Uwe Lammla ·  Tannhäuserland II 

 



 
 

 



UWE LAMMLA




TANNHÄUSER
LAND
ZWEITE FOLGE














 
ARNSHAUGK

 



 









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ISBN 3-926370-50-5

© 2010 Arnshaugk Verlag
www.arnshaugk.de


Alle Rechte beim Autor
www.lammla.de

16,- EUR
 

 



INHALT

ZWISCHEN DÜNWALD UND PLEISSE
Farnroda
Legenden von Rübezahl
Schönau
Tüngeda
Hainich
Wildkatze
Grauwürger
Dasselfliege
Schillerfalter
Reitters Strunk-Saftkäfer
Pfafferode
Thomas Müntzer
Gott ist mein König
Opfermoor
Dünwald
Viola
Auf dem Eichsfeld
Werther
Immergrün
Zwischendurch
Ilfelder Klosterschule
Johannes Thal
Merwigslinde
Bielen
Heringen
Abendlicht
Goldene Aue
Auleben
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Am Kyffhäusermeer
Periodischer See
Questenberg
Tilleda
Tübkichon
Hirschzunge
Morungen
Querfurt
Ofterdingen
Pleißenland
Mutzbraten
Frauenschuh
Wespenspinne
Siebenschläfer
Brand-Knabenkraut
Nöbdenitzer Eiche
Vergißmeinnicht
Osterland
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MARONE UND MORCHEL
Im Elbenhain
Champignon
Prächtiger Saftling
Weißer Ackerling
Milchweißes Samthäubchen
Puppenkernkeule
Mehltau
Schopftintling
Riesenbovist
Parasol
Hallimasch
Blauender Kahlkopf
Märzschneckling
Kahler Krempling
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102
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106
107
108
111
112
113
 

 

Austernseitling
Frauentäubling
Marone
Pfifferling
Schönfußröhrling
Steinpilz
Stockschwämmchen
Zunderschwamm
Netzstieliger Hexenpilz
Riesenrötling
Schleiereule
Stinkmorchel
Satanspilz
Totentrompete
Wollschwamm
Ziegelroter Rißpilz
Bronzeröhrling
Flammenschweif
Eichenglucke
Eichhase
Grüner Knollenblätterpilz
Klapperschwamm
Trüffel
Kaiserling
Ölbaumpilz
Habichtspilz
Kuhmaul
Birkenpilz
Fliegenpilz
Geschmückter Gürtelfuß
Buckeltäubling
Elfenbeinröhrling
Erdritterling
Frühjahrslorchel
Grünling
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146
152
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156
157
158
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Grünspanträuschling
Edelreizker
Krause Glucke
Nebelkappe
Perlpilz
Pantherpilz
Halskrausenerdstern
Rotfüßchen
Safranschirmling
Schweinsohr
Spitzmorchel
Säufernase
Ziegenlippe
Erlengrübling
Espenrotkappe
Igelstachelbart
Runzelverpel
Erdzunge
Judasohr
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175
177
178
179
180


DAS MURMELN DER ILM
Rudolstadt
Pflanzwirbach
Teichweiden
Weitersdorf
Kochberg
Luisenturm
Talweg mit Drähten
Neckeroda
Hochdorf
An den Rasenbänken
Saalborn
Tafelbuche
185
188
190
191
192
194
196
198
200
202
203
204
 

 

Brückenlied
Balsamine
Vollersroda
Am Gehädrich
Wielandplatz
Herderkirche
Schillerhaus
Frauenplan
Sonnenblume
Das Murmeln der Ilm
Brücken-Refrain
Hetschburg
Berka
München
Tannroda
Kranichfeld
Oberschloß
Feuertanz
Dichterprofil
Musikanten
Stedten
Barchfeld
Oberfeldhöhle
Senfmüllers Lied
Ilmenit
Erdbienen
Ilmtalbrücke
Langewiesen
Perlgras
Ilmenau
Kickelhahn
Jagdhaus Gabelbach
Im Gundelachschen Haus
Schmücke
Die Spende der Blüher
205
206
208
209
210
212
214
216
218
220
225
226
227
228
229
230
231
232
234
235
239
241
242
243
246
247
249
251
253
254
257
259
260
261
263
 

 

 

 




ZWISCHEN DÜNWALD UND PLEISSE





»Ich wollte, daß der Anger sprechen sollte,
Wie der Sittich spricht im Glas,
Und mir getreulich eingestehen wollte,
Wie frohen Muth er da besaß,
Als die Herrin Blumen las
Jüngst auf ihm und ihre zarten Füße
Rührten an sein grünes Gras.«

 
HEINRICH VON MORUNGEN       

 

 

 

13
 


FARNRODA
Hier im Rennsteiglied versungen,
Standst du schon im dritten Buch,
Wer vom Geist des Lands durchdrungen,
Startet auch den Viertversuch,
Weil die Wege sich verzweigen,
Willst du diesmal anders gehn,
West und Norden fehln im Reigen,
Um die Wunder Tanns zu sehn.

Doch bevor du weiterschreitest,
Tu am Hörsel dir genug,
Daß du nicht vorübergleitest,
Sieh im Fernen stets den Trug,
Acht des Turms verlornen Posten,
Wo die Wasserburg verfalln,
Und denk niemals an die Kosten,
Geht es um den Schatz von alln.

Stillgelegt die Rühler Bimmel
Und der Bahnhof ohne Mut,
Aber drüber blaut der Himmel,
Der gewiß noch manches tut,
Du bist frei auf Schusters Rappen,
Und die Zukunft steht im Lied,
Wachsen Ritter, stehn auch Knappen,
Weil kein Glück allein geschieht.
 

 

14
 
Als der Burggraf hier noch hauste,
Wuchs im Umkreis mancher Ort,
Dann kam Wagner nach dem Fauste
Und so ging der Erdgeist fort,
Daß die Mölmer Plattenbauten
Mählich alles Leben flieht,
Sag dem letzten Argonauten,
Daß dem Frevel recht geschieht.

Deutscher Traum hat hier gehorstet,
Traum und Sage, Lied und Mär,
Wer den Hörselberg durchforstet,
Ruft wohl tausend Jahre her,
Aber Heinrich, der ein Dichter,
Blieb so jung, wie als er kam,
Weil der Spuk der tausend Lichter
Seins nicht in den Abgrund nahm.
 

 

15
 


LEGENDEN VON RÜBEZAHL
Manchen mag es arg verstören,
Daß der Schlesier Schrat und Schelm,
Ist mit Vers und Stroph zu hören,
Wo der Landgraf trägt den Helm,
Doch die Mären von dem Geiste,
Brachte einer zu Papier,
Der hier oft vorüberreiste
Und nicht Pfarrer wurde hier.

Erst hat man ihms angeboten,
Meinte dann, er ginge fehl,
Nicht nur spätre, wie die Roten
Schauten auf den Dichter scheel,
Also ist der Gnom geraten,
Kindlich ungezähmt und frei,
Und im Buch der Schelmentaten
Ist der Autor stets dabei.

Von der Frauen List und Tücke
Ist im ersten Band die Red,
Sie befehlen Wagestücke,
Töricht, wer das nicht versteht,
Also kam der Gnom zum Nicke,
Schwitzt beim Zählen Wams und Hemd,
Nur daß er nicht dorthin blicke,
Wo die Lieb geht fröhlich fremd.
 

 

16
 
Der Gehörnte läßt die Erde,
Kehrt zurück nach langen Jahrn,
Hinter einer Ziegenherde
Hört er die Gesellen fahrn,
Einer wagts den Gnom zu pönen,
Dieser sinnt, was jenen töt,
Ohne daß da Schreie tönen
Und die Gegend dann veröd.

Also seiner Larve gleichen
Und den frechsten Raub vollführn,
Dann noch das Beweisstück reichen,
Geister hindern niemals Türn,
Da hier Provision zu holen
Sind die Herrn von Hirschberg schnell,
Daß Prozeß und Haft befohlen
Und gehenkt sei der Gesell.

Nur weil seine Bibelkunde
Trostlos, kämpft der Pfaff um Zeit,
Droht mit Kirchenbann zur Stunde,
Wenn die Seel er nicht befreit,
Während übt der arme Schächer,
Irrt sein Lieb mit Reu und Gram,
Bis ihr gradenwegs der Rächer
Rübzahl in die Quere kam.

Ihrer Schönheit wohl gewogen,
Hört er sich den Kummer an,
Und erkennt, daß ungelogen
Er das ganze Leid ersann,
 

 

17
 
Er läßt sie mit Hoffnung warten
Und trägt selbst der Folgen Teil,
Und noch einmal mischt er Karten,
Daß der andre froh enteil.

Fünf Legenden stehn geschrieben
Deren zweie ich zitiert,
Wären es auch dreimal sieben,
Jeder gern die Zeit verliert,
Denn des Rübelzahls Legenden,
Sind so lebensklug und frisch,
Daß damit ein Fest zu enden
Scheint mit einem leeren Tisch.
 

 

18
 


SCHÖNAU
Schönau unterm Hörselsporne
Zeigt Besuchern manchen Fund,
Die Fossile prunken vorne
Und Gesteine ruhn im Grund.

Hörsels Fauna reiche Arten
Und spezielle Orchideen,
Auf das Aug des Kenners warten,
Der berufen, dies zu sehn.

Auch des großen Musikusses,
Der uns zeigt den Sängerstreit,
Gilt ein Teil des Überflusses,
Der die Exponate reiht.

Nicht zuletzt ist zu berichten,
Daß auch Bechsteins Märchenschatz
Einen Hintergrund zu schichten,
Nicht gescheut ward Müh und Hatz.

Da von Eisenach Minuten
Braucht der Zug in diesen Ort,
Ist dies Ziel wohl zuzumuten
Und man kommt auch rasch hier fort.
 

 

19
 


TÜNGEDA
Gehst vom Hörsel Polstern-grade
Um den Hainich anzuschaun,
Sei dir keinesfalls zu schade,
Dich nach Tüngeda zu traun.

Elfmal fünfzig Seelen hausen
Nah dem Märchenschloß mit Park,
Laß die andern Dörfer sausen
Und mach dich für dieses stark.

Schon im Jahr, da Karl der Große
Rom erneut Pippins Geschenk,
Zeigt die Urkund, daß im Moose
Nun ein Ort den Bauern lenk.

Als Papst Gregor korrigierte
Julius mit elf Tagen Sprung,
Wangenheim das Gut verzierte
Mit dem Schloß auf altem jung.

Auch erneute Bockwindmühle,
Die der Vormärz setzte drein,
Sollte auf dem nahen Bühle
Der Begehung wertvoll sein.

Jeder schätzt die Heimatkunde
Und trägt seinen Groschen bei,
Daß die Chronik als profunde
Sache wohl gesetzet sei.
 

 

20
 


HAINICH
Für Joachim Werneburg

Sprich das Wort geheimnisreich,
Vaters Vater sprach dir so,
Denn die Glut im Minneleich
Ist des Ahorns Herbstgeloh,
Esche, Linde, Elsbeerbaum,
Buche, Urahn allen Walds,
Finden hier noch Licht und Raum,
Wie die Katze Jagd und Balz.

Kronen, die kein Fürst mehr trägt,
Wiegen sich im sanften Fön,
Specht, der seine Hohle schlägt,
Leberblümchen, Tausendschön –
Hier verläuft sich jedes Kind
Träumerisch in Grün und Blau,
Wo Arachne silbern spinnt,
Glüht der Tropfen Morgentau.

Nacht verschlingt die Farbenpracht,
Nur der Pilz zeigt Schimmer Blaus
Von Uranus überdacht,
Grüßen Dachs und Fledermaus,
Wer sich in das Laubicht rollt,
Bis ihn früh das Eichhorn weckt,
Träumt von einem Schatz von Gold,
Den ein Echsentier bedeckt.
 

 

21
 
Doch wer weiter sucht und geht
Hört hier Stimmen herb und hell
Aus Geschlechtern, längst verweht,
Daß der Reim zum Chore schwell,
Fabelland wächst knapp am Weg,
Vorwelt mischt sich ins Gerausch,
Wer da durch die Buchen feg,
Still und ohne Grausen lausch.

Bist Gesell du Lerchensohn,
Wird dir klar, daß Vaters Ahn,
Senkte Stimme, Hand und Ton,
Denn du siedelst nah am Wahn,
Wer hier nicht die Losung weiß,
Flattert als Dämonenkost,
Da du sprichst vom Hainich leis,
Zeigt die Sonne sich im Ost.
 

 

22
 


WILDKATZE
Jägerin im Groß-Revier,
Sehne straff und Kralle scharf,
Glücklich, wer ein solches Tier
Noch im Hain betrachten darf.

Buschig Schwanz mit dunklem Ring
Und die Größe zeigen klar,
Daß dich nicht der Häußler fing,
Und kein Fräulein herzt das Haar.

Unzerschnittne Wälder schätzt
Totholz, Fuchs- und Dachsgehöhl,
Wer da späht und springt zuletzt,
Weich wie Sonnenblumenöl.

Reisighaufen und Gekräut
Taugen dir zu Wurf und Ruh,
Wer die Menschenhybris scheut,
Flieht auch meinem Blick im Nu.
 

 

23
 


GRAUWÜRGER
Starengroß und hakenschnäblig,
Zeichenträger in schwarz-weiß,
Herr in Sümpfen, klamm und neblig,
Steppengelb und Gletschereis.

Endlos darf dein Reich sich dehnen,
Nur die Inseln magst du nicht,
Irland, Island, Rom, Hellenen
Kommst du niemals zu Gesicht.

Posten auf der Ansitzwarte,
Der die Beute schlägt im Sturz,
Falknern die Eröffnungskarte,
Schwarz maskiert mit weißem Schurz.

Elsterle am Rain der Felder
Heißt dem Bauern harter Schrei,
Droht da Angriff, bist du Melder,
Wächter und ein Schelm dabei.

Denn du hast im Imitieren
Große Lust und auch Talent,
Daß den Ausblick nicht verlieren
Wird, wer deine Laute kennt.
 

 

24
 


DASSELFLIEGE
Flinker und gewitzter Flieger,
Der beim Eier-Abschuß lenkt,
Daß nicht eins der Larven-Krieger
Tödlich seine Mutter fängt.

Da die Maden Parasiten,
Mag sie nur der Forscher gern,
Was da Pferd und Ziege litten,
Sei der Gnade unsers Herrn.

Bräutlich nach der höchsten Höhe
Fliegend, sind sie schwer zu sehn,
Wer den Schimmel liebt und Flöhe,
Wird auch dies Geschöpf verstehn.

Hainichs Baumturm gibt profundre
Aussicht als das Krongeäst,
So den Höhenflug bewundre
Dieses Tiers beim Hochzeitsfest.
 

 

25
 


SCHILLERFALTER
Auf der Eiche ist ihm wohl,
Wies in Weimar Schiller war,
Nicht auf Kressen oder Kohl
Naschen Jünger dieser Schar.

Ihrem blauen Leuchthabit,
Dem Diskalband, dem Geflock
Weiß gestreut im feschen Schnitt,
Und orangem Aug am Rock,

Muß die Nahrung seltsam sein,
Denn er mag da Kot und Aas,
Schweiß und Tränen im Verein
Er selbst Mineralöl fraß.

Soll des Teufels Teer und Ruß
Uns beschwern mit holdem Traum?
Daß sie in Verwesung fuß,
Denkst auch bei der Seeros kaum.

Also hat die Welt gemacht,
Der nicht Nacht und Dunkel scheut,
Und eh Tod dein Herz bedacht,
Sich das Aug im Sumpfe freut.
 

 

26
 


REITTERS STRUNK-SAFTKÄFER
Seltner Ritter Urwald-her,
Der sich labt im faulen Strunk,
Der im Holz, von Sommern schwer,
Eiweiß fand und Lebens-Trunk.

Kauer, drin die Kiefer spricht,
Sendling einer Groß-Armee,
Die in allen Landen ficht,
Die nicht deckt die Weltensee.

Übers Drittel der Million
Zahl der Käferarten reicht,
Daß es Sammlern trefflich lohn,
Weil man nie das Ziel erreicht.

Denn in jedem Pillendreh
Formt sich die Magie des Dung,
Daß ein Zirperleib entsteh
Bis zur Götterdämmerung.

Jedem frommt da Eigenheit,
Daß das Reich fast alles nähr,
Drum sieh im Elytren-Kleid
Der Unsterblichkeit Gewähr.
 

 

27
 


PFAFFERODE
Mancher suchte Freund zu reimen
Und erreimte sich den Feind,
Such nicht aus dem Kern zu keimen,
Wenn dich Hornungsfrost versteint.

Blenden dich die Eispaläste,
Träum nicht Pfirsich und Vanill!
Besser taugen morsche Äste,
Daß der Nordwind minder schrill.

Wer da siegen will, muß dauern,
Bis erschallt das Hornsignal,
Nicht den Geist an Zaun und Mauern
Schwächen mit vertaner Qual.

Einst im Tollhaus Pfafferode
Saß ich zwischen Schmerz und Zorn,
Doch es wechseln Maß und Mode
Und des Herolds Pferd und Horn.

Hätt mir einst nicht Trost gespendet,
Daß ich unter Sternen krauch,
Wüßt ich nicht, daß alles endet,
Und der größte Kerker auch.
 

 

28
 


THOMAS MÜNTZER
Thomas Müntzer hat Mühlhausen
Nicht geliebt als Stadtpatron,
Ahnherr der Parteibanausen,
Pfiff ihm nach der Gassenhohn.

Da er gram dem Eigennutze,
Was nicht paßt zum Aufschwung Ost,
Kam er mit dem Ährenputze
In die Akte Reichsbahn-Rost.

Luther ließ von ihm in Sorge,
Daß sein Ummaß ihn vernicht,
Daß er Himmelsfeuer borge,
Bis das deutsche Werk zerbricht.

Gleichwohl sollt ihn keiner richten,
Der nicht Taulers Süße kennt,
Gottes Stimmen zu gewichten,
Sei dem Herz, das drin verbrennt.

Daß das Haupt ihm abgeschlagen,
War gewiß vom Herrn bestimmt,
Doch es dreht sich mir der Magen,
Wenn man ihm die Würde nimmt.
 

 

29
 


GOTT IST MEIN KÖNIG
Mühlhausen sah in jungen Jahren
Den Großen Mittag der Musik,
Aus Sphären, drin die Engelscharen,
Zu haschen einen Augenblick.

Da sich die Reichsstadt neuem Rate
Empfahl und ihm den Beistand Christs,
Ersann uns Bach die Festkantate,
Weil dies das Amt des Organists.

Die Genesis und Psalmenworte
Umkreisen Dienens Staffellauf,
Was gilt dem Regiment am Orte,
Gibt diese Kunst dem Erdkreis auf.

Drum sei, daß jeder Herr Vertreter
Und Gott allein die Herrschaft mach,
Refrain für jeden Segensbeter,
Und Vorbild jedem Sänger Bach.
 

 

30
 


OPFERMOOR
Nahe Niederdorla wacht
Manches dunkle Holzidol,
Wo in Tann und Buchennacht
Grüßt Alraun den Parasol.

Heiden haben hier gebangt,
Ihren Göttern sog das Moor,
Was im Herzraum angelangt,
Holt der Gräber spät hervor.

Rinder, Hunde, Schwein und Pferd,
Ziegen, Schafe sanken tief,
Auch den Mensch hat nichts gewehrt,
Wenn die dunkle Stimme rief.

Schädel, Knochen, Reuse, Rad
Zwischen Keule, Hammer, Beil
Schaurig schweigt der Opferpfad,
Der so fern von Christi Heil.

Düstre Wolken stehn geballt
Um die Kindheit unsres Stamms,
Was schon unvorstellbar alt,
Hat verjüngt der Tod des Lamms.

Nicht gering denk ihres Schrecks,
Den Geburt noch jedem sagt,
Und der Bann Erfolgs und Zwecks
Immer wieder nur vertagt.
 

 

31
 
Zwar gebiert das Kreuz uns neu,
Doch der Schnitter bleibt uns wach,
Eh uns Heilands Ziel erfreu,
Bleibt ein Pfad voll Ungemach.

Diesen sollst du heiter gehn,
Doch die Träne bleibt erlaubt,
Denn in Nords und Westwinds Wehn,
Fällt auch deiner Liebe Haupt.

Trennung ist des Menschen Los,
Und sein Fleisch ein dürrer Halm,
Was da winzig oder groß,
Fährt dahin in Schlick und Qualm.

Ob ich einst dich wiederfind,
Wenn der Brand die Masken schält?
Viele zwar berufen sind,
Wenige nur auserwählt.
 

 

32
 


DÜNWALD
Wo das Land der Klingsorschlingen
Sich nach Westen schroff begrenzt,
Durftest du ein Riff besingen,
Das du aus den Träumen kennst,
An der Wipper, an der Leine
Wird dir blau Viola blühn,
Denn so wie der Reim der deine,
Liebt das Blümelein den Dün.

Muschelkalk und Mergel steilen
Ebra, Heilberg, Hockelrain,
Rötelblock und Stufen teilen
Holz und Rode, Feld und Hain,
Von der Geisled bis zur Helbe
Wechselt späte Schicht mit frühn,
Daß seit tausend Jahrn derselbe
Wind umwerb den Forst des Dün.

Tiefer ruht die Pflanzenasche,
Aus Arabia einst begehrt,
Wie Sylvin dein Feld erhasche,
Hat der Bergmann erst gelehrt,
Denn zur Solung mags nicht taugen,
Und will nicht wie Steinsalz sprühn,
Darum senk mit Furcht die Augen
Auf die Schätze unterm Dün.
 

 

33
 
Dieses Salz läßt Pflanzen quellen,
Wehrt der Dürre und dem Frost,
Daß die Stengel fest sich stellen,
Brauchts den rechten Druck im Most,
Welketracht bringt sein Entbehren,
Daß die Blätter fahl verglühn,
Drum sollst du das Körnchen ehren,
Das vergraben ward im Dün.

Wandrers Einkehr liegt bei Beuren
Als die Fluchtburg Scharfenstein,
Seit die Mauern sich verteuren,
Ruht sich billiger im Hain,
Mancher schätzt das morsche Erbe,
Der Erhaltung gilt sein Mühn,
Daß das Mittelalter sterbe,
Droht noch immer auch im Dün.

Letztlich kann den Bau nicht retten,
Daß man um die Schaulust wirbt,
Den Gelagen folgen Ketten,
Wenn die Selbstverwaltung stirbt,
Ist die Macht nur noch ein Mittel,
Daß man das Verbrechen sühn,
Steht schon bald im weißen Kittel
Der Verweser auf dem Dün.

Einst war sie der Schirm der Flüsse
Für die Herrschaft wie den Knecht,
Als man Eicheln noch und Nüsse
Schätzte, gab sie Schutz und Recht,
 

 

34
 
Wenn der Gau sich selber freite,
Läg sie wieder androgyn
Seinem Tageswerk zur Seite
Unterm Himmelsblau des Dün.

Also ist der Schmerz der Mauern
Nur ein Hinweis auf den Tod,
Der Geschlechtern, die nicht dauern
Wollen, aus dem Herzen droht,
Die Gemeinschaft neu zu denken,
Dich in Lied und Spruch erkühn,
Daß der Herr die Dinge lenken
Möge uns im Lande Dün.
 

 

35
 


VIOLA
Für Viola Schühly

Duftspenderin, von der man sagt,
Sie träume leis vom Sonnenschein,
Wird Brautschau ganz mit dir gewagt,
Läßt Venus selbst Vulcanus ein.

Saturn und Pan, Persephone,
Erkennen dich als holde Gift,
Daß uns entließ der Winterschnee,
Das weiß, wer deine Blüte trifft.

Zwei Blätter aufrecht in der Kron,
Sie sind von aller Zeichnung frei,
Vier ebnen mählt sich solcher Lohn,
Doch wer allhier das Stiefkind sei,

Das konnt ich nie so recht verstehn,
Weil eine Krone nicht nur Reif,
Sie ist mit einem Helm versehn,
Wenn ich die Sache recht begreif.

Im Mittelalter ward das Kraut
Gefeiert als ein Segenspfand,
Wenn man dem Perger drob vertraut,
Der solches meint im Sagenband.
 

 

36
 
Daß man als Demut rühmt den Blust,
Kam wohl von keinem Gärtner her,
Denn kaum ein Kraut rankt so robust
Und machts dem Feind mit Polstern schwer.

Bei Lochner trägt dein Blau Marie,
Auch Dürer malt den Veilchenstrauß,
Den Troubadouren Rhapsodie,
Und Goethe war bei dir zuhaus.

Da Storm dich schaut am Mühlenbach,
Bist du in Kinderfäusten froh,
Vergessen ist das Weh und Ach,
Da Frost durchbohrte Stein und Stroh.

Mög auch, wer solchen Namen trägt,
Gesegnet sein mit Himmelblau,
Daß man, eh man die Fremde frägt,
Das Heil in ihren Augen schau.
 

 

37
 


AUF DEM EICHSFELD
Tyr, der Kriegsgott, der im Thüring weiter
Lebt, hat sich an diesem Land gemästet,
Wer da proviantiere, sieg und scheiter,
Mit Kanonen Feld und Stall verpestet,
Braucht sich um den Wechsel nicht zu scheren,
Der das Land zerschneidet und zerspellt,
Doch wenn die Bescheidnen aufbegehren,
Flaggt in schwarz das ganze Eichenfeld.

Wo die Jesuiten warn den Bauern
Näher als der sieche Lutheraner,
Wuchs im Gau die Kraft zu überdauern
Das Geschmeiß der Krittler und der Mahner,
Wo der Glaube sich verschloß den Bonzen,
Jeden Sonntag noch die Glocke schellt
Zwischen Lerchen ahndungsreich und bronzen,
Die erhört wird auf dem Eichenfeld.

Hier ist unser Heiland nicht Folklore,
Und der Weihrauch wirkt nicht abgestanden,
Einer Kanzel, nah am offnen Ohre,
Kam die Seele nicht wie sonst abhanden,
Hier ist noch die Botschaft froh und stimmig,
Und man weiß noch, wer der Herr der Welt,
Darum ist der Witz auch hintersinnig
Und gefährlich wie das Eichenfeld.
 

 

38
 
Mit der Stracke, Schmand und Martin selig,
Weiß das Volk, wer lebt nach seinem Wesen,
Ob Kartoffeln fest sind oder mehlig,
Brauchts den Brocken nicht und keine Besen,
Was von Hainich, Leine, Dün dem Ohme
Eignet, ist nicht feil für Silbergeld,
Darum braucht der Bauer keine Dome,
Denn der wölbt sich überm Eichenfeld.

