Uwe Lammla ·  Waldeinsamkeit 

 



 
 

 



UWE LAMMLA




WALD
EINSAMKEIT















 
ARNSHAUGK

 



 









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ISBN 3-926370-50-5

© 2009 Arnshaugk Verlag
www.arnshaugk.de


Alle Rechte beim Autor
www.lammla.de

16,50 EUR
 

 



INHALT

ENGELKE UP DE MUER
Uroboros
Qoph
Chamäleon
Uwe
Je länger je lieber
Salzwiese
Grönes Land
Queller
Andel
Rotschwingel
Thorshühnchen
C-Falter
Juni-Trübnis
Jollensegler
Borkumer Kleinbahn
Lütje Hörn
Memmert
Töwerland
Norderney
Baltrum
Langeoog
Grüne Insel
Wursten
Rüstringen
Seewiefken
Esener Bär
Upstalsboom
Lied der Erdmantjes
Trauerseeschwalbe
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Wiesedermeer
Brookmerland
Calendarium historicum
Krummhörn
Uttum
Kirchturm in Suurhusen
Windsbraut
Cirksena
Chen und Lein
Engelke
Up de Muer
Harsweg
Am Delft
Wasserturm
Vrouw Johanna
An der Knock
Sr. Majestät Schiff Emden
Rheiderland
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79
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WALDEINSAMKEIT
Osterzug
Weg durch jungen Wald
Ueckersee
Oderbruch
Waldweg bei Groß Gandern
Silesia
Zwei Wege
Schneekoppe
Wegbiegung
Qualendes Sein
Deutsche Poeterey
Park in Breslau
Friedrich von Logau
87
90
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94
95
96
98
99
101
102
104
106
107
 

 

Orant
Hofmannswaldau
Weiden am Teich
Cherubinischer Wanders- mann
Lohenstein
Lob des Knasters
Vorfrühling am Seeufer
Untreu
Kleist
Zopfflechtendes Mädchen
Wünschelrute
Die zwei Gesellen
Die Rothaarige
Qed
Homo faber
Reh im Wald
Eldorado
Ratibor
Jungwald-Terzinen
Qui sedet post fornacem
Wunder über Wunder
Der Gläubige
Walpurgisnacht
Lorelei
Waldeinsamkeit
Regenwolken über den   Feldern
Zedlitz
Der gordische Knoten
Landschaft mit Wolken   durchbrechender Sonne
Lausitz
Jungen
Sitzender Jüngling
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110
111

112
113
115
117
118
119
121
122
123
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130
132
134
135
137
138
139
141
143

144
146
148

151
153
155
157
 

 

Jägerndorfer Stanzen
Jelusich
Feldweg zwischen Obst- bäumen
Max Hermann-Neiße
Ophelia
Sinnender
Thingspiel
Schlesische Rondelle
Tiergarten
Liegnitzer Reim
Joachim Karsch
Helmut Bartuschek
Herbert Böhme
Kiefern am Grunewaldsee
158
160

161
163
164
167
168
170
173
174
175
176
177
179


IN DEN ISARAUEN
Isar
Kindel
Flaucher
Wieland
Orwell-Jahr
Bücherstadt
Universität
Ockham
Schelling
Ritter
Baader
Creuzer
Görres
Nymphenburg
Alter Südfriedhof
Deutsches Museum
185
187
190
192
196
197
198
200
202
203
204
205
206
207
208
210
 

 

Feldherrnhalle
Im Atelier
Joghurt
Bauernfäule
Kirschblüte im Hof
Die Königin der Nacht
Böllerkrachen
Brummschädel
Hochzeitsspruch
Schöpfung Philipps Tod
Das Birgweibl von Schäftlarn
Von Ganthar und Nantwin
Judas von Einöd
Winzerer
Der Spuk von Lenggries
Geigerstein
Fall
Oswaldhütter
Scharfreuter
213
216
218
222
222
225
228
229
230
231
232
233
234
235
236
237
238
239
240
 

 

 

 




ENGELKE
UP DE MUER

för min engelke



»Wo die Nordseewellen trecken an de Strand,
Wo de geelen Blöme bleuhn int gröne Land,
Wor de Möwen schrieen gell in Stormgebrus,
Dor is mine Heimat, dor bün ick to Hus.«

 
FRIESENLIED       

 

 

 

13
 


UROBOROS
Kreislauf, Reif und Zirkelschluß,
Was da wird und was sich neigt,
Was sich erst beweisen muß,
In den Ring des Lebens steigt,
Ganzheit, die aus einem Guß,
Nichts entfaltet und verzweigt,
Wie ein Moor im Himmelsfluß
Aller Reiche Reim verschweigt.

Elternlosen Steins Symbol,
Midgardring im Weltensee,
In des Reifens Atem-Hohl
Suchen Freude wir und Weh,
Eins von Luna-Nacht und Sol,
Hexenkranz und Weisheitsfee,
Kamst als Formel von Benzol
In den Traum von Kekulé.

Reines Rund und Widerwort,
Das uns Tun und Leiden trennt,
Ohne Zeit und ohne Ort
Ist der Anfang wie als End,
Gleichsam her und gleichsam fort
Deine Fackel löscht und brennt,
Süd-Geglüh und Eises Nord,
Luzifer und Deszendent.
 

 

14
 
Wer dir redet, stammelt bloß,
Denn dein Sagen meint total,
Ob wir Zwerge oder groß,
Ist gelöscht und ist egal,
Was die Lilie raunt der Ros,
Birgt nicht länger Lust und Qual,
Und es gibt kein Flügler-Los,
Das sich aus dem Mahlstrom stahl.

Aber eh sich selbst verschlingt
Das Reptil, der Augenstern
Leuchtet, wie im Reime singt
Die Gedächtnissilbe gern,
Was der Flackerstahl vollbringt,
Sei gesagt dem Himmelsherrn,
Und den Schleifen, die er dingt,
Sei er niemals fremd und fern.

Mag ein Hauch von Goldgeglüh
In dem Banne, starr und steif,
Alles sein, was spät und früh
Trennt im unbedingten Reif,
Dennoch, daß sie schäumend sprüh,
Ich die Woge letz und streif,
Und ich scheu nicht Mut noch Müh,
Daß das Herz ein Gran ergreif.
 

 

15
 


QOPH
Laut, phönizisch, Hals und Haupt,
Büste, die den Sinn verlor,
Ohne Wert und leicht verstaubt
Stellen dich die Sprachen vor.

Westromanisch E und I
Noch verbindend echtem K,
Als Schikane und Manie
Stehst du deutschen Schülern da.

Doch im Qoppa hebt der Quell,
Der das Alphabet erfand,
Zwischen Punt und Rom zur Stell,
Seine abgewetzte Hand.

Was da flackert und verlischt,
Ruft den Rittersmann zur Quest,
Wenn er auf den Quercus drischt,
Feiert jeder Blitz ein Fest.

Du, Quisqualis, Wechselbalg,
Bist für manches Rätsel gut,
Auf der hellen Mauer Kalk,
Queckt Mercurius mondbeschuht.

Quark ist manchen Quoddel-Quast,
Doch die Franken in Quebec,
Sehn sich als Zerquetschte fast
Und sie wollen nichts als weg.
 

 

16
 


CHAMÄLEON
Helm und Kamm und Hörner sind den Arten
Deines Clans gemein und urverwandt,
Säumig schaut man dich auf deinen Fahrten,
Selbst wenn dich die Götter ausgesandt.

Was zur Balz dich schmückt, vermag zu tarnen
Farblich Blatt und Holz verfahlst du starr,
Ruckhaft wie die Winde spieln mit Farnen,
Täuschst du jedes Los, das deiner harr.

Sollte doch Feind dich leiblich rühren,
Fällst du leblos, aber immer weich,
Da dich Lungen wie ein Kissen schnüren,
Und den Rücken zeigst du Gegnern gleich.

Dort bezackt dich mancher harte Splitter,
Der dir Mark und Eingeweide krönt,
Rasch entmutigt solcher Schild den Ritter,
Dem schon längst ein andres Opfer tönt.

Selbst am Rande aller Sichtbarkeiten,
Ist dein Blick doch scharf und weit im Raum,
Dein Verweilen trotzte manchen Zeiten
Und du scheinst ein früher Göttertraum.

Wolltest du Unsterblichkeit uns künden,
Wie man uns in Magadaskar sagt,
Und es steht umstellt von Todesschlünden,
Wer zu warten auf dein Wort nicht wagt?
 

 

17
 
Dies mag sein, und daß dich drob verlästern
Menschen nun als feig und unbeflaggt?
Doch was kümmert dich, so reich an Gestern,
Was die Hast kurzatmig läßt und packt?

Von den Göttern bist du hergezogen,
Und dein Botenwort wird erst erschalln,
Wenn der Zorn sich legt und Unmuts Wogen
Glatt sind und du rot dich zeigst bei alln.
 

 

18
 


UWE
Als Standarten sanken und die Sterne
Unserm Volk, in seinen Liedern leise,
Kickten zwischen Trümmern Vaterferne,
Daß im Spiel sich ihre Kraft beweise.

Einer ward zum Stolz der deutschen Mütter,
Der mit siebzehn schon zum Länderspiele
Mühte Fuß und Kopf, auf daß er fütter
Fremde Tore und besiege viele.

Deutsch war seine Brust und seine Ehre,
Heimat gab er nicht für die Millionen,
Bodenständig blieb er im Verkehre
Mit den Großen, die im Brockhaus wohnen.

Solches wünscht manch Mutter ihrem Sohne,
Und wie schon mit Wünschen die Germanen
Namten Mündel, daß der Mann es lohne,
Ward der Uwe manchem Knab zum Ahnen.

Also stehn um die Jahrtausendwende
Gleich drei deutsche Dichter so gerufen,
Und ihr Wandel weiß noch nicht das Ende
Deß, was sie dem Volk und Gott erschufen.

Einer dieser drei neigt sich den andern,
Dankt, daß sie ihm Mut und Beistand boten,
Und er wird mit ihnen weiterwandern,
Wenn die deutschen Banner längst verlohten.
 

 

19
 


JE LÄNGER JE LIEBER
Wo tätschelnd und moosig
Das Heim nach dir langt,
Hat gelblich und rosig
Das Geißblatt gerankt,
Und schaust du im Fieber
Den Ausgang der Nacht,
Je länger je lieber
Am Torpfeiler wacht.

Die Heide, die Lichtung,
Die halbschattig würzt,
Erschnuppre als Richtung,
Die Heimkehr verkürzt,
Dem Fürsprech der Biber
Als Wurzelsud blaut
Je länger je lieber
Die künstliche Haut.

Wie Schwärmer, die Hummeln
Stark ähneln, such Rat
Bei Winden, die schmummeln
Im Geiß-Habitat,
Als Pollen-Zerstieber
Führ Duft-Nektar mit,
Je länger je lieber
Als Alkaloid.
 

 

20
 
Die erste Berührung
War seligste Bö,
Doch zog dich die Führung
In schwindelnde Höh,
Im Kartenspiel Schieber,
Im Würfelspiel Turm,
Je länger je lieber
Gewinnt dich im Sturm.

Um Sträucher und Pfeiler
Erkühnt sich der Mut,
Der Leber ein Heiler,
Dem Lungenraum gut,
Das Goldkorn dem Sieber,
Ein Engel dem Bärn,
Je länger je lieber
Kann alles gewährn.
 

 

21
 


GRÖNES LAND
Grönes Land, von Glockenheide
Violett getupft, gesäumt,
Asenthing und Eismeerscheide,
Drin das Lied von Thule träumt,
Glasschmalz ziert die deutschen Köge,
Hafer deckt den gelben Deich,
Daß wer jung ins Marschland zöge,
Gilt uns als das wahre Reich.

Was vom Meer uns ward zum Groden,
Schafft dem Freien Land und Recht,
Nicht als Zweig der Fürstenmoden,
Wächst ein froheres Geschlecht,
In der Gottesgift der Polder,
Die vererbt kein Pergament,
Sei dir keine Mühe holder
Als das Werk, das dich erkennt.

Mann, der Weib und Kind ernähren,
Darf auf selbstgeschaffnem Grund,
Hart wie das Gestein der Schären,
Sei sein Arm und karg der Mund,
Wem die Midgartschlange bange
Macht, doch nie des Drosten Ruf,
Trotzt dem Groll der Windsbraut lange
Wie die Heimat, die er schuf.
 

 

22
 
Enger an die Elemente
Rücken wir, in Wettern fest,
Was die Sturmflut Vätern trennte,
Trägt schon bald ein jüngres Nest,
Gott hat Sturm und Wolkenbänder,
Alles Zeiten sind ihm eins,
Doch mit Deichen als Geländer,
Wird das Auland grün und meins.

Da bleibt keine Zeit zu fragen,
Ob es lohne da zu sein,
Denn die Spur von meinen Tagen,
Schließt des Meers Geheimnis ein,
Unser Gott will die Triumphe,
Seinem Lied als Strophe gut,
Und verhaßt ist ihm das Stumpfe,
Das nicht Glaube kennt und Mut.
 

 

23
 


SALZWIESE
Ist das Salz als Zutat unentbehrlich,
Allem was die Erde uns verschafft,
Wird es rasch im Übermaß gefährlich,
Weil zerstörend dann die Spaltekraft.

Was den Meerbewohnern das Gewohnte,
Ist den Wurzlern auf dem Lande Gift,
Sicher lebt, wer auf dem Berge thronte,
Doch die Küste fürchtet, daß sie's trifft.

Also ist der Salzgehalt ein Zeiger,
Ob Verlandung möglich an der Statt,
Und der Queller geht als erster Geiger
Auf die Pirsch ins prielenreiche Watt.

Andre folgen und wir dürfen hoffen,
Daß wir fahrn zuletzt hier Ernte ein,
Aber immer bleibt der Ausgang offen,
Denn die Zukunst weiß der Herr allein.
 

 

24
 


QUELLER
Pionier und Fuchsgeschwänzter,
Erstling auf dem feuchten Watt,
Vorwitzigster aller Wänster,
Die das Land zu bieten hat.

In den Prielen kannst du siedeln
Salz und Soda sind dir hold,
Wo der Tod nur wagt zu fiedeln,
Schuppst du fleischig dein Gedold.

Eremit, Marienzeller,
Ehe Melde, Wermut, Gras
Wachsen, kommt zuerst der Queller
Ganz allein in Ernst und Spaß.

Wo wir Schlick und Sand vermuten,
Scharst als Dreiblatt Perigon,
Deiner Spreiten grönes Bluten
Kündet die Verlandung schon.

Wer dich ißt, braucht nicht zu würzen,
Wer dich schmilzt mit reinem Sand,
Darf mit dem Beryll verkürzen
Seinen Blick am Nordseestrand.
 

 

25
 


ANDEL
Ob steil, ob niederliegend,
Du setzt die Ährchen an,
Daß grün den Schlamm besiegend
Dir mancher folgen kann.

Daß Aster, Dreizack, Sode
Gedeihn, machst du gewiß,
Und segnen darf der Gode
Die Frucht der Finsternis.

Wenn dich die Schafe fraßen
Samt reichem Mineral,
Bist du als Andelrasen
Ein holdes Landfanal.

Zwar sind hier Flut und Heide
Noch guten Teils im Streit,
Doch von der Quellerscheide
Gedieh die Landung weit.

So steht die Wies im Wandel
Nach einem Bauernheim,
Drum grüße stets den Andel
Als einen Liebeskeim.
 

 

26
 


ROTSCHWINGEL
Rotschwingel, sag,
Dämmert der Tag
Oder nimmt Flut
All unsern Mut?

Seltner das Salz
Herflutet als
Springtiden schelln
Andels Geselln.

Vielfalt du sagst,
Wo du es wagst,
Brach der Gezeit
Tägliches Leid.

Rotschwingel, du
Zwinkerst mir zu,
Sichrer als deins
Lebt sich nicht meins.

Meer hüllt uns ein,
Gott weiß allein,
Ob es uns trägt
Oder zerschlägt.

Binse und Kraut
Haben vertraut,
Aber die Kehr
Lauert im Meer.
 

 

27
 


THORSHÜHNCHEN
Wandervogel, Nordmeer-Schnepfe,
Winters weit und sommers fern,
Füllt April die Wattland-Näpfe
Mild, so schwimmst darinnen gern.

Deutscher Mai darf dich ertappen,
Schicht beflaumt und kaum markant,
Schickt der Südwind größre Happen,
Ziehst du in dein Heimatland.

In polarer Glastkulisse
Dich die Mauser schmückt zur Brut,
Daß man Mann und Weiblein wisse,
Sind verschiedne Röten gut.

Grad verkehrt sind hier die Ränge,
Denn das Männchens Prunk bleibt stumpf,
Ihm obliegen Sorg und Gänge,
Und der Maid der Sonnenrumpf.

Grad, als wollte Gott erzählen,
Daß zu jeder Wichtung froh
Sein Vertun und Auserwählen,
Kein Geschöpf das A und O.

So ist dieser Weitgereiste,
Den der Fries nur selten schaut,
Zeuge auch, daß uns das freiste
Aug im Wolkenhimmel blaut.
 

 

28
 


C-FALTER
Leucht-orange gefärbter Gast,
Der sich in den Auen wiegt,
Botschaft, wie der Schöpfer praßt,
Der die kleinsten Dinge liebt.

Dunklen Saums und reich gescheckt,
Zeichnet Flügel zehn mal zehn
Der Lateiner - wer entdeckt,
Welchen Weg den Runen gehn?

Ob ein Gruß aus der Musik
Sagt dem Aug das hohe C,
Daß der Gärtner Gauklers Trick
Still bewundre und versteh?

Aus dem Nimmerwieder her
Nahen uns, im Hauch gewebt,
Flügler, die die Seele schwer
Machen, ob auch Glanz sie hebt.

Sie gemahnen an den Traum,
Der beseligt und verfalbt,
Länger kaum als Wogenschaum,
Den kein Präperator salbt.

Hasel, Ulme, Weidenkatz
Spürn vom Mai bis zum August
C-Dur, ersten, zweiten Satz,
Bis du Wunder weichen mußt.
 

 

29
 


JUNI-TRÜBNIS
Juni-Trübnis mag der Weg,
Wenn der Arm schon lang verbrannt,
Daß die Brise frischer feg
Hier im schattenarmen Land.

Tiefe Meeresbucht umrund,
Weit zur Brücke wall am Fluß,
Daß die linke Ferse wund,
Trübt kein Stück das große Plus.

Wo im Singsang treckt das Meer,
Dicht geschart die Möwen schrein,
Darf der Mut nur halb so schwer
Wie dein kleiner Rucksack sein.

Falter nesteln dir am Wams,
Wie an Stiefeln Schlamm und Schlick,
Die Bewölkung des Geflamms
Schafft dir Ruh für manchen Blick.

Wach zu sein als Träumer gilts,
Schockweis auf der Weide fand
Nun dein Aug den Zauberpilz,
Düngerling mit Dunkelrand.

Solche unverhoffte Fracht
Sei dir Wink, dich auch zu traun,
Findst du Herberg für die Nacht,
Wirst du Odins Rosse schaun.
 

 

30
 


JOLLENSEGLER
I

Auf Ems und Dollart ist die Wanderjolle
Der Ort, darin ich gern in Träumen flez,
Nur selten ruft zu Ausritt und Trapez
Der Freund, daß Untres nicht auf Obrem tolle.

Mit wenig Raum und wenig Segel gehts
Durchs Weite, Leichtheit als geheimnisvolle
Magie empfindend, einer Eisberg-Scholle
Wohl ähnlicher als dem Geschäum des Mets.

Dem Dunkel nah doch wie das Opfer Seths
Leicht auferstehend, Ariadnes Wolle
Im Sinn, ist dieses Boot ein Wunder stets.

Und keimend fast wie die Kartoffelknolle,
Entfaltet sich der Reim des Spruch-Gebets
Zu Strophen, daß ich keinem Winde schmolle.
 

 

31
 


II

Wie auf den Wogen sachte Winde harfen
Mag Eifersucht im himmlischen Apolle
Erwecken wie dem Papst die Butterstolle
Und Fürsten, die den Rüböl-Tran verwarfen.

Mag sein, daß er der schwanken Jolle grolle,
Und sie mit Böen, unverhofften, scharfen
Oft züchtigt, doch befreit von Stadtvolk-Larven,
Ist dies dem Dichter angemeßne Rolle.

Der Findling, der bei Ledde ruht am Prolle,
Weiß wohl, daß sich die Dolmen nachts in Trolle
Verwandeln, daß der Dichter Beifall zolle.

Doch zart wie eine Flocke der Frau Holle
Verrät zuletzt, wozu dies gut sein solle,
Das Dichter-Nachwort des Professors Nolle.
 

 

32
 


III

Wer mit dem Dichter sitzt in einem Boote,
Der friere nicht zu oft das große Segel,
Er lese die Lucinde gut von Schlegel,
Daß trocken bleib sein Rock und seine Brote.

Im Lauf der Zeit das Ende gut sieht Hegel,
Doch mancher wirft in Grachten oder Schlote
Dies Buch und lästert über weiße Tote,
Die spuken nun als Schloßgespenst in Tegel.

Zwar ist die Jolle nicht verwandt dem Kegel,
Und auch der Dichter liest in aller Regel
Die Zukunft nicht vom frischen Hundekote,

Doch lästiger noch als am Steiß ein Egel,
Ist es für zarte Seelen, wenn das Segel
Verfügt, daß das Sonett den Hals verknote.
 

 

33
 


BORKUMER KLEINBAHN
Das Kaiserkind, das mit Geschnauf
Verbindet Hafen, Dorf und Stadt,
Nimmt in die Weyer-Wägen auf,
Wers angenehm und eilig hat.

Einst war es der Marine lieb
Und hatte fünfmal Strecke mehr,
Dann baute man auf Benz und Jeep
Und Individualverkehr.

Doch gab es immer Leut, die stur
Begehrten Bahn an Horn und Knock,
Und da grassierte Stau-Tortour,
Da lächelte die greise Lok.

Es blieben auch die Zahln nicht rot,
Auch wenns manch Unkenruf nicht glaubt,
Ob Fries ob fremd, hier schmeckt das Brot,
Und auch der Doornkaat ist erlaubt.

So manchem ists der liebste Kuß,
Daß Dollart wieder schnaubt und stampft,
Nicht mehr im Kurpark rosten muß,
Und wieder auf der Schiene dampft.
 

 

34
 


LÜTJE HÖRN
Rasch muß ich dich bedichten, Hörn,
Eh du entschwindest, siech und schwach,
Hier gibts kein Dach und kein Gedörn,
Und nur das Seegras bleibt hier wach.

Nach Ost der Sand verlustreich schifft,
Einst wuchs hier ein Holunderstrauch,
Die Eiderente Möwen trifft,
Und manchen Austernfischer auch.

Seit dutzend Jahr finds auch kommod
Im Platinglanz der Kormoran,
Verfolgt ihn andernorts der Schrot,
Stört niemand Brut und Flugesbahn.

Sein feuchtes Kleid von Anthrazit,
Gemaht uns an die Schattenwelt,
Er teilt uns flügelschlagend mit,
Daß dirs nicht mehr bei uns gefällt.
 

 

35
 


MEMMERT
Auf der Sandbank, die de Meem
Heißt auf mancher alten Kart,
Haust allein der Vogelwart,
Und er hats recht unbequem.

Manche Warft zerriß das Meer,
Trug ein Vogt den Namen Punt,
Seh ich dazu wenig Grund,
Denn die Insel gibt nichts her.

Eiersammler, Jäger, Müll
Aufzuhalten steht der Mann,
Was die Silbermöwe kann,
Wär ein Trost in dem Idyll.

Aber hier steht eine Brust,
Der des Löffelreihers Ei
Werter als Polit-Geschrei
Und der großen Städte Lust.

Wenig Brutplatz ist zu schaun
Als ein tidenfreies Trumm,
Und die Ems hat nicht den Mumm,
Neue Dünen aufzubaun.

Wohl verlorn im Meergebaus
Ist am End auch dieser Port,
Aber wer hier gab sein Wort,
Hält bis letzte Stunde aus.
 

 

36
 


TÖWERLAND
Böses aus dem Namen spricht,
Da man auf dem kleinen Land
Gleich drei Hexen hat gericht
Und am selben Tag verbrannt.

Ob ihr Tun die Strafe wert,
Wird nicht mehr zu prüfen sein,
Manchen nicht die Wahrheit schert,
Um der Beßre stets zu sein.

Hundert Jahr fuhr hier die Bahn
Nach der Ortschaft von der Fähr,
Heute schätzt man nicht den Kahn,
Denn der Flug bringt Massen her.

Wer hier Grund und Haus geerbt,
Reckt die Werbung: Zimmer frei,
Wie ihr um den Teufel werbt,
Scheint mir wahre Hexerei.

Wo man einst den Herrn gefleht,
Daß der Hering geh ins Netz,
Hat total der Wind gedreht,
Und es herrscht das Kurgesetz.

An der Tölpel Urlaubswahn
Mästet sich der Fremdenfreund,
Daß es grauste seinem Ahn,
Wie hier die Hyäne streunt.
 

 

37
 


NORDERNEY
Friesische Insel, nur knapp eine Stund
Brauchte die Fähr von der Mole Norddeich,
Marcellus brach deine Mutter im Grund,
Aber die Folgezeit nährte dich reich.

Emder und Norder und Groninger stehn
Werbend und tauschend im Wettergebraus,
Zwischen den Dünen, die wandern und gehn,
Ist eine lederne Sippe zu Haus.

Silbernes Wappen bezeugt uns das Kap,
Das erst aus Holz und dann später von Stein,
Walvaters Rappe beschied dich im Trab,
Ehe er kehrte auf Helgoland ein.

Heine hat dreimal die Insel besucht,
Zwar ist sein Steckenpferd Xenie nicht Gunst,
So hat den Tee er als Brühe verflucht,
Jungfrauen, meint er, schützt fischiger Dunst.

Doch wenn man weiß, daß der Schmäh sein Metier,
Schätzt man darum, daß es nicht dabei blieb,
Nennt er die Friesen doch schlicht wie die See,
Rühmend, daß ihnen die Freiheit so lieb.

Düsseldorf bat in der Weimarer Zeit
Breker, den Dichter in Bronze zu haun,
Doch nach dem Krieg solche Kunstwerke leid,
Wollts das Bestellte nicht öffentlich schaun.
 

 

38
 
Also hat Norderney heute den Schatz,
Klassisch graziös, daß man drüber verstummt,
Weil man hier fernsteht der neidischen Hatz
Auf eine Kunst, die den Geist nicht vernummt.

Meinte der Großstädter Preisrichter einst,
Ähnlichkeit sei nicht zu finden im Guß,
Wußte das Volk, wie du anschauend meinst,
Daß ihm die Schönheit und Hoheit Verdruß.

Aber was mindern gesollt das Geschenk,
Gab ihm den herrlichsten Standort der Welt,
Wenn ich an Düsseldorfs Gassenschmutz denk,
Mein ich, daß dies unserm Herrgott gefällt.
 

 

39
 


BALTRUM
Strabon schreibt, daß Drusus hier
Hab gezeugt für Roms Senat,
Auf dem blauen Oog-Panier
Bleibt die Ems der einzge Staat.

Doch dein Name in Byzanz
Kehrt, da für den Bechter stand
Einer nur und brach die Lanz
Gegen Gift und Unverstand.

Dann lief hier die Flotte aus,
Die dem Staufer Macht beschied,
Daß Jerusalem sein Haus
Und er ein als König zieht.

Ein Dornröschen wirst genannt,
Weil du nicht nach Freiern gierst,
Weil du noch in Friesenhand
Und die Unschuld nicht verlierst.

Zwar bleibt keiner unbefleckt,
Wo dem Wahn die Welt zu klein,
Doch du hast dich lang versteckt,
Läßt auch heut nicht jeden rein.

Selbst das Fahrrad ist verpönt,
Wipp und Bollerwagen tuns,
Und so bleibt die See verschönt
Mit der Schönheit deines Ruhns.
 

 

40
 


LANGEOOG
Daß ich Oog als Aug versteh,
Scheint mir rechtens und erlaubt,
Weil die Insel blinder See
Leuchtet wie die Sicht dem Haupt.

Langgestreckt ist ist dein Oval,
Grad wie ein Mongole schaut,
Flut entmenscht die Erdnußschal,
Bis man bald sich wieder traut.

Zwischen Reich und Helgoland
Kann der Korse nur verliern,
Wie der Fries die Netze spannt,
Wird ein Franzmann nie kapiern.

