ARNSHAUGK"; $titel = array("",""," ","UWE LAMMLA



EREX
SAGA


DRAMEN








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","","LAUDINE
MINNESPIEL





","PERSONEN","PROLOG","","ERSTER AUFZUG","","","","","","","","","","","","","","","","","","","","","","","","ZWEITER AUFZUG","","","","","","","","","","","","","","","","","","","","","","DRITTER AUFZUG","","","","","","","","","","","","","","","","","","","","SIEGFRIEDS TOD
TRAUERSPIEL





","PERSONEN","PROLOG","","ERSTER AUFZUG","","","","","","","","","","","","","","","","","","","","ZWEITER AUFZUG","","","","","","","","","","","","","","","","","","","","DRITTER AUFZUG","","","","","","","","","","","","","","","","DER ARME HEINRICH
MIRACULUM





","PERSONEN","PROLOG","","","ERSTER AUFZUG","","","","","","","","","","","","","","ZWEITER AUFZUG","","","","","","","","","","","","","","","","","DRITTER AUFZUG","","","","","","","","","","","","","","","","","","EREX SAGA
PARABEL





","PERSONEN","PROLOG","","ERSTER AUFZUG","","","","","","","","","","","","","","","","","","","","ZWEITER AUFZUG","","","","","","","","","","","","","","","DRITTER AUFZUG"); $text = array("","","
Uwe Lammla / Erex saga
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", "


Bibliographische Information durch
die Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet
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ISBN 3-926370-50-5

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Alle Rechte beim Autor
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Hergestellt in Grimma, Deutschland
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15,20 EUR
", "
Laudine
Siegfrieds Tod
Der arme Heinrich
Erex saga
7
77
137
191
", "","Swer getragener kleider gert,
der ist nit minnesanges wert!
die sol man stillen
durh Minne willen,
wan ir minnesang ist wibes schände.


    ULRICH VON BAUMBURG


Wer Lohn für Lieder nimmt,
Die Harfe bloß verstimmt,
Ihm heiße schweigen
Im Minne-Reigen,
Weil solches Lied die Frauenhuld beleidigt.


    NEUHOCHDEUTSCHE FASSUNG
", "
ARTUS, König von Britannien
GUINEVERE, seine Gemahlin
IWEIN, GAWAIN, LANZELOT, PELLEAS, Ritter der Tafelrunde
LAUDINE, Brunnenfürstin
ASKALON, ihr Gemahl
LUNETE, ihre Zofe
NIMUE, Dame vom See
ÄLTERE und JÜNGERE NICHTE
    des Grafen zum schwarzen Dorn
FRAU MINNE
DER DICHTER
WALDSCHRAT
LÖWE, DRACHE, RABE
RITTER, KNAPPEN, HEROLD
BURGFRÄULEIN, EDELKNABE
", "Der Edelknabe der Königin Guinevere tritt im weißen Gewand vor den Vorhang.

EDELKNABE:
Das Stück, das meiner Herrin zu gefallen
Gedichtet ward und heute wird gegeben,
Mag Augen, den verwöhntesten von allen
Erscheinen als ein längst verwehtes Leben,
Doch möcht ich euch den Grabesruch vertreiben,
Nichts Antiquiertes, kein Histörchen wollen
Wir dieser Bühne ins Programmheft schreiben
Und grad wie bei den Ritterspielen tollen.
Es geht hier nicht um Rüstung, Helmbusch, Schwerter,
Nicht um die Bräuche in vergangnen Zeiten,
Es geht ums Glück, das allen Menschen werter
Als alle Mühn, die sie sich drob bereiten,
Das Glück der Lieb, das alle seine Kelche
Aufschlagen kann, eh sie im Gram verwelken,
Der Nase nach, und auch das Ohr hat welche,
Die Augenlust des Jove preisen Nelken.
Wenn hier von Minne fürder wird gesungen,
So meint das Wort die Zartheit, die dem Herzen
Wohl eignet, das, von einer Wahl durchdrungen,
Zu Licht wird wie des Doms bescheidne Kerzen.
Die Wahl frommt stets der Jugend, die das Ganze
Im Blick hat und nicht Kaufmanns Winkelzüge,
Sie schleudert weit und rückhaltlos die Lanze
Und fürchtet nicht des Sommerhimmels Rüge,
Sie ist im Herzen frei und kann verschenken,
", "Sie reitet auf dem Sturmwind zu erobern,
Sie braucht nicht des Vergangenen zu denken
Und scheut sich nicht vor Tadlern und vor Lobern.
Und doch wird sie zurecht der Reife weichen,
Denn sie verspielt, was ihr so leicht gefallen,
Dann muß sie im Gerausch der alten Eichen
Den Schlüssel finden in die holden Hallen.
Der trägt sie niemals in des Pfeiles Weise,
Nicht stürmisch noch im Glanze stolzer Schimmel,
Wer sich bewährt, vollbringt die Minne leise
Und Demut heißt sein Schlachtroß und sein Himmel.
Denn reif zu werden, heißt dem Herrn befehlen
Die Wege und die Weiser und die Brücken,
Das Heil ist nicht zu zwingen und zu stehlen,
Und was dir frommt, gibt sich aus freien Stücken.
Doch dient das Stück nicht nur allein den Questen
Des Ritters, der der Herrin Huld geschworen,
Denn wär von Fraun sie eine zwar der besten,
Wärs gleichwohl manches Wort zu viel verloren:
Sie ist viel mehr, sie steht für eine Seite
Des Daseins, der, versiegt, die Welt verdorrte,
Sie hat am kleinsten teil, an aller Weite,
Sie formt dem Dichter und dem Mimen Worte.
Sie sprudelt, und so nennt man sie die Quelle,
Das Wasser, dem das Leben ausbedungen,
Sie ist der Spiegel, ohne den das Helle
Blieb stumpf und rauh wie Wüsten-Dämmerungen.
Drum, wenn du meine Herrin bleich und röter
Erschaust, vergiß in menschlichen Belangen
Die Göttin nie, der front der Drachentöter
Und all die Minner, die seither gegangen.
(Er verbeugt sich und geht ab.)
", "Ein Burghof im Morgendämmer. Im Vordergrund eine Zinnenreihe. In der Mitte ein Brunnen, der fröhlich sprudelt. Rechts daneben eine hölzerne Trage mit einem blutgefleckten weißen Linnen bedeckt. Darauf der offenbar schwer verwundete Askalon. Während der ersten Szene wird es langsam heller und man kann auf der linken Seite ein doppeltes Falltor entdecken, in der Torhalle Iwein gefangen mit einem toten Pferd. Laudine kommt eine Treppe heruntergerannt. Lunete verfolgt sie, hält sich aber im Hintergrund, als Laudine auf den Verwundeten zugeht.

Erste Szene.
Laudine, Askalon, Lunete.

LAUDINE:
O weh, ach nein – was ist das für ein Morgen?
Mein Traum war wüst, doch wüster war des Wecken.
Hat denn der Himmel nichts als Schmerz und Sorgen,
Nur Wolken schwer und prall von Angst und Schrecken?
Ich schlief und schwebte träumend über Ländern,
Die warn verheert von einem schwarzen Eber,
Und dessen Kinder, die zu Weidenschändern
Erzogen, warn die Gnadentodes-Geber,
Doch dann, es kam das Meer ein Liliensegel
Mit Rittern, die die Eberkinder schlugen,
Und dann, wer weiß, mit wessen Kunst und Regel,
Des Untiers Kamm als Jagd-Trophäe trugen...
Nicht weiß ich was von Ebern und von Rittern,
Kein Astrolog kann Rätsels Qual verkürzen,
Dann seh ich des Gemahles Schwert zerplittern,
", "Die Mähre vor dem Tor zusammenstürzen,
Die Knechte huben sanft auf eine Trage
Den Wunden, drum sich Tod und Leben streiten,
Und so die Nacht allmählich weicht dem Tage,
Erwart ich nur noch Not und Grausamkeiten.

ASKALON (mühsam sich erhebend):
Mein Brunnen, du muß freudig, hell und heiter
Die Wiese netzen, springend, sprudelnd, fröhlich,
Ich bin ein Wrack, ein Klumpen Grind und Eiter,
Von Gram und Schande ward das Blut mir ölig,
Ich werde nicht mehr an dein Lager treten,
Zu hoffen, daß die Bäche allen Meeren,
Laß mich allein, ich will zum Herren beten,
Daß er mich nehm und mir verzeih in Ehren.

LAUDINE:
Du wardst mir nicht gebracht, daß mir verborgen
Nun bleib, wer dich geschlagen und geschunden,
Folgt Traums Geheimnis weiteres am Morgen
Und nur als Vorwurf hab ich dich gefunden?

ASKALON: Die Fehde ist schon lang, die Artusritter
Und dann der Wilde Schrat im Buchendunkel,
Kalogrenant vertrieb nicht nur Gewitter,
Er bracht dem Clan des Riesensohns Gemunkel...

LAUDINE: Sag, wer ist Artus, nie noch war der Name
Genannt im Reich der Büsche und der Blumen,
Ins Ur-Uralte strömt dir Stolz und Same,
Wie kommst du da zu solchen Königtumen?
", "ASKALON: Von Artus kann dir manches deine Zofe
Berichten, denn sie war vor manchen Lenzen
Im Auftrag und auch ohne dort am Hofe
Und liebte je den Prunk von Schwalbenschwänzen.
Der Widderfüßge schwatzte die Idylle
Des Brunnens in die Lanzenstich-Gemüter,
Und eh sich jeder dort das Trinkhorn fülle,
Stand ich bis heut als deines Brunnens Hüter.
Ich nahm dem ersten Frevler nur die Waffen,
Das Pferd, die Rüstung, denn von diesem Neide,
Mit dem sie alles, was sie wünschen, schaffen,
Erahnt ich nichts, dies ists, warum ich leide.
Doch nun, du weißt die Tat, und auch den Täter
Wirst du schon bald im Morgengrauen sehen,
Es gibt für mich in dieser Sach kein später,
Ich muß den Herren rufen und dann gehen.

LAUDINE (weicht zurück, zu Lunete):
Gibts keine Rettung, keinen Balsam, Öle,
Kein Kräuticht, das die Wunden weiß zu stillen,
Hat nicht der Eremit in seiner Höhle
Ein Wort zu stärken Geist und Lebenswillen?

LUNETE: Mir träumte diese Nacht ein wilder Eber,
Den früh die Artusritter niedermachten,
Das Blut quoll dunkel aus zerschrammter Leber,
Derweil sie ihn verhöhnten und verlachten,
Mit scheint, ein neuer Weltkreis wird begründet,
Da nutzt es nicht mit Öl und Kräutern wetten,
Denn wenn ein Fluß in größere Ströme mündet,
So halten ihn nicht Zähne, Klaun und Ketten.
(Laudine verhüllt ihr Haupt und geht ab.)
", "
Zweite Szene.
Lunete, dann Iwein.

LUNETE:
Die Neugier eines Weibs mag mancher schelten,
Doch Adam stünd ansonsten nackt und blöde
Wo seine Kräfte keinen Nickel gelten,
Und rundherum wärs menschenleer und öde.
Des Weibes Sache sind nicht Waffentaten,
Doch wer den Pflanzen und den Vögeln näher,
Der weiß zu urteiln, was da wohl geraten,
Am besten hegt den Frosch der Storchbein-Späher.
Laudine, ach, mich schmerzen deine Tränen,
Du wirst in deinem Schicksal Urlaub brauchen,
Doch wer da wüßte, was die Sterne wähnen,
Fänds rechtens, mal den Hals zurechtzustauchen.
Die Sitte heißt die Trauer selbst dem Tiger,
Der Springborn soll das Blut nicht übertönen,
Jedoch das Leben adelt nur den Sieger
Und was da lebt, gehört dem Lebensschönen.

IWEIN (aus der Torhalle, verhalten):
Lunete hilf, ich bin allein, gefangen,
Du weißt es, und dir ist die Macht gegeben.

LUNETE:
Noch lebt der Herr, drum kommt kein Knecht gegangen,
Es ginge dir sonst allzu rasch ans Leben.
(für sich)
Es ist ein Himmelswort, da fiel das schwere Gatter
Und traf das Pferd doch nicht des Reiters Schädel,
Gefangen zwar im Käfig ist die Natter
", "Doch unversehrt für unser Witwen-Mädel,
Ich werd, da ich den Traum schon hab geplaudert,
In dieser Sache wohl noch manches fädeln,
Ich weiß bescheid, auch wenn mir manchmal schaudert,
Was gut ist Rittersleuten und den Mädeln.
(Sie tritt an das Gatter heran und reicht Iwein einen Ring.)
Hier nimm den Ring, er birgt dich allen Augen,
Askalon dämmert, im Gebet versunken,
Doch hüte dich, nicht alle Mittel taugen,
Laudine ist in Tränen fast ertrunken.

IWEIN: Ich danke dir, du wirst es nicht bereuen,
Ein Leben lang und dann als Geisterwesen
Werd ich nicht Mühsal oder Ungnad scheuen,
Zu dienen dir als Salbe, Schild und Besen.
(steckt den Ring an und wird unsichtbar.)


Dritte Szene.
Askalon, Laudine, Lunete, Ritter, Knappen, Burgfräulein, Iwein als Geist.

ASKALON (in jäher Euphorie):
Der Herr ist herrlich und in höchster Gnade,
Ich ließ die Furcht vor Tod und Höllenqualen,
Mir steht der Sinn nach einem heißen Bade,
Und Fackeln solln die Sonne überstrahlen!

LAUDINE:
Mein Herr, durchströmt euch neues, frisches Leben?
Was darf ich euch als Morgengabe reichen?
", "ASKALON: Man möge mir viel heißes Wasser geben,
Denn sauber gibt man seinem Gott die Leichen.
Auch seien Blumen hier und Blätterkränze
Und alles, was da Quellen liebt und Wasser,
Denn wie der Schnee dahinschmilzt unterm Lenze,
Geh ich als Liebender und nicht als Hasser.

(Ritter kommen mit Laubkränzen und Blumen, die Knappen schleppen Eimer mit heißem Wasser herbei, sie übergießen den Verwundeten, ein Burgfräulein tritt in die Mitte der Bühne und stimmt Kyrie eleison an, ein unsichtbarer Chor fällt ein.)

LAUDINE: Es fehlte grade noch ein Weihrauchkessel.

LUNETE:
Ja, ihr seid Heidin, und vor Christenbräuchen,
Mögt Schierling ihr und Waberloh und Nessel,
Doch immerhin, bei dicken Rotweinschläuchen
Trefft ihr euch mit den Mönchen und Kaplanen,
Der Herr hat uns die Feier anbefohlen,
Da nutze jeder ihm gemäße Fahnen,
Gern will ich euch ein größres Wasser holen.

LAUDINE: Laß besser die Zisterne jetzt in Frieden.
Ich mag nicht rasen schon am Vormittage.

ASKALON: Ich will es heller als die Hesperiden,
Schafft allen Schatten weg von meiner Trage,
Macht hoch die Tür und alle Tore offen,
Die Sperren seien alle aufgehoben,
Ich darf vom Himmel Allerhöchstes hoffen
Und will den Herrn mit allen Sinnen loben.
", "LUNETE (für sich):
Nun wird es ernst, denn Iwein kann entweichen.
Nun wird sich bald entscheiden, was geschrieben,
Bei Askalon vermehren sich die Zeichen,
Daß der Verstand beim toten Pferd geblieben.

(Knappen kurbeln das schwere Gatter hoch und räumen das tote Pferd weg. Iwein ist in eine dichte Nebelwolke eingehüllt, die mit sich herumträgt und die niemand zu bemerken scheint. Der Chor ist beim Agnus Dei angelangt, als Askalon noch einmal verzückt zum Himmel schaut und dann mit starren Augen rücklings fällt.)

LAUDINE: Er hats geschafft, ich schließe ihm die Lider.
(lauter in die Runde):
Und jetzt ist Schluß mit Herrgott und mit Himmel!
Räumt Gras und Zweige, schließt das Gatter wieder!
Ich brauch jetzt Ruh und leide kein Gebimmel.

(Stille. Es wird eine Zeitlang schweigend aufgeräumt, mitunter betet jemand heimlich.)

KNAPPE: Herrgott, o weh! Allmächtger sei gewogen!

BURGFRÄULEIN:
O schreck! es ist kein Zweifel, ja, er blutet!

ERSTER RITTER:
Wird hier das Aug, wird hier der Tod betrogen?

ZWEITER RITTER:
Was wird uns heute alles zugemutet?
", "BURGFRÄULEIN:
Wenn Wunden bluten aus dem toten Leibe,
So ists ein sichres Zeichen, das zugegen
Der Mörder sei und sich die Hände reibe,
Weil ihm der Heimgang seines Feinds gelegen.

ERSTER RITTER:
Das Gatter ist längst zu und nichts zu sehen,
Vielleicht benutzt der Teufel Tarngewänder?

ZWEITER RITTER:
Wir kriegen ihn, er soll uns nicht mehr gehen,
Der unsrer Burg und unsers Burgherrn Schänder!

LAUDINE: Was soll das Lanzenstechen hier ins Leere,
Räumt weg das Grünzeug, nicht etwa Gespenster!

ZWEITER RITTER:
Der Leichnam sagt, der Räuber seiner Ehre
Sei hier und suche jetzt ein offnes Fenster.

LUNETE: O Herrin, hört mich an, denn diese Sache
Ist eilig und muß rasch entschieden werden,
Tot und im Himmel ist die Brunnenwache,
Und weitergehen muß es hier auf Erden.
Die Artusritter sind auf Quellen gierig,
Dies klar zu sehn, brauchts keinen Überflieger,
Verteidigung und Schutz sind jetzt sehr schwierig,
Nur einer könnte dies, das ist – der Sieger.

LAUDINE: Du redest mir von seltsam dunklen Dingen,
Als sei mein Kopf nicht ohnehin am Platzen.
", "LUNETE: Askalon wird für dich nichts mehr gelingen,
Denn sieben Leben haben nur die Katzen.
Er war dir treu, drum soll man ihn in Ehren
Begraben und in reinem Leichentuche,
Dies darf dir den Gedanken nicht verwehren,
Daß du bedroht von einem schlimmen Fluche.

LAUDINE: Was soll ich tun? Was rätst du mir, Lunete?

LUNETE: Ein neuer Herr muß her und herrisch walten,
Uns hilft kein Jammer und auch nicht Gebete,
Sonst wird hier bald der letzte Herd erhalten.

IWEIN (der beim fortwährenden Hauen und Stechen in die unmittelbare Nähe von Laudine gelangt ist und ihr direkt ins Gesicht blickt, plötzlich unvorsichtig laut):
O je, das Weib ist lieblicher als alle,
Das Haar, die Augen, und die Hüften runder...

ERSTER RITTER:
Jetzt sitzt du, Mörder, endlich in der Falle.
Wir stechen zu.

IWEIN: Es ist das reinste Wunder...
(Er springt zur Seite und der Stoß geht ins Leere.)

ZWEITER RITTER:
Er kann nicht weit sein, stoße in die Runde!

ERSTER RITTER:
Jetzt gehts dir, Buhle, schrecklich an den Kragen!
", "LUNETE: Laudine, tut was, eh die erste Wunde
Verunziert euch die Lust der nächsten Tage!
Der Sieger, der geerbt die Brunnenbürde,
Ist unter uns und flieht vor Lanzenstichen,
Bejah die Lieb und teile Burg und Würde
Und fahr bei dem Gemetzel rasch dazwischen.

LAUDINE:
Ja, Schluß mit dem Gestocher und Gescheppe,
Ab in den Saal, daß ich euch nicht mehr blicke,
Ihr Ritter, Knappen macht euch auf die Treppe,
Und auch das Fräulein in den Turm ich schicke.
(Alle außer Laudine und Lunete ab.)
Nun geh auch du, Lunete, schließ die Riegel,
Und dulde nicht, daß sie am Fenster gaffen,
Hol Wein und wirf was Gutes in den Tiegel,
Ich will die Sache gut zu Ende schaffen.

LUNETE: Ich wußte stets, daß euch die Menschendinge
Nicht blenden, eurem Range zu entsagen,
Manch einer steckt den Kopf in eine Schlinge,
Weils ihm zu schwer, ihn ganz allein zu tragen.
(Ab.)


Vierte Szene.
Laudine, Iwein, später ein Rabe.

LAUDINE: Nun, Ritter, zeig dich deiner Herrin leiblich!

IWEIN (tritt aus seiner Wolke und auf Laudine zu):
Ich bin ja froh, wenn ich des Ringes ledig!
", "Ihr seid so hold, so hehr, so unbeschreiblich,
Ich faß es nicht, ich träum nicht, doch – ich seh dich!

LAUDINE:
Mein Urteil gründet sich nicht so aufs Schauen,
Die Taten sind des Ritters höchste Zierde.
Gleichwohl gefalln die hohe Stirn, die Brauen,
Ich spräch, wär es denn statthaft, von Begierde.

IWEIN: Wir brauchen nicht mehr Hof und Etikette,
Da schlüssig sind Lunetes Argumente,
So komm der Werbung zweiter Teil, der nette,
Wo Wasser zischt im heißen Elemente.

LAUDINE: Du bist ein Heißsporn, den die Nebendinge
Schwer hindern, ungezügelt loszuschlürfen,
Dennoch, das Lied der hohen Minne singe,
Daß wir uns auch vom Adel nennen dürfen.

IWEIN: So sei es, hab ich zwar nicht Klampf und Harfe,
Ist meine Stimme hell und meine Reime,
Die brauchen weder Mummenschanz noch Larve,
Denn solches lernt ich schon beim Haferschleime,
Ich ging zu Artus Hof, weil seine Runde,
Im Festland und auf allen Inselriffen
Bekannt und höchstes Lob aus jedem Munde
Verbuchen kann, die Jungfraun einbegriffen,
Doch wenn ich ansah dort die reinsten Bäche,
So trieb mich doch die Sehnsucht nach der Quelle,
Wer gegen Strom schifft, haßt die kleinste Schwäche
Und hebt den Blick nur immerfort ins Helle,
", "Dort war ein Bild der Weiblichkeit, den Engeln
Beschämung, da sie dies nicht preisen dürfen,
Und ich befand selbst Nachtigalln am Quengeln,
Weil ich erpicht, allein das Bild zu schlürfen,
Holdseligkeit, das Haar, das Laub des Leibes,
Es rief mir zu: Du bist am Ziel des Mannes.
Ich sagte meinem Minnelied: Beschreib es,
Doch nur ein Gran vom hohen Glück gewann es.
Wenn es versucht, die Reize aufzuzählen,
Mit denen euch die Götter ausgestattet,
Wärs schwer, die Reihenfolge auszuwählen,
Und schwerer End, eh jedes Ohr ermattet.
Für alle Welt setzt ihr die Sonnenseite,
Hephaistos hätt Pandora eingemottet,
Schlüg ihn der Glanz von eurer Oberweite,
Die Hüfte, die der Schaumentstiegnen spottet,
Wärt ihr dem Schöpfer, ehe Sonn und Himmel,
Er hätte auf ein Weitertun verzichtet,
Denn aller Reiche Vielfalt und Gewimmel
Wird ganz von euerm Augenglanz vernichtet.
Ihr seid die Anmut selbst und alle Musen
Vereint die edle Formung eurer Glieder,
Wie Strudel Schwimmer zieht der feste Busen,
Ich ließ mein Leben gern an eurem Mieder,
Euch dienen will ich stets auf jedem Posten,
Die Hölle hat nicht Glut wie mein Verlangen,
Und sollte es die Ritterehre kosten,
Ich bin von euern Lippen ganz gefangen,
Ich blute und ich werde selbst zur Quelle,
Mag mich eur warmes Nahn nicht herrlich stillen,
Ich knie und tus sofort und auf der Stelle,
Erahn ich nur den Hauch von eurem Willen.
", "LAUDINE: Das hast du schön und herzelig geflochten,
Ich mag es auch, wenn Männer übertreiben,
Denn anders als bei allzukurzen Dochten
Ists schmerzfrei, hier die Hälfte abzuschreiben.

IWEIN: O nein, Geliebte, Göttin, Wundersame,
Ich hab in keinem Punkte übertrieben,
Ich merkte eher sehr zu meinem Grame,
Daß ich von euch ein zwölftel nur beschrieben:
Ich sagte nichts zu euren edlen Füßen,
Auch nichts zu den verheißungsvollen Waden,
Ich muß mit einem schlechten Liede büßen,
Daß alles, was benannt, mir nur zum Schaden
Gereicht, denn jede Schönheit wird zur Fratze
Und jede Holdheit wird zur tumben Geste,
Erwähnt man sie mit euch in einem Satze,
Und jedes Wort vor eurem Glanz verweste.

LAUDINE: So schlugst du Askalon nur meinetwegen
Und nicht um Kalogrenants Schmach zu rächen?

IWEIN: Der wilde Hirte schuf mir Heil und Segen,
Denn alle Quellen gleichen trüben Bächen,
Ist die Idee von euch in uns gedrungen.
Mich grämte nicht der tölpelhafte Schwager,
Der wie ein Schaf von eurem Reiz gesungen,
Und fremd ward ich sogleich dem Artuslager.
Der Waldschrat, der halb Genius und halb Widder,
Ihm sind vertraut die Vögel und die Viecher,
Und unentbehrlich bleibt er für den Ritter,
Denn er hat immerfort den besten Riecher
Für Vorwelt-Reste und für Vorwelt-Wunder,
Aus Zeiten da die Felsen gülden glommen,
", "Drum ward mein Herz ein julidürrer Zunder,
Ohn Umschweif vor eur holdes Aug zu kommen.
Ich liebte euch, eh ich Askalon suchte
Ich war durch ein Gerücht in höchsten Nöten,
Und daß er meine Liebe wüst verfluchte,
Gab mir das Recht, im Zweikampf ihn zu töten.
Mag sein, ich schuf euch Schmerz mit diesem Morde,
Doch wär ein andrer schon sehr bald gekommen,
Von allzuvielen heißts in Artus Horde,
Daß Lanzen ihnen, doch nicht Frauen frommen.

LAUDINE: So hat er sich so wacker nicht geschlagen?

IWEIN: Ich möchte eure frühre Wahl nicht tadeln
Und hätt es gern vermieden, euch zu sagen,
Der Zweikampf konnt als Ritter mich nicht adeln,
Er floh nach erstem Streich, ich folgt der Mähre,
Ders blutig bloß am Bauche und am Schweife,
Mein Blick ward unscharf wie von einer Zähre,
Daß ich mich an solch armer Wehr vergreife.
Vielleicht war seine Stunde da, mein Streiten
Allein ein Urteil höherer Gewalten,
Ich glaube gern, er hatte beßre Zeiten,
Sonst hätte er dich keinen Tag gehalten.

LAUDINE: Lunete hat das Aug mir aufgeschlagen,
Daß wir in einem größren Spiel Figuren,
Der Weltgeist läuft durch Herrlichkeit und Plagen,
Nutzt Kaiser, Fürsten, Bettelmann und Huren,
Den Sinn in diesem Muster zu durchschauen,
Verlangt, sich gänzlich außer Spiel zu stellen,
Und vor dem Weltgeist gehts euch wie den Frauen,
Denn jeder Strom hat Strudel, Sumpf und Schnellen.
", "IWEIN: So wollte ihr mir vergeben, daß ich nahte?

LAUDINE:
Ich bin beglückt, daß du mir Schutz und Retter,
Ich stand am Abgrund und auf schmalem Grate,
Dabei noch blind nicht achtend Wind und Wetter.
Du wolltest mich aus der Gefahr erlösen,
Drum wähltest du den Artuskreis zum Wirte,
Und da mein Wohl sich neigte jäh zum Bösen
Betrat dein Gnadenfeld der wilde Hirte.

IWEIN: Wir sind bestimmt, vor aller Zeit, einander,
Die Vorwelt mischt sich ein in die Geschicke,
Daß Wotan, dem man sagt, daß er hier wander,
Die Götterminne noch einmal erblicke,
Das gibt ihm Kraft, den Fenriswolf zu halten,
Der nach der Sonne seine Zähne bleckte,
Und der nach Brand und aschenem Erkalten
Wohl meinen wird, daß ihm der Himmel schmeckte.

LAUDINE: Wir werden uns so lieben, daß die Sänger
Und auch die Nornen, die im Dunkeln walten,
Dank unsrer Glut nicht einen Stunde länger
Den Himmelsbrand für unausweichlich halten.
Denn größer ist der Brand, den starke Männer
Entfachen in den Herzen ihrer Frauen,
Es beugt sich selbst der Fenriswolf dem Senner,
Wenn aus den Augen Stern und Weltall schauen.

RABE (läßt sich auf den Zinnen nieder und hebt mit schimpfenden Gesten an):
Weh, weh, der Hüter schwelgt im Minnetraume,
", "Derweil ein Frevler naht dem weißen Steine.
Wer hält den Lästerer in seinem Zaume?
Ich sag, ein Heiltum schützt sich nicht alleine.
(Fliegt davon.)

IWEIN: Vorbei die Zeit der Traulichkeit, der Schwüre,
Ich sorge, daß bekannt im ganzen Lande,
Daß ich sehr gründlich meine Pflichten führte,
Und wer dareingreift, findet nichts als Schande.
(Ein gesatteltes Pferd erscheint, Iwein schwingt sich drauf.)
Mein Lieb, ich eil, ich richt und kehre strahlend,
Der Schelm kriegt keine Neider und Kopisten,
Und neigt der Nachmittag sich rot verfahlend,
Fühlst näher du denn je den jetzt Vermißten.
(Ab.)


Fünfte Szene.
Laudine, Lunete, Burgvolk, Herold, später Iwein.

LUNETE: Ihr rieft mich, Herrin, was ist zu bestellen?

LAUDINE: Ruf alles Volk, ich will den Leuten sagen,
Daß ich verlobt und Iwein jetzt der Hüter,
Drum soll kein Knappe und kein Ritter klagen,
Denn wohlversorgt sind wieder Burg und Güter.

LUNETE: Ich eile, das Befohlne auszuführen.
(Geht und kommt bald zurück. Der Hof bevölkert sich.)

LAUDINE:
Euch, Dienerschar des Brunnens, dem ich Seele,
", "Verkünd ich, daß des Feinds verwegne Krieger
Schon Schwert und Streitaxt spüren an der Kehle,
Denn unser Brunnenhüter ist – der Sieger.
Die Welt der Götter, Riesen und Dämonen
Hat unser Fähnlein herrlich aufgerichtet,
Drum danket, daß ihr Diener seid den Kronen,
Die tausend Jahr Poetenreim bedichtet.

ERSTER RITTER:
O sagt, was gab euch Grund zu solcher Eile,
Askalon liegt im Hof noch unbestattet,
Die Sitte heißt uns trauern gute Weile,
Wo ihr doch Freud und große Stütze hattet,
Es macht dem Heiland wenig Lob und Ehre,
Wenn Hingeschiedne nur als Altlast gelten,
Zerbrochen sind mit seinem Geist die Speere
Und Eiswind weht in unsern Klagewelten.

LAUDINE: Ich sage euch, auch Christen müssen saufen
Wie alles Vieh, wie Gras und Dornenranken,
Wo nähm der Heiland Wasser her zu Taufen,
Müßt er es nicht dem Fleiß der Quellen danken,
Derweil ihr müßig sitzt in eitlem Zagen,
Schlägt Iwein euch des Feindes Frevlerrotte,
Er tut was not in unheilsschwangren Tagen,
Er rettet euch und hält euch euerm Gotte.

ZWEITER RITTER:
Sollt man nicht wenigstens die Glocken läuten,
In der Kapelle eine Nische mauern,
Den Priester holn, die Heilge Schrift zu deuten,
Daß hier nicht länger Totengeister lauern?
", "LAUDINE: Ihr Selbstverliebte seid zu gar nichts nutze
Als zu Gewäsch und weibischem Gejammer,
Ihr dankt nicht, daß ich Weib zu euerm Schutze
Wie Donar schwing den harten Eisenhammer,
Man schicke einen Boten nach dem Kloster,
Die Keuschen solln Askalon sich als gleichen
Gern holn und in des Friedhofs grün bemooster
Grabsstill bedecken mit dem Kreuzes-Zeichen.

ERSTER RITTER:
Ihr sprecht verächtlich von des Meisters Lenden,
Zwar ward dem Thron kein Folger hier geboren,
Doch wollt ihr seinen sterblich Rest versenden,
Habt ihr das Maß und Anstand ganz verloren.

LAUDINE: Ihr hörtet selbst die letzten großen Worte,
Er wollte fliegen, fort aus dieser Enge,
Drum kommt er nach dem ihm gemäßen Orte,
Und muckt ihr auf, gibts dort recht bald Gedränge.

LUNETE: Nur rasch getan, ich schicke nach dem Abte.

LAUDINE: Das soll ein Ritter, seiner Lieb zu frönen,
Ich duld nicht Meuterei, auch nicht verkappte,
Kein Klagwort soll mir mehr im Burghof tönen.
(Erster Ritter ab. Die anderen schweigen betreten.)

LUNETE:
Soll Hochzeit sein? Das Mahl ist schon bereitet.

LAUDINE: Es ist seit alters Brauch bei den Germanen,
Daß das Verlöbnis den Vertrag bestreitet,
", "Drum schmücke man die Burg mit neuen Fahnen.
Den neuern Bräuchen bin ich nicht gewogen,
Denn mehr als Priester mag ich weiße Schwäne,
Das Glück ist mir ein Pfeil am straffen Bogen
Und von den Glocken krieg ich bloß Migräne.

(Zweiter Ritter und einige Knappen entrollen schweigend die Lilienfahnen Iweins und befestigen diese auf mehreren Zinnen. Fanfarenstoß. Ein Herold tritt in die Mitte der Bühne und wendet sich zum Publikum.)

HEROLD:
Dem Land, dem Volke am verborgnen Brunnen,
Mach ich bekannt, daß nun der Lilienrecke,
Der die Normannen schlug und auch die Hunnen,
Uns hüte und die Feinde niederstrecke.
Drum rauscht der Quell gar herrlich, hell und heiter,
Und auch die Herrin ist in gutem Hoffen,
Dem Arm des Fürsten gleicht gewiß kein zweiter,
Der alte ist im heißen Bad ersoffen,
Er ward vom Herrn der Welten abgehoben,
Nachdem er seinen Pflichten nicht gewachsen,
Nun solln die Bäche reine Kühle loben
Mit Äschen, Schmerlen, Barschen, Plötzen, Lachsen,
Nun singt der Klarheit neu die Bachforelle,
Und mit ihr singen Ritter, Fraun und Knappen,
Dem Sieg sich Gnad und hohes Glück geselle,
Befreit sind wir von einem morschen Lappen.
Es gibt nur eine Treu, die fußt auf Stärke,
Die Schwäche trübt die Augen wie die Auen,
Drum soll hier jed Geschöpf bei jedem Werke
Nur immer auf das Lilienschwert vertrauen.
", "IWEIN (in den Hof hereinreitend):
Ein neues Glied im Buch der Weltgeschichte
Ward heut gefügt, ihr seid dabeigewesen,
Der Ritter Keye mit dem Schiefgesichte
Trank heut den letzten Honigwein am Tresen,
Daß Artus schickte solchen Spießgesellen
Zeigt schon des Hofes andere Prämissen,
An unserm Brunnen, an dem sprudelnd hellen,
Wird nun von dort kein Ritter mehr verschlissen.
Auch sagte mir Gawain, mir einst Gefährte,
Mein Reich würd dort von keinem mehr bestritten,
Darum ich rasch mit Friedensbotschaft kehrte,
Daß ich die Mähre fast zuschand geritten.

LAUDINE: Da du uns Frieden gabst mit deinen Kräften
Die Ritter hier, senil und abgestanden,
Die Frömmelein des Altherrn wideräfften,
Auf daß die frohe Botschaft werd zuschanden,
Mit Widerworten, offnen Meutereien,
Zwang man das Weib, das Sühneschwert zu zeigen,
Sie wagten, mich der Buhlerei zu zeihen,
Und wollen Krypten statt Verlöbnis-Reigen.

IWEIN: Ihr Ritter, danket Gott, daß euch das Übel
Wie Fönwind zog vorbei, kaum zu gewahren,
Der Krieg, ein Unhold mit gewaltgem Kübel
Voll Brandschatz, Hunger, Pest und Mörderscharen,
Blieb euch erspart, mit dem beherzten Handeln
Gab ich euch Frieden und Gedeihn auf Jahre,
Das Land wird sich in Milch und Honig wandeln,
Eh noch dem ersten von euch grau die Haare.
Wir müssen nur zusammenstehn und sorgen,
", "Daß jeder sei auf seinem Platz der erste,
Dann muß der Schmied nicht mehr beim Juden borgen,
Und Kinder essen Weizenbrot statt Gerste.

BURGFRÄULEIN:
Ich glaube ihm, sein Aug ist hell und leuchtend,
Er zeigt mit fester Stimme uns das Rechte,
Mit Freudentränen mir die Wangen feuchtend,
Erfahr ich, daß uns abgewehrt das Schlechte.

ZWEITER RITTER:
Ihr sprecht die Sprache, die wir gut verstehen,
Die Herrin stichelt wider unsern Glauben,
Einst kommt für uns die Stunde auch zu gehen
Dorthin, wo nie die Kampfesrosse schnauben.

IWEIN: Wir wollen hier nicht über Bräuche zanken,
Die Welt ist groß, und Gottes Wege krümmer
Als jeder Bischofsstab, wir wollen danken,
Wers anders tut, der ist darum nicht dümmer,
Vergeßt nie, daß in eurer Herrin dauert
Ein Schrein, der euch mit Fruchtbarkeit und Güte
Begabt, und wenn ihr jeden Quell vermauert,
So fragt euch nicht, warum kein Veilchen blühte.
Die Quellengeister wolln euch nicht berauben,
Zwar kennt sie nicht das Schrifttum der Hebräer
Doch soll kein Mensch sich in Gewißheit glauben,
Was Gottes Anlitz fernsteht und was näher.

ZWEITER RITTER:
So wollen wir zum Schwur die Hand erheben,
Denn Iwein sind wir größte Treue schuldig,
", "Weil er den Frieden gab und so das Leben
Und nimmer zagte, säumig und geduldig,
Wo sich der Feind erhob als Kinderschänder,
Tyrannisch sandte Drachen und Skorpione,
Wir dienen ewig unserm Lebensspender
Und knien in Demut vor der Fürstenkrone.

IWEIN: Dies ist ein gutes Wort, ich will ihm danken,
Doch schließt die Herrin stets in eure Eide,
Denn ihr zur Ehr wies ich dem Feind die Schranken,
Und ihr Gedeihn ist höchstes für uns beide.

ALLE RITTER UND KNAPPEN:
Der Herrin wolln wir unsern Eid erneuern,
Solang die Welt besteht mit See und Quellen,
Wolln wir den Feind des Lebensborns befeuern
Und unser Fleisch zu einem Walle stellen.
Und den sie wählte und mit ihm den Frieden,
Wolln wir mit ihr als Einheit stets betrachten,
Solange uns ein Atem ist beschieden,
Geheiß und Ansporn stets als höchstes achten.
Kein Schwert erlös uns je von diesen Bändern,
Vergessen laß uns Schierling nicht noch Mohne,
Wir dienen ewig unsern Lebensspendern
Und knien in Demut vor der Doppelkrone.

IWEIN: Nun laßt uns froh sein, weil das Land befriedet,
Wir wollen Wein und den geschmorten Eber.

LUNETE: Das Fleisch ist gar, die Pfeffersuppe siedet,
Und endlich, endlich spricht der Hinweisgeber.
(Man bringt einen Bratenspieß und Weinfässer.)", "IWEIN (reicht Laudine einen Kristallkelch mit Wein):
Mein Augenstern, Orphanus meiner Krone,
Das Herz, erleuchtend alle Mitternächte,
Der tiefste Höllenkreis den Undank lohne,
Wenn ich nur eine Stund nicht deiner dächte.
Nimm diesen Wein, als seis mein Blut, vergossen
Am Hochaltare deiner milden Tugend,
Was jemals ich erring auf Lebenssprossen,
Ist dein, o Quell und Lebensgeist der Jugend.

LAUDINE (trinkt): Ich spüre in den Adern deine Minne
Und zittre wie die Espe vor den Sehnen,
Was mir das Herz verspricht und alle Sinne,
Soll sich durch Nacht und Tag unendlich dehnen.
Wir wollen eins sein und uns flutend lösen,
Vom Neid des Lichts, den Kronen und den Ständen,
Wir wissen nichts vom Guten und vom Bösen,
Wenn wir zur Nacht die Lieblichkeit vollenden.

IWEIN: Doch morgen darf ich, wie Gawain geraten,
Nicht ausruhn mich als Landesherr und Hüter,
Der Sieg ist immer nur ein Ruf nach Taten,
Sonst schwillt der Leib und trüb sind die Gemüter,
Drum werd ich dich, mein Herzblut, früh verlassen,
Daß dir zur Ehre Zeichen sein und Wunder,
Ich geh zur See und schau in allem Nassen
Nur dich als Perle und als flinke Flunder.

LAUDINE: Ich ahnte fast, daß dieser Tag noch Schatten
Mir würfe in die Falten meiner Röcke,
Das Los, das allezeit die Frauen hatten,
Warn Reiterstiefel oder Wanderstöcke,
", "Es ist mir nicht gegeben, dich zu hindern,
Doch setz ich Jahr und Tag als höchste Fristen,
Sonst siehst du nie das Aug von deinen Kindern,
Und kein Vertrag gedenkt noch des Vermißten.

IWEIN: Ich werd zur rechten Zeit den Torweg finden,
Das Tuch zu fangen, das du wirfst vom Fenster,
Ich werde Drachen und Tyrannen schinden,
Doch dann begrüß ich fröhlich meine Wänster.
Ein Mann, dem seiner Herrin Frist nicht heilig,
Käm selbst zu spät bei Heilands Weltgerichte,
Der hat es wie Ahasver immer eilig,
Und kommt doch niemals raus aus der Geschichte.

LAUDINE: Ich üb mich von der Liebesnacht zu zehren
Im Lenz, im Sommer und in Herbst und Winter,
Ich träume von Gefechten, Ruhm und Ehren
Und hoffe, daß ein größres Glück dahinter.
Und wenn die Frist sich neigt, da werd ich schauen
Ob sich im West dein blauer Helmbusch zeige,
Ich werde dir durch jeden Tag vertrauen,
Denn Zweifel ist der Suppentopf für Feige.

IWEIN: Nun laß die Ritter rülpsen, furzen, schmatzen,
Es ist nicht not, daß uns das Schauspiel klammer,
Wir sind ganz einfach fort so wie die Katzen,
Die Stiege führt recht rasch in deine Kammer,
Dann sollst du deinen ganzen Reichtum kennen,
Wenn das Verlöbnis sich mit Blut besiegelt,
Denn wenn wir ohne Licht und Zeugnis brennen,
Scheint uns die Welt ganz fremd und eingeigelt.
", "Ein Wald mit Eichen und Buchen, fest geschlossenen Kronen, sehr dunkel. Im Hintergrund Laute von wilden Tieren und rasender Galopp verfolgten Wildes. In der Mitte der Bühne Iwein, schlafend und nur mit einem Eberfell bekleidet. Der Dichter und Frau Minne treten auf und treffen sich in der Mitte vor dem Schlafenden. Der Dichter trägt im Gegensatz zu allen mittelalterlichen Figuren Jeans und T-Shirt, Frau Minne trägt ein sehr buntes Kleid mit lauter Vogelmotiven.

