Uwe Lammla / Musendämmerung
 

 



UWE LAMMLA



MUSEN
DÄMMERUNG


DRAMEN












 
ARNSHAUGK

 



 


Bibliographische Information durch
die Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet
diese Publikation in der Deutschen
Nationalbibliographie; detaillierte
bibliographische Daten sind im Internet über
http://dnb.d-nb.de abrufbar.












ISBN 3-926370-49-1

© 2010 Arnshaugk Verlag
Alle Rechte beim Autor
www.lammla.de

Hergestellt in Grimma, Deutschland
www.arnshaugk.de
18,- EUR
 

 



INHALT

Punisches Lied
Polyphem
Nausikaa
Medea
Orpheus
Musendämmerung
7
63
85
97
169
237
 

 

 

 

7
 


PUNISCHES LIED
TRAGÖDIE





Juno, false Juno, in her chariot's pomp,
Drawn through the heavens by steeds of Boreas' brood,
Made Hebe to direct her airy wheels
Into the windy country of the clouds,
Where, finding Aeolus entrenched with storms
And guarded with a thousand grisly ghosts,
She humbly did beseech him for our bane,
And charged him drown my son with all his train.
Then gan the winds break ope their brazen doors
And all Aeolia to be up in arms.


VENUS' LAMENT   
CHRISTOPHER MARLOWE   
 

 

8
 


PERSONEN
JUNO, VENUS, HEBE, Göttinnen
AENEAS, Vetter des Priamus
ASKANIUS, sein Sohn
DIDO, Gründerin von Karthago
ANNA, ihre Schwester
TIMON, Steuermann und Hofmeier
JARBAS, Berberhäuptling
JOEL, sein Mundschenk
BERBER, KOLONISTEN
 

 

9
 


PROLOG
Die Göttin Hebe tritt mit Krug und Schale vor den Vorhang.

HEBE:
Dem Publikum, das zwischen Tag und Schlummer
Zu lauschen kam zu diesen Bühnenbrettern,
Befahl der Autor mir zu meinem Kummer,
Vorm Vorhang die Begrüßung zuzuschmettern.
Das Alter dieser Welt wird oft den Stufen
Im Lebensalter Sterblicher verglichen,
Und jeder Zeit ein Himmel wird gerufen,
Der leuchtet und ist dann sehr bald verblichen.
So steht für frühstes uns der Erosknabe,
Der blindlings schießt in alle Horizonte,
Doch dann verläßt der Größere die Wabe
Und wagt sich voll Verheißung ins Besonnte.
Da ist noch alles unstet und voll Böen,
Der Glaube mächtig, die Erfahrung windig,
Die Gründe stehn stets nahe bei den Höhen,
Beflaumen sich die Wangen pickelgrindig.
Man nennt mich Göttin mit den Rosenwangen,
Erwachen, erster Streit und erste Liebe,
Von Dunkel ist die Zukunft ganz umfangen,
Doch ungezähmt entpuppen sich die Triebe.
Vor Troja warn die himmelsmächtgen Paten
Noch mittendrin, dann zogen sie die Schnüre
Ehr abgedunkelt, daß den Menschentaten
Es merklich nicht mehr, wer sie plan und führe.
Wer »punisch« hört, der denkt gleich an die Kriege,
Die dieses Land ins Sagendunkel stießen,
 

 

10
 
Hier geht es um die Stifterin, die Wiege,
Die Byrsa, draus so viele Brünnlein fließen.
Wie jedem Ja ein Nein ist eingeschlossen,
So ist auch dies Geleucht nicht ohne Schatten,
Der Juno hold, die Fremdes nie genossen,
Hielt unsre Stifterin dem toten Gatten
Die Treue, bis sie Pluto selber schwärzte.
Dies kreuzte Venus' Hoffnungen und Pläne,
Und daß sie sich zu keinem Mann beherzte,
Weint unterm Fluch der Spätre seine Träne.
Das »spät« ist stets ein Zeichen für Bezüge,
Was einem spät, ist anderem die Frühe,
Drum folgt ins Labyrinth der frühen Flüge
Und macht euch mit dem Ungewohnten Mühe.
Denn nichts was jemals Tat wird und Vermächtnis,
Ist gänzlich tot, wie auch die Götter dauern,
Was ausgemerzt Beachtung und Gedächtnis,
Kann morgen schon als Sphingenfrage lauern.
Natürlich soll das Publikum auch lachen,
Wir wollen keine Langweil hier im Saale,
Sonst heißts, die Bühne wäre zuzumachen,
Weil keiner sie besucht zum zweiten Male.
Doch freilich, ist es oft ein herbes Lachen,
Dies werde nicht geschönt oder verschwiegen,
Denn so Tragödien sind gar heikle Sachen,
Darin die Besten Arg und Unbill kriegen.
Doch nun genug geschwätzt und angedeutet,
Genug geraunt, beschwichtigt und gewogen,
Der erste Aufzug sei nun eingeläutet,
Wo alles gärt und wo sich spannt der Bogen.
 

 

11
 


ERSTER AUFZUG
Auf dem Vordeck eines Schiffes im Mittelmeer. Heiter und mild. Dido opfert auf einem Altar einen Widder, von dem Rauch zum Himmel steigt, und gießt roten Wein auf die Schiffsplanken.

Erste Szene
Dido, Juno.

DIDO: Rindsäugige, entschloßne, willensstarke,
In aufgeschürztem Chiton und verschleiert,
Dein Mündel, fliehend in bescheidner Barke,
Auch heute dein erhabnes Antlitz feiert.
Du trägst den Apfel fruchtbegabter Ehe,
Den Pfauen, argusäugig in den Federn.
Der Kuckuck, der bewahrt vom Wetterwehe
Den Gatten, mag den satten Rauch der Zedern.
Du einst die Jugend mit erfahrnem Lenze
Und läßt die Schwache in dein Heiltum treten,
Wo grüne Blätter rings und Blumenkränze,
Weil zu dir Frauen aller Alter beten.

JUNO (tritt nebelumflossen auf):
Die Treue seh ich gern, und deine Gaben
Sind rein und wohlgerichtet mir geflossen,
Du opfertest viel mehr als ich zu haben
Begehrte und du betest unverdrossen.

DIDO (ins Leere schauend):
Du scheinst mir näher als in Tyros früher –
Sind Neptuns Felder näher an den Wolken?
 

 

12
 
Ich spüre duften einen Diptam-Blüher,
Vermischt mit Milch, die grade erst gemolken.

JUNO: Ich bin dir nah und kenne die Geschichte,
Du fliehst Pygmalion, der erdolcht den Gatten,
Er sann darauf, daß er dich auch vernichte,
Doch narrte ich sein Aug mit einem Schatten.
So konntest du manch goldenes Geschmeide
Zum Meere bringen und vertraun den Winden,
Versprochen sei dir Wolle, Vieh, Getreide,
Und deine Feinde will ich sehrn und schinden.

DIDO: Du bist so gütig, werd ich bald schon landen?
Wird gastlich sein der Eingebornen Sitte.

JUNO: Dir ist schon bald ein reiches Land vorhanden,
Nutzt du die List, wenn man beschämt die Bitte.

DIDO: Ich dank, doch werden meine Geistesgaben
Es schaffen, klug und maßvoll da zu walten?

JUNO: Oft ist des Rätsels Lösung leicht zu haben,
Vermag man nur die Wut im Zaum zu halten.

DIDO: So will ichs halten, Schützerin der Ehe,
Daß ich den Meinen Raum und Grund gewinne,
Beherzt, gewitzt, und wie ich dich verstehe,
Abwartend wie vor ihrem Netz die Spinne.

JUNO: Man wird dich weise nennen und verehren,
Doch wird man dir auch drohn und dich versuchen,
Nicht alle Götter halten mich in Ehren,
 

 

13
 
Und manche Schönheit wird mich dir verfluchen.
Es wird nicht leicht die Treue deinem Stamme,
Doch kann die Ehre kein Refugium finden,
So sei dein Heimgangstor zu mir die Flamme,
Die loh, dich jedem Frevel zu entwinden.

DIDO: Nimm meinen Eid, o Göttin, freudenhellste,
Wehrt Macht, daß deine Sklavin leb getreuer.
So wähl ich, eh ein Frevler auf mir wälzte,
Den kühnen Sprung in deines Herdes Feuer.

JUNO: Du bist erwählt mir über tausend Jahre,
Und deine Feinde werde ich vernichten,
Und dreimal tausend Jahr weint an der Bahre,
Wem Barden von Gewalt und Sturz berichten.
(Verschwindet. Man hört Möwengeschrei.)


Zweite Szene
Dido, Anna.

DIDO:
Dies ist ein großer Tag nach Schmach und Schande,
Die höchste Göttin schirmt vertriebne Treue,
Es ist nun Zeit, daß ich mich nah dem Lande,
Und mich an dem Gedeihn der Seefahrt freue.

ANNA:
O Dido, man schaut Land, es schrein die Möwen,
Ich zag und freu mich, hin und her gerissen,
Vielleicht gibts Elefanten hier und Löwen,
Die Stunden trödeln so im Ungewissen.
 

 

14
 
DIDO: Ob wilde Tiere, Schlangen und Skorpione,
Die Göttin gab mir Kraft für eine Gründung,
Mein Steuermann trägt seines Faches Krone,
Er führt uns sicher in die Hafenmündung.

ANNA: Mir träumte diese Nacht von unserm Bruder,
Er drohte uns mit einer Ruderflotte,
Er nannt mich Räuberin und freches Luder,
Und klagte über uns beim Meeresgotte.

DIDO: Neptun wird diesen Tobenden nicht hören,
Ein Greul ist dem Olymp ein solcher Raser,
Wer gottlos sich vom Golde ließ betören,
Spürt Gram des Himmels bald in jeder Faser.

ANNA: O Dido, sind die Götter nicht auch neidig,
Und schmücken sich mit Kränzen, mit geraubten?
Mag Venus nicht die Daunen, hell und seidig,
Und Jove thront im mühevoll Belaubten?
Kann denn ein Gott, dem alles zu Gebote
Ermessen, was es heiße, nackt zu fliehen?
Weiß denn Ambrosia was vom harten Brote,
Von Kindern, die nach ihren Müttern schrieen?
Und ist nicht Himmel blind in einem Punkte,
Daß Ungewißheit kann er sich nicht denken,
Grad wie das Schwert, daß sich ins Leben tunkte,
Nicht ahnt, was dies würd nächstem Sommer schenken?

DIDO: Glaub nicht, im Himmel sei nur eitel Sonne,
Grad Juno trägt das Leid wie alle Frauen,
Sie weiß vom Schatten wohl in ihrer Wonne,
Sonst würde ich ihr töchterlich nicht trauen.
 

 

15
 
ANNA: Ja Juno, doch wird sie gar oft vom Drängen
Des Jove abserviert in Hinterzimmer,
Der den Olymp mit Wolken zu verhängen
Wohl weiß, hat List und große Pläne immer.
Er läßt sich nicht vom Bitten und vom Flehen,
Vom Recht und von den guten Sitten bremsen,
Ihm taugen Mensch und Tier um fortzugehen,
Er tritt heraus aus Schwänen und aus Gemsen.
Drum scheint mir Juno in der Defensive
Kaum in der Lage, unser Recht zu schützen,
Und hörte sie das Leid in Herzenstiefe,
Sie käm zu spät und würde uns nichts nützen.

DIDO: Es ist ein Trug zu meinen, daß den Flinken,
Die alles überstürzen und durchlärmen,
Gehör die Welt, daß Schweigende versinken
Und sich nur sorgen, jammern oder härmen.
Das Schweigen, das Beharren auf dem Rechte,
Schafft erst den Quell, zu sprudeln und zu walten,
Drum schau zuerst und immer auf das Echte
Und such die Wahrheit immer im Uralten.

ANNA: So hätten wir nicht fliehn solln das Verbrechen,
Die Heimaterde, unsrer Väter Erbe,
So ist es falsch, in offne See zu stechen,
Daß man allein und als Gebannter sterbe?

DIDO: Die Heimat ist nicht dorten, wo mein Gatte
In Bruders Messer röchelte, erstickte,
Noch nie ich eine andre Heimat hatte,
Als die, dahin mich Junos Segen schickte.
Du wirst es schauen, blühend und gedeihend,
 

 

16
 
Das Land, das Juno hat uns auserkoren,
Wirst froh sein, dich dem Jubilieren weihend,
Denn ohne sie bist überall verloren.

ANNA: Du bist die ältre, weise und erfahren,
Dein Mann hat dich begabt mit neuem Schauen,
Ich unterlieg im Mute wie an Jahren,
Mit ists bestimmt, der Schwester zu vertrauen.


Dritte Szene
Dido, Anna, Timon.

TIMON: Heil ruf ich zu den königlichen Schwestern,
Gerefft die Rah, zum Riemen rief die Flaute,
Die stille Bucht, ich roch sie fast schon gestern,
Bis ich sie in der Morgensonne schaute.
Gleichwohl es scheint, wir sind nicht sehr willkommen,
Die Eingebornen schwingen wild die Speere,
Ich lasse nun den großen Häuptling kommen,
Daß er der Herrin selbst erweis die Ehre.
Dann wird sich ein Vertrag wohl trefflich fügen,
Großzügig seid nicht mit dem Huldgeschenke,
Denn augenscheinlich ists, ich müßte lügen,
Wenn ich die Leut hier als verwöhnt mir denke.

DIDO: Hier weiß man nichts von Sidon und von Tyrern,
Und nichts von den Geheimnissen der Schnecken,
Ich denk, es schmeichelt den lokalen Führern,
Zu opfern eine von den Purpurdecken.
Das hält er dann für eine Königskutte,
Daß ihm das Land dagegen nichts als Steppe,
 

 

17
 
Wenn er stolziert wie eine Hagebutte,
Krieg ich das Land, darein ich Schätze schleppe.

TIMON: Die Kolonie wird billig und gediegen,
Der Hafen schafft uns weitste Perspektiven,
Wer mittut, kann hier ein Vermögen kriegen
Und Herden, die vom Fette nur so triefen.

ANNA: Ein Glaskelch wär gewiß auch recht betörend,
Noch eignet sich dies nicht für Tölpelhände,
Es wär gewiß die Freundschaftsfeier störend,
Gäbs Klirren und die Scherben hier am Ende.
Gewiß weiß nicht, daß nur noch aufzufegen
Uns bleibt, wird diese Kostbarkeit gestoßen,
Wem nur die Höhle Schutz vor Sturm und Regen,
Er sei nicht so geadelt von den Großen.

DIDO: Die Decke ist zwar klein, jedoch als Flagge,
Kann sie wohl taugen, daß die Wilden staunen,
Und frönt der Häuptling erstmal seiner Macke,
So bessern auch die andern ihre Launen.
Die Göttin wills, so wird es uns gelingen,
Wir tragen die Kultur ins Primitive,
Wer sich die Ohren schmückt mit Pappelringen,
Will nicht dem Lande, daß es weiterschliefe.
(Lärm im Hintergrund)

TIMON: Ich glaub, der Trupp, den ich zu Lande sandte,
Ist schon zurück, auch läßt der Lärm mich hoffen,
Daß sich der Häuptling mit Gefolg ermannte.
Nun gilts, daß er den Frauenwünschen offen.
 

 

18
 
Vierte Szene
Dido, Anna, Timon, Jarbas, Joel,
Berber, Kolonisten.

JOEL: Ich bin der Mundschenk dieses Berberfürsten,
Und ich versteh die Sprachen aller Länder,
Ihr seid nicht grade das, wonach wir dürsten,
Denn ich erkenn das Schiff und die Gewänder.

JARBAS (in einer offenbar für die anderen unverständlichen Sprache zu Joel):
Was soll das, Weiber, will man mich verkohlen?
Ich soll hier mit dem Unterleib verhandeln?
Ich denk, die solln die bösen Geister holen,
Eh sich vor Wut entzünden meine Mandeln.

JOEL (zu Jarbas in Landessprache):
Wir wollen sehn, was diese Flittchen bieten,
Es gibt bei solcher Ankunft ja Geschenke,
Ich hielt für gut, man prüfe diese Nieten,
Eh man sie ohne Federlesen henke.
(zu Dido allgemein verständlich):
Mein Herr fragt, welch Begehr zu dieser Landung
Bewog und wo der Mann des Damenpaares,
Hier üblich ist die Plünderung der Strandung,
Drum wünscht er ein Erklärungswort, ein klares.

DIDO: Wir hörten von der Gastlichkeit der Berber,
Und ein Geschenk befahl uns unsre Güte,
Die Schwester fand noch nicht den rechten Werber,
Und meinem wards, daß Pluto ihn behüte.
 

 

19
 
JOEL (zu Jarbas in Landessprache)
Sie sagt, die Kleine sei als Jungfrau läufig,
Sie selber sei verwitwet und geschieden,
Ich find, solch Gaben sind gar wenig häufig,
Grad wie die Äpfel von den Hesperiden.
(Jarbas nickt, weiter zu Dido):
Ich nehme an, ihr wollt euch hier vermählen,
Wir haben hier gewiß gestandne Recken,
Und ziert ihr euch nicht lange, wen zu wählen,
So dürft ihr eure Bäuche bald verstecken.

DIDO: Die hohe Eileithyia, die uns sandte,
Läßt euerm Häuptling Purpur angedeihen,
Dies ist im Wolkenmeer die anerkannte
Bekrönung, daß die Träger göttlich seien.
(Sie reicht Jarbas einen Purpurschal. Der läuft zu einer Rotweinpfütze aus der ersten Szene und bewundert sich. Joel läuft ihm nach und versucht ihm klarzumachen, daß er den Wert überschätzt. Jarbas gibt Joel eine Ochsenhaut.)

JOEL (zu Dido):
Der Herr ist ganz verzückt, nun wagt zu sagen,
Was wollt ihr, daß das Berbervolk euch schenke,
Ich könnt die Kleine ja ganz gut vertragen,
Und mit der andern ich den Herrn nicht kränke.
Der hochgestochne Schwatz kann ja nicht stören,
Von fremder Sprache Kenntnis unbelastet,
Und selbst ein Fluch, den man nicht weiß zu hören,
Hat selten eine Würde angetastet.

DIDO: Wir brauchen Land, um unverzagt zu nisten,
 

 

20
 
Und auszuüben Handel und Gewerbe,
Ein Eiland, karg für unsere Lebensfristen,
Gern die ins Meer hervorgestreckte Scherbe.

JOEL (bespricht sich leis mit Jarbas und wirft dann die Ochsenhaut vor Dido hin):
Grad das, was diese Ochsenhaut umschlingen
Euch kann, sei euch zur Landung angeboten,
Und traut euch drübernaus nach weitern Dingen
Nicht auszustrecken eure schmutzgen Pfoten.
(Die Kolonisten greifen nach ihren Schwertern und murren. Die Berber stampfen mit den Speeren auf.)

DIDO: Nur Ruhe in der Runde, diese Gabe
Ist kostbar und viel mehr als ich begehrte,
Euch danksagt meine Seele bis zum Grabe,
Und meinen Ring erhalt der Hochgeehrte.
(Sie zieht einen Ring vom Finger und reicht ihn Jarbas. Der steckt ihn sofort an seinen Finger und läuft davon. Die Eingebornen sind etwas verwirrt und laufen ihm dann hinterher.)


Fünfte Szene
Dido, Anna, Timon, Kolonisten.

ANNA: Was war das für ein heller Ring, o Teure,
Der war gewiß zu wertvoll für die Bande,
Verschenkst du Schwester Schätze ungeheure
Und handelst dafür ein nur Schimpf und Schande?

DIDO:
Nein Schwester, dieser Ring war Messingplunder,
 

 

21
 
Der Jarbas wird dies sicher auch bald merken,
Doch schien mir hier die Stimmung voller Zunder,
Da gilts, mit Zeit das Eigene zu stärken.
Die Ochsenhaut, zu Fäden aufgeschnitten,
Faßt manche Klippen, die als Stützpunkt taugen,
Und strahlen Macht und Gold aus dieser Mitten,
Sind Könige nur wir in allen Augen,
Der Häuptling mag mit seinem Schale wedeln,
Und suchen in dem Ring nach Zauberkräften,
Wir werden weithin die Kontakte fädeln,
Bereichern uns in Handel und Geschäften.
Der Hafen, den die Ochsenhaut gewonnen,
Er heiße Byrsa, sei der Juno Anker,
Ich weiß, sie bleibt uns weiter wohlgesonnen,
Und das Vermögen wird gewiß nicht schlanker.

ANNA: Der Jarbas wird gewiß sehr bald erkennen,
Daß ihn betrog das unverhoffte Nutzen
Der Ochsenhaut, wenn wir sie so zertrennen,
Wird er die Gabe bald empfindlich stutzen.

DIDO: Ich hab noch manches Kleinod, ihn zu trösten,
Ihm vorzugaukeln, ihm geschähs zum Glücke.
Es halten sich die Männer für die größten,
Die windelweich vor Weibes List und Tücke.

TIMON: Wir hättens wohl geschafft, die frechen Gäste
Zu stürzen in des Neptuns blaue Fluten,
Doch solcherart erbaut man nicht Paläste,
Das Weib läßt Feinde segensreicher bluten.
Was wär gewonnen, hätten wird geschunden
Den Häuptling, wieder Spiel zu sein den Winden,
 

 

22
 
Es hilft nichts, oft den Erdkreis zu umrunden,
Man muß sich niederlassen und sich binden.

ANNA: Ja Juno preist, sie gab der Schwester Stärke
Und Mut, der Gabe Hinterlist zu schauen,
Ein Schönheitsfehler liegt im Gründerwerke,
Doch anders ward nie eine Welt zu bauen.

DIDO: Die Göttin lehrte mich die Frauenwege,
Sie stand mir bei im Bangen und im Siege,
Drum sehnt euch stets nach ihrer hehren Pflege,
Denn ohne sie gibts nur die leere Wiege.
Was sie verheißt, soll eurer Tatkraft frommen,
Ihr Segen schafft euch Ernte und Gewinne,
Es wird der Ruhm auf eure Erben kommen,
Bleibt ihr der hohen Frau im Herzen inne.
Doch stets bedenkt, ich hab mich eines Eides
Bedient, sie so gewogen uns zu machen,
Wir sind Gefeite aller Scharn des Leides,
Halt ich nicht ein, beim Geist des Herrn zu wachen.
Die Treue, die ich schwor dem toten Gatten,
Sie lasse mich nicht zweifeln oder schachern,
Und sollte je die Ehrbarkeit ermatten,
Gehört mein Werk den Spöttern und den Lachern.
Ich kann, wenn man mir droht, mich zu vermählen,
Nur Zuflucht finden in den Flammengluten,
Daß sie die Haut von meinem Leibe schälen,
Den Schatten dann der Göttin zuzumuten.
Drum wisset, mag die Schwester auch dem Manne
Sich fügen und das wahre Glück erfahren,
Für mich gibts keinen Ausweg aus dem Banne,
Ich würde mich der Göttin offenbaren.
 

 

23
 
TIMON: Wir werden eure Ehrbarkeit beschützen,
Der Geist des Gatten sei uns unvergänglich,
Wir werden euern Eid nach Kräften stützen,
Die Göttin rühmen, hell und überschwenglich.

ALLE KOLONISTEN:
Wir treten in das Land, das ward gegründet
Vom Treusinn einer Frau, die nur zu loben,
Die Tatkraft mit Gehorsam sich verbündet,
Und drüber wach die große Juno oben.
Wir werden niemals zweifeln und vergessen,
Daß nur das Opfer kann die Götter locken,
Drum werden wir nicht ohne Beten essen,
Daß Didos Gatten gelte jeder Brocken.
Wir werden niemals trachten neu zu paaren
Die Herrin, die beschämt mit ihrer Tugend,
Wir sprechens stets und also wird verfahren
Im neuen Lande eine neue Jugend.
 

 

24
 


ZWEITER AUFZUG
Der Schloßgarten von Karthago. In der Mitte ein mächtiger Feigenbaum, im Hintergrund eine Grotte.

Erste Szene
Dido, Timon.

TIMON: Ich grüß die Herrin glücklich und zufrieden,
Die Flotte wächst, die neuen Ruderschiffe,
Sie haben uns die Meeresmacht beschieden,
Sie trotzen jedem Strudel, jedem Riffe.
Grad kam das Korn Sizilien-her gefahren,
Die Ladung wird gelöscht in Windeseile,
Wir wachsen und wir mehren uns mit Jahren,
Uns schreckt kein Sturm und keine Hafenmeile.
Der Krieg verdrießt uns an den Dardanellen,
Der Weg nach Kolchis heischte stets Gebühren,
Zu Lotsen, Wegzoll nun sich Schutztrupps stellen,
Denn anders ist dort nicht ein Schiff zu führen.
Seit Jahren wird dort hin und her gefochten,
Zum Ärger der Vernunft und der Geschäfte,
Die Griechen, die auf eine Dame pochten,
Sie scheuen keine Opfer, keine Kräfte.

DIDO: Wer ist die Frau, daß Männer sich verheeren,
Wie wird das Recht von Griechenland begründet?

TIMON: Des Menelaos Weib in Königsehren
Zu Sparta, wo der Strom Eurotas mündet.
Die Helena, wie Lakedaimons Frauen
 

 

25
 
Voll Stolz und eigensinnigem Betragen,
Man sagt, daß sie sich manches Wagstück trauen
Zu Pferde oder gar mit eignem Wagen.
Der Paris, der Trojanerprinz, die Dirne
Entführte aus dem kriegerischen Fasten,
Darüber streiten jetzt schon die Gestirne,
Weil Griechen solche Sitten gar nicht paßten.

DIDO: Es ehrt die Griechen, daß zum Schutz der Ehe
Ein großes Heer kommt auf und will nicht weichen,
Dies muß, wenn ich die Sache richtig sehe,
Der Juno einem Preisgesange gleichen.

TIMON: Ich glaub, die Sache ist nur vorgeschoben,
Das Unglück eines Ehemanns kann selten
Die Kreise ziehn, daß Völkerschlachten toben,
So etwas tut sich nur in Dichterwelten.
Der Reichtum Trojas in strategscher Lage
Ist schnöder Grund für diese Schlächtereien,
Doch macht sichs besser für die Totenklage,
Daß schöne Frauen Grund des Tötens seien.

DIDO: Dies mag so sein, doch ist dem Steineschieben
Auf Erden stets ein Hintergrund verbunden,
Die Götter, die die große Geste lieben,
Entzünden sich oft an sehr kleinen Wunden.

TIMON: Ja bitter ist das Ringen dort am Hügel,
Man trieb die Griechen schon hinab ins Wasser,
Patroklos nahm Achilles Zaum und Zügel
Und sorgte, daß der Angriff nicht noch nasser.
Der große Hektor, welchen Phoebus leitet,
 

 

26
 
Zerschlug mit einem Stein die Festungstore,
Den Myrmidonen ward das Aug geweitet,
Da Hektor zeigt, wie man die Speere bohre.
Patroklos fiel, Achills Gewänder tragend,
Und Troja jubelt, da der Angriff stockte,
Doch diese Kunde zu Achilles tragend,
Den Heros jener Tod des Freundes schockte.
Nun schritt er und entsagte allem Schmollen
Zur Walstatt, daß selbst Hektor mußte fliehen,
Und dreimal um die Mauer ging das Tollen,
Bis da Minerva zwang, das Schwert zu ziehen.
Und Hektor starb und bat da sterbend bitter,
Den Leichnam an die Stadt zurückzugeben,
Doch zum Entsetzen Freunds und Feinds und Dritter,
Mißhandelte Achilles den Epheben.
Er bohrte in die Ferse einen Haken
Und schliff die Leiche um das Grab des Lieben,
Die Haut zerriß wie ein zerfetztes Laken,
Bis Priamus er gab, was noch geblieben.
Die Raserei erfüllte mit Entsetzen
Die Götter, die da auch nicht glimpflich walten,
Ihr Ebenbild zerfleischte sich zu Fetzen,
Und Himmels Kampflust mußte so erkalten.
Aeneas ist nun Hoffnung der Dardaner,
Seit Hektor fiel, ist er der hehrste Streiter,
In Trauertagen schweigen die Trojaner,
Doch fürcht ich, dieser Kampf geht bald schon weiter.

DIDO:
Solch Leid wird einst auch unserm Sprengel blühen,
Die Städte wachsen und damit die Neider,
Und Tod und Elend sind die Frucht der Mühen,
 

 

27
 
Und Schimpf und Häme sind die Zeugen beider.
Als ich die Stadt uns gab für eine Stunde
Der Welt, war ich des Spruchs der Göttin inne,
Von Feindschaft und von Drangsal gab sie Kunde,
Von Drohung und von höchst verderbter Minne.
Mag Menelaos Gram euch wenig scheren,
So glaubt doch, daß die Ehre meines Gatten,
Für mich die hehrste bleibt von allen Ehren,
Mir ists, als ging ich grad ihn zu bestatten.

TIMON: Verzeiht, sang ich Aeneas, als begehrte
Ich euer Aug auf seinen Glanz zu lenken,
Mein Schmerz, daß Hektor Proserpin beschwerte,
Läßt mich ihn kühn und unvergleichlich denken.
(Ab.)


Zweite Szene
Dido, Venus.

DIDO: Das furchtbare Gemetzel, das mein Meier
Und Steuermann mir plastisch und voll Leben
Geschildert ohne Trostgebet und Leier,
Muß meiner Kühnheit sehr zu denken geben.
Ich bin erschöpft und will ein bißchen ruhen
Im Schatten dieser fruchtbeladnen Feige,
Zwar wäre viel zu richten und zu tuen,
Doch dieser Tag geht ohnehin zur Neige.
(Sie legt sich unter den Baum. Die Bühne verdunkelt sich langsam. Dann richtet sich ein Scheinwerfer auf die Schlafende. Gleichzeitig erscheint im Licht eines zweiten Scheinwerfers Venus im wallenden Nebel.)
 

 

28
 
VENUS: Wer hart sich bettet unterm Feigenbaume,
Ist wert, daß sich die Liebe selbst erbarme,
Für solche bin ich leiblich da im Traume
Und nehme sie in meine weichen Arme.

DIDO: Was führt die Hohe in bescheidnen Garten,
Was mischt sie meinem Traume ihre Stimme.

VENUS: Ich habe mir erlaubt, euch aufzuwarten,
Da mir die Feindin arg in ihrem Grimme.
Mein Sohn Aeneas floh, da Troja brennend,
Mit dem Palladium huckepack den Vater,
Wo Kreusa, seinen Namen nicht mehr kennend,
Sich fortstahl in ein anderes Theater.
Ihn sehrte wund das Schwert des Diomedes,
Ders wagte, selbst an mir sich zu vergreifen,
Ich trug den Sohn zum Schatten des Geheges
Des Pergamus in einem Nebelreifen,
Den hauchte Phoebus dicht um Sohn und Mutter,
Daß dann Diana und die Palmenfrohe,
Den Wunden pflegten, der nun hell wie Butter,
Da abfiel alles Grindige und Rohe.

DIDO: Ist Troja, das belagerte, gefallen?
Wie kams zu dieser unverhofften Wende?

VENUS: Die Griechen und Ulixes, frech vor allen,
Sie reiben sich in Kumpanei die Hände.
Erst holten sie von Herkules den Bogen
Mit Philoktet, der ihn gewann vor Zeiten,
Dann sind sie listig scheinbar abgezogen,
Zurückblieb nur ein Roß in den Gebreiten.
Das Roß schien hehr dem Laomedoniden,
 

 

29
 
Von Holz sollt es den Himmlischen gefallen,
Und Troja nahms und wähnte sich im Frieden,
Doch Diomed erhob daraus die Krallen.
Er öffnete mit seinen Spießgesellen
Die Tore, die nur schwach bewacht, von innen,
Die Griechen konnten uns im Schlafe stellen,
Und mancher starb, bevor es tagt, im Linnen.
Der Morgen sah das Blut in allen Gassen,
In Troja, das man einst das goldne nannte,
Versperrten Weg und Flucht die Leichenmassen,
Und der Palast des Priamus, er brannte.

DIDO: Entkam Aeneas diesem wüsten Sterben,
Dem Feuer und der Stadt voll Schmerz und Jammer?

VENUS: Ich führte ihn aus Unheil und Verderben,
Und Jove stand mir bei mit seinem Hammer.
Denk Dido, diese List beschämt die Götter,
Ein Opferstück als Waffe zu gebrauchen,
Dies sind des Heilgen allerärgste Spötter,
Zu Pluto solln sie unbeweint verhauchen.
Mein Sohn ist nun, wie du einst, auf dem Meere,
Und Stürme spielen Pingpong mit dem Guten,
Ich leid es nicht, daß er sich so verzehre,
Das Mutterherz hört nicht mehr auf zu bluten.

DIDO: Warum erfahr ich früher als durch Boten
Die Nachricht, die bedrückend jedem Lande,
Was kann ich tun für den vom Meer Bedrohten,
Wozu bin ich, ein schwaches Weib, imstande?

VENUS: Ich habs gefügt, mein Sohn wird diesen Hafen
 

 

30
 
Erreichen, wo er Trost und Sorg erbittet,
Drum hütet ihn vor Kriegern und vor Sklaven,
Als ob ihr wie die Mutter für ihn strittet.

DIDO: Ich will gern tun was not und was gefällig,
Ich sende Timon gleich hinab zum Kaie,
Er nannt den Helden hehr und sehr gesellig,
Ihm wird es leicht, daß er der Pfleg zu weihe.

VENUS: Ich weck euch nun, doch werd ich wiederkehren,
Wenn ihr den Sohn enthobt von allem Argen,
Und haltet ihr mein Augenlicht in Ehren,
So werde ich mit Gaben niemals kargen.
(Venus entschwindet, es wird rasch hell.)


Dritte Szene
Dido, Anna, Timon.

ANNA: O weh, wir hörten, wie im Schlaf dich schreckte
Ein wüster Alp. Gib, Timon, etwas Wasser!

DIDO: Was wohl die Göttin mit dem Traum bezweckte?
Ich bin doch ganz gewiß kein Griechenhasser.

TIMON: Sie ist verwirrt! Hier Herrin ein paar Schlucke,
Die Kühle wird euch guttun nach dem Schrecken,
Die Atmung leidet unterm Magendrucke,
Wagt mans, sich hier alleine auszustrecken.
Der Feigenbaum, gar kühl und nett zu leiden,
Er eignet auch den Mahren und Gespenstern,
 

 

31
 
Kommt rasch ins Haus, dort mögt ihr euch entkleiden
Und ruhen bei den großen offnen Fenstern.

DIDO: Laß gut sein, ich bin etwas nur verschlafen,
Ich hab mich bald schon wieder in Kontrolle,
Ihr müßt jetzt gleich hinuntergehn zum Hafen,
Mir träumte, daß es so geschehen solle.

ANNA: Ach, Träume, Hafen, Dido, du mußt ruhen
Im Haus, wo keine Mahren und Dämonen,
Ich werd dich jetzt befrein von deinen Schuhen,
Laß ab von Wurzeln und von Schattenkronen.

DIDO: Nein Anna, deine Sorg ist unberechtigt,
Ich bin ganz klar im Kopf und in den Beinen.
(Sie geht ein paar Schritte im Kreis.)
Wer unter solchen heilgen Bäumen nächtigt,
Dem offenbarn die Götter, was sie meinen.
Die Venus nahte aus dem Schlachtgetümmel
Von Troja, das nun brennt und ist gefallen,
Denn Arges tut sich, während ich hier lümmel
Und Überspanntheit scheint es euch gar allen.

TIMON: O weh, ich ahnt es, Hektor und nun dieses,
Die goldne Stadt geplündert und geschunden,
Warum gibts auf der Welt nur so viel Mieses,
Und Menschen rauben mit der Gier von Hunden.

DIDO: Aeneas ist geflohn mit Joves Gnade,
Die Venus kam, es mir im Traum zu melden,
Sie wies ihm unsre friedlichen Gestade,
Drum heißt willkommen den Dardanerhelden.
 

 

32
 
TIMON: Ich eile, froh des unverhofften Gastes,
Er mög sich ganz zuhause bei uns fühlen,
Die Göttin sagts und also trefflich paßt es,
Nie hörte man von holderen Asylen.
(Ab.)

ANNA (schwärmerisch):
Er wird uns bald schon kehren mit dem Helden,
Von dem die Sänger viel zu sagen wissen,
Sie werden auch von unserm Heime melden,
Daß wir geflickt, was falb war und zerrissen.

DIDO: O Anna, dies ist eine ernste Sache
Von Krieg und Not und Götterstreitereien,
Da ist es gut, wenn ichs alleine mache,
Sonst muß ich dich des Unbedachten zeihen.
Geh rasch ins Haus, eh Timon kommt zurücke,
Ich werde dir Aeneas lebhaft schildern,
Gar oft ruft Neugier nur herbei die Tücke,
Kehr lieber zu den pergamentnen Bildern.

ANNA: Nein Dido, nicht ein Kind, ein unbelecktes,
Bin ich, ich bin schon übers Meer gefahren,
Ich will sein Antlitz schaun, sein unverdecktes,
Daß Phantasie berichtigt sei vom Wahren.

DIDO: Das geht nicht, Liebes, denn das Land vertreten,
Muß ich allein und nicht im Kollektive,
Sei drum nicht lang um Einsicht hier gebeten,
Sonst ist der Eindruck unsres Gasts der schiefe.

ANNA: So laß mich auf dem Baume im Geäste
 

 

33
 
Belauschen wie man tut bei Diplomaten,
Nimm bitte Schwester mir nicht fort das Beste,
Erfahren möcht ich von Dardaner-Taten.

DIDO: Nun gut, mir ist nicht wohl dabei, doch sei es,
Wohl oder übel mag ich mich dreinfinden,
Doch wenn ich hör die Ahndung eines Schreies,
Werd ich mit ihm ein andres Eckchen finden.
Du mußt dich da von jedem Mucks enthalten,
Ich dulde nicht den Argwohn von Spionen,
Ich werde, wie gesagt, woanders walten,
Willst du die Huld mit grobem Undank lohnen.
(Anna steigt auf den Baum und verbirgt sich.)


Vierte Szene
Dido, Aeneas, Askanius.


DIDO: Kaum ist sie weg, da nahen schon die Gäste,
Dies ist ein Tag mit eng gestrickten Maschen,
Im Auge sind vom Schlafsand mir noch Reste,
Ich kam nicht mal dazu, mich früh zu waschen.

AENEAS: O Fürstin, die mir Timon wohl empfohlen,
Ich danke euch für Speis und Trank am Hafen,
Die Dürre schlug schon Spalten in die Bohlen,
Wie gut, daß wir beherzte Hilfe fanden.
Dem Vater war der Aufstieg zu beschwerlich,
Er weidet sich am Anblick der Lagune,
Der Timon sprach, ihr schautet recht begehrlich
Und wäret doch die Minnemacht-Immune.
 

 

34
 
Mit eignen Augen schau ich nun die Schöne,
Die ganz gewiß recht viele Männer preisen,
Doch daß ich ihre Gattentreue pöne,
Will ich mit allem Nachdruck von mir weisen.
Ich hege für euch eines Sohns Gefühle,
Der arg gestrandet kehrt aus bösem Spiele,
Und bin beglückt und dankbar dem Asyle,
Von solchen hats auf dieser Welt nicht viele.
Mein Sohn, der aufwuchs zwischen Blutvergießen
Mög hier des Friedens Wohlstand kennenlernen,
Wo Feigen stehn und kühle Brunnen fließen,
Da steht das Beste in den Wandelsternen.

DIDO: Ich danke sehr für eure Komplimente,
Ich hoff, ihr findets an dem Hang gemütlich,
Dem Göttersohn gewähr ich gerne Rente,
Ich hoff, die seinen tun sich daran gütlich.
Wir möchten mit den Göttern allen Frieden,
Unachtsamkeit macht leicht sie unbehaglich,
Daß Segen uns und ein Gedeihn beschieden,
Das haben wir nicht klagbar und vertraglich.

AENEAS: Ich will für euern Hof und eure Küste
Und auch die Schiffe, die da fahrn und landen,
Erflehen Glück und allerschönste Rüste,
Die Feinde eurer Wohlfahrt sein zuschanden.

DIDO: Ich steh im Eid, doch darf ich euch wohl sagen,
Daß nie ein Recke macht das Herz mir frischer,
Ihr scheint ein Anfang von gewognen Tagen
Und aller Schrecken gütiger Verwischer.
 

 

35
 
AENEAS: Solch hohes Wort ist neu für meinen Panzer,
Und gibt dem Herzen Hoffnung zu gesunden,
Ihr scheint mir eines zarten Kräutleins Pflanzer,
Das ranken will und Freundeshuld umrunden.

ASKANIUS:
Wenn mir erlaubt, hier dreist hereinzuplatzen:
Ich such hier nicht nur Frieden, Ruh und Futter,
Ich such ein Haus mit Mäusen und mit Katzen,
Und mittendrin steht eine gute Mutter.
Die Dame, Vater, hat ein liebes Lächeln,
Ich würde gerne ihrem Arm vertrauen,
Um nicht mehr hilflos in den Wind zu fächeln
Und dem Verlornen müde nachzuschauen.

AENEAS: Großmutter soll sie sein, mein lieber Junge,
Auch wenn sie Jugend zeigt in allen Reizen,
Scheint sie dir Mutter, beiß dir auf die Zunge,
Denn du sollst fürder mit dem Worte geizen.

ASKANIUS:
Das kann ich nicht verstehn und nicht begreifen,
Ihr sagt doch, daß die Dame euch gefalle,
Warum noch weiter durch die Meere schweifen,
Wenn hier das Beste rumsteht für uns alle.

AENEAS: Verzeiht o Fürstin, nicht vorauszusehen,
War dieses Knaben unverhoffte Meinung,
Euch sei beteuert, davon auszugehen,
Daß ich erstreb die völlige Verneinung.
(zu Askanius):
Nun schweige, Bub, denn es ist höchst gefährlich,
 

 

36
 
Zu schwatzen, wenn die Dinge nicht begreiflich,
Dein Widerwort war töricht und entbehrlich,
Drum überlege, eh du redest, reiflich.

DIDO:
Macht euch nicht Sorg, ich habe kaum vernommen,
Was diesem Kinde Ziel der wirren Rede,
Doch sollten wir jetzt rasch zum Abschluß kommen,
Geklärt ist doch der offnen Fragen jede.

AENEAS: O ja, ich wollt euch einzig herzlich danken,
Die Kleinigkeiten klärt ja der Verwalter,
So viele Blüten kommen, gehn und kranken,
Doch eure bricht gewiß kein Menschenalter.
(Mit Askanius ab.)

DIDO: Dies war gefährlich und nicht ohne Klippe,
Ob alle ich umschifft, ist nicht zu sagen,
Dies ist ein Trunk, wenn ich nur daran nippe,
Würd ich des Kelches Grund zu schauen wagen.
Ich geh ins Haus, die Nerven sind zerrüttet,
Und hoffentlich gibts keine neuen Träume,
Ich werd mit Wahn und Sehnsucht zugeschüttet,
Vielleicht ist wirklich alles Fluch der Bäume.
(Ab.)


Fünfte Szene
Anna, Timon.

ANNA (steigt vom Baum und geht im Kreise):
Ich weiß nicht, wag ichs oder laß ichs laufen,
 

 

37
 
Noch nie war ich so wundersam benebelt,
Ich durfte auf dem Aste nicht mal schnaufen,
Doch nun scheint alle Furcht wie ausgehebelt.
Was für ein Mann, so herrisch und verhalten,
Man sieht, die Augen sahen viele Länder,
Er hat vom Zauber, den die Eltern schalten,
So viel, daß man nicht ahnen kann die Ränder.
(Pause.)
Ich weiß nicht ein und aus und find nicht Ruhe,
Mir kriecht der Schweiß wie Schaum aus jeder Pore,
Ich weiß, es ist gefährlich, was ich tue,
Ich schau ihm nach vom Wachturm bei dem Tore.
(Sie verschwindet, kommt betrübt zurück):
Der Meeresdunst hat ihn schon längst verschlungen,
Auch hörte ich kein Horn als Lebenszeichen.
Was soll das werden in den Dämmerungen,
Wenn lange Schatten durch den Garten schleichen?
Ich höre Timon – wird er mich befragen?
Mir schwindelt, wenn ich diesen Wahn bedenke,
Ich werde Wahrheit ungefärbt nicht sagen –
O weh, ich denk der Arme, der Gelenke!

TIMON: O Anna sprecht, wo ist die Fürstin grade,
Ich wüßte gern, ob sie erfreut vom Gaste.

ANNA: Ich sah sie eben pflegen sich im Bade,
Sie wird wohl schlafen drinnen im Palaste.
Der Tag war voller wechselnder Gefühle,
Ein Traum stieß sie zum Brennpunkt der Geschichte,
Gefühle, dunkle, fährliche und schwüle,
Und nun ist sie am Ende ganz zunichte.
 

 

38
 
TIMON: Es ist nicht gut am Feigenbaum zu liegen,
Die Seele treibt dort weit ins Reich der Schatten,
Sie wird zuletzt noch Depressionen kriegen,
Sucht sie nur immerfort nach ihrem Gatten.

ANNA: Ich glaub nicht an die Hexenmacht der Feige,
Die Venus kommt, wenn Frauenherzen schreien,
Behalt für dich, wenn ich dir nicht verschweige,
Sie liebts schon lang, sich solchem Traum zu weihen.

TIMON: Unfaßbar! Ist die Keuschheit eine Larve,
Die sie uns pflegt, Unfehlbarkeit zu gaukeln,
Sind ihre Träume schummrige und scharfe?
Läßt sie von Amor sich im Schlafe schaukeln?

ANNA: Verwunderlich ists nicht bei ihren Pflichten,
Sie schaut im Alltag nur die stärksten Mannen,
Und dachten etwa Schmachten und Verzichten
Demiurgen, da sie einst das Weib ersannen?

TIMON: So sagt, wie wars, da sie Aeneas schaute?

ANNA: Ich übte die Methode des Gesindes
Und lauschte, weil ich dieser Sach nicht traute,
Und weiß, allein das Störende des Kindes,
Hielt sie noch ab zu schmusen und zu herzen,
Ihr Herz, gleich einem Hammerwerke pocht es.
Die Frauen ähneln oft geraden Kerzen,
Erfährt man nicht die Windungen des Dochtes.

TIMON: Und warum ruht sie jetzt in ihrer Kammer?
 

 

39
 
ANNA: Ihr wißt doch, daß die Venus sie im Traume
Berät wie man begegne solchem Jammer.
Sie sagt gewiß nicht: Halt dein Herz im Zaume.

TIMON: Wir müssen uns auf diese neue Lage
Rasch einstelln, denn sonst kann dies bald bedeuten,
Daß sie uns untreu schilt mit lauter Klage,
Und bloßstellt vor dem Gast und vor den Leuten.

ANNA: Als sie grad ging so sagte sie recht leise,
Es wär gewiß zum Nutzen dieses Thrones
Und auch für sie die allerfeinste Weise,
Käm sie zurück und er war bar des Sohnes.

TIMON: Mir wird ganz übel und ich muß euch fragen,
Was ist zu tun, man darf sie wohl nicht drängen,
Was ist zu tun und was ist hier zu wagen,
Daß man nicht fehlt vor ihrem Blick, dem strengen.

ANNA: Sagt dem Dardaner, er mög in den Garten
Zurückkehrn, so als hätt er was vergessen,
Und was ihn dort im Dämmer wird erwarten,
Leicht anzudeuten, scheint mir nicht vermessen.
Sagt ruhig, daß sie erst die Venus fragen
Noch will, wie die Bewirtung angemessen.
Ich hoff, ihr merkt euch, was euch aufgetragen,
Und werdet nicht das Wichtigste vergessen.

TIMON: Ich eile wieder pfeilgeschwind zum Ufer,
Dies ist ein großer Tag in der Geschichte,
So lange war im Wüstensand ich Rufer,
Und nun schreibt Venus selber die Gedichte.
 

 

40
 
Sechste Szene
Anna, Aeneas.

ANNA: Es ist getan, nun wird der Holde kommen.
Mein Traumprinz wird in diesen Garten treten.
Was frag ich nach den Ehrbaren und Frommen?
Ich wart nicht, bis die Reize mir verwehten.
Nicht oft ein Heros landet an der Küste,
Und dieser ist so herrlich, daß ich rase,
Ich täts, auch wenn ichs bitter büßen müßte,
Vielleicht fall ich auch vorher auf die Nase.
(Pause.)
Das Warten macht mich zappelig und kirre,
Schon steigt im Ost das dämmerige Fahle,
Die halbe Stunde ging, wenn ich nicht irre,
Seit ich den Timon schickte rasch zu Tale.
Die Schwester wird mir bloß nicht noch erwachen,
Wenn sie hier auftaucht, ist der Plan vernichtet,
Dann wird man mich als dummes Kind verlachen,
Das ungeschickt auf alles Glück verzichtet.
(Pause.)
Ich höre was, das muß er sein – o Mächte,
Ihr Götter meiner Jugend habt Erbarmen,
Vielleicht ist ja mein Fanggeweb das schlechte,
Jedoch, ach alles fleht nach seinen Armen.

AENEAS: Wie töricht, dieses Kleinod zu verlieren...
Sagt Maid, wo ist die Herrin dieser Blätter?

ANNA: Ich bins, die Baum und Rankendornen zieren,
Vor ein paar Stunden nanntet ihr mich netter.
 

 

41
 
AENEAS: Ich sah euch nie zuvor doch sag ich gerne,
Ihr seid die schönste Blüte der Oase,
Solch Herrlichkeit beneiden selbst die Sterne,
Ich neid es dem, der euch berührt im Grase.

ANNA: Die Venus, eure Mutter, fand es schicklich,
Mein Antlitz eurer Mannheit zu verjüngen,
Sie wandelte die Stute augenblicklich
Zum Füllen, das sich müht zu ersten Sprüngen.
Ich heiße Dido, Gründerin der Stätte,
Und kam von Tyros einst auf Neptuns Wogen,
Ihr sagtet, daß ich viele Preiser hätte
Bei Männern – und ihr habt doch nicht gelogen?
Es kann nicht sein, daß eurer Mutter Mühe
Verächtlich macht, was ihr so hold besungen?
Ists unrecht, daß das Reife nochmals blühe
Und mädchenhaft durchglimm die Dämmerungen?

AENEAS: O Dido, daß die Mutter solche Wunder
Vollführ, war ganz gewißlich nicht vonnöten.
War doch mein Herz entflammbar schon wie Zunder,
Daß es die Sitte kaum vermocht zu töten.
Nun schau ich dich in lieblichstem Erwachen
Und trau mir kaum solch Herrlichkeit zu kosten.
Ich sagte ja, das Alter kann nichts machen,
Weil Gold und Silber nie im Regen rosten.
(Es wird ganz finster. Blitze zucken, Donner grollt. Die Feigenbaum-Kulisse wird fortgebracht und die Grotte in den Vordergrund geschoben. Rotes Licht flammt in der Grotte auf.)

ANNA: Die Elemente toben voll Verlangen,
Dies ist Musik für götternahe Paare,
 

 

42
 
Ab fiel von mir das Schmachten und das Bangen,
Weil ich die Kräfte nur dem Liebsten spare.

AENEAS:
Du bist so wild, ohn Umschweif, ohne Zieren,
Dies ist mir eine ungewohnte Szene,
Doch will ich mich drob lange nicht genieren,
Weil ich dich, Dido, lange schon ersehne.

ANNA: Auch ich bracht Jahre zu im reinen Staunen,
Wenn Timon sprach vom heldenhaften Ringen
Vor Troja, dem des Kriegesschicksals Launen
Aeonenweit Tragödienchöre singen.
Vor diesem Kampfe, hart und ohne Gnade,
Erschien Aeneas als der hellste Streiter,
Den Taten lauscht Diana nackt im Bade,
Proserpina wird dabei froh und heiter.
Die Frauen aller Alter, aller Winde,
Erzählen sich beim Waschen und beim Spinnen,
Ob Adel, Schmiedin, Bäuerin, Gesinde,
Sie träumen, mal ein Quentchen zu gewinnen
Von deiner Kraft, die gleicht dem wilden Eber,
Der angreift und begehrt kein zweites Treffen,
Sie fragen der Orakel Hinweisgeber,
Und träumen, wenn Matrosen Segel reffen.

AENEAS: Die Kraft allein kann Frauen nicht gefallen,
Umfaßt sie nicht den Sinn für Takt und Fließen,
Und weiß der Mann zu lassen und zu ballen,
Gelingts der Frau im tiefsten zu genießen.
Doch ist das Liebesspiel der Menschenkinder,
Nie wie beim Tiere nur Instinkt geschuldet,
 

 

43
 
Ob einer herrsch, befehl und habe Rinder,
Ob einer wachs und heldenmütig duldet,
Es ist der Adel, den man nennt Charakter,
Der Phantasie entzündet und beflügelt,
Denn wer da kommt als Geck und Taten-Nackter,
Der wird von Frauenblicken abgebügelt.

ANNA:
Laß uns nicht länger hier vom Schmause schwatzen,
Die Grotte hat die Mutter hell erleuchtet,
Ich sehne mich nach deinen Löwentatzen
Und spür wie Nektar mir den Nacken feuchtet.
Ich will mich schmiegen an die Heldenrippen,
Und deinen Bart durchkräuseln und behauchen,
Wird weich die See, korallenhart die Klippen,
So wolln wir wie des Pans Gefolge fauchen.

AENEAS: Ich spüre deine Lippen an den Ohren,
Und spüre deine Hand an meiner Seele,
Dein Haar, zum Glück noch niemals abgeschoren,
Bedeckt, was ich nur mühsam noch verhehle,
Laß tiefer dich in diese Grotte führen,
Daß uns nicht schauen Wolkendunst und Blitze,
Dann will ich lebhaft deinen Busen spüren,
Bis ich dich ganz und inniglichst besitze.
 

 

44
 


DRITTER AUFZUG
In Didos Palast. Im Hintergrund eine Fensterfront mit buntbemaltem Glas. Anna, offensichtlich hochschwanger, sitzt niedergeschlagen auf einem Stuhl, Dido läuft nervös auf und ab.

Erste Szene
Dido, Anna.