Reich an Burgen ist das Land geblieben,
Wo auch Platz für Ase, Greif und Rhume,
Hier sind Plagen und die Weisen sieben,
Und der Dichter trägt die blaue Blume,
Hier besteht Vertraun, wenn alle zagen,
Und Gewißheit, daß uns Gott erhält,
Darum tönt das Lied vom gelben Wagen
Hell und heilig auf dem Eichenfeld.
 

 

39
 


WERTHER
Lieblich liegt im Helmegrunde
Eine Au des Sonnenscheins,
Von dem Flecken erste Kunde
Gibt der Erzbischof von Mainz.

Kaum wem hat dies Wort bedeutet,
Eh uns Goethes Sturm und Drang
Weit im Land die Glocken läutet
Für der Jugend Untergang.

Sein Roman, der so betitelt,
Ließ nicht einen Leser kühl:
Was auch immer Ratio krittelt,
Der Despot ist das Gefühl.

Und so sagt das Provokante:
Folg der Liebe, laß den Rest!
Wer da Goethen noch nicht kannte,
Schaut als Fluch die Werther-Pest.

Werther-Mode, Werther-Süchte,
Briefroman und Suizid,
Unbekömmlich sind die Früchte,
Drein der Musenkuß geschieht.

Rings entfesseln sich die Bande,
Und die Fragen rasseln scharf
Um des Dichters Ehr und Schande,
Der dem nicht entweichen darf.
 

 

40
 


IMMERGRÜN
Halbstrauch, der am Boden kriecht,
Trichterblume, lila-blau,
Wo ein Menschenwerk versiecht,
Kündest du in Hain und Au.

Im Barock bist du bezeugt,
Wie der Name sagt uns klar,
Wurdst du immer gern beäugt,
Weil du grün das ganze Jahr.

Also breitet dich der Knecht,
Der die Pflanzen mag und hegt,
Und du hältst das Heimatrecht,
Wenn der Mensch sich fortbewegt.

Stengel, die davongerankt,
Mehren dich, als Wurzel gut,
Wer nicht oft dem Fremden dankt,
Hält sich rein das grüne Blut.

Gleichmut, der nicht Sorten kennt,
Nur das äußerst seltne Weiß,
Weiß dich, bis der Himmel brennt,
Immer treu dem ersten Reis.
 

 

41
 


ZWISCHENDURCH
Zwischendurch sei eine kurze Glosse
Eingestreut in wuchernde Aspekte,
Denn es frug den Wandrer ein Genosse,
Welches Ziel er seinem Auge steckte.

Dichter sind gar seltne Topographen,
Kein Zementwerk steht auf ihrer Karte,
Der Geliebten, die sie gern beschlafen,
Wird ambrosisch selbst die Hasenscharte.

Manchmal sind es Namen nur und Sagen,
Daß sie ohne Sorg den Holzweg nehmen,
Manchmal läßt sie Daunenglück verzagen,
Und sie suchen nach dem Unbequemen.

Hölderlin vergleicht sie mit den Schwalben,
Denn sie achten auf die Vogelzüge,
Schwätzen sie mit selbstverliebten Alben,
Kümmert sie nicht des Pedanten Rüge.

Aichelburg gar sprach von Maulwurfshügeln,
Die sie in gepflegte Gärten setzen,
Daß sie ihre Reimlust niemals zügeln,
Wird nicht jeder Zeitgenosse schätzen.

Darum frag dich stets: was könnte reimen,
Ist die Rede auch ein Rätselgarten,
Denn der Dichter wählt sie stets zu Heimen,
Und die andern Orte können warten.
 

 

42
 


ILLFELDER KLOSTERSCHULE
Seit Neander folgte ihrem Rufe,
Ist die Klosterschule hochgeschätzt,
Grad vier Jahr nachdem in erster Stufe
Letzter Abt den Ordensbrauch ersetzt.

Aus dem Aufbruchsgeist der Protestanten
Wuchs ein stolzes Bildungsideal,
Fächer, die die Älteren nicht kannten,
Wurden Pflicht und manches andre Wahl.

Band von Sprache, von Natur und Sitte,
Blieb das Evangelium im Verein
Mit den Bräuchen und der Beistandsbitte,
Die uns Luther grub ins Deutsche ein.

Halb Europa schickte seine Knaben
Froh in die gelehrte Frömmigkeit,
Daß der Weisheit honiggoldne Waben
Rüste seien für die Lebenszeit.

Vielen hat es wundersam gefrommet,
Größter Zögling war Johannes Thal,
Der hier seinen eignen Reim bekommet,
Denn dem Werk gebührt die erste Wahl.
 

 

43
 


JOHANNES THAL
Schon als Schüler ein Herbarium klebend,
Pflanzensammler in Neanders Heim,
Dann in Jena und in Stendal webend,
Zog es ihn zu Blüte, Blatt und Keim.

Physikus in Stolberg und Nordhausen,
Dienst am Frühtag und in später Nacht,
Gibt die Müh um Menschendinge Pausen,
Gilts, daß ihm ein Wegrandkräutlein lacht.

Acker-Schmalwand oder Brillenschote,
Erden-Segge, Alpen-Lattich finden
Erst mit ihm Attest und Standort-Bote,
Was die Erben zum Folianten binden.

Seine Reiche aller Harzer Pflanzen
Jed Geschöpf mit gleicher Lieb vermerken,
Daß nicht nur Arznein in seinem Ranzen,
Scheidet ihn von frühern Kräuterwerken.

Da sein Fuhrwerk auf dem Weg zum Kranken
Kam vom Weg, verschied er, vierzig grad,
Vater der Floristik nennt das Danken
Das Vermächtnis, das die Liebe tat.
 

 

44
 


MERWIGSLINDE
Von dem Merowingerblute,
Herrschern, die ein langes Haar
Hielten ihrem Rang zugute,
Da der Knecht geschoren war,
Sind verzerrt und ausgestrichen,
Ob der Furcht vor Wiederkehr,
Alle Quellen, und gewichen
Sind sie heim, das heißt ins Meer.

Eine Sage weiß zu raunen,
Daß ein Proteus einst gegrüßt
Merwigs Mutter, deren Staunen
Hat noch Troias Glanz versüßt,
Aus dem Urquell der Legenden
Stiegen sie ins deutsche Herz,
Und daß sich ihr Unglück wenden
Mög, hofft immernoch ein Schmerz.

Meergeborne sie zu namen,
Ist ein Titel, den kein Stuhl
Könnte stiften, als sie kamen
Grünte noch die Irminsul,
Und Byzanz zählt die Geschichte
Mit Aeneas seit Achill,
Und der Born im Idalichte
Lag noch nicht verwaist und still.
 

 

45
 
Menschen können nicht ermessen,
Was da groß und fruchtbar gor,
Doch der Baum hat nichts vergessen,
Weil er nie den Ring verlor,
Darum ziehts das Volk zu Linde,
Die zwei Dutzend Ellen Stamm
Ziert als Schreiberling-Gesinde
Der der Mensch ein blökend Lamm.

Gehst du aus vom Töpfertore
Aus Nordhausen Kirschberg-hin,
Rauscht auch dir die Traum-sonore
Stimme von dem Helden Finn,
Der zur See mit weißem Haare
Schaute der Atlanter Glück,
Davon Tod auf jeder Bahre
Gnädig schenkt ein kleines Stück.

Merwigslinde wird geheißen
Weise Frau, im Brauch geehrt,
Ihre Ringe zu zerreißen,
Nur ein tumber Narr begehrt,
Nichts wird ihre Schrift verraten,
Was dir nicht die Krone schenkt,
Denn sie wird nur dem zum Paten,
Der mit hohem Herzen denkt.
 

 

46
 


BIELEN
Fürstlich flammen Königskerzen,
Gabelweihe schreit im Sturz,
Dieses Bild geht dir zu Herzen,
Und du denkst an früher kurz.

An der Zorge schreiten Reiher,
Auch zur Helme ists nicht weit,
Eine Stimmung von Tokayer
Klebt im Mund die ganze Zeit.

Wo die Schwalben dich umschwärmen,
Klafft im Text ein schwarzes Loch,
Doch du sollst dich drob nicht härmen,
Denn die Au ist golden doch.
 

 

47
 


HERINGEN
Als die Straße Karlschem Heere
Von der Zorge fuhr zur Saal,
Profitieren vom Verkehre
Siedler früh im Helmetal,
Aus dem Nebel klammer Sagen
Treibt auch Heringen hervor
Und in Bälde rollen Wagen
Ballenreich durchs Obertor.

Von Sundhausen gehts graniten
Nach der Burg von Querfurt her,
Daß sich Merseburg erstritten
Hat des Ostens Wotansspeer,
Im Vertraun auf Gottes Wege
Festigt Heringen ein Wall,
Daß der Thüring kein Gehege
Kennt, das so getrotzt Verfall.

Wehrhaft und massiv gedrungen
Stammt das Schloß aus dieser Zeit,
Ehe noch das Lied erklungen,
Daß uns Burg die Herrlichkeit,
Wo die Fenster schroffe Scharten
Und die Dächer Helm und Kamm,
Solls der Räuber gern erwarten,
Daß ihn Bürgermacht zerschramm.
 

 

48
 
Hier ist alles so belassen,
Wies dem Traum der Mannen gut,
Und im Labyrinth der Gassen
Spürst du noch das Ritterblut,
Zwar das Herrenhaus sucht Sonne,
Wo sich Fachwerk freier zweigt,
Doch auch jenes Friedens Wonne
Ist ein Alter, das uns schweigt.

Wohler fühlst du dich bei Linden,
Die Historie nicht bedroht,
Wo sie Tag und Traum verbinden,
Ist ein Musikus der Tod,
Wo ein Bärchen steht im Parke
Ists zum Bahnhof nicht mehr weit,
Doch den Beinen traut der Starke
Und er findet immer Zeit.
 

 

49
 


ABENDLICHT
Wohin gehn, Novalis fragt,
Wir? -- nun zieh die Stirne kraus,
Eh er selbst die Antwort sagt,
Wir gehn immer nur nach Haus.

Dies meint uns das Abendlicht,
Das den Weg zum Heimweg macht,
Golden strahlt dein Taggesicht,
Wenn im Osten steigt die Nacht.

Auch Getreide, Busch und Gras
Sind in dieses Licht getaucht,
Draus ich oft die Ahndung las,
Was der Herr ins Traumreich haucht.

Also sei von gutem Mut,
Sag dem Tag ein Rechtgetan,
Der den Tag so hold vertut,
Rollt den nächsten auf den Plan.
 

 

50
 


GOLDENE AUE
I

Die Goldne Aue heißt die Sonnenheide,
Die Rotbart deckt auf seinem Schattenbaue,
Im tränenreichen Grund entwuchs dem Leide
         Die Goldne Aue.

So wandre frohen Lieds im Helme-Gaue
Das Knabenkraut von Fliegen-Ragwurz scheide,
Dem Bergsteinkraut und Karst-Gestalten traue.

Und streichelt Wind wie ein Gewand von Seide
So führt dich stets das Blümelein, das blaue,
Es loben Greife und die Maus in Kreide
         Die Goldne Aue.
 

 

51
 


II

Im Abendgolde scharen sich die Weisen,
Sphingiden, die verdünnt begehrn das Holde,
Und alle ihre Traumentwürfe reisen
         Im Abendgolde.

Sie stehen nicht bei hohen Herrn im Solde,
Denn dies ist eine Zeit von Blut und Eisen,
Und nicht der Ostertag für Blust und Dolde.

Im Lärm des Sturms und im bedächtig leisen
Aquarelliert der Friese Emil Nolde,
Da lag schon was germanisch Kunst geheißen
         Im Abendgolde.
 

 

52
 


III

Vergoldet wird der Weg im Abendlichte,
Wo Mücken schrillen und das Heimchen sirrt,
So wie zur Weihnacht Zapfenfrucht der Fichte
         Vergoldet wird.

Du bist durch manchen Grottengang geirrt,
Doch dies ist eine andere Geschichte,
Die weiß, das der Kristall am hellsten klirrt.

Das Gold ist Maß für Glanz und für Gewichte,
Im Tropfen Taus schaut es der greise Hirt,
Bevor sein Leben, wenn der Leib zunichte,
         Vergoldet wird.
 

 

53
 


AULEBEN
Die Karte des botanicus
Gleicht der von einem Feldherrn kaum,
Denn Stein und Wind und Himmelsfluß
Sind andrer Weis verteilt im Raum.

Du weißt noch wie du durstig warst,
Im Juni-Glast verbrannter Haut,
In Einfalt hast im Kreidekarst
Dem Bittersprudel blind vertraut.

Du siehst den Rost am Marmelstein --
Hättst du ihn früher bloß gesehn!
Die Sole spricht vom Grottenschrein,
Dort kann man gut im Schatten gehn.

Doch weil hier Salz in Felder würzt,
Stehn Queller hier und Strand-Milchkraut,
Salz-Melde sagt dir unverkürzt,
Was du in Friesland angeschaut.

Am Kyff nicht weit das Land versteppt,
Kuhschelle sagts und Federgras,
Hier hat sich Diptam eingeschleppt,
Den dir der Idaberg besaß.

Die Flora sagt in Dichters Art,
Und wer ihr feind, wird auch genutzt,
Was sich verstreut und was sich schart
Lobt Gott, der seinen Garten putzt.
 

 

54
 


AM KYFFHÄUSERMEER
I

Im Kyffhäusermeer kennt der Hecht keine Not,
Er trägt nicht nach Würmern und Egeln Begehr,
Der Überfluß schafft auch dem Räuber das Brot
         Im Kyffhäusermeer.

Du liebst sie, die klatschenden Wogen so schwer,
Im Blauhimmel grüßt dich der Milan so rot,
Als rufe das Ufer die Traumarche her.

Dies ist eine Stunde, wo zärtlich der Tod,
Und fänd man am Morgen den Schlafmantel leer,
So schaute Atlantis dein leibloses Boot
         Im Kyffhäusermeer.
 

 

55
 


II

Am Ufer des Sees ruhn die Molche besonnt,
Dir klimmt eine Ameis am Nagel des Zehs,
Und klein scheint im West die gewittrige Front
         Am Ufer des Sees.

Du labst dich am Rotwein aus spätester Les,
Entkorkst eine Flasche, der Freund nennts gekonnt,
Da hier ist nicht Durst nach dem Heimeln des Tees.

Der Wind, der sich stärkt, ist dir Segel und Pont,
Drum sei um den Dämmer nicht Furcht und Gewes,
Es zählt nur das Blut, das den Herzraum durchwonnt
         Am Ufer des Sees.
 

 

56
 


III

Im innersten Kreis wird geschwelgt und gelacht,
Und gälts ein Vermögen, begossen nun seis,
Denn nichts wird als halbes und dürftig gemacht
         Im innersten Kreis.

Der Wein ruft die Weisheit, auch wenn er nicht weiß,
Der Trinker wird sanft von den Engeln bedacht,
Und was da die Welt war, ist längst nicht mehr heiß.

Vom Schatten des Kyffes entblaut sich die Nacht,
Die goldene Flamme entschlägt sich dem Reis,
Daß weithin loh deutlich, hier werde gewacht
         Im innersten Kreis.
 

 

57
 


PERIODISCHER SEE
I

Wer auszog, um das Questenfest zu schauen,
Der prüfe stets zuvor an dieser Stelle,
Ob das Gewässer sinke oder schwelle,
Denn diesem See ist alles zuzutrauen.

Man nennt periodisch seines Saums Gefälle,
Wo hier der Grund, bleibt stets im Ungenauen,
Er ist bekannt in allen Nachbargauen,
Daß er das Antlitz wirft wie andre Bälle.

Zwar diesmal scheint er gänzlich ohne Makel,
Ein andres Mal stehn hier Morast und Risse
Wie Runen oder Pflanzenblatt-Tentakel.

So bleibt für den Besuch das Ungewisse,
Doch nimm als gutes Omen und Orakel,
Daß heute er anscheinend nichts vermisse.
 

 

58
 


II

Die Wasser steigen und die Wasser schwinden,
So wie die Götter gehn und wiederkommen,
Ob dir die Fluten oder Wüsten frommen,
Das gilts in diesem Leben rauszufinden.

Schon manchem hat ein Irrstern hell erglommen
Und machte ihn zum Narren und zum Blinden,
Es gibt kein Muster, sich herauszuwinden
Aus Schemen, die uns immer höchst verschwommen.

Doch habe Mut, die Feste aufzusuchen,
Wo hohle Eichen stehn als Pilgerkaten,
Denn hinter einem Bannwald roter Buchen

Hat die Instanz, die prüft in deinen Taten,
Vielleicht die Laune, deiner Furcht zu fluchen,
Doch ganz gewiß wird sie dem Wandrer raten.
 

 

59
 


III

Es ist ein Vorhang zu der hohen Pforte
Der Weiher, nicht zu zwingen und berechnen,
Er möge dich beglücken und bepechnen,
Doch dies wird dir erklärt mit keinem Worte.

Wer unterwegs ist, klebt an keinem Horte,
Er liebt die Schichten, schiefrigen und zechnen
Hat er vermählt den hellen sprudelbächnen
Gebirgsgeist, den er spürt an jedem Orte.

So ist es auch, wenn dich Gefährten ließen,
Die einst mit dir die gleichen Pfade wagten,
Dir soll die Trauer nicht den Tag vermiesen.

Denn alles, was sie sich und dir versagten,
Kann nur was immer strömte wiederkiesen,
Solang dich nicht die Angler fest verhakten.
 

 

60
 


QUESTENBERG
I

Eichenstamm und Questenkranz,
Reisgezott und Laubgefrans,
Sonnenrad auf weißem Riff,
Hymne, die der Nordwind pfiff,
Grottennacht, kristallner See,
Doppelstirn von Lust und Weh,
Berggeflamm und Herbstfanal,
Osterlicht nach Winterqual,
Nirgends sah ich ein Gedicht,
Das so sehr mein Angesicht
Hat berührt und bloßgestellt,
Daß es fremd ward in der Welt.
 

 

61
 


II

Wir stehen am Fuße
Des fürstlichen Riffs,
Wir sinnen auf Buße,
Kein Weiser begriffs.

Wir lagern am Rande
Des Heiltums beschämt
Und suchen die Schande,
Die abhält und lähmt.

Wir sinnen und säumen,
Im Hahnenschrei scharf,
Er weckt uns aus Träumen
Wie er es nur darf.

Wir müssen es wagen
Mit kargester Kost,
Denn bald wird es tagen
Aus blutigem Ost.
 

 

62
 


III

Der Schlafsack wurde eingerollt
Und auch das Eßgeschirr verstaut,
Mit feuchter Hand die Nacht sich trollt,
Indes der erste Schimmer graut.

Heut sitzt nicht jeder Griff, die Zeit
Wird knapp, wir wolln gemessen gehn,
Zum dritten Mal der Gockel schreit,
Dreh dich nicht um und bleib nicht stehn.

Der Hang ist steil doch gehts nicht lang,
Nur wenig Gras wächst im Geklüft,
Man kommt zu Schweiß bei diesem Gang,
Daß ich den Kranz der Freunde lüft.

Doch dann ist aller Schmerz verweht,
Die Majestät lädt zur Audienz,
Wenn man vor diesem Zeichen steht,
Paßt keines Meisters Reim-Sentenz.

Sie ist so schön, wie die aus Schaum
Entstiegne Aphrodite schien,
O kneif mich, denn dies ist ein Traum
Von Haschisch oder Meskalin.

Im Winde flattert gelbes Laub,
Da steigt die Sonne aus dem Grab,
Und wenn ich auch zu träumen glaub,
Bleibt groß, was ich gewonnen hab.
 

 

63
 


IV

Die Bauern ehrn
Jahraus jahrein
Vor dem Verzehrn
Den Sonnenschein,
Der Questenbaum
In Lieb gepflanzt
Beschirmt den Raum,
Darin man tanzt.

Was gilt da schon,
Ob Heid ob Christ
Dem Sonnenlohn
Gilt diese Frist,
Und das Idol
Den Berg beflaggt,
Der innen hohl
Und außen nackt.

Wer weiß genau,
Was ihn bewog,
Es hält die Sau
Kein Theolog,
Verklärt und ganz
Ist dies wie keins,
Denn Kreuz und Kranz
Falln hier in eins.

Dies sagt dir mehr
Als jede Schrift,
Du fragst nicht, wer
Dein Herz so trifft,
Es ist gewiß
Und wunderbar,
Kein Streit, kein Riß,
Nur hell und klar.

Manch einer schleppt
Folianten viel,
Daß der Adept
Sofort am Ziel,
Sorgt diese Maid
Am Gipfel stramm,
Für Lieb und Leid
Wie Wolf und Lamm.

Du wirst sie oft
Erinnern hell,
Weil sie verstofft
Geheime Schwell
Von Zeit und Raum,
Wo sonst dir nur
Der Flug im Traum
Ein Dielenflur.
 

 

64
 


V

Ein Holdener vom Questenberg
Ward einst gerichtet und gehenkt,
Wer staunt auf dieses große Werk
Gewißlich auch des Opfers denkt.

Uns gibt die Chronik keine Spur,
Wie er beklagt der Häresie,
Und sicher scheint mir heute nur,
Der Richter sah die Queste nie.

Doch fehlt dem Irrtum nicht der Sinn,
Denn dieses ist der Gang der Welt,
Daß schuldlos Blut zur Erde rinn,
Ist Kraft, die auch den Baum erhält.

So darf uns diese Schönheit freun,
Weil unser Herr auch nach dem Tod
Wird die Gerechtigkeit nicht scheun,
Die Mond und Sonne hält im Lot.
 

 

65
 


VI

Manch einer meint, der Questenkranz
Gehör ihm höchst privat und ganz,
Doch sagt, wer selbem Wahn nicht front,
Er mach es wie der Hund dem Mond.

Da soll nun zwiefach Tadel sein,
Man schließt ein Heiligtum nicht ein,
Und daß dies jemand närrisch liebt,
Heißt nicht, daß es nur Narren gibt.

In Büchern nach der Queste spähn,
Wird nur die Vorurteile blähn,
Drum steig hinauf mit wachem Aug,
Dann siehst, ob dir das Zeichen taug.
 

 

66
 


VII

Der Kammwind gerbt das dürre Laub,
Macht Braun und Ocker fadenschein,
Der Kranz verweht wie Elbenstaub,
Drum will das Werk erneuert sein.

Die Dörfler rings mit Kind und Greis
Gehn hoch, daß man die Maid verarz,
Zum Liebesdienen büschelweis
Die Au der Helme trifft den Harz.

In Eichenfaß und Gerstensaft
Die Questenfarben wiederkehrn,
Die Bauern wollen Rad und Schaft
Noch tausend weitre Jahre ehrn.

An mancher Felsenspitze klebt,
Was vorjahrs riß der Hagelschlag,
Doch was verlorn und abgelebt,
Gibt Hintergrund dem Ostertag.

Denn dies ist jeden Zeichens Kern,
Es bringt der Zeit, was sie bedingt,
So ist gesandt vom Questenstern,
Wer ihn in jeder Weis besingt.
 

 

67
 


VIII

Abschiedsstunde in der Mitte
Eines Tags, der nie vergeht,
Weil das Bild der Questenbitte
Unzerstörbar in dir steht.

Mag den Kranz der Sturmwind lösen,
Mag das Laub im Karst verfalln,
Eine Waffe droht dem Bösen,
Die vorangeht, hell vor alln.

Daß dein Herz sie herrlich zäume,
Bis sie jede Kuppe trag,
Stieg sie tief in deine Träume
Wo sie leuchtet jeden Tag.
 

 

68
 


TILLEDA
I

Als ich Kind war, Onkel, Tanten
Hatte, deren meiste blöd,
Kamen auch die Westverwandten,
Denens Orlagau zu schnöd.

Also gabs Kulturprogramme,
Die ansonsten nicht geschahn,
Daß sogar vom Rennsteigkamme
Etwas meine Augen sahn.

Zwei der Reisen zu entsinnen,
Weiß ich mich ein Leben gut,
Dieses warn der Wartburg Zinnen
Und der Kyff, drin Rotbart ruht.

Auf der Wartburg durft ich reiten
Eselhoch zur Matinee,
Hab gebettelt Jahr und Zeiten,
Daß ich dies noch einmal seh.

Als ich sechzehn, fuhr alleine
Ich im Zug ins Hörselland,
Nicht bei Wessis an der Leine,
Hab ich dort mein Herz erkannt.

Dieses steh auf anderm Blatte,
Denn der Kyff ist heute dran,
Daß ich erstmals Höhnangst hatte,
Haftet diesem Denkmal an.
 

 

69
 
Sonst hab ich nur ein paar Bilder,
Von der Grotte sah ich nix,
Auf der Reichsburg sperrten Schilder,
Was ich nahm als böse Tricks.

Daß das Beste mir verborgen,
Hab ich damals schon gedacht,
Und so wirds auch heut und morgen
Bleiben, wenn die Sonne lacht.
 

 

70
 


II

Als ich Firmling der Gemeinde
Und die Lehrer sagten Sie,
Hatt ich Muttersorg zum Feinde,
Weil ich nach der Ferne schrie,
Eines Sommers hoch zu Rade
Fuhr ich mit dem Freund vom Dorf,
Daß im Straßen-Sonnenbade
Stirne mir und Arm verschorf.

Rasch gewann das Thüring-Becken
Unsrer Räder frühe Fahrt,
Was man mühelos an Strecken,
Wenn die Kräfte aufgespart,
Schafft, hab ich nicht ahnen mögen,
Denn es hieß nur einfach: weg!
Als es Abend, sahn uns Bögen,
Denn am Kyffberg schob der Treck.

Schlaf ward uns in einem Schober,
Und die Liebe nebenbei
Fand hier ihren ersten Lober:
Ob dies was vom Kyffe sei?
Später wars mir lange peinlich,
Zu dem neuen Glück zu stehn,
Meine Kinderstube reinlich,
Hatte andres vorgesehn.
 

 

71
 
Was an Freiheit ich erworben,
Blieb zuletzt ein schmaler Grat,
Denn zuhause war gestorben
Meiner Kindheit Kamerad,
Zur Beerdigung zu kehren,
Ließ ich rasch die Radtour stehn,
Immerhin: die Kyffe lehren,
Kannst sie ohne Wessis sehn.

Lange kam ich hier nicht wieder,
Denn nach Bayern ging ich fort,
Und von Stacheldraht ein Mieder
Schirmte jeden Heimatort,
Erst im Pulk der Questengänger
Ward der Kyff erneut bereist,
Und ich wurde deutscher Sänger
Gänzlich mit Kyffhäusergeist.

Nun sind wir schon längst Vertraute,
Rotbart hat recht viel Humor,
Ob da Raben an der Raute,
Noch ist nicht die Zeit fürs Tor,
Aber es ist keine Frage,
Daß sie kommen wird und bald,
Mancher freilich hälts für Sage,
Wenn im Berg Gelächter hallt.
 

