie doch,
Zwar entbehrend Schmuck und Flitter,
Pilzreich und geschwärzt im Joch
Aller Zeit, die sie bestaunte,
Ragt sie wie die Hand im Eid
Fest ins Licht, wo Wind uns raunte
Lieder großer Heiterkeit.
 

 

225
 


KRETISCHER HIRT
Er weiß sich fest und froh in seiner Welt,
Von deren Gipfeln man die Ufer schaut,
Sein Haar ist weiß und Morgendunst-betaut,
Er tut seit Urzeit nur, was ihm gefällt.

Er hegt die Tiere seit der Niederkunft
Und hat für sie manch grimmer Fahr getrotzt,
Sein Frühstück, das von Waldes-Honig strotzt,
Läßt er den Göttern nicht, doch alle Brunft

Von Menschen, Schafen, Ziegen, Federvieh
Erscheint ihm dem Geheimnis abgeschaut,
Das wolkig sich am Horizonte braut.
Zwar gibt es Unterstände da und hie

Und manche haben Krüge starken Weins,
Daß er im warmen Fell der Herde träumt,
Es gibt nichts, was ihn ruft, was er versäumt,
Bis Hermes kommt und macht mit Lethe eins.

Hochebnen, wo er streift und nichts vergaß,
Das Grün ist oft verbrannt und nährt gering,
Am Waldsaum, hin er manche Male ging
Im Juli, wächst das saftigere Gras.

In Senken, wo das krautige Gewächs
Und Gräser aller Arten seiner Schar,
Die, als er jung, noch nicht so zahlreich war,
Wohl munden, weilt er, Souverän und Rex.
 

 

226
 
Kaum neidet ihm ein Feind das karge Land,
Der Herde wird ein Erbe sein - wer weiß,
Ob der sie forttreibt oder Pans Geheiß
Ihn an den Ort, der sie geschaffen, bannt.

Der Sturm ist ihm ein Lächeln, doch der Blitz,
Der jäh in rasch verfärbtem Himmel reift,
Erscheint ihm so, als ob ein Gott ihn greift,
So wie des Jungtiers Mutter den Besitz.

Er hat vergessen, wann ein Mann ihn trifft,
Die Fischer kommen selten ins Gebirg,
Und daß ihn eine Nymphe leicht bekirk,
Nimmt er mit Mutwill von den Kräutern Gift.

Er findet Gold aus der Kroniden-Zeit
Und schmückt damit die Bronze-Glocken so,
Daß ers bereut, weil sie nun minder froh
Zur Trift ihn rufen auf die blonde Weid.

Er stirbt gelassen, weil er immer tut,
Was sein muß, und in seiner Sphäre bleibt,
In ihm hat sich ein linder Wind verleibt,
Der schlichten Mutes und im Herzen gut.

Wenn dunkles Blut ihm seine Adern bläht,
Bläst er die Flöte Pans und die Schalmei,
Er weiß nur, daß er Gottes Kind und frei
Und daß es gradso früh ist wie es spät.
 

 

227
 


LETOAI
Südlich von Kreta, am Messara-Tal
Schlummern zwei Eiländer, Leto geschenkt,
Darin Zeus Soter des Endes der Qual
Seiner Geliebten auf Delos gedenkt.

Dort darf sein Licht, das das Mittelmeer eint,
Heller erstrahln, wie Dodona es nicht,
Ida noch anderem Heiligtum scheint,
Als das wahrhaft idäische Licht.

Unbewohnt schon seit der Zwillingsgeburt,
Jungfrauen-Inseln, die fremd jedem Vlies,
Nackt wie Orsippos sind, als er den Gurt
Auch in Olympia herabsinken ließ.

Dort ist dem Dorer, der alles perfekt
Plant, der lakonische Tempel geglückt,
Jungfrauen-Chöre, von Eros erweckt,
Haben die Helden der Ilias berückt.

Nackt und bekränzt unter Säulen im Chor,
Herrschaft erwartend, die Artemis bringt,
Grausam und zart wie ein Engel uns kor,
Macht, die sich selbst ihre Götter ersingt.

Nichts ist so sehr wie die Tonkunst sakral,
Spartas Domäne, für Hellas das Maß
Und die Substanz, denn die Künste sind schal,
Fehlt, daß Apollon sich selber vergaß.
 

