Uwe Lammla ·  In den Isarauen


























 

 

 


 
 
























 

 

 


UWE LAMMLA




IN DEN
ISARAUEN











 
ARNSHAUGK

 

 


 

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ISBN 978-3-926370-60-0
© 2011 Arnshaugk Verlag
www.arnshaugk.de
Alle Rechte beim Autor
www.lammla.de
 

 

 


INHALT
Isar
Kindel
Flaucher
Wieland
Orwell-Jahr
Bücherstadt
Universität
Ockham
Schelling
Ritter
Baader
Creuzer
Görres
Nymphenburg
Alter Südfriedhof
Deutsches Museum
Feldherrnhalle
Im Atelier
Joghurt
Bauernfäule
Kirschblüte im Hof
Die Königin der Nacht
Böllerkrachen
Brummschädel
Hochzeitsspruch
Schöpfung
Philipps Tod
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Das Birgweibl von Schäftlarn
Von Ganthar und Nantwin
Judas von Einöd
Winzerer
Der Spuk von Lenggries
Geigerstein
Fall
Oswaldhütte
Scharfreuter









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»Komm in den totgesagten park und schau:
Der schimmer ferner lächelnder gestade,
Der reinen wolken unverhofftes blau,
Erhellt die weiher und die bunten pfade.

Dort nimm das tiefe gelb, das weiche grau
Von birken und von buchs, der wind ist lau,
Die späten rosen welkten noch nicht ganz,
Erlese, küsse sie und flicht den kranz.

Vergiss auch diese letzten astern nicht,
Den purpur um die ranken wilder reben,
Und auch was übrig blieb von grünem leben
Verwinde leicht im herbstlichen gesicht.«

 
GEORGE       

 

 
 

 

9


ISAR
Wohl mit Eisach, Isel, Oise
Ist verwandt, was Fließen meint,
Ruht das Auge auf der Schleuse,
Wo die Kraft gebändigt scheint,
Treiben doch Geäst und Stämme
Schlingernd in der Dämmerung,
In der Melodie der Dämme,
Ewig alt und ewig jung.

Aus den Gletschern, wo kristallen
Schweigen noch dem Adler taugt,
Bist du ins Gewürm gefallen,
Das an deinen Brüsten saugt,
Spielerin mit vielen Armen,
Tauchst du in dich selber ein,
Und beweist, das All-Erbarmen
Muß ein großes Wasser sein.

Denn im Fließen waltet Milde
Streng, doch niemals schroff und spitz,
Vor dem schlämmenden Gefilde
Ist die Weisheit Wahn und Witz,
Du vertraust, die Ohnmacht schaffe
Keinem länger Furcht und Scham,
Denn der Streiter mit der Waffe
Wird vor deinem Murmeln lahm.
 

 

10
Was im ganzen scheint der Friede,
Birgt in jedem Glied die Front,
So wie jeden Ton im Liede
Nur ein kurzer Strahl besonnt,
Treffen Glitzerspiel und Lachen
Nur den Schein von einer Haut,
Denn von ungezählten Wachen
Wird das Traumreich aufgebaut.

Wer durch dieses Tal gegangen,
Das du hegst und auch bedrohst,
Wird gewahr, daß er gefangen
Doch nicht ohne Heil und Trost,
Denn das Weib, das ihn zu tragen,
Kreuzt Gewohnheit, Maß und Sinn,
Hat er keine Macht zu fragen,
Doch es führt zum Vater hin.

Also sprichst du jedem Sohne,
Also füllst du allen Reim,
Aus dem Sonnenglast im Mohne
Führt allein das Fließen heim,
Was der erste Tag gesogen,
Trägt auch fort den morschen Kahn,
Zwischen Ufern walten Wogen,
Und das übrige ist Wahn.
 

 

11


KINDEL
Daß das Kindel einst ertrunken,
Ist vielleicht nur späte Mär,
Doch die Mauern, die hier prunken
Kommen aus den Zeiten her,
Wo allein die Macht der Sage,
Gab dem Siedeln Stand und Grund,
Darum stets mit Schaudern trage,
Was dir sagt der dunkle Mund.

Ehe unsre Hände schichten,
Stein und Balken, Wand und Dach,
Nisten Lieder und Geschichten
Prall gefüllt mit Ungemach.
Daß an jedem Anbeginne
Wacht ein Opfer in der Nacht,
Immer wieder neu besinne,
Denn auch du bist so gemacht.

In dem Wappen streckt die Hände,
Hier zum Segen, da zum Eid,
Jener, der Beginn und Ende
Stiftet eine Zwischenzeit,
Kuttenträger, Gold-gerändert,
Nach dem Alten Reich gefärbt,
Wird von manchem Aug verändert,
Das die frühen Zeichen erbt.
 

 

12
Nach Geschmack zur Maid, zum Knaben,
Doch verjüngt bald mehr und mehr,
Ward das Goldkreuz auf dem Raben
Nicht mehr wuchtig oder schwer,
Trocken unter Sparrn und Schindel,
Dachten Maler und Poet
Sich den Wappenmönch als Kindel,
Das im Fluß zugrunde geht.

Dies historisch zu verlachen,
Steht nicht an dem jungen Gast,
Doch es scheint, die besten Sachen
Hat er gleichwohl doch verpaßt,
Von der Stadt ging aus ein Leuchten,
Dies mag so gewesen sein,
Aber die den Glanz verscheuchten,
Treiben heut die Miete ein.

Also halt dich an die Spuren
Nach der Kindelzeit der Stadt,
Als hier noch die Droschken fuhren
Und der Markt noch nicht so glatt,
Wo sich Poesie verflüchtigt,
Schärf die Liebe sich das Aug,
Daß Verlornes dich ertüchtigt
Und zu neuem Glanze taug.
 

 

13


FLAUCHER
Wo manch Stadtbach seine Fluten
Zweigte vom Karwendelstrom,
Dem die Wehre zuzumuten,
Daß er zähm sein Wildarom,
Warn schon früh die Kieselbänke
Städtern froh zum Schlendrian,
Daß schon bald die erste Schänke
Zapfte Gerstensaft vom Hahn.

Zwischen Steg und Brudermühle
Schrittst du schon im ersten Jahr
In des Flusses Fächelkühle,
Daß der Geist dir froh und klar
Sage, was für ein Bewenden
Es mit dieser Bleibe hab,
Und du wirst den Kreis beenden,
Wo dir Wald die Muße gab.

Ungeduld im letzten Winter
Riet dir: Geh und wend dich nicht,
Doch du kommst gemach dahinter,
Daß da wohl noch eine Pflicht
Sei die deine, eh du kehrest,
Wo da Ilm und Saale sprühn,
Daß im Reim die Isar ehrest,
Sollst du dich ein Weilchen mühn.
 

 

14
Ein Exil ists wohl gewesen,
Doch in keiner Wüstenei,
Was Jahrzehnte aufgelesen,
Wuchs zum Schatz so nebenbei,
Also soll zusammenbinden
Eine kleine Bibliothek,
Was da kam mit Münchner Kinden
Zwischen Mühl und Flauchersteg.

Wieder suchst du Wehr und Flaucher,
Wo der Juni dich verbrennt,
Jungborn für den Untertaucher
Und das Lebenselement,
Wo der Fluß in Schlangenwegen
Deine ruft und deine kreuzt,
Wirst du Vers-Patiencen legen,
Eh du dann zum Abschied läutst.
 

 

15


WIELAND
Ob du streifst in Isarauen
Oder singst im Saaleknie,
Die Geduld, dein Haus zu bauen,
Gönnt der Zeitengeist dir nie,
Doch du solltest nicht verzagen
Ob der Schmäh in A und O,
Denn erzählt wird in den Sagen,
Daß dies war schon immer so.

Nennt man Schmarrn und eitle Schrullen,
Was dir zeugt in Fach und Spind,
Ist dies kleidsam all den Nullen,
Die hier tonangebend sind,
Daß nicht Mangel führ zum Kerker
Sondern Reichtum und Talent,
Spürt mit jeder Strophe stärker,
Wer die Heldenchronik kennt.

Wieland, Sohn dem Riesenblute,
Was da heißt, von fremdem Lehn,
Sollt, daß Schmiedkunst frön dem Mute,
Meister Mimirs Lehr bestehn,
Da im Lehrstand er der zweite,
Wo ihn Sigurd gern verdrosch,
Wunderts kaum, daß in dem Streite
Mählich die Geduld erlosch.
 

 

16
Also ging er zu den Zwergen,
Die für die Metall-Magie
Sind berühmt in Balver Bergen,
Wo manch Heidenschwert gedieh,
Doch auch dort verfügen Neider,
Daß zum Käfig werd die Haft,
Und schon bald der Schlackenscheider
Müht zur Flucht die Geisteskraft.

Darum staunt schon bald der Leser,
Wie er sich der Welle mählt,
Auf dem Einbaum folgt der Weser
Und als Bleibe Jütland wählt,
Namlos dient er König Nidung
Wie ein Knab als Schenke Weins,
Weicht das Schicksal der Befriedung,
Hat der Flüchtling lieber keins.

