Uwe Lammla ·  Deutsche Passion 

 

 


 
 

 

 


UWE LAMMLA




DEUTSCHE
PASSION














 
ARNSHAUGK

 

 


 








Bibliographische Information durch
die Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet
diese Publikation in der Deutschen
Nationalbibliographie; detaillierte
bibliographische Daten sind im Internet über
http://dnb.d-nb.de abrufbar.





ISBN 978-3-926370-58-7

© 2010 Arnshaugk Verlag
www.arnshaugk.de


Alle Rechte beim Autor
www.lammla.de

16,- EUR
 

 

 

DEUTSCHE PASSION
Odenwaldfahrt
Wimpfen am Berg
Die Burg der Gefahren
Die Burg zu Garten
Reichsinsignien
Der Punsch
Unter der Linden
Die Hilke vom Ger
Oluf
Harras
Hermann von Salza
Fünf Burgen
Questenschatz
Blumenweg
Sagenzeit
Gamsenberg
Fafnir spricht
Kyffhäusergeist
Quisqualis
Interregnum
Semper Augustus
Quedlinburg
Stupor mundi
Castel del monte
Regina maris
Deutsche Passion
Wandervogel
Roßbacher
Kameraden
Lippoldsberg
11
16
18
26
32
37
39
42
46
50
52
55
59
62
65
67
71
75
78
80
82
83
86
87
92
95
99
101
103
105
 

 

 
DAS JAHR DES HEILS
Sylvester
Dreikönig
Angelos
Palmarum
Antlaßtag
Pilatus
Magnificat
Ostern
Zwilling im Traum
Pfingsthymnus
Lutherisch
Die Zahl der Engel
Das Jahr des Heils
Solomoniden
Notburga von Hochhausen
Bernhard von Clairvaux
Der Fall von Malta
Ecclesia militans
Actio spes unica
Bis hierhin hat mich Gott
gebracht
Ein deutsches Requiem
Höllriegelskreuth
Der Unbekannte Gott
Christos Apollon
Friesisches Glück
111
112
115
119
121
123
129
130
137
140
147
149
151
156
158
161
167
169
171

174
176
179
182
184
187

BABYLON DES WORTS
Blaue Blume
Vergeben sein
Maskenspiel
193
195
196
 

 

 
Der Dichter und die Maske
Kreis und Kreuz
Letzte Worte
Farben
Blau-Gedicht
Im Speicher
Das Haus des Traums
Waschküche
Wintergarten
Speisekammer
Am Abgrund
Schwarz
Weltwitzer Weg
Heimat
Mein Engel
Volksfest in Traunstein
Babylon des Worts
Quirinal
Uruk
Konjunktiv
Sündenpfuhl
Qulha
Alter
Kunst als Lobpreis
Brot
Auf Arnshaugk
Zur Weihnacht
Der Wanderer
197
199
201
203
205
207
209
212
214
217
218
220
222
223
226
230
232
234
235
237
238
239
240
241
242
243
246
254
 

 

 
 

 

 


DEUTSCHE PASSION



»Und wenn die Welt voll Teufel wär
Und wollt uns gar verschlingen,
So fürchten wir uns nicht so sehr,
Es soll uns doch gelingen.
Der Fürst dieser Welt,
Wie saur er sich stellt,
Tut er uns doch nicht,
Das macht, er ist gericht,
Ein Wörtlein kann ihn fällen.

Das Wort sie sollen lassen stahn
Und keinen Dank dazu haben,
Er ist bei uns wohl auf dem Plan
Mit seinem Geist und Gaben.
Nehmen sie den Leib,
Gut, Ehr, Kind und Weib,
Laß fahren dahin,
Sie habens kein Gewinn,
Das Reich muß uns doch bleiben.«

 
LUTHER       

 

 
 

 

11


ODENWALDFAHRT
Wenn rot der Oktober
Sein Schildwappen reckt
Und Soma-Zinnober
Die Schleichpfade scheckt,
Wenn Tautropfen tanzen
Im goldenen Bart,
So schnür deinen Ranzen
Zur Odenwaldfahrt.

Die hehren Legenden
Auf Träumen von Moos,
Sie werden nicht enden,
Und dies ist dein Los,
Zu stehen, zu fallen
Den Vorvätern gleich,
Zu künden, zu lallen
Vom heiligen Reich.

Die Dulder verrieten
Ihr Lehen dem Wahn,
Kastanien entbieten
Die Farbe des Pan,
Du siehst sie zerspringen,
Als wüßte die Elz
Noch immer zu singen
Im Es-Dur des Quells.
 

 

12
Noch ist in den Auen
Der Golder am Werk,
Ihm blind zu vertrauen,
Entstiegst du dem Berg,
Noch treiben die Flößer
Den Neckar hinab,
Noch streichen die Stößer
Mit Brunstrufen ab,

Und sagt auch die Scholle
Im schwarzbraunen Ton
Nur eines: sie wolle,
So spürst du doch schon
Im Blitzen der Zinnen
Des Niblungs Geschlecht
Die Waffen ersinnen
Zum letzten Gefecht.

Der Helm, der im Fange
Den Drachen verbirgt,
Die magische Spange,
Ist zarter gewirkt
Als steigend die Blässe
Des Nebels im Tal
Und du, der die Bässe
Verschweigt wie den Gral.

Mit blutenden Füßen
Betrittst du das Wehr,
Die Flußgötter grüßen
Mit Schlingwuchs am Ger,
 

 

13
Sie fordern mit Bitten
Und Drohung den Rat,
Der längst dir entglitten,
Wie ihnen die Tat.

Versöhnung der Erde
Mit menschlichem Maß,
Gelingt nicht der Herde,
Die jegliches fraß,
Wer Päpste und Kaiser
Zur Eintracht bewög,
Wüßt wohl, daß der Weiser
Des Reiches nicht trög.

Doch sind alle beide,
Die spinnefeind lang,
Entkleidet von Seide,
Von Treu und Gesang,
Dem Wuchrer, dem Raffer
Dem schlüpfrigen Heer,
Sind lieber die Kaffer
Als Söller und Wehr.

So steigst du im Fallen
Der Nacht gipfelan,
Ein Stein in den Krallen
Der Schwermut, ein Mann,
Der nur noch als Fänger
Der Tautropfen geht,
Der stillste der Sänger,
Der schweigend besteht.
 

 

14
Der Mond in der Schneise
Und Morpheus' Diktat,
Sie führen die Reise
Zum Mordklingenpfad,
Dort schaust du mit Schrecken
Den Schatten so klar,
Als sollte dich wecken,
Was mohndunkel war.

Und nochmals die Gärten,
Terrassen und Wein,
Und mit dem Gefährten
Kehr spätabends ein,
Die Aue der Bienen,
Die Wiege des Zeus
Ist manchem erschienen
Als sichres Gehäus.

Hier laß dich verwöhnen
Mit Braten und Rahm,
Das Horn noch ertönen,
Das lang vor dir kam,
Und preisend die Sterne,
Des Mondes Gelock,
So stürbest du gerne
Den Tod des Barock.

Doch deinem Gesetze
Ward andres gewebt,
Noch sammeln sich Schätze
Für den, der sie hebt,
 

 

15
Noch lauscht deinen Oden
Den Vorvätern gleich,
Auf heiligem Boden
Das heilige Reich.

Es ist ein geheimes
Im Wechsel des Jahrs,
Der Zauber des Reimes
Befiehlt: offenbar's!
Und weißt du im Schober
Die Ernte verwahrt,
So ruft dich Oktober
Zur Odenwaldfahrt.
 

 

16


WIMPFEN AM BERG
Du kommst aus dem Rauschen
Der Wälder und gehst
In Wälder zu lauschen
Dem Wind, drin du wehst,
Doch Traum, der dich holdet
Durch Dickicht und Land,
Hat alles vergoldet
Im Griff deiner Hand.

Was dir auch begegne
Am Ausgang des Walds,
Berühr und so segne
Zu Wimpfen die Pfalz,
Denn alles was innen
Ermutigt, wird Werk,
Du kannst nur gewinnen
In Wimpfen am Berg.

Am Berg sollst du wachen
In dürftigster Zeit:
Ihr, Götze der Schwachen,
Als Schlange entgleit,
Den Dämmer zu brechen,
Mach Dunkleres kund.
Der Kaiser wird sprechen,
Doch dein ist der Mund.
 

 

17
Die Weiser, die Toten,
Sie mieden dich lang,
Doch ließen die Boten
Von Spruch und Gesang
Auf jeder der Zinnen
Im Stein den Vermerk:
Du kannst nur gewinnen
In Wimpfen am Berg.

Zwei Raben begleiten
Den Kaiser nach Rom,
Walvatern zu streiten
Den lichteren Dom.
Die Nebel durchwallen
Den Traumhort, versteint,
Du aber wirst fallen,
Bevor er erscheint.
 

 

18


DIE BURG DER GEFAHREN
Wer auszog zu streiten,
Wer Prüfungen sucht,
Die weichlichen Zeiten
Als unmännlich flucht,
Der sieht in der wahren
Versuchung des Manns
Die Burg der Gefahren
Im herbstlichen Glanz.

Wem sie zugemessen,
Der findet sie leicht,
Um bald zu vergessen,
Wie er sie erreicht,
Sie thront auf Basalten,
Verfärbten von Blut,
Scheint emsig gehalten
In sorgsamer Hut.

Nur heillosen Narren
Empfiehlt sich der Sturm,
Die Armbrüste starren
Von Zinne und Turm,
Drum ziehe in Frieden
Durch Gitter und Wall,
Denn was dir beschieden,
Geschieht überall.
 

 

19
Das Nachtmahl bescheiden,
Der Traum überfällt
Mit trauernden Weiden
Und zeigt dich als Held,
Doch weichen die Geister
Beim Glockenklang vier,
So ruft dich der Meister
Heraus zum Turnier.

Im Frührot die Wappen,
Fanfarenstoß, Ritt
Auf prächtigen Rappen
Manch Rittersmann stritt,
Und manch eine Dame
Schwenkt schluchzend ihr Tuch,
Schon reitet ein Name
Den nächsten Versuch.

Du brichst eine Lanze,
Du streitest zu Fuß,
Doch fehlt für das ganze
Ein Tuch und ein Gruß,
So spürst du im Blute,
Daß heillos allein
Dir abgeht das Gute,
Um heldisch zu sein.

Ein Fräulein du findest,
Das lauscht deinem Schwur,
Doch was du so bindest,
Das langweilt sie nur,
 

 

20
Sie hat keinen Drachen
Für Lanze und Stich,
Ihr Spott und ihr Lachen
Sind tödlich für dich.

Was taugt unterm Himmel
Noch heldischer Tat?
Das Menschen-Gewimmel
Am Marktplatz, im Bad,
Verdingt sich dem Schlemmer,
Dem Frieden, der Pracht,
Ist nicht für den Stemmer
Des Atlas gemacht.

Der Wohlfahrt zu dienen,
Stehn Mühe und Geist,
Gleich emsigen Bienen
Man anschafft und reist,
Das Maß gilt als Laster,
Verbrauch spornt die Tat,
Streit gilt als verpaßter
Gewinn für den Staat.

Der Ruhm und die Ehre
Sind Margen Gewinns,
Und heilig die Lehre
Von Handel und Zins,
Gott wird zum Verkäufer
Und haftet beschränkt,
Der Teufel zum Säufer,
Der einfältig denkt.
 

 

21
Du staunst in die Runde,
Die rastlos dich kaum
Gewahrt, weil sie Pfunde
Und Rechte und Raum
Zu werten, zu teilen
Zu Miete und Pacht,
Nichts weiß als ihr Eilen,
Aus Talern gemacht.

Du hörst, daß der Kaiser
Den Kreuzzug erklärt,
Du dankst ihm als Weiser
Den Ruf, der dich ehrt.
Des hiesigen Lohnes
Unfroh, zieh dein Stand
Zur Grabstatt des Sohnes
Ins heilige Land.

Du wagst durch die Wüste,
Von Räubern bedroht,
Die Sonne dich grüßte
Mit Schmerz und mit Tod,
Durch Fallen und Fluchten
Ziehst du dein Pfad,
Skorpione in Schluchten
Und Quallen beim Bad

Erzählen die Leiden
Des Heilands getreu,
Verrat und das Scheiden,
Der Angriff, die Reu,
 

 

22
Dann wieder die Fahne
Gemetzel, Gefecht,
Dann nahe am Wahne
Gerettet, geschwächt.

Was später der Sänger
So gern überspringt,
Die Mühe noch länger
Zu sehn, es gelingt,
Wer ringt, steht im Wege
Sich selber und sieht
Im Pfeilflug-Gehege
Begrenztes Gebiet.

Die Herrn und Strategen
Sind nicht deine Sach,
Dir scheints auf den Wegen,
Als spielten sie Schach,
Auch kannst du nicht wissen,
Wer Freund ist, wer Feind,
Und wer sich beflissen
Dem Teufel vereint.

Manch schwärende Wunde,
Die Regenzeit raubt,
Wodurch sie gesunde,
Hätt keiner geglaubt,
Daß Gott sich in Larven
Verbirgt, die uns fremd –
Und was wir entwarfen,
Birgt nur, was uns hemmt.
 

 

23
Im Wechsel der Jahre
Sind Rüstung und Stolz
Längst hin wie die Haare
Und trockenes Holz,
Entflammbar wie Zunder
Und mürrischer Tand,
Weiß nicht mal ein Wunder
Was je dich gesandt.

Doch dann folgen Ritte
Gradhin auf das Ziel,
Als werde die Mitte
Erfahrbar dem Spiel,
Nur kleinres Gerangel
Behindert den Zug,
Als ließ aus der Mangel
Dich Zweifel und Trug.

Schon siehst du die Türme
Der heiligen Stadt,
Die Mattheit, die Stürme,
Des Wechselspiels satt,
Sie fliehn vor der Ehre,
Die Waffen dir gab,
Zu schlagen die Heere
Am heiligen Grab.

Du wirst diese Stätte
Im Leben nicht sehn,
Den Siechen im Bette
Doktoren umstehen,
 

 

24
Die Schlacht ging verloren,
Wer weiß, wann das Glück,
Die Grabstatt, erkoren,
Uns hole zurück.

Und wie du mit Schmerzen
Und Atemnot ringst,
Bei flackernden Kerzen
Die Nächte verbringst,
Betrachtet dein Leiden
Ein Knappe genau,
Geschmeidig wie Weiden,
Mit Augen so blau.

Er gleicht deinem Blute
Und fragt dich ganz klar:
Was war deinem Mute
Je ärgste Gefahr,
Dich quält deine Lunge,
Die Stimme ist rauh,
Du antwortest: Junge,
Ich weiß es genau.

Nicht die Sarazenen,
Nicht Kaiser und Papst,
Nicht schmerzende Venen,
Das Gift, das du gabst,
Ich muß offenbaren,
Daß schrecklichste sei,
Die Burg der Gefahren
Im Wonnemond Mai.
 

 

25
Dort sterben die Gluten
Von Würde und Ehr,
Des Heilands Verbluten
Erneut sich nicht mehr,
Dort sind alle Riten
Gefälscht und bequem,
Dort herrschen die Nieten
Mit goldnem Emblem.

Man glaubt an Millionen,
Was jedermann feil,
Soll grenzenlos thronen
Und nennt sich das Heil.
Die Toten vergessen,
Man wandelt im Rausch,
Und zelebriert Messen
Für Handel und Tausch.

Da spricht dir der Knabe,
Bevor sich dein Geist
Zu Gott verfügt: Rabe,
Der Weisheit du leihst,
Nichts gelte mein Wagen,
Nichts ehr meine Schar,
Eh ich nicht zerschlagen
Die Burg der Gefahr.
 

 

26


DIE BURG ZU GARTEN
Die alte Burg am Gartensee,
Wo Ortnit, der Lombardenheld,
Sich einst ein Weib, das ihm gefällt
Und würdig sei für Kron und Eh,
Zu suchen, einem goldnen Ring
Der Mutter folgt ins tiefe Land,
Noch einmal von der Minne sing,
Von Glück und Leid im Ritterstand.

Theoderich hat einst erbaut
Die stolze Wehr am Gartenstrand,
Nicht einmal Rotbart hat berannt
Den Wall, der unbezwingbar schaut,
Doch schützt ein Heim nicht vor Gefahr,
Die uns der Herr in Blust und Quest,
Noch ehe etwas ward und war,
Als unausweichlich legte fest.

Der Ring am Finger, Stein-geziert,
In Wildnis führt den Rittersmann,
Der Held, der um die Liebe sann,
Die Pfade und die Zeit verliert,
Bis unter einer Linde, hehr,
Sie böte hundert Mann Geschatt,
Er richtet sich zur Ruhe her
Auf einem Anger, blumensatt.
 

 

27
Ob es in einem Traume war,
Die Sage meint, der Nebel wich,
Der Elfenkönig Alberich,
Prüft lang und spricht am Ende klar,
Er ist der Ahn und folgt dem Ring,
Sein Zauber front dem stolzen Sohn
Bei jeder Ehr und jedem Ding,
Solang er nicht verliert den Thron.

Die Fürsten rings sind Ortnits Lehn,
Drum sei der Heid in Montabur,
Deß Tochter manches Lied beschwur,
Als hold und wonnig anzusehn,
Sein Ziel, der Elb holt aus dem Berg
Das Rosenschwert, die Rüstung licht,
Daß es dem Sohn im großen Werk
An Würde nicht und Glanz gebricht.

Sie brechen auf, Messina-her
Die Flotte erst nach Suders flieg,
Wo Ortnits Oheim Heidenkrieg
Seit langem führt zu Heilands Ehr,
Am Ziel, mit Schädeln rings beflankt
Der Werber um die holde Maid,
Ist bald der König angelangt,
Mit Roß und Harnisch kampfbereit.

Der Albe, den ein Mantel tarnt,
Betritt die Zinnen, Fries und Sarg
Der Heidengötter, Schleudern arg,
Und manches Trumm, das wehrt und warnt,
 

 

28
Wirft in den Graben er gewitzt,
Dann tritt er zu der jungen Braut
Und zeigt ihr wie im Streite blitzt
Der Recke, dem sie gern vertraut.

Sie fliehn und der Verfolger Schlacht
Fügt, daß Ortnit den Feldherrn fängt,
Weibs Vater er das Leben schenkt,
Daß freund ihm sei die Heidenmacht,
Doch die Geschenke, die nach Haus
Ihm folgen, trügen und dabei
Ist eine Brut, die bald zu Graus
Sich auswächst aus dem Lindwurmei.

In einer Grotte bei Trient
Schlingt alles Wild das Echsentier,
Bald gibt es keine Nahrung hier,
Sein Schlund das erste Dorf verbrennt,
Der Schrecken wächst, das Land verheert
Der Drache, der die Christen frißt,
Und dessen Gier den Herrn entehrt,
Der in der Burg ein Schatten ist.

Das Kleinod seines Minneglücks,
Sie weint und warnt von einem Kampf,
Gepanzert knickt des Tiers Gestampf
Die Eichen, schleudert hinterrücks
Mit seinem Schweife Fels und Haus,
Es hält kein Schild der Lohe stand,
Wer zieht zu einem Streite aus,
Er wird mit Hund und Roß verbrannt.
 

 

29
Der Himmel fügt uns Glück und Weh,
Doch sei gesetzt das Königswort:
Der Rittersmann, der rächt den Mord,
Sei Erb und Herr am Gartensee –
Der Lohe weicht er aus geschickt,
Ein Quarz, geschleudert, trifft ihn scharf,
Die Schwerthand ihm vom Leibe knickt,
Daß er den Ring zu Boden warf.

Nur weiß sein Mut, das Spiel ist aus,
Das Leben folgt gewiß dem Ring,
Doch eh das Untier ihn verschling
Wie eine Katz die graue Maus,
Vertraut er sich dem Heiland an,
Der mit dem Tod den Tod besiegt,
Daß er empfang den Rittermann,
Wenn linkerhand das Schwert nicht siegt.

Er stürzt sich auf den Kragenrand,
Gezackt mit Splittern Urgesteins,
Da werden Traum und Flamme eins,
Er schaut noch mal das Gartenland,
Die Burg, das Weib, das keinen Knab
Und keinen Erben ihm gebar,
Und die kein Stein am Blumengrab
Erwartet, daß sie tot ein Paar.

Und während Ortnit kämpft und stirbt,
Reift andernorts aus Gottes Plan,
Beschattet rings von Nacht und Wahn,
Der Sproß, der um die Krone wirbt,
 

 

30
Am stolzen Byzantinerthron
Getuschelt wird, es sei nicht klar,
Wen wohl zum Vater hätt der Sohn,
Den grad die Kaiserin gebar.

Dem treuen Bechter aus Meran
Befiehlt der Herr des Kindes Tod,
Der weigert sich, der Kaiser droht
Ihm furchtbar, kündigt Schrecken an,
Bis er ihm nachgibt und im Schlaf
Der Mutter raubt das Wickelkind
Und samt der Bürde, die ihn traf,
Die Mähre spornt im Maienwind.

Da Milde und Gehorsam Streit
Im Herzen führn, bald hin, bald her,
Wird ihm die Mörderwaffe schwer,
Er tut zuletzt dem Kind kein Leid,
Er läßt es frei am Weiher gehn,
Wenn es, berauscht von Lilienpracht,
Ertränk, sei Kaisers Will geschehn
Und er dürft schlafen in der Nacht.

Das Kind spielt auf der Wiese lang,
Bis Wölfe nahn und schnobernd sehn,
Daß Ungemach und Untergang
Den drohn, die sich an ihm vergehn,
Der Bechter schauts als Gotteswort,
Wolfdietrich er als Name schreibt
Dem Kind und führts in seinen Hort,
Dem Clan als Ziehsohn einverleibt.
 

 

31
Die Herrin klagt im Mutterschmerz,
Der Kaiser folgt Verleumders Rat,
Bezichtigt Bechter finstrer Tat,
Zu Widerstand faßt keiner Herz
Im Rittersaal, nur Baltram wagt
Zu fordern, daß ein Schwertkampf richt
In dieser Sach, und Wahrheit tagt,
Daß das Gerücht zusammenbricht.

Wolfdietrich wächst zu Wolfes Grimm,
Er ist der Held, den Gott erwählt,
Zu seinen Taten, hehr und schlimm,
Der Reif des Feuerdrachen zählt,
Sein Schwert brach ihm im Kampf entzwei,
Der Drache schleppt ihn in die Hohl,
Wo Ornits Schwert, der Ring dabei,
Verbürgen Sieg und fürder Wohl.

Die Königin am Gartensee
Erkennt am Ring der Schwiegermam,
Daß Gott ihr sandt in ihren Hamm
Die zweite Gnad zu Kron und Eh,
Der Herold macht dem Volk bekannt,
Daß wieder stolz die Aue gleißt,
Daß wieder Frieden herrscht im Land
Und daß der Herr Wolfdietrich heißt.
 

 

32


REICHSINSIGNIEN
I

Die Krone, die des Reiches höchste Kür
Bestätigt, reiht zum Achteck reines Gold,
Und zwölf mal zwölf für edle Steine Tür
Sind Nischen und gleichviel für Perlen hold.
Der Kreuzesreif gleißt über Spruch und Bild,
Wo David, Salomo, Jesaja, Christ
Ermahnen, daß die Ehre Höchstem gilt,
Selbst den, der solcherweis geheiligt ist.

Jedoch der Große Albert schrieb den Satz,
Der Waise, Stein, der einzig in der Welt,
Groß, rot, karfunkelnd ist nicht mehr am Platz,
Von wo er einst bei Nacht den Thron erhellt.
Orphanus, mit dem Stein verlorn wir viel,
Bald folgten Apfel, Zepter, Schwert, Ornat,
Die Lanze, heilandblutig, im Exil
Nicht siegreich macht des Reichsverwesers Tat.

Schon früh geschah das Unheil, das Geschick
Zu lindern sucht, doch Alchymist und Sohn,
Sie suchten mit Gewalt, mit Kunst und Trick,
Jahrhunderte den Stein im Rosenton.
Manch Fabel ward erdacht von seinem Glanz,
Zu keinem Wunder fehle ihm die Macht,
Doch sicher scheint, er macht die Riche ganz,
Weil zeugend er die Einzigkeit bewacht.
 

 

33


II

Der Globus mit dem Christuskreuz gekrönt,
Wie Jupiter den Weltenkreis umspannt,
Gold, filigran, beperlt, Saphir-verschönt
Mit Monogramm aus Merowinger Hand –
Dies ist der Apfel, der die Linke schwert,
Da in der Rechten Szepter schwingend weist,
Wo Stab und Knospe, Blatt, das vierfach kehrt,
Bedeckt den ellenlangen Wandelgeist.

Der Apfel und das Szepter zeugen nur
In ihrer Art und Weise für den Herrn,
Sie weiht der Sinn und der Symbole Spur,
Denn sie sind heilig nicht im eignen Kern.
Dies eignet einzig Lanze, Krone, Schwert,
Die ihre Kunft legendenreich erfuhrn,
Und einzig wie das Reich in ihrem Wert
Gott selbst bezeugen in den Wunderspurn.

So mag ein Schmied, in dessen Kunst Genie,
Sie reicher schaffen, frommer in der Zeit,
Jedoch die Krone schüf ein Mensch uns nie
Und den Karfunkel-Stein der Einzigkeit,
Der ward, als Erd und Himmel Gott ersann,
Die Lanze weist auf des Erlösers Tod,
Das Schwert auf einen frühen Christenmann,
Der das Martyrium litt um Christi Not.
 

 

34


III

Mauritiusschwert, vielfach geschliffne Klinge,
Blutzoll und früher Christgemeinden Schild,
Die Scheide aus Olivenholz besinge
Der Dichter und der frühen Herrscher Bild,
Von Karl bis Heinrich vierzehn Reichsverweser,
Auf goldgetriebnen Platten im Ornat,
Relief, das wie ein Kupferstich dem Leser
Bezeugt die Zeichen, Würden und die Tat.

Stahl, Kruckenkreuz beidseits als Fegermarke,
Drin Kranz und Kreuz versöhnt in einer Huld,
Parierstange und Knauf ehrn gold die starke
Schwerthand am Griff, den Silberdraht umspult.
Und Christi ist der Sieg, die Herrschaft eigen,
Wie das Gebot, so eine Inschrift spricht,
Bereit die Spitze in die Höh zu zeigen,
Dem Heile nach, das den Gesalbten trifft.

Solch holdes Kleinod ist nicht länger Waffe,
Für harten Strauß und nicht für graden Schnitt,
Nicht daß die Wunde tief und blutend klaffe,
Führt es der königlich Erkorne mit,
Es weist hinauf, so wie der Speer zur Erde,
In ihm steigt Jugend, wo das Alter mahnt,
Daß eingebunden sei das Stirb und Werde
Ins Walten deß, der Wolken Wege bahnt.
 

 

35


IV

Der Krönungsmantel, von Sizilien stammend,
Arabisch und normannisch höchste Kunst,
Goldstickerei, die sich dem Purpur flammend
Vermählt und faßt kein Ornament umsunst.
Der Glanz der Alten und der Sarazenen
Verdichtet sich im Halbrund bodenhin,
Doch offen wie das Reich sind seine Szenen,
Goldspange links, daß nicht die Schwurhand drin.

Wo Doppelleu und Palme dominieren,
Folgt kufisch eine Inschrift Perlensaum,
Obwohl die Runen rein sich ziselieren,
Errät kein Deuter des Verfassers Traum.
Es seien Wünsche für des Mantels Träger,
So meint die Forschung, die am Ende paßt,
Denn erst wenn eins der Wager und der Wäger,
Wird auch der Sinn in diesem Spruch erfaßt.

Handschuhe, Strümpfe und Pantoffeln ründen
Den Mantel zu der hohen Kür Ornat,
Daß all die Dinge noch die Wiege künden,
Ist deutsches Los und weist auf Gottes Rat,
Der dies bewahrt vor Mottenfraß und Bränden,
Daß tausend Jahr der Herr im Kyffe schnarch,
Um endlich wieder stolz mit frohen Händen
Zu herrschen als des Alten Reichs Monarch.
 

 

36


V

Das größte Wunder ist die hehre Lanze,
Die noch bewahrt wird in des Reiches Schatz,
Sie weist ins Heil und meint damit das Ganze,
Drin alle Schöpfung findet Stand und Platz.
Zur Artusrunde weist ihr dunkles Werden,
In Mären, die zu Avalon ihr Tal
Gefunden, und es heißt das Glück auf Erden,
Käm, wenn sie fruchtbar rühr verlornen Gral.

So reicht das Deutsche tief ins Märchenhafte,
Der Dichter lokigleich die Unterwelt
Als Diener sucht, daß von dem Honigsafte
Ein Gran in unsre goldnen Waben fällt,
Als Glaube sich bewies in hohen Taten,
Daß frühstes Lied den jüngsten Kämpfer führ,
Hat noch dem Freien Vogelspruch geraten,
Daß er den Herrn erkannt in holder Kür.

Der Tag ist nah, da höchste Not die Rasse
Bedroht, die noch an diesem Traume webt,
Drum rüste dich und kämpferisch erfasse
Den Kreuzdorn, der in jeder Waffe lebt,
Denn nur wenn Christi Milde Cäsars Siegen
Vermählt, wird der Versucher machtlos sein,
Dann zieht der Herr geheiligt und gediegen
Mit Pomp und Freude in die Hofburg ein.
 