Erste Szene.
Dichter, Frau Minne, Iwein schlafend.

DICHTER:
Als Verseschmied, erst recht als Bühnenschreiber
Ist mir der Kummer eine feste Größe,
Mal zetern rings die aufgeklärten Weiber,
Ich zeigte Frauen als Geburtenschöße,
Und immer heißts, ich hätt nicht recht begriffen,
Welch großes Heil uns läg im Kaufmannsstande,
Dann wieder tönts: Nicht rauchen und nicht kiffen,
Und Alkohol sei stets die größte Schande,
Ich eß schon nur noch heimlich Schweinsgehacktes,
Mach auch die Suppe erst im Teller schärfer,
Als Religion such ich mir höchst Vertracktes,
Sonst heißt es Fundi und dann Bombenwerfer.
Das alles läßt mich nicht mehr sehr verzagen,
Weil jedes Spiel ins größre Spiel gebunden,
Wenn wir die Masken aufzusetzen wagen,
Begegnet uns, was sonst wir vorgefunden.
", "Doch ists ein eigen Ding, wenn man gebastelt
Den ersten Aufzug rund und ohne Lücke,
Und dann sich wild verzettelt und verhaspelt
In der Figuren eigenmächtger Tücke.
Da hat der Held, der klug und maßvoll waltet,
Den Sinn für Zeit verlernt in den Turnieren,
Und merkt nicht, wie ein Frauenherz erkaltet,
Und über Frist stehn Wochen schon zu vieren.
Da klagt Lunete vor der Artusrunde,
Und auch Laudine weigert ihm die Schwelle,
Und was geschieht: Mit weißem Schaum am Munde
Verwildert er und schläft im Eberfelle.
Da kann der Dichter nicht mehr komponieren,
Wenn Irrsinn heißt der Königsweg der Sühne,
Mit Rasenden und gar mit wilden Tieren
Gabs nie noch Glück auf einer deutschen Bühne.

FRAU MINNE: Daß die Figuren aus der Feder laufen,
Ist ein Geschick, das alt wie das Theater,
Kopien kann man in vielen Läden kaufen,
Doch ungewiß das Schicksal ist als Vater,
Was wir bedingen, steht in eignen Regeln,
Und zwischen Zeilen webt das Ungesprochne,
Nicht neun sind möglich einzig wie beim Kegeln,
Im eignen Safte schmort das Angebrochne.
Wenn wegen Schicklichkeit und Langerweile
Der Vorhang fällt, spinnt sich das Spiel im Dunkeln,
Wir meinen, daß das Aug die Gänze teile,
Und sehn doch manches unerwartet funkeln.
Du sagst dir, daß nach Schwur und Komplimenten
Kein weitres Hinschaun not, um zu begreifen,
Dies heißt, das Schicksal auf den Aszendenten
", "Zu reduziern und auf die Sinne pfeifen.
Wenn Liebende im Minnespiele fließen,
Die Ober- und die Unterwelt durchrauschen,
Dann mag es sein, daß sie die Brust verschließen,
Und vorher sie die Herzen sich vertauschen.

DICHTER: Du meinst, der Kerl, der mir zum Saboteure
Geworden, täts mit einem Weiberherzen?
Und ich, der dieses Indiskrete höre,
Solls fülln mit Ulk und ein paar Schwulenscherzen?
Es gilt als die Domän des Komödianten,
Zu spielen mit Geschlecht und Travestieen,
Doch wenn man auch gern schaut die wilden Tanten,
Wird jeder Ernst dabei nicht gern verziehen,
Frau Minne darf nicht tun bei Gaukeleien,
Der Julier Venus steht nicht in Bordellen,
Den Minnetempel darf kein Licht entweihen,
Drin Käufliche ihr Angebot erhellen.

FRAU MINNE: Die Rede setzt in irrige Verbindung,
Was weder tief in eins fällt noch im Scheine,
Es geht hier nicht um Rollenüberwindung
Und auch nicht drum, wer spreizen darf die Beine.
Der Herztausch ist ein mystisches Vernabeln,
Unkund der Menge und sogar dem Träger,
Daß sich in andrer Weis die Pfade gabeln
Für Schwert und Schild, für Wager und für Wäger,
Im Herz ist das Geschlecht ein andres Wesen,
Als im Gehirn und gar im Unterleibe,
Wer ihm vertraut, ist wahrhaft auserlesen,
Und findet bei Frau Minne seine Bleibe.
(Geht ab.)
", "DICHTER (zum Publikum):
Was soll das? Hat hier jemand eine Ahnung,
Wie man am klügsten solchen Ratern fromme,
Wie Wotan fühl ich mich nach Erdas Mahnung,
Die nutzlos tönt, das bald das Chaos komme.
Ich denk, ich laß dies aus bei meinen Rollen,
Ein Zufall wars, daß wir zusammentrafen,
Doch will ich mich jetzt von der Bühne trollen,
Denn dieser Krieger hat bald ausgeschlafen.
(Ab.)

IWEIN (erwachend):
Mir träumte süß, ich sei ein stolzer Ritter
Am Hof des Artus, wo die Lanzenstecher,
Daß im Gewölb der Marmelstein erzitter,
Mit Taten würzen die gefüllten Becher,
Und eine Dame wär mir ganz gewogen,
Ein Wunderbronnen und ein Quell der Jugend,
Ich bin als großer Herr durchs Land gezogen,
Ehrgeizig nur nach Wohltat und nach Tugend.
Doch ich erwach, von der Kultur verlassen,
Im finstern Wald, im tierischen Gewande,
Ich walte fern der Höfe und der Gassen
Und meine Zukunft sagt mir nichts als Schande.
Wohl hab ich manches Mal mich aufgerappelt,
Focht manche Dame frei und schlug Tyrannen,
Ein Hamster bin ich, der im Käfig zappelt,
Ein Halm, der niemals Korn fühlt unter Grannen.
Was hilft es mir, das manche, die ich schützte,
Die Eh mir bot und auch die Landeskrone?
Ich weiß wohl, daß ein Weib mir gar nichts nützte,
Weil ich in einem fremden Herzen wohne.
", "Seit mir der Leichtsinn hat Laudin entrissen,
Ist mir die Zukunft scharfer Rauch und schwärzlich,
Ich bin ein Knoten aus Gewissensbissen
Und werd verlegen, meint es jemand herzlich.
So flieh ich Menschenhäuser, Türme, Brücken,
Ich brauche keinen Schlachter, keinen Bäcker,
Ich bin im Wald und brauch mich nur zu bücken,
So find ich Eicheln oder Buchenecker.
(Läßt sich mutlos fallen.)


Zweite Szene.
Iwein, der Löwe, später ein Drache.

LÖWE (drängt hastig dicht an Iwein heran):
Ich bin der Tiere König steht geschrieben,
Das gilt für alle Tiere wohl im Brehme,
Und wär der Schöpfer stets dabei geblieben,
Wär meine Lag wohl eine angenehme,
Dort drängen aus den Tiefen des Verdrängten
Gestalten, die man hielt für ausgestorben,
Wie sie die Flügel ins Reale lenkten,
Erfährt man nicht, so viel sie auch verdorben.

IWEIN: Was drängst du her, als seist du eine Dame,
Die grad ein Ries zu speisen hat beschlossen,
Ich bin kein Schutz, ich bin nicht mal ein Name,
Ich bin der Wein, den man zu viel genossen,
Und der nun nichts als Schmerzen bringt und Schwäche,
Statt Schlaf-Vergessen taugt kein andres Mittel,
Glaub nicht, daß ich den Königsthron dir räche,
Noch gönn ich dir vom Schlafensplatz ein Drittel.
", "LÖWE: Du weißt nicht deinen Rang, da dir Frau Minne
Mit einem Tranke hat das Herz zerteilet,
Jedoch die Tiere haben feinre Sinne,
Sie riechen, daß in Bälde du geheilet.
So ich als König kann mich nicht mehr retten,
Hilft mir allein der Held im Tier-Habite
Zwar löst du nicht allein die eignen Ketten,
Doch keine sonst ist, die dein Schwert nicht schnitte.

IWEIN: Die Furcht umsäuselt dich mit Wahngestalten,
Ich habe keinen Rang, ich bin geschlagen,
Ich habe keine Früchte zu erhalten,
Und warum sollte ich noch etwas wagen?

LÖWE: Der Rabe sagts, der weiseste der Künder,
Ihm ist die Zukunft klar und unverschlossen,
Und auf dem Strom, da sprechen Nattermünder,
Daß Leu und Iwein werden einst Genossen,
Zum Mythenborne hat kein Tier den Riegel,
Du hast nicht Macht, das Licht des Monds zu finden,
Ich diene dir als Wappenschild und Siegel,
Wenn die Chimären aus der Zeit verschwinden.

IWEIN: Wohl möglich ists, das wir zu zweien stärker,
Und daß im Tierreich Kraft mich zu ergänzen,
Zwar hörte ich von keinem der Berserker,
Daß ihms gefehlt an Mähn und Leuenschwänzen.
So sei gewagt ein neues Buchkapitel,
Nachdem des letzte sprach von Schlaf und Reue,
Denn weiß die Poesie ein neues Mittel,
Heißt dies dem Helden immer Ehr und Treue.
(Er erhebt sich und nimmt das Schwert aus der Scheide.)
", "Furchtbare Winde streifen durch die Buchen,
Die Grabesstarre dräut aus hohlen Eichen,
Ich glaub, ich brauch hier nicht recht lange suchen,
Die Mutter lehrte einst mich solche Zeichen.
(sehr laut)
So komm, du feige Mißgestalt, verdorbnes,
Gebräu der Hexe, zeig die Echsenzacke,
Zwar mag mein Schwert gewiß nichts Abgestorbnes,
Doch bleibt die Klinge rein in jeder Kacke.
Was säumst du, traf dich unterwegs ein Spiegel,
Daß du erschrakst vor deinen Scheußlichkeiten,
Ich hab hier Speere, daß du gleichst dem Igel,
Wenn dann die Geier zur Zerlegung schreiten.

DRACHE: Daß ich dich Winzling nur als Nachruf sehe,
Bedaure ich, denn wenn ich bei dir lande,
Bist du verbrannt vom Scheitel bis zur Zehe,
Ein Aschehäuflein, das da liegt im Sande,
Den Ring hat dir Lunete abgenommen,
Weil selbst dein eignes Volk dich nicht mehr achtet,
Aus reiner Großmut bin ich hergekommen,
Damit dich nicht der Wahnsinn nur umnachtet.
Ja, selbst der Zauberring würd dir nichts nützen,
Weil du als Schwätzer kannst das Maul nicht halten,
Aus solchen macht mein Weib mir sonntags Grützen,
Die lasse ich im Firneis gern erkalten.

IWEIN: Was soll der Singsang? Sind wir Advokaten
Die vor Gericht für Milderung plädieren,
Mein Schwert ist grad zu schad für dich, ein Spaten
Täts auch, dich für die Schnecken zu garnieren.
", "(Eine Feuersbrunst wogt über die Bühne. Als sie verebbt, sitzen Iwein und der Löwe auf je einem Baume. Eine zweite Feuersbrunst, dann völlige Dunkelheit. Am Rand der Bühne schlagen zwei Lanzen ein. Man hört jede Menge zerbrechendes Holz, dann ein Geräusch, als würde ein riesiger Ballon entkorkt, dann strömt eine Flüssigkeit. Es wird langsam wieder hell und man sieht einen völlig zerstörten Wald, lauter abgeknickte und verbrannte Bäume, in der Mitte liegt der tote Drache, daneben Iwein mit dem Schwert und der Löwe.)

IWEIN (wischt sich den Schweiß von der Stirn):
Es war haarscharf. Gut, daß ich ausgeschlafen.

LÖWE: Wie fandst du so genau den Herzensflecken?

IWEIN: Er trug ein Mal, das war des Schwertes Hafen,
Ich mußte es nur in die Grube stecken.

LÖWE: Wie wußtest du von diesem Herzenszeichen?
Wie fandest dus in diesen Finsternissen?

IWEIN: Es sagten mir die todgeweihten Eichen,
Daß mich gleich ihm die Schlange hab gebissen,
Mein Muttermal, ein Halbmond auf den Rippen,
Nannt meine Mutter einst den Gruß der Natter,
Ich fänd es selbst auf unbehausten Klippen
Und weiß darunter tobt das Herzgeratter.
Da ich von Schlangenbissen sonst nichts wußte,
Hab ich die Eichensprüche so gedeutet,
Da wo sichs fühlt wie in der eignen Kruste,
Ist Ziel, wo ihm die Totenglocke läutet.
", "LÖWE: Der Rabe sagte wahr und war im Bilde,
Er meinte auch, dies kreischen schon die Möwen,
Du trägst mein Antlitz nun in deinem Schilde
Und nennst dich stets der Ritter mit dem Löwen.

IWEIN: Nun laß uns ruhn, die Schlächterei war gräßlich,
Ich dank dir für Bewährung, Nam und Wappen,
Solche Stunde eint, wir bleiben uns verläßlich,
Und ich brauch niemals wieder einen Knappen.
(Beide legen sich zum Schlaf nieder.)


Dritte Szene.
Dichter, Frau Minne, Iwein und der Löwe schlafend.

FRAU MINNE (zum Dichter vor den Schlafenden):
Was sagst du nun? Das Herz hats ihm gewiesen.

DICHTER: Im Eichendunkel, wie ich prophezeite.

FRAU MINNE: So wir die Szenerie gemeinsam kiesen,
Fügt sich das Dach genau der Unterseite.

DICHTER: Ich hielt nie viel von kollektiven Werken,
Drum ging ich in den Achtzgern auch nach Bayern.

FRAU MINNE: Das ist grad diesen Jahren anzumerken,
Die ziellos, das doch recht geschickt verschleiern.

DICHTER: Bin Thema ich und weniger Laudine?

FRAU MINNE: Dein Wirken preiset immerfort dieselbe.
", "Und nur durch sie bracht ich dich auf die Schiene,
Ein frührer Rat, der war doch nicht das Gelbe.

DICHTER: Wir können uns die Liebe nicht erfinden,
Wenn wir sie nicht im Übermaß empfangen,
Es nutzt nichts, einen Flaschenzug zu winden,
Es bleibt doch nur ein Fliegendreck dran hangen,
Daß ich zum Drama kam und im Gedicht viel weiter,
Das lehrten mich nicht Schiller und nicht Rilke,
In diesen Himmel bleibt die Jakobsleiter
Allein und auch in Zukunft meine Hilke.

FRAU MINNE:
Ja, hättst du dies dir früher eingestanden,
Dann wäre diese Szene jetzt entbehrlich,
Ob Weimar, Wien, ob in den Niederlanden,
Das Publikum bevorzugts klar und ehrlich.
(Beide ab.)


Vierte Szene.
Iwein und der Löwe, Lunete.

LUNETE (die Iwein nicht erkennt, wirft sich vor ihm hin):
Mein Herr, mein Held und großer Drachentöter,
Ich brauch für den Gerichtskampf einen Recken,
Sonst bin ich nicht mal ein verlauster Köter,
Und bald wird man den Feuertod vollstrecken.
Ich tat, was mich belastet, nicht fürs meine,
Nur für Frau Minne braucht ich List und Lüge,
Und wär der Minner noch der Herr im Haine,
So drohte mir kein Zorn und keine Rüge.
", "Ich hab ihn einst im Torhaus mit dem Ringe
Befreit, als alle ihn als Mörder suchten,
Ich sorgte, daß die Werbung gut gelinge
Um meine Herrin, einer gut Betuchten.
Es sah so aus, als würd dem Lande Frieden
Und dauerhaftes Glück dem jungen Paare,
Doch dann hat er uns Jahr und Tag gemieden,
Daß sich die Herrin rauft die goldnen Haare,
Nun hat man mich verraten, daß der Liebe
Ich damals half und sprach auf Scheiterhaufen,
Allein ein Mann mit einem starken Hiebe
Vermag es, mich der Flamme loszukaufen.

IWEIN: Das Urteil ist ein Irrtumsspruch und sündlich,
Glaubt mir, der Henker hat euch schon verloren,
Ich stritte für euch täglich oder stündlich,
Statt eurer werden die Verleumder schmoren.
Geht heim und seid gewiß, daß eure Taten
Nicht unrecht warn, und Gott wird es erweisen,
Gebt meinem Leun nur die genauen Daten,
Dann werden wir zu eurer Rettung reisen.

LUNETE: Habt Dank, o Herr, es gibt im ganzen Reiche
Wohl keinen, der mich je so hold beschämte,
Ich rannte wie vernarrt an manche Eiche,
Weil ich mich so um diese Schande grämte,
Hier steht geschrieben, was den Richtern billig
Erschien und dieser Sache angemessen.
(Sie gibt dem Löwen ein Pergamentrolle mit kgl. Siegel.)
Doch niemand ist am Artushof mir willig,
Und dem ich half, den haben sie gefressen,
Daß ich ihm selbst entzogen Huld und Zauber,
", "Macht wilder noch, daß man mich ganz verdamme,
Und mörderisch wie dieses Walds Entlauber,
Wünscht man mir rasch und wirkungsvoll die Flamme.

LÖWE:
Mein Herr kämpft für die Witwen und die Waisen,
Die Mägde der Frau Minne sind ihm heilig,
Er fürchtet nicht das Feuer und das Eisen,
Und dieses unerschrockne Dasein teil ich.
Ihr seid von Sorge frei bei solchen Bürgen,
Und wird beim Gotteskampfe gar betrogen,
Werd ich die Richter ohn Verzug erwürgen,
Und jeden, der zu euch je ungezogen.

LUNETE: Ich werd euchs nie vergessen, die ihr streitet
Für ein verächtlich Ding mit härner Schürze,
Und wenn mir jetzt das Leben nicht entgleitet,
Vielleicht, daß ich es einmal für euch kürze.
Ich bin geringen Stands und voller Schwäche,
Doch regen Geists und dabei unerschrocken,
Und wenn ich mich an einem Feinde räche,
So bleibt gewiß darob kein Auge trocken. (Ab.)


Fünfte Szene.
Iwein und der Löwe, Nimue.

(Die Dame trägt ein blaues Gewand und eine Burgunderhaube. Gewand und Haube sind mit silbernen Halbmonden besät. In der Rechten trägt sie einen silbernen Stab mit einem silbernen Handmond an der Spitze. Bei innerer Bewegung bewegt sie den Stab. Dann erscheinen Moor-Irrlichter im Hintergrund.)
", "NIMUE: Sieh einer an, der Löwe ward zum Knechte!

LÖWE: Zur Stunde der Gefahr gabs nichts als Blasen
In Schlick und Schlamm vom wässrigen Geschlechte,
Und jetzt nennt das Gequak die Kämpfer Hasen.

IWEIN: Du solltest derart nie die Frauen schelten,
Auch wenn sie spitzen Munds die Taten pönen,
Mißachte nie den Rat der Schattenwelten,
Denn schäbig fahlt das Licht, das bar der Schönen.

LÖWE: Die Schönheit der Natur weiß ich zu schätzen,
Doch die Magie ist Ärger mir und Blendung,
Und Hexen, die da Buchenstäbe wetzen,
Verderben aller Ritterschaft die Sendung,
Gedenk Merlins, den in die Weißdornhecke
Gebannt die Arge, die ich so umschmeichelt,
Ich schlief wohl gern auf meinem Laubichtflecke,
Wär nicht der Wald vom Drachenbrand enteichelt.

IWEIN: Du sagtest jüngst, dem Tiere sein die Mythen
Verschlossen, drum bemüh dich nicht um Sagen,
Der Ritter soll die Ehr der Frauen hüten,
Mit Schelten nicht und Schmähung um sich schlagen.
(zu Nimue):
Nun Edle sprecht, was führt zu später Stunde,
Solch feine Damen in das Haus der Schlächter,
Seid sicher, daß wir ernsthaft eurer Kunde
Und stets der Tugend und des Mitleids Wächter.

NIMUE: Ich bin nicht bar des Beistands und des Mannes
Und ich begehr von Euch nicht Schutz und Rache,
", "Gewappnet unterm Mondgeleucht des Bannes
Ist Frieden lang schon unter meinem Dache.
Ich hörte nur, daß ihr zur Artusrunde,
Mögt ziehn, und hoff, ihr könnt Pelleas schauen,
Daß ihm von meinen Einsamkeiten Kunde,
Die mählich mir verunziern Wang und Brauen.

LÖWE: Pelleas hat sie bös mit Haß geschlagen,
Daß er Arcade, die in Liebe schmachtet,
Für immer hat verbannt aus seinen Tagen,
Daß sie verwelkt und nach dem Grabe trachtet.
Sie spinnt durch Nacht und Nebelfrühen Ränke,
Und hinterläßt ein Meer von Schmerz und Träne,
Drum keinen Wimperschlag den Reizen schenke,
Verhüll dein Haupt im Gold der Löwenmähne.

IWEIN: Schluß jetzt mit Klaggeraun und wüstem Hader,
Ich hab genug von dämmrigen Geschichten,
Und öffnet sich Arcane selbst die Ader,
So ist Nimues Schuld dies doch mitnichten,
Dies Mädel hat Pelleas abgewiesen,
Um ihn zu spotten, noch Gawain verführet,
Bewahr dir deine Ehrsucht für die Riesen,
Eh solcher Mißmut werde hier geschüret.
(zu Nimue):
Ich weiß nicht, was da heut in ihn gefahren,
Mag sein, ihn ritzte eine Drachenzacke,
Und Pestgewölke, die vergiftet waren,
Verharzten sich im Hirn zu solcher Macke,
Hört einfach weg, es ist mir große Ehre,
Für euch die strenge Mahnung zu verbreiten,
Es ist Pelleas sicher Nutz und Lehre,
", "Erfährt er eure Traurigkeit beizeiten.
Da wir uns grad so unverhofft begegnet,
Bitt euch ich auch um eine Grußeskunde,
Ich denk die Geister, die das Feuchte segnen,
Versammeln sich gelegentlich zur Runde:
Laudine, Herrin am verborgnen Borne,
Sagt, wenn ihr sie an frohem Tage treffet,
Sie richte ihren Huldenblick nach vorne,
Das Schattensegel sei recht bald gereffet,
Ihr Glück gedieh, entsagte sie dem Schmollen,
Denn keiner Frau ihr Lehnsmann sich verfügte,
Und große Dinge noch geschehen sollen,
Wenn für die Schuld die Tilgung nicht genügte.

NIMUE: Da muß ich dich enttäuschen, holder Recke,
Ich tät euch vieles gerne zu Gefallen,
Doch gelb blüht dort die Oleanderhecke,
Der Bach führt tropisch warm jetzt Würfelquallen.
Ich brächte jedem Wasserwesen Grüße,
Ob Seestern, Muschel, Krabbe und Languste,
Doch dorthin wagt sich nimmermehr das Süße,
Denn jeder Gruß zerspellt an dieser Kruste.

IWEIN: Dies weiß ich wohl, doch mögen Tage kommen,
Da sie die Wehmut faßt am goldnen Schopfe,
Ihr würdet meinem Wunsche trefflich frommen,
Behieltet ihr mein Wort im Hinterkopfe,
Denn das Geweb des Lebens läßt nicht schauen,
Was für ein Tag wird kommen noch und gehen,
Ins Ungewisse heiß ich euch vertrauen,
Bereit zu sein und weiter dann zu sehen.
", "NIMUE: Dies will ich gerne hoffen und bewahren
Den Gruß, bis er bereit ist auszufliegen,
Das Glück mög sich mit euren Wegen paaren,
Und euer Schwert soll wetterleuchtend siegen.


Sechste Szene.
Iwein und der Löwe, Waldschrat mit Widderfüßen.

WALDSCHRAT (mit unechter Empörung):
Mein Haus ist gastlich stets für Mensch und Tiere,
Und manchem ohne Obdach wards hier wohnlich,
Freigiebig bin ich, daß ich mich nicht ziere,
Weiß jeder, der mir gütig frommt und schonlich.
Auch ihr, Herr Ritter, durftet euren Grillen
In meinem Hause ohne Sorge frönen,
Ob hoch, ob niedrig, ich bin stets zu Willen
Und nehm nicht nur die Starken und die Schönen.
Der Undank doch ist oft der Langmut Erbe,
Man feiert hier und gibt sich ausgelassen,
Man sorgt dafür, daß hier das Dammwild sterbe,
Und weiß, die Eichen wissen sich zu fassen.
An mich, meint man, ist keinesfalls zu denken,
Weil mein Geschäft Geselligkeit nicht fordert,
Und würde ich euch alle Bäume schenken,
So seis, daß ihr noch weitre Gaben ordert.
So bin ich zwar gewöhnt an reichen Kummer,
Ich scheu nicht Müh, die Schäden auszubessern,
Doch heute riß mich Lärm aus meinem Schlummer,
Als sei die Luft erfüllt von tausend Messern,
Ich sehe, euer grimmiger Kollege,
Hat sich bei der Zerstörung übernommen,
", "Und liegt nun abgewrackt und tot am Wege,
Unfähig, für den Schaden aufzukommen.
Es wäre nun gerecht und dabei schicklich,
Beglicht ihr rasch des Abgeschiednen Schulden,
Ich rechne noch und stehe augenblicklich
Bei schätzungsweise zwanzigtausend Gulden.

IWEIN: Mein Herr, ich bin ein fahrend armer Ritter,
Mein Knappe hier hat auch kein Bankgewerbe,
Es gab in diesem Waldstück ein Gewitter,
Wir kriegten Schläge schon genug und herbe.

LÖWE: Und überdies wir zählen nicht zu Würmern,
Auch nicht zu Echsen oder Krokodilen,
Drum haften wir auch nicht, wenn solchen Stürmern
Die Flügel grad in deinen Eichwald fielen.

WALDSCHRAT:
Wer hier gehaust, hat Frechheit auch zu schwindeln,
Dies ist nicht neu, doch war es selten dümmer.
Ihr haltet mich wohl für ein Kind in Windeln?
Und wollt gar leugnen, daß der Hag voll Trümmer?
Die Armutsthese läßt mich lauthals lachen,
Für alle Welt gebt stündlich ihr Audienzen,
Sag ihr da stundenlang nur: Nichts zu machen,
Wir sind gemäht, bei uns ist nichts zu sensen?
Und dann der Trick mit Echse, Wurm und Flügel,
Wie sind doch Birk und Fliegenpilz verschieden,
Doch Roß und Reiter eint nicht nur der Zügel,
Sie sind sich eins im Kriege wie im Frieden.
Ähnlich verhält sichs mit dem dreisten Flieger,
Wir haben alle Woche hier Gewitter,
", "Das kostet Blätter und schafft manchen Bieger,
Doch heute haben wir den Löwenritter.
Ich denke, es ist schlüssig klargeworden,
Daß ein Zusammenhang von diesem Gaste
Und euch besteht, weshalb ihr dafür haftet,
Was jener hier im Übermut verpraßte,
Ich tat schon dar, daß ihr das wohl verkraftet.

IWEIN: Bevor ihr weiter rechnet und mit Zinsen,
Ists besser, daß man friedlich sich vergleiche,
Dies Abenteuer ging wohl in die Binsen
Und teuer ist recht oft des Feindes Leiche.
Wir haben Bargeld keins, nicht Ländereien,
Nicht Unterhalt, noch sonstwie feile Pflichten,
Wir können uns nur aus der Schuld befreien,
Wenn ihr uns Arbeit gebt, die wir verrichten.

WALDSCHRAT:
Was liegt euch außer Eichenhaine köpfen?
Ich möchte keine Personalie mästen,
Die mir den Honig kocht in Waben-Töpfen
Und prunkvoll deklamiert vor meinen Resten...

IWEIN: Genug! wir haben unsre Schuld gestanden,
Da ists nicht not, hier alle Einzelheiten,
Die sich in summa heut zusammenfanden,
Zu unsrer Schand akribisch auszubreiten.

WALDSCHRAT: So reichet mir Diplome und Patente
Und was sonst dient, die Arbeitskraft zu schätzen,
Ich setze immer auf Spezial-Talente
Und mag kein Reitpferd auf den Acker hetzen.
", "IWEIN: Herr Oberförster, frei heraus zu sagen,
Ist hier, daß wir nur stets im Kriegsdienst fronten,
Und wir verstehns, dem Feinde an den Kragen
Zu gehn, obgleich wir ihn doch meistens schonten.
Wir sind, wards auch nicht glaubhaft im Prologe,
Für Frieden und den Beistand schwacher Frauen,
Und geht mal was zu Bruch im Kampfgewoge,
Sind wir bereit, nach Besserung zu schauen.

WALDSCHRAT (düster):
Das reicht mir nicht, die Schuld ist aktenkundig,
In großer Runde klagen schwarze Eichen,
Es wäre katzig (oder sagt man: hundig?),
Sich heimlich in der Nacht davonzuschleichen.

IWEIN: Bei meiner Ehr als Rittersmann beeide
Ich feierlich, daß dies nicht unser Sinnen,
Wir wollen nach dem angehäuften Leide
Nach Kräften eine Besserung beginnen.

WALDSCHRAT (dessen Gesicht sich aufhellt, lebhaft):
Nun gut, ich sagts, ich plan mit Professionen,
Auch Pilz und Eichbaum brauchen Leut fürs Grobe,
Der Riese Harpin will uns schimpflich lohnen,
Das wir ihm stellten Bauholz, Fleisch und Robe.
Er ist ein Tölpel, der von Nutz und Frieden
Nichts wissen will, er pfeift auf Treu und Ehre,
Drum wärs gescheit, wir hättens gern vermieden,
Man zög ihn restlos rasch aus dem Verkehre.
Daß morgen er ein großes Waldstück rode,
Hat er gesagt, zu baun sich eine Mühle,
Drum hat es große Eile mit dem Tode,
Und erst die Leiche schafft uns Glücksgefühle.
", "IWEIN: Dies ist ein leichtes, wenn die Sonnenröte
Sich leuchtend zeigt im Ost am Firnamente,
Stehn wir am Platz, daß man den Unhold töte,
Und fürder keiner sorg um seine Rente.

WALDSCHRAT (erleichtert):
Wir sind uns einig, aber bleibt gewärtig,
Ihr steht im Eid bei diesem Ungetüme,
Macht ihr den Kerl bei Sonnenaufgang fertig,
Seis, daß ich fürder euren Mut nur rühme.
(Geht ab.)

LÖWE: Mir ist, als fraß ich eine scharfe Kresse,
Der Gnom mit seiner Klagen-Ouvertüre
Hat bloß getarnt, und dies mit Raffinesse,
Wohin die ganze Rede endlich führe.

IWEIN: Ach je, dies soll uns nicht besonders grämen,
Hat er uns listig auch zur Tat bewogen,
So braucht sich doch ein Ritter niemals schämen,
Spannt ihm ein Intrigant den großen Bogen.

LÖWE (rollt Lunetes Pergament auf):
Nur leider seh ich uns in dem Konflikte,
Daß morgen, wenn die Sonne zeigt sich rötlich,
Lunete uns in den Gerichtskampf schickte,
Der ohne uns für diese sicher tödlich.

IWEIN: O weh, ich bin vernichtet und bezwungen,
Ein Eidbruch-Sammler, der in allen Näpfen
Herumtritt, rings von Wahn und Schmach umschlungen,
Der Trielen selbst zu ehrlos und den Schnepfen.
", "LÖWE: Ich denk, es gibt vielleicht ein Stück zu hoffen...

IWEIN: O nein, mein Leu, bei diesem Nornenspruche,
Bleibt auch kein Fünkchen Deutungshoheit offen:
Nur tiefer kracht mein Fall nach erstem Bruche.
Ich glaubte frech, ich fänd als Löwenritter
Mit neuem Namen neue Selbstbedeutung,
Doch aus der Jugend treffen mich die Splitter,
Und ganz mißglückt ist diese Schlangenhäutung.
Ihr wißt es nicht, was ich Lunete schulde,
War längst geschworn ihr, daß sie mich nicht kannte,
Verändert nicht, daß ich es ehrlos dulde,
Gewußt zu haben nicht, daß sie fast brannte,
Ich hab geschworn, leblang und noch gespenstisch
Im Dienst zu achten Mühe nicht und Schande.
Dies ist dein Schicksal, heißts und furchtbar nennts dich
Den letzten Schurken in der Höllenbande.

LÖWE: O haltet ein, es wird sich alles richten,
Wir sind der Hölle nimmer bar der Waffen,
Wenn sich die Aun im neuen Tage lichten,
So werden wir auch beide Werke schaffen.

IWEIN: Nein nein, es ist beschlossen und vollstrecket,
Der Aufschlag folgt dem Sturz wie Rausch dem Biere,
Daß jemand trickreich einen Spalt entdecket,
Das glaub ich selbst dem König nicht der Tiere.
Ihr wißt noch nicht das ärgste an dem Netze,
Drin ich gefangen, was schon weiß die Spinne,
Der Stein im Mosaik ist bloß der letzte,
Und ganz am Anfang stand der Rausch der Minne.
Lunete hat geschildert, wie da schändlich
", "Ihr Herr die Huld verspielt und ihr das Leben:
Geb ich mich echsig, wurmig, löwenländlich,
Ich bleibs, ich selbst bin dieser Ritter eben.

LÖWE: Ich danke dir für diese große Gnade,
Daß du mir gönnst den Blick in deine Tiefen,
Doch schlingt der Sumpf schon Füße ein und Wade,
Mag dennoch andres stehn in Heils Archiven.
Schon oft hat Gott, wenn das Verhängnis dichter
Sich zuzieht, noch den Einsamsten gerettet,
Und darum trau dem allerhöchsten Richter,
Daß lösbar sei, was rundum festgekettet.
Ich denk, wir sind schon lang vor Tag beim Riesen,
Mein Schrei muß selbst den Schlummrigsten erwecken,
Gehts auf mit guten Waffen und mit miesen,
Wird er vorm ersten Sonnenstrahl verrecken.
Dann sind wir noch zur rechten Stund am Platze
Und treten auf des Königs Eichenbohlung,
Denn liegt im Dreck des Riesentölpels Fratze,
Ist ein Gerichtskampf gradezu Erholung.

IWEN: Nun gut, ich will mich einmal noch ermannen,
Mißlingts, so soll mein gutes Schwert mich haben,
Wenn Nebel wabert aus des Buschweibs Kannen,
Sei unser Feind der Krähenschmaus im Graben.

LÖWE: Gemeinsam werden wir den Strauß vollenden,
Er ist direkte Folge unsers Bundes,
Dann werden sich auch Hof und Minne wenden,
Und Stück für Stück erbaut sich was Profundes.
", "Hof des Artus. Im Hintergrund die kapitolinische Wölfin zu Ehren der Königin, davor eine Darstellung des Schwertes Excalibur, das von einer Hand aus dem See gereicht wird. Rechts und links davon jeweils sechs Fahnen der Tafelrunden-Ritter. All dies befindet sich auf einem Podest hinter der Kampfarena. Dort begegnen sich die Ritter Lanzelot und Pelleas.

Erste Szene.
Lanzelot, Pelleas.

LANZELOT: Hallo, ich grüß den mondenhellen Reiter,
Wie geht es meiner Pflege-Mam am Weiher?

PELLEAS:
Den Gruß zurück, der Fürst der Lanzenstreiter
Macht jeden Tag zur Sonnenwendenfeier.
Die Dame, der am See ich treulich diene,
Und die den Weg nach Avalun befriedet,
Sie leuchtet diesem Hof in jedem Kiene,
Weil sie dem König hat das Schwert geschmiedet,
Ich ritt erst jüngst in ihre Nebelfluten,
Da mich zu ihr der Löwenritter sandte,
Sie pflegt die Wunden und die Unbeschuhten,
Und sie begrünt das Drachenloh-Verbrannte.

LANZELOT:
Vom Löwenritter weiß ich nichts zu sagen.
Wer ist der Mann und was wird er uns bringen?
", "PELLEAS: Er nahm den Schemel Iweins ein im Hagen,
Und seiner werden einst die Barden singen.

LANZELOT: Da Iwein seine Dame bös betrogen,
Der Kuppelei ward überführt die Zofe.

PELLEAS:
Nein, der Verdacht ward sichtbar aufgewogen,
Als uns der Löwe hat gebrüllt am Hofe.
Zu lang hast du die stolze Burg gemieden
In Fährnis, der ich besser nicht gedenke,
Doch in der Tat, Lunete schiens beschieden,
Daß man sie gleich am nächsten Morgen henke.
Der Löwenritter kam wie Tau auf Blätter,
Die Tracht war schon ein Stückchen abgerissen,
Daß er Harpin, den Riesen, gleich zerschmetter,
Ließ den vor vier der Löwenrachen wissen,
Die Macht der Kläger war schon überwunden,
Eh alle hier die Plätze eingenommen,
Denn Recht und Wahrheit herrlich zu bekunden,
Ist er uns wie ein Hagelschlag gekommen.
Seither hat ihm die Lanze kaum geschlafen,
Zur Mangelware werden Ungeheuer,
Heut kämpft er für das jüngste Kind des Grafen
Vom Schwarzen Dorn, zum schlimmen Abenteuer
Nannt sich die Burg, dreihundert edle Damen
Er hat befreit, nachdem die beiden Riesen,
Die dort zu hausen sich die Freiheit nahmen,
Verrotten auf den blutbefleckten Wiesen.

LANZELOT:
Wer wagt es, wider diesen Held zu streiten?
Weß Sohn ists, und wer ist sein Auftraggeber?
", "PELLEAS: Den Ritter sah man nie in unsern Breiten,
Im Schild führt er das Blümlein und den Eber,
Der Graf vom schwarzen Dorn vererbte Nichten,
Das Land, die Burg und Truhen voll Geschmeide,
Drum tobt der Streit, die Teile zu gewichten,
Tat jede was der anderen zum Leide.
Manch Zeugnis und manch Wink ward ausgelotet,
Und konnte doch die Wahrheit nicht erhellen,
Inzwischen ist die Sache so verknotet,
Daß Artus sprach, man möge Kämpen stellen.
(Ein Horn ertönt.)

LANZELOT:
Man gibt Signal, den Kampfesplatz zu räumen,
Dort nahn die Maiden, die sich so bedrangen,
Wenn Lanzen splittern und sich Rosse bäumen,
So wird ein Herz frohlocken und eins bangen.


Zweite Szene.

(Die beiden Ritter gehen ab und erscheinen auf dem Podeste erneut, wo sie sich im Hintergrund halten. Es treten auf König Artus, ein Herold und die beiden Nichten des Grafen von schwarzen Dorn. Auf der anderen Seite versammeln sich Ritter und Damen, man erkennt Laudine mit Lunete. In der Arena Gawain mit geschlossenem Visier und dem Eberschild, auf der anderen Seite Iwein mit dem Zeichen des Löwen.)

HEROLD: Im Streite der zwei Erbinnen des Grafen
Sein nun die Streiter rüstig aufgestellet,
Der König wird beschaun, wie sie sich trafen,
", "Auf daß der Wille Gottes werd erhellet.
Nun tretet Kläger vor und schwört dem Richter,
Daß euer Zeugnis mög davor bestehen.
Ihr Ritter und ihr Damen, die Gesichter
Merkt gut und schaut, was urteilnd soll geschehen.

ARTUS: Ich bin bereit, die Klagenden zu hören.

ÄLTERE NICHTE:
Mein König, groß in Waffenruhm und Ehre,
Kein feiges Zagen soll das Recht betören,
Der Eberritter mir die Mißgunst wehre.

GAWAIN: Ich streite für das Zeugnis und die Rechte
Der hohen Frau, die mich in Huld erwählte,
Die Lanze zeig das Falsche und das Echte,
So wahr der Himmel mir die Schwerthand stählte.

JÜNGERE NICHTE:
Mein König, eure Weisheit zu bekrönen,
Gab Christus euch die Demut vor dem Worte
Des Höchsten, drum die Engelschöre tönen,
Drum helf er uns an diesem Kampfesorte.

IWEIN: Der Wahrheit will ich und dem Herrn vertrauen,
Ich heische nichts und beug mich dem Geschicke,
Und steh ich vor dem Sensenmann, dem rauen,
So sag man der, die ich nicht mehr erblicke,
Daß ich im Feuer und im Höllenschlunde
Nicht aufhörn werd, sie immer nur zu preisen,
Wenn mich besiegt des Feindes Todeswunde,
So mög ein Dornbusch meine Treu beweisen.
", "LUNETE (nur zu ihrer Herrin):
Hört, Herrin, wie der Mann, der mich befreite,
Gedenkt der Frau, die ihm die Huld entzogen,
Er dient ihr treulich noch im Todesstreite,
Und ist ihr mehr als allem sonst gewogen.

LAUDINE: Ich sagte dirs gewiß zu andern Malen,
Daß mich verstört solch Los und solch Mißhandeln:
Wie kann ein Aug in einem Antlitz strahlen
Und abhold diesen Herrlichkeiten wandeln?

(Fanfarenstoß. Die beiden Ritter reiten gegeneinander los und brechen die Lanzen, ohne daß einer vom Pferde stürzt. Sie machen kehrt und jedem wird eine neue Lanze zugeworfen. Sie reiten erneut gegeneinander und brechen die Lanzen. Nach erneuter Wendung kurze Pause.)

GAWAIN:
Ihr führt zurecht im Schild das Bild des Leuen,
Dies wird ein langer Kampf um unsre Frauen.

IWEIN: Auch Ihr schafft es, die Huldin zu erfreuen,
Doch sollte sie nicht euch vor Gott vertrauen.

GAWAIN: Was macht euch in der Sache eurer Dame
So sicher, daß ihr wähnt euch Gott im Bunde?

IWEIN: Mit gab der Löwe Leben, Ehr und Name,
Drum geh ich auch nach Löwenart zugrunde,
Wenns Gott gefällt, daß euer Schwert mich fälle,
Mags Weisheit und Erleuchtung sein den Großen,
Doch euer Mut bezwingt mich an der Stelle
Der Herrin, die mich gnadenlos verstoßen.
", "LUNETE (zu Laudine):
Hört, Herrin, wärs nicht Ärgernis und Schande,
Wenn so geschmäht der hehre Held verdürbe,
Wenn er gerichtet dort im blutnen Sande
So fern von Trost und Frauengnade stürbe?

LAUDINE: Wir hoffen, daß die Jüngere der Nichten
Ihn nicht verschleißt in diesem Lanzenreiten,
Dann wird dies sicher Groll und Gram vernichten
Und auch der harten Dame Herz erweiten.
(Laudine und Lunete ab.)


Dritte Szene.

(Im Vordergrund warten die Ritter auf das Signal zum nächsten Lanzengang. Auf dem Podest Artus mit den feindlichen Nichten. Die Königin Guinevere tritt mit Gefolge auf.)

ÄLTERE NICHTE (zu Artus):
Die Ritter halten ein – was soll das sagen?
Den Leuen-Kasper dürstets nach dem Sande,
In meiner Sache allzulang zu tagen,
Bereitet Schmerz mir und dem Hofe Schande.

ARTUS: Der Kampf geschieht nach überkommner Sitte,
Nicht eure Hoffahrt ist dafür das Muster,
Drum überlegt euch künftig solche Bitte,
Ich bin nicht euer Wagner oder Schuster.

EDELKNABE (tritt an den König heran):
Mein König, hart im Richten und Verhandeln,
", "Zu stören zwingen mich Gehorsams Pflichten,
Ihr seht die Herrin in der Nähe wandeln,
Sie möchte Gruß und Huldwort an euch richten.

ARTUS: Dies kommt mir recht, da mir die Zornesader
Zu schwellen droht in Gängelein und Klagen,
Es tut mir gut, wenn zwischen Trutz und Hader
Ein Fraunherz wagt, ein Friedenswort zu sagen.