Der Verlust von einer Klinge
Zwingt ihn, daß er sie ersetz,
Und der Herr durchschaut die Dinge,
Daß ihn fängt das eigne Netz,
Denn das Messer, ihm gelungen,
Schneidet nicht nur Fleisch und Fisch,
Durch den Teller ists gedrungen
Und gespalten ist der Tisch.

Solche unerhörte Güte
Macht den Neid des Hofschmieds bös –
Wer von edlerem Geblüte,
Wer da fall und wer sich lös,
 

 

17
Streit entscheid auf Leib und Leben!
Doch der Helm des Königsschmieds,
Scheint wie Butter nachzugeben,
Denn so lautlos leicht geschiehts.

Mimung heißt das Schwert, dem Lehrer
Ehre und in jeder Hand
Schreckensmacht und Schreckens Mehrer,
Daß da singt das ganze Land,
Wieland heißt es Fron und Bürde,
Erdenschwere und Gewalt,
Und verstümmelt, hofft man, würde
Er gezähmt am Hofe alt.

Doch er zeugt sich seinen Erben,
Und er steigt im Filigran,
Das die Tumben, die nur kerben,
Niemals selbst im Traume sahn,
Durch den Nordwind, klamm und eisig,
Fliegt, gescheitelt in Karmin,
Wieland wie der Birkenzeisig,
Um dem Kleingeist zu entfliehn.

Wem die Sehnen durchgeschnitten,
Muß das Herz zum Flug empörn,
Wer als Bürger nicht gelitten,
Muß das Wolkenmeer betörn,
Also rüste dich zum Fluge
Über all dem eklen Schleim,
Denn du kommst hier nicht zum Zuge,
Höchstens himmelhin und heim.
 

 

18


ORWELL-JAHR
Zur Zeit, als ich nach München reiste,
Buchhändlern galt als Werbemittel
Das Buch, das jenes Jahr als Titel,
Und ausverkauft war bald das meiste.

Wer meint, er sei vorm Has der Igel,
Las eine Handlung hinterm Zaune,
Ein Mehr an Ernst verdirbt die Laune –
Und wessen Stolz mag solche Spiegel?

Dann fiel der Renner mit dem Jahre,
Ich las den Schrecken erst viel später,
Als tot schon unsrer Eltern Väter
Und Glatzen galten mehr als Haare.

Die Mode hobs, die Mode fegte
Das Werk des Briten aus den Fenstern,
Und Narretein von frechen Wänstern
Warns nun, was alle Welt bewegte.

Jedoch die Lüge ohne Gnade,
Die dieses Buch so trefflich schildert,
Hat unbefochten fortgewildert
Und ist sich keiner Zeit zu schade.

Wird was geglaubt, wo Kinder lachen,
Mut Dickres zu den Zeitungsfressern,
Beim Poker paßt nicht zu drei Ässern
Die Scham, ein viertes vorzumachen.
 

 

19
Kein Kostverächter ist die Lüge,
Drum öffnet sie die Rattenlöcher,
Wer Pfeile zählt in ihrem Köcher,
Den trifft von überall die Rüge.

Denn alle, die da Dreck am Stecken,
Sie schätzen Masken und Geplänkel,
Wer sagt, dies geh ihm auf den Senkel,
Wird ausgelacht als Pockenflecken.

Doch die da schwatzend Taten äffen
Und jammern über Floh und Mücke,
Die wird der Grund zu ihrem Glücke
Im Liebesministerium treffen.
 

 

20


BÜCHERSTADT
München rühmt sich seiner Dichter
Manchem, dens nach hier verschlug,
Mischten Gaslaternenlichter
Falterglanz und Falkenflug,
Unterm Fön der heitern Sinne,
Gerstenräuschen dämmerstunds,
Polemos und auch Frau Minne
Freuten sich des Bardenmunds.

Daß ich auch dahin gezogen,
Fiel in Jena einst das Wort,
Ich war jeder Wahl gewogen,
Denn ich wollte nichts als fort.
Dieser Platz war nah gelegen
An Italiens Wunderaun,
Und mir schien es Heil und Segen,
Dorthin oft und leicht zu schaun.

Palmengrün an der Riviera
Wohnte nah verwandt Marie,
Mein Bezirk, benannt nach Gera,
Kannte nichts als Industrie,
Daß man holder dürfe träumen,
Schien mir klar und ausgemacht,
An des Mittelmeeres Säumen,
Die schon Goethes Aug gelacht.
 

 

21
Meiner Oma Schwester machte
Eine Kreuzfahrt im Azur,
Als noch Glück in Schlesien lachte,
Und wer konnte, ging auf Tour,
Und sie fand die große Liebe
Und im Kapitän die Wahl,
Daß sie wußte, wenn sie bliebe,
Misse sie nicht Rübezahl.

In Kleindeutschland sehr beneidet,
War sie prinzlich uns und Fee,
Sicher schiens, daß niemand scheidet
Von der traumhaft blauen See,
Und ein Foto von der Wohnung,
Wo zum Greifen nah der Strand,
Sprach von glücklichster Belohnung
Jedem, der die Freiheit fand.

Also in die Isarauen
Ging ich, leid das Regiment,
Daß ein eignes Glück zu bauen
Nur bestimmte Muster kennt,
Hier sollt mir das Auge leuchten,
Und sich ründen Werk und Reim,
Und ich schwärmt von Lebensfeuchten
Und vom selbstgeschaffnen Heim.

Als ich für die Sperranlagen
Hatte Visum und Billett,
Dachte ich nach wüstem Wagen
Wärs nicht schwer zu Dach und Bett,
 

 

22
Die Behörden freilich dachten,
Mancher Umweg sei da not,
Eh die Münchner Kindln lachten,
Gaben Main und Donau Brot.

Büchernarr war ich seit Jahren,
Und im Mangelstaate mußt
Mich das Wunderland der Waren
Mächtig ziehn mit Bücherlust.
Doch die erste Bücherstube
Frankfurts, vollgestopft und bunt,
Macht mein Herz zur Mördergrube,
Angewidert von dem Schund.

Dann schon Gießen bracht die Wende,
Und als Straubings Antiquar
Zeigte Georg Bondi-Bände,
Ich schon recht versöhnet war,
Doch gesprengt warn erst die Maße,
Als sei Opium mir geträuft,
Als ich sah die Schellingstraße
Und was dorten angehäuft.

Nirgends sah ich vollre Waben
Als ich Münchens Büchermeil,
Die Großherzog Ernst-Ausgaben
Bot man schon im Fenster feil,
Kaum hatt ich die ersten Märker,
Schleppte ich da Zentner fort,
Jede Nische, jeden Erker
Zierte bald ein Bücherbord.
 

 

23
Später fing ich an zu drucken,
Dann zu schreiben eignen Text,
Manche Kröte war zu schlucken,
Weil die Bücher mich behext,
So ward mir Italien weiter
Als dem Kindskopf, der da frei,
Und mir ward die Jakobsleiter
Eine große Bücherei.

Schwer beladen kommt nach Hause,
Wer durch ein Exil gereift,
Weil die Stirn, die mählich krause,
Dies nicht mehr als Ziel begreift,
Bücher sollten mir vertrauen,
Wo der Himmel wahrhaft blau,
Um den Eridan zu schauen,
Kehrte ich ins Orlagau.
 

 

24


UNIVERSITÄT
Ich kam nach München zu studiern
Plotin, Cusanus, Leibniz, Hobbes,
Es hieß, so Jahre zu verliern,
Sei etwas für die reichen Snobs.

Hältst dus mit Kant und Heraklit,
So ist die Pleite dir gewiß,
Mach lieber Unternehmen fit
Und bohr den Leuten im Gebiß.

Banausisch schalt ich solchen Rat,
Doch als ich kam ins Seminar,
Fand ich die Bude derart fad,
Das wohl was dran am Zweifel war.

Ich hab gekratzt und hab gekeucht,
Doch akademisch wurd es nix.
Die Mutter meinte arg enttäuscht,
Ein Doktor sei der Schick des Schicks.

Wenn ich mich über Wasser halt
Mit Handel und profanem Zeug,
So sag ich freilich jung und alt,
Daß ich mich keinem Rektor beug.

Denn den Betrieb, wo jener glänzt,
Der nie vergißt, wer reicht das Brot,
Hab ich schon immer gern geschwänzt,
Und werds so halten bis zum Tod.
 

 

25


OCKHAM
Ein Straßenschild erinnert an
Den Franziskanerdenker,
Der Kaisers Huld und Schirm gewann
Im Avignon der Henker.

Daß er der Nominalen Haupt,
Muß uns als Irrtum gelten,
Er hat wohl an Ideen geglaubt,
Doch nicht in Außenwelten.

Auch daß er Entitäten spart,
Gleicht nicht den Reduktionen
Des Volks, das nach dem Backenbart
Den Scheitel will nicht schonen.

Im Armutstreite schrieb er scharf
Zum Zorn der Purpurkutten,
Daß er als Ahnherr gelten darf
Für Luther und für Hutten.

Mit dem des Kaisers sank sein Stern,
Er floh ins Unsichtbare,
Denn wer im Herzen trägt den Herrn,
Fragt nicht, was ihn bewahre.
 

 

26


SCHELLING
Der Philosoph war fruchtbar vielen Plätzen,
Unähnlich waren Anfang ihm und Ende,
Verschiedne Ströme seine Schriften schätzen
Und ebenviele ihm ein Denkmal setzen,
Die Isar brachte seinem Sinn die Wende.