 

37


DER PUNSCH
Wir wandelten auf Höhn, wo spät und trunken
Der Herbst das Wort mit Leichtigkeit begabt
Und frei und froh, sie in sein Gold zu tunken,
Die Stimme flügelt, die im Herz versunken
Des Hegers harrt, der sie mit Honig labt.

Beseligt überließen wir dem Reigen
Der Melodien, von Prunk und Glast umstellt,
Was wir gewöhnlich in die Zeit verzweigen,
Als gälte es, die Seele weiß zu zeigen,
Zu fallen aus dem Streit von Traum und Welt.

Jedoch der Gilber, der in seiner Leuchte
Noch einmal, was das Jahr uns bot, beschwor,
Fiel mit dem Tag, und aus dem Tal der Feuchte
Kroch Nebelung mit Grimm und Groll und scheuchte
Die Sonne, deren Blut im Weinberg fror.

Wir spürten wohl ein Ziel in unserm Schreiten,
Doch keinen Namen, keinen Reim im Wunsch
Nach Einkehr, Erde, und den Geist zu weiten,
Nach Süße und Essenz der Jahreszeiten,
Da bot ein Kind am Straßenrand uns Punsch.

Aus welchem Reich, mit welchem Aug betrachtet,
Tritt dieser Knabe ein und lächelt scheu?
Das Haus, verfallen, lichtlos, still, beachtet
Kein Wanderer, wenn ihn der Rausch umnachtet,
Entquollen aus dem dampfenden Gebräu.
 

 

38
Sein Zauber, als wir zueinander traten,
Erschien auf deiner Stirn und hell und klar
Im Blick, als hätt ein Engel dir verraten,
Was uns die Stunde schlug und welche Taten
Wir niederstelln auf seines Herrn Altar.

Nicht daß er uns in dieser Fährnis feie
Noch daß die Schau, die er verhieß, uns ein –
Die Hoffnung bleibt ein Truggebild für Freie,
Doch hat uns das Mysterium der Weihe
Tiefrot vertraut im hold gewürzten Wein.
 

 

39


UNTER DER LINDEN
I

Unter der Linden geborgen,
War es dem Alben das beste,
Daß du im Osterwind-Morgen
Zögest zum Bronnen der Queste.

Unter der Linden gesungen
Hast du den Bauern vom Dunkel
Fafnirs mit feurigen Lungen
Und von des Reiches Karfunkel.

Unter der Linden gesegnet,
Hat es dem Heiland gefallen,
Daß dir ein Engel begegnet,
Schwertschmied dem Dichter und allen.

Unter der Linden versprochen
Ward uns das Reich und der Mehrer,
Und bis der Bannstrahl gebrochen,
Singst du als Wahrer und Lehrer.
 

 

40


II

Die Linde, die wir oft umtanzt,
Im Jugendschmelz, in alter Zeit,
Der Weise, der sie einst gepflanzt,
Den Baum dem Dichter Körner weiht.

Er, früh gehegt von Schillers Rat,
Den Ruhm am Burgtheater tauscht
Dem Vaterland, der Waffentat,
Manch Kamerad den Liedern lauscht.

Er trägt die Klampfe zum Gewehr
Und fußflink folgt er Lützows Korps,
Seit Jugend singt und wandert er,
Er kommt sich wie zuhause vor.

Sein Lied die deutsche Seele hebt,
Bedräut von welscher Tyrannei,
Was er zum Ruhm des Harras webt,
Ihm selber Preis und Requiem sei.

Und kommt die Zeit, wo Dichter weich
Und träge sind, dem Schwerte fern,
So sei für Gott und unser Reich
Der Körner dir ein Morgenstern.
 

 

41


III

Unter Linden kann dich nicht,
Schlingen je ein Lindenwurm,
Denn wie Gottes Strafgericht
Ragt der Baum als Segensturm.

Unter Linden bist du frei,
Was der Feind auch Söldner ding,
Denn dich schützt die Himmelsdrei
Unter ihrem Schattenring.

Unter Linden wächst der Traum,
Der als Deutsche uns bestimmt,
Diese Blüten decken Raum,
Den uns kein Besatzer nimmt.

Unter Linden eint sich einst,
Christi Wein mit Odins Speer,
Und die Heimat, die du meinst,
Kommt in neuem Glanze her.
 

 

42


DIE HILKE VOM GER
Wo dunkler die Tannen
Dir schatten zur Nacht,
Wo karger die Schrannen
Der Schober bedacht,
Fliegt, daß sie gebäre
Den Fürsten des Clans,
Die Hilke vom Gere
Durchs Zwielicht des Wahns.

Wo Friesen vor Bären
Nicht abschirmt das Kreuz,
Wo ehern und hären
Die Lust, keines Deuts
Verlustig, in Schreien
Sich austobt, erfahr
Das Gebenedeien
Vom Nordland-Altar.

Wo Deiche zu brechen
Dir drohn, will der Sturm
Nach Lohenart stechen
Den irdenen Wurm –
Dem Land, drauf die Woge,
Die neidische, schaut,
Die Hilke am Troge
Das Leuchtfeuer braut.
 

 

43
Sie weiß um die Kräuter,
Der Pilz ist ihr heil,
Hofft jeder der Häuter,
Daß er bei ihr weil,
Bleibt sie, deren Glieder
Im Mondlicht so kalt,
Wie Schwanengefieder
Die Engelsgewalt.

Das Mal der Geschlechter
Ist ihre Domän,
Die Eide Gerechter
Weiß sie zu duchspähn,
Das Krummschwert, die Pieke,
Was Waffen du kennst,
Schaut Hilke als Nike
Mit Lorbeer bekränzt.

Die herrische Küste,
Die Midgard umschlingt,
Zuckt durch ihre Brüste
Und Mutterkorn bringt
Ein Wissen und Weihen,
Das schreckenlos schaut,
Die Raben umschreien
Den Trank, den sie braut.

Das Reich der Germanen,
Von Wolken verdeckt,
Dem Willen der Ahnen
Getreu, sie erweckt
 

 

44
Im Wimmern des Mannes
Ein Samenkorn Mohn,
Und Hilke gewann es
Als Revolution.

Wo Eidbruch und Fremde
Als Mächte sich blähn,
Trennt sie sich vom Hemde,
Das deckt ihr Gewähn,
Und pflanzt, daß die Spötter
Verstummen, im Prunk
Die Flagge der Götter
Ins Gruftolm-Geunk.

Der Bannstrahl des Weibes,
Der Urborn der Nert,
Verächter des Leibes
Zum Grinsen verzerrt,
Entwaffnet, geschlagen
Von ihrer Gewalt,
Schafft Hilke den Tagen
Die Friesengestalt.

Und wenn sich die Sonne
In Schleswig erhebt,
Wird Blut sich der Wonne
Erinnern, die strebt
Nach Arnshaugk und Thule
Ins Xanadu-Eis,
Zu Spinnrad und Spule
Und Lammwolle weiß.
 

 

45
Dann legt sie das braune,
Das wallende Haar
Bedächtiger Laune
Auf alles, das war:
Die Macht, die sie brütet
Im Hilkengebet,
Das Heil, das sie hütet,
Wenn alles verweht.
 

 

46


OLUF
Wo Amboß und Feuer
Recht sind und recht tun,
Sind Ställe und Scheuer,
Sind Fässer und Truhn
Abhold Phänomenen,
Tagfremd und unklar,
Denn jung sind die Sehnen
Im vierzigsten Jahr.

Die Mären, die Mahren,
Sie schrecken ihn nicht,
Er kennt die Gefahren,
Die Tenne ist dicht,
Er liebt keine Schwätzer,
Was man ihm verspricht,
Ob Heiliger, Ketzer,
Es kümmert ihn nicht.

Er beugt sich den Zwecken
Und hartem Gewerb,
Und daß ihm der Schrecken
Die Stirne verfärb,
Muß kurz sein, im Tage
Lobt Gott alles Tun
Und schafft eine Lage,
Nachts traumlos zu ruhn.
 

 

47
Doch manches im Liede
Ist ärger denn sacht,
So ruft ihn die Schmiede
Auch manchmal zur Nacht,
Er werkt für den Bauern,
Der frühmorgens kommt,
Den Weg zu bedauern,
Daß er seiner frommt.

Da schlägt um die Stunde,
Da Geister sich trolln,
Ein seltsamer Kunde
Ans Tor mit der volln
Kraft, die er zu missen
Gewohnt, die man dämpft,
Denn Oluf muß wissen,
Daß hier einer kämpft.

Er trägt einen Panzer
So schwarz wie das Korps,
Er schiebt sich mit ganzer
Erscheinung durchs Tor,
Und um seine Hüften
Das mächtige Schwert,
Es kündet von Grüften
Und Ländern, verheert.

Er sagt, daß er käme
Von Norderney her
Und rasche Fahrt nähme
Direkt übers Meer,
 

 

48
Nach Norwegen morgen
Zu blutigster Schlacht,
Und Oluf soll sorgen
Des Hufeisens Acht.

Die Rede scheint törig –
Wie soll das wohl sein?
Müht er sich auch hörig,
Das Eisen ist klein,
Zu klein für die Hufe
Des Rappen, der wild
Die haltenden Rufe
Mit Ungeduld schilt.

Doch da, ob er träume,
So fragt sich der Schmied,
Das Eisen durch Räume
Von selber sich zieht,
Es wächst bis zur Weite
Des mächtigen Hufs,
Dem Kriegsmann zur Seite,
Des Abschieds, des Rufs:

Wohlan, du beschlugest
Des Walvaters Roß,
Welch Los du auch trugest,
Daß Odin dem Troß
Dich ausnahm, erwählte,
Sei vor allem wert,
Sei jener, der stählte
Des Asenhaupts Pferd.
 

 

49
Der Reiter entschwindet
Durch Wetter und Sturm,
Der Hufschläger findet
Nicht heim, wie ein Wurm,
Zerhackt, wird der Magen
Ein Würgen nicht los,
So liegt Olufs Tagen,
Die Neige nun bloß.

Er wird noch berichten
Die Zeit, die ihm bleibt,
Die Barden bedichten
Die Tat, die er schreibt.
Doch Amboß und Feuer
Verfallen, der Mann
Verliert, was ihm teuer,
Der krankt und nichts kann.

Die Nähe der Asen
Kein Handwerk verträgt,
Auf göttlichem Rasen
Nichts hämmert und wägt,
Es zeigt sich vom Tode
Gezeichnet, wer wacht
Zur Stund, da der Gode
Sich rüstet zur Schlacht.
 

 

50


HARRAS
Der Ritter Harras sitzt allein
Auf seiner Burg zu Lichtenwald,
Er ging so gern die Ehe ein
Mit Luitgard, monden von Gestalt,
Doch Schellenberger ist sein Feind,
Und Vater der begehrten Maid,
Kein gutes Wort die Fehde eint,
Und einsam geht die Sommerzeit.

Bei Schellenberger wächst der Haß,
Wenn er die Burg von weitem sieht,
Besinnt er nur, wie er sie schaß
Und seinen Feind zu Tode kriegt,
Da meldet ihm ein Knappe hell,
Daß Harras an der Flöha Gmünd,
Den Überfall beschließt er schnell
Und weiß nichts mehr von Brauch und Sünd.

Die Route führt durch finstern Wald,
Hier birgt der Mörder sein Gesind,
Das Laubicht deckt den Hinterhalt,
Die Lichtenwälder reiten blind,
Die Rotte schlägt gewaltig drein,
Und rasch färbt sich die Aue rot,
Doch Harras wendt sein Roß zum Hain
Und flieht mit Macht den sichern Tod.
 

 

51
Bald holen die Verfolger auf,
Da schaut er eine Lichtung vorn,
Tief unten trennt der Zschopau Lauf
Den Rittersmann vom Heimatsporn,
Er wagts, er stürzt mit kühnstem Sprung
Ins Flußbett, seiner Rettung hin,
Ein Springborn netzt die Dämmerung
Und Gottes Wunder leuchtet drin.

Die Mähre findt im Strome Tod,
Doch er schwimmt sich zum Ufer frei,
Dem sich ein solches Schauspiel bot,
Bestimmt der Sprung, daß er verzeih,
Wer solchen Muts und solcher Gnad,
Führt Heil und Segen ins Geschlecht,
Drum ist dem Nachbarn nach der Tat
Die Eh mit seiner Tochter recht.

Noch heute man die Klippe schaut,
Wo Mut das Menschenmaß beschämt,
Hier rettet nicht nur seine Haut
Der Reiter, den kein Schrecken lähmt,
Hier ward ein Mal den Erben gut,
Das spricht vor Gott und dem Gericht
Von deutscher Art und deutschem Mut
Und des Gerechten Ehr und Pflicht.
 

 

52


HERMANN VON SALZA
Vom Sachsenkrieg ist Salza uns geläufig,
Auch stritten hier der Staufe und der Welf,
An solchen Orten findet sich recht häufig
Die Einsicht, daß nur größre Weite helf.
Als Hermann wuchs als Sproß von Ministrialen,
Das Unstrutland schon nicht mehr trug, man teils,
Daß Papst und Kaiser sich zu tausend Malen
Bekriegten, schien ihm nicht der Weg des Heils.

Im Orden, der benannt nach deutschem Hause
Jerusalems, wo Hermann später pries
Den Kaiser, dem geglückt die Waffenpause,
Drin er des Heilgen Landes König hieß,
Stand er nach wengen Jahren an der Spitze,
Begabt zu schlichten und nach vorn zu schaun,
Daß dieser bald sein eignes Land besitze,
Fand Hermann Kaisers und auch Papsts Vertraun.

Wies ihm gelang, die Fronten aufzubrechen,
Erzählt uns kein Chronist, doch es geschah,
Denn als er in Salerno bösen Schwächen
Erlag, warn Fehd und Hader wieder da,
Doch eh in Christo heimging alles Hasten,
Dem Kulmerland im Einklang der Partein
Beglaubigt ward in Kruschwitz, nicht zu tasten:
Das Baltikum soll bei dem Reiche sein.
 

 

53
Es leugnet heut der Pole Konrads Siegel
Und meint, Masowiens Herzog war nicht dort,
Die ganze Urkund sei ein falscher Spiegel,
Gleichzeitig ist das Original nun fort,
Das Klare ists Motiv bei dem Verschwinden,
Wärs eine Fälschung, müßte sie nicht weg,
Man soll die Würde Preußens nicht mehr finden,
Und Polen sei im Rechte, ist der Zweck.

Doch ward den Templern und den Johannitern
Voll gleichgestellt der Deutsche Orden einst,
Auch mag die Grabeskirche uns verwittern,
Doch Hermanns Preis erhielt sich klar und reinst,
Daß einer, der die Herrn der Welt begleitet,
Für seinen eignen Orden gäb nur Schaum,
Behauptet nur, wen Geistestollheit reitet
Und schwindeln läßt der große Polentraum.

Auch kam der Deutsche Orden einst zu Weichsel,
Weil Polen stets geschlagen ward vom Pruß,
In neurer Zeit ergriffen sie die Deichsel,
Die war ein Lehn von England und vom Ruß.
Wenn die Lakaien nun ins Mittelalter
Zurückdatieren, was sie unverschämt
Besetzten, schau den miserablen Halter,
Das Land, das sich entleert und drüber grämt.

In alter Zeit zog deutscher Mann nach Osten
Und gab sein Blut für Christi Botschaft hin,
Das Heidenvolk, auf dessen Lebenskosten
Der Sieg geschah, bestreitet nicht den Sinn.
 

 

54
Hingegen Dritte, die da feig beiseite
Gestanden, wollen ins gemachte Bett,
Und Advokaten, denen einst man Scheite
Geschichtet hätt, die findens gut und nett.

Zu Hermanns Ruhm seit endlich noch beteuert,
Er zog nicht selber ein ins neue Land,
Und die Vermittlung wurde noch erneuert,
Als Söldner halb Apulien abgebrannt,
Wer bis zum Tod gedient der deutschen Sache,
Verdients auch noch nach Menschenaltern viel,
Daß ihm das Volk ein großes Denkmal mache,
Daß dieses mahn das unerreichte Ziel.
 

 

55


FÜNF BURGEN
Fünf Burgen hat die Kaiserpfalz zu Wimpfen
Als Tugendpreis der Ritterschaft geschart,
Und über Flegeln, die im Auland schimpfen,
Den Possenreißern, Parvenüs und Pimpfen
Erfreun sie sich der hohen Gegenwart.

Nur wer sich scheut, die Stätten aufzuspüren,
Ist ausersehn, zu ahnden, was sie eint,
Denn was Gestalt gewann, dich zu verführen,
Ist nur ein Abglanz durch verschloßne Türen,
Als sei der Traum durch Zauberwort versteint.

Der Stolz ist eines Ritters erste Gabe,
Der Kleingeist nennt zuerst die große Tat,
Auch achtet er die Ritter nur im Grabe,
Und spottet sonst das närrische Gehabe
Der Fahrenden im Traum von Monsalvat.

Doch dies soll unsre Kreise hier nicht stören,
Allein der Stolz, den nichts bedingt, macht frei
Zu Taten, die dem Dichterwort gehören,
Er ist das Pfand, dem Höchsten zuzuschwören,
Daß noch ein Mann in seinem Dienste sei.

Von Stolzeneck zur Minneburg der Erde
Spreng, daß dem hehren Ich ein holdes Du
Erblüh, und schlägt das Herz geschwind zu Pferde
Füg dem »Es sei« ein zarteres »Es werde«,
Dem Schwertgeklirr den Harfenton hinzu.
 

 

56
Und doch, dich wird schon bald die Lerche mahnen,
Daß du der Adler bist, den niemand hält,
Dein Element ist leicht und deine Bahnen
Magst du nicht länger im Verweilen ahnen,
Denn nur die Fahrt verwandelt Traum zu Welt.

Die Welt hat große Schätze ausersonnen
Für einen, der das Bad im Drachenblut
Nicht scheut, und manches Quellgeraun, verronnen,
Hebst du aus seiner Nacht in deinem Bronnen,
Und manches Leid wird für den Guten Gut.

Nur wer im Glück, das Dankbarkeit bereitet,
Zu nehmen weiß, nichts braucht, doch was ihm frommt,
Bewahrt und wer als Herr durch Güter schreitet,
Das Lehen mehrt und allem Feind bestreitet,
Der ist gefeit in allem was da kommt.

Der braucht sich keine Gründe auszusinnen,
Daß Segen ruh auf seinem Weg und Werk,
Und niemals werden echtes Gut gewinnen,
Umstürzler, die aus Rachsucht Streit beginnen,
Auf Gottvertraun erhebt sich Guttenberg.

Sind Sorgen auch des Ritters nicht, beschwere
Doch eine das Geschick in seiner Hand,
Wie er ihr treu sei und sie ständig mehre,
Lenk deinen Blick hinauf zum Berg der Ehre,
Das Feuer, das die Waffen hart gebrannt.
 

 

57
Kein Mißgeschick, kein Urteil kann sie bannen,
Solange du nicht in Verzagtheit harrst,
Und was die Philosophen nie ersannen,
Ist Eros, der regiert im Kampf der Mannen
Und auch das Schwert fügt, das der Faust zerbarst.

Er ist der Mittler und das Band der Burgen,
Er hat an allen Elementen teil,
Und auch der Kaiser, sein Gefolgsmann, fuhr gen
Italien, warb im Schatten des Demiurgen
Um ältre Würde und um ältres Heil.

Ließ ihn die Göttin, die dem Wogentanze,
Dem Schaum entstieg, am heiß erkämpften Riff
Im Vagen? Doch, flog nicht der Zug durchs ganze
Christliche Abendland wie deine Lanze
In gutem Wurf, und hieß das Heil nicht: Triff?

Nicht in Historien ist der Traum zu fassen,
Der sich zur Tugend jenen Reif gewann,
Wie Schätze, die nur in die Zeiten passen,
Da sie vergessen prunken und verlassen
Und sie allein der Dichter preisen kann.

Das fünfte Element, der Sphären-Äther,
Der Traum von Reich, Burg Reichenstein,
Rührt nur noch mit Legenden an den Täter
Im fernen Sarazenenland, der später
Als Drache mit der Perle spielt, allein.
 

 

58
Im Kyffe soll er schlummern, allem Reifen
Entrückt, die Treuen in Schlacht zu führn,
Auf Zinnen, die es nicht gelang zu schleifen,
Erscheint dir seine Gegenwart zum Greifen,
Und nachts im Traum weißt du ihn oft zu spürn.

Du hast wie er die Kaiserpfalz verloren,
Und auch im Burgenkreis bliebst du nur Gast,
Doch wärest du zum Ritter nicht geboren,
Du hättest sie zum Aufenthalt erkoren
Und hättest dich in Stein verwandelt, fast.

Du aber siehst den Adler, der im Blauen
Sich wiegt und dir den Göttertag verheißt,
Daß du in seiner Huld dem Reich vertrauen,
Daß du ihm gleichen kannst im hohen Schauen,
Ist Heils genug und alles was du weißt.
 

 

59


QUESTENSCHATZ
Im langen Kriege blieb kein Fleck
Verschont von Söldnern, Raub und Gier,
Man nahm dem Bauern alles weg,
Das Saatgut selbst und jedes Tier.
Wer Gold und Silber nannte sein,
War dieses Schatzes nicht mehr froh,
Denn Plündrern ists ein Freudenschein,
Krönt ihren Übermut die Loh.

In Questenberg drei Brüder warn
In großer Sorg um ihren Schatz,
Denn dauerhaft würd nicht ersparn
Die Abgelegenheit die Hatz.
Sie kamen schließlich überein,
Die Höhlen sein ein sichrer Ort:
Hier traut sich wohl kein Fremder rein,
Und nimmt uns Vaters Erbe fort.

Sie stiegen in den dunklen Schacht
Und suchten einen Platz mit Plan,
Schon bald war alles hergebracht,
Und jede Spur mit Staub vertan.
Nicht lang darauf in bösen Jahrn,
Hieß es bei Schwed und bei Kroat,
Wo stets nur Hungerleider warn,
Sei dir der Weg ins Dorf zu schad.
 

 

60
Dann kam der Frieden, und die drei
Begehrten nun ihr Gut zurück,
Doch grad als ob verhext es sei,
So hatten sie kein Finderglück.
Der Streit lag in der Luft, ob wer
Von ihnen ein Betrüger sei,
Doch Einsicht stellte Eintracht her,
Daß ohne Gold doch alle drei.

Daß jemand hätt den Schrein entdeckt,
War möglich nicht in dieser Welt,
Sie hattens nicht nur gut versteckt,
Es waren Fallen aufgestellt,
Hätt jemand diese zwar geahnt,
Ganz spurlos wär dies nicht geschehn,
Von außen war kein Weg gebahnt,
Auf das Geheimnis zuzugehn.

Sie grübelten, wie es geschah,
Daß Gold und Silber wie ein Hauch
Verschwanden, wo doch niemand da,
Als nur des Berges dunkler Bauch.
Als Lösung einzig möglich blieb,
Obs auch verwundert und verstört,
Der Questenberg war selbst der Dieb,
Im Meinen, daß ihm dies gehört.

Obgleich kein Richter solches rächt,
Sprach schließlich einer von den drein:
Uns scheint die Lage ziemlich schlecht,
Doch könnte es nicht wirklich sein,
 

 

61
Daß was man schürft an Erz und Glanz
Im Glauben, Gott hätt dies erlaubt,
In Wahrheit heißt ein Unrecht ganz,
Weils die Gewalt dem Berge raubt?

Dann ward uns Gnade wohl zuteil,
Daß keiner uns als Hehlern gram?
Mir schafft das Traun auf Schatzes Heil
Zunehmend Bitternis und Scham.
Drauf sprach der andre wie befreit:
Und ward im Krieg nicht Pest und Spieß,
Wärs möglich nicht, daß dieserzeit
Der Berg uns seine Huld bewies?

Darauf der dritte: Lobet Gott,
Wir sind gesund, der Mai ist feucht,
Entgangen Folter und Schafott,
Lockt uns im Feld das Taugeleucht.
Die Krume drückt uns Jahr für Jahr
Die goldnen Ähren in die Hand,
Der größte Schatz, dies seh ich klar,
Bleibt immer unser gutes Land.
 

 

62


BLUMENWEG
In Sagen, die das Volk erzählt,
Stehn Schätze, die erschöpfst du nie,
Wird wer zum Finderglück erwählt,
Gehts grad wie in der Lotterie,
Mal wird ein kruder Dienst verlangt,
Oft Zuschaun nur, wie jemand tollt,
Wertloses Zeug man dann erlangt,
Und über Nacht wird dies zu Gold.

Die Sporne, allerwege wild
Ins Land gereckt, oft neckisch kraß,
Verkörpern uns kein Armutsbild,
Schon ehr ein berstend volles Faß,
Was sich mit harten Steinen deckt,
Mit Zacken, Schrunden, Salz und Rost,
Bestimmt sich guten Schutz bezweckt,
Daß niemand schlürf den süßen Most.

Wohl ruft uns mancher Eingang her,
Doch meistens bloß in Nacht und Tod,
Der Reichtum wäre nicht so schwer,
Wenn sich der rechte Eingang bot,
Doch scheints, daß ihn das Aug erspäh,
In tausend Jahrn macht eine Stund,
Wer dies erfährt, allein und jäh,
Nicht wiederholt den guten Fund.
 

 

63
Doch manchmal ists nicht bloß der Tag,
Der öffnet Aug und Berg zugleich,
Mitunter spricht das Volksgesag
Von einem Schlüssel in das Reich.
Manchmal ist dies ein Flötenlied,
Doch öfter eine schlichte Blum,
Der Blumenweg führt ins Gebiet,
Wo ein geheimes Königtum.

Von vielen Bergen wirds bemüht,
Mal ist die Blume blau, mal sagt
Man nicht, wie diese Pflanze blüht,
Doch oft wird der Verlust beklagt.
Der Blumenfromme, der die Nacht
Sieht voller Gold und Edelstein,
Vergißt, daß sie den Weg gemacht,
Geblendet von dem Glitzerschein.

Das Wort: Vergiß das Beste nicht,
Meint meistens nicht die Seligkeit,
Es geht allein ums Höhlenlicht,
Das eine zarte Blüte leiht,
Mir scheint darin der Weisheit Reim,
Nicht im Metall ist dein Zuhaus,
Was blüht, führt fort und wieder heim,
Und haucht dabei den Himmel aus.

Novalis, der im Berg vom Fach,
Und der die Sagen wohl bedacht,
Sang, daß die blaue Blume lach,
Sei alle Poesie gemacht,
 

 

64
Die Führerin erfand er nicht,
Sie ward im Volk schon oft beschworn,
Doch seine Zeit hat dies Gesicht,
Wie unsre auch im Herz verlorn.

Drum auch in Barbarossas Reich,
Fährst nicht mit Stößel oder Beil,
Das Harte zwingt was selber weich,
Drum nicht zum Rabenmorde eil,
Such lieber zwischen Feld und Rain
Die blaue Blume, die dich führt,
Dann wird im Kyff der Träger sein,
Und unserm Volk, was ihm gebührt.
 

 

65


SAGENZEIT
Der Kaiser Rotbart steht im Sang
Des Volkes auf der Höh allein,
Kein Mann seit seinem Untergang
Sollt wieder so besungen sein.

Meist spricht die Sage namenlos
Von Leuten von geringem Stand,
Ob auf der Heid, im Ried, im Floß,
Wer kam und sah, ist unbekannt.

Mal wird ein Ritter, ein Geschlecht,
Wohl sagenhaft in Berg und Tal,
Doch bleibt das mythische Geflecht
Stets landschaftshörig und lokal.

Von Kronen, Szeptern, Schlachtenglück
Lebt wenig fort im Sagenraum,
Was den Gemeinen kränk und drück,
Betraf die Welt der Throne kaum.

Erst Martin Luther wieder fand
Von Politik zu Sagengold,
Wie Seele er und Leib verband,
Ward solche Phantasie gezollt.

Denn hier traf sich das Naturell
Mit deutscher Sehnsucht nach dem Thing,
Als ob ein lang Gedrücktes hell,
Als Bronnen aus der Erde spring.
 

 

66
Dies zählte mehr als aller Streit,
Wie dich am Abendmahl erlabst,
Ob die Apostel seinerzeit
Den Schlüssel ließen Kirch und Papst.

Was Luther oder Rotbart trägt,
Ist Glauben, der nicht Konfession.
Ihn hegt, wer nach den Toten frägt,
Und wo er einst mit ihnen wohn.

Wenn solches jedem närrisch scheint,
So sei geboren uns wer will,
Um schnöden Tand der Volksgeist greint,
Und in der Sage bleibt es still.

Erst wenn die Frag der Seligkeit,
Gilt jedem wieder mehr als Glück,
Kehrt deutschem Land die Sagenzeit
Und so die Hoffnung selbst zurück.
 

 

67


GAMSENBERG
I

Im lenznen Schmelz
Stimm Lieder ein
Der Tafelfels
Von zähem Stein,
Tannhusers Land
Belaub das Vlies
Von Erz und Sand
Und Muschelkies.

Die Zeche steht
Auf dichtem Werg,
Das Pfingstgebet
Beschallt den Berg,
Erlösen soll
Vom Wahn, der trennt,
Posaunenzoll
Im Linnenhemd.

Was drunten schwelt,
Was lichtlos wacht,
Was man erzählt
Von Hohl und Nacht,
Sei unserm Fest
Nicht fern und feind,
Wer wachsen läßt,
Die Weiser eint.
 

 

68
Vergibt die Treu
Dem Wankelmut,
Sind Has und Leu
Als Wappen gut,
Nicht alten Zwist
Bekränz der Mai,
Was Leben ist,
Erschalle frei.