DIDO: Ich will die Einzelheiten gar nicht wissen,
Ich weiß genug. Es ist auch offensichtlich.
Verschone mich mit den Gewissensbissen,
Du brauchtest den Verstand gar vorgeschichtlich.
Dir ist bekannt, was ich zu dulden hatte,
Da alle Welt mir spottete und höhnte,
Mein Garten wär die rechte Rasenmatte,
Daß Trojas Helden sich der Schmerz verschönte.
Man sprach, der Fürstin Ehrbarkeit und Adel
Seis recht, daß man sie im Vorbeifahrn raubte,
Doch lächerlich sei hier ein jeder Tadel,
Weil ohnehin hier keiner daran glaubte.
Nun sieht man klar, und Venus wirds empören,
Daß noch gerißner als die Schaumgeborne
Ein Weib verfuhr, die Götter werdens hören,
Bei Juno weicht der Segen ihrem Zorne.
Was ich geführt zur Stadt und dann zum Reiche,
Du hasts verspielt als ungezogne Göre,
Und selber wardst zum Schatten und zur Leiche,
Und in den Gassen hör ich Spötterchöre.
Dies alles scheint dich wenig zu bekümmern,
Du schweigst verstockt und gibst dich noch beleidigt,
 

 

45
 
Bei zwiefach Rat befolgst du stets den dümmern,
Und dieser wird von dir auch noch verteidigt.

ANNA: Ich würde, was ich tat, auch wieder machen,
Es ist mein Schicksal und ich trag es gerne.

DIDO: Du willst in mir das Oberhaupt verlachen?
Und glaubst nicht, daß du taube Nuß im Kerne?
Was willst du tun, als alternd zu verwaisen,
Kein Mann wird je ein solches Flittchen freien,
Was mischtest du dem Silber schlichtes Eisen,
Wohl meinend, daß dies rechte Partner seien?

ANNA: Manch einer freit die Frau mit einem Kinde,
Erst recht, wenn dieses Stolz für seine Sippe,
Matronenhaft ich deine Worte finde,
Ich nehm mein Leben nicht auf leichte Schippe.

DIDO: Du lasest viel zu viel die schlechten Dramen,
Selbst dort führt solches meist zur Katastrophe,
Weil sich die Väter oft das Leben nahmen,
Wenn Kinder allzu ungleich sind am Hofe.
Wie soll ein Mann es selbstbewußt ertragen,
Wenn ihm das Stiefkind stets beschämt den Samen?
Wer ist bereit, ein solches Los zu wagen,
Wo viele bald um Glück und Leben kamen?

ANNA:
Mein Sohn wird heldisch tun mit seinem Schwerte,
Ein Thema wird er Mimen und dem Sänger,
Dies ist, was ich in Tyros schon begehrte,
Denn einzig so wirds Menschenleben länger.
 

 

46
 
Als Mutter bin ich nicht mehr Kind und Mündel,
Ich habe teil an Sagen und Legenden,
Ich hab es satt, als Sack in deinem Bündel
Die Jugend und die Hoffnung zu verschwenden.

DIDO: So so, nun gut, wir sprechen später weiter,
Ich suche einen Ausweg zu ersinnen,
Doch ist der Himmel noch so hell und heiter,
Du bleibst für nächste Zukunft hier und drinnen.
(Anna geht ab.)


Zweite Szene
Dido, Timon.

TIMON: O Herrin, ihr befahlt mir gleich zu kommen,
Wenn Anna schlich zurück in ihre Kammer,
Es schien mir jüngst, sie habe zugenommen
In ihrem einsam zugeknöpften Jammer.

DIDO: Es ist nur raus, was dran an dem Geblödel,
Daß ich die Venuskinder hier bewirte,
Ihr wart, Verwalter, hier ein rechter Dödel,
Und nicht wie ich gedacht ein guter Hirte.
Ich hoff, Ihr wollt euch bessern und bewähren,
Seid auf Verdienst aus und aufs Ehrenvolle,
Sonst müßte ich des Aktes Hergang klären,
Und eure schwache Dunkelmänner-Rolle.
Die Anna ist verknallt in den Dardaner,
Sie findet wundervoll, daß sie nun schwanger,
Da wird zum Affen jeder Zukunftsplaner,
Doch vor den Göttern ist mir da noch banger.
 

 

47
 
Die Venus muß als Kupplerin verzagen,
Mir zugedacht hat sie den Part der Minne,
Es ist ein Ding von Wochen oder Tagen,
Daß sie der großen Niederlage inne.
Mir ist da fast noch lieber das Geschwatze
Der Gosse, wo die Heuchlerin mein Titel,
Eh mir die Göttin Aug und Scham zerkratze,
Und mir das Feuer bleibt als letztes Mittel.
Das Klügste scheint mir, etwas Zeit zu schinden,
Wenn Anna im Palaste und verborgen,
Wird sich vielleicht noch eine Rettung finden,
Wenn heute nicht, vielleicht doch übermorgen.

TIMON: Aeneas folgte gleich nach der Affäre
Im Land Italien Phoebus' heilgem Willen,
Gleichgültig ist der Venus jede Zähre,
Und ob da Anna oder Dido stillen,
Es ging nur drum, daß Juno focht mit Winden
Und also sie mit Häme abzulenken,
Dem Helden stands nicht frei sich hier zu binden,
Drum ist die Raschheit ihm nicht zu verdenken.
Tot schlug er jüngst den Turnus, um zu freien
Lavinia, Sproß des Königs der Lateiner,
Dort gilt es eine große Stadt zu weihen,
Was davon fern, beachtet also keiner.
Ich denk, die Sache wird sich rasch verlaufen,
Nur eine Nacht, von Jahren nicht Dekade,
Doch Anna sollt kein Pergament mehr kaufen,
Es wäre sonst um die Prinzessin schade.

DIDO: Dies mag so sein, ich geh auf Nummer sicher,
Acht wohl darauf, daß Anna nicht die Straße
 

 

48
 
Betritt und daß mir nicht der Pöbel kicher,
Denn sonst verlier im Zorne ich die Maße.

TIMON: Ich will gleich gehn, die Kammer zu bewachen,
Der Turm hat starke Gitter vor den Fenstern,
Da brechen sich die Zähne selbst die Drachen,
Auch hörte man dort niemals von Gespenstern.
(Ab.)

DIDO: So weit so gut. Nun will ich Juno rufen
Und ihr beteuern, daß den Eid ich halte,
An meinem Turm gibts Leitern nicht und Stufen,
Und meine Festheit duldet keine Spalte.
(Sie geht hinaus und kommt mit einer geschlachteten Taube zurück. Sie schichtet Scheite auf, bestreut sie mit Kräutern und versucht, mit einem Bohrer Feuer zu machen.)
Der Zunder war noch nie so widerspenstig,
Es ist ein Spiel, das grad wie abgekartet,
Verliererin und Laß-es-bleiben nennts dich,
Ich hab doch auf die rechte Zeit gewartet.
(Sie versucht es weiter.)
Es will nicht gehn, als ob ein Hexenbesen
Streicht übers Haus und flucht mit schwarzem Zahne,
Ich will mir einen andern Ort erlesen,
Daß ich mir Weg ins Wolkenhohe bahne.
(Sie will gehen, verharrt bei einem Geräusch. Lautes Türenschlagen, Soldaten auf den Treppen.)
Kein Wunder, daß die Scheite mir nicht flammen,
Mein müdes Tun kann diese Hatz nicht wehren,
Und fasse ich die Funken nicht zusammen,
So kann ich mich nicht einmal selbst verzehren.
 

 

49
 
Dritte Szene
Dido, Timon.

TIMON (stürzt mit verschmorten Kleidern und rußgeschwärztem Gesicht herein):
O schwarzer Tag, o Schande, o Verbrechen,
Eur Schwester hat mit Pluto sich verbündet,
Niemandem je gelangs, uns so zu schwächen,
In Frage steht, was wir vor Zeit gegründet.

DIDO:
Was sprecht ihr von der Schwester? Werdet klarer!
Kam sie zuvor der grad verfügten Sperre.
Was wurde aus dem sturmerprobten Fahrer,
Venehm ich nichts als weibisches Geplärre?

TIMON: Die Schwester, ja, ja die ist weg, geflohen,
Sie ließ uns hier allein mit ihrem Spotte,
Daß wir sie mit Verfolgung nicht bedrohen –
Im Hafen brennt, verbrennt die halbe Flotte!

DIDO (betont ruhig):
Dies ist der Wahn, wenn Amor seine Pfeile,
Verschießt, da kann Vernunft nur elend sterben.
Sie wähnt sich auf dem raschen Weg zum Heile
Und rast auf raschem Wege ins Verderben.
(sehr nachdenklich):
Wir können, Timon, Götter nicht betrügen,
Die Venus schaut nicht nur auf Platz und Garten,
Selbst wenn wir uns zu Pluto hinverfügen,
Sie kennt doch unser Herz und seine Scharten.
Sie fügt es so, daß wir uns selber richten,
 

 

50
 
Und Anna wird die Eifersucht erkennen
Lavinias und auf alles Glück verzichten,
Sie mimte mich und wird statt meiner brennen.
Dies Opfer wird mich freilich auch nicht retten,
Ich schwor, ich brächte dieses Land zum Blühen,
Doch bleib ich in den früh gefügten Ketten
Und werde dort am Ende noch verglühen.
Das Feuer, das wir töricht Liebe heißen
Die Flotte nahm und eure guten Kleider,
Und alles was da ist wirds in sich reißen,
Denn ihm gewachsen ist kein andrer Scheider.

TIMON:
Verzeiht mein Stammeln und die große Eile,
Hinab muß ich, den Löschzug anzuführen,
Wir haschen meist vergeblich nach dem Heile,
An diesem Spruche ist wohl nichts zu rühren.
Es drängt mich, euch mein Beileid auszusprechen,
Daß ihr im Wahn die Schwester habt verloren.
Sie ging schon zündelnd um, dann aufzubrechen,
Als ihr zum Turm befahlt den alten Toren.
Ich glaub euch gern, daß hier die Götter walten,
Doch wars seit je des Menschen Part im Stücke,
Daß er sich füg den Starken und den Alten
Und dennoch hoff, daß eine Stunde glücke.
(Ab.)

DIDO: Ich wünschte, ich wär ganz von seinem Stoffe,
Doch steckt in mir so manche andre Faser,
Ich weiß nicht recht, was ich für mich erhoffe
Und ob ich Hagelschlag bin oder Glaser.
 

 

51
 
Vierte Szene
Dido, Jarbas, Joel.

JOEL: Wir hörten und wir sahn das große Feuer,
Das euch die Kolonie macht fast zuschanden,
Wir dachten, dies würd minder ungeheuer,
Wenn viele Hände sich zusammenfanden.
Nicht nur zu löschen, was im Winde lodert,
Auch neu zu bauen, wär euch beizustehen,
Eh Wrack um Wrack im schönen Hafen modert,
Gedachten wir, auf Besserung zu sehen.

JARBAS (wie auswendig gelernt):
Daß sich die Völker mischen und verbünden,
Reich ich die Hand der Schönen aus dem Osten,
Vergessen sein die Schelte und die Sünden,
Wir stellen Werker, Kämpfer, Späher, Posten.

DIDO: Ich danke eurem Volke für die Güte,
Doch bin ich grade allzuschlecht bei Kasse,
Daß mir zu teilen feil bedrohte Blüte,
Weil ich mein Erb ansonsten hier verprasse.

JOEL: Als ihr vor ein paar Jahren hier begonnen,
Da schluckten wir den Schwindel mit dem Ochsen,
Und wär uns nicht manch Vorteil zugeronnen,
Leicht wärs getan, euch wieder rauszuboxen.
Nun sehn wir, euer Bleiben ist gediegen,
Wir können von dem Aufschwung profitieren,
Drum soll es nicht am guten Willen liegen,
Daß wir die erste Feindschaft ganz verlieren.
Wir hoffen nicht auf Gold und Perlenschätze,
 

 

52
 
Auch keine Geste, zugedacht von oben,
Wir wollen hier nur ein paar nette Sätze,
Daß wir zu Gleichen sein von euch erhoben.

DIDO: Ich bin nicht Göttin, Menschen zu erheben,
Ihr seid doch frei und nirgends unsre Sklaven,
Wir haben euch doch manches Stück gegeben,
Daß ihr uns laßt den Hügel und den Hafen.

JOEL: Es geht uns nicht um göttliches Erheben,
Nur wär ein Bund, der alle Augen lehrte,
Daß unsre Völker miteinander leben,
Ein Zeichen, daß man wirklich uns begehrte.

DIDO: Wie soll ein solcher Bund sich denn gestalten?
Ich bin gespannt auf die Ideen und Muster,
Denn Schaft und Sohle müssen trefflich halten,
Solln gute Stiefel sein dem guten Schuster.

JOEL: Ihr seid schon lange unvermählt, mein Meister
Reicht euch die Hand und damit ewgen Frieden,
In Volkes Augen ists der rechte Kleister,
Daß Wohlfahrt sei der Einigkeit beschieden.

DIDO: Da muß ich eure Freude leider stutzen,
Die Schwester würde ihn vielleicht bekochen,
Doch ist sie heut zu unbekanntem Nutzen
In unbekanntes Neuland aufgebrochen.
Ich selber steh im Eid, dem toten Gatten
Die Einzigkeit im Grabe nicht zu nehmen,
Drum müssen wir zu brechen Sperrzauns Latten
Uns eines andern Bundeswegs bequemen.
 

 

53
 

JOEL: Ich möchte eure Eidestreu nicht pönen,
Ich weiß nicht wem ihr schwurt mit welchem Pfande,
Doch eures Gatten Anwalt zu versöhnen,
Ist Reichtum ganz gewiß in diesem Lande.

DIDO: Ich schwur der Juno bei der Gabenschale,
Mein Leben ist das Pfand, Gericht die Flamme,
Ich hab bekräftigt manche hundert Male,
Daß Freier dringen nur zum Opferlamme.

JOEL: So gilt es Juno rasch zu überzeugen,
Daß dieser Völkerbund zu ihrer Ehre,
Wir wollen uns dem Götterspruche beugen,
Sei es, daß sie das Eidespfand verwehre.

JARBAS: Daß sich die Völker mischen und verbünden,
Reich ich die Hand der Schönen aus dem Osten,
Vergessen sein die Schelte und die Sünden,
Wir stellen Werker, Kämpfer, Späher, Posten.

DIDO (ignoriert Jarbas, zu Joel):
Nun gut, wir wollen gleich die Göttin fragen,
Ihr seht, die Scheite sind schon aufgerichtet,
Ich bitte euch, den Brand hineinzutragen,
Daß uns vom Himmelswillen sei berichtet.

JOEL (macht mit geübter Hand Feuer):
Wohlan, dies ist ja trefflich vorbereitet,
Nun werden wir die große Göttin schauen,
Und wenn sie Huld auf unsre Wünsche breitet,
Kann sie die zu Vermählenden gleich trauen.
 

 

54
 
Fünfte Szene
Dido, Jarbas, Joel, Juno.

JOEL: Ich ruf die Frau der Wolken und der Wetter,
Die Nebel türmt und streckt und läßt zerstieben,
Kein Ranken reicht, daß ich ihr Reich erkletter,
Drum sei ihr Kraut am Opfertier zerrieben.
Ob Regen, Sturm, ob Dürre oder Hagel,
Nur die Patera kann ihr Aug entschleiern,
Kein Schiff besteht, verbindet nicht im Nagel
Die Stifterin die Scheite, die wir feiern.
Sie segnet die Gebärenden, das Bluten
Der Scham, das fruchtbar macht den Schoß zu mehren
Das Menschenvolk, die Bösen und die Guten,
Die Frevler, und die Kinder, die sie ehren.
Ich knie und bring, was ihre Huld geliehen,
Und ich erhoff, sie mache sich erkenntlich,
Und auch, die Gabe sei nach Brauch gediehen,
Daß mir ihr Wille werde nun verständlich.

JUNO (tritt nebelumflossen auf):
Die Treue seh ich gern, und deine Taube,
Sie duftet mir und macht mich sehr gewogen,
Die Fragen, die du hast, ich gern erlaube,
Ich bin von weit in deinen Sinn geflogen.

JOEL: Das Volk der Berber und der Tyrer Künste,
Sie wollen sich vereinen hier in Frieden,
Wir hoffen, daß da Ehr die Wolkendünste
Empfinden, wenn wir also tun hernieden.
 

 

55
 
JUNO: Ich denke, daß der Bund von Kunst und Menge
Geeignet ist, den Göttern zu gefallen,
Daß Richtung sei dem Weg und keine Enge,
Beschirm ich die Vereinigung von allen.

JOEL: Um Neues wohl und unbeschwert zu formen,
Bedarf es oft des Abschieds vom Vergangnen,
Denn werden Gift die einst gepflognen Normen,
Erstarrt der Mensch im Wolkendunstverhangnen.

JUNO: Ich bin nicht nur Bewahrerin und Siegel,
Ich pfleg auch Wandel und die Morgenröte,
Der Aufgang hat den Untergang zum Spiegel,
Wenn ich gebär, so weiß ich, daß ich töte.

JOEL: Der Bund des Volkes und der Kolonisten,
Ihm sei die Ehe beider Häupter Krone,
Daß Mann und Frau vermischen ihre Fristen,
Das Volk erhofft, die Göttin dabei wohne.

JUNO: Ich bin bereit zu allem Schirm und Segen,
Kein Werk ist so wie dieses meine Freude,
Wenn Mann und Frau das Volk zusammenlegen,
Erstrahlt im Glanz das ganze Weltgebäude.

JOEL: Ihr sagtet, um ein Großes zu beginnen,
Seis recht, daß das Verjährte drunter leide,
Doch wagt die Fürstin nicht den Mann zu minnen,
Da sie gebannt vor euch in altem Eide.
Sie sagte uns, der Bund kam nicht zustande,
Da sie euch schwor die Treu zum toten Gatten,
Drum ruf ich, nehmt was lieb euch aus dem Lande
Für eure Huld, die Ehe zu gestatten.
 

 

56
 
JUNO: Ich laß den Eid und auch das Pfand euch laufen,
Wenn Dido selbst die Bitte formulierte,
Ich würde mir gewiß die Haare raufen,
Wenn ich sie ließ und sie sich dennoch zierte.
(Verschwindet.)

JOEL: Nun seht ihr, Dido, in dem Wolkenmeere
Sind Hindernisse nicht für diese Ehe,
Dem Volk zum Glück und zu der Götter Ehre
Die Freude, die die Göttin sprach, geschehe.

JARBAS (automatenhaft):
Daß sich die Völker mischen und verbünden,
Reich ich die Hand der Schönen aus dem Osten,
Vergessen sein die Schelte und die Sünden,
Wir stellen Werker, Kämpfer, Späher, Posten.

DIDO: Ich werde was ihr sagt nicht lang bedenken,
Nur Abschied nehmen von dem toten Manne,
In Bälde werd ich mich der Frohtat schenken
Und lösen mich vom einst gefügten Banne.
Es ist nicht recht, die Götter vorzuschieben,
Wenn wir uns der Veränderung verweigern,
Und oft geschiehts, wenn Dinge liegenblieben,
Daß sie die Not darauf beständig steigern.
Drum prüfe ich kein langes Für und Wider,
Und wart nicht, daß mir von der Schwester Kunde,
Vor Tagesfrist vereine ich die Glieder
In einem wahrhaft lösungsfreien Bunde.
(Joel verneigt sich, mit Jarbas ab.)
 

 

57
 
Sechste Szene
Dido, Timon.

TIMON (wieder in sauberer Kleidung):
Das Feuer ist gebannt, die Planken rauchen,
Noch hie und da, zwar sind die Segel Fetzen,
Doch ist die meisten Kiele noch zu brauchen,
Das weitre werden wir recht leicht ersetzen.

DIDO: Sehr schön, doch leider hat sich das Vernichten
Verlagert und die Vehemenz gesteigert,
Schön, daß ihr noch mal herkommt, mich zu sichten,
Ich hab mich nun die längste Zeit geweigert.
Die Juno hat dem Jarbas zugebilligt,
Die Werbung sei den Göttern wohlgefällig,
Sie hat den Eid zu lösen eingewilligt
Und meint wohl, daß das Weibstück bärenfellig.
Eh ich den Jarbas an die Brüste lasse,
Bevorzug ich des Scheiterhaufens Lohe,
Die Frist, die mir noch bleibt, ich nicht verpasse,
Drum sei geröstet dieser Leib, der rohe.

TIMON: Makaber scheint mir euer Selbstverfluchen,
Wie soll der Berber euch zur Heirat zwingen?
Ich brauch da für Bewachung nicht zu suchen,
Freiwillge werden für euch stehn und ringen.

DIDO:
Dies ehrt mich, doch auf Schwertgewalt zu gründen
Das Land, ist keine dauerhafte Sache,
Ich richte mich für meine großen Sünden,
Da ich mir nichts aus diesem Berber mache.
 

 

58
 
TIMON:
Dies ist nicht not! Wo steht denn aufgeschrieben,
Daß Tyrerinnen müssen Berber freien,
Es ist doch Brauch, sie wählen ihren Lieben,
Auf daß sie stets in bester Obhut seien.

DIDO: Das gilt schon sonst, doch steht die zarte Pflanze
Der Kolonie nicht grad als Katz im Sacke,
Die Berber wolln, daß einig sei das ganze,
Ein Ganzes, das geführt von einer Flagge.
Ich hab sie mit der Göttin abgewiesen,
Doch da mir diese ihren Schutz entzogen,
Den Landeskindern sind wir all die Miesen,
Wenn ich schon bin dem Häuptling nicht gewogen.
Die Propaganda wird schon bald verfangen,
Wenn alle Hoffnung hin und er beleidigt,
Viel größre Reiche sind zugrund gegangen,
Da hilfts nichts, daß den Streifen ihr verteidigt.

TIMON: So flieht! Ich rüste einen flinken Nachen,
Mein Sohn kennt jeden Wind und jede Klippe,
Die Berber werden große Augen machen,
Liegt am Altar ein weibliches Gerippe.

DIDO: Betrug! Betrug! und wohin soll ich gehen?
Zu Anna, um den Haufen ihr zu teilen?
Ob West, ob Ost – wie auch die Winde wehen,
Du kannst dem Schicksal nirgendwo enteilen.
Wenn ich mich richte, werd ich Gnade finden
Vor Juno, und sie wird die Stadt beschützen,
Denn Venus wird hier Mann und Mauer schinden,
Und andrer Beistand würde uns nichts nützen.
 

 

59
 
Wenn ich verloht, zu Joel deutlich spreche,
Er ist der klügste in dem Berbervolke,
Es hülfe nichts, wenn ich den Eid zerbreche,
Denn Hilfe find ich einzig in der Wolke.
Die Venus wird nicht ruhn, eh ihrer Feste
Die Krone ist im ganzen Mittelmeere,
Drum haben wir bald waffenstarke Gäste,
Und immer wieder kommen stolze Heere.
Drum sag ihm, daß ich nur zu euerm Schutze
Das Opfer tat, Prinzessinnen gibts viele
In Griechenland, darum die Flotte nutze
Und bring ihm eine her zum Liebesspiele.

TIMON: Nun gut, mir ist Gehorsam anerzogen,
Ich hoff, ihr findet vor der Göttin Gnade,
Ich weiß nun, daß das Leben mir gelogen,
Dies zu verbergen, bin ich mir zu schade.
(Setzt sich nieder und verhüllt das Haupt. Dido ab, bald sieht man hinter dem Mittelfenster ein mächtiges Feuer aufstrahlen.)


Siebente Szene
Timon, Joel.

JOEL: Was ist hier los, was ist das für ein Feuer?
Mit scheints zu groß, die Göttin zu befragen.
Wer schichtete hier Scheite ungeheuer,
Was soll uns diese Holzverschwendung sagen?

TIMON: Die Herrin hat es not und gut befunden,
Die Göttin auf der Wolke aufzusuchen,
Ich hoffe, dieser Ausgang will euch munden,
Denn ihr bekommt gewiß ein Stück vom Kuchen.
 

 

60
 
JOEL: Was Kuchen? Meinen Herren zu verschmähen,
Ist sie der Eh zu Pluto ausgewichen,
Die Reste seien schmackhaft hier den Krähen,
Sie hat den Pakt des Bundes durchgestrichen.

TIMON: Dies seht ihr falsch. Gar viele schöne Frauen
Gibts in den Adelshäusern der Hellenen,
Ich werd schon bald mit meiner Flotte schauen,
Daß euer Herr sich braucht nicht mehr zu sehnen.
Die Gründerin, sie floh im Brand der Scheite,
Weil sie der Venus Haß sich zugezogen,
Sie sagte mir, wir wären nur Gefeite,
Hielt Juno sie im Opfer uns gewogen.
Der Eid wär ihr gewiß erlassen worden,
Doch nicht die Söldner vom Lateinerlande,
Zu schützen uns vorm Brennen und vorm Morden,
Sie sehend in das große Feuer rannte.

JOEL: Was soll ich Jarbas von der Sache melden?
Mein Werben endet in der Katastrophe.
Das Feuer mögen Frauen vor den Helden,
So laß ich mich nicht blicken mehr am Hofe.

TIMON: Sagt, ihr erfuhrt, in ihrem Heimatstamme
Ward Dido nur die zweite oder dritte,
Es taugt gewiß dem stolzen Hahnenkamme,
Holt man die allererste aus der Mitte.
Dies ist nun rasch und verzagt zu sorgen,
Hochstaplerinnen taugen nicht dem Lande,
Unfähig, sich die Erstgeburt zu borgen,
Schien Dido Tod erträglicher als Schande.
Sie hätt ihn selbstverständlich gern genommen,
 

 

61
 
Doch konnte sie der Wahrheit nicht enteilen,
Denn einem großen Berberfürsten frommen
Ganz andre Weiber als die Strandgut-Feilen.

JOEL: Betrügt ihr mich, so lasse ich euch töten,
Ich kenne Schlangen ohne Furcht und Gnade.

TIMON: Wir haben schon genug mit unsern Nöten,
Als daß ich mir noch weitre Feinde lade.
Ihr glaubt nicht an den Sinn des Opferbrandes,
Und meint, da wären andere Motive,
Jedoch bedenkt den Nutzen dieses Landes,
Dems arg, wenn es die Handelsmacht verschliefe.
Wir beide sind berufen zu bestimmen,
Nicht weil wir kommen aus geweihtem Hause,
Wir wissen, wo die Helfer, wo die Schlimmen,
Und wir sind frei zu nutzen Schicksals Pause.
Wenn wir uns stützen und vernünftig stellen,
Kann sichs mit Fraun und Göttern doch verhalten
Wies will, da dem Verhaltenen und Schnellen
Wir stets als Meister der Erkenntnis walten.
Die Eitelkeit, der Hang zu Mythentreue,
Dies ist uns fremd, weil wir dem Diesseits frönen,
Wir halten nichts von Grabesduft und Reue,
Die Welt ist feil den Starken und den Schönen.

JOEL (gibt Timon die Hand):
Wohlan, Karthago soll das Fürchten lehren
Die Welt, die sich verschaukelt in den Mythen,
Genug davon wird in die Bücher kehren,
Wenn wir aus Schutt und Zwietracht mächtig blühten.
Da taugt selbst dieses Feuergrab der Frauen,
 

 

62
 
Dem Volke zeigts das schwere Los der Großen,
Und neidisch keiner soll den Fürsten schauen,
Weil nirgends wächst ein Stand im Fessellosen.
Auch soll der Fluch der Venus allen sagen,
Daß Strafe folgt auf zu geringes Mühen,
Die Aufruhr soll kein Sterblicher je wagen,
Sonst gehts den Späten wie es ging den Frühen.
Ein stärkrer Bund als Hochzeit und Geblüme
Verein das Land im Wuchern und Erwerben,
Der Zweifel schafft die ärgsten Ungetüme,
Und Mißmut und Verfall sind seine Erben,
Drum sein in Ehren Didos Feuerreste,
Martyrien sinds, worauf das Volk begierig,
Der Glaube ist dem Staate stets das beste,
Und also ist die Herrschaft nicht mehr schwierig.

 

 

63
 


POLYPHEM
SCHÄFERSPIEL





Sagt, tapfrer Ritter, wispert mir ins Ohr,
Ob jenes arme Pfäfflein seins verlor?

– Pfarrer, Kritik! Bin ich ein Polyphem?
Nie hab' ein Glied gekappt ich irgendwem.

Erwirbt ein Erdensohn sich Lob und Preis,
Gleich bildet sich um ihn ein Sagenkreis.


C. F. MEYER   
 

 

64
 


PERSONEN
POLYPHEM, BRONTES, Kyklopen
GALATHEA, Nereide
CHOROS
 

 

65
 

Vulkanlandschaft bei Catania. Polyphem steht blind, abgerissen und verdreckt an dem Flusse Acis. Er wähnt sich am Ufer des Meeres und ruft pathetisch Poseidon an.

POLYPHEM:
Ruhmreicher Vater, feuchter Born des Lebens,
Zu dürftig denkt der attische Kalender
Nur einen Mond des Schwemmens und des Strebens,
Denn meiner Knochen atmende Gewänder
Sind ganz von Gischt und Schaum aus deinem Samen,
Auch meine Mutter stammt aus deiner Tiefe,
Wir rufen dich nur mit verschiednen Namen,
Daß nicht der Vater mit der Tochter schliefe.
Doch dein ist alles, was da krebst und Flossen
Als Ruder nutzt, als Stempel auf dem Lande,
Was pulst und aufblickt, ist aus dir entsprossen,
Der du zu Inseln ballst die losen Sande.
Von Kronos kommst du, wo wir nur erahnen,
Wie er verfloß im Honig aus den Eichen,
Und so entstammt dem Goldreich der Titanen
Das Meer, dem wir ein Ende nie erreichen.
Dein herrlicher Palast kristallnen Stoffes
Steht unter allem Strömen, von Korallen
Beneidet, dem Enttauchen, ich erhoff es,
Ist manches Schiff zum Opfer schon gefallen.
Urherr von Delphi, Pylos Schirmer, Vater
Der Könige, Eleusis zu erbauen,
Der lahme Götterschmied im Ätna-Krater
Raucht fröhlich und erweist dir sein Vertrauen.
Doch freilich ist verschmerzbar sein Gebrechen
Und hindert nicht, daß Kunst mit Schönheit prunke,
 

 

66
 
Den Spott, das Schmähwort kann er selber rächen,
Und wenn sich jemand wohlgefällt im Stunke.
Ich aber muß den Dreizackschwinger rufen
Im Streitgefährt, geführt von Hippokampen,
Die Kräfte, die den Pegasos erschufen,
Und die Orion zeigt als Himmelslampen.
Ich muß in höchster Not, dem Licht entwendet,
Mich klagend nahn dem Schwängrer der Medusen,
Ein unerhörter Frevel hat geblendet
Den Sohn, der niemals wich von deinem Busen.

CHOROS: Die See ist tief und tiefer ist ihr Schweigen,
Sie kräuselt sich, sie stürmt und bebt zuzeiten,
Sie träumt im Dunst und lärmt im Möwen-Reigen,
Sie kargt mit Wundern nicht und Eigenheiten.
Delphine gleiten durch die weiten Zimmer,
Die wissen nichts von Riegeln und von Schwere,
Dies Reich ist fruchtbar und gebiert noch immer,
Wo draußen alle Sehnsucht treibt ins Leere.
Ob Schwamm, Koralle, Muschel, Tintensprüher,
Seeigel, Krebs, Seeschnecke, Walfisch, Qualle,
Sie zweifeln nie, daß später oder früher
Ein reinres Licht erweise sich als Falle.
Drum trau nicht seinem gleißenden Berauschen,
Es macht dich einsam und von fern gefährdet
Und hindert dich dem Mutterlied zu lauschen,
Wenn es sich als Tyrann und Maß gebärdet.
Allein die Nacht, die es begrenzt im Walten,
Darf dich im Traum mit Kindesglück begaben,
Drum kehre heim und finde dich im Alten,
Die Ruh der Flut wird Fremdes dir begraben.
 

 

67
 
POLYPHEM:
Ihr Wogen schlagend an die Lavaklippen,
Nach Algen duftend und geborstnen Fischen,
Wie gern möcht ich am Quell des Lebens nippen,
Des Vaters froh, der anhebt aufzutischen.
Allein das Schicksal bannt mich auf den Hügel,
Bis Atropos den Faden mir zerschneidet,
Drum raff der Vater seiner Rosse Zügel
Und höre, was sein treuer Sohn erleidet.
Er pflag der Schäferei auf diesem Riffe,
Des Lebens froh und keines Froners Mündel,
Doch übers Meer, da kamen Segelschiffe
Und trugen Bosheit und Verrat im Bündel.
Vor langer Zeit verhieß mir das Orakel,
Ein Schänder such mein Augenlicht zu schwärzen,
Doch eh mein Leben führte ins Debakel,
Nahm ich mir dieses Wahrwort nicht zu Herzen.
Ich konnte solche Gräßlichkeit nicht glauben,
Da mir die Welt gerecht schien und gediegen,
Daß jemand käm, mein Lebensglück zu rauben,
Kann nicht im Sinn des Götterrates liegen.
Ich hab die Opfer wohl und rein bereitet,
Ich flocht Geschmeide und ich reimte Lieder,
Drum gib der Gott, den Triton meist begleitet
Mit Nereiden, mir das Leuchten wieder.
Ich will es nur zu seiner Preisung brauchen,
Sein Reich zu mehren an versteckten Quellen,
Doch meinem Feind soll böse Sturmbö fauchen,
An Klippen soll sein Frevlerschiff zerschellen.
Er blendete den Sohn zunächst mit Worten,
Mit Lügenlist den Namen er verbrämte,
 

 

68
 
Dies hat sich ihm bewährt an manchen Orten,
Weshalb er sich der Niedertracht nicht schämte.
Das Pferd, dir heilig, hat vor Ilion schändlich
Gedient, die Toresöffner zu vermummen,
Zeigt nicht der Gott, daß die Geduld ihm endlich,
Sind auf der Welt die Ehrlichen die Dummen.

CHOROS: Die See ist endlos fruchtbar und geduldig,
Sie liebt es nicht, den Finger zu erheben,
Sie kennt nur Kinder, eins ob rein, ob schuldig,
Was jemals sein wird, hat sie schon vergeben.
Sie dringt in jeden Hauch, in alle Ritzen,
Und sie durchflutet jegliches Beseelte,
Sie will nicht Klag noch Späheraug besitzen,
Weil nichts ihr den Zusammenhang verhehlte,
Ein Stiften, das im Licht sich unbeachtet
Wohl wähnt, weil es die Blicke schickt ins Weite,
Doch alles, was nach dem Geschehen trachtet,
Fließt durch das Herz, das sich entflammt im Streite.
Wems Fließen hehr, den bannt nicht das Vefloßne,
Er wohnt an jeder Stelle im Geäder,
Er folgt der Dürre als das grün Entsproßne
Und spannt die Sehnen auch dem frischen Mähder.
Drum hat es wenig Sinn, den Gott zu stören
Im großen Tun, dem alles Episode,
Er braucht dein lautes Rufen nicht zu hören,
Denn was dir frommt, ist seinem Reich nur Mode.

POLYPHEM: So mag es sein im Leben wie im Sterben,
Doch enger stellt sich mir des Einblicks Rahmen,
Es schafft mir Luft im schändlichen Verderben,
Seis auch dem Gott bekannt mit Schluß und Amen.
 

 

69
 
Odysseus, dem die Mordlust gab die Nase,
Ein Fürst mir scheint im Reiche der Vernichter,
Für ihn gleicht alles sonst der Seifenblase,
Sein Nutzen ist der wahre Weltenrichter.
Er pönte, daß das Gastrecht wir nicht kennen,
Kyklopen, die er hoffte auszurotten,
Jeglich Geschöpf versucht er zu verbrennen,
Es sei denn, daß sie ihm im Takte trotten.
Ist nicht der Gast ein seltsamer Geselle,
Der Eichen fällt und dann kastriert zu Planken?
Nach seinem Sinn verslavt er Wind und Welle,
Und seinem Handel setzt der Tag nicht Schranken.
Aus Fernen, draus die Sagen dunkel raunen,
Tritt er dem Frommen unbegehrt zur Seite
Und fordert, daß man richte ihm ein Daunen,
Daß ausgeruht er zur Zerstörung schreite.
Daß etwas sei, nur einfach für sich selber,
Kann nicht erlauben, wer von solchem Blute,
Ob einer Riese, Zwerg, ob Mohr, ob Gelber,
Er weiß allein, was dem gewiß das Gute.
Er nennt es Freiheit, daß da jeder jeden
Gewähren laß im Tauschen und Betrügen,
Er weiß, ihm kommt kein andrer gleich im Reden,
Und darum gibts am End nur seine Lügen.
Der Stein, der Fisch, der Baum und eine Blume,
Sie haben Stimme nicht, um so zu schwatzen,
Und wer sich bückt als Landmann in die Krume,
In seinem Ohr die Weisheit hat der Spatzen.
Dem muß man, weil er hoffte abzuwenden
Die Sitten, die auf seine Knechtung zielen,
Mit Glut und Pfahl und allen Kräften blenden,
Wie Deiche wehrn den widerspenstgen Prielen.
 

 

70
 
CHOROS:
Der Mensch hat sich dem Wandelsinn verschworen,
Er rast wie durch das Unterholz der Eber,
Es werden immer mehr davon geboren,
Auch wenns Prometheus büßt mit seiner Leber.
Unähnlich sind im Sinn sich die Kroniden,
Doch aufgeteilt sind gültig alle Reiche,
Dem Zeus sind Licht und Himmelsluft beschieden,
Poseidon pflegt das Flüssige und Weiche.
Bei Hades, der der strengste aller Herren,
Weilt Styx, bei dem die großen Götter schwören,
Auch wer da bricht den Brauch und alle Sperren,
Wird dort der großen Demut angehören.
Was auch die List des Rasenden erfindet,
Der Mistelzweig ist nimmermehr darunter,
Denn was ihn von Persephone entbindet,
Dafür ward nie ein Sterbenswerter munter.
Wenn Zeus sein Reich läßt solcherart verschandeln,
So wird das Meer darüber nicht verzagen,
Hier dient der Vielfalt alles Tun und Wandeln,
So wird es sein, sind Land und Wolk zerschlagen.

POLYPHEM:
So ist es recht, doch schätzt das Einzelwesen
Der Brunnen nicht im Streite mit Athene?
War nicht der Quell, für Attika erlesen,
Das große Wunder in der Wettkampfszene?
Tritt denn nicht Öl, der Reichtum der Olive,
Das Macht verspricht, zurück vorm Lebensspender,
Und nennt sich eine Weisheit nicht die schiefe,
Wenn dran kaputtgehn Völker, Sprachen, Länder?
Im Hades wird Gerechtigkeit dem Ganzen
 

 

71
 
Und manchem, daß er nun nicht länger lache,
Doch wenn im Zeusreich die Verrückten tanzen,
So meint die See, dies sei nicht ihre Sache?
Wenn Zeus im Ehkrieg und im Lustgetändel
Sieht Schwerpunkt seines Kümmerns auf der Erde,
So meint die See, dies seien fremde Händel,
Weil unter Wasser die erlauchte Herde?
Als Laomedon hat dem Gott verweigert
Den Lohn, erschien ein Meeresungeheuer,
Ists nur Profit, der ihn zur Tatkraft steigert,
Bedeutungslos mein Aug, gelöscht im Feuer?
Soll ich mich mit dem Weisheitsspruche trösten,
Daß jeder Frevel fände einen Rächer,
Und Rätseln traun, den ewig ungelösten,
Daß sie mir deckten meiner Ställe Dächer?
Die Blindheit ist im Licht der größte Makel,
Ein Freibrief für den Frevler ohne Ende,
Heißts nun, es gab ja früher das Orakel
Und meine Schuld ist ganz und gar die Wende?
Was wird aus meinen Schafen auf der Weide,
Wer schreckt den Wolf und füttert in der Dürre,
Ich bitte keine Perlen, keine Seide,
Nicht Olibanum, Gold nicht oder Myrrhe.
Ich will nur wie die Alge, wie die Qualle,
Erlaubnis, meinem Wesen zu entsprechen.
Dies ist, daß ich auf meine Knie falle,
Denn ungeheuer ist des Gasts Verbrechen.

BRONTES: Was klagst du ohne Mäßigung, als müßte
Der Ätna seinen Mageninhalt speien?
Hier fauchts, als ob die Woge Lava küßte,
Was gibts am frühen Morgen so zu schreien?
 

 

72
 
POLYPHEM:
Ach Brontes, hast du meiner nicht gespottet,
Als ich geklagt, daß Niemand mich geblendet?
Nun bin ich blind vom Berg herabgetrottet,
Daß unserm Clan der Elendsanblick endet.

BRONTES:
Der Name Niemand war, wenn ichs bedenke,
Recht gut gewählt, denn unsere neuen Herren,
Sie kommen wie ein Nebel aus der Senke,
Und unsereinem bleibt nur rumzuplärren.
Einst haben Zeus, Apoll und auch der Heiler
Gestritten um den Blitz, den wir erfanden,
Doch alles wird vom Rechner und vom Teiler
Vervielfältigt und ursprungslos den Landen.
Die Zeit der Riesen scheint sich mir zu neigen,
Als Tölpel gelten wir für neue Bräuche,
Drum nimm es hin, wenn dir die Götter schweigen,
Sie sind nicht besser dran in dieser Seuche.

POLYPHEM (tritt mit den Füßen ins Wasser):
Ob es Gesetz des Wandels, der Geschichte,
Ist ohn Belang für einen blinden Schäfer,
Ich bin ein Wrack, entsage ich dem Lichte,
Und wandle grad wie ein betrunkner Schläfer.
Ich bin allein und habe keine Pflege,
Mein Haus und meine Tiere müssen darben,
Drum scheints, als gingen solche beßre Wege,
Die gleich bei einem solchen Anschlag starben.

BRONTES: Du irrst, wenn du das deine so verkleinert
Mir darstellst und im Spiegel des Geschickes.
 

 

73
 
So mancher ward durch einen Fluch versteinert
Und wahrte doch die Heiterkeit des Blickes.
Gesell den Geist zu deines Leibes Fülle
Und such den Fluch ein großes Glück zu nennen,
Das Stirnaug klebt doch immer an der Hülle,
Das Blindheit schafft ein reicheres Erkennen.

POLYPHEM:
Dies scheint mir ein Rezept für fette Städter,
Wo Weisheit wird getauscht für Wein und Futter,
Hier ist das Leben festgelegt vom Wetter,
Wers nicht erkennt, ein Säugling ist der Mutter.
Hier gibt es kein Bedarf für Träumereien,
Wo Blinde kann nicht Wirklichkeit betrüben,
Kein Opfernder wird mich zum Priester weihen,
Hier nutzts nichts, große Gesten einzuüben.

BRONTES:
Dies tut mir leid, vielleicht daß wieder Schiffe
Hier landen und dich mit in Städte nehmen,
Gibts keinen Unterhalt auf diesem Riffe,
So mußt du dich zur Migration bequemen.
Dies tat schon mancher aus der Riesenrasse,
Die nur noch als Kuriosum taugt am Hafen,
Heut zählen nur der Handel und die Kasse,
Es ist vorbei mit Weide und mit Schafen. (Ab.)

CHOROS:
Die Heilung ist dem Wundesten versprochen,
Poseidon weiß aus jedem Pfuhl zu retten,
Wir sind als Hauch aus seinem Dunst gekrochen,
Berufen, neu uns in sein Feld zu betten.
 

 

74
 
Wenn sich der Blinde netzt die wunde Grube,
Mit seinem Speichel, der dem Blut sich mischte,
Das er vergoß, so flackert in der Stube
Der Scheite Stoß, der Dunkelheit verwischte.
Dem Blut, das er vergossen, sich zu mählen,
Kann ihm die Heilung seines Augs bereiten,
Drum soll der Riese nicht die Schrecken zählen,
Statt fröhlich zu dem Liebesmahl zu schreiten.
Die Rachsucht macht ihn blind und deckt Vertrauen,
Wo doch der Gott hat ihn zu Tisch geladen,
Die Klage weiß das Mahl nicht anzuschauen,
Wir fragen: Ißt ein Riese mit den Waden?
Wer zögert, wenn der Braten dampft am Spieße,
Wer sich zu fein, den goldnen Wein zu trinken,
Der ist verdammt zu seinem schwarzen Vliese
Und soll in seinem Klageschwall versinken.

POLYPHEM:
Die Stimme, die mir aus dem Wasser brandet,
Weiß nichts als Hohn und Vorwurf für den Krüppel:
Ein Blut, daß ich vergoß, ihr Schelme fandet?
Machts Spaß, er strauchle am gelegten Knüppel?
Fraß auch die Wasserweisheit die Gerüchte,
Ich briete meine Gäste zum Genusse?
Daß ich allein vor meiner Untat flüchte,
Scheint euch der Anlaß zu dem Überdrusse?
Auch Brontes meint, ich soll mich darein schicken,
Es sei nun mal der heutge Gang der Zeiten.
Was lohnt es, mit dem Auge zu erblicken,
Wie unsere Feinde zur Zerstörung schreiten?
Da soll ich in den Hermesburgen betteln,
Dem Feinde noch für seine Gnade danken,
 

 

75
 
Es nervt, sich noch in Klagen zu verzetteln,
Ich werd sogleich ins tiefe Wasser wanken.

GALATHEA:
O weh, wer dort? Ist gar der Schreckensriese?
Ich fliehe rasch und laß im Stich die Krüge.

POLYPHEM:
Was da? Ist jemand noch auf dieser Wiese?
Ich möchte weinen, das ist keine Lüge.

GALATHEA:
Was weinen? Der als Künstler nicht zu schlagen,
Als Raufbold schon mit Blicken breitet Zittern –
Der will mir Mädel allen Ernstes sagen,
Die Trauer wolle sein Gesicht zerknittern?

POLYPHEM:
Ich war vielleicht ein Raufbold und ein Macher,
Ein Schmied und habe die Syrinx geblasen,
Doch jetzt entlock ich Publikum nur Lacher,
Ich bleib auch nicht mehr lang auf diesem Rasen.
Es ruft das Meer, daß ich mich drin ertränke,
Es ist gewiß das beste rasch zu sterben,
Doch frag ich mich, wem ich die Herde schenke,
Ich ließe sie nicht gerne im Verderben.

GALATHEA:
Was ists, das euch dem Leben zu entfliehen
Verlangt, ists etwa eine späte Reue?
Wie ist euch gram, was Götter euch geliehen?
Man wirft nicht einfach Perlen vor die Säue.
 

 

76
 
POLYPHEM:
Ein böser Feind hat mir mit Glut am Pfahle
Das Aug zerschrammt und ausgebrannt die Wunde,
Dies klage ich gewiß zum letzten Male,
Das beste wärs, ich ginge gleich zugrunde.

GALATHEA:
So seid ihr blind und könnt mich gar nicht sehen?
So wißt ihr nicht, wer Wasser schöpft am Flusse?

POLYPHEM: Zur Meeresküste meinte ich zu gehen,
Nun wird mir euer Zeugnis zum Verdrusse.
Ist hier ein Fluß, kein Wellengang am Ufer?
Es ist nicht leicht, das Auge zu entbehren.
So war ich an der falschen Stelle Rufer
Und darf mich über Folgen nicht beschweren.
Es wird erklärlich, daß so lange säumte
Der Gott und mich beschied mit dunklen Chören,
Wer nicht mehr weiß, was war und was er träumte,
Der sucht an Land den Meergott zu beschwören.

GALATHEA: Ich glaube gern, daß ihr das Aug verloren,
Wähnt ihr euch leibhaft jetzt am Meeresstrande,
Doch nach dem Hades sehnen sich nur Toren –
Der Pfahl traf euch nicht etwa im Verstande?

POLYPHEM:
Was ist das für ein Fluß, an dem ich stehe?
Er führt gewiß auf kurzem Weg zum Strande?

GALATHEA: Der Acis ists, begründet von dem Wehe
Des Jünglings, der verblutet hier im Sande.
 

 

77
 
POLYPHEM: O weh, so klagte ich Odysseus' Frevel
Am Orte meiner eignen Mörderschande,
Wohl besser richte mich der Ätnaschwefel,
Dahin ists Blut zu folgen außerstande.
Ich hab des Jünglings Tod auf dem Gewissen,
Das Mädchen, das mein Werben nur verlachte,
War ihm gar hold und allezeit beflissen,
Dies wars was mir den Zorn zum Dämon machte.
Vielleicht muß ich jetzt büßen dieses Bluten,
Wie selbstgerecht war meine laute Klage,
So waren es am Ende doch die Guten,
Die Zeus gesandt in meine lichten Tage?
Erinnyen, hundsbekopft und fledermäusig
Geflügelt scheinen mir die fremden Gäste,
Und ich, in einer Schlächterstätte häusig,
Hielt Hochmut fürs gerechteste und beste.
Wie konnt ich mich in solchen Wahn versteigen,
Da das Orakel wußte es doch besser,
Statt daß ich Demut oder Reue zeigte,
Gab ich dem Rächer selbst das Opfermesser.
Wie unverschämt wars Götter zu bedrängen,
Sie sollten mir den Schaden rasch ersetzen,
Wie bös, Verfolger an das Schiff zu hängen,
Ich hoffe bloß, sie könnens nicht verletzen.
Ich muß Odysseus danken und bekennen,
Mein Stammbaum ist im Grunde roh und böse,
Er mußte mir das helle Aug verbrennen,
Damit ich mich von dem Geschlechte löse.
Drum hat man mir vernunftgemäß geraten,
In meiner Schuld ists einzig angemessen,
Als Bettler sich vor jedermann zu beugen,
Ich will kein Brot mehr ohne Reue essen
Und immerfort für mein Verbrechen zeugen.
 

 

78
 
Dies soll geschehn mit einem Blindenhunde,
Was eigen mir, das sei des Opfers Sippe,
Das gleiche gelt für meiner Ahnen Funde
Und allen Schmuck, der klebt noch am Gerippe.

CHOROS: Der Sterbliche kann untergehn und fallen
Viel tiefer als ein Schwert vermag zu stoßen,
Der Selbsthaß läßt ihn Marterzeuge krallen,
Und schlagen auf den Hintern auf den bloßen.
Ihm reicht Zerstörung nicht im eignen Leben,
Auch seine Ahnen weiß er zu verlästern,
Er will dem Feind sich tausendmal ergeben,
Und flucht, wie schändlich sei sein ganzes Gestern.
Die Schandsucht ist der Ehrsucht schlimmre Schwester,
Sagt ihr ein Arzt, die Schuld sei übertrieben,
So schlägt der arme Kranke nur noch fester
Auf seinen Leib, der grade noch geblieben.
Sie führt zumeist zum Tod durch Herzversagen,
Doch auch die Lenden sind nur da zum Kränken,
Denn alle, die sich mit der Seuche plagen,
Wolln ihrem Stamme keine Erben schenken.
So werden die noch Kranken immer älter,
Denn keine Jugend gibts noch anzustecken,
Doch wird der Selbsthaß mit den Jahrn nicht kälter,
Man findet neue Schuld an allen Ecken.
So tobt der Wahn, bis das Geschlecht verendet,
Die einen lachen und die andern heulen,
Denn niemand wird so ärgerlich geblendet,
Wie dieser Züchter seiner Eiterbeulen.

GALATHEA: Abwegig, daß Odysseus kam gefahren,
Zu richten euren Totschlag an dem Jungen,
 

 

79
 
Er schien mir gänzlich, ob auch jung an Jahren,
Von dem, was er Mission genannt, durchdrungen.
Er sagte, daß Kyklopen Menschenfresser,
Man säh, daß euch der Speichel quell im Munde,
Auch hörte man am Strand die Schlächtermesser,
Und sah, daß ihr der Menschenfeind im Grunde.
Man müsse Tier und Menschheit vor euch schützen,
Euch selber auch vor eurem kranken Hirne,
Dies würd dem Frieden und der Wohlfahrt nützen
Und wär seit je der Wille der Gestirne.

POLYPHEM: O weh! ich habe frevlerisch vergessen
Die gräßlichen Verbrechen, die ich wagte,
Ich jagte nach dem Unheil wie versessen,
Und sann, wie ich die Um- und Mitwelt plagte.
Von Sünden hat man oft und viel vernommen,
Doch meine sprengen jedes Maß und Siegel,
Wär mir das Aug nicht jüngst abhand gekommen,
Zerbirst vor meinem Schandenblick der Spiegel.
Wer so verderbt ist wie Kyklopenschäfer,
Braucht bis zum Tod die Morgenprügel täglich,
Denn einzig als ein halsschildloser Käfer
Ist solch ein Monster für die Welt erträglich.

GALATHEA: Die harte Spitze hat das Hirn getroffen,
Solch Unmaß der Bezichtigung beleidigt
Den Gott, dem seine Kinder Stolz und Hoffen
Und der sie durch der Zeiten Wahn verteidigt.
Es gibt für sie kein unverschämtres Lästern
Als Schuld, die sich Verzweiflung angedichtet,
Darum bedenkt, wie fühltet ihr euch gestern,
Bevor der Feind das Übel angerichtet.
 

 

80
 
POLYPHEM:
Als ich noch sah, war ich unendlich blinder,
Und für die Welt ein schändliches Entsetzen,
Ich sprengte jedes Maß als Menschenschinder
Und sang und tanzte froh beim Klingenwetzen.
Den Wein hab ich verachtet vor dem Blute,
Ich tranks und schmatzte voller Wohlbehagen,
Ich schlug die Schädel auf mit frischem Mute,
Und selbst den Kindern ging es an den Kragen.
Nach Frischfleisch sucht ich abends und am Morgen,
Hab selbst die Schafe noch damit gemästet,
Zum Untergang der Menschheit so zu sorgen,
Hat meine Art den Himmelskreis verpestet.

GALATHEA:
Was ist zu tun, um solche Sucht zu heilen,
Die ärger ist als mir der Tod des Lieben,
Einst wollt ich diesen Wüterich zerteilen,
Doch nichts als Mitleid ist davon geblieben.
Wenn er mit solchem Fluche auf den Lippen
Verstürbe, wärs den Göttern Niederlage,
Ein Schmerzlied säng die Woge an den Klippen,
Ein Todeslied von Untergang und Klage.
Poseidon selbst muß das Verhängnis bannen,
Sonst falln Kyklopen, Nymphen und die Insel,
Dann kommen bald die segelfrohen Mannen,
Zu feiern das verebbende Gewinsel.