Die Ära, wo in schwindelnden Systemen,
Die Geister suchten Sinn und Welt zu fassen,
Sah manchen Hang zum Allzu-Angenehmen,
Doch Brüche auch, die Harmonie verfemen,
Bis hin zu Quellen, wo die Jünger hassen.

Mir fiel ein Frühwerk jung schon in die Hände,
Das Nachwort warnte vor dem spätern Dunkel,
Ein Licht der Freiheit dieser Aufbruch spende,
Bis dann Vergreisung oder Todfurcht blende,
Zu wenden sich ins mystische Gemunkel.

Der Glaube freilich taugt nicht zum Dozieren,
Drum ward, was später in Berlin gelesen,
Nicht der Erfolg, nach dem Studenten gieren.
Es mußte nach der Hegelei verlieren,
Was an der Isar heimischer gewesen.

Hier traf er sich mit Creuzer, Baader, Ritter,
Hier spürte leiblich man den Welterschaffer,
Hier sprach man von der Frömmigkeit nicht bitter,
Und die Erleuchtung war kein Herbstgewitter,
Und die Verehrung war nicht nur Metapher.
 

 

27
Ob seine Schriften mit der Reife klarer,
Wohl unparteiisch kaum ist zu entscheiden,
Doch sicher gilt mir, daß ein Wort nicht wahrer
Durch Beifall wird recht vieler Bildungsfahrer,
Und falscher nicht, weil keiner mag es leiden.

Seit Schüler, Prinz von Bayern, hat ihm später
Als König manche Ehrung ausgesonnen,
Der Stil der Herrschaft hatte viele Väter,
Doch daß der Weise sprech zu einem Täter,
Hat Platon einst die Tradition begonnen.

Drum soll man Schellings Müh in München achten,
Auch wenn nur Hörsäl sind Gelehrten wichtig,
Was Maximiliens leise Schritte brachten,
War angezeigt, zu bremsen das Umnachten,
Das bald darauf in Deutschland einzig richtig.
 

 

28


RITTER
Ritter sei Ritter, wir aber nur Knappen,
Schrieb einst Novalis die Apologie,
Wo die Gelehrten im Schummerlicht tappen,
Wird nur des Vorhangs Erhabenheit kappen,
Wem das Natürliche ganz Poesie.

Niemand hat mehr mit dem trunknen Gefühle
Forschend genaue Naturschau verquickt,
Als der Verächter der thronenden Stühle,
Der sich studierend so fern vom Gewühle
Gläubig begeistert zum Selbstversuch schickt.

Daß das Galvanische Stoff der Epoche,
Streitet nicht, wer das Jahrzehnt überschaut,
Daß das Gesichtslose Sichtbares koche,
Daß sich die Kraft überlasse dem Loche,
Aber an heimlichen Ordnungen baut.

Schlesien hat nicht allein Dichter gezogen,
Auch dieser physicus Liegnitz entsprang,
Doch wer den Schmieden des Geist nicht gewogen,
Gilt nur als Scharlatan, dumm und verlogen,
Weil ja die Weisheit ein Haus hat schon lang.

Viele in Thüringen schätzen den Jungen,
Aber den Schwärmern wird nirgends Gehör,
Wo man vom Standesbewußtsein durchdrungen
Ungeprüft nachschwatzt den bösesten Zungen,
Daß dieser Kindskopf nur Narren betör.
 

 

29
Gleichwohl ist Ritter mit Grotthuß der frühste
Gründer der Lehr der Elektrochemie,
Wasser zerspaltet in Gase kein Myste,
Und das Gesetz, das dann Volta begrüßte,
Vorher schon lange bei Ritter gedieh.

Auch seine Säule, die Ladungen scheidet,
Rekelt als Akku sich später so fett,
Zu den Spektralfarben Weißlicht er scheidet,
Und er erkennt, was das Auge vermeidet,
Nämlich ein Ultra am Randviolett.

Selten war einer so groß im Erwachen,
Aber in Jena rümpft Nasen man nur,
Endlich im Bayrischen läßt man ihn machen,
Doch er verliert sich in wabernde Sachen,
Als er am dritten Platz sucht seine Spur.

Daß er zuletzt an dem Wünschelstab klebte,
Heißt doch nicht, daß er nichts andres gekonnt,
Reichestes Schrifttum hier Dunstschleier webte –
Konnt dran vobeigehn, wer neugierig lebte,
Wissen, er werde nicht lang mehr besonnt?

Wer der Natur ist im Herzen gewogen,
Fragt nicht, ob anerkannt ist die Method.
Heimatlos ist er durch Deutschland gezogen,
Und in der Jugend zum Himmel entflogen,
Und die Vergreisung hat nie ihn bedroht.
 

 

30


BAADER
Erst suchte er in Ingolstadt
Die Medizin und die Natur,
Doch was man ihm geboten hat,
Schien ihm ein erster Anfang nur.

Chemie und Mineralienschau
Warn ihm Berufung und Passion,
Was man im Berg mit Freunde hau,
Gab Freiberg seiner Zeit den Ton.

Die hohe Schul genügte nicht,
In Schottland und in England sah
Er manche Hütt, doch die Geschicht
Nicht enden wollte hie und da.

Glasschmelzer dann in Lambach, wo
Erfolg sich zeigt und Geldgewinn,
Jedoch sein Genius war nicht so,
Daß solches Glück der letzte Sinn.

Den Schelling er in Hamburg trifft,
Doch Jacob Böhme gab das Wort,
Daß jenen, der die Welt durchschifft,
Tief spüren ließ den eignen Ort.

Daß München ward ein Musenhort,
Hat er geringen Anteil nicht,
Dabei ging er mit hartem Wort
Auch mit Verirrung ins Gericht.
 

 

31


CREUZER
Wenn du besingst wie Goethes Welt
Nach Süden strahlte, nicht vergiß
Den Heidelberger, dem erhellt
Vom Orient schien die Finsternis.

Homers Gesäng und auch Hesiods
Warn ihm ein Abglanz frühern Golds,
Des innigeren Anschaun Gotts,
Grad wie ein Trieb zum Ast verholz.

Mit Fleiß, der heute unbekannt,
Fand bienenweis er Material,
Wer sich verirrt in seinem Land,
Weiß sich beschenkt doch allemal.

Der Mythos, den man lange mied,
Fand neu Beachtung auch durch ihn,
Wenn man die großen Mühen sieht,
Wird manches was versäumt verziehn.

Nach München er nur einmal kam,
Doch seine Schriften wurden dort
Studiert so sehr, daß man den Nam
Empfand, als sei er just am Ort.
 

 

32


GÖRRES
Als München sog die deutschen Geister,
Kam Görres auch ins Bayernland,
Er hatte sich bei manchem Meister
Schon beide Hände arg verbrannt,
Jedoch die Kirche, die vergeben
Dem Sünder will, ihm Heimat bot,
Als sich im händelreichen Leben
Gezeigt ein erstes Abendrot.

Mit zwanzig schrieb er die Postille
Das rote Blatt, ein Manifest,
Wo Unmut zeigt sich deutscher Stille,
Die mit Gewalt sich ändern läßt,
In Frankreich sein die Philosophen
Nicht länger die Statisten bloß,
Drum lautet der Refrain der Strophen,
Der Deutsche braucht das gleiche Los.

Doch sein Besuch bei den Parisern
Hat diese Stimmung arg getrübt,
Es schien, als warens doch die miesern,
Die frisch ihr Studium ausgeübt,
Die Willkür und der nackte Schrecken
Warn einfach nicht zu übersehn,
So scheints, daß mit den hehren Zwecken
Nicht immer hehre Mittel gehn.
 

 

33
So wechselt er zu Stein und Blücher,
Zwar nicht mehr welsch, doch radikal,
Ganz Deutschland braucht dieselben Tücher,
Und aller Geist ist national,
Freimaurer ist nun dieser Streiter,
Und großdeutsch muß die Zukunft sein,
Und er singt seine Losung weiter,
Als kaum ein Jünger stimmt mehr ein.

Ein Schulfreund warnt ihn vor dem Kerker,
Er flieht nach Straßburg, wo allein
Er nun sich trennt von dem Berserker,
Der wollt der klügste Deutsche sein,
Doch als er drauf am Isarufer
Spürt festen Boden unterm Schritt,
Erwacht erneut der Wüstenrufer
Und singt im neuen Liedlein mit.

Sieh ihn und sonst Politkatholen
Stets als enttäuschte Linke an!
Er will das Reich vom Himmel holen,
Der Preuß ist nun ein Teufelsmann.
Mag manches, was er sagt, gefallen,
So schmäht er doch den bösen Feind,
Weil der ihn nicht hofiert vor allen
Und vieles leider anders meint.
 

 

34


NYMPHENBURG
Manch Tag und manche Stunde trank
Ich hier die Landschaft inszeniert,
Wo sich der Lärm und Stadtgestank
In Brunnen und Alleen verliert,
Hier liebte ich auf Gras und Bank,
Hier säumt im sonnigen Geviert
Der Rose duftendes Gerank
Pans Volk, das weiße Sockel ziert.