Lange Augen macht da bloß
So ein Zöllner aus Paris,
Daß zur Nordseenacht nichts los,
Meint des Schläfers Augenvlies.

Hältst auf solcher Warte aus,
Hast du langen Atem not,
Denn im reetgedeckten Haus
Klebt am Strandgut mancher Tod.
 

 

41
 


GRÜNE INSEL
Nist-Refugium, drein die Röhrichtweihe
Und die scheue Sumpfohreule flog,
Darf man dich in Frieslands Eilandreihe
Grüne Insel nennen, Spiekeroog.

Zitterpappel, Erle, Eberesche,
Zeichnen dich wie Krüppeleiche aus,
Auch die Kiefern schätzen dich als fesche
Maid mit süßem Wasserfaß im Haus.

Wachsend wurdst du größren Raums Beseeler,
Da die Harlebucht ward eingedeicht,
Den Piraten Unterschlupf und Hehler,
Weil der Arm der Hanse hier nicht reicht.

Grün verdankst du auch der Krähenbeere
Die den Sand im Heidekräuticht freit,
Also wachse weiter, doch vermehre
Bloß die Menschen nicht in dieser Zeit.
 

 

42
 


WURSTEN
                  Dach und Giebel offen,
                  Tag und Nacht besoffen,
                  Schau das große Wappen,
                  Wurster zu ertappen.

                           Anonym 18. Jh.

Zwischen Wesermund und Elb,
Oldenburgern nicht dasselb,
Ist der Fries im Seeland froh,
Frei vor Karl und immer so.

Marsch bis hin zur Hohen Lieth,
Wo man grüne Lande sieht,
Milchvieh weidet sorgsam ab,
Wo man Scholle fischt und Krabb.

In die Tiefs, mit Sielen fest,
Kutter kehrt dem Wurtennest,
Recht sind Hamburg nicht und Rom,
Sondern Aurichs Upstalsboom.

Da der Wiking nicht mehr dräut,
Wuchs die Eigenheit der Leut,
Fremder Schulze, Probst und Staat
Gilt nicht vor dem Wursten-Rat.

Doch das Mittelalter fiel
Und das Glück am Wremer Siel,
Zwar dem Aufstand sing ich Ruhm,
Doch es blieb das Erzbistum.
 

 

43
 
Mit den Bremern ging es los,
All die Herren schachern bloß,
Watt und Weid sind ihnen Pfand,
Zu verscherbeln jedes Land.

Ob Hannover oder Preuß,
Ärger sind als Wanz und Läus,
Fremde ohne Fisch im Netz,
Aber groß mit dem Gesetz.

Schmuggler werden gern gesehn,
Da die welschen Zöllner gehn,
Schien die Freiheit minder fern,
Doch es folgten deutsche Herrn.

So beschämt in klammer Hütt,
Bleibt allein die Jever Pütt,
Denn ein feiner Aquavit
Macht mit jedem Schicksal quitt.

Also weicht dem Tee der Schnaps
Erst, wenn wieder Öl vom Raps
Leuchtet und nicht Gas und Strom,
Und das Recht am Upstalsboom.
 

 

44
 


RÜSTRINGEN
Von der Weser bis zur Maade
Heimelte der Friesengau,
Als die Küste noch gerade
Und die Windsbraut holde Frau.

Blexen, Varel und Langwarden
Einte er mit Aldensum,
Doch dann warf die Zeit der Barden
Reihenweis die Sturmflut um.

Frieden war im ganzen Stamme,
Pfingsten rief den Bund zum Thing,
Doch wie einem Kind die Amme
Auch der Garten Eden ging.

Was versank im Jadebusen,
War nicht nur das Kirchspiel Bant,
Wo die Stürme herrisch brusen,
Kam das Paradies abhand.

Wenn zerrissen sind die Gaue,
Nimmt sich mancher, was er braucht,
Wo bestimmt der Neunmalschlaue
Ist die Freiheit abgetaucht.

Namen erben das Benannte,
Und die Stadt, die Wilhelms Tick
Für die See in Mauern bannte,
Fands in ihrem Wappen schick,
 

 

45
 
Daß den Kriegsport an der Jade
Schmück beschwingt der freie Fries,
Doch was krumm, wird nicht gerade,
Hängst du drauf ein goldnes Vlies.

Zwar das Meer wird nimmer geben,
Was es einst im Neid verschlang,
Doch der Rüstringer kann leben,
Wo der Barde stand und sang.

Doch verschollen ist die Lure,
Und der Wind harft nun allein,
Und vom Andelheu die Fuhre
Bringn nicht Ochs und Esel ein.

Drum wird erst die Freiheit kehren,
Wenn der Bauer wieder eins
Mit dem Land, den Wind zu ehren
Und das Glück des Sonnenscheins.
 

 

46
 


SEEWIEFKEN
Rauher Hände sanfter Mut,
Karges Wort voll Zärtlichkeit,
Wer im Streite kühlt das Blut,
Dem wird oft das Herz so weit.

Wangerland hat die Gestalt,
Die im Meerdunst manchmal steigt,
Nie gepönt ob der Gewalt
Und im Zeichnen Neid gezeigt.

Heute steht in Patina
Sie in Norderaltendeich,
Und der Fluten Omega
Wird mir ihr ein Seelenreich.

Daß die See ein stolzes Weib,
Ist dem Fischer wohl vertraut,
Daß er menschlich sie beschreib,
Kribbelt ihm die nasse Haut.

So ist Reu der Sage Kern,
Denn wer Heil erpreßt dem Fang,
Den verläßt sein guter Stern
Und es folgt der Untergang.

Ohne Hader, ohne Schmäh
Wird verkleinert das Geschick,
Das des Todes große Näh
Lieblich zeigt im Friesenblick.
 

 

47
 


ESENER BÄR
Im Lande, wo die Harle fließt,
Kehr unbedingt in Esens ein,
Sankt Magnus wahrt es das Gebein,
Drin Papstes Dank an Friesland siehst.

Das Wappen weiß von Krieg und Not,
Die Mauern warn von bestem Zoll,
Doch fands der Feind verheißungvoll,
Zu warten, bis da knapp das Brot.

Als so belagert darb die Stadt,
Führt einen Bärn ein Komödiant,
Den hat der Hunger so berannt,
Daß er ein Loch gefunden hat.

Das Tier erklomm den Turm am Wall,
Und warf mit Steinen ins Geviert,
Der Feldherr drauf den Mut verliert,
Daß je die Stadt der Truppe fall.

Wer Vorrat hat, auch noch den Bärn
Zu füttern, weicht dem Hunger nicht,
So brachts dem Feinde zu Gesicht,
Daß alle Mühen nutzlos wärn.

Das war ein Mißverständnis, doch
Die Rettung, dafür Gott gelobt,
Worauf ihr Leut ins Wappen hobt
Den Bärn, der auf die Zinnen kroch.
 

 

48
 


UPSTALSBOOM
Hügelgrab aus fernster Zeit,
Grüner Hain auf der Allmend,
Grenzbaum höchster Heiligkeit,
Drin der Fries den Gott erkennt.
Eh er Odin hieß und Wal,
Christi Taub mit weißem Flaum,
Schirmt die Gräber ohne Zahl
Und das Land ein grüner Baum.

Niemand streckt sich je so tief
Nichts hat so am Himmel teil,
In des Stammes Ring-Archiv
Ruht so manch Geschlechter Heil,
Neide ihm die Vielgestalt,
Keiner ist so zart und fest,
Nichts ist je so jung und alt
Wie das Rauschen im Geäst.

Hier wenn irgendwo kann Recht
Sich entfalten und bestehn,
Filtert Licht das Blustgeflecht,
Kannst du ungeblendet sehn,
Nur wenn Streit und Zeugen birgt,
Solcher Würde Wachgeschweig,
Wird ein Urteil so erwirkt,
Daß sich echte Weisheit zeig.
 

 

49
 
Wie das Meer der Seele gleicht,
Tief und grundlos, schaumgekrönt,
Ists der Baum, den nichts erweicht,
Aber alle Zeit versöhnt,
Wie der Wind dem Willen gleich
Und zu jeder Stund Partei,
Ist der Baum so stark und reich,
Daß sein Sinn von Zweifeln frei.

Dieser Gott ist offenbar,
Jeder Zweig ist wahr und echt,
Und dir wird im Anschaun klar,
Daß nur solch ein Stamm gerecht,
Drum sei sein geduldig Stehn
Stichwortgeber, Metronom,
Wenn wir frei um Weisheit flehn,
Kinder unterm Upstalsboom.
 

 

50
 


LIED DER ERDMANTJES
Wir wachen lang, wir wachen gut,
Im Dämmer flink und leichtbeschuht,
Mir sind zu mancher Güte frei,
Doch hassen wir die Schelmerei,
Du mühst umsonst den Kröten-Stab
Und Schaum vom Mittelmeer,
Denn wir bewachen Radbods Grab
Im Plytenberg zu Leer.

Uns macht das Gold nicht blind noch taub,
Wir putzen Flechten, Moos und Staub
Vom Glast der alten Friesenzeit,
Die unser Hort vor Händeln feit,
Nicht kann die Flöte, die Schalmei,
Berührn den Dom der Ehr,
Der Neider trete nicht herbei
Im Plytenberg zu Leer.

Wir schlugen Franken und Martell,
Vor Köllen war das Heer zur Stell,
Das seine Väter weiß im Blut,
Dem Starum heil und Utrecht gut,
Wir kennen Buckel nicht und Fron,
Die Grafenlaune scher,
Drum schlägt das Herz des Friesen schon
Im Plytenberg zu Leer.
 

 

51
 
Der König hat uns wohl gefrommt,
Doch was da aus dem Süden kommt,
Die alten Eichen macht zuschand,
Das wird auf Eichenholz verbrannt,
Mags Lieb sich nennen und Vernunft,
Wir Friesen wechseln schwer,
Wir harren unsrer Wiederkunft
Im Plytenberg zu Leer.

Und teibst du unser Volk zur Flucht,
Versinkt der Schatz in kalter Bucht,
Die Ems gibt nichts, was sie verschweigt,
Denn was sich in die Zeit verzweigt,
Bleibt niemals unbefleckt und rein,
Wie Rodbods Reiterheer,
Das zog in das Gewölbe ein
Im Plytenberg zu Leer.

Es ist geweissagt eine Stund,
Da öffnet sich der Felsengrund,
Daß alles Volk die Schätze seh,
Der Friesen Freud und arges Weh,
Doch erst, wenn Gott, deß Wege krumm,
Das Horn uns bläst zur Kehr,
Dann drehn sich Licht und Schatten um
Im Plytenberg zu Leer.
 

 

52
 


TRAUERSEESCHWALBE
Moorenfee und Weltumsegler,
Zwischen Brack und Kolk zuhaus,
Den Libellen Bohlenkegler,
Rabenkrähen Osterschmaus.

Wo der Torf noch nicht gestochen,
Nistest du auf Schilf und Blatt,
Nach dem Schlüpfen brauchts drei Wochen,
Bis das Küken Flügel hat.

Auch der Nerz macht dir zu schaffen,
Denn er mag wohl Fleisch und Ei,
Doch du lebst nicht ohne Waffen
Und bringst manchen Fisch herbei.

Dich im Brautkleid zu erblicken,
Wat ich gern durch manche Fahr,
Daß der Lenz dich wieder schicken
Mög, bet ich in jedem Jahr.
 

 

53
 


WIESEDERMEER
In der Saale-Eiszeit häuften
Sich Moränen, Sander, Geest,
Rückenmulden Kraut ersäuften,
Das als dichtes Hochmoor west.

Zwar der Mensch hat sich versündigt,
Daß der Torf den Ofen mäst,
Doch von einstgem Reichtum kündigt
Hierzuland ein schmaler Rest.

Sonnentau reckt seinen Kleber,
Besenheide, Rosmarin
Nutzen Wurzelpilz als Leber
An der Moosbeer siehst du ihn.

Wer im Moore wagt zu keimen,
Zehrt nicht, sondern reichert an,
Dies ist grad wie bei den Reimen,
Die ein deutscher Dichter kann.
 

 

54
 


BROOKMERLAND
Wenn du im Brookmerland zu Gast
Marienhaf gefunden hast,
Studier die Likedeelerei,
Dann kennst du auch den Friesen fast.

Daß Störtebeker herrlich sei,
Erahn in seinem Konterfei,
Drum sei Devise deiner Bahn,
Daß alle Friesen frank und frei.

Du spürst im Turm den wilden Ahn,
Und wie bei Vollmond sein Kumpan,
Den Kopf im Arm die Stufen steigt,
Schon viele Augenzeugen sahn.

Der ächzt und stöhnt und Reue zeigt,
Hat sich der Häuptlingsmaid geneigt,
Und bis Schlag dreizehn währt die Scham,
Dazu der Teufel Polka geigt.

Daß sich das Weib das Leben nahm,
Nach manchem Stockwerk müd und lahm,
Fand in der Höll die Seel nicht Ruh,
Daß sie bis heute wiederkam.

Seither zog sich der Himmel zu,
Und nicht vom Golde drückt der Schuh,
Die Kirche ist verfalln und klein,
Und leer sind Speicher, Spind und Truh.
 

 

55
 
Zum Turmbau wird hier keiner leihn,
Der große stürzte lang schon ein,
Man ahnt nicht mehr, was Glaub gekonnt,
Und schont beim Aufstieg Luft und Bein.

Doch liegt die Landschaft lind besonnt,
Drum gastlich werben Wind und Pont,
Die Wolken randet Thule-Glast
Und Möwen schrein in breiter Front.
 

 

56
 


CALENDARIUM HISTORICUM
Fabricius hieß der Astronom
In Osteel im Pastorenhaus,
Er spähte einst den Sternendom
Mit selbstgemachtem Werkzeug aus.

Da Mira Ceti hält er fest
Im Sternbild Walfisch, war die Zunft
Begeistert und das Küstennest
Harrt seither solcher Wiederkunft.

Er trug in den Kalender ein,
Die Wissenschaft und was geschah,
Und wollte so gerüstet sein,
Käm je ein Unstern hie und da.

Doch da das Horoskop ihm sagt,
Daß heuer sei am siebten Mai
Kein hochriskantes Werk gewagt,
Gab ihn das Wissen drob nicht frei.

Er ging den ganzen Tag nicht aus,
Bis ihm zuend schien die Gefahr,
Da ist spaziert er bloß ums Haus,
Was allerdings sein letztes war.

Ein Gänsedieb, den er gepönt,
Schlug ihn mit einem Spaten tot,
Uns lehrt dies, daß Geschick nicht schönt,
Wer schaut, was in den Sternen loht.
 

 

57
 
Der Mörder starb mit Rad und Pein,
Doch blieb verscholln manch Werk und Tat,
Das Kartenwerk der Länderein
Erst jüngst in die Geschichte trat.

Auch was der Heimat der Chronist
An Wettern schrieb, Getier und Kraut,
Für uns inzwischen werter ist
Als Uranus und seine Haut.
 

 

58
 


KRUMMHÖRN
Greetsiel hier und Oldersum
Da begrenzen dieses Land,
Daß das Horn erstaunlich krumm,
Hätt der Dümmste wohl erkannt,
Dieser Ecke ihre Treu
Campen, Hinte, Emden schwörn,
Gebe Gott, daß lang erfreu
Gröne Wiese die Krummhörn.

Fruchtbar ist der feste Schlick,
Wenn die Schöpfen sind intakt,
An dem Deich hängt das Geschick,
Flachem Grund, vor Wogen nackt,
Fröhlich unterm Sturmgebaus
Soll ein Wiefken uns betörn,
Daß es komm in unser Haus,
In den Frieden der Krummhörn.

Mühlen drehen sich im Wind
Und der Leuchtturm, rot und gelb,
Macht, daß heim der Fischer find,
Und die Küste stets dieselb,
Sei ein Mann und sei nicht müd,
Lausch wie Engeln Möwenchörn,
Den verbürgt ist Gottes Güt
In den Sielen von Krummhörn.
 

 

59
 
Dieser Gau hat jeden Sohn,
Der dem Mutterstolz gefällt,
Einst der große Edzard schon
Sah allhie das Licht der Welt,
Jennelts Feldherr suchte Wien
Selbst bei Lützen zu empörn,
Und die Sache Luthers schien
Gottes Wille der Krummhörn.

Auf der Burg von Pewsun war
Gar der Große Kurfürst Gast,
Im Exil hat manche Schar
Beßres Wetter abgepaßt,
Mühlen schmücken Stub und Diel,
Wo im Südland Hirsche röhrn,
Denn die Maler gelten viel
Den Gemeinen der Krummhörn.

Also sei dir stets bewußt,
Wenn dich hier ein Polder warf,
Daß dir nur die höchste Lust
In der Fremde frommen darf,
Sehn dich nach dem Wolkendunst,
Wo die Knaben und die Görn
Du verzückst mit Loblied-Kunst,
Preisend immer die Krummhörn.
 

 

60
 


UTTUM
Weit ich durch die Marschen streif
Nach der Friesen Polymorph,
Mehr als Einhorn oder Greif
Wundert mich das Warfendorf.

An der Sielenmönker Bucht
Zeigt die Graft sich als Trapez,
Und nach manch Jahrhunderts Flucht
Fragt die Burg gemach: Wie gehts?

Wall und Graben legten an
Einst die Mönche Benedikts,
Wo ein Loch sich dann und wann
Zeigte, steht ein Mann und flickts.

Wind und Wellen stehn bereit
Auszulöschen jeden Traum,
Aber jeden Fußes Breit
Wird gehegt wie Gras und Baum.

Da die Neue Welt geblüht,
Wich auch Uttum manche Seel,
Aber daß man Deiche hüt,
Bliebt den Bleibenden Befehl.

Also mag der Welt Gedreh
Manches ändern und vertun,
Aber ewig bleibt die See
Als ein Grund zu festen Schuhn.
 

 

61
 


KIRCHTURM IN SUURHUSEN
Fundament aus Eichenpfählen,
Gab dir Anker, Trutz und Lot,
Frohe Botschaft zu erzählen,
Daß der Herr bezwang den Tod.

Doch die Brunnenspiegel sackten,
Daß entsiegelt atmend hier
Faul das feste Holz verschlackten
Goin und Moin von Grafwitnir.

So im Urgrund angefressen
Ward das ganze Bauwerk schief,
Krumm hat stets Krumhörn gemessen,
So auch nun das Kirch-Massiv.

Bei den Türmen, die sich neigen,
Frankenhausen stellt Platz zwei,
Aber Pisa sollte schweigen,
Nicht im Führungsstab dabei.

Daß der Thüringer Ostfriesen
Derart grüßt, gefällt mir sehr,
Rings die Schrullen bloß verdrießen,
Doch zuhaus stehn sie in Ehr.

Licht sei mir, was sie verkramten
Und was windschief stört als Klotz,
Wie die Römer Lucius namten,
Machts luzind der deutsche Lotz.
 

 

62
 


WINDSBRAUT
Auf der Mauer, auf der Lauer
Flitzt der Wolkenwäger,
Hagelschauer, Böenbrauer,
Ausguckhoch wie Jäger,
Maid in goldner Brauttracht,
Drüber Himmel blaut, wacht
Auf der Mauer, auf der Lauer
Flink und wird nicht träger.

Tut sie, Heide, nichts zuleide,
Nennt der Christ sie Engel,
Nicht der Weide, wo die Kreide
Wolf fraß, wuchs ein Stengel,
Der im Blust das Gift staut,
Daß wen solches trifft, graut,
Tut sie, Heide, nichts zuleide,
Auch der Pfaff nicht drängel.

Überm Walle für uns alle
Wacht die Braut des Windes,
Dänenqualle, Schwedenkralle,
Raschesten Gesindes,
Wiederholt im Preislied,
Was sie Knab und Greis riet,
Überm Walle für uns alle
Schirm des Emder Kindes.
 

 

63
 
In der Weite Segelleite,
Froh dem Fliehn und Dauern,
Allem Streite Huldin schreite
Vor mit Sturm und Schauern,
Daß wer dreist sich einmischt,
Stöhne, wenn es dreindrischt,
In der Weite Segelleite
Sollst du wehrhaft kauern.

Auf der Mauer, auf der Lauer
Trotze Teufels Schlingen,
Wie ein Bauer, doch genauer
Trau den Wetterdingen,
Knab und Maid in eins fällt,
Wenn als Sonnenscheins Held
Auf der Mauer, auf der Lauer
Muß ich dich besingen.
 

 

64
 


CIRKSENA
Greetsiel an der Leybucht wählte
Einen Häuptling, deß Geschlecht
Manchen starken Erben zählte,
Der mit alten Göttern zecht.

Da Edzard Focko Ukena
Schlug und niederging tom Brok,
Dient dem Adel von Cirksena
Bei den Friesen Stein und Stock.

Kaiser Friedrich hob zum Grafen,
Hamburg räumte leis die Stadt
Für den Clan, der Land und Hafen
Bis zum Preuß gehalten hat.

Unbezwingbar standen Jarle,
Bis von Buttermilch ein Horn
Ward dem kinderlosen Karle
Giftig, daß er fiel ins Korn.

Ihre Göttin, die Harpyie
Ging ins Emder Wappen ein,
Im Gedächtnis ihrer Mühe
Soll sie uns noch heilig sein.

Wer die Windsbraut tückisch nannte,
Weiß vom Wind am Künstenstrand
Wenig und er hat Verwandte
Ganz gewiß nicht hier im Land.
 

 

65
 


CHEN UND LEIN
Chen und Lein im Deutschen tun,
Daß man Dinge kleiner sag
Und den Sinn in solchen Schuhn
Leichter faß und leichter trag.

Zartes Mühn befiehlt sich so,
Da zerbrechlich und bedroht,
Blüht, was Umlaut A und O
Dünn und ängstlich zögernd bot.

Daß man solchem Schirm und Schild,
Sagt dem Namen und der Art,
Wer sie heimelt und sie mild
Mit den Zwergen-Silben paart.

Kleinod, Kuß und Wiegenwind,
Waise, Wildfang, Solitär,
Führt ein Genius jedes Kind,
Rufen ihn die Silben her.

Und wo Platt die Laute preßt,
Harscher solchen Liebreiz spür,
Hält den Kahn ein Wiefken fest,
Hält das Engelke de Muer.
 

 

66
 


ENGELKE
Hier ein Dämon, da ein Wetterwesen,
Boten für die Haut, auf der wir wandeln,
Flügler, überm Sonnenlicht erlesen,
Sind sie nicht bereit, mit uns zu handeln.
Doch du wirst sie nicht zum Hexenbesen
Oder gar zur Natterbrut verschandeln,
Wem sie Putten an Gehörn und Trögen,
Darf verkleinern und sie herzlich mögen.

Rilke hat sie schrecklich schön erfahren
Als die Macht, vor der wir feig verschwimmen,
Aber eine Invasion von Aaren
Trug die Orgel rein als Knabenstimmen,
Nicht begreiflich sind die hehren Scharen,
Deren Größe allem Gut und Schlimmen
Spiegelnd wagt, das Himmelsmaß zu zeigen,
Darum mußt du in den Spiegel steigen.

Auch die Liebe tobt in Sucht und Plage,
Holder Wahn, so sagts der Grieche offen,
Ihre Sanftheit sei die fromme Sage
Stöhnt der Wunde, den der Pfeil getroffen,
Daß dich nicht der Wüstenwind befrage,
Sollst du untem Joch auf Gnade hoffen,
Denn um deinen Atlas zu verkleinern,
Darfst du nicht als Zögernder versteinern.
 

 

67
 
Was begonnen, eint sich deinen Zügen,
Was du annahmst, wird dein Abend meistern,
Warst du einst ein Stein vor allen Flügen,
Rufst der erste bald zu weitern, dreistern,
Wem es nicht bestimmt, ihm zu genügen,
Wird gemieden von den Himmelsgeistern,
Darum tritt gemach in solche Wunder
Bis sie dir wie Schlick und Sand der Flunder.

Die Grammatik fügte dir ein Mittel,
Wie sich Großes ins Gemäßge füge,
Ob der Suffix nun halbier und drittel,
Legt sie sich nicht fest und daß sie lüge,
Meint alleine der Chirurgenkittel,
Den nicht mal ein Flügelhundert trüge,
Also säum nicht, diesen Witz zu wagen,
Denn du bist ja selbst ein Witz von Tagen.

Ist dein Los nicht mehr die Himmelssäule,
Sondern nur ein Stamm im Eichenhaine,
Hören auf zu rasen Odins Gäule,
Und du zerrst nicht fenrishaft die Leine,
Da du selbst verweibst, wird dich die Eule
Auch belehrn, was in dem Spiel das deine,
Und du wirst als ob dir Raben raten,
Deine Liebe spürn in allen Taten.

Also sei das Engelchen dein Ferge,
Auf der See, die keiner wird ermessen,
Wenn der Horizont verschlingt die Berge,
Wirken sie wie traurige Zypressen,
 

 

68
 
Zwar droht dir auch fürder mancher Scherge,
Doch die Folter hat dein Herz vergessen,
Weil die Größe, die dich erst verschreckte,
Dein ward, da sie dir die Ziele steckte.

Glaube nie, das etwas sich versage,
Weil du es mit offnem Mund bestammelst,
Leer verstauben deine Erdentage,
Wenn du zwischen Ochs und Esel gammelst,
Darum meide Kritelei und Klage,
Daß du dich im Engelgroßen sammelst,
Und was der Barock als nett und niedlich
Zeichnet, wird als Blütenanger lieblich.
 

 

69
 


UP DE MUER
Hoch sich alles Hohe reckt,
Über Gasse, Giebel, Geest,
Weite Ziele abgesteckt
Hat, was zwischen Wolken west,
Wenn der Sturm das Haar verfilzt,
Daß nicht Bürste hilft und Kamm,
Steht der Engel, den du willst,
Als dein Liebstes auf dem Damm.

Weit bist du zum Port gereist,
Durch Moränen, Moor und Watt,
Was der Pharon dir verheißt,
Macht die kühnsten Träume platt,
Wat durch Volk und kalte Furt,
Er bewacht die Himmelstür
Mit dem Schlüsselbund am Gurt,
Er, der Engel up de Muer.

Braunes Haar wallt auf das Gold
Seiner Flügel, ausgestreckt,
Seine Augen sind dir hold
Und der Macht, die in dir steckt,
Neigt er sich und streift dich zart,
Wird zum Adler dir das Lamm,
Und dich hebt zur Weltenfahrt,
Er, der Engel auf dem Damm.
 

 

70
 
Den du einst zur Kinderzeit
Im Geäst vom Fliederbaum
Ahntest, dessen Flügel breit
Öffneten des Himmels Saum,
Der dich stets zur Nacht umarmt,
Und begabt mit Huld und Kür,
Hat sich Wirklichkeit erbarmt
Und steht leiblich up de Muer.

Was Vernünfteln und Geschmack
Nicht erahnt, noch starker Punsch,
Der Pomade nicht und Lack
Braucht, zu scheuchen jeden Wunsch,
Der die Summe aller Glut
Weckt in seinem Bräutigam,
Ruf dich heim in seine Hut
Als der Engel auf dem Damm.

Gib dich hin und gib dich ganz,
Hier wird jede Frag zunicht,
Laß, so wie im Glücke Hans
Alles, was dich trennt dem Licht,
Häng an seiner Augen Strahl,
Deiner Rüstung Panzer rühr,
Denn dem Herz bleibt keine Wahl
Vor dem Engel up de Muer.

Was dich jäh und tief beglückt,
Wird in Jahren holder noch,
Denn du bist in eins gerückt
Mit geburtbestimmtem Joch,
 

 

71
 
Immer zog derselbe Saft
Dir durch Zweige, Äste, Stamm,
Barg zu deinem Glücke Kraft
Nur der Engel auf dem Damm.

Was dir Traum und Wachen fing,
Was du aus der Kindheit nahmst,
Weiß allein, der mit dir ging
Eh du auf die Erde kamst,
In der Schöpfungsfrühe schon
Gott bestimmte, wer dich führ,
Morgens Weckruf, Schlafes Mohn
War der Engel up de Muer.

Warst du lang im Walten fremd,
Und ein Irrlicht, flackernd bloß,
Schmückt dich nun das Hochzeitshemd
Und du zogst das Große Los,
Weil du nicht mehr nur die Front
Schaust und wühlst in Schlick und Schlamm,
Öffnet sich der Horizont
Mit dem Engel auf dem Damm.