 

72
 


TÜBKICHON
Auf dem Schlachtberg Frankenhausen
Ward Herr Honecker Mäzen,
Lang erinnert nur mit Grausen,
Wollt sein Staat zu Müntzer stehn,
Daß man nicht nur Armut kenne
Und gar stets der zweite sei,
Ward gebucht die größte Tenne,
Die je Neuzeitmalern frei.

Wie einst Breker andre Herren,
Nutzte Tübke seinem Spleen
Jene, die sich wenig sperren,
Und so manchen Spaß verziehn,
Wo des Westens Mut erschlaffte,
Weil sein Sinn das Kapital,
Schien ein Schwert mit festem Schafte
Dieses Musenhofs Fanal.

Zahllos warn die Mitarbeiter
Und des Meisters Helferschar,
Als der nicht mehr Vorbereiter
Wie davor für sieben Jahr,
Fürs Panoptikum des Lebens
Jener Zeit, da Cranach schuf,
Gab der Meister allen Strebens
Herzblut und den Brotberuf.
 

 

73
 
Als elf Jahre auf Gerüsten
Warn geviecht, da stand rundum
Als ein Kosmos Schmerz und Lüsten
Gott und seine Wege krumm,
Selbst als Harlekin im Bilde
Trumpft Figürlich vor Abstrakt,
Und nun fürchtet mancher Wilde,
Daß man seh den Kaiser nackt.

Für Kritik bleibts Singuläres,
Denn ansonsten bleibt der Trott,
Aber naheliegend wär es,
Daß man seh, daß andres Schrott,
Wenn man einst die Zeit verwindet,
Wo man Kunst zur Unzucht trieb,
Man doch manche Perle findet,
Und auch Tübke bleibt im Sieb.
 

 

74
 


HIRSCHZUNGE
Zum Molkenbachtal
Bestellt dich der Weg,
Doch schlafe noch mal
In Floras Geheg,
Bevor du erneut
Ins Menschenwerk starrst,
Sei lieblich erfreut
Im Mooskammerkarst.

Der Hirschzungenfarn,
Ein Wurzler im Spalt,
Ariadnes Garn
Für manche Gestalt,
Mag Humus und Kalk
An Nordhängen steil,
Dort sucht dieser Balg
Sein Sickerschlucht-Heil.

Wo Ahorn enthext,
Und Freya du lind
Im askischen Text
Das Eschenlaubkind,
Die Wedel gestreckt
Im Waldgeschatt harrn,
Und du hast entdeckt
Der Hirschzungenfarn.
 

 

75
 


MORUNGEN
Das alte Schloß ein Händler kaufte
Nun sitzen Manager im Saal,
Ob jemand sich das Haar ausraufte,
Frag nicht erneut zum x-ten Mal,
Nur Splitter können wir erhaschen,
Eh sich das Weltendunkel neigt,
Der ganze Rest gehört den Flaschen,
Den gern der Flimmerkasten zeigt.

Ob uns der Dichter hier gewandelt,
Weiß niemand, wie die Melodien
Die uns die Zeit nicht mehr verhandelt,
Und schwer ists, die Bilanz zu ziehn,
Doch wirds uns anders nicht ergehen,
Auch unser Lied wird Zeit zerstörn,
Wenn wir die Wege nicht mehr sehen,
Die immer nur dem Wind gehörn.

Das Tagelied ist seine Marke,
Dies ist fürwahr das Lied der Welt,
Durch Nebel gleitet unsre Barke,
Die das Gefühl zusammenhält,
Der Abschied ist der große Meister,
Dem alle Lust nur Schmerz verleiht,
Drum wußten stets die feinren Geister,
Das er der wahre Herr der Zeit.
 

 

76
 
Die Lerche ist nur dem die frohe,
Der nicht zur Nacht das Herz verschenkt,
Daß blutig rot der Osten drohe,
Der Liebende mit Grausen denkt,
Hier ist Novalis schon getroffen,
Denn aller Klage düstre Pracht
Läßt immer nur die Umkehr hoffen,
Daß ewiglich die Liebesnacht.

Wer Sehnsucht kennt, muß immer weiter
Und immer fort, waldaus, waldein,
Und findst du keine Jakobsleiter,
So mag es wohl der Indus sein,
Schon Alexander ist gegangen
Getrieben bis zum Weltenrand,
Denn wer zu wandern angefangen,
Der kommt im Leben nie zu Stand.
 

 

77
 


QUERFURT
Die Gottesmutter mit dem Kinde
Mit Gold im blauen Wappen lacht,
Daß dich die Heeresstaße finde,
Ist heute nicht mehr ausgemacht.

Längst ist die Saale tonangebend
Und du das Schmuddelkind im Stall,
Sei froh darob, im Schatten webend,
Bleibst du verschont vom Stadtverfall.

Uralt, romanisch, sieben Größen
Der Wartburg faßt der Burgkomplex,
Wer kann die Namensfrage lösen?
Ein zages Schweigen: setzen, sechs!

Auf alter Wallung grüßt in harter
Bewehrung uns der Heinrich dick
Auch Korn und Rüste, Amt und Marter
Verbinden sich mit Baugeschick.

Gewaltig steht darum die Feste,
Bastionen, Doppelring, selbdritt
Bergfriede und das allerbeste:
Die Kreuzbau-Kirche in der Mitt.

Hier wird die Kreuzzug-Zeit lebendig,
Die Orient in Sujet und Geist,
So sieh, es ist so viel beständig,
Und längst nicht alles wird bereist.
 

 

78
 


OFTERDINGEN
Weißer Felsen, Saalebrücke,
Knoten, den das Schicksal zurrt,
Traumesfetzen, Jugendstücke
Wirbeln durch den Geist, der murrt.

Hier traf ich im ersten Buche
Des Novalis schlichtes Grab,
Der als Dichter mir die Suche
In die frühen Träume gab.

Ofterdingen, der im Korne
Selig singt von blauer Blüt,
Weiß und rot im Rosendorne
Weiß die Sehnsucht das Gemüt.

Hier hab ich den Freund getroffen,
Der mir Hölderlin geschenkt,
Und ich bleib auch heute offen,
Wer hierher die Schritte lenkt.

Später hat er Ofterdingen
Einen Briefroman gefühlt,
Meine Stimme möchte singen,
Doch der Geist ist zu zerwühlt.

Auch der Sohn der Goldnen Aue,
Dem der Vers palettenweis,
Trat, daß ich ihn erstmals schaue
Hier am Markt im kleinsten Kreis.
 

 

79
 
Und wir dachten an den Dichter,
Der in Hymnen an die Nacht
Alles Licht als harten Richter
Hat verflucht und ausgemacht.

Wagnern wars ein Lob des Dunkels,
Das er hold zum Tristan wob,
Wo Isold, des Licht-Gefunkels
Leid, die Fackel grob zerstob.

Später schritten wir nach Röcken,
Wer als Knabe Hölderlin
Preist, der bleibt den Wanderstöcken
Treu, bis ihn die Sinne fliehn.

Also läßt die Saalebrücke
Immer Ofterdingen spürn,
Mehr als die Romanzen-Stücke,
Die doch nie ins Zentrum führn.
 

 

80
 


PLEISSENLAND
Nach dem Strom ist hingewachsen,
Volk, das nach der Strömung sieht,
Diese Leute wollten Sachsen,
Die Historie dann entschied.

Nun ein Horn am Tannenlande,
Wie der Skat den Alten streckt,
Doch ich streichle gern die Bande,
Weil drin sehr viel Herzblut steckt.

Pleißenwort ist Markt und Messe,
Wirtschaft, Industrie und Geld,
Das da sorgt, daß man vergesse,
Was den Himmel offen hält.

Schaut man fern vom Warenstrome
Was die Träume hellt und fleckt,
Sind die Pleißner Hörselgnome,
Wie sie Klingsor gerne neckt.

Altenburg, einst Pfalz des Kaisers,
Bot für Luther oft ein Dach,
Darum nimm anstatt des Weisers
Blaue Flut und Deutschen Bach.

Diese Stadt gehört zur Mitte,
Finkenschlag und Lindengrün,
Außen harsch wie eine Quitte,
Muß das Herz romantisch glühn.
 

 

81
 


MUTZBRATEN
Bist du zu Fuß in diesem Land,
Auch unbedingt die Kochkunst nutz,
Es ist als Köstlichkeit bekannt
Im Osterland gebratner Mutz.

Die Mundart meint damit ein Tier
Das ohne Schwanz, der Speiseplan
Spießt faustgroß Schweinskamm aufs Panier
Mit Pfeffer, Salz und Majoran.

Das wird im Rauch von Birkenholz
Gegart, dazu gibts Brot und Kraut,
Der Landsmann mags in seinem Stolz,
Wenn man beim Brutzeln staunt und schaut.

Doch glaub mir, daß sich dieses lohnt,
Das Fleisch ist mariniert und zart,
Wer Knie und Haxen wenig schont,
Schmeckt wie sich hold der Himmel klart.
 

 

82
 


FRAUENSCHUH
Frauenschuh und Schuh Marien
Wird genannt die Orchidee,
Der es ungefährlich schien,
Wenn ich sie bei Zechau seh.

Grab die Holde niemals aus,
Denn du tötst gewiß die Magd,
Niemand weiß und sagt voraus,
Welcher Standort ihr behagt.

Schühchen-Blüten leuchten hell,
Goldig aus behaartem Kraut,
Ausgezeichnet ist die Stell,
Wo ein solches Wunder schaut.

Hier sind Tümpel, Weiher, Moor
Kippe, Böschung unbemannt,
Wo sich Menschenwerk verlor,
Wächst und nistet allerhand.

Lang braucht diese Maid zu blühn,
Darum schau geduldig zu,
Denn die Gnade zwingt kein Mühn,
Daß du findest Frauenschuh.
 

 

83
 


WESPENSPINNE
Hinter Lödla sollst du pirschen,
Bruchwald-Buchen, Eichen, Linden,
Erlen, Eschen, Traubenkirschen
Lassen hoffen, Pan zu finden.

Im Morast Insekten schwärmen,
Und ihr Feind hats wohl im Sinne,
Sehr geschäftig ohne Lärmen
Radnetz webt die Wespenspinne.

Einst war sie in unsern Tannen
Rar, nun mehren sich die Pfründe,
Groß ihr Radnetz auszuspannen
Ist sie rasch wie nur die Sünde.

Goldene und schwarze Ringe
Streifen sie am Hinterleibe,
Nicht daß Ähnlichkeit sie zwinge,
Daß die Wespe glücklich bleibe:

Alles was da fliegt und fächelt,
Heuschreck, Biene, Schmetterlinge,
Wird umgarnt und Gift-zerhechelt,
Wer viel fängt schläft guter Dinge.

Amazonisch sind die Sitten,
Männchen dürfen fliehn und sterben,
Dennoch ist ihr Teil, zu bitten
Um ihr einzigstes: den Erben.
 

 

84
 


SIEBENSCHLÄFER
In Bachaun an dem Modelwitzer Bache
Stehn Erln und Eschen im Mäanderrohr,
Dort rühr dich nicht und leisen Atems wache,
Denn hier kommt auch der Siebenschläfer vor.

Er schläft am Tage, um zur Nacht zu jagen,
Er ähnelt einem Eichhorn, freilich klein,
Großäugig siehst du ihn bedächtig nagen
Kastanien und die fetten Sämerein.

Er schnellt ins Baumloch, da wir ihn entdeckten,
Die feuchten Pforten haften wie ein Filz,
Zu Eicheln, Eckern, Nüssen gibts Insekten,
Und sommers Knospen, Rinden, Frucht und Pilz.

Er muß sich für die Schlafenszeiten rüsten
Und nimmt auch mal ein Vöglein und ein Ei,
Wenn solche Bilche nicht um Feinde wüßten,
Dann wären sie in Gottes Garten frei.

Doch Katzen, Marder und die Eulen dunkel
Zerhaun dem Tier den buschig grauen Pelz,
Der Aberglaube kennt gar viel Gemunkel,
Doch mir, so sag ich jedermann, gefällts.
 

 

85
 


BRAND-KNABENKRAUT
Brandrübler Moor, wos brandig gärt,
Hier wird manch seltnes Volk genährt.

Hier wahrt gar zierlich Blust und Stand
Der Knab, dems Mannsein angebrannt.

Mit zweien eigestaltnen Knolln,
Scheints Können überdeckt vom Wolln.

Sein Sam hat kein Geweb zum Schmaus,
Er braucht den Pilz, sonst wird nichts draus.

Doch seine Blüte, zart gescheckt,
Erfreut das Aug, das ihn entdeckt.

Das Laub ist bläulich als Lanzett,
Als Büschel teiln sich fünf das Bett.

Wer meint, daß groß die Orchideen,
Der wird an ihm vorübergehn,

Doch wers zum rechten Schauen schafft,
Sieht auch im Zwerg des Himmels Kraft.
 

 

86
 


NÖBDENITZER EICHE
Von der Erler Feme-Eiche
Meint man, daß am Rang nichts rüttel,
Auch der Ivenacker gleiche
Allenfalls noch Egenbüttel,
Nahe Nagel steht in Franken
Wie als Gahrenbergs Gericht,
Je ein Koloß, sich zu zanken
Um das deutsche Schwerstgewicht.

Ob da Nöbdenitz die Krone
Sei vor allen, die da rauschen,
Glaub nicht, daß es wirklich lohne
Zahln und Maße auszutauschen,
Jed Geschöpf hat seine Weise,
Allem frommt geheimer Rang,
Darum sei vor allem leise,
Denn im Lärm reift Untergang.

Zwar ist sie gehöhlt im Kerne
Und umfaßt von Eisenreifen,
Doch sie mag das Licht so gerne,
Daß da alljahrs Triebe greifen,
Und so ruhn im Sprottentale
Bahnhof, Schule, Gut, Pfarrei,
Und es knackt die Eichelnschale
Keine Sau und grunzt dabei.
 

 

87
 
Lang schon ist die Eich ein Wesen,
Das gehegt wird und gestreichelt,
Auserwählt und auserlesen
Sie im Herbst den Weg beeichelt,
Uralt, hohl und voller Narben
Ragt sie in gemeßner Ruh,
Wo die Schwestern längst verdarben,
Setzt ihr Schwefelporling zu.

Daß die Leich am schönsten lümmel,
Wenn sie dort ein Plätzchen leiht sich,
Dacht zur Goethezeit sich Thümmel,
Der Minister und nicht geizig,
Also hat die Eich erworben
Jener und ihr ganz vertraut
Und ist tief im Holz verdorben
Und präsent im Wipfellaut.
 

 

88
 


VERGISSMEINNICHT
Blüten in gepaarten Wickeln
Glockenkelch mit Zipfeln fünf,
Ist man sonst gemein mit Nickeln,
Wünscht dich keiner in die Sümpf.

Denn dein Blau berührt uns heilig
Und die Treu, daß du da bleibst,
Wo du trotzig-doppelzeilig
Einmal deinen Namen schreibst.

In dem Gleichnisschatz der Blüher
Ist von Lieb und Treu die Red,
Mit dem Hornkraut eines früher,
Seit Linné das Wappen steht.

Höchst verehrt hat dich der Angeln
König Heinrich Nummer vier,
Mags an Dichtern dir nicht mangeln,
Kommt auch noch ein Spruch von mir.

Denn der Minne Herzverschenken
Legt uns auf als höchste Pflicht,
Immerfort das Aug zu senken,
Murmelnd leis: Vergißmeinnicht!
 

 

89
 


OSTERLAND
Einst von Weida ausgegangen
Bist du frisch im Osterland,
Von der Burg, der festen, sangen
Lieder, froh auf Riff und Sand,
Nun soll wieder Ostern werden,
Daß der Herr im Fleisch ersteh,
Und der Himmel wird zur Erden,
Und zur Lust das Winterweh.

Leichte Hügel, Südens Boten,
Sind hier überall verstreut,
Wo die Osterfeuer lohten,
Sich der Lenz im Herz erneut,
Dieses Land ist ganz am Wege,
Denn nach Osten geht es weit,
Darum brauchts besondre Hege,
Denn begrenzt ist unsre Zeit.

Dieses Land ist Pfeil und Sehne,
Vorhut, Horn und Halali,
Daß sich aus dem Fenster lehne
Stets der Punkt auf unserm I,
Selbst die Elster heißt die Weiße,
Diebin nicht noch scharf auf Putz,
Und so wahr ich Lammla heiße,
Braucht die Orla solchen Schutz.
 

 

90
 
Wo von Reuß die ältre Linie,
Greiz, so oft schon abgebrannt,
Hartholz wie vom Stamm der Pinie
Liebt der Mann in diesem Land,
Auch die Dichter müssen werken,
Das es nicht den Brauch verletzt,
Denn man wird nur Verse merken,
Die mit Müh und Tat gesetzt.

Härter muß das Vogtland fechten
Als das süße Oster-O,
Doch die Warte sind im echten
Auf der Höh und herzensfroh,
Soll dir lang die Aue frommen,
Wo du der Arnshaugker bist,
Mußt du immer wiederkommen,
Weil der Schirm im Osten ist.
 

 

91
 
 

 

 

 




MARONE UND MORCHEL





»Die Pilze in den Wäldern
Erglommen grün vor Gift,
So leuchtete den bäldern
Gezeiten aufgeschriebne Schrift:
Auf Holz, auf Stein, auf Rinde
Von glühnder Hand, kaum leserlich,
Stand aller Kreaturen Sünde,
Daß ich, die Tröstung missend, fast
vor Angst und Scham verblich.«

 
HORST LANGE       

 

 

 

95
 


IM ELBENHAIN
Gewittrig war der Tag und heiß,
Ein Regen fiel, jedoch nicht lang,
Die Wiese dampfte nebelweiß,
Die Buchen schwiegen schwarz und bang.

Wir traten in den feuchten Hag,
Der Dämmer gab uns gänzlich frei,
Viel Totholz auf dem Pfade lag
Und schien als obs kristallen sei.

Und wie die Schwärze tiefer sank
Und sog des Wandrers Tageshast,
Ein Holzstoß ward zur Marmorbank,
Ein Kreuzweg gar zum Eispalast.

Ich nahm ein Stück das glühte hell,
Auf dutzend Schritte klar zu sehn,
Am Rucksack trugs der Weggesell,
So war es leicht ihm nachzugehn.

Was war das für ein stummer Spuk?
Wie konnt solch kaltes Leuchten sein?
Der feuchte Stecken glomm und trug
Ein Kleid so unbeschreiblich rein.

Nicht nur die Helligkeit bezwang,
Die Linien strahlten fest und klar,
Grad so als ob im Untergang
Etwas erglömm, was niemals war.
 

 

96
 
Dies ist der Elben Hochzeitsstaat,
So feierlich, daß keiner spricht,
Das Aug, das ins Geheimnis trat,
Wird satt an diesem Zauber nicht.

Wer nicht Magie als Grund bemüht,
Der weiß am Holz das Pilzgeflecht,
Doch wenn das Wunder prunkend glüht,
Gibt der Verstand dem Glauben recht.

Es zeigt sich, daß der Märchentraum
In jede Götterferne ragt,
Drei Schritt vom Tag im Haine kaum
Wir dir vom Vorzeit-Glanz gesagt.

Wenn Pilzen eignet solche Macht,
Dann wundert dich in diesem Dom,
Daß Dichters Wort nicht oft gedacht
Dem blütenlosen Erdengnom.

Das Volk, dem Dichter stets voraus,
Namt traulich und recht oft mir Graun,
Und teilt wie selten Schätze aus –
Wer wagte da nicht hinzuschaun?

Doch eh ich in die Wälder tret,
Die orchestriert wie niemand sunst,
Geh von der Wiese mein Gered,
Damit sich üb die hohe Kunst.
 

 

97
 


CHAMPIGNON
Brachpilz mit beringtem Stiele,
Samtne Kappe, hell und stramm,
In der Aue fand ich viele,
Die da gleich dem Himmelslamm,
Hilfreich dient er stärkren Reizen,
Lob ich dem Bescheidnen sing,
Auch der Schlemmer muß nicht geizen,
Setzt er auf den Angerling.

Viele seines Ordens Treue
Sind uns angenehm und recht,
Daß nicht Peinigung und Reue
Folgen, wo man herzig zecht,
Ob am Fuß die Scheide schiller
Und Lamellen ungebräunt,
Prüf, sonst gilt der Wulstling-Killer
Eßbar für der Einfalt Freund.

Auch die Dünste vom Karbole
Sind ein Fingerzeig für Pein,
Leuchtet aus zerschnittner Sohle
Chromgelb, laß die Beute sein,
Auch im Reiben der Lamellen,
Spürt die Nas das Giftgebräu,
Drein die Forscher Totes stellen,
Daß es nicht die Fliegen freu.
 

 

98
 
Hast du dies Geheiß studieret,
Das dem Pilzfreund Einmaleins,
Nimm, was deine Wiesen zieret,
Rosig, froh des Sonnenscheins,
Hier gilt kein Gebot zu sparen,
Keiner Schonung Sorg und Muß,
Denn im Reich der Erdgeist-Scharen
Herrscht noch immer Überfluß.

Dick und fleischig dem Entdecker,
Kuglig jung und reifer Schild,
Wie er folgt dem Sonnen-Wecker
Sei für dich des Geistes Bild,
Der in Schüben schafft und Ringe
Bildet, die die Hexe mag,
Wo er prunkt, sei guter Dinge,
Denn gesegnet ist der Tag.
 

 

99
 


PRÄCHTIGER SAFTLING
Ritterling im Scharlachhut,
Trocken und mit tiefem Ton,
Bauchlamellig, gelb beschuht,
Stehst als Magerwiesensohn,
Leuchtend auf der kargen Trift,
Keglig oder rund gesandt,
Scheinst du mir das Horn der Hift
Und der Rutschhang-Olifant.

Sauer ist dein Tummelfeld,
Wo die Wanderschäferei
Sich dem gelben Gras gesellt
Und der Weißklee kaum dabei,
Horstend auf orangem Stiel,
Zeigt die Tama ihre Pracht,
Büschelig mit manch Gespiel
Heimelt uns die Königstracht.

Dies ist der Gesang der Weid,
Wie der Heiland kam im Stall,
Wächst in ausgezehrter Breit
Mancher hoffnungsfrohe Fall,
Darum ist ein Narr, wer stets
Ruft nach Dung und Mineral,
Denn im Reich der Nöte gehts
Kürzer oft zu Heil und Gral.
 

 

100
 
Besenheid und Borstgras stehn,
Roten Stengelmoosen froh,
Oft als kündende Ideen
Vor dem Leuchter von Bordeaux,
Wer den Pilz getrocknet hat,
Nennt ein Wunderstück die Luft,
Denn im Kreis der Sporenstatt
Streichelt uns der Honigduft.

Solchen Saft und solchen Prunk
Bringt kein Alchymist zustand,
Keiner Blüte Nektar-Trunk
Je zu solcher Würde fand,
Also sollst die Sporen sehn,
Die Verwandler höchster Klaß,
Immer nach dem Pilz zu gehn
Aug und Mut zur Wiese laß.
 

 

101
 


WEISSER ACKERLING
Auf der Weide und am Rain
Leuchtest du in reinem Weiß,
Manchmal reißt die Deckhaut ein,
Ist die Sonne gar zu heiß.

Die Lamellen grau bis braun,
Manchmal auch mit lila Stich,
Mild und würzig um Vertraun
Werbend seh ich freudig dich.

Zwar bist du nicht so geschätzt
Wie Verwandtschaft der Provence,
Aber wer dich hingesetzt,
Habe Dank ob dieses Fangs.

Pulvre ich den Sporenstand
Grüßt ein tabakfarbnes Mehl,
Dem ich herb und urverwandt
Meine Neigung nicht verhehl.
 

 

102
 


MILCHWEISSES SAMTHÄUBCHEN
Mitten auf der dichten Wies,
Da so manchen Tieres Grütz,
Buckelst du zur Zipfelmütz
Pickelfreies Knabenvlies.

Manchmal cremig, ockernd auch,
Gar bisweilen faltig streng,
Schmiegen sich Gefährten eng
An den hutbestülpten Schlauch.

Unten knollig, schwach vernarbt
Mit der Krume schwarzem Schmand,
Scheint die Schar so eng verwandt,
Und nicht so, als ob sie darbt.

Nicht beschädigt sei der Stab,
Den allein ein Grobian rupft,
Der mit Milch die Flur betupft,
Träumt die Welt in diesem Knab.
 

 

103
 


PUPPENKERNKEULE
Leuchtorange im Grün der Wiese,
Zwerg mit tödlicher Magie,
Auf dem Weg zum Paradiese,
Fehlts an Fallenstellern nie.

Einer Raupe Eiweißschätze,
Die für Falterschwingen Maß,
Fingen sich im kleinsten Netze,
Da sie eine Spore fraß.

Fäden schlängeln aus der Puppe,
Die der Weidner jung gehetzt,
Den versorgt die Fesselgruppe,
Der Millionen Klingen wetzt.

Keule von Gestalt und Wesen,
Mumienfresser, Töterschwamm,
Sind die Flügler Plag gewesen,
Wächst der Schmetterlinge-Damm.

Also ist dem Überflusse
Stets ein Bremser hart gesellt,
Denn den Jäger reizts zum Schusse,
Übervölkert sich die Welt.

Solche Kraft war den Chinesen
Medizin und grade recht
Als ein kräftespendend Wesen
Muskeln, Blut und Mannsgeschlecht.
 

 

104
 


MEHLTAU
Kardinalrot, Blendweiß, Ocker,
Mischt das Pilzreich frech ins Grün,
Aber auch als Farbenblocker
Dürfen Pilze sich bemühn.

Zügle wer den dreisten Freier,
Der umwallte dichten Schocks
Das Geblüm, das unterm Schleier
Niemand mehr erkennt als Phlox.

Eifersüchtig hat der Sieger
Seine Braut dem Aug getarnt,
Daß das Volk der Blütenflieger
Werd von Buntheit nicht umgarnt.

Doch auch er, der Farbenhenker,
West allein zu Gottes Lob,
Unvermittelt wird zum Schenker,
Wer sich übers Rot erhob.

Manchem der Marienkäfer
Sind des Mehltaus Schätze gut,
Und wie gerne singt der Schäfer
Vom belebtem Tropfe Blut.

So stellt Judas sich dem Heile
Wie die Engel vor dem Thron,
Drum trau nicht dem Spiegelteile,
Denn du ahnst nicht Preis und Lohn.
 

 

105
 


SCHOPFTINTLING
Jung begehrt, die Kappe rötlich,
Wer dich erntet, eilt zum Mahl,
Warten ist der Freude tödlich --
Denn wie bald schon wirst du schal!

Tintig wirst du dich verbluten,
Denn was uns ergötzt, ist dir
Ein entbehrliches Vermuten
Und die lächerlichste Zier.

