Uwe Lammla / Musendämmerung
 

 

 

 



UWE LAMMLA



MUSEN
DÄMMERUNG


DRAMEN












 
ARNSHAUGK

 



 


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ISBN 3-926370-53-X

© 2010 Arnshaugk Verlag
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Alle Rechte beim Autor
www.lammla.de
 

 



INHALT


MUSENDÄMMERUNG
Punisches Lied
Polyphem
Nausikaa
Medea
Orpheus
Musendämmerung
7
63
85
97
169
237


EREX SAGA
Laudine
Siegfrieds Tod
Der arme Heinrich
Erex saga
305
375
435
489
 

 

 

 

7
 


PUNISCHES LIED
TRAGÖDIE





Juno, false Juno, in her chariot's pomp,
Drawn through the heavens by steeds of Boreas' brood,
Made Hebe to direct her airy wheels
Into the windy country of the clouds,
Where, finding Aeolus entrenched with storms
And guarded with a thousand grisly ghosts,
She humbly did beseech him for our bane,
And charged him drown my son with all his train.
Then gan the winds break ope their brazen doors
And all Aeolia to be up in arms.


VENUS' LAMENT   
CHRISTOPHER MARLOWE   
 

 

8
 


PERSONEN
JUNO, VENUS, HEBE, Göttinnen
AENEAS, Vetter des Priamus
ASKANIUS, sein Sohn
DIDO, Gründerin von Karthago
ANNA, ihre Schwester
TIMON, Steuermann und Hofmeier
JARBAS, Berberhäuptling
JOEL, sein Mundschenk
BERBER, KOLONISTEN
 

 

9
 


PROLOG
Die Göttin Hebe tritt mit Krug und Schale vor den Vorhang.

HEBE:
Dem Publikum, das zwischen Tag und Schlummer
Zu lauschen kam zu diesen Bühnenbrettern,
Befahl der Autor mir zu meinem Kummer,
Vorm Vorhang die Begrüßung zuzuschmettern.
Das Alter dieser Welt wird oft den Stufen
Im Lebensalter Sterblicher verglichen,
Und jeder Zeit ein Himmel wird gerufen,
Der leuchtet und ist dann sehr bald verblichen.
So steht für frühstes uns der Erosknabe,
Der blindlings schießt in alle Horizonte,
Doch dann verläßt der Größere die Wabe
Und wagt sich voll Verheißung ins Besonnte.
Da ist noch alles unstet und voll Böen,
Der Glaube mächtig, die Erfahrung windig,
Die Gründe stehn stets nahe bei den Höhen,
Beflaumen sich die Wangen pickelgrindig.
Man nennt mich Göttin mit den Rosenwangen,
Erwachen, erster Streit und erste Liebe,
Von Dunkel ist die Zukunft ganz umfangen,
Doch ungezähmt entpuppen sich die Triebe.
Vor Troja warn die himmelsmächtgen Paten
Noch mittendrin, dann zogen sie die Schnüre
Ehr abgedunkelt, daß den Menschentaten
Es merklich nicht mehr, wer sie plan und führe.
Wer »punisch« hört, der denkt gleich an die Kriege,
Die dieses Land ins Sagendunkel stießen,
 

 