Dunkel scheint dir nun der Lehm,
Drin du grubst nach Runenrat,
Denn dem Herrn war es genehm,
Daß dich frei für Spruch und Tat
Mach der Engel, Windes Braut,
Dem Alleinsein ein Geschwür,
Der dich trägt und dir vertraut
Und dich aufnahm up de Muer.
 

 

72
 


HARSWEG
Siedlung ohne Kostbarkeiten,
Stilles Volk in Sorg und Freud,
Die Kapell aus Luthers Zeiten
Ist der Sonnentag der Leut.

Eingebunden von Domänen,
Horsten etwa tausend Seeln,
Doch ich darf mich glücklich wähnen,
Einer davon nie zu fehln.

Hausend am Kapellenpfade,
Zwischen Gärten unterm Dach,
Macht sie meine Bahn gerade,
Meinen Quell zum Sprudelbach.

Weit bin ich umhergangen,
Bis ich fand das stille Heim,
Und den lieben roten Wangen,
Gelte stets mein schönster Reim.
 

 

73
 


AM DELFT
Aquarell, da wir uns fanden,
Das Gestrüpp und manchen Baum
Eint das Wasser abgestanden
Lau im Sommermittagstraum.

Ungerührt aus festem Pflaster,
Schwingt die Brücke Bögen drei,
Silbern wölkt dein schwarzer Knaster,
Und das Auge schwelgt dabei.

Ob geschätzt, ob nebensächlich,
Was da war, hat er gefaßt,
Seine Spiegel unbestechlich
Sagens klar und ohne Hast.

Auch der Tod wird nicht verschwiegen,
Den so mancher weinberauscht
Ließ sich von ihm unterkriegen
Hat das Licht der Nacht getauscht.

Darum sei nicht allzulange,
Zugehört, was er erzählt,
Eh der Nachmittag uns bange,
Sei der Heimweg frisch gewählt.
 

 

74
 


WASSERTURM
Schlanker Knabe, hagebutten
Deckt die Kappe reines Weiß,
Pfeiler zierlich stehn wie Putten
Wohlgereiht im Blumenkreis.

Jeder weiß dich hell zu knipsen,
Analog und digital,
Sich am Jugendstil beschwipsen,
Ist beliebt noch jedes Mal.

Aber keiner stellt die Frage,
Warum solche Spielerei,
Die geschätzt wird dieser Tage,
Heute nicht mehr möglich sei.

Eine schnöde Atempause
Unter Wilhelm filligran
War im Kräuticht so zuhause
Wie wir selbst im Autowahn.

Mag der Kenner auch belächeln,
Was als Epigon entstand,
Kann es doch die Ahndung fächeln,
Was verloren unserm Land.
 

 

75
 


VROUW JOHANNA
Fürstlich stolze Kappenmühle
Ragst mit breitem Bohlenkranz
Heute noch am Emder Bühle
Aus der Zeit von Gret und Hans.

Ziegel frommt dem Unterleibe
Drauf die Haube hölzern rollt.
Dank dem Krühring taugts dem Weibe,
Daß Respekt die Brise zollt.

In des Turmes höchstem Söller
Stehen Mahlwerk, Pumpe, Walk,
Einst als Kind wollt ich ein Möller
Sein mit großem Blasebalg.

Was das Öl von Lein und Palme,
Vom Getreide Schrot und Mehl,
Was des Windes Jubelpsalme
Macht zu Kraft und Geists Befehl,

War mir stets ein Fabelwesen,
Windsbraut, die besteht und fährt,
Und der wahre Hexenbesen
Den des Sturmes Grimm ernährt.

Herrlich ists den Elementen
Unvermittelt wie die Mühl
Abzutrotzen solche Renten,
Daß die Freiheit fand Asyl.
 

 

76
 
Oft hat man in Müllers Stube
Sehen wolln den Menschenfeind,
Doch der Herr von Nacht und Grube
Mir in andern Zünften scheint.

Da man schürft nach schwarzem Golde,
Legte Dampf die Mühlen lahm,
Und der Zechen Nachtkobolde
Zeigten nicht geringste Scham.

Nicht das erste Mühlensterben
War nicht Teufels Meisterstück,
Denn im Krieg galt es Verderben,
Wich das Kohleflöz zurück.

Also ward die Windesgute
Deren Rohstoff nie versiegt,
Wieder ganz von deutschem Blute,
Die da steht, wenn vieles liegt.

Doch des Friedens neue Herren,
Rasch verboten Mühlenbau,
Daß der Industrie zu sperren
Sich nicht gar der Freie trau.

Und schon bald, die Reichen reicher
Machend, kam der Mühlenbann,
Da mit Prämien stehn Vergleicher
Frohen Augs zum Abriß an.

Auch in Karlsruh sahn die Richter
Dies gesetzhaft und gemäß,
 

 

77
 
Weil die Mühlbetriebsvernichter
Zahlten jedes Scheißgesäß.

So sind Mühlen heut Museen,
Und wenn neu, so unbemannt,
Denn der Staat würd pleite gehen,
Gäbs der Freiheit Unterpfand.

Also ist die Mühlenliebe
Schon zum Aufstand ein Fanal,
Was dem Spanier Hollands Hiebe,
Warn die Mühln in großer Zahl.

Darum hebt und reckt die fesche
Vrouw Johanna ihre Brust,
Einmal kriegt der Teufel Dresche
Und die Müllerin die Lust.
 

 

78
 


AN DER KNOCK
Haben diesen Punkt die Füße
Froh erreicht, laß Abend sein,
Schick dem Sternenhimmel Grüße
Und vertrau dem roten Wein,
In den sanften Meereswinden,
Trägt das Zelt dein Wanderstock,
Daß dich gute Träume finden
Unterm Himmel an der Knock.

Stets berühmt war diese Stelle,
Wo dich grüßt der Alte Fritz
Und das Schöpfwerk nächste Quelle
Zu des Dollarts Mundbesitz,
Wird der Wind ein wenig rauher,
Folgt dem Wein ein guter Grog,
Denn das Herz wird dir nicht sauer
Unterm Himmel an der Knock.

Ferner rückt die Stadt dem Raster,
Denn das Ohr mag Vogelschrein,
Wer da faselt von verpaßter
Kaufhausmeile darf nicht rein
In das Zelt, wo fröhlich zechte,
Wer nicht mag Profit-Gezock,
Und sich seine Heimat dächte
Unterm Himmel an der Knock.
 

 

79
 
Zwar ging manche Schlacht verloren
In den Poldern, die wir sahn,
Doch wir wurden nicht geboren,
Daß versänk der morsche Kahn,
Folgen schließlich noch Liköre,
Laß ich gerne Schuh und Sock,
Bis ich hell die Engel höre
Unterm Himmel an der Knock.

Sie dem Herzen ausbedungen,
Treffen auch des Herzens Ton,
Technik hat sie nicht verschlungen
Und sie faßt kein Grammophon,
Und zu dem Wacholdergeiste
Passen nimmer Pop und Rock,
Darum laß getrost das meiste
Unterm Himmel an der Knock.
 

 

80
 


SEINER MAJESTÄT SCHIFF EMDEN
Kleiner Kreuzer der Marine,
Danzigs Kind im Jahre acht,
Lehrzeit zeigt dir gute Miene
Bei der Hohenzollenyacht.

Zu der Argentinier Feier,
Daß sie hundert Jahre frei,
Bringst du Grüß vom deutschen Meier
Und aus Kaisers Reichskanzlei.

Deutsch-Samoa läßt dich dampfen
Bis dich der Pazifik kennt,
Deine Kolben fröhlich stampfen,
Daß dein Volk zur Sonne fänd.

In Ponape die Chinesen
Geben ersten Vorgeschmack,
Was des Krieges Sinn und Wesen,
Wie ein Kratzer schmückt den Lack.

Hie und da ein paar Gemetzel,
Sorg und Pfleg du nie vermißt,
Denn so reich wie König Etzel,
Ist die Fahne, die du hißt.

Aber dann ziehn sich die Fronten
Grad wie Schlingen um das Reich,
Die sich in Erfolgen sonnten,
Werden auch im Krieg nicht weich.
 

 

81
 
So auch du, die gern versenken,
Trügt des Schornsteins Britenart,
Vom Geschwader abzulenken,
Brichtst du auf zur Kaperfahrt.

Wolf im Golfe von Bengalen,
Bringst in einer Woche vier
Wohlbestallte Britenschalen
Auf und bist der König hier.

Forsch den höchsten Preis zu losen,
Fuchs im Hafen von Penang,
Feuerst Russen und Franzosen
Blitzhaft in den Untergang.

Auch ein Landungsunternehmen,
Fast mit Mauser und Pistol,
Macht die Feinde starr wie Schemen
Und vermehrt des Reiches Wohl.

Doch den Funkruf der Verschreckten
Fingen die Australier auf,
Da die Emden sie entdeckten,
Nahm das Schicksal seinen Lauf.

Früh dein Ausguck sah das Rauchen
Und verließ den Landungstrupp,
Die Kanonenrohre fauchen,
Daß sich so der Feind entpupp.

Keine Treffer zu beklagen,
Dein Geschütz da besser zielt,
 

 

82
 
Und dem Tom gehts an den Kragen,
Sein Entfernungsmaß verspielt.

Eine weitere Granate
Trifft ins Munitionsdepot,
Wär sie nicht ein blinder Pate
Sänk die Sydney lichterloh.

Doch der Feind hat beßre Waffen
Und nach dem vertanen Glück,
Muß das Ruder bald erschlaffen
Und es brennt so manches Stück.

Noch dem Sinken auszuweichen,
Läufst du aufs Korallenriff,
Dies war nicht ein Kampf von Gleichen,
Emden weint um dich, sein Schiff.

Da noch weht die deutsche Fahne,
Wirst du Leiche noch gequält,
In dem aufgegebnen Kahne
Deutschland weitre Tote zählt.

Die an Land zu schwimmen suchten,
Sind vermißt für alle Zeit,
Tags darauf die Gut-Betuchten
Nahmen auf das deutsche Leid.

Als ein Wrack bliebst lang du liegen,
Später der Australier nahm,
Was ihm Schmuck zu seinen Siegen
Schien und ins Museum kam.
 

 

83
 
Doch im Reich hat deines Ruhmes
Nie sich mehr ein Schiff erfreut,
Und im Glanz des Königtumes
Wird von dir erzählt bis heut.

Emden gab dem Kapitäne
Ehrenbürgschaft und die Leut,
Die gedient auf der Domäne,
Emden jetzt im Namen freut.
 

 

84
 


RHEIDERLAND
Früh ward hier das Recht der Friesen
Ohne Herrn im Reiche frei,
Liebt der Kiebitz feuchte Wiesen,
Schnepf und Graugans sind dabei,
Trifft der Goldne Regenpfeifer
Rotschenkel und Nonnengans,
Träumt in wohlbezähmtem Eifer
Kindesglück des Rheiderlands.

Erst dem Ommelande Schwestern,
Trieb der Dollart einen Keil
In die Marsch, daß diesen Nestern
An der Ems ward nächster Teil,
Zwar hat Calvin hier vor Luther
Mehrheit und den Führerkranz,
Aber Holland ist nur Butter
Für den Fries des Rheiderlands.

Dreist die Groninger beschenkte
Der Tyrann von Korsika,
Doch obgleich er Schmuggler henkte,
Warn zuletzt die Briten da,
Bei Hannover und ostfriesisch
So bei Gretel und bei Hans,
Blieb die Aussicht höchstens diesig
In den Poldern Rheiderlands.
 

 

85
 
Auch die schlimmste Niederlange
Deutschlands nutzte Oldambt nicht,
Denn die Sieger sahn die Frage,
Wem das Land in anderm Licht,
Sammelt Helgoland Berserker
Aus den Gaun zum Friesentanz,
Kimpern Gulden nicht, doch Märker
Aus der Sternfahrt Rheiderlands.

Preußen sammelt die Verwaltung,
Und die Kreisstadt heißt nun Leer,
Doch dies ändert nicht die Haltung
Und des Mittelalters Ehr,
Für den Fries ists keine Frage,
Wer des Reiches Kopf und Schwanz,
Und in jedem Saufgelage
Siegt der Witz des Rheiderlands.
 

 

 

 




WALDEINSAMKEIT





»Aus der Heimat hinter den Blitzen rot
Da kommen die Wolken her,
Aber Vater und Mutter sind lange tot,
Es kennt mich dort keiner mehr.

Wie bald, ach wie bald kommt die stille Zeit,
Da ruhe ich auch, und über mir
Rauscht die schöne Waldeinsamkeit,
Und keiner kennt mich mehr hier.«

 
EICHENDORFF       

 

 

 

89
 


OSTERZUG
Als ich noch ein Hosennässer,
Doch im Dreirad hochmobil,
Schien mir schon der Osten besser
Als das Land, wo Tag verfiel,
Als Geschlagne ihres Zornes,
Schrie des Feundes Großmama,
Bleib im Land des Pfefferkornes,
Und schon war ein Auftrag da.

Rasch ward unser Zug begonnen,
Und die Richtung keine Frag,
Was wir da wohl ausgesponnen,
Sag Erwchsnen nicht der Tag,
Erst als abends Au und Orte
Voller Aufruhr und Alarm,
Fuhrn wir heimwärts mit Eskorte
In der Mütter Kuschelarm.

Eh man uns das weiter wehrte,
Ficht uns nie ein Zweifel an,
Wer das Pfefferland begehrte,
Kommt auf dieser Route an,
Später ward ich streng belehret,
Daß dort Sumpf und Mückenplag,
Doch wenn früh die Sonne kehrtet,
Ruft der Osten, der mich mag.
 

 

90
 
Wer im Osterland geboren,
Osterfeuers Sehnsucht kennt,
Hat beim Osterwunder Ohren
Einzig für den Orient,
Dort sind alle Wälder dichter,
Und Sterne heller stahln,
Weil sie nicht profane Lichter
Mit geraubtem Glanz verfahln.

Weiter als das Dreirad reiste
Mir die Kleinstadt-Bibliothek,
Was als Elixier dem Geiste
Nach der Oder sucht den Weg,
Nah am Kamm von Spindersmühle
Wars mit Rübezahl der Chef,
Daß der Sproß der Biederkühle,
Endlich wen mit Durchblick treff.

Über Menschgeblök und Schreien,
War zu Austausch wenig Not,
Sie vertraun auf Gaukeleien,
Doch der Berg ist ihnen tot.
Wenn sie gut sind, sind sie Toren,
Sind sie klüger, werdens feig,
Welcher Leuchte sie erkoren,
Besser ihren Ohren schweig.

Wer des Berges goldne Striehmen
Bis zur Glut der Tiefen kennt,
Weiß, daß ihm nicht Flitter ziemen,
Die des Kleingeists Element,
 

 

91
 
Nach der Weichsel lockten Klinker,
Drin der Orden deutscher Herrn
Odinsblut und seine Trinker
Mischten mit des Orients Stern.

Wo die Memelfluten münden,
Steht Europas Balkenlot,
Hier sollst du den Geist begründen,
Der zu seiner Eintracht not,
Auf das Hügelgrab von Kauen
Pflanz die Esche höchstem Thing,
Da sich in des Sperbers Klauen
Blau des Süds und Nords verfing.

Immer nach der Mitte ziele,
Was dir reift zu Spruch und Lied,
An der Saale, an der Biele
Sorg, daß man die Weiser sieht,
Bleibst du treu in diesem Fuge
Jedem Tag, der kommt und schmückt,
Wird dein Tun zum Osterzuge,
Bis die Auferstehung glückt.
 

 

92
 


WEG DURCH JUNGEN WALD
Geh im Ranken und Durchwiegen,
Halbgeschatt und angenehm,
Ungebremst von Riesen stiegen
Die Gehölze aus dem Lehm,
Ihre Frische, ihr Vertrauen,
Das noch nichts von Sturmbruch weiß,
Singt die Lerche, die im Blauen
Fahrlos schwelgt im Morgenkreis.

Gertenweiche, Lindenhelle,
Frohe Gleichheit junger Schar,
Da im Mittagslicht Libelle
Meint, daß nie es anders war,
Sichtbar noch die Säfte steigen,
Klein die Kreise, die sich baun,
Endlos Vorrat, dem zu eigen,
Der bereit sein Haus zu baun.

Wer da pflanzt, schickt seinen Segen,
Nach den Ururenkeln hin,
Auf den frisch gezognen Wegen
Schaust du ersten Eigensinn,
Denn der Wald ist nicht nur Herde,
Sondern selber Hort und Hirt,
Junges Herz auf flinkem Pferde,
Später Quell- und Brunnenwirt.
 

 

93
 
Erst wenn Tod das Wissen raubte,
Gnome werkeln, Sporen sprühn,
Rührt Erfahrnes ans Geglaubte,
Scheiden Späte sich von Frühn,
Zieren Wege sich mit Schwellen,
Findst du auch das Hexenei,
Und so sagst du dem Gesellen,
Daß er besser leiser sei.

Mancher Wald hat tausend Lenze
Hier verweigert, da gewagt,
Gleichtun hier nicht Pflug und Sense,
Was da jung und was betagt,
Wo die Stämme dich umschweigen,
Bist du nur ein Falter zart,
Ihre Räusche, ihre Reigen,
Raunen dir von deutscher Art.

Aber heut bis du ihm Lichte,
Und du singst im reinen Dur,
Draußen wartet die Geschichte,
Doch der Bach sagt eignes nur,
Tau auf einem Spinnensegel
Zeigt das Aug auf heller Stirn,
Und als sei so jung die Regel,
Kann dich kein Geraun verwirrn.
 

 

94
 


UECKERSEE
An der Lanke Warnitz, Quast,
Lädt dich ein das Feldsteinhaus,
Was dem Pfluge Müh und Last,
Drunter Eulen trotzt die Maus,
Hebt sich hier zu Lob und Rast,
Und der Türmer schaut voraus,
Daß du dich gefunden hast
Im Geschweig des stillen Baus.

Linker Zeh zeigt Weh und Blut,
Und du reckst ihn aus dem Staub,
Wo die Hitze dich beschuht,
Liegt manch spitzes Glas im Laub,
Sei ein wenig auf der Hut
Und nicht allen Träumen glaub,
Wo ein Eiland aus der Flut
Ragt mit grün bewachsner Haub.

Einst lag dort mit Turm und Wall
Eine Burg, fanfarenstolz,
Hoher Herren Habichtskrall
Herrschte hier im Glast des Golds,
Aber Brücke, Speicher, Stall
Und was sonst von Buchenholz
Schlang die Lohe scharf und prall,
Die zum Schwimmstein Schlacke schmolz.
 

 

95
 
Später die Zisterze spannt
Brücken über Sumpf und Grat,
Vor dem Flachs der Nonnenhand
Floh enttäuscht der Wendenschrat,
Das Geläut in diesem Land,
Das schon längst die Zeit vertat,
Bleibt der Melodie verwandt,
Die aus deinem Herzen trat.

Noch einmal zur Insel schau,
Die der Schwimmer nahm als Knab,
Abend wird es, rot und lau,
Und die Zehe schient der Stab,
Alles weißt du noch genau,
Und dem Füllen frommt der Trab,
Aber wessen Haare grau,
Pilgert nicht zum Heilgen Grab.
 

 

96
 


ODERBRUCH
Friedrichspolder, alter Oder
Abgetrutzt und oft verschmemmt,
Vogelbalz und Lilienmoder
Schaut, wer diesen Gau durchkämmt.

Loose-Höfe, Siedler, Gründer
Von der Rhone und der Saar,
Auf dem Feld der Warthenmünder
Weht des Flußgeists Silberhaar.

Tiefer Grund mit leichter Neige,
Tal am Neuenhagner Sporn,
Zum Geflöt der Dommeln schweige,
Und den Hamster schau im Korn.

In der Wasser mildem Glucksen,
Spür das weiche Formgewähn,
Wo die Nymphen schamhaft schluchzen,
Ist der Kranich Souverän.
 

 

97
 


WALDWEG BEI GROSS GANDERN
Wo die Großrohrdommel flötet,
Bruchland an Moränensandern,
Abendlicht dein Antlitz rötet
Auf dem Waldweg bei Groß Gandern.

In der Neumark Kiefernstille
Sollst du nicht mit Madeln tandern,
Lausch dem Baß der Maulwurfsgrille
Auf dem Waldweg bei Groß Gandern.

Mücken schwärmen aus im Dämmer,
Und daß es dein Teil zu wandern,
Sagen Himmels weiße Lämmer
Auf dem Waldweg bei Groß Gandern.

Von der Nehrung und der Memel
Bis zu Balduin von Flandern
Braucht der Wandrer keinen Schemel
Auf dem Waldweg bei Groß Gandern.

Folg dem Weg in karger Schneise,
Denn bei Gott gibts keinen andern
Und vertrau dem Lied der Meise
Auf dem Waldweg bei Groß Gandern.
 

 

98
 


SILESIA
Deutsches Land, an deutschen Dichtern reicher
Als der Rhein, deß Gold schon lang geraubt,
Zwar die Oder schlingt sich nebelweicher
Westhin als der Strom der Alpen schnaubt,
Deine Melodien sind voller Trauer,
Deine Götter sind Titanen nicht,
Aber blond sind Häusler hier und Bauer,
Wie der Weizen, den die Erde spricht.

Olsa, Weistritz, Weide, Glatzer Neiße
Speisen so wie Bober, Lohe, Queis
Deine Ader, daß begnadet kreiße,
Was sich solcherart durchnabelt weiß,
Wasser gab Gestalt dir auf den Globen,
Käfer summen durch den grünen Traum,
Ein Jahrtausend will die Furche loben,
Doch geraubt verdorren Lied und Raum.

Deutsches Land, gepeinigt und geschunden,
Aber unrecht Gut wird nie gedeihn,
In die unbeweint verschorften Wunden
Schloß der Schrat den großen Reichtum ein,
Keinem wird wie einst die Pflugschar frommen,
Öd und ehern schweigen Hain und Au,
Bis wir einst als Diener wiederkommen
Und mit unsrer Müh die Liebe Frau.
 

 

99
 
Unterm Weidicht raunen hart die Ahnen,
Nixen-Zirpen mischt sich Gnom-Gegröl,
Schmählich brannten schwarz-rot-weiße Fahnen,
Fett von Herrschsucht und Vernichtungs-Öl,
Wahn, der an der Wolga und der Weichsel
Leichen säte, traf den Osten schwer,
Und im Ried verrotten Rad und Deichsel
Und der gelbe Wagen singt sich mehr.

Rübezahl, der wiederkehrt zu Zeiten,
Wird sich wundern, daß der Junker weit,
Daß die Mädel, die mit Spiegeln streiten,
Flohn mit blondem Haar und Heiterkeit,
Daß das blaue Auge nicht mehr eitel,
Die Gespielin und der Hufner fort,
Daß vom Strom bis zu der Berge Scheitel
Keine Stimme sagt ein deutsches Wort.

Aber unser Herr wird auch erlösen,
Dieses Land, von Asche weiß und Schnee,
Und gezählt ist jeder Tag des Bösen,
Und gesühnt wird Frevelmut und Weh,
Wenn der Glaube uns verschließt dem Neide,
Wird dem Adler goldne Krone sein,
Dann bezähmt sich auch die Schwarze Weide
Und in Breslau gibt man Lohenstein.
 

 

100
 


ZWEI WEGE
Zwei Wege führen in den Wald,
Erst brüderlich und dann getrennt,
Sich nah an Größe und Gestalt,
Daß jede Wahl in Frage ständ.

Du weiß nicht welcher welcher ist,
Weißt keinem Ziel und keinem Bann,
Doch sicher scheint, mit solcher List
Fängt meist ein Abenteuer an.

Der eine legt sich frank und flink
Durchs Dickicht nach der Aue hin,
Der andre folgt dem Gnomen-Wink
Und sucht in Rätseln Raum und Sinn.

Der eine recht und wohlbedacht,
Der andre mütterlich verbrämt,
Der eine freut sich seiner Fracht,
Der sich der andre immer schämt.

Doch danke, daß dir keiner sagt,
Was dir zum rechten Pfade fromm,
Wer nur das wohlgepflegte wagt,
Sagt nie zum Geist des Waldes: Komm!

Wenn dich die Nacht im Hain erwischt,
Leg wacker drauf den Lobesreim,
Wo dir im Laub die Natter zischt,
Findst du das Gold von Niebelheim.
 

 

101
 


SCHNEEKOPPE
Höchster Sporn im weiten Kreise,
Sagenwart und Liederschatz,
Führt auf deine Höh die Reise,
Streitet nichts den alten Satz,
Das geschaut von solcher Warte
Rachsucht, Hoffahrt, Geiz und Neid
Eines Knechtes Hasenscharte,
Dem zum Rundblick fehlt die Zeit.

Aus Krummhübel ausgezogen,
Grüßte uns der Melzergrund,
Licht und Stimmung sind gewogen,
Wenn man fährt zu früher Stund,
Da im Schlesierhaus wir rasten,
Schlängelt sich der Kammweg nackt,
Wo dem Steiger ohne Lasten
Osterwind das Haupt beflaggt.

Bundesbrüder, die wir trafen,
Hergeführt von Schrat und Ahn,
Die in Brückenberg geschlafen
Und die Hampelbaude sahn,
Teilten mit uns Brot und Laune,
Schritte, ehrfurchtvoll und leis,
Was der Berggeist rat und raune,
Sei gereimt in mancher Weis.
 

 

102
 
Wer zum Dichter ist geboren,
Weiß das meiste ungesagt,
Wenn die Echos ihn umfloren,
Hat er wohl ein Wort gewagt,
Denn der Himmel weiß zu klären,
Was da rätseln Schicht und Schrund,
Und der Wind wird auch gewähren,
Was der Hoffnung fehlt im Grund.

Also sei auch die Geschichte
Nicht Philisters Perlenspiel,
Denn im lenznen Sonnenlichte
Wächst und offenbart sich viel,
Wer die Zeit des Bergs zu fassen
Sucht, hat nicht der Fliegen acht,
Nichts dem Kleingeist anzupassen,
Hast du früh dich aufgemacht.
 

 

103
 


WEGBIEGUNG
Beuge, Kurve, Knie und Schwenk,
Neuer Kurs und neuer Lauf,
Was ich mir gebogen denk,
Hört gewiß auch niemals auf.

Jedem graden Pfad mißtrau,
Gehst du zu auf einen Stern,
Sagt dir bald des Himmels Schau,
Daß ein andrer nah und fern.

Wie die Zeit, die pulst und schluckt,
Wie das Leben krumm und stumpf,
Sei ein Wald, der hebt und duckt,
Raum für Pilgers Haupt und Rumpf.

Eh du dich versiehst, verbiegt
Sich der Weg und nimmt dich mit,
Welche Richtung letztlich siegt,
Keine weiß, die rasch entglitt.

Doch des Heilands Weiser stehn,
Mit der Lösung der Gestalt,
Ihre Formeln einzusehn,
Braucht kein Wanderer im Wald.
 

 

104
 


QUALENDES SEIN
Zu Jacob Böhme

Nach Luthers Tod verfiel die Welt,
Den er begründet und genährt,
Der alten Kirche wohl gefällt,
Das mancher sich nach dorten kehrt,
Doch Deutschlands Mitte, die da wühlt
Im Grund und der Erscheinung, fand
Ein Amen, wies das Herzblut fühlt,
Und Böhme schriebs mit Schusterhand.

Was später wuchs zur Weisheitslehr,
Und was gepflanzt der Dichter Baum,
Verstrebte Sinn und Sinne quer,
Und Jüngstes mit dem alten Traum,
Und Gott trat in die Schöpfung ein,
Nicht mehr zu trennen Aug und Ohr,
Und aus dem so geschauten Sein
Qualt Geist als Form und Lust hervor.

Nicht Aula, Forum und Konzil
Erdachten, was im Winkel keimt,
Wer draußen in der Heide viel
Studiert, die Leisten gut verleimt,
Man nannte Mystik Morgenröt,
Doch kannst du schon am Titel sehn,
Daß nicht wie man die Sinne töt,
Wird Rat in diesem Buche stehn.
 

 

105
 
Mag sein, daß hier ein Fenster wuchs,
Drob mancher warf den Glauben weg,
Doch ists ein Geist des Selbstbetrugs,
Der nötig hat der Fremdheit Schreck,
Wer Gott sich holt in Hain und Flur,
Tuts nicht, weil ihm die Ehrfurcht fehlt,
Ihm sind die Wunder der Natur
Unendlich hoch und tief beseelt.