 

228
 
Kriegerisch waren die Griechen, wie nie
Einer zuvor, daß Musik dies erreicht,
Weiß, wer der Brandbomben Kreisch-Szenerie
Heutigen Tempeln des Eros vergleicht.

Ist doch der Krieg Ritual und Exzeß
Wie es sonst einzig die Muse vereint,
Bläht ihm die Orgel die Lunge zur Meß,
Hat schon manch Zweifler die Götter beweint.

Nur die Musik kann gewaltsam das Herz
Öffnen wies sonst nur die Waffe vermag,
Augen verschließen vor unwertem Scherz
Kannst du, doch niemals für Töne den Tag.

Fürchtet der Grieche den Ton, doch das Licht
Wird er nicht müde zu preisen, solang
Atem ihm willens und Hermes ihn nicht
Führt auf den letzten verzweifelten Gang.

Tod ist für Griechen ein lichtarmes Los,
Hades der Ort, so sich unscharf und fahl
Schatten begegnen, wo Spitze und Stoß
Fremde sind so wie der Trunk und das Mahl.

Nie ward das Leben so innig bejaht,
Wie es sich nur dieser Helligkeit bot,
Wo aber Winter regiert und kein Rat
Ohne ihn auskommt, ist dunkel das Brot.

Aber wo Meerwind die Freiheit verheißt,
Hat kein Tyrann eine ruhige Nacht,
 

 

229
 
Nachtfrost und Nebel die Masse verschweißt,
Aber im Rausch auch die Rache erwacht.

Freiheit im Eros gepaart Disziplin
Gegen den Luxus und gegen den Feind,
Hat Lakedaimon kein Sklave verziehn,
Und daß es rein blieb und Hochmut-geeint.

Aber wer stark war und männlichen Geists,
Hat diese Aura, die Sparta umfing,
Neidisch beargwöhnt, und kleinmütig heißts:
Ohne sie nichts gegen Xerxes geling.

Gleichwohl, in Kreta von dorischem Stamm
Wuchs eine Lebensart, die uns ergreift
Und uns vergessen läßt Kleinmut und Schlamm,
Wenn uns der Seewind des Mittelmeers streift.
 

 

230
 


AMORGOS
Stillste der Inseln im Raum der ägäischen Wunder,
Einzig in Hellas, den Göttern gewidmet, die Lärm
Hassen wie unter dem Meere die silberne Flunder
Feuer zu schlagen nicht Jaspis begehrt oder Zunder,
Niemals erhoffend, daß wohlig die Lohe sie wärm,

Schafft dich der Bildhauer neu im unsäglichen Dulden
Weiblicher Torsi, vorklassisch, dem strengeren Stil
Fern, aber reich in der Anmut begehrlicher Mulden,
Daß sich die Dichter vor Eros verstummend verschulden
Und ihre Werke verbrennen am Ufer des Nil.

Groß ist das Reich an Metallen, an Erden und Erzen,
Darin der Meister das Schweigen zur Kore verstofft,
Tempel, darin ihre Haltung uns gehe zu Herzen,
Mag unsern Ahnen begehrlicher sein als die Kerzen,
Darin die Kirche das Heil der Verstorbnen erhofft.

Kargeste Schönheit der Bronze, Granit und Basalten
Nah wie das Weib, das uns alle zu Weltkriegen spornt,
Unter dem Schwert des unendlichen Fundus der Alten
Mag deine Reize der Schläger und Dichter gestalten,
Der sich ein Auge gewinnt und sich eines durchdornt.

Sanfte Kyklade, von Räubern begehrt und in Schäumen
Wogengegerbt als von Stürmen umworbenes Riff,
Polemos mag dir Gedächtnis verwehrn und versäumen,
Aber die Einsamkeit wird ihre Kehr hier erträumen
Wie ein gestrandetes, felsenverwundetes Schiff.
 

 

231
 
Wuchtig und rundum zerrissen von klaffenden Buchten,
Weiß wer zuhause die Muschel bläst wie für ein Kind,
Maultieren treu, daß dem Dichter die Stille nur fruchten
Wird, wenn er meidet die Ablenkung zahlloser Fluchten,
Die der Versucher für all seine Schwächen ersinnt.

Wär es dir freigestellt, Herz oder Heil zu verpfänden,
Gäbst du das Heil, daß den Göttern gewährtes Asyl
Blieb unverletzlich, denn ihren Äon zu beenden,
Stehen die Waffen bereit, und geraubte Legenden
Würden dir Seele vergiften, wie Leib und Gefühl.