Deine Sporen zu verbreiten
Stehst du auf und blickst dich um,
Keine Jugendeitelkeiten
Machen deinen Auftrag dumm.

Fadenwurm, der den Extremen
Trotzt, selbst kosmisch kaltem Sud,
Muß sich deiner Macht bequemen
Und du tust dich an ihm gut.

So bist du dem Starken Falle,
Weil verwundbar jede Haut,
Bis uns im Posaunenschalle
Einst der Herr in Nacktheit schaut.
 

 

106
 


RIESENBOVIST
Ob dus bist, ist niemals strittig,
Denn dir gleicht kein andres Ding,
Und am liebsten steh ich mittig,
Wo dein Volk mich grüßt im Ring.

Hexenhaft sei diese Freude,
Meint man und ein bös Gespreiz,
Daß der Teufel so vergeude,
Paßt mir nicht zu seinem Geiz.

Riese, der drei Fingerspannen
Füllt mit Sporen ohne Maß,
Jung trug ich dich gern von dannen,
Daß ich dich gebraten aß.

Calvacin, das lederhäutig
Wird bewahrt ganz ohne Stiel,
Sagt mir, Lebenskraft erbeut ich,
Und der Krebs verliert das Spiel.

Majestätisch und voll Segen,
Obzwar älter nach Urin
Riechend, mögst du meinen Wegen
Treu sein, die durchs Offne ziehn.
 

 

107
 


PARASOL
Iglu, Kohte, Jurte, dann
Wird das Zelt zum flachen Kreis,
Wer die schlichte Form ersann,
Kennt die Sonne hart und heiß.

Eh der Schirm sich aufgespannt,
Sagt sich jedes Maß der Hut,
Daß sich öffnen Brust und Hand,
Heißt das Augengold dem Blut.

Wer den Buckel schenkt dem Wind
Und das Halstuch flattern läßt,
Zeigt ein Herz, das schutzlos minnt,
Nur im Ständer keulig fest.

Herbstlich ist gestimmt und mürb
Haselnußne Haut, die reißt,
Hohler Stiel, der, daß er stürb,
Alle Sorge von sich weist.

Sonnig sein ist Altersglück,
Ernte in der Scheuer liegt,
Denn wer jung, der hält zurück,
Wer gereift, der fließt und fliegt.
 

 

108
 


HALLIMASCH
Was die Wanen mit den Asen
Rangen, gilt uns meist Kultur,
Ackerbau und Kämpferrasen,
Blütenkranz und Schützenschnur,
Doch der Weltenkreis ist größer
Als des Menschen Glück und Leid,
Und die Maus erfährt vom Stößer
Erst, wenn sie dem Tod geweiht.

Mit dem Königtum des Leuen
Sei dem Heros, was da kreucht,
Aber die Verschwendung scheuen,
Sammeln sich im Mondgeleucht,
Was wie Schilf und Heidelbeere
Braucht nicht Trennung sich zu mehrn,
Neidet keinem Tier die Ehre,
Andre Tiere zu verzehrn.

Alt dreitausend Menschenalter
Ebenviele Morgen weit,
Ist der Eich für ihn ein Falter
Und ein Knopf am Wadenkleid,
Der verachtet Zahn und Krone,
Ohr und Auges Lichtgehasch,
Sagt sich landesweit im Klone
Mit dem Namen Hallimasch.
 

 

109
 
Daß der Mensch dem Hinterteile
Gab die Patenschaft zum Nam,
Zeigt, daß seiner Welt der Eile,
Alles Stumpfe Schweinekram,
Doch der alte Dunkelfinger,
Spießt da heiter und gewitzt,
Und beschämt so manchen Springer,
Weil sein Hort viel mehr besitzt.

Mähst du Gnome mit der Sense,
Triumphierst du bloß im Licht,
Grade wie am Trog die Gänse,
Dens an anderm Sinn gebricht,
Unter Tag und auf der Halde
Breitet sich sein Rhizomorph,
Seiner Herrlichkeit im Walde
Gilt dein Reich als kleines Dorf.

Deinen Herd und deine Sonne,
Hat der stille Held nicht not,
Nicht nach Klafter oder Tonne
Mißt sich sein gebacknes Brot,
Sprachlos macht sein kaltes Leuchten,
Ehern prunkt, der leicht und lasch,
Der ein Gott im Waldesfeuchten
Mit dem Namen Hallimasch.

Was wir wissen, was mir schmecken,
Ist ein Nagel ihm am Zeh,
Jagdlärm und Gebell erschrecken
Nie im Traum die Waldesfee,
 

 

110
 
Der die Großen wie die Schwachen
Angreift und zu Licht verglüht,
Weiß den Zauber selbst zu machen,
Drin die Blüte erst erblüht.

Wo der Borkenkäfer Wunden
In die Rinde kerbt dem Baum,
Dauerts ein paar feuchte Stunden,
Denn die Hyphen zögern kaum,
Brombeer, Rebe und Kartoffel
Kommen in die zweite Wahl,
Eine Palme schmäht ein Stoffel,
Nahrung gibts hier allemal.

Was er abzweigt aus den Stämmen,
Galeola mags beblühn,
Nymphe, die ihr Haar zu kämmen,
Schätzt das Braune vor dem Grün,
Kennt der Souverän nicht Sorge,
Kümmerts nicht, daß jemand nasch,
Denn der Herr ist, daß er borge
Mit dem Namen Hallimasch.
 

 

111
 


BLAUENDER KAHLKOPF
Ein Rarer in der Zunft der Holzverzehrer --
Wer lederbraun und überdies noch klebt,
Der findet nicht durch Augenschein Verehrer,
Weil unsichtbar er seine Schleier webt.

Nicht jeder wird es ins Gesetzbuch schaffen,
Verfolgt zu sein, ist manchem höchster Schmuck,
Mit Eselsohren wird der Fürst zum Affen,
So grausam schlägt nicht nur der kleine Muck.

Der Kahlkopf weiß wie Rumpelstilz zu brauen,
Und zaubert für Grimassen das Skalpell,
Er läßt uns einer Schattenseite trauen,
Die nicht bekümmert, was da draußen bell.

Auch der Geruch ist dumpf und ohne Weihe,
Er wirbt nicht für die Schätze, die er hegt,
Doch daß der Himmel ihm ein Stückchen leihe,
Hofft jedes Tier, das nur am Boden lebt.

Wer fliegen will, der sollte aber wissen,
Die Wächter sind so zahlreich wie das Gras
Und wissen, daß nur zeitweis ausgerissen,
Wer unerlaubt von Zauberpilzen aß.
 

 

112
 


MÄRZSCHNECKLING
Wenn Schnee von Feld und Hügel weicht
So folg dem Eichhorn ins Gerott,
Durch Laub und Nadeln ist nicht leicht
Zu schaun der schieferdachne Gott.

Er wölbt sich wohlig, eingerollt
Ist stets der Rand des trocknen Huts,
Der Stiel weiß nie, was grad gewollt,
Und krümmt und dickt sich wechselmuts.

Lamellen, wächsern und verzweigt,
Umgehn den Druck des Stiels geschickt,
Er zögert lang, daß er sich zeigt,
Zur Unzeit in die Welt geschickt.

Zwar heißts, die Jahreszeit besticht
Die Zunge auch, die wintermürb,
Doch mancher nennts sein Leibgericht,
Beteuernd, daß er dafür stürb.
 

 

113
 


KAHLER KREMPLING
Höchst allgemein und allem fein,
Obs sauer oder kalkig geht,
Er wächst im Park, im Moor, am Rain,
Wenn nur ein Baum zugegen steht.

Hainbuche oder Hängebirk
Bevorzugt er, doch Kiefernwald
Und Fichten sind ihm kein Bezirk,
Daß er sich nicht zur Pracht entfalt.

Gedrungen erst, bis flach der Hut
Sich schließlich wie ein Trichter stellt,
Die Umbra-Deckung taugt ihm gut,
Wenn ihn der Ockergelbe hält.

Der Filz verkahlt bis auf den Rand,
Der oft sich einrollt, schmiert und schleimt,
Er weiß, daß ihm die Sonne strahlt
Und daß sich alles auf ihn reimt.

Ist er auch häufig, laß ihn stehn,
Die Gifte zwar das Kochen merzt,
Doch trägt der Gnom ein Antigen,
Das fährlich mit dem Magen scherzt.

Der Frost vertreibt ihn aus dem Licht,
Wenn der Oktober uns verläßt,
Bis dahin doch bleibt dies Gedicht
Für manchen Tag ein Augenfest.
 

 

114
 


AUSTERNSEITLING
Der Winterpilz im Buchentann,
Der dichte Büschel treibt am Ast,
Trägt Schieferstaub auf jedem Mann,
Der weißer als das Einhorn fast.

Erst Muschelrund, dann Pferdehuf,
Wächst eine Schar zum Heere auf,
Den Stiel der Herr dem zottig schuf,
Wo eine glatte Zunge drauf.

Auch Menschenwerk dient ihm als Hort,
Auf Stroh und Weizen findt er Platz,
Er wuchert auf Papiernem fort
Und mag sogar den Kaffeesatz.

Drum ist es manchem gut Gewerb,
Daß er das Fruchtfleisch zücht und mehr,
Daß dies sich dabei anders färb,
Den Schlemmer kümmerts nicht so sehr.

So kommt der Allverwerter frisch
Vom Abfall zum Gemüsemarkt,
Und würzt den königlichen Tisch,
Der ihm die Herkunft nicht verargt.
 

 

115
 


FRAUENTÄUBLING
Der Stiel bricht wie ein Apfel bricht,
Ich gleich der Hesperiden denk,
Doch ists ein Ding zum Zanke nicht,
Dazu ists Weiß zu rein und schlicht,
Ein wahrhaft himmlisches Geschenk.

Dies geb ich meinem Schatze her,
Es riecht recht fein nach Obst und Nuß,
Der Hut färbt sich verschieden sehr,
Der Stiel macht jedem Reinweiß Ehr,
Das ich an ihr so lieben muß.

Der ist ein Pilz, der nur der Frau
Gewidmet sei für alle Zeit,
Er zeigt sich in solidem Bau,
Doch ich im Weiß kein Gran erschau,
Das fleckt die hochgeborene Maid.

Solch Preisen wäre Tölpelei,
Sagt wer und macht die Frauen schlecht,
Doch wenns auch größte Torheit sei,
Ich bleib zu solchen Liedern frei
Und weiß mich unbedingt im Recht.
 

 

116
 


MARONE
Marone, du, am Wurzellauf der Lärchen,
Und auch zuhaus im alten Fichtenhaine,
Frau Holle brachte dich aus ihren Märchen,
Bist du im Korb, beflügelst du die Beine.

Kastanienbraun wies Haar von meinem Schatze,
Wohl dem, der hell dich noch darunter fände,
Unwiderstehlich wie der Fisch die Katze
Lockst du mich ins zerklüftete Gelände.

Die Röhren sind von cremegelb bis zitronen,
Im Alter wie Oliven oder Hopfen,
Die Maden schätzen ebenso Maronen,
Darum empfiehlt sich, erst mal anzuklopfen.

Der Stiel erinnert an die Wurst im Darme,
Oft bauchig oder knollig und gebogen,
Du tarnst sich oft im fast verschämten Harme,
Jedoch die Anmut hat kein Buch erlogen.

Dem Hain, der uns am Hange nach Steinbrücken
Seit alters weiß die Pfade zu verschlingen,
Gelangs mir oft auch ohngeacht der Tücken
Die fesche Braune Kappe abzuringen.

Und wär von Wünschen einer mir, ein tollster,
So wüchsest du mir aus zum Überflusse,
Ich lebte wie ein Wurm in deinem Polster,
Und wüßte nichts von Wald und Welt am Schlusse.
 

 

117
 


PFIFFERLING
Klein, pfiffig, und vom Ei allein das Gelbe,
Knopfhut und Trichter, der den Stiel vernutet
Mit Leisten, deren Formung nie dieselbe,
Viel Sammlervolk wird diesem zugemutet.

In unserm Land warst du einst reich zu finden,
Doch Schwefeldämpfen bist du nicht gewogen,
Auch wagt Ozon die Sporen dir zu schinden,
Deshalb hast du dich weit zurückgezogen.

In Osteuropa, wo dem Schmutz der Gose
Entgegenstehn noch menschenleere Weiten,
Wo schütter stehen Gräser, Stauden, Moose,
Ists dein, dich mit Geschwistern auszubreiten.

Wo man geschlachtet Wiesel, Luchs und Otter
Und man sogar zum Wald reist mit Motoren,
Paßt nicht mehr recht dein lebenspralles Dotter,
Und auch der Dichter hat hier nichts verloren.
 

 

118
 


SCHÖNFUSSRÖHRLING
Als Heimat neigst
Den Bergen zu,
Den Abend zeigst
Knapp überm Schuh,
Halbkuglig bleibt
Im Alter auch
Der Hut, beleibt
Der rote Bauch.

Wie Lehm so braun
Und Milchkaffee
Ist anzuschaun
Dein Elysée,
Ihm lange dien
Zu Spott und Gruß
Ganz in Karmin
Der schöne Fuß.

Der samtne Filz
Wird speckig glatt,
Weil auch der Pilz
Ein Alter hat,
Wie uns das Haar,
Verweht dein Samt,
Daß werde klar,
Woher der stammt.
 

 

119
 
Du stehst allein
Und ohne Feind,
Weil keiner dein
Zu brauchen scheint,
Der Schlemmer mag
Kein bittres Mus,
Drum bleibt im Hag
Der schöne Fuß.

Dein Abendkleid
Ist mir Symbol
Für Einsamkeit,
Vergessenswohl,
Und deine Pracht,
Die niemand schätzt,
Steht für die Nacht,
Die kommt zuletzt.

Wärst du nicht streng
Der Gaumenfreud,
Es würde eng
Für dich noch heut,
Auf daß wer schreibt
Den Jammer-Blues:
Wo immer bleibt
Der schöne Fuß?
 

 

120
 


STEINPILZ
Steinpilz, im Jagdrock der König,
Herr, den die andern nur mimen,
An deine Größe gewöhn ich
Nie mich, doch wird sie dir ziemen.

Festigkeit macht dich zum Stemmer
Allem, was sonstwie geschaffen,
Götter bedürfen der Hämmer,
Und sie bedürfen der Waffen.

Du aber herrschst aus dir selber,
Zeigst dich mit Prunkband am Saume,
Werden die Röhren dir gelber,
Triffst du den Dichter im Traume.

Netzstrumpf, der weiß und erhaben,
Streckt sich bis unter die Kappe,
Grüßt uns mit Rauten und Waben,
Daß sich der Frevler ertappe.

Stolz, der zu bluten verhütet,
Hindert bei Bruch oder Messer
Alles, was wehklagt und wütet,
Denn du verachtest den Fresser.
 

 

121
 


STOCKSCHWÄMMCHEN
Spitzgebuckelt, dünnes Fleisch,
Bräunlich gelb und fettig kahl,
Schuppenstiel, beringten, heisch,
Denn er würzt dein Sonntagsmahl.

Nie allein und stets im Trupp,
Fehlts dem Zarten nicht an Kraft,
Wartet doch die Sporengrupp,
Daß da wieder Holz erschlafft.

Wo sie siedeln, sehrt dein Schnitt
Das Myzel nur äußerlich,
Was in ihre Hände glitt,
Das behalten sie für sich.
 

 

122
 


ZUNDERSCHWAMM
Sind die meisten Sporenstände,
Die im Licht das Auge grüßen,
Eine Vierteljahresspende,
Um das Prunken dann zu büßen,
Reiht der Zunderschwamm Triumphe
Auf den Baumstamm in Konsolen,
Bricht die Krone ab vom Rumpfe,
Hälts den Pilz noch lang im Wohlen.

Dickwandporen, Wachstumsschübe,
Mit dem Wetter gehn die Moden,
Wird dem Baum das Leben trübe,
Stürzt er letztlich ganz zu Boden,
Dies ist für den Architekten
Nur ein Grund, sich scharf zu drehen,
Weil die Schichten, die versteckten,
Immer gern zur Erde sehen.

Einst hat man den Pilz gesammelt
Und von ferne hergetragen,
Nicht aus Mitleid, weil vergammelt
Jeder Baum bei solchen Plagen,
Mit Urin und mit Salpeter
Ward gegerbt der Fund zum Zunder,
Daß er ohne viel Gezeter
Funken mach zum Flammenwunder.
 

 

123
 
Auch zu Westen und zu Kappen
Ward genäht aus diesem Stoffe,
Auf die Wunde Zunderlappen,
Daß man Heilung sich erhoffe,
Was der Pilz in vielen Jahren
Hat gewebt und aufgeschichtet,
Hat Verwendung viel erfahren
Oder ward mit Nutz vernichtet.

Heute gibts den Zundelmacher
Nur in Ländern magrer Güte,
Daß er westwärts sie verschacher,
Macht er Taschen, Deckchen, Hüte,
Und der Pilz ist nur noch schädlich,
Der einst brachte Mark und Heller,
Der als witzig galt und redlich,
Ist nur noch ein Bäumefäller.
 

 

124
 


NETZSTIELIGER HEXENPILZ
Ein schöner Pilz, wildledermatt --
Warum der wohl den Namen trägt?
Heimtücke er gar nirgends hat,
Wie mans auch hin und wider wägt.

Daß er sich bläut bei hartem Druck,
Sieht ein, wer mal bei Kneipenkrach
Versäumte, daß er rasch sich duck,
Und nächsten Tages seufzte: Ach!

Man muß ihn schmorn, daß er Genuß,
Das ist die Regel ehr im Reich,
Und eh er Schimpf noch leiden muß,
Nehm ich ihn jetzt nach Hause gleich.
 

 

125
 


RIESENRÖTLING
Wer stattlich steht und seidig glänzt,
Der spricht: Der Henker geht in weiß.
Der Hexenring, der so begrenzt,
Erzählt dir was vom bösen Fleiß.

Von silbrig über braun, oliv
Schattiert er sich und steht und grinst,
Wenn dich der Mehlgeruch beschlief,
So glaub, daß du nie wieder minnst.

Er saugt kein Wasser, denn er weiß,
Die Dichte macht den spitzen Pfeil,
Der Warnduft macht grad manchen heiß,
Der in der Nacht sucht Trost und Heil.
 

 

126
 


SCHLEIEREULE
Buche, Hasel oder Eiche
Mag die Dame, die es warm
Findet, wo da Kräuterreiche
Winden ihren Schmusearm.
In kulturfern Kalkgemengtem,
Knollen-Krepis an der Säule,
Steht mit violett verhängtem
Hut die junge Schleiereule.

Ehr im Süd als auf der Heide,
Wo die Wege grad und lang,
Daß sie kein Getrampel leide,
Zog es sie zum Alpenhang,
Der September ist ihr Pate,
Stehn in Waage Fön und Fäule,
Dann erscheint mit großem Staate
Manchen Orts die Schleiereule.

Eh der Hutrand runzelnarbig,
Finde sie mit Schwestern viel,
Die sich reckt und kupferfarbig
Aufgibt das Versteckensspiel,
Wo sich Fuchs und Has begrüßen,
Halt der Kutscher an die Gäule,
Denn, die Einsamkeit zu Füßen,
Prunkt der Hof der Schleiereule.
 

 

127
 
Zart und fest ist sie dem Schmauser,
Lila, wenn sie jung und fesch,
Frag am besten Kaspar Hauser,
Eh ein Doktor Phrasen dresch,
Wo bei Dorn und Kiebitzschreien
Unnütz Kratzer nicht und Beule,
Denn nicht alle Sammler freien
Irgendwann die Schleiereule.

Wenn die Gletscher wieder wachsen
Und die Ahornpracht verfällt,
Sollst du nicht mehr nach ihr kraxen,
Denn sie stieg zur Unterwelt,
Schwingt mit letztem Prunk der Blätter
Der Oktober seine Keule,
Ging gehorsam Wind und Wetter
Aus dem Licht die Schleiereule.

Dies soll keinen Freund verdrießen,
Denn die Sporen flogen aus,
Die den Raum des Augs verließen,
Bauen schon am nächsten Haus,
Nicht der letzte aller Sommer
Ging mit Gram und mit Geheule,
Also bringt der Wiederkommer
Auch das Reich der Schleiereule.
 

 

128
 


STINKMORCHEL
Dies ist ein Pilz fürs Aug allein,
Die Nase schon von weitem scheut,
Allein die Fliegen finden fein,
Was dieser Sporenträger streut.

Das Hexenei, dem er entsprießt,
Taugt wie ein Rettich zum Genuß,
Doch wenn daraus die Rute schießt,
Böt jedes Kosten bloß Verdruß.

Ein steifes Glied, das ädrig prall,
Die Gleba, schwarzgrün draufgeschleimt,
Spricht allzudeutlich vom Verfall,
Daß sich das Aas dem Argen reimt.

Er protzt mit seiner Männlichkeit
In Farben Tods und Totenkleids,
Wer solcherart nach Orgien schreit,
Nur seinesgleichen Minne heiz.

Daß er uns Amors Schmutzgesicht,
Ist vielleicht dumm und ungerecht,
Doch ihn stört die Verdammnis nicht,
Denn die Geschäfte gehn nicht schlecht.

Drum laß ihm neidlos die Domän,
Darin er ohnegleichen stinkt,
Es gibt doch mancherlei zu spähn,
Daraus dir größre Eintracht winkt.
 

 

129
 


SATANSPILZ
Der schönste ist kein frommer Hirt,
Der Prunk gebiert den Übermut.
Wer wie ein Schaf gefressen wird,
Trägt karger Weste, Rock und Hut.

Der roten Poren Flammgesicht
Gemahnt an des Empörers Glanz.
Wer fußgroß von Behagen spricht,
Der kugelt sich und sagt: Ich kanns.

Die Huthaut, grau wie Schotterstein,
Erst filzig haarig, später kahl,
Sorgt wohl, daß nicht ein Kindskopf rein
Grad platze in den Schlemmersaal.

Netzstrümpfe trägt er leuchtend rot
Auf Gelbem, pornographisch prall,
Er fragt nicht, ob dies grad in Mod,
Er weiß, er war noch stets am Ball.

Er lockt, obgleich sich selbst genug,
Den Korb füllt er wie keiner ganz,
Doch wer ihn fröhlich heimwärts trug,
Tobt bald den Leib- und Magentanz.

Die Bosheit, die er uns beschert,
Ist häufig, doch nicht ohne Gnad.
Es bleib der Prächtige geehrt,
Der allem anderen zu schad.
 

 

130
 


TOTENTROMPETE
Die Engel, die den Thron umstehn,
Trompeten stets mit Sonnengold,
Der Mensch muß auf den Taler sehn,
Drum tönt ihm gelbes Messing hold.

Die Toten freilich farbentwöhnt,
Wo Erde nachtet, schattet, fahlt.
Wo ihre Heimelbotschaft tönt,
Wird niemals Grau mit Licht bemalt.

Sie schieben rußig und befilzt
Durchs Wirtsbaum-Laubicht die Mensur,
Doch wenn du sie belauschen willst,
Gehorche nicht dem Gaumen nur.

Sie haben keinen Plunger not,
Das Schrille fiel mit Licht und Hast,
Wem so viel Schweigen wie dem Tod,
Dem kehr das Ohr zur Beule fast.

Gleichwohl die stille Weisheit ernt,
Wer sich vor solchen Wesen beugt,
Das Dunkle findet goldbesternt,
Wer nicht allein ins Helle äugt.
 

 

131
 


WOLLSCHWAMM
Der Farbe Weiß, dem Einhornfell,
Sind Milch und Wolle erste Wahl,
Die Schale, prall und morgenhell,
Schwappt wie ein Fön im Auental.

Doch dies ist keine Mutterbrust,
Denn wird die Milch dem Samt entlockt,
So ist sie scharf und bar der Lust,
Eh sie sich grau und grün verflockt.

Nicht jedes Zeichen, das wir kürn,
Muß halten, was wir dreist erhofft,
Und wo die Augen uns verführn,
Verzieht sich doch die Zunge oft.
 

 

132
 


ZIEGELROTER RISSPILZ
Die Farbe Rot, die selten rein
Sich offenbart im grünen Grund,
Den Früchten schafft sie Reifeschein,
Die Blüte zeigt sie weit und wund.

Der Ziegel sagt dir traulich rauh
Das Dorf der Gotteskinder-Schar,
Jedoch den Pilz kennst du genau,
Und schaust die Kralle stets im Aar.

Obstartig duftet er dir jung,
Dann wird er dumpfer und obszön,
Sein Gift ruft nicht nur Dämmerung,
Er mag den Blitz und Sturmesbön.

Im Fliegenpilz ward Muskarin
Zuerst entdeckt, zweihundertfach
Ist dem die Raserei verliehn,
Der sie kredenzt im roten Dach.

Manch einer wurde blind und toll,
Manch einem zogs die Kehle zu,
Drum Achtung stets dem Gnome zoll,
Er steht nicht leicht auf du und du.
 

 

133
 


BRONZERÖHRLING
An Wasserspeiern, Glocken, Gittern,
An Obelisken, die verwittern,
Wo Kupfer uns die Zeit verbirgt,
Erscheint organisch dir gewirkt
Das moosig milde Omega
Mit wundersamer Patina.

Welch Glück wenn dieses Matt-Gefunkel
Ein Wiedersehn im Waldesdunkel
Beschied dir auf dem strammen Pilz!
Bei solcher Parallele gilts
Zu loben, was dem Aug geschah
Mit wundersamer Patina.

Wildledrig zart und fein geschustert,
Grüßt dich der Mandarin, gemustert
In allen Reifetönen Brauns.
Da gibt es kein Genug des Schauns!
Er lacht, vor allem Anfang da
Mit wundersamer Patina.

Was wunderts, daß in unsre Schrunde
Nur selten wagt sich solche Kunde,
Wo Holdes spricht in fremder Sprach,
Die Waage wie das Lot zerbrach?
In Tränen fließ, wer solches sah
Mit wundersamer Patina.
 

 

134
 


FLAMMENSCHWEIF
Ein Drache nur dem Namen nach,
Ist klein ehr seine Teufelei,
Doch was der Wind vom Baume brach,
Umwindet er und machts zu Brei.

Im Laubicht züngelt reinstes Rot
Mit aschnem Saum, das filigran
Grad in der ärgsten Nässe loht
Und zeigt, daß die Gestalt ein Wahn.

Im dunklen Hag kein Blühen reckt
Den Kelch so fein und taumelzart,
Dem Sensenmann er Weiser steckt,
Daß trostlos nicht die Höllenfahrt.
 

 

135
 


EICHENGLUCKE
Sag, wer hat sie so befehdet,
Daß sie ohne Ständer redet,
Flach bleibt, daß sie fest sich ducke
Und sich tarn als Eichenglucke?