So sind ein Lob wie Lied und Schrift
Das Handwerk und die Alchymie,
Denn daß der Geist das Wunder trifft,
Brauchts Priester nicht noch Heilsmagie,
Zum Sakrament wird alles Tun,
Das sich der Welt im Dienen schenkt,
Und wer so glaubt, der mag nicht ruhn,
Weil ihn der Heiland stündlich lenkt.

So blühten uns mit Frucht und Kern
Aus Faust, Cusanus und Plotin,
Was Eckhart ahnte, Mystikern
Wie Seuse, Tauler dunkel schien,
Drum stößet, quetschet, feindet an
Der Grimm, was göttlich von Gestalt,
Und wies allein ein Schlesier kann,
Ward dies zum Sprachbarock geballt.
 

 

106
 


DEUTSCHE POETEREY
Martin Opitz in Dankbarkeit

Von Bunzlau, Breslau, Beuthen ging
Dein Weg, bis Krieg das Reich zerbrach,
In Baden, Leiden, Jütland sing
Von Teufelei und Ungemach,
Doch da du heim nach Schlesien kehrst,
Warst reif, daß klar dein Auge sieht,
Dem Volk du das Gesetz bescherst,
Darin erklingt das Lutherlied.

Daß uns den Jambus setzt der Ton,
Daß der Akzent uns Maß und Takt,
Spricht Tacitus' Germania Hohn,
Und hat das Reich von Rom entschlackt,
Der Kaiser gab den Adelsstand,
Sangst du zum Tode Karles Trost,
Doch Platz im Köthner Dichterland
Hat sich dein Herz als Ziel erlost.

Doch dort bestimmt die welsche Form,
Die ausging von der Ritterzeit,
Mit spitzer Zunge Takt und Norm,
Als bäurisch gilt die Odermaid,
Hier wird mit Asphodill gebraut,
Und Feld und Werkstatt sind verhaßt,
Jedoch aus deinen Versen schaut
Der Sachs, in Böhmes Geist gefaßt.
 

 

107
 
Auch daß von Dohna Hannibal,
Dein Dienstherr, Protestantenfeind,
Macht daß der Köthner Minnesaal
Es nicht so gut mit Opitz meint,
Der Glaubenskrieg nicht nur das Feld
Mit Blut bestreut und blankem Erz,
Es ist ein Zwist, der Lanzen stellt
Gar mitten durch das deutsche Herz.

Dann schließlich sagt von Anhalt ja,
Daß einzög die Poeterey,
Die leistete das Wunder da,
Daß einstger Gegner Jünger sei,
Dies bin ich heute auch und hier,
Befehdet von der Profession,
Doch wirds gelingen mir wie dir,
Daß herrsche dort der deutsche Ton.
 

 

108
 


PARK IN BRESLAU
Reinlich breiter Weg den wilde
Ranken schirmen im Geflecht,
Klause, drein sich durch die Schilde,
Kein profaner Lärm erfecht.

Bank, wo mancher deutscher Dichter
Rang mit Takt und Konjuktiv,
Stadtwalddickicht, wo in schlichter
Kleidung Mnemosyne lief.

Dies Refugium wird zersplittern,
Wenn der Drache rot erwacht,
Und Europa sich mit bittern
Flüchen aus dem Staube macht.

Und des Landes Schmerz und Jammer,
Heilt nicht vor Europas Kern,
Denn die Herrschaft der Verdammer
Endigt erst das Wort des Herrn.

Darum trennt euch von den Schemen,
Die das klare Aug verstelln,
Teuflisch ists zu traun bequemen
Mustern und den Modewelln.

Wenn du suchst nach Recht und Adel,
Wird der Geifer dich bespein,
Doch das dich der Schlechte tadel,
Soll dir stets noch Ansporn sein.
 

 

109
 


FRIEDRICH VON LOGAU
Dreimal tausend Sprüch und Sinn,
Dreimal tausend Wink und Witz,
Wer dies liest, verbucht Gewinn,
Und er dankt dem Logau-Fritz.

Hier sind Schärfe und Humor,
Eines Vogels Flügelpaar,
Was gefällig tönt dem Ohr,
Macht das trübste Auge klar.

Hier wird lächerlich der Putz
Und beschämt die Heuchelei.
An den Pranger Eigennutz,
Habsucht und Ausländerei!

Wer die Sprache uns verhunzt
Und die fremden Moden äfft,
Sei entfernt der deutschen Kunst
Als ein Hund, der draußen kläfft!

Wer das Vaterland nicht liebt,
Wem da schwillt ein welscher Kamm,
Sei mit Pfeilen Spotts durchsiebt
Aus des Dichters Epigramm.

Dreimal tausend Sprüch und Sinn,
Die postscripta nicht gezählt,
Ob du Mensch seist oder Dschinn,
Schau, wie sich die Maske schält.
 

 

110
 


ORANT
Zu Andreas Gryphius

Talisman vor Nixennetzen,
Glogaus Greif das Kraft-Emblem,
Wo die Schlachter Messer wetzen,
Daß ein Wort den Sprecher fem,
Wo das Väterland in Tränen
Schier erstickt, strahlt dein Sonett,
Rein wie Gartenkunst-Fontänen,
Und auch wie du selber fett.

Mehr als jede andre Stimme
Wardst du Muster dem Barock,
Wo das Zarte wie das Schlimme
Wucherte als Schierling-Schock,
Auch dein Tod als Eichenfäller
Ward ein Vorbild diesem Kreis,
Denn allein am reichen Teller
Trifft sich Adel mit Geschmeiß.

Daß vergänglich alles Treiben,
War dir Elegie und Witz,
Lust und Qualen aufzuschreiben,
Reicht kein Hundertjahr-Besitz,
Eitel bleiben die Versuche,
Die der Mensch mit Fleiß bemüht,
Ob er lobsing oder fluche,
Kümmert nicht, was fällt und blüht.
 

 

111
 
Gott läßt nicht die Bienen fliegen,
Daß den Honig wir verschmähn,
Läßt du dich nicht unterkriegen,
Darf dein Zahn die Tafel mähn,
Wer da nutzt, was er gespendet,
Lob den Herrn auf jede Art,
Und wenn dann das Leben endet,
Ward gewiß zu viel gespart.

Morgen schon kommt eine Horde,
Die die Wunder niederreißt,
Darum sei noch vor dem Morde
Rasch der Salmen aufgespeist,
Not zu mühn, ist nicht vonnöten,
Denn sie klopft gar bald ans Tor,
Doch unsterblich klingt in Köthen
Gryphius' Reim im deutschen Ohr.
 

 

112
 


HOFMANNSWALDAU
Von dir hab ich die Lust am Überschäumen,
Zur Bilderfülle bis die Syntax kracht,
Frau Venus zeichnen und von Schäfern träumen
Im Wagen, der da sechzehnspännig lacht.

Gar manchem scheints verpfeffert und versalzen,
Das Derbe grob und überspannt die Lust,
Doch Jove will im Schwanenkleide balzen,
Und Proteus bricht noch jedes Krebs-Gekrust.

Wer Met und Wermut, Senf und Lotos mischen
Im Versfuß will, weil ihm das Herz so voll,
Hat Ach im Jubel und ihm nisten zwischen
Den Lerchen Krähn und aller Götter Groll.

Was man galant da nennt, ist eine Pose,
Die sorgt, daß sich der Magen nicht verdeh,
Der wer wie du durchwirbelt alle Lose,
Bleibt starker Tobak für ein scheues Reh.

Auch weißt du, daß der Ruhm zuerst ein Übel,
Denn wer die Welt beschenkt, zahlt meistens drauf,
Adepten haben Schweinemist im Kübel
Und nutzen deinen Namen zum Verkauf.

So wird zuletzt Galantes gar berüchtigt,
Und das Verdikt ist selbstgerecht und schlicht,
Ja, wer dem Herren lieb, der wird züchtigt,
Denn ohne Hölle gibts den Himmel nicht.
 

 

113
 


WEIDEN AM TEICH
Biegsam und in flinkem Sprossen
Herrscht ihr bald am Ufersaum,
Abstand zu den Artgenossen
Braucht, wer so verflicht den Raum.

Daß im Strohdach ihr zur Wiede
Taugt, sieht gleich, wer schauen mag,
Trutz und Ankerung im Riede
Trägt der Steg des Wandrers Tag.

Für den Korb brauchts junge Triebe,
Doch zur Zwiesprach müdem Sinn,
Reicht, was mancher nur durch Hiebe
Kennt, in jedem Alter hin.

Licht und Wasser sind vonnöten,
Wo ihr sonst bescheiden steht,
Mancher Nutzer wird euch töten,
Doch das heimliche Gered,

Drum ich euch am Weiher grüße,
Brauch ich grad wie Naß und Licht,
Denn des Träumens Honigsüße
Birgt der Sträucher Leichtgewicht.

Wo sich Tod und Licht zum Eide
Treffen zwischen Wrack und Moor,
Wahrt die Würde stets die Weide,
Und streckt stolz die Kätzchen vor.
 

 

114
 


CHERUBINISCHER WANDERSMANN
Ein jeglich Ort dich ruft und läßt dich wieder fahren,
Im Strom der Zeit kann dich allein die Kirche wahren.

So wie das ganze Reich ist Schlesien zwiegespalten,
Was darin neu sich nennt, kann rascher nur veralten.

Wer ganze Reinheit sucht und drauf versessen teilet,
Dem sag ich, daß ihn bald das gleiche Los ereilet.

Manch kluger Denker will den Horizont erweitern,
Der Zugewinn jedoch läßt fern vom Ganzen scheitern.

Ich geb auf meine Kunst gar wenig Wohlgefallen,
Denn täuscht sie einmal nur, so täusch ich mich in allen.

Wie Auge bin ich Ziel, wie Beter bin ich Heiler
Wer Gott im Herzen trägt, kennt keinen Rollenteiler.

Und wer es Hoffahrt nennt, mich als der Herr zu sehen,
Der gibt mir guten Grund zu Tod und Auferstehen.
 

 

115
 


LOHENSTEIN
Dichtermund der Agrippina,
Dessen Stern Marino heißt,
Von Amerika bis China
Folgte kaum wer solchem Geist,
Bühnenwart und Liedermacher,
Syndikus und Diplomat:
War da je ein Dichter wacher
Und verbunden so der Tat?

Lebenslang aus Studientagen
Wirds dir kraß vor Augen stehn,
Sahst du, linder selbst geschlagen,
Dreizehn Schiffe untergehn,
So verwundert nicht dein Glaube,
Daß da ein Verhängnis walt,
Fegend, daß sein Plan dem Staube
Schaffe Antlitz und Gestalt.

Früh giltst du als Hirt und Weiser,
Der noch jedes Amt belohnt,
Und du schaffst es, daß der Kaiser
Schlesiens Protestanten schont,
Habsburg bleibt dein Sinn verpflichtet,
Bald ein Rat vom Wiener Thron,
Hast du dem Geschlecht gedichtet,
Daß es will der Welt-Dämon.
 

 

116
 
Wenn du irrtest hier wie Hegel,
Der von Preußen solches sprach,
Und ein Wind zerriß das Segel,
Siehts der Leser gern dir nach,
Und daß Dichtung Nebensache,
Darf behaupten, wems gelingt,
Daß der Sonntag Wunder mache,
Die des andern Jahr nicht bringt.

Ein Jahrhundert hat gehuldigt
Dir als allen Reims Zenit,
Später hat man dich beschuldigt,
Dich geschmäht mit üblem Tritt,
Was vergangen, durftst du glätten,
Neue Zeit nutzt andern Schein,
Wenn wir Gottes Augen hätten,
Könnten wir nicht fruchtbar sein.

Ob ich dir gerechter werde,
Wenn ich Schwulst, der lebensklug,
Vor dem Weinerling der Erde
Billige mit Recht und Fug?
Daß der Sinn für Gleichgewichte
Adle Kunst und Politik,
Steht dir fürstlich zu Gesichte,
Also lob ich dein Geschick.
 

 

117
 


LOB DES KNASTERS
Für Johann Christian Günther

Unter all den Schlemmereien
Im Barocke darf nicht fehlen,
Was die ach so Urteilsfreien
Heute allzugern verhehlen,
Knaster hieß des Orients Wunder
Daß der Frohe herzhaft schmauchte,
Drum verfehlt der Preisung Zunder,
Wer nicht in die Nebel tauchte.

Ist die Schmäh der Abstienten
Militant, so auch die Tafel,
Wer sich schont für Leibesrenten,
Füll sein Leben mit Geschwafel,
Aber wer in allem Schmause
Schmeckt das Ziel von unsern Tagen,
Ist im Knaster ganz zuhause
Der ihm Eintracht und Behagen.

Einem Wölkchen Pfeifenrauche
Gleicht des Schöpfers Sternenstraße,
Wems Gewohnheit, daß er schmauche,
Achtet nicht auf Preis und Maße,
Seiner Phantasie zu frönen,
Wirbeln Ringe eng und weiter,
Sich den Träumen zu versöhnen,
Macht der Tabak frisch und heiter.
 

 

118
 
Wer da hüstelt und ekelt,
Teufel heiß und Spielverderber,
Wo die Welt sich eitel rekelt,
Rühmt der Wams nicht mehr den Gerber,
Und der Flieger foppt den Schweren,
Der auf Hämmer und auf Hebel
Richtet töricht sein Begehren,
Aber du bist Rauch und Nebel.

Wer die Kräuter tief zu heischen,
Hebt den Brustkorb und die Lunge,
Wird nicht wie ein Weibsstück kreischen,
Färben braun sich Zahn und Zunge,
Aller Freunde ists gegeben,
Daß sich bräun der Alabaster,
Der Genießer liebt das Leben,
Und sein Odem schmeckt nach Knaster.
 

 

119
 


VORFRÜHLING AM SEEUFER
Noch ist alles karg und blind,
Filligran und wintersteif,
Vorjahr streckt sein Restgesind,
Das da glänzt im Silberreif.

Dunst steigt auf vom bracken See,
Wo die Winde wie zum Schein
Streiten, was ans Ufer weh
Und ins Mark der Äste rein.

Noch bezeugt sich ein Remis
Zwischen Keimling und Kristall,
Wie in Scham und Prüderie
Schweigen Strauch und Blumenwall.

Dies ist deinem Herz gemäß,
Das da bangt in früh und vor,
Weil das kostbare Gefäß
Erst ein Hauch mit März beschwor.

Es mag sein, daß alles fällt,
Eh die Sonne siegt am Joch,
Und die Furcht mit deiner Welt
Aufnahm längst ein schwarzes Loch.

Doch dein Stift sagt dem Papier,
Einem Blatt, das segelt fort,
Daß das Land bereitet hier
Für des Heilands frohes Wort.
 

 

120
 


UNTREU
Untreu ist Leben, es neigt sich dem Tod,
Untreu der Sommer, der herbstlich sich färbt,
Untreu, so hieß dich das Licht, das gebot,
Daß du verschwendest, was je du geerbt.

Aber im Kornfeld, von Ähren gesteilt,
Raschelnd von Mäusen, die Eulen nicht spähn,
Hast du den Traum mit der Blume geteilt,
Die dich an Treue gemahnt und Geträn.

Blau ist dein Auge, verloren der Zeit,
So wie der Flachs, drein der Liebende sank,
Zwar hat den Schwur dir kein Priester geweiht,
Aber du weißt nichts von Weichen und Wank.

Mag sich dem Wechsel verpfänden die Welt,
Sei ihr das Gestrige Irrung und Spott,
Du bleibst der Blume im Kornfeld gesellt,
Treu deiner Heimat, der Liebe und Gott.
 

 

121
 


KLEIST
Die abgestorbne Eiche steht,
Doch die gesunde stürzt der Sturm,
Auch du bist, wenn Boreas weht,
Im Flachland wie ein Pappelturm,
Ob du da wirkest, ob du Schein,
Und wie du dich zum Leben stellst,
Das weiß Familie Schroffenstein,
Erst wenn du unterm Blitz zerfällst.

Ich hab noch niemals so gelacht
Wie bei dem Buch Amphitrion,
Was keiner gut wie du gemacht,
Singt wieder mal ein Lied davon,
Daß nur das Blut, das müd und schwer
Im Herzen, taugt zu Gotts Humor,
Drum steh des Normanns Schild und Ger
Uns düster am Theatertor.

Von Homburg träumt und dingt die Pflicht,
Dies ist der deutschen Art gerecht,
Wir sind durchloht von Gottes Licht
Und dabei treu dem Weltgeschlecht,
Und wer da Kohlhaas Eifer pönt,
Dem hat ein welsches Lied verhehlt,
Daß es das Dienen weiht und schönt,
Wenn an dem Recht kein Jota fehlt.
 

 

122
 
Ich mag die Werke nicht erzähln,
Die mehr als alles Preußens Ruhm
Begründen und es auserwähln
Als eines Geistes Königtum,
Doch sei der Amazone hier
Gedacht, die ihres Herzens Schwarm,
Zerfleischend wie ein Kämpferstier
Mit scharfer Klinge nahm in Arm.

Für Goethe wars ein Schreckensgreul,
Weil er die Schwelle nie gewagt,
Da uns der Hölle Schmerzgeheul
In unermeßne Höhe ragt,
Hier war erhellt des Traumes Schlund,
Den Nietzsche setzt den Höhen eins,
Und daß des Götterdämmers Grund
Schon immer liegt im Schlick des Rheins.

Wer alles sagt, so weiß ein Wort,
Der kann ein Mensch uns nimmer sein,
Drum treibt ins Ungestalte fort,
Wer einschenkt allzureinen Wein,
Zwar hört man, daß die Katze jungt
In des zerstreuten Richters Zopf,
Doch wer im Maß der Sterne funkt,
Büßts allzuleicht mit seinem Kopf.
 

 

123
 


ZOPFFLECHTENDES MÄDCHEN
Ich stehe hier und weiß nicht recht,
Was ich so denk und bloß vermut,
Ich übe mich im Haargeflecht
Und schaue, was sich sonst so tut.

Ob etwas Vorwitz aus mir schaut,
Wenn ich da innehalt und lausch?
Das Flechten ist mir so vertraut,
Daß ich die Stränge nicht vertausch.

Ich rühre wenig Arm und Bein,
Vielleicht bin ich auch gar nicht hier,
Tritt jemand in die Diele ein?
Und schreit im Stall ein krankes Tier?

Ein wenig ich die Hüften wieg,
Im Winde duftet der April,
Daß mir das Haar im Frühling flieg,
Ich weiß nicht, ob und was ich will.

Ich sage nichts, ich warte ab -
Was da wohl rüttelt, schwelt und ruckt?
Manch böser Blick verfehlte knapp
Die Schulter, die sich sorgsam duckt.

Ich bin ein Mädchen, blond und hell,
Das wenig weiß vom Weltenlauf,
Der Lenz zerschmilzt das Winterfell,
Ich schlag der Welt die Augen auf.
 

 

124
 


WÜNSCHELRUTE
Daß da Berg und Wolken leben,
Weiß, wer früh mit ihnen spricht,
Jedem Wind sind mitgegen
Siegel, die die Liebe bricht.

Alles, was uns zu erfahren
Wach bewahrt in Melodien,
Folgt uns eilt voraus in Jahren,
Draus es hell und dunkel schien.

Darum flieh nicht ins Gegrübel,
Denn die Weiser, groß und klein,
Bergen Heil für alles Übel
Und sie lassen nichts allein.

Lauscher sei und Saitenstimmer,
Eins dem Dämmer und dem Blau,
Auf des Sprudelbachs Gewimmer
Acht und seinem Lied vertrau.

Nicht, wo man mit Zahl und Stärke
Protzt, wird rein das Herzensblut,
Denn des Himmelslenkers Werke
Sind wie Tauben leis beschuht.

Also soll der Reim dir taugen,
Daß du atmest, was dir tagt,
Und das Ohr wird Trost den Augen,
Wenn am Teich das Weidicht sagt.
 

 

125
 


DIE ZWEI GESELLEN
Es zogen froh und wohlbestallt
Zwei Burschen in die große Stadt,
Nicht wird im Elternschatten alt,
Wer Phantasie und Füße hat.

Sie hatten Muskeln und Verstand,
Ein helles Aug und schlanken Wuchs,
Was da begann mit leichter Hand,
Das Lerchenheil des Morgens trugs.

Der eine kam gar rasch zum Ziel,
Den Liebreiz seines Weibes rühmt
Die Gasse, die das gute Spiel
Bald mit dem ersten Sohn verblümt.

Ein zweiter wächst, die Klause strahlt
Von Gottes Segen, Glück und Recht,
Der andre Bursche Heller zahlt,
Wo er genächtigt, fremd und schlecht.

Er irrt durchs große Einmaleins,
Wie einer, der den Rest nicht merkt,
In Trunkenheit, die die des Weins
Oft lindert und auch oft verstärkt.

Er sucht und steht sich selbst im Weg,
Glaubt kaum noch, daß der Herr ihn führ,
Daß sich der Nebel dichter leg,
Scheint ihm für jedes Tun Gebühr.
 

 

126
 
Und wo er liebt, wird er verlacht,
Am Anzug prunkt der Mottenfraß,
Aus Schuhn der Weg Sandalen macht,
Im Haupthaar kleben Stroh und Gras.

Man nennt ihn Hagestolz und Schrat,
Und peinlich klingt, was er so träumt,
Der Sensenmann sei hier die Gnad,
Wird allenfalls noch eingeräumt.

Doch dann, der Bart ist hart, und grau
Ward manche Strähne im Gezott,
Hellt sich sein Weg und weiß genau,
Er wurde ausgesucht von Gott.

Wo Jugend treibt ins Gradewohl,
Weiß er von Blendern, Launen, Schein,
Manch Füllhorn ist am Ende hohl,
Die Weisheit frommt dem alten Wein.

Sind vierzig Lenze abgezählt,
So weiß, der die Entbehrung zollt,
Was ihm der Heiland ausgewählt,
Und Silber scheint nicht mehr als Gold.

So wird die Liebe tief und klar
Im Herbste, der das Eitle flieht,
Was hart gesotten, wurde gar,
Weil gut ist, was nicht leicht geschieht.

So treibt den Burschen spätes Glück,
Die Engelschwinge, leicht und hell,
 

 

127
 
In die Erinnerung zurück:
Was tut mein einstger Weggesell?

Den ließ die Frau für ihren Arzt,
Das Haus ward eines Wuchrers Pfand,
Wie Bernstein scheint sein Aug verharzt
Und durch die Finger rieselt Sand.

Der Sohn sitzt ein als Wagendieb,
Vom Koks das Nasenbein kaputt,
Dem Jüngren ist das Ballern lieb
Im virtuellen Hollywood.

Der Zeitgeist fraß den guten Mut,
Aus allem Gute keimte Geiz,
Was einer schafft mit Herz und Blut,
Der andre nimmts, verbrauchts, verleihts.

So bleibt zuletzt die Weisheit schlicht,
Schon der Lateiner hat gesagt,
Die Zukunft sieht dein Auge nicht,
Drum sei kein Urteil früh gewagt.

Vor seinem Tod preis keinen Stamm
Als glücklich, fromm und wohlgestalt,
Und nie ein Labyrinth verdamm:
Wer lange irrt, wird oft auch alt.
 

 

128
 


DIE ROTHAARIGE
Ich mag es wohl, mein volles Haar,
Das leuchtet wie ein Ziegeldach,
Ich bleibe frei und schaue klar,
Was immer dies bei euch entfach.

Die Leidenschaft verrat ich kaum,
Auch wenn ich frisch die Augen heb,
Ich halt die Zunge gut im Zaum,
Daß ich mir vorschnell nichts vergeb.

Ich hab, was da so schaut und grüßt,
Recht gut bemerkt und abgezählt,
Und meine Einsamkeit versüßt
Die Flamme, die mich auserwählt.
 

 

129
 


QED
Quot erat demonstrantum:
Was du gesetzt, beweis!
Dem Schnürchen fehl kein Quantum
Und fest wie Binsen seis.

So sagten die Lateiner,
Daß keine Ausflucht bleib,
Wag die Behauptung einer,
So hafte auch der Leib.

Dies mag für manchen heißen,
Man setze, was da frommt,
Und wage keine Schneisen,
Wo keiner weiß, was kommt.

Doch hat das Selbstgewebte
Vielfältig fremdem acht,
Was deinem Geist nicht lebte,
Rächt deinen Geiz bei Nacht.

Denn was Ikonen spiegeln
Ist Abglanz nur und Hall,
Den Wunsch, dich einzuigeln,
Verlacht des Schöpfers All.

Drum will ich mich verweiben,
Wenn ich zur Tafel seh,
Die Dinge unterschreiben
Mit Dichters q.e.d.
 

 

130
 


HOMO FABER
Er haßt Gewäsch, Gelaber,
Gered um heißen Brei,
Hält sich als homo faber
Von Nacht und Mahren frei.

Was Geister spekulieren,
Ist ihm Spektakel bloß,
Darauf zu insistieren,
Ist allzu streng das Los.

Das Ding ist Materiale,
Das Ding an sich ist roh,
Hier Tat und dort Lappalie,
So ists und bleibt auch so.

Doch manchmal gibt es Schelme
Und böse Drachenschupp,
Dann ist ein Ei im Helme
Und Haare in der Supp.

Dann muß Hygiene klären,
Was unbelehrt noch da,
Und gegen Dichter-Zähren
Gibts Psychopharmaka.

So ist die Welt gerichtet,
Und was nicht frommt der Reih,
Sieht sich schon bald vernichtet,
Daß ganz die Ordnung sei.
 

 

131
 


REH IM WALD
Ich schein euch als gefangnes Herz,
Doch nicht die Tannen sind mir Haft,
Es ist des Jägers scharfes Erz
Dem das Geäst die Lücken schafft.

Ich springe hier, ich springe da,
Mir ist der tiefste Wald zu klein,
Denn wenn mich euer Auge sah -
Wie sollts beim Schützen anders sein?

Ich lausche stets, nach welcher Seit
Ich fliehen muß ins Dorngesträuch,
Vielleicht hab ichs ja nicht mehr weit,
Dann bin ich auf dem Tisch bei euch.

Gewiß ist oft die Äsung fein
Und lieb das Kitz im hohen Gras,
Doch immer auf der Hut zu sein,
Ist mir das Los, das Gott erlas.

So sei mir, dräut auch fern ein Horn,
Ein gutes Wort dem Sonnentag,
Denn wenn ich trete Kraut und Korn,
So hör ich auch Alrauns Geklag.
 

 

132
 


ELDORADO
Als wir als Kinder lebten,
Noch unermeßlich reich,
Uns Nymphen Kleider webten
Aus Samt und Seide weich.

Der Friede war vollkommen,
Wir flößten auf dem See,
Dem Götterglanz zu frommen,
Der fernhielt Furcht und Weh.

Das goldene Geschmeide,
Das Gold, das Fürsten salbt,
Vermengten wir dem Kleide
Des Sees, den Ried verfalbt.

So sank im Götterdunkel,
Das unsre Augen schont,
Geglitzer und Gefunkel,
Das wie die Sonne thront.

Die Räuber wolltens heben,
Doch ward ihr Werk zunicht,
Denn was wir Göttern geben,
Kommt niemals mehr ans Licht.

Nach Eldorado sehne
Dich nicht als Narr und Dieb,
Dem See taugt nur die Szene,
Da sinkt, was hold und lieb.
 

 

133
 
Wer schenkt anstatt zu fordern
Zeigt Adel, Heil und Glast,
Dem wird der Himmel ordern,
Was Haupt und Gliedern paßt.

Als Kinder warn wir Dichter,
Der Reim hat uns beschenkt,
Drum wird der Himmel lichter,
Wenn man Gereimtes denkt.

Das Land von reinstem Golde
Bewahr im Herzen jung,
Daß jeden See verholde
Die Morgendämmerung.

So mußt du nicht mit Pferden,
Noch mit Maschinen ziehn,
Der Himmel weilt auf Erden,
Doch selten siehst du ihn.
 

 

134
 


RATIBOR
Einst gab ein verirrter Ritter
Seiner Rettung zum Geschenk,
Daß dem Sumpf und dem Gewitter
Eine Stadt und Kirche denk,
Sein Vermächtnis, sein Vermögen
Wuchs im Hag, den er erkor,
Kreuz und Rad besingen Bögen
Für Marie in Ratibor.

Nah dem Haupt der Opolanen,
Wo gebaut nach deutschem Recht,
Flattern rot und weiß die Fahnen
Wie im Karpfenteich der Hecht,
Breslau schreibt am Weg der Weiser,
Und nach Mähren geht das Tor,
Manch Gebirge trennt vom Kaiser,
Aber treu steht Ratibor.