GUINEVERE:
Schirm dieses Lands und Bürge meines Glückes,
Ich seh euch früh gezäumt für Recht und Ehre,
Es wär ein Makel dieses Minnestückes,
Sagt ich euch nicht, wie sehr ich mich verzehre,
Daß sich da Fremde eigennützig drängeln
Um eure Stirn, sie vorschnell zu ergrauen,
Ich mag euch nicht mit meinen Sorgen gängeln,
Es bleibt mir, dem Gebete zu vertrauen,
Doch ließ der Herr es zu, daß mich Geschicke
In diesem Sommer wüst und hart bedrängten,
Daß wie bei einer Nonne sich die Blicke
Auf meiner Kammer blanken Boden senkten.

ARTUS: Der Himmel sei mir gnädig, wenn ich fehlte,
In Demut lausch ich eurem strengen Mahnen,
Dem Kriegsmann leicht geschiehts, daß ihn entseelte
Das Spiel der Schilde und der hellen Fahnen.
Drum sagt, was ich so schmählich übersehen
Im Raten und im Tun der reichen Pflichten,
Eur Wohl soll mir vor allem andern stehen
Und eure Sorg möcht ich sehr rasch vernichten.
", "GUINEVERE:
Euch ist bekannt, der Graf zum schwarzen Dorne,
Starb jüngst und so der Länderein Verwaltung,
Manch Unrecht hob sich aus vernarbten Borne
Und Schrecken kamen plötzlich zu Entfaltung,
Im Eichenhaine hauste gar ein Drache,
Was uns seit Altern nicht mehr vorgekommen,
Und auch ansonsten häuft sich manche Sache,
Die argtut den Geduldigen und Frommen.
Gar dunkle Brut entstieg dem Höllenfeuer,
Erstarkt und frech gebärden sich die Riesen,
Und in der Burg zum schlimmen Abenteuer,
Da schmachteten in finsteren Verliesen,
Dreihundert Damen aus den besten Kreisen,
Solch Schrecknis wagt kein Dichter zu erkiesen,
Er würde solche Stoffe von sich weisen.
Auch mein Gefolge ward hier nicht geschonet,
Die Gräfin, die mir sonst die Strümpfe bindet,
Nach der Befreiung bei den Alten wohnet,
Im Herz gebrochen und im Aug erblindet.
Sie sprach mir kaum von den erlittnen Qualen,
Doch hörte ich, die ältere der Nichten
Steht in dem Ruf, die Riesen zu bezahlen,
Die Schimpf und Schrecknis um das Gold verrichten.

ÄLTERE NICHTE:
Wer tölplig wagt, solch krudes Zeug zu dichten,
Der kenne meines Ritters Mut und Waffen,
Gleich Hyderhäuptern wuchern die Geschichten,
Ehs einer gilt, sie aus der Welt zu schaffen.

ARTUS: Schwer wiegt der Vorwurf, den ihr vorgetragen,
", "Auch wenn er nur gerüchteweis vernommen,
Ich mag in dieser Sache jetzt nichts sagen,
Doch werden wir gewiß noch dazu kommen.
Wir müssen erst die Klag zuende führen,
Der schon die ersten Lanzen sind gebrochen,
Wers wagte, uns den Riesenbrand zu schüren,
Sei ohn Verzug ein Urteil dann gesprochen.

GUINEVERE:
Ich will mich deinem Wohlerwognen fügen,
Doch schiens mir nötig, den Verdacht zu künden,
Ich glaube fest, daß Freveltat und Lügen
Vor deinem Schwert in harte Strafe münden.
Doch wärs mir ungeacht der Riesenschrecken,
Lieb, wich der König öfter dem Gemahle,
Dürft ich mal wieder den Vertrauten wecken,
Wär leichter mir die Suche nach dem Grale,
Denn Rittertum und Friedenstat der Krone
Sind gottlos, wenn sich Frauenherzen härmen,
Daß minniglich er bei der Huldin wohne,
Sollt immer auch des Königs Blut erwärmen.

ARTUS: Dies zuerkennend will ich bald zu Ruhe
Hier blasen lassen, daß in trauter Stille,
Ich unbeschaut zu eurer Freude tue
Und einzig für mich gelte euer Wille.

GUINEVERE: So ein Gesag behagt den Römerinnen,
Frau Minne seid Ihr Diener ohne Tadel,
Solang in Adern solche Ströme rinnen,
Wird achten man und dienen auch dem Adel.
(Geht mit Gefolge ab.)
", "
Vierte Szene.

(Laudine und Lunete kehren zurück. Fanfarenstoß. Die Ritter brechen wieder zwei Lanzen. Dann springen sie vom Pferd und gehen erhobenen Schwertes aufeinander zu.)

GAWAIN:
Im Lanzenreiten wird sich nichts entscheiden.
Drum möge unser blankes Eisen kosen,
Daß Streit nicht länger Fraun und König leiden,
Und wir uns Ehr und Untergang erlosen.

IWEIN:
Reicht eure Kraft, daß mir der Schild zum Fetzen,
So findet auch den Halbmond eure Klinge,
Die ältre von den Nichten wird es schätzen,
Daß euch der letzte Natterbiß gelinge.

GAWAIN: Was traut ihr euch, in Rätseln zu verflechten,
Wo mich der Halbmond mahnt an den Gefährten,
Ein Mutterblick wollt da mit Nattern rechten,
Wo Siegel das Verletzlichste bewehrten.

IWEIN: Verletzlich ist der Liebende im Bette
Noch ärger als die Reinliche im Bade,
Wenn Lieb Pelleas noch ein Stückchen hätte,
Wärs ihm um die Gelegenheit nicht schade.

GAWAIN: Ihr wißt um meine Liebesabenteuer,
Wie einer nur, dem ich die Schmach gestanden,
Drum seid ihr ohne Zweifel mein Getreuer,
Der sprach vom Mal an seinen Rippenbanden.
", "IWEIN: So ists, und ihr in fremder Eberlarve
Wart mein Geleit in frohn und harten Zeiten,
Doch soll allhie der Klingentanz, der scharfe,
Der Brüderschaft den Todestrank bereiten.

HEROLD: Die Streitenden, die Kläger und die Zeugen
Der König bis zum Mittag ruft zur Pause,
Eh eine der Partein sich hat zu beugen,
Der davor wie vor Schmach und Ungnad grause.

GAWAIN: Laßt uns zum König gehn und ihn befragen,
Ob da ein Ausweg sei im Bruderstreite,
Denn daß die Weisheit wüchs in solchen Lagen,
Hoff ehr ich, eh ich ganz ins Dunkel schreite.
(Mit Iwein ab.)

LUNETE (zu Laudine):
Nur kurz gebremst sind Schicksals Dornenwege,
Der Löwenritter ist des Tods schon inne.
Schwört mir, o Herrin, daß ihr ihm zur Pflege,
Daß er die Minnehuld zurückgewinne.

LAUDINE: Nicht nur, daß er sich königlich geschlagen,
Auch den geraden Sinn muß ich erhören,
Drum sei mirs ernst, dem Hoffen und dem Wagen,
Den Beistand bei dem Minneglücke schwören.

LUNETE: Geh vor den König um dies zu beeiden,
Daß Frohwort ihn erfrische im Gemüte,
Noch kann der Tag von Schmerz und Trübsal scheiden,
Drin sich Verzweiflung um das Recht bemühte.
(Laudine nickt. Lunete winkt Lanzelot herbei.)
", "Herr Ritter, bitte führt zum König diese Dame,
Sie sah den Kampf, der wogte lang und bitter,
Sie möchte, daß erlöst von seinem Grame
Und wieder heiter sei der Löwenritter.

LANZELOT: Ich werd Pelleas bitten, euch zu frommen,
Ich war zu lange fort, als daß sichs schickte
Nun gradenwegs mit fremder Sach zu kommen,
Eh mich der König selber ganz erblickte.
(Geht kurz zu Pelleas und kommt mit diesem zurück.)

PELLEAS: Ja, hohe Frau, Verwandte der Nimue,
Der ich zu jedem Dienste bin verbunden,
Wie Hermes flügle ich mir meine Schuhe,
Dem König eure Absicht zu bekunden.


Fünfte Szene.
Artus, die beiden Nichten, Frau Minne und der Löwe.

FRAU MINNE: Mir ist es Recht, zu allen Tageszeiten
Ganz unvermittelt Herzen, Höfe, Klausen,
Zu suchen und zu sprechen und zu weiten,
Und niemand weiß, wos mir beliebt zu hausen.

ARTUS: Ihr seid Frau Minne, die mir wohl bedeutet,
Die Mahnung meiner Gattin ernst zu nehmen,
Schon ward des Kampfes Ruhzeit eingeläutet,
Ich werd mich gleich in das Gemach bequemen.

FRAU MINNE:
Dies ist sehr löblich, weil die Frauenehre
", "Die höchste Zierde ist im Rittersaale,
Doch vorher ich noch einen Dienst begehre,
Der Lanzenbrecher mit dem Halbmondmale,
Hat mir mit seiner Klage um Laudinen
Im Eichenhage einen Kranz gewunden,
Daß es mir recht und billig war erschienen,
Euch sei ein Band vom Augenpaar entbunden,
Drum hört, was dieser Leu euch mag entdecken,
Vom Ritter, der an eurem Hofe streitet,
Ein neues Licht fall so auf diesen Recken,
Und eurer Weisheit Leuchtkreis sei geweitet.
(Geht ab.)

ÄLTERE NICHTE:
Hier geht es grade wie im Taubenschlage,
Hier tummeln sich die Schwätzer aller Kasten,
Ich glaube, ich vertändle meine Tage
Am Hof Utopias unter den Phantasten.

JÜNGERE NICHTE:
Ich weiß zwar nicht, wie dieses Stück soll enden,
Doch macht mir das Geflecht geringre Sorgen,
Als der zerbrochne Krug in meinen Händen,
Der mir vermiest den Frühtau heute morgen.
Es scheint, als seien Geister ihm entsprungen,
Die tanzen, daß da Blut und Schmerz vermieden,
In Jahr und Tag Frau Minne ward besungen,
Doch zeigte sie sich nie zuvor hienieden.

LÖWE: Ich bin ein König, doch ich beug mich gerne
Dem Großen, den Frau Minne mir gewiesen,
Wer deuten kann die Wandelspur der Sterne,
", "Der weiß, die Zeit der Drachen und der Riesen,
Neigt sich vor Altern, da sich Ritter beugen
Vorm Leuchten deß, der auf dem Eselsrücken
Befahl der Stadt, für Leid und Tod zu zeugen,
Und Lahmen sprach: Nun laufe ohne Krücken!
Noch unklar ist mir, wie sich diesem Zeichen
Das Reich der Tiere werde stelln und mählen,
Doch lockte mich der Glanz aus euern Reichen,
Auf dieser Seite Weg und Haus zu wählen.
So hab ich einem Ritter Treu geschworen,
Der euch wie keiner trefflich ficht und streitet,
Ich hab das Gold der Krone ganz verloren,
Daß er mit mir auf seinem Schilde reitet.
Er trägt die Lanze voller Gottvertrauen,
Bleibt Sieger vor den Riesen und den Echsen,
Doch wirkungslos sind Muskelkraft und Klauen
Vor bösen Müttern, uns bekannt als Hexen.
Denn wie Frau Minne sich ins Licht erhöhte,
Verbohrte sich ein Gegenbild im Schatten,
Zum Weiß des Schwanes kam das Gift der Kröte,
Und wo das Licht verfahlt, gehörts den Ratten.
Derselbe Pfeil, der flügelt Herz und Schuhe,
Läßt Neid und Ränke wuchern und verpesten
Das Licht des Himmels und die Waldesruhe,
Derweil sich Monster am Zerschlagnen mästen.
Die Minnen, die verschmäht und abgewiesen,
Begabt oft Gram mit bösem Mut und Stärke,
Drum ruhe uns die Sorgfalt stets auf diesen,
Daß sie nicht falln in unheilvolle Werke.
Es macht mir Kummer, da mein Herr da fechtet,
Obgleich Frau Minne nicht geweiht die Waffen,
Und todessüchtig mit dem Heile rechtet,
", "Als sei er zur Vernichtung ganz geschaffen.
Und diesen Dämmer kann allein Laudine,
Die euch an diesem Hofe ist zugegen,
Mit Licht, als ob die Mittagssonne schiene,
Ins Helle und ins Lebenswerte legen.

ARTUS: Der Tag entbehrte nicht die Warnerstimmen,
Mich dünkt, das alles im Zusammenhange,
Ich hoff, zur Lohe bäumt sich noch das Glimmen,
Daß der Erleuchtung harren wir nicht lange.
Das Wort des Tieres soll nicht dem Konzerte
Verloren sein, wo Flöte froh der Leier,
Was immer mir die Sicht ins Helle sperrte,
Ich ahn, daß sich schon bald erhebt der Schleier.


Sechste Szene.
Pelleas vor dem König, dann Laudine, Gawain, Iwein.

PELLEAS: Frau Minne seis verziehen, wenn ich störe,
Es geht um einen Ritter, hier am Streiten,
Daß euer Ohr ihr Hilfserbieten höre,
Hätt ich gern eine Frau euch zugeleitet.
Die Holderin ists vom verborgnen Quelle,
Die hier am Hofe weilt schon manche Tage,
Mir taugts, daß eurer Weisheit sich geselle
Das Fraunherz, bisher ungehört im Hage.

ARTUS: Gern hör ich an, was ihr zu sagen wichtig,
Wo sonst hier bloß die Klagen wiederkehren,
Sie nah, auf Fristen und Gewähr verzicht ich,
Geleite sie und führe sie in Ehren.
", "ÄLTERE NICHTE:
Was soll das werden, Aufschub, neue Zeugen,
Mir werden Last die endlosen Verhöre,
Man will mich, bis ich mürbe werd, beäugen,
Daß ich zuletzt mein gutes Recht verlöre.

PELLEAS: Ich bring zu euch jetzt ohn Verzug Laudine,
Sie wird in ihrer Sache selber sprechen,
Ihr Klägrin hofft, daß euch der König diene,
Es sei denn, euch führn Meineid und Verbrechen.
(Zurück zu Laudine):
O kommt, und sagt dem König ohne Sorge,
Was zu bekennen euerm Herzen Bürde,
Denn daß der Herr die Frauenweisheit borge,
Ihm Sitte nicht und Amt verbieten würde.

LUNETE: O Herrin, daß ihr froh dem Edlen frommet,
Schafft Ehre euerm Haus und allen Rittern,
Was immer da vergeht und was da kommet,
Solch hohes Tun kann keine Zeit verwittern.

LAUDINE (die schweigend mitgeht, zum König):
Heil, König Artus, Herr der Tafelrunde,
Von der in jedem Land die Dichter schwärmen,
Ich wünsch euch viele Sommer und gesunde,
Mög lang noch euer Herz den Hof erwärmen,
Ich weil seit manchem Tag an euerm Herde,
Weil mir daheim die Einsamkeiten bitter
Und eh mein Wort entsagt der Menschenerde,
Heb ich die Hand für euern Löwenritter.
Er ward von seiner Dame hart verstoßen
Und scheint mir an dem Gram noch zu erblinden,
", "Ich hülfe gern bei Niedrigen und Großen
Dem Ritter ihre Huld erneut zu finden.

ARTUS: Der Löwenritter ist hier grad zugegen,
Ich denk, daß eure Worte ihn wohl freuen,
Denn wenn wir seine Huld gemeinsam pflegen,
Solls künftig nicht noch heute mich gereuen.
(Er winkt Iwein und Gawain herbei.)

ÄLTERE NICHTE (zu Gawain, vor Zorn außer sich):
Was tut ihr mit bei tölpligem Klamauke,
Statt jenen Herrn schon längst vom Pferd zu stoßen,
Ein Irrenhaus fand ich in diesem Haugke,
Vom Weiten sieht mans, mit dem Aug, dem bloßen.

ARTUS: Grad sagtet ihr zum hohen Schwurgerichte,
Ihr wärt fast blind, so konnt die Jüngre rauben,
Nun heißts, ihr hättet tiefere Gesichte,
Als alle die hier mit dem König glauben.

ÄLTERE NICHTE (springt in plötzlicher Panik von dem Podeste in den Graben):
Hier ist kein Recht, hier sind nur Gichtgeplagte,
Die jämmerlich mein gutes Recht verhöhnen,
Mein König ist nicht jener Hochbetagte,
Der säuselt mit den Jungen und den Schönen.

ARTUS (der Pelleas von der Verfolgung abhält):
Laß sie doch ziehn, wir kommen so zum Rechte,
Und die zwei Kämpen, die sich trefflich stritten,
Sind dort, wo ich sie gern schon lange dächte,
Als beider Freund geehrt und wohlgelitten.
", "GAWAIN (nimmt den Helm ab und kniet hin):
Mein König, ich war euer Ritter immer,
Ich fehlte, da ich in den Kampf gezogen,
Die Weisheit gab, daß dieser Kampf nicht schlimmer
Geführt ward um das Weib, das uns betrogen.
Vergebt mir, Herr, daß ich der Frau gegeben
Den Arm und all die Lanzen, die zerbrochen,
Ich knie und will mich nimmermehr erheben,
Bevor ihr euer Urteil habt gesprochen.

IWEIN: O König, laß mich für den Ritter bitten,
Er ist von edlem Mut und unverdächtig
Des Vorteils in den harten Kampf geritten.
Die Weiberlisten sind für uns zu mächtig,
Daß Unvermählte könnten frei erkennen
Und wären nicht im Urteil zu behexen,
Denn leichter ist, wenn rings die Bäume brennen
Im Giftgeloh der fürchterlichen Echsen.

ARTUS: Ich will nicht Gawain zürnen und nicht pönen,
Doch laß auch du, da hier dich Freunde grüßen,
Den Helm, daß wir uns freien Augs versöhnen,
Und länger nicht den bösen Irrtum büßen.

IWEIN: Ich heiße Iwein, Ritter einst der Runde,
Doch dann gefalln, dem Wahnsinn Lust und Beute,
Ich glaube nimmermehr, daß ich gesunde,
Denn meine Herrin weist mich ab bis heute.
Nur ihr allein gilt all mein Tun und Trachten,
Drum wärs mir lieb, ich wär im Kampf gefallen,
So werd ich noch im Liebesleid verschmachten,
In Tobsucht mittnachts auf den Zinnen lallen.
", "ARTUS: Gemach, es schwor mir deine Herrin eben,
Sie hülf dir, die entzogne Huld zu retten,
So wird euch beiden jetzt ein neues Leben,
Der König selbst wird euch zusammenketten,
Ein neuer Bund von Brunnen und von Tafel
Sei heut in eurer Ehe hier geschlossen,
So hat der ältern Nichte Haßgeschwafel
Zuletzt noch edlen Wein für uns vergossen.
Doch eh ich euch bekränz mit meinem Segen
Will ich ein Weilchen heim in die Gemächer,
Es ist der Welt an Herrschern nicht gelegen,
Die nicht zu weigern wissen sich dem Becher,
Frau Minne warf ihr Tuch mir von den Zinnen,
Ich eile, daß ich mannhaft mich erweise,
Denn fahln vor Ritt und Rüstung Lied und Linnen,
Sind ihrer Mitte bar des Königs Kreise.
Es kann ein Herrscher nicht die Frauen ehren,
Wenn seine eigne schaut ihn aus der Ferne,
Drum will ich nun in meine Wohnung kehren
Und mich erneun im Ausschaun und im Kerne. (Ab.)

LAUDINE: Auch ich befolg das Urteil von Frau Minne,
Das aus des Königs Mund ward mir verkündigt,
Ich bin nicht mehr des bösen Grolles inne,
Der sprach, da sich mein Ritter hat versündigt,
Ich will den Treuschwur gern erneut vernehmen,
Jüngst konnte mich Nimue nicht erweichen,
Doch heut will ich mich gar zur Eh bequemen,
Und diesem Hof von meinem Brunnen reichen.

IWEIN: Dies ist fürwahr ein Gotteskampf geworden,
Nicht nur daß ich dem Leben und dem Glücke,
", "Im freien Tun ganz ohne Streit und Morden
Schlug Christus in das Heidentum die Brücke,
Verfügt Laudine sich den Sakramenten,
So wird der Born gewahrt im neuen Glauben,
So steht Natur nicht mehr im Abgetrennten,
Daß wir, die Menschen müssen sie berauben.
So werden nicht gelöscht die alten Runen,
Die frohe Botschaft macht sie nur noch wahrer,
Der Mensch wähnt sich nicht länger im Immunen,
Er sieht die Ganzheit offener und klarer.
Wenn wir uns binden und in Minne ehren,
So tauschen wir nicht nur die Weltenmuster,
Wir tauchen in die ungesprochnen Lehren,
Und auch die Stummen werden weltbewußter.
So wird erfüllt, daß Wotan hing am Baume
Wie Christus in des Opfers reiner Sendung,
Und unser Neid verflüchtigt sich im Schaume,
Denn unsre Zwietracht dankte sich der Blendung.
", "
Zweierlei Arten von Liebe gibt es. Die eine bemächtigt sich irgend eines einzelnen Wesens, das in die Lücke des Herzens ganz oder teilweise hineinpaßt, umspinnt und umschlingt es und läßt es nicht wieder los. Dies Lieben ist eigentlich ein Selbst-heilen. Die andere wagt sich in den Kampf mit der ganzen Welt.

HEBBEL   
", "
SIEGFRIED, Drachentöter
GUNTER, König von Burgund
UTE, seine Mutter
KRIEMHILD, seine Schwester
GERENOT, GISELHER, Brüder
HAGEN, Ritter am Hof
BRUNHILDE von Isenland
VOLKER, Sänger
ZIRPZALP
KNECHTE
", "VOLKER: Der Sänger steht am Anfang und am Ende
Des Spiels, das schaurig zeigt, was zu vermeiden,
Die Leute vor und nach der Zeitenwende
Das Vorgesetze mit Geduld erleiden.
Allein die Liebe kann das Herz verführen,
Das es durchkreuz die fest gefügten Kreise,
Doch dies heißt immer auch: den Weltbrand schüren,
Daß alles stürz aus seinem Weggeleise.
Drum klag nicht über Schwammige und Feige,
Die Größe mißt sich immer nur nach Leiden,
Ob solches an der Fülle, an der Neige,
Das Trauerspiel verdingt sich allen beiden.
In unserm Stoff, den jeder schon vernommen,
Wird meist gesagt, der Sänger hab verschuldet
Die Gier des Königs, und was dann gekommen,
Das hätten die Figuren nur geduldet.
Der Sänger hat noch niemands Gier gestachelt,
Sein Werk ist nur ein Steinbruch für das Laster,
Wer sich den Spind mit Amors Bräuten kachelt,
Berauscht sich an dem Sieg, der ein verpaßter.
So wie das Kraut nicht Sucht macht und Ergeben,
So schafft die Kunst nicht Kriege und Intrigen,
Ihr ziemts allein, dies in ein Licht zu heben,
Wo Gut und Böse beieinander liegen.
Sie kann die Schuld vom Gläubiger nicht trennen,
Das Gut nicht von dem Stöhnen seiner Knechte,
Doch wird sie sich noch eher selbst verbrennen,
Als auszuspieln das Edle für das Schlechte.
", "Im Menschen ist stets beides fest verwoben,
Jedoch das Maß folgt immer dem Ertrage,
Das Amt des Sängers bleibt zuerst das Loben,
Und nur im Schatten walte seine Klage.
Drum ist ein Spiel, drin alle Streiter sterben,
Kein Ding, das fruchtlos fordert, sich zu grämen,
Des Kruges Schönheit preisen noch die Scherben,
Des Scheiterns soll kein Sterblicher sich schämen.
Denn immer ist der Sinn nicht bloßes Ende,
Das jedem Stück die Mitternacht verfügte,
Dies wärs nur, wenn sich keine Strophe fände,
Drin die Figur dem hohen Traum genügte.
Dem Traum, daß wir nicht Käuze sein und Knoten
Verwirrten Garns, von dunklen Fraun gesponnen,
Daß wir des Muts zur Freiheit stolze Boten
Und uns begreifen als der Wunderbronnen,
Daraus die Ströme Zeit und Raum und Muster
Durchwalln was gleichsam oder fremd durchdrungen,
In Träumen blind und manchmal auch bewußter
Als Sagengold und Not der Nibelungen.
", "Eine Brandrode im Wald, im Vorderrund ein mächtiger schwarzer Baumstamm, der einen See staut. Darin sitzt Siegfried so, daß man den nackten Oberkörper sehen kann. Auf dem Rücken das Lindenblatt. Im Hintergrund über die ganze Breitseite die Leiche des Lindwurms, faltig und zusammengefallen wirkend, also sei ihr eine riesige Menge Blut entflossen. Im Verlaufe der ersten Rede wird es immer dunkler, dann erscheint hell angeleuchtet Siglinde auf dem toten Lindwurm stehend. Ihr langes Kleid ist so weiß wie ihre Haare. Die Ärmel sind so lang, daß man beim Gestikulieren keine Hände sieht.

Erste Szene
Siegfried.

SIEGFRIED:
Die Sonne sinkt. Der Herbst tritt in die Haine.
Ich tats, nun muß ich selber wohl versiechen,
Von außen und von innen starke Weine,
Ich mag nur tiefer in das Dunkel kriechen.
Bin ich erschöpft von diesem Strauß? Ach nimmer
Hat mir das Herz so wonniglich geblutet,
Erinnerung und Plan? Da ist kein Schimmer
Von Wollen, daß sich zur Vollendung sputet.
Ist dies der Tod? Der Mutterschoß der Erde?
Hab ich mich selbst mit diesem Feind gerichtet?
Ich hör nicht mehr das Horn des Morgens: Werde,
Die Nacht hat dürre Reiser aufgeschichtet,
Sie nimmt mich ganz zur Beute und zum Weibe,
", "Ihr Balsam duftet frisch nach Lindenblüten,
Ich frag mich nicht mehr, wo ich bin und bleibe,
Fremd sind mir die Gedanken, die sich mühten.
Ein Knäul ists, wollig und nicht zu entzausen,
Es führt den Helden nicht aus diesem Horte,
Und hört ich gar den Wind am Ausgang brausen,
Ich hätt nicht Kraft der Klinke dieser Pforte.
Ich bin am Ziel. Ein Reisender im Hafen,
Am Kai vertaut mein abgewrackter Kutter.
Ich irrte lang und möchte endlich schlafen,
Denn tief im Traum erwartet mich die Mutter.

SIGLINDE:
Ich bin wie stets bei dir, mein holder Knabe,
Ich leuchte dir durch alle Höllenschlünde,
Was dich umgreint, es haust in meiner Wabe
Und spricht vom Blut, drein alle Lichtscheu münde.

SIEGFRIED:
Ach Mutter, die ich niemals traf auf Erden,
Was hast du mir für Wege aufgetragen?
Statt daß ich wie ein Hirt mit seinen Herden
Bloß glücklich sei und haßte alles Wagen?

SIGLINDE: Dich treibt umher nicht mütterliches Erbe,
Auch nicht mein Bruder, der mich sanft berührte,
Denn Wotans Speer, der sorgte, daß ich sterbe,
Schuf auch die Lust, die mich zu dir verführte.
Ich seh mit Freuden deine starken Arme,
Dein helles Aug und deiner Schrecken Bersten,
Ich hoffe, daß der Herr sich dein erbarme,
Doch böser Rausch klebt manchmal an den Gersten.
", "SIEGFRIED: Du sprichst mir, Selige, vom Mutterkorne,
Doch scheints mir, daß ein andres Kraut mich leitet,
Nichts weiß ich von beserkerhaftem Zorne,
Ich spüre eher, wie das Herz sich weitet,
Grad so, als sagte es dem Speer des Schurken:
Mich wird kein Schild und auch kein Zauber schützen,
Dies ist, als wüchsen Bohnen aus zu Gurken,
Und weiche Stellen dehnten sich zu Pfützen.

SIGLINDE: Dies ist nur eine Stunde, daß du heller
Erkennen mögest, was dich bannt und bindet,
Ich groß dir niemals Grütze auf den Teller,
Doch dies wird tun, was das Erwachen findet.

SIEGFRIED: Sag Mutter, bist du bei den Engelschören,
Im Garten, wo nicht Tag und Freude weichen,
Kannst du der Sterne Schöpfungsfrühe hören,
Und fandst den Bruder, dem die Augen gleichen?

SIGLINDE: Ich leide nicht, allein um dich die Sorge
Ist der Erlösung mauerstarke Hürde,
Ich mag nicht, daß ich mir das Heil erborge
Um Zins, daß ich dich ganz verlieren würde.

SIEGFRIED:
Was sorgst du dich? Ich ging heut früh zur Beichte,
Der Herr Kaplan sprach frei von allem Laster,
Wenn mich der Senser grad zur Stund erreichte,
Verfiel der Kirche auch der Drachenzaster.

SIGLINDE:
Wohl hat man dich zur Gottesfurcht erzogen,
", "Doch Asen, die im Banne Würfel werfen,
Sie haben dich ums Mutterherz betrogen,
Um Baldung mit dem Rächerhaß zu schärfen.
Drum glaube nie, die Zeichen recht zu deuten,
Die Wahrheit ist allein im Herz zu finden,
Du sollst nicht Thron und Siegerkranz erbeuten,
Doch sollst du dich der Liebe selbst verbinden.

SIEGFRIED: Ich bin der Liebe voll zu dir alleine
Und sehn mich nur zurück zu deinem Borne,
Die Vogelstimmen sagten mir im Haine,
Das Bad geb, daß die Haut mir ganz verhorne.

SIGLINDE: Dies sei nicht deine Sorg, wo eine Mauer
Ist immer auch, ob weit, ob eng, die Pforte,
Sei nicht der Narr, der Zauberkraft-Vertrauer,
Bedenke immer meine letzten Worte.
Und sagt die Not, ich weiß gewiß nicht weiter,
Du findest mich im Schatten jeder Linde,
Doch trenn dich dabei erst von jedem Streiter,
Und auch am Quell begleit dich kein Gesinde.
(Ab. Es wird hell. Siegfried reibt sich die Augen.)

SIEGFRIED:
Sie sprach allein, am Quell und unter Linden,
Doch vorher sprach sie mir von der Lieb in Bälde,
Da frag ich mich: wie sollt ein Weib mich finden?
Dies ist kein Fest, ich stehe nackt im Felde!
(Man hört knackende Äste.)
Was da? Ein Wild? Ich habe Bärenhunger,
War auch der Wurm ein Appetitvernichter,
Der Magen sagt, wenn ich hier weiterlunger,
", "So seh ich bald im Kreis die Albenlichter.
Ein Truthahn, ein Kaninchen, eine Katze,
Sogar der Schwan fänd vor dem Pfeil nicht Gnade,
Der Hunger ist gewiß die ärgste Fratze
Und gönnt die Führung keiner andern Frage.
Drum auf! Hier war gewiß schon lang kein Jäger.
Der Wald ist reich, der Sehne juckts zu sirren,
Ich habe keinen Mundschenk, keinen Träger,
Drum muß ich selber mein Gedärm entwirren.
(Ab.)


Zweite Szene
Kriemhild, Zirpzalp.

KRIEMHILD:
Ein Tümpel auf der brandgeschwärzten Rode?
Vielleicht seh ich den Feuersalamander!
Zwar ist es in Burgund nicht Frauenmode,
Jedoch ich mag nun mal das Rumgewander.
Die Mutter meint, der Wildfang sei zu zähmen,
Die Brüder schicken mich auf meine Kammer,
Allein im Wald brauch ich mich nicht zu schämen,
Das Eichhorn lauscht gewiß auf meinen Jammer.
Nur traurig, daß ich von dem Seidenschwanze
Und von der Amsel nur erfahr die Weise.
Ach, wäre mir verständlich doch das ganze
Im Sinne dunkle Minnelied der Meise!
Auch Volker, dem die Rätselrunen raten,
Kann mir nicht frommen zum Verstehensziele,
Ich mag nun mal die Vögel nicht gebraten,
Und tu, als taugten mir die Sangesspiele.
", "So gab ich ein Sonett dem Star, dem Finken
Wies ich in meiner Einfalt gar Rondelle,
Und seh ich einen roten Kehlkopf winken,
Hab ich Terzinen für den Fall der Fälle.
Ich mag nicht die Berichte von den Kriegen,
Wo alle nur verliern, die sich begrüßen,
Und hab mich nie zum Hymnischen verstiegen,
Die harte Klinge vorzuziehn dem Süßen.
Vielleicht bin ich verwöhnt bei meinem Taumeln
Im Unernst und im Pflegen meiner Grillen,
Doch laß ich nur zu gern die Seele baumeln,
Und sie besieht am liebsten sich im Stillen.
Die Waldesstille ist ein andrer Rahmen,
Als eine Nacht so einsam in der Stube,
Ich murmel öfters einen Vogelnamen,
Der Bruder meint, es sei ein böser Bube.
Wenn ich mal einen Mann frei, dann von Herzen,
Er muß nicht reich sein oder groß in Waffen,
Am Hof nicht prunken mit den tollsten Scherzen,
Noch mit den Freuden, die er wem geschaffen.
Er darf auch fremd sein oder gar verstoßen,
Von Eltern, die gar niemand will hier kennen,
Er geh zerrißnen Schuhs und gar mit bloßen
Schon wunden Füßen, die von Nesseln brennen,
Er sei gering, doch sagte mir Frau Minne,
Sein Herz sei rein und ganz mir ausgebreitet,
Mir schwünden bei dem ersten Kuß die Sinne,
Geflügelt, wenn mich dieser Ritter leitet.
Denn wer es wagt, das Herz so frei zu schenken,
Beweist mehr Mut als eine scharfe Klinge,
Ich bete oft, es mög der Herr es lenken,
Daß dem Gefühl der große Wurf gelinge.
", "(Sie steckt den Finger in das Blut, wundert sich, sucht ihn irgendwo abzuwischen und leckt ihn schließlich ab.)
Was ist das? Blut? Wer ist da so gestorben,
Daß sich ein ganzer kleiner Weiher rötet?
Und dieses Blut? Als hätt es mich geworben,
So leckt ichs ohne Furcht, das es mich tötet.
Es ist wohl süß und eklig, etwas brenzlich,
Ich werd wohl Durst bekommen von der Schärfe,
Und nun verwirrt sich der Geschmacksinn gänzlich,
Daß ich den Blick nach einer Quelle werfe.
Doch hör nun da, der Zirpzalp auf der Weide
Hat jäh die Unsprach in mein Deutsch gewandelt,
Drum will ich lauschen, eh ich von hier scheide,
Wovon sein aufgeregtes Zirpen handelt.

ZIRPZALP:
Zum Zausen ists, zum zwischendrin Verzagen,
Potztausends Ziffern zählen zu den Zerrern,
Die Pagen plappern von den Plauderplagen,
Und profiliern sich popelweis zu Plärrern.

KRIEMHILD:
Mein heller Werber auf den Weidenkätzchen,
Wenn du mir so verständlich weißt zu zalben,
Ist dann die Rede nur von Kindermätzchen,
Daß ich vom Sinn vorliebnehm mit dem halben?

ZIRPZALP:
Prinzessin, bräutlich brennen euch die Brüste,
Ihr bringt euch ein in ein gar brandig Brodeln,
Würd man den Held im ganzen Hain nicht kennen,
Es hieß, das Lob, ich würd es launig lodeln.
", "KRIEMHILD: Du stellst mir einen Bräutigam zur Seite,
Von dem im Reich der Vögel wohl zu singen,
Hast du gelauscht wie ich die Herzensleite
Beschrieb und meinst, es sollt mir doch gelingen?

ZIRPZALP: Uneins sind die Dämonen und die Mächte,
Der frühen Himmel und der heutig späten,
Doch einig ist sein Herzraum, und ich dächte,
Er hätt das Zeug zu einem Zugenähten.

KRIEMHILD:
Es ist nicht wohl, das Herz gar fest zu schließen,
Ich brauche keinen Stein und keine Mauer,
Das Blut muß frei und ohne Hemmung fließen,
Sonst ist der Schlag des Herzens nicht von Dauer.

ZIRPZALP: Ich bin nicht so gewandt in euern Bildern,
Ich künde euch das Künftge nur in Splittern,
Ich wollte euch mit meinem Bilde schildern,
Daß er euch treu in allen Sturmgewittern.
(Ab.)

KRIEMHILD:
So ist er nah, vielleicht schon an der Quelle,
Die aufzusuchen riet der blutge Finger,
Gibts irgendwo das Reine und das Helle,
Weiß dies zuerst der Mai und seine Singer.
So will ich freudig folgen einer Stimme,
Die mir im Herzen sagt, so mög es werden,
Nicht schrecke mich der Bär in seinem Grimme,
Denn alles Brummen preist den Herrn auf Erden. (Ab.)
", "
Dritte Szene
Siegfried, Kriemhild.
Die Bühne dreht sich und zeigt nun eine sprudelnde Quelle im Walde. Siegfried sitzt an einem Feuer, über dem ein bereits enthäutetes Tier schmort. Er hat ein etwas albern wirkendes Gewand an, mit lauter lebensgroßen Tauben darauf. Er summt fröhlich und beginnt dann zu singen. Später Kriemhild.

SIEGFRIED (singt): Alle Brünnlein raunen mir
Vom Holunder-Hildchen,
Und ich hoff, es käm nach hier,
Wies im Traum verspach das Tier,
Das mir gab sein Bildchen,
Ach, mein Los sei herzig hold
Das Holunder-Hildchen.
Maitag träumt im Blütenschnee
Vom Holunder-Hildchen,
Eh ich von der Erde geh,
Ich noch diese Augen seh,
Die mein Herzens-Schildchen,
Mehr als alles Gut und Gold
Das Holunder-Hildchen.
Ringsum jauchzt das Lenzgesind
Vom Holunder-Hildchen,
Eh der Herbst die Nebel spinnt,
Komm es nächtens Linden-lind,
Milchweiß als mein Mildchen,
Weil es Heil und Heimat zollt,
Das Holunder-Hildchen.
Wind erzählt mir immer neu
Vom Holunder Hildchen,
Ihm sei alle Ehr und Treu,
", "Ob es auch versteckt und scheu
Fernbleib dem Gefildchen,
Wo vernichtet sei, wem grollt
Das Holunder-Hildchen.
(Es raschelt, er lauscht und spricht dann.)
Es springt in diesem Hain so viel des Wildes,
Daß ich die Quelle brauchte nie verlassen,
Mein Lauschen hofft auf Trautes und auf Mildes,
Ich hab nicht Lust, noch Pfeile zu verpassen.
Doch, ach – was tritt durchs Unterholz, das finster?
Was leuchtet wie ein Pilz aus dem Moraste?
Wer neigt mit seinem sanften Schritt den Ginster?
Was fang ich an mit unverhofftem Gaste?
Ein Elbenweib? Sie trägt Burgunder Kleider.
Welch Vorwitz läßt sie unter Buchen streifen?
Sie schreitet stolz und weiß um ihre Neider.
Sie ist gewohnt, Begehrtes zu ergreifen.
Die Mutter warnte mich von Quell und Linde,
Ich sollte dorten keinem Wesen trauen,
Doch eh ich der Begegnung mich entwinde,
Sie ist so hell und lieblich anzuschauen.
Ich muß, der Mutter arg zuwider, hoffen,
Ihr Warnwort gelte einer andern Stunde,
Denn, sieh, mein Herz ist nichts als rot und offen,
Und braucht nicht erst von außen eine Wunde.
Sie ist gewohnt die Männer und die Waffen,
Allein mein Aufzug wird sie wohl erheitern,
Was Passenderes war nicht anzuschaffen,
Ich nahms und suchte da nicht lang nach weitern.

KRIEMHILD:
Verzeih der Herr, ich möchte an der Quelle
Den Schlund, der arg verbrannt, ein wenig kühlen,
", "Es drängt mich hier und jählings auf der Stelle,
Ein bittres Kraut mir aus dem Zahn zu spülen.

SIEGFRIED:
Wohlan, mein Horn soll euch zum Trunke frommen,
Ich füll es frisch aus Gottes reinem Sprudel,
Dies Wasser läßt die Lebensgeister kommen,
Da jauchzt selbst in der Suppe noch die Nudel.

KRIEMHILD: Es ist sehr lieb, daß ihr um Christi Willen
Erbarmt euch meines Leichtsinns, loh im Lenze,
In Gottes Garten folg ich meinen Grillen,
Wenn ich da Spinnrad und Kaminbank schwänze.

SIEGFRIED:
Mich freut es, wenn die Maid sich sonder Zagen
Traut in das Feld, sonst Männern vorbehalten,
Dies schafft ihr erst Gesicht für unser Wagen,
Damit die Augen nicht darum erkalten.
Doch eure könntens nie, sie sind vulkanisch,
Daß man erahnt den Feuerschlot dahinter,
Der Lenz ist da, jedoch nicht minder manisch
Bezwäng ihr Glanz, regierte auch der Winter.

KRIEMHILD (trinkt, nach einer Pause):
Ihr sagtet wahr, der Trank ist ungewöhnlich,
Er spornt, wohin er kommt, sogar der Magen
Belebt sich und er rechtet unversöhnlich,
Er stellt dem Gaumen altbekannte Fragen.
Drum will ich unverzagt zum Hofe kehren,
Und, was man stellt auf hell gebleichtes Linnen,
Bis auf das Zinn mit meinem Hunger leeren,
Ich wende mich mit Gottes Gruß von hinnen.
", "SIEGFRIED:
Wollt ihr den Jäger einen Stümper schelten,
Das Fleisch ist gar und tropft mit seinem Fette,
Das Tier war groß, die Ahndung zu entgelten,
Daß ich beim Mahle noch Gesellschaft hätte.

KRIEMHILD:
Ich schieb die Schuld dem Trank zu, der dem Mute
Gab auf, Gegartes mit dem Mann zu teilen,
Der unter Waldes grünem Wipfelhute
Mich einläd, an der Quelle zu verweilen.

SIEGFRIED:
So ist es recht. Was leben will, muß nehmen,
Was uns der Herr im Offenen kredenzte,
Denn nur wer frei ist, ähnelt nicht dem Schemen
Die vorjahrs schon der bleiche Schnitter senste.

KRIEMHILD (errötend):
Nun ja, die Freiheit ist der Schmuck des Christen,
Doch gab der Herr auch allen die Gebote,
Für alles gibt es Wohnungen und Fristen,
Daß nicht der Mensch grad wie ein Heid verrohte.

SIEGFRIED:
Sprach ich zu wild, die Schicklichkeit verletzend,
Fürwahr, ich muß euch um Verzeihung bitten,
Schon manchem Jäger ist, den Hasen hetzend,
Zu früh der Pfeil aus Köchers Hut entglitten.

KRIMHILD:
O nein, ihr sprecht recht artig und gebunden,
", "Auch stehn für Frieden eures Kleides Tauben,
Ich glaub, ich hab ein gutes Herz gefunden,
Unfähig, eine Jungfrau zu berauben.

SIEGFRIED:
Die Tauben, ja, ich sag es euch ganz ehrlich,
Mein Jagdgewand verbrannte mir zu Fetzen,
Und also ward Gefundnes unentbehrlich,
Die Sitte nicht mit Nacktheit zu verletzen.

KRIMHILD: Wie konnte euch das Feuer so bedrängen?
Mit wird ganz angst beim Denken an die Lohe.
Wenn sich die Kleider sich am ganzen Leib versengen,
Wird auch verletzt der Heldische und Frohe.
Brauchts Balsam, sagt, mich lehrte wohl die Mutter,
Die Kräuter, die verschließen ärgste Wunden,
Ich löse die Essenzen euch in Butter
Und salb den Brand zu raschestem Gesunden.