Die Auffahrt stimmt den Pilger ein,
Der träumt und schlendert am Kanal,
Hier gibts kein Drängeln und kein Schrein,
Stehn Nymphen auch in großer Zahl,
Die Würm bringt Mut und Frischluft rein,
Sie bannt mit Gleichmut Sorgenqual
Und sagt mir stets: So soll es sein,
Und sagte es mir tausendmal.

An der Kaskade, die den Park
Grad wie der Steiß den Menschen teilt,
Hab ich mal traurig und mal stark
Doch niemals ohne Trost geweilt,
Kraft, die das Dämmerbrack verbarg,
Treppab mit Sprühn und Tollheit eilt,
Und schwankten die Geschäfte arg,
Ward hier das Aug vom Wahn geheilt.
 

 

35
Die Ströme, die das Bayernland
Bemessen, sind Skulpuren hier,
Das Wasser, das mein Anschaun bannt
Grad wie den Äskulap das Tier,
Es bricht sich wild am Marmorrand,
Und sprengt sich das Gehäuse schier,
Doch sorgte kühn des Künstlers Hand,
Der Puls bleib dieser Einheit Zier.

Schau die Pagoden, Tempel, Wald,
Zum Wasser kehr ich doch zurück,
Nicht ruhts und wird doch niemals alt,
Drum ists mein eigentliches Glück,
Es ist im heißen Sommer kalt
Und winters zeigts ein grünes Stück,
Es gibt dem Herzen Mut und Halt,
Daß nichts den Herrn des Lebens bück.

Drum ists der Gärten Seelenstrang,
Es fließt und ruht und fällt und flieht,
Ihm ist vor keiner Zukunft bang,
Es meidet keines Feinds Gebiet,
Drum komm ich her, ich suchte lang,
Obgleich ich weiß, was hier geschieht,
Hier wird die Summe dem Gesang,
Drum bleibe stumm mein leichtes Lied.
 

 

36


ALTER SÜDFRIEDHOF
Als Pestfriedhof einst vor der Stadt
Mit achtzig Jahren Einzigkeit,
Berühmtes viel zu bieten hat
Der Acker aus der alten Zeit.

Das Denkmal für die Blutweihnacht
Zu Sendling sollt ein Löwe sein,
Als Brunnenwannung wurds gemacht,
Als Ludwig schmolz Kanonen ein.

Dies gab dem Band von Volk und Kron
Die Kraft, die hundert Jahre lacht,
Noch heut hätt gern manch Bayernsohn
Die Wittelsbacher an der Macht.

Die Gruftarkaden folgen streng
Dem Meister, der Bologna sah,
Hier gehts nicht weithin und nicht eng,
Und mancher Name geht dir nah.

Hier ruht sich Franz von Baader aus,
Auch Gärtner, Görres, Liebig, Schwind,
Schwanthaler fand sein letzten Haus,
Wo Klenze auch und Spitzweg sind.

Die Kunst, der hoch Bavaria wacht,
Und der Poet, der arm und froh,
Ich wünscht, in dieser Weltennacht
Gäb sich das Münchner Kindl so.
 

 

37
Wenn Dietl ihr im Schumanns trefft
Wie Angie und den Tennisstar,
Ist gut katholisch nurs Geschäft
Und tot, was einmal München war.

Drum wenn ich durch den Friedhof lauf,
Mir Freude der Gedanke gab,
Hier stünd die alte Garde auf,
Und Schickimicki sänk ins Grab.
 

 

38


DEUTSCHES MUSEUM
Dem Händler ist das Buch kein Ding,
Das einzig Geist und guter Ton,
Denn daß ihm der Verkauf geling,
Brauchts Propaganda vorher schon,
Weshalb sich leicht erklären läßt,
Daß Unternehmer dieser Gild,
Auf einen, der von Ost nach West
Grad wechselt, nicht besonders wild.

Nur wer in einer Nische webt,
Daß Noten fehlt die Relevanz,
Nicht solcherweis am Dogma klebt,
Wenn er bedenkt: Wer wills, wer kanns?
So brachte mich die Reaktion
In unbeholfnem Wo und Wie
Zur Knechtschaft unter Brotes Lohn
Beim Gral von Stahl und Industrie.

Die Hallen hätt ich sicher nie
Betreten ohne solche Not,
Doch war es keine Perfidie,
Daß sich mir solche Einsicht bot.
Das Reifen und das Abschiedsleid,
Kein andrer Ort so deutlich zeigt,
Weil sonst der Technik Sterblichkeit
Die Außenwelt uns gern verschweigt.
 

 

39
Im Jahre, eh ich damals kam,
Ein Brand zerstörte manchen Raum,
Daß man nicht auf das Thema kam,
Gabs Wochen oder Tage kaum,
Heut steht der Brand im Lexikon
Mit vagem Zeug zu Schuld und Grund,
Als wär bekannt kein Wort davon,
Drum tu ich, was ich hörte, kund.

Es war in jenen Zeiten Brauch,
Die letzte Stunde vor der Nacht
Sei kostenfrei, ein leerer Bauch
Hat damals sich wohl aufgemacht,
Wo Winkel Regel, Klötze dicht,
Ein Bergwerk gar mit finsterm Schacht,
Da braucht man viel Erfahrung nicht,
Daß ein Versteck sei ausgemacht.

Man schloß den Hungerleider ein,
Befriedigt, daß der Abend frei,
Der fand die Segelschiffe fein
Und eine Hängematte frei,
Die ähnelte in sanftem Spiel
Nicht Gehsteig oder Heizungschacht,
Daß ihm die Pfeifenglut entfiel,
Hat er bemerkt nicht, noch bedacht.

In ausdörrten Planken glomm
Der Tabak fort und steckte an.
Heißts nicht, wer schläft, der bleibe fromm?
Oft schärfer rochs dem Wandersmann.
 

 

40
Wann es ihn brenzlig überkam,
Und er, der doch am Leben hing,
Reißaus durchs nächste Schlupfloch nahm,
Mir damals nicht zu Ohren ging.

Man hat ihn sicher bald geschnappt,
Denn er entbehrte großen Geists.
Wer arm ist, in die Falle tappt,
Die üblichen Verdächtgen heißts.
Doch hegt das Amt das Protokoll
Des Schluckers, den der Teufel ritt,
Weil kein Besucher wissen soll,
Warum ein Mensch dies Haus betritt.

Dies war grad wie die Bundesbahn,
Die so am Schmuddelimage litt –
Wie furchtbar, als gekräht kein Hahn,
Jetzt denkt Bewegungsmelder mit!
Ehs ganz zur Rumpelkammer werd,
Wird das Museum aufgeräumt,
Nicht die Historie ist der Wert,
Hier funkle, was man heute träumt!

So gings in jenen Jahren fort.
Ein Brand kommt stets zur rechten Zeit.
Da brauchts nicht den Tyrannenmord,
Die Laren habens selbst entweiht.
Stand einstens hier die Eisenbahn,
So kam schon bald das Hologramm,
Und immer rascher wird getan,
Daß hinterm Zweig verfalb der Stamm.
 

 

41
So war mein Chef, der noch sozial
Gedacht, bald Altlast, Zopf und Mief,
Dann bläst die Börse zum Fanal,
Hängt ohne Geld der Segen schief.
Kein weitrer machte es so lang
Wie der, dem dies war Jugendtraum,
Man hörte schon den Abgesang,
Wenn auf dem Sekt sich legt der Schaum.

Ich war vier Jahre in dem Haus,
Und als ich ging für Nimmermehr,
Gabs keine Katz und keine Maus
Von einstens, als ich kam daher.
So war das Schloß von Erz und Stahl
Lang ein Relikt der Kaiserzeit,
Doch was geschont so manches Mal,
Dem stand der Henker längst bereit.
 

 

42


FELDHERRNHALLE
Sie war für meine Großmama
Das tollste, als sie mich besucht,
Einst in der Schul warn Bilder da,
Doch daß man dies mit Augen sah,
Für Leute galt, die gut betucht.

Wenn etwas mich am Bayernland
Beseligt hat, dann war es dies:
Daß ich sie, was Triumph und Schand
Im Buch und an der Tafel stand,
Noch vor dem Tode sehen ließ.

Hier fielen Schüsse, spritzte Blut.
Jetzt spielt ein Geiger Mozart vor.
Er spielt die Weise hell und gut,
Nicht allzu üppig ist sein Hut,
Doch keiner hat dafür ein Ohr.

Hier leuchtet sonst nur, was Verkehr
Zu regeln wurde aufgestellt,
Doch Omas Augen leuchten mehr
Und stellen die Verbindung her
Zu einer fast erloschnen Welt.

Da ists, wenn ich die Augen schließ,
Der Geiger ist schon fast am End,
Mir so, als ob da einer schieß,
Und sich nicht recht erkennen ließ,
Welch Deutschland welches überrennt.
 

 

43


IM ATELIER
Mein U-Boot, sagt der Meister stolz,
Und zeigt Patronen aus der Schlacht,
Wer hier Modell, steht nicht auf Holz,
Doch dafür wie aus Holz gemacht.

Die Wände zeigen Kleinskulpturn,
Dazwischen Wuchtiges in Ton,
Hier gibt es keine Kuckucksuhrn
Und keinen Krug mit dunklem Mohn.