Am dunklen Teich,
Am Osterschloß,
Drum sich das Reich
Der Nacht ergoß,
Sei Wiederklang
Für Sang und Zupf,
Daß Freude drang
In jeden Schlupf.

Der Minneleich
Den Himmel rühr,
Der Traum vom Reich
Den Fels verführ
Zum Festgelag
Von Mensch und Zwerg,
Daß Rosen trag
Der Gamsenberg.
 

 

69


II

Vom Gamsenberge geht die Red,
Wo Zechstein wild zerklüftet steht,
Berühren Weid und Hirtenpfad
Das unerlöste Reservat
Der Heiden, Riesen, Zaubrer, Alb,
Manch Bauer ließ hier Lamm und Kalb
Dem Gnom, der sich als Hörsel-Sitz
Versenkt die Feste Österlitz.

Von Brauerpfannen puren Golds,
Weiß dir der Wind im Unterholz,
Ein Drache wacht mit arger Loh
Am Schatz, der keinen Menschen froh
Je macht, denn dieser Reichtum groß
Kann lindern nicht das Schreckenslos
Des Dunklen, der verbannt vom Licht,
Mit Schatten und mit Schemen ficht.

Nur manchmal springt ein goldnes Korn
Der Wanderer in Krug und Horn,
Auch sah ein Weib hier nächtens zu
Und fand die Unze Gold im Schuh,
Doch wer den Schlangenkreis betritt,
Den nimmt ein graues Männlein mit,
Und wer in Zechen sich verirrt,
Nie mehr zum Sohn der Eltern wird.
 

 

70
Ein Schäfer sah mit Eisenblatt
Die Dunklen spieln an dieser Statt,
Sie warten lang, doch wir im Tun,
Sind gleichviel fern den Flügelschuhn,
Dem Engelsflaum, der Aug und Arm,
Umschaudert lind und maienwarm.
Wir warten wie das Bergverlies,
Verschüttet von Geröll und Kies.

Wir hegen Hoffnung, denn uns kam,
Der Sohn, der uns als Kinder nahm,
Doch tausend Jahre gehn ins Land,
Die Vorwelt bleibt in Acht und Brand,
Der Frost zersprengt den ersten Keim,
Der Traum verfahlt und findt nicht heim,
Das Rittertum ward welk und weich,
Und kaum wer glaubt noch an das Reich.

Ob druntenher uns Maß und Glast
Zum Wandel taug aus unsrer Hast,
Scheint ungewiß, der Toten Sang,
Bedeutet uns nur Untergang.
Doch daß im Kyff der Staufer dächt
Auch dieser Fels stell treuen Knecht
Für seine Kunft und seine Schlacht,
Hält unser Herz für ausgemacht.
 

 

71


FAFNIR SPRICHT
I

Da du hier anklopfst, sag, was willst du wagen?
Schreckt dich der Strauß, so rette Bein und Wanst!
Vermagst du es, den Drachen zu erschlagen,
Sieh zu, daß du das Gold auch tragen kannst!


II

Wer wagt, gewinnt, wer schwatzt, hat rasch verloren,
Denn wer kann wissen, ob die Karte sticht ...
Und schirmt dich, junger Mann, der Schild der Toren,
Macht mich der Tarnhelm unsichtbar wie Licht.

Was wunderts, daß nur ausnahmsweis in Foren
Das Tier erscheint, dem man den Lorbeer flicht?
Bevor du nicht der Prosa abgeschworen,
So lernst du auch bei mir das Fürchten nicht.
 

 

72


III

Am Markt, wo mancher Unberufne gafft,
Ließ ich was ihm nicht ziemt und frommt im vagen,
Fast ärgert mich, daß hier es jemand schafft,
Noch weniger als ich von sich zu sagen.

Doch reizt es dich, den Raunenden zu binden,
Der unerkannt am Born der Liebe wacht,
Such nicht, was er verschweigt, herauszufinden,
Denn nur im Geist wohnt seine Zaubermacht.


IV

Du hast das Tier geweckt, das zu Poemen
Die Rätsel flicht aus Wind und Vogelspruch,
Dies ist kein Schwatz mit Frommen und Bequemen,
Ein schwaches Kreuz geht dabei leicht zu Bruch.

Auch Jamben, die sich ungelenk und schwammig
Verbreitern, sind nicht erster Klasse Paß,
Der eine stirbt im Rost und schlummert schlammig,
Der andre gleißt im Firneis des Parnaß.

Doch nicht die Form sei allererste Zierde
Für den, der sich dem Quell zum Trunke neigt,
Nach welchem Stock sich deines Dursts Begierde
Bemißt, im Kyff dir erst das Szepter zeigt.
 

 

73


V

Ich wache tausend Jahr vor den Kleinoden
Mit Grimm, und wenn dereinst der Weise strahlt
Mit milderm Rot und wirft den Feind zu Boden,
Hat sich Geduld und Treue ausgezahlt.

Ich bin der letzte des Geschlechts der Riesen,
Die einst den Asen schufen Wall und Turm,
Für Darwin und die ihn zum Herrn erkiesen,
Bin ich ein Mißgriff und ein nackter Wurm.

Erst wenn die Alter vor des Heilands Kommen,
Erlöst sind vom Verdikt, das sie verdammt,
Darf auch dem Leben ihre Weisheit frommen,
Sind wahrhaft kosmisch Herrlichkeit und Amt.

Dann wird die Irminsul sich neu belauben,
Die Raben fliehn den Grottengang am Kyff,
Dann hörst du auch wie Odins Rosse schnauben
Nicht mehr als Alp, der nach dem Leben griff.

Denn wer das Leben hegt zum Neid der Toten,
Ist immer nur ein Günstling seiner Zeit
In beiden Reichen wesen Gottes Boten,
Und jede Gruft steht ihrem Flug bereit.

Doch nicht erst, wenn sie blasen zum Gerichte,
Wird Ruh für mich und hohes Glück für Hans,
Wenn Golgatha und Mimirs Quell Geschichte
Vereint, wird auch des Reiches Krone ganz.
 

 

74


VI

Nur Fahrenden geziemts, das Horn zu blasen.
Am Herd mag ruhn, wer gern den Weibern front,
Du weißt, daß selbst der mächtigste der Asen
Durch Wälder streift und nicht im Himmel thront.

Doch magst du gern an meinem Rätsel halten,
Vielleicht ists klug, vielleicht auch nur gewitzt.
Der Weisheit Freunde nannten sich die Alten,
Weil nur ein Gott die Weisheit selbst besitzt.

Genug! schon naht die Nacht mit ihren Mären,
So steig vom Pferd und öffne das Visier!
Ich weiß nicht, was die Götter uns gewähren,
Doch diese Stunde wache ich mit dir.
 

 

75


KYFFHÄUSERGEIST
Der Herr aller herrlichen Heere,
Der Walter des Winds und des Walds,
Der Stifter von Eiden und Ehre,
Des Deutschen Beseelung und Salz,
Will haugkher, wo Licht aus Kristallen
Den Goldreif des Niblungs verheißt,
Des Rüstmeisters Kammer bestallen
Und segnen im Kyffhäusergeist.

Uns gehts wie dem Schmiede der Flamen,
Zur Jüterbog stark und bekannt,
Es braucht für die Tat keinen Namen,
Wer Teufel und Tod überwandt,
Doch wer sich das Heil nicht erbeten,
Eh Boten des Himmels verreist,
Der muß in die Kyffgrotte treten
Und dauern im Kyffhäusergeist.

Zum Weltbild der Ptolemäiden
Führt uns weder Kaiser noch Papst,
Die Zukunft heißt Kampf und nicht Frieden,
Heißt Freiheit, der du dich ergabst,
Verfolgt von dem römischen Banne,
Der Blut seiner Wurzel entreißt
Und taub für das Horn ist im Tanne,
Drin wiederklingt Kyffhäusergeist.
 

 

76
Wir haben die Unschuld verloren,
Der Vögel, der Wölfe sogar,
Wir haben ein Los uns erkoren,
Daß kindsgläubig scheint uns der Aar,
Wir schufen die mächtigsten Schwerter
Und Schilde, titanisch verschweißt,
Und bleiben doch unreif wie Werther
Und treu nur im Kyffhäusergeist.

Im Kyff ist uns alles versprochen,
Gemeinschaft, die Volk überragt,
Und wird einst die Grotte zerbrochen,
Weil all deine Herrlichkeit tagt,
So soll uns die Thinglinde scharen
Zu Tilleda, wie es da heißt,
Daß wir das Jahrtausend erfahren,
Das Reich und den Kyffhäusergeist.

Doch weh! es vergehen die Jahre,
Die Eiche ist tot längst und hohl,
Der Motor verbannt die Fanfare,
Es schmelzen uns Gletscher und Pol,
Der Weltbrand schlingt Runen und Reiser,
Der Lebensborn schimmelt verwaist,
Uns führt kein Prophet und kein Weiser,
Uns führt nur der Kyffhäusergeist.

Er sagt uns was wahr ist was Blendung,
Wenn hundert der Edelsten stehn,
So bleibt deine Stiftung uns Sendung
Wird Trug und Gemeinheit verwehn,
 

 

77
Solange die Fackeln uns lodern,
Solange du Atem uns leihst,
Kann deutsches Land nicht vermodern,
Wird aufstehn im Kyffhäusergeist.

Zwar wissen allein noch die Dichter,
Wer drunten im Kyffhäuser wohnt,
Es wurden die Ämter und Richter
Entweiht und gleich mehrfach entthront,
Wir stehen, umzingelt von Fremden,
Verrätern, mit Schmerbäuchen feist,
Uns schützt nicht der Ringwall von Emden,
Uns schützt nur der Kyffhäusergeist.

Wer weiß, wann die Raben verflogen,
Der blitzschwarze Baum sich belaubt,
Man hat uns unendlich belogen,
Doch rein bleibt die Seele, die glaubt,
Dein Reich kann sie nimmer verlieren,
Die Träume, von wannen du seist,
Und wir werden weitermarschieren
Und sterben im Kyffhäusergeist.
 

 

78


QUISQUALIS
Bist du von Rasse, so fragt dich der Kamerad Peter,
Den du verdächtigst, ein ahnloser Mischling zu sein,
Ist auch die Frage die gänzlich verpönte, kein Meter
Soll dich vom Kern ihres wuchtigen Ernstes befrein.

Rasse ist Glaube der Ahnen, vererbt, angeboren,
Den du als Kind, das die strengen Verbote nicht kennt,
Spürst, wenn sich in die gemessene Stille der Horen
Eingräbt ein Sonnensymbol, das die Mutter verbrennt.

Höre, das bringt uns unendliche Tränen und Leiden,
Spricht sie, der Lehrer zählt bald die Verbrechen dir auf,
Die unsere Großväter, wie alle Zeugen beeiden,
Übten an Nahen und Fremden zumeist und zuhauf.

Doch das Verbotne verlangt, diese Tür zu erforschen:
Ob nicht ein Gran dieses Lichtglanzes stark in dir west?
So wie die Störche ihr Nest wiederfinden auf morschen
Türmen, verharrst du am Borne der Herkunft und flehst:

Mög doch der Makel, der grenzenlos bittere, weichen,
Daß man als Deutscher beim eigenen Namen nicht frör!
Aber das Ausweichen gilt nicht, erwidert das Zeichen,
Und es bleibt seltsam verstockt bei dem innren Verhör.

Irgendwann wird dir bewußt, daß der Feind jene Mären
Aussann, die hindern, du selbst und ein Enkel zu sein,
Ließest du ihn und die käuflichen Diener gewähren,
Wärst du von Rasse nicht, fällt dir zum Herkommen ein.
 

 

79
Hast du nicht frühtags die Linde, die Esche gestreichelt?
Künden nicht Ahorn und Märchen im ähnlichen Wort,
Daß unsre Götter, vielfältig gezähnt und geeichelt,
Hütet die Sprache wie Fafner den goldenen Hort?

Hinzelmann wird dir Gefährte im Schloß Hudemühlen,
Er, der nur guttut, daß er der gemordete Knab,
Stille verschweigt, muß die Häme der Hofgäste fühlen,
Bis er den Drosten vertrimmt mit dem Haselnußstab.

Dir wird zumut, nun ein lutherisch Liedlein zu singen,
Wenn man uns feindlich, so soll es, so muß es so gehn,
Wer sich erhob, sich dem bleiernen Bann zu entringen,
Bleibe am Haff und sodann an der Weichsel nicht stehn.

Wer überwindet Erziehung zu Schuld und Komplexen,
Pferche der Seele, daß Glauben und Mut sie zerquetsch,
Und wer entsagt dem Gebräu der atlantischen Hexen,
Wird nicht genügsam am Brenner und alt an der Etsch.

Bist du von Rasse, die Schatten im Abendrot fragen.
Schau auf das Bauhaus und schaue den gotischen Turm!
Nur vom Altar wie vom Szepter der Ahnen getragen,
Darfst du dich aufschwingen über den zeitlosen Wurm.
 

 

80


INTERREGNUM
Elfmal zwölf Sommer vergingen, seit jäh der Erwählte
Sank, bis die Erblande kamen dem Reiche zurück
Für ein Jahrsiebent, und wenn man ins künftige zählte,
Trennt uns ein halbes Jahrhundert vom Einigungsglück.

Kleinmut vergleicht diese Frist mit dem irdischen Leben,
Wähnt das Geschehene wirklos, die Worte verstaubt,
Aber der Mensch ist gemacht, seinem Erben zu geben
Kunde des Wunders, das dauert, solange er glaubt.

Glaube allein macht die Lügen der Gegner nicht wahrer,
Was Propaganda vermag, zielt auf einen Instinkt,
Der dominiert bei den meisten, des Halbmondes Fahrer
Scheinen das letzte, das nicht in dem Unrat versinkt.

Aber es steht uns nicht an, vor Allah zu erbleichen,
Um unsrer Toten, seit langem geschmäht und entehrt,
Willen, muß alles was Rasse hat, Tatkraft erreichen,
Die den Verrätern die sechsfache Anmaßung wehrt.

Dienst du nicht Gott, so gehörst du Billionen Bakterien,
Denen der Mensch nur als Vorrat von Eiweiß besteht,
Aber wenn Gott ist, so kennt er nicht Urlaub und Ferien,
Das Interregnum der weltlichen Krone vergeht.

Wisse das Reich, und Vernunft wird es dir offenbaren,
Einzig das Reich wird den Pfeffersack, der uns erwürgt,
Zähmen und uns in der ständischen Ordnung verwahren,
Wo die Gemeinschaft das Heil und die Heimat verbürgt.
 

 

81
Welcher der Volksstämme sollte den Archipel einen,
Der sich benamt nach dem Opfer des kretischen Zeus?
Wählst du den Ritter, den Sense und Teufel umgreinen,
Oder Hieronymus in seinem Spinnen-Gehäus?

Schlichte Gemüter, sogar bei den feindlichen Polen,
Trauen die Einung allein den Teutonischen zu,
Unter der Hand und der mächtigen Aufsicht verhohlen,
Hoffen sie Ordnung und Frieden in Reiches Tabu.

Aber wir sollen als Süchtige danken der Knute,
Die unser Herzblut, Gesang und lebendigen Brauch
Macht zur Komödie, und mit der Vermischung im Blute
Will, daß die Herren am Ende der Darm und der Bauch.

Siehe, wir waren bescheiden und wollten uns fügen,
Aber es gibt keinen Feigenbaum, wo wir verschont.
Was sich von Fäulnis ernährt und versilberten Lügen,
Kann nicht erlauben, daß irgendwo Wahrhaftes wohnt.

Also beginne, dem Schwerte die Scharte zu wetzen,
Sende den Pfeil deiner Sehnsucht und mache nicht halt!
Mag auch den Kleinmut das große Vertrauen entsetzen,
Küren doch Fürsten für uns die erhabne Gestalt.
 

 

82


SEMPER AUGUSTUS
Heil dem Allzeit Mehrer,
Höchst erkorn, erwählt,
Reiches Trutz und Wehrer,
Der die Schilde stählt.

Heil dem Allzeit Mehrer,
Höchst gesalbt, geweiht,
Weiser, Fürst und Lehrer
Durch das Joch der Zeit.

Heil dem Allzeit Mehrer,
Höchst bekränzt, bekrönt,
Sagenborns Verzehrer,
Der in Liedern tönt.

Heil dem Allzeit Mehrer,
Höchst bereift, belehnt,
Sehnsuchts Schild Durchspeerer,
Der den Äon dehnt.

Heil dem Allzeit Mehrer,
Höchst erfleht, erschaut,
Aller Ehre Ehrer
Uns zum Dom erbaut.

Heil dem Allzeit Mehrer,
Höchst ertrotzt, ersiegt,
Deutsch wird der Entbehrer,
Wenn die Lanze fliegt.
 

 

83


QUEDLINBURG
Im Wonnemond des Jahres einundachtzig
Lädt Schilling seine Schar zum Maientag
Zu Quedlinburg auf Turm und Wall und macht sich
Zum Sohn von Lindengrün und Finkenschlag.

Er denkt des Voglers, den das Horn zur Beize
Hinausrief, da der Werwolf schweift im Tann,
Er rühmt das Land und seine stillen Reize
Und kündigt eine hohe Stiftung an.

Die Burg, wo Kunde seiner hohen Kür
Heinrich erreicht, daß er des Reiches Haupt,
Ist für den Geist die unverschloßne Tür,
Dadurch er sich in unsre Mythen glaubt.

Dreifach gestaltig ist des Dichters Leite,
Das Deutschtum, lutherisch, dem Nietzsche sah
Den Pfeil der Sehnsucht und in finstrer Weite
Den großen Mittag, Ring und Omega.

Dem mischt sich Traum, waldeinsam, stromgewunden,
Novalis' Wort, nach Haus zu gehn zur Nacht,
Und Tristan löscht die Fackel, ungebunden
Zu lieben, eh die Sonne neu erwacht.

Das dritte ist der Bann aus Form und Stil,
Die Treue und die hohe Disziplin,
Die uns im Höllenkreis wie ein Vergil
Das Erbe und die Träume läßt vollziehn.
 

 

84
Er zeichnet Wappen und er teilt sie aus
Und manchem ist dabei der Wind zu kalt,
Doch eh die Nacht zerrinnt im Glanz des Taus,
Macht Lammla grad bei Schwan und Scharlach halt.

Ein Jüngerer, der erst die ersten Sprossen
Der Leiter klimmt, die deutscher Dichtkunst steht,
Berauscht sich und bewundert den Genossen
Als frischen Wind, drin seine Fahne weht.

Die Schar zerstreut sich bald in alle Winde,
Nur Lammla, der nach diesem Mythos lechzt,
Der kein Gefolge hat und kein Gesinde,
Wagt sich zum Kyff, davor der Rabe krächzt.

Und Schilling wird der Meister seiner Werke,
Er sinnt im Dank auf Lohn, der diesem frommt,
Und wie er ihn verläßt in Mannesstärke,
Ein neues Amt ins Haus der Dichtung kommt.

Bei Schilling wird der Traum vom Reich zur Schwinge,
Die ihn in Feld und Flur mit neuer Schau
Für Gottes Wunder und den Ring der Ringe
Begabt und stiften läßt in Hain und Au.

Doch Lammla stellt sich der Historie näher,
Für ihn ist nicht die Zeit zum tiefsten Traum,
Der Feind ist nah, und sendet seine Späher
In jedes Haus und läßt uns atmen kaum.
 

 

85
Wird unsre Rasse ausgelöscht, so werden
Auch Schillings Runen aus der Welt verwehn,
Drum laß nicht aus Verachtung für die Herden
Den Schild im Stall, das Schwert im Speicher stehn.

Dein Vers zerreiße das Gespinst aus Lügen,
Das Reich ist kein Zierrat, nicht Rausch und Wahn,
Du sollst das Horn des Stauferherolds fügen,
Daß seine Reiter finden Licht und Bahn.

Dann wird ein Sperber alle Raben köpfen,
Die um die Grotte flattern, und der Eich
Wird grün, was wir aus deutscher Erde schöpfen,
Wird wieder heilig sein und wieder Reich.
 

 

86


STUPOR MUNDI
In Gold und Blut des deutschen Mittelalters,
In Chronik, Spruch, in Stein, in Pergament
Und in den Liedern Wolframs, Heinrichs, Walters
Findst du nichts, was noch mehr Erstaunen kennt

Als das der Welt, als der zum Reichstag wallte,
Der als Normannenerb in Flandern Otto schlug,
Und froh, daß er des Heilands Grab erhalte,
Den Königsthron nach Palästina trug.

Der Weisheit gab wie früher die Hellenen
Sein Regnum Weite und geweihten Hort,
Darin die Deutschen und die Sarazenen
Im Brauch sich fanden und im hohen Wort.

Und das Imperium dehnte sich zur Größe,
Daß sich der Papst dem Geld der Lombardei
Verband und jedes Fernsein, jede Blöße
Benutzte, daß ihm Schmach und Schaden sei.

Er starb gebannt, er, der nach Ausgleich strebte
Er kürte keinen Gegenpapst, befocht
Die Würde nicht, die schändlich er erlebte,
Denn Welt und Geist warn ihm wie Wachs und Docht.

Er mehrte stets und blieb dem Christentume
Bei aller Lust, die Orient lebt und liebt,
Getreulich in den Opfern und im Ruhme,
Und im Vertrauen froh, daß Gott vergibt.
 

 

87


CASTEL DEL MONTE
Der Lieblingsort des, der Erstaunen
Der Welt von der Mitwelt genannt,
Erhebt sich mit weißen und braunen
Kalksteinen im fruchtbarsten Land,
Von ruhlosen Völkern durchzogen
Von Seeraub geplündert und wund,
Wo Herrschaft die rollenden Wogen
Bekrönen und schlingen im Sund.

Im Bann der apulischen Feste
Erhebt sich der Geist zum Triumph,
Und sind auch die Türme nur Reste,
Wahrt Macht und Geheimnis der Stumpf,
Das Labyrinth, das gewaltig
Den schlägt, der nicht Größe und Plan
Begreift oder flügelgestaltig
Weiß schwebend aus Wolken zu nahn.

Im Maß der ägyptischen Ellen
Wird Sternkunde Mauer und Stein,
In achtfachen Gleichklängen stellen
Die Türme den Innenhof ein,
Das Gangsystem, vielfach verschlungen,
Hat, eh du gelangst an dein Ziel,
Oft Orient und Hellas besungen
Im pythagoräischen Spiel.
 

 

88
Das Eingangsportal, das von Osten
Dich einlädt so rot wie der Bart,
Romanische Löwen als Posten
Um Flachgiebel griechisch gepaart,
Das Rechteck und farbige Weiser
Gemahnen dich an den Islam,
Und achtstrahlig gibt sich der Kaiser,
Der siegte, noch ehe er kam.

Hier mischen sich alle Symbole
In Einheit, wo Kreis und Quadrat
Versöhnt sind wie Wölbung und Hohle,
Wie Melancholia und Tat,
Hier sammelt das Oktagonale
Die Ritter und Barden zum Trank,
Wer einfand sich jemals im Saale,
Spricht groß und geheimnisvoll dank.

Das Schloß als der Reim der Gestirne
Im Glast des Imperiums ergleißt,
Die Fronenden, Bube und Dirne,
Begreifen, was Kaisertum heißt,
Die Aachener Krönungskapelle,
Ihr Leuchter, und achtfach gezackt,
Die Krone in strahlender Helle,
Mit Wappen der Stämme beflaggt.

Der Hochlage nahst du von unten,
Der Gnade gewahr, das des Herrn,
Der solch eine Würde gefunden,
Wir Kinder wie Sonne und Stern,
 

 

89
Wer Mann ist, sinnt hier nur auf Treue,
Begreift sie als Ehre und Lust,
Daß ewig der Glanz sich erneue,
Sei Samen, sei Reife und Blust.

Die Türme, wo steinerne Stiegen
Sich winden zum Kreuzrippendach,
Ein Kopf weiß die Wölbung zu wiegen,
Ein Antlitz versteinert im Fach,
Es sind die gefallenen Ritter,
Normannische Scharn, die das Land,
Einst eisern wie Turmspitz und Gitter
Zu Größe und Reichtum erkannt.

Gesetze von Stütze und Schwere
Der gotische Meister umging,
Im filigransten Verkehre
Die Masse der Strebpfeiler fing,
Weil jedes der Bauelemente
Schon Teile des Kuppelbaus hebt,
Sind leicht auch die äußeren Stände
Drein Lichtflut die Vielfalt belebt.

Das Maßwerk mit Glasmalereien
Bringt Blust in den steinernen Wald
Die Kreuzblume, Blauaug des Freien,
Vervielfältigt Maß und Gestalt,
Und rot in der Krönungsrosette
Auf Ranken der Alchymist flammt,
Weiß Psyche im Schmetterlingsbette,
Wie Georg den Drachen zerschrammt.
 

 

90
Der Kosmos im Großen und Kleinen,
Schildwappen und Allegorie,
Im Werk alle Werke zu einen
Samt dunklerer Zeit Häresie,
Ein Christentum, das nicht verlästert,
Den heidnischen Urgrund des Lichts,
Ein Kreuzgang, von Sonnen umquestert,
Abhold einer Mystik des Nichts.

Magie ist das Denken der Fürsten
Zur Stunde, da alles sich mählt,
Das Gold, danach Schwertkämpfer dürsten,
Mit Silber, von Frauen erzählt,
Wo Feste und leuchtende Scheiben
Verschlungen wie Liebe im Akt,
Darf pflanzlich der Geist sich verschreiben
Und wandeln im schirmenden Trakt.

Daß solches erreicht und geworden,
Der Mensch, der den Himmel sich greift,
Sei Muster für jeglichen Orden,
Drin Mut noch und Männlichkeit reift,
Sei Ansporn, sich niemals zu beugen
Blasphemischer Dumpfheit, die taub
Den Ruhm und die steinernen Zeugen
Läßt Winden und Wettern zum Raub.

Der herrschende Geist von Reptilen,
Der alles verkleinert und teilt,
Weiß nicht, daß in gottfrohen Zielen
Das Wundmal der Schöpfung verheilt,
 

 

91
Er kennt nur geringes, das allen
Verständig, hat göttliche Macht
Um Heimat, um Stolz und Vasallen,
Die Toten um Ehre gebracht.

Nur kurz kann der Mut, Kathedralen
Zu baun, die Verfallszeit erhelln,
Und Träume, versteinert zu Malen
Ins geistlose Spielzeugland stelln,
Als Krieg, der Europa verheerte,
Nicht faßt der Gefallenen Zahl,
Der Deutsche den Stauferbau ehrte
Als Muster zum Tannenwald-Mal.

Zwar ist diese Wiedererweckung
Seit langem gesprengt und geschleift,
Doch kam hier ein Geist aus der Deckung,
Der Taten als Willen begreift,
Und der uns beflügelt zu hoffen
Auf den, der Erstaunen der Welt,
Du weißt, die Geschichte ist offen
Solange sie Gott uns erhält.
 

 

92


REGINA MARIS
Als Heinrich der Löwe gewährte
Auf Gotland ein Tauschprivileg,
Der Kreuzpunkt der baltischen Fährte
Fand Recht und zu Reichtum den Weg,
Von hier wuchs zu mächtigem Bunde
Ein Netz, das die Häfen dem Land
Auf Frühlingspunkts Drift eine Stunde
Im Zeichen mercurius verband.

Denn wie einst von Visby die Leute
Zur Satzung erhoben ihr Wort,
Daß Händler zu mehrender Beute
Dies herschaffen und jenes fort,
Da blähen die mächtigen Takel
Mit Ballen, mit Fässern und Truhn,
Zur Kathedral das Mirakel,
Zur Kunst alles menschliche Tun.

Die Wirtschaft dient Herrn und Gemeinen,
Dem Ruhme des Heilands, der kehrt,
Die Planken der Koggen vereinen
Die Stände, am Achtern bewehrt,
Hier binden sich Tatkraft und Rechte,
Daß Frohtat das Krähennest weist,
Zum hansischen Kaufmannsgeschlechte
Europas im christlichen Geist.
 

 

93
Die Ostsee verdingt sich dem Ruhme
Germanias im lübischen Recht,
Wer festhält an Scheuer und Krume,
Fährt bei diesem Austausch nicht schlecht,
Das Tun, das im Messen und Wägen
Zum Nutzen den Mangel verkehrt,
Die göttliche Freiheit dem Trägen
Im Sieg des Gemeinschaffens lehrt.

Zur Mutterstadt Rigas in Livland
Wird Visby, zur Blüte gereift,
Da kommt es zum Aufstand, das Tiefland
Die Zinnen der Stadtmauer schleift,
Als darauf die schwedische Krone
Die Mannen von Gotland belehnt,
Ziehn Gleichteiler wankelmutsohne
Zur Stadt und verlangen den Zehnt.

Zwar reinigt der Deutschritter-Orden
Auch Gotland von Freibeuterei,
Doch mählich verödet der Norden
Im Fernglück, entnebelt und frei,
Im Weg zu westindischen Inseln,
Wo Wind über Goldminen fegt,
Ein Volk von einfältigen Pinseln
Grundstein neuen Weltalters legt.

Bald sind Privilegien der Kaiser
Kaum mehr als die Tinte der Schrift,
Der Ton in Kontoren wird leiser,
Der Sturzflug die Stolzesten trifft,
 

 

94
Verfallen der Rat und die Lade
Und traurig der Türme Fanal,
Die Ostsee lockt nur noch zum Bade,
Der Welthandel wird kolonial.