SIEGFRIED:
Nichts Grasendes gibt Butter eurer Stimme,
Die heilt die Wunden Leibes wie der Seele,
Kein Honig ward gesucht von einer Imme
Wie jener, den ich eurerm Dufte stehle.
Und auch kein Kraut trägt zaubrisch dunklen Samen,
Der mich zum Traum wie euer Atem führte,
Doch sagt mir bitte euren holden Namen,
Daß Hirn benenn, was ihm der Herzschlag kürte.

KRIEMHILD:
Ihr seid ein Kämpfer, der gewohnt, mit Flammen
Zu spielen, auf der Jagd wie in der Liebe,
", "Jedoch bei Hofe nimmt man sich zusammen,
Es steht ein andrer Sinn in dem Betriebe.
Gleichwohl, es leuchtet aus dem Aug ein reines
Beständiges und treues Gottvertrauen,
Drum will ich ungeacht des Quellenweines
Auf eure schlichte Seelengröße bauen.
(Sie verstummt plötzlich und lauscht auf die Laute des Zirpzalps. Dann stockend):
Und euer Rang gebietet es, den Damen
Zu huldigen im schönsten Brauch der Minne,
Einfältgen, die das allzu wörtlich nahmen,
Vergehn dabei wohl manches Mal die Sinne...
(Sie weint.)

SIEGFRIED:
Mein Herzblatt, mein unendlich holdes Gurren
Des Täubchens, was, um aller Höllen Kessel,
Vermochte widers Sonnenlicht zu murren,
Daß Träne sprengt des Augenlichtes Fessel?
Was für ein Dämon stieg aus seinem Pfuhle,
Und lehrt den Vogel schändliche Tiraden,
Was sagt euch, daß ich falsch und ehrlos buhle
Und meine Lieb euch bald gereich zum Schaden?

KRIEMHILD: Der Vogel sprach von euern Heldentaten,
Die nie sich mit der Maid begnügen werden,
Die immer, wenn auch halbwegs gut geraten,
Ein schlichtes Weibsbild bleiben wird auf Erden.

SIEGFRIED:
Was gibt es schlichtres überm Wald als Sonne?
Sind ärmlich, weil alltäglich, die Gestirne?
", "Wer sagt, daß im Gesuchten wohn die Wonne,
Und nicht in Apfel, Zwetschge oder Birne?
Warum kann ich, der vor des Nachbars Jungen
Den Baum erklomm und weiter sah im Nebel,
Der Gottesfurcht nicht teilsein und durchdrungen?
Ich wähnte mich doch nie am Weltenhebel!
Warum muß ich an meinen Kräften leiden,
Als seien sie nicht fromm und allen Nutzen?
Muß ich mir erst, eh alle Maiden scheiden,
Die Adlerflügel aufs Gewohnte stutzen?

KRIEMHILD:
Dies sei wies sei. Doch ist es nicht zu glauben
Ihr wärt ein Ritter, wie da viel im Heere,
Und machtet euch nichts aus Burgunderhauben
Und fragtet nicht nach Mitgift und nach Ehre,
Gleichwohl es käm ein Weib im Hain geschritten,
Bedürftig nach dem Quell bei euerm Feuer,
Gewöhnlich wie die Schlehen und die Quitten,
Doch Amor nennt dies alles ungeheuer.

SIEGFRIED:
Ich weiß, ich hab zu früh mein Herz verraten,
Ich bin ein Heißsporn und ein Fahnenjunker,
Ich brauch das Weib, zu schleifen an den Graten,
Doch kenne ich kein Falsch und kein Geflunker.
Ich wußte gleich, als euer Haar von Buchen
Sich abhob, daß schon vor dem Mutterschoße
Die Wahl war gültig und nicht mehr zu suchen,
Denn ihr seid mir das Lebensglück, das große.
Wir waren schon vereint, eh alles Werden
Gestalten schuf und Licht, sie zu beschauen,
", "Ehs Himmel gab und je ein Wort auf Erden,
War ausgemacht, das wir uns ganz vertrauen.
Dies glaub ich, ob ein Priester nenn mich Ketzer,
Es ist mein Herz, das also spricht und handelt,
Eh der Versucher Schlange ward und Hetzer,
Sind wir auf Wolken engelsgleich gewandelt.

KRIEMHILD:
Ich habe, was du sprichst, schon mal vernommen,
Und weiß nicht wann und nicht an welchem Orte,
Sind wir gemeinsam aus dem Licht gekommen,
Und suchen nun vereint die enge Pforte?

SIEGFRIED: So muß es sein, es fügt sich ineinander,
Die Mutter auf dem toten Lindwurm wachte,
Als Weiser nannte sie im Weltgewander
Das Herz, das sie zu meinem Leitstern machte.
Kaum war ich auf und fand die erste Quelle,
Da trat aus Traum und Wahn mir das Erhoffte,
Grad so als ob das Mutterwort, das helle,
Sich mit dem ersten Hahnenschrei verstoffte.

KRIEMHILD:
So sei es. Und ich werd mich nicht verweigern,
Jedoch mein Bruder ist der Herr des Landes,
Er spricht sich aus in Sängern und in Schweigern
Und ist der Hirte allen Volks und Standes.
Gelingt es dir, sein Jawort zu erreichen,
Soll meins ihm folgen bis zum Weltenende,
Er gibt nicht viel auf Würden und auf Zeichen,
Dafür recht viel auf Augen und auf Hände.
(Beide ab.)
", "
Vierte Szene
Gunter, Gerenot, Hagen, Volker.
Die Bühne zurück zum Lindwurmbild. Vier Reiter erscheinen.

GUNTER: Was ist das für ein Pestgestank im Walde,
Man spürt der Fliegen jauchzendes Frohlocken,
Abdecker haben auf der Ratten-Halde
Gewiß nicht solche fetten Eiterbrocken.

GERENOT:
Ein Teich von Blut, o Bruder, daß nicht netze
Der Unrat dich, hab acht in deiner Eile,
Und dann das Viech! Daß sich der Christ entsetze
Und selbst der Heilge zweifle an dem Heile.

VOLKER: So ists geschehn. Brunhilde, deine Jugend
Ist hin, der Recke, dich vom Gurt zu schnallen,
Bezeugt die Früchte seiner Mannestugend
Dem Himmel und auch nebenbei uns allen.

GUNTER: Was faselt der Poet? Und was für Reifen
Sind da zu öffnen mit der Kraft des Recken?
Ist jemand da, das Rätsel zu begreifen,
Daß er uns rat von den geheimen Zwecken?

HAGEN: Es geht ein altes Lied vom Drachentöter,
Auf den die Asen ihre Hoffnung setzen,
Der Wächter, der nun bloß ein toter Köter,
Verhinderte, daß sie den Bann verletzen.

VOLKER: Und jener wird die holdeste der Maiden,
Die alle Freier schlägt bei Waffenspielen,
", "Gewinnen, daß das Land gehör den beiden,
Der Himmel jenen, die vor Zeit verfielen.

GUNTER:
Wer wagt hier Anspruch auf das Land? Doch sage
Was ist an jener Maid so ungewöhnlich?

VOLKER: Wer sie begehrt, dem ist sie Todesplage,
Denn sie enthauptet Werber unversöhnlich,
Als Jungfrau ist sie allen überlegen
Im Lauf, im Steinwurf und im Ruderboote,
Doch dem Bezwinger wird die Wehr zum Segen,
Zu Lust und Kraftborn, was davor bedrohte.
Die Erde selbst schuf ihre Weibeswonnen,
Die Götter legten Schwert und Schild zusammen,
Daß ihre Hochzeit alle Weltensonnen
Beschäm und alle, die von solchen stammen.
Sie bleibt so mailich wie das Dommelflöten,
Sie geht, als sein beflügelt ihre Schuhe,
Der milde Dunst beschämt die Morgenröten,
Ihr Schoß ist aller Seligkeiten Truhe.
Die Mitgift, dem Geschlecht die Weltenkrone,
Hat nicht den Preis, den sonst Beschenkte hatten,
Denn was so hold, daß es unendlich lohne,
Geht mit der Ehe gänzlich auf den Gatten.
Drum steht ein harter Strauß vor diesem Siege,
Nur jener, den die Asen auserkoren,
Verliert sein Leben nicht im Minnekriege
Und tritt als Herr in aller Höfe Foren.

GUNTER: Was bin ich König noch, um eine Krone,
Die hehrer als die meine, auszuschlagen,
", "Mich schreckt kein Kampf und keine Todeszone,
Dies Weibsbild in mein Schlafgemach zu tragen.
Drum, Hagen, sinn, wie balde steht das Segel,
Daß Wein und Vorrat sei dem Schiff im Rumpfe,
Und schaff mir Macht auch wider alle Regel,
Daß ich die Spröde herrlich übertrumpfe.

HAGEN:
Gemach, solch Ding ergibt sich nicht im Sturme,
Es braucht hier Überlegung wohl und Listen,
Mein Lindenspeer begehrt das Blut vom Wurme,
Daß er vergeß die letzten Schweigefristen,
Derweil ich Holz anhier am Safte tränke,
Vermähl sich Pflanzenstärke mit dem Tiere,
Begehrt Ihr, daß die Göttliche sich schenke,
Ist Ungeduld der Pfad, daß man verliere.

GERENOT: Was willst du Bruder solches Abenteuer,
Du herrschst in deinem Lande unbestritten,
Verschleuderst du die Kräfte ungeheuer,
Ists meist Verlust zur Freud allein des Dritten.

GUNTER:
Nun gut, die Sache muß man wohl bedenken,
Gibt es ein Ziel, so finden sich die Pfade,
Und Hagen, der versteht den Stern zu lenken,
Findt sie, so wie der Speer zu seinem Bade.

VOLKER: Mir ists, als hätte ich zu hehr gesprochen,
Derweil ich meine alten Stäbe klampfe,
Ich wiederhole, eh der Bann gebrochen,
Bedarf es erst des Muts zum Drachenkampfe.
", "HAGEN: Was soll das, Volker, sieh das alte Leder
Ist mausetot und niemands Ziel zu schlachten,
Ein Reich bezwingt das Schwert und eins die Feder,
Dies ist kein Ort, um hier zu übernachten.

VOLKER: Ist tot der Drache, ist der Prüfung Träger
Der Zwinger, dessen Werk wir schaun mit Grausen,
Und darum spricht der halbwegs kluge Wäger,
Ich laß die Sache unverzüglich sausen.

HAGEN:
Der König braucht nicht Weibsgezag und Wimmern,
Der König braucht die Helden, die ihm streiten,
Drum spar das weitre auf den Frauenzimmern,
Eh wir zu ernstern Schweigemitteln schreiten.

GUNTER: Dies ist ein Wort, den Ausritt zu beenden,
Es fügt die Nacht, was Morgen offenbarte,
Laßt uns zum Hof die müden Pferde wenden,
Dort tropft gewiß vom Spieß die Eberschwarte.
", "Der fest leere Rittersaal der Hofburg. In der Mitte eine Wendeltreppe zum Turm, die Kriemhild heruntersteigt. Ute sitzt auf einem Schemel und schaut mißmutig drein.

Erste Szene.
Ute, Kriemhild.

UTE: Du wirst dich in dem Sturme noch erkälten,
Wenn du nur immer runterschaust zum Hafen,
Es gibt im Leben nicht nur Liebeswelten,
Auch wär es an der Zeit jetzt, mal zu schlafen.

KRIEMHILD:
Was soll ich schlafen und sein Horn verpassen,
Ich bin nicht Witwe und wie du versteinert,
Die Frische dieses Westwinds nimm gelassen,
Weil er das Glühn in meinem Herz verkleinert.

UTE: Ihr werdet nach der Hochzeit bald verreisen,
Und ich verlier mein Töchterchen, mein kleines.
(Sie tupft mit einem bestickten Tuch ihre Augen.)

KRIEMHILD:
Wozu die Eil? Ach, nirgends sind die Meisen
So sangfroh wie im Gau Burgunderweines.

UTE: Nesthäkchen, du mußt deinen Mann begleiten
In seine Burg und einen andern Garten.
", "KRIEMHILD:
Ich lieb der Brüder Arm und Albernheiten,
Mein Schatz wird drob gewiß ein Weilchen warten.

UTE: Dies ist nicht gut. Wenn Gunter sich vermählte,
So ist am Hof die fremde Frau die hohe,
Schaut sie den Helden, den mein Kleines wählte,
Mag Neid im Herzen steigern sich zur Lohe.

KRIEMHILD:
Ich werd ihr stets um meines Bruders willen
Die Achtung zeigen, die dem Hof ich schuldig,
Und Siegfried weiß den Tatendrang zu stillen
Bei Bärenjagd und ist sonst so geduldig.
Die Jugend ist ihm peinlich, die verlottert,
Und er studiert mit Eifer die Manieren,
Er ist so schamhaft, das er manchmal stottert,
Da wird gewißlich kein Skandal passieren.
Auch Hagen ist am Hof, obgleich an Kräften
Dem König und den Brüdern überlegen,
Und keiner meint, daß Gunter den Geschäften
Gewachsen nicht, das ganze Land zu hegen.

UTE: Bei Hagen liegt die Sache recht verschieden,
Gar mancher meint, er sei ein Sohn der Alben,
Sein Blut ist kalt und wird auch niemals sieden,
Er strebt nach Kronen, ganzen oder halben,
Im Herzen nie, er treibts recht gern im Schatten
Der Mächtigen und gönnt den Herrn die Sonne,
Wenn sie wie Zufall seinen Einfall hatten,
Schafft dies für ihn die allerhöchste Wonne.
Er lenkt uns weibisch und gemeßen Schrittes,
", "Er achtet auf Gefahren und auf Zeichen,
Er wird niemals ein Opfer seines Rittes,
Noch wird er je vor einer Schande weichen.

KRIEMHILD: So meinst du, Siegfried sei dagegen hitzig
Und weckte selbst die Toten in den Grüften?
Ach, oder du vermeinst, ich fänd es witzig,
Ein unheilvoll Geheimnis ihr zu lüften?

UTE: Du kennst die Weiber nicht, weil ich nur Jungen
Hab sonst geborn, du Wildfang dem nicht ferne,
Von Dünkel sind die einen ganz durchdrungen,
Die andern fordern himmelher die Sterne.
Wenn sie der Konkurrentin etwas lassen,
Dann nur, was ihnen eklig und verächtlich,
Ihr Anspruch ists, in ihrem Arm zu fassen,
Was groß am Tage oder mitternächtlich.
Die fremde Frau, von der man sagt, die Werber
Hab sie geköpft und aufgespießt die Schädel,
Vermißte deinem Fell den scharfen Gerber,
Denn allzu frech bist du, mein liebes Mädel.
Das Glück steht dir zu deutlich in den Augen,
Sie wirds mit üblen Ränken dir vermiesen,
Wie Männer arglos zu dem Spiele taugen,
Das hat sich stets in Tag und Jahr bewiesen.

KRIEMHILD:
Laß gehen, Mutter, seit ich mich verlobte,
Will ich nicht wildtun oder töricht schwatzen,
Es ward mir fremd, daß Zorn und Prahlsucht tobte,
Und spitze Nadeln können mich nicht kratzen.
", "UTE: Dein Wort in Gottes Ohr! Doch viele Jahre
Belehrten mich: zwei Fraun in einem Dache
Versengen Männern und sich selbst die Haare
Und spein mehr Feuer als der ärgste Drache.
(Man hört ein Horn. Kriemhild rennt die Treppe hinaus zum Turmfenster und stößt einen Freudenschrei aus.)


Zweite Szene.
Ute, Kriemhild, Siegfried, Gunter, Gerenot, Giselher, Hagen, Brunhilde.

KRIEMHILD (umarmt Siegfried:
Mein Schatz, ich hab gehofft, gebangt, gebetet...

BRUNHILDE: Was ist das hier für seltsam freie Sitten?
Es hat kein Herold in den Saal trompetet,
Noch ließ der Herr die Knechte zu sich bitten.
Eh noch der König die Versammlung leitet
Und dem das Wort erteilt, der wünscht zu sprechen,
Wird den Erstaunten Unzucht ausgebreitet,
Darüber wird uns noch das Reich zerbrechen.

GUNTER:
Wir sind zuhaus. Und meine kleine Schwester
Fühlt nirgendwo sich wohler und zuhauser,
Für steife Regeln gab sie kein Semester,
Das Land ist warm, mit Freimut ich nicht knauser.
Gleichwohl ich möchte Ute stolz verkünden,
Daß Hochzeit sei, dem Land die Mutter werde,
Die Amnestie vergeb geringre Sünden,
Und Frieden walt auf unsrer Heimaterde.
", "UTE: Ich danke dir, mein Sohn, für diese Stunde,
Die nah am Grab ich hoffte zu erleben,
Und hoffe, Gott, der wohl vernimmt die Kunde,
Gesell zu deinem großen Glück den Segen.
Doch schafft das nahe Fest der Hausfrau Pflichten,
Weshalb ich bitte, den Empfang zu kürzen,
Ich so viel zu schaffen und zu richten
Und will mich gleich in meine Arbeit stürzen.
(zu Brunhilde):
Doch dich, mir Tochter bald in diesem Hause,
Heiß ich willkommen zwischen meinen Ahnen,
Man liebt das Leben hier und lobts beim Schmause
Viel lieber als bei kriegerischen Fahnen.

BRUNHILDE: Warn eure Ahnen auch so frei und lustig,
Wie es mir scheint recht unerhörte Mode?
Im Norden ist nicht nur das Eismeer krustig,
Man schämt sich leicht und sucht dann nach dem Tode.

UTE: Wo Frost nicht sehrt die angepflanzten Reben,
Dort gibt der Wein sich billig und alltäglich,
Ein fühllos strenges, festgesetztes Leben
Erscheint hier allem Volke unerträglich.
Hier glitzern nicht des Eises Diamanten,
Hier ruft der Spröde meistens nach dem Lacher,
Hier duzen sich im Hause die Verwandten,
Und angestaunt wird allenfalls der Macher.
Wer wieselflink die Laus jagt von dem Weine,
Ist König hier und darf die Fässer stechen,
So zahm ist das Getier in unserm Haine,
Daß wir die Lanzen tauschten gegen Rechen.
Der Gunter ist beliebt bei allen Ständen,
", "Weils ihm mit Maß und ohne Raufereien
Gelang die Zwiste friedlich zu beenden
Und alles nutzlos Toben oder Schreien.
Drum seid gewiß, daß eure Wahl die beste
Für dieses Land und euch ein langes Leben,
Gar traulich wohnt sichs in dem weichen Neste,
Und Gunter wird euch viel Behagen geben.
(Alle ab.)


Dritte Szene.
Siegfried, Hagen.

SIEGFRIED (stürmt herein):
Ich tus nicht, nein, das kann man nicht verlangen,
Solch Tun ist wider Ehre und Gewissen,
Ich laß mich nicht für solche Dienste fangen,
Und wers versucht, da ist das Band zerrissen.

HAGEN: (folgt bedächtig):
Schrei nicht so laut, die Frauen könntens hören,
Aufregung nutzt nicht, ruhig Blut ist alles,
Wenn sich die Helden allzu wild empören,
Trägt dies in sich den Keimling des Verfalles.
Wer einen Bogen spannt, der laß dem Pfeile
Auch Freiheit, seiner Beute Herz zu treffen.
Wer mag auf Fahrt, zupaß dem Seelenheile,
Als wärs an Land, das Gaffelsegel reffen?
Der König kann die Ehe nicht vollziehen,
Auf hoher See wars ihm alleine schimpflich,
Auch seiner Schwester Ehre wird bespiehen,
Gelingts uns nicht, daß dieser Schaden glimpflich.
", "SIEGFRIED:
Daß Kriemhild hab des Bruders frohen Segen,
Versprach ich, euch nach Isenland zu führen,
Dann Gunther einen schweren Stein bewegen,
Verborgen, nicht zu schauen, doch zu spüren.
Ich ruderte für ihn und alle Wetten,
Die hatte sich die Spröde ausbedungen,
Hab ich, als obs die seinen Muskeln hätten,
Auf seiner Brautfahrt ehrenvoll bezwungen.
Und Kriemhild billigt solche List im Kriege,
Weil so ein Mannweib, das die Männer schlachtet,
Nicht Anspruch hat, daß Treu im Handeln liege,
Drum schlag sie Schand, weil sie nach solcher trachtet.
Es mag ein Mann, seis auch im Tarngewande,
Die Keule führn, die Schleuder und den Degen,
Doch ist es ihm die allergrößte Schande,
Ein fremdes Weib ins Ehgemach zu legen.

HAGEN: Der zweite Teil des Werks, das du begonnen,
Ist wesentlich verschieden nicht vom ersten,
Zu früh ists, im Triumpfe sich zu sonnen,
Erst muß der Reifen um den Nabel bersten.
Den Gurt, der sie bewahrt, mit Macht erbeuten,
Ist Krieg wie jeder und nicht Wollust-Pflege,
Drum wenn wir erstens den Betrug nicht scheuten,
So sollten wir nicht abseits gehn vom Wege.

SIEGFRIED: Ich räng mit ihr, ansichtig ihrer Formen,
Ich träfe sie am Eingang des Geschlechtes,
Dies ist ein Spott für Sitte und für Normen,
Unmännlich ists und ganz gewiß nichts rechtes.
", "HAGEN: Mit Weibern kämpfen ist nicht Männersache,
Doch die Verkehrung geht auf ihre Kappe,
Du tatst es längst. Darum ein Ende mache
Und füg ihr zu die allerletzte Schlappe.

SIEGFRIED:
Sie zwingt mich und ich spüre Haß genügend,
Den Gürtel ihr vom nackten Leib zu kratzen,
Doch säh ich mich dem Willn des Königs fügend,
Für Kriemhild wärs gewiß ein arger Batzen.

HAGEN: So sag ihr nichts von diesem Niederringen,
Du schonst sie nur und niemand wird euch schelten,
Dem Frieden dient das Werk vor allen Dingen,
Und der wirds euch mit langem Glück entgelten.
So will ich gehn, der König in der Halle
Schon wartet, ich vermeld ihm deine Treue,
Um Mitternacht liegt Brunhild in der Falle,
Beherztes Tun vermeidet stets die Reue.
(Ab. Es wird langsam dunkel.)

SIEGRIED (während er die Ampeln im Saal entflammt):
Der Segen Gottes und der Welten-Segen
Sie Dinge, die wohl nie gemeinsam wirken,
Ihr Blauaug hieß, den Arm um sie zu legen,
Doch ich verirr mich in den Hof-Bezirken.
Da herrscht die Liebe nicht im reinen Schauen,
Die Ehrsucht und der Dünkel spinnen Ränke,
Verführung tritt an Stelle von Vertrauen,
Und alles scheint, als obs der Teufel lenke.
Warum mußt ich die Bruderliebe achten,
Die mich zum Schelme machte in dem Stücke?
", "Wärs, daß die Rolle, die sie mir erdachten,
Mir heimlich meine Eitelkeit entzücke?
Ich hab gefehlt, will Kriemhild dies nicht deuten,
Ists in der Tat kein weiteres Verschweigen,
Vermeid ichs, diesen Trug an allen Leuten
Der Herzensschwester deutlich anzuzeigen.
Jedoch mein Aug wird mich sehr bald verraten,
Es ist nicht schändlich nur, es ist betrüblich,
Und wenig hilfts, daß solche Meucheltaten
An allen Höfen und an diesem üblich.
(Er verharrt in nachdenklichem Schweigen.)


Fünfte Szene.
Siegfried, Ute.
Ute, im Nachthemd, schlurft mit einem Kerzenlicht herein.

SIEGFRIED:
O weh, so spät, du wirst dich hier erkälten,
Hier, hüll dich rasch in diesen fuchsig warmen
Ornat und sag, um was in allen Welten
Mußt du in diese Finsternisse barmen.
(Legt ihr einen Mantel aus Fuchspelz um.)

UTE: Ich bin nur etwas rasch die steile Stiege
Emporgetappt, man soll mich nicht bemerken,
Ich muß dich warnen vor dem falschen Kriege,
Ein Unheil schwant mir über diesen Werken.
Noch eh ihr alle ankamt, hab mein Liebes
Ich angefleht, ihr beide möget scheiden,
Inzwischen brauchts die Hastigkeit des Diebes,
Das Schlimme, das ich kommen seh, zu meiden.
", "SIEGFRIED:
Was denkst du dir? Am Sonntag die Kapelle
Erfleht für uns den allerhöchsten Segen.
Wir sollen fort? Und dieses auf die Schnelle?
Was konnte dich zu solchem Rat bewegen?

UTE: Brunhilde ahnt Betrug und wird nicht ruhen,
Eh alles ist ans Tageslicht gekommen,
Als wär nicht schon genug an Gift in Truhen,
Hast du noch schlimmern Auftrag angenommen.

SIEGFRIED:
Wer sprach dir dies? Wars Gunter oder Hagen?

UTE: Ich hab zum Lauschen meine eignen Knechte,
Ein Name kann da wirklich wenig sagen,
Ich fürcht, daß man dich gar ums Leben brächte.

SIEGFRIED (lacht):
Man will mich töten? Meine liebe Güte
Im Dämmer reifen wunderliche Blüher,
Ein Nachtmahr wars, der dich zur Treppe mühte,
Ein Unerlöster, der hier hauste früher.

UTE: Der Hochmut vor dem Fall sieht bloß Gespenster,
Wo Überlegung weiß das Netz am Zuge.
Nicht merktest meinen Boten du am Fenster,
Doch stets Brunhildes Künder von dem Truge?

SIEGFRIED:
Ich wollts nicht tun, doch Hagen hat erwiesen,
", "Die Staatsräson gebietet dieses Opfer,
Man scheut nicht kindisch vorm Geruch, vorm miesen,
Denn Unbill trägt ein jeder Steineklopfer.

UTE: Es geht hier nicht um Anstand, Würde, Ehre,
Ein noch Bedenken würde euch vernichten,
Flieh! Kriemhild nehm, was immer sie begehre,
Ich trag die Schuld und werd mich selber richten.

SIEGFRIED: Gar gottlos ist es, ungetraut zu lieben,
Zu fliehen die Familie und die Brüder,
Schlägst Häupter ab, erst eins und schließlich sieben,
Das neunte ist unsterblich bei der Hyder.

UTE: Du selber hast dich aufgebäumt dem Erbe,
Wurdst nicht der Zeuger für die Riesenheere,
Nun sagst du: Besser, daß ich selber sterbe
Als daß da leide die Familienehre.
So denk an Kriemhild, die dich also schätzte,
Daß sie nicht merkt, wie dir das Garn gewunden,
Sag ihr die Wahrheit, daß es sie entsetzte,
Dann seid ihr weit schon in den Morgenstunden.

SIEGFRIED: Ich hab mich oft empört, es abzustreiten,
Wär lächerlich, dies gab mit die Gebete,
Ich leb in Eintracht mit dem Herrn der Zeiten,
Ich glaub, Gott gibt, was ich so heiß erflehte.
Nun soll ich König, Kirche, Gattin schänden,
Ein Flüchtling sein, weil was geheim nicht sicher,
Ich muß was ich begann vernüftig enden,
Sonst hör ich in der Hölle das Gekicher.
", "UTE: Du endest nichts, du weckst nur weitre Schlangen,
Nicht der Kaplan und Gunter Christ vertreten,
Du bist den Weg des Heilands weit gegangen,
Nun schwenkst du auf den Weg der Exegeten.

SIEGFRIED: Ich suchte nie Passion und Weltentsagen,
Ich wollte Teil sein im gewöhnlich Heilen,
Drum werd ich mit dem König mich vertragen,
Und auch dem Schoß der Kirche nicht enteilen.

UTE: Ist dies dein letztes Wort? So sind wir alle
Verloren, das Gesetz von Blut und Rache
Verfeinert nur noch seine Mausefalle,
Und unser Tod ist ausgemachte Sache.
(Beide nach verschiedenen Seiten ab. Die Ampeln erlöschen.)


Fünfte Szene.
Kriemhild, Brunhilde.
Es wird wieder hell. Man sieht Kriemhild mit Stickereien beschäftigt. Brunhilde tritt wie zufällig herein.

BRUNHILDE:
Die Schwester, ach, stets fleißig und geduldig,
Der Herr Kaplan lobt sicher deine Tugend.

KRIEMHILD:
Ich bin dem Herrgott nur zu danken schuldig,
Ich hatte eine unbeschwerte Jugend.
Auch kam das Glück von selbst im rechten Alter,
Ich trag nicht Arg, es könnte jemals enden,
Drum ist mein Lied bei Handarbeit der Psalter,
Und, was ich hab, will ich den Armen spenden.
", "BRUNHILDE:
Gewöhnlich wählt aus königlichem Hause
Die Tochter Eh mit wem vom gleichen Adel,
Weshalb ich deine Wald-und-Wiesen-Flause
In Sorge um die Ehr des Hauses tadel.

KRIEMHILD:
Was pönst du Siegfried? Hat er deine Würde
Je angegriffen oder bös mißachtet?
Dein Maß der Welt ist niemals dessen Hürde,
Der nach dem Beistand unsers Heilands trachtet.
(Für sich)
Ich bin gewarnt, und Ute ist erfahren,
Sie übertrieb nicht bei den Weiberränken,
Zwar bin ich unterlegen ihr an Jahren,
Jedoch die Falle kann ich mir wohl denken.

BRUNHILDE:
Daß nicht ein Souverän dein neuer Gatte,
Verschmerzbar wär, wenn die Vasallentreue
Verdienste aufwies, die kaum einer hatte.
Jedoch dein Fall erwartet nichts als Reue.
Es war die pure Gnade Gunters, jenen
An seinem Hofe dienstlich aufzufangen,
Und eingedenk der Umständ, unter denen
Er ankam, ists ihm viel zu gut ergangen.

KRIEMHILD:
Du haßt ihn. Seis drum! Müssen wir besprechen,
Was ihn in deinen Augen macht zum Knechte?
Scheint dir des Königs Großmut ein Verbrechen,
Bedenke, daß dies eines seiner Rechte.
", "BRUNHILDE:
Des Königs Pflicht, der Staat, bereitet Sorgen,
Wenn Launen, die der Billigkeit, dem Brauche
Ein Hohn, sich breiten, daß vielleicht schon morgen
Der ganze Hof erstickt in dieser Jauche.

KRIEMHILD: Du pönst den König. Dies mir anzuhören
Hab ich nicht Lust noch schwesterliche Freude,
Such dir wen anders, um ihn zu betören,
Damit ich meine Stunden nicht vergeude.

BRUNHILDE:
Du irrst. Dies zielt nicht auf des Königs Rechte,
Von finsterm Rat wird dieser Hof verdunkelt,
Du bist zu gut und siehst drum nicht das Schlechte,
Das schlangenäugig aus den Ritzen funkelt.

KRIEMHILD:
Wen willst du einen schlechten Rater schelten?

BRUNHILDE:
Die Männer nicht, die sind ja nur am Jagen,
Sie mögen nicht den Stachel der Intrige,
Sie führen aus und haben nichts zu sagen,
Doch Weibern liegt die Bosheit in der Wiege.

KRIEMHILD:
Dies hörte ich schon mal zu meinem Kummer.

BRUNHILDE:
Von wem, das brauche ich dich nicht zu fragen.
Du meinst, die Alte dämmerte im Schlummer.
Glaubs weiter! Sie kann allerhand vertragen.
", "KRIEMHILD: Was willst du wider meine Mutter hetzen,
Ich glaube dir kein Wort und führ die Nadel
Hier fort für Leut, die etwas Schönes schätzen
Und nicht begehrn verleumderischen Tadel.

BRUNHILDE:
Sie sprach dir, du seist besser ausgerissen.
Ist dies nun Dichtung und erfundne Sage?
Mich wunderts nicht. Sie plagte das Gewissen,
Daß sie gefädelt, was da war im Hage.

KRIEMHILD:
Was war im Hag? Was soll die Rätselkunde?
Muß ich zum Sticken andern Schemel suchen?
Nie noch vernahm ich aus dem Schlangenmunde
Solch Rumgedeut und hinterrücks Verfluchen.

BRUNHILDE:
Die Gattenwahl der Schwester gab zu denken.
Drum forschte ich und merkte, wessen Buhle
Der Fremde ist, sich Schläferstund zu schenken,
Zog ihn die Alte in die Heimatkuhle.

KRIEMHILD: Was du beginnst, erstunken und erlogen,
Ist alles, und naiv ist es, zu glauben,
Mir könnten diese Rauch- und Nebelwogen
Ein Gran von meinem Gottvertrauen rauben.

BRUNHILDE:
So frag dich selbst, wer ließ dich fort zum Haine,
Grad als der Fremde gar das Fleisch gebraten,
Und wer befahl den König zu dem Scheine,
", "Daß er erklärt, die Wahl sei wohlgetaten?
Wen plagte schließlich furchtbar das Gewissen,
Daß er zur Flucht riet wider alle Gründe?
Und wer ist hier so weibisch und gerissen,
Daß austauschbar der Anstand und die Sünde?

KRIEMHILD:
Es ist nicht wahr und ein Gespinst von Mären,
Nur tief gekränkt kann ein Gemüt so denken.

BRUNHILDE:
So bitt ich dich, mir schlüssig zu erklären,
Was Guntern sprach, dem Xanthner dich zu schenken.

KRIEMHILD:
Er schuldet Siegfried Dank für seine Siege,
Er hat das Land befreit von einem Wurme.

BRUNHILDE:
Ein Wurm bewacht nicht Rindsviech, Schaf und Ziege.
Was war an Gold in seinem stolzen Turme?

KRIEMHILD:
Kein Turm, die Grotte barg der Nibelungen
Verschollnen Schatz aus leuchtendem Geschmeide.

BRUNHILDE:
Wo ist der jetzt? Was solcherart besungen,
Birgt diese Burg nicht, was ich gern beeide.

KRIEMHILD:
Mein Siegfried ist des Schatzes froher Hüter.
", "BRUNHILDE:
Dies also läßt ihn stolz das Haupt erheben:
Er stielt dem König aus dem Land die Güter,
Da wird die Schwester noch dazugegeben.
Du solltest dich zur Wahrheit mal bequemen,
Du attestierst dem König nur Versagen,
Wärs wahr, so frommte Siegfried nur das Nehmen,
Der König hätte alles zu ertragen.
Wie konnte mich der König herrlich schlagen
In Isenland im Wurf, im Lauf, am Ruder?
Gleichzeitig hat nur Siegfried was zu sagen,
Wie du erklärst, du grundverlognes Luder.
Der Wurm mag sein, der Schatz, gewiß darunter
Auch magisches Gerät, das unanständig.
Ich frage noch einmal: Was kriegte Gunter,
Das er infolg davon so wetterwendig?

KRIEMHILD (bedrückt und leise):
Ein Schiff nach Norden, wo die Heiden wohnen.
Nun denk dir, was du willst, ich werde gehen,
Du wirst mir finster alle Worte lohnen,
Vom Scheitel spür ichs bis in alle Zehen. (Ab.)

BRUNHILDE (langsam und furchtbar akzentuiert):
Ich sehe klar. Der Hort der Nibelungen
Barg auch die Waffe, die das Aug verblendet,
Ein andrer hat den Junfernstolz bezwungen,
Mein Leben für ein Tauschgeschäft gespendet.
Ich ahnt es lang, doch deutlich die Motive
Gewichtend ists der Schlüssel zu dem Schlosse,
Und gibt es nichts, was mich nach Hause riefe,
So zahle mir der falsche Kampfgenosse. (Ab.)
", "
Sechste Szene.
Gunter, Gerenot, Giselher, Hagen.

HAGEN: Wir wissen alle, was uns hergerufen.
Die Königin wird bald des Hungers sterben,
Was man ihr bringt, steht achtlos auf den Stufen
Des Turms, bis wir den Grund dafür verderben.

GERENOT:
Ich seh nicht ein, daß um der Weiber Grillen,
Die besten Mannen werden hingeschlachtet,
Man lasse ihrem Geiste diesen Willen,
Denn der ist ohne Frage wahnumnachtet.

HAGEN:
Es ist nicht Wahn, sie kam uns auf die Schliche,
Aus Ehrsucht hats die Schwester ausgeplaudert,
Ich prophezei euch Aufruhr, füchterliche
Thronkämpfe, die mir auszumalen schaudert.

GERENOT:
Es gibt doch Fraun genug für Gunters Erbe.
Die Kirche wird sie eine Heidin schelten.

HAGEN: Der Frevel, daß die Königin uns sterbe,
Rührt an die Festen unsrer Herrschaftswelten.
Es nützt nichts, daß die Kirche sie verdamme,
Sie hegt das Heil, das Recht ist ihr entzogen,
Verfällts, erwacht der Wolf sogar im Lamme,
Und niemand weiß, was ganzbleibt in den Wogen.
(Er macht eine große Geste, die anderen schweigen bedrückt.)
", "GISELHER:
Doch Siegfried ist nicht schuld an dieser Fratze.

HAGEN: Er hat der Frau das Wissen übermittelt,
Bedenkend nicht, daß Weibes Wesen schwatze,
Drum sei die Schuld nun gegen ihn getitelt.
Er hafte für die Frucht der Schwärmereien,
Auch war sein Tarnhelm Erstgrund aller Stricke,
Wir müssen uns dem Rettungsplane weihen,
Daß man sein Haupt der Landesmutter schicke.

GUNTER: Dies ist nicht möglich, weil wir alle Eide
Ihm schworen, daß er brüderlich willkommen,
So bleibt uns nur, daß ich die Schande leide,
Denn dieser Eid wird nie uns abgenommen.

HAGEN: Schon als er aus dem Dickicht sich gesellte
Dem Hofe, wußt ich, daß er bald schon störte,
Drum kann ich wuchern heut mit dem Entgelte,
Daß ich nicht zu der trunknen Schar gehörte.
Ich habe mich beim Eide ausgenommen,
Weil ich in Treu und Glauben etwas reifer,
Nun ist die Hoffnung ganz auf mich gekommen,
Weil ihr gelähmt durch euren blinden Eifer.

GISELHER: Ich brauche keinen Eid, um dem Genossen
Nichts böses zuzumuten und zu lassen,
Und wer zu diesem Widersinn entschlossen,
Den werde ich aus tiefster Seele hassen.

HAGEN: Die Sache wird kein Kinderherz entscheiden,
Der König spricht, wenn nicht, tu ichs alleine,
", "Ich kann die Folgen übersehn und leiden,
Man werfe keinen Klotz vor meine Beine.

GERENOT:
Nun Gunter sprich und lasse nicht befehlen
Dein Schweigen über uns und unsre Kinder,
Die Wahrheit mag dem Diener sich verhehlen,
Der König aber ist bestimmt zum Finder.

GUNTER: Ich meine der Konflikt betrifft Instanzen,
Die nicht Burgund und vielleicht überweltlich,
Drum bin ich nicht der Richter überm Ganzen,
Dies Recht ist nur von anderswo erhältlich.
Die Kontrahenten: Siegfried und auch Hagen
Sind zwar mit meinen Hofstaat hier verbunden,
Doch kann ich nicht von der Familie sagen,
Hier gründete ihr Wolln und ihre Wunden.
So mögen jene beiden sich bezwingen,
Ich nehm es, wie es komm, und werd nicht klagen.
Im tiefen Wald, bedacht von Adlerschwingen,
Wird sich zuletzt der Fragen Antwort sagen.
", "Krimhilds Kammer. Sehr bescheiden. An den Wänden zwei Kupferstiche: ein riesige Linde und das Einhorn. Sie sitzt auf dem Bett und reibt sich die Augen. Siegfried kommt in stahlender Laune herein.

Erste Szene.
Kriemhild, Siegfried.

SIEGFRIED:
Mein Schatz, ich komme kurz, um gleich zu scheiden,
Denn Waidmannsheil ruf ich mit meinem Kusse.

KRIEMHILD (schluchzt):
O Siegfried bleib und laß mich so nicht leiden,
Die Tränen sind mir schon im breiten Flusse.

SIEGFRIED:
Hast du geträumt? Ich öffne mal den Laden.
Mit frischer Lust kannst du den Alben scheuchen.

KRIEMHILD:
Schweißnaß ich bin vom Haupte zu den Waden,
Komm näher, denn ich kann nur stoßweiß keuchen.

SIEGFRIED (setzt sich zu ihr, sie krallt sich fest):
Was ist dir nur, sag, soll ich Ute fragen,
Sie weiß gewiß ein Kraut, das dir zum Heile.
", "KRIEMHILD:
Nein Siegfried, ach, ich fürchte mich vor Hagen,
Wir sollten fliehen, jetzt in aller Eile.

SIEGFRIED: Hat Ute dich mit ihren Schreckvisionen
Jetzt angesteckt? Du stehst im Fieberwahne.

KRIEMHILD: Im Traume litt ich alle Höllenzonen,
Drum stand ich auf und schaute nach der Sahne.
Die war verdorben, was ein schlechtes Zeichen,
Da trat ich auf den Hof, zum Mond zu schauen,
Ich hatte die Vision von vielen Leichen,
Auch meine Brüder warn zusammgehauen.
Am Tor saß auf dem Pfeiler keck ein Rabe,
Er krächzte, daß dein letzter Tag gekommen,
Seit ich genippt vom Drachenblute habe,
Hab ich die Vögel oft und klar vernommen.
Du merktests selbst, als mir der Zirpzalp sagte,
Daß du den Drachen totschlugst dort im Haine,
Und so erfuhr ich manches Ungefragte,
Denn friedlich ist die Welt allein im Scheine.
Brunhilde weiß nichts, aber reimt sich alles,
Die Männer meinen, daß Brunhilde wüßte,
Sie ißt allein bei Kunde deines Falles,
Drum Hagen meint, daß er dich fällen müßte.

SIEGFRIED:
Du weiß doch, ich bin hart verhornt und sicher,
Da fällt es schwer mich einfach totzuschlagen.

KRIEMHILD: Die ganze Wahrheit ist viel füchterlicher,
Drum will ich sie dir ungeschmälert sagen.
", "Ich habe in einer allzu schwachen Stunde
Bei Hagen Schutz gesucht um deinetwillen,
Ich brachte ihm vom Lindenblatte Kunde
Und ließ so das Geheimnis nicht im Stillen.
Ich dachte, daß dein mächtigster Gefährte
Dich schützen könnt in jeglichem Gefechte,
Doch nun, da sich die Lage so verkehrte,
Ists mir, als ob ich so zu Fall dich brächte.
Drum flieh mit mir, wir haben unsre Liebe,
Das andre wird der Himmel uns besorgen,
Auch wenn mir außer dir kein Fetzen bliebe,
Reit nicht allein in diesen grauen Morgen.

SIEGFRIED:
Wenn Hagen weiß von meiner weichen Stelle,
So ists nicht schlimm, ein jeder soll es wissen,
Es war nicht recht, daß ich mit fremdem Felle
Hab solcherweis mich Menschenart entrissen.
Vielleicht braucht diese Stelle meine Seele,
Damit sie einst zu unserm Herrn gelange,
Und wenn ich meine Sterblichkeit verhehle,
Ists Lästerung und macht mir eher bange.
Als Mensch und Christ bin ich nicht jedem Streiche
Gewachsen, aber Hagen, mein Gefährte,
Hat Kräfte, daß ich weit darüberreiche,
Daß er die zweite Probe nicht begehrte.