POLYPHEM:
Was redet ihr für krauses Zeug vom Heile,
Das Heil verwalten jetzt die reichen Griechen,
Und was man dafür hielt vor guter Weile,
 

 

81
 
Das soll im Staub für immerdar versiechen.
Daß die Kyklopen gingen eigne Wege,
Erwies die Menschenfresserei als Schande,
Darum sich Nacht auf diesen Stamm jetzt lege,
Nur um zu büßen, sind sie noch im Lande.
Den Griechen gebt die Insel zu verwalten,
Sie lehren euch die gültigen Methoden,
Und wer da noch ein Gran bewahrt vom Alten,
Dem nehme man die Augen und die Hoden.

GALATHEA:
Es reicht, das ist für mich nicht auszuhalten,
Ich geh und trag den Wasserkrug von hinnen.
Ich fühl nicht Macht, den Schwachsinn abzuschalten.
Fahrt fort, an euerm Galgenstrick zu spinnen! (Ab.)

POLYPHEM (nach einer Pause):
Zum Meer, zum Krater, ach wozu die Mühe,
Ein jedes Wasser ist mir gut zum Tode,
Es intressiert die Schweine wie die Kühe,
Von welcher Melodie ich der Rhapsode.
(Er versinkt ganz im Wasser und paddelt in jäher Wende zum Ufer, sinkt dort erschöpft zu Boden.)
O was ist das, wie netzt mich diese Kühle
Verwandelnd und verschreckend unvergleichlich!
Wie schlägt mein Puls grad wie im Sturm die Mühle!
Welch Schicksal zeigt sich mir da unausweichlich?
Das Blut, das ich vergoß einst von dem Jungen,
Vermischt dem reichen Speichel meines Vaters?
Kam nicht dies Wort aus Meeresdämmerungen
Als Botenwort dem Choros des Theaters?
(Eine dichte Nebelwolke hüllt ihn ein.)
 

 

82
 
CHOROS: Der Königsweg zum Heile und zum Wunder
Bleibt stets das Opfer, weiser als die Winke,
Manch andre Wege scheinen dir profunder,
Jedoch der Fluß befreit dich von der Schminke.
Ihn anzurufen läßt dich vor der Türe,
Allein ein Bad vermählt dich seinem Segen,
Was dir bestimmt und was dem Leib gebühre,
Wird Innigkeit in deine Furchen legen.
Nicht ist der Schuld ein gottgeliebter Tilger,
Die Suhle im erfundenen Verbrechen,
Drum sei willkommen als der Wasser-Pilger
In neugehellten Horizont zu stechen.
Der Gott beschämt die mürbgewordne Rasse,
Die nicht mehr fähig schien, den Feind zu halten,
Daß sie den Stab des Hirten fester fasse,
Schien nötig, seiner Heiler-Macht zu walten.
Die Seuche, die wir vorhin Schandsucht nannten,
Erstickte alle Kunst und alles Wissen,
Ein Aug nicht nur die Gäste hier verbrannten,
Sie haben hier die Wurzel ausgerissen.
Drum hüte sich ein jeder vor den Bringern
Des Heils, des Wohlstands und der guten Sitten,
Sie nennen selber sich nach Löwenzwingern,
Und geben niemals preis, was sie erstritten.

POLYPHEM: Es ist so licht, so dunkel unermeßlich,
Ich glaub, ich kann mich gar nicht mehr erinnern,
Bin ich ein Narr? Und bin ich einfach häßlich?
Verlor ich viel? Gehör ich zu Gewinnern?
Poseidon, dessen Nymphen uns umschmeicheln,
Er zeigt sich manchmal lieblich, mal als Fratze.
Wühln wir wie Schweine nach versteckten Eicheln,
 

 

83
 
Und lauern wir wie auf dem Ast die Katze?
Mir scheint das Leben dunkel und verstiegen,
Seit es mich so mit Helligkeit umflutet,
Mir träumte da von grausamstem Bekriegen,
Und daß für mich ein Mädchenherz verblutet.
Daß Feinde kommen übers Meer gesegelt,
Ein Niemand, der so stolz auf seine Leere,
Jedoch der Dunkle ballspielt oder kegelt,
Und jedes Ziel macht einer Gottheit Ehre.
Das Licht befreit uns aus der Welt der Schatten,
Wo wir wie Falter uns verzehrn im Blute,
Im Labyrinth muß alle Tat ermatten,
Denn selbstverständlich gibt sich uns das Gute.
Wer nachdenkt über Dinge, die das Leben
Ihm nicht bestimmt und gütlich hat verhangen,
Berauscht sich stärker als an Mohn und Reben,
Und bleibt in einem Spiegelsaal gefangen.
Ich weiß, der Wolf hat mir ein Schaf gerissen,
Es gilt, daß einer nach dem rechten schaue,
Mein Hund, mein Herd, sie werden mich vermissen,
Gar fürchterlich wirds ausschaun in dem Baue.
Da fällt mir ein, ein Schädling sehrt die Reben,
Der Habicht kreist, wie ich jetzt deutlich sehe,
Er mahnt, mit Freimut und Verstand zu leben,
Daß ich nicht naß im offnen Winde stehe.

CHOROS: Es ist nicht Ziel der Götter, aufzuhellen
Die Nebel, die den Sterblichen umschlingen,
Doch stehn ihm bei die Dunkleren und Hellen,
Vermag er seine Feinde zu bezwingen.
Das Opfer öffnet alle Wolkenpforten,
Und manche Untat wird mit Wohl verwunden,
 

 

84
 
Was augenscheinlich nicht und nicht mit Worten
Zu sagen, hält das reine Herz gebunden.
Mysterien sind nicht Dinge fremder Welten,
In jedes Schicksal wissen sie zu treten,
Doch Fälschungen sind meist, die dafür gelten,
Drum findst du Wunder sicherer im Steten.
Was schäumt und flutet will den Geist bezwingen,
Was ruht, hat teil am allerfrühsten Heile,
Drum wird dem Volke nie ein Werk gelingen,
Das sich vermählt mit einer großen Eile.
Nur wer die Wege schritt viel tausend Male,
Und nicht verlangt, daß ihm ein kürzrer würde,
Der schaut zuletzt den großen Stern im Tale
Und spürt: die Götter teilen seine Bürde.
 

 

85
 


NAUSIKAA
DIALOG





Nie vergeß ich jener Stunde,
Da der sturmverschlagne Mann
Dort am Strand im Pappelgrunde
Gleich mein ganzes Herz gewann,
Da ich zu des Vaters Schwelle
Froh den hohen Gast geführt,
Ahnungslos, daß mich der schnelle
Pfeil des Gottes schon berührt.


GEIBEL    

 

86
 


PERSONEN
ODYSSEUS, König von Ithaka
NAUSIKAA, Königstochter
 

 

87
 



NAUSIKAA (winkt Odysseus in eine Kammer):
Nun husch herein, es wird uns keiner stören,
Die Mutter sorgt, daß niemand komm und schaue
Du glaubtest wohl, sie selber zu betören,
Doch sorgte ich, daß sie dir so vertraue.

ODYSSEUS (unwillig folgend):
Der Königin sei jeder Weg zu willen,
Doch wär mir ein Gespräch am Morgen lieber,
Im Schlafe wollte ich die Schmerzen stillen,
Ich spüre ein recht ungesundes Fieber.

NAUSIKAA: Ich habe dir gewaschen, dich bekleidet,
Ich hab den Weg dir zum Palast geraten,
Wo sich der Hof an den Geschichten weidet –
Sind nun vergessen meine guten Taten?
Bist du inzwischen gram dem Morgengruße,
Der wohltat nach dem ausgestandnen Schrecken?
Ich wartete recht lang auf etwas Muße,
Vertrauliches dem Helden zu entdecken.

ODYSSEUS: Ich gebe zu, ich hab in all dem Staate
Der Retterin zu wenig Zeit bemessen
Doch daß dies morgen besser mir gerate,
Sei jetzt die Schlafensstunde nicht vergessen.

NAUSIKAA:
Ein bißchen Plaudern wird gewiß nicht schaden,
Ich möchte alles inniger ergründen,
 

 

88
 
Gar leicht geschiehts, daß man verliert den Faden
In Skyllabissen und Charybdenschlünden.
Ich denk, der Held kann mich so vieles lehren,
Was Sänger trüben und in Nebel hüllen,
Drum mag ich den Gefundnen nicht entbehren,
Der nahte, mir die Leere auszufüllen.

ODYSSEUS:
Der Sänger mindert nicht die großen Dinge,
Im Gegenteil, wenn die sich am Belange
Ausrichten, zeigt sich deutlicher die Schlinge
Des Schicksals und die Wehr im eignen Drange.

NAUSIKAA: Die Augen raten mehr als viele Takte,
Im Blick des Helden liegt für mich der Schlüssel,
Am Quell mich eine große Ahndung packte,
Nicht abgestanden in der Wasserschüssel.

ODYSSEUS:
In Augen kann man sich auch leicht verlieren,
Sie sind gefährlich, um darin zu üben,
Sie leuchten nicht nur, das Gesicht zu zieren,
Sie können auch erschrecken oder trüben.

NAUSIKAA: Dein Aug verheißt die Höhe eines Greifen,
Der sorgsam späht das Große wie das Kleine,
Sie lassen mich durch einen Himmel schweifen,
Drins nebensächlich, ob die Sonne scheine.

ODYSSEUS:
Ich möchte die Gesichte nicht vertiefen
Und bin zu müd für solche Schwärmereien,
 

 

89
 
Vernünftig wärs, wenn wir in Bälde schliefen,
Und uns dem Traum von solchen Dingen weihen.

NAUSIKAA:
Ach bitte mach mir nicht den Spielverderber,
Ich sah dich nackt am Ufer ganz im Schlamme,
Es scheint, zu jung das Mädchen ist dem Werber,
Ich häng nicht mehr am Zipfel meiner Amme.

ODYSSEUS:
Dann wirst du wohl die klare Red verstehen,
Ich suche im Palast kein Abenteuer,
Ich bin zu Gast, um Hilfe zu erflehen
Mit Ruderern und wohlerprobtem Steuer.
Die Nacht mit schwülen Träumen zu vertändeln,
Hab ich zu viele mit Gefahr gerungen,
Ich such nicht nach Verwicklungen und Händeln,
Und bin durchaus von Ungeduld durchdrungen.

NAUSIKAA:
Du sprichst von Abschied schon am ersten Tage?
Was hat dich hier im Lande so verdrossen?
Sag frei heraus, daß nicht der Zweifel nage,
Ists wahr, daß du die Reise schon beschlossen?

ODYSSEUS:
Ich mußte mich mit Ungeheuern schlagen
Nachdem ich doch dem Kriege grad entflohen,
Den Tod so vieler Kampfgefährten tragen
Und daß ich selbst entging dem wilden Drohen,
Dankt sich den Göttern, die dem Schwindelfreien,
Der handelt mit Verstand und gutem Mute,
 

 

90
 
Die Kräfte und zuzeiten Einsicht leihen,
Wenn er sie nährt mit seinem eignen Blute.
Mein Schiff versank und alle, die die Rinder
Des Helios aufgezehrt in ihrem Hunger,
Ich wär seit Jahren gern der Heimatfinder.
Was solls, daß ich in fremden Häfen lunger?

NAUSIKAA: Sprich lieber mir von anderen Geschäften,
Du machst mich traurig nur mit dem Fahrwohle,
Du scheinst mir angefüllt mit Zauberkräften,
Drum wird mir jede Geste zum Symbole.

ODYSSEUS: Ich habe Kräfte Leibes und Verstandes
Doch keine, die verlassen diese Sphären.
Was treibt die schönste Blume dieses Landes
Die Strandung hier mit Wundern zu erklären?

NAUSIKAA: Vor meiner Mutter Antlitz im Palaste
Geraten, ohne daß ihn wer bemerke,
Dies war unmöglich bisher jedem Gaste,
Drum war ein Tarnhelm hier vielleicht am Werke.

ODYSSEUS:
Athene schirmt mein Tun und meine Wege,
Im Hain, da wir uns trennten nach dem Gruße,
Versprach sie, daß sie jede Schwelle fege,
Und Leichtigkeit vermache meinem Fuße.

NAUSIKAA: Poseidon wird verehrt auf diesem Riffe,
Drum wunderts, daß die fremdgebliebne Schwester
Sich allen Ernstes an dem Land vergriffe,
Es heißt, daß sie den Dreizack arg verläster.
 

 

91
 
Sie steht im Kreis der Götter recht alleine,
Als eulenäugig liebt die wohl den Dämmer,
Zeus und Apollon findst in jedem Haine,
Doch ortsgebunden sind Athenes Lämmer,
Auch keine zweite Polis führt im Namen
Den Schirmer, dieses einzigartge Sitte,
Scheint so, als ob das Volk von diesem Samen
In Griechenland die Oberhand erstritte.
Auch ist ihr Werden allem sonst verschieden,
Zeus war ein Säugling, hilflos und er weinte,
Athene trat gerüstet in den Frieden,
Und seinen Bräuchen sie sich nie vereinte.
Sie kennt die Liebe nicht und keine Schwäche,
Ganz unbeirrbar bleibt sie auf dem Posten,
Ihr Netz wirft sie aus einer kleinen Fläche
Und wägt genau die Beute und die Kosten.
Mir scheint, sie hat Bezug zu der Verfassung
Des Demos, was nicht nur so eine Grille,
Denn das Gefolg von Gleichheit und Vermassung
Verschafft sich nur ein erzgefügter Wille.

ODYSSEUS:
Der König will die Männer morgen sammeln,
Ich denk, die Göttin wird die Stimmung weisen,
Denn sie verstehts, daß auch den blödsten Hammeln
Bewußt wird, daß es gilt den Gast zu preisen.

NAUSIKAA:
Hat dich den Ton, die Leute schlechtzumachen,
Athene auch gelehrt? Was kann sie schrecken?
Denn als Ergebnis aus dem Kopfzerkrachen
Besteht sie ganz aus Absicht und aus Zwecken.
 

 

92
 
ODYSSEUS:
Sie kann recht milde tun und uns verheißen,
Uns würde Glück, wenn ihrem Rat wir frommen,
Ich zweifle nicht, ehr möcht ich Niemand heißen,
Sind weiß in jedes Herzgemach zu kommen.

NAUSIKAA: Ja wirklich? Und du willst gewißlich reisen,
Sofort und gleich und gar nichts anders denken?
Dem Wind am Meer, dem duftenden und leisen,
Soll ich allein Erinnerungen schenken?

ODYSSEUS:
Ich bin nicht frei, ich sehne mich, zu kehren
Nach Hause, wo die Frau mir hält die Treue.
Der König wird den lang Geprüften ehren –
Drum jede andre Herzensregung scheue!

NAUSIKAA:
Mir stand kein Sinn, die Wäsche auszubreiten,
Doch hat man dazu tückisch mich verleitet,
Wenn Götter so durch Menschenherzen schreiten,
Der Wille bald mit einem Wahne streitet.

ODYSSEUS:
Was Wäsche? Heute früh am offnen Strande?
Es war doch gut, daß du mir kamst der Wege,
Denn nackend geht man nicht in fremde Lande.
Wer will schon, daß den Unmut er errege?

NAUSIKAA:
Ganz recht, nur kam ich nicht aus einer Laune,
Ein Weib, drin ich Athene nun erkenne,
 

 

93
 
Erzählte, daß ich nötig hätt die Daune,
Weil bald mich Lieb in Leidenschaft verbrenne.
Sie riet mir, mich dem Bräutigam zu schmücken,
Der würde mich erkennen und begehren,
Sie schuf mir ein empfindliches Entzücken,
Doch Falsch erkenn ich nun in diesen Lehren.
Die Wäsche von den Brüdern mitzunehmen,
Sei Tarnung, daß der Vater nichts entdecke,
Nun seh ich, daß mit diesen Täusche-Schemen
Verfolgte sie ganz eigen ihre Zwecke.
Die Männerkleidung heischte sie dem Helden,
Ich Närrin fiel herein auf die Kabale,
Ich war nur nötig, um dich anzumelden,
Nun aber sitzt du selber am Pokale.

ODYSSEUS:
Es schickt sich nicht, die Götter anzuklagen,
Sie fügen Ringe, die wir nicht begreifen,
Wenn sie nicht nützen oder sogar plagen,
Soll uns kein Unmut überm Herzen reifen.

NAUSIKAA:
Du bist von deiner Göttin kaum verschieden,
Erlaubt ist euch, mit Herzen Ball zu spielen.
Nun fahre fort und laß mein Herz in Frieden,
Denn Mittel bin ich ungern fremden Zielen.

ODYSSEUS:
Du grollst mir. Doch ich habe nichts versprochen,
Ich trieb als Spielball zwischen hohen Wellen.
Was hat der Schutzbedürftige verbrochen,
Wenn dir die Wünsche böse Fallen stellen?
 

 

94
 
NAUSIKAA: Ich hätte ja viel früher merken müssen,
Daß du wie die Patronin nirgends ehrlich.
Nun führt mich dein Bericht zu andern Schlüssen,
Wem so Poseidon grollt, der ist gefährlich.

ODYSSEUS: Die Götter spielen ihre eignen Weisen,
Wir können sie besänftigen und beten,
Doch bleiben immer unbemerkte Schneisen,
Darein sie uns als ein Verhängnis treten.
Was wir dem einen opfern, wird dem andern
Beleidigend vielleicht gar vorenthalten,
Drum eignet so viel Irren allem Wandern,
Und so viel Schmerz dem Wirken und dem Walten.

NAUSIKAA: Die Götter führst du allzugern im Munde,
Wenn was mißlingt, doch was Erfolg bescherte,
Dem legst die eigne Leistung du zugrunde,
Und wehe, wenn dich einer drob nicht ehrte.
Die Götter sollen deinen Teil vergotten,
Sonst sind sie eben neidisch und zerstritten,
Es taugt dir eher noch, sie zu verspotten,
Als dir ein Fünkchen Weisheit zu erbitten.

ODYSSEUS:
Die Unterscheidung mißlich und gedeihlich
Gab dir der Neid und deine bittre Galle,
Dem Deuter der Geschichte ist es heilig,
Daß dem Geflecht der Einzelsinn verfalle.

NAUSIKAA:
Du bists gewohnt, als Opfer dich zu schildern,
Und glaubst wohl selbst die wiederholten Lügen,
 

 

95
 
Wenn du dich auch versteckst in dunklen Bildern,
Die Götter nicht die Freveltaten fügen.
Wer zwang dich, daß dem Seher der Trojaner
Gewalt du tatst, Verwundbarkeit zu raten,
Weiß du nicht, daß ein Heiligtum der Mahner
Und daß ein Fluch auf solchen Foltertaten?
Wer zwang dich, allen Widerstand zu brechen,
Daß offner Kampf dem schnöden Truge wiche?
Wer zwang, daß du zur Tugend machst die Schwächen
Und Greul begingst, die wahrlich fürchterliche?
Wer zwang, das Tier, das dem Poseidon heilig,
Für eine böse Kriegslist zu mißbrauchen?
Und flohst du die Kalypso wenig eilig,
Weils an der Zeit, mal etwas abzutauchen?
Warum sind die Gefährten alle Toren
Und du so weise, daß es kaum zu glauben?
Habt ihr euch nicht erkannt und zugeschworen,
Wohin ihr kommt zu morden und zu rauben?
Was solln Geschichten uns von Menschenfressern?
Wer selbstgenügsam lebt und ohne Schiffe,
Dem seid ihr ohne jede Scham die Bessern,
Und närrisch ist, wer dies nicht gleich begriffe.
Wozu soll man in Schweine euch verwandeln,
Wos ihr doch ohnehin in euern Taten?
Mit Frauen muß man mit Gewalt verhandeln,
Dann ist ihr Tun wie eures recht geraten?
Wars gut, das halbe Totenreich zu knechten,
Um zu erfahrn, man schände nicht die Rinder?
Daß solcher Taten zählen zur den schlechten,
Das wissen ohne Seher hier die Kinder.
Ob wahr, ob Lug, die Summe der Geschichten
Dient einzig, zu vergötzen deine Größe,
 

 

96
 
Dich leiden und dann Großes zu berichten,
Dies ist der Sinn all der befleckten Schöße.
In einem freilich hast du wahr gesprochen,
Als Niemand du dich nanntenst vor dem Hirten,
Du bist in tausend Larven reingekrochen,
Und läßt in weitern tausend dich bewirten,
Dies ändert nicht, daß du wie Hermes, dessen
Vieldeutigkeit du manche List dankst, keine
Ureigene Person hast je besessen,
Und menschlich gehst allein zum bösen Scheine.

ODYSSEUS: Die Frauen sind oft maßlos in der Liebe,
Zurückgewiesen bremst sie kein Gewissen.
Drum hole ruhig aus zum nächsten Hiebe,
Denn bald wirst du Gelegenheit vermissen.
Du sahst im Leben nichts als diese Insel
Als um Erweckung unerhörter Beter,
Bei Männern spricht man da vom Einfaltspinsel,
Bei Weibern ist es einfach nur Gezeter.
 

 

97
 


MEDEA
TRAGÖDIE





Wettre hinein, o du, mit deinen flammenden Rossen,
Phöbus, Bringer des Tags, in den unendlichen Raum!
Gib den Horen dich hin! Nicht um dich, neben, noch rückwärts,
Vorwärts wende den Blick, wo das Geschwader sich regt!
Donnr' einher, gleichviel, ob über die Länder der Menschen,
Achtlos, welchem du steigst, welchem Geschlecht du versinkst,
Hier jetzt lenke, jetzt dort, so wie die Faust sich dir stellet,
Weil die Kraft dich, der Kraft spielende Übung, erfreut.
Fehlen nicht wirst du, du triffst, es ist der Tanz um die Erde,
Und auch vom Wartturm entdeckt unten ein Späher das Maß.


KLEIST    

 

98
 


PERSONEN
AIETES, König von Kolchis
ABSYRTUS, sein Sohn
MEDEA, seine Tochter
GORA, Medeens Amme
ALKINOUS, AISON, ihre Söhne
PERITTA, eine ihrer Gespielen
QULHA, AREXE, Kolcher
OLBIO, Tributeintreiber
JASON, TELAMON, Argonauten
KREON, König von Korinth
KREUSA, seine Tochter
AIGEUS, Fürst von Athen
 

 

99
 


PROLOG
TELAMON: In Liedern, Epen und gelehrten Schriften
Erfreut der Argonautenzug den Leser,
Masurisch wie in Niedersachsens Triften
Schätzt man ihn an der Weichsel und der Weser.
Die Sage, darin Mythos und Geschichte
Den Künstler fordern, reizt als Flachs der Flachse
Den Maler wie den Sänger, daß das Lichte
Besonders hell auf düsterm Grunde wachse.
Doch ist im Reichtum die Gefahr gegeben,
Daß Einzelnes die Fabel überschwemme,
Wenn sich die Bilder im Tumult erheben,
Zerbrechen der Moral die Handlungsdämme.
Sublimstes wird bemüht, um auszuschmücken,
Bei Apollonios gehts sogar zum Ister,
Und niemand hinterfragt uns das Entzücken
Am großen Raub gewiefter Überlister.
Warn doch das Schiff, die Prächtigkeit der Streiter,
Nicht Sinn der Fahrt in unbekannte Meere,
Der Feldherr fand illustre Gäste heiter,
Weil die Reliquie raunte Ruhm und Ehre.
Zu dieser Überzeugung will nicht passen,
Daß nach der Fahrt vom Vlies nichts mehr zu sagen,
Man nahms mit der Verräterin, der krassen,
Doch letztlich nutzlos blieben alle Plagen.
Da drängt sich der Verdacht auf, daß der Segen
Des Vlieses schwand mit seinem Vaterlande,
Dann schaffte, dieses Kleinod zu bewegen,
Den Helden pure Blödigkeit und Schande.
Warum Tragöden und den Epigonen
 

 

100
 
Dies so entging, ist schwer nicht zu erraten,
Die Griechenfahrten wollten sie belohnen,
Da fragt man nicht nach Recht und Sinn der Taten.
In Kolchis sann man allerhöchste Mühe,
Das Vlies zu hüten, das im Areshaine,
In Griechenland macht keiner so viel Brühe,
Denn so ein Schafsfell schützt sich von alleine.
Der Fahrenden hat keiner je gesprochen,
Wies wirklich sich verhalt mit diesem Fange,
Doch denkbar, daß den Braten wer gerochen,
Daß Ehre nicht bei diesem Schluß zugange.
Ich selbst bin auch nur eine Dichterlarve,
Doch seh im Stoff ich Weiser, zu gestalten
Die Selbsterkenntnis nicht erst an der Harfe,
Schon in der Helden spätrem Weiterwalten.
Was hindert den Geneigten anzunehmen,
Die Morde der Medea und die Krämer
Zuhause, sollten Jason nicht bequemen,
Zu sehen, daß er selbst des Vlieses Lähmer?
Daß Griechenschwindel, jene sein Barbaren
Und ohne Recht, weil sie ganz ohne Schiffe?
Daß Ruhm nicht fand, wer herzhaft losgefahren,
Daß er, was ihm von Wert erschien, ergriffe?
Was hindert dann, zuguterletzt zu glauben,
Der Held hab noch einmal die Schar versammelt,
Um heimzubringen, was ihn einst zu rauben
Die Jugend hieß, und das nur noch vergammelt?
Was bitter einst den Kolchern ist geschehen,
Versteh das Publikum als eine Lehre,
Den Segen nur mit Wächtern zu versehen,
Schafft ihm die Dauer nicht und keine Ehre.
Der Staat kann nur bestehn und überdauert,
 

 

101
 
Wenn die Familien ihn mit Leben füllen,
Selbstsucht, in der das Schrankenlose lauert,
Kann jedes Heil in Schimmelschleier hüllen.
Medeas Morde, der Verlust des Vlieses
Sind Folge, daß der Vater lasch und müde
Die Zucht vergaß und Glitschiges und Mieses
Gewähren ließ, bis es ihm kraß und rüde.
Der Niedergang bleibt selten in der Mitte,
Der er entquoll wie Eiter einer Wunde,
Der Eitle bahnt ihm bald die nächsten Schritte,
Doch jeder Frevler kommt zur letzten Stunde.
Dies zeigt das Stück, doch auch, daß Vaters Fehler
Zu richten sind, wenn wir das Opfer wählen.
Nun sei die Phantasie euch ein Beseeler
Der Helden, die sich aus der Handlung schälen.
 

 

102
 


ERSTER AUFZUG
In einem Turm an der Küste von Kolchis. Ein runder Saal mit Schießscharten. Singende Mädchen in weiß beim Bodenturnen. Medea, ganz in schwarz mit Stiefeln, Strumpfhose und Bluse und einer schwarzen Schleife im Haar, boxt auf scharlachrote Ledersäcke. Durch eine Luke fällt das Licht des Vollmonds.

Erste Szene
Medea, Peritta, Gora.

PERITTA: Dir singen wir du wundersame Leuchte,
Die Wölfe weckt und uns das Blut erneuert,
Erst wenn die Nacht den Zorn des Golds verscheuchte,
Das maßlos Kraut und Dünensand verfeuert,
Erwachst du uns zum Horn und zum Pokale
Und auch als Zeit, das Antlitz tief zu schwärzen.
Du gibst die Mitte unserm offnen Saale,
Darin wir brennen als geweihte Kerzen.
Wir wandeln uns zu Pfeilen und Rosetten
In deiner Fahle, die uns spornt zur Rache,
Wir haben uns befreit von allen Ketten,
Darum uns mondenweiß und furchtlos mache.

MEDEA: Was sagt die Botin aus dem Westwind-Tosen?
Was schlämmt er als zerbrochnen Traum ans Ufer?
Nicht heisch ich nach Korinthen und nach Rosen,
Ich trau allein dem unerschrocknen Rufer.

GORA: Es kamen Schiffe, und manch Wohlbewehrter
Nutzt fremde Laute bei den Waffenspielen,
 

 

103
 
Sie wirkten kindlich, trügen sie nicht Schwerter,
Und arglos noch, worauf die Pfeile zielen.
Die Sitten dieser ungebärdgen Knaben
Sind seltsam und von unsern sehr verschieden,
Wenn sie nicht auf der Jagd zu schaffen haben,
So turteln sie wie Tauben, die sich lieben.

MEDEA: Was soll das heißen? Halten sie sich Weiber?
Sinds welche gar von hier, die sie entehrten?

GORA: Am liebsten mögen sie die eignen Leiber,
Doch manche auch die jüngeren Gefährten.
Wer bartlos dient als Mundschenk seinem Recken,
Bekleidet sich nur spärlich und beim Tanzen
Läßt er sich an Gesäß und Nabel necken,
Und seine Lippen mögen Mannsbart-Fransen.

MEDEA: Sie sind gewiß von weit nach hier gefahren.
Ist heil zur Heimfahrt die gesamte Flotte?

GORA: Nach Eile schauts nicht aus bei dem Gebaren.
Ich denk, sie ziehts so wie das Licht die Motte.

MEDEA: Was soll das sein? Wir haben keine Schätze?
Solch lange Fahrt für eine karge Küste?

GORA: Das Vlies, Medea, ist das Ziel der Hetze.
Wers ihnen riet, wenn mans doch näher wüßte!

MEDEA: Nachfahren wohl des trottelhaften Spenders.
Vielleicht hat sie sein Geist im Traum gerufen.
Sei wie es sei, durchs Feuer des Geländers
 

 

104
 
Drang nie ein Held zu unsern Tempelstufen.
Drum sind die Fremden bald schon in der Klemme.

GORA:
Ich hör den Geist der Brandung gräßlich wimmern,
Am Erlenholze bräunen sich die Schwämme,
Und auf den Wogen seh ichs purpurn schimmern,
Sie sandten einen Boten zu dem Vater,
Der schien mir nach dem Rate schwer gealtert,
Die Götter rief er selbst am Feuerkrater,
Mir schiens die Seel, die durch ein Kleefeld faltert.

MEDEA: Nun gut, so bring den Bruder mir zum Rate,
Er wird Begehr und Abhilf mir vertrauen,
Er ist schon lang der zweite Mann im Staate
Und weiß die Dinge gründlich zu durchschauen.

PERITTA: O weh, ein Mann in unsrer holden Halle!
Dies ist der Anfang von der Freiheit Ende,
Sie morden mit dem Augenlicht uns alle,
Bänd man auch hären ihre Grabscherhände.

MEDEA: Verstumme Gans, wenn Politik entscheidet
Und sorg dich lieber, daß dein Rücken runder.
Um dich hat mich noch nie ein Mann beneidet,
Sei er auch taub und platt wie eine Flunder.

GORA: Ich werd den Prinzen in die Halle locken,
Und sorgen, daß verschwiegen es geschehe,
Er laß die Stiefel draußen, komm in Socken,
Dann fürchtet selbst Peritta keine Wehe.
(Ab.)
 

 

105
 
Zweite Szene.
Jason, Medea, Peritta.

PERITTA:
O weh, ein Mann, kaum trübte den Gedanken
Der Grobian, schwingt er leibhaft schon die Keule,
Medea schau, ich seh die Ampeln wanken
Und rieche den Spion an dieser Säule.

JASON (tritt aus dem Schatten der Säule):
Ich wollte nicht die Turnerinnen stören,
Der Wehrturm schien mir als ein Waffenlager,
Zu lauschen den verwunschnen Mädchenchören,
Die Säule war ein weniges zu hager.

MEDEA: Was suchst du Waffen, wo wir alle Frieden
Verehrn und niemands Hab und Gut beneiden,
Mir scheint, du steigst vom Wolf des Kriegs hernieden
Und hebst das Schwert, daß Kind und Mutter leiden.

JASON: Es steht mir fern, die Lande zu verheeren,
Allein mein Oheim klagt zurück das Seine,
Wollt ihrs dem Gast nicht ungerecht verwehren,
Scheid ich schon morgen mit dem Sonnenscheine.

MEDEA: Was ist es, daß dein Oheim hier verloren?
Ganz unbekannt erscheint mir deine Sippe.

JASON: Im Traum kam ihm der Götterspruch zu Ohren,
Daß Phrixos flog dereinst zu dieser Klippe.
Da Zeus dem Widder schuf die Himmelsflügel,
Daß der ihn trag aus mörderischem Grolle,
 

 

106
 
Gab er dem Gott das Fleisch auf diesem Hügel,
Doch aufbewahrt ward des Gehörnten Wolle.
An mir ists, dieses Wunder seinem Erben
Zurückzubringen, daß ers heg und pflege:
Das Vlies zu schaffen oder stolz zu sterben,
Ich schwors, und niemand hält mich auf dem Wege.

MEDEA: Wie habt ihr vor, das Kleinod zu erkennen,
Ein Träumer und ein andrer der ihm lauschte –
Gibts Fackeln, die in solchem Dunstkreis brennen,
Daß nicht ein Schalk das Widderfell vertauschte?

JASON: Ich weiß gewiß, ich bin im rechten Lande,
Die Weiblein raunten mir von einem Drachen,
Sind auch gepanzert Kragen und Gewande,
Er wird nur bis zu meiner Ankunft wachen.

MEDEA: Ihr wollt den Drachen im Gefecht erlegen?
Dies zeigt, ihr habt kein Gran von ihm gerochen.
Was setzt ein Mann dem Brandorkan entgegen?
Ehs er ersänn, zerbersten seine Knochen.

JASON: Wird mir kein Sieg, so ist der Tod das beste,
Zuhause könnt ich nimmers Aug erheben,
Man wies auf mich grad wie auf Speisereste,
Er bettelte vorm Feinde um sein Leben.

MEDEA: Was ist das für ein Haus, wo das Verrückte
Verlangt wird wider Aug und Ohr und Nase?
Die Himmelsgöttin, die die Mutter schmückte,
Schafft manchenorts dem Wandrer die Oase.
Ich rate euch, laßt die in ihrem Wahne,
 

 

107
 
Die euch gegart um eitle Kleider hätten,
Die Welt ist offen euch und euerm Kahne,
Die Treue ist ein andres Wort für Ketten.

JASON: O nein, mit Hellas kann kein Licht sich messen,
Barbarisch scheint mir jeder andre Hafen,
Nur Lethe läßt den hohen Traum vergessen,
Und nur im Hades kann man ihn verschlafen.

MEDEA: Was ist an diesem Land so eigentümlich,
Daß Männer werden kindisch und verblendet,
Erscheint dem Opfer gar die Hoffahrt rühmlich,
Die rettungslos es ins Verderben sendet?

JASON:
Es ist das Licht, wenn Nordwind treibt die Barken
Durchs Veilchenfarbne und das Grün des Weines,
Der Rost der Felsen setzt metallne Marken
Ins Farbenspiel des Meeres und des Haines.
Die Götter gehn in Reinweiß und azuren,
Die Dinge klar und nah am Transparenten,
Und alles Leben hügelt sich zu Spuren,
So prall wie fein und schmerzhaft dem Getrennten.
Hier hob sich aus dem dämmrigen Vergessen
Die Linie, die dem Denken setzt die Schärfe,
Hier übt sich jedes Kindesaug im Messen,
Im Urteiln, was der Morgentau verwerfe.
Das Kleinste sucht die Anmut zu gefallen,
Der Stil bleibt souverän sogar im Buntsten,
Hier spricht man mit Musik, die sich kristallen
Abhebt von allem ungeschult Gegrunzten.
Hier weiß man, daß die Mitte aller Mitten
 

 

108
 
Den Götter wohl, daß sich ihr Spiel erzähle,
Und wie sie selbst verfeindet und zerstritten
Sind hohen Muts die hellen Archipele.
Doch ist der Krieg für uns kein greiser Schlächter,
Das Haar gekämmt, mit Rosenduft und blanken
Schildbronzen singen wir als Todverächter,
Und unsre Linien werden niemals wanken.
Wir fassen nicht die Welt als Not und Pause,
Wir schaun das Gold im Starken wie im Siechen,
Das Licht des Ida wurde Raum zuhause,
Es nistet, wo es Wasser gibt und Griechen.

MEDEA: Die Leichtigkeit, sich in die Welt zu lagern,
Gefällt mir wohl, wo Kargheit uns das Muster,
Sie zeigt sich in den Wägern und den Wagern
Und macht das Los, wie es auch fall, bewußter.

JASON: Die Götterkämpfe sind nicht nur Geschichten,
Sie zeigen Stufen, daß die Welt gedeihlich
Dem, ders versteht, Vergrabenes zu lichten,
Die Schrift zu sehn, wie wahrspricht doppelzeilig.
Weil dies allein in Griechenland gelungen,
Auf einer Höh, die später wohl Legende,
Hab ich die Argonautenschar gedungen,
Daß sie das Vlies in unsre Heimat sende.

MEDEA: Wie seltsam rührt mich diese Wunderkunde!
Ihr liebt euch frei, so wurde mir berichtet,
Und für die Freiheit geht ihr gar zugrunde
Im Troste, daß der Sänger dies bedichtet.
Bei uns heißt Not die Meisterin des Tages
Und Freiheit ist ein Ding für Lebensmüde,
 

 

109
 
Wir weihn uns nicht dem Vogelsang des Hages,
Denn was uns treibt, das treibt gemeinhin rüde.

JASON: Mich wundert euer Wort, denn dieser Reigen
Von Mädchenstimmen scheint mir nicht geschuldet
Der Strenge, welche Lebenshüter zeigen,
Von denen keiner Kapriolen duldet.

MEDEA: Ja, in der Tat, des Turmes morsche Feste
Gab ein Refugium für ein holdres Hoffen,
Ich denk nicht dran, auf welchem Fluchpodeste,
Noch, daß der Ausgang dieser Szene offen.
Ihr solltet, eh wir endlos weiterschwätzen,
Euch auf den Weg zu den Gefährten machen,
Ich weiß bescheid, ihr sucht den Widderfetzen,
Ich denke nach, was möglich bei dem Drachen.

JASON: Ich danke euch und werde den Gefährten
Vertrauen, daß im Turm die Weisheit wohnte,
Wir suchten ein paar Früchte in den Gärten,
Doch glaubt, daß ich das Land nach Kräften schonte.
(Ab.)


Dritte Szene.
Medea, Peritta.

PERITTA: Der Held der Fremden hat dir wohl gefallen?
Nicht oft hört man so säuseln die Gestrenge,
Er kündet den Gelandeten jetzt allen,
Bei diesen Mädchen bräucht es keine Zwänge.
 

 

110
 
MEDEA: Peritta, immer bis zur nächsten Ecke
Schaust du und keine einzge Elle weiter,
Im Augenblick allein entdeckst du Zwecke,
Doch eine Sprosse macht noch keine Leiter.
Du meinst, ich tändle grade zum Vergnügen,
Such ich Gefahrn zu deuten und zu wehren,
Dir mag die Lust des Unterleibs genügen,
Ich aber trag zu Höherem Begehren.
Erst wenn die Wände rings zusammenschlagen,
Spürst du die Hohlheit unter dem Geplänkel.
Du freust dich, daß der Korb so leicht zu tragen,
Und merkst nicht, daß dein ganzes Glück der Henkel.
Was meinst du wohl, wie wurde die Ruine
So wohlfeil, daß uns keiner drum befehdet?
Glaubst du, sie fiel wie eine Apfelsine
Vom Baum, weil du so allerliebst geredet?

PERITTA: Dein König machte sie dir zum Geschenke,
Sein Reich ist groß, ihm wird dabei nichts fehlen,
Wir schrubbten lang die Fliesen und die Bänke,
Ein Staubreich wars, ein Haus der toten Seelen.

MEDEA: Und warum hat der König dies gegeben?
Nicht grade häufig siehst du ihn als Spender.

PERITTA: Die Tochter ist ein Stück von seinem Leben
Und erbt den Hof dereinst und alle Länder.

MEDEA: Wer hat dich solche Ammenmärn gelehret,
Der treue Vater sorgt für seine Kinder?
Die Tochter lebt, bis sie sich mal beschweret,
Dem Ungehorsam ist der Herr der Schinder.
 

 

111
 
PERITTA: So sag mir halt, wenn ich so bildungsferne,
Warum hat uns der König so begnadet
Und auch, warum ers nun zurückhätt gerne,
Und was ihm die bisherge Nutzung schadet.

MEDEA: Das Vlies, Peritta, wollt er gut verwahren,
Solang mein Zauber diesen Dienst verrichtet,
Schützt dieser Turm mich selbst und meine Scharen,
Doch wehe uns, wenn diese Macht vernichtet.
Wer will denn wissen, ob die fremden Streiter
Nicht über stärkre Himmelsmacht verfügen?
Sie nennen ihre Götter licht und heiter.
Wer weiß, ob meine Künste noch genügen?

PERITTA: So suchst du sie versöhnlich uns zu stimmen,
Bis du von ihrer Macht genaure Kunde.
Medea, hüt mein Herz vor allem Schlimmen,
Bis in den Tod sei ich mit dir im Bunde!

MEDEA: Verzwickter noch zeigt sich die ganze Lage!
Ich kann den Bann mit meinem Tode lösen.
Erweist sich der Besatzer uns als Plage,
Vielleicht geht dann der König mit den Bösen.

PERITTA: Das wäre Arglist wider deine Treue!
Ich denk, das kann er ernstlich nicht erwägen.

MEDEA: Im Denken immer das Unmöglich scheue,
Den Stamm zu retten, kann den Ast man sägen.

PERITTA: O weh, wird dir Absyrtus denn verraten,
Wies steht bei Hof und was man geht für Wege?
 

 

112
 
MEDEA: Ob er, ob ich? Wer dort den bessern Paten,
Nicht allzu fest das letzte Urteil lege.

PERITTA:
Mir schwindelt. Daß der Willkür keine Dämme,
Nimmt mir den Boden. Deiner Weisheit bitte
Ich alle Götter, die ich irgend kenne,
Daß nicht die Unschuld den Despoten litte.


Vierte Szene.
Medea, Peritta, Absyrtus, Gora.

ABSYRTUS: O liebe Schwester endlich, endlich wieder!
Ich hab dich so vermißt in diesen Jahren,
Mir fehlte dein beschirmendes Gefieder
Seit du so jählings aus dem Haus gefahren.

MEDEA: Du bist gewachsen, mächtig, und ich ahne
Die ersten Stoppeln bald an deinem Kinne!
Dem König, glaub ich, gehst du nach dem Plane,
Wie ich daneben schon im Anbeginne.

ABSYRTUS: Der Vater wird mit jedem Jahre milder,
Es wäre schön, gingst du ihm mal entgegen,
Er weint zur Nacht, ich sah die Kinderbilder
Sein schüttres Haupt mit tiefem Schmerz bewegen.

MEDEA: Dies ist nicht neu, ihm war die Tränendrüse
Schon immer Sekundantin seines Schwertes,
Doch ich hab weder Weisheit noch Gemüse,
Sein Herz zu heiln, sein also tief versehrtes.
 

 

113
 
ABSYRTUS:
Du hast dich nicht verändert, meine Große!
Du gehst so sicher und so unbestechlich,
Schaust durch die Rüstung auf die Haut, die bloße,
Und zeigst uns, daß wir schwach sind und zerbrechlich.

MEDEA: Nun gut, genug von diesen Komplimenten!
Ich denk, du weißt, warum ich nach dir schickte.
Wann jagt der König übern Teich die Enten
Und sorgt, daß sie kein zweiter Tag erblickte?

ABSYRTUS: Du sprichst von der Elite einer Kaste,
Die Kriegskunst mit der Muttermilch gesogen,
Nicht töricht unterschätzt sei der Verhaßte,
Der wie ein Gott zu spannen weiß den Bogen.

MEDEA: So ists schon vor der ersten Schlacht Parole,
Daß keiner standhalt und sich widersetze?
Meint nicht des Heeres Treueeid, der hohle,
Daß solche Feigheit jeden Gott entsetze?

ABSYRTUS: Das Heer ist treu, es sinnlos zu verheizen,
Schüf Schande selbst dem blindgebornen Gecken.
Höchst albern ists, sich eigenhold zu spreizen,
Wo das Orakel schweigt in Scham und Schrecken.
Allein die Götter können alles wenden,
Sie binden nicht Verhältnis, Zahl und Stärke,
Soll nicht im Tode die Belagrung enden,
So ruf den Mond und seine Wunderwerke.

MEDEA: Mein Kleiner, meine Zauberkünste treffen
Nur den, der mir verfallen ist im Herzen,
 

 

114
 
Den Fremden, die das große Segel reffen,
Wärs grad, als suchten Kinderchen zu scherzen.
Da du mir hold, hab ich dich fliegen lassen,
Du spanntest als mein Minner deine Schwingen,
Jedoch bei jenen unverwandten Rassen
Kann mir nicht der geringste Bann gelingen.
Auch Tyris, der als Drache wacht am Vliese,
Wars nur der Eifer, um mein Ja zu werben,
Was ihn gebracht in meine Macht-Verliese,
Daß er als Untier töten muß und sterben.
Und dieser Bann ist nicht nur seine Schlinge,
Ich selber bin in gleicher Weis gebunden,
Denn daß ihm die Erlösung einst gelinge,
Ist ihm verbürgt bei meinen Todeswunden.
Der stolzeste aus der Besatzerrotte
Stand eben grad an deiner Statt im Saale,
Doch keineswegs wies Kerzenlicht die Motte,
Begehrt er Trunk aus meiner Lippenschale.
Kann ich den Mann nicht locken und verführen,
Kann ich ihn nicht besiegen und besetzen,
Drum mußt du mich als Waffenlose spüren,
Unfähig, diese Scharen zu verletzen.

ABSYRTUS (nach einer Weile):
Mir wurde diese Möglichkeit beschrieben.
Allein ich hielt es noch für unbewiesen.
Die Götter, ach, wo sind sie uns geblieben,
Wir sind allein und stehen vor den Riesen.
(Er setzt sich auf einen Sims. Pause.)
So bleibt nur eins. Der fluchgebannte Drache
Muß unbedingt dir nicht das Leben rauben.
Nicht nur dein Tod enthebt ihn von der Wache,
 

 

115
 
Es reicht ihm, dich im Totenreich zu glauben.
Ist er ganz überzeugt, du seist gestorben,
Und nichts auf Erden könne dich erzwingen,
Dann ist in ihm der Minnebann verdorben,
Dann fallen Kralle, Panzerkamm und Schwingen.
Ich hab dem Vater schon davon gesprochen,
Die Fremden werden unser Land verheeren,
Und wird der Bann nicht irgendwie gebrochen,
So werden jede Hütte sie entehren.
Es gibt nur eins, was sie nach Hause schickte,
Es ist das Vlies, uns bitterböse Bürde,
Und als ich diese Möglichkeit erblickte,
Erkannte ich, daß es so kommen würde.
Ich werde mich an deiner Stelle richten,
Im Alter, drin die Schwester einst gewesen,
Der Drache wird die Leichenteile sichten
Und läßt den Ort dann ohne Federlesen.
Er weiß nicht mal, daß dir geschah ein Bruder,
Ich lebte dazumal noch bei der Amme,
Das Blut und der Geruch betäubt das Luder,
So werd ich meinem Volk zum Opferlamme.

MEDEA: Ich habe diesen Tag wohl kommen sehen,
Das Vlies ward uns gebracht, uns zu vernichten,
Doch wer versteht schon, was die Winde wehen,
Was wahr ist an den wüsten Traumgesichten?
Ich muß den Mond in dieser Nacht befragen,
Peritta führt dich fort in eine Kammer,
Des Rätsels Lösung wird sich bald uns sagen,
Laßt mich allein mit meinem großen Jammer.
(Absyrtus und Peritta ab.)
 

 

116
 
Fünfte Szene.
Medea, Gora

GORA: Nun, Herrin, soll ich auch den Saal verlassen,
Daß ihr allein mit Göttern und Gedanken,
Ich geh nicht weit, den Ruf wohl abzupassen,
Denn euerm Wort gehorch ich ohne Wanken.

MEDEA: Nein Gora bleib. Du Hälfte meiner Seele,
Du weißt, ich rufe nie nach Rat und Sorge,
Nur darum, daß ich selbst mir nichts verhehle,
Ich zum Gespräch mir deinen Schatten borge.

GORA (greift ihre Hand):
Ich ahnte es. Es blieb mir unverborgen,
Daß meine Herrin sucht sich zu begründen,
Wer sich ermannt, bannt jede Art von Sorgen,
Und flirtet nicht mit Unterlassungssünden.

MEDEA:
Er will es selbst. Auch kann nur Tod ihn retten
Vor einer Zukunft als Despotenmime,
Nicht lang, dann wird sich ihm der Hintern fetten,
Drum preise er sich froh im Interime.
Er wills fürs Land und ähnliche Klamotten,
Man lasse ihn in seinem Kinderglauben.
Doch uns geruhts nicht, in die Nacht zu trotten
Und zuzuschaun, wie Jahre uns berauben.
Das Land der Fremden bietet reiche Pfründe,
Die Sklaven tauschten nicht mit unserm Throne,
Wer hierauf zu verzichten sich verstünde,
Beeindruckt Narren mit der Narrenkrone.
 

 

117
 
Du sahst es selbst. Sie lieben ohne Fessel,
Sie kleben nicht an überholten Sitten.
Doch Kolchis, dieser Sesameintopf-Kessel,
Bleibt ewig von der Freiheit angeschnitten.
Sind sie erst fort, der Bruder ausgeblutet,
Sag selbst, wie stelln sich dann des Königs Pläne,
Was wird Medeen danach zugemutet
Als Lebenstor für neue Kapitäne?
Dann ist kein Platz für Turnen oder Reigen,
Die Schwangerschaft, die nächste und noch eine,
Dann will der König wahre Größe zeigen,
Und eure Herrin spreizt dafür die Beine.
(Sie schluchzt an Goras Brust.)

GORA (nach einer Weile):
Ich hab verstanden. Und ich hab begriffen.
Loh steht die Flamme vor dem Funkenschürer.
Ich laufe rasch hinunter zu den Schiffen
Und treff der Fremden anerkannten Führer.
Ich biet das Vlies für unversehrte Reise
Und Adelsprivilegien für die Maiden,
Er schwör mir bei der Sonnenwagen-Schneise,
Daß uns landab die Jungfraun einst beneiden.
Besorgt derweil, den Drachen einzuschläfern,
Ich führe Jason dann zum Goldnen Felle,
Absyrtus sei ein Sonntagsmahl den Käfern,
Jedoch der Falter läßt die Raupenzelle.

MEDEA: Schick mir Peritta noch, denn ganz alleine
Mag ich nicht Abschied nehmen von dem Volke,
Sie ruft wie niemand nach dem Mondenscheine
Und scheucht davon die gräßlich fette Wolke.
 

 

118
 
GORA: Ich schick sie, ihren Singsang anzustimmen,
Und hie und da das Räucherwerk zu zünden,
Wenn hier im Saale Balsamharze glimmen,
Soll die Gefahr in reinste Freude münden.
Bin ich erfolgreich auf der ganzen Linie,
Laß Bogenschützen ich den Turm zerstechen,
Und zeigt sich dir der stolze Gruß der Pinie,
So sei allein die Säumnis ein Verbrechen.
(Ab.)


Sechste Szene.
Medea, Qulha.

QULHA: Der König lud mich ein, um zu besprechen
Die Krise, leider ohne rechtes Ende,
Er sieht das Reich in Ost und West zerbrechen,
Und hebt doch nur beschwörend seine Hände.

MEDEA: Die Narrheit der Person und dieses Amtes
Braucht ihr der Abgeschiednen nicht erklären,
Aus dunklen Männerphantasien stammt es,
Doch brauchts die Frau, die Träger zu gebären.

QULHA (nickt verständnisvoll):
Obgleich die Ankunft waffenstarrer Reiter
Beweist, daß nichts in dieser Welt alleine,
Meint unser Herr, es ginge alles weiter,
Denn unser Segen hängt im Areshaine.
Er weigert sich der Lockrung, den Reformen,
Und lobt die Steinzeit als das Maß der Maße,
Er lob die Tugend und die alten Normen,
 

 

119
 
Statt daß er bau zur Bucht die breite Straße.
Die Fortgeschrittnen sollten uns belehren,
Die Wirtschaft hier auf Vordermann zu bringen,
Stattdem hält er ein leeres Fell in Ehren
Und wird nicht müd, ihm lob und preis zu singen.

MEDEA (gelangweilt):
Bringt ihr nur her die ewig gleiche Leier,
Ich brauch die Zeit für eigene Geschäfte,
Macht lieber unterm Volk den Waffenschreier
Und stürzt den Thron und lebt nach eignem Hefte.

QULHA: Ihr kommt zur Sache und dies ist vorzüglich,
Die Frau spürt Wechselwind vor jedem Recken,
Zwar paßt das Land zum Aufstand wild und hüglig,
Doch ohne Fahne folgt man keinem Stecken.
Es wird der Sturz der alten Ordnung glücken
Der Frau, die monden führt der Wölfe Rudel,
Ihr wird sich das Gesetz des Lebens bücken,
Daß der Despot es länger nicht besudel.
Die Frauen stehn seit je dem Leben näher,
Sie schaffens und erhaltens mit der Pflege,
Ein Narr dagegen ist der Wolkenspäher,
Der sich vom Unsichtbaren leiht die Wege.
Drum ist bei Frauen Einsicht für die Lehre,
Daß nötig die Vermehrung aller Güter,
Daß sich die Saat und dann das Brot vermehre,
Schafft Wohlstand für die Herde wie den Hüter.
Die kann allein gelingen, wenn dem Golde
Erlaubt ist, sich als Antrieb zu vermehren,
Dann fügt sich ihm das Harte wie das Holde,
Und keine Ordnung kann es ihm verwehren.
 

 

120
 
MEDEA: Rebellisch bin ich wohl wie Visionäre,
Doch euerm Haufen dien ich nicht als Krone,
Wenn ich mir der Magie nicht sicher wäre,
Dann prüfte ich, ob sich der Aufwand lohne.
Für meinen Traum sind Kräfte mir gewachsen,
Die einem Mannshirn nie begreiflich werden,
Drum rat ich, seid ihr keiner von den Laxen,
Was mir der Himmel, schaffet euch auf Erden.
(Qulha ab.)
Peritta naht! Nach zweien nun der Schranzen
Wird bald der alte Kläffer selber winseln,
Läßt Gora erst die Botenpfeile tanzen,
Hab ich genug von diesen Einfaltspinseln.
Denn ist das Ei genügend ausgebrütet
Muß irgendwann die harte Schale platzen.
Dann seht mal zu, wie ihr den Himmel hütet!
Der Tiger schlägt nur einmal mit den Tatzen.
Der Mond scheint hell. Es sei nicht ohne Weihe,
Steht die Gefangne auf, sich zu verschönen.
Wenn ich mich aus der Vaterwelt befreie,
Soll er mit seinen vielen Männern stöhnen.