Ob an Böhmen falle Oppeln,
Ob da Preußen Schlesien ein,
Zeigt der Acker nur noch Stoppeln,
Glüht im Glas Burgunderwein,
Aus der Welt berichten Gäste,
Daß der Zar Bojaren schor,
Doch im Sturm steht Gottes Feste
An der Oder: Ratibor.
 

 

135
 
Daß nach einem Adelsstande
Länger nicht die Aue dürst,
Herzog ward dem Oppellande
Hohenlohe-Schillingsfürst,
Auf Schloß Lubowitz erzogen,
Wuchs ein Reim dem deutschen Ohr,
Der als Vöglein aufgeflogen
In dem Wald bei Ratibor.

Eichendorff wird ewig singen
Jedes Ding geheimes Lied,
Mags dem Teufel auch gelingen,
Daß man nichts mehr hört und sieht,
Werden selbst noch Stein und Wüste,
Noten und des Lieds Tenor,
Weil der deutsche Dichter grüßte
Gottes Herz in Ratibor.

Was vom Mittelalter lebte,
Machten Moskowiter platt,
Was im Brand der Plündrer bebte,
Hat verflucht die alte Stadt,
Daß ein Glaubensritter schwöre,
Der den Weg im Wald verlor
Und der Fluß dem Reich gehöre,
Hofft der Staub in Ratibor.
 

 

136
 


JUNGWALD-TERZINEN
Der krumme Lebenspfad im jungen Haine
Ist ein Motiv, das zu gestalten müde
Das Aug nicht wird, das klar wie alte Weine.

Gar manchem scheint es ungezähmt und rüde,
Wie sich Gestrüpp und Kräuticht mählich weitet,
Jedoch die Künstler sind nur selten prüde.

Was leicht und locker aus dem Bleistift gleitet,
Hat weder Absicht noch Dozentenlaune,
Weil nur der Traum es unwillkürlich leitet.

Und lockt im Grün das Schwarze und das Braune,
Ists wie im Mondlicht nur als Ton zu fassen,
Der zwittrig bleibt wie der Hellenen Faune.

Drum lieb im Tun auch stets das Unterlassen,
Und mach dich leicht bewaffnet auf die Beine:
Was je zu zeichnen, reift in Jungwald-Gassen.
 

 

137
 


QUI SEDET POST FORNACEM
Den Vögeln wolln wir gleichen,
Wer Jahreszeiten ehrt,
Dem sind die Himmelszeichen
Nie abhold und verkehrt,
Auch wenn sich von den Eichen
Nie eine je beschwert,
Wirds keine je erreichen,
Daß Wandrer nichts begehrt.

Die Gaue sind Facetten
Wie Blätter einer Schrift,
Was wir im Lied verketten,
Uns neue Sehnsucht stift,
Wenn wir zu trinken hätten,
So läg im Trunke Gift,
Daß hinterm Wald die fetten
Gestad der Wandrer trifft.

Uns mag kein Glück genügen,
Und keines Ofens Qualm,
Die Lust zu Vogelzügen
Vibriert in jedem Halm,
Von Baltrum, Ösel, Rügen
Bis zur Tiroler Alm,
Kann unser Lied nur lügen,
Ists anders als ein Psalm.
 

 

138
 
So laßt uns froh studieren,
Was Gott gar wohlgetan,
In jeglichen Revieren
Spürst du des Volkes Ahn,
Drum sollst du dich nicht zieren
Und kürzen Mut und Bahn,
Des beste von den Bieren
Bringt dir kein weißer Schwan.

Wenn einst der Stab verrottet
Und siech die Glieder ruhn,
Frags Eichhorn, das dir spottet,
Ob ehr das Ei, das Huhn,
Ob einer auch nur trottet
Und tut, als würd er tun,
Er hat den Traum vergottet,
Der Jugend spürt in Schuhn.
 

 

139
 


WUNDER ÜBER WUNDER
Wunder mag der Kluge nicht,
Weil ihm das nach Einfalt schmeckt,
Doch vor Wundern das Gesicht
Schützt nur, wer es ganz versteckt.

Daß du atmest, hörst und schaust,
Mußt als Wunder nehmen, ob
Du auch sonst auf Logos baust
Und von Zahlen raucht der Kopp.

Daß die Erde fest und Licht
Morgens wird, hat Fug und Grund,
Für der Wissenschaft Gericht
Gibt nur Gott dir Zeit und Mund.

Wer da ganz auf Wunder baut,
Wird darob erst froh und frei,
Weil er höchst verwundert schaut,
Daß da überhaupt was sei.
 

 

140
 


DER GLÄUBIGE
Heb halb die Arme, spreiz die Hand,
Du bist es nicht, der etwas bringt,
Nicht schmückst du dich mit Hab und Tand,
Derweil die Stirn mit Engeln ringt.

Was deine Kargheit unterstreicht,
Lenkt meinen Blick aufs strenge Haupt,
Das der Betrachter nicht erreicht,
Weil im Geheimnis haust, wer glaubt.

Die Welt mag eitel sein und dreist,
Dies geht dich nicht im Traume an,
Wohin dein Zeigefinger weist,
Kein Bleistiftstrich bezeichnen kann.

Das Unsichtbare füllt den Raum
Und dein Gemüt, so jung wie alt,
Und im Verfließen fühlt sich kaum
Die hingegebene Gestalt.

Dies ist die Jugend nicht, die lärmt
Und auf dem Anger tanzt und wirbt,
Ein Falter, der im Dämmer schwärmt
Um den, der für die Menschen stirbt.

Denn wer das Ewige geschaut,
Der hat so sehr am Himmel teil,
Daß uns zu frösteln scheint die Haut
Als Opfer für das Seelenheil.
 

 

141
 


WALPURGISNACHT
Wer da reist im deutschen Wamse,
Und wie Dürer trägt das Haar,
Sieht sich bald wie eine Gamse
Zwischen Zeitgeists Söldnerschar,
Viele Namen sind vergessen,
Mancher ließ den Pegasos,
Weil die Viecher ja nur fressen
Und der Dichter kriegt kein Schloß.

Wo einst klampfte die Gitarre,
Drängt man sich am Zeitungspult
Und mit mächtiger Zigarre
Schallt Professors Freiheitskult,
Polnisch sein die Parlamente
Und der Braten mäßt den Chef,
Alles jubelt bis es pennte,
Daß man sich zu zweien treff.

Wer ist nur der Vollgefreßne,
Der dir schmeichelt, dich umwirbt?
Jeder nicht auf Streit verseßne
Ihm nicht gern den Spaß verdirbt.
Auf zum Blockberg sollst du reiten
Auf der Mähre, die da schnaubt,
Was dir von den Schlafgescheiten
Ganz gewiß kein einzger glaubt.
 

 

142
 
Großes Volk will dorthin fahren
Heute zu der schwarzen Meß,
Tintenklechser fliegen Staren
Ähnlich ein zur großen Preß,
Ums Gebirge taumeln Gecken,
Die auch mittun wolln ein Stück,
Wo sie Ziegenböcke necken,
Falln sie im Geröll zurück.

Was dies alles soll bedeuten,
Weiß der Leser deines Briefs,
Denn er hört die Glocken läuten
Im Geschatt des Harz-Massivs,
Der Professor, dem man jubelt,
Fand in frühstem Sturze Zweck,
Und was die Zigarre dubelt,
Ist wie all die Jünger Dreck.
 

 

143
 


LORELEI
Bist du im Wald allein und still,
Dich ein Gespenst versuchen will,
Es ist schon spät, es wird schon kalt,
Und früh zu Bett geht der April.

Du bist durch manchen Hag gewallt,
Und wie der Bussard Mäuse krallt,
Fiel oft die Nacht mit schwarzem Samt
Und tat dem Lerchenherz Gewalt.

Dies ist dein Los, dies ist dein Amt,
Wer aus dem Gau der Wandrer stammt,
Muß sommers dürsten, winters friern,
Solang die Glut im Herzen flammt.

Du darfst den Mantel nicht verliern,
Du sollst nicht wie ein Wolf vertiern.
Was trabt da leicht auf hohem Roß?
Du sollst nicht nach den Madeln stiern.

Du kommst gewiß aus stolzem Schloß.
O Wunder, das mein Aug genoß,
Ich streichel deine Schenkel zart
Und saug, was von den Lippen floß.

Sie warnt dich gut und rät zur Fahrt,
Du weißt nicht wem dein Herz sich paart,
Du bist so kalt, so gottverlorn,
Du fragst nicht mehr nach Nam und Art.
 

 

144
 
Doch der dir einst das Haar geschorn,
Hat eine Mär dem Ohr erkorn,
Es steht ein Eilandschloß im Rhein,
Ganz aus verschmähter Lieb geborn.

Du weißt: dies muß die Holde sein,
Die dich versucht zur Nacht im Hain,
Du weißt, die Hexe Lorelei
Spinnt dich mit ihren Reizen ein.

Vielleicht gibt dich die Gnade frei,
Der Zunge keine Freimut leih,
Denn du kommst aus dem Wald nicht raus,
Verrätst du, daß erkannt sie sei.

Im nächsten Dorf ein warmes Haus,
Das heilt dich rasch von jeder Flaus,
Doch schluck geschwind die bittre Pill
Und sprich den Namen ja nicht aus.
 

 

145
 


WALDEINSAMKEIT
O wunderbaren Schweigens Hort,
Wie einsam hüllt das lichte Grün,
Daß jedem Laut ein Zauberwort
Muß unterm Krongewölb erblühn.

Hier gilt kein schnöder Menschenzwist,
Hier bist du einsam auch zu zwein,
Denn jeglicher Gefährte ist
Ein Birkenstamm in Eichenhain.

Hier weben Wind und Vogelbalz
Am Einklang, der dich hebt und trägt,
Hier ist dein Geist das Körnchen Salz,
Das Gott ganz unvermittelt frägt.

Hier hast du früh und gut gewußt,
Daß nicht der Sense schwingt der Tod,
Denn lassen einst dich Schmerz und Lust,
Warst du zuvor oktoberrot.

Ein Blatt, dies ist dir sehr gemäß,
Du grünst und färbst dich ausgezehrt,
Für Gott ist jeglich Ding Gefäß,
Das im Verwehn den Schöpfer ehrt.

Der gute Schlaf ist ein Geschenk,
Weil er vergibt und Tiefe leiht,
Wenn ich der Lieb im Walde denk,
So ist gewiß bald Schlafenszeit.
 

 

146
 


REGENWOLKEN ÜBER DEN FELDERN
Sanftes Aquarell der Mark,
Die sich duckt im Wolkengroll,
Sandland, mühereich und karg,
Saugt sich mit dem Himmel voll,
Wen das Ährenrauschen barg,
Der verachtet Gut und Geld,
Denn die Engel rührn ihn stark
Auf dem regnerischen Feld.

Wolken, die der Wind zerstiebt,
Türmen sich und ufern aus,
Wenn es eine Heimat gibt,
Bin ich auf dem Land zuhaus,
Weg, der sich durchs Offne schiebt,
Wagt getrost in alle Welt,
Weil der Sand den Wandrer liebt
Auf dem regnerischen Feld.

Zwar meint manch verwöhnter Geck,
Daß ihm Ockerton und Grün,
Böten weder Nutz noch Zweck
Oder Wert, sich drum zu mühn,
Doch im Schutz der Taxusheck
Wächst das Blau, das dir gefällt,
Und du spürst den liebsten Fleck
Auf dem regnischen Feld.
 

 

147
 
Was wie Schlaf beisammen liegt,
Atme mutterweich als Dunst,
Daß dein Lied zum Himmel fliegt,
War schon immer deine Kunst,
Wo die Bö den Halm verbiegt,
Der sich wieder grade stellt,
Hat das Kraut den Sand besiegt
Auf dem regnerischen Feld.

Staub hat deinen Rock gesteift,
Unterm Hut verklebt die Lock,
Und es ist kein Reis gereift
Aus dem grauen Wanderstock,
Doch wer durch die Heide streift,
Preist den Herrn, der sie erhält,
Weil er seine Näh begreift
Auf dem regnerischen Feld.
 

 

148
 


ZEDLITZ
Schlesier, Schul- und Dichterfreund
Dessen, dem das Vöglein sang,
Der dem Taugenichts verneunt
Wanderers Weh und Überschwang,
Der der Toten Einsamkeit
Spürte stets in Wies und Wald,
Dem das Herz, der Himmel weit,
Obs da warm ist oder kalt.

Held in einem alten Staat,
Nahmst du Abschied von dem Heer,
Da des Korsen Usurpat
Ehelichte Habsburgs Ehr,
Rief dich Metternich zurück
In die hohe Politik,
Blieb die Dichtung doch das Glück
Und im Freimut stets der Blick.

Alter Zeit hast du gedacht
Und des Mannesmuts, der steht,
Und du hast am Quell gewacht,
Wo ein Kreis zuende geht,
Sturm und Schrecken bist du nicht
Ausgewichen und der Scham,
Darum such ich dein Gedicht
Gern aus dem Historienkram.
 

 

149
 
Dessen hast du gern gedacht,
Der verlornen Posten hält,
Eh Europa Selbstmord macht,
Hast du dich ins Lied gestellt,
Wenn uns Gott noch einmal weckt,
Daß das Abendland sich zeig,
Wird gewiß dein Werk entdeckt
Und was edel und was feig.

Gut darf schlafen unterm Wald,
Wer die Ernte eingebracht,
Wer den Gürtel eng geschnallt
Licht zur Dämmerstund entfacht,
Der Versucher hat gemerkt,
Daß du weißt was echt und wahr,
Drum dein Lied den Starken stärkt,
Dem das Auge wach und klar.
 

 

150
 


DER GORDISCHE KNOTEN
Nach Moritz vom Strachwitz

Daß nach Geschreibsel und Geschrei
Die Zeit sich wieder richt,
Daß einer makedonisch sei
Und im Entscheiden schlicht,
Daß wieder Tat dem Freien frei,
Der bürgt im Angesicht,
War dir im welschen Jammerbrei
Des Heilands Zuversicht.

Du stiegst nicht in den Pfuhl hinein,
Der auf Erlösung klagt,
Die Esche weiß im Sonnenschein,
Was an den Wurzeln nagt,
Wer zög das Schwert aus Lavastein,
Hat keiner sonst gefragt,
Du aber schenkst den alten Wein,
Darin der Himmel sagt.

Als Falken, den im Gänsestall
Man einzupferchen hofft,
Philistern gar ein Unglücksfall
Bist überall und oft
Gespönt, wo bis zum Tellerrand
Schaun Sinne und Vernunft,
Drum hoffst du auch für unser Land,
Des Helden Wiederkunft.
 

 

151
 
Noch ist erhört nicht dein Gebet,
Das Bittre nicht verzehrt,
Und wie ein Stehaufmännchen steht
Der Mob, der uns entehrt,
Jedoch solang der Nordwind weht,
Ist es uns nicht verwehrt,
Zu hoffen, daß die Pest vergeht
Und Gott das Fürchten lehrt.

Daß man da lehrt, an Müh und Not
Sei nur die Ordnung schuld,
Daß nicht zu scheiden Korn und Schrot
Und Irrtum die Geduld,
Das dient zuletzt dem Hundekot
Und treibt den Teufelskult,
Bis jeder um ein Stückchen Brot
Das Pfänderspiel vernullt.

Die Weisen waren stets voll Lob,
Die Halbgescheiten sind,
Liebäugelnd mit des Volks Getob,
Niemals im offnen Wind,
Die Stadtluft ihre Häupter hob,
Hier sind die Engel blind,
Und wo der Stein angelophob,
Sich leicht die Schlinge spinnt.

Dort soll sie zwischen Staub und Dreck
Zuletzt die Schwindsucht holn,
Weil närrisch jeder gute Zweck,
Der ihnen angempfohln,
 

 

152
 
Sogar die Muse freit ein Geck
Mit ausgetretnen Sohln,
Wo man vertraut dem Schüttelscheck
Aus Erz und schwarzen Kohln.

Erst wenn die Städte abgebrannt
Und Flur und Hof begehrt,
Wird Gottes Gnade neu erkannt
Und allem Trug gewehrt,
Dann gilt die Häresie als Schand,
Und Hoffahrt loht im Herd,
Dann setzt der Pflug das Feld instand
Sobald der Frühling kehrt.
 

 

153
 


LANDSCHAFT MIT WOLKEN DURCHBRECHENDER SONNE
Die Sonne bricht
Durchs Wolkenmeer,
Das grelle Licht
Verwirrt dich sehr,
Daß plötzlich klar
Und einzeln leb,
Was einig war
Im Dunstgeweb.

Allhie ein Hain
Und dort ein Strauch,
Das Gras am Rain
Bezeugt sich auch,
Die Wege ziehn
Sich kreuz und quer,
Was einfach schien,
Wird prall und schwer.

Streif von der Nas
Das Tropfgerinn,
Erspäh den Has,
Der hoppelt hin,
Ein neues Blatt
Betrachtet fest,
Wer Meilen hat
Auf holder Quest.
 

 

154
 
Die Stahlen rührn
An deine Haut,
Und sie zu spürn
Hat du geschaut,
Was Tag und Stund
Ins Auge wehn,
Hier wächst kein Grund
Um stillzustehn.

Hier tun sich jäh
Die Wunder auf
Was aus der Näh
Der Zeiten Lauf,
Erscheint von fern
Als traute Mär,
Als obs dem Herrn
Besonders wär.

Doch wer da fährt,
Der sieht sich satt,
Was ihm gewährt
Die schlichte Statt,
Ob Sonne glüh,
Ob Wetter tob,
Ist ein Geblüh
Und nichts als Lob.
 

 

155
 


LAUSITZ
Von dem Fläming bis zum Bober,
Zwischen Spree und Böhmerwald
Tönt ein Lied aus Stall und Schober,
Jung und tausend Jahre alt,
Soma-Winde, Rotblatt-Ober,
Orchideee im Eberwald,
Realgar, Rubin, Zinnober,
Rosenstock in Herzgestalt.

Zwischen Bruch und Hochwaldrinde
Von der Elster bis zum Queis
Grüßen Klee, Akazie, Linde
Zeidlers Immen hell und leis
Unterm Buchenblatt-Gesinde
Prunkt der Krokus blau und weiß,
Ähnlich einem Wickelkinde
Schreit der Frühling aus dem Eis.

Wer geboren an der Neiße,
Wer die Lausche jung bestieg,
Wird zum Trottel und zum Greiße
Ehr als daß er westwärts flieg,
Mag Vertraun und deutschem Fleiße
Streiten Paselackenkrieg,
Weiß das Kreuz, wie es auch heiße,
Daß mans eher brech denn bieg.
 

 

156
 
In der Lausitz haust der Haasler
Und er liebt die Asentracht,
Seine Geiß betreu der Kasler,
Dessen Mut aus Milch gemacht,
Denn kein Genfer und kein Basler
Weiß, wo deutsche Mitte wacht,
Und so brauchts auch nicht den Fasler,
Der das Wort zur Schrift verflacht.

Aus der Lausitz ist zu schweifen
Mitten in die Welt hinein,
Wer im Knast von Bautzen reifen
Durfte, mag kein Saarland-Schwein,
Also wird er herrlich pfeiffen
Auf den Lotterie-Verein
Und stets selbst die Ärmel streifen
Und der Herr der Erde sein.
 

 

157
 


JUNGEN
          Für Oskar Loerke

Einst in Jungen nahe Schwetz
An der Weichsel wuchs ein Knab,
Der als Ostens Meister Petz
Nahm Berlin im raschen Trab,
Von Vineta schrieb er früh
Und er pries den großen Pan,
Und er zog ins Waldgeblüh,
Da im Reich regiert der Wahn.

Wo der Turmbau eilig schritt,
Sieht das Kind den Oger nahn,
Und von Dürers Dreifachritt
Träumt im See ein morscher Kahn,
Grad da eine Welt versinkt,
Drin die Blüher Sinn und Maß,
Er sich einer Kunst verdingt,
Der es reicht, was er besaß.

Wie die Armut im Gedicht
Aufsingt, bleibt sie Dichtern treu,
Darum auch verwunderts nicht,
Daß der Halde Schutt und Spreu,
Eine selten reiche Schar
Hochgestimmter Lieder schuf,
Wo die Welt am Ende war,
Klang der Windzeit Nebelruf.
 

 

158
 
Zwei Jahrzehnte warf das Land
An der Oder Sproß um Sproß,
Der den Bogen in der Hand
Pfeile deutschen Sangs verschoß,
Wo der Erstling pries den Elch,
Folgten Otter, Schierling, Wurz,
Und der Spätre fragt sich, welch
Genius stieg so steil, so kurz.

Drum ist wohl der kleine Ort
Dieser Herkunft recht benamt,
Denn der Jugend Zauberwort
Kennt den Traum, daher ihr kamt,
Jeder Dichter dieser Zeit
Gelte mir als Großpapa,
Und der Osten, hell und weit,
Stellt die erste Garde da.
 

 

159
 


SITZENDER JÜNGLING
Er sitzt, doch so, daß er sich bald beweis,
Den Armen stehen Schwung und Fall in Waag,
Die Stirn zeigt an, daß hier ein Wollen mag,
Doch etwas hält den Leib, so weich und weiß.

Stroh-störrig sticht des Haares Raufgelag,
Das Auge blitzt, der Mund bleibt zögernd leis,
Ob pfeilschnell sich als Gerte reg das Reis,
Verrät kein Hauch an diesem lauen Tag.

Die Zeichnung läßt uns träumen und vertraun,
Doch so ist jede Jugend anzuschaun,
Die noch nicht trat ins unbedingte Joch.

Denn vor der Tat liegt aller Hoffnung Zaun
Mit Schwermut, noch einmal zurückzuschaun
Und auszuharren zwischen Noch und Doch.
 

 

160
 


JÄGERNDORFER STANZEN
Für Robert Hohlbaum

Daß wahrer Traum als alles Leben leuchte,
Sagt jungem Volk dein Stanzen-Testament,
Daß nicht im Angstschweiß groß die Lebensfeuchte
Sondern im Kuß, der mürb und dunkel brennt,
Und daß der Mensch nur ein paar Jahre bräuchte,
Daß er der Heimat Mutterliebe kennt,
Hast du bezeugt in zart gewebten Silben,
Die tönen, wenn die Bücher längst vergilben.

Du nennst das Grenzland deine frühen Pfade,
Dies machten uns in London und Paris
Die Egel, die uns gern an Steiß und Wade
Heimsuchen und zu gern das Goldne Vlies
Entführten und die Göttin störn im Bade.
Doch wer da späht in artemissche Grotte,
Verfällt zuletzt der eignen Köterrotte.

Du schaust mit klarem Aug die Charakere,
Die uns umschmeicheln, jagen, ignoriern,
Du scheidest wie aus schwarzem Blatt die Schere
Die Schatten, die so ähnlich sind den Tiern,
Dein Vers ist leicht und wohlig kann die Kehre,
Den Einklang im Gedächtnis inszeniern,
Weil jede Fügung spricht vom Dichterblute,
Und jedes Ohr im Reim erkennt das Gute.
 

 

161
 
Die Weine sind dir klar und Goethes Frauen,
Du bist der Meister im subtilen Spiel,
Du kannst die Blumen und die Monde schauen
Und kennst den Reim, darein das Limit fiel,
Doch Bruckners Preisgesang darfst du vertrauen,
Weil du begreifst, daß die Musik am Ziel,
Und darum sollst im Grab nicht weiter reden,
Denn Spärenhall ist die Musik von Eden.

Der Oberförster ging mit dir spazieren,
Die Kronen später aus dem Rokoko,
Du konntest nur gewinnen, nicht verlieren,
Ein Osterfeuer ward dein Geist-Geloh,
Und wenn die Krähen auf die Runen stieren,
So bleibt du dennoch im Geheimnis froh,
Denn wer dich kennt, der nähert sich der Stelle,
Da Gott die Zeit beschämt mit seiner Helle.
 

 

162
 


JELUSICH
Waffen und Feme und Blut überall,
Stirnen gefurcht, wo sich Ares so rot
Ausspricht im Feuer, im herrischen Knall
Heißer Kanonen mit Schwefel und Tod.

Hier ist das Dasein ein hartes Geschäft,
Hier stehen Männer in einsamem Stolz,
Ausgesperrt bleibt jeder Köter, der kläfft,
Stahl sind die Klingen und Eichen das Holz.

Nimmer noch heimelt die Waldeinsamkeit,
Hier sind die Worte wie Degen so scharf,
Hier ist der Tod einen Fingerzeig weit,
Grad einen Vers in des Dichters Geharf.

Auf Messers Scheide und nie noch vertan
Von Hohen-Einsam ist Herr auf dem Berg,
Ikarus stürzt in den Zeit-Ozean,
Aber der Dichter vollendet sein Werk.
 

 

163
 


FELDWEG ZWISCHEN OBSTBÄUMEN
Wo ich einst gerannt auf Kindesbeinen,
Ohne Wo und Wann und kaum der Windel
Ledig, standen sie mit Kern und Steinen,
Obstfroh als Spalier und hohe Spindel,
Ob ich Mahner, Mischkrug oder Melder
Ob die Wege Buckel oder Delle,
Meine Weiser durch die Ackerfelder
Bleiben Apfel, Kirsche, Mirabelle.

Frühste Brüder sind dem Menschen Bäume,
Früchte, die dir Durst und Hunger meistern,
Wenn du dir gewärtigst deine Träume,
Siehst du sie an den Alleen geistern,
Und sie sprachen dir vom Paradiese,
Kargt dein Herz in einer harten Zelle
Zeigt dir doch ein Loch im Turmverliese
Draußen Apfel, Kirsche, Mirabelle.

Wo sie randen, ist der Weg ein guter,
Wen sie schirmen, der ist voll von Glauben,
Galtest du als Strick, als unbeschuhter,
Konnte niemand ihre Anmut rauben,
In den Weiten, die das Hemd verklebten,
Ließ dich oft ein jeglicher Geselle,
Aber einen linden Schatten webten
Sorglich Apfel, Kirsche, Mirabelle.
 

 

164
 
Auch das Reich der Toten kann nicht ohne
Obstbaum sein, dies ist dem Herz versprochen,
Gleich in welcher Klause ich jetzt wohne,
Stets hab ich die Obstalleen gerochen,
Sie verbinden alle meine Pforten,
Alles Dunkle und auch alles Helle,
An den Spuren zwischen meinen Orten
Wachen Apfel, Kirsche, Mirabelle.

Darum werd ich nie ein Los begehren,
Als die Lande unter schweren Scharen,
Wo die Vögel mit Gesang beehren
Bäume, die mir immer Väter waren,
Und ich glaube keinem Volkspropheten,
Der sie nicht gegrüßt auf jeder Schwelle,
Denn in allen echten Herzgebeten
Bürgen Apfel, Kirsche, Mirabelle.
 

 

165
 


MAX HERMANN-NEISSE
Es sagt sich leicht, man emigriere,
Wenn man der Herrschaft spinnefeind,
Wer weiß schon recht, was er verliere,
Wenns schon die Sprache sperrig meint.

Erst recht als Dichter, der vom Mete
Der Sprache lebt in Au und Wald,
Es fehlen Landschaft, Freunde, Knete,
Und bald wird auch das Zimmer kalt.

Da sich die Mutter drin ertränkte,
Gabst du zum Namen Fluß und Stadt,
Daß Krieg den Vater tödlich kränkte,
Gewiß auch Vorbedeutung hat.

Wer sich mit Zwergenwuchs und Buckel
Geschlagen weiß und auch gebannt,
Hofft in des Lebens Müh-Gezuckel
Nur selten auf ein reiches Land.

Die Groß-Berliner Lebensbühne
Auch manchen Sonderling vertrat,
Doch da Reichstag fordert Sühne,
War Toleranz gleich Hochverrat.

So stirbt der Dichter an der Themse,
Die Gattin gibt im Nachlaßband
Das Leben mit gezogner Bremse
Und tötet sich mit eigner Hand.
 

 

166
 


OPHELIA
Nach Georg Heym

I


Das Mädchen, das sich dem Verfließen breitet,
Geschwisterlich den Aalen und Reptilen,
Trat in die Schar, mit der die Dichter spielen
Und deren Traum die Dämmerstimmung weitet.

Wo Hamlet schweigt und um den Pudel schreitet,
Stürzt dieser Klang herab in Bilder-Silen,
Man findet ihn in Bingen und in Bielen,
Auch Hirschbergs Sänger früh die Fabel leitet.