Der Polyphem, der gleich dich frißt,
Steht wie ein Wächter an der Tür,
Und wenn die Hand am Zittern ist,
Kann das Modell doch nichts dafür.

Zwei Luken zeigen die Allee,
Und Schuhe, wer vorüberstieg,
Die Wände, weiß wie frischer Schnee,
Bevölkert sind von Mord und Krieg.

Es rekelt sich zwar manche Brust,
Doch die gehört wohl Helena,
Die Lust vor einer andern Lust,
Und Eros als des Krieges A.

Vielleicht ist dies ein Krampf im Hirn?
Ich bin doch gar kein Pazifist!
Der Meister gräbt in meine Stirn
Den Gram, der mir gewachsen ist.
 

 

44


JOGHURT
Als das Bismarck-Reich sich feist
Lehnte nach der Aufbauzeit,
Wähnte man sich weitgereist,
Wenn man sog im Zeitungsgeist
Aus der Ferne Freud und Leid.

Der Bazillus der Bulgarn
Gut als Lebenslängrer sei,
Jene hochbetagten Scharn,
Sprach ein Untertan des Zarn,
Folge sein der Molkerei.

Joghurt hieß das Zauberwort,
Saure Milch nicht Hexenwerk,
Wenn sie ganz gezielt verdorrt
Und begegnet English sport,
Kommt der Zartste übern Berg.

Also schlürft der Deutsche Brei,
Erst mit Fett und schließlich schal,
Und der Mythos, einmal frei,
Daß er unentbehrlich sei,
Zeigt ein jedes Kühlregal.

Fruchtig, nussig, mit Vanill
Zahnlos schlabbern ungepönt.
Füg dich dem Gesundheitsdrill,
Denn was wohl der Teufel will,
Weiß allein, wer drüber höhnt.
 

 

45


BAUERNFÄULE
Ist der Baur ein fauler Hund,
Dann verkauft er Vieh und Grund.
Ist bebaut das flache Land,
Nährt das Volk der Spekulant.

Ist der Baur ein fauler Sack,
Kauft die Magd sich Nagellack.
Gabs einst Kuh- und Schweinedreck,
Ist das Übelriechen weg.

Ist der Baur ein faules Stück,
Heißt sein Vorbild Hans im Glück.
Gibts beim Bauern nichts zu kaun,
Mußt Obama du vertraun.
 

 

46


KIRSCHBLÜTE IM HOF
In der Isarvorstadt bleibt
Hoher Mittag fürs Gemüt
Jedem, der Gedichte schreibt,
Wenn im Hof der Kirschbaum blüht.

Zarte Frist, die rasch verraucht,
Der Japaner liebt das Fest,
Das ins holde Duften taucht
Und den Reiswein fließen läßt.

Auch bei Tschechow glüht der Schmerz
Aus dem Garten von Rosé,
Weht der Frühlingswind ins Herz,
Spricht der Rosenblust Ade.

Pralle Frucht, die frisch und süß
Uns befleckt mit Loderrot,
Reift, daß der Verlaßne grüß,
Was April als Wunder bot.

Doch des Wunders höchsten Rang
Birgt sein Wiederkehrn, wie nur
Sonnenauf- und Untergang
Gehn durch Ocker und Azur.
 

 

47


DIE KÖNIGIN DER NACHT
Um das Holz der Gitterstäbe
Schlängelt sich der Epiphyt,
Daß er sich die Blüte gäbe,
Wird der Ofen wohl bemüht.

Aus den Gluten der Kariben
Kam der Pflegling ins Labor,
Sieben Jahre stumm geblieben,
Treibt er schlanke Sprosse vor.

Aus den Kanten-Areolen
Wächst nur Haar, das bald ergraut,
Daß der Strauch nicht leicht bestohlen,
Stechen Nadeln aus der Haut.

Dann zur Nacht kommt jäh die Stunde,
Wo die Blüte sich entpuppt,
Bis die Offenbarungswunde
Rasch verfahlt und hart verschuppt.

Groß und duftend nach Vanille,
Gelb-orange und innen weiß,
Sternstund und Gestaltungswille
Geben ihr Geheimnis preis.

Splitter-Kranz und güldne Krone,
Daß vor Glück ich trunken bin:
Dies Geblüh stellt zweifelsohne
Jeder Nacht die Königin.
 

 

48


BÖLLERKRACHEN
Das Jahr ist fast schon übern Berg.
Nun mach recht rasch dein Schatzerl wach!
Es geht hinaus zum Feuerwerk!
Nicht solch verschlafne Miene mach!

Dreiviertel zwölf, der Lippenstift
Will auch noch nachgezogen sein.
Für Augen, die ganz zugekifft,
Gibt leider keinen Strahleschein!

Die Wiesn füllt sich, und es faucht
Schon hie und da ein bunter Blitz,
Die Kälte sieht man, wenn man haucht,
Silvester ist kein Tag der Hitz.

Ob Stalinorgel, Knatterfrosch,
Das Anschaun gibt es ganz umsunst,
Manch einer nennts ein Bild vom Bosch,
Die meisten zahln für diese Kunst.

Versprochen wurd ein Krisenjahr,
Dies läßt die Leute lauter knalln,
Weils gar nicht so befreiend war,
In Taschen nur die Faust zu balln.

Die Polizei ist stets präsent,
Natürlich nur zu unserm Schutz,
Genieß das tolle Happyend,
Der neue Tag beginnt mit Schmutz.
 

 

49


BRUMMSCHÄDEL
Dem Tor ist tag und nacht gewiß,
Daß Weisheit ruh auf dem Genick,
Doch zeigt Athene Dorn und Biß,
Gibts Fragen, ob man richtig tick.

Wie Sokrates, der gar nichts wußt,
Cusanus, der den Laien fragt,
So ist dem Klugen stets bewußt,
Das er zumeist nur Unsinn sagt.

Je mehr uns Schau und Fleiß erkennt,
Je höher sich der Geist versteigt,
Wird morscher drum das Fundament,
Dem Wahnsinn Reim und Kehrreim geigt.

Drum will auch ich ins Schweigen gehn,
Daß mir der Wind die Haare streif,
Und will in Scham und Demut stehn
Vor allem, dran ich mich vergreif.
 

 

50


HOCHZEITSSPRUCH
I

Gibt es auch nicht Häckselstreuen,
Brautentführung, Polterkrach,
Will ich doch nicht länger scheuen,
Daß ich ein paar Verse mach:
Wo sich zwei die Ringe reichen
Um den kleinen Unterschied,
Mög die Sonne niemals weichen
In ein feindliches Gebiet.
 

 

51


II

Venus-Günstling, Amors Vetter
Sang die Drossel mit dem Star.
Welch ein Wesen wohl noch netter
Als am Eich das Eichhorn war?
Trommelfell und Bühnenbretter
Strapaziert die Rockerschar,
Und dem Trende ist der Setter
Androgyn mit langem Haar.

Welch Natur den First erkletter,
Sind Propheten Wissens bar,
Schaun wir einer Nymphe Better
Oder frommts dem Albenmahr?
Doch bevor der Herbst die Blätter
Fegt, wird Rock der Rocktalar,
Und wir sehn, der Isarstädter
Bringt sich neuem Frühling dar.

Kein Korsett verbirgt als Plätter
Was die Brust macht jedem klar.
Wo ein Weib, kommt auch der Retter,
Daß es blüh im Prinzenpaar.
Eine fesche Dirne hätt er,
Raunt dem Bären zu der Aar,
Hofft, daß sie aus Sturm und Wetter
Fänd den Hafen am Altar.
 

 

52


SCHÖPFUNG
Würfelst du zu tausend Malen,
Ob in Bechern, ob in Schalen,
Es sind alles nichts als Zahlen.

Zufalls Glaub wird nie dir munden,
Denn sein Spiel hat stets entbunden,
Was es trug an Mitgift-Pfunden.

Laß dir nicht von Tölpeln schwatzen,
Daß ein Adler würd aus Spatzen,
Nur vom langen Pfützeis-Kratzen.

Droht man dir mit vielen Nullen,
Um den Zweifler einzulullen,
Wird der Ochs doch nicht zum Bullen.

Gar zu wohlfeil ist die Leere
Willig dem, der sie vermehre,
Darum gib dem Strick die Schere.

Meinens Lahme auch und Lasche,
Stieg doch nie aus Staub und Asche
Geist, daß er sich selbst erhasche.

In der Welt, die nie geschaffen,
Gibts zwar Kirche nicht und Pfaffen,
Doch auch Darwin nicht und Affen.
 

 

53
Schöpfung, hell-geheimnisvoll,
Vielfalt, die aus Einheit quoll,
Meisterin, die foppt und neckt,
Offenbar und gut versteckt,
Was nicht fremden Zielen front,
Einzig dem, was innewohnt,
Uns zu groß und uns zu klein,
Denn sie schlingt uns allseits ein,
Wer vor dir nach Freiheit griff,
Glich Gesäm auf totem Riff.

Stein, bedächtig und beprägt,
Wagstück, das Gebirge trägt,
Lava, Schiefer, Riff, Kristall,
Grotte, Meteorenfall,
Flammenschläger und Fossil,
Grundsubstanz und reines Spiel,
Kraft, die aus der Ruhe stahlt,
Und mit kargen Tönen malt,
Ohr zum Innenhof, Geraun
Königsweg, das Heil zu schaun.