Siebente Szene.
Medea, Peritta, Aietes.

PERITTA (räuchert und psalmodiert):
Dir singen wir du wundersame Leuchte,
Die Wölfe weckt und uns das Blut erneuert,
Erst wenn die Nacht den Zorn des Tags verscheute,
Der maßlos Kraut und Dünensand verfeuert,
Erwachst du uns zum Horn und zum Pokale
 

 

121
 
Und machst uns Zeit, das Antlitz tief zu schwärzen.
Du gibst die Mitte unserm offnen Saale,
Darin wir brennen als geweihte Kerzen.
Du milderst die Gedanken still und fraulich,
Du bist der Reim und aller Weisheit Reigen,
Du machst das Dunkel nektarsüß und traulich
Daß sich die Zeichen deiner Botin zeigen.
Wir wandeln uns zu Pfeilen und Rosetten
In deiner Fahle, die uns spornt zur Rache,
Wir haben uns befreit von allen Ketten,
Darum uns mondenweiß und furchtlos mache.

AIETES:
Mein Kind, die Umständ unsres Wiederschauens
Sind gräßlich, doch sie trüben nicht die Freude,
Daß du gefaßt und göttlichen Vertrauens
Beweist, daß ich die Schritte nicht vergeude.

MEDEA: Die Wege als erfolgreich zu erkennen,
Erfordert, daß das Ziel des Laufs man wisse,
Drum solltest erst du dein Begehr mir nennen,
Daß nicht ein Schmerz gehegten Trug zerrisse.

AIETES: Das ist doch klar, ein Ende der Gefahren
Für Volk und Reich erstreben meine Schritte
Ich mußte mich Absyrtus offenbaren,
Nun bist du in dem Königsbund die dritte.

MEDEA: Und welcher soll als Drachenbraten taugen,
Der Erb, der König oder doch die Schlampe?
Denn wer am Kreuzweg steht mit offnen Augen,
Vergißt die Zwille nicht und nicht die Krampe.
 

 

122
 
Es ist doch schon beschlossen, abzugeben
Das Vlies, weil Krieg den Untergang bedeutet,
Drum sag: Wem geht es dieses Mal ans Leben
Und wer wird für das Echsentier gehäutet?

AIETES: Was sind das für absurde Rituale,
Um einem Scheusal Tränen zu entlocken,
Ich denk, es reicht auch eine Marmorschale
Mit Schweinefleisch, den mürben Wart zu blocken.
Mein Leibarzt könnte dich zur Ader lassen,
Damit wir das Geruchsorgan noch blenden,
Doch bitte schweig vom Blutigern und Krassen,
Sonst können wir auch das Gespräch beenden.
(Durch eine Scharte dringt ein gefiederter Pfeil und bleibt vor Aietes liegen.)
Was soll das? Ja der hätt mich fast getroffen,
Weß Frevlerhand entheiligt diesen Tempel?

MEDEA (abwinkend):
Das Zeichen, daß die Worte sich verstoffen,
Hier trennt das Tatwort sich vom Lautenkrempel.
Ich bin verhindert, nur für kurze Weile,
Peritta wird ein starkes Bier dir reichen,
Ich hoff, Du bist nicht allzusehr in Eile,
Dies ist ein Ort der Winke und der Zeichen.
(Ab. Peritta bringt Bier und beginnt zu tanzen.)

AIETES (trinkt):
Ich bin schon alt und habs nicht weit zum Grabe,
Doch weise werd ich wohl nicht mit den Jahren,
Und was ich jung niemals begriffen habe,
Das werd ich wohl auch alternd nicht erfahren,
 

 

123
 
Die Mädchenspiele, diese Rätselglücke
Um Blütenblätter, Reifen, Nadelstiche,
All das Getu mit einem Ruch von Tücke,
O brächte mich der Himmel auf die Schliche.
(zu Peritta)
Sag, Tänzerin in diesem dichten Nebel,
Wärs möglich, daß man mal ein wenig lüfte,
Der Rauch, euch Lust, ist mir ein herber Knebel,
Denn ziemlich anders wähl ich selbst die Düfte.

PERITTA:
Schaut nach dem Mond, dann wird er euch erhellen
Den Atem und die Schau auf alle Dinge,
Wir bitten diesen lieblichen Gesellen,
Daß die Befreiung ungetrübt gelinge.

AIETES: Befreiung ja, die Schiffe zu verpesten,
Wär wohl ein Coup, der Rettung uns verbürgte,
Doch stehts in diesem Reiche nicht zum Besten,
Wenn man den König mit Gestank erwürgte.
(Er zieht sein Schwert.)
Drum Göre hör, ich stehe und befehle,
Husch rasch empor und schnall den Gurt vom Laden,
Und quälst du mir noch weiter meine Kehle,
Schick ich dich zu den Würmern und den Maden.
(Peritta gehorcht und der Dunst löst sich auf. Nach einer Weile kommt Medea bluttriefend zurück.)

MEDEA: O König, wozu Schwert und laute Worte,
Die Dinge werden gut in aller Stille,
Kein Zufall führte euch zu dieser Pforte,
Auch euerm Sohn ward nun der letzte Wille.
 

 

124
 
Er starb mit einem Fluch, dies zu verkünden,
Ist meine Pflicht, auf Reich und Königskrone,
So wie die Dinge hier im Lande stünden,
Wärs besser, daß im Totenreich man wohne.

AIETES:
Was sprichst du Tochter, haben dich die Schmerzen
Um deinen Bruder überstellt dem Wahne?
Du liebtest ihn doch stets von ganzem Herzen.
So ist es wahr – gefallen bei der Fahne?
Er huldigte dem Wahn, er müsse sterben
Um dieses Leid von unserm Land zu heben.
Er ging für unsern Frieden ins Verderben –
Wer mag bei solchem Opfermut noch leben?

MEDEA:
Er starb, das Vlies den Griechen zu vermachen,
Doch nicht für dich die Würmer ihn benagen,
Was Elfenbein und Gold und edle Sachen
Wird grad aus dem Palast herausgetragen.
Ich hab den Hänfling selber kleingeschnitten,
In einem Korb die Stücke abgewunden,
Dort kam sogleich ein Grieche hergeschritten
Und hat die Wunderwaffe vorgefunden.
Dies ist geschehn, daß ich als große Dame
Komm in das Land, wo dieses man verachtet,
Die bittre Reu sei dir mein Mädchenname,
Du hast dir selber dieses Grab geschachtet.

AIETES (in höchster Aufregung):
Medea, ich beschwör dich bei der Mutter,
Sie starb für dich, halt unser Haus in Ehren.
 

 

125
 
MEDEA:
Mußt du erst anschaun selbst das Drachenfutter,
Daß dich die Wahrheit furchtbar kann belehren?
Die Mutter starb um mich nicht, die geboren
Nie wollte sein und ungefragt gestoßen,
Nur du allein hast sie dem Tod erkoren,
Mit dem Geschlechtstrieb, mit dem rücksichtslosen.

AIETES (fuchtelt mit dem Schwert herum):
Die ganze Bude stinkt nach bösen Kräutern,
Ich werde systematisch zum Verrückten,
Die Toten wider alles Leben meutern,
Die Götter sich vorm Vipernzischeln bückten –
(Peritta hält ihm von hinten den Dolch an die Kehle.)

MEDEA:
Verschwinde Narr, du kreischst wie immer peinlich,
Hier ist kein Platz für solche Kreaturen,
Hier wirds erst wieder mädchenhaft und reinlich,
Hat man gescheuert die Tyrannenspuren.
Zieh ab, Versager, du beschmutzt die Bühne,
Erbärmlich warst du immer, aber heute
Kriegst du vielleicht den Vorgeschmack der Sühne,
Dies gelt als Warnung für die ganze Meute.
 

 

126
 


ZWEITER AUFZUG
Korinth. Die Bühne ist zweigeteilt, rechts ein Blick in Kreons Palast, links eine Säulenreihe, davor die Knaben Alkinous und Aison mit Holzschwertern fechten. Die übrigen Personen agieren im Palast.

Erste Szene.
Alkinous, Aison

AISON: Hab acht, ich werd dich heute niederringen,
Die Größe nützt dem Kopf nur hart zu fallen.
Ich hab die Sprünge satt, die dir gelingen,
Und mir die Fäuste in der Tasche ballen.

ALKINOUS: Hoho, nur vorher solltest etwas wachsen!
Doch armer Knirps, ich wachse immer schneller,
Du brichst dir beim Versuche nur die Haxen,
Auf deinen Sieg setzt niemand einen Heller.

AISON: Ich hab geübt und werde immer flinker,
Dein Hochmut wird dich nicht mehr lange decken,
Am Morgen Sturm, am Abend nur noch Stinker,
Du wirst dich vor dir selber noch erschrecken.

ALKINOUS:
Ich merk, du fichst, daß die Olympier staunen!
Da, sieh dein Schwert, es schwingt sich ganz alleine.
(Er schlägt Aison das Schwert aus der Hand, das im Bogen davonfliegt. Es bleibt vor einem Sims liegen, auf dem prächtige Weintrauben liegen.)
 

 

127
 
Nun ja, das Schicksal hat so seine Launen,
Nun lauf schon los und hole dir das deine!

AISON (läuft dem Schwert nach, entdeckt die Trauben und steckt eine in den Mund):
Wie herrlich! O wie leicht sie doch zerplatzen!
Wie Honig süß und fruchtig ohne Kerne!
Dies sind nicht Trane, die den Hals zerkratzen,
So denk ich mir Ambrosia und die Sterne.

ALKINOUS: Nun reich mal rüber, willst du ganz alleine,
Hier schwelgen und ich soll dem Liede lauschen,
Nachthimmelblau tun sie im Sonnenscheine
Nicht wenig, um das Auge zu berauschen.

AISON: Genug ist da. Wir wollen streitlos teilen.
Sei achtsam, nicht den Chiton zu betropfen.
Wer wollte sich zum Schwerterkampf beeilen,
Gibts solche Dinger, um sich vollzustopfen.
(Sie schmatzen beide behaglich.)

ALKINOUS: Wer hat sie bloß auf diesen Sims getragen?
Gewiß wer, der nicht mag, daß wir so fechten,
Die Streitlust dämpft am sichersten der Magen,
Drum ist der Bauch die Bürde des Gerechten.

AISON: Wer wohl? Die Mutter sorgt für ihre Jungen.
Sie mag wohl manchmal schimpfen oder klagen,
Doch trägt sie mich fest in ein Tuch geschlungen,
Ist mir es lieber als allein im Wagen.
Sie scheint mit traurig und nicht wohl gelitten
Am Hofe hier, wo alle sonst Verwandte.
 

 

128
 
Warum hüllt wohl ein bittrer Pelz die Quitten,
Und warum lacht so selten der Gebannte?

ALKINOUS: Im Wagen, ja, so schonst du die Sandale,
Du bist so leicht, da merkt man nicht das Tragen,
Im Traumwind segelnd trägt die Haselschale
Den Winzling bis ins Land der Lotophagen.
Ich glaub nicht, daß die Mutter dies gerichtet,
Die Kreusa wars, da bin ich ziemlich sicher,
Ich glaub, sie hat das Land Korinth gedichtet,
Wo selbst der Mutter stockt das Hämgekicher.

AISON: Ich sag der Mutter, daß du sie der Häme
Hast bös geziehn und Kreusa bist gewogen,
Damit sich mein gestohlnes Schwert nicht gräme,
Ist schon mal ein Pantoffel losgeflogen.

ALKINOUS:
Nein Aison, sei ein ganzer Mann und schweige,
Gar weibisch ists, den Bruder zu verpetzen.

AISON: Nein Zeit wirds, daß ich endlich einmal zeige,
Nicht straflos kann den Kleinern man verletzen.

ALKINOUS:
Ein bißchen Spott kann dir nicht ernstlich schaden,
Du hast es ohnehin ja immer leichter,
Was ich auf meine Schultern hab geladen,
Ein Freiraum wurds, dir mühelos erreichter.

AISON: Was sind denn das für seltsame Legenden?
Du mußt dem Schatten Vorhutzeche zahlen?
 

 

129
 
Du grabschst das Dotter dir mit beiden Händen,
Und für den Bruder gibt es nur die Schalen.

ALKINOUS:
Laß gut sein, wer da Schützling und wer Stemmer,
Doch schwärz mich bloß nicht an mit dieser Sache,
Sonst suchst du dir alleine deine Lämmer,
Weil ich der Spiele keins mehr mit dir mache.
(Beide ab hinter die Säulen.)


Zweite Szene.
Jason, Kreusa.

JASON: Ich grüße die Prinzessin, die uns reichte
Mit ihrem Blick ein Glück, darin zu baden.

KREUSA: Ein guter Morgen grüßt mit seiner Leichte.
Der Nordwind treibt die Barken den Kykladen.
Das Meer ist veilchenfarb und an die Felsen,
Verrostet, schlägt es sanft mit seinem Schleier,
Die Schwäne singen uns mit stolzen Hälsen,
Die Farben sagen Trunkenheit und Feier.
Wo Pallas weiß Poseidon ruft azuren,
Dort wird der Raum im starken Licht zum Hammer,
Und jeder Stein trägt schon die Hauerspuren,
Die Anmut künden selbst in Schmerz und Jammer.
Dies Land verlangt nach Ausdruck, seine Kerben
Sind Wille und Erfahrung, deren Linien
Sich wie der Tag die Meisterschaft erwerben
Und gottgegeben scheinen wie die Pinien.
 

 

130
 
JASON: Ja traumhaft ist das Land des guten Hirten!
Dem Flüchtling, der mit wenigem zufrieden,
Ziemts nirgendwo zu hadern mit den Wirten,
Doch mir ist das Ambrosische beschieden.

KREUSA:
Den Helden kann die Demut trefflich kleiden,
Doch taugt sie nicht dem Arm zum Schulterstücke,
Wo dunkle Wolken ihn bedräun mit Leiden,
Erneuert sich die Regenbogenbrücke.

JASON:
Der Held strebt nicht nach allgemeinem Staunen,
Weil ihm zum Mut Bedrängnis treibt des Zarten,
Er achtet nicht die Weiser eitler Launen,
Er folgt der Sehnsucht, der zur Nacht gesparten.

KREUSA:
War nicht die Schmach des Phryxos, der im Reiche
Der Schatten klagt, für euch die Pflicht zu fahren?
Mit purem Golde ich die Tat vergleiche
Das Vlies des Zeus zu holn von den Barbaren.

JASON: Ihr irrt euch. Weder Zeus noch Phryxos waren
Mir Leitstern sondern Ruhm bei den Hellenen,
Die Eitelkeit trieb mich zu den Barbaren,
Und nicht die Not und mitternächtges Sehnen.

KREUSA: Die Eitelkeit ist läßlich bei den Helden,
Wer sie erkennt, der weiß sie auch zu bannen,
Und wird, wenn Not und Hilferuf sich melden,
Als Führer segeln mit den stärksten Mannen.
 

 

131
 
JASON: Gemeinhin, aber wer im ersten Strauße
Unziemlich mühte die Geduld der Götter,
Der bleibt bei einem nächsten wohl zu Hause
Und wehrt so die Gelegenheit dem Spötter.
Was ich unziemlich tat, ist nicht zu fragen,
Es folgt, wohin ich geh, mir als ein Schatten,
Drum sprecht nicht groß von meinem Tun und Wagen,
Laßt still erfreun an euerm Glanz den Matten.

KREUSA: Ich bin ein Kind fast, das allein von Worten
Sich nährte und verwöhnt ward im Palaste,
Ich nahte nie mich den verbotnen Pforten,
Noch ahne ich, was eure Seel belaste.

JASON: Dies ist auch gut, denn nur das Ungetrübte
Vermag so hell die Sonne einzufangen.
Wer dies verlor, wenn er auch ewig übte,
Er heischte nicht das reine Rot der Wangen.

KREUSA: Ihr redet ihm verräterische Maße,
Ihr saht die Welt, die Helden und die Frauen.
Ein Blick wie eurer auf der offnen Straße –
Ich würd mich nicht mehr aus der Pforte trauen.

JASON: Zieht ihr mich nicht der Demut? Euer Zagen
Verträgt sich nicht mit königlichem Blute,
Ihr wißt die Anmut wie ein Kleid zu tragen,
Daß jeder Frechheit würde bang zumute.
Wohl dem, den ihr beschenkt mit euerm Frieden,
Er zög durch alle Meere und Gerüchte
Bis ganz hinaus und zu den Hesperiden
Allein dafür, daß euch gefalln die Früchte.
 

 

132
 
KREUSA: Nur einer könnte solchen Zug vollbringen,
Doch brauch ich keine Perlen, kein Geschmeide,
Die Lerchen ohne Gold und Seide singen,
Drum ists nicht not, daß man sich so bekleide.
Das wahre Gold scheint mir die Herzensgüte,
Die euch vermeiden läßt, mich zu beschämen,
Der große Zeus und Heras Herd behüte
Eur Aug und tilg die Sorgen, die euch lähmen.
(Sie geht sehr schnell ab.)

JASON: Ein scheues Reh, doch Glut in der Pupille
Verrät, daß sie zur Lauheit nicht geboren,
Sie rät die Sandbank sicher in der Stille,
Sie braucht kein Lot bei ihren feinen Ohren.
Ach dürft ich diesen einmal mit der Zunge
Verraten, daß sie meinem Pfeil der Bogen!
Ich fühl mich wie am Brombeerstrauch ein Junge,
Dem mittags eine Fee vorbeigezogen.
Ja, kein Geheimnis reicht an das, was offen
Dem Blick, und wie ein Zephyr ihn umnachtet!
Wohl dem, der sich bemühen darf und hoffen,
Sich fragen darf, was, Götter, ihr ihm dachtet!
Einst griff ich fester Hand nach allem Glücke
Und fragte nicht nach Blut auf seinen Scherben,
Doch heute klafft im Herzen eine Lücke,
Die schließt kein Wahn und kein geheimes Werben.
Doch dank ich, daß ich sehn darf ihr Zuhause,
Wo keiner frei, daß er den Dunst ihr löse
Und mach, daß ihr der tiefe Abgrund grause,
Wo ich mich selbst erfuhr und traf das Böse.
Ich schaue sie und fühle mich zufrieden,
Zwar kann sie ja nicht ewig Jungfrau bleiben,
 

 

133
 
Doch daß die Götter diese Zeit beschieden,
Soll mir Erato auf den Grabstein schreiben.
Da kommt der König sichren Schritts wie immer.
Was will er mit dem Flüchtling wohl beraten?
O wüßten diese Leute einen Schimmer,
Sie dürsteten nicht mehr nach meinen Taten.


Dritte Szene.
Jason, Kreon.

KREON: Ich lob den Argonauten und die Stunde,
Die ihn hereingeführt in die Gemächer,
Wer solcher Helden sich erfreut im Bunde,
Dem wirft kein Perser Flammzeug auf die Dächer.

JASON: Nun, wenig tat ich, daß zu solchem Preise
Ein Anlaß, doch ich dank für all das Gute,
Das ihr mir schenkt und dies in solcher Weise,
Daß Ruhm es euerm Stamm und euerm Blute.

KREON: Ich will eur weitres Schicksal heut besprechen,
Denn Bitternis und Gram paßt nicht zum Helden.

JASON: O ja es ziemt sich mählich aufzubrechen,
Ihr tatet gut, dies unverbrämt zu melden.

KREON: Nicht doch, ich will euch hier im Hause haben
Leblang und wünschen, daß es einst das eure.

JASON: Allein den Abfall läßt man gern dem Raben,
Drum gebt die Weisheit nicht dem Abenteure.
 

 

134
 
KREON: Ein jeder weiß am Hof, daß Kreusas Blicke
An euren Schritten voller Sehnsucht hängen,
Auch euer Aug sagt deutlich zum Geschicke,
Nicht grad Megaira würde euch bedrängen.
Ich bin der Wahl der Tochter sehr gewogen
Und wünsche Glück, wo Eros schießt die Pfeile,
Da frag ich nicht, von wannen sie geflogen,
Und bet, sie flögen unsrer Stadt zum Heile.

JASON: Ich bin im Ehestand seit manchem Jahre,
Und nicht verfügbar euren Heiratsplänen,
Auch lichten sich dem Alternden die Haare,
Verbindet eure Tochter nicht den Tränen.

KREON: Man ist so jung, wie man sich hält im Herzen,
Und nach dem reifen Stocke ziehts die Biene,
Euch macht die Scheidung sicher keine Schmerzen,
Und für den König ist sie bloß Routine.

JASON: Ja Schmerzen nicht, dies wäre glatt gelogen,
Doch Kolcher sehn solch Bündnis etwas fester,
Im Haus gehört euch jeder Säulenbogen,
Doch in den Nischen liegen Wespennester.

KREON: Die Zauberei – sie läßt mich herzlich lachen.
Euch ist das Glück zu groß wohl, es zu fassen?

JASON: Was dachtet, mit Medea ihr zu machen?
Soll ich sie kurzerhand ersäufen lassen?

KREON: Medea wird den Hof hier nicht vermissen,
Er schränkt sie ein, mißgönnt ihr süße Szenen,
 

 

135
 
Zur Wollust breitet sie ihr Seidenkissen
Den Nymphen, nicht Priapen und Silenen.
Man gebe ihr ein Haus und eine Weide
Und Weibervolk mit Flöten und mit Leiern,
Dann tut sie keinem Menschen was zuleide
Und wird bis an ihr Lebensende feiern.

JASON: Was wird in diesem Fall aus meinen Söhnen?

KREON: Die müssen freilich hier am Hofe bleiben,
Das Turnen, Musizieren oder Stöhnen
Würd sie verderben oder ganz verweiben.

JASON: Man kann der Mutter nicht die Kinder rauben!
Bedenkt auch, daß sie milder mit den Jahren
Ward durch die Mutterschaft, ihr könnt mir glauben
Sie trug die Zähne früher voll mit Haaren.

KREON: Die Kinder leben nicht, daß eine Hexe
Sich mählich füge in Kultur und Sitte,
Sie taugen nicht zu milderndem Gewächse,
In ihnen steht ein Recht auf eigne Mitte.
Wenn sie verdirbt der Mutter tolles Treiben,
Ists Pflicht, sie solcher Unbill zu entziehen,
Drum soll Medea wos ihr tunlich bleiben,
Jedoch die Kinder müssen solches fliehen.
Doch frag sie selbst, um Skrupel auszumerzen,
Sie werden sich fürs Königshaus entscheiden,
Vielleicht am Anfang mürrisch und mit Schmerzen,
Doch anderswo heißts manche Jahre leiden.
Ihr solltet überhaupt mal anerkennen,
Die Kindheit ist nur eine Episode,
 

 

136
 
Sie neigt dazu, recht rasch davonzurennen,
Denkt weiter mal, auch wenn es grad nicht Mode.
Die Mutter bringt fürs Leben nur Getändel,
Ob Krieger, Schreiber, Staatsmann oder Dichter,
Die rechte Schule brauchts für alle Händel,
Für keinen taugt das ärmliche Gelichter.

JASON: Ich fürchte, dieses Wahlrecht würde trennen
Die beiden, weil der Jüngere der Wiege
Noch näher. Was ihr sagtet zu erkennen,
Erklomm sein Geist die Sprossen nicht der Stiege.
Wenn aber sich die Brüder so entfernen,
So scheint mir dies Beginn von Neid und Hader,
Höchst ungern greif ich selber nach den Sternen
Und bin dabei der Schutzbefohlnen Schader.

KREON: Genug! Ich will nicht länger disputieren,
Der König hats bedacht und ausgegoren,
Behagts euch, euch zu weigern und zu zieren,
Sei über dies kein weitres Wort verloren.
Ich brauch für meine Tochter keinen Toren,
Der duldet, daß sein Weib sich so benähme,
Ich hab für Kompromisse viele Ohren,
Doch allzuviel des Einwands scheint mir Häme.
Drum denkt in Ruhe, was euch lohn und fromme,
Ihr könnt auch gern im nächsten Schiff euch trollen,
Doch eurer Lippe keine Klage komme,
Der greise König tät euch übelwollen.
Das wäre ein Verrat, und was die Sitte
Bei solchem fordert, ist euch wohl geläufig,
Ich setze meistens mit Bedacht die Schritte,
Doch solche Langmut gibts bei mir nicht häufig.
 

 

137
 
Vierte Szene.
Kreon, Medea.

MEDEA: Ihr ließt mich rufen, was dem Brauch zuwider.
Gewöhnlich spricht der König mit dem Manne.

KREON: Es geht mir nicht um altbekannte Lieder,
Ich rief zu lösen euch vom harten Banne.
Denn seht, die Eh aus einer Jugendsünde,
Wo Mann und Frau einander nicht begehren,
Gilt hier im Land als Parodie der Bünde,
Drum löst sie die Vernunft in allen Ehren.
Euch schenk ich ein Asyl im eignen Hause.
Man ist dabei, dort Möbel reinzuschieben.
Dort richtet über Trubel oder Pause
Ihr ganz allein und nur nach dem Belieben.
Ein Haufe schöner Mädchen ist zugange
Sich dort mit euren Zofen einzurichten,
Euch sei vor diesen Kosten gar nicht bange,
Sie werden einen König nicht vernichten.
Mir liegt sehr viel an euerm Wohlbehagen,
Drum sei der Abschied nicht hinausgeschoben,
Der Kutscher steht bereit mit einem Wagen,
Ihr werdet die Bequemlichkeiten loben.

MEDEA: Ihr seid ein Herr, der gründlich und gediegen
Durchdenkt und plant, was er beschert dem Hofe,
Ich seh nur eine Frag im Raume liegen:
Reis ich mit Kindern oder nur mit Zofe?

KREON: Die Jungen sind im Alter, wos geboten,
Daß Männer die Erziehung führn und leiten,
 

 

138
 
Die Erbsen müssen raus aus ihren Schoten,
Die Jungen brauchen Waffenkunst und Reiten.

MEDEA: Erlaubt noch eine Frage einem Weibe,
Das nicht begreift den Sinn in diesem Spiele:
Wenn ich in einem eignen Hause bleibe,
Was habt mit Jason ihr für weitre Ziele?

KREON: Ich werd mit meiner Tochter ihn vermählen.
Der Held hilft meinem Hof zu neuem Glanze,
In spätrer Zeit soll man von ihm erzählen,
Hier brach manch wackrer Streiter seine Lanze.

MEDEA: Ich beuge mich vor euerm weisen Richten,
Die Dichter werden eure Klugheit preisen,
Mir ist Gewinn, was mancher nennt Verzichten,
Dies möchte euch ein Brautgeschenk beweisen.
Aus Kolchis bracht ich mit die alte Krone,
Sie wurde von den weisen Fraun getragen,
Gebt sie der Tochter, wenn sie eins dem Sohne,
Dann bleibt sie Herrin in den ärgsten Lagen.
(Sie reicht dem König eine goldene Krone.)

KREON: Solch Einsehn lob ich mir, in meinem Reiche
Wärs leichter, wär dies allgemein verbreitet,
Nicht jeder, der an einer Lebensweiche,
Mit solcher Würde und Gefaßtheit schreitet.

MEDEA: Erlaubt, eh sich die Kinder von mir trennen,
Sie letztmals noch zu herzen und zu spüren,
Ihr werdet wohl den Muttersegen kennen,
Er soll sie heiter durch das Leben führen.
 

 

139
 
KREON: Es sei nicht nur gestattet, sondern innig
Erbeten, und ich möchte nochmals danken,
Manch einer hält das Weib für übelsinnig,
Ich seh jedoch viel eher Männer wanken.


Fünfte Szene.
Medea, Aigeus.

AIGEUS: Dies Haus gefällt mir. Durch die weiten Säle
Spaziert man auch bei Regen wie im Garten,
Und daß sich die Prinzessin bald vermähle,
Verkünden Blumen rings und Feststandarten.
Ein Gast ists, den er ausgewählt zum Erben,
Sein Reichtum fragt nach Schätzen nicht und Pfunden,
Der Gastfreundschaften Palme zu erwerben,
Steht ihm den Sinn und sie zu überrunden.

MEDEA: O Herr gebt einer Bettlerin vom Schilde!
Als Königstochter kam ich meine Straße,
Jedoch der Herrscher, dieser gräßlich wilde,
Wirft mich entehrt den Hunden vor zum Fraße.

AIGEUS: Wer ists der arges tut? In diesem Lande
Der König ist gerecht und mild im Wesen,
Drum sagt mir klar, wie kommt das Leid zustande,
Groß Furcht muß ich in euern Augen lesen.

MEDEA: Er täuschte mich zuerst mit gleicher Mode,
Dann nahm er den Ernährer mir, der Schinder,
Nun schickt sein Urteil mich zum Feuertode,
Und seiner Tochter schenkt er meine Kinder.
 

 

140
 
AIGEUS: Dies klingt nach grobem Unrecht. Unbewiesen
Muß bleiben euer Wort, denn wenn es ehrlich,
So sollte ich die Heimkehr rasch beschließen,
Denn unter solchen Launen ists gefährlich.

MEDEA:
Nehmt mich mit euch, beim Throne meiner Väter
Versprech ich es, euch fürstlich zu belohnen,
Von Kolchis trifft der Krieg den Missetäter,
Jedoch bei euch soll nur der Reichtum wohnen.

AIGEUS: Bestechlich bin ich nicht, und die Geschichte
Erscheint mir, wie ichs dreh, nicht recht geheuer,
Mir ähnelt alles einem Wahngesichte –
Warum soll die Geschiedene ins Feuer?

MEDEA: Unfruchtbar ist die Tochter, dies vertuschen
Soll nun der schnöde Raub der Königskinder,
Am Hofe trägt den Trug die Schar der Luschen,
Mein Tod verhindert einen Wahrheitsfinder.

AIGEUS:
Gebt mir ein Zeichen, daß ich wag zu glauben,
Was wider allen Schein in diesem Reiche,
Dann soll euch niemand Leib und Leben rauben,
Weil ich von eurer Seite dann nicht weiche.

MEDEA (entblößt ihre Brüste)
Schaut dieses hier! Soll es im Feuer garen,
Wir haben Zeit nicht für Beweis und Zeugen,
Bin ich als Rauch zum Himmel erst gefahren,
So wird euch eine böse Reue beugen.
 

 

141
 
AIGEUS: Selbst wenn ich letzte Sicherheit gefunden,
Dürft ich dem Gastherrn niemanden entführen,
Erst wenn ihr diesem Landstrich euch entwunden,
Dürft ihr die Hilfe meines Schiffes spüren.
Ich warte nur ein Kleines vor der Küste,
Stürzt ihr euch von den Klippen in das Wasser,
Ich unverzagt ein Seil zu werfen wüßte,
So kämet ihr zu Schiff nur etwas nasser.

MEDEA: So will ich tun, drum seid bereit am Hafen,
Ich eile, in die wilde Flut zu springen,
Vom Fürsten der Athener, diesem braven,
Wird bald der Dichter als dem Retter singen.


Sechste Szene.
Kreon, Jason, Kreusa, Alkinous, Aison, Medea

KREON: Ihr wißt, warum ich euch so spät noch rufe.
Die Kinder aber schickt erst in die Betten!
(Die Kinder gehen vor die Säulen und führen ihr Gefecht aus der ersten Szene geräuschlos mit Kissen fort. Dies bleibt während der ganzen Szene so, erst bei Kreusas Schrei halten sie ein.)
Ein Akt im Staate ist des andern Stufe,
Euch ruf ich im Verbunde auf zum netten.
Der König hat entschieden und gekommen
Seid ihr, das Glück aus seiner Hand zu fassen,
Mögs einer Schar von jungen Prinzen frommen,
Und soll die Liebe nie das Paar verlassen.
Wenn Herzenswunsch und Wohl des Staats beisammen,
Solln schweigen alle kleinlichen Bedenken,
Die Mißgunst und den Neid will ich verdammen,
 

 

142
 
Und Lästermäuler mög der Schinder henken.
Zwar habt ihr selbst euch lange nicht gestanden,
Was euer Herz die Augen ließ verkünden,
Daß es bestimmt, daß sie zusammenfanden,
Wird auch den Quelln erst klar, wenn Flüsse münden.
Drum schämt euch nicht der Wendung und der Eile,
Denn Wahrheit braucht nicht Zeit, sich zu entfalten,
Die Götter wollen den Verbund der Teile,
Da darf die Sitte nichts dagegenhalten.
(Er gibt Jason zwei Ringe.)

JASON: Des Vaters Wunsch bestätigt mir den meinen,
Daß ich wohl glaub, die Götter sind die dritten,
Denn große Freunde lassen sie erscheinen,
Nachdem ich lang Entsagung hab gelitten.
(Sie tauschen die Ringe.)

KREUSA: Ich kann die jähe Wendung fast nicht fassen.
Des Vaters Klugheit paart sich großer Güte,
So wie die beiden Ringe trefflich passen,
Paßt alles, was aus seinem Wunsche blühte.
Doch daß der Held, der überragt mein Hoffen,
Verlangen nach mir trägt so wie kein zweiter,
Macht mir den Himmel aller Götter offen,
Denn nichts um Tod und Leben will ich weiter.

KREON: Es ist der Wille aller Elemente,
Daß Heldenmut sich Königsglanz vereine,
Berühre sich das allzulang Getrennte.–
Nun Jason – küß die Braut, die nun die deine!
(Sie küssen sich lange. Medea geht wie ein Gespenst mit einem Krug durch die Szene und dann zu ihren Kindern.)
 

 

143
 
JASON: Wo weilte ich? Wie konnte ich je leben
Und das entbehren, was die Milch dem Kinde,
Durchs ganze Land will Kreusa ich dich heben,
Den Namen rufend weit in alle Winde.

KREUSA: Ich schlief, so ist mir, ehe mein Erwecker
Mir gab das Leben, das mich nun durchflutet,
Er wohnt in mir, ist meiner Glieder Strecker
Und das Geheimnis, das im Herzen blutet.

KREON: Eh ihr euch ganz dem köstlichen Gefühle
Anheimgebt, habt noch einer Ehrung Augen,
Nach meinem Tod erreicht ihr selbst die Stühle,
Die diesem Land zu seiner Wohlfahrt taugen.
Dies zu bezeugen werd mit meinem Segen,
Der Frau des Helden Schmuck mit einer Krone,
Ich will sie auf das Haupt der Mutter legen,
Die mir verhilft zu einem Enkelsohne.
Sie ist sehr alt und zierte immer Frauen,
Die Fruchtbarkeit von Hera selbst erbaten,
Ich will sie auf dem Mädchenhaupte schauen,
Denn Helden zieren ja die großen Taten.

JASON: Habt ihr die Krone selber nie getragen?
Es ziemte, daß Getragnes trüg die Schöne.

KREON: Man soll die Stufen nicht zu springen wagen,
Darum mich selbst zuerst das Kleinod kröne.
(Er nimmt die Krone und setzt sie sich aufs Haupt. Ein Feuerblitz, und der König verbrennt. Kreusa stößt einen schrecklichen Schrei aus und fällt in Ohnmacht. Jason hebt die Gefallene wortlos auf und trägt sie davon.)
 

 

144
 
Siebente Szene.
Alkinous, Aison, Medea, Gora.

ALKINOUS:
Was schreit da so? Wie furchtbar ist die Klage!

AISON: Ein Vogel? Oder Geister im Kamine?

MEDEA: Dies war das Zeichen! Fortzuschreiten wage,
Und unerschrocken deinem Sterne diene!
(zu den Kindern):
Was schreckt euch auf? Die Mutter bringt zu trinken.
Das wird euch wohltun und den Alp vertreiben.
Bald seht ihr Traumgold überm Bette blinken.
Zagt nicht, euch an dem süßen Saft zu weiden!

GORA (tritt auf und weist mit einem mächtigen Schwert auf den Krug):
Zurück Medea! Bis zu dieser Stelle
Bin ich gefolgt im Hoffen und im Wehe,
Auf diesen Sims das Giftgebräu hier stelle,
Sonst spalt ich dich vom Scheitel bis zur Zehe.

MEDEA:
Wie dir beliebt! Es ist kein Gift im Topfe,
Nur etwas Balsam für die wunden Seelen.
Solch ein Verdacht entspringt nicht klarem Kopfe!
Als würde eine Mutter jemals fehlen!
Nun meine Täubchen, es gibt nichts zu schlürfen,
Es wird verboten uns bei Todesstrafe,
Doch etwas schmusen werden wir wohl dürfen,
Bis alles Leid zerrinnen kann im Schlafe.
 

 

145
 
(Sie umarmt die Kinder von hinten, und beschwört das Publikum):
Seht sie euch an, die Aug- und Windelnässer,
Sie soll kein Mann zu Kriegsmaschinen machen,
Nicht eine Frau bedroh ihr scharfes Messer,
Nicht solln sie Feuer in der Stadt entfachen!
Sie gehn zu meinen Göttinnen als Freie,
Die Sklaverei erspare ich mit Bluten,
Eh sie erfahrn von dem Palast der Haie,
Laß ich den Krug des Wassermannes fluten.
(Sie erwürgt Alkinous mit einer Seidenschlinge.)

AISON: O Mutter, ist der Bruder schon am Schlafen?

GORA: Verruchte, deine Zeit ist abgelaufen!
(Sie stößt an den Giftkrug, schlittert in der Pfütze, und das Schwert saust über die ganze Bühne. Sie eilt ihm nach.)

MEDEA: O ja, er ist im wonniglichen Hafen,
Drum sollst du gleich in seine Arme laufen!
(Sie erwürgt Aison auf die gleiche Weise, lehnt sich zurück und sagt sehr fest):
So endet meine wiederholte Schwäche,
Die Wonnen der Gewöhnlichkeit zu suchen,
Und wenn verrinnen diese Wüstenbäche,
Bleibt keiner wach, dem Mutterschoß zu fluchen.

GORA: Ich habe dein Verbrechen nicht verhindert,
Doch meiner Rache sollst du nicht entrinnen,
Vergeblichkeit des Eisens Wut nicht mindert,
Denn Kerberos soll deine Künste minnen.
(Sie erschlägt Medea, die sich nicht wehrt.)
 

 

146
 
Dies also blieb von unserm Mädchengute,
Der König tot und ebenso die Kinder,
Die, der ich treu, verröchelt mir im Blute,
Doch wiewohl tot, beherrscht sie mich nicht minder.
Die Tötung seiner Kinder zu vermeiden,
Vermag der Mann, der schlägt die Frau in Ketten,
Die Drohung nur, sie müsse selber scheiden,
Kann solchen Plan nicht hemmen und nicht retten.
Vielleicht nahm ich mit meinem Schwert ihr Mühe
Mit eigner Kraft den Atem auszuhauchen,
Und wenn ich Blut auf ihre Kinder sprühe,
So bin ich wohl zum letzten Mal zu brauchen.
Ich frag mich, gab es je in diesem Stücke
Die Möglichkeit zu anderm Schluß zu führen,
Ich glaubte nicht, daß mir die Kunststück glücke,
Vermocht ich auch, die Mischung umzurühren.
Der erste Mord war aller andern Rufer,
Und Einhalt schafft kein Tag bei solchem Töten,
Ich kam sehr jung zum Turm am Meeresufer,
Nun soll mein Blut die harten Klippen röten.
(Sie geht langsam von Medea zu dem toten Kreon, schließlich zurück und nimmt sich das Leben.)
 

 

147
 


DRITTER AUFZUG
Im Thronsaal des Aietes. Allgemeiner Verfall und Tristesse.

Erste Szene.
Aietes, Qulha.

AIETES: Was gibt es in den östlichen Provinzen?
Die Ernte war in diesem Jahr doch besser?

QULHA: Die Üppigkeit gibts nur bei Rohr und Binsen,
Verhandelt wurden Äxte schon und Messer.

AIETES: So gibt es das Geringste nicht zu holen?
Wie soll ich die Gesandten so empfangen?

QULHA: Wir haben überall zerrißne Sohlen,
Und dürre Leiber, die von Gram verhangen.

AIETES: Wer kann Tribut aus solcher Armut heischen,
Wo sein Besitz sich jeden Tag vermindert?
Wer übersehen, daß rings die Krähen kreischen,
Und der Tribut sich selber noch verhindert?

QULHA: Sie werden nach den Jungen, Starken schauen
Und sie verkaufen auf die reichen Inseln,
Den übrigen bleibt nur das nackte Grauen,
Und niemand hört ihr Fluchen und ihr Winseln.

AIETES: Ob einzeln Sklaven oder nur im ganzen,
Ein Unterschied ists kaum, bei Licht besehen,
 

 

148
 
Wie der Erobrer läßt die Geißeln tanzen,
Ist mir ein Flötenspiel beim Untergehen.

QULHA: Wär Zeit vorhanden, um sich zu erholen,
Wär der Tribut auf Dauer zu verkraften,
Seht, ein Kamel trägt leichter als ein Fohlen,
Drum wärs ein Glück, wenn wir den Aufschub schafften.

AIETES: Ein Alter Mann wird nie ein junger Springer,
Darum ists Täuschung, daß uns Zeit erlöse,
Man laß von solchem Handel Sinn und Finger,
Denn aufgeschobne Schuld ist doppelt böse.

QULHA: Man könnte sehr den Ackerbau verbessern
Mit neuem Werkzeug und mit Anreizpreisen,
Wir hatten niemals Zeit, um zu bewässern
Die Täler, die dann Fruchtbarkeit beweisen.
Auch gibts im Volk noch Schätze, die verborgen,
Solang sie nicht Bereicherung verheißen,
Nimmt man der Wirtschaft die Enteignungssorgen,
Gelingt es ihr, das Ruder rumzureißen.

AIETES: Wir sollen, um Tyrannen zu entgehen,
Uns eigne züchten und sie fett ernähren,
Dies macht, daß wir in goldne Zeiten gehen,
Daß die Tribute nur noch Mücken wären.
Mir sträubt sich alles bei dem tollen Plane,
Wer Gold vergräbt, statt unsre Not zu lindern,
Dem zu vertraun, gleicht mir dem schlimmsten Wahne,
Blutsaugerpack geselle sich den Schindern.

QULHA: Ihr überseht das Wuchern mit dem Pfunde,
 

 

149
 
Im Westen bringt es Wohlstand auch Geringen,
Wir lebten lange wie verlauste Hunde,
Doch sollte die Kopie auch uns gelingen.

AIETES: Gesetzt, ich ließ euch mit der Sitte brechen,
Doch niemand leiht euch auf die Wohlstandsmären,
Die Skythen nehmen nichts als bare Zechen,
Und welcher Gott soll euch Kredit gewähren?

QULHA: Ein großes Opfer ists, doch zu bedenken,
Auch ihr habt noch verborgnes Gold im Hause,
Eh es geraubt, ists besser zu verschenken,
Es reicht gewiß für ein Jahrsiebent Pause.
Ich denke hier an eurer Väter Krone,
Die an Gewicht und Reinheit ohnegleichen,
Ihr gebt sie ohnehin ja keinem Sohne,
Für unsere Rettung soll das Gold wohl reichen.
Bedenkt, daß neben unserm Zins in Barren
Ein Zeichen wärs, Reserven zu beflügeln,
Man wird sie sogar aus dem Ausland karren,
Und baun und schaffen hier auf allen Hügeln.

AIETES: Es ist mir leicht, die Krone zu entbehren,
Ich schuf ihr keinen Ruhm in meinen Jahren,
Doch will ich euch die wahre Güte lehren,
Sie ist dem Stamm von Göttern hergefahren.
Das Königsblut erschiene als Marotte
Käms nicht von Göttern, die es uns vertrauten,
Drum wär es größte Lästerung dem Gotte,
Vergäß ich ihn bei euern Schlangenlauten.
Eh ich zerschmelz das Königsgold zu Barren,
Werf ichs ins Meer, daß es sich innigst läuter,
 

 

150
 
Euch ist die Würde Eigenschaft des Narren,
Doch der geschlagnen Kuh versiegt das Euter.
Ich dank euch diese Lösung der Konflikte,
Ich werd sofort zum Klippenstrande eilen,
Daß meine Würde ich zum Himmel schickte,
Will ich jetzt keinen Augenblick verweilen.
(Ab.)

QULHA: Geprüft wird dieses karge Land am Meere,
Jetzt hat der König den Verstand verloren,
Es bräuchte Erze, Schmiedeglut und Heere,
Doch dies ist unverständlich einem Toren.
Er traut viel eher magisch-dunklem Krempel
Wie jenem Fell, das lange hing im Baume,
Verliert die Zeit im Singsang und im Tempel,
Statt aufzuwachen aus dem Dichtertraume.
Allein die Wirtschaft kann Probleme lösen,
Und keins, das sie, befreit, nicht heiter löste,
Wenn Mann und Frau in diesem Lande dösen,
Ist doch am Kopf die Schläfrigkeit die größte. (Ab.)


Zweite Szene.
Aietes, Araxe.

AIETES: Ich habs getan und habe mich ergeben
Nicht den Tyrannen, die am Blut sich weiden,
Ich opferte die Krone für das Leben,
Die Götter mögen wägen und entscheiden.

AREXE: O Herr, es war kein Wächter an der Pforte,
So trat ich ein als wärs die Bauernstube,
 

 

151
 
Verdrieß ich euch mit unverstelltem Worte,
So sagt es mir mit schonungslosem Schube.

AIETES: Ich hab die meisten Sitten aufgegeben,
Nicht nur um mir die Dienerschaft zu sparen,
Ich will mich nicht dem Volke überheben,
Denn seine Nöte auch die meinen waren.

AREXE: Von Not hab ich zu klagen manche Stunde,
Doch will ich gleich zum bittern Kern mich wagen,
Man sagt, die Skythen suchen jetzt gesunde
Und junge, sie als Beute fortzutragen.
Ich bitt euch, meinem Sohne zu ersparen
Die Sklaverei, zu der er nicht geboren,
Allein die Schur bei seinen vollen Haaren,
Bräch mir das Herz und machte mich verloren.

AIETES: Was soll ich tun, ihm Freiheit zu bescheren,
Ihr habt wohl auch gehört, daß leer die Truhe,
Ich halte eure Sorg in allen Ehren,
Doch seh ich nichts, das ich dagegen tue.

AREXE: Laßt ihn das Glück an fernen Ufern rufen,
Er ist wohl stark und weiß sich zu behaupten,
Es führen doch hinab die Lebensstufen,
Die uns bereitstehn im so lang Geglaubten.

AIETES: Wohin? Das ist doch immer nur der Westen.
Die Griecheninseln mit den stolzen Schiffen,
Dort lacht statt Freiheit, nur ein Trog von Resten
Für uns, hat ihn nicht sonstwer schon ergriffen.
Die Sklaverei ist hart und manchmal leichter,
 

 

152
 
Doch Freiheit ohne Gold ist die der Ratte,
Die Götter lachen solcher Träume Beichter,
Nur Torenhunger sucht den Weg ins Satte.

AREXE: Vielleicht ists töricht, aber abzuwarten
Scheint ärger als der Pfeilschuß hoch ins Blaue,
Verwüstet und verkommen liegt mein Garten,
Weshalb ich nun auf euer Mitleid baue.

AIETES: Wenn ichs erlaubte, wie will er bewegen
Sich übers Meer, hat Flügel er wie Greife?
Lang her ists, daß die Flotte hier gelegen,
Drum seh ich nicht den Weg, daß er entschweife.

AREXE: Es liegen Schiffe ohne Zahl am Hafen,
Ein Dutzend sah ich, doch das sind nicht alle,
Vor Jahr und Tag wir einst die Griechen trafen,
Ich hoff, sie führn den Sohn aus dieser Falle.

AIETES: Was Griechenschiffe? O die Götter säumen
Nicht lang, wenn sie erscheinen um zu schenken.
Ich sah die Wogen sich dem Opfer bäumen,
An Angriff oder Flucht ist nicht zu denken.
Seid ihr denn sicher, daß es Griechenschiffe?
Vielleicht sinds Lichte aus dem hohen Norden,
Auf daß der Retter meinen Stab ergriffe,
Zu enden das Verzagen und das Morden.

AREXE: Was hofft ihr die Veränderung von Griechen?
Sie werden abdrehn, gibt es nichts zu kaufen,
Die Flucht ist einzig Mittel, nicht zu siechen,
Denn diese Küste ist ein Abfallhaufen.
 

 

153
 
AIETES: Sprecht nicht so bös von euerm Vaterlande,
Ich hoffe nichts von Griechen, doch von Göttern,
Das Opfer schafft allein die Segensbande,
Und nie ein Heil kam her von bösen Spöttern.
Geht heim, ich werd euch königlich bescheiden,
Denn dieser Tag ist groß in meinem Leben,
Wer sich bezwang, den Götterspruch zu leiden,
Weiß Beßres als Erbetenes zu geben.

AREXE: Ich weiß nicht, was ihr meint mit diesem Rate,
Doch seh ich wohl, daß ihr nicht umzustimmen,
So sei es, daß ich durch Moraste wate,
Und schweigend harr des Schattens und des Schlimmen.
(Ab.)


Dritte Szene.
Aietes, Jason, Kreusa, Helden.

JASON (mit den Vlies an der Lanze):
Ich Jason grüß im Zeichen aller Horen
Das Kolcherland, das ich erneut gefunden,
Ich habe aller Tücke abgeschworen
Und bring das Vlies, mit dem ich einst verschwunden.
Zwar kann ich euch die Tochter nicht mehr bringen,
Sie richtete sich selbst in ihrem Rasen,
Doch soll das Vlies im Areshaine singen
Von fetten Herden, die am Hange grasen.

AIETES: Ich weiß, die Götter haben euch gesendet,
Ich glaub, so war es auch beim letzten Male,
Hat einst ein großer Reichtum mich geblendet,
 

 

154
 
So steh ich heut mit einer Bettlerschale.
Nicht was ihr bringt, hab ich begehrt zu haben,
Doch wenns den Göttern so gefiel, so wehre
Das Vlies uns wider Habichte und Raben
Und gebe unsrer Erde wieder Ehre.

JASON: Ich hörte von der Räuberei der Skythen
Und der Versklavung unter ihrem Siege,
Erlaubt den Helden, die sich mit mir mühten,
Daß dieser böse Fluch von dannen fliege.

AIETES: Erlaubnis gibt mir fast zu große Ehre,
Ich flehe, wie die Furche schweigend jammert,
Ein Heros dieses Plagepack verheere,
Das Hälse schnürt und unsre Herzen klammert.

JASON: Dies wird geschehn, eh sie sich recht besinnen,
Doch jetzt freut euch an euerm Eigentume,
Ein beßrer Tag soll euerm Thron beginnen,
Daß man noch lang erzählt von euerm Ruhme.

AIETES: Es leuchtet, wo die Ampeln sind verglommen,
Es wärmt im Herzen, wo die Asche fahlte,
Und spricht: Wie sollte ich nicht wiederkommen,
Das wider alle Zweifel in euch strahlte?
Doch sagt, wie ist Medea es ergangen
Im fremden Land, wo sie nicht hingehörte,
War die Erkenntnis, daß Sirenen sangen
Die Sehnsucht, was am Ende sie zerstörte?

JASON: Ich hatte sie gefreit, weil abgesprochen
War dies beim Plan des Vliesraubs, der gelungen,
 

 

155
 
Ich ließ sie ohne Arg ihr Süppchen kochen,
Denn große Freude machten mir zwei Jungen.
Doch als ich sah, daß ihr der Mord Methode,
Und sich die Leichen häuften auf der Straße,
Flucht ich der Argo und der Episode,
Die mich besudelte im höchsten Maße.
Gleichwohl sah ich kein Mittel mich zu lösen
Von diesem Schatten, drunter Schädel klirrten,
Und meinte, so verbunden mit dem Bösen
Müßt sich mein Geist am Ende ganz verwirren.
Doch gab zuletzt der König der Korinther
Befehl, das Herz den Göttern nicht zu schließen,
Und eh ich mich versah, kam ich dahinter,
Daß sie mich erstmals wirklich lieben ließen.
Ein Mädchen, das die Zartheit eint dem Mute
Wohl jeder Blüte, jedem Falterflügel,
Und dabei voller Leidenschaft im Blute,
Zog einem, der im Wahne ging, die Zügel.
Sie machte mir das unaussprechlich Schwere
So leicht, das ichs vernahm in einer Flöte,
Und ich begriff, kein Gut verschafft uns Ehre,
Daß man darum den eignen Bruder töte.
Ich war ein Narr, der eitle Dinge glaubte,
Und andre machte närrisch und zu Toren,
Es war ein Spiel, das euch den Segen raubte,
Das schlimmer noch gewonnen als verloren.
Doch erst die Liebe konnt mir dies verraten,
Die uns als Nutz und Absicht ist vorhanden,
Doch eh sie ihre Reife fand in Taten,
Ging ihres Vaters großer Hof zuschanden.
Medea, die zwar andern Lüsten frönte,
Und an der Eh fand lang schon kein Gefallen,
 

 

156
 
Die Unschuld als gemeines Laster pönte,
Und ihre Lösung hieß: sie müsse fallen.
Sie traf den Vater zwar im Mißgeschicke,
Doch meinte sie, das Beil zerhieb die Liebe,
So ging sie dran, daß sie die Blüten knicke,
Daß nichts mehr von der Gattenliebe bliebe.
Als ausgelöscht der Stamm vom Kolcherblute,
Ward mir zum Fluch des Vlieses Segensquelle,
Und die Erkenntnis gipfelte im Mute,
Daß wiederkehr des Vaterlandes Helle.


Vierte Szene.
Die vorigen, Olbio.

OLBIO (fasziniert vom Leuchten des Vlieses):
Gewänder, farbig, Waffen, Hörner, Pelze,
Dies Schauspiel hier straft die Gerüchte Lügen,
Daß allzu hart sich die Tributschaft wälze
Aufs Land, das zaudert, friedlich sich zu fügen.

AIETES:
Ganz recht erkannt, wir stehen nicht verschüchtert
Im Eckchen und erwarten Zorn und Gnade,
Fahrt heim, mein Herr, und sagt, daß ihr ernüchtert
Von Furcht und nicht von einem warmen Bade.

OLBIO:
Was soll das? Wollt ihr Plünderei und Schrecken?
Wagt ihrs, den Zorn der Reiterei zu kitzeln?
Ein toller Hund wird das Verhängnis wecken,
Drum unterlaßts um ernstes Ding zu witzeln.
 