Hartes Gestein, das die Moose und Flechten verfärben,
Kreta verpflichtet und treu seit minoischer Zeit,
Mögen die Götter sich aufgeben, siechen und sterben,
Tempel geschleift sein und uns die Heroen enterben,
Aber die Insel hält göttliche Träume bereit.
 

 

232
 


GYAROS
Nah der Quelle, nah der Mole
Ahnst du das Terrassendorf,
Mancher Rest vom Weh, vom Wohle,
Staubt im ausgedörrten Schorf.

Eigne Münze der Gemeinde,
Wo man Perlenmuscheln fängt,
Heute hat sie keine Feinde,
Weil sie still im Meere hängt.

Zwischen Andros, Tinos, Kea,
Syros, Kythnos liegt sie schmal,
Wie der Traum Hyperborea
Liegt sie schroff, arid und kahl.

Schon der Cäsar schickt Verbannte
Her, daß ihnen Sehnsucht wachs
Bald zu kehren ins Bekannte
Aus dem Reich von Salm und Lachs.

Dieser Fels hat wenig Meilen,
Die erwandert Doppelstund,
Hier läßt nichts die Schritte eilen,
Und zum Streit besteht kein Grund.

Nur im Sommer kommen Hirten
Mit den Ziegen Syros-her,
Niemand kann den Gast bewirten,
Der nicht selber fischt im Meer.
 

 

233
 
Wenn in Syros sich am Hafen,
Drängen Handel und Präfekt,
Darfst du hier bei Göttern schlafen,
Wie so manches Goldinsekt.

Noch hat sich der Mensch nicht jede
Erdenscholle einverleibt,
Und die Nymphen tauschen Rede,
Weil hier alles steht und bleibt.

Dem Gewisper traulich lauschen,
Scheint dir holder als Verkehr,
Und dein Herz will nimmer tauschen,
Und der Abschied fällt dir schwer.
 

 

234
 


ORTYGIA
I

Sie floh in die Gestalt der Wachtelhenne,
Der scheuen, die man nur im Dämmer hört,
Denn Zeus, der alles, was da lebt, betört,
Verlangte, daß er ihren Schoß erkenne.

Zum Adler hat sich seine Gier empört,
Daß er im Licht die Flüchtige berenne,
Das Licht bot keinen Schlupf und keine Tenne,
Bis sie ins Meer, das Nacht und Ruh beschwört,

Als Stein fiel und als Insel sich bewehrte,
Als Sternengöttin und Titanenkind
Die Würde wahrte, die der Greif entehrte.

Dies lehrt den Segler, was die Inseln sind:
Ein harsches Weib, das dem Verführer wehrte,
Wo an den Felsen klagen Flut und Wind.
 

 

235
 


II

Man schildert Zeus als geil in allen Reichen,
Geerbt hat diese Leidenschaft Apoll,
Doch sein Register ist nicht halb so voll,
Wie das des Vaters, keinem zu vergleichen.

So mag, was uns vom delischen Atoll,
Bekannt ist als ein frühes Namenszeichen,
Auch anderswo auf ein Verzweiflungs-Weichen
Hindeuten wie das Windgeharf in Moll.

Es sind die Inseln Jungfraun, die den Lander
Nur ahnden lassen, was im Innern schwelt,
Und frei vor Xerxes und vor Alexander

Bleibt das Geklüft, umwogt und pfadverfehlt,
Denn wie das Flammenrot dem Salamander,
Das Element das große Tor verhehlt.
 

 

236
 


III

Um Inseln rangen alle Griechenstämme,
So wie um Helena in Ilion,
Und manche schwammen auf dem Meer davon,
Und fürchteten nicht Sturm und Wogenkämme.

Sie glitzern in der schattenfreien Sonn,
Als Perle und als scharf geschliffne Gemme,
Allein der Frosch bewohnt die Buchtenschlämme,
Und unerweckt bleibt ihrer Tiefen Wonn.

Hephäst werkt oft in ihren Glutentiefen,
Doch ist der Schmied kein Minner und kein Held,
Und Aphrodite lacht ob seinem schiefen

Gehink, das er mit Traumgeschmeid verstellt
Und uns verrät, daß in den Felsarchiven
Wohnt Fruchtbarkeit für manche neue Welt.
 