Ob er bei Farn und Kraut in Dunkelheit
Prophetisch seine eigne Nacht erträumte,
Im Strom der Stadt ein losgerißnes Scheit?

Oder gar sah wie der Statist sich bäumte,
Da alles starrt den Dämon eisger Zeit,
Den er benannte und dann ganz versäumte?
 

 

167
 


II

Im Wellenspiel der Havel leis erzittern
Die Gräser wie Ophelias blonde Haare,
Wo alles horcht, was sie da offenbare,
Da raunte wer vom schauerlichen, bittern.

Die scheuen Rehe, die am feinsten wittern,
Sahn den Tornado nahn im Flug der Stare,
Und in den Nächten führten sie die Mahre
Auch nach Verdun, wo sie Granaten splittern.

Der schwere Nebel auf dem Pflaster kroch,
Sie sahen schon den Feuerdrachen speien
Und in der Zukunft nur ein schwarzes Loch.

Sie sehnten sich nach Dunkel und Verzeihen
Im Rasen, wer zuerst den Gifttrank koch,
Und suchten Ruh aus dem Gestöhn und Schreien.
 

 

168
 


III

Die Tote gleitet weich und weiß im Dämmer,
Durch Brücken, die gespannt nach Eiffels Muster,
Sie schwillt und flieht dem Licht und dem Verkruster,
Und achtet nicht, wer da an Nieten hämmer.

Im Wasser spiegeln sich des Himmels Lämmer,
Die Gärten sind ihr fremd, da blüht Liguster,
Ein Lied, gesummt in traumhaft unbewußter
Gefährdung, führt sie in den Kreis der Schlemmer.

Fürs Aufblühn da im grünen Wellenbett
Brauchts keine Deuter und auch keine Schulen
Und auch der Klügste macht das Kraut nicht fett.

Jedoch den Dichter und den Somnanbulen
Begrüßt Ophelia häuftig im Sonett
Mit Kirkes Weide und Athenes Uhlen.
 

 

169
 


SINNENDER
Wenn der Geist in sich besonnen,
Hält ihn gern der Zeichner fest,
Weil die Woge unverronnen
Höchste Kronen hoffen läßt.

Daß wir in der Mitte wandeln,
Zwischen Schlamm und Himmelslicht,
Darf das Schattenspiel behandeln
Im besinnenden Gesicht.

Wer besinnt, sich zu entscheiden,
Trennt sich von der Leidenschaft,
Jede Tat und jedes Leiden
Raubte ihm die Urteilskaft.

So stehn Wohl und Weh in Waage,
Früh und spät sind gleich dabei,
Wie am Anfang aller Tage,
Da der Himmel spricht: es sei.
 

 

170
 


THINGSPIEL
Für Kurt Heynicke

Im Geschatt von Geigenhansel,
Quickborn, Freischar, Jungenschaft
Schiens Theater, Fest und Kanzel
Mürb, was noch dazwischen klafft,
Dies dem Leben zu vereinen,
Neuer Jugend und Reform,
Schritt ein Plan mit flinken Beinen
Durch das Land und schuf enorm.

Wie schon Schiller einst und Wagner
Epidauros, Pergamon
Sahn als Vorbild volkgetragner
Bühne und als Stadion,
Kult und Wettkampf, Chor und Rede,
Drein die Meister und die Lain,
Bringen Lebens Lust und Fehde,
Die zurückströmt lebensein.

Mancher arbeitslose Mime,
Der im Freilicht neu bestallt,
Fragte nicht, ob dem Regime
Preis mit seinen Künsten galt,
Als dem Maß der Technokraten
Auch die Propaganda frank,
Wars dem Thingspiel angeraten,
Daß es zur Folklore sank.
 

 

171
 
Daß was Dichterwort bestalle,
Dem Parteitag, und der Weih
Jährlich vor der Feldherrnhalle
Künftig nicht mehr ähnlich sei,
Daß der Künstler sich im Kulte
Üb, nun zu ästhetisch roch,
Und als Redner an dem Pulte,
Ward gewüscht nur einer noch.

So verfiel der Musentempel,
Doch der Zeit hat das Gedicht
Griffel, Narbe, Knoten, Stempel
Stets voraus, draum fragt es nicht,
Ob Expressionismus Mode
Hörspiel, Kinomatograph,
Denn der Wahn hat nur Methode,
Wenn der Geist den Engel traf.
 

 

172
 


SCHLESISCHE RONDELLE
                  Ostländisch bin ich, das heißt:
                  Verdunkelt und einsam sein.

                   FRIEDRICH BISCHOFF

I

Zum Himmel hin soll meine Stimme siegen,
Das Vogelherz, das ich im Traume bin,
Und mit den Schwalben sich im Blauen wiegen.
                  Zum Himmel hin.

Der Himmel war so groß im Anbeginn,
Und auf den Almen meckerten die Ziegen,
Jedoch das Lied verlor schon lang den Sinn.

Wo fremde Gaue meine Schritte wiegen,
Der Mond das Silber tauschte ein für Zinn,
Da stinken nur mit Lärm die Eintagsfliegen
                  Zum Himmel hin.
 

 

173
 


II

Der Himmel floß so weit am großen Flusse,
Der blonde Pflüger tätschelte sein Roß,
Bis dann im Blute, das vergießt der Russe,
                  Der Himmel floß.

Und als sich hinterm Treck die Erde schloß,
Warn Vögel schwarz und feurig bald im Schusse
Und noch in Dresden fiel manch Weggenoß.

Und doch bin ich als Wandrer nicht am Schlusse,
Weil sich der Himmel in die Reime goß,
Und also sing ich bis zum Überdrusse:
                  Der Himmel floß.
 

 

174
 


III

Der Himmel sei die hehrste Muttergabe
Und heilig gält das Land im ersten Schrei,
Verbürg ich, daß der Nachgebornen Wabe
                  Der Himmel sei.

Zwar sind in jedem Land Gedanken frei,
Doch fern den Vätern fahre ich zu Grabe,
Und wer da siegte, höhnt mir noch dabei.

Doch wird auch diese Zeit der Küchenschabe
Vergehn und meinen Enkeln stehe bei
Der Herr, daß ihnen, was ich nicht mehr habe,
                  Der Himmel sei.
 

 

175
 


TIERGARTEN
Nicht die Leuen, die Giraffen,
Grüßt dein stilles Zeichenblatt,
Die Erbauung bei den Affen
Sucht nicht, wer die Menschen satt.

Der Kanal, wie Götterspeise
Starr und wie ein klarstes Eis,
Großstadtlärm ließ eine Schneise,
Die allein der Künster weiß.

Daß der Winkel froh alleine,
Merkt man gleich, da jeder Plan,
Wich Gesträuch, das sich die Raine
Fruchtbar macht und untertan.

Labyrinth sucht dich zu schrecken,
Daß du drängst in das Gefild,
Also laß der Wanderstecken
Und begnüg dich mit dem Bild.
 

 

176
 


LIEGNITZER REIM
                  Für Horst Lange

Ostwind reißt den Rauch vom Dach,
Lärchenkantholz keimt im Fach.

Nagelrost im faulen Pflock,
Brache fleckt der Schierling-Schock.

Ochse brüllt und Laden knarrt,
Hinterm Spritzhaus schläft der Wart.

Tollkraut bräunt, die Spinne webt,
Leicht das Fleisch am Knochen klebt.

Schläfrigkeit und Mückenflug
Wechseln sanft Geschrill und Fug.

Moorlicht lockt, doch meint sein Fluch
Nie, daß einst sich schlöß das Buch.

Moos und Farn und Dämmerbrei
Warten auf den Hahnenschrei.

Also sei, was wirklich ist,
Und es fall der Antichrist.
 

 

177
 


JOACHIM KARSCH
Parolen hehr und Fröste harsch,
Die sechste Weihnacht überm Krieg,
Du wärst gern wie dein Name karsch,
Doch nur wer muß, der spricht vom Sieg.

Der Träumer wächst aus hartem Holz,
Der Bildner schleift an Haupt und Hand,
Das Neue Jahr, ach – segnets? grollts?
Entwürfe stapeln Fach und Wand.

Daß wirklich wieder Friede sei,
Daß nicht nur still die Waffe schweig,
Du hast da nichts erbaulich frei
Als Flitterschmuck am Tannenzweig.

Bald stirbst du, daß man nicht verschlepp
In den Ural die Sklavenkraft,
Nach siebzig Jahrn mit Fron und Nepp,
Kaum einer noch den Frieden schafft.

Was deutsch und heilig, ist tabu,
Was Kunst und Recht, bestimmt der Feind,
Eh Schmach dir zog die Kehle zu,
Hast du ein andres Heil gemeint.

Vergessen weht durchs Stoppelfeld,
Der Schlächter zählt da ras, dwa, tri,
Doch wer sein Werk ins Dunkel stellt,
Wird auferstehn aus Nichts und Nie.
 

 

178
 


HELMUT BARTUSCHEK
Wenn man dem Dichter nimmt das Amt,
Dies ist als würd ein Läufer lahm,
Du bist ins Lektorat verdammt,
Das Lied versinkt im Schreibtischkram.

Als Übersetzer darfst du noch
Vermittelnd an Apollon rührn,
Welch Heimat dir im Herzen poch,
Sollst besser nicht im Schilde führn.

Es gibt ein zweites Deutschland jetzt,
Doch was du hörst, erscheint dir lau,
Daß man den Osten dort nicht schätzt,
Weißt du von Anfang an genau.

Die Mark liegt näger als die Ruhr
Am Tal, drin sich die Klodnitz wiegt,
Im Kiefenhag auf Gnomen-Spur
Der Sammler noch im Alter siegt.

Die Krähe ritzt ins harte Eis
Die Botschaft, die du nicht mehr wagst,
Ich schäm mich, daß ich naseweis
Nicht einst gesucht, was du mir sagst.

Doch tut dein Vers noch heute gut
Und wird in mancher Zeit bestehn,
Und knapp noch durftst du frohgemut
Des Schlangenkönigs Häutung sehn.
 

 

179
 


HERBERT BÖHME
Wie am Anfang steht am Schluß
Dieser Namensreih ein Böhmer,
Schon zu Zeiten des Jan Hus
Mochten diese keinen Römer,
Wer die Verse selbst vertont,
Daß ihm alles selbst gehöre,
Bleibt vom Wiener Stolz verschont,
Und von Launen der Tenöre.

Das Bekenntnis freien Manns
Sei der Strauß von Immortellen,
Spielt die Flöte auf zum Tanz
Zögert nicht auf Bärenfellen,
Unser deutsches Vaterland
Ruht in unsrer Seele Adel,
In der Not greift der Verstand
Vor der Keule stets zur Nadel.

Für den Dichter zeigt sich Gott
In dem Reim von Aug zu Auge,
Dogma, Kette und Schaffott,
Und was sonst Bekehrung tauge,
Macht dich niemals gut und rein,
Wie der Liebe dies gegeben,
Darum sollst du liebend sein
Und nur in der Liebe leben.
 

 

180
 
Hart sind Tagesmüh und Pflicht,
Darum frühe Einfalt achte,
Was sich Hellas gab als Licht,
Immer heimzuholen trachte,
Was du tust und was du wagst,
Sollst am Göttlichen du messen,
Was du meinst und was du sagst,
Trage stets den Schimmer dessen.

Ist vergessen, was ich bin,
Widerlegt, was ich erdachte,
Dunkel und zerzaust der Sinn,
Bleibt doch stets die Träumer-sachte
Melodie am Saum der Zeit,
Die zur Orgel macht die Flöte,
Wenn der Wälder Einsamkeit
Aufstrahlt in der Morgenröte.
 

 

181
 


KIEFERN AM GRUNEWALDSEE
Solange das Schauen
Befehligt die Hand,
Die pfahlwurzelnd Rauhen
Hast stets du gekannt:
Mit Kreide auf Schiefern
Mit Stöcken im Schnee,
Die märkischen Kiefern
Am Grunewaldsee.

Die karge Idylle,
Wo Gäser gereiht,
Nach Farben und Fülle
Nicht Neigung und Neid,
Die Landschaft zu adeln
Als Silberlichtfee,
Die Zapfen und Nadeln
Am Grunewaldsee.

Der Reizker, der Rotzer,
Der Glückspilz für Hans,
Nicht kleckert der Klotzer,
Mit Gnomengefrans,
Den luftprallen Pollen
Taugt jedes Entrée,
Den Lebenslustvollen
Am Grunewaldsee.
 

 

182
 
Die wiegenden Äste
Im raumreichen Stock,
Versprechen Paläste
Dem Häftling im Block,
Sie brauchen nicht Bienen
Und nährn sie seit je,
Wie Dichters Terzinen
Am Grunewaldsee.

Den ob auch im Grauen
Manch Vogelzug spricht,
Die Zeit zu vertrauen
Ist allzulang nicht,
Sich niemand zu stören
Den Stift untersteh,
Die märkischen Föhren
Am Grunewaldsee.

Nicht weit sind Geschütze,
Und Bunker und Werft,
Weß Frommen dies nütze,
Den Wind hier nicht schärft,
Zwar brechen Kolonnen
Zu Wahn auf und Weh,
Doch heimeln die Wonnen
Am Grunewaldsee.

Schon bald werden Städte,
Im Hochofen schmorn,
Wer heute sich rette,
Ist morgen verlorn.
 

 

183
 
Die Rheintöchter tanzen:
Im Anschaun vergeh,
Die Nadligen fransen
Am Grunewaldsee.

Sie wollen nicht ändern,
Was stirbt und was steht,
Sie bleiben den Ländern,
Bis alles vergeht,
Drum sollst du gehorchen,
Was immer gescheh,
Den märkischen Forchen
Am Grunewaldsee.
 

 

 

 




IN DEN
ISARAUEN





»Komm in den totgesagten park und schau:
Der schimmer ferner lächelnder gestade,
Der reinen wolken unverhofftes blau,
Erhellt die weiher und die bunten pfade.

Dort nimm das tiefe gelb, das weiche grau
Von birken und von buchs, der wind ist lau,
Die späten rosen welkten noch nicht ganz,
Erlese, küsse sie und flicht den kranz.

Vergiss auch diese letzten astern nicht,
Den purpur um die ranken wilder reben,
Und auch was übrig blieb von grünem leben
Verwinde leicht im herbstlichen gesicht.«

 
GEORGE       

 

 

 

187
 


ISAR
Wohl mit Eisach, Isel, Oise
Ist verwandt, was Fließen meint,
Ruht das Auge auf der Schleuse,
Wo die Kraft gebändigt scheint,
Treiben doch Geäst und Stämme
Schlingernd in der Dämmerung,
In der Melodie der Dämme,
Ewig alt und ewig jung.

Aus den Gletschern, wo kristallen
Schweigen noch dem Adler taugt,
Bist du ins Gewürm gefallen,
Das an deinen Brüsten saugt,
Spielerin mit vielen Armen,
Tauchst du in dich selber ein,
Und beweist, das All-Erbarmen
Muß ein großes Wasser sein.

Denn im Fließen waltet Milde
Streng, doch niemals schroff und spitz,
Vor dem schlämmenden Gefilde
Ist die Weisheit Wahn und Witz,
Du vertraust, die Ohnmacht schaffe
Keinem länger Furcht und Scham,
Denn der Streiter mit der Waffe
Wird vor deinem Murmeln lahm.
 

 

188
 
Was im ganzen scheint der Friede,
Birgt in jedem Glied die Front,
So wie jeden Ton im Liede
Nur ein kurzer Strahl besonnt,
Treffen Glitzerspiel und Lachen
Nur den Schein von einer Haut,
Denn von ungezählten Wachen
Wird das Traumreich aufgebaut.

Wer durch dieses Tal gegangen,
Das du hegst und auch bedrohst,
Wird gewahr, daß er gefangen
Doch nicht ohne Heil und Trost,
Denn das Weib, das ihn zu tragen,
Kreuzt Gewohnheit, Maß und Sinn,
Hat er keine Macht zu fragen,
Doch es führt zum Vater hin.

Also sprichst du jedem Sohne,
Also füllst du allen Reim,
Aus dem Sonnenglast im Mohne
Führt allein das Fließen heim,
Was der erste Tag gesogen,
Trägt auch fort den morschen Kahn,
Zwischen Ufern walten Wogen,
Und das übrige ist Wahn.
 

 

189
 


KINDEL
Daß das Kindel einst ertrunken,
Ist vielleicht nur späte Mär,
Doch die Mauern, die hier prunken
Kommen aus den Zeiten her,
Wo allein die Macht der Sage,
Gab dem Siedeln Stand und Grund,
Darum stets mit Schaudern trage,
Was dir sagt der dunkle Mund.

Ehe unsre Hände schichten,
Stein und Balken, Wand und Dach,
Nisten Lieder und Geschichten
Prall gefüllt mit Ungemach.
Daß an jedem Anbeginne
Wacht ein Opfer in der Nacht,
Immer wieder neu besinne,
Denn auch du bist so gemacht.

In dem Wappen streckt die Hände,
Hier zum Segen, da zum Eid,
Jener, der Beginn und Ende
Stiftet eine Zwischenzeit,
Kuttenträger, Gold-gerändert,
Nach dem Alten Reich gefärbt,
Wird von manchem Aug verändert,
Das die frühen Zeichen erbt.
 

 

190
 
Nach Geschmack zur Maid, zum Knaben,
Doch verjüngt bald mehr und mehr,
Ward das Goldkreuz auf dem Raben
Nicht mehr wuchtig oder schwer,
Trocken unter Sparrn und Schindel,
Dachten Maler und Poet
Sich den Wappenmönch als Kindel,
Das im Fluß zugrunde geht.

Dies historisch zu verlachen,
Steht nicht an dem jungen Gast,
Doch es scheint, die besten Sachen
Hat er gleichwohl doch verpaßt,
Von der Stadt ging aus ein Leuchten,
Dies mag so gewesen sein,
Aber die den Glanz verscheuchten,
Treiben heut die Miete ein.

Also halt dich an die Spuren
Nach der Kindelzeit der Stadt,
Als hier noch die Droschken fuhren
Und der Markt noch nicht so glatt,
Wo sich Poesie verflüchtigt,
Schärf die Liebe sich das Aug,
Daß Verlornes dich ertüchtigt
Und zu neuem Glanze taug.
 

 

191
 


FLAUCHER
Wo manch Stadtbach seine Fluten
Zweigte vom Karwendelstrom,
Dem die Wehre zuzumuten,
Daß er zähm sein Wildarom,
Warn schon früh die Kieselbänke
Städtern froh zum Schlendrian,
Daß schon bald die erste Schänke
Zapfte Gerstensaft vom Hahn.

Zwischen Steg und Brudermühle
Schrittst du schon im ersten Jahr
In des Flusses Fächelkühle,
Daß der Geist dir froh und klar
Sage, was für ein Bewenden
Es mit dieser Bleibe hab,
Und du wirst den Kreis beenden,
Wo dir Wald die Muße gab.

Ungeduld im letzten Winter
Riet dir: Geh und wend dich nicht,
Doch du kommst gemach dahinter,
Daß da wohl noch eine Pflicht
Sei die deine, eh du kehrest,
Wo da Ilm und Saale sprühn,
Daß im Reim die Isar ehrest,
Sollst du dich ein Weilchen mühn.
 

 

192
 
Ein Exil ists wohl gewesen,
Doch in keiner Wüstenei,
Was Jahrzehnte aufgelesen,
Wuchs zum Schatz so nebenbei,
Also soll zusammenbinden
Eine kleine Bibliothek,
Was da kam mit Münchner Kinden
Zwischen Mühl und Flauchersteg.

Wieder suchst du Wehr und Flaucher,
Wo der Juni dich verbrennt,
Jungborn für den Untertaucher
Und das Lebenselement,
Wo der Fluß in Schlangenwegen
Deine ruft und deine kreuzt,
Wirst du Vers-Patiencen legen,
Eh du dann zum Abschied läutst.
 

 

193
 


WIELAND
Ob du streifst in Isarauen
Oder singst im Saaleknie,
Die Geduld, dein Haus zu bauen,
Gönnt der Zeitengeist dir nie,
Doch du solltest nicht verzagen
Ob der Schmäh in A und O,
Denn erzählt wird in den Sagen,
Daß dies war schon immer so.

Nennt man Schmarrn und eitle Schrullen,
Was dir zeugt in Fach und Spind,
Ist dies kleidsam all den Nullen,
Die hier tonangebend sind,
Daß nicht Mangel führ zum Kerker
Sondern Reichtum und Talent,
Spürt mit jeder Strophe stärker,
Wer die Heldenchronik kennt.

Wieland, Sohn dem Riesenblute,
Was da heißt, von fremdem Lehn,
Sollt, daß Schmiedkunst frön dem Mute,
Meister Mimirs Lehr bestehn,
Da im Lehrstand er der zweite,
Wo ihn Sigurd gern verdrosch,
Wunderts kaum, daß in dem Streite
Mählich die Geduld erlosch.
 

 

194
 
Also ging er zu den Zwergen,
Die für die Metall-Magie
Sind berühmt in Balver Bergen,
Wo manch Heidenschwert gedieh,
Doch auch dort verfügen Neider,
Daß zum Käfig werd die Haft,
Und schon bald der Schlackenscheider
Müht zur Flucht die Geisteskraft.

Darum staunt schon bald der Leser,
Wie er sich der Welle mählt,
Auf dem Einbaum folgt der Weser
Und als Bleibe Jütland wählt,
Namlos dient er König Nidung
Wie ein Knab als Schenke Weins,
Weicht das Schicksal der Befriedung,
Hat der Flüchtling lieber keins.

Der Verlust von einer Klinge
Zwingt ihn, daß er sie ersetz,
Und der Herr durchschaut die Dinge,
Daß ihn fängt das eigne Netz,
Denn das Messer, ihm gelungen,
Schneidet nicht nur Fleisch und Fisch,
Durch den Teller ists gedrungen
Und gespalten ist der Tisch.

Solche unerhörte Güte
Macht den Neid des Hofschmieds bös –
Wer von edlerem Geblüte,
Wer da fall und wer sich lös,
 

 

195
 
Streit entscheid auf Leib und Leben!
Doch der Helm des Königsschmieds,
Scheint wie Butter nachzugeben,
Denn so lautlos leicht geschiehts.

Mimung heißt das Schwert, dem Lehrer
Ehre und in jeder Hand
Schreckensmacht und Schreckens Mehrer,
Daß da singt das ganze Land,
Wieland heißt es Fron und Bürde,
Erdenschwere und Gewalt,
Und verstümmelt, hofft man, würde
Er gezähmt am Hofe alt.

Doch er zeugt sich seinen Erben,
Und er steigt im Filigran,
Das die Tumben, die nur kerben,
Niemals selbst im Traume sahn,
Durch den Nordwind, klamm und eisig,
Fliegt, gescheitelt in Karmin,
Wieland wie der Birkenzeisig,
Um dem Kleingeist zu entfliehn.

Wem die Sehnen durchgeschnitten,
Muß das Herz zum Flug empörn,
Wer als Bürger nicht gelitten,
Muß das Wolkenmeer betörn,
Also rüste dich zum Fluge
Über all dem eklen Schleim,
Denn du kommst hier nicht zum Zuge,
Höchstens himmelhin und heim.
 

 

196
 


ORWELL-JAHR
Zur Zeit, als ich nach München reiste,
Buchhändlern galt als Werbemittel
Das Buch, das jenes Jahr als Titel,
Und ausverkauft war bald das meiste.

Wer meint, er sei vorm Has der Igel,
Las eine Handlung hinterm Zaune,
Ein Mehr an Ernst verdirbt die Laune –
Und wessen Stolz mag solche Spiegel?

Dann fiel der Renner mit dem Jahre,
Ich las den Schrecken erst viel später,
Als tot schon unsrer Eltern Väter
Und Glatzen galten mehr als Haare.

Die Mode hobs, die Mode fegte
Das Werk des Briten aus den Fenstern,
Und Narretein von frechen Wänstern
Warns nun, was alle Welt bewegte.

Jedoch die Lüge ohne Gnade,
Die dieses Buch so trefflich schildert,
Hat unbefochten fortgewildert
Und ist sich keiner Zeit zu schade.

Wird was geglaubt, wo Kinder lachen,
Mut Dickres zu den Zeitungsfressern,
Beim Poker paßt nicht zu drei Ässern
Die Scham, ein viertes vorzumachen.
 

 

197
 
Kein Kostverächter ist die Lüge,
Drum öffnet sie die Rattenlöcher,
Wer Pfeile zählt in ihrem Köcher,
Den trifft von überall die Rüge.

Denn alle, die da Dreck am Stecken,
Sie schätzen Masken und Geplänkel,
Wer sagt, dies geh ihm auf den Senkel,
Wird ausgelacht als Pockenflecken.

Doch die da schwatzend Taten äffen
Und jammern über Floh und Mücke,
Die wird der Grund zu ihrem Glücke
Im Liebesministerium treffen.
 

 

198
 


BÜCHERSTADT
München rühmt sich seiner Dichter
Manchem, dens nach hier verschlug,
Mischten Gaslaternenlichter
Falterglanz und Falkenflug,
Unterm Fön der heitern Sinne,
Gerstenräuschen dämmerstunds,
Polemos und auch Frau Minne
Freuten sich des Bardenmunds.

Daß ich auch dahin gezogen,
Fiel in Jena einst das Wort,
Ich war jeder Wahl gewogen,
Denn ich wollte nichts als fort.
Dieser Platz war nah gelegen
An Italiens Wunderaun,
Und mir schien es Heil und Segen,
Dorthin oft und leicht zu schaun.

Palmengrün an der Riviera
Wohnte nah verwandt Marie,
Mein Bezirk, benannt nach Gera,
Kannte nichts als Industrie,
Daß man holder dürfe träumen,
Schien mir klar und ausgemacht,
An des Mittelmeeres Säumen,
Die schon Goethes Aug gelacht.
 

 

199
 
Meiner Oma Schwester machte
Eine Kreuzfahrt im Azur,
Als noch Glück in Schlesien lachte,
Und wer konnte, ging auf Tour,
Und sie fand die große Liebe
Und im Kapitän die Wahl,
Daß sie wußte, wenn sie bliebe,
Misse sie nicht Rübezahl.

In Kleindeutschland sehr beneidet,
War sie prinzlich uns und Fee,
Sicher schiens, daß niemand scheidet
Von der traumhaft blauen See,
Und ein Foto von der Wohnung,
Wo zum Greifen nah der Strand,
Sprach von glücklichster Belohnung
Jedem, der die Freiheit fand.

Also in die Isarauen
Ging ich, leid das Regiment,
Daß ein eignes Glück zu bauen
Nur bestimmte Muster kennt,
Hier sollt mir das Auge leuchten,
Und sich ründen Werk und Reim,
Und ich schwärmt von Lebensfeuchten
Und vom selbstgeschaffnen Heim.

Als ich für die Sperranlagen
Hatte Visum und Billett,
Dachte ich nach wüstem Wagen
Wärs nicht schwer zu Dach und Bett,
 

 

200
 
Die Behörden freilich dachten,
Mancher Umweg sei da not,
Eh die Münchner Kindln lachten,
Gaben Main und Donau Brot.

Büchernarr war ich seit Jahren,
Und im Mangelstaate mußt
Mich das Wunderland der Waren
Mächtig ziehn mit Bücherlust.
Doch die erste Bücherstube
Frankfurts, vollgestopft und bunt,
Macht mein Herz zur Mördergrube,
Angewidert von dem Schund.

Dann schon Gießen bracht die Wende,
Und als Straubings Antiquar
Zeigte Georg Bondi-Bände,
Ich schon recht versöhnet war,
Doch gesprengt warn erst die Maße,
Als sei Opium mir geträuft,
Als ich sah die Schellingstraße
Und was dorten angehäuft.

Nirgends sah ich vollre Waben
Als ich Münchens Büchermeil,
Die Großherzog Ernst-Ausgaben
Bot man schon im Fenster feil,
Kaum hatt ich die ersten Märker,
Schleppte ich da Zentner fort,
Jede Nische, jeden Erker
Zierte bald ein Bücherbord.
 

 

201
 
Später fing ich an zu drucken,
Dann zu schreiben eignen Text,
Manche Kröte war zu schlucken,
Weil die Bücher mich behext,
So ward mir Italien weiter
Als dem Kindskopf, der da frei,
Und mir ward die Jakobsleiter
Eine große Bücherei.