Der Freiraum der hansischen Segel
Kann nur durch den Kosmos bestehn
Des Abendlands christlicher Regel,
Des Treubunds aus Wegrecht und Lehn,
Verfällt uns das Recht der Germanen,
Zerbricht auch der Wirtschaft der Sinn,
Das Bündnis von Wiege und Ahnen,
Es herrscht nur der höchste Gewinn.

Drum muß eine neue Elite
Europa autark, autonom,
Abtrennen von Schwätzer und Niete
Und heimführn im gotischen Dom,
Daß reiferer Geistigkeit inne
Es hansische Fahrten erneut,
Das eins wieder wird im Gewinne
Das Reich und die einfachen Leut.
 

 

95


DEUTSCHE PASSION
Wir leben in Stämmen, wo Zwietracht und Neid
Vom Rand der Geschichte nach Brudermord schreit,
Wir träumen in Wäldern mit dichtem Gezweig,
Im Nebel und unter der Rauhnacht Geschweig,
Wir herrschen in Mären, die fern einer singt,
Der nie in den Schein unsrer Sonnfeuer dringt,
Und spät ward ein Name uns Makel und Lohn,
Doch schon unser Werden war immer Passion.

Der Limes der Römer durchschnitt unser Land,
Der West und der Süd ging dem Feinde zur Hand
Und kaufte von Freien mit gutem Gewinn
Den Bernstein und mancherlei Hausrat aus Zinn,
Doch auch die Gezähmten im römischen Staat,
Sie sannen auf Abfall und schnöden Verrat,
Erwacht im Cherusker der alte Teuton,
Wird Varus das Opfer der deutschen Passion.

Wer Grauen nicht meidet, dem stehts zu gebot,
Ist Tod nicht mehr Leiden, wird Leidenschaft Tod,
Wer nah bleibt dem Quell, der das Leben gebiert,
Lacht über den Gecken, der schamvoll sich ziert,
Barbar, was als Schimpf und Verachtung gedacht,
Entpuppte sich rasch als geschichtliche Macht,
Und bald wird Byzanz seine Heldenlegion
Erkennen in Stämmen der deutschen Passion.
 

 

96
Die Inbrunst, die nach dem Erlöser sich sehnt,
Erstickten die Pfaffen und drückender Zehnt,
Wer frei ist, der duldet nicht Steuer und Zoll,
Stößt Schranzen aus Fenstern und zeigt seinen Groll
Mit Waffen, die bar aller Zierde und Weih
Der ländliche Alltag ihm steuert herbei,
Und hilft gegen Plündrer nur Reformation,
Erfährt auch Herr Tetzel die deutsche Passion.

Wir sind in die Mitte Europas gestellt,
Wir einen das Kleine der Größe der Welt,
Das göttliche Recht, im Gemächte des Manns
Verbürgt, macht uns einig und fruchtbar und ganz,
Von Welschen und Schweden zur Walstatt erkorn,
Hat Deutschland ein ganzes Jahrhundert verlorn,
Doch ziehn die Besatzer mit Flüchen und Drohn,
So bleibt doch das Deutschsein für immer Passion.

Denn ernst nimmt der Deutsche die Liebe, den Streit,
Den Glauben, das Recht und Gerechtigkeit,
Er duldet nicht Phrase, Theater, Zierrat,
Er fordert die Treue, die Ehre, die Tat,
Er haßt eine Ordnung, bequem und korrupt,
Sie gilt ihm als Teufel und Drache, beschuppt,
Bis Siegfried, Sieglindes erbsündiger Sohn,
Das Untier läßt spüren die deutsche Passion.

In Frankreich verspielte der König den Kopf,
Als Freigeisterei als gefährlicher Kropf
Sich auswuchs, wo Spiel und der Unernst am Hof
In Albernheit punkte, für keine zu doof,
 

 

97
Der Mühe abhold und im Fordern sich keck
Erhebend, erfand ein Regime seinen Zweck,
Doch fand hier auch mancher begeisterter Ton,
Verharrten die Deutschen doch in der Passion.

Da reiner Verbrauch an die Endlichkeit stößt,
So wurden als nächstes die Nachbarn erlöst.
Dem Reich, das von Rom einst den heiligen Stab
Forttrug, gab der Korse ein ruhmloses Grab,
Bis endlich die Preußen und Bismarck gewitzt
Ertrotzten, daß Deutschmann im Vaterland sitzt,
Und Türme und Male, gehuldigt dem Thron,
Erschienen als Zeugen der deutschen Passion.

Die deutschen Erfolge, die Flotte, das Heer,
Ertrugen die Angeln nur knirschend und schwer,
Sie schufen Allianzen, zu stoppen den Fleiß
Des Deutschen, der ärgerlich viel kann und weiß,
Sie forschten nach Schwächen in Reiches Gebälk,
Sie stützten, was brachliegt, was morsch ist und welk,
Bis Kriegslust Europa berauschte wie Mohn,
Für Deutschland der Weg in die ärgste Passion.

Denn nicht nur versagt blieb dem Reiche der Sieg,
Der Frieden ward schlimmer als jeglicher Krieg,
Im Osten zerstückelt, im Westen besetzt,
Ein Staat ohne Würde und Hunger zuletzt,
Ein Mann und ein indisches Lebenssymbol,
Sie stiegen und wurden der Deutschen Idol,
Was diese versprachen, als hätten sies schon,
So träumten die Deutschen in ihrer Passion.
 

 

98
Doch tiefer nur noch als beim ersten Mal fällt
Der Deutsche im Wahne, den Haß aus der Welt
Mit Waffen zu kehrn, mit Gefolgschaft allein,
Als könne der Führer der Gottessohn sein,
Und Kleinmut besetzt, was der Größenwahn ließ,
Und Deutscher ist nun, wer Zerknirschung bewies,
Den Deutschen ist Deutsches nun Abscheu und Hohn,
Sie spotten ihr Dasein und ihre Passion.

Wie lang soll das gehn? fragt sich mancher und glaubt
Man hätt den Verstand allen Deutschen geraubt,
Doch sammeln sich fern vom Getön der Parteien
Geächtete, reif, wieder Deutsche zu sein.
Sie rüsten sich, wecken den Kaiser im Kyff,
Der tiefer als Spätre nach Heiligkeit griff,
Die Pfalzen vereinte im Burg-Oktagon
Als Walstatt des Geistes und deutscher Passion.
 

 

99


WANDERVOGEL
Wort, einem Grabstein in Dahlem entliehn,
Sesam, der öffnet das Tor, um zu ziehn
Aus einer Enge, die Jugend nicht kennt,
Bis sie sich selber ermannt und benennt,
Steglitzer Aubruch und märkisches Kind,
Lied, das im Volk und im heimlichen Wind,
Selber erfand seine Klampf, seinen Zupf,
Mythen erfüllte mit Heimat und Schlupf.

Nicht was Kurzhösler, was Rohkoster sucht,
Was Limonadler verdammt und verflucht,
Nicht eine beßre, die eigene Welt,
Sucht der Scholar unterm offenen Zelt.
Aufbruch ist alles und lenzen und früh,
Fern sind Klausuren und Pauker und Müh,
Karg ist das Mahl, das am Feuer sich bräunt,
Still ist die Nacht und noch stiller der Freund.

Hier wird Gemeinschaft und Treue erprobt,
Fahrt, die den Himmel des Einfachen lobt,
Führt dich zum Hain, wo selbst Tannhusers Klag
Wachendes Herz zu erlauschen vermag,
Nicht was die Kneipe, die Butzscheibe reimt,
Noch was der Leiermann rührselig leimt,
Wird Poesie, wo das Blümelein blau
Ruft auf die Almen, auf Anger und Au.
 

 

100
Seid ihr die Deutscheren, Vögel, dem Geist
Nachspürend, der der romantische heißt?
Schnurre und Spinnstube eint euer Gut,
Handwerk, Soldaten und Landstraßen-Glut
Machen mit Ernte, mit Klage und Tanz
Leben vergangener Weltalter ganz,
Da noch von Schloten, von Draht und Fabrik
Ungestört faßte die Landschaft der Blick.

Volkslied, in stadtfernen Kammern bewahrt,
Sammelt ihr bienengleich ein auf der Fahrt,
Doch euer Schaun ist nicht nur ein Archiv,
Was ihr zurückstrahlt, weckt Urträume tief,
Gabe, das Echte zu scheiden dem Trug,
Anführt noch heute den alldeutschen Zug,
Eint gegen Rachsucht und Stubengedöns
Murmeln des Quells mit der Milde des Föns.

Wurzeltraum, Wipfelrausch, Schneise und Bach,
Nur auf der Fahrt wird die Lebenskunst wach,
Nur in der Landschaft, Geschichte und Gott,
Löst sich der Sänger vom sklavischen Trott,
Nur wer der Jugend das Recht ließ und fuhr,
Findet zu Weisheit und gründender Spur,
Völker, wo Jugend sich rüstet zur Fahrt,
Dauern im Mahlstrom, der wenig bewahrt.
 

 

101


ROSSBACHER
Gehört der Ornat Spekulanten,
Wo Wuchrer und Dummköpfe teiln,
Wenn Reichsschwert und Lanze von Tanten,
Traumtänzern, vom Wahn nicht zu heiln,
Verwaltet, verspottet, verpfändet,
Versagen der Heimat Bestand,
Dein Leben als Untertan endet,
Erneut in der Roßbacher Hand.

Was einst dir der Vater, der Lehrer,
Die Kirche, der Staat, das Gesetz,
Das frommt nun dem Niedergangswehrer,
Der Tat wider Trug und Geschwätz,
Was einstens dir Luther und Dürer,
Was Schiller und Gurnemanz' Tor,
Das bot sich als Aura dem Führer,
Der anführt das Roßbacher Korps.

Mischt jegliches Gut sich mit Margen,
Mit Renten und Kursen das Glück,
So laß dich nicht länger verarschen
Und hol dir die Heimat zurück,
Du findest dich im Kameraden,
Der uralte Rechte und Fug
Führt stolz gegen polnische Schwaden
Und Lenin im Roßbacher Zug.
 

 

102
Der rheinische Industrielle
Hat je schon den Osten gehaßt,
Wo unter der Feldarbeit-Helle
Der Reiz alles Künstlichen blaßt,
Dort ackern die pommerschen Bauern,
Und suchen nicht Geld-Kapital,
Dort kann auch die Reichsidee dauern
In Menschen aus Roßbacher Stahl.

Der Roßbacher wird stets verraten,
Im Feld hat ihn keiner besiegt,
Und deutsch nennt sich mancher der Staaten,
Der ihn als den Deutschen bekriegt,
Sein Aug kann die Weiser verlieren,
Doch niemals das Roßbacher Amt,
Das Deutsche zu mobilisieren,
Das alle Welt schmäht und verdammt.
 

 

103


KAMERADEN
Der Mensch ist ein zuchtloses Wesen,
Ein Strom, von Kloaken durchsetzt,
Zu kehren mit eisernem Besen,
Ein Stall, dessen Stampfboden wächst,
Sein Arm ist zu klein für die Tugend
Und selten entschlossen zur Tat,
Doch wird er auch Gott deiner Jugend,
Der Übermensch heißt Kamerad.

Wo Spießer und Gutmensch besetzen
Die Zeitung, den Funk und den Staat,
Das Sandkastenspiel zu verletzen,
Grüß männlich und deutsch, Kamerad.
Wer wahrspricht, wenn andere lallen,
Beweist durch sein Wort, sein Gebet,
Daß keiner vergeblich gefallen,
Solang Kameradschaft besteht.

Wir sind nicht nur Deutsche und Christen,
Wir sind Kameraden zuvor,
Zum Bürger und zum Zivilisten
Taugt keiner in unserem Korps,
Wir stehen als Gleicher mit Gleichen,
Getauft mit Granaten und Blut,
Verbrannt wie die uralten Eichen
Und treu ihrer uralten Hut.
 

 

104
Was Eigensinn, eitles Gehabe,
Uns blieb von der Mütter Geheg,
Das trug unser Treuschwur zu Grabe,
Es rottet vergessen am Weg,
Für uns ist die Ehre die Treue,
Und einsilbig schallt unser Ruf,
Daß Leben und Volk sich erneue
Und lebe der Geist, der uns schuf.

Wir fliehn nicht in Träume und Phrasen,
Erwarten nicht Wunder noch Glück,
Wir erbten den Kriegsmut der Asen
Und kennen kein Fünkchen Zurück,
Was wir von einander erfuhren,
Durchfurcht unser helles Gesicht
Und trägt seine Sporen und Spuren
Vor Gott und das Jüngste Gericht.

Dann mag man uns richten und prüfen,
Wie wir es im Leben gekannt,
Doch was uns die Himmel auch schüfen,
Wir halten das ewige Band,
Der Geist führt an manchen Gestaden
Das Leben zu Kunst und Gestalt,
Doch wir bleiben stets Kameraden
Und beugen uns keiner Gewalt.
 

 

105


LIPPOLDSBERG
Dem Andenken Hans Grimms

Stiller Hof und Wandelgänge,
Dichtertag im Klosterhaus,
Zeiten einst mit Volksgedränge,
Dann blies wer die Lichter aus,
Lied und Spruch in Wechselwinden,
Wer verrät, was kommt, was geht? –
Was die Alten nicht mehr finden
In der Jugend neu ersteht.

Weit bist du umhergekommen,
Deutscher Schmach wie keiner kund,
Was dir jemals schien zu frommen,
Ward zerstört bis auf den Grund.
Schlimmer noch: verfälscht, verfemt
Wurden Botschaft, Sinn und Ziel,
Wer zur Kenntnis sich bequemt,
Lästert über Ernst und Stil.

Dichterwort, das nicht mehr einigt,
Ohne Volk steht dieser Raum,
Was die Einsamkeiten peinigt,
Rührt die meisten Menschen kaum,
Manche Zeit verehrt Poeten,
Manche schüttelt bloß den Kopf,
Mancher wirft Apologeten
Und Kritik in einen Topf.
 

 

106
Da die deutschen Banner sanken,
Und der Feind ergriff die Macht,
Schienen frei dir die Gedanken,
Da der Genius eint und wacht.
Tiefer wolltest du ergründen,
Daß wir fielen weit und tief,
Nach dem Weg aus Schuld und Sünden
Dein Gebet den Schöpfer rief.

Aber Gott wird nicht als Rater
Tätig, denn er rät seit je,
So ward Lippoldsberg der Kater
Nach dem Rausch, aus Gram und Weh
Blühte nicht die blaue Blume,
Die die Jugend lockt und treibt,
Fruchtlos blieb die Ackerkrume,
Drein der Dichter wirkt und schreibt.

Ward der Geist zur Todesfalle,
Da das Leben nicht mehr stört?
Ewig gestrig sind wir alle,
Eh die Zukunft uns gehört.
Jüngren blieb es vorbehalten,
Wenn dein Kreis Legende ward,
Spruch und Weiser zu gestalten
Für die ewig deutsche Fahrt.

Zwar der Geist kann nicht veralten,
Doch der Samen fordert Ruh,
Da die Keime sich entfalten,
Schlug das Tor des Klosters zu.
 

 

107
Doch die Sprache sonder Hege
Reift zu Runenspruch und Chor,
Wo die Malve blüht am Wege,
Pocht ein junges Heer ans Tor.

Längst hat Gott dich abberufen,
Fern dem Leiden und der Tat
Schaust du von den Tempelstufen,
Wer in deine Spuren trat.
Waffen trägt man in die Zellen,
Wehr schmückt Mauer, Erker, Dach,
In Gesichtern, jugendhellen,
Wird das Horn der Freiheit wach.

Und das Dichterwort beflügelt,
Scharen, froh des Morgentaus,
Kein Gesetz den Aufbruch zügelt,
Als die Strenge dieses Baus,
Lieder, die das Leben tragen,
Schmerzen in des Feindes Ohr,
Und es dämmert seinen Tagen,
Daß die Herrschaft er verlor.
 

 

 
 

 

 


DAS JAHR DES HEILS



»Schwer ist das deutsche Szepter, – nur ein Gott
Vermocht es frei zu schwingen, wie's sich ziemt.
Neapels Herrscherstab, den ich zu tragen
Gewohnt bin, ist dagegen nur ein Spielzeug.«

 
GRABBE       

 

 
 

 

111


SYLVESTER
Wir feiern nicht den Papst des Altertumes,
Sein Name weiht nicht das Kalenderblatt,
Uns ist der Wald, der Wahrer allen Ruhmes,
Der Hirt, der uns das Jahr zu sagen hat.

Das alte soll versinken ohne Gnade,
Und offen lockt, was lenzen uns erführ,
Dem ist um das Vergangene nicht schade,
Wer weit die Tore macht und hoch die Tür.

Die Böller schrein, die Tenne lockt die Trester
Zum Dreschen und zur Jause zwischendrein,
Wir gießen Blei und dann erlabt uns bester
Sylvaner, und ich schenk nicht mäßig ein.

Das Feuerwerk vertreibt die bösen Geister,
Und Hilke schenkt Oxalis ihrem Bärn,
Im Jahreswerk erkennt er sich als Meister,
Und braucht sich keinem anderen erklärn.

Mit Roßhaar und mit einer Fetzenlarve,
Besucht der Percht uns noch vor Mitternacht,
Und wenn hier alles sauber, spielt er Harfe
Und glockt dem Winter, das sein Teil vollbracht.

Das Jahr beginnt für Christen mit der Mette,
Zwar manchmal stört ein Knall den Orgelklang,
Dann weißt du, daß der Drache an der Kette
Wohl rüttelt, doch sich nimmer hebt zum Fang.
 

 

112


DREIKÖNIG
I

Dreikönigsfeier: Rauhnachtend,
Die ungewisse Zeit verbrennt
Mit Butterkuchen für den Brauch
Und Liedern aus dem Heischebrauch.

Eisblumen ziern die Fensterfront,
Noch wird der Hügel karg besonnt,
Der Ostwind kratzt an Tor und Luk,
Jedoch der Herd hat guten Zug.

Die Weisen aus dem Morgenland,
Seit Kindheit halten sie gebannt
Spekulation und Phantasie,
Und Einigung gibt es hier nie.

Der eine schleppt Atlanten her,
Propheten weist ein andrer Ehr,
Ob Priester, König, Astrolog,
Bald fehlt nichts mehr im Wortgewog.

Weiß ist die Landschaft nah und fern,
Da liest man Abenteuer gern
Und weiß, solang uns dies gefällt
Ist groß genug für uns die Welt.
 

 

113


II

Caspar, Melchior, Balthasar,
Nennt die Weisen die Legend,
Zwei bis acht gehörn zur Schar,
Die man auf den Bildern kennt.

Wie auch immer, sterngelenkt
Haben Männer, die nicht arm,
Königlich das Kind beschenkt,
Daß es ihrer sich erbarm.

Ob von Saba sie gereist,
Ob von Zarathustras Berg,
Ob die Heimat Indien heißt,
Sicher ist ihr Gabenwerk.

Gold und Myrrhe, Räucherharz,
Stehn für König, Priester, Heil,
Und am Wildwuchs ihres Barts
Siehst du, daß sie sehr in Eil.

Ach schon wieder ein Gedicht,
Wer sie nennt, der fabuliert,
Groß macht eines Buchs Geschicht,
Wer sie immer neu kapiert.

Darum dichte frisch und dreist,
Denn der Herr gab uns Verstand,
Daß beweglich sei der Geist,
Schöpferisch die rechte Hand.
 

 

114


III

Sternsinger trällern vor der Tür,
In Milde unserm Heiland gleich
Nicht Kantors Strenge richt und führ
Die Hand, daß sie vom Kuchen reich.

Auch wer das Betteln sonst nicht schätzt,
Weil es das Arbeitsleben schmäht,
Die Regel heute froh verletzt,
Am Großmutstag von früh bis spät.

Denn jede Regel, die kein Loch
Erlaubt und unerbittlich heißt,
Verpaßt dem Geist ein Schweigejoch
Und wundert sich, wenn er vergreist.

Drum hat der Kirche Jahreskreis
Für Schlemmen Platz und Fastenzeit,
Was einer heut als Freunde weiß,
Das schafft ihm morgen Gram und Leid.

Drum gibt der Herr auch kein Rezept
Für jedermann und jeden Tag,
Und jeder Mensch ist sein Adept,
Der ihm vertraut, ihn herzlich mag.
 

 

115


ANGELOS
I

Unter den Himmeln der Jugend, von Efeu umlaubten,
Wähnst du gewiß, daß die Schlange dir zieme als Stock,
Dunkel erscheinen dir Mären, die Ältere glaubten,
Heldisch dein Stolz, die Engel sind neckisch barock.

So du dich sonnst in Verheißungen, die nichts bedeuten,
Bist du ein Wartender, Eiche, die Blitze nicht kennt,
Aber der Tag, der dir Formen verleiht, wird dich häuten,
Ehe sein Licht dir die Füße und Flügel verbrennt.

Keiner vermutet das Heer in den schlafenden Zelten,
Ehe es auffährt in Flammen und ehern behuft,
Schrecklicher als die Verzweiflung entzauberter Welten
Ist nur der Seraph, der herrisch und jäh dich beruft.

Daß er dich blendet, enthält keinen Freibrief zu weichen,
Bei seinen Schlägen ist Dreinfügen niemals dein Amt,
Jegliche Fristen von Rufen und Heil stehn im Zeichen
Schwertes, mit Macht in den tobenden Eber gerammt.

Du bist Orion und bist auch der sterbende Eber,
Du bist die Flamme, die frißt, was sie hegt und erhält,
Du bist der Adler und auch des Geschundenen Leber,
Die sich erneuert wie Tag die verschlafene Welt.
 

 

116
Immer zu wachen ist erster Befehl des Gefechtes,
Wachen, wo müde, was alles du liebst und verlangst,
Jenseits der finsteren Feigheit des Menschengeschlechtes
Bist du erreichbar nicht weiter für Sorge und Angst.

Glaube ist keiner geringeren Kraft zu vergleichen,
Wer sich besiegt und als Meister die Prüfung bestand,
Braucht nicht das Feuer, um Eden für sich zu erreichen,
Weil er gereift es im eigenen Herzen erkannt.

Dort ist das Heil, das du annimmst wie Atem und Erde,
Weil dir gewiß ist, daß alles, was jemals gescheh,
Aus dem Vollendeten quillt, und das Gotteswort: Werde
Allem enttaucht wie die Seele der schäumenden See.
 

 

117


II

Schaue den Himmel, den seine Geschöpfe nicht wählten,
An seinen Rändern berührt er das Meer, das uns sagt,
Daß wir die Tiefe und goldene Schätze verfehlten
Jener, die tiefer und reicher gewappnet gewagt.

Alle Begierde, mit der wir ins Märenreich tauchen,
Macht uns nur toller und fremder der Kleinheit der Zeit,
Einzig das Kind darf im Spiel seine Kräfte verbrauchen,
Uns steht ein grimmeres Los zur Entdeckung bereit.

Bist du gewachsen, zu lassen den Herd und die Amme,
Trifft dich der Engel im Weh, das du taumelnd besingst,
Daß dich der Mut nicht verlaß in der sengenden Flamme,
Da du dem Schwanenkleid endlich den Segen entringst.

Segen muß ruhn auf dem Tage und auf seiner Stimme,
Daß etwas sei, daß das Wasser zu Formen sich ball,
Daß deines Herzens gewaltige Glut nicht verglimme,
Rauschen die Boten mit mächtigen Flügeln durchs All.

Einzig der Segen setzt jegliche Mühe ins Rechte,
Die eine Grille bleibt, wenn sie des Beistands nicht froh,
Denn was der Wille vermag und die irdischen Mächte
Bleibt nur ein Stückwerk, Geflacker und kurzes Geloh,

Wird nicht geleitet der Samen von göttlichem Segen,
Wenn nicht die Liebe sich schmiegt an das harte Gesetz.
Wäre August ohne Glut und April ohne Regen,
Träte kein Glück dir zutag und dem Fischer ins Netz.
 

 

118
Hat dich der Engel gesegnet, so bist du verloren,
Für allen Kleinmut, Versuchung, die wohlfeil und leicht
Viele, mit Gaben und Hoffnung des Himmels geboren,
Trügt und besticht und am Ende zur Feigheit erweicht.

Wenn sie dich hassen, so sieh den Gefallenen hetzen,
Der alles Reine, das Starke und Feste verlacht,
Er will die Deutungsmacht über die Schöpfung besetzen,
Wertlos sie nennend und einzig vom Zufall gemacht.

Er ist erfinderisch und sehr vertraut mit den Schwächen
Aller, die über der Mühe den Segen sich sehn,
Aber du weißt, daß die Werbegeschenke sich rächen
Und meist verleiten, in weitere Fallen zu gehn.

Pöne den Tag nicht, der blutig der Welt dich vermachte,
Für die Gestalt und das Werk ist er heilig und frei,
Wer aus dem Joche Verzagtheit zur Mannheit erwachte,
Findet Vertrauen und segnet nun selber: Es sei.
 

 

119


PALMARUM
I

Durchs Löwentor auf einem Esel reiten
Auf Palmenblättern, die gebührn dem Siege,
Daß darin unser ganzer Glaube liege,
Wird niemand, der das Bild versteht, bestreiten.

Triumph und Demut teilen sich die Riege,
Der Weg wird nicht allein zu Schmerzen leiten,
Zuletzt darf nicht der Tod den Mantel breiten,
Denn der da kommt, tut, daß die Nacht verfliege.

Der Esel ist ein guter Freund des Armen,
Und herrisch ist er nicht zu rührn und lenken,
Er neigt sich nur dem Wort, dem herzenswarmen.

Wer Feuer liebt, wird von ihm schäbig denken,
Doch deiner Last weiß der sich zu erbarmen
Und wenig mußt du seinen Wünschen schenken.
 

 

120
II

Im deutschen Brauch die Palme ist die Weide,
Die Wedel aus den Kätzchen sind uns feiler,
Im ganzen Reich bis in den letzten Weiler
Des Anfangs wird gedacht vom großen Leide.

Nicht gut tun uns exotische Verteiler,
Denn unser Herr geht uns in unserm Kleide,
Palmwedel sind uns grad wie echte Seide,
Dies ist so wie ein Löwenschwanz am Keiler.

Nicht Jordan-Fischer, sondern Saal und Elbe
Gehn dem zur Hand, der nicht von fremdem Stamme,
In jedem Volk sieht anders aus dasselbe.

Wir sind vertraut dem Esel und dem Lamme,
Uns scheint die rote Sonne wie die gelbe,
Doch Nebel macht uns knisternder die Flamme.
 

 

121


ANTLASSTAG
Der Menschensohn, dem sein Geschick
Im Ohre west und auch im Blick,
Erspürt im Garten seine Stund
Und betend blutet ihm der Mund,
Daß Vater ihm den Krug erspart,
Die Nacht, da Er verraten ward.

Die Jünger ziehen mit ihm aus,
Ein jeder läßt ihm Hof und Haus,
Sie sorgen sein mit Wein und Brot,
Sie wachen, wenn der Tag verloht,
Und ahnen kaum das Ziel der Fahrt:
Die Nacht, da Er verraten ward.

Die Armen preisen seine Hand,
Der Krüppel findet Lauf und Stand,
Wird Wasser Wein, so wird der Braut
Ein Heim der Fruchtbarkeit gebaut,
Doch seinen Taten bleibt gepaart
Die Nacht da Er verraten ward.

Dem Zöllner, dem die Juden feind,
Zum ersten Mal ein Wohl erscheint,
Und Magdalena, rings verpönt,
Sie hat gesalbt, den endlich krönt,
Da Sperberflug die Schatten schart,
Die Nacht, da Er verraten ward.
 

 

122
Groß Jubel aus dem Volke klang,
Da er gelehrt den Vogelsang,
Und da er die fünftausend speist,
Ist man von weit nach ihm gereist,
Doch seine Krone offenbart
Die Nacht da Er verraten ward.

Da die Apostel zeugend gehn,
Vom Sterben und vom Auferstehn,
Schuf sich das Gleichnis Maß und Stil,
In jeder Zeile klagt das Ziel,
Das Evangelium zeichnet zart
Die Nacht da Er verraten ward.
 

 

123


PILATUS
Schön früh die Sonne sticht und glüht,
Ein Tag für Wasser, nicht für Wein,
Mein Kandelaber-Kaktus blüht,
Das mag ein gutes Omen sein,
Ich freilich weiß hier nichts von Blust,
Wos nur Banausen gibt und Sand,
Dies Volk schafft keinem Römer Lust,
Kulturlos, frech und arrogant.

Das Passahfest steht vor der Tür,
Begreif wer diese Religion,
Dies ist in keinem Jahr die Kür,
Oft gibts Rabatz und Rebellion,
Und immer diese Streiterein,
Wie man ein Nichts im Nichten schar,
Eh sie sich schönen Dingen weihn,
Zerspalten sie ein Weiberhaar.

Eins nur vereint die Sekten hier
Sie hassen Rom wie die Vernunft,
Sie schwitzen wie ein wildes Tier,
Das geifernd rast in Maienbrunft,
Nun ists an mir, den Pöbel still
Zu halten und die Geistlichkeit
Und das Geschmeiß, das laut und schrill
Von Weltenuntergängen schreit.
 

 

124
Noch ist hier alles ruhig – gut,
Ich will mal auf die Zinnen schaun,
Es dient der Galle und dem Blut,
Zunächst dem eignen Aug zu traun,
Die lautesten der Lästerer,
Die stetig sprühn mit Gift und Haß,
Zog ich zum Glück aus dem Verkehr,
Und auch die Raufbold Barabbas.