Sag, wer ist so traumverloren,
Keiner Lichtgestalt erkoren?
Wer litt so am Weltendrucke,
Daß er schmolz zur Eichenglucke?

Wer hat sie so hingeworfen,
Daß er diesen Eich mit Schorfen
Als verachtenswert bespucke?
Wer schläft in der Eichenglucke?

Rühre nicht an diesem Schlummer,
Denn seit alters geht der Kummer.
Wer da büß und wer da mucke,
Weiß allein die Eichenglucke.
 

 

136
 


EICHHASE
Dieser Has ist nie allein
Und er wölbt im Wuchsverein
Der Gespielen Schar zum Haus
Üppig wie ein Blumenstrauß.

Krauses Büschel, fein verzweigt,
Das aus einem Stamme steigt,
Streckt die Hütchen, wellig dicht,
Und genießt als Volk das Licht.

Holz bewohnt die frohe Schar
Oft ein wenig abseits zwar,
Denn beim Nahrungsstrom der Art
Hilft der unterirdsche Part.

Also zeigen Kern und Kleid
Überall Geselligkeit,
Fruchtbar, daß auch keiner mault,
Wenn ich ernt eh was verfault.
 

 

137
 


GRÜNER KNOLLENBLÄTTERPILZ
Der Wulstling, der leere Versprechen
Nicht kennt oder lästiges Jucken,
Läßt Häupter, gekrönte, zerbrechen,
Und zeigt sich im Magen ein Rucken,
So bleiben doch anderthalb Wochen,
Daß gnadlos die Leber sich plage,
Dann läßt auch das Herz nicht mehr pochen
Der seidige Töter im Hage.

Das Pilzbuch zerbricht an der Stelle,
Wo er und der Totenkopf lachen,
Bekannt als der Fall aller Fälle,
Der Hölle geöffneter Rachen,
Wer wartet, wenn andere schmausen,
Kennt seine Geduld nicht am Tage,
Denn anderntags lehrt uns das Grausen
Der seidige Töter im Hage.

Ein einzelner reicht, um den ärgsten
Der Riesen zum Hades zu schicken,
Er schont nicht den höchsten und stärksten,
Er weiß jede Blüte zu knicken,
Er kommt über Nacht und er weidet
Sich an deinem Fluch, deiner Klage,
Denn stets revisionslos entscheidet
Der seidige Töter im Hage.
 

 

138
 
Dem Mörder im Feld und am Throne
Ist stets er verläßlich und billig.
Er flüstert: Du weißt, wo ich wohne,
Und wem du mich darbringst, den kill ich.
Das Gegengift selber im Kleber,
Doch niemals genug für die Lage,
Verspottet das Hirn wie die Leber
Der seidige Töter im Hage.

Er duftet wie Honig und süßer,
Schmeckt mild und nach herzhaften Nüssen,
Dann macht er den Schlemmer zum Büßer
Und badet in tränenden Güssen.
Der Schmerz darf noch einmal verhalten,
Doch wer sich nicht täuscht, der verzage,
Des Amtes vergißt nicht zu walten
Der seidige Töter im Hage.

Olivgrün genattert, die Knolle
In seidiger Scheide, kein Makel
Verrät, daß er haß oder schmolle
Und daß er gemeint im Orakel.
Und blieb auch nicht kleinste Manschette
Vom Velum, so ists keine Sage,
Wer anbeißt, den führt an der Kette
Der seidige Töter im Hage.
 

 

139
 


KLAPPERSCHWAMM
Buschhaft halbschrittbreiter Hort
Tänzer dem Japaner heißt,
Kaum bekannt mit deutschem Wort,
Zeigt er sich exotisch dort,
Wo er übersehn zumeist.

Filigraner Spachtelhauf --
Seitlich noch ein Hütlein zück!
Immer noch ein Stockwerk drauf,
Manche Büschel bringens auf
Dreißig Pfund in einem Stück.

Fäulnis heißt sein Los zuletzt,
Doch in China hatte wohl
Mancher Arzt auf ihn gesetzt,
Und was er bei Wunden schätzt,
War dem Volk ein Suppenkohl.

Heut gilt Forschern ausgemacht,
Daß er Krebs und Viren halt,
Wer wie er im Trüben lacht,
Weiß wohl manches von der Nacht,
Die ihm mütterlich im Wald.
 

 

140
 


TRÜFFEL
Knolle, die das Licht mißachtet,
Weil sie nachahmt Eberduft,
Wer nach Tierverdauung trachtet,
Mische Amors Schweiß der Luft.

Säue wühlen auf die Erde
Und die Sporen findens gut.
Zarter als die Schweineherde
Dies der Hund des Sammlers tut.

Auf Sardinien nutzt man Ziegen,
Auch der Bär grub welche aus,
In der Kalahari Fliegen
Suche drin ihr Larvenhaus.

Solchen Wegen nachzusetzen
Reizt den Menschen der Gourmet,
Trüffeln im Geschmack zu schätzen,
Ist ein teurer Brauch sei je.

Bei Franzosen, deren Zunge
Gilt seit alters als versnobt,
War der Handel groß im Schwunge,
Drum die Sau durch Eicheln robbt.

Doch die Ernten wurden spärlich,
Mit dem Raubbau Jahr für Jahr,
Also wurde schwer entbehrlich,
Was einst leichte Beute war.
 

 

141
 


KAISERLING
Alte lichte Eichenhaine,
Auch Kastanien sonnenwarm,
Liebt der Goldne, den ich meine,
Sei vergessen jeder Harm.

Seine ausgeprägte Scheide
An der Basis zeigt ihn an,
Der im Apfelsinenkleide
Höchste Köstlichkeit gewann.

Velumreste fehln am Hute,
Und der Stiel ist safranfarb,
Zeig ein Bild von diesem Blute,
Eh auch diese Art verstarb.
 

 

142
 


ÖLBAUMPILZ
Ohrling, der am Holze wohnt,
Röter als der Pfifferling,
Hast du schon bei Tag gelohnt,
Heller noch im Dunkeln sing.

Leuchten kannst du mehr und mehr,
Daß die Photoplatte hin,
Surrogate gibt nicht her,
Wems gemäß, daß man ihn minn.

Daß man eigne Leuchte schwing,
Gibts bei Meerbewohnern oft,
Käfer-Männchens siebter Ring
Mit Geleucht auf Weibchen hofft.

Doch ansonst im Trockenland
Kaumwer sich der Zunft gesellt,
Drum der Ohrling wird benannt
Als der Nabel dieser Welt.
 

 

143
 


HABICHTSPILZ
Der Federkleid des Habichts hat
Ihm seinen Namen zugesteckt,
Und auf lateinisch sagt man glatt,
Er sei mit Ziegeln zugedeckt.

Doch wer die Unterseite schaut,
Findt dieses Bild wohl allzu mild,
Als ob er auf Erde haut,
Reihn sich die Stacheln dicht und wild.

Als großer Lappen liegt er rum,
Genabelt leicht und jung recht fein,
Ein Brühen macht die Gifte stumm,
Im Alter soll er bitter sein.

Bei Fichten wohnt er grau bis braun
Und gern ein bißchen höhern Orts,
Ob mancher unkt, ihm ist zu traun,
So sagts dir hier der Mann des Worts.
 

 

144
 


KUHMAUL
So feucht und kühl fühlt es sich an,
Daß es dem Bauer angenehm,
Des gelben Stieles wegen kann
Man Gelbfuß sagen außerdem.

Der Unverstand tritt Füße drauf,
Weil die Lamellen nicht gefalln,
Doch nimm es in den Speisplan auf,
Es mundet wohl den Gästen alln.

Der Butterröhrling, erst gedacht,
Ists nicht und garstig scheint der Schleim,
Doch dies wird später feingemacht,
Drum trag es frohen Mutes heim.

Der Hut ist schokoladenbraun,
Orangegelb sich die Scheibchen ziehn,
Die Stiel verjüngt sich, weiß zu schaun,
Zitronengelbes füßelt ihn.

Das Kuhmaul ist nicht selten, doch
Auch das Gemeine lob und preis,
Die Welt enthielt ein großes Loch,
Gäbs nur die Sonne und -- das Eis.
 

 

145
 


BIRKENPILZ
Nicht klein und auch nicht riesenhaft,
Halbkugel-Hut, der dann verflacht,
Auf schlankem, schwarz geschupptem Schaft
Er hell bis rötlich graubraun lacht.

Die Röhren weiß und später grau,
Sie lösen sich recht leicht vom Dach,
Im Alter vorgewölbt und, schau,
Am Stiel sind sie gedellt und flach.

Das Fleisch ist weißlich, und beim Bruch
Entsteht kein Blut in schwarz und blau,
Sehr angenehm ist sein Geruch,
Beim Braten wird er dunkelgrau.

Da er das Wasser gern verschluckt,
Wird er bei Regen schmierig fett,
Drum sei er vorher ausgeguckt,
Nach solchem Mahl wirds warm im Bett.
 

 

146
 


FLIEGENPILZ
I

Wer Birken mag, liebt auch den roten Ritter,
Der ihr verschwistert bleibt in Wohl und Wehe,
Doch wo der Gnom tatsächlich sei und stehe,
Entrinnt dir meist wie ein Gedankensplitter.

Folgst du ihm ganz vom Scheitel bis zur Zehe,
Dem deliranten Rausch ist er Erbitter,
Bezeugt sind nicht berserkerhafte Zwitter,
Noch daß man selbst sich als Berauschten sehe.

Dies hat zur Folge, daß wir nichts mehr wissen
Vom Draußen drin, vom Drinnen nach Verlassen,
Und müssen alle Differenz vermissen,

Die uns den Rausch erst lieben läßt und hassen,
Denn diese unsre Saiten sind zerrissen,
Und rührst die falsche, muß sie gänzlich passen.
 

 

147
 


II

Der Fliegenpilz trägt böse Schmäh im Wappen,
Obgleich er steht für Glück wie Klee und Hufe,
Man fragt sich, wie er kam zu solchem Rufe,
Denn ungefährlich sind selbst größre Happen.

Als spei er Zorn, wie einst er vom Vesuve
Auf Pompeji fiel, die Seelen all zu schnappen,
Als hoffe er, das Lebensgarn zu kappen,
Stellt man mit Henkern ihn auf eine Stufe.

So heißt es, daß er taug für Ungeziefer,
Er sei im Wald der Morcheln und Maronen
Ein Eiterherd wie in der Hand ein Schiefer.

So seis, der Undank muß sich schließlich lohnen.
Der Rote schmiegt sich an die Birke tiefer,
Bis er vergißt, das ringsum Menschen wohnen.
 

 

148
 


III

Im Velum weiß, verträumt und eingesponnen,
Ahnt er noch nichts von Scham und Liebesröte,
Und wenn man wem ihn so verschleiert böte,
Er hielte dies für einen Jungfern-Bronnen.

Wer sagt dem Kind, es schon die braune Kröte,
Zählt gleichwohl keine zu den Schöpfungswonnen,
Doch schätzt der Morpholog auch schwarze Sonnen
Dem Pilze Fürsprach wagt nicht einmal Goethe.

Dafür kam, als Kamtschatka brachte Kunde,
Daß dort das Volk ihn schätz und die Schamanen,
Ein laut Hallo aus rauschverseßner Runde.

So schreibt man sich Ambrosia auf die Fahnen,
Und Soma und macht rings Geheimschrift-Funde,
Und phantasiert, als gälts das Heil zu ahnen.
 

 

149
 


IV

Auf Russisch heißt Muchumor dieser Albe,
Dies ähnelt dem muscaria im Lateine,
Das Muskarin, das nur in Spurn, schafft seine
Gefragtheit nicht für Rauch und Hexensalbe.

Die Säure Iboten führt an der Leine
Den Esser, doch das Wohl ist nur das halbe,
Drum sorge, daß das Karboxyl verfalbe,
Daß Muszimol erwach im Sonnenscheine.

Verdauung kann dies recht und schlecht bewirken,
Drum trank das Volk Kamtschatkas vom Urine,
Entwässerst du den Rittersmann der Birken,

So treibt er ganz allein auf diese Schiene,
Und öffnet deinen Blick den Traumbezirken,
Wo dich zur Nacht empfängt die Melusine.
 

 

150
 


V

In Japan und auch einst am Elbe-Hafen
Hat man den Pilz als Speisepilz genossen,
Es sind so viele Schwämme aufgeschossen,
Daß Schlemmerei und Biedersinn sich trafen.

Die Huthaut trennt man ab mit allem Krossen,
Und löst was irgend brünstig macht den Braven,
Dann gleicht der Pilzgeist gutem Mut von Schafen,
Und taugt den Fischern wie den Handelsbossen.

Doch willst du dich des Traumreichs nicht entsetzen,
So trockne ihn anstatt ihn lang zu baden,
Und laß ihn auch vom Lichte nicht verletzen.

Denn mit der Feuchte wandeln sich die Schwaden
Der Übelkeit zu großen Spinnennetzen,
Drin Ariadne fänd nicht mehr den Faden.
 

 

151
 


VI

Erst kuglig, dann konvex, dann eine Scheibe,
Der Hut ist wohl bekannt mit seinen Flocken,
Der Stiel ist weiß bereift und Warzenbrocken
Verraten, daß einst mancher Gurt am Leibe.

Er sprengte sie wie unsern Mund so trocken,
Der sich noch nicht getraut, nach einer Bleibe
Zu fragen, die den stumpfen Sinn vertreibe,
Und uns begabt, das Schicksal aufzubocken.

Wenn Raum und Zeit vergehn in leichter Schwebe
Uns Löwenkräfte eignen und bewegen,
Dann übersteigt den Taumel-Rausch der Rebe

Ein Sonnenkranz, nicht aus der Hand zu legen,
Bis er uns selbst aus seiner Haftung gebe,
Und wir erfahrn, daß draußen längst schon Regen.
 

 

152
 


GESCHMÜCKTER GÜRTELFUSS
I

Der Birke frommt die Anmut und das Scherzen,
Wenn Wind aus ihren Kätzchen fegt den Pollen,
Dann seufzt der Hag den uralt sehnsuchtsvollen
Befehl, daß sich der Grund begab mit Kerzen.

Wir selbst sind so, drum taugt auch unserm Wollen
Der Weiher und das Wurzelwerk wie Nerzen,
Von Luchs und Wiesel tragen wir im Herzen
Die Holdheit, der wir graben Schacht und Stollen.

Der Wind reißt Pergament vom Birkenstamme,
Ganz ähnlich wie das Velum von den Ständern,
Und was von unsrer Haut die Sonnenflamme

Verbrannt, fliegt ähnlich in den Wunderländern,
Die allem Heim, so wie dem Kind die Amme.
Und nur der Narr will diese Welt verändern.
 

 

153
 


II

Wie Engel sich beim Lobgesange spurten,
So sprießen Pilze rasch und ohne Zagen,
Was sie behütet ists, woran sie tragen,
Und manchmal gleicht es Iglus oder Jurten.

Ihr Los bemißt sich oft genug nach Tagen,
Doch nicht wie Geister, die dem Schöpfer murrten,
Besingt, was sie so rasch zusammenzurrten,
Das A des Alls und weiß kein Wort zu klagen.

Das Wunder zeigt sich immerfort auf Erden,
Drum achte, was beringt und welches bieder
Substanz bezeugt im steten Fassungswerden.

Der Schmuck ist reines Lob und immer wieder,
Erneun sich Farben, Formen und Gebärden,
Und erst der Dichter trägt zum Ohr die Lieder.
 

 

154
 


III

Der Gürtelfuß trägt Borten von Zinnober
Und spielt mit Rot und Ocker guter Dinge,
Schlankkeulig zeigt er schräge Farbenringe
Und krümmt sich wie ein Referenz-Erprober.

Die Sporen, die von zimtnem Braun, besinge,
Frühsommers kommt er und bis zum Oktober,
Er mags gern feucht und gibt als Birkenlober
Sein Bestes, daß der Jubelchor gelinge.

Ich mag ihn gern, auch wenn ihn andre pönen,
Im Birkenreigen ist mein Herz zuhause,
Und wo der Neid auf Warzen weist am Schönen,

Da lob ich mir den Stummen, der dem Schmause
Nicht feindlich, und als sein Vertreter tönen
Will ich in Gottes wohlgefügter Klause.
 

 

155
 


BUCKELTÄUBLING
Siehst du den Kerl mit Buckel an als Krüppel?
So schau, wie er mit Purpur ihn bemalte.
Mit lila Licht der Gral dem König zahlte,
Und du stehst blind und drohst mit einem Knüppel?

Der Kiefer ist der Buckeltäubling Knappe,
Sie, die zwar schlank die Wurzel stößt ins Tiefe,
Mag das Gewundne, Schwankende und Schiefe,
Und blickt gar hold auf die gebeulte Kappe.

Wie Früchte riecht der unverdroßne Hüter,
Er gilt als wenig tauglich zum Genusse,
Auf Gelb mit Violett im Überschusse
Erfreut er aber sinnliche Gemüter.

So hüte dich, allein mit Nutz zu messen,
Denn auf der Waage, die die Engel eichen,
Sind andre Siegel schwer und andre Zeichen,
Und auch der Kleinste wird dort nicht vergessen.
 

 

156
 


ELFENBEINRÖHRLING
Sag, was ist schlicht und edel doch?
Was nicht mit Wurm und Raupe kroch?
Was ganz bestimmt sich selber meint
Und niemals etwas andres scheint.

Was man, wenn man das Wort nicht kennt,
Als Genienwerk und Trug benennt,
Es ragt aus Farben links und rechts,
Als Sinnbild höheren Geschlechts.

Vom Narwal kam das Material,
Der Elephant bracht größre Zahl –
Wie aber kam das Elfenbein
Zu Wesen, weich und windig klein?

Es ist ein andrer Ordnungssinn,
Der Silber namte, Gold und Zinn,
Er gibt dem Stampfer Hannibals
Und auch dem Knab des Zirbentals.
 

 

157
 


ERDRITTERLING
Im Laubicht bist du kaum zu schaun,
Zwar soll dein Zwilling Tiger sein
Und unhold mit der Pranke haun,
Doch du bist jedem Sammler fein.

Auch mancher bitter oder scharf
Ist zum Verwechseln ähnlich so,
Doch wer dich gründlich anschaut, darf
Vertraun, ihn mach die Beute froh.

Dein Fleisch ist brüchig, weißlich grau,
Beim Mahl wird kein Geladner mauln.
Ich weiß, du bists, drum also schau
Nicht so, als wolltst du mich vergrauln.
 

 

158
 


FRÜHJAHRSLORCHEL
Wie rohes Hirn und Schweinemett
Drehn sich die Schläuche her und hin,
Sie rekelt sich im Sand, ihr Bett
Lockt sehr den Schweden und den Finn.

Wenn man sie roh herunterschluckt,
Macht sie fast wie der Wulstling Dampf,
Der Blutdruck fällt, der Pulsschlag zuckt,
Erst Durst und dann ein Wadenkrampf.

Wenn sich der Kreislauf etwas zähmt,
Gehts an die Leber und die Niern,
Dem, der sich wüster Gier nicht schämt,
Solls Schlangenhaupt den Grabstein ziern.

Wo Lenz sich traut doch Sommer kaum,
Ist karg der Pilzertrag des Jahrs,
Gyromitrin den Schlemmertraum
Am meisten trübt im Reich des Zars.

Das Gift erst bei Gewalt entweicht,
Sogar der Dunst, wenn man sie kocht,
Läßt schaukeln eher hart denn leicht
Der Lebenskerze schwarzen Docht.

Auch wirken Spuren, die man nie
Entfernen kann, karzinogen,
Drum laß Medusas Psalmodie
Am besten froh im Sande stehn.
 

 

159
 


GRÜNLING
Der Grünling, früher sehr geschätzt
Und feil auf jedem Wochenmarkt,
Die Muskeln schwächt und dann zersetzt,
Das endet dann mit Nierninfarkt.

Es ist Gefahr nicht jedermanns,
Daß ihn der saure Dreierring
Des Giftes mach zum Hänfling ganz,
Doch manchem ists ein arges Ding.

So fiel auch dieser Laubgesell
Zum Opfer Arzt und Mikroskop,
Weshalb ich lieber minder hell
Beleuchtet die Geschöpfe lob.
 

 

160
 


GRÜNSPANTRÄUSCHLING
Er buckelt sich von blau bis grün,
Der Velumrest im Schleime schwimmt,
Er darf sich um Vermorschtes mühn,
Wobei er nie Gesundes nimmt.

Es ist wohl eßbar, wenn auch nicht
Der Hit, um Schlange anzustehn,
Wenn krümelig ein Stamm zerbricht,
Kannst du ihn mit den Käfern sehn.

Er klebt, selbst wenn er trocken steht,
Dem Ring, gerieft um seinen Stiel,
Ins Violett die Farbe geht,
Lamellen wiederholn das Spiel.

Der Stiel ist fasrig, später kahl,
Zu Basis leicht verdickt und hohl,
Und sahst du ihn auch tausendmal,
So schien es dir, er fühl sich wohl.
 

 

161
 


EDELREIZKER
Wenn dich ein Milchling rot beträuft,
Ist dies gewiß ein guter Fang,
Die Maden suchen ihn gehäuft,
Sei froh, wenn dirs zuerst gelang.

Auch daß das Rot noch im Urin
Ersichtlich, schaff dir keine Pein,
Der dir so fest und edel schien,
Wird auch gegessen friedlich sein.

Der Stiel ist rötlich wie der Hut,
Drauf sich konzentrisch Kreise drehn,
Fleisch und Lammellenfarbe gut
Mit dem Orange dem Roten stehn.

So wellig wie der Hut ist nur
Der Kiefernhag, wo gern du streifst.
Er sagt, du bist auf guter Spur,
Wenn du nach einem Reizker greifst.
 

 

162
 


KRAUSE GLUCKE
Wie alle Glucken saprophag,
Schaut ähnlich sie dem Badeschwamm,
Die Stümpfe frißt im Kiefernhag,
Nimmt ebenso den Grund vom Stamm.

Im Osten, wo die Kiefern weit,
Sucht groß und klein den Kohlkopfstrunk,
Die groß und schwer nach Ernte schreit,
Gibt Soße, drein die Semmel tunk.

Gegartes Fleisch mit gutem Biß
Der Morchel ähnlich würzig schmeckt,
Alljährlich kommt und treibt die Miss,
Drum sei getrost der Tisch gedeckt.

Man nennt sie fette Henne auch,
Weil man sich einen Fetten macht,
Und mancher füllt sich hier den Bauch,
Daß es dann recht erheiternd kracht.
 

 

163
 


NEBELKAPPE
Sie mag es herbstlich in der Streu
Von Laub- und Nadelwäldern, wo
Sie mit den Schwestern immer neu
Am Boden malt ein großes O.

Der Hexenring, recht gut zu sehn,
Verdrängt die andern Hexen nicht,
Daß sie in Überschneidung stehn,
Nimmt keinem seines Banns Gewicht.

Der lila Rötelritter greift
Gern ein ins Nebelkappenfeld,
Wie sich zum Dunst, im Moor gereift,
Des Irrlichts Bläue zugesellt.

Dem Riesenrötling ziemlich nah
Der Habitus, doch nicht das Gift,
Auch der in Bleiweiß schimmelt da,
Den Konsumenten ärger triff.

Zur Nebelkappe kontrovers
Stellt sich das Schmauser-Publikum,
Der eine meint, die Waldfee wärs,
Der andre sagt, sie schmeißt mich um.

So taugt gewiß ein jedes Ding
Zu Propaganda und Geraun,
Doch sicher ist, der Hexenring
Ist nur mit Freude anzuschaun.
 

 

164
 


PERLPILZ
Der Perlpilz gleicht dem Panther, der
Noch Raum kriegt, wo ich preis und klag,
Er ähnelt seinem Bruder sehr,
Weshalb ihn nicht ein jeder mag.

Doch manchenorts stielt er den Preis
Dem Steinpilz, wenn er gut gegart,
Die Huthaut zieh, vorm Kochen schmeiß
Sie fort, so wird er fein und zart.

Vom Panther scheidet ihn genau,
Der Ring gerieft, doch nicht der Hut,
Zerbrich das Fleisch, geduldig schau,
Nach einer Weile rötet Blut.

Weil dieser Test verläßlich ist,
Ists Aberglaub, daß man ihn meid,
Wer mit so grobem Auge mißt,
Vertreib sich anderswo die Zeit.
 

 

165
 


PANTHERPILZ
Der Panther trifft in jähem Sprunge
Sein Opfer und er triffts gewiß,
Das Bild zergeh dir auf der Zunge
Am besten vor dem ersten Biß.

Dem Fliegenpilze ähnlich, dessen
Karminrot aber sicher trennt,
Die Säure Iboten zu messen,
Zeigt an, daß sie hier zehnfach brennt.

Drum stellt ein Rohverzehr den Panther
Ganz nah zum Knollenblätterpilz,
Doch stellt sich so ein blöder Ganter,
Denn die Chemie zu kennen gilts.

Was für den Fliegenpilz zu achten,
Gilt zehnfach für den Panther auch,
Soll dich das Muszimol umnachten,
So sparst du noch bei diesem Brauch.

Das Trocknen, aber stets im Dunkeln,
Ätznatron machts mit einem Rost,
Und solln dir die Dämonen funkeln,
Bedenk, dies ist ein starker Dost.

Es hat das Rauchen vorm Verzehren
Den Vorzug, daß es schwer da nicht,
Die Überdosis abzuwehren,
Hingegen man nicht gern erbricht.
 

 

166
 


HALSKRAUSENERDSTERN
Der Erdstern machts mit Eigensinn,
Daß er die Sporn versprüh zuhauf:
Die Frucht zerreißt und legt sich hin
Die Sporenkugel setzt sich drauf.

Kaum fällt ein Tropfen Regen dort,
Ein Loch schafft diese Kraft ins Rund,
Reißt schon der Druck die Sporen fort,
Der ganze Körper ward zum Mund.

Halskrausen ähnelt die Gestalt,
Die umkehrt was man sonst gewohnt,
Manch einem scheint Bewährtes alt,
So daß es umzustülpen lohnt.
 

 

167
 


ROTFÜSSCHEN
Rotfüßchen ist nicht so bekannt,
Wies Käppchen mit dem Isegrim,
Doch scheint es auch vom Märchenland
Gekommen wie der ganze Tand,
Der Pilze macht begehrt und schlimm.

Goldschimmel heißt der Wolf dabei,
Dies ist ein arger Kannibal,
Erst weißt den Hut die Spinnerei,
Dann geht auch noch der Stiel entzwei,
Bis goldig zeigt er sein Fanal.

Doch jung und unerkrankt belach
Das Feldbraun mit dem roten Fuß,
Sind gelb die Röhren unterm Dach,
Mit leichtem Druck die Probe mach,
Denn blau und grün wird gleich das Mus.
 