KRIEMHILD:
Wenn offen du zu stark, gelingts der Tücke
Von hinten dir den Speer ins Mark zu bohren,
Vertraue nicht dem unverbürgten Glücke,
Denn wenn du fällst, so bin ich auch verloren.
", "SIEGFRIED:
Unchristlich ists, auf Monde, Träume, Raben
Zu achten und das Schicksal so zu wenden,
Wenn wir doch beide nichts verbrochen haben,
Wird Gott uns heil durch die Gefahren senden.
Brunhilde schmollt, das ist ein nordisch Leiden,
Der Hunger wirds zum Besseren bekehren,
Die Freunde sind gebannt mit festen Eiden,
Bei Sünden zählt der Aberglaub zu schweren.

KRIEMHILD: Doch, Liebster, wäre alles unbegründet,
Was ich da fasle, fürchte oder fieber,
Willst du, daß es in nackten Wahnsinn mündet?
Sind dir die Jagd und die Gefährten lieber?
Ich bitte dich, bevor ich niederfalle,
Erinnre dich an die geschloßnen Bande,
Laß alles ziehn und meid bei Hofe alle
Und flieh mit mir sofort aus diesem Lande.
(Sie läßt Siegfried los und starrt gebannt ins Leere.)

SIEGFRIED:
Du machst mirs schwer, allein ich muß dich lassen,
Käm ich zu Tod an diesem schönen Tage,
So wär die Welt dafür so sehr zu hassen,
Daß ich sie ließ und ohne alle Klage.
Wenn aber, was du sprichst, ein falsch Vermuten,
So wirst du einst vermissen all die deinen,
Dann wird der Vorwurf aus der Liebe bluten,
Und was mir bleibt, das ist dein bittres Weinen.
Die Mutter riet, daß ich dem Herzen glaube,
Es sagt, der Morgen ruft den Waidmann heller
Als ein Besinnen, daß ich mir erlaube,
Bis ich vergreis in der Verzagtheit Keller.(Ab.)
", "
Zweite Szene.
Kriemhild, Volker.

VOLKER:
Verzeiht mir, wenn ich durch mein Kommen störe,
Ich denk, ihr sitzt allein mit bösen Geistern,
Vielleicht ists gut, wenn ich mal etwas höre,
Statt andrer Leute Hörbedarf zu meistern.

KRIEMHILD:
Achje, ich glaub, ich habe nichts zu sagen,
Ich sagte alles und es war vergeblich,
Ging schon die Sonne auf? Ach, würds nicht tagen,
Das Tränenaug sieht wolkig oder neblich.

VOLKER: Wenn ihrs erlaubt, so spiel ich auf der Zither,
Vielleicht falln dann die Worte wie die Tränen,
Was uns geschieht, das ist so oft so bitter,
Doch bittrer ists, daß wirs vergeblich wähnen.
(Sie nickt, er beginnt zu spielen.)

KRIEMHILD: Alle Brünnlein raunen mir
Sieg, dem Frieden ferne.
Ach, das Horn, des Einhorns Zier,
Liebt zu rein und hold für hier
Wie die Wandelsterne.
Glaube, Hoffnung, Treu und Ehr,
Sieg, dem Frieden ferne.
Süße gab das bittre Weh,
Sieg, dem Frieden ferne,
Liebe gab das Ja zur Eh,
Doch der Jäger trifft das Reh
", "Und versehrts im Kerne,
Daß es blute, mehr und mehr,
Sieg, dem Frieden ferne.
Herbstrot lacht im Blustgebind,
Sieg, dem Frieden ferne,
Daß wir alle sterblich sind,
Ahndet schon das jüngste Kind,
Das da lacht so gerne,
Und die Hand ist abends leer,
Sieg, dem Frieden ferne.
Auch der König, auch der Leu,
Sieg, dem Frieden ferne,
Weiß vom Adler im Gebläu,
Daß der Schatten Buß und Reu,
Und kein Aug bleibt hell und hehr,
Sieg, dem Frieden ferne. (Die Zither verklingt.)
Sag, ritten alle aus von unserm Hause?
Ist Ute ganz alleine wie mein Jammer?

VOLKER: Nein Giselher verriet, daß ihm es grause,
Auch Gerenot schwingt hinterm Stall den Hammer.

KRIEMHILDE:
So so, ich brauche Männer, keine Tröster,
Sag Gerenot, er möge mich besuchen,
Die Zeit ist knapp, es wär der Fehler größter,
Jetzt sinnlos auf der Stube rumzufluchen.

VOLKER: Ich will ihn sehn und ihm auch gerne sagen,
Daß ihr ihn her in eure Kammer bittet,
Doch glaubt mir, er hat auch sein Kreuz zu tragen,
Drum wärs nicht fein, wenn ihr gewaltig strittet. (Ab.)
", "
Dritte Szene.
Kriemhild, Gerenot.

GERENOT:
Ach, Schwester, unser Haus ist voll Dämonen,
Der stille Friede, den wir einst genossen,
Er ist dahin, ich mag im Stalle wohnen,
Weil dort noch nicht so viele Tränen flossen.

KRIEMHILD:
Du weißt bescheid und ich bin auch im Bilde,
Gar schändlich ist der Plan, den man ersonnen,
Du mußt das schlimmste wehren mit dem Schilde,
Eh allzu viele Stunden sind verronnen.

GERENOT:
Wer sollte einem Meer den Zugang wehren,
Wenn ringsumher der morsche Damm gebrochen?
Ists gut, vor einem Bierfaß, einem leeren,
Zu tönen, man habs wenigstens gerochen?

KRIMHILD:
Nein, Hagen wirds nur wagen, wenn ihr alle
Euch scheu zurückzieht, bleib ihm an der Seite,
So kommt es heute, eh das Hifthorn schalle,
Gewißlich nicht zum hinterhältgen Streite.

GERENOT: Was hülfe dies? Die Würfel sind gefallen.
Wir können nur die Augen drob verschließen.
Ich hör den Rächer schon im Westwind hallen,
Es müsse Blut heut in die Erde fließen.
", "KRIEMHILD: Bist du von Sinnen? Du erträgst geduldig
Das große Unrecht, Mord an dem Verwandten?
Was bleibst du unserm Herrn und Heiland schuldig,
Wenn deine Lebenstage einst verbrannten?

GERENOT:
Ich weiß, auch mein Verzagtsein fordert Buße,
Ich werde beichten und sie gerne tragen,
Wir leben alle auf zu großem Fuße,
Und unvermittelt gehts uns an den Kragen.

KRIEMHILD: Ausflüchte nenn ich deine Bibelworte,
Du gibst dich fromm und bist doch abgefallen,
Heißt es nicht deutlich, daß gar eng die Pforte,
Du kannst dir keine Mogelpackung krallen.

GERENOT:
Mag sein, mein Glaube hat das Blut gelassen,
Die Hülse fliegt im Wind wie weißer Pollen,
Doch manchmal will ein andres Bild mich fassen,
Da reibt sich Eis von den zerbrochnen Schollen.

KRIEMHILD:
Du willst dich selbst und mich zum Narren halten,
Von Hirnerweichung scheint das Land betroffen,
Bei deiner Poesie, der eisig kalten,
Muß ich wohl auf den kleinen Bruder hoffen.
Drum tu mir, wenn du sonst zu nichts zu brauchen,
Die Geste, daß er komm auf meine Stube,
Bei dir hör ich den alten Drachen fauchen,
Der fand noch jedes Haus und jede Grube.
", "
Vierte Szene.
Kriemhild, Giselher.

GISELHER:
Was kann ich für die Schönste aller Schönen
Wohl fangen, fordern, häufen oder hetzen?
Nicht oft will mich dein lieber Ruf verwöhnen,
Drum weiß ich die Gelegenheit zu schätzen.

KRIEMHILD:
Dein Bruder riet mir wortreich zu verzichten
Auf alles Handeln, wo die Not ein Schrecken,
Er meint, es ging ein Wind durch die Geschichten,
Vor dem wir uns am besten nur verstecken.
Drum seh ich klar, allein der jüngste Reiter
In unbetroffen vom Verfall der Sitte,
Und also hilft er mir alleine weiter,
Daß ich die Rettung unserm Recht erstritte.

GISELHER: Was soll ich tun? O Schwester, ich begehre
Zu bringen alle Orchideen des Gaues,
Ich denk, dein Auftrag schafft mir Ruhm und Ehre,
Drum dein Begehr, mit freiem Mut vertrau es.
(Er streckt seine Hand aus.)

KRIEMHILD:
Du sollst zur Jagd dich eilen, die im Gange,
Der König, Siegfried, Hagen sind im Haine,
Reit zu der Schar und säume gar nicht lange,
Sonst triffst du sie nicht mehr im Sonnenscheine.
Dann bleib an Siegfried dran so wie ein Schatten,
Er soll allein nicht trinken an der Quelle,
", "Verlaß ihn nie, und ruht er auf den Matten,
Reiß dich die Blase nicht mal von der Stelle.

GISELHER:
Dies ist ein Auftrag, schön und leicht zu machen,
Wenn niemand weiß, warum ich solches tue,
Da werden wohl die andern herzlich lachen,
Weil ich wie närrisch nimmer steh und ruhe.
Das juckt mich nicht, weil ich die Schwester sehe,
Die schaut von ihrem Fenster auf den Kleinen,
Und bin ich auch nur eine Schrumpelschlehe,
Der Kürbis soll um diese Ehre greinen.
(plötzlich ganz düster)
Allein ich kann den Siegfried nicht beschirmen,
Der König hat verboten Eskapaden,
Erst übers Jahr wird der Kaplan mich firmen,
Dann habe ich genug von diesem Laden.
Bis dahin aber bleibt mein Radius schändlich,
Den Adel würd im Kloster ich verlieren,
Denn Gunter sagte allerbest verständlich,
Ich störte ihn nur einmal beim Regieren.
Im Geiste Hagens heißt die nächste Runde,
Die Staatsräson sei unbdingt zu wahren,
Was dabei alles gehe vor die Hunde,
Darüber ist sich keiner recht im Klaren.

KRIEMHILD:
Ach, Giselher, mein Reiter auf der Mauer,
Von Hagens Politik sind wir die Sklaven,
Von ganzem Herzen ich es hier bedauer,
Daß wir uns so nicht schon viel früher trafen.
Wenn dich der König in ein Kloster steckte,
", "Mein Siegfried holte dich am nächsten Tage,
Für heute aber ist, was ich bezweckte,
Das letzte Rettung, darum sei die Klage,
Die Gunter gegen Widerstände richtet,
Getrost durch mich und Siegfrieds Kraft gebrochen,
Doch säumst du, ist der Retter uns vernichtet,
Und Hagen kann allein sein Süppchen kochen.

GISELHER:
Doch Schwester sag, wie soll ich heute reiten,
Der Bruder hat die Ställe fest verriegelt,
Und sag ich was, verweist er auf die Zeiten,
Bis ihn der König heimgekehrt entigelt.

KRIEMHILD: Ja, allzufein ward dieses Garn gesponnen,
Ich suchte es nicht früher zu vernichten,
Mir bleibt zu warten, bis der Tag verronnen,
Und Volker wirds mit hohem Ton bedichten.
(Sie weint bitterlich.)


Fünfte Szene.
Kriemhild, Giselher, Ute.

GISELHER:
Horch nur, wer kommt, die Mutter wird uns retten,
Sie kommt, wenn man vermeint, es geh nicht weiter,
Sie kennt die Lösung für die schwersten Ketten
Und macht dich auch im tiefsten Grame heiter.

KRIEMHILD:
Ich höre nichts, nur Wind in alten Eichen,
Der singt vom Tod, und drunter schmatzen Schweine.
", "Was hoff ich Närrin auf ein Rettungszeichen?
Der Himmel blaut und sagt mir: Trag das deine.

GISELHER: Die Mutter kam noch nie zu spät, ich ahne
Ihr Schlurfen, keine Reiterhorde würde
Sie überholen, keines Weltenfürsten Fahne.
Sie kommt gewiß und nimmt dir deine Bürde.
(Ein Knarren auf der Stiege.)
Da hör, sie kommt behutsam raufgeschritten,
Sie wird nicht stolpern und zulange weilen.
Sie kommt, du brauchst die Hilfe nicht erbitten,
Sie kennt die Wunde und sie wird sie heilen.

KRIEMHILD: Sie hat mir früh den Königsweg bedeutet,
Ich aber war von kindlichem Vertrauen.
Erst heute, wo die Totenglocke läutet,
Zwing ich mich, aus der Täuschung aufzuschauen.
Wird sie nicht sagen, daß ich es versäumte
Ins Rad zu greifen, eh zu rasch die Speichen?
In frevlerischem Leichtsinn weiterträumte,
Bis unentwirrbar dicht die Todeszeichen?

GISELHER:
Kein Knäul, daß sies nicht mühelos entzwirne!
Sie weiß den Schleichweg jeder Dornenhecke.
Schwappt dir das Moor schon Flecken auf die Stirne,
Sie führt dich wie ein Schmetterling vom Flecke.

UTE: Ich denk, da ihr so lange seid zusammen,
Es wäre an der Zeit, euch was zu raten,
Nur Dinge, die aus raschem Einfall stammen,
Sind ausersehn zu Fügungen und Taten.
", "KRIEMHILD: Wie wahr du sagst, den Meuchelmord, beschlossen
An Siegfried, will uns Giselher vermeiden,
Doch Gerenot ist grämig und verdrossen,
Die Pferde müssen seinen Kerker leiden.

UTE: Ihr meint, ich wüßte wohl zum Stall die Schlüssel,
Dem Wächter wär ein Schlaftrunk nicht von Schaden,
Nun wohl, ich leg sie euch in eine Schüssel,
Der rechte, merkt es, trägt den blauen Faden.
Bleibt ruhig, wenn ihr Schnarchen hört von draußen,
So wißt ihr, daß der Trank mir wohlgetaten,
Dann hindert nichts mehr, in den Wald zu brausen,
Zu säubern ihn von Hexen und von Schraten.
(Ab.)

GISELHER:
Sie zaudert nicht, sie kommt sofort zum Kerne,
Schon leiser wird im Hof das Hundebellen.
Die Rettung, liebe Schwester, ist nicht ferne,
Wir müssen nur noch lauschen nach den Ställen.
Dann flieg ich und ich weiche nicht vom Rücken
Dem Drachentöter, dem am Horn zu kratzen,
Nicht mal dem kleinsten Käfer könnte glücken,
Erst recht nicht irgendwelchen Bärentatzen.

KRIEMHILD: Ja Giselher, du meinst, es sollt gelingen,
Es gäb im Netz für unsern Traum die Lücke,
Ich bin erschöpft und müd vor allen Dingen,
Denn gar zu mächtig ist das Reich der Tücke.
(Sie warten und lauschen)
", "
Sechste Szene.
Kriemhild, Giselher, Gunter, Hagen.

GISELHER:
Ich höre Schnarchen, Schwester, ich beginne
Den Ausritt und ich werd das Pferd nicht schonen.

KRIEMHILD:
Fahr wohl, fahr rasch, daß nicht die Zeit verrinne,
Die Sonne seh ich weit im Westen wohnen.
(Ein Horn ertönt.)

GISELHER:
Was war das grad? Ich glaub ich höre Gunter.

KRIEMHILD:
Dies kann nicht sein. Sie kommen nie so frühe.
(Ein zweiter Hornstoß.)

GISELHER:
Kein Zweifel. Er ist heimgekehrt und munter.
Dies zu erkennen, schafft mir keine Mühe.
Was wir geplant, war heute nicht zu machen,
Doch glaube ich, es war auch nicht vonnöten,
Wenn man da heimkehrt noch im Sonnenlachen,
War Zeit gerad, ein großes Tier zu töten,
Nicht noch für andre Händel oder Frevel,
Der Krug ist noch einmal vorbeigesangen,
Das Horn klingt nicht nach Feuer und nach Schwefel,
Drum röte deine allzu bleichen Wangen.
(Gunter und Hagen treten ein. Knechte bringen Siegfrieds Leiche auf einer Trage aus Lindenästen.)
", "GUNTER: Ein furchbar hartes Unglück ist geschehen.
Den Jagdgefährten riß ein wilder Eber...

KRIEMHILD: Ich kenne ihn. Ihr könnt ihn alle sehen.
(zu Hagen):
Hier tritt herbei und hilf dem schwachen Heber.
(Hagen tritt an die Trage.)
Ich sag es laut und sag es alle Tage:
Die Wunde blutet, weil der Mörder nahe,
Und dieses Haus ist eine Landesplage,
Eh jener nicht gehenkt ward an der Rahe.

HAGEN:
Was schreist du rum. Du selber bist die Schande,
Die ihm die Jugend und die Kraft zerstörte.
(Er nimmt das Schwert von Siegfrieds Leiche und geht ab.)

KRIEMHILD:
Jetzt auch noch diebisch wird die Mörderbande,
Ich werd es schrein, bis es noch jeder hörte.
Was Gunter? Bist du König oder Schächer?
Was trittst du wie ein Knab auf deine Füße,
Bist du mein Bruder, dann bist du mein Rächer.
Wenn nicht, dann deine Spießgesellen grüße.

GUNTER: Wir müssen ruhn, ich werde Ute schicken,
Sie wird dir weisen die verbliebnen Rechte,
Du solltest dieses Pflänzchen nicht zerknicken,
Denn lang sind außer Haus die Winternächte.
Den König darf das Schwesterglück nicht wehren,
Zu sorgen für das Reich und für den Frieden,
Den Bruder muß dein hartes Los beschweren,
Doch meine Pflichten sind davon verschieden.
", "KRIEMHILD:
Bevor du gehst, nimm meinen Schwur der Rache,
Von diesem Haus soll keiner überleben,
Ihr wart mit großem Eifer bei der Sache,
Drum werdet ihr im Höllenkessel schweben.
Der König, seine Jäger, seine Mannen,
Sie lachen, daß ein schwaches Weib so drohe,
So zieht in eurem Übermut von dannen,
Aus einem Funken kam noch jede Lohe.
Nichts bannt, wenn wer zum äußersten entschlossen,
Der Zeitpunkt macht die Flocke zur Lawine,
Und ist der Pfeil erst einmal abgeschossen,
Zeigt sich erbärmlich die Entsetzensmiene.
Ich werde selbst den Teufelsbund nicht scheuen,
Daß euch die Rache ungeschmälert richte,
Und keinen schon, der etwas zu bereuen,
Und von Burgund, da bleiben nur Gedichte.
", "
Dir ist die Herrschaft längst gegeben
In meinem Liede, meinem Leben,
Nur diese Nacht, o welch ein Traum!
O laß das schwere Herz mich lösen!
Es saß ein fremd, verschleiert Wesen
Dort unter unsrer Liebe Baum.

Wie hält sie meinen Sinn gefangen!
Ich nahe mich mit süßem Bangen,
Sie aber hebt den Schleier leicht;
Da seh ich – deine lieben Augen,
Ach! deine blauen, trauten Augen,
Und jeder fremde Schein entweicht..


UHLAND   
", "
BURKHARD, Graf von Hohenberg
HEINRICH von Aue, sein Sohn
ALBRECHT von Zollern
WULF, Meier
KONRAD, Stallknecht
MARGARETE, Magd
MARTHA, Kupplerin
SALERNUS, Wundheiler
ALFANUS, Einsiedler
GEIGER
PRIESTER

", "BURKHARD: Der Autor dieser Mär von Gottes Gnade
Fands gut, zuerst Gebrechen zu kredenzen,
Blutunterlaufen schmerzt mich meine Wade
Und nur die Vögel singen mir von Lenzen.
Oft geht die Red, der Sprung, der löwengleiche,
Führ gradenwegs zur Ruh als Bettvorleger,
Und zeigt der Morgenspiegel eine Leiche,
So macht mich die Verzweiflung auch nicht reger.
Ich bin ein Mann, deß Tage auf der Erde
Gezählt, es ächzt und knackt an allen Kanten,
Ich trau mich nicht mehr durch das Tor zu Pferde,
Und fast ein Toter bin ich den Verwandten.
Den Bruder wirds nicht kratzen, denn geschieden
Sind wir schon lang im Streiten um die Gaue,
Den Kirchhof hab ich lange Zeit gemieden,
Daß ich nun heut fast täglich dahin schaue.
Mein Weib ist tot, mein Sohn ist abgehauen,
Die Herrschaft ist im höchsten Maß verkommen,
Des Bruders Erben kommen schon und schauen,
Ob mich der Herr noch nicht zu sich genommen.
Ich hab gestritten jung und voller Hoffen,
Doch mit dem Sohne ließ ich meinen Erben,
Mir schien das Schicksal lange frei und offen,
Doch nun heißts einsam und vergessen sterben.
Daß er noch käm, ich mag es nicht mehr glauben,
Als er noch jung, da gab es oft Gewitter,
Er stahl sich vom Turnier in seine Lauben,
Und mehr als Lanzen liebte er die Zither.
", "Es ist nicht so, daß ich der Kunst Verächter,
Ich mag gern alte Weisen und Balladen,
Doch ist der Graf zuerst des Landes Wächter
Und folgt dem Falken eher als dem Raben.
Wenn sich die Jugend, statt den Zaum zu packen,
Verspielt in Grillen und in Tändeleien,
Da brauchts schon mal den harten Griff im Nacken,
Daß es nun Zeit, die Mehrerin zu freien.
Das väterliche Schelten oder Mahnen
Hat freilich ihn nicht aus dem Haus gestoßen,
Der Herrgott selbst durchkreuzte meine Bahnen
Und nahm dem Sohne alle Lust zum Großen.
Im Alter, da der Bursch zum Schürzenjäger
Allmählich wird, getrieben vom Geschlechte
Da ward ein Fluch des Unentschiednen Wäger
Und spottete der wohlgehegten Rechte.
Ein Aussatz nahm mit gelblich braunen Flecken
Dem Antlitz alles Liebliche und Helle,
Auf daß mein Sohn, sich selbst der größte Schrecken,
Verzogen hat ins Dämmerlicht der Ställe.
So ging das eine Zeit, bis das Gesinde
Zu witzeln anfing, eine Magd erschrocken
Ließ fallen ihren Krug und das Gebinde,
Und nur die Katz blieb unbeeindruckt hocken.
Da nahm mein Sohn die heißgeliebte Laute
Und einen härnen Beutel trockner Birnen,
Und ging davon, noch eh der Morgen graute,
Und seine Spur verlor sich in den Firnen.
Die besten Heiler hatt ich ihm gedungen,
Die Taler flossen wie vom Berg die Bäche,
Ob Kräuterhex, ob Alchymist, gelungen
War einzig und allein die fette Zeche.
", "Dann sprach uns aus der Sarazenen Wüste
Ein Magier, wohlbewandert in den Sternen,
Wenns eine Jungfrau mit dem Leben büßte,
Würde das Gesicht gewiß zu trocknen lernen.
Gäb sie ihr Blut zu dem erhofften Heile,
Wär selben Tags das Antlitz rein und linden,
Nun fürcht ich, ging der Tor so manche Meile,
Am Weltenend die Törin aufzufinden.
Ihr Leute mögt es schauen auf der Reise,
Derweil ich mich in meinen Mauern gräme,
Zur Neugier bin zu alt ich und zu weise,
Doch arg wärs, käm zum Unglück noch die Häme.
Wies ausgeht, werd ich wohl nicht mehr erfahren,
Ich glaubt auch ehr, es ist schon ausgegangen,
Mein einzger Reichtum ist nun der an Jahren,
Und solch ein Wrack vermag kein Glück zu fangen.
", "Eine schwäbische Meierei. Konrad striegelt eine Mähre.

Erste Szene
Wulf, Konrad.

WULF: Du mußt es tun. Es wird sich ungeheuer
Für alle auf dem Acker, auf der Weide,
Im Stall, im Brauhaus und am Schmiedefeuer
Auszahln und ganz besonders für uns beide.
Ich habe keinen herrschaftlichen Boten,
Doch Gott bedient sich gerne des Geringen,
Den falben Halm zum puren Gold zu schroten,
Dem Fürsten seinen Almandin zu bringen.

KONRAD: Ich kann die Rosse füttern, striegeln, reiten,
Dazu bin ich gewachsen und geboren,
Ich pfleg den Stall und weiß das Stroh zu breiten,
Doch bei Magistern hab ich nichts verloren.
Ich spreche deutsch. Latein ist mir wie Quaken
Der Frösche oder Federvieh-Geschnatter,
Ich schlief noch nie in einem weißen Laken
Und keine Hofburg zog mir je das Gatter.
Jenseits der Alpen haust mir die Legende,
Ich bleibe gern auf den gewohnten Pfaden,
Am Horizont ist jeder Wunsch zu Ende
Ich wollte nie im Weltenmeere baden.

WULF: Hat nicht das Mitleid uns der Herr gelehret?
Das Unglück unsers Prinzen jammert jeden.
", "Was ist die Not, die dir den Dienst verwehret,
Du bist doch frisch im Reiten wie im Reden?

KONRAD: Ich denk, ich bin der rechte nicht, zu fahren
Ins Wunderland der Sonne und der Zauber,
Daß sich die Störche nach dem Süden scharen,
Wenn sie Herbstwind jagt, der Wald-Entlauber,
War mir seit je ein Sprechen aus Gefilden,
Die ferner als der Sensenmann am Raine,
Ich trag nicht Ehrgeiz nach den Forscher-Gilden,
Drum folge anderswer dem Sonnenscheine.

WULF: Und doch, du mußt! Ich habe meine Mittel,
Es scheint mir gar nicht not sie auszusprechen,
Bis Sonntag schaffst du schon ein Weges-Drittel,
Denn alles ist bereit, um aufzubrechen.

KONRAD (sehr langsam):
Wohl wahr! Ihr habt die Macht und auch die Laune,
Doch ists Gewalt und segensferne Sünde,
Trägt mich auch fort der Glänzende, der Braune,
Euch wird es reun, wie auch die tiefern Gründe.

WULF: Dies sei nicht deine Sach! Es ist beschlossen!
Salerno heißt das Ziel, du trägst das Siegel,
Das Gold dazu, drum reite unverdrossen!
Ich selber reich dem Herrn danach den Spiegel.

KONRAD: Nun also hebt das Haupt der alte Drache.
Er faucht. Ich werd am Gletscherrand verbluten.
Ich nehme Abschied vom geliebten Dache,
Ehs euch gefällt, noch ärgres zuzumuten. (Ab.)
", "
Zweite Szene.
Wulf, Margarete.

MARGARETE (schleppt einen Eimer Wasser):
Dem Herrn sei Ehr und Wohlsein dem Herrn Meier!
Ist Konrad fort? Der stumme Peter nickte.
Mir scheint, der Himmel rüstet sich zur Feier,
Da er mir meine große Stunde schickte.

WULF: Jawohl, er ist grad eben pfeilgeschwinde
Zum Doktor nach Salero aufgebrochen,
Nur Wochen noch, dann fällt die trübe Binde,
Ich denk, es wird, wie alles abgesprochen.

MARGARETE:
Ein guter Tag, bei mir brauchts kein Gegängel.
Ein heller Tag, so sagen mirs die Schwalben.
Wer etwas weiß vom ganzen Glück der Engel,
Der will nichts mehr vom irdischen und halben.

WULF: Der Himmel lacht im höchsten Wohlgefallen,
Auch wenn der Pfaff in unserm Dorf im Scheine
Der Sonne weiß die Fäuste nur zu ballen,
Denn seine Weisheit endet stets im Weine.

MARGARETE:
Er ist ein Kleingeist, der die großen Wunder
Des Heilands deutet wie die Spinnerinnen,
Er sinnt ums Rad und hofft, es liefe runder,
Die kleinste Münze sucht er zu gewinnen.
Ich denke, selbst im Heil, im Paradiese
Fänd er nicht Äpfel, sondern Preiselbeeren,
", "Ihn schauderts, daß ein Engel ihn erkiese,
So spricht der Kern der Erbsenzähler-Lehren.

WULF: Jawohl der Fromme brauch nicht den Stupiden,
Sein Heiland trägt das Kreuz nicht, ehr die Windel,
Der Sinn fürs Opfer ist ihm nicht beschieden,
Ochs, Esel spricht sein Herz und Krippenkindel.
Doch ist die Kirche mehr als Dorf und Pfaffe,
Die Schrift ist nicht als Ammensinn zu deuten,
Und daß der Mensch das Wandlungswunder schaffe,
Muß sich die Schlange manche Male häuten.

MARGARETE:
Wir wollen beten, daß auch ihn erwecke
Die Botschaft, die uns loht im Himmelszelte,
Daß er nicht mehr den Finger nach uns strecke,
Und auch die Mutter nicht mehr schimpflich schelte.

WULF (holt eine Münze aus der Hosentasche)
Fürs erste gib Frau Marten diesen Gulden
Und sag ihr Dank für deine gute Seele,
Wir wissen stets, was wir ihr alles schulden,
Und suchen, was zur ganzen Tilgung fehle.
(Ab. Margarete gießt das Wasser in eine Wanne.)


Dritte Szene.
Heinrich, Margarete.

HEINRICH: Gelobt sei Gott! Ein wunderbarer Morgen,
Vorbei die Nacht mit Zweifel und mit Bangen,
Die Lerche sagt uns nichts von Gram und Sorgen
Und möglich scheints, das Hehrste zu erlangen.
", "MARGARETE:
Wie schön, daß Ihr so frisch und ausgeschlafen,
Ihr habt wohl Grund, den Morgen hochzuschätzen,
Der Konrad ritt im Kleide eines Grafen,
Die Mähre sprang mit Himmelsstürmer-Sätzen.

HEINRICH (unwillig)
Vom Arzt zu sprechen, mahnt mich an das Leiden,
Das wähnte ich gelassen in der Decke,
Nun kehrt es als das Bundesband uns beiden,
Daß ich es wieder scharf im Munde schmecke.

MARGARETE:
Seid traurig nicht, es ist bald ausgestanden,
Ihr werdet wieder prinzlich sein und heiter,
Und kam Euch erst der Prüfungsschmerz abhanden,
Fragt niemand mehr nach Eurer Jugend weiter.
Ich aber, der kein Erdenlos geworfen,
Das mich verpflichtet wie den holden Prinzen,
Mag unerinnert unter Stein verschorfen,
Wenn sich am Weiher langsam bräunt der Binsen.

HEINRICH: Das Wunder, das die Ärzte mir verprechen,
Es will mir nicht in reinsten Farben leuchten,
Fast scheint es mir, als kröche ein Verbrechen
In meine Seele mit dem Dunkelfeuchten.

MARGARETE:
Das glaub ich nicht. Es ist doch Gottes Wille,
Daß Niedres fall und sich das Hohe recke,
Was immer gilt, wenn auch in aller Stille,
Vollzieht sich auch, bringt mich der Schnitt zur Strecke.
", "HEINRICH:
Das mag wohl sein, doch was sich sonst natürlich
Vollzieht in einem großen Spinnennetze,
Erscheint dem Menschen also ungebührlich,
Erkühnt er sich, daß er die Zeichen setze.

MARGARETE:
Ihr irrt Euch. Nicht ein frevles Überheben
Vollzieht uns das Miraculum des Heiles,
Das Land verlangt, der Erbe solls erleben,
Und denkt nicht an die Größe meines Teiles.
Daß ihr in diese Wirtschaft kamt geschritten,
War doch ein Wink, nicht etwa böse Listen,
Und daß ich selbst vom Lichte abgeschnitten,
Beweist genug des Herrn verfügte Fristen.

HEINRICH:
Wenn wir die Zeichen unsres Herrgotts deuten,
So streiten selbst in Rom die Kardinäle,
Und was dann fraglos bleibt den Kirchenleuten,
Weht blanken Hohn in unsre Rittersäle.
So ringen Papst und Kaiser um die Rechte,
Und Ost und West, und Ackerland und Städte,
Und besser scheints, eh man den Zank entflechte,
Daß man den Himmel nicht gedeutet hätte.

MARGARETE:
Nur selten ist das Wort des Herrn der Welten,
So klar wie hier, drum meidet die Bedenken,
Ihr werdet unserm Land noch groß entgelten,
Was euerm Mut die kleinen Leute schenken.
(Beide ab. Es wird ganz finster und wieder hell.)
", "
Vierte Szene.
Heinrich, Salernus.

SALERNUS:
Dem Wohl des Herrn, der unsre Kunst gerufen,
Sei heut der Tag der allerschönsten Wende,
Erklommen hat die Müh die höchsten Stufen,
Nun bring ich das ersehnte Werk zuende.

HEINRICH: Der Tag ist fast so hell wie jener Morgen,
Da Konrad ritt, und auf der Stirn die Runzel,
Mir raunten in der Nacht die schwersten Sorgen,
Ich stieg am Haar, jedoch nicht zu Rapunzel.
Die Hexe Gothel stieß mit Hohn und Häme
Mein Augenlicht ins Dornicht, es zu nachten,
Und daß ich mich in meinem Aussatz schäme,
Reicht nicht ans Leid, daß solche Wunden brachten.

SALERNUS: Vertraut, wir sind in jeder Kunst erfahren,
Es schlossen Jud und Rom und Sarazene
Den Pakt, verstreuten Weisheitssinn zu scharen,
Daß uns das Hirn vertraut sei wie die Vene.
Wir kennen das Gebräu der scharfen Säfte,
Uns schreckt nicht des Vulkans geballtes Fauchen,
Wir bündeln Licht und alle Lebenskräfte
So gut, daß wir uns nicht den Fuß verstauchen.
Schaut an, wie reinlich blinkts in den Laboren,
Nicht speckig wie der Pfuhl der Dilettanten,
Wir bannen alle Krätze in den Foren,
Daß die Olympier wurden zu Verwandten.
Erkenntnis fühlt aus allem dumpfen Schmachten,
Das Schicksal, ein Gespenst, zog vom Kamine,
Was wir ersannen und zur Klarheit brachten,
", "Entschlackt nun einer freiern Menschheit diene.
Die Finsternis und banges Nägelkauen
Ist uns verhaßt, wir wollens hell und reinlich,
Und Schritt für Schritt vertreiben wir das Grauen,
Dies ward sogar dem Klerus augenscheinlich.

HEINRICH:
Ist Christ nicht feind, wenn alle Demut löste
Der forsche Griff ins Dunkle und Geheime?
Trägt nicht wie Babel jeder Schritt ins Größte
Zum frevlerischen Übermut die Keime?

SALERNUS: Wie es der Heilge Thomas hat gefunden,
Daß Gott dem Menschen hat Vernunft gegeben,
Daß er sie nutze wider Schmerz und Wunden,
So ist Vernunft das Innerste im Leben.
Gott mischt sich nicht mehr grob in die Geschichte,
Seit ihn der Mensch in solcher Weis verstanden,
Kein Schwefelregen macht die Stadt zunichte,
Wo sich Vernunft und Redlichkeit verbanden.
Weiß wies Labor, die Salben und die Linnen,
Ist die Magie, die nicht wie Hexenringe
Versucht des Mondes Anusschleim zu minnen,
Daß Dunkelheit sie bald darauf verschlinge.
Wir setzen nicht auf Heuchelei und Ränke,
Wir klären auf und leuchten in die Grotte,
Setzt so der Mensch sich auf die Sonnenbänke,
Wird die Vernunft zum eigentlichen Gotte.

HEINRICH: Ich hab das nicht in allem Sinn verstanden,
Auch ist mein Bangen innerst nicht geschwunden,
Doch seid berühmt Ihr doch in vielen Landen,
Und also hoff ich selber zu gesunden.
", "SALERNUS:
Seid ohne Sorg, wie alles hier vom Feinsten,
Die Möbel, Instrumente und das Wissen,
Sind eure Wangen bald die Allerreinsten,
Und schöne Frauen werden nichts vermissen.
Ich geh ans Werk, denn ohne Scham und Säumen
Vollbringt der Arzt den Schnitt, der alles rettet,
Wir brauchen die Vollendung nicht zu träumen,
Ist unser Geist nicht mehr durch Furcht gekettet.
(Ab.)


Fünfte Szene.
Heinrich.

HEINRICH: Nun also seis. Die blinde Dirne findet
Des Licht der Engel und das Land den Erben,
Wenn solcherart sich Welt dem Heil verbindet,
Dann kann der Vater auch beruhigt sterben.
Mich reizt es, die Vollendung anzuschauen,
Ein Astloch in dem Tore zu der Kammer
Wird mir den ganzen Anblick anvertrauen.
Der Doktor schwingt wie Jove fast den Hammer.
Mit festem Schritt verband er das Tradierte
Und fügt sich dem Erkannten unverdrossen,
Ein neues Licht erstrahlt uns im Gevierte,
Wenn sich die Denker so zusammenschlossen.
(Er schaut durchs Astloch.)
Die Bluse knöpft sie auf, die blonden Haare
Hat sie zu einem hellen Kranz verflochten,
Und weiß wie Schnee ist ihre weiche Bahre,
Sie wird vom Alter fürder nicht befochten.
", "Sie stellt die Schuhe sorgsam in die Ecke,
Die Strümpfe streift sie leicht wie lenzne Winde,
Der Doktor ist bereit, daß er sie wecke,
Der Rock – ach, daß mir doch die Sehkraft schwinde!
Ich reib das Aug, so ist ja nicht zu fassen
Die Lieblichtkeit der aufgeblühten Wangen,
Fast muß ich Zeit und ihre Eile hassen,
Wenn strahlend ihre jungen Brüste prangen.
Sie legt sich hin, an Anmut nicht zu messen,
Sie schmiegt sich auf den Tisch wie die Liane,
O welch ein Bild! Wer könnte es vergessen?
Solch holder Mut, der siedelt nah am Wahne!
Sie öffnet ihr Lippen, um zu hauchen
Stoßweis, sie ist gerötet vor Entzücken,
Die Finger, fein und bald nicht mehr zu brauchen...
Hört sie die Engel schon mit ihren Glücken?
(Pause. Er sinnt und schaut.)
Die Klinge in des Doktors Hand mir blinzelt,
Sie schickt in Licht herum in alle Ecken.
O nicht ein Opfertier, das blökt und winselt,
Wie wächst der Mensch doch mit den hohen Zwecken!
Ein leichter Schnitt, Präludium uns zum Heile!
Ein rotes Rinnsal auf dem weißen Leibe,
So schön war nie ein Traumbild! O verweile!
Noch heftiger ich mir die Augen reibe.
Doch, ach, wird dieser Spiritus zu heftig?
Der Endlos-Schärfer uns verdirbt die Klinge?
Der Doktor, der mal sinnend, mal geschäftig,
Erscheint mir ein Fuchs in einer Schlinge...
Und böse Bilder nagen mir am Herzen,
Ich seh das junge Blut im Grab verrotten,
Die Würmer ihre weißen Schenkel merzen,
", "So wie ihr Kleid die fraßentschloßnen Motten.
O nein, die Kunst, die solchen Weg beschreitet,
Ist ganz verrucht und kann mir niemals frommen!
Drum sei dem Treiben rasch ein End bereitet,
Eh wir gemeinsam in die Hölle kommen.
(Er schreit laut, reißt die Tür auf.)
Schluß! Ende hier! Ich stehe und befehle,
Den Opfer-Spuk zur Gänze abzubrechen,
Wenn dieser Dolch noch näher kommt der Kehle,
So säum ich nicht, den Doktor abzustechen.
Ich zahle keinen Heller für die Bande,
Ich wende mich von diesem Teufelsbuhlen,
Ich melde dies als ketzerische Schande
Und laß verfolgen alle Magierschulen!
(Er geht ab. Es wird mit einem Schlag dunkel.)


Sechste Szene.
Alfanus, Konrad am Lagerfeuer.

KONRAD: Die Recht ist blind und zu erraten schwierig,
Wulf jagte mich, den jungen Herrn zu suchen,
Die Höllen-Krater offen und begierig,
Ich werd nicht müd, mein Mittun zu verfluchen.

ALFANUS: Laß ab vom Hetzen, iß mit mir Forelle,
Ich hatte heute Glück bei diesen flinken,
Bei Wellengang ist Mitgehn mit der Welle
Das beste, um nicht hilflos zu ertrinken.

KONRAD: Ich hab gehorsam hergeholt den Schlächter,
Doch dann hat sich der junge Herr besonnen,
", "Nun aber stellt zur Rede mich der Wächter
Und meint, ich hätte den Verrat begonnen.

ALFANUS: Hast du ein reines Herz, so fürchte keinen,
Denn unser Herr läßt alle Teufel scheitern,
Und mußtest du bei einem Auftrag weinen,
So glaube mir, es gibt da keinen weitern.

KONRAD: Gehorsam schulde ich dem strengen Meier,
Die Magd lief in das Buhlhaus hinterm Haine,
Jedoch der Herr folgt einer kruden Leier,
Der ich mich nicht ein Deut gewachsen scheine.

ALFANUS: Der Meier harr gelassen seiner Ehren
Und acht, daß er nicht blöd dazwischenschieße,
Er lasse, was beschlossen ist, gewähren.
Nicht Öl noch Wasser in das Feuer gieße!

KONRAD: So will ichs tun und deiner Weisheit trauen.
Es kehre jeder brav an seine Stelle.
Der Herr der Welten wird auch kleinstes bauen,
Denn nicht die Größe macht den Geist der Welle.
(Ab.)


Siebente Szene.
Alfanus, Heinrich.

ALFANUS: Es fügt sich, was gerade erst versprochen,
Schon tretet ihr persönlich in mein Lager.
Ihr habt gewiß mein Abendmahl gerochen,
So kommt herbei, ihr wirkt gefährlich mager.
", "HEINRICH:
Ich bin verflucht von mörderischem Hoffen,
Ich spielte mit naiven Untertanen,
Ich sah die Hölle und den Eingang offen,
Drum sollst du mich zu Reu und Buße mahnen.

ALFANUS: Laß alles ruhn, den sündigen Gedanken
Verleihe nicht Gewicht durch Wiederkäuen,
Nutz deine Zeit, dem Himmelsherrn zu danken
Und dich an seinem großen Tun zu freuen.

HEINRICH: Was die Doktoren selbst und die Lakeien
Beschworen, mir den Aussatz fortzunehmen,
War ein Versuch, das Schicksal zu beleihen
Für den Moment, den sorgenfrei bequemen.
Wahrhafte Heilung ist nicht so zu zwingen,
Daß man mit Gleichmut laß das Opfer laufen,
Sie läßt sich nicht mit Witz und Macht erringen,
Sie ist mit Gold und Ländern nicht zu kaufen.

ALFANUS: Fürwahr, es gibt kein Lied sie anzulocken,
Doch kommt sie wie das Glück von ganz alleine,
Ein Frühlingswind zerbröselt Brand und Pocken,
Trennst du dich von dem Hochmut und dem Scheine.
Sei wahrhaft, Freund, und trenne dich vom Wahne,
Die Wohlgestalt sei Unterpfand des Glückes,
Dann folgst du einem vorbestimmten Plane
Und bist zugleich der Autor deines Stückes.
Denn alles, was zum Heil dir not und trächtig,
Liegt tief in deiner Seele, es zu wecken,
Sei niemals gramvoll oder übernächtig,
Der hellste Weiser ist der Wanderstecken.
", "HEINRICH: In welche Aue sollte ich mich wenden?
Ich lauf davon, so scheint es mir gefährlich,
Ich decke meine Augen mit den Händen
Und halte sie für tückisch und entbehrlich.

ALFANUS: So wechsle deine Richtung, wenn Entrinnen
Ist nicht der Weg, den dir das Herz gewiesen,
Es kommt die Kreuzung, deinen Stern zu minnen,
Dann weißt du auch, du wähltest stets nur diesen.

HEINRICH: So laufe ich zurück zu meinen Schwaben,
Allein, ich fürcht, ich werd vorüberwallen,
Und an der Kreuzung warten bloß die Raben
Gefräßig auf mein letztes Niederfallen.