Die Wache meldet. Ob ich noch
Ein Weilchen ruh, es ist so heiß,
Doch dann ein häßliches Gepoch,
Vielleicht bin ich nicht da, wer weiß,
Doch nein, der Hohepriester steht,
Mit seinen Leuten vor dem Tor,
Er will nicht wissen, wies mir geht,
Mir steht ein arges Ding bevor.

Nur Klagen, Klagen früh und spät,
Ein Volk, das dauernd prozessiert,
Was man auf meine Schultern lädt,
Trüg selbst ein Atlas nur zu viert,
Nun, ich will hören, was er klagt,
Und ihn bestimmt und selbstbewußt
Bescheiden, daß Rom gar nichts sagt
Zur Sach, und ich hab keine Lust.

In ihrer Haft tut mir schon leid
Der junge Mann, der einzig schweigt,
Geschnatter und Geschwätzigkeit,
Ich bin dem Schelmen wohl geneigt,
 

 

125
Zwar übernächtig, doch gefaßt,
Ich glaub gar Anmut zu gewahrn,
Der Ehebruch ist hier verhaßt,
Ich hoff, ich werde mehr erfahrn.

Nun spricht der Hohe, schlimmer kann,
Ein Pfeilgehagel kaum noch sein,
Von Jesus spricht der fromme Mann,
Dann geht er auf die Klage ein,
Die Missetat des Buben dort
Sei, daß er sich als Gottessohn
Ausgeb und weiter und so fort,
Das weitere, das kennt man schon.

Ich habs von Anfang an geahnt,
Schon wieder religiöser Zwist,
Und salbungsvoll mein Dulden mahnt,
Daß solches nicht Roms Sache ist,
Da sagt man mir, zum König hab
Er sich erklärt im Judenstaat,
Und hofft, daß man den Zorn in Trab
Wohl bringen kann mit Hochverrat.

Ein König ohne Schwertgeklirr!
Ein Souverän, der barfuß gehrt,
Vielleicht macht ihn die Hitze irr,
Vielleicht ist bildhaft sein Gered.
Welch Schwachsinn mir das Schläfchen wehrt!
Ich schaue nach der Sonnenuhr,
Jedoch der Priester macht nicht kehrt,
Und klagt und redet steif und stur.
 

 

126
Ich halt es schließlich nicht mehr aus,
Ich will den Kerl verhörn und sehn,
Solang schmeiß ich die Bande raus,
Endgültig wird sie wohl nicht gehn,
Doch wie ich den Beklagten frag,
Werd ich nicht froh und werd nicht schlau,
Er wiederholt verschärft die Klag,
Spricht wirr wie sonst nur Joves Frau.

Was trieb man mich in diesen Pfuhl!
Ich nehm den Spinner jetzt in Haft
Und lad ihn später vor den Stahl,
Wenn ich die Priester fortgeschafft,
Und kaum, daß ich mit Gong erklärt,
Rom hab den Lästrer in Verdacht,
Die Störerschar von dannen fährt,
Und ich erhalt das Recht der Nacht.

Doch jetzt bin ich so aufgeregt,
Als peitschte mich ein böser Arm,
Es ist zu heiß, daß man sich legt,
Es ist auch was zu tun zu warm,
Ich bin Soldat, Befehle braucht
Mein Blut, daß ich das Rechte weiß,
Doch was hier heute aufgetaucht,
Das juckt und nervt, es ist so heiß.

Da fällt mir ein, die Sitte spricht,
Zum Passah ich den Juden schenk
Den Schelm, der meinem Blutgericht
Verfalln, daß ich sie milde lenk,
 

 

127
So sei das Volk nun rasch befragt,
Ob Jesus oder Barabbas,
Es wünscht, daß ihm die Freiheit tagt,
So kommt der König mir zupaß.

Ich ruf die Wache scharf und streng,
Die beiden Todgeweihten schaff,
Daß sich entscheide, welcher häng,
Zum Markt in diesem Wüstenkaff,
Dort mag das Volk mir mit Gebrüll,
Verkünden, welcher froh und frei,
Und wem das Urteil sich erfüll,
Daß er noch heut gekreuzigt sei.

Dies war gewiß kein guter Plan,
Die Priesterschaft das Volk verhetzt,
In einer Stimme keift der Wahn
Nach Barabbas zuerst, zuletzt,
Nun steht das Urteil mir nicht frei,
Ich hab schon lang die Nase voll,
Ich geh ins Bad, geschehen sei,
Was offenbar geschehen soll.

Ich finde keinen Frieden dort,
Oft gab ich blutigen Befehl,
Ich hoffe bloß, ich komm bald fort,
In diesem Land verdorrt die Seel.
Noch da die Sonne sinkt so rot,
Ich schaus und mein, daß ich vergreis,
Man meldet mir des Schelmen Tod,
Und endlich ists nicht mehr so heiß.
 

 

128
Ich hab schon manchen aufgehängt
Und wenig nach der Schuld gefragt,
Und manches Leben wem geschenkt,
Der später Ärgeres gewagt,
Da ich betret mein Schlafgemach,
Der Kaktus blüht wie nie zuvor,
Ich fühl mich wie ein Sklave brach,
Als ob man mir das Haupthaar schor.

Werd ich von fremder Macht gelenkt,
Führt all mein Tun zu bösem Ziel?
Ich halt für krank, wer zu viel denkt
Zur Nacht ein Flötenbläser spiel,
Der Kaktus brachte mir kein Glück,
Ich fand die Stacheln immer doof,
Ich zieh den Vorhang leicht zurück
Und werf den Blüher in den Hof.
 

 

129


MAGNIFICAT
Die Seele meinen Herrn erhebt,
Sie freut sich, daß der Heiland lebt.
Er höht die Niedrigkeit der Magd,
Daß Kindeskind ihr Jubel sagt.

Er hat ihr große Ehr gebracht,
Da heilig seines Namens Macht,
Und ewig er barmherzig ist
Bei dem, der seinen Namen hißt.

Gewalt in seinem Arm zerstreut
Die Herzen, welche Hoffart freut,
Er stößt die Könige vom Stuhl
Und hebt die Niedern aus dem Pfuhl.

Er gibt dem Hunger jedes Gut,
Weil er den Reichen gar nichts tut,
Er reicht sein Herz als frisches Brot
Und hilft dem Diener aus der Not.

Was er den Vätern redend weiht
Gilt immerdar vor aller Zeit,
Drum alle Ehr dem Vater gleißt,
Dem Sohne und dem Heilgen Geist.
 

 

130


OSTERN
I

Im Osterfeuer brennt die Zeit der Nächte,
Wir schichten Reisig auf und trocknes Moos,
Die Freude ist sehr jung und ist sehr groß,
Die Kränze lind und gelb wie Farn und Flechte.

Am Osterfeuer wird man Bürde los,
Geheimstes mit den Schuppen dunkler Schächte,
Hier stellt die Jugend Kanzel, Amt und Rechte
Und stellt verjährte Eitelkeiten bloß.

Ob auch der alte Winter sich erfrechte
Zu kehren in der Nacht mit Frostgetos,
Wird ihm doch Achtung nicht bei dem Gefechte.

Man träumt im warmen Wind am Feuerstoß,
Hat keinen Blick, der weinend sein gedächte,
Und einer sagt: Jetzt macht er in die Hos.
 

 

131


II

Am Ostermorgen ist das Grab gebrochen,
Der Heiland hat sich aufgemacht zur Schar
Der Jünger, die gebannt und traurig war
Und Tage nahm, als wärens viele Wochen.

Im Ostermorgen wird uns offenbar,
Die wir aus Schmerz und Blut zum Licht gekrochen,
Daß Kämpfe, die in unsern Adern pochen,
Er führte als der ersten Sonne Aar.

Zwar hat der dunkle Fürst ein Heer bestochen,
Das sieggewohnt nicht Feind scheut noch Gefahr,
Doch uns in sein Verließ hineinzulochen,

Ist er nicht frei, solang im Wind das Haar
Uns weht und wir dem Herrn das Festmahl kochen,
Der brachte sich für unser Leben dar.
 

 

132


III

Der Osterhase liebt Versteckens-Spiele,
Er ist der Schalk, der uns nicht ruhen läßt,
Wo Hag und Hecke grünen, ist das Fest
Kein Ruhplatz, der dem Winterschlaf verfiele.

Was er versteckt im Wildwuchs-Palimpsest,
Es ruft hinaus von Speicher, Herd und Diele,
Wer noch studiert mit schlankem Pfauenkiele,
Der kommt zu spät und findet nur den Rest.

Ein Fund, der langes Suchbemühn zum Ziele
Gebracht, Triumph, der atemlos gepreßt,
Ein Gleichnis birgt für unsere Lebensstile.

Es kommt ein Wind von Ost, einer von West,
Doch einer, der sich sonnt am Roten Hiele,
Ist froh, daß ihr die meisten rasch vergeßt.
 

 

133


IV

Im Osterei, wo Schale, Weiß und Dotter
Die Dreiheit zeugen und die Welt in nuce,
Ruht alle Weisheit, eh der Kükenfuß
Die Wand zerstemmt, als Vogelwesen flotter.

Im Dreiklang fand der Sphärenhall den Gruß,
Und Gestern, Heut und Morgen schicken Trotter
Auf den vom dritten Stand gehäuften Schotter,
Wo Waffen gehn und Geister Flügelschuhs.

Wenn wir uns wiedersehn im Spiel der Otter
Und uns verwirrn im Spiel der Ichs und Dus,
Sei Ostern auch für unsern Geist Entmotter.

Denn Kalkstein, Frucht-Gelee und Götter-Mus,
Sind auf getrennten Wegen nur Vergotter,
Und was dem einen Glück, ist andern Buß.
 

 

134


V

Der Osterfrieden sammelt die Gemeinen
Zur Kirche, die von Haß und Hader trennt,
Und wenn das Licht der Auferstehung brennt,
So dürfen auch die harten Herzen weinen.

Im Osterfrieden wird das Element
Zur Heimat, Land und Meer und Luft zu einen,
Und vor dem Grab, befreit von schweren Steinen,
Ein Engel steht, der nur noch Freie kennt.

Von Parsifal, dem törigen und reinen,
Der auszog, daß er einst die Lanze send,
Verlorn im Frevel und in Zauberhainen,

Geführt, wird uns ein reiferer Advent,
Der Reichtum sammelt in geweihten Schreinen,
Im Heil, das uns bei unserm Namen nennt.
 

 

135


VI

Der Ostersegen regnet auf die Auen
Und macht die Weide fruchtbar und das Feld,
Er schafft Gedeihn und Wuchs, solang die Welt
Nicht einst beschließt, auf andres zu vertrauen.

Der Ostersegen unser Land bestellt,
Er weicht die Krume und verwöhnt mit lauen
Berührungen den Keimling, wenn im Blauen
Der Storch sich wieder unserm Heim gesellt.

Die Schwalben siehst du ihre Nester bauen,
Die Osterglocke prunkt vor deinem Zelt,
Und alles in dir ist nur Stehn und Schauen.

Manch einer aber kennt nur Geiz und Geld,
Manch andrer ahmt die Putzsucht nach des Pfauen,
Und wieder einer geifert nur und bellt.
 

 

136


VII

Die Osterliebe ist allein von Dauer,
Weil sie uns zeigt, daß wir erstanden sind
Aus Grabesdunkel, das den Geist umspinnt,
Bis aufbricht, die von Furcht gefügte Mauer.

Die Osterliebe reinigt Truhn und Spind
Von Abgelebtem, das dort auf der Lauer,
Den Gram und der Verzweiflung Eberhauer
Ins Herz zu stoßen jedem Gotteskind.

Drum sei bereit und trage keine Trauer,
Denn Gott hat längst geschaffen, was dich minnt,
Und heute wird dein Augenlicht genauer.

Was heut dir widerfährt, was heut beginnt,
Es ist kein Fön und ist kein Regenschauer,
Es ist das große Glück, das dich gewinnt.
 

 

137


ZWILLING IM TRAUM
Der leichthin am Tage
Und tief in der Nacht
Uns anrührt, in Frage
Stehn dem, der erwacht,
Seit je die Gesetze,
Die traumdunkel gehn,
Wenn all ihre Schätze
Im Morgen verwehn.

Emphasis der Preiser
Und Spott – diesem Nest
Auch Plato nicht weiser
Den Leser entläßt:
Ob Klarheit er spende,
Gesicht, Prophetie,
Stritt bis an ihr Ende
Die Akademie.

Doch da die Mithräen
Die Sichtbarkeit fliehn,
Da Ernten und Säen
Zur Fron wurden, schien
Vom Drachen zu kommen,
Den Georg bezwingt,
Was Knaben und Frommen
Die Lenden beschwingt.
 

 

138
Auch hat uns Alraune
Vom Goldhort geklagt,
Ob Sehnsucht, ob Laune –
Wer weiß, was da tagt?
Der Gott mit der Rebe,
Steift steil sein Gelüst,
Bevor der Ephebe
Den Schmerzensmann küßt.

Verlöschst du die Lichter,
So flieht dich die Zeit,
Und bist du der Dichter
So halt dich bereit,
Daß man dir erschlage,
Das Kind, das du warst,
Weil du noch im Tage
Den Traum offenbarst.

Der Blitz, dich zu spalten,
Der Tau, der dich heilt,
Sind nur als Gestalten
Des Tages geteilt,
Der Traum doch ist beides,
Ist Knabe und Mann,
Des Glückes, des Leides
Erwecker und Bann.

Zu stehn und zu fallen –
Was gilt dies noch, sag,
Dem, der sich in allen
Zu schauen vermag,
 

 

139
Die drüber verlodern,
Die drinnen verglühn,
Die drunter vermodern,
Die draußen sich mühn?

Das Logbuch der Reise,
Der Wind fegt es weiß,
Der Vorhang fällt leise –
Auf wessen Geheiß?
Was gelten die Fragen?
Du hörst sie doch kaum –
Es wird nicht mehr tagen.
Total ist der Traum.
 

 

140


PFINGSTHYMNUS
I

Im Pfingstbaum ehren wir den frühsten Hirten,
Den Baum, der Wurzel, Stamm und Krone wagt,
Solang der Baum belaubt in Himmel ragt,
Wird Gott auch uns erhalten und bewirten.

Weltesche, dran im Neid der Drache nagt,
Die Feige, drum die Liebespfeile sirrten,
Wo Eva sich und Adam einst verirrten,
Lud sie der Baum, darauf die Schlange klagt.

Mann, Frau und Kind erkennen ihn als vierten,
Der unter Wind und Wettern nicht verzagt,
Wenn panisch Glocken und Geschirre klirrten.

Er wacht zur Nacht und raschelt, wenn es tagt,
An Schwalben reich, die sein Gezweig durchschwirrten,
Und heute sei ihm Dank und Heil gesagt.
 

 

141


II

Im Pfingstkranz wird das Laubicht uns zum Reigen,
Zum Bund, der Schöpfer und Geschöpfe eint,
Was fest und dabei vielgestaltig scheint,
Es ist ein Gruß, das Weltgesicht zu zeigen.

Hier schweigt der Einwand, der sonst krittelnd meint,
Er wüßte einen reichren Weg zu zeigen,
Was lebt, muß sich dem großen Wunder neigen,
Daß sich beschämt verzieht der alte Feind.

So hängt der Himmel nicht nur voller Geigen
Für die Apostel, wenn der Geist erscheint,
In keinem Auge kann der Maitag schweigen.

Und wer noch abseits steht, verstockt verneint
Die Lieder, die aus Hamm und Rode steigen,
Der faßt den Kranz aus Birkengrün und weint.
 

 

142


III

Als Pfingstochs trabt das Kräftigste der Tiere
Geschmückt mit Blumen, Stroh und buntem Band
Zur Weid, derweil sich Volk zusammenfand
Bei Laugenbrot und Wurst und starkem Biere.

Dem Kundigen scheint dieser Brauch verwandt
Den Boten aus dem Weltenjahr der Stiere,
Das Dolmen und die mächtigen Menhire
So üppig streute in das flache Land.

Die Kraft den Geist wie keine Tugend ziere,
Er baut das Haus und hält das Recht instand,
Daß auch kein Turm den Wetterhahn verliere.

Und wider Vorurteil und Ignorant
Entwickelt er die Stoßkraft der Geysire
Für jedes Alter und für jeden Stand.
 

 

143


IV

Die Pfingstnacht steht bereit für Dorfkrawalle,
Hier dürfen Unfug, Lärm, Versteckensspaß
Die Ordnung höhnen und das fromme Maß
In Flur und Feld, in Stuben und im Stalle.

Manch einer füllt dein Brett mit Ziegenfraß,
Manch andrer sorgt, daß dir der Boden knalle,
Die Stiege ist verstellt und wem sie Falle,
Bemerkt, daß er das Datum wohl vergaß.

So mancher neckt mit Schnecke, Krebs und Qualle,
Doch du streust Kreidespuren in das Gras
Vom Baum, gepflanzt, zu deiner Liebe Halle.

Die Rätsel rings sind dir wie blankes Glas,
Sie kehren und nach Jahren kennst du alle,
Denn du bist hier im Dorf ein alter Has.
 

 

144


V

Im Pfingstzelt sind die Wandervögel draußen
Im Heideland, die Klampfe trägt das Lied,
Nur Gottes Dom mit Fels und Forst und Ried
Ist groß genug, daß drin die Wilden hausen.

Gesang und Wanderschaft sind ein Gebiet,
Wo Ernst und Andacht sich vermähln mit Flausen,
Doch läßt der Schulmann Stock und Fibel sausen,
Erkennt er rasch, wie pfingstlich es erzieht.

Hier teilt sich Leben nicht in Müh und Pausen.
Die Freiheit, die der Stubenhocker flieht,
Nicht die Franzosen noch der Teufel grausen.

Die Königskerzen stehn in Reih und Glied,
Doch wenn die Jungen rings die Kirschen mausen,
Weiß nur der liebe Gott, wie ihm geschieht.
 

 

145


VI

Im Pfingstbrauch dürfen alte Götter wachen,
Der Herr lädt alle ein zu Wein und Brot,
Die Menge hat genug von Wintersnot,
Und treibt es toll und läßt es richtig krachen.

Der Geist bringt Lust und wilde Kraft ins Lot,
Und übern Rhein fahrn wir im schwanken Nachen
Am Ufer Reisigstöße zu entfachen,
Bis in der Nacht der alte Vater rot.

Die Kirche braucht das Reich, wie Trutz die Schwachen,
Denn über Weid und Acker reitet Tod,
Entreißt nicht Pfingstgeists Zwiehand uns dem Rachen

Der Hölle, die nicht Milde und Gebot
Alleine bannen, denn getrennte Sachen
Sind niemals Heil und Reich und Rom und God.
 

 

146


VII

Im Pfingstfest wird die Hochzeit auf dem Lande
Wer Ostern sich verlobt, hat pfingstens recht,
Der Pfingstgeist eint die Gnade dem Gefecht
Und bringt nur so des Deutschen Reich zustande.

Versöhnt sind Krone, Gilde und Geschlecht,
Der Herr vergibt die Schwachheit und die Schande,
Denn Haß und Neid verliefen sich im Sande,
Und auf dem Fest da schweigt sogar der Specht.

Der Pfingstgeist weiht die festgeschloßnen Bande,
Und schützt was stark ist, gottgewollt und echt,
Und niemand steht in seiner Huld am Rande.

Das Wunder, das kein Philosoph erdächt,
Du küßt das Schwert und kniest im Brautgewande,
Da lilienweiß dich krönt das Kranzgeflecht.
 

 

147


LUTHERISCH
Die Pfauen der Zeit,
Den güldenen Glast,
Was droht oder schreit,
Die Sucht und die Hast,
Den Kaufmannsverstand,
Die Gier nach Gewinn,
Den Wucher, das Pfand –
Laß fahren dahin.

Das Seidengewand,
Die Inschrift am Haus,
Die Uhren voll Sand,
Das Korn und die Maus,
Das Haupthaar benetzt,
Den Mannsschmuck am Kinn,
Was hier gilt und jetzt –
Laß fahren dahin.

Die Bulle, die Schrift,
Das Feinpergament,
Die Stimme, den Stift,
Das Wort, das benennt,
Die Predigt, die Kunst,
Das Grübeln nach Sinn,
Des Publikums Gunst –
Laß fahren dahin.
 

 

148
Was da ist und scheint
Von Aleph bis O
Verdingt sich dem Feind,
Beherrscht es dich so,
Daß es dich dem Herrn
Mit feinem Gespinn
Unmerklich entfern –
Laß fahren dahin.

Der Seraph, der weiß
Den Weg dir erhellt –
Euch eint das Geheiß
Des Herrn vor der Welt,
Und wenn man dich jagt
Auf Mauer und Zinn,
Was schmäht und was klagt –
Laß fahren dahin.

Was Leiden, was Tat
Erfindet und spürt –
Ein einziger Pfad
Ins Paradies führt.
Die Glauben beseelt,
Die leben schon drin,
Was abseitig fehlt,
Laß fahren dahin.
 

 

149


DIE ZAHL DER ENGEL
Die Zahl der Engel, sag, wer kann sie nennen
Im Lauf der Welt, im Himmel einst und je,
Wenn Bilder unsern Geist mit Macht berennen,
Wer mag noch Ordnung und System erkennen
Vom Fischerboot mit Blick zum Gipfelschnee?

Wir zählen nur, was wir so überblicken,
Den Staubgefäßen einer Blüte gleich,
Doch nichts vermag den Fleck im Aug zu flicken,
Die Schrift kann auch nur Näherungen schicken
Für jene zwischen Licht und Totenreich.

Wer je dem Schlag der Schwinge unterlegen,
Der fragt nicht mehr, wie oft dies möglich sei,
Was einmal sehrte, wird ihn stets bewegen,
Und keiner fragt, ob ihn derselbe Regen
Durchnäßt und ob ein andrer Kranich schrei.

Die Frage zeigt allein, daß unser Denken
Nie absieht vom Gefängnis: Schritt und Uhr.
Es mag sie krümmen und sich selbst verrenken,
Und listig jeden Sinn nach innen schwenken,
Es west im Takt und schaut in der Figur.

Der Glaube soll die düstre Grotte brechen,
Nicht dergestalt, wie Kraut und Pilze tun,
Wie Wasser das Gebälk und Pfeiler schwächen,
Auch nicht als Labyrinth verlaßner Zechen,
Er flügelt uns im Herzen und an Schuhn,
 

 

150
Daß wir, was je wir tun, wir froher, freier
Beginnen, weil die Gnade offenbar,
Daß wir nicht abseits stehn der Erntefeier
Der Schöpfung, die entsteigt dem Nebelschleier,
Der einst in Eden eine Baumfrucht war.

Der Bote, der uns hilft, das Offenbare
Geheim und alles Dunkel hell zu sehn,
Er nimmt die Dinge aus Funktion und Ware,
Daß schon der Kiesel den Beruf erfahre
Und wir mit Acht und Dank darübergehn.

In ihm sieh stets den Herrn und ob uns viele
Von seiner Art umschweben, zähl gering,
Wie auch ob Einfalt oder Macht im Spiele,
Wenn einer bürgt für Anfänge und Ziele,
Darin erlöst das Leiden, Tat und Ding.
 

 

151


DAS JAHR DES HEILS
I

Das Jahr des Heils ist keins aus dem Kalender,
Der tausend Jahre schreibt und tausend mehr,
Und keine Kirche dieser Welt ist hehr
Genug, zu küssen seine Gold-Gewänder.

Das Jahr des Heils trägt keinerlei Begehr
Nach Seiendem, für Büßer und Verschwender
Kann es die Mitte sein und als Vollender
Erkennbar werden, doch der Weg bleibt leer.

Glaub mir, das Einhorn würde nicht behender
Den Jäger fliehn als ein ins Spiel der Pfänder
Verirrtes, dem entscheidbar nicht wie schwer.

Das Jahr der Welt vertraut dem großen Blender,
Es sinkt als Schoß und reckt sich auf als Spender.
Das Jahr des Heils weiß nichts von Wiederkehr.
 

 

152


II

Der Schmerz ist reich an Flitter und Pomade,
Er geht in grau, in weiß und in Karmin
Er peilt ins Blau, um seinen Kreis zu ziehn,
Und löst den Puls ins Offne, Ungerade.

Die Lust, gehüllt in schwanke Harmonien,
Trägt ihn als Amulett, gefaßt in Jade.
Als Pfeil der Göttin, die belauscht im Bade,
Darf sie zurück in seine Obhut fliehn.

Er leiht der Schwester manchmal die Fassade
Und ist sich für den Gaukler nicht zu schade,
Als Narr gepönt und als Tyrann verschrien.

Doch er bezeugt, was er verneint, drum lade
Nicht leichthin aus die Größe und die Gnade:
Das Jahr des Heils ist auch ein Jahr für ihn.
 

 

153


III

Das Jahr des Heils hat Rätsel zu verschenken
Und ist, ein Kind, aus Rätseln ganz gemacht,
Es hält uns mit dem gleichen Stoff in Acht,
Der uns befähigt, es uns auszudenken.

Der Tagmensch sieht, was Traumgesicht und Nacht
An Rede tauschen, nur auf Hinterbänken,
Es ist sein Teil, ein morsches Schiff zu lenken,
Und ist der Zins nicht sein, so ists die Fracht.

Was drunten west, wird seinen Stolz nicht kränken,
Und welcher Wind Isoldes Zaubertränken
Entweht, ist ihm ein Trug, den er verlacht.

Von Göttern weiß er nichts und von Geschenken
Und im Beschluß, sein Tagwerk zu versenken,
Vermißt er nur das Glück in einer Schlacht.
 

 

154


IV

Kein Jubel wird im Jahr des Heils erschallen,
Selbst wenn die Kunst, das Gnadenreich zu schaun,
Noch unverlernt wär und das Gottvertraun,
Die Tugend Freude ging zuerst von allen.

Doch nur der Mensch stieg jählings ab, der Faun
Trumpft immer noch, den Nymphen zu gefallen,
Mit Mannheit, im Gorgonengift der Quallen
Trifft dich noch heut die Sterbliche der Fraun.

Noch schlägt der Sperber ungezähmt die Krallen
Ins rote Fleisch, du spürst das Kornfeld wallen
Am Himmel Thor den Wetterzauber braun,

Und Orpheus darf dich süß wie je bestallen,
Und der dir sang, das Wasser wird sich ballen,
Wird auch die Regenbogen-Brücke baun.
 

 

155


V

Das Jahr des Heils ist aus Musik und Chören,
Der Mensch versucht sich nach der Engel Art,
Wenn die Begabung sich mit Ehrfurcht paart,
So spürn wir, daß wir Ewigkeit gehören.

Hier wird der Schrecken federleicht und zart,
Des Pöbels Zorn darf Baß sein und betören,
Die reine Zeit kann Außerzeit beschwören,
Daß uns das Warten leicht wird und die Fahrt.

Auch fällt die Furcht, das wir uns selbst verlören
Im Hingegebensein wird hold gewahrt,
Was sonst die Dinge, die uns treffen, stören.

Und ohne Müh und Mißton offenbart
Musik uns Weisheit, die uns sonst empören
Nur würde, weil der ganze Himmel klart.
 

 

156


SALOMONIDEN
Da einst Yekundo Amlak neu belebte
Im Aufstand die antike Dynastie,
Ein Band für Stämme und Gemeinden webte
Der tiefe Grundbaß seiner Rhapsodie.

Als Ahn darf ihm ein stolzer Bastard gelten
Von Sabas Königin und Salomo,
Da Salomo auch Ahn des Herrn der Welten,
Ist sein Geschlecht des höchsten Beistands froh.

Im Kerker von Malot hat er gebrütet
Im Rat, den Tekle Haymanot ihm gab,
Als Flucht und Sieg geglückt, hat ers vergütet
Dem Kirchenbau und auch dem Bischofsstab.

Zur Hauptstadt ward dem neuen Reiche Gonder,
Doch Aksum blieb als Heiligtum geehrt,
Daß er die Macht vom alten Zentrum sonder,
Hat klug die Zagwe-Rebellion gewehrt.

Er war ein guter Freund der Byzantiner,
Er schickt Giraffen an den Bosporus,
Er hütet Recht als unsers Heilands Diener
Und schafft den Erben Mohammeds Verdruß.

Zum Negus durch den Kopten-Patriarchen
Zog Davids Jugend wieder Mameluk,
Der Küstenzugang hob der Händler Margen,
Und auch der Sultan beugte sich dem Druck.
 

 

157
Er wallfuhr nach Jerusalem zum Grabe,
Es bürgen für ägyptischen Transit,
Die Kaufleute mit Leben und mit Habe,
Die er zu Gast in seinem Reiche litt.

Bald standen in Venedig die Gesandten,
Und auch von London kommt ein Siegelbrief,
In seinen Diensten Italiener standen,
Es wuchsen Bibliotheken und Archiv.

Da Mönchesorden um den Einfluß streiten,
So bahnt sich mit der Geistlichkeit Konflikt
Schon an, doch bannt er Schlimmeres beizeiten,
Weil er sich in die Wege Gottes schickt.

Die Eremiten von der Grotteninsel
Versprechen ihm wie Klöster wenig Glück,
Die Prophezeiung hört kein Einfaltspinsel
Und tritt, schon alt, für seinen Sohn zurück.

Der Hufschlag eines Pferdes ruft das Ende,
Im Kloster Daga auf dem Tanasee
Ward ihm der Menschen allerletzte Spende,
Verlassen nun von Willensmacht und Weh.