 

237
 


DELOS
Opalenem Dunstkreis enthoben,
Thront Delos idäisch bestrahlt,
Das Auge, das scharfblickt hier oben,
Ahnt kaum, was im Küstensand fahlt –
Wer mag aus der Mitte entscheiden,
Ob nah die Kykladen, ob fern,
Und zweifeln, wenn Griechen beeiden,
Daß Delos ein wandelnder Stern?

Und ist nicht verbürgt und geschrieben,
Daß Heimat Erwählten nicht frei,
Daß der, der herausragt, getrieben,
Im Nebel der Niedrigste sei?
Wo Proteus den Wächterblick schlürfte,
Schuf Zeus uns das herrlichste Paar,
Als er, der mehr kann, als er dürfte,
Sich selber der Heilsbringer war.

Die Zeus und die Weissagung büßte,
Unstet, wenn es nachtet und tagt,
Hat, wo auch die Erde nicht grüßte,
Uralte Uräus gejagt.
Mag Glück auch vergolden die Ketten,
Ihr Los uns das herrlichste sein,
Aus schrecklichsten Nöten zu retten,
Stand Delos, der schwimmende Stein.
 

 

238
 
Nicht Willkür noch dumpfe Instinkte
Sind Grund für die Götter zu nahn,
Das Traumbuch, in dem einer hinkte,
Verdankt sich nicht eigenem Plan,
Das Dunkle, das sie zum Kadaver
Und Herrn macht und drin sich verleibt,
Weiß, daß der Olymp kein Palaver,
Wie Lukian, der Spötter, uns schreibt.

Die Lust ist ein Auftrag und Waffe,
Der Phallos, der tötet, erzeugt
Den Krieger, bereit, daß er schaffe
Die Macht, der die Liebe sich beugt,
Im Kreislauf von Sinken und Steigen,
Blühn Muster, doch was wir erschaun,
Muß welken im Liebeslust-Reigen
Auf Delos, dem schwimmenden Faun.

Die Mutter führt grün in Ägypten
Papyrus als Staude im Schild,
Als Vulva akkadischer Glypten
Ist sie uns vertraut, bis ins Bild
Homer sie uns heimholt, verletzlich,
Vom Rang ihrer Nachkommen taub,
Vom Schrecken der Hera entsetzlich
Geplagte im All und im Staub.

Der Frau, die ihm groß und sein Leben
Schor Zeus sich sein goldnes Gelock
Und machte sich männlich ans Geben
Und solcherart reif und barock
 

 

239
 
Die Pfeilkraft des Eros zum Putter,
Den siebenten Tag dem Demiurg
Und zweithin zur Zwillingspaar-Mutter
Auch Delos, die schwimmende Burg.

So wurde, uns Delos und Leto
Zu einen, verschlungen die Zeit,
Zwar wagt die Vernunft hier ein Veto,
Doch weiß sich der Mythos gefeit
Vor allen, die, ihn zu entrechten
Phantastisch den Logos bemühn,
Im Land, das die Zweifler erdächten,
Würd nicht mal die Primel erblühn.

So weihte der Himmelsrund-Ahne
Die Insel vor jeglicher Zeit,
Verbannte das Menschlich-Profane,
Die Liebe, die Lust und das Leid,
Geburt und Bestattung als Makel,
Im Zentrum von Diptam umblaut
Ruht Python, des Sohnes Orakel
Auf Delos, der schwimmenden Braut.

So mag nicht verwundern, daß weither
Die Jungfrauen kamen im Ring,
Die Gnade zu preisen, daß seither
Sie ewig ihr Tanzen umschling,
So wird uns Musik der Kykladen
Erinnert und hell im Idol,
Das weiß aus den Meeresdunst-Schwaden
Steigt wie der Kristall aus der Sol.
 

 

240
 
Zwar solln diamantene Säulen
Die Insel befestigen seit
Gedämpfter als Speere und Keulen
Verjährt und entschieden der Streit
Des Himmelspaars, doch der Charakter
Der Insel gedieh nicht zum Zwerg
Der Ordnung und Dichters Dreiakter,
Und Delos blieb schwimmender Berg.