ALFANUS: Geh nur zurück aus diesem tiefen Haine
Und dann verweil und leg zur Nacht dich nieder,
Das erste Haus am Wege sei das deine,
Dort findest du das Wort des Herzens wieder.
Denk immer dran: durchquer den Wald gerade,
Dann führt dich in die Au ein altes Pflaster,
Schaus erste Haus und sieh, daß man dich lade,
Und fürchte nicht um Stiefel, Wams und Zaster.

HEINRICH: Ich will versuchen, was ich nicht begreife,
Was dort geschehn soll, was mich dort erwartet,
Vielleicht zieht dort sich zu die Henkerschleife
Im Spiel, das mit den Knechten abgekartet?
Vielleicht auch steht dort eine dunkle Tränke,
Daß ich vergeß, was ich einst war und wollte,
Daß ich die Seele, die mir Last, verschenke,
Und auch das Schicksal, das mir immer grollte.
", "Ein Holzhaus, man schaut in die Stube im Erdgeschoß. Überall Polstermöbel mit Kissen, die von rötlichen Ampeln beschienen werden. Man hört eine sentimentale Melodie und einige weibliche Seufzer. Zu sehn ist niemand.

Erste Szene.
Heinrich, Martha, Geiger.

HEINRICH: Dies ist das erste Haus an meinem Wege.
Verrucht scheints mir, grad alles riecht nach Sünde.
Undenkbar, daß ich mich hier schlafen lege!
Begreif den Weisen wer und seine Gründe!
Die Pforte offen, so als würd man warten
Auf späte Gäste oder nächstens Irre.
Nun also reih dich ein bei den Genarrten!
Frommt Klarheit nicht, so fromme mir das Wirre!

MARTHA (tritt im Kleid mit roten Rosen auf):
O junger Mann, nicht spät, ihr seid zu frühe,
Der Mond noch zagt, sich auf sein Roß zu schwingen.

HEINRICH: O macht euch keine Umständ, keine Mühe,
Mir hieß man, hier die Nachtstund zuzubringen.

MARTHA: Oja ganz recht, dies ist der rechte Hafen,
Vom Philosophen-Weltei ists das Gelbe,
Wer hier hereintritt, um sich auszuschlafen,
Der ist am Morgen nimmermehr derselbe.
Ich hole Wein aus meinem Felsenkeller,
", "Legt ab und laßt euch in das Polster sinken,
Ich war in meiner Jugend einmal schneller,
Ich hol auch Eier, weißes Brot und Schinken.
(Sie eilt davon.)

GEIGER (tritt mit ein paar Akkorden auf)
Ich spiele euch von allen Paradiesen
Und zeige euch die Harmonie der Sphären,
Der Zwerg wird im Gegeig zum Seelenriesen,
Ein größres Glück kann keine Kunst gewähren.
(Nach einem Vorspiel beginnt er zu singen)
Die Nachtigall singt niemals auf der Buche,
Sie schlägt die Lieder gern im Haselbusche,
Sie schweigt bei ihrer hoffnungsfrohen Suche
Und auch, daß niemand ins Revier ihr husche.

MARTHA (kommt zurück, der Geiger bricht ab)
Nun laßt euchs schmecken, laßt den Staub der Straße
Zerwehn wie einen schlechten Traum am Morgen,
Kaut gut und spürt wie sich in selbem Maße
Zerstreun die Kümmernisse und die Sorgen.

HEINRICH: Ich bin ein Pilger, krank und ohne Güter,
Es ist nicht recht, mich haltlos zu verwöhnen,
Am Ende grünt die Galle die Gemüter,
Daß ich nicht reich, die Kosten zu versöhnen.

MARTHA: Seid sorglos, daß wir böse Habgier zeigen,
Gebt, was ihr könnt entbehren und verwinden,
Uns ist nun mal die große Geste eigen,
Wir werden drum den armen Gast nicht schinden.
(Sie grinst beiseite zu dem Geiger hin.)
", "GEIGER (singt erneut):
Die Nachtgall singt niemals auf der Tanne,
Sie hält es lieber mit der Haselgerte,
Der Lauscher ward in dieser Nacht zum Manne,
Daß auch die Maid nur seufzend sich beschwerte.

HEINRICH (läßt den Geiger mit einer Geste verstummen):
Mir scheint, hier zieht ein Teufel die Register,
Mir schwant da Ärger, ein Skandal-Erwachen,
Der Schultheiß und selber der Minister,
Sie werden diesem Spuk ein Ende machen.

MARTHA: Was ist so arg, wenn ein paar nette Reime
Das Herz erfrischen und den Puls bewegen,
Es ist so einsam hier in meinem Heime.
Wollt ihr euch wirklich gleich zur Ruhe legen?

HEINRICH: Zu Ruhe? Ja, an Ruh ist nicht zu denken,
Hier geht es zu wie grad im Taubenschlage,
Ich wollte mich in mein Gebet versenken,
Weshalb ich keine Ballmusik ertrage.

MARTHA:
Nun gut, wir gehn, wenn wir euch unerträglich,
Wir warn bestrebt, den Abend zu vergolden,
Die Sehnsucht nach Musik erreicht uns täglich,
Denn alle Welt sucht nach dem nächtlich Holden.
Doch wer gehetzt, vermags nicht zu begreifen,
Der Wein wird euch auf weiße Wolken betten,
Und später werden weitre Wünsche reifen,
Ich möchte drauf mein Seelenheil verwetten.
(Mit dem Geiger ab.)
", "
Zweite Szene.
Heinrich, Margarete.

HEINRICH:
Dies war zu viel. Was sind das für Manieren?
Grad so, als wollt sie mich im Sturm vernaschen,
Erst eins, dann zwei, am Ende wohl zu vieren?
Ich will mir erst mal meine Hände waschen.
(Geht zu einer Wanne und wäscht die Hände, lacht)
Grad so in Unschuld wie des Landes Pfleger?
Die haben Öl, als tropfte es vom Dache,
Niemals zuvor sah ich die Lampen reger,
Sie auszulöschen scheint hier niemands Sache.
Das rote Licht ist wohlfeil wie die Geige.
Ist dies ein Haus der Geister, der Dämonen?
Nun, irgendwann geht jede Nacht zur Neige,
Und besser ist es als im Wald zu wohnen.
(Man hört erst fern, dann näher die Geige.)
So furchbar ist sie nicht und das Gefasel
Gemahnt mich seltsam an die Kinderzeiten.
Was sang der Sänger vom Gedicht des Hasel?
Ich höre wen in meine Nähe schreiten.

MARGARETE (nicht zu sehen, singt mädchenhell):
Die Nachtigall singt niemals auf der Eiche,
Sie lockt das Glück auf einem Haselaste,
Wer lieben kann, der sorg, daß sie nicht weiche,
Wo Mond weiß, daß die Nacht zu kurz dem Gaste.

HEINRICH: Was ist das für ein selig sanftes Wiegen,
Gesang, der mich zersprengen läßt die Kruste,
Solch Streicheln könnte Drachengrimm besiegen,
Von solchem Singen ich bis heut nichts wußte.
", "MARGARETE:
Die Nachtigall singt niemals auf der Esche,
Sie zwingt die Hörer auf dem Haselzweige,
Heut tanzt die Maid, doch morgen gerbt sie Wäsche.
Wer wünschte nicht, daß sich die Stimme zeige!

HEINRICH: Oja, o komm aus deinen Finsternissen,
Und laß mich einen scheuen Blick erhaschen,
Du hast mich aus dem tiefen Schlaf gerissen,
Mit Gold bestreut, das nimmer abzuwaschen.

MARGARETE:
Die Nachtigall singt niemals auf den Rüstern,
Sie hat im Hasel Bühne und Zuhause,
Erst tönt sie hell und endlich wird sie flüstern,
Und wer sie flieht, bleibt ewig ein Banause.

HEINRICH: Ich liebe dich und fleh um Christi Leiden,
Komm aus dem Dunkel in die helle Stube,
Ich möchte meine Knechtschaft dir beeiden,
Solang die Sense nicht bestimmt die Grube.

MARGARETE (zeigt sich auf der Türschwelle)
Die Mutter sprach, ich solle prüfend schauen,
Ob alles sei dem Gaste angemessen,
Wir wollten längst das Haus hier größer bauen,
Doch die Dukaten sind rasch aufgegessen.

HEINRICH: So tretet doch herein, so rasch zu sagen,
Sind meine Wünsche nicht und meine Sorgen,
Ich dacht ja bislang nur an den Magen,
Auch ist kein Nachbar da, um was zu borgen.
", "MARGARETE:
Das tu ich gern, der Kelch ist leer, vom Weine
Nahmt ihr noch nicht genug nach diesem Staube,
Auch leg ich Holz nach, denn auf nacktem Steine
Hat auch das Feuer nimmer Mut und Glaube.
(Sie füllt den Kelch und legt Scheite nach.)

HEINRICH: Wer lehrte euch so singen, daß die Seele
Meint, alle Fesseln würden ihr zerspringen?
Ich hab nicht Scham genug, daß ich verhehle,
Ich hörte euch gern immer weiter singen.

MARGARETE (stutzt, dann verlegen)
Der Nachtigall hab ich gelauscht im Lenze,
Der Mensch, der singt, will ganz dem Vogel gleichen,
Und wirklich, dieser Wunsch bezwingt die Grenze,
Die Schwere bannt aus diesen Flügelreichen.
Ich werde gehn und unsern Geiger bitten,
Daß er mir wieder anstimm seine Weise,
Ich hoff, er ist noch nicht zu weit geschritten,
Denn nach dem Dorfe führte seine Reise.
(Sie geht hastig ab. Der Vorhang fällt.)


Dritte Szene.
Vor dem Vorhang.
Margarete, Martha.

MARGARETE:
Ich kann nicht, Mutter, jedenfalls nicht heute,
Ein Feuer flammt aus seinen seltnen Sprechen,
Als ob mich eine Bogenschützen-Meute
Beschöß, fühl ich die Pfeile mich durchstechen.
", "MARTHA: Drum grade! Ist dir Amor so gefällig,
Wird dieser Herr gewiß darob nicht knausern,
Schwärz dir die Wimpern, mach die Locken wellig,
Wir werden uns zu größtem Wohlstand mausern.

MARGARETE:
Er will Gesang. Ich muß den Geiger suchen.
Ich hoff, er schloß noch nicht den letzten Laden.
Er wird gewiß ob dieser Laune fluchen,
Und doppelt uns berechnen seinen Schaden.

MARTHA: Das ist doch Unsinn mit dem Geigenspieler!
Zeig unserm Gast die rechten Flötentöne!
Ich sah die Launen nahn und weichen vieler,
Doch bleibts dabei: der Mann begehrt das Schöne.

MARGARETE:
Wie soll ich singen und dabei noch flöten?
Wie soll ich lieben und dabei auch zocken?
Der Abend wird mich unausweichlich töten,
Willst du nicht aufhörn, mein Gemüt zu schocken.

MARTHA: Nun also gut. So lauf nach deinem Geiger,
Doch ihn zu wecken ist gewiß nicht sittlich.
Dabei bedenk, auch wenn der Turmuhr Zeiger
Dir unsichtbar, er schreitet unerbittlich.

MARTHA: Ja, Mutter, um den Musicus zu holen,
Ging ich der Meilen tausend allzugerne.
Du mußt verstehn: er hat es mir befohlen,
Das echon mir vom Himmel alle Sterne.
(Beide ab. Vorhang hebt sich wieder.)
", "
Vierte Szene.
Heinrich, Martha.

MARTHA: Die Tochter ist ins Dorf hinabgeschritten,
Um unbedingt den Geiger herzuschaffen,
Ich hoff, sie wir nicht übereifrig bitten,
Sonst gibt es wieder Ärger mit dem Pfaffen.

HEINRICH:
Ich Narr! Was wollte ich der Bäume sechsten
Erfahren, der dem Hasel nicht gewachsen!
Um Kiefern, Fichten, Lärchen zu betexten,
Bricht sich das Kind zur Mitternacht die Haxen.
Dabei ists ihre Stimme, unbegleitet
Vom Reim und von der wohlgestimmten Geige,
Was mir die Lust der Engelsscharn bereitet.
Doch das zu sagen, war ich wohl zu feige.

MARTHA:
Erfahrne Fraun sich drüber niemals täuschen.
Doch seis! Der Umweg macht das Glühn nicht schwächer.
Ich lobe mir den Wein. Bei diesen Räuschen
Gesellschaft mehrt, denn einsam mags kein Becher.
(Sie gießt sich ein und prostet Heinrich zu.)
Seid froh, die Liebe habt ihr heut gefunden,
Sie rast, ein Füllen, und ihr werdets zähmen,
Ihr werdet ihr in jeder Weise munden,
Sie wird sich solcher Dinge niemehr schämen.

HEINRICH:
Was redet ihr? Jedoch, ich kann nicht sagen,
", "Mir käm das alles völlig unvermutet.
Ihr seid das Ohr nicht, um darein zu klagen,
Wie sehr das Herz mir bange macht und blutet.

MARTHA: So lös euch Wein die Zunge und die Hände,
Doch hütet euch vor allzuvielen Bechern!
Er hat auch Kraft, daß er recht jäh beende
Das Spiel mit Kleidern, Ringen oder Fächern.
Ich geh hinauf, sie wird bald wiederkehren,
Ich möchte euer junges Glück nicht stören,
Ich werde meinen guten Schlaftrunk leeren
Und dann selbst den Weltuntergang nicht hören.
(Ab.)


Fünfte Szene.
Heinrich, Margarete.

HEINRICH: Die Kupplerin will nicht vergessen werden,
Wenn wer sich liebt, meint sie, sie hätts erfunden!
Was für ein Pech, daß dieser Platz auf Erden
Nicht einzger ist für süße Schläferstunden!
Doch wenn ich auch den frechen Anspruch pöne,
Es ist ihr Haus, drein mich Alfanus winkte.
Wer hätte auch gedacht, daß sich die Schöne
Bereithält, wo die rote Lampe blinkte?

MARGARETE (abgehetzt):
Umsonst. Es gibt kein Mittel, ihn zu wecken!
Er schläft, grad so, als lägen drauf Granite,
Nur eine Eule konnt mein Lärmen schrecken,
Vielleicht auch manchen, der bewacht die Sitte.
", "HEINRICH: Ach, hätt ich euch gehalten mit dem Arme,
Zwar ist Musik euch wohl wie alle Kleider,
Doch brauchts kein Überhöhn, wo eure warme
Gestimmtheit weckt im Engelschor den Neider.
Selbst wenn ihr schweigt, seid ihr die Violine,
Und seit ich euer blaues Aug getrunken,
Bin ich gar wie im Löwenzahn die Biene
In eine Sphäre aus Gesang versunken.

MARGARETE:
Ihr liebt die Bilder, deren Böden doppelt,
Und manches schreckt, was ich von weitem ahne,
Ich bin kein Has, der vor dem Jäger hoppelt,
Drum sagt: Was wollt ihr nun im Löwenzahne.

HEINRICH: Mir kam der Wille ganz und gar abhanden,
Ich bin so selig, daß ich nichts entbehre,
Ich falle und ich hoff, ich werd nicht landen.
Ein langer Faden ruft nach einer Schere.

MARGARETE:
Schaut wie der Mond sich grad vom Wolkenrande
Ins Offne löst zu ungebremstem Strahlen!
Zu solchen Künsten sind wir nicht imstande,
Wir können keine solchen Bilder malen.

HEINRICH:
Vollkommnes ist im Himmel und auf Erden,
Wir meinen oft, es fehlte dem an Dauer,
Jedoch die Zeit, das Zugpferd für das Werden,
Liegt einzig im Betrachter auf der Lauer.
", "MARGARTE:
Ihr meint, es wär nur unsre eigne Schwere,
Wenn Blumen welken und von Stoppelfeldern
Die Vögel fliehn, daß sich der Baum entleere,
Wenn der November hofhält in den Wäldern?

HEINRICH:
Es kann so sein, denn hinter allem Scheinen,
Mit dem wir unsre Dürftigkeit bedecken,
Kopfschüttelt Gott bei unserm dummen Weinen,
Denn nur am Saum berührn uns Schmerz und Schrecken.
Doch manchmal, wenn das Herz so voll und trunken,
Zerreißt der Schleier aus Verfall und Wechsel
Und läßt die Lippen in den Odem tunken,
Dem ich kein Bild aus dürren Versen drechsel.

MARGARETE:
Du singst und machst das Hören hell und selig,
Wenn mein Vibrieren kehrt aus deinem Lauschen,
Solch ein Gesang ist immer doppelkehlig
Und gibt sich nur im doppeltfrohen Tauschen.

HEINRICH (legt seinen Arm über ihre Schultern)
Dies ist der tiefste Auftrag, der dem Pfade
Zugrundeliegt, den wir durch Zeit mäandern,
Und er allein die Krümmung macht gerade,
Daß wir am Ziel von allem Welten-Wandern.

MARGARETE: Ich will dir ganz und unverzagt gehören,
Denn ich erkenn dich als seit je Bestimmten,
Ich kannte dich schon in den Engelchören,
Bevor die ersten Erdenwinter grimmten.
", "
Sechste Szene.
Heinrich, Margarete, Geiger.

GEIGER: Der Abend spät, doch nie für meine Pflichten.
Ich hört die Herrin wohl und all ihr Flehen.
Doch ich vermocht den Riegel nicht zu richten,
Im Dunkeln war der Schlüssel nicht zu sehen.
Ich suchte einen Kien und etwas Zunder,
Auch war der Talg verkrustet in der Lampe,
Ich bin meist unterwegs, drum nehmts nicht wunder,
Wenn ich dabei in meinem Hausrat schlampe.

MARGARETE: Ja ja, das ist, das ist sehr schön und alle
Sind froh, daß ihr den Kien habt noch gefunden,
Bevor ihr grifft in eine Mausefalle,
Ich hoff, ihr habt die Knie euch nicht zerschunden.

GEIGER:
Nein, nicht der Red, nur blieb ich etwas säumig,
Ich hätte euch gerne durch den Hag begleitet,
Doch nun sei für Musik das Haus geräumig,
Und ohn Verzug das große Werk bereitet.

HEINRICH:
Mein guter Freund sag an, was sind wir schuldig,
Fürs Aufstehn, Wirrnis, Weg und Wiedergehen,
Es tut mir leid, wir waren ungeduldig,
Doch wie er kommt, der Wunsch liebt das Verwehen.

GEIGER: Ihr haßt mich, Herr, solch widerliche Kette
Von Aufruf und Zurückgewiesen-Werden
Erträgt nicht mal ein Dickhornschaf, ich wette
", "Dies reizte eine Maus zu Drohgebärden.
Wir Künstler wissen wohl, das wir verachtet
Wie sonst nur Diebe oder Mordsgesindel,
Und was ihr uns zu überlassen trachtet,
Wär von dem Dach nicht mal die kleinste Schindel.
Ihr wollt, daß wir die Träume euch erwecken,
Dann sorgt ihr euch, wir könnten uns vergucken,
Und ihr verbannt uns mitleidlos wie Zecken,
Ist euch zumut, recht gut zusammzurucken.
Ich spuck auf eure schäbigen Dukaten,
Daß ihr euch freikauft, werde ich nicht dulden,
Euch ist der Beutel viel zu klein geraten,
Denn unbezahlbar drücken euch die Schulden.
Gott wird es richten, daß ihr mich zu schinden,
Die Heiligkeit der Christenruh geschändet,
Die Heilige Cäcilia wird euch finden,
Dann wird der Hochmut dauerhaft beendet.

HEINRICH:
Das seht ihr falsch, nicht eure Kunst zu pönen,
Bat ich um Abschied nach dem großen Hetzen,
Es steht mir fern, den Advokat des Schönen
Wie einen Hofhund vor die Tür zu setzen.
Nur manchmal sind die Kurven unsres Lebens
Abrupt und schroff und wie aus eitler Bläue
Verkehren sich die Richtungen des Strebens
Und kennen nicht die Heiligkeit der Treue.
Ich habe in der Stunde eurer Rüste
Gefunden, was ich suchte lange Jahre,
Glaubt nicht, daß ich von eurem Schmerz nichts wüßte,
Ich wähnte, daß er bleib mir bis zur Bahre.
", "GEIGER: Nun ja, ich nehms schon ruhiger und linder,
Was ihr da sagt, ward mir schon oft beteuert,
Der Weiser wurde nicht gemacht zum Finder,
Sooft er auch den rechten Weg erneuert.
Ich will als guter Christ die Schmäh vergeben,
Doch euerm Geld werd ich mich nicht bequemen,
Ich hoff, wir sehn uns nicht erneut im Leben,
Beim Freund bevorzug ich den angenehmen.
(Ab.)


Siebente Szene.
Heinrich, Margarete

HEINRICH: Ein hartes Wort belastet unsre Liebe.
Was mußte ich so unwirsch ihn bestechen!

MARARETE:
Die Schuld getrost auf seinen Eifer schiebe,
Verteidigung ist niemals ein Verbrechen.
Ich muß dich anschaun, Liebster, komme näher,
Ich will dich ganz im Innersten begreifen,
Wie Zirbenzapfen für den Eichelhäher,
Ist mirs, durch alle Windungen zu streifen.
Sie greift ihm mit gespreizten Fingern ins Gesicht, befühlt alle Partien, während er die Augen geschlossen hat.)
Du bist so schön. Grad wie ich träumend dachte,
Die Brauen herrisch, und die Nas noch kecker,
Doch als der Herr dir deine Lippen machte,
Da war der Apfel nicht nur süß und lecker.
Ein leises Weh, das nicht zu unterdrücken,
Zieht beide Winkel hart und mischt ins Linde,
", "Ein Warnwort, das mein taumendes Entzücken
Zum Ranken macht wie eine Trichterwinde.
Denn ich gewahr nicht schattenfreie Größe,
Du hast gelitten und das Leid bezwungen,
Ich glaub, dies bringt mehr Segen in die Schöße
Als pures Gold, das ohne Dämmerungen.

HEINRICH:
Du bist verliebt, drum siehst du, was zu sehen
Du wünschst und nicht die Pusteln und die Flecken,
Ließ nicht dein Herz die Nüchternheit vergehen,
Du würdest vor der kranken Haut erschrecken.
Doch will ich nicht von meinen Narben sprechen,
Und Dunkles mischen in die hellen Worte,
Es redet nimmermehr von den Gebrechen
Der Adler, der gelandet ist im Horte.
(Er küßt sie lang.)

MARGARETE:
Wie ist mir? Dieser Kuß, ach, diese Lippen,
Vom Lebensborn zu trinken ist nicht holder,
Ich spür die Bank, die Hüttenwände wippen,
O meines Himmels trunkener Vergolder!
(Sie springt auf, schlägt sich die Hände vors Gesicht.)
Es ist so hell, so lohend wie im Feuer,
Die Dinge stürzen auf mich ohne Gnade!
Weh mir! Der Ansturm ist so ungeheuer!
Ich glaub, ich nutz die Wanne mir zum Bade!
(Sie springt mit den Händen vor Augen ins Wasser.)

HEINRICH:
Was tust du, Gretchen, ist dir schwarz vor Augen?
", "MARGARETE: Nein heller als es je zuvor im Leben.
Ich wußte nie, wozu die Wimpern taugen,
Jetzt weine ich und will mich nicht erheben.

HEINRICH:
Komm aus der Wanne, laß dich trocken reiben,
Eh du mir frierst und krank wirst an dem Eifer,
Du mußt, mein Engel, mir erhalten bleiben,
Denn meinen Sommer macht kein Tag mehr reifer.
(Er holt ein großes rotes Tuch und umschlingt sie.)

MARGARETE (lächelt):
Nun muß ich wohl die nassen Sachen lassen.
Es ist so hell. Ich will mich selber sehen.
Such nebenan den Spiegel dir zu fassen!
Ich denk heut gar nicht dran noch auszugehen.
(Heinrich ab. Sie läßt unter dem Tuch die Kleider fallen.)

HEINRICH (kommt mit dem Spiegel):
Was willst du anschaun, meine wilde Liebe?

MARGARETE:
Ich war von klein auf blind und ohne Sonne
Und dachte stets, daß dies mir immer bliebe,
Nun freue ich mich an der eignen Wonne.
Dein Kuß vollzog die unverhoffte Wende,
Mir wurde feurig heiß und angst und bange,
Jetzt nehm ich ohne Scheu hinweg die Hände,
Und schau dich anders, doch vertraut schon lange.

HEINRICH: Als blindgeboren konntest du nicht wissen,
Daß mich der Aussatz ekelhaft entstellte,
", "Nun wirst auch du vom Drachenzahn gebissen,
Und alle Liebe wandelt sich in Kälte.

MARGARETE: Was redest du? Es lacht gesunde Röte.
Frag diesen Spiegel, ob ich dich belogen!
Du atmest rein. Daß mich der Blitzschlag töte,
Verlang ich, zeigt der Prüfer dich betrogen.
(Sie hält ihm den Spiegel vors Gesicht.)

HEINRICH: O weh! Die Wunder jagen ihresgleichen.
Es ist ein Traum, Alfanus wird mich wecken.
Doch wenn auch! Die mir solche Krüge reichen,
Sie sollen auch den heimlichsten entdecken.
Wer so beschenkt wird wie wir beide heute,
Der nimmts und läßt im Kelche keine Neige,
Eh morgens mürrisch kommen fremde Leute,
Den ganzen Reichtum deines Leibes zeige!
(Er umschlingt sie wild und küßt sie. Das Licht auf der Bühne wird langsam schwächer und erlischt ganz. Nach einer Weile hört man wieder die Geige.)

MARGARETE (singt):
Die Nachtigall singt niemals auf dem Baume,
Der nicht der Hasel, denn dort kommt der rechte,
Wenn du ihn einmal angeschaut im Traume,
So hoff und harr, daß ihn der Himmel brächte.
Dir ist bestimmt ein Los, ein Heil, ein Friede,
Und alles kommt zusammen mit der Minne,
Drum singe stets, erkenne dich im Liede,
Darin sichs reimt am End und am Beginne.
(Vorhang fällt.)
", "Das Bühnenbild wie im zweiten Aufzug. Es ist heller Morgen.

Erste Szene.
Martha, Albrecht.

MARTHA: Es ist zu glauben nicht und nicht zu fassen,
Ein großer Segen kam in meine Stube.
Da sag noch wer, sie wäre gottverlassen,
Ein Sündenpfuhl und eine Mördergrube.
(Eine Glocke wird geschlagen.)
Die Tür ist unverriegelt und im Zimmer,
Bin einzig ich, die Herrin dieser Klause,
Geehrtet ist der hohe Gast hier immer,
Und heut ists ganz besonders froh im Hause.

ALBRECHT (tritt auf):
O meine Treu, allein und frohen Mutes,
Ich hoff, es geht dem Kind wie immer prächtig,
Ich bin in Eil, darum nicht bar des Hutes,
Die Last des Staates macht mich übernächtig.
Ich bringe dir die wohlverdiente Rente,
Dann muß ich wieder allzurasch entschwinden,
Denn seit sich das Geschlecht in Linien trennte,
Ists schwer, die Lust mit Nutzen zu verbinden.

MARTHA: Halt ein, die frohe Botschaft zu vernehmen!
Dein Kind ward sehend. Gottes große Gnade
Goß Rot und Blau und Grün in blasse Schemen
Und wandelte ihr das Gesicht beim Bade.
", "ALBRECHT:
Wärs möglich denn? Des Herren krumme Wege
Den Weisen überführen als den Toren!
Wer hoffte je, daß sich das Übel lege?
So hat sie ihre Blindheit doch verloren!

MARTHA: Dies wär der rechte Augenblick zu zeigen
Welch hoher Herr der Vater dieser Schönen,
Ich hoff, euch ist Gerechtigkeit zu eigen,
Sich heute mit dem Schicksal zu versöhnen.

ALBRECHT: Dies würde sie verwirren und erschrecken,
Sie steht im Alter, einen Mann zu finden,
Da bleib sie frei vom Hof und seinen Zwecken,
Sie soll sich ohne Politikdruck binden.
Was mir verwehrt war und nur im Geheimen
Geschehen konnt, hab sie mit gut Gewissen,
Kennt sie den Vater, wird sie sich was reimen,
Viel besser wärs, sie würde nichts vermissen.

MARTHA:
Ich glaub, sie hat den Liebsten schon gefunden,
Ein feiner Herr, der gut verschweigt den Namen,
Doch mein Geschäft schaut gut auf seine Kunden,
Drum glaubt nicht, daß wir nicht dahinterkamen.
Ein Taschentuch, das achtlos fortgeschmissen,
Ich fand es auf dem Weg zum Felsenkeller,
Ein Wappen ließ mich nicht im Ungewissen.
Ich lachte, es er sprach, ihm fehlten Heller.

ALBRECHT: So kann ich also bald vorüberbringen
Das Gold, das ich gehegt für diese Stunde,
", "Seh ich die beiden vorm Altar mit Ringen,
So bring ich von der Vaterschaft die Kunde.
Doch jetzt, o Martha, muß ich wirklich eilen,
Die Kutschenpferde reiben sich die Hufe,
Ich werd mich in der Sache noch zerteilen,
Jedoch zuerst nach einem Priester rufe.
(Eilt davon. Der Vorhang fällt.)


Zweite Szene.
Vor dem Vorhang.
Priester, später Heinrich.

PRIESTER: Das Haus am Wald, es ist ja für die Sünde
Recht gut plaziert, so fern von meinen Schafen,
Denn wenn es mitten grad im Dorfe stünde,
Dann könnten auch die Frömmsten nicht mehr schlafen.
Wir an der Kirche, jene bei den Tannen,
Das könnte gutgehn, gäbs nicht Übergriffe,
Und wenn die ein gewisses Maß gewannen,
So wird es ungemütlich in dem Schiffe.
Der Orgelspieler geigt auch manchmal draußen,
Ich bräuchte das nicht unbedingt zu wissen,
Doch wenn da Boten nachts durch Gassen sausen,
So wird der Schlaf vom Stechinsekt gebissen.
Ich kann nicht dulden, daß die Sündenkuhle
Grad wie Frau Percht die Grenzen überschreitet,
Da fordert wer den Geiger für die Buhle,
Und schon wird meine Herde fehlgeleitet.
(Er stößt an ein Seil, schaut nach oben, und bemerkt verwundert, wie Heinrich zu ihm herabgleitet.)
Der Morgen, junger Mann, ist voller Wunder,
", "Ich dachte doch, im Haus gäbs eine Stiege,
Erscheint euch solch ein Auswärtsgehn profunder
Oder kommt Scham nun auf nach leichtem Siege?

HEINRICH: Herrschaftlich ist Besuch im Erdgeschosse,
Drum hab ich diesen Ausweg vorgezogen,
Wo hohe Leut verhandeln mit dem Trosse,
Ist man dem Störer keineswegs gewogen.

PRIESTER:
Ihr macht mich lachen. Von dem hohen Berge
Seid ihr der Prinz. Ist drin etwa der Kaiser?
Heut halten sich die Landesherrn für Zwerge,
Ich glaub, ich werd in dieser Welt nicht weiser.
Doch sagt mir, eure Krankheit ist geschwunden,
Wer hat gefunden das gesuchte Mittel?
Ihr habt euch hoff ich nicht erneut verbunden
Mit diesem Satan in dem weißen Kittel?

HEINRICH:
Da sei Gott vor. Der Aussatz ist geschwunden,
Als ich die Liebe traf in diesem Hause.
Ich merkt es nicht, doch plötzlich warn die Wunden
Verflogen wie ein Kater nach der Sause.
Doch größres noch hat Gott im Liebesglücke
Vollzogen, denn der Wirtin blindes Mündel
Ward sehend, um zu schauen, was mich schmücke,
So ward aus einem Glück ein ganzes Bündel.

PRIESTER:
Bei solcher Botschaft kann ich kaum noch schelten
Die Kupplerin für nächtliche Exzesse,
", "Mein Sprengel wär die beste aller Welten,
Vollzög sich solches einmal bei der Messe.
Ich werde schaun, was dieser Tag noch bringe,
Euch rat ich, nicht zu weithin fortzuwandern,
Denn mir erscheints, als lös sich eine Schlinge,
So findet endlich jegliches zum andern.
(Beide ab.)


Dritte Szene.
Martha, Priester.

PRIESTER: Gott sei gelobt. Ich hörte von dem Segen,
Der unvermutet auf das Haus gefallen,
Fanfare sei er, fleißge Hand zu regen
Und abzusehn vom Sündigen in allen.

MARTHA: Das Wort zum Sonntag! Ich erführe gerne,
Wie möglich sei die Ehre ohne Hunger,
Euch ist gewiß die Nachricht nicht so ferne,
Daß ich nicht zum Spaß im Schmutze lunger.

PRIESTER:
Das Kind ward sehend und der Prinz gefällig.
Vielleicht, daß sich die Brüder nun versöhnen?
Ihr glaubt es nicht und zeigt die Stirn mir wellig.
Meint ihr, die Welt sei einzig Leid und Stöhnen?

MARTHA: Der Albrecht will die Vaterschaft bekennen
Wenn ihr in Christo habt getraut die Liebe,
Den Bruder einen Lügenbold zu nennen,
Wird er wohl fortfahrn und mit all dem Kriege.
", "PRIESTER: Nun holt zuerst im ungewissen Tanne
Den Flüchtling, der hier besser aufgehoben,
Dann haut ihr etwas Gutes in die Pfanne,
Den Abend sollt ihr wie den Morgen loben.
Verlaßt euch auf den guten Diplomaten,
Ihr kümmert euch um die verliebten Kinder,
Ich werd indeß die Hofkanzlei beraten,
Denn hohe Kunst erfordert dies nicht minder.

MARTHA: Ist Grete denn allein in ihrer Kammer?
Ich meinte doch, die könnten sich nicht trennen!
Was in der Welt verfügte ihm den Jammer,
Wie ein Verbrecher in den Wald zu rennen?

PRIESTER: Die Grete hatte Furcht vor euerm Gaste,
Das hat sich auf den Schatz wohl übertragen,
Er floh am Seil, wo ich ihn fast verpaßte,
Als ging es ihm gefährlich an den Kragen.
Doch denk ich, er ist gar nicht weit gegangen,
Ich hab zerstreut die finsteren Bedenken,
Euch wird es leicht, ihn wieder einzufangen,
Ihm Stunden mit der jungen Braut zu schenken.

MARTHA: Nun gut, so seht, was ihr bei Hofe richtet,
Ich kümmer mich und geh so ich im Wege,
Wie seltsam ists, wenn sich ein Vorhang lichtet
Und man sich fühlt, als wärs in höchster Pflege.

PRIESTER: Gelobt sei Gott. Ich komme heute wieder.
Es ist kein Wahn, die Zeichen ernstzunehmen,
Wer ging vorbei und blickte gar nicht nieder,
Den zeih ich, unsern Heiland zu verfemen. (Beide ab.)
", "
Vierte Szene.
Heinrich, Margarete, Martha.

MARTHA: Was findet ihr an den Versteckensspielen?
Ein Glück, der Priester kam vorbeizuschauen.
Er widmet sich Verpflichtungen gar vielen,
Doch kommt er bald, das junge Paar zu trauen.

HEINRICH: O weh, mein Vater wird es nicht ertragen,
Daß ich getraut so abseits seiner Halle,
Er wird mal wieder von dem Bruder sagen,
Der hab gebastelt diese böse Falle.

MARTHA: Der Priester kümmert sich um all die Dinge,
Derweil er meint, es sei von Gott beschlossen,
Drum glaubt, daß ihm das Kunststück wohl gelinge,
Und liebt euch währenddessen unverdrossen.

MARGARETE: Ja lebenslang geliebt an deiner Seite?
Ich bin ein Mädchen von geringem Stande,
Ich fürchte doch, es kommt zu bösem Streite,
Wenn du der Graf bist irgendwann im Lande.

MARTHA: Um deinen Stand mach dir geringe Sorgen,
Mir sind die Lippen da zwar fest verschlossen,
Doch möglich scheints, daß du erführst bis morgen,
Daß du geborn auf deutlich höhern Sprossen.

HEINREICH: Ach Grete, dies ist alles null und nichtig,
Wir sind von Gott getraut bis zum Gerichte,
Das Herz allein erkennt die Dinge richtig.
Was kümmert uns die äußere Geschichte?
", "MARGARETE: Ich wills ja glauben wider alle Regel!
Kaum kann ich sehn, schau ich den schönsten Helden!
Hochwasser im Gefühl sagt mir der Pegel,
Hochzeit die Glocken weithin schwingend melden.
(Sie fällt Heinrich um den Hals.)

MARTHA: Ich glaub, ich geh draußen in den Garten,
Zu lange steh schon säumig ich im Zimmer,
Das Unkraut läßt gewiß nicht auf sich warten,
Und Arbeit ruft die Müßigige doch immer.
(Ab.)

MARGARETE:
Ich hab mein Kleid für diese unsre Stunde
Wohl fertig und ich möcht es gern dir zeigen,
Daß du erkennst, daß ich bereit zum Bunde,
In welchem ich mit Haut und Haar dein eigen.

HEINRICH:
O Grete, ach, mir schwinden fast die Sinne,
Denk nur, ich darbte gestern voll Verzagen,
Doch glaube mir, was ich mit dir beginne,
Daß wird uns weiter als der Westwind tragen.
(Margarete macht sich los und geht ab.)
Was sind das doch für seltsam tiefe Wogen,
Die uns erheben und, wer weiß es, stürzen.
Doch selbst wenn überdehnt zerbräch der Bogen,
Ich würde meine Spannkraft niemals kürzen.
Ich war mir nie so sicher im Betonen,
Daß diese Wahl die rechte und gemäße,
Allein in diesem Herzen will ich wohnen,
Und ohne Reiz sind andere Gefäße.
", "MARGARETE (kommt im Brautkleid):
Nun schau mein Ritter, ob ich dir gefalle,
Ob du dich schämen müßtest vor den deinen,
Ich ständ viel lieber auf der Burg, dem Walle,
Dort könnt ich dir als Traumgesicht erscheinen.

HEINREICH:
Die hohe Minne braucht nicht Requisiten,
Doch dieses Kleid, aus Feenstaub gewoben,
Hätt mich, wär ichs nicht ohnehin, erstritten
Und jedem Maß der Sterblichkeit enthoben.
(Er hebt sie auf und trägt sie im Kreise.)


Fünfte Szene.
Heinrich, Margarete, Albrecht.

ALBRECHT:
Ich seh, der Priester hat mich nicht belogen,
Weshalb ich mich dem großen Wunder beuge,
Ich bin persönlich in den Wald gezogen,
Auf daß ich sei der Liebesheirat Zeuge.

HEINRICH:
Welch unverhoffter Gast? Daß ich mich füge
Nicht Plänen, Strategien und hohem Rate,
Ruft Prominenz zu Mahnung nicht und Rüge?
Der Onkel wird dem Liebeskind der Pate?

ALBRECHT:
Sehr gern und glaub, was Gott mit dir beschlossen,
Ist segensreicher als ein andrer Rater,
", "Vollzög sich dies mir nicht als Zeitgenossen,
Ich hielts für überzogenes Theater.

MARGARETE:
Noch fehlt mir zum Verständnis jene Leuchte,
Die Marthas Wink verschwiegen angedeutet,
Jedoch mein Ohr ein solches Trumm nicht bräuchte,
Weil ihm die große Kirchenglocke läutet.

ALBRECHT:
Der Priester wird schon bald des Amtes walten,
Er sprengte fort, noch Burkhard herzuschaffen,
Wo Jugend liebt, da wollen auch die Alten
Die Bande, die zerknittert wurden, raffen.

HEINRICH: Dein guter Wille ehrt dich ohne Frage,
Doch Onkel glaub, ich kenn den Vater besser,
Seis in der Nacht und seis am hellen Tage,
Er wetzt in Feindschaft wider dich das Messer.

ALBRECHT:
Sei nicht zu hart mit meinem Bruderherzen,
Die Sorge, das Geschlecht droh auszusterben,
Bereitet ihm die allergrößten Schmerzen,
Er meinte stets, mir ging es nicht um Erben.
Ich hatte meine Lieb geheimzuhalten,
Dies schuf mir böses Wort und auch Gerüchte,
Doch Gottes großes gnadenreiches Walten
Hat es gefügt, daß ich nicht länger flüchte.

HEINRICH: Geheimnisreich ist oft des Menschen Wille,
Er setzt verborgne Zeichen, sät ins Dunkel,
", "Und ruht das Ohr in Harmonie und Stille,
Da leuchtet aus dem Kräuticht ein Karfunkel.
Die Liebe weiß die Erde aufzusprengen,
Daß komme, was da schlief für beßre Tage,
Sie scheint dir oft die Finger zu versengen,
Doch wider sie mit keiner Faser klage.
Mir ist das Glück in höchstem Maß begegnet,
Ich muß mein Herz nicht mehr zusammenklauben,
Doch daß der Herr die Bruderbande segnet,
Will ich nicht mal am Hochzeitstage glauben.

ALBRECHT: So freue dich des Glücks und sei gelassen,
Gar Großes ward für diesen Tag bereitet,
Kein mindres Gold soll euch als Trauring passen,
Wenn ihr gemeinsam zum Altare schreitet.


Sechste Szene.
Heinrich, Margarete, Albrecht, Burkhard, Priester, Martha.

BURKHARD (stürzt auf Heinrich zu):
Mein Sohn, der Fluch, der Aussatz ist verloschen,
So stark und ritterlich dich noch zu schauen,
Ist größte Gnade dem, der ausgedroschen
Die Tage wähnte und sich wand im Grauen.
Ich wähnte dieses Stück recht überflüssig,
Denn vieler Augen nicht bedarf die Bahre,
Ich glaubte nicht, des Lebens überdrüssig,
Daß mir der Herr noch Großes offenbare.
Nicht kleinster Mißklang pöne dein Betragen,
Denn Gottes Wahl ist dem Geschlecht der Retter,
", "Dies läßt mich tiefe Überzeugung sagen
Und nicht die Referenz an Bühnenbretter.
(Er wendet sich Albrecht zu.)
Doch nun mein Bruder, was ich hab erfahren,
Es sei erst nach der Trauung ausgesprochen,
Ich hab geirrt und schon in jungen Jahren,
Es reut mich, daß ich solches hab verbrochen.
Du hieltest stand, du trugst die bösen Worte,
Und dies beweist das edelste im Stamme,
So ungewöhnlich wie die Wahl der Orte
Soll sein die Narbenfreiheit dieser Schramme.

ALBRECHT (umarmt Burkhard):
Ich danke Gott, daß er ein langes Leben
Gab dir und mir, um endlich zu versöhnen
Die Irrenden, wo dichte Nebel schweben,
Am Tage, wo die Hochzeitsglocken tönen.
(Man hört die Glocken.)

PRIESTER (schwingt den Weihrauchkessel)
Das Brautamt fordert beider Wort, das klare,
Die Zeugen mögen jeden Einwand zeigen,
Wer Christum liebt, erklär sich dem Altare,
Um dann für immer wie ein Grab zu schweigen.
Ich höre keinen Einspruch also frage
Ich Margarete vor des Heilands Bluten,
Willst du den Heinrich frein für alle Tage
Und folgen ihm im Argen und im Guten?

MAGARETE (fest und laut)
Ich will es bis die Engel mich entführen.
", "PRIESTER: Und also frag ich Heinrich bei den Wunden
Des Heilands, ob er Margareten küren
Zur Gattin mag für alle Lebensstunden?

HEINRICH: Ich wills und werd zu keiner Stunde zagen.