Blume, Stern der Weidenflur,
Himmelslicht und Götterspur,
Aug, das leuchtet und nichts hält,
Morgenschöne aller Welt,
Was da qualt, ist dir Insekt,
Wo der goldne Nektar steckt,
Ist das Weltgeheimnis nah,
Aleph, Beth und Omega,
Das im Blühn der Freud, des Leids
Immer Gabe, niemals Geiz.
 

 

54
Quell, Gesicht für Licht und Ding,
Schüttrer Schrat und heller Spring,
Formergeist und Urteilsmut,
Der entwirft und rasch vertut,
Gingst du mit Gefolge fort,
Wär zuletzt die Zeit verdorrt,
Leicht und schwer bist du zugleich,
Drum ist unbegrenzt dein Reich,
Wem an dir die Lippen feucht,
Weiß sich eins mit dem, was kreucht.

Raupe, Gier, der alles wohl,
Mähderin für Kraut und Kohl,
Wer Verheerung fühlt mit Graun,
Wird darob ein Wunder schaun,
Denn die Puppe schließt den Ring
Mit dem holden Schmetterling,
Daß die Seele, zart und irr,
Durch den Gottesgarten schwirr,
Und wer dieses Taumeln schaut,
Läßt gar willig Haar und Haut.

Pilz, zum Sporenstand gebläht –
Wer nicht Gruft und Grab verschmäht,
Wuchert unerkannt und rasch,
Ergot oder Hallimasch.
Leuchtend überm Modergrund,
Sind dir Fluch und Segen kund
Einer Macht, der unsern quer,
Ob ihr Pate Camembert,
Oder Glück der Sammler sah,
Wie den Tod Hiroshima.
 

 

55


PHILIPPS TOD
Es war ein lauer Nachmittag,
Des Königs Nichte gut vermählt
Mit Otto vom Meranien war,
Das Paar zog mit Gefolge fort.
Sodann in sehr gemeßnem Trab
Zog durch die Streiter ungezählt
Zur Ruh Philipp, daß morgenklar
Gott weise ihm den nächsten Ort.

Konrad, zu Speyer Bischof, und
Von Waldburg Heinrich, der Truchseß,
Warn im Gemach des Königs treu,
Nachdem man ihn zu Ader ließ,
Zur Sorge gab es keinen Grund,
Und es steht an des Herrn Noblesse,
Daß er mit Huld-Audienz erfreu
Den Gast, der an die Türe stieß.

Der Pfalzgraf Otto Wittelsbach,
Mit sechzehn Rittern im Gefolg,
Tritt vor den König, der ihn stets
Als heiter schätzte und gewitzt,
Doch führt im Schilde Ungemach
Der Stolze, den die Zorneswolk
Umgraut, mit hartem Worte gehts
Zur Ruhstatt, da es stählern blitzt.
 

 

56
»Erst ward dein Mündel mir entlobt,
Nun jed Ersatz für andre feil!
Ich bin entehrt, dies wird kein Spiel!«
Das Schwert des König Kehle leckt,
Und der Berserker mäht und tobt,
Der Truchseß läßt das Unterteil
Des Kinns und gibt dem Treueid Stil,
Wo sich der Bischof rasch versteckt.

Und König taumelt vor und fällt,
Die Lauheit wich der großen Eil,
Und keiner wehrt dem Mörder Flucht,
Der schneller handelt als das Wort,
Bald mit Entsetzen weiß die Welt,
Daß nun des Reiches Recht und Heil
Verfallen ist der Drachenschlucht
Und dem Gespenst von Raub und Mord.

Der Kaufmann, der durch Schwaben reist,
Wird überfalln und ausgeraubt,
Auch andernorts die Pilger spürn,
Daß nun der Hölle Pforten weit,
Der Wahn des Täters führt den Geist
Zum Abgrund wie des Königs Haupt,
Und die im Reich die Brände schürn,
Erweisen sich als Kind der Zeit.

Doch zeigt sich auch, daß diese Tat,
In dem Geweb von Kirch und Welt
Was da loyal und opportun
Sehr rasch mit neuen Bannern schmückt,
 

 

57
Für Braunschweig ists darum nicht schad,
Weil Otto nun, dem Welfenheld,
Dem froher galt des Papstes Tun
In Rom die Kaiserwürde glückt.

Den Namensvetter, vogelfrei,
Erwischt von Kalden Reichsmarschall
Bei Kelheim, daß die Donau schluckt
Den Kopf, der Leib kommt in ein Faß,
Bis, daß er doch bestattet sei,
Die Mönche raubens aus dem Stall
Zur Nacht und vor der Wacht geduckt,
Denn solchem Stande frommt kein Haß.

Der Täter kennt die Folgen nicht,
Auch Andechs, dessen Gastrecht litt
Und das man als Komplizen zieh,
Verlor die Burgen und die Macht,
So zeigt die Nachmittags-Geschicht
Das Ufer, da ich heute schritt:
Der Burg von Grünwald glückte nie
Die Neugeburt aus dieser Nacht.
 

 

58


DAS BIRGWEIBL VON SCHÄFTLARN
Schau die steile Bergeszunge
In der Isar Laufbezirk,
Das Gebiet auf diesem Sprunge
Wird vom Volk geheißen: Birg.
In dem Tanne eigenmächtig
Soll ein Weib gespenstisch gehn,
Manchem knackt es dort verdächtig,
Mancher schwört, er habs gesehn.

Knorrig wie ein Eichenstumpen
Schildert man das Hutzelweib,
Scherenschnitthaft stehn die Lumpen
Schwärzlich starr im Blattgetreib,
Eine Sage weiß zu deuten
Wie das Weib den Sporn gewann,
Und erzählt wird von den Leuten,
Was verwuchs im dichten Tann.

Auf dem vorgestreckten Berge,
Wo der Zugang leicht geschützt,
Kriegt dich kaum ein arger Scherge –
Doch wenn der ihn selbst benützt?
Also wird vor Zeit berichtet,
Daß ein Ritter räuberisch,
Hat von diesem Ort gesichtet
Seiner Opfer reichen Tisch.
 

 

59
Nimmer ward ihm beizukommen,
Denn das Nest macht den Garaus
Jedem, der dem Recht zu frommen,
Zöge hier zum Streite aus,
Also sann man zu verderben
Jenes Ritters hohen Ort,
Denn der Herrlichste muß sterben,
Wenn der Brunnen ihm verdorrt.

Darum suchte man den Raben,
Dem vertraut die Schwarzmagie,
Dem das Wasser abzugraben,
Der bekannt für Despotie,
Eine Frau ward dann zur Stelle,
Die bereit, das Werk zu tun,
Und der Ritter ließ die Zelle,
Und die Frau bewohnt sie nun.

Wer da zu des Teufels Schaden
Wendet sich an Beelzebub,
Macht das Krumme nicht zum Graden,
Wo er selbst sich Gruben grub,
Ist der Ritter auch geschwunden,
Geistert doch das Weib am Hang,
Das den Falken und den Hunden
Gönnt allein den Spott zum Fang.
 

 

60


VON GANTHAR UND NANTWIN
Von Ganthar will ich euch erzähln,
Der war bestallt zu Fug und Recht,
Wer einst im Isartal zu stehln
Versucht, dem gings gar hart und schlecht,
Hier ist das Reisig stets geschicht,
Und Pein und Ketten ohne Rost,
Daß keiner die Gesetze bricht
Noch heimlich sammel Hexen-Dost.

Doch ist sein Tag nicht ohne Sorg,
Das Land ist hier das fettste nicht,
Und sinnt der Bauer, daß er borg,
Ists auch nicht reichlich beim Gericht,
In Rom jedoch sind Gold und Glanz,
Da gehts in Purpur zum Palast,
Weshalb so mancher deutsche Hans
Die eitlen Römer flucht und haßt.

Die Pilger sind beladen schwer,
Doch nicht von Mitleid, Buß und Reu,
Vom Golde zu des Heilands Ehr,
Und sitzt das Häuflein Elend scheu
Im Wirtshaus mit des Beutels Last,
Den füllte Furcht vor Höllengier,
So mancher denkt und sagt es fast,
Der Inhalt bleibe besser hier.
 

 

61
Am Golde hängt, das weiß man doch,
Das Los, das Amt, das Recht, das Glück,
Ein bißchen Freud im Jammerloch,
Von Himmelslust ein kleines Stück,
Der Richter weiß, was recht und gut,
Ein Kleid wär der Gemahlin not,
Und wenn er ihr die Freude tut,
Kriegt auch der arme Schneider Brot.

Der Nantwin kommt, die Hähne krähns,
Der sammelt ein landauf, landab,
Der Schneider sagt, zum Werk des Nähns
Wär doch der Stoff ein bissel knapp,
Der Richter fürchtet Gott und Schwert,
Doch dieser Pilger ist ein Schuft,
Er hat, was dieses Land begehrt,
Und schaffs dahin, wos bloß verpufft.