Schwer beladen kommt nach Hause,
Wer durch ein Exil gereift,
Weil die Stirn, die mählich krause,
Dies nicht mehr als Ziel begreift,
Bücher sollten mir vertrauen,
Wo der Himmel wahrhaft blau,
Um den Eridan zu schauen,
Kehrte ich ins Orlagau.
 

 

202
 


UNIVERSITÄT
Ich kam nach München zu studiern
Plotin, Cusanus, Leibniz, Hobbes,
Es hieß, so Jahre zu verliern,
Sei etwas für die reichen Snobs.

Hältst dus mit Kant und Heraklit,
So ist die Pleite dir gewiß,
Mach lieber Unternehmen fit
Und bohr den Leuten im Gebiß.

Banausisch schalt ich solchen Rat,
Doch als ich kam ins Seminar,
Fand ich die Bude derart fad,
Das wohl was dran am Zweifel war.

Ich hab gekratzt und hab gekeucht,
Doch akademisch wurd es nix.
Die Mutter meinte arg enttäuscht,
Ein Doktor sei der Schick des Schicks.

Wenn ich mich über Wasser halt
Mit Handel und profanem Zeug,
So sag ich freilich jung und alt,
Daß ich mich keinem Rektor beug.

Denn den Betrieb, wo jener glänzt,
Der nie vergißt, wer reicht das Brot,
Hab ich schon immer gern geschwänzt,
Und werds so halten bis zum Tod.
 

 

203
 


OCKHAM
Ein Straßenschild erinnert an
Den Franziskanerdenker,
Der Kaisers Huld und Schirm gewann
Im Avignon der Henker.

Daß er der Nominalen Haupt,
Muß uns als Irrtum gelten,
Er hat wohl an Ideen geglaubt,
Doch nicht in Außenwelten.

Auch daß er Entitäten spart,
Gleicht nicht den Reduktionen
Des Volks, das nach dem Backenbart
Den Scheitel will nicht schonen.

Im Armutstreite schrieb er scharf
Zum Zorn der Purpurkutten,
Daß er als Ahnherr gelten darf
Für Luther und für Hutten.

Mit dem des Kaisers sank sein Stern,
Er floh ins Unsichtbare,
Denn wer im Herzen trägt den Herrn,
Fragt nicht, was ihn bewahre.
 

 

204
 


SCHELLING
Der Philosoph war fruchtbar vielen Plätzen,
Unähnlich waren Anfang ihm und Ende,
Verschiedne Ströme seine Schriften schätzen
Und ebenviele ihm ein Denkmal setzen,
Die Isar brachte seinem Sinn die Wende.

Die Ära, wo in schwindelnden Systemen,
Die Geister suchten Sinn und Welt zu fassen,
Sah manchen Hang zum Allzu-Angenehmen,
Doch Brüche auch, die Harmonie verfemen,
Bis hin zu Quellen, wo die Jünger hassen.

Mir fiel ein Frühwerk jung schon in die Hände,
Das Nachwort warnte vor dem spätern Dunkel,
Ein Licht der Freiheit dieser Aufbruch spende,
Bis dann Vergreisung oder Todfurcht blende,
Zu wenden sich ins mystische Gemunkel.

Der Glaube freilich taugt nicht zum Dozieren,
Drum ward, was später in Berlin gelesen,
Nicht der Erfolg, nach dem Studenten gieren.
Es mußte nach der Hegelei verlieren,
Was an der Isar heimischer gewesen.

Hier traf er sich mit Creuzer, Baader, Ritter,
Hier spürte leiblich man den Welterschaffer,
Hier sprach man von der Frömmigkeit nicht bitter,
Und die Erleuchtung war kein Herbstgewitter,
Und die Verehrung war nicht nur Metapher.
 

 

205
 
Ob seine Schriften mit der Reife klarer,
Wohl unparteiisch kaum ist zu entscheiden,
Doch sicher gilt mir, daß ein Wort nicht wahrer
Durch Beifall wird recht vieler Bildungsfahrer,
Und falscher nicht, weil keiner mag es leiden.

Seit Schüler, Prinz von Bayern, hat ihm später
Als König manche Ehrung ausgesonnen,
Der Stil der Herrschaft hatte viele Väter,
Doch daß der Weise sprech zu einem Täter,
Hat Platon einst die Tradition begonnen.

Drum soll man Schellings Müh in München achten,
Auch wenn nur Hörsäl sind Gelehrten wichtig,
Was Maximiliens leise Schritte brachten,
War angezeigt, zu bremsen das Umnachten,
Das bald darauf in Deutschland einzig richtig.
 

 

206
 


RITTER
Ritter sei Ritter, wir aber nur Knappen,
Schrieb einst Novalis die Apologie,
Wo die Gelehrten im Schummerlicht tappen,
Wird nur des Vorhangs Erhabenheit kappen,
Wem das Natürliche ganz Poesie.

Niemand hat mehr mit dem trunknen Gefühle
Forschend genaue Naturschau verquickt,
Als der Verächter der thronenden Stühle,
Der sich studierend so fern vom Gewühle
Gläubig begeistert zum Selbstversuch schickt.

Daß das Galvanische Stoff der Epoche,
Streitet nicht, wer das Jahrzehnt überschaut,
Daß das Gesichtslose Sichtbares koche,
Daß sich die Kraft überlasse dem Loche,
Aber an heimlichen Ordnungen baut.

Schlesien hat nicht allein Dichter gezogen,
Auch dieser physicus Liegnitz entsprang,
Doch wer den Schmieden des Geist nicht gewogen,
Gilt nur als Scharlatan, dumm und verlogen,
Weil ja die Weisheit ein Haus hat schon lang.

Viele in Thüringen schätzen den Jungen,
Aber den Schwärmern wird nirgends Gehör,
Wo man vom Standesbewußtsein durchdrungen
Ungeprüft nachschwatzt den bösesten Zungen,
Daß dieser Kindskopf nur Narren betör.
 

 

207
 
Gleichwohl ist Ritter mit Grotthuß der frühste
Gründer der Lehr der Elektrochemie,
Wasser zerspaltet in Gase kein Myste,
Und das Gesetz, das dann Volta begrüßte,
Vorher schon lange bei Ritter gedieh.

Auch seine Säule, die Ladungen scheidet,
Rekelt als Akku sich später so fett,
Zu den Spektralfarben Weißlicht er scheidet,
Und er erkennt, was das Auge vermeidet,
Nämlich ein Ultra am Randviolett.

Selten war einer so groß im Erwachen,
Aber in Jena rümpft Nasen man nur,
Endlich im Bayrischen läßt man ihn machen,
Doch er verliert sich in wabernde Sachen,
Als er am dritten Platz sucht seine Spur.

Daß er zuletzt an dem Wünschelstab klebte,
Heißt doch nicht, daß er nichts andres gekonnt,
Reichestes Schrifttum hier Dunstschleier webte –
Konnt dran vobeigehn, wer neugierig lebte,
Wissen, er werde nicht lang mehr besonnt?

Wer der Natur ist im Herzen gewogen,
Fragt nicht, ob anerkannt ist die Method.
Heimatlos ist er durch Deutschland gezogen,
Und in der Jugend zum Himmel entflogen,
Und die Vergreisung hat nie ihn bedroht.
 

 

208
 


BAADER
Erst suchte er in Ingolstadt
Die Medizin und die Natur,
Doch was man ihm geboten hat,
Schien ihm ein erster Anfang nur.

Chemie und Mineralienschau
Warn ihm Berufung und Passion,
Was man im Berg mit Freunde hau,
Gab Freiberg seiner Zeit den Ton.

Die hohe Schul genügte nicht,
In Schottland und in England sah
Er manche Hütt, doch die Geschicht
Nicht enden wollte hie und da.

Glasschmelzer dann in Lambach, wo
Erfolg sich zeigt und Geldgewinn,
Jedoch sein Genius war nicht so,
Daß solches Glück der letzte Sinn.

Den Schelling er in Hamburg trifft,
Doch Jacob Böhme gab das Wort,
Daß jenen, der die Welt durchschifft,
Tief spüren ließ den eignen Ort.

Daß München ward ein Musenhort,
Hat er geringen Anteil nicht,
Dabei ging er mit hartem Wort
Auch mit Verirrung ins Gericht.
 

 

209
 


CREUZER
Wenn du besingst wie Goethes Welt
Nach Süden strahlte, nicht vergiß
Den Heidelberger, dem erhellt
Vom Orient schien die Finsternis.

Homers Gesäng und auch Hesiods
Warn ihm ein Abglanz frühern Golds,
Des innigeren Anschaun Gotts,
Grad wie ein Trieb zum Ast verholz.

Mit Fleiß, der heute unbekannt,
Fand bienenweis er Material,
Wer sich verirrt in seinem Land,
Weiß sich beschenkt doch allemal.

Der Mythos, den man lange mied,
Fand neu Beachtung auch durch ihn,
Wenn man die großen Mühen sieht,
Wird manches was versäumt verziehn.

Nach München er nur einmal kam,
Doch seine Schriften wurden dort
Studiert so sehr, daß man den Nam
Empfand, als sei er just am Ort.
 

 

210
 


GÖRRES
Als München sog die deutschen Geister,
Kam Görres auch ins Bayernland,
Er hatte sich bei manchem Meister
Schon beide Hände arg verbrannt,
Jedoch die Kirche, die vergeben
Dem Sünder will, ihm Heimat bot,
Als sich im händelreichen Leben
Gezeigt ein erstes Abendrot.

Mit zwanzig schrieb er die Postille
Das rote Blatt, ein Manifest,
Wo Unmut zeigt sich deutscher Stille,
Die mit Gewalt sich ändern läßt,
In Frankreich sein die Philosophen
Nicht länger die Statisten bloß,
Drum lautet der Refrain der Strophen,
Der Deutsche braucht das gleiche Los.

Doch sein Besuch bei den Parisern
Hat diese Stimmung arg getrübt,
Es schien, als warens doch die miesern,
Die frisch ihr Studium ausgeübt,
Die Willkür und der nackte Schrecken
Warn einfach nicht zu übersehn,
So scheints, daß mit den hehren Zwecken
Nicht immer hehre Mittel gehn.
 

 

211
 
So wechselt er zu Stein und Blücher,
Zwar nicht mehr welsch, doch radikal,
Ganz Deutschland braucht dieselben Tücher,
Und aller Geist ist national,
Freimaurer ist nun dieser Streiter,
Und großdeutsch muß die Zukunft sein,
Und er singt seine Losung weiter,
Als kaum ein Jünger stimmt mehr ein.

Ein Schulfreund warnt ihn vor dem Kerker,
Er flieht nach Straßburg, wo allein
Er nun sich trennt von dem Berserker,
Der wollt der klügste Deutsche sein,
Doch als er drauf am Isarufer
Spürt festen Boden unterm Schritt,
Erwacht erneut der Wüstenrufer
Und singt im neuen Liedlein mit.

Sieh ihn und sonst Politkatholen
Stets als enttäuschte Linke an!
Er will das Reich vom Himmel holen,
Der Preuß ist nun ein Teufelsmann.
Mag manches, was er sagt, gefallen,
So schmäht er doch den bösen Feind,
Weil der ihn nicht hofiert vor allen
Und vieles leider anders meint.
 

 

212
 


NYMPHENBURG
Manch Tag und manche Stunde trank
Ich hier die Landschaft inszeniert,
Wo sich der Lärm und Stadtgestank
In Brunnen und Alleen verliert,
Hier liebte ich auf Gras und Bank,
Hier säumt im sonnigen Geviert
Der Rose duftendes Gerank
Pans Volk, das weiße Sockel ziert.

Die Auffahrt stimmt den Pilger ein,
Der träumt und schlendert am Kanal,
Hier gibts kein Drängeln und kein Schrein,
Stehn Nymphen auch in großer Zahl,
Die Würm bringt Mut und Frischluft rein,
Sie bannt mit Gleichmut Sorgenqual
Und sagt mir stets: So soll es sein,
Und sagte es mir tausendmal.

An der Kaskade, die den Park
Grad wie der Steiß den Menschen teilt,
Hab ich mal traurig und mal stark
Doch niemals ohne Trost geweilt,
Kraft, die das Dämmerbrack verbarg,
Treppab mit Sprühn und Tollheit eilt,
Und schwankten die Geschäfte arg,
Ward hier das Aug vom Wahn geheilt.
 

 

213
 
Die Ströme, die das Bayernland
Bemessen, sind Skulpuren hier,
Das Wasser, das mein Anschaun bannt
Grad wie den Äskulap das Tier,
Es bricht sich wild am Marmorrand,
Und sprengt sich das Gehäuse schier,
Doch sorgte kühn des Künstlers Hand,
Der Puls bleib dieser Einheit Zier.

Schau die Pagoden, Tempel, Wald,
Zum Wasser kehr ich doch zurück,
Nicht ruhts und wird doch niemals alt,
Drum ists mein eigentliches Glück,
Es ist im heißen Sommer kalt
Und winters zeigts ein grünes Stück,
Es gibt dem Herzen Mut und Halt,
Daß nichts den Herrn des Lebens bück.

Drum ists der Gärten Seelenstrang,
Es fließt und ruht und fällt und flieht,
Ihm ist vor keiner Zukunft bang,
Es meidet keines Feinds Gebiet,
Drum komm ich her, ich suchte lang,
Obgleich ich weiß, was hier geschieht,
Hier wird die Summe dem Gesang,
Drum bleibe stumm mein leichtes Lied.
 

 

214
 


ALTER SÜDFRIEDHOF
Als Pestfriedhof einst vor der Stadt
Mit achtzig Jahren Einzigkeit,
Berühmtes viel zu bieten hat
Der Acker aus der alten Zeit.

Das Denkmal für die Blutweihnacht
Zu Sendling sollt ein Löwe sein,
Als Brunnenwannung wurds gemacht,
Als Ludwig schmolz Kanonen ein.

Dies gab dem Band von Volk und Kron
Die Kraft, die hundert Jahre lacht,
Noch heut hätt gern manch Bayernsohn
Die Wittelsbacher an der Macht.

Die Gruftarkaden folgen streng
Dem Meister, der Bologna sah,
Hier gehts nicht weithin und nicht eng,
Und mancher Name geht dir nah.

Hier ruht sich Franz von Baader aus,
Auch Gärtner, Görres, Liebig, Schwind,
Schwanthaler fand sein letzten Haus,
Wo Klenze auch und Spitzweg sind.

Die Kunst, der hoch Bavaria wacht,
Und der Poet, der arm und froh,
Ich wünscht, in dieser Weltennacht
Gäb sich das Münchner Kindl so.
 

 

215
 
Wenn Dietl ihr im Schumanns trefft
Wie Angie und den Tennisstar,
Ist gut katholisch nurs Geschäft
Und tot, was einmal München war.

Drum wenn ich durch den Friedhof lauf,
Mir Freude der Gedanke gab,
Hier stünd die alte Garde auf,
Und Schickimicki sänk ins Grab.
 

 

216
 


DEUTSCHES MUSEUM
Dem Händler ist das Buch kein Ding,
Das einzig Geist und guter Ton,
Denn daß ihm der Verkauf geling,
Brauchts Propaganda vorher schon,
Weshalb sich leicht erklären läßt,
Daß Unternehmer dieser Gild,
Auf einen, der von Ost nach West
Grad wechselt, nicht besonders wild.

Nur wer in einer Nische webt,
Daß Noten fehlt die Relevanz,
Nicht solcherweis am Dogma klebt,
Wenn er bedenkt: Wer wills, wer kanns?
So brachte mich die Reaktion
In unbeholfnem Wo und Wie
Zur Knechtschaft unter Brotes Lohn
Beim Gral von Stahl und Industrie.

Die Hallen hätt ich sicher nie
Betreten ohne solche Not,
Doch war es keine Perfidie,
Daß sich mir solche Einsicht bot.
Das Reifen und das Abschiedsleid,
Kein andrer Ort so deutlich zeigt,
Weil sonst der Technik Sterblichkeit
Die Außenwelt uns gern verschweigt.
 

 

217
 
Im Jahre, eh ich damals kam,
Ein Brand zerstörte manchen Raum,
Daß man nicht auf das Thema kam,
Gabs Wochen oder Tage kaum,
Heut steht der Brand im Lexikon
Mit vagem Zeug zu Schuld und Grund,
Als wär bekannt kein Wort davon,
Drum tu ich, was ich hörte, kund.

Es war in jenen Zeiten Brauch,
Die letzte Stunde vor der Nacht
Sei kostenfrei, ein leerer Bauch
Hat damals sich wohl aufgemacht,
Wo Winkel Regel, Klötze dicht,
Ein Bergwerk gar mit finsterm Schacht,
Da braucht man viel Erfahrung nicht,
Daß ein Versteck sei ausgemacht.

Man schloß den Hungerleider ein,
Befriedigt, daß der Abend frei,
Der fand die Segelschiffe fein
Und eine Hängematte frei,
Die ähnelte in sanftem Spiel
Nicht Gehsteig oder Heizungschacht,
Daß ihm die Pfeifenglut entfiel,
Hat er bemerkt nicht, noch bedacht.

In ausdörrten Planken glomm
Der Tabak fort und steckte an.
Heißts nicht, wer schläft, der bleibe fromm?
Oft schärfer rochs dem Wandersmann.
 

 

218
 
Wann es ihn brenzlig überkam,
Und er, der doch am Leben hing,
Reißaus durchs nächste Schlupfloch nahm,
Mir damals nicht zu Ohren ging.

Man hat ihn sicher bald geschnappt,
Denn er entbehrte großen Geists.
Wer arm ist, in die Falle tappt,
Die üblichen Verdächtgen heißts.
Doch hegt das Amt das Protokoll
Des Schluckers, den der Teufel ritt,
Weil kein Besucher wissen soll,
Warum ein Mensch dies Haus betritt.

Dies war grad wie die Bundesbahn,
Die so am Schmuddelimage litt –
Wie furchtbar, als gekräht kein Hahn,
Jetzt denkt Bewegungsmelder mit!
Ehs ganz zur Rumpelkammer werd,
Wird das Museum aufgeräumt,
Nicht die Historie ist der Wert,
Hier funkle, was man heute träumt!

So gings in jenen Jahren fort.
Ein Brand kommt stets zur rechten Zeit.
Da brauchts nicht den Tyrannenmord,
Die Laren habens selbst entweiht.
Stand einstens hier die Eisenbahn,
So kam schon bald das Hologramm,
Und immer rascher wird getan,
Daß hinterm Zweig verfalb der Stamm.
 

 

219
 
So war mein Chef, der noch sozial
Gedacht, bald Altlast, Zopf und Mief,
Dann bläst die Börse zum Fanal,
Hängt ohne Geld der Segen schief.
Kein weitrer machte es so lang
Wie der, dem dies war Jugendtraum,
Man hörte schon den Abgesang,
Wenn auf dem Sekt sich legt der Schaum.

Ich war vier Jahre in dem Haus,
Und als ich ging für Nimmermehr,
Gabs keine Katz und keine Maus
Von einstens, als ich kam daher.
So war das Schloß von Erz und Stahl
Lang ein Relikt der Kaiserzeit,
Doch was geschont so manches Mal,
Dem stand der Henker längst bereit.
 

 

220
 


FELDHERRNHALLE
Sie war für meine Großmama
Das tollste, als sie mich besucht,
Einst in der Schul warn Bilder da,
Doch daß man dies mit Augen sah,
Für Leute galt, die gut betucht.

Wenn etwas mich am Bayernland
Beseligt hat, dann war es dies:
Daß ich sie, was Triumph und Schand
Im Buch und an der Tafel stand,
Noch vor dem Tode sehen ließ.

Hier fielen Schüsse, spritzte Blut.
Jetzt spielt ein Geiger Mozart vor.
Er spielt die Weise hell und gut,
Nicht allzu üppig ist sein Hut,
Doch keiner hat dafür ein Ohr.

Hier leuchtet sonst nur, was Verkehr
Zu regeln wurde aufgestellt,
Doch Omas Augen leuchten mehr
Und stellen die Verbindung her
Zu einer fast erloschnen Welt.

Da ists, wenn ich die Augen schließ,
Der Geiger ist schon fast am End,
Mir so, als ob da einer schieß,
Und sich nicht recht erkennen ließ,
Welch Deutschland welches überrennt.
 

 

221
 


IM ATELIER
Mein U-Boot, sagt der Meister stolz,
Und zeigt Patronen aus der Schlacht,
Wer hier Modell, steht nicht auf Holz,
Doch dafür wie aus Holz gemacht.

Die Wände zeigen Kleinskulpturn,
Dazwischen Wuchtiges in Ton,
Hier gibt es keine Kuckucksuhrn
Und keinen Krug mit dunklem Mohn.

Der Polyphem, der gleich dich frißt,
Steht wie ein Wächter an der Tür,
Und wenn die Hand am Zittern ist,
Kann das Modell doch nichts dafür.

Zwei Luken zeigen die Allee,
Und Schuhe, wer vorüberstieg,
Die Wände, weiß wie frischer Schnee,
Bevölkert sind von Mord und Krieg.

Es rekelt sich zwar manche Brust,
Doch die gehört wohl Helena,
Die Lust vor einer andern Lust,
Und Eros als des Krieges A.

Vielleicht ist dies ein Krampf im Hirn?
Ich bin doch gar kein Pazifist!
Der Meister gräbt in meine Stirn
Den Gram, der mir gewachsen ist.
 

 

222
 


JOGHURT
Als das Bismarck-Reich sich feist
Lehnte nach der Aufbauzeit,
Wähnte man sich weitgereist,
Wenn man sog im Zeitungsgeist
Aus der Ferne Freud und Leid.

Der Bazillus der Bulgarn
Gut als Lebenslängrer sei,
Jene hochbetagten Scharn,
Sprach ein Untertan des Zarn,
Folge sein der Molkerei.

Joghurt hieß das Zauberwort,
Saure Milch nicht Hexenwerk,
Wenn sie ganz gezielt verdorrt
Und begegnet English sport,
Kommt der Zartste übern Berg.

Also schlürft der Deutsche Brei,
Erst mit Fett und schließlich schal,
Und der Mythos, einmal frei,
Daß er unentbehrlich sei,
Zeigt ein jedes Kühlregal.

Fruchtig, nussig, mit Vanill
Zahnlos schlabbern ungepönt.
Füg dich dem Gesundheitsdrill,
Denn was wohl der Teufel will,
Weiß allein, wer drüber höhnt.
 

 

223
 


BAUERNFÄULE
Ist der Baur ein fauler Hund,
Dann verkauft er Vieh und Grund.
Ist bebaut das flache Land,
Nährt das Volk der Spekulant.

Ist der Baur ein fauler Sack,
Kauft die Magd sich Nagellack.
Gabs einst Kuh- und Schweinedreck,
Ist das Übelriechen weg.

Ist der Baur ein faules Stück,
Heißt sein Vorbild Hans im Glück.
Gibts beim Bauern nichts zu kaun,
Mußt Obama du vertraun.
 

 

224
 


KIRSCHBLÜTE IM HOF
In der Isarvorstadt bleibt
Hoher Mittag fürs Gemüt
Jedem, der Gedichte schreibt,
Wenn im Hof der Kirschbaum blüht.

Zarte Frist, die rasch verraucht,
Der Japaner liebt das Fest,
Das ins holde Duften taucht
Und den Reiswein fließen läßt.

Auch bei Tschechow glüht der Schmerz
Aus dem Garten von Rosé,
Weht der Frühlingswind ins Herz,
Spricht der Rosenblust Ade.

Pralle Frucht, die frisch und süß
Uns befleckt mit Loderrot,
Reift, daß der Verlaßne grüß,
Was April als Wunder bot.

Doch des Wunders höchsten Rang
Birgt sein Wiederkehrn, wie nur
Sonnenauf- und Untergang
Gehn durch Ocker und Azur.
 

 

225
 


DIE KÖNIGIN DER NACHT
Um das Holz der Gitterstäbe
Schlängelt sich der Epiphyt,
Daß er sich die Blüte gäbe,
Wird der Ofen wohl bemüht.

Aus den Gluten der Kariben
Kam der Pflegling ins Labor,
Sieben Jahre stumm geblieben,
Treibt er schlanke Sprosse vor.

Aus den Kanten-Areolen
Wächst nur Haar, das bald ergraut,
Daß der Strauch nicht leicht bestohlen,
Stechen Nadeln aus der Haut.

Dann zur Nacht kommt jäh die Stunde,
Wo die Blüte sich entpuppt,
Bis die Offenbarungswunde
Rasch verfahlt und hart verschuppt.

Groß und duftend nach Vanille,
Gelb-orange und innen weiß,
Sternstund und Gestaltungswille
Geben ihr Geheimnis preis.

Splitter-Kranz und güldne Krone,
Daß vor Glück ich trunken bin:
Dies Geblüh stellt zweifelsohne
Jeder Nacht die Königin.
 

 

226
 


BÖLLERKRACHEN
Das Jahr ist fast schon übern Berg.
Nun mach recht rasch dein Schatzerl wach!
Es geht hinaus zum Feuerwerk!
Nicht solch verschlafne Miene mach!

Dreiviertel zwölf, der Lippenstift
Will auch noch nachgezogen sein.
Für Augen, die ganz zugekifft,
Gibt leider keinen Strahleschein!

Die Wiesn füllt sich, und es faucht
Schon hie und da ein bunter Blitz,
Die Kälte sieht man, wenn man haucht,
Silvester ist kein Tag der Hitz.

Ob Stalinorgel, Knatterfrosch,
Das Anschaun gibt es ganz umsunst,
Manch einer nennts ein Bild vom Bosch,
Die meisten zahln für diese Kunst.

Versprochen wurd ein Krisenjahr,
Dies läßt die Leute lauter knalln,
Weils gar nicht so befreiend war,
In Taschen nur die Faust zu balln.

Die Polizei ist stets präsent,
Natürlich nur zu unserm Schutz,
Genieß das tolle Happyend,
Der neue Tag beginnt mit Schmutz.
 

 

227
 


BRUMMSCHÄDEL
Dem Tor ist tag und nacht gewiß,
Daß Weisheit ruh auf dem Genick,
Doch zeigt Athene Dorn und Biß,
Gibts Fragen, ob man richtig tick.

Wie Sokrates, der gar nichts wußt,
Cusanus, der den Laien fragt,
So ist dem Klugen stets bewußt,
Das er zumeist nur Unsinn sagt.

Je mehr uns Schau und Fleiß erkennt,
Je höher sich der Geist versteigt,
Wird morscher drum das Fundament,
Dem Wahnsinn Reim und Kehrreim geigt.

Drum will auch ich ins Schweigen gehn,
Daß mir der Wind die Haare streif,
Und will in Scham und Demut stehn
Vor allem, dran ich mich vergreif.
 

 

228
 


HOCHZEITSSPRUCH
I

Gibt es auch nicht Häckselstreuen,
Brautentführung, Polterkrach,
Will ich doch nicht länger scheuen,
Daß ich ein paar Verse mach:
Wo sich zwei die Ringe reichen
Um den kleinen Unterschied,
Mög die Sonne niemals weichen
In ein feindliches Gebiet.
 

 

229
 


II

Venus-Günstling, Amors Vetter
Sang die Drossel mit dem Star.
Welch ein Wesen wohl noch netter
Als am Eich das Eichhorn war?
Trommelfell und Bühnenbretter
Strapaziert die Rockerschar,
Und dem Trende ist der Setter
Androgyn mit langem Haar.

Welch Natur den First erkletter,
Sind Propheten Wissens bar,
Schaun wir einer Nymphe Better
Oder frommts dem Albenmahr?
Doch bevor der Herbst die Blätter
Fegt, wird Rock der Rocktalar,
Und wir sehn, der Isarstädter
Bringt sich neuem Frühling dar.

Kein Korsett verbirgt als Plätter
Was die Brust macht jedem klar.
Wo ein Weib, kommt auch der Retter,
Daß es blüh im Prinzenpaar.
Eine fesche Dirne hätt er,
Raunt dem Bären zu der Aar,
Hofft, daß sie aus Sturm und Wetter
Fänd den Hafen am Altar.
 

 

230
 


SCHÖPFUNG
Würfelst du zu tausend Malen,
Ob in Bechern, ob in Schalen,
Es sind alles nichts als Zahlen.

Zufalls Glaub wird nie dir munden,
Denn sein Spiel hat stets entbunden,
Was es trug an Mitgift-Pfunden.

Laß dir nicht von Tölpeln schwatzen,
Daß ein Adler würd aus Spatzen,
Nur vom langen Pfützeis-Kratzen.