 

157
 
AIETES:
Wir witzeln nicht, wir sind zum Streit entschlossen.
Ein toter Hund wär noch zu zuviel der Gabe,
Sorg, daß die Tür sei hinter euch geschlossen,
Sonst seid ihr vor dem nächsten Wort im Grabe.

OLBIO: Ich faß es nicht, es redet ein Verrückter.
Zwar Qulha meinte, daß es knarr im Haupte.

JASON: Aufs Knie, du Hund! und büße in gebückter
Zerknirschung, was die Zunge sich erlaubte.
Du magst in eurern Zelten jeden Reiter
Idioten nennen, vor dem König schweige,
Fährst du ein Stückchen auf dem Wege weiter,
Verpaßt du deines Lebensabends Neige.

OLBIO: Schon gut, ich krieche, und ich hab verstanden
Und werd es meinem Herren illustrieren,
Nicht mehr allein nah ich mich diesen Landen,
Und Worte werd ich auch nicht mehr verlieren.
(Ab.)

JASON: Was männlich ist zu sagen, wird beraten
Nicht vorher, denn es spricht sich ohne Tadel,
Doch eh die Worte hehrer als die Taten,
Uns nun ein ungebremster Aufbruch adel.
Wir reiten fort, die Räuberscharn zu schlagen
Noch eh sie eure Grenze überschreiten,
Ich denke, dann wirds kaum ein zweiter wagen,
Dem König irgend Unbill zu bereiten.
Doch eh wir fahrn, bitt ich den Herrn des Landes,
Er möge meinem Weib Gesellschaft leisten,
 

 

158
 
Es übertrifft die Holdheit des Gewandes
Die Stimme, sie entzückte mich am meisten.
Ich denk, sie wird dem König manches raten,
Was Frauenherzen fühlen und erkennen,
Wo Männer sich nur auf die Füße traten,
Weiß sie den Weg und seinen Stern zu nennen.
(Alle außer Kreusa und Aietes ab.)


Fünfte Szene.
Aietes, Kreusa.

AIETES (beim Betrachten des Vlieses):
Nun leuchtets nicht mehr auf die frohen Recken,
Der Thronsaal ist voll Staub und Spinngewebe,
Rings bräunlich wirds, so merke ich mit Schrecken,
Und allzuoft bemerk ich, daß ich klebe.

KREUSA: Die Flucht der Diener wäre zu verschmerzen,
Stünd eine Frau besorgt in diesem Hause,
Erzählt mir doch, wie gings mit euerm Herzen,
Bevor der Glanz geriet in eine Pause.

AIETES: Die erste Frau, ich kann sie kaum beschreiben,
Sie kam mir wie der Thron wie zugeflogen,
Es schickte sich dem Prinz, sich zu beweiben,
Die Tradition hab ich nicht krummgebogen.
Sie starb, als sie gebar, des Reiches Trauer
War festlich, wie man tut in solchem Falle,
Dann sprach man mir, es schicke sich der Dauer,
Daß sich der Herrscher wiederum bestalle.
Auch war ein Erbe nicht geborn dem Throne,
 

 

159
 
Ich suchte diesmal lang nach einem Weibe,
Dann fand ich sie, ich meinte, daß es lohne
Daß sie mir leblang an der Seite bleibe.
Ein Junge kam, sehr zart und viel zu pflegen,
Die Mutter stritt um ihn mit seiner Schwester,
Ein Unheil hat bald in der Luft gelegen,
Und ein Gespinst zog seine Stricke fester.
Dann kam der Tag, sie waren ausgegangen
Zu zweit ans Meer und kamen nicht zum Mahle.
Am Abend war der Himmel schwarz verhangen,
Ein Sturm kam auf, der Blitz durchzuckt das Fahle.
Die Männer suchten überall mit Hunden,
Sie fanden dann Medea auf den Klippen,
Sie lag dort nackt und blutete aus Wunden,
Und angebrochen waren ihre Rippen.
Sie stammelte von Hexen und Dämonen,
Kein Wort zum Hergang war herauszukriegen,
Sie meinte auf dem Wolkenturm zu wohnen,
Und phantasierte tags und nachts vom Fliegen.
Absyrtus Mutter ward nie aufgefunden,
Tot nicht noch lebend, gab es keine Winke,
Drum fühl ich von der Eh mich nicht entbunden,
Dies bleibt bis ich den Trank Vergessens trinke.
Man munkelte schon damals Schurkereien,
Magie und Mord in finstern Ritualen,
Ich wollt mein Ohr nicht den Gerüchten leihen,
Doch die Geschmähte sparte nicht mit Qualen.
Sie stelle sich, als sei das Leid der Frauen
Die Schuld des Vaters, seiner Herzenshärte,
Sie zeigte ihr geschwundenes Vertrauen
Und jedem Lebensplane sie sich sperrte.
Als dann das Vlies ein Dämon riet zu schützen,
 

 

160
 
Bot ich ihr einen Turm für ihre Hilfe,
Es zeigte sich, daß Drachen keine Stützen,
Und sichrer lebt ein Entenpaar im Schilfe.
Drum soll das Vlies im Thronsaal uns erfreuen,
Und wirds von einem Frevler fortgetragen,
So wird es dieser Narr gewiß bereuen,
Weil sich im Traume uns die Götter sagen.

KREUSA: Den Prüfungen in euerm harten Leben,
Entspricht ein großes Heil in diesem Widder,
Doch kein Geschenk kann den Beschenkten heben,
Der nicht gebangt und nicht gelitten bitter.

AIETES: Daß Jason mir das Vlies hat heimgefahren,
Verdank ich wohl dem Vogelsang der Schönen?
Obwohl mein Ohr getrübt in Sturm und Jahren,
Hört es euch lieblich und verständig tönen.

KREUSA: Mein Vater lehrte mich die Kunst der Leier,
Und auch die Kunst, Gedanken leicht zu schichten,
Drum täuscht man mich nicht leicht mit einem Schleier,
Und läßt den Streit von meinem Wägen schlichten.

AIETES: Eur Vater war ein kluger Mann, sein Erbe
Beweist es, und er lebt in eurer Stimme,
Ich hinterlaß, wenn ich sehr bald schon sterbe,
Nur Kinder, die verröchelt sind im Grimme.

KREUSA: Des Vaters Güte ließ mich an euch denken,
Uns diese Fahrt ins Sagenhafte wagen,
Was noch verblieben, wollte ich euch schenken,
Denn in der Nacht vernahm ich eure Klagen.
 

 

161
 
Mein Vater starb, als er das Glück mir baute,
Er war als Fürst gerecht und unermüdlich,
Mir wars, als ob er euer Unglück schaute,
Mich heiß: Bezwing es hohen Muts und gütlich.

AIETES: Wenn Jason ich mit klarem Sinn verstanden,
So galt Medeas Anschlag euerm Haupte –
Wie kam das Ziel ihr solcherart abhanden,
Daß sie im Vater seine Tochter glaubte?

KREUSA: Sie brachte eine Krone, welche Feuer
Entfacht, wenn man sie auf den Träger bettet,
Sie sprach dem Vater, dieses Stück sei teuer
Und hätte gar schon manch Geschlecht gerettet.
Mir zur Verlobung solle er sie schenken,
Dies gäbe Fruchtbarkeit dem Ehebunde,
Sie dachte mich in dieser Weis zu henken,
Doch richtete den Vater sie zugrunde.
Dies kam, weil Jason meinte, eine Krone,
Zum Segen sei vom Vater erst getragen,
Daß in dem Gold Vernichtungsabsicht wohne,
Ward nie gehört in allen Menschentagen.
Als nun der Vater jammervoll verbrannte,
Ich schrie und fiel im Schocke auf die Dielen,
Die Mörderin, die lauschend mich erkannte,
Pries ihr Geschoß und das genaue Zielen.

AIETES: Eur Vaters Tod schmerzt mich in einer Weise,
Die nie ich kannt, wo mir doch viel geschehen,
Fast neide ich der Mörderin die Reise
Ins Land, wo solch ein großer Mann zu sehen.
Aus Fernen kommen meist nur dort Verbannte,
 

 

162
 
Glücksritter oder Gaukler und Verschwender,
Drum bleibt die Ferne uns das Unbekannte,
Denn nur der Schmutz besudelt Meeresränder.
Doch weiß Vernunft, daß überall die Winde,
Und überall die Fahnen darin flattern,
Drum blüht das Edle jeglichem Gesinde,
Und in den Sprachen nicht nur Enten schnattern.

KREUSA: Er gleicht in vielem eurem müden Auge,
Das, denk an Olbio, heftig weiß zu blitzen,
Nicht nur die Stirn, daß er zum König tauge,
Seh gleich ich unter euern Locken sitzen.
Ihr seid wie er vom Glauben tief durchdrungen,
Daß Götterdemut paar sich dem Verstande,
Drum atmen Volkes Not und Heil die Lungen,
Und keine Flause trennt euch von dem Lande.
Das echte Glück ist nicht ein eitles Haschen,
Es ist verwurzelt und es strebt zu tragen,
Es lechzt nach Geist und nicht nach vollen Taschen,
Und unbeschwert weiß Großes es zu wagen.
Gut, das uns träg macht, furchtsam und verschlossen,
Ist keins für einen Geist, der sich zu heben,
Abtut, was katert, wenn es rasch genossen,
Und tötet, wenns das Innerste im Leben.

AIETES: Nach eurer Hymne auf mein armes Tasten
Wag ich mir, einen Antrag euch zu machen,
Ihr sollt, ihn zu bedenken, euch nicht hasten
Und auch den alten Narren nicht verlachen.
Ich sagt, daß euern Vater gern ersetzte
Mein Büßen für mißratner Tochter Wagen,
Drum wär vorm Tod die Bitte mir die letzte,
 

 

163
 
Euch Glorie meines Hauses anzutragen.
Ich würde euch sehr gerne adoptieren,
Ich wüßt dem Erbe keine treuern Hände,
Es würde mir den Herbst des Lebens zieren,
Wenn so das Land zu einer Mutter fände.

KREUSA: Ein großes Wort, und alles wär gelogen,
Würd ich an dem Gesagten etwas rütteln,
Es schiene mir als Schmeichelei gesogen,
Würd schreckhaft ich mit meinem Kopfe schütteln.
Ich dank euch, daß ihr so mein Leben ründet,
Und Vater sein wollt der, die kam von ferne,
Die Götter wußten wie mein Suchen mündet,
Doch allzuhell sind unserm Blick die Sterne.
(Sie fällt dem König um den Hals.)


Sechste Szene.
Die Helden zurück, draußen hört man Volk.

VOLK: Dem Jason, der die Skythen uns vertrieben,
Uns löste von Tributen und Tyrannen,
Er zeigte uns, wie uns die Götter lieben
Und ziehe deshalb niemals mehr von dannen.
Wir brauchen einen Herrn, der uns die Weide
Vor Wölfen schützt, den Acker uns vorm Hagel,
Der findt das Öhr der Nadel mit der Seide,
Und mit dem Hammer auch den krummen Nagel.
Wir wollen fechten, pflügen und vermehren
Nichts ohne einen König, der die Krone
Von Göttern, die ihn allseits sichtbar ehren
Und dafür einstehn, daß die Mühe lohne.
 

 

164
 
Drum laßt uns rufen bis zur Himmelspforte:
Wir wollen Jason, der den Feind geschlagen,
Er führe uns und sei an jedem Orte,
Darüber fährt der helle Sonnenwagen.

JASON: Ihr hört das Volk erleichtert und zufrieden,
Zum Sieg war kaum zu fechten und zu ringen,
Die fremden Herren baten schon um Frieden,
Als wir gewappnet auf die Felder gingen.
Drum grämts uns fast, daß wir als Arbeitslose
Die Furcht die Skythen durften gar nicht lehren,
Den allerschönsten Duft verströmt die Rose
Erst, wenn wer wagt, sie räubrisch zu begehren.

AIETES: Ich hatte niemals Zweifel am Gelingen
Des Zuges, der die ärgste Not uns bannte,
Wenn Götter uns den großen Feldherrn dingen,
Erscheint zumeist der ringsum anerkannte.
Drum soll des Volkes Stimme offenbaren
Die Götter, daß in Samt uns Seide gehe
Der Retter, der geführt die Streiterscharen,
Daß er als König vor dem Volke stehe.

JASON (nach einer Pause):
Ich schätze eure Weisheit sehr und Güte,
Doch muß ich sie als Leichtsinn hier verdammen,
Das Königtum erkrankte und verblühte,
Drum sollns das Vlies und dieser Sieg beflammen.
Dem Dank nicht ziemts, erscheint er als Verschwender,
Dem König nicht, daß ihn die Freiheit locke,
Mit eigenem da geize nicht der Spender,
Doch mit der Rebe rühre nicht am Stocke.
 

 

165
 
Die Krone ist viel älter als der Träger,
Und ob er würdig, kümmert nicht im Kerne,
Drum halte ein der Wager wie der Wäger,
Denn unser Wille schickt sich nicht dem Sterne.
Dies allgemeine ganz beiseit gelassen,
Wärs närrisch, sich am Volke zu berauschen,
Schon morgen wird, was heute paßt, nicht passen,
Weil die Gemüter ihre Meinung tauschen.
Wer sich vom Volk erheben läßt und krönen,
Gesteht ihm zu, ihn wieder zu vernichten,
Die Herrschaft sei allein den Göttersöhnen,
Und nicht ein Preis für wohlerfüllte Pflichten.

KREUSA: Mein Herz, ich bin so stolz in dieser Stunde,
Du zeigst, daß unbestechlich bleibt der Edle,
Dumm ist die Kurzsicht, und sie macht dem Hunde,
Daß schließlich mit dem Leib das Schwänzchen wedle.
Der Große fordert nichts und will nur schenken,
Ihn grämt allein, wenn Hände sich versteifen,
Der Lobsang läßt ihn seine Blicke senken,
Und Lust zu Höherm in der Seele reifen.

JASON: Dir zu gefallen, ist von jedem Preise
Der höchste, und mir ward mit deiner Treue
Ein Gut, um das ich alles von mir weise,
Und täglich mich in deinem Sinn erneue.
Erst deine Liebe ließ mich menschlich werden,
Ob groß, das mag die Nachwelt einst entscheiden,
Doch größres gibts gewißlich nicht auf Erden
Als Liebe, die uns Wonne wird zu leiden.
 

 

166
 
Siebente Szene.
Arexe tritt auf.

AREXE:
Ich bin schon wieder hier, kaum daß beschieden
Ich ward mit einem Spruch der unverständlich,
Ich leugne nicht, ich war recht unzufrieden,
Und meinte, diese Abfuhr wäre schändlich.
Doch hört, mein Sohn ist Fischer und gefahren
Ist er zu holen seine großen Netze,
Nicht viele Fische in den Maschen waren
Und drüberhin erfleht man keine Schätze.
So war er höchst erstaunt, als in den Stricken
Was leuchtete, so hell und so metallen,
Und als er näher trat mit seinen Blicken
Ist ihm das Kinn dabei fast abgefallen.
Wer spülte dies dem Meere in die Arme?
Wer mischte es dem Netze meinem Sohne?
Es ist, daß sich der Himmel mein erbarme,
Aus purem Golde eine Königskrone.
(Sie zeigt die Krone.)

AIETES: Ich opferte den Göttern die Symbole
Der Herrschaft, als gekrümmt ich im Tribute,
Mir schien die eigne Würde eine hohle,
Die Götter sollten zeigen wo das Gute.
Nun aber haben sie für gut befunden,
Nicht nur die Feinde aus dem Land zu jagen,
Sie schicken sich, dem eben noch so Wunden
Erneut die Väterbürde anzutragen.
Doch soll die Krone, die ich neu erhalte,
Nicht wieder in die sonnenfreie Truhe,
 

 

167
 
Daß mir das Blut im Herzen nicht erkalte,
Ich ihr zu dienen mein Gelübde tue.
Dem Ritual, das einmal bös mißlungen,
Da eine Hexe hauchte in die Zacken,
Sei eine zweite Runde ausbedungen,
Da kein Gelichter sitzt mir mehr im Nacken.
Ich werd mich mit der Krone selber krönen
Und dann die Tochter ebenso im Saale,
Dann mögen einem Geist Posaunen tönen,
Dem ich mich mähl in diesem Rituale.

JASON: Habt ihr noch eine Tochter, eine zweite?
Ich dachte stets, daß ihn nun ganz alleine.
Was hindert, daß sie aus dem Dunkel schreite
Und sich der Schar der Feiernden vereine?

AIETES: Ihr rietet mir vor euerm Ritt zur Grenze,
Mich Kreusa im Vertrauen zu befehlen,
Der Sieg, der euch so feil, vermochts zur gänze,
Was zwischenher geschehen zu verhehlen.
Wir fanden, daß das Schicksal uns verbunden,
Als mirs die Tochter, ihr den Vater raubte,
Und gegenseitig binden wir uns Wunden,
Erheb ich mich euch zum Familienhaupte.
Ich adoptiere eure Frau verbindlich,
Prinzessin sei sie nun vom Kolcherstamme,
Und damit seh ich auch den Helden kindlich,
Und freue mich, daß ihm die Fackel flamme.
Denn mögt ihr euch dem Volkesruf nicht fügen,
Doch eurem Herz, daß ihr mich sollt beerben,
Kein minderes soll diesem Land genügen,
Nur so gestillt kann ich in Frieden sterben.
 

 

168
 
KREUSA: Als mir der Vater loderte in Flammen,
Macht rasch das Wort aus deinem Mund die Runde,
Der Tochter Krone sollt vom Vater stammen,
Und mancher sagte dies mit schiefem Munde.
So war Korinth kein Nistplatz zum Ornate,
Zum König aber bist du Held geboren,
Nun habe uns der greise Kolcherpate,
Daß sich erfüll der Zeichenkreis der Horen.
(Sie kniet, Aietes krönt.)

JASON: Ich bleibe ein Akteur in diesem Stücke,
Du aber bist die Dichterin der Szenen,
Es ist allein die Frage, was dir glücke,
Wenn sie sich überschlagen oder dehnen.
So sag ich den Gefährten dieses Zuges,
Daß Telamon sie heim nach Hellas führe,
Ich war Entdecker manchen Wortbetruges,
Doch wußt ich nie, was mir am Schluß gebühre.
 

 

169
 


ORPHEUS
TRAGÖDIE





Bist du, mir emporgesandt,
endlich wieder da?
Hundertblättriges Gewand,
ließ dich los des Hermes Hand,
noch zum Greifen nah?

Brüste, kennt ihr schon nicht mehr
den, dem es gefiel,
euren Bug begierdeleer
zu berühren, zart und schwer
wie ein Saitenspiel!

Hüften, Schenkel, Glied um Glied
tiefen Schlafes voll . . .
Daß der Traum euch niederzieht,
oder wollt ihr, daß mein Lied
euch erwecken soll?


LANGGÄSSER    

 

170
 


PERSONEN
OIAGROS, König von Thrakien
KALLIOPE, seine Frau
ORPHEUS, sein Sohn
EURYDIKE, dessen Frau
ARISTAIOS, Sohn der Kyrene
HERMES, Götterbote
HADES, Unterweltsgott
PERSEPHONE, seine Gattin
CHARON, Fährmann
AMPELOS, Satyr
FÜNF MÄNADEN
EIBEN, ZYPRESSEN
 

 

171
 


PROLOG
OIAGROS:
Der tiefsten Weisheit hab ich mich verbunden,
Kalliope, mir Gattin, gliche keine,
Und doch hab ich nur Nacht und Gram gefunden
Im Federkiele und im Taxushaine.
Mein erster, Linos, starb im jähen Zorne
Des Helden, den er sorglich unterrichtet,
Und so gedieh der Schriftstand mir zum Borne,
Der seinen Wart mit Überschwang vernichtet.
Dem zweiten bracht Apoll die Hermesgabe,
Darin der Bote, dem die Führung eigen,
Uns kundtut, daß er ganz die Seele habe,
Daß alle Müh ein ewiges Verneigen.
Denn wenn auch der Berufne hold erschüttert
Die Herzen selbst der allerstummsten Dinge,
Ist doch der Honig, den er rings verfüttert,
Ein Schatten und zuletzt die feste Schlinge.
Ich will dem Stück, das heute wird gegeben,
Mit meiner Vorred keine Spannung rauben,
Doch jeder prüfe selbst im eignen Leben,
Ob wir mit Recht an Göttergüte glauben,
Denn die Geschenke und grad recht die Leier
Sind voller Zwiespalt, und im letzten frommen
Sie Hohn, der echot wider unsre Feier,
Daß wünschbar scheint, man hätt sie nie genommen.
Musik, die Lethe schenkt für Gut und Böse,
Hat freilich beides sehr wohl im Gesinde,
Drum glaube nicht, daß sie die Sorg uns löse,
Und Schlüssel sei, daß man das rechte finde.
 

 

172
 
Ob sie mit großer Kunst wird dargeboten,
Sagt viel zu dem Objekt, das zu verführen,
Manch Korn ist nur mit Hartgestein zu schroten,
Und manchem Ohre luftigste gebühren.
Ich halt es nicht mit den Pythagoräern,
Nach denen Welt ein Schattenriß der Quinte,
Ich halt es lieber mit bekrallten Spähern
Und Feldherrn, denen bloß ein Weib die Finte.
Denn alle Reiche ruhn auf Tun und Taten,
Nicht auf der Harmonie und dem Entzücken,
Und daß der gute Abend wohlgeraten,
Heißt es am Morgen traben und sich bücken.
Die Kunst ist mir ein Kraut, das zu dosieren
Der Wohlgeratne weiß wie Pilz und Same,
Nichts gegen Flöten, Tanzen und Posieren,
Jedoch dem Leerlauf traut allein der Lahme.
Den Autor dieses Stücks wirds wohl verdrießen,
Wenn ich die Musen in die Schranken weise,
Doch mög ein jeder für sich selbst beschließen,
Ob meine Stimme hier zu laut, zu leise.
 

 

173
 


ERSTER AUFZUG
Ein Wald in den Rhodopen. Man hört die Bienen summen.

Erste Szene
Orpheus.

ORPHEUS: Im Wald ist stets ein großes Musizieren,
Die Quelle murmelt und es knarren Äste,
Der Zephyr sagt den Eiben wie den Tieren,
Daß er sie lud zu einem Atem-Feste.
Die Bienen summen, wenn die Sonne knistert,
Die Nymphen huschen fein wie Spinngewebe,
Wo sich der Stamm dem Purpurpilz verschwistert,
Preist auch die Mistel, daß sie rankend lebe.
Die Schwalben sind die liebsten mir der Boten,
Von Abschied und von Wiederkehr sie singen,
Maikäfer labt sich am Verjährten, Toten
Und auch die Goldne Acht zeigt mir die Schwingen.
Der Diptam wirbt so sehr, daß bald entflammen
Das Öl die Strahlen, die es mir vergolden.
Wo so viel Laut und so viel Luft beisammen,
Wer mag da nicht nur trunken sein vom Holden?
Wem ist nach einer Botschaft noch zumute,
Wo das Vollkommne sagt sich ohne Sinnen?
Wem hörbar wird das Blühende und Gute,
Wer wollte einen Reim darauf beginnen?
Die Leier, die beschämt das Einzelwesen,
Muß schweigen, wenn der Chor im Walderwachen
Zurechtweist, was sich achtet für erlesen,
Denn keine Sehne kann so selig machen.
 

 

174
 
EIBEN: Die Welt ist Klang, doch ohne alle Weiser,
Drum mußt du singen, daß sich alles richte,
Doch machst den Chor im Augenblicke leiser,
Daß er sich heb in stärkerem Gewichte.
Nicht hat Apoll die Lyra dir gespendet,
Daß du versänkst in Zweifel und Entsagen,
Du mußt, bevor die Mittagsstunde endet,
Den Sturm der Seele in die Kronen tragen,
Denn all die Bäume, die hier schaun und staunen,
Bevölkert sind mit Ohren, die dir lauschen,
Sie warten, daß du aufwachst aus den Launen
Und läßt das Meer im stillen Haine rauschen.

ORPHEUS: Ihr Eiben, maiensatt und so verwunden,
Ich bin ein brauner Gnom an eurem Fuße,
Was mir gelingt, gestaltet und gebunden,
Dankt, daß zum Lauschen euch die rechte Muße.
Ich bin beschenkt, doch gleichwohl arm geblieben,
Mir sprengts die Brust, euch blumig anzufragen:
Bin ich dem Joch der Einsamkeit verschrieben,
Wirds einst in meinem wunden Herzen tagen?
Die ihr vertraut seid mit den Wechselwinden,
Dem Himmel wie mit krumig schwarzen Säften:
Wird mich ein Herz vom Kronos' Blei entbinden,
Wird sichs an meins als Heil und Mitte heften?
Sind mir bestimmt nur Sehnen und Erwecken,
Nur Sämerein ins Offne und Gefügte?
Könnt sein, daß mir daraus ein eigner Flecken
Erwüchs, der meinem tiefsten Traum genügte?

EIBEN: Was ferne scheint, ist nahe wie zum Greifen,
Kein Schleier hehlts, den Götter drumgeschlungen,
 

 

175
 
Wer aber meint, die Welten müßten reifen,
Prüf, ob er selbst vom Traume ganz durchdrungen.
Denn nur die eigne Blindheit läßt verlassen
Den Blinden scheinen, der den andern leuchtet,
Das Glück ist nur dem Geiste nicht zu fassen,
Drum schau, eh sich das Auge so befeuchtet,
Daß alles fließt, als sei bestimmt der Quelle
Der Sänger, den im Baume liebt die Krone,
Wo das Gewirk sich mengt der größten Helle,
Erfahr den Kuß, der leblang in dir wohne.

ORPHEUS (singt):
Wer rekelt sich im blättergrünen Dache
Grad wie die Wolken auf dem Dunst der Meere?
Erwache
Und hör wie ich begehre!
Nicht sing ich auf dem Feld und bei den Klippen,
Ich bin zuhaus, wo Äste sich verzweigen,
Nur nippen,
So will ich und dann schweigen!
Wer sterblich ist, erfährt im Baume Alter,
Doch auch die Jugend, die im Laubicht säuselt,
Ein Falter
Am Wasser, das sich kräuselt.
Nicht preise ich den felsgehaunen Pfeiler,
Der weist die Schritte nur in nächste Nähe,
Der Heiler
Weist weiter als ich spähe.
Was feststeht uns zu fassen und zu flügeln,
Soll nicht der Stimme Lieblichkeit erwecken,
Im Zügeln
Solln Traum und Tausch sich necken.
 

 

176
 
Nur eine kanns und sie wird weithin richten
Daß sich das Aug dem Ohre zugeselle,
Im Lichten
Verfalbt die schönste Helle.
Drum steig sie aus dem wirkenden Gerausche
Und hülle sich in allerfeinste Seide,
Vertausche
Dich Freud, sag ich dem Leide.


Zweite Szene.
Orpheus, Eurydike.

EURYDIKE: Wer ließ den Namen honiggolden klingen,
Daß ich erschauernd ihn ganz neu erfaßte?
Wer kann so übersterblich Liebe singen,
Daß ich verlaß die Wohnung und die Kaste?

ORPHEUS: Apoll gab mir die Leier und die Stimme
Und auch die Kraft, die Ohren aufzusprengen,
Ich fürcht mich manchmal selbst vor diesem Grimme,
Dems möglich wohl, das Haar mir zu versengen.

EURYDIKE: Hat dir der Gott den Namen auch geraten
Der scheusten Nymphe, die noch keiner schaute?
Gar manche, die den Gott recht schlecht vertraten,
Erreichten nur, daß mir ganz gräßlich graute.

ORPHEUS: Des Sehnen kam von Herzen und die Worte
Gab mir der Wind, der schmeichelt oder rüttelt,
Es schien mit Reichtum hier an diesem Orte,
Daß Früchte falln, wer immer hier auch schüttelt.
 

 

177
 
EURYDIKE: O nein, den Zugang zu den Federleichten
Fand nie ein Riese, der im Walde trampelt,
Das Wimmern, daß die Blätter sich erweichten,
Wird keinem Säugling, der erbittert strampelt.
Der Name ist für jed Geschöpf die Fessel,
Du sangst ihn mir, drum muß ich dir gehören,
Ich hoff, dein Blumengruß ist keine Nessel,
Und nicht zum Spotte willst du mich betören.

ORPHEUS: Wie könnte ich ein lichtgeflochtnes Wesen
Mit Grobheit oder schlechtem Scherz verbittern?
Von Gaias oder Uranos' Genesen,
Läßt keine sonst die feinsten Härchen zittern.
Die Anmut selber mein ich hier zu schauen,
Obgleich verwöhnt von Mutters hohem Stande.
Sollts wahr sein, daß die Hulden mir vertrauen
Und reichen mir die schlanke Hand zum Bande?

EURYDIKE:
Wenn du nicht scherzt, so bleibt mir zu vermuten,
Daß du die hohe Macht in deinem Singen
Nicht faßt, die von dem Flügelpaar-Beschuhten
Erfunden ward, die Seelen heimzubringen.

ORPHEUS: O nein, nicht jenen hab ich angerufen,
Der Zaubrern frommt, dem Händler wie dem Diebe,
Nicht seinem Tempel suchte ich die Stufen,
Ich tastete im Gegenteil nach Liebe.

EURYDIKE:
Mag sein, mein Name deutet ihm entgegen,
Mir selber blieb dies Rätsel stets verborgen,
 

 

178
 
Doch konntest du mich also tief bewegen,
Gelingts dir auch, das übrige zu sorgen.

ORPHEUS:
Wenn ich, wie du verrätst, dein Herz gewonnen,
So will ichs hüten, bis mich Hermes führte
Zum Hades, und die letzte aller Sonnen
Mir sank wie alles, was mir sonst gebührte.

EURYDIKE:
So spricht der Mann, dem ich im Kern verfallen,
Wer also minnt, soll hegen auch die Hülle,
Ich hab entsagt den Baumesrechten allen
Und harr des Winks, der mich mit Weisung fülle.

ORPHEUS: Ich bin der Sohn des Königs, dich behüte
Dein neues Haus auf einem linden Hügel,
Ein sanftes Fohlen wartet im Gestüte,
Denn hierzuland gebraucht man keine Flügel.
Auch sonst sind unsre Bräuche recht verschieden
Von denen Walds, wir trinken aus dem Becher,
Die pralle Sonne wird zumeist gemieden,
Für Luftbewegung sorgen Seidenfächer.
Geleucht kommt nicht von Pilzen oder Mooren,
Wir stellen Wachs auf Glas und auf Metalle,
Zurückgezogen wird geliebt, geboren,
Und was im Haus geschieht, erfahrn nicht alle.

EURYDIKE: Ich liebe deine helle, klare Stimme,
Die Strenge, alles rein und recht zu stellen,
Kein Heim, wo du regierst, wär mir das schlimme,
Erlaubt es nur, mich ganz dir zu gesellen.
 

 

179
 
ORPHEUS:
Es ist auch Brauch, daß man die Hochzeit halte,
Mit Ahnensegen tausche Zung und Ringe,
Sich müh, daß bald ein Erb im Hause walte
Und einst an unsrer Statt den Göttern singe.
Drum will ich dich den Eltern, allen beiden,
Gleich bringen, daß uns niemand noch begegne,
Solange sie noch Ungewißheit leiden
Und eh uns Vaters große Weisheit segne.

EURYDIKE:
Wohlan, die Sonne steht schon weit im Westen,
Und vor dem Dunst wolln wir den Horst besteigen,
Ich traue deinem Griff, dem ruhig festen,
So nimm mich hin, denn ich bin ganz dein eigen.
(Orpheus hängt die Leier um und nimmt Eurydike auf die Arme. Es wird dämmrig.)


Dritte Szene.
Orpheus, Eurydike, Hermes.

EURYDIKE: Dort ist wer, und er steht genau im Wege!
Er steht, als könnt ihn keine Macht vertreiben.
O weh, ich floh der allertreusten Pflege!
Wer, Orpheus, stellt sich wider das Beweiben?

HERMES: Die Vordergründe scheinen mir entbehrlich,
Denn mich erkennt man leicht an meinen Werken.

ORPHEUS: So ist es in der Tat, ich sage ehrlich,
Der Schritt war leicht und darum nicht zu merken.
 

 

180
 
HERMES: Ich bin es leid, gewaltig Lärm zu machen
Wie Zeus, der kommt mit Blitzen und Getöse,
Ich bringe euch kein Häschen, keinen Drachen,
Denn jenseits bin ich ganz von Gut und Böse.

ORPHEUS: So bist du Hermes, der uns unerbittlich
Mahnt an das nächste, das von fern beschlossen.
Wir warben um einander rein und sittlich -
Was hat die Götter wider uns verdrossen?

HERMES: Wir pönen nicht die Werbung und die Ehe,
Ich hab sie deinem Vater schon verkündigt,
Er segnet sie mit allem Wohl und Wehe,
Drum liebt ihr ganz gesetzlich und entsündigt.

ORPHEUS: Wozu die Eile und das Selbsterscheinen?
Wir wären ohnehin jetzt hingeschritten,
Sein Wunsch ist lang, ich möge mich vereinen,
Drum ist gewiß sein Beistand meinen Bitten.

HERMES: Nun, leider ists nicht möglich, daß die Kleine
Der Bräutigam führ selber nach dem Hofe,
Da ich an alles denk, wenn ich erscheine,
Steht auch am Waldrand schon die rechte Zofe.

ORPHEUS:
Was soll mich hindern, meine Braut zu tragen
Zum Vater und so über meine Schwelle?
Ich brauche keine Zofen oder Wagen
Denn wie der heitre bin ich auch der schnelle.
 

 

181
 
HERMES: Ich werde dies verhindern, denn beschlossen
Ist, daß du reisest jetzt und unverzüglich,
Schon säumig bist du, bei den Fahrtgenossen
Das Murren zeigt sich laut und wenig trüglich.

EURYDIKE: Weh Orpheus, hüte deine flinke Zunge,
Du weißt, die Götter lassen uns nicht spaßen,
Nicht nur dem Vater sei ein braver Junge,
Der Himmel mißt sich nicht mit unsern Maßen.

ORPHEUS: Wohin in aller Welt soll ich denn reisen?
Ich bin hier froh, und ich bin hier zuhause.
Du magst dem Dieb, dem Räuber Zuflucht weisen,
Daß ihm nicht länger vor Verfolgung grause.
Ich aber steh als Prinz im eignen Reiche
Man lehrte mich, es gehe an die Ehre,
Daß man nicht kampflos aus der Heimat weiche,
Wer immer dies befehle und begehre.

HERMES: Als ehrlos schilt der Narr die großen Dinge,
Die wandeln hinter seinem Horizonte,
Daß Zeus der Zug halb Griechenlands gelinge,
Bist du schon bald zu Schiff am Hellesponte.
Noch heute gehts nach Iolkos in Thessalien,
Dort ist der Sammelplatz der Argonauten,
Und nun verschon mich bitte mit Lappalien,
Bevor die Augen diese Helden schauten.
(Mit Orpheus ab.)

EURYDIKE: Noch eben hieß es Zofe und Geleite,
Nun ist der Bote fort und auch der Sänger,
Und dunkel wirds, ich hab nicht einmal Scheite
 

 

182
 
Zu leuchten, ob da nicht ein Bärenfänger.
Du nützt es nichts zu klagen und zu greinen,
Allein such ich den Weg zu diesem Throne,
Ein Weib zu sein, muß frisch verlobt mir scheinen,
Zu hadern nicht im Schmutze und im Hohne.
(Ab. Es wird dunkel und dann neuer Tag.)


Vierte Szene.
Eurydike, Kalliope.

KALLIOPE: Im Walde gehn ist dir gewiß Vergnügen,
Auch mir wars im Palast zuerst recht enge,
Der König doch – ein Strom, ich müßte lügen,
Sagt ich, die Werbung zog sich in die Länge.
Daß Orpheus, unser Sohn, ward abberufen,
Den Kummer trägt die Liebe nicht alleine,
Grau stehn die Säulen und im Saal die Stufen,
Und selbst die Vögel singen nicht im Haine.

EURYDIKE: Wenn man nur etwas näheres erführe,
Nach Kolchis heißt es, weit zu den Barbaren,
Und dennoch denk ich, knarrt es an der Türe,
Die aufgestoßne würd ihn offenbaren.
Er macht den Helden Mut, die großen Werke
Zu tun, die dieser Reise aufgetragen,
Ich glaube, er verfünffacht ihre Stärke,
Daß sie, was ganz unmöglich ausschaut, wagen.
Doch weh, wenn aber nun der Schein nicht trüge,
Und was sie wollen, wirklich nicht zu schaffen,
Die Götter trifft gewißlich keine Rüge,
Und nur auf uns die bösen Nachbarn gaffen.
 

 

183
 
KALLIOPE: Beim König gehen aus und ein die Boten,
Solch großes Schiff muß für Verpflegung rasten,
Aus allen Reichen, außerm Reich der Toten,
Pflegt Nachricht sich an uns heranzutasten.

EURYDIKE: Erzählt von ihm, eh er begann zu singen,
Vertraute er da Hören oder Schauen,
Ich denke oft, es müßte doch gelingen,
Ein ungetrübtes Bild zurechtzubauen.

KALLIOPE: Ich bin als Mutter nicht so unbefangen,
Wies menschlich wär, mit Griffel und mit Tafel
Bin ich die Sache härter angegangen
Und abhold allem törichten Geschwafel.
Da Zeus mit uns hat Hoffnungen und Pläne,
Verstand ich stets mich selbst als ein Gesandtes.
Doch wie Apollons Nachen brachten Schwäne,
Führt selbst den Zeus ein gänzlich Unbekanntes.
Drum soll der Muse nicht der Rang genügen,
Den ihr die Abkunft zuspricht vor dem Volke,
Sonst gehts vielleicht wie manchen Höhenflügen,
Daß irgendwann zerstoben ist die Wolke.

EURYDIKE: Grad weil du so genau und unbestechlich,
Ist dir die Wahrheit offener und nackter,
So sagst du nicht, was völlig nebensächlich,
Und schilderst mir den innersten Charakter.

KALLIOPE: Erhoffe nicht den Knaben, der gefahren,
Er kehrt nicht mit nur äußerlichen Narben,
Der Wind spielt nicht nur mit den offnen Haaren,
Unwandelbar sind einzig, welche starben.
 

 

184
 
Bedenk, er lebt mit kriegerischen Mannen,
Die nicht nur stark, auch roh und hartgesotten,
Im Käfergriff so weißt du von den Tannen,
Daß sie sich nicht grad jugendlich vergotten.
Auch fremde Sitten, Schlachten, Ungeheuer,
Von vielen Dingen schweigt am Hof der Sänger,
Er geht durchs Eis und durch das schwarze Feuer,
Laß ausmaln mich das ganze nicht noch länger.

EURYDIKE:
Du sprachst von Härte, doch ich unterschätzte
Das Ausmaß, und ich will nicht weiter drängen,
Ich bete, daß das Sternbild, daß ihn hetzte,
Mich tröste, daß nicht klamm die Flügel hängen.


Fünfte Szene.
Eurydike, Kalliope, Aristaios.

ARISTAIOS: Ich such den Hof und keine wilden Tiere,
Drum bin ich wohl vom Pfade abgekommen,
Entschuldigt, daß ich mich nicht lange ziere,
Zu fragen wie der rechte sei genommen.

KALLIOPE: Ich bin die Königin in diesem Reiche,
Drum pön ich deine falsche Diagnose,
Der wilde Jäger sieht allein das Gleiche,
Doch diesmal ziemt sich eine andre Pose.

ARISTAIOS (verbeugt sich devot):
Wie ungeschickt mein Wort vom tiefen Tanne,
Ich bin erschöpft von Bergen und von Schluchten,
 

 

185
 
Gewöhnlich steh ich in ganz anderm Banne
Bei Wechselwinden oder schmalen Buchten.

KALLIOPE: Du reist umher, ist Handel deine Sache?
Hast Botschaft du von fernen Meern und Küsten?
Ich bins gewohnt, daß ich nicht Umweg mache,
Weil wir sehr gern so manche Neuheit wüßten.

ARISTAIOS: Apoll verwandt viel Mühe, mich zu bilden,
Die Nymphen lehrten, goldne Kunst der Bienen
Zu führen aus der Jägerei im Wilden
In Wohnungen, die unsrer Ernte dienen.
Die Körbe sind als Stülper oder Beuten
Gemacht, uns Wachs und Honig zu bescheren,
Den Göttertrank vermach ich allen Leuten,
Erlaub ich mir, den Landstrich zu beehren.
Auch lernte ich, die Milch vor dem Verderben
Nicht nur zu schützen, sondern noch zu steigern,
Die Speis davon mag für sich selber werben,
Doch werd ich mich dem Lobspruch nicht verweigern.
Jedoch das größte Wunder meiner Gaben
Für Augen, die sich noch begeistern wollen,
Der Ölbaum ists, und allen die ihn haben,
Sehn keinen gleichauf mit dem segensvollen.
Nicht nur, daß er mit reicher Frucht uns sättigt,
Er salbt den König und er nährt die Leuchte,
Kein Darben, das sein Überfluß nicht fettigt,
Er wirkt, daß man ansonsten gar nichts bräuchte.
Er mag die trocknen Winde unsrer Heiden,
Sein Holz ist hart und eignet sich für Äxte,
Fast ewig lebt er, rundum zu beneiden,
Er heilt den Sinn, drum wähle ihn der sechste.
 

 

186
 
KALLIOPE:
Gemeinhin folgt auf großes Licht ein Schatten
Gleichauf, drum sei uns bitte nicht verschwiegen,
In eurer Red, der allzu seidig glatten,
Ein Haken wird gewiß im Köder liegen.

ARISTAIOS:
Den Schatten wirft die Sonne uns gewöhnlich,
Doch unterbleibts, erstrahlt sie im Zenite,
Ist eure Skepsis sonst auch unversöhnlich,
Hier fehlt der Reim, der Löbliches bestritte.
Gleichwohl sind meine Gaben ein geringes,
Strahlt eurer Tochter Anmut mir dagegen,
Mir scheint, den Sphären unsers Weltenringes
Ist diese Maid der allerhöchste Segen.

KALLIOPE:
Recht artig singst der Jugend du zum Preise,
Doch ist die Holde meinem Sohn versprochen,
Er salbt die Sphären ganz auf seine Weise,
Drum meidet, was euch so ins Aug gestochen.
Zwar tut er derzeit fern die Heldentaten,
Doch kehrt er heim, gleicht seiner Würde keine,
Die je dem Land der Thraker ist entraten,
Drum rühr nicht an das Liebliche und Reine.

ARISTAIOS:
Was sagt die Liebe selbst zu diesem Warnen?
Wie gern hört ich die Stimme einmal klingen.
Arachne knüpft ihr Netz so gern an Farnen,
Der Mücke taugts, wenn grün die Wedel schwingen.
 

 

187
 
EURYDIKE:
Mein Held trägt nicht den Segen im Gepäcke,
Sein Sang macht Tiere zahm und Felsen weinen,
Nichts sonst vermags, daß mich das Laubicht wecke,
Erfahrend, daß die Träume ganz die meinen.

ARISTAIOS:
Die Lieblichkeit der Stimme und der Worte,
Vergißt, wen duftend zarte Öle salben,
Und was dir schien zu höchstem Glück die Pforte,
Erkennst du rasch als Einfahrt nur zum halben.

KALLIOPE: Die Schattenseite also nicht verhohlen,
Der Ehebruch ist das Begehrn des Schenken,
Mach dich zum König auf mit raschen Sohlen
Und hüte dich, den Antrag fortzudenken.
(Aristaios ab.)

EURYDIKE: Die Dreistigkeit in allen seinen Knochen
Ließ sie vor unsern Augen beinah bersten.
Ich glaub, der Braten wird recht bald gerochen,
Die Weizenähren sind am Ende Gersten.

KALLIOPE: Hochstapelei ist lächelnd zu ertragen,
Doch dieser Knabe wird vielleicht gefährlich,
Wenn ihn die Götter nicht zu schmähen wagen,
Erscheint wers tut, am Ende wenig ehrlich.
Hoch ausgezeichnet meint er wohl, ihm fromme
Ein jedes, was ihm heißt das gute Wetter,
Ich bin mir sicher, daß er wiederkomme,
Drum achte, daß sein Mut dich nicht zerschmetter.
(Beide ab. Es wird dunkel und wieder hell.)
 

 

188
 
Sechste Szene.
Orpheus, Eurydike.

ORPHEUS (singt):
Was will die Heimat meinem Herz bescheren?
Mir reichen, daß ich blühe und gesunde?
Entbehren
Wird härter jeder Stunde!
Ich zog durch viele Länder, Küsten, Riffe,
Doch machte mich ihr Reiz nur immer tauber.
Begriffe
Doch einer diesen Zauber!
Die Lust, sie auf den Armen fortzutragen,
Ist holder als das Meer und selbst die Sonne,
Ihr Wagen
Veblaßt vor solcher Wonne!
Sie ist das Segel, jeden Wind zu fangen,
Sie ist das Land, das zu befahrn ich trunken,
Doch Bangen
Hör ich im Sumpfe unken.
Doch nein, der Neid des Himmels kann nicht wagen,
Die Mitte aller Holdheit zu entfernen!
Zu sagen
Habs ich vor allen Sternen.
In ihr wird uns das Leichte erst zum Leichten,
In ihr wird uns die Schwere erst zur Schwere,
Was immer die Unendlichen mir eichten,
Es gibt nur eine Göttin, die ich ehre.
Sie eint das Dunkel mit dem hellsten Lachen,
Sie eint das Einst Erinnerns dem erhofften,
Sie gab dem Hauch, draus sich die Welten machen,
Den Namen, daß die Strophen sich verstofften.
 

 

189
 
Sie wird mit einem Augenschlag vernichten
Den Gram, den Kummer und die Furcht am Morgen,
Sie nimmt die Müh von allen Sorgepflichten
Und zeigt mir, daß ich selig und geborgen.

EURYDIKE: Ich wußte, dieser Tag wird hell und klarer
Als alle die der langen Nacht entrannen,
Die Amsel sang vom Land der Meeresfahrer
Und flötete den Traum, den wir begannen.
Ich spüre tief, daß deine große Seele
Nicht trübten die Entfernung und der Schatten,
Ein frohes Lied erwacht in deiner Kehle,
Als träumten wir die Zeit auf Rasenmatten.
Es scheint mir gar, als wären all die Monde
Des Bangens nur ein Dunst, der kam vom Weiher,
Und Eros, der uns stets zu Häupten thronte,
Besorgte nur das Nötigste zu Feier.
Wie ausgelöscht ist alles, was uns trennte,
Tönt nur ein einzger Reim in meinem Ohre,
Dies sagt das All und alle Elemente,
Und am Olymp erstaunt man vor dem Chore.

ORPHEUS:
Nur du allein kannst mir den Schleier heben,
Der düster macht das Wägen und das Wagen,
Nur du verschaffst mir Eigenheit und Leben,
Nur du vermagst den Namen mir zu sagen.
Erst als du mir aus Laubgeraschel leiblich,
Fand Ort und Zeit ich auf der trüben Erde,
Allein durch dich ist mir die Welt beschreiblich,
Und tief verbürgt, daß sie die meine werde.
Wir wollen ewig preisen, daß sie lehrte
 

 

190
 
Uns Liebe, die von allem Traum die Mitte,
Was je beflügelt und im Fall beschwerte,
Es ist nach der Vereinigung die Bitte,
Denn alle Wesen suchen nach dem Tanze
Des Einsseins, der erweicht das Herz dem Neider,
Unwiderstehlich recht behält das Ganze,
Drum gilt das Lob dem Liebesglücke beider.

EURYDIKE: Ein tiefes Rätsel ists, daß alle Nöte
Nur einer bannt, der hehr vor allen Schwänen.
Verbirgt ihn noch der Jugend Morgenröte
So pocht das Herz den sanften Tau der Tränen.
Dann aber, wenn da Pan im Feld die Hirten
Erschreckt und um den Hirsch das Dickicht dunkel,
Die Zeichen in den Rinden sich entwirrten,
Und deutbar wird das nächtge Sterngefunkel.
Denn was geschieht, war vorbestimmt schon immer,
Dies wissend fällt die Binde von dem Haupte,
Und du erkennst auf jedem Blatt den Schimmer,
Der die Erfüllung schon im Anfang glaubte.
Allein die Torheit, Wolkendunst zu deuten,
Verhindert, stets zu wissen, wie begnadet
Das Aug ist, dem die Osterglocken läuten,
Daß Dulden und Verharren niemals schadet.

ORPHEUS:
Wenn einer fand, was ihn ergänzt und ründet,
Beweist dies das Gesetz, daß jedem Wesen
Bestimmt ist, daß die Sehnsucht endlich mündet
Und daß der Schmerz ein Weg ist, zu genesen.
Drum ist das Glück, das zweie überwältigt,
Ein Glück auch jedem, der es darf erschauen,
 

 

191
 
Es zeigt den Segen, der sich rings verfältigt
Im Ruf, den Schritt zur Wahrheit sich zu trauen.
Denn zu erkennen, daß das Glück gewoben
Vor aller Zeit, heißt einem Trotz entsagen,
Der sündig ganz allein, denn nur das Loben
Trägt uns den Himmel und den Sonnenwagen.

EURYDIKE: Im Laubicht raunt das grüne Ungefähre,
Es liebt, doch nicht in auserwählter Strenge,
Im Blute erst spricht die Moirenschere
Vom Unvermischten allerhöchster Ränge.
Wer sich erlaubt, nach solchem Glück zu haschen,
Weiß wohl, kein zweites könnt es je ersetzen,
Ihn kann kein Tau vom Nachtgelichter waschen,
Noch schützen, daß die Feuer ihn verletzen.
Wer also liebt im ungetrübten Sinne,
Trägt nicht nur Atlas sondern alle Himmel,
Er ist sich einer Weltensäule inne,
Die kreisen läßt das sonstige Gewimmel.
Das Ja zum Glück läßt Stern und Sonne stehen,
Spricht allem hohn, was läßlich sich bescheidet,
Setzt eigenhold ins Wachsen und Vergehen
Die Wiese, drauf Apoll die Lämmer weidet.
(Sie umarmen sich.)
 

 

192
 


ZWEITER AUFZUG
Düstere Grotte, mit Spinnweben verhangen. Schutt von zerschlagnen Skulpturen. In der Mitte ein altes Weib in ledrigem Gewand mit sehr langem, weißem Haar, auf ihr lastet ein mächtiger Gesteinsbrocken.

Erste Szene.
Orpheus.

ORPHEUS:
Kaum sprechen mag ich und nie wieder singen,
Der Ort der Nacht ist recht für mein Zerfließen,
Die Sonnenstrahlen grad wie Pfeile dringen
Ins Herz mir, um die Kammern zu zerschießen.
Wo Wälder rauschten, herrschen Eis und Wüste,
Die Quellen sind versiegt und taub die Gräser,
Der Aar, der einst den Heiteren begrüßte,
Wich dem Gequak, der Wind, der Flötenbläser
Bereift das ganz zerrißne Spinngewebe,
Und von den Bäumen brechen morsche Äste,
Ein Fluch ists, daß ich geh und steh und lebe,
Denn nur der Tod baut prächtige Paläste.
(Er setzt sich und starrt dumpf vor sich hin.)
Daß Aristaios ich im Zorn erschlüge,
Schüf keinen Trost, dem Vater brächt es Schande,
Ihn träfe keine Schuld, beharrt die Lüge,
Und hoch geschätzt ist er im ganzen Lande.
Wie konnte jenen, dem die Frauen jubeln,
Die meine, die ihm gänzlich abhold, reizen?
Konnt er, beliebt auf Festen und in Trubeln,
 

 

193
 
Nicht einer gönnen, wider ihn zu geizen?
Daß sie unachtsam trat auf eine Natter –
Wars nicht sein Werk, der sie mit Furcht geblendet?
Schloß er nicht um die Flüchtende das Gatter,
Der alles Weg, bleib sie nur ungeschändet?
Ach, Hermes, der mich einst den Argonauten
Hat zugeführt, nahm sie als Seelenleiter –
Seis, daß die Götter voller Neid erschauten,
Daß wir uns liebten tiefer, wahrer, weiter?
Es sei wies sei, es nutzt mir nichts zu grübeln.
Die Sonne sank, die Nacht flicht ihre Schemen.
Es traf mich schon das ärgste von den Übeln,
Drum leicht ists, was noch folge, anzunehmen.
Das Herz wird mir nicht leichter beim Gedanken,
Ich muß den Weg ins Totenreich ergründen,
Ich muß zerreißen die gesetzten Schranken
Des Pfuhls, darein die Hoffnungen uns münden.
Wer weist mir meinen Weg? Nur die Verfemten
Sind solchen Wissens an der Grenze munter,
Doch daß sie mich zu weisen sich bequemten,
Ist grad, als mach die Blum der Nachtfrost bunter.
Wer solches weiß, der schweigt und gähnt zuzeiten,
Kein Mittel gibts, daß ihm die Worte sprießen.
Doch wars nicht schon, daß mir beim Lungenweiten
Es schien, als ob vom Fels die Tränen fließen?
Ich wollte eben niemals wieder singen,
Und tät ichs doch, so wär es nichts als Klage,
Doch möglich scheints, daß dennoch Quellen springen,
Wo Tag und Dunkel stehn in goldner Waage.
Du hörst es nicht, Eurydike, mein Engel,
Musik ist nicht im dumpfen Reich der Schatten,
Ich sing die Natter und das Giftgeschlängel,
 

 

194
 
Den Sturz und deinen Seufzer, den schon matten,
Ich sing die große ungerechte Schande,
Die Dunkelstunde aller lichten Äther,
Ich singe unsre bös zerschnittnen Bande,
Die Inschrift, daß es geb dem Herz kein Später.
Ich singe wider alle lichten Träume,
Die Hoffnung, daß da nicht nur Narreteien,
Ich schmäh den Wald und alle Eibenbäume,
Und will die Götter der Verschwörung zeihen.
Ich singe, daß der Pakt sei aufgehoben,
Da Zeus, Poseidon sich mit Hades teilten
Die Welt, die sich als Unten stellt und Oben,
Und sorgten, daß die Schatten nachthin eilten.
Ich schlag die Leier und voll Blut die Finger,
Daß sich mir öffne nach dem Styx die Grotte,
Die dort geschworn, es herrsch des Traums Gelinger,
Will ich verklagen bei dem härtsten Gotte.
Ich singe, daß die Felsen sich erbarmen,
Die Erde aufreißt und mir reicht den Nabel,
Ich lasse allen Lichtes Wohlumarmen
Und trete in des Sperbers offnen Schnabel.