 

168
 


SAFRANSCHIRMLING
Dem Parasol sich ähnlich zeigt
Der Hagere im Lumpenkleid,
Wem die Maronennymphe schweigt,
Der brät das Sonnenschirm-Gebreit.

Verwechslung droht auf dem Kompost
Dort zeitigt Gift verwandter Pilz,
Doch wer bevorzugt solche Kost,
Läßt Böses auch getrost der Milz.

Und hat er Phantasie genug,
Macht er daraus ein Paradies,
Wer Kunstpelz viele Jahre trug,
Erkennt darin das Goldne Vlies.

Der Schirmling zeigt im Namen an,
Daß Safran quillt, wo einer preßt,
Im großen ganzen gleichts dem Mann,
Der hält sich an dem Schirme fest.

Der Ring ist stets zu streifen leicht,
Dies ist die Marke bei dem Clan,
So braun er ist, zum Tauschen reicht,
Zwar nie das Geld, doch stets der Wahn.
 

 

169
 


SCHWEINSOHR
Das Kreisel- oder Keulenkleid
Ist abgestutzt und leicht gedellt,
Das Lila zeigt die Heiterkeit
Des Sommers in der Alpenwelt.

Dort hört man ja, wie Fernsehn weiß,
Schon lila Kühe fröhlich muhn,
Bei so viel Ernst und so viel Fleiß,
Bleibt für den Dichter nichts zu tun.

Zurück zum Ohr von Glotz und Depp:
Die Ränder hoch und wild gelappt,
Verzweigte Leisten stehn wie Krepp,
Zu dreien man es oft ertappt.

Viel Isotope hätts im Bauch,
Im Geigerzähler Lärm geschieht,
Das sagt man von Maronen auch,
Und nie nahms mir den Appetit.
 

 

170
 


SPITZMORCHEL
Weil innen hohl, der Größe trau
Mit Zwinkern und mit Vorbehalt,
Recht gotisch ragt der Rippenbau,
Der an dem Stiele guten Halt.

Olivbraun, grau und endlich schwarz,
Erscheint sie dir wie Eis am Stiel,
Im Rindenmulch im Amt des Warts
Verzehrt sie des Verdorbnen viel.

Wie alles was man gerne speist,
Ist sie auch als bedroht geschützt,
Recht gern ich meinen Beitrag leist,
Doch frag ich, ob dies wirklich nützt.

Mit Paragraphen mehr und mehr
Wird ein Museum diese Welt,
Das End ist wohlgepflegt und hehr,
Doch niemand dems darin gefällt.
 

 

171
 


SÄUFERNASE
Der Hut ist weinrot oder blauer,
Der gelbe Stiel im lila Kleid,
Sie fragt nicht, ob sie wer bedauer,
Sie ist vor manchem Täubling schlauer,
Bewaffnet drum zu jeder Zeit.

Die Trüffel mag gefressen werden,
Doch andere sehn das nicht so gern,
Die Vorsorg ist Gebot auf Erden,
Daß Wachstum sei für Art und Herden,
Halt man sich seine Feinde fern.

Drum naseweis ist nicht die Röte,
Es ist vielmehr das Gift im Bauch,
Wems machbar, daß er schreck und töte,
Klagt keinem Herrn die Ziegennöte
Wie mancher kahlgefreßne Strauch.
 

 

172
 


ZIEGENLIPPE
Die Samtene, die lippenzart
Sich anfaßt und bei Druck sich bläut,
Ist ein Triumph auf deiner Fahrt,
Drum sprich ihr lob und segen heut.

Sie wechselt ihren Habitus,
Doch Lieb ist kein vergeblich Mühn,
Den Hut man wiederfinden muß,
Drin leuchtend gelb die Röhren glühn.

Die Jungfrau hat kein Eisenschwert,
Drum gibt der Feind auch niemals Ruh,
Den Maden ist sie sehr begehrt,
Der Schimmel setzt ihr gräßlich zu.

So ist das Glück ein Augenblick,
Doch immer wieder triffst du ihn,
Drum hindre dich kein Mißgeschick,
Noch in der Frühe loszuziehn.
 

 

173
 


ERLENGRÜBLING
Die Erle mag das Sumpfgebiet,
Den Bruchwald, wo das Schaumkraut blinkt,
Das Irisblaun im Seggenried,
Wo Milzkraut gold dem Gagel winkt.
Bei Storchgeklapper, Dommelflöt,
Und wo es riecht nach Bibergeil,
Genießt mit ihr das Sonngeröt
Der Grübling als ein Wohnungsteil.

Bis Allerseelen vom August
Zeigt er den ocker feinen Filz,
Im Elsbruch du nicht suchen mußt,
Dies ist ein Paradies dem Pilz,
Meist trocken auch in Wassernäh,
Delln kleine Grübchen seinen Hut,
Der Rand gerollt, im Alter jäh
Gekantet trägt er blaues Blut.

Olivlich ist sein Greisenkleid,
Im Gold die Röhren siehst nur schwach,
Sie werden eckig mit der Zeit
Und stufen sich zum Röhrenfach.
Der Stiel ist wie der Hut gebräunt,
Und bläut und wird dann braun bei Druck,
Er ist dem Sammler guter Freund,
Goldröhren stehn als Säulenstuck.
 

 

174
 
Einst zog ich her vom Odenwald
Die Elz entlang, das Weib, das schwemmt,
Ein Käfig nahm ihr die Gestalt,
Nun ist sie eine Dirn im Hemd.
Die letzten Erlen doch am Saum
Erzählten mir vom Reich, das harrt
Der Wiederkehr im deutschen Raum,
Und machten mich zum Erlenwart.

Ich fand sie neu bei Kranichfeld,
Der Grübling war hier auch zu schaun,
Die Enzenburg sah manchen Held,
Bis niedersank ihr Gottvertraun,
Doch mit der Sprache, dem Gedicht,
Der Traum trat aus dem Dämmerschein,
Der Adlerfittich, den ich flicht,
Schließt auch den Erlengrübling ein.

Er schmeckt uns herb und sauer oft,
Dies ist nicht nur der Sumpf, der gärt,
Hier hat die Mahnung sich verstofft,
Daß unser Geist im Grenzland fährt.
Im Feuchtgebiet, wo Pilz und Kraut
Gehn Wege, die man sonst nicht kennt,
Wird uns der Liebestrank gebraut,
Bis überm Moor die Fackel brennt.
 

 

175
 


ESPENROTKAPPE
Das Pilzreich schließt ans Baumreich an,
Drum singt dem Baum, wer singt dem Gnom,
Der Baum allein – ein wackrer Mann,
Der Baum im Wald – die Sul im Dom.
Der Pilz ein Schelm und ein Gesell,
Wie Geisterhäupter an den Säuln,
Er lobt die Sonne farbenhell
Und lebt vom Schleimigen und Fäuln.

Der Schlehe und dem Ginster nach
Sucht sich die Espe ihr Gebiet,
Ob Halde, Rand, ob gänzlich brach,
Sie nicht sehr auf den Boden sieht,
Doch Licht verlangt sie ungetrübt,
Dann sind die Blätter lang gestielt,
Weil sie damit das Rauschen übt,
Sie mit dem schwächsten Winde spielt.

Kein Röhrling hat ein holdres Haupt
Als diese Maid am Espenrock.
Wer hätte solchen Fund geglaubt,
Dems fern, daß er Insekten lock.
Der junge Hut greift üppig um,
Dann wächst das Röhrenpolster aus,
Gebuchtet um den Stiel herum,
Herrscht Maß und Einigkeit im Haus.
 

 

176
 
Der weißlich gelbe Stiel ist voll
Von roten Schuppen, die gestreut
Mit Anmut ohne Scham und Groll,
Daß es uns herzerfrischend freut.
Der Schnitt erst lila, mählich nacht,
Dies bleibt dann auch beim Kochen so,
Doch die Verdunklung gar nichts macht,
Dafür wirds Aug des Schmausers loh.

Da kaumwer diesen Baum erkennt
Als pilzbegabt, sei Bräutigam
Der Jungfrau, die der Volksmund nennt
Das Käppchen mit dem Rotgeflamm.
Mag zittern auch das Laub so bang,
Wie es das Sprichwort uns gesagt,
Wem solche Minnefahrt gelang,
Hat nie gezweifelt und geklagt.
 

 

177
 


IGELSTACHELBART
Den Stachelbart, den Affenkopf
Und Löwenmähne heißt man auch,
Wirf niemals in den Wassertopf,
Er dehnt gewaltig sonst den Bauch,
In Butter oder auch fritiert
An Meeresfrüchte mancher denkt,
Der Königstafeln, die er ziert
Ein Gran Zitron und Kokos schenkt.

Er stachelt ohne Stiel ins Licht,
Dies ist den Bärten allgemein,
Da ers betaut so herrlich bricht,
Fängt man ihn gern in Bilder ein,
Oft steht an jeder Stuf ein Wall
Von diesem Clan am morschen Baum,
Von Perlmutt oder Bergkristall
Erscheint dir dieser Fadentraum.

In China galt er heilbegabt,
Wenn Röcheln in der Kehle saß,
Wer sich an diesem Mannzeug labt,
Sorg, daß ihn nicht der Schimmel fraß,
Am Dunklen klebt so mancher Stern,
Und wandelt es nach eigner Art,
Ich nasch von diesen Wundern gern
Und auch vom Igelstachelbart.
 

 

178
 


RUNZELVERPEL
Wie eine Glocke hängt das Vlies
Und scheint aus Bienenwachs gemacht,
Das man als Rinnsal fließen ließ
Und nur mit Raumluft kühlte sacht.

Auch ist der Farbton bienenhaft
Und ohne Makel anzuschaun,
Sie klammert sich am hohlen Schaft,
Ich fand sie unterm Heckenzaun.

An Runzeln denk ich nicht, doch geht
Zu Morcheln die Verwandtschaft klar,
Mal dies mal das im Pilzbuch steht,
Mir selber sie bekömmlich war.
 

 

179
 


ERDZUNGE
Wie eine Kobra aus der Dün
So schlängelt sich die Zunge vor,
Olivbraun oder grasegrün,
Auf Bachaun sie als Standort schwor.

Es scheint, als zögre sie beim Stoß,
Doch dies ist Trug und Aberglaub,
Sie ist so harmlos wie das Moos,
Und unbewegt wie totes Laub.

Doch zeigt sie in der Schrecksekund
Wie Pilze mit den Bildern spieln,
Es findt noch zur Verblüffung Grund,
Wer tausend antraf von den vieln.
 

 

180
 


JUDASOHR
Die Sage geht von dem Verräter,
Er hing sich auf an dem Holunder,
Vielleicht wards zugedichtet später,
Doch trifft sichs mit dem rosa Wunder,
Das wie ein Ohrgang wild verschlungen
Hängt wie ein Mal am Holderflor,
Drum wird der Pilz vom Volk besungen,
Als abgetrenntes Judasohr.

Als er die Häscher führt zum Garten,
Den Heiland küßt als Angriffsziel,
Hub Petrus mit dem Schwert, dem harten,
Das Ohr ihm ab, das blutend fiel,
Doch Jesus, der nicht kam zu streiten,
Es lind zur Heilung ihm beschwor,
Drum geht die Mär durch alle Zeiten
Vom abgetrennten Judasohr.

Vielleicht weil es der Herr berückte,
Kanns nicht vergehen mit dem Haupte,
Sooft der Wart die Klinge zückte,
Es klebt am Baum das Totgeglaubte.
Von Gallert, zäh doch auch elastisch,
Geädert, fleischbraun ragt es vor.
Darum erkenn die Welt phantastisch
Mit abgetrenntem Judasohr.
 

 

181
 
Man ißt die Muschel, deren Happen
Genießbar sind als Suppenwürze,
Dies ändert nicht, daß dieser Lappen
Uns arg verstöre und bestürze.
Der Holderbaum spricht von der Minne
Seit alters, und sie gilt als Tor
Zum Weltend und zum Weltbeginne:
Dem abgetrennten Judasohr.

Zum Kreuz ists gar ein Gegenzeichen,
Nicht Bann, doch Weg für Ton und Lied,
Mag sein, daß wenn die Bilder weichen,
Das Heil durch die Musik geschieht,
Dann fahren die berufnen Scharen
Getragen von dem Engelchor,
Den Sinn der Welt zu offenbaren
Durchs abgetrennte Judasohr.
 

 

 

 




DAS MURMELN
DER ILM





»Wenn der Ilme Bach bescheiden
Schlängelnd still im Tale fließt,
Überdeckt von Zweig und Weiden
Halb versteckt sich weiter gießt,
Hört er öfter mal die Flöte
Seiner Dichter treu und gut
Wenn der Glanz der Morgenröte
Auf den sanften Wellen ruht.

Vieles ist an mir entsprungen,
Manches ward euch dargebracht,
Und so ist es mir gelungen,
Daß man mich zum Flusse macht.
Will ein Reisender mich sehen
Wie die Donau, wie den Rhein,
Ich versteck mich, laß ihn gehen,
Denn ich bin doch gar zu klein.«

 
GOETHE       

 

 

 

185
 


RUDOLSTADT
Rudolstadt, seit Kindertagen
Ganz im Zentrum dieses Lands,
Reich an Staaten und an Sagen,
Mühlen, Märn und Lindentanz,
Wo das Saaleknie mein Zeichen,
Osterloh und blutig rot,
Unter Sitzendorfer Eichen
Mahnt der Schützengrabentod.

Dies sei stets mit angesprochen,
Meine nie, den Dichtertraum
Rühre, was da eingebrochen,
Nur am Rande oder kaum,
Aus Appell und Anteilnehmen
Keimt die Notenschrift im Lied,
Darum gibt es keine Themen,
Die dem Dichter Sperrgebiet.

Zeit der Störche war ein Titel,
Den das Landtheater gab,
Schlechtes Stück, doch mir ein Mittel,
Daß ich im Gedächtnis grab,
Wie die Störche wiederkehren,
Kam auch ich nach Rudolstadt,
Stile wechseln, Lehrer, Lehren,
Doch die Schwarza manche hat.
 

 

186
 
Einmal kam der Geigenspieler,
Der mir Potsdams Jazz-Boheme
Zeigte, im Gefolge vieler
Fans und nannt ein Krebsekzem
Jenen Staat, der damals krankte
Und doch manche Nische bot,
Als ich noch um Bleiben schwankte
Und ein letztes Abendrot.

Jüngst als hier die Bank zum Kaufe
Grund bot, der den Bergks gefrommt,
Warb mein Lieb um diese Haufe,
Daß sie heim ins Erbgut kommt,
Schüttre Altlast im Kontore
Bot ein mieses Schmierenstück,
Wenn ich in der Nase bohre,
Komm ich rascher zu dem Glück.

Als man uns ins Freie brachte,
Da nun der Vertrag perfekt,
Fragte der Verkäufer sachte,
Wo denn unser Auto steckt,
Als wir drauf ihn kurz beschieden,
Daß wir fußwegs und mit Zug,
Fiel die Kinnlad ihm hernieden,
Weil er nun nichts mehr vertrug.

Daß da jemand hunderttausend
Zahlt und nicht den Motor schätzt,
Hat gespenstisch, kalt und grausend
Jenen Bankenknecht entsetzt,
 

 

187
 
Daß die Habitus-Kontrolle
Sank ins unterste Niveau,
Und der umgekippten Jolle
Lachten wir recht schadenfroh.

Heute geh ich hinter Goethen
Nach Großkochberg und so fort,
Der des Landes Morgenröten
Wachgereimt an manchem Ort,
An der Saale hellem Strande
Sieht das Buch mich nimmermehr,
Doch die Brust schlägt mir im Lande,
Und so trägt der Wind mich her.

Wenn die letzte dieser Reisen
Mündet in der frühern Spur,
Wird man auf die Lücken weisen,
Fordern eine weitre Tour,
Doch ich bin kein Landvermesser
Und kein Brockhaus diese Lands,
Also machs ein andrer besser,
Und was löchrig, rund und ganz.
 

 

188
 


PFLANZWIRBACH
Nicht länger dich verschanze
Bei Burg und Pflasterstein,
Gehst du mit Gott aufs ganze,
So tritt der Ernstfall ein,
Da such in dieser Pflanze
Das alte Crutz von Stein,
Auf daß im Geist die Lanze
Des Longius hol dich ein.

Da Pest im Wirb geflossen,
Die fraß den Tages-Part,
Sind Disteln aufgeschossen
Und froh der Ziegenbart,
Wo Quecken und Genossen
In Rotten dicht geschart,
Kann nichts von alldem sprossen,
Was gut nach Bauernart.

Begrub man seine Lieben,
Soll drauf der Heiland baun,
Das Zeichen ist geblieben
Für unser Gottvertraun,
Wer sich dem Heil verschrieben,
Kennt Zufall nicht und Laun:
Was Leid und Glück getrieben,
Solln Dank und Ehrfurcht schaun.
 

 

189
 
Die Scheibe rund am Koppel
Versteh als Midgardring,
Den breiten Armes Doppel
Seraphenstark beschwing,
Hier stöhnt kein Erntestoppel
Dem Sommer nach, der ging,
Kein Has flieht mit Gehoppel,
Eh Fuchs das Fleisch verschling.

Hier gibt sich Würde sichtbar,
Vor Klaftern anderthalb
Wird das Geschwätz vernichtbar,
So rauh, verwittert, falb
Spricht Blut, das Geist und Licht war,
Daß es mit Weisheit salb,
Dir rechtenshell und pflichtklar
Vom Tanz ums Goldne Kalb.

Wer wohl dem Herrn der Plagen,
Vor Zweiflers Gift gefeit,
Dem spricht der Bach im Hagen
Vom Liebeswerk im Leid,
Der wird der Pflanze sagen,
Sie blüh zu seiner Zeit,
Dem steht der gelbe Wagen
Am Anger fahrbereit.
 

 

190
 


TEICHWEIDEN
Seltsam muß die Wanderfährte
In Teichweiden dich berührn,
Bist du schlank wie eine Gerte,
Wird dich wohl die Hohle führn,
Zwei Gehöfte stelln zur Klamme
Den, der Weite im Gefühl,
Für das Blechzeug gibts die Schramme,
Für den Pirsch wirds mittags kühl.

Dies soll recht dich aus dem Tale
In die freiern Höhen stelln,
Brodelt Lärm am Saum der Saale,
Bist du froh mit dem Geselln,
Diese Fahrt soll Goethen gelten,
Dem das Liebliche gefiel,
Der den Blick entzog den Welten,
Anzuschaun ein Karstfossil.

Eng wie eine Gartenpforte
Ist der Pfad ins Traumgetreid,
Und das Herz besinnt die Worte,
Daß das Glück des Neiders Leid,
Stille, die dich Weiden lehrten,
Strömt und hebt und trägt dich fort,
Wo die Weiser sich vermehrten
Und das Eingangslicht verdorrt.
 

 

191
 


WEITERSDORF
Vorwerk für die Kochberg-Ritter,
Weiler und Zehn-Seelen-Stelle,
Zwar vom Gutshaus findst nur Splitter,
Doch romanische Kapelle
Und ein Kreuz von Sandstein mächtig
Trotzten dem, was niederträchtig.

Bildstock ehr als Sühneschiefer
Steht das Mal des Galiläers,
Zwar gibts keine Zirbelkiefer,
Doch das Rätschen Eichelhähers
Weist dir rasch sein helles Bürzel
Als Geflagg und Tannland-Kürzel.

Drüber lacht die Juli-Hitze
Die du unter Lindenarmen
Abwehrst und nur Filter-Blitze
Leiden magst im Allzuwarmen,
Nimmst die Buddel du vom Ranzen,
Siehst die Strahlen wassertanzen.

Dies wird dir ein Notenmuster
Das den Amseln auf den Zweigen
Und der Hecke von Liguster
Weiß ein Sommerlied zu geigen,
Denn das Glück eint alle Zeichen
Und es frommt dem wahrhaft Reichen.
 

 

192
 


KOCHBERG
Im Südost das Hohe Haus
Geht auf frühstes Baun zurück,
Spür die Wasserburg noch draus
Grüßen aus dem Ritterglück,
Ein Quelle sang im Park,
Speiste Rohr und Grabenwehr,
Von dem Bergteich tropfte stark
Wasser durchs Gerölle her.

Einzgen Zugang brachte lang
Eine Zugbrück Richtung Saal,
Doch zu Goethes Zeiten schwang
Sich ein Weg, der minder schmal,
Mit der Renaissance erfuhr
Auch das Schloß, was nun bequem,
Und gedielt sind Stub und Flur,
Daß da nicht nur Stein und Lehm.

Seltsam durchs Privatgemach
Schweifen der Charlott von Stein,
Gehst du Goethes Spuren nach,
Läßt ein Obolus dich ein,
Besser wärs, in Goethe Geist
Würd die Klause noch bewohnt,
Einem Trugschluß folgte meist,
Wer steril das Erbe schont.
 

 

193
 
Mehr als aller Mauern Flucht
Denkt die Landschaft dem Gesell,
Der durch Au und Felsenbucht
Ging und galoppierte schnell,
Herzschlag, Traum und rascher Ritt,
Geben Rhythmus, Farb und Film,
Was sich fügt der Herzensbitt,
Die gemessen an der Ilm.

Du spazierst den Weg zurück,
Wo der Abschied ihn umschlingt,
Und der Nächte Liebesglück
Sich im Tagelied zersingt,
Dies ist deinem Stande recht,
Denn du webst im herbstnen Licht,
Und du bleibst Abschieds Knecht,
Aber ohne Hoffnung nicht.
 

 

194
 


LUISENTURM
Leuchtend auf dem Berg der Hummeln
Steht der Turm mit schmucker Krone,
Daß gefeit vor Schmäh und Schummeln,
Dort die große Liebe wohne,
Parry, wohlbestallter Schotte,
Krönt verstorbner Frau Luise,
Enkelin von Goethes Lotte
Traumgetreu die Lieblingswiese.

Dort ist weit ins Land zu schauen
Nach der Ilme und der Saale,
Frankenwald und Blockberg-Frauen
Und der Kyff mit seinem Male,
Hier ermaß ein Weitgereister
Deutscher noch als Hans und Gret,
Wo die Mitte all der Geister,
Drum sich unsere Sage dreht.

Auwald, Anger, Weiler, Mühle,
Pfadgeschläng und Murmelquellen,
Übermächtig die Gefühle,
Und du fragst den Fahrtgesellen,
Ob er je durch Länder zöge,
Wo so traulich und so trunken
Ofterdingen sich erhöbe,
Aug und Ohr ins Feld zu tunken.
 

 

195
 
Wer die Frau auch je gewesen,
Deutsch war sie in Mut und Auge,
Und der Mann, der ihr erlesen,
Wußte, was dem Herzblut tauge,
Schöner wär ihr keine Ehre,
Als der Himmel dieser Auen,
Daß der Heiland wiederkehre,
Weiß ein innigstes Vertrauen.

So beschenkt und so gehoben,
Wirst du manche Meile wandern,
Denn im Ausblick von hier oben,
Gibt das eigne sich im andern,
Wo der Adler seine Kreise
Zieht gemach und unbeschreiblich,
Sagt dir diese Himmelsschneise,
Daß die Anmut ewig weiblich.
 

 

196
 


TALWEG MIT DRÄHTEN
Als die ersten Volksempfänger
Zogen in die Häuser ein,
Wollt die Urgroßmam nicht länger
Lebend auf der Erde sein,
Denn ihr schien, nun spräch man nimmer
In der eignen Wohnung frei,
Wer da hörte ihr Gewimmer,
Sprach, daß sie von Sinnen sei.

Doch sie war um vieles weiser,
Als des Teufels Preiserschar,
Die den Stimmen, schrill und heiser,
Lauschte, was das Neuste war,
Kann die Mauer nicht erwehren,
Daß die Sendung kommt ins Ohr,
Kommt, so muß Vernunft uns lehren,
Auch das Umgekehrte vor.

Wer erfunden die Antenne,
Hat die Wanze auch gebaut,
Beide sind wie Ei und Henne,
Runkel oder Rübenkraut,
Ist das eine wohlverborgen,
Macht das andre größten Lärm,
Denn das ist wie Nacht und Morgen
Oder Kehlkopf und Gedärm.
 

 

197
 
Also halt dich fern vom Strome,
Und den Räuschen, die er schafft,
Denn die sind wie Karzinome,
Die entsaugen Mut und Kraft,
Der dich dürftig macht und süchtig
Nach der Welt, so neu und schön,
Straft, vergißt du einmal flüchtig
Deine Dosis zu erhöhn.

Hast du ganz verlernt zu singen,
Daß der Wandrer nicht mehr klopft,
Bis du fremd den eignen Dingen
Und mit Fremdem zugestopft,
Dann kann nur der Blitz dich retten,
Der den Leitungsmast zerstört,
Denn der Herr zerreißt die Ketten,
Wird das Bittgebet erhört.
 

 

198
 


NECKERODA
Rundlingsdorf und Kurmainz-Lehen
Eh Byzanz noch war gefalln,
In die Kirche mußt du gehen,
Wo die frühen Stimmen halln
Und romanisch dir der Kern
Spricht vom Leiden unsers Herrn.

Wall und Mauer sagen drastisch,
Daß der Bauer wehrhaft denkt,
Hier verschludert keiner hastig,
Was der Herr den Seinen schenkt,
Denn der Anger trägt und blüht
Für ein schlichtes Landgemüt.

Fachwerk ist hier nicht Museum,
Und die Pflanzenfärberei
Singt noch immer ihr Te Deum,
Wo man werkt beim Hahnenschrei
Und verschwendet wenig Zeit
Auf den Spleen der Obrigkeit.

Einkehr bei den Spinnerinnen,
Wo man alter Sitte traut,
Mit dem Faden darf beginnen
Deiner Winter Wuschelhaut,
Der das Licht die Pflanze lieh,
Farbig ohne Großchemie.
 

 

199
 
Diese Fraun sind nicht die schrillen,
Die sich rekeln im TV,
Heimat gibt man nicht für Grillen,
Und das spürt der ganze Gau.
Hörst den Kuckuck im Revier,
Weißt du, der Gesang ist hier.

Wie Geschmäckler Kirchen pönen,
Finden sie das Brauchtum fad,
Doch das Luftgespinst der Schönen
Ruht auf Fleiß und Muttertat,
Bänker und Salon-Franzos
Brauchten einst die Strampelhos.

Darum hat Geheimrat Goethe
Rasch den Löschzug hergebracht,
Als die Lohe Schmerz und Nöte
In den Höfen angefacht,
Denn auch er verlör das Hemd,
Wenn man Wolle nicht mehr kämmt.
 

 

200
 


HOCHDORF
Auf der Höhe liegen Hufe
Die zu einem Huf sich scharn,
Wenn ich in die Zeiten rufe,
Weiß ich, daß sie lang schon warn,
Eh sie Draht und Rohr verbunden
Und beherrscht nach Städterart,
Und mir scheint, daß davon Wunden
Bluten noch ins Lied der Fahrt.