Droht man dir mit vielen Nullen,
Um den Zweifler einzulullen,
Wird der Ochs doch nicht zum Bullen.

Gar zu wohlfeil ist die Leere
Willig dem, der sie vermehre,
Darum gib dem Strick die Schere.

Meinens Lahme auch und Lasche,
Stieg doch nie aus Staub und Asche
Geist, daß er sich selbst erhasche.

In der Welt, die nie geschaffen,
Gibts zwar Kirche nicht und Pfaffen,
Doch auch Darwin nicht und Affen.
 

 

231
 
Schöpfung, hell-geheimnisvoll,
Vielfalt, die aus Einheit quoll,
Meisterin, die foppt und neckt,
Offenbar und gut versteckt,
Was nicht fremden Zielen front,
Einzig dem, was innewohnt,
Uns zu groß und uns zu klein,
Denn sie schlingt uns allseits ein,
Wer vor dir nach Freiheit griff,
Glich Gesäm auf totem Riff.

Stein, bedächtig und beprägt,
Wagstück, das Gebirge trägt,
Lava, Schiefer, Riff, Kristall,
Grotte, Meteorenfall,
Flammenschläger und Fossil,
Grundsubstanz und reines Spiel,
Kraft, die aus der Ruhe stahlt,
Und mit kargen Tönen malt,
Ohr zum Innenhof, Geraun
Königsweg, das Heil zu schaun.

Blume, Stern der Weidenflur,
Himmelslicht und Götterspur,
Aug, das leuchtet und nichts hält,
Morgenschöne aller Welt,
Was da qualt, ist dir Insekt,
Wo der goldne Nektar steckt,
Ist das Weltgeheimnis nah,
Aleph, Beth und Omega,
Das im Blühn der Freud, des Leids
Immer Gabe, niemals Geiz.
 

 

232
 
Quell, Gesicht für Licht und Ding,
Schüttrer Schrat und heller Spring,
Formergeist und Urteilsmut,
Der entwirft und rasch vertut,
Gingst du mit Gefolge fort,
Wär zuletzt die Zeit verdorrt,
Leicht und schwer bist du zugleich,
Drum ist unbegrenzt dein Reich,
Wem an dir die Lippen feucht,
Weiß sich eins mit dem, was kreucht.

Raupe, Gier, der alles wohl,
Mähderin für Kraut und Kohl,
Wer Verheerung fühlt mit Graun,
Wird darob ein Wunder schaun,
Denn die Puppe schließt den Ring
Mit dem holden Schmetterling,
Daß die Seele, zart und irr,
Durch den Gottesgarten schwirr,
Und wer dieses Taumeln schaut,
Läßt gar willig Haar und Haut.

Pilz, zum Sporenstand gebläht –
Wer nicht Gruft und Grab verschmäht,
Wuchert unerkannt und rasch,
Ergot oder Hallimasch.
Leuchtend überm Modergrund,
Sind dir Fluch und Segen kund
Einer Macht, der unsern quer,
Ob ihr Pate Camembert,
Oder Glück der Sammler sah,
Wie den Tod Hiroshima.
 

 

233
 


PHILIPPS TOD
Es war ein lauer Nachmittag,
Des Königs Nichte gut vermählt
Mit Otto vom Meranien war,
Das Paar zog mit Gefolge fort.
Sodann in sehr gemeßnem Trab
Zog durch die Streiter ungezählt
Zur Ruh Philipp, daß morgenklar
Gott weise ihm den nächsten Ort.

Konrad, zu Speyer Bischof, und
Von Waldburg Heinrich, der Truchseß,
Warn im Gemach des Königs treu,
Nachdem man ihn zu Ader ließ,
Zur Sorge gab es keinen Grund,
Und es steht an des Herrn Noblesse,
Daß er mit Huld-Audienz erfreu
Den Gast, der an die Türe stieß.

Der Pfalzgraf Otto Wittelsbach,
Mit sechzehn Rittern im Gefolg,
Tritt vor den König, der ihn stets
Als heiter schätzte und gewitzt,
Doch führt im Schilde Ungemach
Der Stolze, den die Zorneswolk
Umgraut, mit hartem Worte gehts
Zur Ruhstatt, da es stählern blitzt.
 

 

234
 
»Erst ward dein Mündel mir entlobt,
Nun jed Ersatz für andre feil!
Ich bin entehrt, dies wird kein Spiel!«
Das Schwert des König Kehle leckt,
Und der Berserker mäht und tobt,
Der Truchseß läßt das Unterteil
Des Kinns und gibt dem Treueid Stil,
Wo sich der Bischof rasch versteckt.

Und König taumelt vor und fällt,
Die Lauheit wich der großen Eil,
Und keiner wehrt dem Mörder Flucht,
Der schneller handelt als das Wort,
Bald mit Entsetzen weiß die Welt,
Daß nun des Reiches Recht und Heil
Verfallen ist der Drachenschlucht
Und dem Gespenst von Raub und Mord.

Der Kaufmann, der durch Schwaben reist,
Wird überfalln und ausgeraubt,
Auch andernorts die Pilger spürn,
Daß nun der Hölle Pforten weit,
Der Wahn des Täters führt den Geist
Zum Abgrund wie des Königs Haupt,
Und die im Reich die Brände schürn,
Erweisen sich als Kind der Zeit.

Doch zeigt sich auch, daß diese Tat,
In dem Geweb von Kirch und Welt
Was da loyal und opportun
Sehr rasch mit neuen Bannern schmückt,
 

 

235
 
Für Braunschweig ists darum nicht schad,
Weil Otto nun, dem Welfenheld,
Dem froher galt des Papstes Tun
In Rom die Kaiserwürde glückt.

Den Namensvetter, vogelfrei,
Erwischt von Kalden Reichsmarschall
Bei Kelheim, daß die Donau schluckt
Den Kopf, der Leib kommt in ein Faß,
Bis, daß er doch bestattet sei,
Die Mönche raubens aus dem Stall
Zur Nacht und vor der Wacht geduckt,
Denn solchem Stande frommt kein Haß.

Der Täter kennt die Folgen nicht,
Auch Andechs, dessen Gastrecht litt
Und das man als Komplizen zieh,
Verlor die Burgen und die Macht,
So zeigt die Nachmittags-Geschicht
Das Ufer, da ich heute schritt:
Der Burg von Grünwald glückte nie
Die Neugeburt aus dieser Nacht.
 

 

236
 


DAS BIRGWEIBL VON SCHÄFTLARN
Schau die steile Bergeszunge
In der Isar Laufbezirk,
Das Gebiet auf diesem Sprunge
Wird vom Volk geheißen: Birg.
In dem Tanne eigenmächtig
Soll ein Weib gespenstisch gehn,
Manchem knackt es dort verdächtig,
Mancher schwört, er habs gesehn.

Knorrig wie ein Eichenstumpen
Schildert man das Hutzelweib,
Scherenschnitthaft stehn die Lumpen
Schwärzlich starr im Blattgetreib,
Eine Sage weiß zu deuten
Wie das Weib den Sporn gewann,
Und erzählt wird von den Leuten,
Was verwuchs im dichten Tann.

Auf dem vorgestreckten Berge,
Wo der Zugang leicht geschützt,
Kriegt dich kaum ein arger Scherge –
Doch wenn der ihn selbst benützt?
Also wird vor Zeit berichtet,
Daß ein Ritter räuberisch,
Hat von diesem Ort gesichtet
Seiner Opfer reichen Tisch.
 

 

237
 
Nimmer ward ihm beizukommen,
Denn das Nest macht den Garaus
Jedem, der dem Recht zu frommen,
Zöge hier zum Streite aus,
Also sann man zu verderben
Jenes Ritters hohen Ort,
Denn der Herrlichste muß sterben,
Wenn der Brunnen ihm verdorrt.

Darum suchte man den Raben,
Dem vertraut die Schwarzmagie,
Dem das Wasser abzugraben,
Der bekannt für Despotie,
Eine Frau ward dann zur Stelle,
Die bereit, das Werk zu tun,
Und der Ritter ließ die Zelle,
Und die Frau bewohnt sie nun.

Wer da zu des Teufels Schaden
Wendet sich an Beelzebub,
Macht das Krumme nicht zum Graden,
Wo er selbst sich Gruben grub,
Ist der Ritter auch geschwunden,
Geistert doch das Weib am Hang,
Das den Falken und den Hunden
Gönnt allein den Spott zum Fang.
 

 

238
 


VON GANTHAR UND NANTWIN
Von Ganthar will ich euch erzähln,
Der war bestallt zu Fug und Recht,
Wer einst im Isartal zu stehln
Versucht, dem gings gar hart und schlecht,
Hier ist das Reisig stets geschicht,
Und Pein und Ketten ohne Rost,
Daß keiner die Gesetze bricht
Noch heimlich sammel Hexen-Dost.

Doch ist sein Tag nicht ohne Sorg,
Das Land ist hier das fettste nicht,
Und sinnt der Bauer, daß er borg,
Ists auch nicht reichlich beim Gericht,
In Rom jedoch sind Gold und Glanz,
Da gehts in Purpur zum Palast,
Weshalb so mancher deutsche Hans
Die eitlen Römer flucht und haßt.

Die Pilger sind beladen schwer,
Doch nicht von Mitleid, Buß und Reu,
Vom Golde zu des Heilands Ehr,
Und sitzt das Häuflein Elend scheu
Im Wirtshaus mit des Beutels Last,
Den füllte Furcht vor Höllengier,
So mancher denkt und sagt es fast,
Der Inhalt bleibe besser hier.
 

 

239
 
Am Golde hängt, das weiß man doch,
Das Los, das Amt, das Recht, das Glück,
Ein bißchen Freud im Jammerloch,
Von Himmelslust ein kleines Stück,
Der Richter weiß, was recht und gut,
Ein Kleid wär der Gemahlin not,
Und wenn er ihr die Freude tut,
Kriegt auch der arme Schneider Brot.

Der Nantwin kommt, die Hähne krähns,
Der sammelt ein landauf, landab,
Der Schneider sagt, zum Werk des Nähns
Wär doch der Stoff ein bissel knapp,
Der Richter fürchtet Gott und Schwert,
Doch dieser Pilger ist ein Schuft,
Er hat, was dieses Land begehrt,
Und schaffs dahin, wos bloß verpufft.

Nantwin im Wirtshaus grüßt mit Gott,
Da stehn schon Spieße scharf gezückt,
Es ist nicht weit bis zum Schafott,
Ist man mit zuviel Gold bestückt,
Der Pilger weint, beteuert sehr,
Daß er nur gut um aller Seel,
Und wähnt, daß dies noch einen scher,
Wo Klag und Urteil sind Befehl.

Der Richter denkt, ohn Falsch ward nie
Gerechtigkeit auf Erden wahr,
Als ob man geig die Melodie,
Sind Schuld und Frevel sonnenklar,
 

 

240
 
Die Zeugen sind von Zweifeln frei,
Darum im nächsten Morgenrot
Gerechtigkeit geschaffen sei
Und jenem Schelm der Feuertod.

Obgleichs doch jeden freuen muß,
Daß Gold in die Gemeinde dringt,
Gibts Unfall, Klag und viel Verdruß,
Man sagt, daß es nach Schwefel stinkt,
Schon an dem Tag, da Ganthar richt,
Gehn Murrn und Zwietracht durch die Reihn,
Als wich das Blut vom Golde nicht,
Stürzt ein Gerüst am Amtshaus ein.

Auch trinkt ein Lahmer aus der Flasch,
Die jener Pilger bei sich barg,
Und da er auf der Hauptstraß rasch
Entlanggeht, wird die Stimmung arg,
Daß Volk weiß, in der Flamme schmort,
Die Unschuld auf der Gier nach Gold,
Allein der Ganthar meint verbohrt,
Hier werde bloß dem Recht gezollt.

Er stellt die Wache um sein Haus,
Von Wundern tuschelts leis und laut,
Das sitz ich unbefochten aus,
Meint, wer Vergeßlichkeiten traut,
Dann hat der Schlosser Eisenschelln,
Die Nantwin quälten, angefaßt,
Da schied sein Geist von allem Helln
Und Irrsinn ward der Kinder Last.
 

 

241
 
Es ist, als spräch ein jedes Ding
Nach Gottes Willn von Mord und Schand,
Daß einer ins Martyrium ging
Und sich begab in Christi Hand,
Das wird geglaubt in jeder Stub,
Der Ganthar flieht zuletzt allein,
Und jeder nennt ihn bösen Bub
Und hört ihn in der Hölle schrein.

So hat der Ganthar wohl gemeint,
Das Volk wär bei dem Raub dabei,
Doch wie die Fraun am Kreuz geweint,
Daß reines Blut gerichtet sei,
So mag das Volk zwar Trunk und Tolln
Und Glitzern, drin sichs dann verläuft,
Doch seine Seele kann nicht wolln
Die Herrschaft, die mit Teufeln säuft.
 

 

242
 


JUDAS VON EINÖD
Vor Einöd nahe Geretsried
Lag einst ein hartgesottnes Nest,
Heut weiß allein das Sagenlied
Von einer Burg, gewaltig fest.

Der Ritter drin hieß Judas, grad
Wie der Verräter unsres Herrn,
Er war sich keiner Schand zu schad,
Und Unzucht hieß sein Lieblingsstern.

Ob Bauernmaid, ob Bürgerbraut,
Er raubte gern, was ihm gefiel,
Und was er in den Kerker haut,
War endlich willens seinem Ziel.

Wie Schwierigkeit Begehren heizt,
Stach prickelnd ihm ins Aug ein Kind,
Wer schicklich mit den Blicken geizt
Und lieber Flachs im Turme spinnt,

Die sieht des Lüstlings Phantasie
Gebändigt sich verleugnen ganz,
Den Teufel reizt die Strategie,
Wo jeder meinte, keiner kanns.

In Wolfratshausen Wirtin Zapf,
Ders Sorg kaum, daß der Himmel komm,
Hat einst beheimt mit Herd und Napf
Die Base, lieblich, still und fromm.
 

 

243
 
Der Pfleger dieser reichen Stadt
Die Wirtin mag, ein starker Mann,
Weshalb Vernunft geraten hat,
An deren Base kommst nicht ran.

Bei Zecherei im Rittersaal
Wächst Übermut, der Ritter spricht:
Wer diese herbringt, jenem zahl
Ich Gold, daß ers kann tragen nicht.

Die Derben lockt der Glitzerlohn,
Doch ihnen schwant, der Galgen droht,
Bis einer spricht in wüstem Hohn:
Ich mach dem Herrn ein Angebot.

Gebt vorher mir die Münzen her,
Daß ich die Wirtin dreist bestech,
Dann fällt der Jungfrau alle Wehr,
Und schon der nächste Tag bringt Pech.

Dies überzeugt selbst Beelzebub:
Eh ihr die Taler bloß versauft,
Sei dieser Hex ein guter Hub,
Daß sie verwandtes Blut verkauft.

Gesagt, getan. Die Wirtin heischt
Allein, daß kein Verdacht sie kennt.
Der Ritter tönt: In Bälde kreischt
Die Holde, daß das Bett verbrennt!

Dem Flößer Wellinger aus Tölz
Verlobt ist, die der Raub erkor,
 

 

244
 
So wie der Eber durchs Gehölz
Heranprescht, gehn die Spieße vor.

Die Wirtin spricht mit Falsch der Bas,
Der Freund sei krank und fast im Grab,
So bricht sie auf durch Wald und Gras,
Daß gutes Kraut den Siechen lab.

Dies führt direkt zum Hinterhalt,
Das feine Fangnetz zieht sich zu,
Betreten schweigt der Eichenwald,
Der Quell, wo liegenbleibt ein Schuh.

Im Kerker, moderkalt und klamm,
Gewürm und Schleim der Schnecken feil,
Das Mädel schluchzt, daß Not verdamm
Den Flößer, daß ihn keiner heil.

Doch wie Gott grad, wo jeder meint,
Er sei ganz fern und ohne Ohr,
Das Schicksal ganz verzweifelt scheint,
Ringt ein Gewissen hinterm Tor.

Der harte Mann, dem man beschied,
Zu wachen, wo verdirbt das Licht,
Sein Sündenweg vorüberzieht,
Das Weinen ihm das Herz zerbricht.

Daß einer weigre dem Befehl
Und lasse Schutz und Unterhalt,
Wems die Gewohnheit, daß er stehl,
Wer manchen abstach, flink und kalt,
 

 

245
 
Wer Raub und Niedertracht gewohnt,
Und dem die Jahre sprachen stets,
Daß nur beherzter Zugriff lohnt,
Dem alles sagt, so einzig gehts,

Daß solchen eine Träne rühr,
Ein Mädchen, das so bitter bangt,
Daß ihn zurück der Heiland führ –
Ob dazu je ein Glauben langt?

Und doch geschiehts. Der harte Knecht
Reißt auf der Pforte schweres Holz,
Ihm ist das ärgste Wagnis recht,
Wo selber ihm das Aug zerschmolz.

Er fühlt sie durch Geheim-Gehöhl,
Bis sie am Flusse angelangt,
Der Jungfrau ists wie Himmelsöl,
Der Flößer leidet nicht erkrankt.

Der handelt, weil Verfolgung droht,
Und flößt zum Kloster Beuerberg,
Im Nebel raten Schand und Tod,
Ob jemand ihre Flucht bemerk.

Der Mann, der seinen Dienstherrn ließ,
Befiehlt Laurentius, daß er lenk,
Was ihm sein Tun als Waffen wies,
Dem Heiligen er alles schenk.

Die Klostermauern sind erreicht,
Und böse Frucht weicht mildem Wort,
 

 

246
 
Der dichte Morgennebel weicht,
Und Stärke bringt der heitre Ort.

Die Mönche raten, und der Abt
Zu Ritter Konrad Boten schickt:
Der Judas rings die Schafe schnappt
Im Morgentau die Blüten knickt.

Daß einer wagte aufzustehn,
Wo Allmacht schien die Rittermacht,
Laßt viele tun und weitergehn,
Auf daß es tag in finstrer Nacht.

Von Baierbrunn kommt Hilfe auf,
Den Bauern ists Fanal zum Sturm,
Die Wasserleitung kappt der Hauf,
Bald ist die Burg ein träger Wurm.

Die Räuber wurden aufgehängt
In München, wo man Urteil sprach,
Der Felshang hat sich abgesenkt,
Worauf die Burg schon bald zerbrach.

In Königsdorf Laurentius ließ
Den Bogen und den goldnen Pfeil
Der Reuige, der euch bewies,
Daß nie unmöglich ist das Heil.
 

 

247
 


WINZERER
Am Markt zu Tölz sein Standbild schaust,
Auch hast in München-Schwabing lang
Vorm Stadtarchiv am Weg gehaust,
Der huldigend den Namen sang,
In Tölz der Pfleger, Feldherr dann
Und Diplomat in wilder Zeit,
Das Bismarckreich verehrt den Mann,
Nun sei dein Vers hinzugereiht.

Der welsche König focht das Reich
Nicht nur am Rhein und in Burgund,
Daß er sich Land und Leut erschleich
Sein Heer bei den Lombarden stund,
Wer Mailand schluckt, will Genua,
Doch schnappt den Räuber in Pawei
Der Karl, der grade Worms besah,
Und Winzerer ist wild dabei.

Daß man den welschen König fängt,
War für den Kaiser ein Triumph,
Der ungern an den Reichstag denkt,
Wo nebellands die Lanze stumpf,
Nördlich der Alpen lutherts schwer,
Doch wo die Sonne im Zenit,
Stellt sich ein neues Weltreich her
Und auch der Frieden von Madrid.
 

 

248
 
Zwar ist Franzosenwort nichts wert
Und das Papier ward nichtig so,
Doch daß der Oiser fiel vom Pferd,
Macht deutsches Herz noch heute froh,
Der Winzerer ist Papstes Feind,
Doch taugt ihm Kirchenspaltung nicht
Als Mittel, daß das Reich geeint
Gewappnet sei für Heil und Pflicht.

Im Allgäu Bauern, in Tirol,
Dies ist nun fast schon Bürgerkrieg,
Wer herrlich stritt um Reiches Wohl,
Der wird nicht froh an solchem Sieg,
Da ist ein Ruf nach Ungarn recht,
Wo sich der Türk am Christenland,
Am Dynastie-zerriebnen rächt,
Daß Kirch und Acker stehn verbrannt.

Doch wer dem Bayernlande fern,
Der hemmt dort nicht Intrig und Schmäh,
Manch Übelwort gilt dort dem Herrn,
Der trutzt in Ofen hart und zäh,
Allianzen wechseln, und der Front
Verhaftung droht im Hinterland,
Erst als sein Tag schon rötlich sonnt,
Wird ihm die Heimkehr zuerkannt.

Nun fehlts an Monden da und hie,
Er merkt, was ihm der Krieg geraubt,
Für Wissenschaft und Poesie
Ward stets nur wenig abgeklaubt,
 

 

249
 
Doch wem der Hintergrund solid,
Wird auch mit karger Freiheit froh,
Wer selber ehr das Reden mied,
Erlabt sich doch am Cicero.

Dies Leben scheint ein wildes Spiel,
Ein Auf und Ab nach Etwohin,
Doch liegt nicht in der Zeit das Ziel
Noch in der Politik der Sinn
Des Schwerts, das für den Heiland ficht
Im Irrtum, doch ich preis die Treu
Des Winzerers beim Weltgericht,
Da sich der Weizen trennt von Spreu.
 

 

250
 


DER SPUK VON LENGGRIES
Derweil Karl Abrecht, Kurfürst, setzt
Zu Frankfurt auf die deutsche Kron,
Marie Theres den Degen wetzt
Am Inn und an der Isar schon.

Sie brennen, plündern, stehlen was
Sie finden, und es schert sie nicht,
Daß Christus trifft ihr blanker Haß
Und Gottes Waag beim Weltgericht.

Der deutsche König ohne Land!
Man nennt Gerümpel Kür und Staat,
Eh Max in Füssen anerkannt,
Daß Habsburg sei das Supremat.

Makaber scheint der Krönornat,
Da Schinderei und Mord und Brand
Entfesseln ihre Drachensaat
In München und im Oberland.

Etliche hundert Gulden blecht
Der Tölzer, daß der Markt nicht brennt,
Doch wer sich nicht an Mauern rächt,
Bei Gütern keine Hemmung kennt.

So hat die Straß am Dietherloch
Vom Mühlenberg der Gering Hans
Zu strafen Raub und Räuberjoch
Umstellt mit einem Bauernkranz.
 

 

251
 
Der Bacherbauer nutzt die Flint
Und trifft des Trencken Adjudant,
Daß deutsche Bauern wehrhaft sind,
Werd den Panduren so bekannt.

Paar Wochen später kommn daher
Die Mäntel rot auf Gaißach-Rain,
Sie fordern: Gebt den Bacher her,
Sonst soll nicht lang gefackelt sein.

Doch vom Versteck gibt keiner preis,
Daß es die Rechelkopfenfurch,
So wird an Laub und Stadeln heiß
Gezündelt manche Stunde durch.

Beim Gergen steht ein Marterl hell
Geschnitzt, das kriegt den Pechkranz um,
Die Brennerbubn vernichtens schnell,
Doch all das Wachs, das drum herum,

Verhindert, daß der Brand erfaßt,
Die Muttergottes, die da weint,
Daß sie zu schänden ward verpaßt,
Den Bauern großes Wunder scheint.

So ward das abgebrennte Kreuz
Zur Wallfahrt später, doch der Mob,
Dems Feuer Spaß unds Schrein der Leuts,
Macht auf Lenggries sich im Galopp.

Dort gschieht ein größres Wunder noch,
Am Freithof tun sich Gräber auf,
 

 

252
 
Es steigt ein Heer aus Sarg und Loch
Lebendig und tut keinen Schnauf.

Da tragen rasch Pandurengäul
Die Herren übern Trattenbach,
Daß keiner, starr im nackten Greul,
Versuche, dies zu hindern, mach.

Denn wenn Bauer fest sich wehrt,
Stehn ihm sogar die Toten bei,
Für jeden, der das Land nicht ehrt,
Dies eine ernste Warnung sei.
 

 

253
 


GEIGERSTEIN
Vom Geigerstein, da sing ich dir
Ein traurig Lied, der Name steht
Dem, der die Geige als Panier
Geführet bis ins Nachtgebet.

Es war der armen Witwe Sohn,
Der einzig Geige spielen wollt,
Dies war wie heut ein Jammer schon,
Den Segen hat sie doch gezollt.

Er ging nach Mailand und Florenz,
Um zu studiern das Geigenspiel,
Dann kundig aller Achs und Wenns,
War ihm der Mutter Achtung viel.

Am Steilhang geigt er himmelwärts,
Daß rein im Isarwinkel tön
Das Lied, das rühr das Mutterherz
Und es mit seiner Kunst versöhn.

Da kam auch schon die harte Bö,
Ihm warn die Hände nicht zum Griff,
Und mit Geröll aus höchster Höh
Er letztmals seine Geige striff.

Die Bauern fanden ihn im Tal,
Das Glück war seiner Heimkunft nicht,
Es schwieg die Kunst, die tausendmal
Ein Herz und auch den Leib zerbricht.
 

 

254
 


FALL
Der Wasserfall der Faller Klamm
Das Dorf benamt und seine Au,
Dann fiel es selbst am hohen Damm
Im Sylvensteiner Speicherstau.

Der Ort, bekannt für Hifthornhall,
Nicht nur von Luitpold Prinzregent,
Auch Hindenburg, den Feldmarschall,
Die Chronik hier des öftren nennt.

Ganghofern wurde zum Roman
Des schmucken Fleckens Weidnersheil,
Nun schweigt der See darüber plan,
Und abgebaut ward jedes Teil.

Die Kirche den Gehöften gleicht,
Und auch vom Turm blieb kaum ein Stein,
Doch mancher schwört, die Spitze reicht
In trocknen Jahrn ins Licht hinein.
 

 

255
 


OSWALDHÜTTE
Von dieser Hütt in Vorderriß
Heißts, daß die Einkehr werd zur Pein,
Wies zuging einst, scheint ungewiß,
Doch Streit zog beim Verkaufe ein.

Im Heustock hat genächtigt müd
Der Tölzer, der den Brombergsteig
Hat angelegt, doch wie verbrüht
Hielts ihn nicht, daß sich Sonne zeig.

Er rannte wie vorm Fuchs der Has
Hinab ins Tal, vom Spuk geplagt,
Auf die Geschichte wuchs kein Gras,
Denn öfters ward solch Weh geklagt.

Genaures ward da keinem kund,
Denn die Betroffnen sind verwirrt,
Wenn Augen starr und schlaff der Mund,
So frag nicht, was im Dunkeln schwirrt.

In neurer Zeit ist dies Legend,
Wer Flüsse aufstaut, Bäche kehrt,
Nicht Flüche der Verstorbnen kennt,
Vielleicht ist er die Müh nicht wert.
 

 

256
 


SCHARFREUTER
Von Fall führt dich der schönste Pfad
Durchs Bayerland zum Gipfel hin,
Drum sei kein Umweg dir zu fad,
Hab für die Aussicht Zeit und Sinn.

Steig auf zur Alm von Grammersberg,
Dort fängt ein schmaler Bergsteig an,
Nicht ohne Müh gibt sich das Werk,
Das Gott für unser Aug ersann.

Die Latschen wachsen dicht am Grat,
Der Pürschscheid durch die Südostflank,
Das Ziel im Blick brauchts keinen Rat,
Doch sag dem milden Fönwind Dank.

Die Birkkarspitze nun gewahr,
Grasköfl und Grünlahneeck
Ostseitig laß, dann wird dir klar,
Die Moosenalm ist kein Versteck.

Am Nordwestrücken geht es leicht,
Der Scheitel lohnt verwöhntem Blick,
Hast du das Gipfelkreuz erreicht,
Den Liebesgruß den Wolken schick.

Den Wörner und den Vogelkar
Der Bärnalp tiefer Einschnitt trennt,
Die Soiernspitze offenbar
Als Pyramide, die man kennt.
 

 

257
 
Schau Krottenkropf und Wendelstein,
Großglockner und Venedger groß
Sie stellen sich dem Auge ein,
Bist du den Dunst der Ebne los.

Im Osten grüßt das Demeljoch,
Marbichler, Juifen, Guffert schau,
Das Blut dir in der Schläfe poch:
Nie war der Himmel dir so blau.

Wer in den Bergen Gott vertraut,
Vergißt der Großstadt stumpfes Tun,
Denn anders als man dorten baut,
Gilts hier, daß drauf die Engel ruhn.