PRIESTER: So knieet nieder an der Lebensschwelle.
Ich will euch aus der frohen Botschaft sagen,
Daß eurem Bunde werd des Heilands Helle.
Im heilgen Evangelium des Johannes
Gebietet Liebe, wie er selbst sie spendet,
Der Herr, so sei des Weibes wie des Mannes
Das Leben um der Liebe willn geendet.
Er nennt euch seine Freunde, nicht mehr Knechte,
Weil er vom Vater alles hat gekündet,
Weil er euch hat erwählt in seinem Rechte,
Daß euer Aufbruch auch in Früchten mündet.
Wenn ihr euch liebt und also streckt die Hände,
Wird euch um ihn der Vater alles geben,
Und findet eure Liebe nie ein Ende,
So wird sie euch in seine Nähe heben.
An seiner Statt erklär ich allen Wesen,
Ihr geht als Mann und Weib in dieser Stunde,
Von Vater, Sohn und Heilgem Geist erlesen,
Die Kirche ist mir eurerm Pfad im Bunde.
Ich spende euch den unumschränkten Segen
Der Dreifalt, die vor allem Menschensinnen,
Er möge sich auf viele Häupter senken,
Ein Großgeschlecht soll mit dem Tag beginnen.

ALBRECHT: Ich reiche den Vermählten nun die Ringe,
Die ich schon lange für den Tag bewahrte,
", "Im Nam des Herrn das Herrlichste gelinge,
So wie es uns der Heiland offenbarte.

HEINRICH (zu Margarete):
So reich ich dir, mein Augenlicht, im Golde
Den Reif, daß er mit seinem Sonnenschimmer
Dir sage, daß ich denk und träum die Holde
Von wannen ich auch geh und wie auch immer.

MARGARTE: So bind ich auch mit Güldenem den Finger,
Der mich so lieb gefaßt und meinem Wege
Der Weiser sei, und danke dem Beringer,
Daß ich gefaßt ins wonnigste Gehege.

ALBRECHT:
Nun darf mein Part in diesem Lied nicht fehlen,
Um den ich schon seit vielen Jahren bete,
Ich will nun länger nicht dem Volk verhehlen,
Daß ich dein Vater, liebste Margarete.
Ich grollte meinen Eltern, die vermählen
Mich wollten nach dem eigenen Ermessen,
Jedoch für mich war gar nichts mehr zu wählen,
Denn eine Liebe hat mein Herz besessen.
Sie stammte ab von hart bekämpfen Grafen,
Ich hatte keine Hoffnung auf Verzeihen,
Doch ich vermocht es nicht, mein Herz zu strafen,
Ich trotzte gar mit heimlichem Gedeihen.
Aus diesem Bunde bist hervorgangen
Du Grete, als wir frech bei Marthen schliefen,
Der Sensenmann griff ihre roten Wangen,
Als deine Schreie nach den Brüsten riefen.
", "Ich danke Marthen, daß sie dich gezogen
Mit dem Geheimnis, das mir allzu teuer,
Ich wollte dein Erwachen unverbogen,
Die Gattenwahl allein aus innrem Feuer.
Es tat der Herr, daß ich dich seh und herze
Und das Geheime breiten so ins Helle,
Nun Martha zünd der Mutter eine Kerze,
Denn sie verstarb genau an dieser Stelle.
(Martha zündet eine Kerze an. Albrecht umarmt Margarete.)

BURKHARD: Der Priester hat mir alles schon berichtet,
So daß ich ungeachtet der Gebrechen
Des Alters ward zum eilens Nahn verpflichtet
Und auch vergaß die meisten meiner Schwächen.
Die Ehe, die an diesem Ort geschlossen,
Versöhnt nicht nur die Brüder, die geschieden,
Der Herr hat seinen Segen ausgegossen
Und gab uns Kraft, die Lande zu befrieden.

PRIESTER: So einen in der Tat sich Land und Ferge,
Und die Geschlechter finden sich im vollern,
Der Zollern und der Herr von Hohenberge,
Sie einen sich zum Born der Hohenzollern.
Der Herr tat Wunder ohne Maß und Schranken,
Dies schafft den Glauben, der Geschichte meistert,
Jahrhunderte solln strahlen, ihnen danken
Wird der Chronist am Weltend noch begeistert,
Denn wo auf Gottes unbedingten Willen
Sich das Geschlecht in reinster Liebe gründet,
Vollzieht die Schöpfung sich im heimlich Stillen,
Die schließlich in den Strom der Welten mündet.
", "
Siebente Szene.
Heinrich, Margarete, Albrecht, Burkhard, Priester, Martha, Geiger.

GEIGER: Nun wie? Ein Lied zum träumerischen Ende?
Ich hab doch ein Gespür für solche Szenen,
Das Publikum hebt nicht im Zorn die Hände,
Wenn wir die Mär ein bißchen überdehnen.

MARGARETE: Ich hab dir übel mitgespielt, Beherzter,
Du warst mir Trost, der einzge oft in Jahren,
Drum bitt ich neu nach Freundschaft, bös verscherzter,
Die Reue mehrts, wird so viel Glück erfahren.

HEINRICH:
Auch ich muß um Verzeihung nochmals bitten,
Den Kerl, der ehrbar, hält man nicht zum Narren,
Wos einem wohl, hat anderswer gelitten
Und nicht als Ochs spann man ihn vor den Karren.

GEIGER: O Margarete, glaub nicht, daß ich fluche
Dein Glück, und daß es meins nicht sollte werden,
Ich bin ein Gast in diesem Wunderbuche,
Verströme mich an manchem Ort auf Erden.
Ich fahre und dies schafft mir manchmal Weinen,
Wenns aussieht, als sollt stillestehn der Wandel,
Ums angestammte Los beneid ich keinen,
Weil ich mit Märn und dunklen Träumen handel.
Was hier geschieht und fort in vielen Tagen
Sind meiner Sphäre schillernde Akkorde,
Hälts Gram für gut, an meiner Seel zu nagen,
So glich doch Halten dem Begabungsmorde.
", "Auch du bist meinem Lied nur eine Note,
Ich danke dir, doch Heinrich drob nicht minder.
Ich weiß es nicht, von wannen ich der Bote,
Doch mancher wird in meiner Näh zum Finder.

PRIESTER:
In Gottes Welt geht manches durch die Wände,
Das uns gemahnt, daß blind wir seinem Wollen,
Drum falten wir in Demut unsre Hände
Und überblenden mit der Lieb das Grollen.

GEIGER:
Wenn schon die Orgel darf dem Paar nicht singen,
Weil dieser Ort die Mitte blieb dem Netze,
Soll doch die Geige uns am Ende klingen,
Denn sie kennt keine ausgewählten Plätze.
Sie ist ein Vogel, der im Offnen nistet,
Sie fliegt davon, wohin ist nicht zu wissen,
Wer weiß von solchem Schalk sich überlistet,
Sieht Anlaß nicht, die Klärung zu vermissen.

BURKHARD:
Zur Hochzeit meines Sohnes darf die Muse
Nicht ausgesperrt sein, ist er doch ihr Streiter,
Auch bebt der Braut, die stimmenfein, die Bluse,
Daß ihrem Ton die Saite dien als Leiter.

MARTHA: So spiele uns, du Vogel aus den Weiten,
Die wir nur manchmal angedeutet mögen,
Auch wenn wir durch die Eichenwälder schreiten,
Vertraun wir blind der Tragekunst der Bögen.
(Der Geiger spielt.)
", "MARGARETE (singt):
Die Nachtigall singt niemals auf der Weide,
Sie schlägt die Lieder stets im Haselstrauche,
Der Mann erkennt das Ziel nicht, daß er leide,
Jedoch das Weib erspürts im tiefen Bauche,
Die Lieb vereint das Nehmen mit dem Geben
So sehr, daß wir den Unterschied vergessen,
Und ihr beliebts, das Sagengarn zu weben,
Daß die darinstehn nicht mehr wissen, wessen.
Doch wenn das Garn auch löchrig werd und risse
Und im Betrachter Staub wird und Verfallen,
Das Haselvolk bleibt ewig das Gewisse,
Und auf den Zweigen singen Nachtigallen.
", "
Gegen die Männerkrankheit der Selbstverachtung hilft es am sichersten, von einem klugen Weibe geliebt zu werden.

NIETZSCHE
", "
ARTUS, König von Britannien
GUINEVERE, seine Gemahlin
ELAINE, ihre Zofe
EREC, Prinz von Karnant
PELLEAS, Ritter
KORALUS, verarbter Edelmann
ENITE, seine Tochter
IDERS, Sohn des Niut
MALICLISIER, sein Zwerg
MABONAGRIN, ein Riese
RÄUBER, BRUNNEN, MÄDCHEN
", "KORALUS: Wie sich Korallen tief im Ozeane
Zur Reigen fügen, Reisigern und Riffen,
Hast du im Glanz des Ersten bei der Fahne
Noch nie den Fug des Rittertums begriffen.
Denn was mit Initialen auf Follianten
Gedruckt wird sind allein des Eisbergs Spitzen,
Drum richt den Blick auf all die Unbekannten,
Die wenig mehr als ihren Mut besitzen.
Sie tragen wie das Roß den stolzen Reiter
Den Glauben, daß die hohe Minne lohne,
Und sind die Sprossen einer Gnadenleiter,
Die Edelmut entrückt dem Gassenhohne.
Darum verfall vor dem Gestank Gemeiner
Nicht in den Wahn, nur Einzigart zu achten,
Die Einzigart hat in der Welt nur einer:
Der Sohn, den sie im Dornenkranz verlachten.
Doch wie am Kreuze klagten Fraun und Schwache,
So steht oft nicht im Licht die wahre Größe,
Der deutsche Mut ist keine schlichte Sache,
Und höchst Verschiednes kreißt der Schoß der Schöße.
Es soll nicht heißen, daß ich selbst mich rühme,
Wenn ich aus den bescheidnen Mauern trete,
Doch wie die Vielzahl Macht der Ungetüme,
Blühn Lilien auch im abgelegnen Beete.
Ich mach in diesem Stück nicht viel Getöse
Der Herr nahm mir die Eitelkeit des Reichen,
Doch eh ich mich von Form und Großmut löse,
Will eher ich noch diese Nacht erbleichen.
Mein Gram ist bloß mein Töchterchen in Lumpen,
Brokat stünd besser honigblondem Haare,
", "Sie rührt, wems Herz nicht nur ein roter Klumpen,
Doch daß ich sie behalt bis an die Bahre,
Erscheint mir Frevel, da sie doch geboren,
Dem Jungmann seine Bogenschnur zu spannen,
Deß Pfeile sich den Gral als Ziel erkoren,
Daß ohne Säumnis schnellen sie von dannen.
Nun meint man, den Berufnen zu erkennen,
Erdächt ich mir viel Prüfungen und Ränke,
Doch Gott allein kann mir den Namen nennen,
Weshalb ich nicht an große Umständ denke.
Ein Ritter, der von bösem Schimpf getrieben
Den Rat sucht, wie ein Gotteskampf entscheide,
Muß dabei wohl gewappnet sein und lieben,
Die Wehr, die Tochter schenke ich ihm beide.
Als würfe ichs ins Meer, so mag euchs scheinen,
Dies macht allein, daß ihr zu schwach im Glauben,
Ich weiß nur Dank und bin mit Gott im reinen,
Nur wer verschenkt, den kann man nicht berauben.
Geliehn ist alles, was uns ruft zur Pflege,
Und nackt erscheint der Fromme zum Gerichte,
Was aber wohl, das schick auf seine Wege,
Denn faul im Schuppen machts die Zeit zunichte.
Der Vorspann im Theater ruft den Narren,
Der gibt die Rüstung und des Hauses Seele,
Doch aus den Feldern, die vor Waffen starren,
Ich meinen Part und meine Unschuld stehle.
Ich sink zurück ins Meer der Namenlosen
Und weiß, ich gab den Tropfen Öl der Leuchte,
So wie ein Hauch, entströmt aus reifen Rosen
Die Sehnsucht trägt aus aller Lebensfeuchte.
", "
In Wald von Karadigan.

Erste Szene
Guinevere, Elaine, Erec, Maliclisier, ein Mädchen.

GUINEVERE:
Ihr seid so still, Herr Erec, und ich glaube,
Ihr trauert, und der Grund ist leicht zu wissen,
Des Waidmanns Heil, das ich dem Jäger raube,
Schafft euch Verdruß und plagt mir das Gewissen.

EREC: O nein, die Freuden all in Wald und Heide
Erscheinen mir als Stein in einer Kirsche,
Denn schon allein der Duft von euerm Kleide
Ist holder als der herrlichste der Hirsche.
Was mich betrübt, das ist allein die Schande,
Daß ich so wenig tat, um euch zu frommen,
Drum streift mein Blick mit Ungeduld die Lande,
Es möge meine große Stunde kommen.

GUINEVERE (lacht):
Der Frühling, der euch neckt in allen Gliedern,
Meint wohl, ihr solltet eine Dame wählen,
Die frei ist, einen Reiter zu befiedern,
Der mögt ihr euern Minneleich erzählen.

EREC (betont ernst):
O Königin, nicht Leichtsinn spannt den Bogen
Der Jugend, die mir allzu unbefochten,
", "Ein Staubkorn bin ich gern und zugeflogen,
Wenn größere das Herz mir unterjochten.
Die Räusche, drin das Volk die Nacht verkleckert,
Erscheinen mir nicht wert, sie zu erwähnen,
Grad wie die Ziege auf der Weide meckert,
Tun jene, die verwechseln sich mit Schwänen.
Ich will nicht schlürfen, wo das ganz Sublime
Viel holder weiß, daß alle Gnade Dienen,
Der Christ sucht nicht die Wollust der Muslime,
Er sing am großen Wasser Melusinen.

GUINEVERE (deutet in die Ferne):
Es ist schon recht, doch seht ihr dort im Grunde,
Dort bei dem Zwergen stehn die junge Dame?
Sie ist so schön, ein Stern in dieser Stunde,
Ich wüßte allzugerne, wie ihr Name.

EREC: Ich will gleich reiten und den Zwerg befragen,
Befehl ist mir der Wunsch in euerm Sinne,
Unkenntnis soll euch länger nicht benagen,
Drum will ich sehn, daß Kunde ich gewinne.

GUINEVERE: Nein, junger Herr, ich habe keine Nöte
Daß euer Schlachtroß sich dazu bemühte,
Daß meine Zofe ihren Gruß entböte,
Scheint passender zu dieser Märzenblüte.
Darum Elaine, geht in dieses Lager
Und fragt den Zwergen, wer des Mädchens Ritter.
Gewißlich ist nicht fern der junge Wager,
Und meine Neugier seinem Stolz nicht bitter.
(Elaine geht zu dem Zwerg mit dem Mädchen.)
", "ELAINE (zu Maliclisier):
Bei Gott, ich grüß euch freundlich und bescheiden,
Ihr dient gewißlich einem großen Helden,
Des Mädchens Schönheit viele Fraun beneiden,
Ich möcht den Namen meiner Herrin melden.

MALICLISIER:
Verschwinde bloß du unverschämte Dirne!
Daß dir die Lust vergeh herumzuschwätzen,
Trag dieses Zeichen an der Torenstirne
Und säum nicht, deiner Herrin das zu petzen.
(Er schlägt die Zofe mit der Peitsche.)

EREC (läuft zu Fuß in die Szene):
Was tut ihr da? Das arme Kind zu schlagen,
Ist bös. Sie sprach euch höflich und gesittet.
Was geht ihr einem Mädchen an den Kragen,
Und noch dazu wenns freundlich grüßt und bittet?

MELICLISTER:
Du Tölpel sollst sogleich ihr Schicksal teilen
Wie ihre Blödheit und ihr freches Gucken!
Ich hoff, ihr werdet dann zum Teufel eilen,
Daß mir nicht wag ein Dritter aufzumucken.
(Er versetzt Erec ebenfalls einen Hieb.)

EREC (weicht zurück, für sich):
Es wäre höchlich unklug sich zu schlagen,
Ich hab kein Schwert und bin ganz ungerüstet,
Es frommt allein dem Torn, sofort zu wagen,
Was seinem Stolz und seinem Grimm gelüstet.
(geht mit dem Mädchen zur Königin zurück)
", "Es wäre unnütz, wenn ich frech bestritte,
Was euren Augen hat sich dargeboten,
In eurer und in eurer Damen Mitte
Hat man mich um die Ritterehr betrogen.
Ich bin vernichtet und die heiße Wunde,
Verlangt sofort mir Waffen zu verschaffen,
Darum entlaßt mich noch in dieser Stunde,
Erlaubt dem Knecht, sich zornig aufzuraffen.
Eh ich den Ritter dieses Zwergs nicht fegte
Vom Pferd und danach schlug mit meinem Schwerte,
Erlaubt der Schatten, der sich auf mich legte,
Nicht daß ich irgendetwas sonst begehrte.
Eh ich nicht wiederfand zu meiner Ehre,
Kann ich kein Stückchen Brot am Hofe kauen
Darum erlaubt, daß ich mich ehrbar wehre
Und ihn verfolg und jag in allen Gauen.

GUINEVERE:
Mir ist nicht wohl, euch ohn Verzug zu lassen,
Allein ich kann die Bitte nicht versagen,
Mag sie auch nicht in meine Hoffnung passen,
Kein Mensch verwehrt dem Wunden sich zu schlagen.
Gott wollte, daß der Frieden dieser Stille
Höchst unverhofft sich wandle zu Gefahren,
Nicht unserm Plane fügt sich dieser Wille,
Obgleich wir ohne Arg und Jähzorn waren.
So zieht, doch kehret wieder mit dem Monde
Zur Tafel in den wohlbewehrten Mauern,
Wenn euch das Glück in dieser Frist nicht lohnte,
So werd ich mit dem ganzen Hofstaat trauern.
(Alle ab.)
", "
Zweite Szene.
Guinevere, Elaine, Pelleas.

GUINEVERE (mit Elaine auftretend):
Die Rotwildjagd beschäftigt uns seit Tagen,
Als hätten wir noch Wand frei für Trophäen,
Mir scheint, als wolle sich die Runde plagen,
Den Hirschgeweihe dieses Lands zu mähen.
Der Gatte schläft im Wald bei seinen Rittern,
Die Burg faßt nur noch Alter und Gebrechen,
Ich fühl mich wie ein Vogel hinter Gittern,
Ich leide lieber Würfelspiel und Zechen.

ELAINE: Seht dort, Pelleas, naht sich aus dem Osten,
Vielleicht weiß er von Erec zu berichten,
Ich lade ihn, von unserm Wein zu kosten,
Dann wird sich die Erinnerung ihm lichten.

GUINEVERE: So bitte, daß wir kurzerhand erfahren,
Der hehre Strauß sei furchtbar schiefgegangen.

ELAINE: O nein, er wird uns herrlich offenbaren,
Daß große Taten unserm Held gelangen.

PELLEAS: Gott schütze unsre Königin und mache
Daß stets sie bleib so jung und froh zu schauen.

GUINEVERE:
Willkommen froher Held am Zweifelsbache,
Wir rasten hier und freuen uns der Auen.

PELLEAS: Gefährlich ists so fern von dem Palaste.
Gibts keinen Ritter, der die Fraun begleitet?
", "GUINEVERE: Ja, Erec mit der scharlachroten Quaste
Hat unsern Zug durch Wald und Feld geleitet.
Doch leider hat ein Winzling sich erdreistet,
Dem jungen Herrn die Wange zu beschmutzen,
Weshalb er einen Waffengang sich leistet,
Ich denk, die Kunde ist zu euch gedrungen.

PELLEAS: O ja, ich hörte manches von der Sache,
Ein stolzer Ritter ist der Herr des Zwergen,
Gefährlich, daß man ihn zum Feind sich mache,
So spricht man hier und hinter sieben Bergen.
Sein Name Iders steht für forsches Reiten,
Genaue Lanzen und die Wucht im Schlagen,
Seit Jahren will, mit seinem Sinn zu streiten,
Landauf landab noch kaum ein Heißsporn wagen.
Der Herzog von Tulmein setzt einen Sperber
Als Schönheitspreis der Freundin einem Tjoste,
In diesem Jahr man dacht gäbs keinen Werber,
Ein solcher wär auch sicher nicht bei Troste.
Schon zweimal ging an Iders die Trophäe,
Im dritten Jahr soll er sie ganz behalten,
Jedoch nun hört, daß Erec in die Nähe
Hat sich gewagt, um eines Kampfs zu walten.
Der währt nun schon den zweiten Tag verbissen,
Und Tod und Leben um die Herrschaft streiten,
Die Lanzen und die Schilde, die verschlissen,
Sie sind ein Berg, recht lang darumzureiten.
Zur Stunde ist der Ausgang völlig offen,
Erschöpfung, Ruhe und dann neues Wüten,
Wer solche Schlacht noch niemals angetroffen,
Der meint, dies gäbs in Märn nur oder Mythen.
Drum seid bereit für alles Wohl und Wehe,
Was auch geschieht, wir werden es erfahren.
", "GUINEVERE:
Was ihr da sagt, wie ichs auch wend und drehe,
Die Zweifel mehren sich zu dichten Scharen.
Herr Erec will den Schönheitspreis erfechten?
Soweit ich weiß, hat er der Freundin keine.

PELLEAS:
Grad wie um hier den Handlungsstrang zu flechten,
Gab hier Koralus, den ich traf, das seine.
Der Edelmann, verarmt durch böse Ränke,
Nahm Erec auf und sahs als Gottes Winken,
Daß er ihm seine holde Tochter schenke,
Und Waffen, die wie frisch geschmiedet blinken.
So fügte sich, daß jäh der Unbehauste
Zum Fordrer ward, zur Spannung im Turniere,
Doch wie das Glück an seine Seite sauste,
Mags sein, daß er es ebenschnell verliere.

GUINEVERE: So ist es also wahr, daß unerschrocken
Der Junge kämpft um die beschämte Milde,
Und während wir im Frühlingsflöten hocken,
Strömt harter Schweiß ins Wappenblech der Schilde.

PELLEAS: Darüberhin, es häufen sich die Wunden,
Wird ohne Gnade bis zum Schluß gefochten,
Die Hölle weiß, was gestern sie geschunden,
Eh heute neu die Streiterpulse pochten.

GUINEVERE: Dies ist niemals die Sitte von Turnieren,
Der Herzog sollte diese Schmach beenden,
Denn wenn die Ritter bärengleich vertieren,
Dann harft kein Minnesänger drum Legenden.
", "PELLEAS: Dies mag so sein, jedoch vom Waffenspiele
Zum Glaubensstreit ists oft nur eine Elle,
Der Herr allein weiß die geheimen Ziele,
Und kennt die Dauer wie das Allzuschnelle.

ELAINE: So laßt uns beten, daß in diesem Falle
Sich alles füg, wie es zu Wohl und Sitte,
Und uns vertraun, daß unsre Schritte alle
Der Heiland lenkt, der stets in unsrer Mitte.


Dritte Szene.
Artus und Iwein treten auf.

IWEIN: Gelobt sei Gott. Daß ich mit froher Kunde
Die Herrin darf beglücken, macht mich heiter.
Nicht länger sollt ihr warten eine Stunde,
Denn ausgejagt der letzte hat der Streiter.
Der König, Ruhm der Ritterschaft, den preisen
Noch Zeiten werden, die uns ganz verschieden,
Der nicht nur Heer und Land und Hof zu weisen
Vermag, hat sich zu neuer Ehr beschieden.
Die Tafelrunde, jagdlich wohl erfahren,
Brach auf und jedem diente Gott zum Glücke.
Jedoch so groß auch ihre Taten waren,
Zum Preis des Siegers klaffte eine Lücke.
Kein Hirschgeweih war so das kapitale
Wie jenes, das die Knappen nun betrachten,
So etwas sieht der Mensch nur seltne Male,
Selbst wenn ihn stark und flink die Gaben machten.
Hört, Artus, der den Preis der Jagd errungen,
Hat nichts geschont, sich selbst zu überragen,
", "Drum werde ihm ein neues Lied gesungen,
Dem Ausharrn, dem Entscheiden und dem Wagen.

GUINEVERE:
Dies stimmt mich froh und scheint ein gutes Zeichen
Für alles was noch frei und unentschieden,
Mög alles Dunkel von dem Lande weichen,
Auf daß das Glück beständig sei im Frieden.

ARTUS:
Der Brauch sagt, daß der Sieger von den Maiden
Die schönste küßt, ich hoff, die alte Sitte
Wird euch am Fest die Freude nicht verleiden,
Denn Schmerz ist mir, was euer Wohl bestritte.

GUINEVERE:
O nein, die Huld die dauernd ihr bewiesen,
Vertrüg sich nicht mit eitlem Spielverderben,
Nicht frommt dem Ruhm, aus Rücksicht zu vermiesen,
Was Adel sich verschafft in seinem Werden.
Nicht jene, die der Ehrn und Würden meiste
Auf sich vereint, soll eure Wahl beglücken,
Die Unschuld, die von Eitelkeiten freiste,
Sollt ihr ins Licht des ganzen Hofstaats rücken.
Ihr wäret in der Sache gut beraten,
Vertrautet ihr dem Blick, der Frauen eigen,
Denn schaut ihr unbestechlich auch bei Taten,
Will ich mich hier als beßrer Richter zeigen.
Nicht alles, was dem Aug gefällt und leuchtet,
Ist auch ein Bronnen, der von reinem Grunde,
Drum hört, eh ihr die Lippen euch befeuchtet,
Die tiefre Weisheit an aus meinem Munde.
", "ARTUS: Die Rede zeugte Weisheit zur Genüge,
Wüßt ich nicht lang, daß euer Rat der beste,
Drum sparet nicht mit Reife und mit Rüge,
Daß wir uns alle freun an diesem Feste.

GUINEVERE: Ich bin in Sorg um Erec, meinen Ritter,
Drum bitte ich um Aufschub von zwei Tagen,
Sein Schicksal ist im Aug mir arger Splitter,
Nach seinem Streit laßt mich zur Sache sagen.

ARTUS: Was streitet er, der euerm Schutz befohlen,
Mit scheint der Junge völlig pflichtvergessen.
Warum hat man mir den Verrat verhohlen,
Der mir verleidet Jagd wie Trank und Essen?

GUINEVERE: Verzeihet, daß die übergroße Tücke
Mich hinderte, des Rats von euch zu harren,
Nicht rief den Held die Sucht nach großem Glücke,
Ich sah sein Aug in größten Schmerzen starren.
Ein Zwerg, bedenkt o König, nicht ein Gleicher
Hat ihn erniedrigt, wüst und heidenartig,
Der Schlag von einem Waschweib wäre weicher,
Denn sein Gesicht war grindig wund und schartig.
Ich sah es selbst und alle meine Damen
Beschämte dies, daß ich den Wunsch nach Rache
Gewährte, denn an seinem edlen Namen
Klebt Schmutz, und Blut allein wäscht diese Sache.

ARTUS: Ists so, so hab der Edle meinen Segen,
Gut soll sich ihm der Waffengang entscheiden,
Der Herr der Himmel mög das Los bewegen,
Daß ihn als Sieger alle hier beneiden.
", "
Vierte Szene.
Iders tritt auf.

IDERS: Ich such den Hof Karadigan, ihr Jäger.
Weist mir den Weg, ich bitt euch, nach dem Throne.
Ein Herold in der Schlacht bewegt sich träger
Als ich, der ich in Wind und Wetter wohne.

PELLEAS: Gott führte auf den rechten Weg, der Recke,
Den jeder Ritter preist, ist hier zugegen,
Denn unser Herr mißt aller Sehnsucht Strecke,
Und wer ihn trifft, der danke für den Segen.

IDERS: Ich dank euch, doch der Königin zu fronen,
Bin ich gesandt, drum sagt mir ohne Säumen,
Welch Weg soll mir und meinem Pferde lohnen
Zu ihr, von der die Schmerzgeplagten träumen.

PELLEAS: Sie ebenso, ihr müßt vom langen Reiten
Ganz blind sein, ihren Glanz zu übersehen,
Gibts weise Fraun auch in verschiednen Zeiten,
Wirst du doch nie vor einer weisern stehen.

IDERS (tritt zu Guinevere)
Herr Erec, dessen Gnad mein Leben eigen,
Befiehlt mir, ganz in euerm Dienst zu fronen,
Ihr mögt mir Haus und meine Pflichten zeigen
Und einzig euer Wohl soll mich belohnen.

GUINEVERE:
Ist es verpönt, den Boten schlechter Dinge
Zu strafen, ist es wohl erlaubt, dem zweiten,
", "Der uns von Sieg und Glück die Nachricht bringe,
Ein Gran davon als Finderlohn zu breiten.
Ich bin in dieser Stunde so beschenket,
Daß ich euch heiße, euch zum Fest zu kleiden,
Wenn ihr verwirrt die Königin euch denket,
Bin ich bereit, dies ohne Klag zu leiden.

ARTUS: Mag auch die Queen vor Freude fast erblinden,
Daß sie dem Feind vergibt mit Christi Milde,
So müßt ihr freilich euren Zwergen schinden,
Der wie ein Schmutzfleck klebt an eurem Schilde.

IDERS: Dies ist geschehn, und kann es nicht genügen,
Erlaubt dem Herrn, die Schmerzen auszuhalten,
Denn meine Hoffahrt wußte es zu fügen,
Daß meine Diener übelsittig walten.

ARTUS: Sodann, wenn diese Sache ist bereinigt,
Erzählt uns von dem Strauß, der euch gedungen,
Euch wird im Land viel Tapferkeit bescheinigt,
Drum sagt, wie kams, daß Erec euch bezwungen.

IDERS:
Mein Stolz hat mich in dieser Schlacht geschlagen,
Ich höhnte dreist, ich gäbe kein Erbarmen,
Mein Gegner mußte nicht nach Wegen fragen,
Wie er den Leib behalt als einen warmen.
Wenn aber einer so, die Wand im Rücken,
Im Felde steht, nicht weichen kann und wimmern,
Wird Gott das Schwert mit Überkräften schmücken,
Aus einem Holzscheit einen Rammbock zimmern.
Und doch, geschah mein Freveln aus der Minne,
", "Mein Lieb, da galt mir Hölle nichts und Himmel,
Ihr zu gefallen, ließ ich Sinn und Sinne,
Umflochten wie der Rotfußpilz im Schimmel.

GUINEVERE:
Ich kann die Schönheit dieser Maid versichern,
Ich sah sie, was der Anlaß ward zum Kampfe,
Nicht selten kommts, daß meine Damen kichern,
Hier schwiegen sie, als tönte Sängers Klampfe.

ARTUS: Ich muß das Mädchen unverzüglich schauen,
Den Preis zu küren, ward mir aufgebürdet,
Drum Königin dem Blick, dem höchst genauen,
Wärs gut, wenn ihr die Freundin fordern würdet.

IDERS: Herr König, dies ist unnütz, weil entschieden
Hat doch der Sperberkampf, weß Dame lichter,
Steigt Gottes Geist im Schwerterklang hernieden,
Brauchts keinen zweiten königlichen Richter.
Drum schaut das Kind, zu dessen Preisgesange
Hieb Erec Tag und Stunde mir die Kräfte,
Ich weigerte mich dies zu glauben lange,
Doch steter Stoß zerbricht die Lanzenschäfte.

GUINEVERE:
Ja in der Tat, wo bleib der, den ihr kündigt?
Hat er den Weg nach Hause nicht gefunden?
Ists möglich, daß er wider mich gesündigt
Und ausbleibt, wo die Not schon überwunden?

IDERS: Dem Vater seiner holden Braut zu Ehren,
Bleibt er noch eine Nacht in dessen Klause,
", "Bedenkt, die Tränen sind nicht leicht zu wehren,
Weicht ihm die einzge Tochter aus dem Hause.
(Es wird mählich dunkel.)

ARTUS: So laßt uns in der Au das Lager schichten,
Der neue Tag wird Erec froh begrüßen,
Sein Nahn wird unserm Aug sofort berichten,
Was er gewann am Wonnigen und Süßen.
Es läßt sich viel vermuten und ersinnen
Im Dämmer, wo die Weisheit Wahn verfärbte,
Doch wie vom Tag des beste das Beginnen,
Den Thron der Nacht auch stets der Morgen erbte.
(Alle ab. Es wird ganz dunkel und dann nach geraumer
Weile wieder hell.)



Fünfte Szene.
Erec, Enite, dann Iders und Guinevere.

EREC: Wer früher aufsteht, schafft so manche Meile,
Derweil die andern noch im Traume dämmern,
Und also ist der Mann erwählt vom Heile,
Der vor dem Wolfe ankommt bei den Lämmern.
Nicht weit mehr bis zur Burg, in dieser Aue
Traf mich der Zwerg, wie schauerlich und ferne,
Ich ging den Weg, weil ich nicht rückwärts schaue,
Und heute grade mit dem Morgensterne.

ENITE: Wenns nicht mehr weit, so laß uns etwas rasten
Im Grase hier, eh wir die Burg erklimmen,
Mir scheint, das wir das Minneglück verpaßten,
Wenn wir uns so auf deine Herrin trimmen.
", "EREC: Ach fürchte nichts, sie wird dich sicher mögen,
Ihr guter Geist sandt mich zu deinem Vater,
Das hohe Schloß mit seinen stolzen Bögen
Macht dich zufrieden, wie der Herd den Kater.
Doch will ich etwas bleiben zu betrachten
Die Schöne, die mir fast wie zugeflogen,
Den Genien, die an deiner Wiege wachten,
War ganz gewiß der Höchste sehr gewogen.

ENITE: Du hast gekämpft, gestritten wie ein Tiger.
War dies um mich? Ich kann es gar nicht glauben.
Mein Vater wußt, er brachte mich dem Sieger.
Der innern Stimme traut er wie die Tauben.

IDERS (tritt mit der Königin auf)
Ich hört sie gleich, o Herrin meiner Schande,
Nun sagt: Hab ich zu Unrecht euch gewecket?
Der Blutzoll hinterläßt die stärksten Bande,
Sogar im Traum in mir der Stachel stecket.

GUINEVERE: Ich grüße Erec hier zur rechten Stunde,
Eur Bote brachte Frohsinn in die Herzen.

EREC: Der Platz am Bach ist seltsam uns im Bunde,
Vielleicht, ein Geist, der wagt mit uns zu scherzen.
So seid gegrüßt, ich hab mit euerm Segen,
Die Frau errungen, die es ohne Zagen
Gewagt, das Herz auf dieses Schwert zu legen,
Für sie und euch will ich noch alles wagen.

GUINEVERE:
Koralus' Tochter scheint nicht zu vergleichen,
", "Zwar Iders Mädchen hat sie angedeutet,
Nun will ich eine Mutterhand ihr reichen,
Der König hat den größten Hirsch erbeutet.
Ich sag das, weil damit das Recht verbunden,
Die schönste Maid im ganzen Land zu küssen.
Bedeutet dies für deine Seele Wunden,
Wirst du recht rasch das Land verlassen müssen.

EREC: Was sagt ihr, Königin, zu diesem Brauche?
Wenn ihr ihn gutheißt, taugt er mir zur Ehre,
Auch wenn ich ein paar Tage untertauche,
Bleibts, daß ich nichts als Dienst für euch begehre.

GUINEVERE:
Ich halt es für den eitlen Sinn des Gecken,
Die Bräuche, die jahrhundertalt, zu schelten,
Des Königs Tun gehorcht nicht niedern Zwecken,
Und darum hat er jedes Recht der Welten.

EREC: Und du, Enite? Ist des Königs Lippe
Der Jungfrau schändlich, daß wir sollten fliehen?
Ich weiß, der Herr schuf dich aus meiner Rippe,
Doch auch, die Frage hast du schon verziehen.

ENITE: Mein Herr, mein Ritter, der mit Todverachtung
Dem Stärksten trotzte, nur um mich zu preisen,
Ich stünde wohl in eines Wahns Umnachtung,
Würd ich die kleine Geste von mir weisen.

GUINEVERE:
Nun gut. Doch rasch, bevor der König munter:
Die Kleider sind zerlumpft und ohne Würde,
", "Ich geb euch etwas drüber, etwas drunter
Und merze aus euch jede Armutsbürde.
Genug ist da für Würdige auf Reisen,
Ich wähle selbst, wie euch bedeckt die Zofe,
Dann wird nicht nur der König auf euch weisen,
Denn schönste seid gewißlich ihr am Hofe.
(Mit Enite ab.)


Sechste Szene.
Artus, Erec, später Enite, Guineneve
und alles Gefolge.

ARTUS:
Zwar meint die Queen beständig, daß ich schliefe,
Doch bin ich wach und hör, was rings gesprochen,
Dies macht, weil ich in die Geheimarchive
Noch niemals als ein Tollpatsch bin gebrochen.

EREC: Mein König, solche Ränk mir zu vertrauen,
Ist unrecht, denn ich bin der Herrin Ritter,
Läßt mich der Gatte in die Karten schauen,
So wird mein Herz ein höchst verwirrter Zwitter.

ARTUS: Ihr seid ein Mann. Als solcher müßt die Frauen
Ihr nehmen wie sie sind nicht wie geträumet,
Wer schweigen lernt und auch genau zu schauen,
In jeder Welt zuletzt das Schlachtfeld räumet.
Drum hütet euch vor dürren Idealen,
Sie sind der Anfang aller Narreteien,
Wie tiefer schaut und dabei schont die Schalen,
Der wird mit sich auch seine Frau befreien.
", "Der Kluge erntet stets die reichsten Wunder,
Die sind ganz anders als der Schein des Neuen,
Der Narr jedoch verzehrt sich wie der Zunder,
Der nichts behält, um später sich zu freuen.

EREC: Vielleicht, daß älter ich die Weisheit spüre,
Jetzt stehe ich dem Reich des Zunders näher,
Geb Gott, daß ich dereinst ein Leben führe,
Das Hasel austreut wie der Eichelhäher.

ARTUS: Bleibt offen für des Herrn geheime Winke,
Dann wird sich euer Walten trefflich fügen,
Und schließlich geben Genien sich die Klinke,
Denn Weisheit ist das Gegenteil vom Lügen.

EREC: Ich dachte grad, ich wär nach Haus gekommen,
Ihr aber hier verheißt mir große Fahrten,
Doch herzuziehn, bis Jugendkraft verglommen –
Steht nicht Gefahr, im Fernweh zu entarten?

ARTUS: Es gibt so viel Gefahrn wie Jahrestage,
Und Gnade ists, wenn wir uns nicht verlaufen,
Was einmal Nutz, das ist zum andern Plage,
Und um zu fahrn, ists nötig, zu verschnaufen.
Mein leichtes Wort will keinen Grübler machen,
Vertraut, daß ihr das Rechte werdet finden,
Doch sich zu wehrn und auch darob zu lachen,
Kann kein Gebot und keine Treu entbinden.
Seid wacker und gemach dem Unverhofften
Und folgt den Zeichen, die euch deutlich scheinen,
Wie Gottes Pläne sich für euch verstofften,
Darüber seid ihr uralt erst im reinen.
", "Glaub niemals, eure Seelentiefe hätte
Nichts, was ihr habet längst bei Licht besehen,
Und euer Weib ist eines Weltwinds Stätte,
Und Boden manchen Samens aufzugehen.
Wer auslernt, ruft nur noch nach einem Schreiner
Der seinen Sarg mißt und ihn dann bescheidet,
Es sei gewiß der allerschönsten einer,
Daß jeder Tote ihn fortan beneidet.
Wer aber lernt, der hat um sich nicht Eiche,
Die Haut ist dünn und wund sind seine Lenden,
Und höchst verschieden von der schönen Leiche,
Kommt sein Gehäuse nie aus Meisterhänden.

EREC: Mein Vater sandte mich in diese Winde,
Um Sinn und Sitte Rittertums zu lernen,
Wenn ich mein Leben an Enite binde,
Mag ich mich länger nicht von ihm entfernen.
Er wartet sicher und er schaut nach Westen,
Kommt nicht der Sohn im Sonnenschein geritten,
Ich mein, es stünd im Herz mir nicht zum besten,
Wär mir egal, was er darum gelitten.
Drum will ich meine Braut zum Vater führen,
Die Jahre gehn, er wird wohl bald zum Greise,
Mein nächster Ritt will Heimaterde spüren,
Wie immer Gott gelegt hat meine Gleise.
Dort hab ich meinen Grund und meine Quellen,
Dort spricht der Bach die seltsamsten Geschichten,
Dort muß ich meine Weiser nicht erst stellen
Und meine Schritte täglich neu gewichten.

ARTUS: Dies ist vortrefflich. Aber schaut, es grüßen
Uns das Gefolge und die schönen Frauen,
", "Und von den Stunden, von den honigsüßen,
Ist eine die, wo wir dem Volke trauen.
Nun wird die Jagd von Hörnern abgeblasen,
Die Queen vertraut mir, wen ich ruf zum Kusse,
Und Blumen streun die Mädchen auf den Rasen,
Daß sanft wir uns berührn zum guten Schlusse.
Ich hab die Freudenfeuer schon gerochen,
Die Braten sollen schmoren, und die Fässer
Solln hergerollt sein und gleich angestochen,
Nach gutem Trunke rasch verlangts den Esser.
Wir müssen feiern, denn der Weisheit letzte
Ist Lob von allem, was der Herr uns machte,
Denn also überwältigt das Gesetzte,
Weil jeder seinen Teil der Ernte brachte.
Dies ist der Jäger und zuerst der Minner,
Denn Minne ist der Urgrund aller Werke,
Drum geh der frisch Verlobte und Beginner,
Daß er sich selbst und seine Gattin stärke.
", "
Im Wald von von Karnant

Erste Szene.
Zwei Knappen.

ERSTER:
Hallo, was fauchst du Blondschopf wie ein Drache,
Dem man sein Gold zu tragen hat befohlen?

ZWEITER:
Das Gold des Drachen? Daß ich da nicht lache,
Nur Eisen läßt man seinen Knappen holen.
Ich komm vom Schmied, du hasts nicht so gewichtig.
Was hat man dir zu schaffen aufgetragen?

ERSTER:
Die Schwerkraft schätzt du ohne Zweifel richtig,
Narzissen gibts und nichts für meinen Magen.

ZWEITER: Was für ein Luxus! Stehn vom Immergrüne
Nicht Blüten reihenweise an der Mauer?
So viele Fraun krieg nicht einmal der Kühne,
Der sonn- wie werktags tief vergräbt die Hauer.

ERSTER:
Grad mal zur Messe braucht er Wams und Schuhe,
Vielleicht auch zwischendurch zum Atzungszwecke,
Vom König weiß man nur, er pfegt die Ruhe,
Und seine Kurzweil ist allein die Schnecke.
", "ZWEITER: Die muß es faustdick hintern Ohren haben,
Das hält doch keine durch, sei sie auch läufig,
Nicht nur die Tauben, selbst am First die Raben
Sind ohne Rat: Wer brauchte's je so häufig?

ERSTER: Und bei Gericht nur Hörner und Fanfaren,
Der Richter fehlte wie beim letzten Male,
Vorbei die Zeiten, wo Turniere waren,
Stets aufgeräumt ist es im Rittersaale.

ZWEITER: Es wars im Stalle eng und winterwärmer,
Eh viele zogen fort wie mit dem Winde,
Wir sind nun hier an Konkurrenten ärmer,
Doch immer dreister wird uns das Gesinde. (Ab.)

ERSTER: Es geht wies geht und eine Weile lustig,
Doch irgendwann ists nicht mehr zu erzählen,
Zwar keine schweren Lanzen schleppen mußt ich,
Jedoch die Magd hieß mich die Bohnen schälen.
Ganz ohne König fällt die Ritterknute,
Dann fällt der Knappe und zuletzt der Bauer,
Mir wird ganz angst und bang dabei zumute,
Die Milch am Hof ist dick und nicht nur sauer. (Ab.)