Zweite Szene.
Orpheus, Hydra

HYDRA: Wer schmäht so laut die Ewigen und Lichten,
Wer wagt in dieser Nacht voll Not und Grauen
Auf allen Beistand trotzig zu verzichten
Und sucht die Welt im Grunde umzubauen?
Wer rüttelt an den Ketten, die Titanen
Und Gaias frühe Früchte furchtbar fesseln?
 

 

195
 
Wer wagt, die mürbste Stunde anzumahnen,
Da Urschmerz schäumt aus allen Hexenkesseln?
Wer hebt die Welt mit Worten aus den Angeln?
Wem wars gewährt, Undenkbares zu singen,
Wer wirft ein Seil, sich durch das Nichts zu hangeln,
Und spottet selbst des Adlers weiten Schwingen?

ORPHEUS: Ich, Orpheus, bins, der alles hat verloren,
Drum auch die Furcht, die an Besitz gebunden,
Ich habe mich dem ärgsten Ruf verschworen
Nun sag – hab ich den Lauscher schon gefunden?

HYDRA: Ich träume, träume, und was ich begreife,
Ist also rasch, wie es mir kam, vergessen,
Die große Zeit erinnernd ich zerschleife,
Bis ich vergesse, was ich einst besessen.

ORPHEUS:
Versink mir nicht, denn nur auf diese Stunde
Hast du gehofft, erschien es auch vergeblich,
Ich rufe zum Gericht, die Zeus zum Bunde
Sich nahm und schwor, da es am Styxe neblich.

HYDRA: Nur eins der Häupter neun ist mir geblieben
Und dieses ist gefesselt alt geworden,
Seit Herakles mir mit Gewitterhieben
Und Fackeln kam, die Göttin zu ermorden.
Der Zeussohn zog die Blutspur durch die Winde
Damit sein Vater unvergleichlich stünde,
Er tilgte alles ältere Gesinde
Um selbst zu richten, was sei gut und Sünde.
So blieb ihm auch Argolis nicht verborgen,
 

 

196
 
Nach Lerna fuhr sein Neffe mit dem Wagen,
Entschlossen, für die Zukunft vorzusorgen,
Ließ er mein Haupt den Felsenbrocken tragen.
Daß Zeus ich haß, wird keinen überraschen,
Der meinen Stammbaum kennt und meine Schande.
Doch sag: wie willst du unsre Erde waschen
Und merzen ganz die ausgekochte Bande?

ORPHEUS:
Mein Herzblut sank von einem Schlangenbisse,
Und Hermes führt es in die kalten Fluren,
Daß ich ihm seine Beute noch entrisse,
Folg ich des Todes unsichtbaren Spuren.
Die Götter, die vor Hades Herrschaft älter,
Vermögen mich mit Weg und Wink zu leiten,
Falsch nenn ich einen abgeschiednen Kelter,
Darum sich Furcht und Redescheu verbreiten.

HYDRA: O weh, ich bin doch selber eine Schlange!
Wie soll ich einem Gattungsfeinde weisen?
Frag doch den Sperber, der im harschen Fange
Den Mut dir trag und dein empörtes Eisen.

ORPHEUS: Nicht pöne ich die Natter, die getreten
Unschuldig tat, was ihr gereicht zum Schutze,
Die Lichten, die das Aug der Maid verwehten,
Sie machten sich das arme Tier zunutze.
Von den Olympiern kam uns ein Verführer
Mit Honig, Käse und mit den Oliven,
Als Zündler und gemeiner Zwietracht-Schürer,
Mit dem die meisten Mädchen gerne schliefen,
Begehrte er mein Weib sich zum Genusse,
 

 

197
 
Auf daß sie, zu entrinnen seiner Kralle
Nichts mehr als floh und so zum bösen Schlusse
Reintappte in die aufgestellte Falle.
Nun such ich bloß den Eingang in die Schächte,
Um dieses grobe Unrecht zu verklagen,
Den Trost allein die Wiederkunft erbrächte
Der Gattin, die beflügelt all mein Wagen.

HYDRA: Nun gut, tränk deinen Taxusstab im Gifte,
Das meinem Schlund entquillt als grüner Geifer,
Dann buchstabiert er gleich dem Kohlenstifte
Den weitren Weg dem unbeherrschten Schweifer.
Doch meid mich dann, ich habe noch zu träumen,
Zwar hab ich Zeit, doch neige ich zu hasten,
Gar gräßlich wirds dann in der Höhle schäumen,
Daß schaudern selbst des Felsens spitze Quasten.
(Orpheus berührt die Hydra mit dem Stab, der zu leuchten beginnt. Die Gestalt verschwindet in der Versenkung. Nach kurzer Zeit hört man Wasser rauschen.)


Dritte Szene.
Orpheus, Charon.

ORPHEUS: Der Weg ist kinderleicht mit diesem Boten,
Er führt mich durch die Windungen und Klüfte,
Mal wird zur Klamm der Rauschepfad der Toten,
Dann wieder strömen Köhlereiendüfte.
Da tropft die Sole, bildet sich ein Zacken,
Dort wirbelt aus dem Loch ein Flügelschlagen,
Säß mir der Abschied nicht als Herr im Nacken,
Würd mancher Glimmer meinem Aug behagen.
 

 

198
 
Ich hab nicht Sinn für Blenden und Kristalle,
Die Stalaktiten sind nur Widerstände,
Grad wieder weitet sichs zur größern Halle,
Der Zorn beherrscht die Füße und die Hände.
Jetzt hör ichs rauschen, tief und unermeßlich,
Ein Strom, er schiebt sich machtvoll seine Straße,
Am Ufer steht ein Mann, der alt und häßlich,
Noch niemals fand ich dies in solchem Maße.
Gleichwohl, der Stab verlangt, ihn anzusprechen,
Drum will ich diesen Kelch nicht von mir weisen,
Wohl Mühe machts, das Schweigen hier zu brechen,
Das schwer wie Blei und festgefügt wie Eisen.
(singt):
Wo Tropfen Zeit und Stromes schweres Rauschen
Die Ewigkeit, das Unabänderliche,
Muß tauschen
Die Seiten, wer verbliche.
Der Fährmann steht mit hartem Schuh am Kahne,
Die Stake gibt er nie aus seinen Händen,
Ich ahne,
Dies würde manches wenden.
Den Pakt, der seine Schuldigkeit bestallte,
Hat er vergessen in dem langen Amte,
Der Alte
Weiß nicht, woher er stammte.
Er weiß auch nicht, wozu das Wissen fruchtet,
Da nichts den Auftrag jemals brems und änder,
Zerbuchtet
Sind seines Augs Geländer.
Daß jemand käm und riefe ihn beim Namen,
Der liegt in einem Schrein bei Wiegenwimmern,
Es kamen
 

 

199
 
Nur Schemen, die ihm schimmern.
Doch einmal wird ein Lied auch ihn erreichen,
Das ihn beseligt, daß er wie Verliebte
Entweichen
Das Korn läßt, das er siebte.

CHARON: Was ist das für ein seltsam süßes Singen?
Es läßt so viele Jahre mir verfließen.
Die Gabelweihe breitet ihre Schwingen,
Ich seh im Grün den blauen Krokus sprießen.
O weh, was hält das weiße Haupt zum Narren,
Als wärs ein Jüngling, der am Weiher flötet?
Was läßt mich wie ein Kalb ins Tote starren
Und ahnden, daß ich selbst schon lang getötet?
In Sturheit flöß ich tag und nacht und frage
Wohin woher nicht, und ich bins zufrieden,
Wird nicht zu laut die allgemeine Klage,
Die diesem Ort von jeher ist beschieden.

ORPHEUS: Aus Nacht bist du und Finsternis geboren,
Doch so geschiehts auch jeder Glockenblume,
Die feuchte Erde nimmt was abgeschoren,
Und gibts zurück, dem Licht zu höchstem Ruhme.
Wenn du so alt und grämlich bist beisammen,
So bringt dich bloß die Münze in die Lage,
Gehst du darin, woher die Gelder stammen,
Wirds seltsam dir, daß einer sich so plage.

CHARON: Aha, ich soll den ganzen Kram vergessen
Und steigen in die ungebremste Helle?
Ich fände dort ein kleines Haus und Essen?
Ich litt nicht mehr des Kerberos Gebelle?
 

 

200
 
ORPHEUS: Bring mich hinüber, daß ich dir verrate,
Was du erreichen kannst und was gewinnen,
Vor allem Tun Gewißheit steh als Pate,
Sonst reuts dich rasch, Verändrung auszusinnen.

CHARON: So zahle, denn wer meinen Teil verweigert,
Irrt heulend hier am Ufer alle Nächte,
Beeile dich, eh Mond die Fluten steigert,
Weil ich sonst noch an einen Aufschlag dächte.

ORPHEUS: Ich zahle, auf der Überfahrt zu schweigen,
Und du wirst immer Fährmann sein und Sklave,
Die Schatten werden anstehn und sich neigen,
Und nie geschiehts, daß du vermißt die Schafe.

CHARON:
Wohl besser so, denn in der Hand den Spatzen
Zieh ich der Taube vor, die auf dem Dache,
Das Lied vermag am rauhen Pelz zu kratzen,
Doch Aufruhr ist nicht meines Alters Sache.
(Orpheus zahlt und wird übergesetzt.)


Vierte Szene.
Orpheus, Zypressen.

ORPHEUS: Zypressen seh ich, einzeln und in Reihen,
Im Gegenlicht erscheinen sie viel schwärzer,
Wo es doch heißt, die immergrünen seien
Langlebig und der Traurigkeiten Merzer.
Sie wachsen kaum noch merklich, wenn die Jugend
Verflossen ist und schließen dicht die Schuppen,
 

 

201
 
Daß sie uns stehn wie Fraun in harter Tugend
Und eine Galerie von Falterpuppen.
Sie werden mir nicht sprechen, doch glaube
Sie hören, was ich ihrem Flüstern singe,
Zwar weist mich ab die fest geschloßne Haube,
Doch möglich, daß ein Zeichen ich entringe.
(singt):
Ich wandle an der abgewandten Seite,
Die man vom Monde wird wohl nie erschauen,
Ich breite
Die Arme voll Vertrauen.
Gar züchtig scheint ihr Jungfraun, euer Orden
Die Lilie führt im Wappen und die Taube,
Geworden
Seid ihrs aus Furcht vorm Raube.
Auch meine Liebe aus der Eibenkrone
War rein und lind und haßte Hatz und Nessel,
Zum Lohne
Stach tief ein Wurm die Fessel.
Sie fiel und muß allein im kargen Schatten
So fern von meinem Honighort verkümmern,
Die Satten
Sind freundlich meist den Dümmern.
Doch ihr, die durstig ihr nach einem Grane
Beachtung, grüßt, daß mein sich wer erbarme,
Ich ahne
Die Zartheit eurer Arme.
Zwar werd ich euch nicht nahn und wohl es achten,
Daß ihr das Kleid euch rafft zu fester Schürze,
Ihr Sachten,
Gebt meinem Pfad die Kürze!
Ich will zum Herrn der sonnenlosen Heide
 

 

202
 
Und seiner Frau, die mitfühlt mit Entführten,
Daß beide,
Den Schmerz des Sängers spürten.
Gedieh mir das Geschenk Apolls zum Ruhme,
So will ich auch das härtste Herz bewegen,
Die Blume
Mir wieder heim zu legen.

ZYPRESSE: Im Kargen, aber ohne Sturm und Fröste
Beschweigen wir den abgeschiednen Garten,
Wer müd geworden, daß ihn Helios röste,
Der lernt bei uns das Dulden und das Warten.
Wir warten nicht, weil unsre Herzen hoffen,
Daß das Gesetz, das uns bezwingt, veraltet,
Wir sind nur für das Unbestimmte offen,
Das über aller Herrschaft steht und waltet.
Wir neiden nicht der Jugend Adlerschwingen,
Selbst wo sie fehlt, ist Fürsprech unsre Sache,
Wir hören dich so gern im Garten singen
Und wünschen, daß Eurydike erwache.

ORPHEUS (singt):
Ich ließ die Braut, zu jagen nach dem Vliese
Des Zeus im fern gelegnen Kolcherlande,
Nun kiese
Ich dafür Schimpf und Schande.
Ich fühle mich vom Himmel überlistet,
Der eine Blume köpfte vor der Blüte,
Es nistet
Mir Aufruhr im Gemüte.
Mein Lied ward Groll und meine Stimme bitter,
Ich sing den Göttern nur von meinen Schmerzen
 

 

203
 
Ein Splitter
Mir eitert überm Herzen.
Und was da singt, soll folgen mir im Chore
Und klagen wie mit meinem wunden Munde,
Im Ohre
Der Götter welk die Stunde.
Denn ihnen ist die Herrschaft überlassen
Den Äon lang doch nicht für alle Welten,
Sie prassen,
Als könnt sie niemand schelten.
Dies aber wird einst Klagelied und Reue
Für Donner, Dreizack oder Hadeskappe,
Im Heue
Verbrannt schon mancher Rappe.
Drum ists, wenn meiner Klage sie Erhörer,
Nicht gänzlich frei von einem Eigennutze,
Empörer
Beschwichtigt man zum Schutze.
Wird aber kein Erfolg dem Sängergrollen,
Als Knecht er euch nicht länger weiterliefe!
Soll rollen
Mein Haupt doch in die Tiefe!
Euch aber ruf zu Bürgen ich und Zeugen,
Wie ich die Schwestern rief im Sonnenhellen,
Denn beugen
Kann niemand mich, nur fällen!

ZYPRESSE: Im Abseits aller Welt, wo das Vergessen
Sich breitet in den Schatten, die flanieren,
Bewahrt allein das Hartholz der Zypressen
Und duldet nicht, daß alle bloß verlieren.
Man hält uns für Dekor und blasse Tröster,
 

 

204
 
Jedoch wir bergen mitten im Verdampfen,
Wir sparen, wo der Tauverschwender größter,
Sich rühmt, daß seine Rosse nächtens stampfen.
Wir werden dich zum Herrn der Weide bringen,
Der glücklich uns den Dichterfürsten mache,
Wir hören dich so gern im Garten singen
Und glauben, daß Eurydike erwache.


Fünfte Szene.
Orpheus, Hades, Persephone, Hermes

HERMES:
Da kommt er her, ich hab euch schon berichtet,
Doch gibts inzwischen weitres nachzuzusagen,
Er fühlt sich keinen Göttern mehr verpflichtet,
Gefällt sich in entsetzlichem Betragen.
Erst hat er unterm Stein die Wasserschlange,
Die dämmerte und nur zuzeiten stöhnte,
So eingelullt mit seinen Leiersange,
Daß sie ihm seinen Taxusstab verschönte.
Mit diesem Weiser hielt ihn keine Klippe,
Dem Acheron mit forschem Schritt zu nahen,
Dort hat riskiert er so die große Lippe,
Daß in Alarm, die diesen Hetzer sahen.
Der Fährmann drohte alles aufzugeben,
Hätt ich ihn nicht beschwichtigt mit Obolen,
Selbst was die Spinnen uns an Netzen weben,
Will dieser Räuber aus dem Reiche holen.
Und schließlich hat gehetzt er die Zypressen,
Sie mögen diesen Thron mit Macht zerschlagen,
Soll Kerberos den Unverschämten fressen,
Ich glaub, es gibt zur Sach nichts mehr zu sagen.
 

 

205
 
PERSEPHONE:
Laß uns den so Beklagten erst vernehmen,
Zum Urteil hats gewißlich keine Eile,
Er scheint mir seltsam frisch vor all den Schemen
Und lief doch ohne Rast so manche Meile.

ORPHEUS:
Ich grüß den Herrn der Nachtwelt und die Schöne
An seiner Seite, deren Weisheit preisen
Die Wurzeln wie die Wipfel, und die Söhne
Des Himmels weihn ihr ihres Schwertes Eisen.

HADES: Der Brauch will, daß ein Sterblicher gestorben
Erst trete her und Hermes ihn geleite,
Drum frage ich, was uns den Gast geworben.
Kommst du im Frieden oder her im Streite?

ORPHEUS: Wo ich geboren bin und aufgewachsen,
Ists Brauch, daß Klagen man dem König bringe,
Wenn Richter trifft Verdacht des allzu Laxen,
Und Hochgebornen drohen Beil und Schlinge.
Weil das beklagte Unrecht so geschritten,
Daß einzig Hades kann es revidieren,
Hab ich die Vorinstanzen abgeschnitten,
Um Zeit nicht bei Vasallen zu verlieren.

HADES: So klag zuerst, wir prüfen dann die Klagen
Die wider dein Gebaren sind erhoben,
Wir wollen nicht die Einzelheiten fragen,
Weshalb wir einen runden Vortrag loben.
Sag uns, woher du kommst und welche Zeugen
Die Widerrede der Verleumder bannen,
 

 

206
 
Wir wollen uns allein der Weisheit beugen,
Denn nur die Torheit schilt uns als Tyrannen.

ORPHEUS:
Ich komm aus Thrakien und des Flußgott-Fürsten,
Bin zweiter Sohn ich und des Thrones Erbe,
Die Haine der Rhodopenberge dürsten
Nach meinem Lied, in dem ich steh und sterbe.
Wer Demeter zur Mutter hat, wird kennen
Kalliope, die den Adonis-Hader
Geschlichtet, und sie meine Mutter nennen,
Darf ich und spürs in jeder roten Ader.
Ihr Griffel steht für herbe Elegien,
Drum ward auch mein Gesang nicht der des Hahnes,
Ich spüre eine Macht zu Prophetien,
Was kommen wird und was sich neigt, ich ahn es.
Im Haine stieg Eurydike vom Baume,
Sie spürte, daß sie mein Gesang erfülle,
Ich kannte sie aus meinem frühsten Traume,
Sie ließ für mich des Hages Laubicht-Hülle.
In dieses Glück bracht Hermes unverzüglich,
Mich in den Krieg um Kolchis fortzutragen,
Der Anspruch und der Feldherr schienen trüglich,
Doch fronte ich und wagte keine Klagen.
Die Jahre rannen, doch mein Herzblut wachte
Auf Leierklang, der spricht mein Wiederkehren,
Als es geschah, der ganze Hofstaat brachte
Dem Paare Gruß und allerhöchste Ehren.
Doch als nun Frieden lockte mit Gedeihen,
Den König hoffen ließ auf seinen Enkel,
Kam Aristaios, die Moral von Haien
Im Sack und suchte Kurzweil und Geplänkel.
 

 

207
 
Eurydike, zu schwach, um sich zu wehren
Sah Heil im Fliehn, der Tritt nach dem Reptile
Gab der Moira Grund, das Garn zu scheren,
Doch war es eine Falle, daß sie fiele.
Denn daß der Schutz der Ehrbarkeit sich mische
Mit solcher Fahr spricht wider alle Sitte,
Noch eben saß sie heiter an dem Tische,
Kabalenhaft die Flucht aus unsrer Mitte.
Drum bitt ich das Gebieterpaar der Schatten
Des Freispruchs für die Oread zu walten,
Eurydike zu einen mit dem Gatten,
Den Königsstamm der Thraker zu erhalten.

HADES:
Das Schicksal rührt mich sehr, obgleich die Würde
Des Totengottes niemand neid um Kunde
Von Härte, Leid, Verzweiflung, Furcht und Bürde,
Hier klagt das Sieche laut wie das Gesunde.
Als Frevler klag ich an den geilen Gecken,
Und Nemesis wird die Beschmutzung sühnen,
Auch jenen, die solch dreiste Schlingen strecken,
Droh einst das gleiche Los im tückisch Grünen.
Allein Geschehnes ungeschehn zu machen,
Hab ich kein Recht, denn sieh, würd ich gestatten
Eurydike in deinem Arm zu lachen,
So trägt die Erd gar viel betrogne Gatten.
Und kämen alle her, um zu verlangen,
Daß ich das Unrecht beßre und entschulde,
Ich müßte für die Treppenstufen bangen,
Und niemand weiß, wie lang ich dies erdulde.
Auch könnten dann die Toten, was vergessen
Zurück sich holn, denn alle Weltgeschichte
 

 

208
 
Bewahren, und ich weiß dies wohl, Zypressen
In ihres Holzes ungeheurer Dichte.
Nicht nur, daß praktisch keiner es bewältigt,
Rückwirkend allem Unheil zu entgehen,
Denn wie sich zwar der Frevel vervielfältigt,
Auf seinem Grund auch neue Rechte stehen.
So bringt der Eingriff in die Weltgesetze
Nur Wirrnis und macht so das Recht nicht besser,
Ein Gott zu sein, bedeutet: nicht verletze,
Denn tiefer schneidet deiner Willkür Messer.
Ich weiß, daß diese allgemeinen Fragen
Den Bittenden nicht trösten, ihm nicht nützen.
Doch glaube mir, wir alle müssen tragen
Und was wir tragen vor uns selber schützen.

ORPHEUS: Ich danke für den Blick in eure Seele,
Mir war nicht klar, was ich euch zugemutet,
Doch ihr erlaubt, daß ich euch nicht verhehle,
Wie sehr es mir in meinem Herzen blutet.
Wenn ihr gestattet, mög dem hohen Paare
Die Sangeskunst nicht vorenthalten werden,
Seit ich mit Liedern durch die Wälder fahre,
Verlangen dies die Hirten wie die Herden.
(Hades nickt, Orpheus singt):
Ein Baum steht tausend Jahr im Frohgemuten,
Er widersteht den Vögeln, Pilzen, Käfern,
Zu bluten
Bringt rasch den Geist zu Schläfern.
Eurydike war so von höchsten Gnaden
Und lachte grün mit jedem Frühlingstriebe,
Zum Schaden
Warn Opfer ihr und Liebe.
 

 

209
 
Wenn das Verhängnis ist die Menschenbürde,
So hab ich sie mit meinem Lied erschlagen,
Sie würde
Noch lange Blüten tragen.
Ich habe ihr die Liebeslust versprochen,
Und sie verfiel mir, meinen Wunsch erhörend,
Gebrochen
Hab ich den Eid schon schwörend.
Drum denk ich, ist mit dieser Schand erläutert,
Das Mensch als großes Unrecht unterm Himmel,
Er meutert
Wie Zunder oder Schimmel.
So will ich nun als Schatten gehn und büßen
Den kleinsten Teil von meinem großen Frevel,
Vom Süßen
Mich kehrn zu Pech und Schwefel.
Und dringt von mir die Kunde je nach oben,
So laute die, man tilg die Gottesgaben,
Das Loben
Soll man ganz tief vergraben.
Der Reim von dieser traurigen Geschichte
Sagt, daß die Kunst uns einzig führt zum Tode.
Vernichte
Die Elegie, die Ode!

HADES: Unsagbar schön, ich möchte gehn und weinen.
Warum ist alle Traurigkeit so traulich?
Warum will uns der Schmerz das schönste scheinen?
Sag Herz, wie zeigt sich diese Einsicht fraulich!

PERSEPHONE:
Der Widerspruch dem Apfel macht die Kerne,
 

 

210
 
Er schneidet sich durch jeglichen Gedanken,
Wir meinen, daß die Treu ihn halt uns ferne,
Doch nichts macht frei vor den geheimen Schranken.
Im Haupte stehn als Feinde Recht und Treue,
Das Herz will, daß die Lyra nicht verklänge,
Und wenn ich auch das Gift der Lüge scheue,
Es scheint, als ob es mir die Wahrheit sänge.
Zu stolz war Aristaios, um zu haschen
Die Fliehende: Gelegenheit gibts weitre!
Nur Orpheus sah das Antlitz falb veraschen,
Und wer die Schlinge legte, daß sie scheitre,
War wohl kein Mensch, es wissen nur die Götter
Vom Paare abgesehn von diesem Tode,
Wie wir entscheiden, hört gewiß kein Spötter
Drum fürchte nicht die Revisionslust-Mode.
Im Einzelfalle das Gesetz zu brechen,
Erscheint mir milder als das Musenende,
Man hüte sich, unmöglich auszusprechen,
Wenn man sich selber bindet seine Hände.

HADES: Dem Manne ists beschieden, daß er liebe,
Die List des Weibs schafft ihm ein dumpfes Grauen,
Doch ist es eigentümlich seinem Triebe,
Auf dieses Graun sein stolzes Haus zu bauen.
Ich will mich der Natur nicht widersetzen,
Auch wenn ich weiß, ich werd es bitter büßen,
Drum werd ich heute das Gesetz verletzen
Im Rausch am Holden und am Bittersüßen.
Eurydike sei frei, mit Hermes trabe
Sie nach der Sonne hinter deinem Schritte,
Doch höre, was ich dich zu warnen habe,
Denn ich gewähre keine weitre Bitte:
 

 

211
 
Sieh nie dich um, wenn du die vielen Stufen
Hinaufgehst, eh die Amsel mailich flötet,
Wagst dus, die Unsichtbare anzurufen,
So hast du sie für immer dir getötet.
Ich schließe die Verhandlung und ich gehe.
Ich will nicht hören, was da sonst verbrochen.
Der Tag mit seiner Nacht davor verwehe!
Nun gehet hin! Der König hat gesprochen.
(Alle ab.)


Sechste Szene.
Orpheus, im Abstand Eurydike und Hermes mit Fackel.

ORPHEUS:
Der Fährmann sprach kein Wort und auch die Blenden
Sind wie erloschen in der aschnen Fahle.
Mag denn der Weg nach oben niemals enden!
Wie leert man eine randgefüllte Schale?
So düster ist, mich frösteln, das Umarmen
Ersehn ich so und muß doch laufen, laufen.
Ob ich einst ankomm, heiter, froh im Warmen?
Vielleicht will man mich auch für dumm verkaufen?
Wenn ich doch schauen dürft die holde Leichte!
Wies Eichhorn klettert auf dem Kiefernaste,
Ich meinen Hain, der frühlingsfroh, erreichte!
Doch Blei im Blut heißt immerfort mir: Raste!
Ganz ohne Mut kann niemands Werk gelingen,
Und sei es nur der Lauf von einer Meile.
Ich darf ihr nicht von meiner Freude singen,
Dies diente ganz gewißlich nicht dem Heile.
Wärn wenigstens vernehmbar ihre Tritte,
 

 

212
 
Ich bin geschaffen nicht für tote Ohren.
Ich bin allein, dies sagen meine Schritte,
Unglücklich und wohl besser nie geboren!
(schweigt und lauscht):
Wenn ich mir just Gewißheit hier verschaffte,
Würds in der Fahle Argos nicht bemerken,
Die Lähmung ich nicht länger noch verkrafte,
Ein Fünkchen Lug tut wohl den guten Werken.
Dort an der Windung muß ich halb mich drehen,
Ein bißchen mehr, das tut sich von alleine,
Ich werde nur die Haare flattern sehen,
Dann wird mir wohl hinauf zum Sonnenscheine.
Es ist verboten, spricht in mir der Meister,
Doch weiß die Not, ich breche bald zusammen.
Der wunde Knöchel wird mir immer feister!
Mir wird die Haut knapp zwischen all den Schrammen!
Kann Not sich steigern, wo doch unerträglich
Sie gab der Tag im Falle und Verflattern?
Doch wem das Leid unsingbar und unsäglich,
Der folge nicht dem Rächerbiß der Nattern!
Ob das Gebot mich hindern soll zu wissen,
Daß seine Gnad nur eine leere Geste?
Daß jene, die die Schlange hat gebissen
Ein Schatten bleibt, indes der Leib verweste?
Halt ich mich ans Gebot, weil ich vermute,
Ein leerer Raum würd mich zu Tode stürzen?
Wärs dann nicht klug, wenn es mich jetzt geruhte,
Mein Leiden bis zum Ende abzukürzen?
Ich schwanke hin und her nicht nur im Geiste.
Vielleicht ein bißchen weiter an der Ecke?
Ein Glück ists stets, wenn offenbar das meiste!
Dann flieg ich oder bleibe auf der Strecke.
 

 

213
 
Der Mensch denkt immer an die Konsequenzen,
Doch macht ihm dies nichts leichter zu entscheiden,
Er weiß die Seite nicht, da seine Grenzen,
Drum wählt er oft das ungewisse Leiden.
Ob es geringer, wenn er alles wüßte?
Die Götter sah ich nicht als leichte Herzen,
Den Sterblichen zersprengte es die Brüste,
Wär tiefre Einsicht in den losen Scherzen.
Nur Hermes, der durch jedes Reich sich windet,
Scheint mir so kalt, daß ich ihn hab zum Feinde,
Doch wer die Seelen bloß im Auftrag schindet,
Wird mild beurteilt in der Leid-Gemeinde.
Daß ihn der König auf den Hals mir hetzte,
War recht infam, doch war die Widerrede
Mir nicht gestattet, und das so Gesetzte
Beendet mir das Licht mit aller Fehde.
Ach käm es doch, wär da ein Spalt im Schiefer!
Zu blinzeln ist das schönste aller Spiele,
Es scheint mir fast, als käm ich immer tiefer,
Und eingebildet wären alle Ziele.
(Pause.)
Ich bin erschöpft, ich muß mich irgend stärken.
Wie Tantalos ein Gran entfernt vom Heile,
Kann mich gewiß selbst Hermes nicht bemerken,
Wenn ich erhasch von Bild nur eine Zeile.
Daß ich ihn trüg, muß keineswegs beschämen,
Er trog mich oft und ist der Gott der Diebe,
Darf uns ein Blick, ein winzig kleiner, grämen,
Der uns verheißt die Göttlichkeit der Liebe?
Darf man die Liebe zum Gedulden zwingen?
Und war nicht mein Gedulden einst im Kriege
Allein der Weg, das Unheil herzubringen,
 

 

214
 
Die Zeit, das Aristaios mich besiege?
Ich will mich kehrn mit einem raschen Rucke,
Wenn ich dem Tropfstein auszuweichen habe,
Und wenn ich Mut und Lebenskräfte schlucke,
So flieg ich wie ein Adler aus dem Grabe.
(Pause.)
Noch zweifel ich, noch bin ich unentschieden.
Als ob genug an Rat mich nicht zerriebe!
Ins offne Feuer stürzen die Sphingiden,
Was ihnen Licht, dem Sänger ists die Liebe.
Und ich bemerk, ich wandere im Kreise . . .
Ja sicher, diese umgestürzte Urne!
Und hier! ich sah schon einmal diese Schneise
Und diesen Grat, auf dem schwindelnd turne.
Ja zweifelsfrei, ich bin im Labyrinthe
Dem eignen Weiser auf den Leim gegangen.
Nun sage mir: Setzt wieder wer die Finte?
Es könnte sein, ich habe mich verfangen.
Der Eibenreiser brennt, als sei am Ziele
Ich fast und doch sind nirgends Tau und Winde.
Die Hydra wohl umkreis ich, doch dem Kiele
Fehlt Kraft zu bannen eine letzte Binde.
In diese Tiefe kam ich selbst von draußen,
Unmagisch, nur vertrauend dem Verstande,
Säß mir im Nacken nicht das kalte Grausen,
Ich wär schon längst in meinem Heimatlande.
O Götter, gebt ein bißchen Mut dem Gatten,
Ein Härchen bloß, ein Fädchen von dem Kleide!
Würf diese Trübnis einen Mondesschatten,
Er reichte, mich zu lösen von dem Leide.
Ich muß sie sehn, und das Gebot erloschen
Muß sein, wo ich den Hain schon dunkel rieche,
 

 

215
 
Man hat die Seele lang genug gedroschen,
Nun festigt mir das Kreuz, daß ich nicht krieche.
(Er sieht sich um.)

HERMES (faßt Eurydike hart an):
Ich wußt es gleich, jedoch die Weiberknechte
Wahrhaben nicht, daß Dumme bloß zu Dümmern.
Die Leier! Des Erfinders eigne Rechte
Den Dilettanten meistens wenig kümmern.
Doch fahre hin! Du wirst dich selber richten!
Nun labre nicht aufs neue von Verschwörern!
Ich mach es kurz, ich habe größre Pflichten.
Du bist jetzt wieder ganz bei deinen Hörern.
(Lacht und geht mit Eurydike ab.)

ORPHEUS (stürzt Hermes nach, eine Wand stürzt
krachend dazwischen, an die er ohnmächtig schlägt)
:
Verfluchter Hund, du Dieb und Überlister,
Du Fallensteller auf geweihten Wegen,
Im Götterstaat fürs Ärgste der Minister,
Sind Stymphaliden Störche mir dagegen.
Noch einer wird nach mir zum Hades kommen,
Dann ists an dir zu betteln und zu zittern,
Wenn Groll erfaßt die Dulder und die Frommen,
Darbst du allein im Donnern und Gewittern.
(Die Kräfte verlassen ihn und er schluchzt immer leiser.
Die Grotte öffnet sich langsam und ein Sonnenstrahl fällt
auf ein frisch gehäuftes Grab mit vielen Blumen.)

 

 

216
 


DRITTER AUFZUG
Brunnen vor dem Palast des Königs. Reger Schöpfbetrieb. Die Leute kommen und gehen. Nahebei ein Zypressenwäldchen.

Erste Szene.
Orpheus, Oiagros.

OIAGROS:
Mein Sohn, dein Gram wird Ärger unserm Reiche,
Du weißt, mein erster ward im Zorn erschlagen,
Ich mahne dich: Nun stell die rechte Weiche,
Daß unser Haus sei froh in manchen Tagen.
Die Gattin hat den Erben nicht geboren,
Drum wird es Zeit sich wieder zu vermählen,
Die Frauen haben Augen, nicht nur Ohren,
Drum sollst mir von den Reizen nichts erzählen.
Ein alter Mann, der weiblos, ohne Kinder,
Taugt nicht nur nicht zum König, ganz erbärmlich
Verhöhnt er das Geschlecht und seine Lenden,
Das Haus nennt einzig ein Olympier ärmlich,
Drum laß uns rasch das böse Schicksal wenden.

ORPHEUS: Sie wartet mein im Hades, also sollte
Das Licht auf diesem Leibe rasch versiechen,
Wenn je ein Gott das Glück des Hauses wollte,
Müßt ich nicht wie ein Hund zum Brunnen kriechen.

OIAGROS: Die Götter sind nicht faßlich mit dem Maße
Des Menschen, der sich stellt in andre Ringe,
Mal leuchten sie auf deine frische Straße,
 

 

217
 
Dann wieder spürst du nur die dunkle Schwinge.
Was sie uns wollen, such nicht auszumachen,
Es bleibe dir verborgen, ward entschieden,
Doch steht am Ende allen Grams das Lachen,
Und dem Gemetzel folgt der goldne Frieden.
Dir stehts nicht an, der Besserung zu harren
Als Tatenloser, der sich selbst betrachtet,
An Unverdientes glauben bloß die Narren,
Drum sag dem Volke: Schaut, was ihr vollbrachtet!
Vom Prinzen wird verlangt, daß er sich binde,
Die Totentreu ist eine blöde Grille,
Die Trauerzeit ist um, daß man sich schinde,
War niemals Götter- oder Schicksalswille.

ORPHEUS: Vor Hades sagt ich aus und stand gerade,
Der Baum hat tausend Jahre um zu blühen,
Ich freite eine junge Oreade
Und brachte sie zum Tod, zum schmählich frühen.
Das mindeste, was ich ihr dafür schulde,
Ist unvermählt zu bleiben, bis ich sterbe,
Drum hoffe nicht, daß ich Verändrung dulde,
Halt anderorten Schau, daß dir ein Erbe.

OIAGROS: Ich wollt es allzu deutlich nicht bekennen,
Doch deinen Starrsinn endlich aufzuweichen,
Will ich dir jetzt den wahren Grund benennen,
Daß ich nicht zähle zu den Kinderreichen.
Als du geboren, kam ein böses Fieber,
Ein Schnitt nur hat die Kreißende gerettet,
Du wurdst ihr letzter, also hör, mein Lieber,
Ich ward an meine Söhne so gekettet.
Der eine starb, der andre will nicht zeugen,
 

 

218
 
Soll ich die Mutter also drum verlassen?
Ists besser, einer Zweitfrau sich zu beugen,
Weil alt und jung so gut zusammenpassen?
Plädierst du für die dritte Variante,
Das Haus stirbt aus, es wird sich einer finden,
Vielleicht gibts gar auf Inseln noch Verwandte,
Die sich das Palmblatt auf die Stirne binden?
Es hängt an dir, da gibt es kein Verrücken,
Enttäusch die Baumfrau, richt das Haus zugrunde,
Du kannst dich um Entscheidung nicht mehr drücken,
Das ist im Volk schon längst in aller Munde.

ORPHEUS: Ich kann die Götter nicht um Rat befragen,
Ich habe sie verflucht und ihren Boten
Besonders und so bleibt mir nur zu klagen
Und mich zu sehnen nach dem Abendroten.

OIAGROS: Die gleiche Leier stets, du gehst im Kreise,
Treppauf, treppab, und immer die Oktave,
Dasselbe Lied und stets auf gleiche Weise,
Ich hörs sogar schon mitternachts im Schlafe.
(Ab.)


Zweite Szene.
Orpheus, Ampelos.

AMPELOS (mit einem Krug Wein):
Da sitzt du einsam, wettertrüb und neblig,
So stumpf, daß dir die Züge fast entglitten.
Doch welch ein Glück! Du wartest nicht vergeblich,
Grad kommt ein guter Freund dahergeschritten.
 

 

219
 
ORPHEUS: Ein guter Freund? Ich bin mir völlig sicher,
Noch niemals hab ich den Geselln gesehen.
Enttäuschen muß ich dich, doch fürchterlicher
Wärs, blieb dein Irrtum unerhellt bestehen.

AMPELOS: Ich bin der Freund von allen die verlassen,
Wer mich nicht kennt, der wird mich bald schon kennen,
Du sitzt so ohne Hoffnung auf Terrassen,
Doch bald soll deine Leuchte wieder brennen.

ORPHEUS: Wie ist zu tun, daß ich befreit und heiter?
Fast lockt mich der Versuch zu diesem Truge.

AMPELOS:
Zuerst ein guter Schluck, dann sehn wir weiter.
Ich habe guten Vorrat hier im Kruge.

ORPHEUS:
Was ist da? Schaut nach Blut und riecht doch fruchtig,
Die Hekate braut solche dunklen Tränke.

AMPELOS:
Ja, dieser Krug ist herrlich prall und wuchtig,
Ich bin dein Freund, denn ich bin dir der Schenke.
Es ist kein böser Geist, der dich verlocke,
Nur ein Einschleirer, der dich gibt dir selber.
Es ist der Wein. Von einem Rebenstocke,
Ganz dunkel der, doch mancher ist auch gelber.
Mein Gott hat diese Stöcke uns gegeben,
Und ihn zu ehren, wolln wir Weinlaub tragen,
Glaub mir er geht ans Böse, nicht ans Leben,
Drum sollst nicht lang nach einem Schlucke fragen.
 

 

220
 
ORPHEUS: Ich hab, ganz offen, finstere Erfahrung
Mit Bringern von Kultur aus fernen Landen,
Drum bleib ich lieber bei der Sitten Wahrung,
Sonst geht auch noch der Rest von mir zuschanden.

AMPELOS: Von Aristaios, denk ich, willst du sagen,
Der war so eitel wie ich freund den Armen,
Die Unverschämtheit soll dich nicht mehr plagen,
Für Hades schickt sich einzig das Erbarmen.

ORPHEUS: So ist er tot? Wie ist er denn gestorben?

AMPELOS: Ganz heimlich sprang er wohl in eine Spalte
Für das Gerücht, Zeus hab ihn abgeworben,
Bevor er im Gesicht die erste Falte.
So gehts dem Eitlen, dem allein der Leute
Geschwätz ist die Substanz, die ihn beseligt.
Denk das Gelächter dieser wilden Meute,
Wüßt sie, daß sie ihn nun zu Tod befehligt.

ORPHEUS: Gelächter ist ein Gnadenstoß dem Härmer,
Ich will den Trunk aus deinem Krug nicht meiden,
Es macht den Armen ganz gewiß nicht ärmer,
Mit dem Gebräu von seinem Feind zu scheiden.
(trinkt während es mählich dämmert)
Ein bißchen faulig, etwas wie verdorben,
Doch seltsam wie ein unbekanntes Reifen,
Nun hast du den Genossen angeworben,
Nun will ich den Geschmack auch ganz begreifen.
(trinkt erneut)
Mir werden taub der Gaumen und die Zunge,
Doch wächst der Durst und tuts bei jedem Schlucke.
 

 

221
 
AMPELOS:
Nimm diesen nicht im allzukühnen Schwunge,
Sonst schläfst du ein und dies mit einem Rucke.

ORPHEUS:
Man muß wohl lernen, diesen zu gebrauchen,
Das ist ja wie das Spiel auf meiner Leier.

AMPELOS (trinkt Orpheus zu):
Ja, in der Tat, dasselbe Untertauchen,
Die tiefe Lust und unbedingte Feier.
Es wäre schön, wenn du von deinem Schatze
Den Mund mir nicht nur wäßrig machtest. Spiele!
Dies macht gewiß aus der Satyrenfratze,
Daß sie nicht länger unverständig schiele.

ORPHEUS (trinkt):
Ich will es dem Gefährten nicht verweigern,
Mein Teil zur guten Stimmung beizutragen,
So wie im Wein sich alle Sinne steigern,
Will ich den Hymnus auf ihn selber wagen.
(singt bis die Nacht hereinbricht)
Es wohnt ein Gott im dunkeln Saft der Rebe,
Er weiß Adepten köstlich zu begeistern,
Erlebe
Das Frohe nun im Dreistern.
Die Zunge schwillt, um dann sich ganz zu lösen,
Dem Leib gefällts, von innen sich zu tunken,
Die Bösen
Sind steif und niemals trunken.
Er mischt in uns die Wachheit mit Vergessen
So hold, daß wir uns ganz der Freude schenken,
 

 

222
 
Sag, wessen
Soll ich in Trauer denken?
Wer frei ward, muß nicht mehr die Knie beugen,
Er ist ein Gott, bewahrt von aller Schwere,
Wir zeugen
Das Traumreich in die Leere.
Wir rüsten uns und reihen uns im Tanze,
Wo die Musik wird Helferin dem Weine.
Im Glanze
Persephone erscheine!


Dritte Szene.
Orpheus, Ampelos, Mänaden mit Fackeln.

ERSTE MÄNADE:
Wer lehnt gelassen an dem Königsborne?
Wie Bakchos scheint er selig und betrunken.
Wir schaun den Knaben einmal an von vorne,
Oft wills die Furcht, daß einer so versunken.

ZWEITE: Ein hübscher Kerl, unkundig wohl der Maße,
Er ließ sich bei dem Trunke mächtig gehen,
So einen findst du nicht in jeder Straße,
Doch leider kann er seinen Mann nicht stehen.

DRITTE:
Dies käm auf den Versuch an, meine Schwestern,
Der Weingott liebt die Räusche vielgestaltig,
Ich fand so einen Zecher grade gestern,
Der übergab sich und war dann gewaltig.
 

 

223
 
VIERTE: Was warten wir? Nichts wie ihm auf die Pelle,
Er wird uns schon nicht allzu arg bekleckern,
Nur wer das Glück erfaßt und zwar das schnelle,
Hat hinterher auch keinen Grund zu meckern.

ERSTE: Ich hab zuerst erspäht das Abenteuer,
Drum bin ich auch beim Streicheln hier die erste,
Wir werden sehn, ob sich erhebt das Feuer,
Daß allzurasch die feste Kruste berste.
(tätschelt Orpheus das Haupthaar.)

DRITTE: Mit solcher Sanftheit ist da nichts zu machen!
Drück ihm die Brüste fest in seine Nüstern!
Soll einer aus dem Vollrausch dir erwachen,
So nutzt es nicht, ins Ohr ihm was zu flüstern.

AMPELOS:
Ihr Schönen, mein Kumpan ist wenig päßlich,
Drum mögt ihr an den Frischeren euch halten.

ZWEITE MÄNADE:
Wir brauchen keinen Bock, der derb und häßlich,
Wir wollen uns erwärmen, nicht erkalten.

FÜNFTE: Was für ein seltnes Paar ist da am Saufen,
Ein geifernder Verlebter und ein Junger,
Es scheint, als wollte wer den andern kaufen,
Doch weil der durstig, blieb ihm selbst der Hunger.
(Alle lachen und schmiegen sich an Orpheus.)

ERSTE: Der muß doch etwas merken, alle Männer
Sind da empfindlich, wenn sie keine toten.
 

 

224
 
ZWEITE: Ich glaube, diesen vollgesoffnen Penner,
Weckts nicht mal auf, die Knochen ihm zu schroten.

DRITTE: Dann ist es Pech, man komme eben früher,
Eh dieser Schelm so dreist den Schenken spielte.

VIERTE: Ein neuer Tag, und wiederkehrt der Blüher,
Der Pfeil trifft manchmal später als man zielte.

AMPELOS: Den Wein nicht pönt, er ist gewißlich heilig.
Sein Reich ist nicht das eure, meine Schnepfen.

ERSTE MÄNADE:
Man trinke gut, doch trinke man nicht eilig,
Es sei denn, es gefällt an euern Näpfen.

FÜNFTE: Der dreiste Kerl, er sollte hier verschwinden,
Man rufe wider dies Geschmeiß die Wache.

AMPELOS: Dies ist gewiß nicht nötig zu befinden,
Weil grußlos auf den Heimweg ich mich mache. (Ab.)

DRITTE MÄNADE:
Der Vollmond steigt, viel Brunft ruft in den Straßen,
Drum laßt uns keine weitre Zeit verschwenden,
Der Wein macht scharf, doch nur in rechten Maßen,
Sonst herrscht die Blase einsam in den Lenden.
Das Fazit bleibt die schlaffgesoffne Rute
Am Hübschling, zu verwechseln einer Leiche,
Allein bei Hengsten wiehert eine Stute
Und sie verlangts nach keinem andern Reiche.
(Alle Mänaden ab. Vollmond über den Zypressen.)
 

 

225
 
Vierte Szene.
Orpheus, Eurydike, Zypressen.

ZYPRESSE: Erwache Orpheus, unserem Versprechen
Entsprachen wir und grüßen aus dem Schatten,
Eurydike wird gleich ihr Schweigen brechen,
Du siehst sie leicht auf unsern Rasenmatten.

ORPHEUS (mit schattenhaften Bewegungen):
Zypressen ihr, geschwisterlich den Eiben,
Ich danke euch wie einst für alles Gute,
Eurydike gedenkt ihr zu verleiben,
Wie wird mir angst und bang dabei zumute.

EURYDIKE:
Der Vollmond läßt dich klar und deutlich sehen,
Ich komm und treff dich heil an diesem Borne,
Ich lausche und mich hindert am Verstehen
Kein Eber und kein Höllenhund im Zorne.

ORPHEUS: Seit Wochen mag ich tausend Dinge sagen,
Doch jetzt ist mir der Mund fast wie versiegelt,
Ja, eins will ich zuallererst dich fragen:
Ist dein Gefängnis dauerhaft entriegelt?

EURYDIKE: Was ist denn Dauer? Bin ich im Momente,
So werd ich sonst auch folgen deinem Rufe,
Die Dauer ist ein Wort für Elemente,
Nicht Wünschen, die zu sterblichem Behufe.

ORPHEUS:
Du sprichst so kalt. Einst warst du voller Feuer,
 

 

226
 
Gesogen voll mit Sonnenlicht im Hage.
Ist dein Verweilen jetzt nicht ungeheuer?
Sag an: wie überstehst du deine Tage?

EURYDIKE: Für Eiben, die der Wind begabt zu singen,
Ists Dämmerlicht dem oben nicht so ferne
Wie dir, der breiten will die Adlerschwingen
Und greifen will, am liebsten auch die Sterne.

ORPHEUS: Ja, fehlt dir nicht der Sonne hartes Brennen,
Das Hörnchen, das umherwirft mit den Zapfen,
Die Pilze, welche Eiben trefflich kennen,
Die Wandrer, die durchs dürre Dickicht stapfen?
Willst du nicht, daß dich anspricht eine Stimme,
Die weiß, du bist so scheu und so verhalten?
Ja, fehlt dir nicht Gesumm von mancher Imme,
Die sucht ein Astloch, um im Stamm zu walten?

EURYDIKE: Ich misse nichts und suche keine Sorge,
Mein Wesen wird vom Wohnort nicht betroffen,
Es macht mich froh, daß ich nichts Fremdes borge,
Um mich in diesem dürftig zu verstoffen.

ORPHEUS: Eurydike, du sprichst wie ein Orakel,
Das im Verdacht, daß es dem Pilger spotte,
Hast du vergessen, welches Mordsspektakel
Dich trieb in diese jammervolle Grotte.

EURYDIKE: Ich tat nie anders und es hat gefallen
Dir, als ich stand verzweigt und rindenästig,
Ich kann zurückgehn in die Dämmerhallen,
Wenn dir die einst Geliebte heute lästig.
 

 

227
 
ORPHEUS: Eurydike, ich liebe deine Weise
Dich auszudrücken und die Welt zu spiegeln,
Doch kalt wardst du auf deiner langen Reise,
Ich fürchte fast, du kannst dich nicht entigeln.
(Er faßt sie an der Hand, worauf sie erbleicht und entschwindet.)

ZYPRESSE:
O weh, du darfst die Kehrende nicht fassen,
Du bannst sie mit dem blutig harten Griffe,
Wir dürfen dich nicht also tölpeln lassen,
Sonst sinken wir mit ihr im selben Schiffe.

ORPHEUS:
Von Nicht-Berühren ward mir nichts gesprochen,
Ich hätt es auch aus reiner Scheu vermieden,
Doch ist sie so verändert und zerbrochen,
Da war zu prüfen, ob die Pulse sieden.
Dort brauch ich keinen Arzt bei dieser Kälte,
Das Trugbild kann mein wundes Herz nicht heilen,
Sie hat gesorgt, daß ich Gespenst nicht schelte
Dies Bild in ihrem raschesten Enteilen.

ZYPRESSE:
Was suchst du Sänger, der uns pönt wie keiner,
Sie war dir fromm und lieblich und gewogen,
Die Kälte ihrer Hand stammt doch aus deiner,
Du kriegst die Karte, die du selbst gezogen.

ORPHEUS: Ich hab genug von dämmernden Zypressen,
Ihr seid doch nur die Ausgeburt des Weines,
Es scheint mir wirklich besser zu vergessen,
Ich pfeife auf die Perfektion des Scheines.
(Dicke Wolken verdunkeln den Mond.)
 

 

228
 
Fünfte Szene.
Orpheus, Kalliope am neuen Tag.

KALLIOPE:
Mein Sohn, ich seh dich endlich wohlbehalten,
Du schliefst die letzte Nacht nicht im Palaste,
Mir schwanten da die ärgsten Schreckgestalten,
Weil hart der Vater seine Rede faßte.

ORPHEUS: O sag dem Vater bitte, daß entschieden
Ich hab und zwar gehorsam seinem Sinne,
Er wähle eine Frau für mich in Frieden,
Daß ich das Werk des Stammerhalts beginne.

KALLIOPE:
Du kennst mich nur als Mutter. Doch die Musen
Sind nicht so bienenhafte Dienerinnen,
Wie Dichter sagen, die von ihrem Busen
Behaupten, daß da Milch und Honig rinnen.
Die Frauen hält man selten für Tyrannen,
Dies wohl, weil sie nicht laut und schneidend sprechen,
Doch strenger sie die Ordnung sich ersannen,
Der Langmut und Saumseligkeit Verbrechen.
Als Muse bin ich keine von den Täubchen,
Das so ein Recke wickelt um den Finger,
Ich wußte stets: ich bin im All kein Stäubchen,
Und brauche keinen Maß- und Formenbringer.
Ich sag dies, um des Vaters Müh zu zeigen,
Er warb um mich mit Winkeln und Gelenken,
Die selten nennt einer junger Mann sein eigen,
Und hielt nicht ein, sich neue auszudenken.
Er hob sich weit aus dem, was seine Väter
 

 

229
 
Je wagten, um die Schönste zu gewinnen,
Er trieb den Tag und suchte nie ein Später
Und kämpfte wie ein Leu mit allen Sinnen.
Vielleicht ist dieser Kampfgeist dir entgangen,
Weil nach dem Siege üblich ist der Frieden,
Doch seh ich seine Stirn und seine Wangen,
Verzaubert mich der Mut des Ikariden.
Zusammenfassend geb ich zu bedenken,
Dein Vater ist ein Mann, für den die Liebe
Der höchste Gott, dem Minderes zu schenken,
Der ärgste Frevel aller Zeiten bliebe.
Darum hast du ihn gründlich mißverstanden,
Zu meinen, daß er pferche dich als Bullen,
Dir kam die Lieb als Lebenskraft abhanden,
Drum pön ich deine eingespielten Schrullen.

ORPHEUS:
Ich bin verzweifelt, Mutter, ich verschmachte!
Man gab mir Wein, den ich zuvor nicht kannte,
Der erst mich rettungslos betrunken machte
Und dann den Traum in reinster Klarheit sandte.
Eurydike, mein Herz, kam von Zypressen
Geleitet aus dem düsteren Verliese,
Sie hat so sehr ihr Innerstes vergessen,
Als ob Hephaist mir seine Asche bliese.
Nun seh ich klar, es gibt kein Wiederholen,
Der Tod kann mich der Liebsten nicht vereinen,
Unwiderruflich ist mein Herz bestohlen,
Und darum kann ich nicht einmal mehr weinen.

KALLIOPE: Der Tod ist nie das Mittel um dem Tode
Zu fechten, denn dies frommt allein dem Leben,
 

 

230
 
Von Treu und Trauer nährt sich der Rhapsode,
Doch alle die er lauschen läßt und schweben,
Sie könnens nur, weil völlig nicht erloschen
Die Flamme, die begierig nach dem Glanze,
Wird aber längst Gedroschnes neu gedroschen,
Verfalbt die Melodei zum Totentanze.
Zwar ist dein Herz verwundet, doch im Haine
Webts fort und wandelts, atmet jede Pore,
Nach innen treibt der Löscher dich im Weine,
Nach draußen findst ein offnes Tor im Ohre.
Eurydike, du durftest sie erkennen,
Weil du so frei warst und so ungebunden,
Läßt du die Flamme unvermindert brennen,
Hat dich der Pfeil des Eros rasch gefunden.