Es gibt hier nicht Bauern noch Ammen,
Nur Frösche, die mitleidlos schrein,
Die Stierhörner himmelher stammen,
Sie schließen die Kultstätte ein,
Sie fordern, gereiht zum Quadrate
Verdopplung und Wurzel aus zwei,
Dann würden die Bürger im Staate
Vom Wüten der Beulenpest frei.

Die Krankheit zu bannen, gesetzte,
Vermag nur ein Bruch, wie der Gott
Im Werden die Ehe verletzte,
Die Treue und üblichen Trott,
Daß Ratio der Zahlenwelt fehle,
Sie Selbstüberwindung erfleh,
Schlag links dir das Herz, ob die Seele
Auch treu sei wie sonst nur die See.

Es mag dir der Pythische raten,
Ersangst du dich reif für den Gang,
Du sollst durch die Sumpflandschaft waten,
Daß groß dich der Koloß empfang,
 

 

241
 
Den Naxos vor Zeiten gespendet,
Daß Reichtum und Glaube bekannt,
Zum Gott, der die Verse dir sendet,
Auf Delos, dem schwimmenden Land.

So schließt sich ein Kreis, den die Wachtel
Vor aller Geschichte begann,
Der Python bewacht eine Schachtel
Mit Perlen, die keiner gewann,
Die auch die Olympier nicht sehen
In heiligster Grotte Gehäus,
Sie werden uns länger bestehen
Als selbst der idäische Zeus.
 

 

242
 


GROTTA PELOS
I

In reineren Himmeln der Frühe,
Verloren im Nebel auf je,
Bewölkt nicht von Sorge und Mühe,
Wuchs reinerer Sinn aus der See.
Er dauert in alten Kulturen
Wie Bernstein im rottenden Tang
Und gibt sich dem späten Auguren
Als großer Kykladen-Gesang.

In Grotten gehegt und vergessen,
Der Gnade wie Tantalus fern,
Verbannt aus den Tempeln und Messen,
Gestürzt und geschmäht wie der Stern,
Der Liebe war, Taumeln und Rasen
Und Zwielichts Gespiel Heliodrom,
Bezeugt er die Weisheit der Nasen
Als großes Kykladen-Arom.

Gelaugtes Gestein, das zu nisten
Nicht einlädt, doch jäh dich beschenkt,
Der herkam verrufene Pisten
Von Hügeln, wo Frevler gehenkt
Im Salzwind zerfleddern, gewandelt
Zur edelsten Brutstatt und Pfalz,
Zum Reim, der sein Thema behandelt
Als großes Kykladen-Gebalz.
 

 

243
 
Gering denkst du all deine Opfer
Im Aug, das verfügt, nach ihm wall
Im Gleißen der Treiber und Tropfer,
In Schlägen von kosmischem Hall,
Wer selber kristallnen Gewandes
Dem Habitus gleicht, der hier wächst
Auf Gräbern des Steins und des Sandes
Kykladisch als Buchstab und Text.

Wie jene, die Blende und Schiefer
Verzaubern, zu Züchtung und Zucht
Entschlossene, wappne dich, liefer
Dein Herzblut den Gnomen der Schlucht,
Im Rhythmus der fallenden Wasser
Erschein, zelebrier ihren Kult,
Und huldige blind dem Verfasser
Der großen Kykladen-Geduld.

Die heimlich in Klippe und Kuppe,
Verschwängert mit Kerbe und Keil,
Die Metamorphose der Puppe
Ersinnen als göttliches Heil -
Sind Kronos, dem Quarze und Glimmer
Nicht taugen, bevor er sich rächt,
Unendliche Garde und immer
Das große Kykladen-Gemächt.

Verfüg dich dem Kern der Kristalle,
Zu Phallen gereckt und gereiht
Dem Zeitgott, der frei über alle
Zeitläufe verfügt und die Zeit,
 

 

244
 
Die Herbste von flüchtigen Sommern
Laß ganz dem Kalender der Klamm
Und fahr zu den Keimen und Kommern
Als große Kyklade und Lamm.

Was auch sich verding in der Grotte –
Wer weiß, ob es Schleim oder Rahm?
Wer weiß, ob der Hymnus dem Gotte
Genugtuung gab oder nahm?
Die frühesten seiner Adepten
Vergruben die Macht, die sie ficht,
In schlichtesten Kouros-Konzepten
Als großes Kykladen-Gedicht.