Zweite Szene.
Enite, als Knappe verkleidet.

ENITE: Nun ist er fort. Das Tuscheln oder Starren,
Dies hält kein Stein aus und auch keine Säule,
Ein jeder Blick bewies, daß man für Narren
Uns hielt und unsre Burg für blanke Fäule.
", "Vielleicht ists Neid, vielleicht ists recht zu sagen,
Daß wir den Spaß gewaltig übertrieben,
Doch endet nicht die Eh das keusche Zagen?
Und ist es nicht Gebot, sich eng zu lieben?
Es sei wies sei, er nahm ganz leis die Waffen
Und stahl sich nachts von seiner Burg zur Heide,
Die Spur war mir nicht einfach zu verschaffen,
Doch eh ich ganz in Sorg und Trübsal scheide,
Gelangs mir für die Täuschung mich zu kleiden,
Ein Pferd zu finden, das mir ungefährlich,
Ich sah ihn grübeln an den Trauerweiden,
Nun gilts Beweis, daß ich ganz unentbehrlich.
Er ist Gesellschaft kaum recht aufgeschlossen
Und weiß auch nicht, wohin er reiten sollte,
Noch sieht man, daß mir Tränenströme flossen,
Daß er so wortlos floh und böse grollte.
So kann ich ihm begegnen nicht und fragen,
Er würde die Verstellung rasch bemerken,
Drum muß ich Dank zu der Entfernung sagen,
Die achten läßt, wie er bei seinen Werken.
Grad tut er wenig, rauft den Bart und tätschelt
Die Bäume, deren Festheit ihm entgangen,
Er hält sich wohl für feige und verhätschelt
Und darf mich so gewißlich nicht empfangen.
Mir gehts kaum anders und ich stapf im Grase
Zwar leise, doch ich acht kein Vogelsingen,
Nicht weiß ich, welchem Jäger ich der Hase,
Und wags auch nicht, zur Tat mich durchzuringen.
Da sieh! Jetzt wär ich fast recht tief gefallen.
Mir scheint, hier eine Bärengrube lauert.
Man sieht sie nicht, und ein Verhängnis allen
Ist dieses Loch, gegraben und gemauert.
", "Eh ich ihr ausweich, sieh, der holde Gatte,
Am Weiher wirft er Steine in die Brühe,
Nun wellt und kräuselt wachsend sich das Glatte,
Zu ihm zu gehn, ists ganz gewiß zu frühe.
Doch da! Ein Räuber tritt mit seinem Schwerte
An ihn heran, und schon ist nichts zu machen:
Entwaffnet und gefangen der Begehrte,
Ein König, der am Stricke folgt dem Drachen!
Was soll ich tun? Wohin wird er ihn führen?
Gewiß in seine Höhle, gräßlich finster.
O Herrgott hilf! Jed Lob soll dir gebühren!
Die Erle schweigt und ebenso der Ginster.
Ich muß doch etwas tun, und also rufe
Ich laut, sehr laut: Ich hab das Gold gefunden!
Und sieh, der Räuber lenkt schon seine Hufe
Dorthin, wohin ich ihn lenke unumwunden.
Das Gold! Es ist viel mehr als wir uns dachten,
Die Heiden müssen es vergraben haben,
Hol Knechte her, die Beute auszuschlachten!
Ich hör den Räuber immer schneller traben.
Gleich ist er hier, im Goldrausch blind geworden,
Er merkt nicht, was ihm droht zu seinem Wehe.
Der Sturz mit Pferd wird den Bedränger morden,
Nun hoff ich, daß dem Gatten nichts geschehe.
Er hängt an einem Seil und wehrt sich reichlich,
O Gott gibt Halt bei diesem straffen Zuge,
Nun naht sich die Entscheidung unausweichlich.
Nur wenig Trab entfernt ihn noch vom Truge.
Und da! Es kracht! Der Reiter stürzt ins Dunkel.
Ich eile, den Gefesselten zu lösen,
Ein scharfer Schnitt entfernt uns das Verrunkel,
Und leichter geht sichs losgelöst vom Bösen.
", "
Dritte Szene.
Erec, Enite.

EREC: Das war sehr knapp. Was tatet ihr am Weiher?
Und ist hier Gold, wie ihr so laut gerufen?

ENITE: Der Räuber folgte eselbrav der Leier,
Die Nöte warns, die auch die List uns schufen.

EREC: Wie wußtet ihr von diesem Hexenkessel,
Der tief, auch einen König zu bezwingen?

ENITE: Mein Ritter starb in dieser bösen Fessel,
Erbarmungslos sind doch des Schicksals Schlingen.
Nun bin ich Knappe ohne Dienst und Wappen,
Will nicht ein andrer Ritter mich bestallen,
So schwing ich mich voll Schwermut auf den Rappen,
Um auf der Stell dem Herren nachzufallen.
Doch grad als ich die schwere Sünd bedachte,
Seh ich eur Leid am Stricke des Halunken,
Darum ich wieder scharf die Falle machte,
Damit sie euerm Glück ein Hoffnungsfunken.

EREC: Wenn euer Ritter also ist ist gestorben,
War euer Dienst zuletzt recht wenig nütze,
Drum schwant Verdacht, daß gleicherart verdorben
Ich werde, wenn ich schlechte Diener schütze.

ENITE: Schuldfrei der Knappe, der nach Gartennelken
Ins Dorf ging für des Ritters heiße Minne,
Wo die allein und ungereicht verwelken,
Ich nun als Lohn den Mordverdacht gewinne.
", "EREC: Dacht ich mirs doch, allein die Lust der Frauen,
Ist schuld am Tod und am Verlust der Ehre,
Drum Frauenwünschen immer zu mißtrauen,
Ich hiermit euch zu allererst belehre.

ENITE: Ich weiß von Frauen nichts und ich besorge,
Nur was mein Ritter mir benennt als Pflichten,
Ob er sich damit Heil und Segen borge,
Steht mir nicht an, zu klagen und zu richten.
Bevor wir aber weiter dies vertiefen,
So rat ich, daß der Magen erst sich fülle,
Des meinen Miene zeigt sich so im Schiefen,
Als ob der Wind ein Pergament zerknülle.
Ich fing beim Hergehn wohlgenährte Barsche,
Ein kleines Feuer soll mir rasch gedeihen,
Wenn ich entfern das Sperrige und Harsche,
Sagt ihr gewiß, daß sie vorzüglich seien.

EREC: Wohlan, wir lagern, denn für das Profane
Ist so ein Knappe sinnvoll zu belasten,
Bin ich auch stolz, so huld ich nicht dem Wahne,
Der Mut erlaubte ungebrochnes Fasten.
(Setzt sich nieder und beginnt zu essen.)

ENITE (nach einer Weile):
Nehmt euer Schwert, es nahen weitre Schelme,
Der ganze Wald ist voll von dem Gesindel,
Ich sorge, daß das Loch sich neu behelme
Und unserm Feinde gute Wege schwindel.

EREC (springt auf):
Dies wird nicht not sein, weil ich gleich erschlage,
", "Den Friedensstörer, der bei Tag sich tummelt,
Nur Röcheln will ich hörn und keine Klage,
Und dieses Mal wird nicht dabei geschummelt.


Vierte Szene.
Erec, Enite, drei Räuber.

ERSTER RÄUBER (springt vom Baum)
Laß fallen Schwert und alle Wehr und lege
Dich nieder, daß ich meine Beute habe,
Weil ich dich sonst wie einen Grashalm fege,
Wer Geier liebt, verlangt nicht nach dem Grabe.

EREC: Verfluchte Laus, ich spieß dich auf den Finger,
Mein Schwert ist viel zu edel für Insekten,
Und auch für euch bin ich der Todesbringer,
Die feige sich im Dickicht noch versteckten.
(Sie fechten.)

ZWEITER RÄUBER (tritt von hinten zu Erec
und hält ihm das Schwert an die Kehle)
:
Gib auf, du Großmaul, allzu viele stehen
Gewappnet hier und werden dich zertreten,
Machst Anstalt du, ein Stückchen vorzugehen,
Zu schwatzen, was uns gänzlich ungebeten.

DRITTER RÄUBER (hält das Schwert auf Enite):
Auch du wag nicht, dich etwa einzumischen,
Wir holen jetzt den Hauptmann, der entscheidet,
Und eh du mir versuchst rasch zu entwischen,
Denk an den Vogel, der sich an dir weidet.
", "(zum ersten Räuber)
Bewach die zwei, die Waffen in den Graben
Werf ich, bis später sie die Knechte holen,
Und eh wir den Befehl vom Hauptmann haben,
Wird nichts genommen oder fortgestohlen.
(Zweiter und dritter Räuber ab.)

ENITE (nach einer Weile)
Den besten Mann läßt man alleine wachen,
Doch gute Arbeit selten wird vergolten,
Nur darauf, seinen Eindruck gut zu machen,
Kommt alles an, sonst wird man nur gescholten.

ERSTER RÄUBER:
Schweig der Gefangne, denn ansonsten dürfen
Die Würmer künftig seinem Säuseln lauschen.
Doch nein, du sollst ein bißchen Wasser schlürfen.
Was rietest du, die Rolle zu vertauschen?

ENITE (trinkt):
Nun, wenn der Herr kommt, ist der Schmutz am Rocke
Unvorteilhaft, drum rat ich dir zur Bürste,
Schmutz aber ist oft ärgster Grund zum Schocke,
Die Schmutzigen hält man für arme Würste.

ERSTER RÄUBER:
Ich hab nicht solches Trum und bin beschäftigt,
Denn schließlich muß ich auf den Frechen achten.

ENITE:
Ich seh den Wunsch nach Reinlichkeit bekräftigt,
Der Schmutz läßt uns die eigne Grube schachten.
", "Die Müh, den Wams zu bürsten und zu richten,
Verseh ich gern, und bin geschickt und fleißig,
Ihr solltet auf den Frondienst nicht verzichten,
Der Reinlichkeit singt auch im Wald der Zeisig.

ERSTER RÄUBER:
Nun gut, doch keine Tricks, ich hab die Klinge
In fester Hand und stets bereit zum Schwunge,
Und wer da meint, daß er am schönste singe,
Hat unversehns das Eisen in der Lunge.

ENITE: O nein, ich werd euch nur ein bißchen hellen,
Vielleicht sagt ihr ein Wort für mich beim Herren.
Ich bin nicht blöd, mich wider euch zu stellen
Und später dies bereuend rumzuplärren.
(Sie bürstet seinen Wams und läßt dabei einige Goldstücke
dem Räuber in die Tasche plumpsen.)

So, nun seid ihr der schönste hier im Haine,
Der Herr wirds merken und euch rasch erhöhen,
Ein bißchen Müh bringt großes Ding ins reine,
Dagegen Schmutz schafft immer Furcht vor Flöhen.
(Sie begibt sich wieder in Gewahrsam.)


Fünfte Szene.
Zwei Räuber kommen mit dem Hauptmann.

HAUPTMANN:
Nun zeigt mir euer Gold, daß ich erkenne,
Ob mehr zu hoffen, daß man euch erlöse,
Und gibts kein Gold, so gilt für Hahn und Henne,
Die Raben werden preisen das Gekröse.
", "ENITE:
All unser Gold nahm schon des Wächters Klaue,
Und blieb kein Gran, wo wir doch reichlich hatten.

ERSTER RÄUBER:
Er lügt! Auf daß ich dich zu Boden haue,
Glaubt, Herr, von dem Geschätz nicht einen Schatten!

HAUPTMANN: Ich werde Helle in den Nebel bringen,
Und was geschehn ist, soll zur Sprache kommen,
Drum sag mir Knappe nun vor allen Dingen:
Wo ist das Gold jetzt, das euch abgenommen.

ENITE: Im Wamse hats der Wächter heimlich stecken
Und er verbot bei Todstraf dies zu sagen.

ERSTER RÄUBER:
Sprich nie mit dem Gewürm, sie sind wie Zecken,
Am besten wärs, sie wortlos zu erschlagen.

HAUPTMANN (zum zweiten Räuber):
Prüf er den Wams von seinem treuen Bruder!

ZWEITER RÄUBER (durchsucht ihn):
Jawohl, ich greife tief in seine Taschen.
Ich fasse Gold! Gestohlen hats das Luder!
Er suchte ganz allein den Fang zu haschen.
Schaut Hauptmann her! Schau her auch du bestohlen!
Viel Gold! Es blinkt und leuchtet in der Sonne.
Ganz feine Herrn, gewißlich viel zu holen,
Doch er vermieste uns die ganze Wonne.
", "ERSTER RÄUBER (faßt sein Schwert fest)
Ich hab das Gold noch niemals angehoben,
Ich sah es nie und würde dies nicht wagen.
Die Tücke hats mir trickreich unterschoben,
Um uns im Zwist zu schwächen und zu schlagen.
Mein Schwert bezeug im Kampfe meine Worte,
Von Raub und Mord ist randvoll mein Register,
Jedoch ich schwör euch bei der Höllenpforte,
Hier bin ein Opfer ich dem Überlister.

HAUPTMANN: Ich halt dagegen, du gemeiner Hetzer,
Am Golde stets erkenn ich den Verräter,
Zur Hölle fahr, ich brauche keine Schwätzer,
Wer dich betrog, das kannst du klagen später.
(Er dringt auf den ersten Räuber ein, die anderen kümmern sich um die Gefangenen. Das Gefecht zieht sich hin, und sie kommen der Bärengrube immer näher, bis sie schließlich mit einem Schrei einbrechen. Die beiden Wächter stürzen auf, um ihrem Hauptmann beizustehen. Erec holt seine Waffen aus dem Graben und stürzt den verstörten Räubern nach. Sie greifen nach ihren Schwertern und wehren sich schwach gegen den Ansturm.)

EREC: Jetzt wird die Rechnung abzuglos beglichen.
Wer da von hinten stark, der seh von vorne,
Daß besser er, als Zeit noch war, entwichen,
Auch ists zu spät, daß ihm die Haut verhorne.
Denn jetzt ist nah der Rächer aller Frevel,
Und ewge Pein wird diese Straf vollenden,
Ich riech um eure Füße schon den Schwefel,
Ihr werdet keine Reisenden mehr schänden.
(Die Räuber weichen vor den Schwerthieben zurück und stürzen schließlich in die Grube. Erec steckt sein Schwert in die Scheide.)
", "Die Grube schafft mir viel Verdruß, ich hätte
So gerne eure Schädel durchgespalten.
Nun aber gibts kein Mittel, daß euch rette
Und also mag die Hölle euch behalten.

ENITE: O nein, wir müssen in den Abgrund steigen,
Nicht einzusehn ist, daß das Gold verbleibe
Im Dunkel, soll sichs doch der Sonne zeigen.
Der Hauptmann trägts an seinem toten Leibe.

EREC: Zu recht gemahnt ihr mich ans rechte Sparen,
Der Einsatz soll zurück zu dem Proviante,
Die Räuber sind zur Hölle fortgefahren,
Jedoch das Goldstück wartet auf Verwandte.
(Mit Enite ab.)


Sechste Szene.
Erec, Enite, Iders.

IDERS: Gelobt sein Gott und alle Heldentaten,
Nur selten in den Jahren sah ich solche,
Durch Blut sehe ich den stolzen Kämpen waten,
Im Loche liegen fünf erschlagne Strolche.

EREC: Ich grüß den Sohn der Niut, freund geworden
Dem Hofe Artus, alle Königinnen
Verneigen sich vor unsrer, deren Orden
Uns jede Tat läßt enden und beginnen.

IDERS: Ja, in der Tat, mit allem Waffenruhme
Möcht ich der Herrin zeugen, die mir Leuchte,
", "Doch steh ich auch in ihrem Eigentume,
Für einen Wunsch ich eure Gnade bräuchte.
Mein Mädchen, das sich härmt, seit ich geschlagen,
Die Herrin meint, ihr müßtest es verstatten,
Ich möcht es über meine Schwelle tragen,
Das Glück zu krönen mir im Stand des Gatten.

EREC: Dies ist gewährt, verzeiht, daß ich im Lärme
Des ersten Aufzugs solches übergangen,
Es darf nicht sein, daß sich die Schöne härme,
Und Schwermut auszehrt rosenrote Wangen.
Grüßt sie noch heut mit farbenfrohen Blüten,
Daß sie sich selbst erkenn in einem Spiegel,
Denn Punier, Perser, Kolcher oder Skythen
Bemühn die Pflanzenpracht als Minnesiegel.

IDERS: Ich fahr zu Artus nach dem großen Feste,
Mabonagrin, der pergamentne Glimmer,
Lud ein den Hof und er beschert das Beste,
Die Bibliothek des Je und aller Immer.

EREC: Das Mädchen soll die schönste Blüte haben,
Den Lotos, den morgens sah im Weiher,
Nach ihm für euch ich sende meinen Knaben,
Ihr werdet schaun den Vorgeschmack der Feier.
(zu Enite)
Steigt auf den Erlenstamm, der weit ins Wasser
Sich legt, und streckt euch tüchtig, zu erreichen
Die Blüte, die ein wahrer Farbenprasser,
Sie wird gefordert als ein Liebeszeichen.

ENITE: Ich eile, das Begehrte zu erringen,
", "Doch ich bekenn, ich kann gewiß nicht schwimmen,
Verzaubern mich des Blustes feste Schlingen,
Vergeßt nicht, eine Messe zu bestimmen.

EREC: Dies ist nicht not, wenn Vorsicht euch geleitet,
Bedenkt, der Stamm ist oftmals glatt von Fäule,
Mit dem was uns der Nixenschwarm bereitet,
Hat keiner Müh, der zähmen kann die Gäule.
(Enite ab. Dann hört man sie ins Wasser stürzen.)
O scheck, der Tor hat seinen Part vermasselt,
Das kommt davon, wenn andern gräbt man Gruben,
Eh mir der Krieg des Abenteuers rasselt,
Vertu ich meine Tage mit dem Buben.
(Er stürzt davon.)

IDERS: Wohin ich komm, gibts Wirrnis und Versagen.
Was hielt mich ab, die Minne zu verhehlen?
Der ganze Hofstaat wartet schon seit Tagen,
Unmöglich freilich ists, sich fortzustehlen.

EREC (trägt Enite, die tot wirkt):
Wir wüssen ihn zum Leben neu erwecken,
Das Schlingzeug war so dicht und ließ ihn saufen.
Schick nie nach einer Blume einen Gecken!
Ich könnte mir den Bart zusammenraufen!
(Er massiert die Brust und drückt Wasser aus der Lunge.
Dabei öffnet er das Hemd und erschrickt.)

O nein! Es ist nicht wahr, ganz ausgeschlossen!
Was grüßen mich für Knospen steil und lieblich?
Was für ein Trug verschrieb mich dem Genossen,
Wo Mann und Frau doch gänzlich unterschiedlich?
O weh! ich bin genarrt, beschimpft, verspottet,
", "Ich pöbelte mit einer Amazone.
Nie ist ein Ritter so im Sumpf getrottet,
Und fand die Ehr als eine gelbe Bohne.

ENITE (hustet, spuckt Wasser, beschaut sich
und rafft das Hemd)
:
Nun also ist verfehlt nicht nur die Ernte
Aus dem Morast, ich bin entlarvt, entsiegelt,
Die Taufe Vorwand und Vertrag entfernte,
Weil Weihers Glätte Himmelswissen spiegelt.

EREC: Wie hehr, wie hold, beliebt es euch zu flöten!
Betrügerin, nun schweigt bei Todesstrafe,
Der Herr der Tafel soll die Hexe töten,
Ich geh zu ihm, bevor ich wieder schlafe.
Drum Iders zeigt mir, wo es geht zum Schlosse
Mabonagrins, wir wollen gehn und klagen,
Daß Unheil aus dem Minnespiel mir sprosse,
Wußt ich schon lang, doch nun gehts an den Kragen.
", "Im Schloß Mabonagrins, einer riesigen Bibliothek. Labyrinthisch, die Regale verschieben sich eigenmächtig, und geben immer neue Blicke auf Bücherfluchten frei. In der Mitte Artus am Pult mit einem Folianten, im Hintergrund schläft die Königin auf einem riesigen Buch. Weitere Ritter in angestrengter Lektüre. Alle Möbel scheinen aus Büchern zu bestehen. Wenn Artus oder sonstwer liest, verändern sich die Dinge im Raume.

Erste Szene.
Artus, Erec, Enite, Iders

ARTUS: Höchst wundersames Spiel, ich las soeben,
Ihr trätet ein, zwei Ritter und die Stumme,
Wer solches liest, der mag nicht länger leben,
Denn draußen in der Welt ist er der Dumme.

EREC: Der Dumme ja. Ich führe grimme Klage.
Mein Weib hat mich getäuscht und arg betrogen,
Daß eurer Richtspruch banne Schimpf und Plage,
Bin ich mit euerm Ritter hergezogen.

ARTUS: Ich bin nicht Herr in diesen hehren Mauern,
Die Bücher herrschen hier, wer sie geschrieben,
Gibts nirgends Hinweis, doch im Texte lauern,
Die Taten, die zu werden freigeblieben.
Drum lest! der Richtspruch und sogar die Buße,
Sind hier gebannt in sechsundzwanzig Lettern,
Da findet selbst der Törichste nicht Muße,
Nach eignem Sinn zu loben und zu wettern.
", "EREC: Ich glaub, den König hält man hier gefangen,
Mit einem Spuk im Auge und im Hirne,
Die Ritter scheinen tot wie aufgehangen,
Man hole Wasser für des Königs Stirne.

ARTUS: Ja Wasser, ja, der Brunnen wird uns lehren,
So sagen es die Jamben hier verläßlich,
Im fünften Auftritt wird die Sonne kehren,
So schrieb mans hier, für immer unvergeßlich.

IDERS: Wo ist die Königin? Auch bei Lektüre?
Sie hat Humor, den ich hier sehr vermisse,
Wie einen Fluch den Bücherstaub ich spüre,
Die Königin hat Sinn für das Gewisse.

ARTUS: Sie schläft, sie träumt sich ein in den Folianten,
Weil ihre Augen müde und verwundet,
Mein Herz vertraut dem Geist, dem unbekannten,
Daß sie im Traume wahrsieht und gesundet.

EREC: Was sind das hier für Sachen? Hört ich lese
Euch laut, das jeder hier den Schwachsinn merke:
Der wahre Dramaturg will Exegese
Und spielt mit seiner Zeit in jedem Werke,
Denn allem was gesagt wird und getrieben
Stellt sich die reine Möglichkeit zur Seite,
Und alle, die Verschwiegnes einzig lieben,
Sehn außerhalb der Tagtat das Gefeite.
Wie auch dem Held, der laut verklagt die Stumme,
Geflissentlich verschweigt, daß er gebetet,
Daß sie ihm folg und sich dazu vermumme,
So sag der Schrecken euch, was ihr erflehtet.
", "IDERS: Dies spricht gefährlich klar von unsern Dingen,
Der Autor scheint uns zuzusehn von oben,
Wenn alle Bücher wie Sirenen singen,
Bleib lieber ich beim ungebunden Groben.

EREC (schlägt das Buch zu und nimmt ein anderes):
Dies war ein Zufall. Werde wieder heiter,
Frappant zu sein, das reicht nicht zum Propheten,
Man mische Spinnweb, Krötengift und Eiter
Und danach wird der ganze Quark getreten.
Wer solches glaubt, der ist nicht mehr zu retten,
Der gute Wille, überall zu deuten,
Gibt dem Papier die Haltekraft von Kletten,
Was eingebildet, droht dich auszubeuten.

IDERS: Lies lieber vor als hilflos zu posaunen
Du stocherst im Vermuten und Verdammen.
Hilf lieber, daß wir nicht in Ohnmacht staunen,
Denn nur der Angriff bringt was rinnt zusammen.

EREC: Nun gut, hier heißts im selben Silbenmaße:
Die Stummheit ist ein Vorspiel zum Verschwinden,
Doch fällt ins Schloß das helle Licht der Straße,
Wird sie der Kläger vom Gebot entbinden.
Drauf mach dir deinen Reim ich kommentiere
Es nicht mehr, weil ganz offenkundig blöde,
Mag Artus es gefalln, ich steh nicht Schmiere,
Denn dieses ganze Schloß ist mir zu öde.
(Enite ist plötzlich hinter den Büchern verschwunden.)

IDERS: Da, Erec, die Gefangne ist entwichen!
Ward da nicht vom Verschwinden grad gesprochen?
", "Kaum liest man hier ein Wort vom Füchterlichen,
Und schon ists als Geschehn hereingebrochen.

EREC: Ich finde sie, ich werd den Trug zerreißen,
Und alle Schleier auftun, die hier hängen,
So lange will ich nicht mehr Erec heißen,
Wie alle Wünsche ins Geheimnis drängen. (Ab.)

ARTUS (zu Iders):
Laß ihn nur gehn. Er muß allein studieren.
Die Welt ist groß, auch hier auf engstem Raume.
Die Pforten, die wir hier im Lauf passieren,
Stehn anderswo uns offen nur im Traume.
(Ein Vorhang, mit Bücheregalen bemalt, fällt.)


Zweite Szene.
Vor dem Vorhang.
Erec, als Alchemist verkleidet, Mabonagrin.

MABONAGRIN:
Herr Doktor, sagt, wann wird die Stumme sprechen,
Ich geize nicht mit Perlen und Saphiren.

EREC: Sie wird mit der Verschwiegenheit nicht brechen,
Eh eure Kammer nicht die Misteln zieren.

MABONAGRIN:
Dies ist bekannt. Aus meinen Einsamkeiten
Kann treten ich, so ward mir oft gepredigt,
Wenn sich dem Adler seine Flügel breiten
Und einer Schönheit Stummheit sich erledigt.
", "Drum ruf ich euch, daß ihr zum Reden brächtet
Die Stumme, die sich endlich eingefunden.
Ich frage, was ihr denn zu tun gedächtet,
Daß sie von ihrem Fluche werd entbunden.

EREC: Wenn Prophetie Ereignisse verbindet,
Täuscht uns der Wahn, eins sei des andern Zwinger,
Was innerlich und was sich außen windet,
Zu trennen hüte sich des Arztes Finger.

MABONAGRIN:
So wollt ihr gar nichts tun, um mir zu frommen?
Verschwende ich die Zeit mit euern Stanzen?
Ihr habt euch mein Vertraun und Gold genommen
Blutsaugerisch wie Flöhe oder Wanzen.

EREC:
Schimpft nicht den Arzt, wo Reife not und Weile,
Die Seiten werden aufgeregt gewendet,
Es mehren sich die Zeichen von dem Heile,
In dem der Wahn der tiefen Spaltung endet.

MABONAGRIN:
Das seh ich anders. Nur die Kosten steigen.
Nicht etwa Mut und großes Heil vom Quelle,
Betrügern sind stets schöne Worte eigen,
Und eure Kunst ist Stillstehn auf der Stelle.

EREC: Mit Quellen spricht man nicht in unsern Lauten,
Allein die Stumme wird im Born verstanden,
Wer vorgreift, übergeht des Anvertrauten
Höchst eignen Takt und macht ihn so zuschanden.
", "MABONAGRIN: Die alte Leier. Ja, ich werd gedulden
Mich noch, doch platzt mir irgendwann der Kragen,
Eh mir das Schloß verpfänden meine Schulden,
Werd ich Lebwohl zu euren Künsten sagen.
(Beide ab. Der Vorhang hebt sich wieder.)


Dritte Szene.
Artus, Guinevere, Iders.

GUINEVERE (erwachend):
War ichs nicht, die dem jungen Recken sagte,
Die Augenschöne sei ein Schmuck der Ehre,
Und wars mein Zwinkern nicht, das ihn so plagte,
Gemeinsam mit dem Giftpfeil dieser Lehre.
Ich hör den Brunnen plätschernd mir verraten,
Im Schlosse gingen viele Mädchen tanzen,
Und eines wagt sich sprachlos an die Taten,
Weil ich ihm nahm die Lumpen und die Fransen.
O weh! sie kann den Born allein erwecken,
Der strömt sich fort in einem holden Paare,
Ob Träume oder Tage uns verstecken,
Ob eins das andre trag und offenbare,
Das fragt nicht mehr, wer Minne fand als Weiser
Im dunkeln wie im hellen Abenteuer,
Den alle Wasser werden leis und leiser,
Entbehren sie das Gegenstück, das Feuer.

ARTUS: Die Minne mag es heimlich und bedächtig,
Zuviel des Lichts bedeutet Langeweile,
Drum niemals mit dem Aberglauben recht ich,
Er fügt vortrefflich die getrennten Teile.
", "Ist Minne Wahn, so muß sie wahnhaft walten,
Erhellt sie uns, so darf sie herrlich lohen,
Jedoch sie wird gewißlich bald erkalten,
Willst Nacht mit Tag und umgekehrt bedrohen.
Laß das Geheimnis, laß das Offenkunde,
Gleichsam am eignen Widerspruch sich laben,
Dann wirst du den Verfall und das Gesunde
Im gleichen Spiegel als dich selber haben.

IDERS: Im Tanz der Körper suchen sich die Seelen
Und in dem Spiele sind wir die Statisten,
Grad gut für jene, die sich uns verhehlen,
Den Haushalt der Gefühle auszumisten.
Und was der Dichter ausdehnt manche Szene,
Ist vielleicht nur der Schwirrflug einer Motte,
Das Herz braucht beides wohl: Aterie, Vene,
Und Hell und Dunkel dienen einem Gotte.
Im Stück des Lebens scheint uns manches weise
Und andres töricht beigemischt dem Glanze,
Doch fährt dies Buch auf einem Doppelgleise
Und seine Botschaft lautet: Such das Ganze.

ARTUS: Der Schloßherr Mabonagrin lebt im Wahne,
Ihm sei das Glück der Minne ganz verwehret,
Er kann es nicht erkennen, und ich ahne,
Daß zuviel Wissen ihm die Schau verwehret.
Und Erec ist der Tor des Augenscheines,
Was jenem fehlt, ist diesem überzogen,
Drum gibt ein Ausgleich jedem Teile eines,
Eins sei am anderen zurechtgebogen.

GUINEVERE: Also entspricht der Stummheit der Enite
", "Der andern Frucht, sich offnen Augs zu zeigen,
Ein Mann verwehrt der Frau, daß sie sich biete,
Der andre heißt die seine stets zu schweigen.
So schützen beide sich vor ihrem Mahren,
Jedoch die Fraun sind freier nicht vom Banne,
Sie spieln das Spiel, das trefflich eingefahren,
Und trösten sich, das Wollen läg beim Manne.
Doch Manneswille, dem die Frau gefügig,
Verwechselt bald den Willen mit der Pose,
Doch widerspräch die Frau dem Ritus zügig,
So mischten sich zu neuem Glück die Lose.
Darum bedenkt, daß Minne nicht erstarre
Im Vorwand, daß erkannt sei das Bewährte,
Nicht tatenlos des hohen Glückes harre,
Das immer nur im Wollen wiederkehrte.


Vierte Szene.
Enite, das unbekannte Mädchen, später Erec
und Mabonagrin.
Der Vorhang schließt sich wieder und davor wird von oben ein Brunneneimer herabgelassen, in dem Enite sitzt. Sie verläßt den Eimer am Grund und vollführt einen stummen Tanz im Brunnen, zu dem sich nach einer Weile das unbekannte Mädchen gesellt. Der Brunnen spricht. Als er verstummt, verschwindet Enite, und Erec tritt auf und führt das unbekannte Mädchen zu Mabonagrin, der am Rand der Bühne wartet.

BRUNNEN: Wasser gießt sich in Gefäße,
Wasser hebt den Zweig ins Licht,
Alles Maß sucht das Gemäße,
Ohne Wasser geht es nicht.
", "Wasser rötet sich zum Blute,
Wasser grünt als Chlorophyll,
Wasser reizt zum Wagemute,
Wird im Löwen zum Gebrüll.
Denn sein Wesen ist Vermengen
Seine Tat Zusammentun,
Starr in Raum- und Zeitenfängen
Mußt du ohne Wasser ruhn.
Lösen ist die Kunst des Bades,
Daß sich neu zusammenfüg,
Was die Weglichkeit des Rades
Noch als Alter weitertrüg,
Wasser kann allein verjüngen,
Augen auftun tags und nachts,
Heiter und in großen Sprüngen
Seine vielen Wunder machts.
Bist du einsam und alleine,
Wasch die Augen, steh und schau,
Wasser trägt den Geist im Weine,
Wüsten machts zur goldnen Au.
Wasser ist das Weib dem Feuer,
Beiden nötig ist der Ring,
Denn bestimmt dem Ungeheuer
Ist, daß es dem andern sing.
(Pause.)
Brunnen heiß ich für die Helle,
Der ich Finsternis und Nacht,
Daß zum Sprudel werd die Welle,
Hat der Herr mein Aug gemacht.
Wo das Wasser heißt das rare,
Bin ich ewig hochgeehrt,
Mir allein gelingt das Klare,
", "Das dem Keim die Wunde wehrt.
Doch ich schmachte und ich schweige,
Weil ich weiter fließen will,
Wenn ich euch das Fließen zeige,
Horcht, ich tu es meistens still.
Ineinander, auf und nieder,
Tanzt, der Brunnen rufts euch zu,
Was dem Adler sein Gefieder,
Sind dem Tänzer seine Schuh.
Was der Schwerpunkt kann vollführen,
Was das Lot der Welle taug?
Euch im Tanze zu berühren,
Blicket tiefer als das Aug.
Mädchen muß der Brunnen spucken
Einem Aug und einem Ohr,
Feuerstirnen sollen zucken
Und im Wasser tönt der Chor:
Alles ist dir zugeflossen
Und verlangt nach deinem Reif,
Darum flink und siegentschlossen
In die Brunnenfluten greif!

DAS UNBEKANNTE MÄDCHEN:
Tanzen wolln wir tanzen, tanzen,
Alles winkt dem Tanze zu,
Südwind haben wir im Ranzen,
Goldnes Korn im roten Schuh.
Als des Wassers Sprudelgeister,
Als Fontänen und Geperl,
Macht uns weis kein Weitgereister,
Daß der Born ein trüber Kerl.
Übermut und Lust zu necken,
", "Ist des Wassers Eigenart,
Keiner soll sich noch verstecken,
Der sich mit dem Feuchten paart.
Plätschern, prasseln, überschwemmen –
Woge bis zu mein, ich dein?
Durch das volle Haar zu kämmen,
Stimmt mich auf das Wiegen ein.
Wiederkehr im Schrei der Wiege
Ist des Weibes Wissenschaft,
Wo ich durch die Lüfte fliegt,
Fehlts dem Boden nicht an Haft.
Denn zur Krume und zum Keimen
Kehrt was kehren will und kann,
Rauscht der Regen in den Reimen,
Kommt es auf die Erde an.

EREC (zu Mabonagrin):
Der Hymnus ist gesungen, Streit und Suche
Sind bloß Gefolgschaft nach den Elementen,
Nicht dunkler Botschaft weigre dich und fluche,
Denn dunkel ist sie bloß dem Abgetrennten.
Wer aber eintritt in das Reich der Wasser,
Der faßt das Licht mit einem andern Glase,
Der Geist wird ihm zum Wildfang und zum Prasser,
Und Blumen stehn nicht länger in der Vase.
Ich bringe euch die Braut, die eure Augen
Nicht fassen konnten, eh der Staub gewaschen,
Sie hat das Salz, das Urgestein zu laugen,
Vermögt ihr mehr, als nur davon zu naschen.
Denn ein Zuviel ist nur bei Sucht gegeben,
Dieselbe ist ein Fliehn ins Nebeltrübe,
Wer aber jede Faser tränkt mit Leben,
", "Weiß, daß ihm nie ein Erdenmaß genüge.
Die Minne eint, was Geist und Streit versuchen,
Drum geht in ihr der Dichter mit dem Krieger,
Und wer nicht nur ein Stück begehrt vom Kuchen,
Der bleibt zuletzt auf allen Feldern Sieger.
Werwundert euch nicht, daß wie eine Grille
Ich eine andere Larve euch kredenze,
Zum Doktor macht den Heiler nicht die Brille,
Und Leichtigkeit erfinden nicht die Tänze.
Wer aber geht durch Träume und durch Rollen,
Begreift zuletzt, was ihm im Sieb geblieben,
Und wenn die Fraun uns wirklich lieben wollen,
So müssen sie das Eigentliche lieben.
Schauts, wie ich geh nach Haus in diesem Stücke
In neuem Anspruch, was die Zeit mir bringe,
Ich hoff, euch dients zu euerm eignen Glücke,
Und dem allein der Wunderbronnen singe.


Fünfte Szene.
Der Vorhang hebt sich. Während Erec von vorn in die Szene tritt, kommt Enite von hinten zwischen den Regalen hervor.
Artus, Guineneve, Erec, Enite, Iders.

EREC: Enite!

IDERS: ... ward vom Bücherbord gefressen.
Zogt ihr nicht aus, sie wieder heimzubringen?
Ach ja, ich Tor, da hab ich doch vergessen,
Nicht jeder Strauß muß euerm Arm gelingen.

EREC: Nicht als Panoptes hat dich Gott geschaffen,
", "Sonst hätt auch nicht verfangen manche Finte,
Ihr solltet ruhig mal nach hinten gaffen,
Nicht jede Weisheit offenbart die Tinte.
(zu Enite):
Enite sprich! Ich will sie wieder hören,
Die Vogelweisheit aller Nachtigallen,
Doch gräm dich nicht, wenn Flöten nicht betören
Den Wachen, der aus seinem Traum gefallen.

ENITE: Ich hätte gern euch passender gesprochen.
Jedoch, auf Artus' Pult das Bücherbabel
Steht vor dem Fall, gewaltig weggebrochen
Ist manchem Geist die herrlichste Parabel.
Versessen wie auf Honig ist die Biene,
Türmt groß auf klein und dick auf dünn der Gute,
Nun ist es nur noch kurz bis zur Lawine,
Dem Bücherfreund wirds dabei klamm zumute.
(Artus, der die Wechselrede nicht beachtet hat, legt ein weiteres Buch auf den Stapel, worauf der krachend zusammenbricht und die Bücher im Raume verstreut.)

GUINEVERE (von hinten):
O Artus, wärst du doch wie ich am Liegen,
Was unten liegt, das kann so tief nicht fallen.

IDERS:
Was hilfts, wenn sich im Fach die Balken biegen,
Die Bücherberge wuchern wie Korallen.

EREC (mit Enite am Aufsammeln):
So findet sich gleich Grund, zu zweit zu wirken,
Gemeinsam ist ein großes Ding ein Kleines.
", "ENITE: Dies war kein Wort aus tiefen Hirnbezirken,
Gemeinplatz heißt der Philosoph des Scheines.

EREC: Du hast vermutlich viel zu viel gelesen,
Unweiblich ists so klug sich zu vernehmen.

ENITE: Nach deiner Wahl Prozeßort ist gewesen,
Dies Schloß, das keins der allzusehr bequemen.

EREC: Du wirst am Ende immer recht behalten,
Es ist kein Weg, das Reden zu verdammen,
Doch was den Heißsporn trifft, versagt beim Kalten,
Wer wenig schießt, die Pfeile hält beisammen.

GUINEVERE (kommt, um Enite zu begrüßen, und stößt dabei gegen Artus Stapel, der erneut durch die Gegend poltert):
O weh! O weh! Nun werd ich meiner Rolle
Als Schirmerin der Sitte ganz verdächtig,
Daß dieser Stapel nochmals stürzen solle,
Beschloß ein Schrat, der für die Queen zu mächtig.

EREC: Wir sollten gehn. Sonst wird noch zur Klamotte
Das gute Stück mit seinen tiefen Sprüchen,
Die Spitzzung meint, eh man der Bücher spotte,
Wärn Frauen lieber eingesperrt in Küchen.
Auch will ich euch vertraun, wer dieses Schlosses
Papierne Möbel hat heineingetragen,
Ein Zauberer im Tempo des Geschosses
Die Bücher fuhr in einem Drachenwagen.
Der Ritter, der erst, wenn wir längst gestorben
Auf Taten sinnt, mit Namen Don Quijote
Hat vor der Fahrt manch altes Buch erworben,
", "Und als er heimkam, schief er tief wie Tote.
Dies nutzt der Zaubrer aus, mit einem Fluche
Flog alles in vergangene Geschichte,
Darum geschieht es uns, daß wir im Buche
Erfahrn, was erst zu tun ist für Berichte.
Man muß den Zaubrer freilich milde pönen,
Denn Rettung war sein Diebstahl den Folianten,
Von Weiberart, die abhold allem schönen,
Warn oder werden sein des Ritters Tanten.
Sie hatten als der Fluch fiel schon beschlossen,
Die Bücher sollten auf den Scheiterhaufen,
Und daß die Pergamente nicht verflossen,
Das danken wir dem grimmen Drachenschnaufen.

GUINEVERE: Im Gegensatz dazu, daß er belesen,
Bevor er loszog, um das Schwert zu heben,
Ist es bei euch ein Umkehrschluß gewesen,
Ihr kröntet mit dem Geisteswerk das Leben.

ENITE: Ich denk, sein Leben ist noch nicht am Ende,
Wir werden auf dem neuen Grund beginnen,
Wer zwiefach sich entledigt hat der Blende,
Braucht keinen vierten Akt sich zu besinnen.
(Zwei Regale schieben sich auseinander und ein breiter heller Sonnenstrahl dringt ein.)

ARTUS:
Es scheint mir wenig höflich, wenn wir weichen,
Und sahn den Hausherrn einzig in Geschichten,
Wir haben doch zu danken manches Zeichen,
Das hilfreich ist für die Regierungspflichten.
Auch frag ich mich, ob diese Wissensbürde,
", "Ob das Kartell aus Hoffen und Versuchen
Nicht unsern Beistand nötig brauchen würde,
Den Bücher-Harem läßt man nicht Eunuchen.
Wer sammelt, steckt sein Herzblut in Bestände,
Die solln sich nicht in alle Welt zerstreuen,
Drum niemand wasch in Unschuld seine Hände,
Dems leichter fiel, ein Angebot zu scheuen.
Die Mauern sind sehr alt und ausgebessert
Ward lange nichts, vielleicht sind die Finanzen
Des Hausherrn auch ein Salz, das man gewässert,
Vielleicht veruntreun alles Gut die Schranzen.
Man müßte neue Sicherheiten geben,
Daß nicht der Zauber, ders gebracht auch nähme,
Auch wünscht ich, daß Reichtum vieler Leben
Verwaltung, die verläßlich bleibt, bekäme.

EREC: Verlorn ist alles, was da treibt und brütet,
Auch Bücher müssen irgendwann zerfallen,
Den tiefern Sinn des ganzen Zaubers hütet,
Nur wer vermag den Wasserlauf zu ballen.
Kein Bauwerk, das nicht irgendwann geborsten,
Und keine Truhe, die vor Dieben sicher,
Das Ewige kann nur mit Flügeln horsten,
Die leichter als des Publikums Gekicher.
Treibt die Essenz zurück ins Lebensfrohe,
Entsteht ein neuer Stoff, ihn aufzuschreiben,
Drum ist allein Lebendiges die Lohe
Die Lohe der Vernichtung zu vertreiben.
Von Artus heißt es einst im hohen Tone,
Man schrieb von ihm, dies machte ihn nicht irre,
Das Buch ist nur ein Hornruf, daß es lohne,
Daß man die Zeichen wähl und wieder wirre.

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