ORPHEUS:
Doch ein Geheimnis heg ich, das der Liebe,
Der neuen, immerfort entgegenstünde,
Wie furchtbar, wenn es gut versiegelt bliebe,
Wie furchtbar, wenn die Heimlichkeit entschwünde:
Ich war im Hades, sah die Herrscher thronen,
Ich kenne ihre harten Argumente,
Ich brachte sie dahin, mich zu belohnen,
Mir wurde eins das allgemein Getrennte,
Und nun das Fazit dieses Überhebens,
Es lautet, daß die Treue die Chimäre,
Ich weiß nun, daß es das Gesetz des Lebens,
Zu tun, als ob die Treue wirklich wäre.

KALLIOPE:
Du kamst zum Thron und hast nicht draufgesessen,
Dies ist ein großer Unterschied, mein Lieber,
 

 

231
 
Was offenbart im Angesichte dessen,
Ist wenig mehr als Untertanen-Fieber.
Einst wird wer kommen, sterben, auferstehen,
Doch nicht begnadigt von den alten Herren,
Er wird als Sturm durch die Zypressen wehen
Und Hades von den Marmorstufen zerren.
Er wird die Nekropolengrotte sprengen,
Und jene, die ihm treu und ihrem Worte,
Sie treten, ohne Haar und Haut zu sengen,
Im Lobgesange durch die Himmelspforte.
Und wenn man glaubt, daß diesem dies gelänge,
Ist Treue möglich, immer und schon heute,
Ist zweien klar, daß sie der Tod nicht fänge,
So hat der Tod verloren Recht und Beute.

ORPHEUS:
Schwer dies zu glauben, schwerer noch zu finden
Die Frau, die solches heiter mit mir trüge,
Erschreckt mit Größe ein gebotnes Ringen,
So greift der Mensch doch gerne nach der Lüge.
Gleichwohl, ich wills bedenken und besinnen
Und lauschen, obs erklingt in meinen Liedern,
So mag auch die Geschichte neu beginnen
Und mich und den, der kommen wird, befiedern.

KALLIOPE:
Versuch es, denn der Glaube ist die Gnade,
Der denen wird, die reine Herzen regen,
Sei dir für alles Mindere zu schade,
Und glaube an den unumschränkten Segen.
(Sie geht langsam ab. Orpheus legt sich flach und starrt
in den wolkenlosen Himmel.)
 

 

232
 
Sechste Szene.
Orpheus, Mänaden

ERSTE MÄNADE:
Sieh einer an! Und heute Sternengucker?

ZWEITE: Ich glaube ehr, es ist ein schwerer Kater.

DRITTE: Doch Augen hat er wie ein Feuerspucker!

VIERTE: Er sinnt vielleicht darüber, wer sein Vater.

ERSTE: Vielleicht ist das Gehör mit Harz verkrustet.

ZWEITE: Er träumt von Weine in Gigantenkrügen.

DRITTE: Der hat gewiß noch gestern Blut gehustet.

VIERTE: So langsam muß die Ruhe doch genügen!

FÜNFTE (mit einem Krug Wein):
Ich mein, ein bißchen wird gewiß nicht schaden,
Den Träumer von den Träumen aufzuwecken!

ERSTE: Flöß dus ihm ein, ich halt derweil die Waden,
Daß er nicht tobt, wenn wir ihn so erschrecken.
(Sie machen sich an ihm zu schaffen.)

ORPHEUS:
Was geht hier vor? Was habe ich zu schaffen
Mit euch, die ihr mich stört in meinem Sinnen?
Ich mags nicht, wenn mich Fremde so begaffen,
Was wollt ihr mit dem Gürtel denn beginnen?
 

 

233
 
ZWEITE MÄNADE:
Vielleicht dich hängen? Dorten an der Schöpfe?
Ists üblich nicht, daß man auf offnem Markte
Die Opferlämmer striegelte und köpfte
Und dann das Blut in Blumenbeete harkte?

ORPHEUS:
Ein Opferlamm? Vergeht euch nicht am Prinzen!
Der König wird die Stadt euch niederbrennen,
Verwechselt nicht den Schierling mit den Minzen,
Ihr solltet wahrlich eure Herrschaft kennen.

DRITTE MÄNADE:
Was heißt hier Herrschaft? Diese Impotenten?
Das Königshaus stirbt aus, ganz ohne Frage.
Der Demos dann beschließt uns Brot und Renten
Und führt auch wider freche Buben Klage.

ORPHEUS: Die Weiber hier in Aufruhr! Ja, beim Hades,
Ich sage euch, ihr werdet es bereuen,
Zählt ihr erst die Umdrehungen des Rades,
Derweil sich Köter auf die Knochen freuen.

VIERTE MÄNADE:
Nun machs mal halblang! etwas Spaß verstehen,
Muß selbst der Bub, der ganz vom Hof verdorben,
Verboten ist es nicht, zum Spiel zu gehen,
Die Menschheit wär auch sonst schon ausgestorben.

ORPHEUS: Ihr mögt zum Weine gehen und zu Spielen,
Allein mich selbst laßt ihr gefälligst ziehen,
Sucht einen euch von jenen viel zu vielen,
Die euch die Gosse zum Genuß gespieen.
 

 

234
 
FÜNFTE MÄNADE:
Er schmäht den Wein und ebenso die Frauen!
Dies heißt die Götter leugnen und verachten!

ERSTE: Dem guten Wein wir auch alleine trauen,
Und jeden Mann wir noch zur Mannheit brachten!

ORPHEUS:
Ihr scheint mir toll! Man wir euch bald bemerken
Und richten euer Treiben mit dem Schwerte!

ZWEITE MÄNADE:
Ein Knebel dient seit je den guten Werken!
Er sorgt recht gut, daß keiner uns bemerke!

ORPHEUS: So habt doch Einsehn. Eine schwere Sünde
Ist schon allein, der Unzucht so frönen,
Doch wenn Gewalt dabei als Mittel stünde,
Kann nur der Henker euch dem Staat versöhnen.
(Er entrinnt kurz der Umklammerung und bekommt einen
Stein zu fassen. Sie stehen alle um ihn herum.)

Nun wehe euch! Kann euch der Staat nicht schrecken,
So tuts der Stein. Wer sucht, mich anzufassen,
Der soll das Blut in seinem Munde schmecken,
Die Waffe wird das Ziel nicht leicht verpassen.

DRITTE MÄNADE:
Er rast! Wie geil, ich steh auf solche Stiere,
Gib her den Wein, eh Blut fließt, muß er rinnen!

VIERTE:
Nicht unverschämt nach unserm Tropfen giere,
 

 

235
 
Laß auch genug für alle andern drinnen!
Wir müssen ihn in eine Gasse schleifen,
Hier zu dem Brunnen gehn zu viele Leute.
Was nutzt der Stein? Wenn wir zusammen greifen,
So kriegen wir ihn allesamt noch heute.

FÜNFTE: Eh wir das Luststück mit Gewalt zerstören,
Ich frag mich, ob ihm klar, was er verweigert,
Es bißchen Zicken soll dazugehören,
Weil dies die Lust durch das Verzögern steigert,
Doch sind dem Mann die prallen Brüste lästig,
Mag Hüfte und das Becken er nicht schauen,
Sorgt er dafür, daß sich die Meinung festig,
Er hege wider alle Weiber Grauen.

ORPHEUS: Ich liebe eine Frau und zwar die meine,
Eurydike, die schönste aller Eiben,
Daneben und dahinter gibt es keine,
Zu der mich Gier und dumpfe Wollust treiben.

ERSTE MÄNADE:
Er sagt es selbst: Er steht auf Leichenteile,
Sein Herzblatt muß recht faulig sein und stinken,
Man schleife ihn, am besten mit dem Seile,
Und lehre ihn die wahre Liebe trinken.

ZWEITE:
Genug geschwätzt! Wir schnappen uns den Spinner,
Mehr als ein Seil tun meine spitzen Krallen,
Wir werden sehn, wer in dem Krieg Gewinner,
Sofort und ohne Säumen muß er fallen.
Wir schließen nun den Kreis ein bißchen enger,
 

 

236
 
Er wird gewiß den Stein bald fallen lassen,
Das Wild sieht endlich ein, bei diesem Fänger
Muß man den Willen und den Ausweg hassen.

ORPHEUS: Nur einen Schritt! Ich schlage zu, die erste
Verliert die Zähne und den halben Kiefer.
Wer Lust hat, daß ihm das Gebiß zerberste,
Der hole sich bei mir den dicken Schiefer.

DRITTE MÄNADE (tritt vor):
Ich hab die Lust, gesteh ich dir ganz offen,
Der Wein schafft Mut, noch mehr sein großer Bringer,
Er läßt uns auf die Rasereien hoffen,
Und gerne fall ich vor dem Niederringer.

ORPHEUS:
Umsonst! Gewalt kann diesem Wahn nicht wehren,
Furchtlose gleichen hellen Feuerbrünsten,
Wo alle Werte sich im Rausch verkehren,
Wird auch der Künstler Material den Künsten.
(Er wirft einer Mänade den Stein auf den Fuß und versucht an dieser Stelle den Ring zu durchbrechen und zu fliehen. Er stürzt und alle fallen über ihn her. Nach kurzer Zeit spritzt Blut, aber die Raserei will nicht enden. Als alle Beteiligten von Blut triefen, fällt der Vorhang.)
 

 

237
 


MUSENDÄMMERUNG
TRAGÖDIE





Und keiner hat die Wahl
im Suchen und im Finden –
und keiner kann die Qual,
die in ihm ist, ergründen.
Je mehr der Sehnsucht ist,
je dunkler drohn die Weiten.
Wir können nicht als schreiten
die Zeit, die uns das Leben mißt,
und warten und wie Jesus Christ
zum Tode uns bereiten ...


WEINHEBER   
 

 

238
 


PERSONEN
KYRILL, Bischof von Alexandria
OREST, Statthalter
HYPATHIA, Philosophin
AISON, SKOTOS, SYLVIA, Schüler
SCHOLASTIKOS, Kirchenhistoriker
PETROS, Vorleser
EDOM, JAKOB, Geschäftsleute
HAUPTMANN, SKLAVIN, WÄCHTER
BEWAFFNETE
 

 

239
 


PROLOG
OREST: Wer Vortragsrecht bekommt auf einer Bühne,
Nutzts gern als Plädoyer für seine Sache,
Wo sich die Unschuld spreizt als androgyne,
Bin ich ein Mann der Ordnung und der Wache.
Drum mag das Preisen zwar den Engeln frommen,
Ich aber hab zu prüfen und zu trennen,
Und darum will ich gleich zur Sache kommen,
Weil mir die Klagen untern Nägeln brennen.
Seit Octavian die Zeit der Bürgerkriege
Beendet, zog der Krieg ins Religiöse,
Nicht länger ist man eins, was fall und fliege,
Was wohlgetan zu gelten hat und böse.
Die alte Religion war angehalten,
Zu hüten uns vor Wirbelsturm und Dürre,
Und heute will sich faltergleich entfalten
Die Seele über Weihrauch, Gold und Myrrhe.
Mysterien boten den Adepten lange
Erlösungsbrot im Kleid des Privileges
Doch jeder Damm versagte sich dem Drange
Im Suchen der Natur des rechten Weges.
So wollten auch die Fischer, Hirten, Frauen
Die Himmelspforte schauen und betreten,
Der Galiläer soll die Brücke bauen,
Doch suchen sie ihn nicht nur in Gebeten.
Ich bin im Amt und die gesetzte Lehre
Ist mir die Richtschnur zwischen Tun und Leiden,
Wem aber Stumpfsinn, Stolz und Neid die Ehre,
Der schaut in allem Unverstandnen Heiden.
So wagt der Kleingeist, bar der Argumente,
 

 

240
 
Das Göttliche als Freibrief zu verzerren,
Er pönt sogar die Schau der Elemente
Und alle, die der Raserei sich sperren.
Wo Dinge, die Vernunft und Ruh verschlossen,
Entscheiden über Eigentum und Leben,
Ist die Kultur im tiefsten Grund zerschossen,
Und Schwindsucht sieht man Spinnennetze weben.
Recht undankbar ists, auf zersprengtem Grunde
Zur Sitte zu ermahnen die Parteien,
Denn katerts bei der einen grad zur Stunde,
Siehst du die andre sich dem Trunke weihen.
Da ists schon viel, daß man nicht selbst zerrieben,
Zu viel verlangt, daß alles Gut man schütze,
Denn sagt, wie sollte man ein Goldkorn sieben,
Wenn tausend Spatzen lärmen an der Pfütze.
 

 

241
 


ERSTER AUFZUG
Alexandria im Jahre 415. Im Palast des Statthalters. Ein Empfangszimmer mit bequemen Möbeln. Die Palastwache bringt zwei Gefesselte herein, ein Hauptmann spricht zu ihnen.

Erste Szene.
Ajax, Teukros, Hauptmann, Wachen, Sklavin.

HAUPTMANN:
Nehmt den Gefangnen Fesseln, dem Präfekten
Nicht wohl bei steifer Sprache ist und Striemen.
(zu den Gefangenen):
Wird unsichtbar, was Eisentürn bezweckten,
Wagt gleichwohl einzig Dinge, die sich ziemen.
(Eine Sklavin bringt einen Korb mit Obst und einen Krug Wein.)
Und hier erlabt euch, daß ihr nicht geschunden
Und müde ausseht und euch so verhaltet,
Wohl möglich ists, ihr gehet ungebunden,
Weil unser Herr mit großer Weisheit waltet.

AJAX: Ich fürchte, diese Müh ist ohne Fruchten,
Führ besser die Geschlagnen er zum Henker,
Wer sich verfing im Netz der Häuserfluchten,
Der wird durch Sanftmut nicht zum großen Denker.

HAUPTMANN: Ich führe nur Befehle aus und rate,
Was billig mir erscheint und meiner Ruhe,
Doch säum ich nicht, ist es gewollt vom Staate,
Daß ich persönlich die Enthauptung tue.
 

 

242
 
TEUKROS:
Nun beiß nicht in die Hand, die frische Früchte
Kredenzt, der Hunger würgt uns alle beide,
Und ehs geschieht, daß uns der Atem flüchte,
Gibts wenig Not zu unverlangtem Leide.

HAUPTMANN:
Lauscht einzig auf den Willen des Präfekten
Und nach den Wegen, die euch frei zum Nutzen,
Und zweifelt nicht, bei Trickserein, versteckten,
Hat er die Macht, die Flügel euch zu stutzen.

AJAX: So seis! Wir wollen lauschen, sehn und nicken,
Auch wenns von Pluto kaum zu unterscheiden.
Höchst seltner Wunsch, nach unserm Rat zu schicken,
Denn aus der Mode sind doch längst die Heiden.
(Die Gefangenen rekeln ihre Gelenke und beginnen dann zu essen, der Hauptmann und die Wachen gehen ab.)


Zweite Szene.
Orest, Ajax, Teukros.

OREST: Da sind sie ja, gewaschen und gestriegelt!
Die beiden Helden mit den großen Namen,
Ich sagte gleich, der Turm gehört entriegelt,
Als diese Klänge mir zu Ohren kamen.

AJAX: An seinem Namen ist wohl keiner schuldig,
Gleichwohl mich freut der Sinn für die Geschichten,
Doch eurer Wünsche harrn wir ungeduldig,
Ihr wollt gewiß von Troja nicht berichten.
 

 

243
 
OREST: Von Troja sagt mir eine Episode:
Wißt Ajax ihr, wie starb der Namensvetter?
Und ist er euch ein Vorbild mit dem Tode?
Eur' Bruder wär zwar nicht der Leichenbetter.

AJAX: Ich wüßte nicht, daß ich den Widder schlachte
So wie der Telamonier tat im Schlafe,
Tierquälerei ich allerhöchst verachte,
Und niemals noch mißhandelte ich Schafe.

OREST: Doch gleichwohl jagt ihr ohne ein Besinnen
In Raserei die Lämmer und die Kinder,
Muß man nicht Trunksucht als Verdacht gewinnen,
Erlebt man so der Unschuld dreiste Schinder?

AJAX: Von Unschuld sprecht ihr wider beßres Wissen,
Der Galiläer ward von Rom gerichtet,
Weil seine Lehre schelmisch und gerissen
Die Wurzeln von Kultur und Macht vernichtet.

OREST: Höchst ungenau gebt ihr die Sache wider,
Der Prokurator war von Pharisäern
Getäuscht und war für derlei Sach zu bieder,
Drum frommte er den Bellern und den Krähern.
Doch nicht als Mystagog will ich bewähren
Mich hier, es geht nicht um Augustus Zeiten,
Viel Aufruhr seh ich in der Großstadt gären,
Die Ordnung von Kultur und Macht bestreiten.
Wer Opfer, Täter, ist nicht mehr zu trennen,
Wenn Schlächterei ist überall im Gange,
Drum will ich euch den Weg zur Rettung nennen:
Zerbrecht mit mir die mörderische Zange.
 

 

244
 
AJAX: Wir haben nicht den Krieg vom Zaun gebrochen,
Die Christen sinds, die keinen Glauben dulden,
Der nicht der ihre, darum sei zerstochen
Die ganze Brut, die niemals zu entschulden.

OREST: Fanatisch seid ihr, guter Freund, nicht minder
Als jene, die ich gleichfalls streng verhöre,
Welch einem Glauben frönt der Ordnungsschinder
Ist mir egal, es zählt, daß er zerstöre.
Glaubt ihr, daß Jove euch beschirm und lohne
Die Schrecken, die euch aufzuzähln ich lasse,
Ists Hermes, der nach euerm Tod dem Sohne
Das Studium zahlt aus seiner eignen Kasse?

AJAX: Ja, tut der Galiläer uns dergleichen?
Stützt er die Wahrheit und verbietet Lügen?

OREST: Versucht nicht, meiner Frage auszuweichen,
Ich werd mich keinen Gegenfragen fügen.
Ich frage euch, ob Jupiters Gesinde
Verantwortet, was eurem Stolze schmeichelt,
Und was dabei verstreut in alle Winde
Zusammenträgt und voller Güte streichelt?
Die Torheit eurer lächerlichen Schlachten
Schafft Zulauf allerorts den Radikalen,
Die Narren, die nur bis zur Ecke dachten,
Mit Wucherzins zurück die Beute zahlen.

AJAX: Ich weiß nicht, was die alten Götter wollen,
Vielleicht sind sie uns ganz davongezogen,
Sie haben großen Grund, mit uns zu grollen,
Als Adler wär ich auch davongeflogen.
 

 

245
 
OREST: Drum wär es besser, ließet aus dem Spiele
Ihr Wolken, den Olymp und alle Himmel,
Denn das Gespräch verfehlt gewiß die Ziele,
Trübts Weihrauch oder bronzenes Gebimmel.
Ihr wißt, daß Konstantin den neuen Glauben
Dem Staat befahl, drum bin ich angewiesen,
Nicht Bacchus anzurufen bei den Trauben,
Dem Bischof sein Gemüt nicht zu vermiesen.
Das heißt nicht, daß ich dabei hab vergessen,
Nicht Romulus und auch nicht Alexander
Ist Theodosius, doch wir alle essen
Sein Brot und sollten froh sein miteinander.

TEUKROS:
So sagt uns, was ihr wollt, ganz unumwunden,
Denn was im Allgemeinen sehr verschieden,
Hat oft sich im Besonderen verbunden.
Was gilts für uns und was für die Christiden?

OREST: Zur Mäßigung ruft auf die Glaubensbrüder,
Man gieße nicht noch weitres Öl ins Feuer,
Denn jedes abgeschlagne Haupt der Hyder
Beschert uns ein komplettes Ungeheuer.

AJAX: Ihr kommt uns sprachlich wunderbar entgegen,
Doch kann ich das Gewünschte nicht versprechen,
Die Greul des Feindes schrein auf allen Wegen,
Ihr müßtest mir die Augen erst zerstechen.
Wirft jemand filigrane Kunstgeschöpfe,
Für die ein Hauer Aug und Lung zerstörte,
Aus blanker Dummheit in die Abfalltöpfe,
Kann ich nicht tun, als ob sich das gehörte.
 

 

246
 
Erst recht nicht kann ich andere verpflichten,
Da wegzuschaun, um Frieden zu erbitten,
Wenn Rom nicht wagt, den Frevlermut zu richten,
Wird bis zum Tode unversöhnt gestritten.

OREST: Ist dies eur letztes Wort in dieser Stube?
Ihr schlagt die Hand, die das Vertrauen reichte.
Auch Teukros ihr entschlossen seid zur Grube?
Ich bot euch die Vergebung ohne Beichte.

TEUKROS:
Ihr gingt nicht ein auf meines Bruders Klage,
Unwidersprochen nistet sie im Raume,
Daß Aug und Ohr ich bar der Nutzung trage,
Das glaubt ihr ernstlich doch nicht mal im Traume.

OREST:
Der Hauptmann hat gehört, was hier gesprochen,
So komm er her und führ euch fort zum Turme,
Doch die Verhandlung ward nur unterbrochen,
Nicht jedes Ziel erringt die Kraft im Sturme.
(Der Hauptmann erscheint, und die Wachen führen die Gefangenen schweigend ab.)


Dritte Szene.
Orest, Jakob, Hauptmann.

HAUPTMANN: Es gibt erneut Gelegenheit zu stöhnen,
Ein vornehmer Patrizier an der Pforte,
Fern liegt es mir, an Pein euch zu gewöhnen,
Er heischt nach einem sehr vertrautem Worte.
 

 

247
 
OREST: Geschäfte, Händler kann ich wenig brauchen,
Doch mag es sein, er kann mir was vermitteln,
Zwar fühl ich mich, als könnt ich nicht mehr krauchen,
Doch will ich nicht an seinem Stande kritteln.
Er trete ein, ihr prüfet ihn nach Waffen,
Sodann mag sich verziehn die ganze Wache,
Vermag er mir Erleichterung zu schaffen,
Hat sich gewiß gelohnt die ganze Sache.
(Der Hauptmann ab, Jakob tritt ein.)

JAKOB: Gelassenheit auf einem dürren Zunder!
Die große Stadt wär einem Atlas Bürde,
Das Volk hält Pharos für das größte Wunder
Mir aber wird er blaß vor eurer Würde.
In Rom hab ich an Partnern, Bürgen, Kunden
Gar viele und erfahr, was dort geschrieben,
Einmütig heißts, wird dieses Land gesunden,
So rief Orest den Göttertag hernieden.
Doch auch am Hofe Ostroms ist man einig,
Ein Herkules den Augiasstall entmistet,
Man seufzt, daß er sich jede Stunde peinig,
Grad wie ein Aar, der in der Wüste nistet.

OREST: Wir sind jetzt Christen und es ist nicht Sitte,
Die Götzen als Posaunen zu verwenden,
Recht freundlich wärs, wenn man zur Sache schritte,
Die Hudelei recht zügig zu beenden.

JAKOB: Die Dichterbilder sollen die Gefühle
Des Davids in der Herrscherreih nicht schrecken,
Die Judas-Söhne kennt er im Gewühle,
Denn er entlieh von Paulus sich den Stecken.
 

 

248
 
OREST: Ich fürchte fast, ihr seid der Judas selber,
Zumindest Kaiphas zum Verwechseln ähnlich,
Mir wird die Galle mählich immer gelber,
Und auch die Stirn wird ziemlich unansehnlich.

JAKOB: Verzeiht, ihr seid gewißlich kein Athener,
Schon Romulus war abhold den Poeten,
Ein Fünfer wird durch kein Geschrei zum Zehner,
Und im Effekt gehts doch um die Moneten.

OREST: Für Steuern bin ich nicht der Staatsbeamte,
Ein Kaufmann wird mit solchem Zeug nicht scherzen,
Drum weiß ich nicht, woher der Ansatz stammte,
Es ging in diesem Hause um Sesterzen.

JAKOB: Nun, Steuern kann nur zahlen, wer Gewinne
Erwirtschaftet, und dazu brauchts den Frieden,
Ihn zu gestalten, ganz im Römersinne,
Ist, wenn ichs recht verstand, eurm Amt beschieden.

OREST: Dies paßt exakt. Was will zum Friedenszwecke
Weitschweifig der Besucher mir vertrauen?
Ich hasse nicht den Wolf, jedoch die Zecke,
Drum solltet ihr auf eure Zähne bauen.

JAKOB: Ihr seid und ebenso auch eure Wachen
Recht ortsbekannt, und dies erschwert zu reimen,
Was Extremisten sich für Bilder machen,
Und was sie vorbereiten im Geheimen.
In meinem Dienst stehn viele junge Leute
Aus Zypern, Kreta und vom Jordanflusse,
Sie einzuschleusen in die freche Meute,
 

 

249
 
Ihr spottetet dem Argus im Genusse
Der eingefangnen Winke, Weiser, Worte,
Euch wären alle Finten blanke Gläser,
Eh wer zur falschen Zeit am falschen Orte,
Rief die Legionen schon der Angriffsbläser.

OREST: Ihr schlagt mir vor, Spione einzuschleusen
In die Partein mit Hang zum Radikalen.
Die Frage ist, wann heb ich meine Reusen,
Mach ich den Zeitpunkt fest an Opferzahlen?
Ihr glaubt doch nicht, daß man erfährt von Plänen
Bevor man selber nicht bei Schurkereien.
Was fiel dann Staats, was Missetäters Zähnen?
Wer darf, was er befördert hat, noch zeihen?
Eur Vorschlag höhlt den Staat und alle Tugend,
Drum rat ich, rasch den Ausgang zu erreichen,
Macht euch davon, Verderbergeist der Jugend,
Sonst werden handfest meine Unmutszeichen.
(Jakob ab.)


Vierte Szene.
Orest, Hauptmann.

OREST:
Ich bin erschöpft und seh mich nicht gewachsen
Im Kreise der Gemeinen und Verstockten,
Grad wie ein Läufer, Blut in Schritt und Hachsen,
Derweil schon hungrig rings die Geier hockten.
Ich brauche Rat und Beistand im Verstande,
Denn nicht mehr fern erscheinen Katastrophen.
Wo ist die Weisheit offenbar im Lande?
 

 

250
 
Seit alters rief man nach dem Philosophen.
Eh Theophil die Bibliothek geschlossen,
Die dem Museion gab Aeonenwissen,
Hab Theon ich als Knabe oft genossen,
Und dabei mir die Nägel abgebissen.
Er gab heraus Euklid, die Elemente,
Des Ptolemäus Almagest erklärte
Elfbändig er, was er verwob und trennte,
Mich manchen Tag und manche Nacht beschwerte.
Jedoch er starb wie vieles hier am Hafen,
Einst schien mir diese Stadt die Weltenmitte,
Nun will ich ehr in einer Grotte schlafen,
Als daß mein Geist in dieser Wildnis stritte.
Ich tat, was billig schien, und hab vergessen
So viel dabei, was ich jetzt brauchen sollte,
Wie sprach doch Ajax leis und unvermessen:
Mag sein, daß sich der letzte Himmel trollte.
(Er starrt eine Weile vor sich hin. Eine Sturmböe hebt den Eingangsvorhang mit Gewalt und läßt ihn wieder fallen.)
Und doch es ist Bewegung in der Stunde,
Der Geist kennt kein Verweilen, keine Starre,
Drum bin ich allen Geistes bar im Grunde,
Wenn ich der Dinge, die da kommen, harre.
(Er läutet nach dem Hauptmann.)
Bring er mir Pergament, ich hab zu schicken
Der Hauptstadt, die von Konstantin den Namen,
Sokrates den Scholastikus zu blicken,
Trag ich Begehr, drum solltet ihr nicht lahmen.
Er ist ein Mann der Kirche, doch bewandert
In unsrer Tradition wie kaum ein zweiter,
Eh hier mein Zweifel länger noch mäandert,
Helf mir der Durchblick dieses Mannes weiter.
 

 

251
 
HAUPTMANN:
Verzeiht, ich hört, er weilt in unsern Mauern,
Grad gestern war er im Museion Hörer,
Drum soll es euch nicht Tag und Woche dauern,
Daß er euch heilt von dem Verdruß der Störer.

OREST: Die frohe Botschaft steht oft an der Pforte,
Wenn unsereins zumut ist wie im Grabe,
Drum eil er, und duchsuch im ganzen Orte
Die Häuser, daß ich Rat und Hilfe habe.
(Der Hauptmann ab. Pause.)
Ich trinke Wein grad wie zu einem Feste,
Die Hoffnung ist der Königsweg zu lassen
Die Schrammen auf dem Weg, der voller Äste,
Und sich zu heilen und sich neu zu fassen.
Vielleicht kann dieser Mann mir wenig geben,
Vielleicht ists nur ein Aufschub zu verzagen.
Doch ist ein Aufschub nicht das ganze Leben,
Das wir verliern, was immer wir da wagen?
Der Wein ist gut und stark, ich muß mich hüten,
Daß ich im Trunk die Fassung nicht vertrinke,
Denn kommt das Aug zu nah dem Rot der Blüten,
Weicht die Gestalt dem törichtsten Geblinke.
(Pause.)
Die Zeit wird mit dem Warten immer länger,
Wie dem Verliebten, der sich zu gedulden
Nicht weiß und dem die Brust wird immer enger,
Und dabei liegt ein Weg vor mir mit Mulden.
Er ist ein Mann der Bücher und der Schriften.
Obs seine Kunst, mit Störrigen zu sprechen?
Vielleicht bringt er ein neues Faß von Giften,
Daß meine Nerven ganz zusammenbrechen?
 

 

252
 
Nur Zweifel, Zweifel – wird da nie ein Ende?
Wie eine Witwe schau ich aus dem Fenster,
Wenn ich zurück zum Born des Lebens fände!
Ich aber schaue immer nur Gespenster.


Fünfte Szene.
Orest, Scholastikos.

OREST:
Willkommen Mann der Weisheit und Bewahrung,
Ihr schreibt uns die Geschichte unsrer Tage.
Doch glaubt mir, denn ich spreche aus Erfahrung,
Dem Mittendrin sind sie die reinste Plage.

SCHOLASTIKOS:
Die Wege Gottes sind nicht zu durchschauen,
Vielleicht ist endlich nah das Weltenende,
Ich hoffe sehr, euch trügt nicht das Vertrauen,
Daß ich den Schlüssel zur Versöhnung fände.

OREST: Mit großer Klugheit habt ihr gleich erraten,
Wonach mir Sinn, als ich euch hab gerufen,
Ihr seid ein Mann der Worte, nicht der Taten,
Doch erstes schafft zu letzterem die Stufen.

SCHOLASTIKOS:
Die Worte – aber was sie uns bedeuten,
Da streiten die Gelehrten und die Väter,
Die hüten solln, sie allesamt verstreuten,
Und niemand glaubt, die Einsicht käme später.
 

 

253
 
OREST: Mir scheint, ihr seid verzagter als der Krieger,
Der außer seinem Geist noch traut der Waffe,
Einst hörte ich, ihr wärt ein Himmelsflieger,
Der einem Sperling selbst die Einsicht schaffe.

SCHOLASTIKOS:
Origines, geborn in Alexanders
Berühmter Stadt, hat Platon und die Bibel
Gelehrt und dann am Ende des Gewanders,
Martyrium heiß an seinem Haus der Giebel.
Weil der Versuch, im Denken Gottes Größe
Sich anzunähern, nistet nah am Wahne,
So fiel sein Same in verschiedne Schöße,
War feil schon in Nikäa jeder Fahne.
Als Letztversuch, in Einheit zu begreifen
Das Griechentum und des Erlösers Leiden,
Versteh ich ihn, bis Thesen sich versteifen,
Die niemals überbrücken, sondern scheiden.
Im allgemeinen Streit, ward zum Chronisten
Mein kleines Los und sucht nicht zu gestalten,
Denn täuscht euch nicht, die Heiden wie die Christen
Sind einst so fern wie heute uns die Alten.

OREST: So laßt ihr ohne Rat den müden Ringer,
Zwei Heidenkrieger habe ich im Turme,
Sie legen in die Wunden ihre Finger,
Und im Verhöre gleiche ich dem Wurme.
Sie pönen, daß die Kunst so reicher Zeiten
Der Pöbel uns in Christi Nam zerstöre,
Es ist nicht not, das Thema auszubreiten,
Denn fraglos, daß der Wahrheit es gehöre.
Doch ihr Reflex, die Frevler zu bestrafen,
 

 

254
 
Schafft böses Blut und neue Bilderstürme,
Grad so wie eine Seuche tobt bei Schafen,
Am Ende gibt es nicht genügend Türme.
Ich dachte mir, wär Mäßigung zu finden
Den einen, würden auch die andern milder,
Nur dieser Weg vermags zu unterbinden,
Daß man die Säulen stürzt und alle Bilder.

SCHOLASTIKOS:
Eur Wunsch erscheint mir nobel, aber leider
Bin ich der rechte nicht, dies zu bestellen,
Einfühlungskraft dem Mechanismus beider
Partein müßt sich dem Überblick gesellen.
Ihr kanntet Theon doch, den großen Denker,
Die Tochter führt sein Werk in bester Reife,
Sie hat den Schneid, der jedem Ordnungskränker
Entpuppte sich als Wasserfaß und Seife.

OREST:
Unmöglich scheint, daß nach der Männer Zagen,
Die Frauenanmut schlüg die Feindesschiffe,
Mir ists beim Rat, den ihr mir angetragen,
Als ob ich nach Verzweiflungsankern griffe.

SCHOLASTIKOS:
Sie sprach vor Feldherrn, Fürsten und Verwaltern
Und im Museion herrscht sie unbestritten,
Sie eint die Weisheit heut aus allen Altern,
Und wenn ihr wollt, so werde ich sie bitten.

OREST:
Nun gut, ich will das Kunststück nicht verhindern,
 

 

255
 
Doch ohne mich, ich gehe jetzt zu Bette,
Vermag sie es, die Angriffslust zu mindern
Den Herren, ist mir gleich die Etikette.
Ich geb Befehl, daß alles werd bereitet,
Ihr sagt der Frau, sie trage Mut im Nacken,
Und auch, es gilt, wenn sie zur Sitzung schreitet,
Den Stier gleich bei den Hörnern anzupacken.


Sechste Szene.
Ajax, Teukros, Hypathia.

AJAX: Nun, dritte Runde, man versuchts mit Frauen!
Was für ein Aufwand für uns sture Biester!
Doch käm sie auch mit Augen, nordisch blauen,
Ich liebte dennoch keinen Christenpriester.

HYPATHIA (tritt auf):
Ein guter Tag, ich künde euch vom Geiste,
Der allem gibt Gestalt und Form und Flügel,
Ich denke neu ist euch vom Stoff das meiste,
Doch mit Geduld erklimmt sich mancher Hügel.

AJAX: Vom Christengeist braucht ihr nicht zu erzählen,
Wir sind nicht blind und schauen seine Taten,
Man kann gar nicht zu scharfe Waffen wählen,
Wenn eine Lehre ist so arg mißraten.

HYPATHIA: Der Gott der Philosophen ist kein Wesen,
Das offenbart wird oder angerufen,
Du kannst ihn nicht erfahren noch erlesen,
Allein im Denken steigst du seine Stufen.
 

 

256
 
Drum ist es völlig gleich, zu welchem Glauben
Erziehung sich und eigne Wahl verdichtet,
Ihr mögt nach Adlern spähen oder Tauben,
Der Geist nach gänzlich anderm Maß gewichtet.

TEUKROS: Was ist das für ein Geist, der euerm Meinen
Nach, völlig anderes als die Geister alle?
Mir will die große Absolutheit scheinen,
Als berge sie den Hinterhalt der Falle.

HYPATHIA: Nun, allen Dingen eignet das Verweilen,
Ob sie bewegt, ist Zutat und entbehrlich,
Jedoch der Geist muß unaufhörlich eilen,
Und bremst er sich, so wird er selber spärlich.
Ein Denken, das nicht denkt, ist nicht vorhanden,
Und jede Antwort ruft nach einer Frage.
Ich frage, habt ihr dies mir zugestanden,
Eh ich euch mit dem Folgeschlusse plage.

AJAX: Dies mag so sein, doch ist mir nicht begreiflich,
Wohin die Setzung des Begriffes ziele,
Ich rate, überlegt euchs gut und reiflich,
Und foppt uns nicht mit einem Kinderspiele.

HYPATHIA: Wenn hinter jedem Grunde einer lauert,
Der wiederum sich einem Grunde schuldet,
Lohnt nicht zu zähln, weil dies ja ewig dauert,
Doch daß dies alles grundlos, wird geduldet
Vom Geiste nicht, der selbst aus lauter Gründen
Den allerersten muß in sich entdecken,
Und darum muß die Schau der Gründe münden
Im Einen, das sich zeigt in allen Zwecken.
 

 

257
 
TEUKROS: Das Eine nennt ihr Gott in eurer Sprache
Und Ursach allem, was sich rings entfaltet,
Ihr meint den Samen, der erweckt das Brache,
Und sich in jeder neuen Form gestaltet.

HYPATHIA:
Ganz recht, doch seht, wenn dieser Geist Bewegen,
Entfernt er sich so wie der Pfeil vom Bogen,
Dies kommt als Grund, als erster, ungelegen,
Denn aller Folge wird der Grund entzogen.

TEUKROS: Ganz recht, ein Same kann nur einen Acker
Und nicht ein ganzes Dutzend überkeimen.
Wie also ist der Grund des Grunds der Packer
Des ersten, drauf sich alle weitern reimen?

HYPATHIA:
Ich bleib beim Pfeil, denn naht er sich dem Wilde,
Ists Grund, daß einem Pfeif der Bogen lache,
Dies ist nur möglich, bleiben wir im Bilde,
Wenn Wild und Bogen sind dieselbe Sache.
Es muß ein erster Grund im steten Wandel
Im Dreischritt uns gedacht sein und begründet,
Weil aller Geist, von dem die Rede handelt,
Ins Gegenteil, das mit ihm eines, mündet.

AJAX: Ihr sagt uns, Gott ist drei und eins, die Christen
Im Disputieren solches auch versichern,
Dies klingt mir nach des Hermes Kupplerlisten,
Die Plautus braucht, damit die Leute kichern.

HYPATHIA: Uralt sind solche Ahndungen der Dichter,
 

 

258
 
Plotin hat diese Lehre rein geschliffen,
Als Denkfigur, im Volke freilich schlichter,
Hat dieses auch die Kirche aufgegriffen.
Das brachte ihr gewaltige Konflikte
Und Schismen, Heräsien und Prozesse,
Doch daß sie sich in diese Fährnis schickte,
Beweist ihr Leben und nicht etwa Blässe.
Wenn aber aller Denkerstolz der Griechen
Im Christentume heute wird verhandelt,
Ists unrecht, dies als schimpflichen und siechen
Exzeß zu sehn, der nur von Unrat handelt.
Drum sagt der Philosoph, bei diesen Dingen
Scheid Schmerzliches der Vorderbühn vom Grunde,
Die Gegenwart bezeugt ein hartes Ringen,
Daß unser Reich sich einigend gesunde.

AJAX: Warum muß dann die Kunst zerschlagen werden,
Die doch vom Geist vor viel vorhergesehen?
Warum bemühn, daß Friede sei auf Erden,
Sich viele, daß die anderen untergehen?

HYPATHIA:
Bedenkt, als Bacchus uns gebracht die Rebe,
Zerrissen Orpheus rasende Mänaden,
Daß Joves als der Herr des Himmels lebe,
Kam Kronos ziemlich jämmerlich zu Schaden.
Zerstörung ist der Preis, daß etwas wachse,
Ihr seht den Pflug, doch nicht die spätre Ernte
Verfall und Aufblühn trägt die gleiche Achse,
Nicht leidlos sich der Himmelskreis besternte.

AJAX: Ihr weicht der Frage aus, warum die Dinge,
 

 

259
 
Die Sehnsucht, Ahndung, Fleiß uns einst gewoben,
Bestimmt sein, daß der Abgrund sie verschlinge,
Und Haß und Rachsucht in den Städten toben.

HYPATHIA: Ihr überschätzt die marmortoten Zeugen,
Gewiß wird man einst nach den Resten graben,
Das Leben kann der Herkunft sich nicht beugen,
Wir müssen alles lassen, was wir haben.
Die Dauer ist in Stelen nicht und Säulen,
Sie ist allein im Geist, der sich gestaltet,
Und wenn die Wölfe in den Tempeln heulen,
So ward der Ritus mürbe und veraltet.

TEUKROS: Was solln wir tun in diesem so Bewegten,
Wenn unser Geist das eigne Heim nicht findet?
Verstecken uns, bis sich die Wogen legten?
Abwarten, bis ein neuer Geist uns bindet?

HYPATHIA: Den Bogen der Versuchung auszuhalten,
Nimmt euch kein Philosoph mit seinem Wissen,
Wer uns auch heißt, die Hände fromm zu falten,
Wir bleiben aus dem Heil herausgerissen,
Ob sich der Sinn erst geb bei unserm Tode,
Ist in der Welt nicht gültig zu entscheiden,
Und einsam ist der Mensch bei der Synode,
Die immer wieder nur beschließt zu leiden.
Doch ist es klug, von Hoffart sich zu hüten,
Und allem Zorn die Herrschaft zu verweigern,
Denn sonst verliert man sich in seinem Wüten
Und sucht nichts mehr als dieses noch zu steigern.
Der Herr, der euch gestellt, sucht alle Härte
Im Kampfe der Ideen abzumildern,
 

 

260
 
Wer solchen Unterfangen sich versperrte,
Der droht dabei zum Tiere zu verwildern.

AJAX: Ihr stimmt mich doch bedenklich und verlegen,
Wenn das Museion stellt uns solche Weiser,
Dann bleibt uns wohl nur eins: uns zu bewegen
Ins Geistige und darum deutlich leiser.
Daß man die zweite Wange hinhalt einem Schläger,
Ist sinnvoll nur, wenn der vor Scham errötet,
Und dieses Neuen selbstbewußter Träger
Gewöhnlich ohne ein Bedenken tötet.
Doch mag es sein und nützlich zu probieren,
Mit milder Stimmung diesen See zu glätten,
Es gäbe Gründe sich dabei zu zieren,
Wenn wir im ganzen Spiele Wahlrecht hätten.
Ich zeig mich überzeugt, daß dies im Wahne
Gehofft ward, und ich zeig die Konsequenzen,
Ich füge mich dem Geist und seinem Plane,
Und bleib gelassen bei den Totentänzen.

TEUKROS:
Dies freut mich, denn auch mir ist aufgegangen,
Daß Narretei der Krieg um die Skulpturen,
So vieles ist seit alter Zeit vergangen,
Was machts, daß rascher sie zum Staube fuhren.
Wenn unser Stillsein Größerem die Wiege
Bewachen kann, so solls an Mut nicht mangeln,
Schon viel zu viel verlor die Stadt im Kriege,
Drum wird es Zeit, sich aus dem Sumpf zu hangeln.
 

 

261
 


ZWEITER AUFZUG
Platz vor dem Museion. Im Vordergrund zwei Schüler am Disputieren, ein Mädchen tritt hinzu.

Erste Szene.
Aison, Skotos, Sylvia.

AISON: Der Logos wird verfälscht, wenn wir ihn fassen,
Als personal im Vater und im Sohne,
Der höchste Geist mag nicht in Bilder passen,
Daß vorgestellt er uns im Herzen wohne.

SKOTOS: Das Heilige verwechsle nicht mit Zäunen,
Die unseren Sinnen wohl, sich ihm zu weihen,
Und findst du Stroh in ungezählten Scheunen,
So sagt dies nicht, daß keine Körner seien.
Daß Gott sei anzuschauen, scheint dir putzig,
Doch die Erlösung fordert die Verleibung,
Nichts nimmt dem Bild, daß tausend Bilder schmutzig,
Weil es gefeit vor jeglicher Vertreibung.

AISON: Gesichter brauchen Erbe und Beschränkung,
Darum steht keines außer der Geschichte,
So ist es für den Logos eine Kränkung,
Versiehst du ihn mit einem Angesichte.

SKOTOS: Es ist das Wunder, daß dem Menschenwesen
Nicht nur geschaffen ward Gestalt und Helle,
Der Schöpfer hat sich das Geschöpf erlesen,
Daß sie sich ihm gefährtenhaft geselle.
 

 

262
 
SYLVIA: Ihr Disputanten unterm Sonnenscheine
Seht nicht die Blumen farbig karikieren
Gelahrtheit, die sogar im Musenhaine
Nicht beßres weiß, als Augen zu verlieren.

AISON: Sie gibt mir recht, ich sag seit einer Stunde,
Daß alle Farbe, die da keimt und flügelt,
Den Geist vertraut uns aus berufnem Munde.
Du meinst, er sei in Golgatha gehügelt.

SKOTOS: Nein keineswegs, du insistierst vergebens,
Das Unsichtbare sei allein das Reine,
Ich aber bin der Anwalt allen Lebens,
Wo Christus mit uns lacht im Sonnenscheine.

SYLVIA: Ich glaub, ich seh das eine wie das andre
Als überspannt und greisenhaft gedrechselt.
Ihr tut der Welt, als ob ein Blinder wandre,
Drum werde wer das will mit euch verwechselt.
(Ab.)

AISON (spöttisch):
Du gäbest ihr mit blauen Hyazinthen
Mehr Himmel als mit deinem Galiläer.
Der Geist im Stoffe ist das Reich der Finten,
Und nur der Trug führt dich dem Heile näher.

SKOTOS (sichtlich unwillig):
Die Mädchen wie die Gänse zu verschrecken,
Taugt Logos wie ein Maul mit schwarzen Zähnen,
Du freilich liebsts, die Buben rings zu necken,
Und träumst von einem Hühnerhof von Hähnen.
 

 

263
 
AISON: Nur weil ich nicht bei jeder Gürtelschnalle
Ans Lösen denke und in Räusche kippe,
Ist mir nicht, wie du meinst, das Weib die Qualle,
Und meine schönste Aussicht die Xanthippe.
Hypathia, die uns nach der Mittagspause
Von Kegelstümpfen oder von Hyperbeln
Erzählen wird, ist meine Minne-Flause,
Für so ein Weib würd ich mein Heil verscherbeln.
Denn wenn die Frau, was selten ist, das Klare
Mit Anmut mengt und hohem Mut der Stimme,
Stelln sich mir unterm Chiton alle Haare,
Dann flötet meiner Mutter Sohn, der grimme.


Zweite Szene.
Aison, Skotos, Edom.

EDOM (herantretend):
Man disputiert, wie neid ich doch die Jungen,
Für die die Welt das blanke Abenteuer,
Nicht Kleinmut und Bescheidung wird gesungen,
Als Element herrscht unbedingt das Feuer.

SKOTOS: Wir streiten, obs den Reiz der Frauen mehre,
Wenn sie sich bilden und recht männlich geben,
Mein Widerpart meint stolz, daß ers begehre,
Mir gilts doch wider Fruchtbarkeit und Leben.

EDOM: Die Philosophen neigen zu dem Schlusse,
Daß Ihre Weisheit gelt in jedem Neste.
Was einem Glück, dem andern zum Verdrusse
Gereicht, drum sei die Vielfalt uns das beste.
 

 

264
 
AISON: Doch jede Vielfalt muß aus Einheit stammen,
Sonst irrt sie wie im Hades Seelenschatten,
Wenn alle Feuer nicht aus einem flammen,
Kann keinem sich der rechte Glanz verstatten.

EDOM: Du sprichst vom Einen und dann vom Homere.
Sag, wie verträgst du die Mixtur im Kopfe?
Vielgötterei und ungeteilte Ehre?
Sag mir den Lehm, daß ich die Lücke stopfe.

AISON: Das Eine ist der Logos ohne Schranke,
Das andre sind Gestalten, ihm zu dienen,
Unfaßlich ist, was ich dem Geiste danke,
Sein Antlitz ist ein Himmelreich von Mienen.
Der Mensch schafft sich geschichtlich seine Räume,
Den Aeon schafft die Tatkraft der Heroen,
Doch drüber weben das Gestad der Träume
Die Waltenden im Goldenen, im Hohen.
Sie blendet nicht der Sterblichkeit Gesetze,
Sie müssen um die Jugend niemals bangen,
Und dennoch ist wie wir in einem Netze
Auch Höchstes, das uns offenbar, gefangen.
Der Logos, der erschafft, was ihn begründet,
Vereint, was schrecklich uns umgibt und wohlig,
Ihn meint, was sich beginnt und was da mündet,
Drum steht die Welt zum Geiste parabolisch.

EDOM (nach einer Pause):
Wenn ich den Vortrag also recht begreife,
Ist dein Prinzip des Einen aller Regung
Entbunden, und das Urgesetz der Reife
Erscheint dir ohne Mitleid als Bewegung?
 

 

265
 
AISON: Jawohl, wenn Christen Mitleid, Gnade, Güte
Ins Schöpferische projiziern, so machen
Sie aus dem ganzen Baum nur eine Blüte,
Solch ein Verkleinern frommt allein dem Schwachen.
Denn wo ein Gut ist, ists nicht weit zum Neide,
Das Böse ist nicht krüppelhaftes Gutes,
Nicht kleiner ist für sein Gesind die Weide,
Sowohl das Kleid der Feigheit wie des Mutes
Ist ihm so frei wie Frommen und Gerechten.
Drum ists dem Guten allezeit gewachsen.
Wenn wir das Gute in das Höchste dächten,
So rechneten das Böse wir zum Laxen.

EDOM: Der Blick auf Gut und Böse ist im Auge
Höchst unvollkommen, voll von Hindernissen,
Zu welchem Wohle die Zerstörung tauge,
Kann jeder, der befangen ist, nicht wissen.
Drum soll man nicht gebannt aufs Böse starren
Und lieber sich am Herrlichen erfreuen,
Das Richteramt macht manchen Kopf zum Narren,
Doch nie bezwingt die Höllenglut den Treuen.

SKOTOS: Dies seh ich auch, das Redliche und Rechte
Sagt sich von selbst und sagt sich ungezwungen,
Daran erkennt der gute Geist das Schlechte,
Es ist vom Wahne der Mission durchdrungen.

EDOM: So weit würd ich nicht gehn, wem als Gewisses
Erscheint, was er im Glauben hat errungen,
Der duldet nicht, ihm grad das Herz zerriß es,
Ist anderswem der Irrtum aufgezwungen.
Drum bete ich, daß unser Herr erhelle
 

 

266
 
Die Häupter, die von seinem Heil nichts wissen,
Und möchte an vertaner Bitten Stelle
Die Rosen seiner Gnade nicht vermissen.

AISON:
Dies sei euch frei, auch wenn ich frech vermute,
Solch ein Bemühen hält das All für Grillen,
Was euch beseelt und brodelt euch im Blute,
Wirkt niemals einen Deut an Gottes Willen.
Drum rat ich sich zu fügen ins Gesetzte,
Wer weise ist, der will die Welt nicht ändern,
Gar mancher Mut, den ich ansonsten schätzte,
Verlor sich ganz im Nebel an den Rändern.


Dritte Szene.
Aison, Skotos, Edom, Jakob.

JAKOB: Der Segelmacher schwätzt am hellen Tage,
Grad wie Sokrates täglich tat am Markte?
Ist dieses Flucht aus Widrigkeit und Plage
Dem Fleiße, der so froh sein Feld beharkte?

EDOM: Wir streiten um die Güte des Alleinen,
Der junge Mann schauts ohne Ziel und Gnade,
Er hindert seine Seele stolz am Weinen,
Ihr wäre wohl, wie meinem Kreuz im Bade.

JAKOB: Die Güte des Alleinen ist gegeben.
Dies ist der Stern, nach dem wir täglich steuern.
Wirds knapp, versiegt die Freude und das Leben,
Denn ohne Gut kein Segeln und kein Heuern.
 

 

267
 
AISON:
Der Geist ist nichts zu schwelgen und zu geizen,
Er ist kein Mittel für den Zweck der Zwecke,
Er läßt sich nur von seinesgleichen reizen,
Und teilt sich nicht mit Lug und List die Decke.

JAKOB: Mit Geistern ist ein Schiff nicht zu bestücken,
Und Geisterschiffe niemand kauft und mietet,
Ob hoch ob klein, kein Mensch ist zu beglücken
Mit den Gespinsten, die die Ethik bietet.
Ich will euch sagen, wer der Herr der Welten,
Das Gold ists stets, und wögs in eurer Tasche,
So wohntet ihr nicht in Gespensterzelten,
Und fröntet nicht der Hinterweltlermasche.

AISON: Ich bin für Makler und Geschäftemacher
Kein Redner, und die Zeit ist fortgeschritten,
Auch taug ich nicht zum Edelmut-Entfacher,
Drum bleibt mir, um Entschuldigung zu bitten.
Wir kehren, uns an Prüfungen zu reiben,
Die einem Schüler sind die Welt der Welten,
Drum scheint mir keine Mußestund zu bleiben,
Zu schaun, welch Maße andern Ortes gelten.
(Mit Sktotos ab.)

JAKOB: Was hast du mit den Schülern hier zu schaffen,
Grünschnäbel sinds, erträglich nur im Chore,
Der Klügste wird gewißlich rasch zum Affen,
Steht Absicht nicht als Wächterin im Ohre.

EDOM: Seit ich zu Christo fand in meinem Herzen,
Hab ich den Wunsch, die Schulen zu begreifen,
 

 

268
 
Die hin und her in Übermut und Schmerzen,
Sich wider seinen Gnadenborn versteifen.

JAKOB:
Dacht ich mirs doch, denn eine Narrheit fruchtet
Der nächsten und so weiter. Meid die erste!
Ich seh, wie sich die Stirn dir mählich buchtet,
Und sorg mich, daß sie eines Tags dir berste.

EDOM: Warum hängst du so zäh am alten Muster
Und weigerst dich, die Gabe anzunehmen?
Glaub mir, du lebtest reifer und bewußter,
Würdst du dich zur Veränderung bequemen.

JAKOB: Du irrst! Denn würde ich mein Volk verlassen,
Gewönn ich nichts als blanken Hohn und Schande,
Denn alles was mich nährt und meine Kassen,
Das sind und bleiben die Familienbande.

EDOM: Was sprichst du von Familie, wo dein Vater
Schon lange tot und niemals sprachst von Vettern,
Mir scheint es ein erbärmliches Theater,
Hör ich dich die Familienhymne schmettern.

JAKOB: Mein Volk ist mir Familie, denn die Söhne
Von Abraham sind wir in allen Landen.
Mir scheint, bei diesem christlichen Gestöhne
Kam Weisheit dir der Muttermilch abhanden.