Nantwin im Wirtshaus grüßt mit Gott,
Da stehn schon Spieße scharf gezückt,
Es ist nicht weit bis zum Schafott,
Ist man mit zuviel Gold bestückt,
Der Pilger weint, beteuert sehr,
Daß er nur gut um aller Seel,
Und wähnt, daß dies noch einen scher,
Wo Klag und Urteil sind Befehl.

Der Richter denkt, ohn Falsch ward nie
Gerechtigkeit auf Erden wahr,
Als ob man geig die Melodie,
Sind Schuld und Frevel sonnenklar,
 

 

62
Die Zeugen sind von Zweifeln frei,
Darum im nächsten Morgenrot
Gerechtigkeit geschaffen sei
Und jenem Schelm der Feuertod.

Obgleichs doch jeden freuen muß,
Daß Gold in die Gemeinde dringt,
Gibts Unfall, Klag und viel Verdruß,
Man sagt, daß es nach Schwefel stinkt,
Schon an dem Tag, da Ganthar richt,
Gehn Murrn und Zwietracht durch die Reihn,
Als wich das Blut vom Golde nicht,
Stürzt ein Gerüst am Amtshaus ein.

Auch trinkt ein Lahmer aus der Flasch,
Die jener Pilger bei sich barg,
Und da er auf der Hauptstraß rasch
Entlanggeht, wird die Stimmung arg,
Daß Volk weiß, in der Flamme schmort,
Die Unschuld auf der Gier nach Gold,
Allein der Ganthar meint verbohrt,
Hier werde bloß dem Recht gezollt.

Er stellt die Wache um sein Haus,
Von Wundern tuschelts leis und laut,
Das sitz ich unbefochten aus,
Meint, wer Vergeßlichkeiten traut,
Dann hat der Schlosser Eisenschelln,
Die Nantwin quälten, angefaßt,
Da schied sein Geist von allem Helln
Und Irrsinn ward der Kinder Last.
 

 

63
Es ist, als spräch ein jedes Ding
Nach Gottes Willn von Mord und Schand,
Daß einer ins Martyrium ging
Und sich begab in Christi Hand,
Das wird geglaubt in jeder Stub,
Der Ganthar flieht zuletzt allein,
Und jeder nennt ihn bösen Bub
Und hört ihn in der Hölle schrein.

So hat der Ganthar wohl gemeint,
Das Volk wär bei dem Raub dabei,
Doch wie die Fraun am Kreuz geweint,
Daß reines Blut gerichtet sei,
So mag das Volk zwar Trunk und Tolln
Und Glitzern, drin sichs dann verläuft,
Doch seine Seele kann nicht wolln
Die Herrschaft, die mit Teufeln säuft.
 

 

64


JUDAS VON EINÖD
Vor Einöd nahe Geretsried
Lag einst ein hartgesottnes Nest,
Heut weiß allein das Sagenlied
Von einer Burg, gewaltig fest.

Der Ritter drin hieß Judas, grad
Wie der Verräter unsres Herrn,
Er war sich keiner Schand zu schad,
Und Unzucht hieß sein Lieblingsstern.

Ob Bauernmaid, ob Bürgerbraut,
Er raubte gern, was ihm gefiel,
Und was er in den Kerker haut,
War endlich willens seinem Ziel.

Wie Schwierigkeit Begehren heizt,
Stach prickelnd ihm ins Aug ein Kind,
Wer schicklich mit den Blicken geizt
Und lieber Flachs im Turme spinnt,

Die sieht des Lüstlings Phantasie
Gebändigt sich verleugnen ganz,
Den Teufel reizt die Strategie,
Wo jeder meinte, keiner kanns.

In Wolfratshausen Wirtin Zapf,
Ders Sorg kaum, daß der Himmel komm,
Hat einst beheimt mit Herd und Napf
Die Base, lieblich, still und fromm.
 

 

65
Der Pfleger dieser reichen Stadt
Die Wirtin mag, ein starker Mann,
Weshalb Vernunft geraten hat,
An deren Base kommst nicht ran.

Bei Zecherei im Rittersaal
Wächst Übermut, der Ritter spricht:
Wer diese herbringt, jenem zahl
Ich Gold, daß ers kann tragen nicht.

Die Derben lockt der Glitzerlohn,
Doch ihnen schwant, der Galgen droht,
Bis einer spricht in wüstem Hohn:
Ich mach dem Herrn ein Angebot.

Gebt vorher mir die Münzen her,
Daß ich die Wirtin dreist bestech,
Dann fällt der Jungfrau alle Wehr,
Und schon der nächste Tag bringt Pech.

Dies überzeugt selbst Beelzebub:
Eh ihr die Taler bloß versauft,
Sei dieser Hex ein guter Hub,
Daß sie verwandtes Blut verkauft.

Gesagt, getan. Die Wirtin heischt
Allein, daß kein Verdacht sie kennt.
Der Ritter tönt: In Bälde kreischt
Die Holde, daß das Bett verbrennt!

Dem Flößer Wellinger aus Tölz
Verlobt ist, die der Raub erkor,
 

 

66
So wie der Eber durchs Gehölz
Heranprescht, gehn die Spieße vor.

Die Wirtin spricht mit Falsch der Bas,
Der Freund sei krank und fast im Grab,
So bricht sie auf durch Wald und Gras,
Daß gutes Kraut den Siechen lab.

Dies führt direkt zum Hinterhalt,
Das feine Fangnetz zieht sich zu,
Betreten schweigt der Eichenwald,
Der Quell, wo liegenbleibt ein Schuh.

Im Kerker, moderkalt und klamm,
Gewürm und Schleim der Schnecken feil,
Das Mädel schluchzt, daß Not verdamm
Den Flößer, daß ihn keiner heil.

Doch wie Gott grad, wo jeder meint,
Er sei ganz fern und ohne Ohr,
Das Schicksal ganz verzweifelt scheint,
Ringt ein Gewissen hinterm Tor.

Der harte Mann, dem man beschied,
Zu wachen, wo verdirbt das Licht,
Sein Sündenweg vorüberzieht,
Das Weinen ihm das Herz zerbricht.

Daß einer weigre dem Befehl
Und lasse Schutz und Unterhalt,
Wems die Gewohnheit, daß er stehl,
Wer manchen abstach, flink und kalt,
 

 

67
Wer Raub und Niedertracht gewohnt,
Und dem die Jahre sprachen stets,
Daß nur beherzter Zugriff lohnt,
Dem alles sagt, so einzig gehts,

Daß solchen eine Träne rühr,
Ein Mädchen, das so bitter bangt,
Daß ihn zurück der Heiland führ –
Ob dazu je ein Glauben langt?

Und doch geschiehts. Der harte Knecht
Reißt auf der Pforte schweres Holz,
Ihm ist das ärgste Wagnis recht,
Wo selber ihm das Aug zerschmolz.

Er fühlt sie durch Geheim-Gehöhl,
Bis sie am Flusse angelangt,
Der Jungfrau ists wie Himmelsöl,
Der Flößer leidet nicht erkrankt.

Der handelt, weil Verfolgung droht,
Und flößt zum Kloster Beuerberg,
Im Nebel raten Schand und Tod,
Ob jemand ihre Flucht bemerk.

Der Mann, der seinen Dienstherrn ließ,
Befiehlt Laurentius, daß er lenk,
Was ihm sein Tun als Waffen wies,
Dem Heiligen er alles schenk.

Die Klostermauern sind erreicht,
Und böse Frucht weicht mildem Wort,
 

 

68
Der dichte Morgennebel weicht,
Und Stärke bringt der heitre Ort.

Die Mönche raten, und der Abt
Zu Ritter Konrad Boten schickt:
Der Judas rings die Schafe schnappt
Im Morgentau die Blüten knickt.

Daß einer wagte aufzustehn,
Wo Allmacht schien die Rittermacht,
Laßt viele tun und weitergehn,
Auf daß es tag in finstrer Nacht.

Von Baierbrunn kommt Hilfe auf,
Den Bauern ists Fanal zum Sturm,
Die Wasserleitung kappt der Hauf,
Bald ist die Burg ein träger Wurm.

Die Räuber wurden aufgehängt
In München, wo man Urteil sprach,
Der Felshang hat sich abgesenkt,
Worauf die Burg schon bald zerbrach.

In Königsdorf Laurentius ließ
Den Bogen und den goldnen Pfeil
Der Reuige, der euch bewies,
Daß nie unmöglich ist das Heil.
 

 

69


WINZERER
Am Markt zu Tölz sein Standbild schaust,
Auch hast in München-Schwabing lang
Vorm Stadtarchiv am Weg gehaust,
Der huldigend den Namen sang,
In Tölz der Pfleger, Feldherr dann
Und Diplomat in wilder Zeit,
Das Bismarckreich verehrt den Mann,
Nun sei dein Vers hinzugereiht.

Der welsche König focht das Reich
Nicht nur am Rhein und in Burgund,
Daß er sich Land und Leut erschleich
Sein Heer bei den Lombarden stund,
Wer Mailand schluckt, will Genua,
Doch schnappt den Räuber in Pawei
Der Karl, der grade Worms besah,
Und Winzerer ist wild dabei.

Daß man den welschen König fängt,
War für den Kaiser ein Triumph,
Der ungern an den Reichstag denkt,
Wo nebellands die Lanze stumpf,
Nördlich der Alpen lutherts schwer,
Doch wo die Sonne im Zenit,
Stellt sich ein neues Weltreich her
Und auch der Frieden von Madrid.
 