Sein Reich doch trotzte allerlängst Gewittern,
Drin in Europa jedes unterging,
Drum mischt sich eine fröhliche den bittern
Historien ein, wenn ich Äthiopien sing.
 

 

158


NOTBURGA VON HOCHHAUSEN
Im Sagenborn der Grimmschen Brüder
Liegt mancher Schatz von deutscher Art,
Mal ist die Weise frech und rüder,
Mal ist sie wundersam und zart,
Man hört von Recken und von Dirnen,
Von Furchtsamkeit und Glaubensmut,
Was deutsch geglüht in Ahnenstirnen,
Rauscht Erb und Enkeln frisch im Blut.

Von Treu und Trutz ist hier die Rede,
Den Schriftgelehrten innerst fremd,
Der wer nichts weiß von Feind und Fehde,
Wie ein Gebot das andre stemmt,
Der soll des Volkes Reim studieren,
Daß er den Finger Gottes schau
In Tränen, die die Raine zieren
Als Perlenschnur im Heimatgau.

Manch Hoffahrt will das Volk verehren
Und dichtet ihr den Engelsglast,
Auch manchen, die das Land verheeren,
Wird ehrfuchtsvoll ein Schein verpaßt,
Das Volk hat seine eignen Pfade,
Hie Feind zu schaun und da den Christ,
Ihm ist kein Widerspruch zu schade,
Und ob die Rede glaubhaft ist.
 

 

159
Es dichtet Fremdes und Erlebtes
Und liebt die Demut wie den Witz,
Und wie ein ohne Saum Gewebtes,
Macht geltend die Gestalt Besitz
Am Lied, das zwischen Hall und Hader
Nicht Ausgang weiß im Labyrinth,
Wir folgen einer Silberader,
Nicht Garn, zu dem man Flachs verspinnt.

Notburga hieß die stolze Göre,
Die Vater schreckt mit Weibsgeheul,
Daß sie dem Wendenfürst gehöre,
Ist ihr ein Ekel und ein Greul,
Wir wissen nichts von seinen Pickeln,
Noch was die Maid ansonsten stört,
Er zählt zu Kobolden und Nickeln
Und was dem Teufel angehört.

Sie wird ins Recht gesetzt, da Heiden
Unmöglich gut zu Lieb und Eh,
Daß Freiheit im Gefolg der Leiden,
Und daß sich lohn gewähltes Weh,
Das lehrt die Flucht in eine Höhle,
Wo eine Hirschkuh hegt und nährt,
Es hilft kein Prahln und kein Gegröle,
Wenn wer sich von der Ordnung kehrt.

Es soll der Leichtsinn nicht vermuten,
Der Ausstieg sei ein feiles Ding,
Undeutbar sind des Volkes Gluten,
Wer weiß, welch Urteil schließ den Ring,
 

 

160
Doch ists Notburga wohl gelungen,
Daß man ihr Weigern heilig sprech,
Wird hier ein Schicksal hoch besungen,
Nennt man ein andres nichts als frech.

Daß Vater ihr den Arm entrissen,
Kennt man als Schrecken seiner Macht,
Man will von heilen Kräutern wissen,
Die eine Schlange hergebracht,
Da sie verstirbt, ziehn weiße Stiere
Den Wagen mit dem Sarg zur Stadt,
Daß sie die junge Kirche ziere,
Die ihre Not begründet hat.

Dort ehrt man sie in der Kapelle
Und mancher wallfährt nach dem Ort,
Er trägt aus ihrer Krypta Helle
Und eine große Hoffnung fort,
Da bleibt Chronisten nichts zu deuteln,
Noch Philosophen Grund und Satz,
Das Volk zahlt stets aus kleinen Beuteln,
Doch grundlos bleibt sein Märenschatz.
 

 

161


BERNHARD VON CLAIRVAUX
I

Da jung mit dreißig Streitern die Zisterze
Er stärkte, war die Bruderschaft noch neu,
Daß Clunys Mönche Benedikt untreu,
Sprach man mit Tat und nicht etwa im Scherze.

Daß ihn kein weltlich Sinn und Prunk erfreu,
Daß nur den Herrn ein hartes Leben herze,
Und alle Hoffart Christi Milde merze,
Ließ er den Hof und den Burgunder Leu.

Der glänzenden Begabung, strengem Denken
Gepaart, verneigten sich die Herrn der Zeit
Und ließen ihn durch Rat die Reiche lenken.

Er blieb zu keinem Würdenstab bereit,
Des Namens Größe soll kein Amt beschränken,
Sein Wirken, über manch Jahrhundert weit.
 

 

162


II

Kein Herr, kein Priester stritt mit eingeflößter
Ermahnung, die als Christi Flammenstroh
Der Diener gab, zum Abte nach Clairvaux
Entsandt als aller Glaubensmehrer Größter.

Sein Wort, sein Schreiben, gilt in A und O
Dem Hirten, der uns aller Bürden Tröster,
Daß ganz Europa freun die Ordensklöster,
Macht er die Botschaft stimmgewaltig froh.

Allein die Häresie, die Sarazenen
Sind ihm ein Dorn und nach des Heilands Grab
Möcht er so gern die Christenreiche dehnen.

Doch ob man auch die hehrsten Ritter gab
Des Abendlands, Jerusalem belehnen
Vermocht kein Kaiser und kein Bischofsstab.
 

 

163


III

Zisterzen wachsen fern vom Lärm der Städte,
Der nur die Bettelorden-Mönche nährt,
Wer aber in der eignen Leistung fährt,
Pflegt fern vom Teufel Lobgesang und Mette.

Dreifaltigkeit in ihrer Baukunst kehrt
In Fenstern, daß kein Heidenprunk sie kette,
Gebrichts an Farben, Höhenlust und Wette,
In Schlichtheit wird des Heilands Wort geehrt.

Die Glocke trägt ein Reiter auf dem Dache
In einer Au, da sonst kein Bauer wohnt,
Denn Türme sind nicht dieser Brüder Sache.

Da Pioniergeist Kraft und Müh nicht schont,
Ward es ihr Werk, daß manche Ödnis lache,
Im Osten gar, der weiter keinem lohnt.
 

 

164


IV

Noch Luther rühmt Bernhard als reinen Christen,
Hoch über dem Gezänk und dem Geschmeis,
Die Stadt, die seinen Mut im Wappen weiß,
Trutzt sicher Teufels ungezählten Listen.

Zwar gab der Protestant die Klöster preis,
Doch Bernhards Werk die Römerfeinde hißten
Als wahrenswert, im Seminar beflißten
Sich die Konvente um ihr frühes Reis.

Noch heute sucht die Bruderschaft zu mehren
Den Geist, daß er die Offenbarung faß,
Und hält die Bildungstradition in Ehren.

Die Schule und das Buch verbannt den Haß,
Denn reifen Geists bedürftig sind die Lehren,
Die aller Missionare Alpenpaß.
 

 

165


V

Bekannt sind auch die schlanken Bernhardshunde,
Die Mönchen halfen zwischen Eis und Schnee,
Bedrängte von Lawinenlast und Weh
Zu retten durch die rasch gemachten Funde.

Doch heute wär ein schlechter Scherz der Dreh,
Zu suchen noch mit diesem Tier im Bunde,
Im Zuchtwahn ging der Mythos längst zugrunde,
Zu schwer ist nun der Hund der Charité.

Dabei wär heute, wo so viel verschüttet,
Ein Diener not mit Nase und Instinkt,
Denn selbst die Fundamente sind zerrüttet,

Darauf Europa Heil und Frieden winkt,
Doch was noch Erz birgt, wird sofort verhüttet,
Bis nur noch Schwefelkies zum Himmel stinkt.
 

 

166


VI

Bei Bernhard lern, es zählt allein der Glaube,
Die Liebe reift aus ihm und alles Werk,
Daß er den Glauben täglich rüst und stärk,
Den Heiland bitt und nicht des Weinbergs Traube.

Dich schrecke weder schlechter Weg noch Berg,
Nicht Urlaub träum und nicht die Sommerlaube
Und denk nicht, daß die Müh dir Würde raube,
Im leichten Spiel den Teufel stets bemerk.

Denn wahre Freude ist allein im Bilde
Erlösers, das Gemeinschaft dir erschließt,
Drum suche nicht exotische Gefilde.

Wenn dich der Regel strenge Uhr verdrießt,
Vergleich die Freiheit mit dem Tod im Schilde
Der Freiheit, welche Saat mit Liebe gießt.
 

 

167


DER FALL VON MALTA
Von Hompesch, Freiherr, auf dem Schloß
Bollheim bei Oberelvenich
Geborn, war einzger deutscher Sproß,
Der je im Mannesalter sich
Großmeister aller Zungen nannt
Im Johanniter Ritterstand.

Zweihundert Jahre nach dem Tod
Wird sein Gedächtnis hoch geehrt,
Doch was er tat in hoher Not,
Hat uns das Christsein nicht gelehrt,
Drum sei um unsers Herren Ehr,
Berichtigt eine fromme Mär.

Der Fall von Malta war ein Schlag
Für das gesamte Abendland,
Es hielt an diesem Schicksalstag
Die res catholica nicht stand,
Drei Ritterorden Treue schworn,
Jetzt ging die letzte Burg verlorn.

Es heißt, es fehlte Widerstand,
Weil Brüder nicht auf Christen haun,
Doch was gedroht mit Frevlerhand,
Ist nirgends christlich anzuschaun,
Der Erb des Guillotinenclans
Die Kirche haßt am Rand des Wahns.

Wie kein Tyrann seit den Cäsarn
Als Vorbild für den Bolschewist,
 

 

168
Napoleon, der mit Haut und Haarn
Als Feldherr steht des Antichrist,
Drum war hier List und Mut Gebot
Und nicht die Furcht vor Brand und Tod.

Er kam mit großer Übermacht,
Drum fände nur Verhandlung Ruhm,
Doch hat von Hompesch nicht bedacht,
Daß er als weltlich Fürstentum
Hätt dauern können bis in Wien
Tagt der Kongreß, statt blind zu fliehn.

Dem Plündern hätt es nicht gewehrt,
Doch tote Dinge heilt der Fleiß,
Und blieb der Staat uns unversehrt,
Die Zeit oft Rat und Beßrung weiß,
Doch wich hier vor dem Höllenpfuhl
Mit Rittern auch der Heilge Stuhl.

Wenn fällt des Ritterstands Bastion,
So steht Europa bald beflaggt
In Rot, und Zähne fletscht auch schon
Der Drache, der das Kreuz zerhackt,
Der Heiland ist Geschöpfen gut,
Doch vor dem Teufel zeigt er Mut.

Drum bleibt am Ende festzustelln,
Am Glauben es den Herrn gebricht,
Daß meist Franzosen in den Zelln,
Verringert hier das Urteil nicht.
Wenn einer mehr als Christ Franzos,
Sagt er sich von der Kirche los.
 

 

169


ECCLESIA MILITANS
Bei Michael, der herrlich mit der Drachen
Des Hochmuts und der Widerschöpfung ficht,
Sollt jeder Christ ein Streitexamen machen,
Auf Erden endet uns das Böse nicht.

Es wandelt oft Gestalt, oft Weg und Weise,
Wer treu ist, hat es freilich leicht enttarnt,
Es mag gar lieblich sprechen klug und leise,
Bevor es tückisch vor der Kirche warnt.

Will einer dich zu Christi Werk belehren,
So prüfe, ob er bloß die Namen tauscht,
Denn mancher scheint den Heiland zu verehren,
Obwohl er sich am eignen Wort berauscht.

Die Kirche hat jahrtausendlang gerungen
Um Wahrheit, gab sie keinem Vorteil preis,
Der Neunmalkluge, Eitelkeit-durchdrungen,
Braucht wenig Wissen, weil er alles weiß.

Wer meint, er könne auf das Heil verzichten,
Das Denker, Beter, Heilige erbracht,
Den kann der Böse fingerleicht vernichten,
Weil er als Tor die Tradition verlacht.

Nicht nur die Engel solln dem Drachen wehren,
Ein jeder Christ führ ihre Werke fort,
Den Drachen stößt man in den Grund mit Speeren,
Gewöhnlich reicht schon oft ein klares Wort.
 

 

170
Von Sachzwang spricht, von Management der Böse
Aus seinen Hülsen stinkt der Eigennutz.
Aus der Gewohnheit, die er mästet, löse
Dein Herz und hüte dich vor Neid und Putz.

Es sind in dieser Zeit der Angebote
Die Nihilisten in der Überzahl,
Und nie zuvor und nirgends noch bedrohte
Die Alltagswege solche Höllenqual.

Der Mode und der Technik zu entsprechen
Ist kindisch und schon oft ein kurzer Pfad,
Der frohen Botschaft vorzuziehn die frechen
Reklamebilder, denen nichts zu schad.

Der Herr hat nie verlangt dich anzupassen,
Er spricht: dein Herz sei rein und ohne Arg,
Und wagst du den modernen Spuk zu lassen,
So spürst du ihn und deine Fäuste stark.

Und wer in Würden dient der Christgemeinde,
Der habe acht und hege Sorg und Müh,
Daß jedes Glied des Kirchenleibs befeinde
Das Böse und des Heilands Wunder blüh.
 

 

171


ACTIO SPES UNICA
In memoriam Pfarrer Milch

Im Hundertjahr der Ingenieure
Fand Gut und Bös manch Wechselbad,
Konstant blieb nur, daß Knab und Göre
Heißt lästern man den Priesterstab.

Und die Partein und die Programme
So kunterbunt hat nur geeint,
Daß man die Tradition verdamme
Und daß die Kirche ist der Feind.

Da wird so manchem Glaubensdiener
Die Brust zu eng, das Los zu schwer,
Und neunmalklug spricht ein Schlawiner,
Es muß ein neuer Konsens her.

Bald trifft man sich zu Kuschelrunden
Im guten Willen selig blind.
Man spricht nicht mehr von Christi Wunden,
Man preist Reform und frischen Wind.

Auf Kanzeln und in Seminaren
Sind Fortschritt und das Mehrheitswort
Zu scheiden nicht den Engelsscharen,
Und Diskussion wird Spaß und Sport.

Ob bösem Spiel die gute Miene
Die Spur in beßre Tage führ?
 

 

172
Hier nutzt der Teufel nicht Kamine,
Denn weit weit offen steht die Tür.

Wenn Wahrheit nicht mehr Wahrheit heißen,
Und jede Meinung prunken soll,
Wird Satan jeden Zaum zerreißen,
Verdummte Menge findets toll.

Statt festzustehn in dem Gefechte,
Wird Pfarrer Milch gar suspendiert,
Weil er beharrt auf alte Rechte
Und vor dem Zeitgeist nicht pariert.

Die Schar ist klein, die sich das Erbe
Bewahrt im Jacobinerreich,
Sie lobsingt, ob auch draußen werbe
Die Bruderschaft von frei und gleich.

Wenn alles fällt und sich verflüchtigt,
Darf dies die Lehre nicht berührn,
Denn wenn der Feind das Denken züchtigt,
Wird er zu jedem Tun verführn.

Es gilts die Worte reinzuhalten,
Sonst bricht der allerletzte Damm,
Und trennt die Kirche sich vom Alten,
Dann wie ein Blatt von Ast und Stamm.

Respekt gebieten Mut und Treue,
Doch bannt die actio konsequent
Als Ketzerei die Neuzeit-neue
Kultur, die sich nach Luther nennt.
 

 

173
Doch wer Paul Gerhard hört und Fugen
Von Bach, der ist den Tränen nah
Und ahnt, daß Engelsflügel trugen
Den Traum, den der Gebannte sah.

So hofft mein Herz, die Glaubensstreiter
Wärn in der Frag, ob Rom allein
Zum Heile führ, ein wenig heiter
Und ließens Gottes Urteil sein.

Dann könnte ich mit ihnen fechten,
Denn der uns spaltet, will das Nichts,
Und ging der letzte der Gerechten,
Schallt die Posaune des Gerichts.
 

 

174


BIS HIERHIN HAT MICH GOTT GEBRACHT
Dem Gedächtnis der Gräfin
von Schwarzburg-Rudolstadt

Bis hierhin hat mich Gott gebracht,
Mit Mut und Tatendrang bedacht,
Bis hierhin fehlt es nicht an Kraft,
Daß grimmem Feind die Hand erschlafft.
Mag auch die Zeit den Herrn nicht sehn,
Ein Fön wird ihren Trug zerwehn,
Und die Versuchung, drin sie gleißt,
Zerbricht ein jugendlicher Geist,
Denn sie ist aller Macht beraubt,
Wenn niemand mehr die Lügen glaubt.

Bis hierhin hat mich Gott gehegt,
Den Pfeil in meine Hand gelegt,
Die Sehnsucht, die Gedanken weiß,
Die maienlind und falterleis
In Keim und Reife, Wuchs und Blust
Versprechen Heil und Himmelslust.
Sie sind ein Leuchten in der Nacht
Und brechen schließlich Wehr und Macht
Des großen Schwindels, der uns bringt
Um alles, was da liebt und singt.

Bis hierhin hat mich Gott gestählt,
Daß mein Gesicht das rechte wählt,
In jedem Kleid den Feind erkennt,
Der uns auch von uns selber trennt.
 

 

175
Wer feig und faul, den braucht er gern,
Dem Eitlen gibt er goldnen Stern,
Mit Zorn und Neid ist er im Bund,
Er findet gar den Geiz gesund,
Mit Wollust und mit Völlerei
Schafft er ein großes Heer herbei.

Bis hierhin hat mich Gott geführt,
Die Glut des Herzens angeschürt,
Denn nur wer seine Süße schmeckt,
Beim Leugner gleich den Trug entdeckt,
Nur wen die Schöpfungswunde schmerzt,
Bleibt in der Kesselschlacht beherzt,
Wo hundert Heere ihn bedräun,
Und darf sich am Gebet erfreun,
Das ihn das Gottvertrauen lehrt,
Dem keine Macht den Sieg verwehrt.

Und brechen letztlich Schwert und Hand,
Sind Buß und Demut Bringers Pfand,
Doch solche Bürd hat minder Schmerz
Für den, der trägt ein hohes Herz
Und eine scharfe Klinge führt,
Für alles Recht, das Gott gebührt.
Und selbst die Armut heißt Gewinn
Mit hellem Aug und reinem Sinn
Für den, der auch im Tode weiß:
Er wandelt auf des Herrn Geheiß.
 

 

176


EIN DEUTSCHES REQUIEM
In memoriam Johannes Brahms

Die Toten lechzen nicht nach Trost,
Sie sind bewahrt von Fehl und Fall,
Es wird kein zweites Mühn erlost,
Und dauernd ist des Reiches Wall,
Sie ruhen ganz in dessen Kür,
Der gnadenreicher nicht gedacht
Sein kann, und tuen nichts dafür,
Daß er sie frei und eigen macht.

Doch was da lebt und hinterbleibt,
Weint Sturz und Bürden, Lob und Last,
Daran er sich erhebt und reibt,
Tieftraurig nach, es scheint verpaßt,
So vieles, wenn das Herz entweibt,
Entpflichtet und vom Schoß geschaßt,
Sich schaut als Blatt, das Herbstwind treibt,
Wo durch Alleen in blinder Hast
Die Tage ziehn, die Leben schreibt.

Wer Liebe litt, die Tröster kennt
In unsers Hoffens Tradition
Im neun, im alten Testament,
Auch daß ihm Apokryphes lohn,
Ist ihm vertraut, die Scheu verbrennt
Das Eins von Schau und reifem Mohn,
Und deutscher Laut ist ihm Allmend
Für das Gemüt und die Passion.
 

 

177
Wer in bescheidnem Hause reift,
Wo deutsche Tugend eng und zag,
Vergißt nicht, wie der Engel streift
Und wie die Stimme spricht im Hag,
Er weiß, daß die Berufung greift,
Daß sie verlangt, daß er es wag,
Drum kündet er, wenn Schmerz ihn schleift,
Daß selig ist der Leidenstag.

Der Leib ist ein vergänglich Ding,
Doch oft verleugnens Aug und Mund,
Wer werdend in Geschichte ging,
Hat oft zu Klag und Stöhnen Grund,
Wir hegen ihn, daß er uns bring
Zum Grab, und ist er mal gesund,
So mahnt die Zeit, daß uns verschling
Vertanen Tags Gewissenswund.

Allein der Herr kann uns befrein
Und lehren, was uns gut und not,
Er will uns jede Stunde weihn
Und treulich nährn mit Wein und Brot,
Drum muß nach ihm die Seele schrein
Und wahrhaft wolln, was er uns bot,
Denn schließt das Herz der Starrsinn ein,
Ist es von Teufelsmacht bedroht.

Allein bei ihm ist Horst und Heim,
Wer wandern muß, bleibt unbehaust,
Dem Feind geht mancher auf den Leim,
Weil ihm vor so viel Freiheit graust,
 

 

178
Wir kommen her aus Schmerz und Schleim
Ins Licht, wo herrschen Schwert und Faust,
Und hilflos ist der Seelenkeim,
Wenn du nicht auf den Heiland baust.

Die Trauer macht uns groß und reif,
Doch ist auch sie nicht Bleibens Statt,
Ein Tal von Jammer und Gekeif
Versteht das Frohwort klamm und platt,
Der lag im Grabe kalt und steif,
Erhob sich und macht tausend satt,
Die Schlange beißt sich in den Schweif,
Weil er die Zeit verwunden hat.

Daß Tote selig sind, beschließt
Den Kreis, denn dies ist uns gewollt,
Wen da des Lebens Pein verdrießt,
Der weide sich an diesem Gold,
Doch hat das Leben nicht vermiest
Der Herr, der es so hoch verzollt,
Wir sollen preisen, was da fließt,
Und alle Schöpfung bleibt uns hold.
 

 

179


HÖLLRIEGELSKREUTH
In memoriam K. W. Diefenbach

Wenn kurz vor dem Schlage
Die Glocke verharrt,
Wenn, neigend die Waage,
Ein Windhauch uns narrt,
Versteint von Gorgonen,
Die mitleidlos kalt
Im Weltalter wohnen,
Das jegliches krallt,

Dann keimt aus dem Dünger,
Drin alles verfällt,
Der einsamste Jünger
Der sonnigen Welt
Und spürt im Verzichten,
Von Feinden gewürgt,
Die Reinheit des Schlichten,
Das Gott uns verbürgt.

Er leitet die seinen
Durch Gletscher und Klamm,
Entdeckt im gemeinen
Uns Heimat und Hamm,
Ob Sturmwind ihr zause
Den Bart, bleibt die Freud
Im Steinbruch zuhause
Von Höllriegelskreuth.
 

 

180
Was Kunstsinn, verwöhnter,
Als Meisterschaft schätzt,
Als Teil ungeschönter
Natur ihn entsetzt,
Die Freunde des Schroffen,
Das Leinwand bespie,
Sind einig im Hoffen,
Es träfe sie nie.

Der Meister, mit Fönen
Und Rauhnacht auf du,
Winkt sphärischen Tönen
Im Sonnaufgang zu,
Er weiß, nur der erste,
Der frühtags hier steigt,
Sieht Weizen statt Gerste,
Wenn Helios sich zeigt.

Er weiß sich als Bringer
Des Lichts, Heliodrom,
Des Nachtmahrs Bezwinger
Im sternklaren Dom,
Ihm rauscht noch die Quelle
Des Herrn, der mit Mut
Schuf Dunkel und Helle,
Und alles war gut.

Und Andacht und Feier
Ist ihm das Gestirn,
Das heller und freier
Sich zeigt auf dem Firn,
 

 

181
Wo niemals ihn frecher
Lemurenkot fleckt,
Hält er seinen Becher
Ins Lichtmeer gereckt.

Wer solch einer Gnade
Je teilhaftig ward,
Wird, wo alles Fade
Verdächtigend starrt,
Zum bleichen Verletzer
Von Ordnung und Pflicht,
Das Zeichen der Ketzer
Steht ihm im Gesicht.

So ist in den Tagen,
Da Rausch ihn nicht hebt,
Kein Frohwort zu sagen,
Von Fremdheit umlebt,
Doch herrsche auch Wüste
Nach kurzem Geläut,
Der Herrgott ihn grüßte
In Höllriegelskreuth.
 

 

182


DER UNBEKANNTE GOTT
Als Paulus den Athenern sprach,
Ließ er sich auf Rhetorik ein
Und ahmte die Methode nach,
Voll Anteil und Gehör zu sein,
Denn wie er so den Hochmut brach,
War die Verwundrung echt und rein.

Manch Prediger hat hier erprobt,
Daß sich der Einstieg nur gewährt
Mit Worten: Was ihr selber hobt,
Noch meinen Lorbeerkranz entbehrt.
Er geht umher und schaut und lobt
Den Weisen, der das Gastrecht ehrt.

Dies sei ein Taschenspielertrick
Meint mancher, denn die freie Stel
War nicht gedacht für einen Blick,
Der alles was da sonst entseel,
Drum sei des Paulus Red-Geschick
Die Rachsucht und die Wüstenkehl.

Des Unbekannten Gotts Altar
Dem Eitlen jeder Zeit gefällt
Gern nimmt den Stein, des Eigners bar,
Wer seinen Senf für Myrrhe hält,
Doch nehme uns, was wirklich war,
Nicht all der Lärm, der schleimt und bellt.
 

 

183
Wer sich die Grille, das Phantom
Nicht gönnt, die Weisheit sei total
Und Gott sei ganz in seinem Dom,
Bezwingt den Eifrer allemal,
Er weiß, uns frommt nur ein Arom
Und Gottes Ganzheit wird uns Qual.

Der will auch andren Wegen traun,
Ihm ist die Welt so jung wie alt,
Manch kluger Kopf wird nach ihm schaun
Des Wesens Kern, die Weltgestalt,
Und wird sein Antlitz falb und braun,
So läßt ihn dies aus Einsicht kalt.

So mag die Griechen Paulus lehrn,
Doch wird des Unbekannten Weih
Nicht ledig Sinns und seiner Ehrn,
Da Christus macht die Toten frei,
Denn mag der Feind auch manches kehrn,
Gilt doch das Schöpfungswort: Es sei.
 

 

184


CHRISTOS APOLLON
Fritz Usinger zugeeignet

Augustus zerschlug die Parteien,
Und fügte zum Weltkreis das Reich,
Doch in seinen blühenden Reihen
Erwachte der Zweifel zugleich,
Ob nicht in den weltlichen Trümpfen
Die Seele verkümmre wie Traum,
Das Chaos mit Mücken und Sümpfen
Uns gleichstell den Affen am Baum.

Schon oft wich das Heil dem Gewinsel,
War Hoffnung im Sorgenpfuhl fern,
Einst brachte die schwimmende Insel
Von Hyperboräa den Herrn,
Der brachte das Maß allem Leuchten
Und strengere Formen dem Geist,
Er führte die Dorer aus feuchten
Gefilden in Berge, vereist.

Die Schönheit entstand dieser Härte,
Choräle von Waffen und Wehr,
Die Kette des Höllenhunds zerrte
Die Freien im Traume nicht mehr,
Kykladen von Männern und Frauen
Besangen das delische Glück,
Und meinten, das Wimmern und Grauen
Kehr niemals ins Leben zurück.
 

 

185
Da sah in der syrischen Wüste
Ein Seher den Drachen der Nacht,
Und in den Mysterien begrüßte
Die Jünger ein Nahn fremder Macht,
Der Kampf zwischen Unheil und Gnade
Ist niemals entschieden und feil,
Der Kämpfer verwaltet die Pfade
Für jegliches Suchen nach Heil.

Er schart einen Kreis der Gefährten
Und kommt in die Stadt, wo die Schrift,
Jahrtausende weiß, sie zu werten
Uraltes der Hohpriester trifft,
Die Botschaft, das Herzblut sei näher
Als Heilsriten, trickreich, formal,
Bei Gott, ruft die Wächter und Späher
Und Neider in größerer Zahl.

Man schlägt ihn ans Kreuz, von der Meute
Bespieen, geschlagen, geschmäht,
Sein Leiden, sein Bluten erneute
Den Äon, der mürb war und spät,
Er zeugt, daß uns Erde und Sonne
Geliehn aus der Schöpfungsgewalt,
Nicht feststehn aus Reichtum und Wonne,
Das Opfer sorgt für den Erhalt.

Die Glaubenden, die er beseelte,
Zerschlugen den älteren Gott,
Was einig sie bindet, verhehlte
Bekehrung mit Schwert und Schafott,
 

 

186
Er hat nicht Pilatus erlitten,
Die Eiche des Donar zu fälln,
Er wollte nicht büßen und bitten,
Der Rachsucht die Waffen zu stelln.

So stritt wider geistferne Täufer
Aus Liebe und Mut die Allianz,
Die rastlosen Seelenverkäufer
Verfehlten die Heilsbotschaft ganz,
Wie in Talismanen von Jade
Gemengt sind Struktur und Gewicht,
So sei uns die christliche Gnade
Vereint mit dem griechischen Licht.

Das doppelte Erbe zu formen,
Blieb Platon in Mönchszellen wach,
Schuf Dürer die Heilsgestalt-Normen,
Erklangen die Fugen von Bach,
Erfuhren wir Luther als Leuen
Und reimte Silesius so gern,
Daß delische Schöpfungen freuen
Die Welt und den himmlischen Herrn.
 

 

187


FRIESISCHES GLÜCK
Flatterndem Falter
Gleicht unsre Spur,
Erst wenn im Alter
Leiser die Uhr,
Ordnen sich Zeichen,
Reimt sich das Stück:
Hinter den Deichen
Fand ich mein Glück.