EDOM: Das Volk, von dem du sprichst, eine Chimäre.
In allen Völkern macht ihr Proselyten,
Das Judenvolk längst ausgestorben wäre,
 

 

269
 
Wenn sich die Talmudisten nicht bemühten.
Die Religion ist ebenso wie meine,
Dem frei, der froh, zur Bruderschaft zu zählen,
Drum sprich mir nicht von einem alten Weine,
Wir sollten frei die beßre Lehre wählen.

JAKOB: Kein Volk ist frei von jeglichem Vermengen,
Daß man ihm deshalb Existenz bestritte,
Ist ein Konstrukt, wenn Feinde die bedrängen,
Die Gottes Bund hat ausersehn zur Mitte.

EDOM: Ein neuer Bund, der frei vom Bruderzwiste,
Dem Streit ums Erbe, der Geschlechter spaltet,
Daß einer nicht den andern überliste
Und Segen überm Reich des Friedens waltet!

JAKOB: Ein neuer Bund, drum kündige den alten!
Ein Träumer, der bei Philosophen döste!
Nicht einen Tag würd mein Geschäft sich halten,
Wenn ich vom Volke Abrahams mich löste.
Nur wer im Volk der Auserwählten fechtet,
Hat Glück bei Handel, Zins und seine Mannen
Sind überall, wenn er mit Neidern rechtet,
Du aber ziehst mit dem Geschmeiß von dannen.


Vierte Szene.
Edom, Jakob, Hypathia.

HYPATHIA: Ein schöner Tag, die Herren debattieren,
Die Wissenschaft kann auch den Händlern frommen,
Und wenn sie ihre Schritte hier verlieren,
 

 

270
 
So lad ich ein zum Unterricht zu kommen.
Wie haben geometrisch im Programme
Heut Kegelstümpfe, auch aus Gold zu schenken,
Wir fragen hierzuland nicht nach dem Stamme,
In diesem Hause herrscht allein das Denken.

JAKOB: Sehr freundlich dünkt mich euer Unternehmen,
Doch glaubt, die Wirtschaft scheffelt die Sesterzen,
Die forschen lassen nach den Ursachs-Schemen,
Nach Sternenwegen oder Dichterscherzen.
Eng sollten drum die Wirtschaft und das Wissen
Verzahnt sein, daß da eins dem andern fromme,
Denn ist der Faden dieses Bunds gerissen,
Ists möglich, daß die Heiterkeit verkomme.
Aus hohen Häusern, hört ich, stammt die Jugend,
Die ihr belehrt und sorgsam unterrichtet,
Doch abgehoben dauert keine Tugend,
Drum seid zu gutem Fundament verpflichtet.

HYPATHIA:
Was meint ihr für ein Fundament der Lehre?
Dem Haus ist gut und frohgemut die Seelen.
Was zu bedenken, gebt ihr mir die Ehre,
Ihr solltets meiner Neugier nicht verhehlen.

JAKOB: Die Elternhäuser haben zu entscheiden,
Wie man das Meer bereis und Waren bringe,
Am Zweifel, was das beste wär, zu leiden,
Ist oft das allerärgste aller Dinge.
Da wär es Glück und herrlichstes Vertrauen,
Höb eine Stimme sich aus grauem Schweigen,
Auf Philosophen-Ratschlag aufzubauen,
 

 

271
 
In dieser Stadt die Unternehmer neigen.
Die Schiffe, die ich seit Jahrzehnten makel,
Sind vielgerühmt im Orient wie im Westen,
Drum braucht es nicht Auguren und Orakel
Zu sagen, daß sie sicherlich die besten.
Es wär im Sinne aller eurer Schüler,
Ihr würdet die Empfehlung oft erwähnen,
Ich weiß, behutsam streckt ihr aus die Fühler,
Drum klingt das Wort wie der Gesang von Schwänen.

HYPATHIA: Die Welt der Postulate und Axiome,
Die mich der Vater lieben ließ und schöpfen,
Entfernte mich der Welt der Hippodrome,
Und so dem Weg zu vielen Futtertöpfen.
Ob eure Schiffe bestens oder mäßig,
Hab ich kein Urteil und auch keine Frage,
Auch ist mein Haushalt nirgends so gefräßig,
Daß ich als Preis eur Herzensbündel trage.

EDOM: Entschuldigt, daß ich mich dazwischensetze,
Ich muß es, um mich schleunigst zu empfehlen,
Ihr meint wohl, daß ich seine Klinge wetze,
Drum will ich nicht das Gegenteil verhehlen.
Ich schwatzte hier mit Schülern über Lehren
Der Philosophen und auch kleinrer Geister,
Er trat hinzu, statt meinen Teil zu ehren,
Erscheint er mein Versorger oder Meister.
Dies ist nicht so und seine Selbstreklame
Ist mir verdrießlich und nicht auszuhalten,
Drum geht mit guten Wünschen euch mein Name,
Denn ich hab noch an anderm Ort zu walten.
(Ab.)
 

 

272
 
HYPATHIA: Ich will die Unterredung auch beenden,
Die Schüler schaun schon, daß die Sonne dunkler,
Ich hab noch Seiten meines Buchs zu wenden,
Eh dies besorgen Mantiker und Munkler.

JAKOB: Verzeiht, ich fiel wohl gradzu mit der Türe
Ins Haus, und sagte nichts von meinem Teile,
Es wäre arg, wenn euer Werk erführe
Nichts von der Sorg, die not zu seinem Heile.

HYPATHIA: So sagt mir dies, jedoch in aller Kürze,
Ich halte nichts von Längen und von Fluchten,
Mit Epigrammen ich den Alltag würze,
Sonst wäre sein Gebirge nicht zu wuchten.

JAKOB: Die Stimmung in der Stadt ist aufgeladen.
Man fordert: Werft ins Meer den Heidenkrempel!
Und man verschwört sich auf geheimen Pfaden
Und sinnt Zerstörung für den Musentempel.
Weil ich ein Freund von Büchern und Gelehrten,
Vertraut euch meinem wohldurchdachten Schutze!
Glaubt nicht, allein die Ordnungshüter wehrten
Dem Unverstande und dem Gassenschmutze.

HYPATHIA: Ich hab den Handel allzugut begriffen,
Ich werbe, daß die Eiferer nichts täten.
Zu Pluto fahrt mit euern Segelschiffen,
Dem liegt gewiß an euren Qualitäten.
Und merkt euch gut, eh ich das Haus beklecker
Mit eurer Schnödheit, geh ich gern zugrunde,
Und sieht der Garten nochmals den Verzwecker,
Begrüßen ihn die aufgehetzten Hunde. (Ab.)
 

 

273
 
JAKOB: Wie töricht, die so viele weise nennen,
Sie rennt ins Unglück mit geschraubten Phrasen,
So mancher hälts entbehrlich mich zu kennen,
Doch mancher Fuchs erkennt sich dann als Hasen.
Man läuft davon, als hätt ich nichts zu geben,
Als wär ein Hirngespinst die ganze Flotte,
Dem klugen Mann gehörte stets das Leben,
Ihr Narren fahrt dahin zu euerm Gotte.
Was seh ich dort? Wer kommt da hergelaufen?
Der erste Leser ists von der Gemeinde,
Nur soll er wissen und der ganze Haufen,
Wer nützlich sei zum Freunde und zum Feinde.
(Er winkt den Vorleser herbei.)


Fünfte Szene.
Jakob, Petros.

PETROS: Was für ein Ort? Was macht ihr an der Pforte,
Wo gären die vergifteten Gedanken?
Unheimlich ist dem frommen Mann am Orte,
Wo sich die Bösen treffen mit den Kranken.

JAKOB: Ich such den Feind, für euch zu spionieren,
Und wahrlich, diesem Weg glich im Ertrage
Wohl keiner, den die Lorbeerkränze zieren:
Viel schlimmer als wir fürchteten – die Plage!

PETROS: Ihr macht mir angst vor diesem Epistyle.
Die Wege unsers Herrn sind so verborgen.
Kaum daß ich mich erleichtert einmal fühle,
Schon bringt der Tag mir neuerliche Sorgen.
 

 

274
 
JAKOB: Orest fiel um und mit den Götzendienern
Sinnt er gemeinsam, Christus zu vernichten,
Und die Allianz von Schelmen und Schlawinern
Preist künftgen Sieg in Liedern und Gedichten.

PETROS: Wie frech! Ich werde dies dem Bischof sagen.
Er schreibt dem Kaiser, daß der Spuk sich ende.

JAKOB: Es ist zu spät, beim Kaiser anzuklagen.
Ihr überlebt, nehmt ihrs in eigne Hände.
Zum Bischof schickt der Präfekt die Hetäre,
Der, auch ein Mann, bei diesen Weiberlisten,
Nicht mehr erkennt, was recht und billig wäre,
Und was zum Schutze nottut unsern Christen.
Und Ajax sammelt Schwerter, Lanzen, Äxte
Für seine Schar und für das große Schlachten,
Seit die Hypathia den Präfekt behexte,
Die Hurenpriester nutzen Söldnertrachten.

PETROS: Wer soll da noch erkennen, wer dem Kaiser
Gehorcht und wer allein dem Höllenfürsten,
Furchtbar erkenn ich des Martyriums Weiser,
Die Heiden, die nach unserm Blute dürsten.

JAKOB: Die schlimmste ist Hypathia, ihre Stimme
Ist Luzifer im Dunkel der Mithräen,
Der Endzeitdrache zagt vor ihrem Grimme,
Nach Schierling und nach Krötengift zu spähen.
Ist sie gebannt, so dürft ihr weiter hoffen,
Doch kommt sie euch zu Wort, kann sie versteinen
Den Stärksten, den ein Zweifel nie getroffen,
Und euch bleibt keine Zeit mehr, ihm zu weinen.
 

 

275
 
PETROS: Ich eile, daß Alarm die Glocke schlage,
Wir werden uns dem großen Angriff rüsten,
Der große Rat noch vor dem Dämmer tage,
Daß er erfahr von höllischen Gelüsten. (Ab.)

JAKOB: So laufe, Narr, und trage meine Flagge,
Phantastisch weiß die Angst sie auszuschmücken,
Ziert sich die Holde, mach ichs mit dem Packe,
Es ist wohl Zeit, gepanzert vorzurücken.
Doch da? Ists nicht Beweis für Jahwes Güte?
Da kommt der nächste Fackelträger eilends,
Er führt mir aus, was ich an Schrecken brüte,
Der flinkste Läufer kennt den Sinn Verweilens.
Doch freilich steh ich hier wie eine Spinne
Im Mittelpunkt des Netzes aller Heiden,
Drum fällt mir zu, was immer ich beginne.
Sie wollen einfach alle nichts als leiden. (Winkt.)


Sechste Szene.
Jakob, Ajax.

AJAX: Was macht der Händler an der großen Schule?

JAKOB: Hypathia sucht nach neuen Allianzen,
Denn Arges braut sich in der Schweinekuhle.
Ich schwieg gar viel zu lange zu dem ganzen.

AJAX: Nun besser spät als nie am rechten Ufer!
Ich hielt die Juden stets für unbetroffen
Vom heilgen Krieg der Wider-Götzen-Rufer.
Nun ist mein Ohr für neue Töne offen.
 

 

276
 
JAKOB: Sie wollen alle Völkerschaft vernichten,
Die Griechen, die Ägypter, die Germanen,
Und keiner soll mehr Iliaden dichten,
Wenn sie sich Raum zu ihrem Weltreich bahnen.
Da wärs ein Trug und frevlerisches Träumen,
Zu meinen, daß den Juden sie verschonten,
Sie werden unser Volk beiseite räumen
Und ganz allein in unserm Tempel wohnen.
Dies weiß ich, also müssen alle Stämme,
Ob feindlich sonst, zusammenstehn und wehren
Den Mitleidstrick der schwarzen Echsenkämme,
Die alles was uns wertvoll scheint entehren.

AJAX: Ists wirklich so? Zwar sehe ich Tendenzen
Zum Machtrausch, zur Kontrolle der Gemüter,
Doch hält sich die Verfolgung sehr in Grenzen
Seit Jahrn und niemand greift an unsre Güter.
Zwar ist die Vorsicht stets ein guter Rater,
Doch Panik führt zu unbedachten Schritten,
Drum lausche auch Empedokles am Krater
Zunächst auf das Vermächtnis eines Dritten.

JAKOB: Orest hat sich von Petros, diesem Hetzer,
Beschwatzen lassen, euch den Mund zu stopfen,
Der Bischof meint, ein neuer Zeichensetzer
Soll die Gedanken dieser Stadt vertopfen.
Dies deutet ganz auf blutige Exzesse,
Versicherungen kauft man schon statt Schiffen,
Hypathia nur mit galliger Noblesse
Hat diesen ganzen Ernst noch nicht begriffen.

AJAX: Der Petros? Dieser kleine dumme Kläffer,
 

 

277
 
Der soll im Ernste den Orest beschwatzen?
Ich glaubs nicht, denn nur Nasen reizt der Pfeffer,
Und einen Adler lockt man nicht mit Spatzen.
Ich werd Hypathia fragen in der Sache,
Und dann bei dem was nötig ist nicht wanken,
Doch eh ich mich in ihren Tempel mache,
Möcht ich ganz herzlich für die Warnung danken.

JAKOB: Hypathia, ja, es ist mir mehr als peinlich,
Recht unschick hab ich mich bei ihr benommen,
Sie führt ihr Haus gewissentlich und reinlich,
Ich suchte Protektion hier zu bekommen.
Dies hat sie mir verübelt, drum erwähne
Die Quelle nicht, die euch Gefahr verraten,
Sonst hält sie für das Liebeslied der Schwäne
Die Nachricht, die gebracht von solchem Paten.

AJAX: Ja, das Geschäft! Das kann sie nicht vertragen.
Ich dank für eure Offenheit, verschweigen
Werd ich den Bringer der geballten Klagen
Und mich nur einfach unterrichtet zeigen.
Wir bleiben in Verbindung, abzustimmen
Sind sorgsam alle Finten und Gerüchte,
Im braven Karpfen seh ich Gluten glimmen,
Daß er sich einen ganzen Haifisch züchte.
 

 

278
 


DRITTER AUFZUG
Im Arbeitszimmer des Statthalters wie im ersten Aufzug.

Erste Szene.
Orest, Hypathia, Scholastikos.

OREST: Ich ließ euch rufen, weil in großer Sorge
Ich um den Frieden dieses Landes ringe,
Und wenn ich Rat von Philosophen borge,
Erhelln sich auch vielleicht die andern Dinge.
Nicht deutlich wird die Richtung in dem Drohen,
Das mehr und mehr die ganz Stadt durchrüttelt,
Die Grenzen zwischen Niederen und Hohen
Erscheinen mit zerklüftet und geschüttelt.
Mir lag noch niemals der verlorne Posten,
Drum such ich Klarheit, was die Zeit bedeutet,
Es geht nicht mehr um Kränkungen und Kosten,
Es geht darum, daß sich die Schlange häutet.

SCHOLASTIKOS:
Es scheint, als ob ein namenloser Hetzer
Umhergeht, alles zu verwirrn, zu trügen,
Daß jeder sieht im Feind den Klingenwetzer,
Verdankt sich oft den ausgestreuten Lügen.

HYPATHIA:
Es gibt die Meinung, daß in der Geschichte
Der Geist sich ausdrück und bestimm die Ziele,
Daß er den einen laß und den verpflichte,
Die Menschen aber nie durchschaun die Spiele.
 

 

279
 
In dieser Meinung sagt der Schulen eine,
Zerstörung sei je früher desto besser,
Dann käme erst der Geist mit sich ins reine,
Denn für den Menschen hülfe nur das Messer.
Die andre aber sieht in Schlächtereien
Katharsis, daß die beßre Welt entstehe,
Der Geist wird sich vom Dunkelstern befreien,
Der Mensch sich neun vom Scheitel bis zur Zehe.
Ich glaube nicht an ein Gesetz im Werden
Als an die Welle, der Gebirg und Täler
Sich wechseln wie ein Fluch und fette Herden,
Und deren Weite breiter mal und schmäler.
Was dauern will, dem ist zuvörderst eigen
Das Gleichgewicht von Halten und Verlieren,
Drum gibt es keine Richtung aufzuzeigen,
Und närrisch ists, nach Künftigem zu gieren.
Der Geist trifft die Geschichte nur im Täter,
Im selben freilich geht er auch verloren,
Drum frage nicht nach früher oder später,
Du selbst bist heut zu deiner Tat erkoren.
Was wir beginnen, nennt sich die Geschichte,
Wenn es gelang und auch wenn es mißraten,
Drum spricht der Geist kein Wechseln der Gewichte,
Er spricht wenn überhaupt dann nur in Taten.
Bevor wir tun, sei Frage, was wir wollen,
Denn ohne ein Motiv wird nichts geschehen,
Drum achte nicht, was für Gewalten grollen,
Du solltest eher in den Spiegel sehen.

OREST: Wir wollen, daß die Ordnung sich erhielte,
Die Waffen pflegen einzig zur Parade,
Den Gleichklang und nicht die wer weiß wievielte
 

 

280
 
Verwirrung wo der Speck und wo die Made.
Die Einsicht, daß die Welt zwar nicht vollendet,
Doch besser als ein Schlachtfeld voller Leichen,
Die Einsicht, daß genug das Blatt gewendet,
Und unzerstörte Dinge länger reichen.

HYPATHIA: Eh dich die Woge schlingt und überflutet,
Benutze sie, dein leichtes Boot zu tragen,
Wenn diese Stadt im Innersten verblutet,
Ists nötig, größre Brücken aufzuschlagen.

OREST: Ich schrieb Kyrill und jedesmal vergebens,
Er möge mich beim Kaiser unterstützen,
Doch dieser, diese Krankheit meines Lebens,
Sagt gradezu, dies würde doch nichts nützen.
Ich hätt es eben sträflich unterlassen,
Die Tempel und die Schulen hier zu schließen,
Wenn drum die Dinge nicht zusammenpassen,
Seis Wunder grad, wenn mich die Sorgen ließen.

SCHOLASTIKOS:
Vielleicht ist dieser Mann doch umzustimmen,
Und nur nicht, wenns verlangt von eurer Feder,
Oft bannt ein Blick, ein kleines Wort den Grimmen,
Dem Käferkrabbeln beugt sich selbst die Zeder.

OREST: Ihr ratet mir zu einem klugen Boten,
Vermutlich weiblich, wenn ichs recht verstehe,
Der soll den dicken Brocken uns verschroten,
Daß ich ihn krieg zum Segen und zur Ehe.
Das trifft sich gut mit eigenem Erwägen,
Auch glaub ich, ist der Bote nicht erschrocken,
 

 

281
 
Ja, manchmal führn zu Tal auch breite Schrägen,
Die Zeit ist um, daß wir zusammenhocken.

SCHOLASTIKOS: O ja um das Museion uns zu retten,
Hypathia reis mit Weiblichkeit und Witzen,
Sie wird den stolzen Mann auf Rosen betten
Und nicht versäumen, seine Haut zu ritzen.

HYPATHIA:
Wer Taten preist, kann, wenn an ihm die Reihe,
Nicht Ausflucht und Verhinderung bemühen,
Wenn ich mich diesem Löwenzwinger weihe,
Gibts einen Zeitpunkt nur dafür, den frühen.
Drum steht mit frischen Pferden hier mein Wagen,
Sie stampfen schon, sie sind schon unterrichtet,
Was sein soll, wird der Kluge nicht vertagen,
Denn wer vertagt, hat oft damit verzichtet. (Ab.)


Zweite Szene.
Orest, Scholastikos, Petros, Hauptmann.

HAUPTMANN:
Besuch, mein Herr, es ist der erste Leser
Der christlichen Gemeinde, der euch bittet,
Zur Rüste mahnte Paulus die Epheser,
Nicht rätlich wärs, wenn ihr dagegen strittet.

OREST: Er trete ein, wir faßten die Beschlüsse
Grad eben und sind frei für neue Klagen,
Denn daß es eine Klage werden müsse,
Entbehrlich scheint, bei diesem Gast zu fragen.
 

 

282
 
PETROS: Ihr habt bereits Besuch in euerm Hause,
Dann werd ichs später noch einmal versuchen,
Auch leid ich nicht, daß ihr ganz ohne Pause
Müßt richten, überwältigt sein und fluchen.

OREST: Dies ist ein Mann der Kirche, zum Chronisten
Ward er bestallt und schreibt von unsern Taten,
Damit in spätern Zeiten mal die Christen
Beurteiln, ob sie recht und fromm geraten.

PETROS: So ist mir recht, daß er das Wort vernehme,
Das zu berichten ich euch hab vom Rate,
Es heiße nicht, daß wir in dunkler Feme
Den Weltkreis unterschieden vom Quadrate.

OREST: Ich schätze stets den Rat von frommen Leuten,
Daß Christi Botschaft sich erfüll mit Leben,
Und daß die Frömmsten Licht und Klarheit scheuten –
Ich würde auf solch böses Wort nichts geben.

PETROS: Ja, klar und fromm bericht ich von Bedenken,
Es heißt, der Heidentempel ungeschliffen,
Hätt wieder Lust, den Lauf der Zeit zu lenken,
Und hätt die Duldung als Fanal begriffen.
Auch gibts Gerüchte, ihr als unser Hirte
Wärt nicht nur läßlich sondern unentschieden,
Wer eure Stellung freundlicher bewirte,
Dies läßt das Öl in manchem Hause sieden.

OREST: Dem Philosoph, der Kegel und Ellipsen
Berechnet und die Bahnen der Planeten,
Steht ferner nichts, als Götzen aufzugipsen
Und dann zu tun, als hülf das dem Erflehten.
 

 

283
 
Die Wissenschaft steht auf dem festen Grunde
Der Kirchenväter, der Apostelschriften,
Und bös sind die Gerüchte in der Runde,
Daß Glaub und Wissen auseinanderdriften.
Drum gibts nicht Grund, die Forschenden zu meiden,
Wenngleich es meine Pflichten kaum erlauben,
Mich am Genuß der Wissenschaft zu weiden,
Ich müßte Zeit dem Dringlicheren rauben.

PETROS: Wir haben nicht Probleme mit den Kegeln,
Mit Zahlen, Linien und mit Scherenschnitten,
Doch manch Gesicht, bekannt von vielen Freveln,
Wird im Museion ehrenhaft gelitten.
Ich werde gern konkreter: Ajax, Heide,
Korinther, der Gemeinde dort Verächter,
Läuft stolz als wärs in einem Feierkleide
Und nennt sich gern den unerschrocknen Fechter.

OREST: Ich hatt ihn in Gewahrsam und geloben
Ließ ich ihn Beßrung allzeit im Betragen,
Und zeigt ers nicht, er hat sich überhoben,
Und wird gewiß kein böses Ding mehr wagen.

PETROS: Zur Taufe kam er nicht und um Verzeihen
Hat er die bös Geschmähten nicht gebeten,
Drum scheints, als sänn er unverzagt im Freien
Die Christenschaft genüßlich zu zertreten.

OREST: Kyrill hat uns mit klarem Wort befohlen,
Zur Taufe werde niemand hier gezwungen,
Was sonst ihr bringt an ausgebrannten Kohlen,
Ist dem Vermuten künstlich abgerungen.
 

 

284
 
PETROS: Ihr könnt uns die Bedenken nicht zerstreuen,
Wenn ihr die Sorgen nehmt als Dunst und Nebel,
Wenn wir uns eures Schutzes nicht erfreuen,
So suchen wir nach einem andern Hebel.

OREST: Ich schütze euch, wenn ich erhalt den Frieden,
Dies fordert Maß im Zweifel, im Vertrauen,
Drum sorgt, daß Öl nicht anbrennt, will es sieden,
Und fahret dort, die Kirche aufzubauen.
(Ein großer Stein wird durchs Fenster geschleudert und zertrümmert einen hölzernen Schemel.)
Die Wache! Riegelt Tore ab und Läden!
Ein Aufstand! Bogenschützen an die Mauer,
Ich weiß zwar nicht, wer tückisch spinnt die Fäden,
Doch zeigt sich Rom als der Dazwischenhauer!

HAUPTMANN: Befehle wurden ausgeführt, doch keiner
Der Feindesrotte läßt sich grade blicken,
Doch eh sich hier erhebt ein zweiter Steiner,
Wird ihn ein Pfeil ins Höllenfeuer schicken.

OREST: Ihr seht, wir sind gerüstet und entschlossen,
Wer Krieg will, wird am Galgen es bereuen,
Zwar wurde mir ein leerer Stuhl zerschossen,
Jedoch den Täter wirds nicht lange freuen.

PETROS: Ich seh hier weder Schutz noch gute Rüste,
Mir galt der Anschlag, und der Herr alleine
Sagt mir, daß ich euch gar nichts danken müßte,
Er lenkte zu dem anderen Stuhl die Beine.
Selbst wenn ihr fern dem Mordsgezücht der Heiden,
So gabt ihr zum Verdacht Verrates Gründe,
 

 

285
 
Drum rat ich euch, um Ärgres nicht zu leiden:
Bereut und büßt den Zweifel und die Sünde!

HAUPTMANN: Obgleich der Mob gewaltig aufgeladen,
Die Botin kam gesund durch alle Gassen,
Allein der Wagen nahm geringen Schaden,
Erst morgen früh kann er die Stadt verlassen.

PETROS: Was hör ich? Boten? Was gibts zu berichten?

OREST: Der Bischof hat verlangt, daß man ihm sage,
Was hier geschehn für seltsame Geschichten,
Drum sandt ich den Bericht, daß man nicht klage.

PETROS: Der Stein, die Botin, finstere Intrigen,
Ich hab genug von Lästerung und Lüge,
Nicht hier im Haus soll meine Leiche liegen,
Ein jeder seinen eignen Acker pflüge. (Ab.)

SCHOLASTIKOS:
Ich hab gelauscht und wende mich zum Gehen,
Die Stadt ist voll vom Stoff für den Chronisten,
Ich nutz den Dämmer, um das Volk zu sehen,
Die Hoffnungen, die Zweifel und die Listen.


Dritte Szene.
Orest, Schreiber.

OREST: Man mache Licht und bringe einen Schreiber!

SCHREIBER: Ich steh bereit zu eurem Briefdiktate.
 

 

286
 
Sagt mir die Schrift! Für Krieger oder Weiber?
Sagts gleich, daß ich nicht Pergament verbrate.

OREST: Ich spreche zu Kyrill, dem Kirchenmanne.
Ach nein, ich sprech auf kurzem Weg zum Kaiser,
Er mag entscheiden, ob er mich verbanne
Oder zum Frieden lenkt die höchsten Weiser.
(Pause.)
So schreibt: zur Fastenzeit im Jahr vierhundert
Und fünfzehn bittet der Präfekt den Hirten
Um Weisung, weil das Treiben rings ihn wundert
Und ausschaun läßt als einen ganz Verwirrten.
Nein, dies ist ganz und gar nicht recht geworden,
Der Kaiser ist kein Rater für den Wunden,
Er schickt uns Truppen oder einen Orden,
Jedoch die Weisheit hat er nicht erfunden.
Geht fort, zum Schreiben ist mir nicht zumute,
Ich stehe vor den Trümmern der Karriere,
Ich wate bald im Unrat und im Blute,
Und hab dies zu verschulden noch die Ehre.
(Der Schreiber geht ab. Es wird ringsum dunkel, die flackernden Ampeln erloschen während des Monologes nach und nach, so daß die Szene immer gespenstischer wird.)
Den Musentempel hab ich nicht geschlossen,
So sagts der Bischof mit erhobnem Finger,
Die Prediger und ihre Spießgenossen
Sehn folglich lauter weitre krumme Dinger.
Nun mag zwar stimmen, daß aus einer Sünde
Unzählge sprießen, weigert sie die Reue,
Doch worin hier der Sündenfall bestünde,
Frag ich mich früh und abends stets aufs neue.
Daß sie die Tochter sein der Mnemosyne,
 

 

287
 
Ist der Verehrung und Kultur entbehrlich,
Hesiod braucht fürs System die Himmelsbühne,
Jedoch sie selbst sind menschentreu und ehrlich.
Die Klio, der Scholastikos ein Jünger,
Ist ganz gewiß dem Heiland keine Götze,
Das Wahren des Vergangnen stellt den Dünger
Und auch Apostel brauchen Marmorklötze.
Die Melpomene, in Tragödien sprechend,
Gestaltet Schrecken, drin uns lechzt nach Gnade,
Die unverdient aus Wolkenhimmeln brechend
Uns wählen läßt die tugendreichen Pfade.
Die Terpsichore mag als Leichtsinn gelten
Der Grübler, der die Augen sich vermauert,
Doch Christus spricht von tänzerischen Welten,
Darin der Frohsinn unaufhörlich dauert.
Thalia, deren Krummstab unsre Hirten
Sich abgeschaut, bezeugt das Gottvertrauen
Und sagt: der Herr wird jeden Gast bewirten,
Denn grün und fruchtbar sind die Himmelsauen.
Euterpe, die im Flötenspiel uns heitert,
Verleumder sagen Kupplerin des Buhlen,
Doch wenn sie uns das enge Herz erweitert,
Besteht nicht Anlaß, sich im Schmutz zu suhlen.
Erato weckt die Sehnsucht mit der Leier –
Ist unser Glaube nicht ein einzig Sehnen?
Und ist nicht auch das Abendmahl die Feier,
Daß adlerhoch sich Horizonte dehnen?
Urania deutet die Planetenweiser –
Warn nicht die Magier früh schon an der Krippe?
Der Stern von Bethlehem bezwang den Kaiser,
Und leuchtete, daß nun der Aeon kippe.
(Es wird langsam heller, der Tag bricht an.)
 

 

288
 
Und Polyhymnia, die im Orgeltone
Erst christlich fand zu ihrem Attribute –
Wer sagt wie sie, daß uns der Glaube lohne
Und daß der Herr der Grund für alles Gute?
Zuletzt noch Kalliope, schönste Stimme –
Macht nicht die Sprache uns zum Ebenbilde
Des Schöpfers, daß nicht Geist auf Wassern schwimme,
Und birgt sie nicht des Menschensohnes Milde?
Die Künste mögen auch Gefahren tragen,
Doch im Verbund mit Demut und mit Danken,
Sind sie dem Glauben Flügelroß und Wagen
Und schirmen wider Wehleid oder Wanken.
Wir singen und wir widerstehn dem Feinde,
Mit Glocken, mit Posaunen und mit Schellen
Macht sich das Christenvolk erst zur Gemeinde,
Und selbst die Engel stehn auf Klangeswellen.
Und daß die Heiden der Musik verfielen –
Bedeutets nicht, daß Gott auch ihnen pflanzte
Die Sehnsucht nach den unbekannten Zielen,
In der das Volk um Baum und Säule tanzte?
Ich hab den Musentempel nicht geschlossen,
Denn mögen auch die Namen heidnisch lauten,
Was aus dem Spiel der Formen ist entsprossen,
Gleicht dem Gedicht, das wir im Herrn erschauten.
Und wer mich pönt, daß ich dies Loben liebe,
Tuts nicht beim Vater und auch nicht beim Sohne,
Der folgt statt Christus dem, der Peitschenhiebe
Ihm gab und ihn geschmäht mit Dornenkrone.
Drum will ich ganz gefaßt der Dinge harren,
Ich steh für Frieden und den frohen Glauben,
Sie können mich im Gassenschmutz verscharren,
Doch niemals meine Zuversicht mir rauben.
 

 

289
 
Vierte Szene
Orest, Hauptmann, Skotos, Sylvia

HAUPTMANN:
Verwundete! Mein Herr, die Morgenstunde
Bringt Greul in allen Gassen und Alleen,
Sie jagen überall wie tolle Hunde,
Und niemand kann dem Morden widerstehen.
Blutüberströmt, ein Mädchen trägt am Tore
Den Körper eines Jungen, eines Christen,
Ich sah ihn singen einst auf der Empore,
Nun stand er wohl auf einer dieser Listen.

OREST: Laß sie herein. Hier ist Asyl dem Frieden,
Den Frommen, welche Schlächterei erleiden.
Habt keine Sorg, daß Unrat kam hernieden,
Und Blut auf einen Vorhang, welcher seiden.

SYLVIA: O Herr daß wir um einen Hauch entronnen,
Herr Teukros sprach, ihr werdet euch erbarmen,
Ich bete, daß er leb in Christi Wonnen,
Denn ohne Schuld starb er in meinen Armen.
Laßt Wasser bringen für den armen Schüler,
Der nur aus Zorn auf seine Schul geschunden,
Recht frisches wär ein balsamgleicher Kühler
Für seine Haut, die brennt vor lauter Wunden.

HAUPTMANN: Es eile einer zu dem Brunnenschachte.

OREST: O nein, dies werd ich eigner Hand besorgen,
Denn Sünde wärs, wenn ichs nicht selber machte,
Der Herr spricht: wer da hat, der soll nicht borgen.
 

 

290
 
HAUPTMANN:
Doch heißt es auch, man sei auf seinem Posten.
Ich fürchte, dieser Aufruhr wird noch schlimmer.
Die Morgensonne blutet uns im Osten,
Sie rufts herauf, was es auch sei, was immer.

OREST: Was ihr getan an dem geringsten Bruder,
Das tatet ihr an mir, die Pharisäer...
Ihr selber bringt Arabicum und Puder,
Ich komme gleich und seh die Wunde näher. (Ab.)

HAUPTMANN: Mir ists, als ob ich hörte die Trompeten
Von Jericho, die Mauern müssen stürzen,
Wir sollen nicht um eine Zukunft beten,
Der Herr will unsern Leidensweg verkürzen.
Noch nie geschahs, daß der Präfekt die Quelle
Höchstselbst gesucht, darum nicht lange deute:
Dies ist der Tag! Der Herr kommt mit der Helle!
Die Schlange Adams zeigt die Haut der Häute. (Ab.)

SKOTOS (schlägt die Augen auf, erschrickt):
O weh mein Todesengel! Meine Stunde
Kam früher als ich voller Hoffen meinte.
Doch was ist eines Feuerbalkens Wunde
Vor der, die mir im tiefsten Herzen weinte?

SYLVIA:
Sprich nicht! Du bist zu schwach im Augenblicke,
Man bringt uns Wasser, Öl und gute Kräuter,
Der Wolken lenkt und alle Weltgeschicke,
Schuf auch dem bangen Lamm ein pralles Euter.
Wir sind im gut gesicherten Palaste,
 

 

291
 
Der Mann des Kaisers selbst versorgt den Wunden,
Vom Land der Magier brachte man die Paste,
Davon muß auch der Kränkeste gesunden.

SKOTOS (schluchzt):
Ach Aison spricht nie mehr vom Glanz des Geistes,
Und Teukros kam im Feuer um die Lunge,
Auch Ajax fiel, der herrliche, so heißt es,
Das Herz nicht faßt, was sagbar ist der Zunge.
Und das Museion, wo wir still gedachten
In Andacht und im Mut der klaren Worte
Der großen Denker und der Geistesschlachten,
Ist nicht mal mehr die Rose, die verdorrte,
Es ist ein Haufen Schutt, die schlanken Säulen,
Sie stürzten wie ein Grashalm, der verlodert,
Und durch den Garten wüste Rotten heulen
Und jubiliern, das jeder Sinn vermodert.
(Orest bringt Wasser, Sylvia wäscht das verkrustete Blut ab.)

SYLVIA: Als Todesengel bin ich schlecht gelungen,
Denn du erwachst mir mehr und mehr zum Leben,
Und hab ich erst die Kruste abgewrungen,
Erkenn ich auch den lächelnden Epheben.

SKOTOS: Der Schrecken macht Ergebenheit und Stille,
In Gleichmut seh ich Wunder mich umsorgen,
Wenn nicht der Tod des Herrn gesetzter Wille –
Wie denk ich dieser Zärtlichkeiten morgen?
Werd ich dann hoffen, ein Gebäude breche
In Feuersbrunst, daß sie die Wunden pflege?
Und bleiben meinem Herz nur Tränenbäche
In Einsamkeit auf unbestimmtem Wege?
 

 

292
 
SYLVIA: Was du so lange schweigend hast empfunden,
Der Schrecken löste deinem Herz die Spange.
Ich aber sag dem Heilen und dem Wunden
Ich lauschte oft dem herrlichen Gesange.
Denn in der Kirche reizten mich die Bilder
Nur wenig und die ausgefeilten Gesten,
Und wenn ich Gottes Wundernähe schilder,
Sagt dies der Chor der Jünglinge am ehsten.
Auch will ich nicht verschweigen, daß ich einen
Hab stets gehört im Lobeskreis der Sänger,
Ist dies unmöglich, dachte ich, dann keinen,
Dies sage ich dem schönste Seelenfänger.

SKOTOS: Sag einer noch, daß ich entging dem Wahne!
Auf meinem Haupte des Museions Balken.
Bin ich nicht schon bei Charon auf dem Kahne
Mit Lippen, die schon spröde, weiß und kalken?

SYLVIA: Du bist so selig, daß die Kinderbilder
Mit Charon und dem Styx dir wiederkehren.
Mir selbst erscheint ein neuer Glaub ein wilder,
Der fähig nicht, den frühern Traum zu ehren.
Du stehst wie ich am Tor, an einer Schwelle,
Davor ein Abgrund gähnt, nicht zu beschreiben,
Doch auch die Anmut sagenhafter Helle
Und leise sagt, wir dürfen hier nicht bleiben.

HAUPTMANN:
Der Mann des Kaisers reicht die Sakramente!
So wird mir mystisch das Geschehn der Tage.
Fügt ihr euch drein ins Schrein der Elemente
Und gebt dem Feind die Stätte sonder Klage?
 

 

293
 
OREST:
Wie kommt ihr drauf? Nur weil ich Wasser brachte
Dem Leidenden, verletzt um Christi willen,
Meint ihr, daß man mich hasenfüßig machte,
Mit Mystik meinen großen Zorn zu stillen?

HAUPTMANN:
Nun ja, mir schiens bei solchen Demutsgesten,
Als hätt ein Geist von euch Besitz ergriffen,
Als ob das Lamm die Reiter rief, sie westen
Im Herzen mir, als wenn die Erd sie schliffen.

OREST: Ich seh nicht Zeichen, daß die Zeit sich neige,
Doch sehe ich den Pöbel marodieren,
Drum sag ich, auf die höchste Zinne steige,
Wir dürfen keinen Augenblick verlieren.
(Der Hauptmann ab.)

SYLVIA: Die Stätte ist von besten Wehr und Waffen,
Herr Teukros riet, ich mög dich hierher bringen,
Und hat der Herr gewollt, wir mögens schaffen,
So sorgt er auch, daß du wirst wieder singen.

SKOTOS: Ach singen, jeder Sang verdarb im Blute,
Die Freunde starben und die Schule brannte,
Ich glaub nicht mehr ans Schöne und ans Gute,
Und leb ich noch, dann nur als der Verbannte.

SYLVIA: Doch ich bin hier und Helfer ungezählte,
Sie zeigen, daß die Botschaft nicht verdorben.
Bist du nicht der zu dieser Schau erwählte,
Und darum nicht im Feuersturm gestorben?
 

 

294
 
SKOTOS:
Du schlepptest mich und solltest rascher fliehen.
Du wußtest nicht, wieviel an Zeit dir bliebe.

SYLVIA:
Du meinst, die Feigheit läßt die Schwache ziehen
Und mitleidslos verkommen ihre Liebe?

SKOTOS:
Was Liebe wie? Was brauchst du da für Worte?

SYLVIA: Du bist der meine stets in Lust und Wehe,
Erst hörte ich dich draußen an der Pforte,
Dann tret ich ein im Kerzenschein und flehe!
Doch in der Kirche, im Museion-Garten
Du bliebst so stumm dem Zittern und dem Zagen,
Ich mußte auf die Katastrophe warten,
Um endlich dir die Wahrheit auszusagen.

SKOTOS: O nein, ich hätte nie gedacht, ich würde
Vor deinem Blick bestehn, dem allzu strengen,
Die Lieblichkeit erschien mir nichts als Bürde,
Dem Leidenden die wunde Brust zu sprengen.
Nicht Aisons Geist, nicht Ajax Waffenstärke,
Nicht Teukros' Mut und Umsicht sind mir eigen,
Ich prunke nicht im Worte, noch im Werke,
Und traute mich nicht, mein Gefühl zu zeigen.
Als Retterin beschämtest du den Schwachen,
Im Eingeständnis den geringen Glauben,
Jedoch die offne Rede macht mich lachen
Und Mittel sinnen, dir das Wort zu rauben.
(Er küßt sie.)
 

 

295
 
Fünfte Szene
Man hört Geschrei und Aufruhr, dann Kampfeslärm.
Orest, Skotos, Sylvia, Scholastikos

OREST: Nun wird es ernst. Sie rüsten sich zum Sturme,
Die Schilde werden gut die Zinnen stützen,
Nur keine Panik vor dem großen Wurme,
Die Hauptarbeit gehört den Bogenschützen.

SCHOLASTIKOS:
Ich stürze rein, ganz ohne Ordonnanzen,
Der Hauptmann ließ mich durch die Reihe schlüpfen,
Der Petros läßt auch hier die Puppen tanzen
Und keulenschwingend Kapriolen hüpfen.

OREST: Ich dacht mir fast, daß er ein großer Hetzer,
Gleichwohl den großen Aufruhr auszusinnen,
Reicht sein Gekläffe nicht zum Zeichensetzer,
Da sind gewiß noch andre Kräfte drinnen.

SCHOLASTIKOS:
Wie dem auch sei, er führt die wüste Meute,
Und feuert an mit markigen Parolen,
Wie besser wärs bestellt um all die Leute,
Würd diesen einen bloß der Teufel holen.

OREST:
Vielleicht wird bald der Bischof sich entscheiden,
Daß Ruhm hier nicht geschieht dem Christentume,
Hypathia ist gewiß nicht zu beneiden,
Doch sie sagt jeden Schrecken durch die Blume.
(Er hält mit Blick auf Scholastikos inne.)
 

 

296
 
SCHOLASTIKOS:
Ihr werdet mich als herzlos wohl verachten,
Chronistenlos ist Absehn vom Gefühle,
Er darf sich nicht das Augenlicht umnachten
Und dulden, daß er sich den Bart zerwühle.
Was mir zu künden euch und der Geschichte
Ist Schrecken, der sich nicht erlöst in Tränen,
Ich laß die Vorred euch und ich berichte,
Daß ihr euch nicht verwundern sollt im Wähnen.
(Pause in äußerster Stille.)
Hypathia reiste vor der Morgenröte,
Als am Museion Nacht noch war und Stille,
Doch daß man sie gemein und grausam töte,
War wohl des Herren unbedingter Wille.
Ihr wurde aufgelauert und empfangen
Ward die von Mördern, bestens unterrichtet,
Der Überfall ist wohl nach Plan gegangen,
Und war gewiß der Gründlichkeit verpflichtet.
Sie schleppten aus der Kutsche die Verblüffte
Und stießen sie mit Keulen und mit Stangen,
Sie rissen die Gewänder von der Hüfte,
Und nackend ist sie durch die Stadt gegangen.
Zur Kirche, die Kaisarion wird geheißen,
Trieb man die so Entehrte grad wie Schweine,
Dort fing man an, die Haut ihr abzureißen
Und schlug ihr Fleischerhaken in die Beine.
Sodann zerriß man ihre festen Brüste
Und als sie kaum noch atmete, da sangen
Sie ein Tedeum noch zum Preis der Rüste,
Und lobten, daß das Heidentum vergangen.
Als sie sich regte, wie um sich zu ducken,
Warf man mit Steinen und erst spät zum Kopfe,
 

 

297
 
Dann ging ein jeder, auf die Leich zu spucken,
Die zerrte man ins Feuer dann am Schopfe.

OREST (nach langem Schweigen):
So also ging sie, der die Dichter singen
Einst werden, daß sie huldigten auf Knien,
Das Haus der Jungfrau möge sie verdingen,
Das höherer Erhebung nie gediehen.
Denn jene, der wir zeitgenössisch lauschten
War ein Gestirn des Wissen und des Geistes,
Und wenn wir auch nur wenig Worte tauschten,
So waren wir begnadet, einmal heißt es.

SKOTOS: Dies ist gewiß das Ende. Aller Schrecken,
Den wir erlebt in Brand und Metzeleien,
Erscheint mir nun ein ganz geringer Stecken
Vor diesem Eichenbaum der Schweinereien.
Ist menschenmöglich solche Haß-Verblendung?
Kann einer Christ sein, wenn mit solchem Schmutze
Geschändet ist sein Haus? Ists nicht Verschwendung,
Daß man den Geist in solcher Welt benutze?

OREST: Denk Sylvia! Flieh, denn ihr müßt beide leben
In Wüstenein den Baum der Hoffnung pflanzen,
Euch gab der Herr die Liebe und sie eben
Ist Rettung und der Sinnbestand des ganzen.
Der Hauptmann führt euch zu geheimem Gange,
Da kommt ihr leicht und ohne Müh zum Hafen,
Ein Kennwort macht, ihr wartet dort nicht lange,
Ihr werdet auf den Meereswogen schlafen.
Kein Wort des Abschieds, denk, allein die Liebe
Hat unser Herr als Rettung uns befohlen,
 

 

298
 
Darum zur Seite ich den Vorhang schiebe,
Ich will nichts hören als die flinken Sohlen.
Und tilg die Bilder dir auch im Gedanken,
Du bist wie Noah künftigem berufen,
Drum lasse dich auch kein Gedächtnis wanken,
Denn alles was geschehn sind Tempelstufen.
(Skotos und Sylvia ab.)
Nun ist die Stunde da, die dunkle, bittre,
Der Hauptmann wähnte sie verfrüht doch richtig.
Die Würfel sind gefallen, also zittre
Nicht vor der Welt und nehme dich nicht wichtig.
Ich ruf die Schützen ab und laß die Sperren,
Weit öffnen und es bleibt nichts zu verhandeln.
Ob sie uns auch in das Kaisarion zerren?
Das spart zu sehn, wie sie dies Haus verschandeln.
(Im Hintergrund lautes Murren der Wachen.)
Ihr wollt noch trotzen? Wollt noch Pfeile schießen?
Wofür? Es gibt nichts was zu schützen lohnte?
Ihr meint, die Frau sollt uns nicht so verdrießen?
Doch mit ihr fiel, worauf die Ordnung thronte.
Ist so der Geist der Würde und der Sitte
Beraubt, solls Schwefel doch vom Himmel regnen,
Dann trete doch der Herr in unsre Mitte,
Zu richten und die Seinigen zu segnen.
Was soll ich hier bewahren mit dem Schwerte?
Ein morsches Haus, gefüllt mit altem Plunder?
Wenn dies zu halten, unser Herr begehrte,
So offenbarte ers mit einem Wunder.
Jedoch sein Wunder warn der Schüler zweie,
Wer ihre Liebe sah, der hat erfahren,
Daß größer nichts, daß es der Herr verleihe,
Drum danket Gott, daß sie im Hause waren.
 

 

299
 
Sechste Szene
Die Bühne füllt sich mit Bewaffneten. Jeweils zwei halten Orest und Scholastikos fest.
Orest, Scholastikos, Petros, Bewaffnete

PETROS:
Den Schreiberling braucht ihr nicht anzubinden,
Die Neugier hält ihn sicher im Geschehen,
Gar grausam wärs, man hindert ihn zu finden
Die Feder, und noch grausamer, am Sehen!
Er wird, uns alle lobend, niederschreiben,
Wie wir gewehrt dem heidnischen Tyrannen,
Wie wir im Lande Christi Reich verleiben,
Die Lästerer und Helfershelfer bannen.
Ihr glaubt mir nicht? Ihr meint er könnte dichten,
Wir wären grad des Christentums Verbieger?
Glaubt mir, ich kenn mich aus mit den Geschichten,
Denn die Geschichte schreibt allein der Sieger.

ERSTER BEWAFFNETER:
Wer hat ihn solche Sprüch gelehrt? Die Psalmen
Warns sicher nicht, und auch nicht Christi Leiden,
Wo in der ganzen Stadt Ruinen qualmen,
Muß man ihn um Gelehrsamkeit beneiden.
(Man läßt Scholastikos frei.)

PETROS: Der Herr zeigt seine Weisheit der Gemeinde,
Und zeigt euch heut, wie Leugner zu behandeln,
Denn alle, die des Menschensohnes Feinde,
Sind gar nicht wert, auf dieser Erd zu wandeln.
Dies durchzusetzen ruft der Herr die Christen,
Sie lassen ihren Acker, ihr Gewerbe,
 

 

300
 
Und schicken Satan alle Satanisten,
Daß ihm nichts fehl an seinem ganzen Erbe.
(zu Orest):
Orest, du dauerst mich in deiner Sünde,
Jüngst wies ich dir den Weg zu Reu und Buße,
Du aber dachtest nur an deine Pfründe,
Und fandst zu Zauberei und Morden Muße.
Hypathia, deine Hure, vor dem Zorne
Des Volks zu schützen, ist mir nicht gelungen,
Doch dir gebührt ein stolzer Schritt nach vorne,
Des Bischofs Milde sei um dich geschlungen.
Du wolltest ihn mit Boten freundlich stimmen,
Nun darfst du selbst vor seine Augen treten,
Der Weihrauch wird zu deiner Gnade glimmen,
Und alle Brüder werden für dich beten.
(Ein Bote tritt auf und reicht Petros eine versiegelte Rolle,
die jener gleich aufbricht und studiert.)

Wir haben an den Bischof schon geschrieben
Und fragten ihn, wie wir dich kleiden sollen,
Von Kaisers Würde ist ja nichts geblieben,
Was nicht zerzaust du hast bei deinem Tollen.
Nun schau ich mit Verehrung in die Rolle,
Was mir der Hirte anbefiehlt zu sorgen,
Er schreibt hier gleich im Eingangssatz, er wolle
Daß wir die Fahrt beginnen, und zwar morgen.
Dich sprechend anzuhören, ist ihm greulich,
Weil seine Ohren lieber Fromme hören,
Drum wär es ihm als erstes Ding erfreulich,
Würd eine Zunge diesen Kopf nicht stören.
Du weißt, wir lassen uns nicht zweimal bitten,
Doch soll dein Stammeln ungesagt nicht bleiben,
Drum laß ich, eh die Zung dir wird geschnitten,
 

 

301
 
Historicus die letzten Worte schreiben.
So spreche frei, wir werdens mit Gewissen
Dem Bischof reichen, wenn du stumm geworden,
Wenngleich das deine frei von solchen Bissen,
Denn Bogenschützen dürfen fernhin morden.

OREST: Mein Wort war, daß die Tore ich gehoben,
Wohl wissend, daß ich keine Gnade finde,
Doch es geschah allein, den Herrn zu loben,
Denn er nahm mir die letzten Augenbinde.

ZWEITER BEWAFFNETER:
Was spricht er da? So spricht kein Heidenpriester.
Man muß die Sache gründlich untersuchen.
Man sagte uns, hier herrschten wilde Biester,
Die böse Täuschung muß der Herr verfluchen.

DRITTER BEWAFFNETER:
Der Text ist falsch. Der Bischof hat geschrieben
Gewiß nicht, daß vorm Anhörn werd verstümmelt
Der Diener Roms. Die Wahrheit heißt er lieben,
Er ist kein Mann, der auf dem Ohre lümmelt.
(Allgemeines Gemurmel und Unwillen.)

PETROS: Ich reich das Siegel hiermit dem Chronisten,
Er weiß zu prüfen, was gefälscht und echtens,
Und wer mich zieh des Falschs und arger Listen
Erkenn beschämt, das alles gut und rechtens.

SCHOLASTIKOS:
Am Siegel ist kein grober Trug zu sehen,
Doch Fälscher gibts in dieser Stadt die besten,
 

 

302
 
Und auch wer weiß, wie sie zu Werke gehen,
Der kann mit bloßem Aug das Wachs nicht testen.
Ich aber kenn Kyrill nicht nur aus Rollen,
Die zweifelhaft ob echt ob nachgezogen,
Und weiß genau, er würde niemals wollen,
Daß wer um die Verteidigung betrogen.

VIERTER BEWAFFNETER:
Gib mir die Rolle, ich war manche Jahre
In einer Werkstatt gut für Imitate,
Drum ist kein Trick, den ich nicht leicht erfahre,
Denn ich war oftmals solcher Künste Pate.
(Allgemeiner Tumult. Die Rolle wird umhergereicht.)

ERSTER BEWAFFNETER:
Wir führen alle vor den klugen Richter,
Orest und Petros und die Siegelrolle,
Dann wird uns alles zweifelsfrei und lichter,
Dann sehen wir die Wahrheit selbst, die volle.
Man reiche mir die Siegelrolle rüber.

ZWEITER BEWAFFNETER:
Sie ist verschwunden wie die Morgenröte.

DRITTER BEWAFFNETER:
Jetzt läuft das Faß der Unverschämtheit über.

VIERTER BEWAFFNETER:
Erbärmlicher sich nie ein Schauspiel böte.

ERSTER BEWAFFNETER:
Nehmt Petros fest. Er steht in dem Verdachte,
 

 

303
 
Das er getrogen die Versammlung böse,
Doch seid mit unserm Leser tunlichst sachte,
Vielleicht daß sichs zu seinen Gunsten löse.
(Alle außer Scholastikos ab.)

SCHOLASTIKOS:
Mir bleibt hier noch ein letzter Rest zu sprechen,
Und daß das Publikum sich drob nicht gräme,
Will ich der Zukunft Siegel schnöde brechen,
Und künden, ob hier recht behält die Häme.
Der Bischof wird sich nicht mehr dran erinnern,
Was in der Rolle, die er sandt, gestanden,
Er trennt uns die Verlierer von Gewinnern,
Und denen kam die Forschungslust abhanden.
Orest wird überstellt den Kaiserlichen
Und dort wird ihm Verbannung zugesprochen,
Er ist im hohen Alter erst verblichen,
Ist nie verstummt, gehumpelt und gekrochen.
Der Petros fand den Bischof zum Vergleiche
Geneigt und ist nach Albion fortgesegelt,
Nie hörte ich von ihm und seiner Leiche,
Noch was er später anderswo geflegelt,
Von seinem Schlag wirds immer welche geben,
Solang die Welt besteht im Sterngefunkel,
Doch wenn Oreste auch dazwischenleben,
Wirds auch in fernen Zeiten niemals dunkel.
Die Fabel des Geschehns bleibt nicht verborgen
Dem Schauenden, der dies mit Witz betrachtet,
Nicht alles kann der Hofchronist besorgen,
Drum sei auch, was er euch vergaß, beachtet.