 

70
Zwar ist Franzosenwort nichts wert
Und das Papier ward nichtig so,
Doch daß der Oiser fiel vom Pferd,
Macht deutsches Herz noch heute froh,
Der Winzerer ist Papstes Feind,
Doch taugt ihm Kirchenspaltung nicht
Als Mittel, daß das Reich geeint
Gewappnet sei für Heil und Pflicht.

Im Allgäu Bauern, in Tirol,
Dies ist nun fast schon Bürgerkrieg,
Wer herrlich stritt um Reiches Wohl,
Der wird nicht froh an solchem Sieg,
Da ist ein Ruf nach Ungarn recht,
Wo sich der Türk am Christenland,
Am Dynastie-zerriebnen rächt,
Daß Kirch und Acker stehn verbrannt.

Doch wer dem Bayernlande fern,
Der hemmt dort nicht Intrig und Schmäh,
Manch Übelwort gilt dort dem Herrn,
Der trutzt in Ofen hart und zäh,
Allianzen wechseln, und der Front
Verhaftung droht im Hinterland,
Erst als sein Tag schon rötlich sonnt,
Wird ihm die Heimkehr zuerkannt.

Nun fehlts an Monden da und hie,
Er merkt, was ihm der Krieg geraubt,
Für Wissenschaft und Poesie
Ward stets nur wenig abgeklaubt,
 

 

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Doch wem der Hintergrund solid,
Wird auch mit karger Freiheit froh,
Wer selber ehr das Reden mied,
Erlabt sich doch am Cicero.

Dies Leben scheint ein wildes Spiel,
Ein Auf und Ab nach Etwohin,
Doch liegt nicht in der Zeit das Ziel
Noch in der Politik der Sinn
Des Schwerts, das für den Heiland ficht
Im Irrtum, doch ich preis die Treu
Des Winzerers beim Weltgericht,
Da sich der Weizen trennt von Spreu.
 

 

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DER SPUK VON LENGGRIES
Derweil Karl Abrecht, Kurfürst, setzt
Zu Frankfurt auf die deutsche Kron,
Marie Theres den Degen wetzt
Am Inn und an der Isar schon.

Sie brennen, plündern, stehlen was
Sie finden, und es schert sie nicht,
Daß Christus trifft ihr blanker Haß
Und Gottes Waag beim Weltgericht.

Der deutsche König ohne Land!
Man nennt Gerümpel Kür und Staat,
Eh Max in Füssen anerkannt,
Daß Habsburg sei das Supremat.

Makaber scheint der Krönornat,
Da Schinderei und Mord und Brand
Entfesseln ihre Drachensaat
In München und im Oberland.

Etliche hundert Gulden blecht
Der Tölzer, daß der Markt nicht brennt,
Doch wer sich nicht an Mauern rächt,
Bei Gütern keine Hemmung kennt.

So hat die Straß am Dietherloch
Vom Mühlenberg der Gering Hans
Zu strafen Raub und Räuberjoch
Umstellt mit einem Bauernkranz.
 

 

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Der Bacherbauer nutzt die Flint
Und trifft des Trencken Adjudant,
Daß deutsche Bauern wehrhaft sind,
Werd den Panduren so bekannt.

Paar Wochen später kommn daher
Die Mäntel rot auf Gaißach-Rain,
Sie fordern: Gebt den Bacher her,
Sonst soll nicht lang gefackelt sein.

Doch vom Versteck gibt keiner preis,
Daß es die Rechelkopfenfurch,
So wird an Laub und Stadeln heiß
Gezündelt manche Stunde durch.

Beim Gergen steht ein Marterl hell
Geschnitzt, das kriegt den Pechkranz um,
Die Brennerbubn vernichtens schnell,
Doch all das Wachs, das drum herum,

Verhindert, daß der Brand erfaßt,
Die Muttergottes, die da weint,
Daß sie zu schänden ward verpaßt,
Den Bauern großes Wunder scheint.

So ward das abgebrennte Kreuz
Zur Wallfahrt später, doch der Mob,
Dems Feuer Spaß unds Schrein der Leuts,
Macht auf Lenggries sich im Galopp.

Dort gschieht ein größres Wunder noch,
Am Freithof tun sich Gräber auf,
 

 

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Es steigt ein Heer aus Sarg und Loch
Lebendig und tut keinen Schnauf.

Da tragen rasch Pandurengäul
Die Herren übern Trattenbach,
Daß keiner, starr im nackten Greul,
Versuche, dies zu hindern, mach.

Denn wenn Bauer fest sich wehrt,
Stehn ihm sogar die Toten bei,
Für jeden, der das Land nicht ehrt,
Dies eine ernste Warnung sei.
 

 

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GEIGERSTEIN
Vom Geigerstein, da sing ich dir
Ein traurig Lied, der Name steht
Dem, der die Geige als Panier
Geführet bis ins Nachtgebet.

Es war der armen Witwe Sohn,
Der einzig Geige spielen wollt,
Dies war wie heut ein Jammer schon,
Den Segen hat sie doch gezollt.

Er ging nach Mailand und Florenz,
Um zu studiern das Geigenspiel,
Dann kundig aller Achs und Wenns,
War ihm der Mutter Achtung viel.

Am Steilhang geigt er himmelwärts,
Daß rein im Isarwinkel tön
Das Lied, das rühr das Mutterherz
Und es mit seiner Kunst versöhn.

Da kam auch schon die harte Bö,
Ihm warn die Hände nicht zum Griff,
Und mit Geröll aus höchster Höh
Er letztmals seine Geige striff.

Die Bauern fanden ihn im Tal,
Das Glück war seiner Heimkunft nicht,
Es schwieg die Kunst, die tausendmal
Ein Herz und auch den Leib zerbricht.
 

 

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FALL
Der Wasserfall der Faller Klamm
Das Dorf benamt und seine Au,
Dann fiel es selbst am hohen Damm
Im Sylvensteiner Speicherstau.

Der Ort, bekannt für Hifthornhall,
Nicht nur von Luitpold Prinzregent,
Auch Hindenburg, den Feldmarschall,
Die Chronik hier des öftren nennt.

Ganghofern wurde zum Roman
Des schmucken Fleckens Weidnersheil,
Nun schweigt der See darüber plan,
Und abgebaut ward jedes Teil.

Die Kirche den Gehöften gleicht,
Und auch vom Turm blieb kaum ein Stein,
Doch mancher schwört, die Spitze reicht
In trocknen Jahrn ins Licht hinein.
 

 

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OSWALDHÜTTE
Von dieser Hütt in Vorderriß
Heißts, daß die Einkehr werd zur Pein,
Wies zuging einst, scheint ungewiß,
Doch Streit zog beim Verkaufe ein.

Im Heustock hat genächtigt müd
Der Tölzer, der den Brombergsteig
Hat angelegt, doch wie verbrüht
Hielts ihn nicht, daß sich Sonne zeig.

Er rannte wie vorm Fuchs der Has
Hinab ins Tal, vom Spuk geplagt,
Auf die Geschichte wuchs kein Gras,
Denn öfters ward solch Weh geklagt.

Genaures ward da keinem kund,
Denn die Betroffnen sind verwirrt,
Wenn Augen starr und schlaff der Mund,
So frag nicht, was im Dunkeln schwirrt.

In neurer Zeit ist dies Legend,
Wer Flüsse aufstaut, Bäche kehrt,
Nicht Flüche der Verstorbnen kennt,
Vielleicht ist er die Müh nicht wert.
 

 

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SCHARFREUTER
Von Fall führt dich der schönste Pfad
Durchs Bayerland zum Gipfel hin,
Drum sei kein Umweg dir zu fad,
Hab für die Aussicht Zeit und Sinn.

Steig auf zur Alm von Grammersberg,
Dort fängt ein schmaler Bergsteig an,
Nicht ohne Müh gibt sich das Werk,
Das Gott für unser Aug ersann.

Die Latschen wachsen dicht am Grat,
Der Pürschscheid durch die Südostflank,
Das Ziel im Blick brauchts keinen Rat,
Doch sag dem milden Fönwind Dank.

Die Birkkarspitze nun gewahr,
Grasköfl und Grünlahneeck
Ostseitig laß, dann wird dir klar,
Die Moosenalm ist kein Versteck.

Am Nordwestrücken geht es leicht,
Der Scheitel lohnt verwöhntem Blick,
Hast du das Gipfelkreuz erreicht,
Den Liebesgruß den Wolken schick.

Den Wörner und den Vogelkar
Der Bärnalp tiefer Einschnitt trennt,
Die Soiernspitze offenbar
Als Pyramide, die man kennt.
 

 

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Schau Krottenkropf und Wendelstein,
Großglockner und Venedger groß
Sie stellen sich dem Auge ein,
Bist du den Dunst der Ebne los.

Im Osten grüßt das Demeljoch,
Marbichler, Juifen, Guffert schau,
Das Blut dir in der Schläfe poch:
Nie war der Himmel dir so blau.

Wer in den Bergen Gott vertraut,
Vergißt der Großstadt stumpfes Tun,
Denn anders als man dorten baut,
Gilts hier, daß drauf die Engel ruhn.