Rat und Bemühen
Waren verfehlt,
Nicht was die frühen
Träume beseelt,
Nicht als der Löwe,
Fuchs voller Tück,
Unter der Möwe
Fand ich mein Glück.

Als mir ein Engel
Reife verhieß,
Schmeichler-Geschlängel
Im Paradies
Schwante, es wüßte,
Was mich bedrück.
Erst an der Küste
Fand ich mein Glück.
 

 

188
Was unsern Tagen
Vorgesehn ist,
Warten und wagen,
Leiden und List?
Ob unsre Wiesen
Morgentau schmück?
Unter den Friesen
Fand ich mein Glück.

Preiser und Diebe
Fand mein Gedicht,
Aber die Liebe
Zeigte sich nicht.
Schlugst du den Funken
Erst und zurück,
Kluntjesüß trunken
Fand ich mein Glück.

Fällt mir der Schleier
Irgendwann, sag,
Wie wird zur Feier
Je mir der Tag,
Jauchzend im Kühnen,
Still auf der Krück?
Zwischen den Dünen
Fand ich mein Glück.

Suchen und Finden
Schlösse sich aus,
Meinen die Linden
Vor meinem Haus
 

 

189
Bis mich verloren
Greisentag bück.
Über den Mooren
Fand ich mein Glück.

Ostertags Wunder
Fastenzeit bricht,
Wenn der Holunder
Duftet im Licht,
Daß er die harschen
Schwertlilien pflück –
Tanzend auf Marschen
Fand ich mein Glück.
 

 

 
 

 

 


BABYLON DES WORTS



»Einer fand ein rostrauhes Horn
Am strauchüberwachsenen Wegborn,
Wo er einsam und selbstvergessen
Streunte hin längs Kornraden und Kressen.

Er kratzte vom Erz das Gekrust
Und blies ein Lied sich zur Lust –
Ins Hohle stieß er: Sein Hiefen
Weckte Träumer, die welttief schliefen.«

 
BARTUSCHEK       

 

 
 

 

193


BLAUE BLUME
Sieben Jahre sollst du lieben,
Sieben Jahre trauern dann,
Doch erst wenn du dreimal sieben
Jahre wandelst, steht geschrieben,
Kehrt das Knabenglück im Mann.

Und du sollst das Auge schauen,
Das Gewißheit schafft allein,
Und in tief verschneiten Auen
Zwischen Schmerz und Gottvertrauen
Sollst du still und weiser sein.

Wach und such nichts zu bewegen,
Denn am Helden, Handstreich-kühn,
Und am fürstlichen Strategen,
Ist dem Schicksal nicht gelegen,
Soll die Blaue Blume blühn.

Mancher Traum hat ihr gegolten,
Als der Geist sich Rädern ließ,
Bis sie unaufhörlich rollten
Und so viele glauben wollten,
Erzen käm das Paradies.

Du hast stets am Rand gestanden,
Doch im Takt, der weckt und lähmt,
Kam auch dir der Reim abhanden,
Drin sich einst die Dichter fanden,
Wenn der Tag den Traum beschämt.
 

 

194
Keiner Tat blüht sie zum Ruhme,
Doch wer jedem Wunsch entsagt,
Zu beherrschen Keim und Krume,
Findet auch die Blaue Blume
In der Stunde, da es tagt.

Wenn der Lenz dich als Belauber
Aus der Klause schickt ins Tal,
Labt die Quelle hell und sauber,
Wird ihr Blau Karfreitagszauber
Parsifals und zeigt den Gral.

Ahnde, daß ihr Duft der Frühe
Auch das Gold der Ernte weih,
Wenn du fern von Furcht und Mühe
Glaubst, daß sie dir immer blühe,
Wird dein Herz zur Liebe frei.
 

 

195


VERGEBEN SEIN
Vergeben – ach, wer gab dich hin?
Wer spürt im Spruch den Hintersinn,
Das Herz, beschenkt wie nie zuvor,
Das sich vergaß und sich verlor?

Warum und wie? du weißt es nicht,
Und ging dein Glück im Abendlicht,
So wär der Schmerz, dem du gefront,
Noch ärger, wenn er dich verschont.

Vergeben – ach, verfallen sein,
Wer schloß das Herz in diesen Schrein?
Wer warf im Übermut das Los
Und frug nicht, ob zu klein, zu groß?

Sei still! und hab das Schweigen lieb,
Dem Traum, der dich verriet, vergib,
Bis dir, was unauflöslich dein,
Geoffenbart wird – dir, allein.
 

 

196


MASKENSPIEL
Im Krieg und in der Liebe
Sind Masken gut und recht,
Hier steht die Kunst dem Diebe,
Dem Schwert und dem Geschlecht.

Im Staat und in Kontoren
Sind Masken gut und not,
Gespür in Aug und Ohren,
Bringt manchen um sein Brot.

In Prosa und Romanen
Sind Masken gut und rar,
Man kann beizeiten ahnen,
Was führt aus der Gefahr.

In Versen und Gedichten
Sind Masken gut und weis,
Mag uns das Bild vernichten,
Der Reim gewinnt den Preis.
 

 

197


DER DICHTER UND DIE MASKE
Die erste Maske trägst du an der Mutter,
Die Seligkeit, wo du doch voller Gier
Verdaust und schlürfst das angemeßne Futter,
Wie später dich berauscht das deutsche Bier.

Dann bist du guter Sohn in Vaters Augen,
Der alles tut, was der so gern getan,
Du willst für seine Hoffnung trefflich taugen
Und gehst voran auf pfeilgerader Bahn.

Du wechselst deine Maske in der Liebe,
Die deine Wege zu Spiralen schlingt,
Wer manchmal Glück verlangt und manchmal Hiebe,
Weiß wohl, wie unerbittlich Eros dingt.

Dann wirst du reif, um einen Spruch zu wagen,
Die Maske nennt sich Eigenheit und Stil,
Das Publikum zu preisen und zu plagen,
Steh jedes Wort am Platz und keins zuviel.

Dann wirst du frech und änderst deine Schreibe,
Manch einer ist entsetzt und schreit im Schmerz,
Du findst in einer neuen Maske Bleibe,
Denn was der Dichter reimt, ist nicht sein Herz.

Du parodierst dich selbst und deine Schüler
Im Wechselspiel zu viert, zu fünft, zu sechst,
Die Maske ist der Hort, drin du die Fühler
Behende nach der nächsten Maske streckst.
 

 

198
Und im Theater meinen manche Gäste,
Sie zahlten nicht, sie würden noch bestallt,
Du tauschst die Rollen und vermeidest feste
Bezüge und wirst in dem Treiben alt.

Die Maske ist das Leben selbst, weil jede
Entlarvung nur verstärkt den Maskentanz,
Und schreibst du ohne Schnörkel deine Rede,
Machst du den Kreis der Maskenvielfalt ganz.

Erst wenn der Schnitter untersagt zu säumen,
Rutscht dir die letzte Maske vom Gesicht,
Doch was man liest und lehrt von Gottes Träumen,
Führt auch der Engel ohne Maske nicht.
 

 

199


KREIS UND KREUZ
Im Einzelwesen scheint der Kreis das kleine,
Der Tag, die Woche und die Jahreszeit,
Geburt und Tod dagegen sind gemeine
Erfahrungen im Reich der Endlichkeit.

Doch schaut man die Planeten und die Sterne,
So glänzen sie mit Reim und Wiederkehr,
Und was im Raume fern, ist zeitlich ferne,
Doch sie, ein Rad, bringt alles endlich her.

Und welche Deutung die Kultur bestimme,
Entscheidet sich daran, ob eine Schar
In Ehrfurcht und in Selbstbescheidung glimme,
Oder obs Wahl der allermeisten war.

Bei Goethe reimt sich deutlich, daß die Leute
Nur ihres Teils gewahr und größrem kalt,
So fand mit ihrer Macht und Vielheit heute
Die Linie gar als Fortschritt Zweckgestalt.

Der Fortschritt ist Verbrauch in jeder Weise
Und was er erbt, gibt er zum Abschuß frei,
Er wuchert wie ein Pilz in jede Schneise
Und macht sogar den Himmelsdunst zu Blei.

Das Kreuz ist zwar die Linie vor dem Kreise,
Jedoch die Ebne, die sie selbst nicht schafft,
Erfüllt ihr einer weitren Linie Schneise,
Da sie Geschichte kreuzt mit Gotteskraft.
 

 

200
Dies Bild wird oft von Deutern mißverstanden,
Als ob dies handle von Augustus Zeit,
Der Scheitel doch, da Heil und Zeit sich fanden,
Ist immer und steht jedem Tag bereit.

Also versteh die Zeit als eine Flanke,
Die das Gebot, von Nacht und Licht zu wähln,
Berührt, und deinem Schöpfer ewig danke,
Daß in der Furcht vor der Versucher-Pranke
Nicht nur die Uhren Tag und Taten zähln.
 

 

201


LETZTE WORTE
Kaum wagst du deine eignen ersten Worte,
Schon wird in dir der Philosoph geweckt,
Kaum lerntest du, was not an welchem Orte,
Schon wird das Wort als unerlaubt versteckt.

Auch Sein und Haben werden dir Begriffe,
Und daß, wer zu genau sie trennt, nervös,
Im Wannenwasser froh versenkst du Schiffe,
Bis man dir sagt, dies sei entsetzlich bös.

Es haben und es sein folgt manchmal später,
Drum würf man besser manche Dinge fort,
Der eine hat bestimmt den schwarzen Peter,
Der andre hat gewiß das letzte Wort.

Das letzte Wort wird dir oft vorgehalten,
Als wüßtest du vorher, daß nichts mehr kommt,
Denn im Gespräch muß immer recht behalten,
Wer weiß, was ihm und auch dem andern frommt.

Im heißen Wunsch, daß niemand widerspreche
Und Echo uns allein gegeben sei,
Zahlt mancher schon allein die ganze Zeche
Und macht sich damit von der Antwort frei.

Zuletzt ist nicht nur zeitlich zu verstehen,
Auch logisch hat es Sinn als höchster Stand,
Ein Einwand, der ertönt in Erb und Lehen,
Ist läppisch wie die Fliege an der Wand.
 

 

202
So ist der Wunsch zum Antworten-Vernichter
Voll synonym der Willenskraft zur Macht,
Man unterschätzt den reimverliebten Dichter,
Nicht ahnend, welcher Urgrimm hier erwacht.

Der Dichter will Zuletzt und Echo einen
Und Widerred erstickt er schon im Keim,
Denn es gibt keinen Platz für das Verneinen,
Im Machtbezirk von Takt und Silbenreim.

Und läßt er schließlich seine Leibeshülle,
Behält er doch auch fürder letztes Wort,
Weil er sich sicher ist, daß seine Fülle
Noch weiter echot, wenn er längst verdorrt.
 

 

203


FARBEN
Wenn sich das Licht zerteilt und einen Fächer
Gebiert, der sich gefällt im Regenband,
Schaust du beglückt, wie über Hain und Dächer
Der Himmel seine Herrlichkeiten spannt.

Nicht nur das Ganze überragt die Teile,
Auch jeder Teil ist eigentlich und ganz,
Vergeblich ist das Grübeln nach dem Heile,
Jedoch die Schöpfung sagt dir stets, sie kanns.

Was lebt, will Vielfalt, und noch im Bizarren
Erkennst du seine Liebe zum Detail,
Drum sollst du nicht der Offenbarung harren,
Die allerorten, so dein Blick verweil.

Die Wiese färbt der Lenz, um uns zu grüßen,
Mit Krokus-Blau und Osterglocken-Gold,
Bald wird dir Mohn die Lust im Korn versüßen,
Und drüber weißen Wolken-Lämmer hold.

Die Farben sind die Schwingungen der Seele,
Das Braun der Erde, die uns trägt und nährt,
Im Bann der Rose stocken Schritt und Kehle,
Doch Flieder macht uns leicht und unbeschwert.

Olivenzweige trägt der greise Seher,
Und Buchenrot gemahnt an Vorwelt-Traum,
Der Ruß weist auf die Runenschrift noch eher,
Als dich das Meer beruft mit Silberschaum.
 

 

204
In Stein und Blume wie in Hof und Ställen
Begleiten dich die Farben durch den Tag,
Ob sie sich leuchtend oder falbend hellen,
Das Aug nicht immer ganz entscheiden mag.

Sie decken nicht, sich andren zu verfeinden,
Das Edle ist dem Schlichten einverleibt,
Der Mensch muß nur sich selber eingemeinden,
Daß ihn der Herr mit Gold und Blut beschreibt.

Sie suchen nicht die Reinheit des Sublimen,
Die Blüte dankt sich Untergang und Mühn,
Und fester als an deinem Sack der Riemen
Gegründet ist das zarte Lindengrün.

Der Grieche sieht im Tod, daß Licht und Farbe
Ihn lassen, und stellt dies der Freude gleich,
Der Christ erkennt in jeder goldnen Garbe,
Die ihm gedeiht, das ganze Gnadenreich.

Er stellt sein Tun in lebensfrohe Sphären,
Darin das schmale Feld, das wir bemühn,
Schattierung ist wie Mutterkorn an Ähren
Und läßt sich heiter den Verwandlungsblühn.
 

 

205


BLAU-GEDICHT
Dem Tag, der Woche und dem Jahr sind Farben
Vielfältig und mit strengem Strich gestellt,
Doch wenn sie blühten oder bald verdarben,
Blieb mir doch eine wert vor aller Welt.

Wenn der Gefährte sich mit Mohnrot schmückte,
So wählt ich stets im Korn das Blaugezack,
Und was mir in den Kindertagen glückte,
Dem jubel ich noch einst als greises Wrack.

Vor jeder Tugend, die die Not bezeugte
Und auch das Glück, wählt ich die Treue stets,
Und wenn ihr Blau aus reifen Feldern äugte,
Gemahnt es an die Heilkraft des Gebets.

Denn mögen Glück und Freiheit dich verlassen,
Hört doch der Herr dein Wort durch Kerkerwand,
Und kannst auch das Himmelsblau nicht fassen,
So hält es doch der Traum in seiner Hand.

Die Treue ist die fruchtbarste der Gaben,
Sie bringt die Würde, Tat und Stolz hervor,
Sie feit dich, so wie Nektar in den Waben
Beschützt ist und das Heil vom Himmelstor.

Das Blau des Himmels, das sich stets erneute,
Viel länger als ein Auge je es pries,
Das Blau des Meers, das seine reiche Beute
Bewahrt und einzig Weiser spült auf Kies.
 

 

206
Das Blau der Beere, die im Kräuticht reifte,
Die blaue Blume und dein blaues Hemd,
Das Jugendblau, das durch die Wälder schweifte,
Das blaue Licht, dafür man Felsen stemmt.

Der blaue Flachs, drin Ofterdingen ruhte,
Das Blau der Nacht, gewölbt zu stolzem Dom,
Der blaue Reiter, der mit blauem Blute
Durch Städte ritt im Untergangs-Arom.

Dein Segel ist gespannt in blaue Weiten,
Wer wahrhaft treu, den schreckt Verwandlung nicht,
Und mag dich auch das Drachenblau bestreiten,
Schützt dich dein Augenblau im Angesicht.
 

 

207


IM SPEICHER
Als Stiege dient die Leiter,
Die eine Sprosse ließ,
Doch steige hurtig weiter
Hinan ins Paradies,
Wer das Geschwätz der Schranzen
Nicht mag noch Küchenkrach,
Den grüßen Floh und Wanzen
Im Speicher unterm Dach.

Zwar ist verpönt die Kerze,
Der Leser nutzt sie doch,
Er dichtet in der Schwärze
Und lugt durchs Eulenloch,
Er läßt den Wind berichten
Und Tropfen, hart im Fach,
Und langweilt sich mitnichten
Im Speicher unterm Dach.

Wer reinen Herzens rastet,
Dem ist im Schlichten gut,
Der schlemmt auch wenn er fastet
Und singt mit hohem Mut,
Wo Eifer, Zank und Fehde,
Den Bürger hält in Schach,
Da reimt sich Sinn und Rede
Im Speicher unterm Dach.
 

 

208
Hier läßt sich manches finden,
Vielleicht ein altes Schwert,
Was störte in den Spinden,
Ist nun der Ansicht wert,
Wer gräbt in solchen Tiefen,
Ruft manch Geheimnis wach,
Und auch ein Horn zum Hiefen
Im Speicher unterm Dach.

Der Ton aus andern Altern,
Die wir erinnern kaum,
Auf Aun, besät mit Faltern,
Entführt den Bläsers Traum,
Wo Honig, Milch und Butter
Nicht kennen Weh und Ach,
Daß wie der Schoß der Mutter
Der Speicher unterm Dach.
 

 

209


DAS HAUS DES TRAUMS
I

Das Haus des Traums hat eine große Diele,
Und mancher trabt zu Pferde hier herein,
Und gibt es der Gemächer hier auch viele,
Die meisten möchten nicht in Kammern sein.

Hier prunkt vor dem Intimen das Gemeine,
Wo nie das Feuer lischt, die Klampfe schweigt,
Hier ist die Stiege kurz zum Hort der Weine,
Dem Bild der Toten, wer hier kommt, sich neigt.

Hier sind der Mut, der Rausch und die Geschichte
Nicht vor dem Sturm und Fluten eingedeicht,
Hier finden sich die Stände im Gedichte,
Das in den Himmel und ins Grauen reicht.

Und manche derbe Rede darf hier unken,
Sich mischen einem Bart im Glast des Schaums,
Und wers nicht weiß, dem sei gesagt, nur trunken
Findst du den Pfad hinein ins Haus des Traums.
 

 

210
II

Das Haus des Traums ist kein fragiler Leuchter
Aus Seide, Pergament und vielen Spiegeln,
Es zeigt sich derb und nach dem Regen feuchter,
Und lobt den Backstein vor den Klinkerziegeln.

Hier gleißt kein Marmor, drüber Nymphen huschen,
Arachne stört kein Besenschwung beim Weben,
Die Erde selbst darf Übelkeit vertuschen,
Hier ist zuhaus, was heimisch ist im Leben.

Die Derbheit aber ist nicht ohne Flitter,
Die Ampeln passen zwar nicht recht zusammen,
Sie duften nach dem Brand und Kriegsgewitter
Der Burgen, die sie sahn mit allen Schrammen.

Was hier sich anhäuft, will und muß erzählen,
Wem solche Kunde schwerfällt zu ertragen,
Der soll sich eine andere Bleibe wählen
Und niemals in das Haus des Traums sich wagen.
 

 

211
III

Das Haus des Traums kann niemand mehr erbauen,
Und stünds nicht längst, wär alle Welt verlorn,
In einer Zeit, wo solches nicht zu schauen,
Bliebst besser du für immer ungeborn.

Es ist begabt mit sicherem Instinkte,
Wer hier hereindarf und wer draußen bleibt,
Dies heißt nicht, daß dem Unflat Ausschluß winkte,
Weil seine Ordnung streng nicht kleinlich schreibt.

Wer reinwill, ist längst drin, und wems ein Schrecken,
Den führn hinein nicht Los noch Mißgeschick,
Es zinst der Steuer nicht noch andern Zwecken,
Und nie war jemand hier mit Zahlenblick.

Ihm ist die Zeit wie Wellen sind dem Schiffe,
Auch füllt sichs nicht zur Last des freien Raums,
Man faßt es nicht mit sonstigem Begriffe,
Drum spricht man einfach nur vom Haus des Traums.
 

 

212


WASCHKÜCHE
Als unser Hof den Namen noch verdiente,
Gabs einen Raum von eignem Naturell,
Ein Lob des Orts führt heute ins verminte
Gelände, drum vergiß mein Wort recht schnell.

Als ich ein Kind, gabs zwar schon die Maschine,
Doch wusch die Oma gern nach altem Brauch,
Nichts war zu groß, als daß es nicht bediene
Des breiten Kessels schaumbedeckter Bauch.

Das Feuer war zu hören, und der Nebel
In dichten Schwaden zog zur Tür hinaus,
Hier war aus Holz der Waschfrau langer Hebel,
Und sichtbar, ob der Dreck inzwischen raus.

Zum Hof, zur Leine warns nur ein paar Schritte,
Und manchmal nahm man alles wieder mit,
Das Sonnenlicht zeigt eine andre Mitte
Als jene, die mit Schaum und Wellen stritt.

Hier schimpfte keiner, wenn was überschwappte,
Und auch die Uhr war ausgesperrt vom Naß,
Die Perfektion, daß alles planbar klappte,
Besaß kein Visum hier und keinen Paß.

Die Waschfrau ward von keinem hier gepeinigt,
Sie liebte wuchtig tun und nirgends lau,
Nicht lang mehr, und der Dichter wird gesteinigt,
Wenn er erwägt, dies sei die Lust der Frau.
 

 

213
Wurd nicht gewaschen, war der Kessel offen
Wurstsuppe, wenn geschlachtet ward ein Schwein,
Auf solches Schlemmen darf man nicht mehr hoffen,
Denn heutzutag friert man die Keulen ein.

Und überhaupt die ganze Wucht und Größe
Paßt nicht mehr zur Familie, die versiegt,
Auch für die Hochzeit brauchts nicht so viel Klöße,
Weil jeder Gast auf Wunsch was andres kriegt.

Drum sollte Feuer hier nicht länger brennen,
Man riß das Monstrum weg nach kurzem Streit,
Wenn Menschen die Gemeinschaft nicht mehr kennen,
Wird wenigstens die Frau von Mühn befreit.
 

 

214


WINTERGARTEN
Tritt in diesen Wintergarten,
Der im Hof des Hauses ruht
Und mit Ampeln und Standarten
Züchtet Witz und Spielermut.
Suche ihn in allen Arten
Von Behausung, Herd und Hut,
Ob der Träumereien Sparten
Solches Heil für Milz und Blut.
Sein Gedeihen abzuwarten,
Geize nicht mit Naß und Glut,
Denn im Weichen wie im Harten
Tut er Leib und Seele gut.

Wo die Reiser sich verzweigen,
Prunkt die Blüte hell und groß,
Manche scharen sich zu Reigen,
Andre stehn allein und bloß.
Was dem Reich der Blüher eigen
Zwischen Ranke, Stiel und Moos,
Darfst du nur im Schauen schweigen,
So als teiltest du ihr Los.
Wenn sie ihren Reichtum zeigen,
Steigt dein Sinn in Traumes Floß,
Und das Maß, dem sie sich neigen,
Wird im Reim dir Takt und Stoß.
 

 

215
Was als Spiegel deiner Launen
Trumpft und stirbt und rankt und steht,
Galt als Liebestat der braunen
Erde wie ein Dankgebet.
Wenn die Halme schwankend raunen
Und dir lächeln im Gered,
Sind die Stacheln wie die Daunen
Sommers Anwalt und Prophet.
Alle lehren dich das Staunen
Wie ein Horn mit Honigmet
Und die Lüsternheit von Faunen,
Die im Jahre nicht vergeht.

Wenn die Monde dich umkreisen,
Steht der Garten souverän,
Du erinnerst dich des Weisen,
Der dir riet, ihn auszusän,
Wer sich fand in solchen Schneisen,
Brauch nicht nach dem Glück zu spähn
Und mit scharfgeschliffnem Eisen
Hang und Wiese abzumähn.
Keine Wünsche zu verreisen,
Keine Lust auf Jagdtrophän
Je entfernte ihn den Leisen,
Die des Herzens Wunden nähn.
 

 

216
Hier sind Mitgefühl und Taten
Nicht mehr von verschiednem Stand,
Haben Zauberkunst und Spaten
Nicht den andern jäh verkannt.
Die die Lebenskraft verraten
Fenstern, Säulen, Tür und Wand,
Bilden Gilden, Stämme, Staaten,
Drin dein Aug sich wiederfand.
Und du gibst im Amt des Paten,
Unberührt von Menschentand,
Alles was sie still erbaten,
Bis es kehrt in deine Hand.
 

 

217


SPEISEKAMMER
Großstadtleben ist ein Jammer,
Hier gibts keine Speisekammer,
Nicht im Rauchfang Wurst und Speck,
Wo du plünderst jung und keck.

Großstadtmenschen schmerzt der Dämmer,
Hier gibts keine weißen Lämmer,
Keinen Hahn auf schwarzem Mist,
Der dir sagt, wie früh du bist.

Großstadtjahre werden teuer,
Gold gibst du für Ofenfeuer,
Wer nichts hat, schläft nicht im Stall,
Sondern eisig fremd im All.

Großstadtwünsche sind voll Frevel,
Daß dich nicht mehr stör der Schwefel,
Schuf der Teufel Markt und Bar,
Wo einst Heu und Kornfeld war.

Großstadtschmerzen hatt ich lange,
Doch mir ist im Herz nicht bange,
Denn ich fand den besten Reim:
Speisekammer, ich komm heim.
 

 

218


AM ABGRUND
Er hat die Höhe mühelos erklommen,
Dies ist ein Ort, wo niemand unkt und stört,
Man fühlt sich vom All-Einen angenommen,
Wenn man nicht mehr der Kleinlichkeit gehört.

Nur etwas Mut, ein Schwindel läßt ihn halten
Erinnerung treibt aus der Seele her
Mit manchem Bild, den Willen zu erkalten,
Und endlich wird, was leicht erschienen, schwer.

Die Liebe hat gelogen, weiterleben
Heißt unterschreiben des Gehörnten Los,
Dem neuen Tag ein neues Trugbild geben,
Vergessen, was so einzig schien und groß.

Alltäglichkeit – dies ist ein herzlos Wesen,
Die Linderung der Zeit ein schlechter Scherz,
Wer fühlt, der will vom Bluten nicht genesen,
Wer jemals liebte, liebt auch seinen Schmerz.

Wie soll man, vom Betrug gepeinigt, leben?
Allein, die Pfade, die das Leben führt,
Und Schätze, die erst späte Jahre heben,
Sind unserm Aug mit festem Band verschnürt.

Und manches, was uns Unheil dünkt und Schrecken,
Erweist sich später als das rechte Tor
Zu höhern Glücken oder höhern Zwecken,
Wenn unser Blick die Ungeduld verlor.
 

 

219
Er wankt zurück und schreibt in seiner Beichte,
Daß mutlos er, jedoch das Herz so wund,
Was er zu tun bereit, doch nicht erreichte,
Macht er gereimt den Dichterfreunden kund.

Die sprechen gern von Metren und Gedanken,
Doch über allem Trost steh Lebensmut:
Das Leben läßt uns zweifeln, straucheln, wanken,
Doch was es schenkt, macht alle Schande gut.
 

 

220


SCHWARZ
Schwärze, kaltes Un und Ur,
Unbesternte Himmelsflur,
Allem früher, allem vor,
Immer Anfang, Eingang, Tor.

Schwarze Tat und schwarzes Blut,
Dunklem Lehm entkeimt das Gut,
Aus der Finsternis der Nacht
Ist noch jeder Tag erwacht.

Frage sei bei Schwarz-Magie,
Ob aus dir die Ohnmacht schrie,
Oder ob in Adern Golds,
Treibst du Schacht und Stollenholz.

Schwarzes Wort und schwarzer Scherz,
Ob Verstand spricht oder Herz,
Macht die Kunde schwer und leicht,
Daß sie tänzelt oder schleicht.

Schwarzes Kleid und schwarzer Flor,
Schwarzgebälk und lichter Chor,
Wo die Engel preisend gehn,
Darfst du einen stürzen sehn.

Flammenhaar und Lichtgestalt,
Jüngstes ist Äonen-alt,
Eh es in die Schwärze taucht,
Ist der Groll des Lichts verraucht.
 

 

221
Doch der Welten Zwienatur
Lehrt, daß eins des andern Uhr,
Und daß eins des anderen Pfad,
Jedem Leiden fügt sich Tat.

Darum nutz die schwarze Tracht,
Die ein Brauch dir zugedacht,
Daß die Orchidee des Glücks
Götter überrasch am Styx.
 

 

222


WELTWITZER WEG
Ach, sag mir nur, wo Weltwitz liegt,
Es ward mir zwar ein Weg genannt,
Doch wer ihn fährt, weiß wohl, es siegt,
Die Müdigkeit im weiten Land.

Ich hab auf diesen Weg gebaut
Mein Heil und meinen Lebensherbst,
Doch hast du, Herr, mir nicht vertraut,
Wie du die Wolken jagst und färbst.

Es sei ein Witz der Welt verwebt,
So raunt uns manches Pergament,
Ich frug den Wind, der westher fegt,
Ich glaub, daß er ihn selbst nicht kennt.

Ich hab dem Ost mein Leid geklagt,
Im Süden Licht und List erhofft,
Ich glaub, wer solche Weisheit wagt,
Spricht elbisch und auch dies nicht oft.

Einst sprech ich gar den Sensenmann
Und seinen harten Marschbefehl
Ganz dreist auf dieses Rätsel an
Und schweig nicht mal am Hof der Hel.

Kein Amt und keiner Bürgen Neid
Sei Mauer mir und Hypothek,
Ich bleibe stündlich marschbereit
Nach Weltwitz auf dem schlanken Weg.
 

 

223


HEIMAT
I

Nach Hause werd ich gehn zum Abendmahle,
So spricht das Buch, das ich als Kind geliebt,
Ich hab manch tausend Pfunde Sand gesiebt,
Doch blieb kein goldnes Korn in meiner Schale.

Vom Hügel, da ihr einst mein Heil vertriebt,
Seid, Schergen ihr, verstreut in sanfte Tale,
Ich hege keinen Groll, den ich euch zahle,
Denn ich gehör dem Herrn, der uns vergibt.