Wer weiß, ob einst wiedererwache
Die Kunst und die frühe Musik,
Die immer als Seinsgrund der Sache
Den Opfergang nennt und den Krieg?
Wer nur in den Formen zu forschen
Versteht und im Stil nur die Norm,
Hebt nie auch nur eine aus morschen
Zur großen kykladischen Form.

Von Fahrt und von Heimkehr berichten
Die Stummen, ob Mensch, ob Natur
Sie schuf, und sie wissen von Schichten,
Drein Spaten und Schaufel nicht fuhr,
Vom Kosmos, bevölkert von Kriegern,
Vom Chaos, enthimmelt und hohl,
Von Fallenden und von den Siegern
Als großes Kykladen-Idol.
 

 

245
 


II

Auf Naxos berückt dich die Mauer
Auf hundert und gut fünfzig Fuß,
Die dreitausend Jahr die Erbauer
Nun ehrt und gediegen sein muß,
Sie trägt flachen Steins die Terrasse
Und stützt für die Gräber das Feld,
Sie zeigt, daß des Lebenden Kasse
Dem Ahn gehört, der ihn erhält.

Gering sind dagegen die Reste
Von Wohnung und Stall im Gebirg,
Das Schilf und von Weiden die Äste
Sind fort und des Grundsteins Gewirk
Ist flach, denn im Schatten der Toten
Verweilten die Pilger nur kurz,
Hier hausten einst keine Zeloten
Und wünschten den Göttern den Sturz.

Die Steinplatten über Verstorben,
Mit Reifen, Spriralen, Geblüm,
Sie trotzen im Geister-Umworben
Dem Tier und dem dreisten Getüm.
Erst wir, die die Zartheit gewannen,
Da Zorn mit der Tat uns entweicht,
Erfahren, was jene ersannen,
Wenn hell sie das Auge erreicht.
 

 

246
 
Die Gaben in Schalen und Krügen
Und Pfannen aus Marmor gereicht,
Sind längst schon verbraucht, doch genügen
Uns Spuren, wie einst man geeicht,
Zu wissen, und was einst als Zierde
Gezeichnet von trauernder Hand,
Schafft uns, zu vergleichen, Begierde,
Mit dem was man andernorts fand.

Am stärksten berücken Figuren,
Idole, wie Kreta sie barg,
Bekannt sind die stummen und sturen
Gestalten, die stilhaft und karg
Den Menschen bekennen und schwanger
Die Frau mit der werdenden Frucht,
Sie spreizen den Arm auf dem Anger
Und schlagen den Wolf in die Flucht.

Kein Bilderverbot hat die Alten
Gehindert, als Mitte des Alls
Den Menschen zu sehn, zu gestalten
Im Bann des Triumphs oder Falls,
Was hier mit keramischen Scherben,
Obsidianklinge, Metall
Bezeugt wird, ist niemals das Sterben,
Der Mensch ist das Kind, das den Ball

Hinüberwirft über die Meere,
An Schrecken und Raubtieren reich,
Und festhält, was Würde und Ehre
Gebieten, und niemanden gleich
 

 

247
 
Dem Zeus übergibt und dem Hammer,
Dem Blitz, der Geheimstes erhellt,
So schaun wir, vergessen vom Jammer,
Die goldene Zeit dieser Welt.

Der Einklang von Wollen und Leiden
Berührt das Titanengeschenk
Des Geistes und Leibes, und beiden
Den Sinn, daß des andern er denk,
So wird uns der Hort, dem Gedächtnis
Gewidmet und Hades geweiht,
Zum Ansporn und auch zum Vermächtnis
Und macht uns zur Traumtat bereit.

Denn was dieser Traum von uns fordert,
Ist mehr als ein Schlummer verträgt,
Aus Schichten kykladisch geordert,
Erfüllt er, erwagt und erwägt
Im Herzen das doppelte Hoffen,
Gesundung, Erkenntnis und Heil -
Daß dies auch, die gleichsam verstoffen,
Die Leiber und Geister, ereil.

Der Dichter, der zwiespricht mit Ahnen,
Verschuldet dem Urtod des Styx,
Schreibt Mohn sich und Rausch auf die Fahnen
Und stets statt Beryll den Onyx,
Er spürt wie die stummen Idole
Berücken mit tiefer Musik,
Daß heim die Erzählung ihn hole
Zu Ruhm und Bewährung im Krieg.
 