Bis zum Krieg war hier ein Lehrer
Für die Jugend stets bestallt,
Heute gehts zum Wissensmehrer
Mit Motoren auf Asphalt,
Losgelöst von Wald und Heide,
Bleibt die Bildung fremd und tot,
Daß man früh die Scholle meide,
Heißt des Herrn der Zeit Gebot.

Himmels Fruchtbarkeit und Segen
Sind durchmischt mit dem Gestank,
Den die Geldverseßnen legen
Auf den Bauern, frei und frank,
Der wird sich nicht leicht empören,
Denn die Not ist ihm vertraut,
Doch du kannst ein Grummeln hören
Und ein Frösteln auf der Haut.
 

 

201
 
Hier war einst im Preußenheere
Selbst Luise Königin,
Daß noch heute der Ort der Ehre
Denkt und legt da Blumen hin,
Zwar ward bald das Heer geschlagen,
Fürchterlich bei Auerstedt,
Doch ein neues größres Wagen
Machte bald die Schande wett.

Alle Zeiten, alle Schrecken
Gingen über Flur und Feld,
Doch der Herr wird uns erwecken,
Wie er Tag und Nacht erhält,
Sei getrost und sieh im Bauern,
Der am Rain die Sense schwingt,
Daß das letzte nicht das Trauern
Und kein Schwan, der Abschied singt.
 

 

202
 


AN DEN RASENBÄNKEN
An den Rasenbänken lang
Führt der Weg auf Saalborn zu,
Grad bei Sonnenuntergang
Gönnst dem Knöchel etwas Ruh,
Wem das Grün Getier-behext,
Wer da lieber Kunststoff mag,
Bleib mir, wo der Pfeffer wächst,
Und das bis zum Jüngsten Tag.

Aus der Burgen Blumenschrift,
Aus dem Gärtlein lieber Frau,
Kennst den Schemel, der dich trifft,
Wo du müd von so viel Schau,
Gern hättst du hier fortgeträumt
Und das Fahrtbuch vollgereimt,
Doch das Ziel sei nicht versäumt,
Wenn im Tann der Dämmer keimt.

An den Rasenbänken lang
Trankst du deinen Wasserrest,
Dir ist für die Nacht nicht bang,
Denn der Sommer wärmt das Nest,
Doch schon bald vergeht die Zeit,
Wo du Wandrer bist und frei,
Drum noch ein paar Stunden schreit,
Daß die Ilm gewonnen sei.
 

 

203
 


SAALBORN
Quell im Riedgras, Kirche, Mühle,
Rittergut und Mälzertenne,
Ziegelei am Tannenbühle,
Quark und Rahm der Butter-Senne.

Bauerndorf, wo Stühle weben,
Flinke Mädchen Weiden flochten,
Rapsöl, drin die Winter leben
Im Geleucht von kurzen Dochten.

An der Linde schmust ein Pärchen,
Und der Specht pocht ohne Pause,
Deutschland ist ein Wintermärchen,
Mittendrin bin ich zuhause.
 

 

204
 


TAFELBUCHE
Steig zum höchsten Gipfel auf,
Oben an der Tafelbuche,
Sagt ein Schild den weitern Lauf,
So da jemand Weimar suche.

Goethe war an diesem Baum
Gern zu Fuß und gern zu Pferde,
Hinter Bergen wohnt ein Traum
Der da faltert: Stirb und werde!

Wer der Liebe Berg und Tal
Nimmt als wärn es Haut und Haare,
Ist gesegnet tausendmal
Von der Wiege bis zur Bahre.
 

 

205
 


BRÜCKENLIED
Hölzern überwölbter Gang
Kreuzt bequem den Murmelfluß,
Zwar ist finstre Nacht schon lang,
Doch ich spür den Wellenkuß.

Verse gehn mir durch den Sinn,
Da im Bach der Dichter lag,
Und der Wellen-Spielerin
Wechselred und Stimme gab.

Wie der Leipziger Student
Schrieb die Mädchen wellengleich,
War mir seines Werks Advent
Und ein Tor ins Zauberreich.

Brücken sind die Lieder stets
Und die luftigste der Reim,
Über viele Brücken gehts
Durch die Welt und endlich heim.

Heute gehts ins Träumerfeld,
Denn gewiß ich im nächsten Hain
Fall ich wunschlos aus der Welt
Und laß Klingsors Lockruf ein.
 

 

206
 


BALSAMINE
Früh auf die Höhn,
Wo sonst der Wirt
Duft und Getön
Wieselnd durchschwirrt,
Nun aber strahlt
Einsam das Wort,
Daß sich bezahlt
Machte am Ort.

Welch eine Wahl?
Wie diesem Sporn?
Wirbt fürs Lokal
Altweiberzorn?
Wer da wohl tischt
Fröhlich im Tann
Springkraut, das zischt:
Rühr mich nicht an?

Golden im Grün,
Säfte-gespannt,
Liegt ein Versprühn
In deiner Hand,
Daß es dir gram,
Wenn du es letzt,
Hat nur ein Nam
Drübergesetzt.
 

 

207
 
So ists dem Kraut
Wohl Ironie,
Daß es der Haut
Näh nicht verzieh,
Eher verführ
Kapselgeleucht
Über Gebühr
Alles, was fleucht.

So ist das Bier
Schaumgelb, das warnt,
Aber auch hier
Köstlich umgarnt,
Und des Geschlechts
Sklav wird der Mann,
Tönt das Gekrächz:
Rühr mich nicht an!
 

 

208
 


VOLLERSRODA
Wo man früher Torf gestochen,
Kräuselt sich ein Weiher hell,
Rasch aus Hos und Hemd gekrochen
Und gewaschen Haar und Fell!

Wer kopfüber in die Fluten
Springt und taucht durchs Element,
Weiß nichts mehr von Straßengluten
Und vom Schweiß, der salzig brennt.

Dies kam grad zur rechten Stunde,
Denn zur Kirche wolltst du rein,
Von der hiesigen gibts Kunde,
Sie soll hell und heiter sein.

Auf der höchsten der Emporen,
Hallt die Kanzel froh und klar,
Was Barock vermacht den Ohren,
Weckt den Siebenschläfer gar.

Dies soll dir die Glieder stärken,
Denn der Tag, noch jung und kühl,
Führt dich zu den großen Werken,
Drin der Adler fand Asyl.
 

 

209
 


AM GEHÄDRICH
Hader soll der Tag nicht kennen,
Und der Hanf soll würzig brennen
Im Gedünst, verstockt und mädrig,
Siehst die Maus am Raine rennen,
Lugt der Uhl schon aus den Tennen
In den Gärten am Gehädrich.

Tau beglänzt das Netz der Spinne,
Doch wir halten hier nicht inne
Und schon klebts als Stirnband fädrig,
In des Herzogs Stadt beginne
Uns ein Weihespiel der Minne
In den Gärten am Gehädrich.

Wer wird ernsthaft noch bestreiten,
Daß uns wie zu allen Zeiten
Diese Straße silberädrig?
Um den Späherblick zu weiten,
Wollen wir gemessen schreiten
In den Gärten am Gehädrich.

Stille in Erwartung wollen
Wir nicht poltern oder grollen
Wie der Donnrer doppelrädrig,
Wo von Versen sprühn die Schollen,
Schöpft das Auge aus dem Vollen
In den Gärten am Gehädrich.
 

 

210
 


WIELANDPLATZ
Der fleißig wie sein Namensgeber
Dem deutschen Schrifttum gab Kontur,
Versank im Traum, daran er Weber
Und dann zuletzt ein Künder nur,
Der Stürmer und der Dränger Goethe,
Dem er den Schmäh nicht übel nahm,
Verdrängte seine Morgenröte,
Die bald schon ins Museum kam.

Auch wenn zu Zeiten Neuentdecker
Bestrahlten seine Eigenheit,
Weiß das Gedächtnis nur Geklecker
Am großen Klotz der Goethezeit,
Sein Pech, daß er im Zentrum weilte
Und nicht in eine Nische wich,
Und Goethe dann vorübereilte,
Ein Schatten, groß und fürchterlich.

Der Jüngre war dem Ältren gütig,
Nachdem es anfangs mal gekracht,
Doch ob verklärt, ob übermütig,
Er hats uns inniger vermacht,
So mag man Wieland zwar bedauern,
Daß ihm die Nachfahrn ungerecht,
Doch wer bei Äpfeln vor den sauern
Die süßen nimmt, ist drum nicht schlecht.
 

 

211
 
Die Welt, die Gott in sieben Tagen
Uns hingestellt, ist ein Vampir
Nicht nur am Rand, sie wird getragen,
Daß den Gewinn auch wer verlier,
Nicht das Verdienst und der Charakter
Sind Rollenmeister in dem Stück,
Die Handlung fließt in höchst vertrackter
Verschleierung zu Gott zurück.

Drum wolln wir Wieland gern verehren,
Ob Goethe auch den Lorbeer trägt,
Und uns beim Himmel nicht beschweren,
Daß jede Sonne Schatten schlägt,
Nicht daß das Recht die Welt gestalte,
Und sie Vergangenheit zerdrück,
Ein Ansporn sei uns jedes Alte
Und Keim für neues größres Glück.
 

 

212
 


HERDERKIRCHE
Auf der Weimaraner Bühne
Ist Erato und Euterpe
Und der Mutter Mnemosyne
Goethen stets die Lorbeerschärpe,
Doch der Genius deutschen Blutes
Reicht die Eichel Herdern hin,
Weil das Tasten seines Mutes
Gab dem Volk den Eigensinn.

Goethe thront als ein Vollender
Auf Entwurf und Neuerwachen,
Herder ist ein Wartenwender
Und ein Kind des Wasserdrachen,
Ernster warn ihm Kant und Hutten,
Als das Weltenkind es mag,
Drum hat er in Dulderkutten
Auch verlebt den späten Tag.

Was da später aufgedröselt
Klassisch und romantisch tönte,
Ist bei ihm noch unzerbröselt,
Da den Schrecken er nicht schönte,
Er hat weiter vorgegriffen,
Als ihm Gott den Atem ließ,
Goethe hat indes geschliffen
Und gehegt sein Paradies.
 

 

213
 
So wie Zeus muß Hermes lassen
Manchen Streich, so sind die Kleider,
Drein wir Erdenkinder passen,
Eng, und mancher sagt hier: leider.
Aber wenn wir Goethen singen,
Sollt es nie nicht wie Wieland gehn
Herdern, der in vielen Dingen
Ging, wo Goethe konnt nur stehn.

Goethen wars, den Himmelszeichen
Und zerstörten Weltkonzepten
Unverbindlich auszuweichen,
Wen sie auch zum Henker schleppten,
Goethe blieb in seiner Stube,
Schien ihm abgeschmackt das Spiel,
Ans Gericht und an die Grube
Dacht er lieber nicht so viel.

Herder, der den Grimms es lehrte
Einzusammeln unsre Märchen,
Dachte dort, wos keiner ehrte,
Denn die Menschen lieben Lerchen,
Goethe findet nie den Richter
Wie der Fink des Ahornbaums,
Herder ist nicht nur ein Dichter,
Sondern Stifter eines Traums.
 

 

214
 


SCHILLERHAUS
Als ich noch nicht zwanzig Lenze
Hatt gesehn und Schwalbenschwänze
Jagt in Sommers Abendröte,
Wollt man den Charakter testen
Und man gab die Frag zum besten,
Liebst du Schiller oder Goethe?

Goethe, sagt ich ohn Begreifen,
Daß sich so ein kleiner Streifen
Meines Wesens offenbare,
Doch inzwischen ist mir stimmig,
Daß die Frag nicht minder grimmig
Als die Länge meiner Haare.

Goethe sprach mir froh und farbig,
Schiller schien mir pockennarbig
Und Moral ein Fastenessen,
Wald und Heide, Liebeswunder,
Baches Kühle, Flammenzunder,
Lassen Ethik gern vergessen.

Später las ich von Hopliten,
Von der Kriegermönche Riten,
Fühlte mit dem Questenberge,
Und ich hab die Not erfahren,
Daß die Taten offenbaren,
Wer dir treu und wer der Scherge.
 

 

215
 
Schließlich, daß im deutschen Tage
Alle Zeit die Ernte trage,
Offenbarte Urverwandtes,
Und ich spürte mit der Reife,
Daß ich seit der Kindheit streife
Mit den Göttern Griechenlandes.

Heut sind mir die beiden Männer
Vorm Theater Mai und Jänner,
Erntedank und Ostermorgen,
Und ich werd, solang ich lebe,
Hoffend, daß der Herr es gebe,
Stets von allen beiden borgen.

Also sprach der Test im Klaren,
Was man ohne ihn erfahren,
Nämlich, daß ich grün und grimmig,
Und ich werds auch weiter bleiben,
Ohne Halbheit unbescheiden,
Und vielleicht am Ende stimmig.
 

 

216
 


FRAUENPLAN
Was ein unversöhnter Mahr
Ließ als Bruch und Erlenau,
Brachte sich dem Lichte dar,
Der Kapell der lieben Frau,
Wo des deutschen Ordens Schwert
Losch das Graun aus Nacht und Wahn,
Sind die Musen eingekehrt,
Die vertraun dem Frauenplan.

Dies war Goethen erste Wahl,
Da er Helmershausens Bau,
Erst zur Hälfte, dann total,
Kor zum Sitz der Vogelschau,
Vorhaus, Park, Remis und Stall
Ließ dem bald erloschnen Clan,
Jener, dem der Sphärenhall
Heimisch ward am Frauenplan.

Zwischen Wirtschaft und Präsenz
Pulst des Brückenzimmers Band,
Orphisch Wort und Staats-Sentenz,
Liebesnacht und Tag-Verstand,
Eine Außentreppe weiß
Sich dem Gärtlein rasch zu nahn,
Rosenrot und Lilienweiß
Grüßen dich am Frauenplan.
 

 

217
 
Hier sind Erz und Schmetterling,
Karstfossil und Pergament
Eingebracht in Reim und Ring,
Wie es nur der Trunkne kennt,
Der im Wein den Raben schaut,
Doch im Rechte nur den Schwan,
Seinem frühsten Traume traut,
Der da reift am Frauenplan.

Heut weiß mancher ganz genau,
Was es hier zu finden gibt,
Aber wie sein Anzug grau,
Stumpft das Aug, das kaum geliebt,
Solchwer aus der Wärter Schar
Sah, da frühtags kräht der Hahn,
Daß beschlief ein Liebespaar
Goethes Bett am Frauenplan.

So kam nächtens Amor heim
Ohne Recht im Bürgerstand,
Darauf findet keinen Reim,
Wer erlaubt sein Liebchen fand,
Doch wem durch den Wolkendunst
Lenkte Psyche Floß und Kahn,
Der weiß sie als höchste Gunst
Auch im Haus am Frauenplan.
 

 

218
 


SONNENBLUME
Für den Inka gottgesichtig,
Einaug ohne Seitensprung,
Alle Welt ist null und nichtig
Zwischen Früh und Dämmerung,
Nur Apoll in seinem Wagen
Schaust du, Clytia, liebestoll,
Und du weißt nur eins zu sagen,
Und dies ist dein Gott, Apoll.

Groß bist du, die Wimpern flammen,
Um das Aug, das irden braun,
Alles sagt, woher wir stammen,
Was uns atmen läßt und schaun,
Blatt und Knospe wandern täglich,
Doch der Fruchtstand weist nach Ost,
Ist das Anschaun auch unsäglich,
Bleibt dein Pol die Morgenpost.

Zur Bewegung ausgestattet,
Mahnst du mich an Hirsch und Hund,
Daß der Sonnenstrahl dich gattet,
Reifen Odem, Lippe, Mund,
Ist die Zahl der Preiser mächtig,
Knien der Schwestern viel im Feld,
Schwelgst du dennoch sonnandächtig,
So, als wärst nur du die Welt.
 

 

219
 
Eifersucht kannst du nicht fühlen,
Denn die Lieb läßt keinen Platz,
Wie dem Wind verfallne Mühlen
Fließt dein ganzer Leib im Schatz,
Ist die Nacht ins Land gedrungen,
Schwenkst du ins Gebet der Wacht
Nach den Morgendämmerungen,
Was im Goldnen Winkel lacht.

Die Spiralen deiner Kerne
Bergen Öl, das hold und heil,
Im Gesetz der Wandelsterne
Wird uns Schöpfers Lieb zuteil,
Warm sind deine Sonnenfarben,
Und du hältst die Erde rein,
Wenn da Blatt und Blüte starben,
Wird das Lob doch ewig sein.

So sind Engel wohl im Himmel,
Innigst zugetan dem Thron,
Unbeeindruckt vom Gewimmel
Wesen sie im Äther schon,
Diesem unbemeßnen Ruhme
Uns das Leben Muster fängt,
So auch du, die Sonnenblume,
Die mir Gottvertrauen schenkt.
 

 

220
 


DAS MURMELN DER ILM
I

Murmeln, Wahrwort, Urgespür,
Flüstern, Ahndung, Rätselhall,
Dieser Born kann nichts dafür,
Wenn der Rabe meint Verfall.

Hier strömt alles ungelaugt,
Hier sind Schätze noch daheim,
Was dir diese Botschaft taugt,
Wird geformt im Herzensreim.
 

 

221
 


II

Murmelspieler warst du früh,
Als der Tod noch unbekannt,
Zwischen Taugold und Geblüh
Wuchs dein Reich im roten Sand.

Murmellaute barg das Haus,
Da das strenge Nein und Ja
Drückten noch nicht deutlich aus,
Daß was ist, nur einmal da.

Murmeln sind der Welten Kern,
Rollend ohne Unterlaß,
Schon der Knab stieg allzugern
Bergab rollend in das Faß.

Murmelt dir der Quell, so starrst
Du, daß dich die Seele floh,
In der Grotte, tief im Karst,
Warst du ihrer Selbheit froh.

Murmeln, nicht als Rauschen gelts,
Das dich schlägt und überschwemmt,
Murmeln ist kein Mantelpelz,
Sondern nur ein leichtes Hemd.

Nicht der Rausch, der gleißt und bannt,
Nicht des Minners Sporn und Faust,
Sondern eine offne Hand,
Drin du deine Flügel baust.
 

 

222
 


III

Was vom Quell behält der Bach,
Ist das Murmeln früh und spät,
Ob da Licht, ob Ungemach,
Dies Getön zu Träumen lädt.

Dies sind schwanke Melodien,
Zwischen Kaum und Nur-Vielleicht
Sich die Klangmotive ziehn,
Deren eins fürs Leben reicht.

Wer sie spürt, die Furcht verliert,
Vor dem Wandel, dem Verlust,
Denn der Fluß, der dies gebiert,
Hat noch immer Rat gewußt.

Mag ihn strenger Winter friern,
Singt er leiser und vermummt,
Doch es wird dir nicht passiern,
Daß sein frohes Lied verstummt.
 

 

223
 


IV

Was wir Landschaft, Heimat, Ort
Nennen, hat vom Wasser Form,
Was uns Erde, Ding und Wort,
Ist bestimmt von seiner Norm.

Die Substanz, die Salze sprengt,
Fäden spinnt und Ringe reiht,
Wird vom Sonnenstrahl gelenkt,
Der durch sie erfährt die Zeit.

Reif und Dunst sind Masken bloß,
Da in seinem inneren Drang
Nebel nicht noch Gletscher groß
Führn des Schöpfers Pfad entlang.

Denn die Welt ist stets ein Fluß,
Innen, außen, oben, tief,
Dessen Fracht und Überschuß
Murmelt aus dem Traum-Archiv.
 

 

224
 


V

An der Ilme bin ich gern
Bruder meinem Wanderstock,
Hier ist keine Einkehr fern
Oder feind dem grünen Rock.

An der Ilme bin ich oft
Fortgegangen durch das Land,
Drin sich deutscher Traum verstofft,
Willig an dem Murmel-Band.

An der Ilme bin ich längst
Reif und reich an Sämerein,
Wenn du an das Murmeln denkst,
Wird das Wort das rechte sein.

An der Ilme bin ich rein
Wie der Bach, der schattig spricht,
Und ich tret ins Murmeln ein,
Daß ich selber sei Gedicht.
 

 

225
 


BRÜCKEN-REFRAIN
An der Brücke stehst erneut,
Wo jüngst Goethes Wellenklang
Hat das bange Herz erfreut,
Dem der Nachtpfad wüst und lang.

Ein geringer Dichter meint,
Sieben Brücken sein zu gehn,
Meinem Wanderstecken scheint,
Der hätt eine nicht gesehn.

Das Geäder allen Lands
Ist der Ströme Fortgeschläng,
Fehlten uns die Brücken ganz,
Wär der Kreis des Waltens eng.

Was dem Mensch zu Ehr gereicht,
Sind die Brücken da und hie,
Vielorts man Gewinn erschleicht,
Solchen Zoll ich gern verzieh.

Wenn sich Holz zum Bogen spannt,
Übers Tal, drins sprudelnd fließt,
Reicht dir aus dem Grab die Hand,
Jener, der die Lücke schließt.
 

 

226
 


HETSCHBURG
Sanft, doch stetig steigt der Pfad
Für den Wandrer, der den Quell
Sucht und so entgegentrat
Stroms Verweiln und Stromes Schnell.

Zwischen Adel, Knotte, Röhm,
Wird das Flußtal fast zur Klamm,
Schattet noch ein kleiner Böhm,
Späht kein Bussard mehr das Lamm.

Solche Kühle frommt dir wohl,
Denn du gehst schon manche Stund,
In dem Ranzen Brot und Kohl
Geben dem Behagen Grund.

Hier in Hetschburg bleibst du nicht,
Wo allein die Mücken schrilln,
Und als Weiser und Gesicht
Taugt dir nur das Lied der Ilm.
 

 

227
 


BERKA
Berka, das als Badestatt
Goethe zeigt im Gästebuch,
Einen Sandsteinbrunnen hat,
Der verschont von Neurer-Fluch.

Manche Scharte klafft im Sims,
Mancher Riß geht durchs Podest,
Sagt der Strahl vom Wasser: Nimms,
Hält dich nicht der Zeitlauf fest.

Moos wird hier wohl abgeschabt,
Rote Bäckchen zeigt der Stein:
Hast du dich am Trank gelabt,
Tritt schon bald die Wirkung ein.

Palmbaum, der im Wappen thront,
Brachte Frucht einst im Barock,
Und obgleich er kaum geschont,
Wirkt erfrischt dein Wanderstock.
 

 

228
 


MÜNCHEN
Wohnst im kleinen oderm großen,
Wurd ich einmal nett gefragt,
Mit dem Namen, mit dem bloßen,
Ist dem Thüring nichts gesagt.

Zwar die Stadt der Wittelsbacher
Kennt ein jeder Flugpilot,
Aber Pelzhaus und Geschacher
Hier nicht Mann und Maus bedroht.

Klein die Glocken und die Türme,
Gassen eng und Gärtlein schmal,
Im Geschatt der Wipfelstürme
Schmiegt die Ilme sich ins Tal.

Weit mäandernd, Muschelresten
Freundlich in der Baum-Allee,
Sagt dir jeder von den Ästen,
Daß der Fluß die gute Fee.

Äsche, Schmerle, Barsch, Forelle
Sind bekannt im Ilmental,
Plötz und Gründling birgt das helle
Wasser und auch manchmal Aal.

Dies ist mehr als die Krawalle,
Die dem Zeitungsschreiber Brot,
Denn zum Gold gehört die Falle,
Und im Hochhaus wohnt der Tod.
 

 

229
 


TANNRODA
Meines Oheims Auserwählte
Kam einst von Tannroda her,
Als ich sechzehn Sommer zählte,
Wußte ich kein bißchen mehr.

Was die muschelkalkne Platte
Zwischen Ilm und Saale trug,
Weder Ruf noch Presse hatte,
Daß man drob besonders frug.

Wenig galt das Mittelalter
Und ein Heiltum, früh geweiht.
Doch die Sage ist ein Falter,
Der durchgaukelt Raum und Zeit.

Auf dem Lindenberg war mächtig
Freya einst in Recht und Fug,
Daß man später noch den prächtig
Goldnen Schatz zur Nacht vergrub.

Bis der Müller alles raubte,
Einen Diener bracht man um,
Weil man nicht der Unschuld glaubte,
Bleibt das Gold für immer stumm.

Also nimmt es wenig wunder,
Gleicht der Ort zerrißnen Schuhn,
Jüngst war selbst das Stadtrecht Plunder,
Und gar Ortsteil heißt er nun.
 

 

230
 


KRANICHFELD
Kraniche, die dieses Tal
Wählten stets in großer Zahl,
Warn zwei Frankenrittern stolz
Licht im dunklen Buchenholz.

Enzenburg und Schleußenwehr
Trutzten hoch und bürgten Ehr,
Niederburg und Oberschloß
Wachten über Feld und Troß.

Auch vom Sporn der Neuen Mahl
Pflag ein Turm des enge Tal,
Rüstig auch die Kirche stand,
Drum sich Wall und Zinne wand.

Slaven waren hier nicht fern,
Und sie raubten Maiden gern,
Doch beschützt vom Falkennest,
Blieb die Sprache deutsch und fest.

Auf der Niederburg triff heut,
Was des Falkners Schaulust beut:
Würger, Adler, Rot-Milan
Und was stößt im Falken-Clan.

Streift der Uhu fast dein Haupt,
Hast du gern der Kunst geglaubt,
Bis das Oberschloß dir viel
Noch verspricht im Ritterspiel.
 

 

231
 


OBERSCHLOSS
Das Geschnatter babylonisch
Und der Zweikampf Kunst und Schein,
Sind die Taler auch euronisch,
Mundet Schmand samt Honigwein.

Wie in manchen deutschen Landen,
Pflegt man Ritterspiel und Markt,
Wo sich erst nur Spinner fanden,
Ist die Branche rasch erstarkt.

Einst ein rottendes Gemäuer,
Nun ein Aktiv der Bilanz,
Mag nebst Minne nun die Steuer
Lanzenstechen, Feuertanz.

Gaukelei und Volksgewänder,
Was man totsprach und verstaubt,
Spielt verrückt am Burggeländer
Und hebt selbstbewußt das Haupt.

Ist das alles bloß Marotte
Oder Sehnsucht, tief und schwer?
Wollen sie zum alten Gotte
Und zu Adel, Treu und Ehr?

Vorschnell sagt man allzugerne,
Daß dies Mode ohne Ernst,
Doch die Wunde der Moderne
Auch du Oberschloß besternst.
 

 

232
 


FEUERTANZ
Feuerschlucker, Feuerspeier,
Peitsche, Kette, Stab und Seil,
Tanz der Gluten, Sternenschleier,
Goldner Ring und Flammenpfeil,
Bann der reinen Ur-Berückung,
Rausch und Wärme, Herd und Blitz:
Eine innigste Beglückung
Nimmt den Lauscher in Besitz.