Doch reicht es nicht, daß ihr die Hoheitsmale
Am First getilgt, den Wall zur Seite schiebt,
Ein Leuchten losch und labt nicht mehr am Grale.

Und Aladin vermißt, wo Sperling fiept
Und fruchtbar rauscht vom Fichtel her die Saale,
Die Lampe, die ihr ihm zu Tode riebt.
 

 

224


II

Die Heimat ist ein Reich, das nichts erstreitet,
Allein der Engel kann mich dorthin führn,
Ich meinte seine Flügel oft zu spürn,
Doch wars ein Knecht, der bloß vorüberschreitet.

Ich machte hoch die Tore und die Türn,
Ich hab den Sternen mein Gewand gebreitet,
Doch hat mich stets in fremdes Land geleitet
Mein Feilschen um die Maut und Zollgebührn.

Längst gab man mir Befehl, mich frei zu rührn,
Jedoch kein Weiser Fuß und Fahrt begleitet,
Und keiner rief, daß ihn die Freien kürn.

Wie Kirke dem Odyß die Fahrt bestreitet,
So sorgte ein Gespinst von Femeschwürn,
Daß mir das Herz zur Heimkunft nicht bereitet.
 

 

225


III

Heim werd ich kommen in der Morgenstunde,
Noch eh der Tau sich senkt auf Gras und Blatt,
Das Buch der Reise schlummert prall und satt,
Ich sitz am Bach und lausche seiner Kunde.

Ich glaub, daß er viel mehr zu sagen hat
Als die Magnaten und das Moribunde,
Die Quelle hat recht viel von einer Wunde,
Die Ringelnatter zeigt sich flink und glatt.

Er führt ein Zauberwort im Silbermunde,
Wir spielten gern und fanden meistens Patt,
Und ich verdanke ihm die frühen Funde.

Für Fremde spricht er schwer verständlich platt,
Jedoch ich reim mit ihm, bis mich die Hunde
Zum Mahle rufen in die Heimatstadt.
 

 

226


MEIN ENGEL
I

Mein Engel hat nicht Schwanenkleid noch Feuer,
Nicht Waffen sind die Zeichen seiner Macht,
Doch was sein unverhofftes Nahn gebracht,
Das fänd ich nicht in ferner Zeit noch heuer.

Ihn ziert kein Sternenkranz noch fremde Pracht,
Verborgen bleiben guter Wind und Steuer,
Doch führt er flink, und das Erreichen neuer
Gestade wird mir leicht in seiner Acht.

Was er berührt, steht segensreich und teuer
In meinem Sinn und leuchtet in der Nacht,
Daß niemand Weiser bräun, noch Weine säuer.

Wer solch Geleit und solche Gnaden-Pacht
Erfahren darf in Hof und Stall und Scheuer,
Der spürt das Heil und daß ein Engel wacht.
 

 

227


II

Mein Engel ist in einer Nacht erschienen,
Die mich in Jahren band in ein Exil,
Erst schien mir die Gestalt zu Lust und Spiel,
Und später erst zu Spruch und Lied zu dienen.

Doch ward mir auch in Reim und Andacht viel
Geschenkt, so waren Hymnen und Terzinen
Der Nektar nur, den seine Honigbienen
Kredenzten wie den Tau von Selsebil.

Als ich nicht mehr von Schwänen und Delphinen
Erborgte Flamme, Botschaft, Kunst und Stil
Und nicht mehr sang in meinen Jugendspleenen,

Erwachte mir ein reifres Glaubenziel,
Und Freude brach wie schmetternde Lawinen
In meiner Klause mürben Federkiel.
 

 

228


III

Mein Engel führte mich zurück zum Glauben
Der Väter, deren Tag und Jahreskreis
Und deren Müh und Wollen Spur und Gleis
In Formen fand, die Freiheit erst erlauben.

Und was sich bot dem Forschenden zu Sais
Warn nicht mehr Mumien, die im Wind zerstauben,
Noch Rösser, die im Nebelmorgen schnauben,
Und auch kein Fels, bedeckt von Gipfeleis.

Auch nicht die Feen, die mit Burgunderhauben
Sich schmücken, Schleiern, violett und weiß,
Normannen nicht, die waffenklirrend rauben.

Nicht Palmbaum, Adler, Schlange, Wolf und Geiß,
Nicht Apfel noch des Weinstocks rote Trauben
Es war des Priesterstabs ergrüntes Reis.
 

 

229


IV

Mein Engel hat die große Kehr vollzogen,
Und wo er horstet, dämmert Ostertag,
Was immer einer münz und einer wag,
Es wird mit seiner Heiterkeit gewogen.

Dies ist kein Maskenball, kein Gastgelag,
Ob wer sich salb und hüll in Purpurtogen,
Ob seine Köchin nähm vom Stör den Rogen,
Gilt ihm wie Spatzenbalz und Froschgequak.

Sein Wappen ist der weite Regenbogen,
Und seine Botschaft heischt allein Geklag
Den Parasiten und den Demagogen.

Drum bin ich still in seiner Hut und frag
Nicht, ob ein weitrer Bote käm geflogen
Und ob mich sonstwer führ und herzlich mag.
 

 

230


VOLKSFEST IN TRAUNSTEIN
Die Häuser sind beflaggt, geputzt
Sind Gehsteig, Platz und Rinne,
Und wer die Stadt spazierend nutzt,
Hat sorgfältig sein Haar gestutzt
Am Kragen und am Kinne.

Heraus in diesen Maientag
In Dirndl, Tracht und Leder!
Wer wie Marie sein Madel mag,
Der trage sonder Not und Klag
Am Hut die Pfauenfeder.

Das Marterl kränzen Kerzen licht,
Die tags und nächtens brennen,
Des Brauers Mähre weiß die Pflicht,
Und trabt mit manchem Faßgewicht
Zum Markt, den alle kennen.

Dort bläst der Lehrer die Posaun,
Der Drucker streicht die Geige,
Die Pauke schlagen Bäckersfraun,
Die frisch wie warme Brezen schaun,
Der Ausschank ist nicht feige.

Das Volksfest Frau und Mannsbild schart
Zu ungeübten Chören,
Das Bier bringt frohen Lärm in Fahrt,
Doch wer hier nicht geboren ward,
Wird nie dazugehören.
 

 

231
Ob du auch glänzt im Hahnenfett,
Der Durst den Maßkrug leere,
Daß jedes Mäkeln und Gefrett
Du meidest, macht den Gram nicht wett,
Der nicht gereicht zur Ehre.

Dein Herz ist schwer im frohen Tag,
Es meint, du darfst nicht feiern,
Als rief ein Horn aus nahem Hag,
Will dir dein Fuß, der wandern mag,
Das Aug mit Dunst verschleiern.

Zwei Dutzend Jahre rannen hin,
Seit du ins Land gekommen,
Es geizte nicht mit Grund und Sinn
Und machte Aussicht auf Gewinn,
Den dir die Zeit genommen.

Zwar liegt der Ort, wo jeder tanzt,
Gar lieblich lind im Tale,
Doch deckt der Himmel Berg-befranst
Nicht, daß du einzig lieben kannst
Im Burgenland der Saale.

So sei das nächste Maienfest
Für dich in Orlamünde,
Auch wenn dich mancher Herbst betreßt,
Der lenzne Ost wie grimmer West
Von deiner Heimkehr künde.
 

 

232


BABYLON DES WORTS
Meint eine Lehre, das Wort sei die Fessel des Geistes,
Weil es die Fülle in eigenen Maßen vermummt
Und in Verwandtschaft vernebelt und tötet, so heißt es
Hier, daß das Reimwort als letzter der Laute verstummt.

Wer sich dem Wort überläßt und den lauteren Klängen,
Die es in Beugung, Verdichtung und Kehre ersinnt,
Findet im Lied, das ihn anspricht auf einsamen Gängen
Adel und Anmut, Gespiele und reiches Gesind.

Aber das Wort ist nicht frei vor den Rufen der Greife,
Wogen des Korns und von Klage im finsteren Moor,
Seiner Bedeutung, Gesellung, Erweckung und Reife,
Ist stets das Land, da die Mutter dich koste, zuvor.

Irrst du dem Heimatlaut fern in gestalteten Gärten,
Auen, die du nicht als kindlich Gefeiter durchkämmt,
Wirst du am Ende vermissen das Heimatvertrauen,
Bleiben dir Weiser, Gefährten und Heimlichkeit fremd.

Ob du von Mauern umgeben, von Türmen, von Bergen,
Einzig ist jegliche Warte und jegliche Klamm,
Daß dir die Furt ihren Führer, die Flut ihren Fergen
Rate, erhoff, wo Geburt dir vererbte den Hamm.

Babylon steht für den Turm, der die Sprachen zerstreute,
Aber zerstreut ist ein jeder, der fern ist dem Quell,
Einzig der Bach, der dich erstmals mit Kühle erfreute,
Weiß dieses Wort und bedeutet es silbern und hell.
 

 

233
Daß du dich nährest vom Blut, das die Väter dir gaben,
Mythen und Mären und Sagen von Tagen so froh,
Darf nicht die einzige Kost sein, das Herz zu erlaben,
Ohne das Licht bleibt es ungestalt, blutig und roh.

Erst wenn Erinnerung wecken die summenden Bienen,
Wenn du im Wein deine eigene Lehmkrume schmeckst,
Darf dich der Glaube und seine Geschichte bedienen,
Wo du dich selber im Heile der Schöpfung entdeckst.

Dies ist die Taufe am unvermischt frühesten Borne,
Wo sich im Wasser der Geist und die Erde berührn
Und dir ein Engel den Psalm mit verwittertem Horne
Hieft, um dich fürder durch eigene Reiche zu führn.

So ist das Wunder gerückt aus den schütteren Schriften
In das Lebendige, das in dir tastet und schmeckt,
Also ist nicht mehr zu scheiden in Weiden und Triften,
Was dir das Aug in den Auen der Heimat entdeckt.
 

 

234


QUIRINAL
Der Hügel Roms, da einst nach einer Sage
Sabiner wohnt im Doppelkönigtum,
Drin Titus Tatius, Romulus in Waage,
Begründete des großen Reiches Ruhm.

Ein umbrisch Volk und Reich mit Metropolen,
Amiternum, Reate, Nursia hehr,
Und da die Römer manches Weib gestohlen,
Fortlebten sie im Reich am Mittelmeer.

Nur in der Kunst und in den deutschen Namen,
Lebt fort ihr früher Himmel und ihr Traum,
Die Erben Roms, gereift aus diesem Samen,
Erinnert heut der Hügel an den Flaum.
 

 

235


URUK
Uralter Himmel, schöpfungsfrüh,
Der noch in kargen Resten zeigt,
Daß jung im Paradiesgeblüh
Der Mensch die höchsten Leitern steigt,
Daß einst er glich des Gottes Bild,
Von dem der späte Sänger träumt,
Daß alles Maß, das wahrhaft gilt,
Den Fluten des Euphrat entschäumt.

Im Kalksteinbau, im Zikkurat
Stehn Großskulptur und Mosaik,
Sie hegen Kult und Hochzeitspfad
Vom Ewigkeit und Augenblick,
Daß Heil die Augen führ und treff,
Bezweifle nicht an diesem Ort,
Ein Reichtum grüßt aus dem Relief,
Der holder ist als jedes Wort.

Rollsiegel, vom Onyx gekrönt,
Zeigt Gilgamesch und Enkidu,
Die unerreichte Kunst verschönt
Der Seele Glück im holden Du,
Die Helden, tragisch, groß und wild
In Leidenschaft, in Lust und Schmerz,
Verraten uns, was dauernd gilt
Im Himmel und im Menschenherz.
 

 

236
Was in den Ton gegraben steht,
Hat früh dein junges Blut entflammt,
Denn was der Herbstwind nicht verweht,
Aus diesem Liebes-Loblied stammt,
Hegt deine Dichtung nur ein Gran
Von diesem Hort, gilt beim Gericht
Ihr Bluten vor dem Scribblerwahn
Und zeigt dem Wäger ein Gewicht.

Die Siedlung gründet Enmerkar,
Sein Vater schwand auf hoher See,
So stehn am Anfang Flucht und Fahr,
Die Wunde und das Schöpfungsweh,
Das Opfer bleibt Millennien hier,
Bis sich die Rasse falb verbraucht,
Der heitre Bund von Gott und Tier
In Schlämme des Euphrates taucht.

So bleibt uns die Sumererstadt
Das goldne Alter vor dem Fall,
Wer einen kurzen Atem hat,
Besinge nicht den stolzen Wall,
Wir hoffen nicht, daß solches kehr,
Wir stehn umspukt im Nebelland,
Doch unser Traum ruft Uruk-her
Und kennt nicht Schlamm noch Wüstensand.
 

 

237


KONJUNKTIV
Tüftelei und feines Wägen –
Paradoxes nicht gespart!
Statt Geraden nutz die Schrägen,
Jeder Umweg ist apart!
Konjunktive als Methode,
Wo was klar, verrat nicht was!
Wasch mich doch, so spricht die Mode,
Aber mach die Haut nicht naß!

Solche Sätze zu verschachteln,
Jede Lücke räumt was ein,
Sagt euch, auch das Ei der Wachteln
Könnte eins vom Schwane sein,
Ein Schritt vor und zwei zurücke,
Mancher nennt es Katz und Maus,
Eine Regenbogenbrücke
Schlug schon Wotan in sein Haus.

Laß dich nicht zum Eid verleiten,
Daß was stehe oder nicht!
Denn wer weiß – was noch für Zeiten
Trüben unser Angesicht?
Konjunktive als Verhüter
Oder gar als Feigenblatt,
Bleiben doch die höchsten Güter,
Welche unsre Bildung hat.
 

 

238


SÜNDENPFUHL
Wie der Heiland ward im Stall,
Scheint es mir kein seltner Fall,
Daß dem Trog, drin Unrat flammt,
Auch das reinste Licht entstammt.

Wer die Sünde schilt und haßt,
Oft den höchsten Wink verpaßt,
Wenn im Haus des Lasters weilt
Eine Hand, die hegt und heilt.

Nie ein Selbstgerechter fand
Jemals das gelobte Land,
Sondern wer im Herz die Glut
Paart mit Offenheit und Mut.

Selig ist, was auch geschah,
Wem der Herr beständig da,
Wer gepriesen und gekränkt
Weiß, daß ihn der Himmel lenkt.

Drum das Herz vor Hochmut hüt,
Treibts die Gier auch arg und rüd,
Denn verborgen bleibt dem Wahn,
Was da geht nach Gottes Plan.
 

 

239


QULHA
In einer Kirche jüngst in Van
Fand man die Stele neu verbaut,
Die ohne Wo und ohne Wann
Das seltsam dunkle Wort vertraut.
Ein Feldherr sagt, daß er die Stadt
Hab ausgelöscht mit Weib und Kind,
Doch wo er so gewütet hat,
Das weiß allein der Wüstenwind.

Ein Forscher meint, dies sei die Stadt,
Wo Jason nahm das goldne Vlies,
Doch kaumwer beigepflichtet hat,
Daß so die Stadt Medeas hieß,
Drum denke: nicht der stumpfe Stein
Ist letztes wenn die Blüte fällt,
Zuletzt fällt auch die Ordnung ein,
Die einem Wort den Sinn erhält.

Dann läßt das Wissen den Bezug,
Und allen Zaum der Phantasie,
Daß Lethe die Geschlagne trug
Vom Nimmermehr gerad ins Nie.
Dies ist vielleicht die beste Ruh,
Denn wo kein Grab vergangen macht,
Kann sich getrost der Zukunft Schuh
Bewegen, weil ja keiner lacht.
 

 

240


ALTER
Wer jung ist, meint, im Alter schwell
Das Herzblut still und selbstbefaßt,
Doch auch im Alter juckt das Fell,
Wenn auch nicht mit derselben Hast.

Was in uns träumt, berückt uns nun
Viel farbenreicher ausgeschmückt,
Wir haben viel viel mehr zu tun,
Weil immer mal ein Anfang glückt.

Wir sind dem Tod viel ferner heut,
Wo Jugend weiß den Lebensgrund,
Die Langeweil ist was für Leut,
Die wiederkäun, was ungesund.

Wer sich zerstreut, vergreiset rasch
Im Leib, doch ärger noch im Geist,
Wer sorgt, daß er vom Himmel nasch,
Noch vor dem Grab das Kind beweist.
 

 

241


KUNST ALS LOBPREIS
                           Für Anton Rückel

Die Werke, die moderne Kirchen schmücken,
Entspringen Theoremen Intellekts,
Und nicht mit Christus wollen sie beglücken,
Ihr Manifest, nach Selbstbespieglung schmeckts.

Die Kirche sollte besser sie verbannen,
Denn Schönheit kann nicht ohne Wahrheit sein,
Was die Narzisse ohne Gott ersannen,
Ist wie ein Kelch, der nie empfängt den Wein.

Ganz anders Anton Rückel sie gestaltet,
Ein Meister und den Schmieden Kürassier,
Er trägt die Botschaft, die uns nie veraltet,
In Stolz und Demut immer im Panier.

Er wagt die keinen Dinge und Titanen,
Kein Perlenspiel und kein profaner Geist
Darf trüben sein Verherrlichen und Mahnen,
Das tröstet und den Mensch ins Zentrum weist.

Nicht scheut er den Vergleich zu alten Meistern,
Wie andere mit Technik und Sujet,
Drum darf sein Werk die Gläubigen begeistern,
Und es wird dauern, weil es gilt seit je.
 

 

242


BROT
Du schmiegsam holder Flaum in fester Kruste,
Erlöser für des Hungers grimme Pein,
Wenn du mir frommst mit Aufstrich und allein,
Schau ich die Ähren golden im Auguste.

Manch Gaumen dünkt sich deinem Reiz zu fein,
Er meint, daß er bei schlichter Nahrung huste,
Der Luxus ist sein Teil und als Verluste
Betrachtet er Gewöhnliches im Schrein.

Daß dieses Gut den Weltlauf beeinflußte,
Das leuchtet selbst dem größten Narren ein,
Der nie sich sorgen oder darben mußte.

Es gilt als Sakrament im Bund mit Wein,
Und wie es sich vermehrt durch das Bewußte,
Kann jeder Laib das Brot der Engel sein.
 

 

243


AUF ARNSHAUGK
Wo Schiefer sich und Lieblichkeit berühren,
Wo mädchenhaft die Saale sich im Knie
Verspielt, und Pfade über Brücken führen,
Die noch der Ritter Hufgetrappel spüren,
Und Burgen schroffen Fels zur Herrschaft küren,
Erneut sich stets die traute Melodie.

Kein Ruf, kein Wahn soll dich der Mitte scheiden
Und dem Geschlecht, dem alles frommt und paßt,
Das reicher noch als Wenden oder Heiden
Mit Ruhm und Glanz in Waffen und Geschmeiden
Den Orlagau mit Burgen, Dörfern, Weiden
Von Auma bis nach Lobdaburg umfaßt.

Und hast du auch zuerst in Orla-Auen
Der Welt geblinzelt mit verhangnem Aug,
Traf doch der Aar mit seinen scharfen Klauen
Am Grat das Kind, von diesem Ort zu schauen,
Und du bestehst ihn, da mit Gottvertrauen
Dich taufte eine Kirche auf Arnshaugk.

So soll es sein, so wird es immer bleiben:
Du trittst in manchen Kreis, in manches Feld,
Wirst dich in manche ferne Gilde schreiben,
Manch fremdes Spiel mit Leidenschaft betreiben
Und dich in Fehden anderer Mächte reiben,
Doch von Arnshaugk schaust du auf alle Welt.
 

 

244
Hier bleibt ein Platz der Tafelrunde offen,
Der dir gehört, den niemand je besetzt,
Auch wenn die Zeichen sich im Wind entstoffen,
Und keiner davon weiß, den du getroffen,
Dein Herz bleibt eins mit diesem Ort im Hoffen,
Daß du es hörst und wiederkehrst zuletzt.

Du hast dich wie der Aar zum Flug erhoben
Und blicktest scharf, ob dir ein Weiser taug,
Du hülltest dich in Rüstungen und Roben,
Du suchtest allenorts Bewährungsproben
Und weit im Land wirst du dein Herz verloben,
Doch Hochzeit hältst du einzig auf Arnshaugk.

Hier kann die Liebe sich zum Heil entfalten,
Hier wächst der Wind, der helles Segel bläht,
Hier können Lust und Anmut nicht erkalten,
Weil Stern und Erde Mut und Glück erhalten
Und Eide, die durch das Jahrtausend galten,
Am Quell, der dir die frohe Weisheit rät.

Dein Reim wird nicht mehr nach den Bildern suchen,
Weil Stoff und Sage hell und offenbar,
Du hörst die Lieder im Gerausch der Buchen,
Bedauerst tief die Großstadt, wo Eunuchen
Um Nichtigkeiten forschen, flirten, fluchen,
Und Lindenkronen gleicht dein blondes Haar.

Ein eignes Reich setzt du dem Markt entgegen,
Daß seine Gier dir nicht das Blut entsaug,
Du darfst dich frei auf seinem Feld bewegen,
 

 

245
Die Zeichen streun und auch zusammenfegen,
Wenn seine Diener Splitter bloß verlegen
Von dem, was fest zusammenfaßt Arnshaugk.

So mögen Jahre grüßen dich mit Schrecken,
Wo finster rüstet sich des Menschen Feind,
Doch wird der Herr dir manche Wehr entdecken,
Und tobt die Hölle wider deinen Flecken,
Wird selbst dein Weib die Knechte niederstrecken,
Daß ihnen das Gericht gekommen scheint.

Wo viel Gefahr, da ist auch Zeit zu feiern,
Im Ernteglück, in Osterwunders Fest,
Wenn du mit Störchen oder Silberreihern
Im Ried dich tummelst, wenn mit anderen Meiern
Du Felle tauschst mit Honig und mit Eiern,
Und wenn die Amsel singt im Tanngeäst.

So ein in dir, was Horst und Hang bedeuten,
Die Sole aus den Schieferklüften laug,
Da lieg nicht faul und feist auf Bärenhäuten,
Denn wird die Erde deinen Leib erbeuten,
So schallt, umwogt vom Kirchenglockenläuten,
Ein lutherisches Trutzlied auf Arnshaugk.
 

 

246


ZUR WEIHNACHT
I
Meinem Vater

Als das deutsche Heer geschlagen,
Nahm der Feind dir Heimatgau,
Mühsam hat das Los getragen
Einst der Treck im Morgengrau.

Wo man arm im Burgenlande
Haust und Barbarossa träumt,
Kam ein neues Heim zustande,
Ward der Schutt beiseit geräumt.

Haus und Hof gab dir die Höhe,
Wo die Herren von Arnshaugk
Einst getrutzet Sturm und Böe
Weiter als erkennt das Aug.

Deine Söhne wuchsen prächtig,
Doch kein Enkelsegen schreit
Froh im Haus, wo übernächtig
Ringt dein Erb im Wahn der Zeit.

Wie in Klöstern einst und Klausen
Wächst zu Spruch und Lied ein Geist,
Der ein Volk in Putz und Flausen
Heim in seine Tiefen weist.
 

 

247
Darum sollst du nicht verzagen,
Wenn das Blut nicht weiter trägt,
Es entwächst sich Erdentagen,
Wer die Runen reimt und wägt.

Ob Gedichte was bewegen?
Mancher hälts für Glitzertand,
Doch der Ruf nach Gottes Segen
Fehlt uns arg in diesem Land.

Was die Sprache gab dem Sohne,
Opfert er des Reichs Passion,
Und das Wort vom Gotteslohne
Wechselt mählich Sinn und Ton.
 

 

248
II
Meiner Mutter

Mutter, deine blonden Haare
Lehrten Stolz den Bubenmund,
Wie den Fraun der dreißger Jahre,
Lag der Anmut Kraft zugrund.

Eh er rechnen konnt und lesen,
Wußte er sich ausgewählt,
Denn ein gottgesandtes Wesen
Hat von Grimm die Märn erzählt.

Wie von Engelshand geleitet,
Schritt er durch die Menge hin,
Wo die Mutterhand gebreitet,
Wachsen Segen, Sohn und Sinn.

Nur das Übermaß an Liebe
Gab ihm Glauben, Wissen, Mut,
Wer die Macht verlacht und Hiebe,
Weiß, daß Mutter wacht und tut.

Reime, die sie einst gesungen,
Wurden Kraft und ein Orkan,
Daß vom Christentum durchdrungen,
Dichtung bannt den Teufelswahn.
 

 

249
Parodien von Heil und Gnade
Sanken, doch die Macht des Gelds
Macht die Dinge zur Fassade
Und versuchts mit Gottes Fels.

Zwar ein schlichtres Glück erbeten,
Haben Demut und Verstand,
Doch es taugt zu Exegeten
Nicht, wer spürt die Schöpferhand.

Also muß dein Sohn dem Bösen
Nachstelln mit dem Tintenfaß,
Denn der Herr wird uns erlösen,
Wenn entlarvt sind Neid und Haß.
 

 

250
III
Meinem Bruder

Ob sie ähnlich, ob verschieden,
Streitet mancher hie und da,
Was sie wählten, was sie mieden,
Stets derselbe Himmel sah.

Daß Geschwister meistens streiten,
Ist so alt wie nur die Welt,
Doch in frohn und schlimmen Zeiten
Bleibt das Los in eins gestellt.

Oft der Ältre sagt dem Jungen,
Daß er frei noch früh genug,
Was der Einsamkeit gelungen,
Scheint dem andern Selbstbetrug.

Ob sich Handwerk oder Schreibe
Feindlich sind wie Katz und Maus?
Jeder Mensch braucht seine Bleibe,
Aber groß ist Gottes Haus.

Wenn der Sturm am Dachstuhl rüttelt,
Und der Drache Feuer speit,
Wird der Staub vom Haupt geschüttelt,
Und die Brudereintracht weit.
 

 

251
Bruder sein kann eine Bürde
Sein, doch wird es ernst und arg,
Steht nichts, was man wählen würde,
Nah wie was die Mutter barg.

Was der Herr so gab und fügte,
Soll kein Teufel je berührn,
Wenn es manchmal nicht genügte,
War die Gnade doch zu spürn.

Also soll der Weihnachtsfrieden
Auch bedenken dieses Glück,
Wem ein Bruder ward beschieden,
Schaut vom Paradies ein Stück.
 

 

252
IV
Meiner Liebe

Spätling auf dem Weg zum Manne,
Grad noch recht, dem Feind zu drohn,
Träumt ein Herz im dunklen Tanne
Langer Reife Finderlohn.

Wie die Blüte harrt der Biene,
Wie der Pilger träumt das Ziel,
Daß ein Engel einst erschiene,
Wollt ein Wandrer viel zu viel.

Doch er sinkt nicht vor dem Quelle,
Denn die Hand, die Wasser reicht,
Wärmt mit Sonnenaufgangshelle,
Weil sie niemals wankt und weicht.

Wer die Liebe bei der Mutter
Reich erfuhr und dann entbehrt,
Den erkennt sie weich wie Butter
Und sie hegt, beschenkt und mehrt.

Nur von Pfleg und Müh umfriedet,
Kann der Kämpfer schaun und stehn,
Wenn das Blut im Streite siedet,
Muß die Sorg um Gnade flehn.
 

 

253
Zwiefach sind des Herrn Gebote,
Hart und weich das Münzmetall,
Und im Blauen wohnt der Rote
Milan, der umkreist das All.

Einsam schaut man im Gerichte,
Was zu leicht gewogen sei,
Doch im liebsten Angesichte
Wird der Mensch von Schulden frei.

Denn nur dieses Unverhoffte,
Das bejaht vor aller Welt,
Hebt, was die Geburt verstoffte,
Engelgleich ins Himmelszelt.
 

 

254


DER WANDERER
Weit ist er umhergekommen,
Was die Länder ihm beschieden
Auf dem Pfad, den er genommen,
Bleibt in seinem Lied verschwommen,
Ob es Krieg war oder Frieden.

Mancher Spruch hat ihn begleitet,
Und die Einsamkeit begnadet,
Ob man grüß, ob man ihm streitet,
Daß er durch die Fluren schreitet,
Wehrt nicht, daß im Teich er badet.

Eine Scheune, die im Felde
Obdach bot für kalte Nächte,
Ob da jemand gier dem Gelde
Oder Bruch dem Schulzen melde,
Rührt nur wenig seine Rechte.

Freiheit kann nur Gott gewähren,
Der für Freie Mond und Sonne,
Wandern läßt, daß sie uns nähren,
Und dem Menschen wie dem Bären
Mühsal gab und reine Wonne.

Wandern ist das Los der Dichter,
Denn im Gang der Jahreszeiten,
Wechseln Wolken, Schatten, Lichter,
Eingeprägt in die Gesichter,
Die uns durch das Leben leiten.
 

 

255
Wie die Liebe meint die Linde,
Spür die Treue in der Traube,
Salb dich mit der Ackerwinde,
Daß den Schatz dein Traumaug finde,
Und euch segne Schwert und Glaube.

Trunken sein heißt jedes Küssen,
Drum die Liebe braucht der Sänger,
Zwischen Gold und Regengüssen,
Zwischen Rast und Weitermüssen,
Wird sie holder, reifer, länger.

Hat die Hand den Reif gefunden,
Muß sich eins im andern schauen.
So im Wanderglück gebunden,
Wird derselbe Quell euch munden
Im Gebirg und in den Auen.