 

248
 
Metalle und Hölzer und Tone –
Sie waren schon vor der Zeit alt,
Und keiner wird träumen, der ohne
Die Stoffe erhofft die Gestalt,
Wer stolz als des Weckrufs Erfasser
Laugt Sterne aus göttlicher Sol,
Verfügt sich nur strenger und krasser
Dem alten Kykladenidol.

Den Kouros zu schaun, zu beleben,
Sei Sinn und Gebot dem sculpteur,
Dann werden die Felsen zu beben
Beginnen und finden Gehör
Beim Herrn der idäischen Himmel
Und fordern dort Recht und Zensur,
Daß bald das Reptiliengewimmel
Bestrahlt Grotta Pelos Kultur.
 

 

249
 


ARCHILOCHOS
Wenn sich die Woge, die Hellas umspült,
Nicht mehr im Wiegen der Wipfel erlöst,
Wenn sich der Streiter beflügelt im Speer
Und seinen Mut nicht dem Heimatherd weiht,
Sondern im Krieg seine Weltstunde fühlt,
Schwillt ein Gesang an, der himmelhin stößt
Und, überblendend den Vater Homer,
Aufreißt die Sternengewänder der Zeit.

Nicht von den Müttern, vom Strom, der es trägt,
Spricht dieses Lied, aller Wiederkehr feind,
Einsam und grundlos und selbst allem Grund
Ragt es von Erz aus den Träumen hervor,
Die sich in Fesseln, darein es sie schlägt,
Fassen und lauschen, im Zauber geeint,
Der als des Sängers berufener Mund
Stummheit verfügte für Echo und Chor.

Paros, von Kriegern umstellte Kyklad,
Gern hätt der Naxier Oliven und Wein,
Perlen von Silber und tönernen Krug,
Aber die Musen beschirmen den Haugk,
Hüten den Hain, und sie hegen die Saat,
Blenden den Grimmen und lullen ihn ein,
So mag dein Lied, das ins Weltdunkel frug,
Heil sein für Paros, für Atem und Aug.
 

 

250
 
Tief sind die Wunden, die Ares im Feld
Schlägt, wo die Mannen verschwenderisch jung
Waffenruhm heischend ihm stürzen im Tanz,
Aber den Gott, der das Opfer verschlingt,
Der sich im Blitzen der Bronze gefällt,
Tiefer sich rötend und Feuer im Schwung,
Zeugt erst das Wort, dem die Musen den Kranz
Flochten im Krieg, den der Mut nicht erzwingt.

So zeigt dein Lied, das die Schande nicht schreckt,
Dich auch als Feigling und als Deserteur,
Läßt du dem Salier den Schild, der den Pfeil,
Speere und Streitäxte mütterlich schirmt.
Der dich mit Huld im Gemetzel bedeckt,
Wird auf der Flucht in der Musen Gehör
Lästig und tauschbar wie niemals das Heil
Und seine Himmel, wenn Lethe dich firmt.

Sterblich, doch unter den Musen der Sicht
Teilhaftig jener, die stygischer Schuld
Inne, daß Nacht, die Gestaltung nicht litt,
Trug deinen Pfeil, der dem Bogen der Zeit
Jählings entsprang, daß das Auge ihm nicht
Folge noch Ahndung ihn greif, noch Geduld,
Wacht auf dem All, das sein Leuchten erstritt,
Ob du ihn wiederschaffst, wieder so weit.
 

 

251
 


LIMNOS
Zwischen Brand- und Blumenwinden
Anker laß der Segelquest,
Grund der Klippenwelt zu finden,
Denk auf Limnos dem Hephäst.

Seine Schmiede schuf die Wunder,
Die dem Schürfer Stolz gebiert,
Und die Reime werden runder
Wenn der Hinker ziseliert.

Hör die Sage einstger Frevel,
Da das Weib die Männer mäht,
Der Vulkan hat, reich an Schwefel,
Schlackenspuren oft genäht.

Philoktet fand hier zu Trauer,
So wie Nietzsche in Turin,
Dieser Berg macht Wiesen sauer
Und du wirst in Kürze ziehn.

Da der Ida dir verschwunden,
Bremst kein Riff und kein Geschmeid,
Wer den Heimweg hat gefunden,
Ist Zerstreuung nur noch leid.
 

 

252
 


NIKE VON SAMOTHRAKE
Eh du dich von Hellas wendest,
Sei auch den Kabiren gut,
Denn du weißt nicht, ob du ständest,
Stützten sie nicht deinen Mut.