Aus der Dunkelheit die Flamme,
Die sich dreht und jählings springt,
Weitend sich zum Drachenkamme,
Schlange, die sich selbst verschlingt,
Jäh verlöschend, jäh erwachend,
Lohe dann total im Raum,
Murmelnd, rauschend, wetterkrachend,
Schaust als Kind den Weltentraum.

Wie der Phoenix aus der Asche
Steigt das Licht aus Nachtgeschatt,
Daß das Aug den Flug erhasche,
Siehst du atemlos dich satt,
Doch der Tänzer, der die Leuchte
Sorgsam stimmt und kraftvoll bannt,
Hat den Träumer, den er scheuchte,
Väterlich in sichrer Hand.
 

 

233
 
Höllisch brennt das Unbedingte,
Aber dem gemeßnen Schritt
Überm Unheil, das dir winkte,
Nie die Macht des Reims entglitt,
Eingefaßt in die Sonate
Ist der Brand der Spieler nicht,
Weil der taumelnd wilde Pate
Unbeweglich im Gesicht.

Dies ist dir ein sichers Zeichen,
Daß der Geist dem Element
Herr und Spieler, seinesgleichen
Rufend, wenn das Öl verbrennt.
Wo sich so beweist der Kühne,
Schließt Musik den Tages-Ring,
Was der Gaukler schafft der Bühne,
Tut dir Gott im Schmetterling.
 

 

234
 


DICHTERPROFIL
Der Dichter soll der Welt verraten,
Was seine Schul, wer seine Paten
Und warum er um Längen reifer
Als der Kollegen Übereifer.

Als Schüler noch bedrückt die Glocke,
Da sprach man von der Schillerlocke,
Heut fragt der rundum Zeitgemäße,
Ob er denn eine Yacht besäße.

Dies ist gewißlich zu verneinen,
Die Schleimer mögen drüber weinen,
Doch gilt für Sachsen wie für Sorben:
Die Dichter sind nicht ausgestorben.
 

 

235
 


MUSIKANTEN
I

Sie kommen auf dem Wagen mit der Plane,
Und eh sie stehn, bezeugt sie die Schalmei,
Für Flöte, Baß, Fagott und Mandolei,
Macht selbst der vollgefreßne Spießer Bahne.

Die Geige schwingt sich aus dem Trubel frei
Und thront wie Lerchen auf der Wetterfahne,
Wenn Mädchen tanzen, wird die Balz dem Hahne
Oft schwer, denn leider bleibt es dann dabei.

Der Dudelsack birgt Schmelz von einem Schwane,
Und das Akkordeon mag die Schunkelei,
Bis du zerfließt im sphärischen Soprane.

Du weißt nicht, ob das Spiel das Burgfest weih,
Und ob die Klarinette Monomane
Wie dich zuletzt des Spielverderbens zeih.
 

 

236
 


II

Die Musikanten haben zu berichten
Von Not und Neid und auch zum Preis der Frauen,
Sie lassen uns in einen Weltkreis schauen,
Da sprudelte die Quelle der Geschichten.

Im Nordwind steht der Bauer da, im rauhen,
Er bringt, da sich die Wolken rasch verdichten
Die Herde heim, schon wiegen sich die Fichten,
Und erster Regen nieselt in den Auen.

Hier spricht das Leben klar in seinen Pflichten,
Jedoch die Mönche wissen Bier zu brauen –
Und welcher Landmann mag darauf verzichten?

Wir dürfen tief in eine Seele schauen,
Und so uns selbst und unser Tun gewichten,
Und selbst der Stumpfste hört jetzt auf zu kauen.
 

 

237
 


III

Die Musikanten rufen uns zur Linde,
Dies haben sie seit tausend Jahrn getan,
Da schmerzt das Bein nicht mehr, und auch Zahn
Gibt Ruh wie auch die Herrschaft dem Gesinde.

Das ist der Frühling, der den Speiseplan
Uns schmückt wie wir die weiße Birkenrinde,
Daß man Girlanden um den Maibaum winde,
Brauchts Klettrer aber keinen Eisenkran.

Wer wohl sein Lieb beim Lindentanze finde?
Ob er sich trau, dem Herzensglück zu nahn?
Noch wartet das Geschmeid im Bodenspinde.

Schon rollt ein Faß und sucht sich seine Bahn,
Denn wohlfeil gibt sich heut dem Christenkinde
Der Abschied von des Winters Wucht und Wahn.
 

 

238
 


IV

Die Musikanten spielen auf der Heide
Mit Instrumenten und mit hellen Worten,
Verschloß der Winter lang die Lebenspforten,
So trägst du heut das rote Kleid von Seide.

Und säh ich nur von den gestickten Borten
Ein Stück, fänd ich doch jeden Mann im Neide,
Denn in der Lieb sind Melodien wir beide,
Und scheidbar nicht wie Korn und Apfelsorten.

Darf ich vertraun, was ich für Schmerzen leide,
Stehst du am Busch, am winterlich verdorrten,
Der mir den Blick durchstreicht wie graue Kreide?

Dies ist kein Singsang aus dahergeschnorrten
Gefühlen zwischen Traudich und Vermeide:
Es ist das Lied, das wir im Herzen horten.
 

 

239
 


STEDTEN
An dem Hang zum Reinhardsberge,
Wo sich Fuchs und Has gut Nacht
Sagen, fänd dich nie ein Scherge,
Hier wird kaum ein Hof bewacht,
Hier hol besser vor die Pfeife,
Denn der Weg nach Zigaretten
Ist in dieser Ilmenschleife
Weit wie jeder Weg von Stedten.

Hier ist, heißts, der Hund begraben,
Wer davonging, kehrte nie,
Hier gilts, keinen Wunsch zu haben,
Milchgeschäft und Drogerie
Gibts nicht mehr mit Wachs und Dochten,
Selbst mußt du die Wäsche plätten,
Einstens hat man Korb geflochten,
Doch das weiß man nur in Stedten.

Pendeln ist das Los von allen,
Die der Kindergarten ließ,
Sind die Pendler eingefallen,
Steht ein stilles Paradies,
Kein Gewerbe wagt zu hämmern,
Daß sie was zu melden hätten,
Und es muß dem Dümmsten dämmern,
Daß gestorben lang schon Stedten.
 

 

240
 
Aus die Kirche, die nach Luther
Ihrem Eckard ließ das Sankt,
Ging der Sohn wie einst die Mutter,
Keiner bittet, keiner dankt,
Aus dem Stall ward die Garage
Und von dort gehts nach den Betten,
Nimmer müht sich um Staffage,
Wer geblieben ist in Stedten.

Jüngst hat man ein Stückchen weiter
Viel gebaut, doch kam daher
Nur die Mehrzahl stummer Reiter
Und des Zuwegs Mehrverkehr,
Wer da vollmunds gibt zum besten,
Aufbau Ost, ich würde wetten,
Wohnt vermutlich weit im Westen
Und zumindest nicht in Stedten.
 

 

241
 


BARCHFELD
Was dem Schweine die Germanen
Dankten, läßt manch Ortsschild ahnen,
Hier ward Barg der Namensgeber,
Was da heißt: verschnittner Eber.

Frühster Zeit erhaltner Zeuge
Ist des Kranichs Rast und Beuge,
Aber wie geschnitztes Zeichen,
Mußte auch der Vogel weichen.

Nah der Kirche steht ein Brunnen,
So wie einst zur Zeit der Hunnen,
Ist man auf den Sprudel lustig,
Weil das Leitungswasser krustig.

Nach der Zeit der grauen Stelzer,
Brachte Brot der Gerstenmälzer,
So ward Brachfelds Eberhauer
Weithin gut für manchen Brauer.

Leider ist auch dies verrottet,
Und wo die Ruine spottet,
Nur der Holzwurm fröhlich ziefert,
Da das Bier von weit geliefert.

Kranich, Gerste, Malz und Schweine,
Alle Freiheit, die ich meine,
Wartet, daß die Nacht sich lichte
Und den Schreckensmahr vernichte.
 

 

242
 


OBERFELDHÖHLE
Sagst du dem Kalmberg Lebewohl
Daß Tännich links die Stellung hält,
Nennt Gebser seine Karste hohl
Und führt dich in die Unterwelt.

Bei Dienstedt wars der Ur-Ilm Kraft,
Daß unter Schenkenhopfen tief
Die weitverzweigte Hohle klafft,
Drin wohl des Steinzeitmanns Archiv.

Ein Saurier-Kieferknochen wahrt
Versteint die Form bei Napf und Pfriem
Der Jäger, die auf ihre Art
Erforschten, was da taug und ziem.

Sie haben einstens Lehm gebrannt,
Und Nadeln zeugen für den Mut,
Darin so manches Werk entstand,
Das ihrem Tag und Abend gut.

Heut residiert die Fledermaus
In Schrunden, die du weiß bestrahlst,
Du tummelst dich im Albenhaus,
Wenn du dem Führer Groschen zahlst.
 

 

243
 


SENFMÜLLERS LIED
Klappert überm Bach klipp-klapp,
Wanderer, das Mühlenlied,
Macht der Fahrtengeist nicht schlapp,
Dem der Kranich freund im Ried,
Ist das Lied im Ilmland hell,
Walzt man Senfkorn weich zu Schrot,
Daß im Most die Maische quell
In der Mühle Morgenroth.

Mittelalter-Fundament
Trägt das Werk der Lutherzeit,
Seit die Welt von Händel kennt
Aetius' Sieg im Hunnenstreit,
Sind da Fachwerk, Recht und Grund,
Was da freundet, was da froht,
Erb und eigentlich im Bund
Mit Familie Morgenroth.

Mancher Sohn ging Vater Pfad,
Stall und Scheuer wuchsen rasch,
Wo der Freie schritt zur Tat,
Ward die Hand nicht welk und lasch,
Der als Sichter Mehl, Dunst, Grieß
Trennt, wies ihm der Walzstuhl bot,
Vier Geschosse wachsen ließ
In der Mühle Morgenroth.
 

 

244
 
Da der Ilme Flut nicht reicht,
Kam zuhilf ein Lokmobil,
Das im Weltkrieg Diesel weicht,
Bis im Neu-Zusammenspiel
Sorgte die Turbine Kraft,
Die dem Hilfsmotor kommod,
Daß die Mühle weiterschafft
Mit Familie Morgenroth.

Was in Zeiten, gut und schlecht,
Wuchs bis zum Verladetrakt,
Hielt den Stil und gab ihm recht,
Und erhielt, was abgewrackt,
Als von West der Spekulant
Kam als Herr, war plötzlich tot,
Was man je im Fleiß gekannt
In der Mühle Morgenroth.

An der Weser, Mosel, Lahn
Sahn Herr Friedrich und die Frau
Überall denselben Wahn:
Mühlenschrott in jeder Au,
Statt der Kette letztes Glied
Wählte trotzend Schmäh und Not,
Unbeirrt das Mühlenlied
Die Familie Morgenroth.

Senf, der sanfte Walzen braucht,
Soll er den Gourmet erfreun,
Denn das Fein-Arom verhaucht,
Wenn die Räder heftig dräun,
 

 

245
 
War schon früher hier gediehn,
Und nun neuem Anfang Brot,
Das Rezept die Akten liehn
In der Mühle Morgenroth.

Auf der Messe in Turin
War der Senf Genießern fein,
Wo Italiens Sonne schien,
Ging so mancher Auftrag ein,
Wohlstand zeigte grünen Keim,
Doch Ilm riß Wehr und Schlot,
Und die Wasser suchten heim
Die Familie Morgenroth.

Doch wer nie dem Schicksal front,
Baut auch Stau mit Brückenwehr,
Wird mit Himmelskraft belohnt,
Stellt noch stets die Ordnung her,
Also werkt im Weh und Ach
Dieses Lands, als wärs im Lot,
Stetig und dabei gemach
Hell die Mühle Morgenroth.
 

 

246
 


ILMENIT
Ob ich dein Geheimnis lüft,
Schlägst du eisern den Titan,
Magma, Quarz und Mondgeklüft
Haben teil am frühen Wahn.

Härte bannst du, selber hart,
Die vielleicht für Weichstes steht,
Ins Gebirge bist verscharrt,
Drüber Wind und Welle geht.

Goethe suchte Erz und Stein
Bei der Ilme Murmelsang,
Soll dein Reim gefunden sein,
Oder fand man ihn schon lang?

Mit Magnetit und Rutil
Lagerst dich in Seife ab,
Unverwittert lugst im Spiel
Aus des Flusses Sand-Geschrapp.

Und kein anderes Gehäus
Soll dir streiten Wellenschaum,
Die Titanen bannte Zeus
Uns für immer in den Traum.
 

 

247
 


ERDBIENEN
In Stadtilm ist es steinern kalt,
Drum steigst du in den Höhenwald,
Wo Pilze stehn im Laubicht-Rest,
Findst du gewiß ein warmes Nest.

Im Dunkel drückt dich nicht die Frag,
Ob anderswer auch Wärme mag,
Von Wege schweifst, hier ist es lau,
Und längst ward schwarz das Abendgrau.

Ein Fallen müd nach Müh und Schweiß,
Doch da, vielhundert Nadeln heiß,
Zerstechen dich mit Schmerz und Schreck,
Daß du mißachtest dein Gepäck.

Zurück zur Lichtung atemlos
Und rasch vom Leibe Hemd und Hos,
Sogar in deinen Strümpfen steckt
Gewaltbereit ein Stich-Insekt.

Nun bist du nackt, der Schlafsack liegt
Im Dunkel, drein dich keiner kriegt,
Der Stich am Fingernagelrand
Hat noch die ganze Nacht gebrannt.

Sonst ging es glimpflich, Muskeln, Fett,
Wenn Weiches dies getroffen hätt,
So hättst du lauter wohl geklagt,
Und minder Sorge, daß es tagt.
 

 

248
 
So fehlen Matte nur und Sack,
Zwar sind der Kratzer viel am Lack,
Doch kriegst vom Freund die halbe Deck,
Drückst du gewiß den Nachtmahrn weg.

Erdbienen warns, ein kleines Loch,
Dies wundert dich am Morgen noch,
Denn selbst am Tag hättst nicht geschaut,
Wer unter dir sein Lager baut.

Gar viele Leichen findst du früh,
Es war ein Tag mit reichlich Müh,
Jedoch das Ärgste findst zuletzt,
Wenn du dich ins Vertrauen setzt.

Doch schimpf nicht auf das Mißgeschick,
Vielleicht schärft sich ja drob der Blick,
Daß Blust, den dieses Volk bestäubt,
Mit Rot und Gelb das Weh betäubt.
 

 

249
 


ILMTALBRÜCKE
Am Ufer Langewiesen-hin
Ist flach das Tal und leis der Bach,
Du hast kein lautes Zeug im Sinn,
Und Poltrer sind nicht deine Sach,
Daß aus der Flasche floh der Dshinn,
Verkündet bald ein greller Krach,
Und eh er endlich wieder drin,
Wird ärgrer nur das Ungemach.

Die Bahn fuhr einst die Ilm entlang
Mit dunkler Hupe, hellem Pfiff,
Sie mischte sich dem Murmelsang,
Bis ein Dämon die Macht ergriff.
Sie meidet nicht mehr Ried und Hang,
Sie spannt sich wie das Sonnenschiff
Die Trasse, die den Genius bang
Verzagen läßt am Muschelriff.

Gigantisch spannt sich das Gestell,
Metallne Kraken wühln im Staub,
Die Teiche rings vertrocknen schnell
Die Sonne nährt nicht Halm und Laub,
Du trottest stumm wie der Gesell
Und wähnst, daß dir es keiner glaub,
Hier schindet weit das Auland-Fell
Der unverfrornste Heimatraub.
 

 

250
 
Seit Vorbild ward der Flugverkehr,
Sind Radien weit und gnadenlos,
Wer ohne Rücksicht kommt daher,
Dem ist die Welt ein Reißbrett bloß,
Daß ihn das Fröschequake scher,
Sind die Profite viel zu groß,
Und wer da reist, der fühlt nichts mehr
Vom Bluterguß im Tannland-Schoß.

Drum mach nicht mit beim bösen Wahn,
Der ärger als der Vogel Rock
Das Land zerhackt, der Deutschen Bahn
Zieh immer vor den Wanderstock,
Auch wer da front im gelben Kran,
Wird hungern nach dem Börsenschock,
Dann zieht dem Bahnvorstand den Zahn
Das Aus für alles Abgezock.
 

 

251
 


LANGEWIESEN
Von der Schobse bis zur Schorte,
Lohme, Oehre, Rittersbach,
Eh du fandst des Auwald Pforte,
Zeigt die Lengwitzmaid ihr Fach,
Langgestreckte Höfe-Zeile,
Herrenteiche, Hundsgebell,
Bleib am Brunnen eine Weile,
Denn die Sonne sinkt so schnell.

Über Sandstein purzeln Schübe,
Die der Sprudel pulst und spuckt,
Sonnenstreifen, Wolkentrübe,
Wetterleuchten manchmal zuckt,
Doch der Donner hat nicht Eile,
Und im West ists goldig hell,
Bleib am Brunnen eine Weile,
Denn die Sonne sinkt so schnell.

Weit ists nicht mehr in die Berge,
Die das Bächlein froh vertont,
Daß du fast die Silberzwerge
Hörst und was im Buchwald wohnt,
Dieser Tag sah manche Meile,
Gott und Teufel warn zur Stell,
Bleib am Brunnen eine Weile,
Denn die Sonne sinkt so schnell.
 

 

252
 
Wer der Ilme tritt entgegen,
Daß das Murmeln ihn erfreu,
Mag sich in die Träume legen
Ohne Stroh und ohne Spreu,
Auf den sanften folgt der steile
Pfad zu Oberlauf und Quell,
Bleib am Brunnen eine Weile,
Denn die Sonne sinkt so schnell.

Daß Gefahr verbirgt der Dämmer,
Sagt der Elster weißer Fleck,
Kochgeschirr und Schmiedenhämmer
Reden drein mit Ziel und Zweck,
Grad noch einen Zoll im Heile
Fröhlich wie der Knabe Tell,
Bleib am Brunnen eine Weile,
Denn die Sonne sinkt so schnell.
 

 

253
 


PERLGRAS
Überm Raine auf der Halde
Neigt sich Perlgras still zum Gruß.
Nicht nur tief im deutschen Walde
Flügelt Gott dir Aug und Fuß.

Halbbeschattet, mäßig feuchte
Böden liebend, hell und warm,
Flügel-Blatt mit Purpurleuchte,
Trägts die Traube fest im Arm.

Seine Ährchen, klein und glänzend,
Gleichen umgekehrtem Ei,
Haar auf Spreiten sagt ergänzend,
Daß der Schöpfer gern dabei.

Und der Drache mit der Perle
Wird ins Chaos heimgeschickt,
Wenn im Blattgerott der Erle
Taubeglänzt das Perlgras nickt.
 

 

254
 


ILMENAU
I

Am Ilmenbach gar eng am Waldeshange,
Da kräuselt froh der Rauch vom roten Dach,
Man werkt und müht sich früh und abends lange
         Am Ilmenbach.

Der Müßiggang ist nicht des Volkes Sach,
Und bleibt der Kupferberg uns bei der Stange,
Mach Gott, daß uns der Kindersegen lach.

Den rechten Weg erspürt im dunklen Drange
Der Forscher wohl und meidet Neid und Rach,
Und dieses Wunder hallt im Lobgesange
         Am Ilmenbach.
 

 

255
 


II

Hier fängt man Ruß und Pech wird hier gesotten,
Das Porzellan trägt Brot mit Pflaumenmus,
Und jeder weiß, mag er auch traumhaft trotten:
         Hier fängt man Ruß.

Das Eisen schmilzt, zum Braunstein gehts zu Fuß,
Die Mäntel schützt das Zirbenöl vor Motten,
Und Glückauf ist der meistgesprochne Gruß.

Und wo man gräbt und spürt nach Kupfergrotten,
Dort sind die Berge reich an Ichs und Dus,
Denn mag die Großstadt auch das Land verspotten:
         Hier fängt man Ruß.
 

 

256
 


III

In Ilmenau lebt man auf seine Weise,
Und was gemäß, das weiß bei erster Schau,
Wer hier geborn, sinnt nicht auf neue Gleise
         In Ilmenau.

Der Handschlag meint, daß man auf Gott vertrau,
Und gehst zum Kickelhahn durch eine Schneise,
So meint dies auch der Fuchs in seinem Bau.

Wie die Planeten im gemeßnen Kreise,
So kreist der Mensch auch hier als Mann und Frau,
Dies murmelt dir die Ilm unendlich leise
         In Ilmenau.
 

 

257
 


KICKELHAHN
Auf dem Hausberg Ilmenaus
Darfst auf schmuckem Turme stehn,
Streck den Arm zum Himmel aus,
Denn du wirst den Brocken sehn,
Hier bist du am Puls des Tanns,
Und im Herzen unserm Reich,
Und auch deines heil und ganz
Fühlt sich Wandrers Nachtlied gleich.

Nur der Himmel winkt dir zu,
Der da Freud und Schmerzen stillt,
Hier ist ganz und innig Ruh
Und die Welt dein Ebenbild,
Hier spricht Frieden im Gewieg
Hoher Fichten, raunend leis,
Wer in diese Eintracht stieg,
Ist gebettet wolkenweiß.

Schreib mit Bleistift auf das Holz,
Daß du froh bist und gefeit,
Nicht der Prunk im falschen Stolz
Hat vertrieben Weh und Leid,
Nur der Frühwind überm Kamm
Ist solch leichter Luftgesell,
Wie die Krone traut dem Stamm,
Blaut dein Auge weit und hell.
 

 

258
 
Soll die Fahrt zuende gehn,
Da das Glück sich nicht mehr mehrt?
In das Künftige zu sehen,
Ist dem Menschenkind verwehrt,
Aber was auch sei und komm,
Trag der Stunde Diamant,
Heimatlieb und herzensfromm
Durch das ahndungsreiche Land.

Der hier früher sprach und sann,
Hat das Schweigen zart gereimt,
Vieles ward verschüttet dann,
Doch solangs im Erdreich keimt,
Kommt der Pilze nächster Schub
Unverhofft und über Nacht,
Was der Schöpfer uns vergrub,
Wahrt das Siegel seiner Macht.

Also heb den Schatz erneut
Aus der Ilme Murmelsang,
Was den Liebenden erfreut,
Wissen Baum und Fels schon lang,
Nichts als Lob sei da gesagt,
Nichts als Dank empfunden tief,
Denn die Welt ward groß gewagt,
Als dein Stern im Himmel schlief.
 

 

259
 


JAGDHAUS GABELBACH
Schlichtes Haus im Spätbarock,
Stein, von Versen blankgeputzt,
Hier fehlt noch dein Wanderstock,
Doch der wird ja noch genutzt.

Manches Stück, das sehenswert,
Aus des Hofrats Sammlerlust,
Ward von Späteren geehrt
Und hat hier hinzu gemußt.

Denk vom Rummel nicht gering
Um das einstge Hausgerät,
Was ich dieser Stunde sing,
Soll noch echon, wenn es spät.

Gott schuf nicht den Adler nur,
Auch die Ameis lobt den Herrn,
Und am Ende dieser Tour
Bleibe schweigsam wie ein Stern.
 

 

260
 


IM GUNDELACHSCHEN HAUS
Bei Gundelach in Stützerbach
Fand guter Geist ein festes Dach.

Wo einstens Glas verhüttet ward,
Das Weinglas Freud und Freunde schart.

Und Goethe, dem der Gradsinn paßt,
War dutzend Male hier zu Gast.

Hier kehr auf seinen Spuren ein,
Notfalls mit mitgebrachtem Wein.

Der Rennsteig durch die Fichten lugt,
So wird auch diese Fahrt verfugt.

Auf fünfen waren Lied und Reim
Im offnen Land dir Horst und Heim.

Und wenn dich Klingsor auch nicht fand,
Durchdrangst du doch der Zeiten Wand.

Nicht mehr ist alles so wie einst,
Jedoch der Traum weiß, wie dus meinst.

Drum bitt zu Gott für diese Zeit,
Daß er erhalt die Heiterkeit.
 

 

261
 


SCHMÜCKE
Von der Allzunahen Hütte
Wasser kommt im Lengwitzbache,
Taubach füllt die Ilmenbütte
Heimlich unterm Kohlendache
Finsterberges, leicht zu suchen
Dem, der flausenfroh und flügge,
Doch der Freibach quillt an Buchen
Vor der Rennsteigschenke Schmücke.

Allen dreien nachzulaufen,
Wagt kein Wandrer, der alleine,
Denn zu teilen sind nur Haufen,
Die nicht wohl dem stillen Haine.
Also end die Ilmenpfade,
Schließ zum dritten Buch die Lücke,
Daß zur Aussicht dich begnade
Hoch die Wetterwarte Schmücke.

Hart den Gipfel zu erklimmen,
Wird verlacht beim Biergelage,
Denn die Richtung sollte stimmen,
Und ein Rad die Bürde trage.
Aber wer da abseits streifte,
Daß er blaue Blume pflücke,
Schreibt ins Buch das so Gereifte
An der Wegekreuzung Schmücke.
 

 

262
 
Zwar das Auge hat zu narren,
Wer bei Joel sucht Behagen,
Parasitisch kreischen Karren,
Dies nicht gab in beßren Tagen,
Doch wem Innenbilder lachen,
Der vergißts in seinem Glücke,
Darf die Müdigkeit bedachen
Unter Buchen nahe Schmücke.

Ehrenpreis und Bärwurz findet,
Wer nicht spottet seinem Fuße,
Wenn Maschinentakt nicht blindet,
Schmückt Johanniskraut die Muße.
Hör die Morgensonne sprechen:
Mach vor Tag hier noch die Mücke,
Gib dich hin den vielen Bächen,
Denn bergab gehts nur von Schmücke.
 

 

263
 


DIE SPENDE DER BLÜHER
Jedes Buch muß einmal enden,
Jedes Fest versinkt im Schlaf,
Aber was die Blüher spenden,
Faßt kein Himmels-Architrav.

Wer da anhebt zu besingen
Malve, Ginster, Iris, Phlox,
Legt zuletzt die Schwanenschwingen
Ins Gedörn des Rosenstocks.

Hier kann Sprache nur verzagen,
Im Gefächel und Gerank
Bleibt das Gold aus Gartentagen
Tiefrer Weisheit frei und frank.

Dennoch darfst du ihnen dienen,
Die da geizig nicht und spröd,
Ins Gesumm der Honigbienen
Misch dein Dur- und Mollgeflöt.

Wandre weiter durch die Auen
Und schau Türkenbunds Turban,
Denn dem Leben eignet schauen,
Und das übrige ist Wahn.