Ihren sanften Haugk behütet
Nike, die den Sieger krönt,
Wenn auch Sonne schmerzhaft brütet,
Silberweiß der Seewind tönt.

Da der Sieg bei Thermopylen
Halt dem Seleukidentum,
Weiht das Fest bekränzten Bühlen
Hellas' Freiheit, Spartas Ruhm.

Landend schließt die Göttin beide
Schwanenflügel, Arm und Hand,
Flugwind preßt die dünne Seide,
Kaum verhüllt ihr Hüftgewand.

Ihre Formen zu bewundern,
Steigt sie wie aus einem Bad,
Und die üppigeren, rundern
Strotzen froher Kriegertat.

Als Gallionsfigur der Griechen
Hat sie Schiff und Speer geweiht,
Doch du siehst und meinst zu riechen
Den Triumph der Weiblichkeit.
 

 

253
 


DIOSKUREN
Sparta hold und Samothraken,
Den Etruskern heil und Rom,
Glückgeleucht für Fischers Haken,
Winterstern im Himmelsdom.

Schwanenkinder, Schlachtenretter,
Knaben von erlesnem Wuchs,
Segels Heil bei jedem Wetter,
Eure Gotteskindschaft trugs.

Euch empfehl ich meinen Nachen
Und ich opfre euerm Hort,
Was die Zwillinge bewachen,
Findet Kurs und sichern Port.

Duft steig froh in eure Helle
Meiner Ziegen, Bock und Geiß,
Eure Jugend wahrt die Quelle
Allem, was sich wandernd weiß.
 

 

254
 


HEIMSEGELND
Waltend in endloser See und den Himmelsfiguren,
Drin sich der Zeuge verirrt im Gesangsritual,
Sagen verpflichtet und kaum noch erkenntlichen Spuren,
Wo das Vergessen die Manen zerstört zu Lemuren
Und wo versperrt ist der Weg zu der Schlange vom Aal,

Trau, Samothrakes gedenkend, den Dioskuren,
Die offenbarten, wie Gott sich dem Sterblichen mischt,
Kehrst du zur Wolfzeit und zu den Diktaten der Uhren,
Weist sie die Treue dir aus als die rechten Auguren,
Wenn auch der Nebel den sonnigen Himmel verwischt.

Führt dich ihr Schicksal zu Eris' verderblicher Frage,
Neigt sich die Waage zu Hektor nicht, noch zu Achill,
Ist es dir gleich, ob die Götter Gesang oder Klage
Spenden, gewinnst du die Dauer unsterblicher Sage,
Steht doch der Wurfspeer im Aurum des Opfernden still.

Hymnos ist aller Gesang, der die Tat vor Passionen
Preist und dabei auch die ruchlosen Taten nicht schont,
Er ist ein stärkeres Medium, als wir es bewohnen,
Über der Ode des Siegs und dem Drama der Drohnen
Steht der Gefallne, der über den Schlachtfeldern thront.

Dir ist die Heimat noch bittrer als Tran eines Rochen,
Die dich nicht kennt und sich selber das Opfer verwehrt,
Wer, von Verheißungen, die er nicht zugibt, bestochen,
Erbe verschleudert und sämtliche Eide gebrochen
Hat, wird erkannt, wenn ers frech als vergeblich entehrt.
 

 

255
 
Letzte Sporaden, die noch von dem Flußmunde trennen,
Gönnten dich Delos, doch nie dem verzichtenden Pfad,
Soll ihr Gesang, die Sirene verwirrend, berennen,
Wissen sie Heil, das die Sprache nicht wagt, zu bennen,
Eh du tieftraurig erreichst das vertraute Gestad.

Frei nun zu kehren zu Gräbern, Geschwistern und Laren,
Findest du Thrakien geschändet von Steinöl und Pech,
Felder versteppen, die fruchtbar seit zweitausend Jahren
Segneten Griechen und opferten sich den Barbaren,
Die aber tobten noch niemals so sicher und frech.

Ahornrot blutet der Wald, daß das Reich sich erneuer
Und sich das Echo verfänge in Kescher und Reus.
Unbekannt ist dir, wer Anker, Getakel und Steuer
Führt, ob ihn Ida erhell oder Pfingsten befeuer,
Aber im Herzen durchloht dich der Himmel des Zeus.