10
 
Hier geht es um die Stifterin, die Wiege,
Die Byrsa, draus so viele Brünnlein fließen.
Wie jedem Ja ein Nein ist eingeschlossen,
So ist auch dies Geleucht nicht ohne Schatten,
Der Juno hold, die Fremdes nie genossen,
Hielt unsre Stifterin dem toten Gatten
Die Treue, bis sie Pluto selber schwärzte.
Dies kreuzte Venus' Hoffnungen und Pläne,
Und daß sie sich zu keinem Mann beherzte,
Weint unterm Fluch der Spätre seine Träne.
Das »spät« ist stets ein Zeichen für Bezüge,
Was einem spät, ist anderem die Frühe,
Drum folgt ins Labyrinth der frühen Flüge
Und macht euch mit dem Ungewohnten Mühe.
Denn nichts was jemals Tat wird und Vermächtnis,
Ist gänzlich tot, wie auch die Götter dauern,
Was ausgemerzt Beachtung und Gedächtnis,
Kann morgen schon als Sphingenfrage lauern.
Natürlich soll das Publikum auch lachen,
Wir wollen keine Langweil hier im Saale,
Sonst heißts, die Bühne wäre zuzumachen,
Weil keiner sie besucht zum zweiten Male.
Doch freilich, ist es oft ein herbes Lachen,
Dies werde nicht geschönt oder verschwiegen,
Denn so Tragödien sind gar heikle Sachen,
Darin die Besten Arg und Unbill kriegen.
Doch nun genug geschwätzt und angedeutet,
Genug geraunt, beschwichtigt und gewogen,
Der erste Aufzug sei nun eingeläutet,
Wo alles gärt und wo sich spannt der Bogen.
 

 

11
 


ERSTER AUFZUG
Auf dem Vordeck eines Schiffes im Mittelmeer. Heiter und mild. Dido opfert auf einem Altar einen Widder, von dem Rauch zum Himmel steigt, und gießt roten Wein auf die Schiffsplanken.

Erste Szene
Dido, Juno.

DIDO: Rindsäugige, entschloßne, willensstarke,
In aufgeschürztem Chiton und verschleiert,
Dein Mündel, fliehend in bescheidner Barke,
Auch heute dein erhabnes Antlitz feiert.
Du trägst den Apfel fruchtbegabter Ehe,
Den Pfauen, argusäugig in den Federn.
Der Kuckuck, der bewahrt vom Wetterwehe
Den Gatten, mag den satten Rauch der Zedern.
Du einst die Jugend mit erfahrnem Lenze
Und läßt die Schwache in dein Heiltum treten,
Wo grüne Blätter rings und Blumenkränze,
Weil zu dir Frauen aller Alter beten.

JUNO (tritt nebelumflossen auf):
Die Treue seh ich gern, und deine Gaben
Sind rein und wohlgerichtet mir geflossen,
Du opfertest viel mehr als ich zu haben
Begehrte und du betest unverdrossen.

DIDO (ins Leere schauend):
Du scheinst mir näher als in Tyros früher –
Sind Neptuns Felder näher an den Wolken?
 

 

12
 
Ich spüre duften einen Diptam-Blüher,
Vermischt mit Milch, die grade erst gemolken.

JUNO: Ich bin dir nah und kenne die Geschichte,
Du fliehst Pygmalion, der erdolcht den Gatten,
Er sann darauf, daß er dich auch vernichte,
Doch narrte ich sein Aug mit einem Schatten.
So konntest du manch goldenes Geschmeide
Zum Meere bringen und vertraun den Winden,
Versprochen sei dir Wolle, Vieh, Getreide,
Und deine Feinde will ich sehrn und schinden.

DIDO: Du bist so gütig, werd ich bald schon landen?
Wird gastlich sein der Eingebornen Sitte.

JUNO: Dir ist schon bald ein reiches Land vorhanden,
Nutzt du die List, wenn man beschämt die Bitte.

DIDO: Ich dank, doch werden meine Geistesgaben
Es schaffen, klug und maßvoll da zu walten?

JUNO: Oft ist des Rätsels Lösung leicht zu haben,
Vermag man nur die Wut im Zaum zu halten.

DIDO: So will ichs halten, Schützerin der Ehe,
Daß ich den Meinen Raum und Grund gewinne,
Beherzt, gewitzt, und wie ich dich verstehe,
Abwartend wie vor ihrem Netz die Spinne.

JUNO: Man wird dich weise nennen und verehren,
Doch wird man dir auch drohn und dich versuchen,
Nicht alle Götter halten mich in Ehren,
 

 

13
 
Und manche Schönheit wird mich dir verfluchen.
Es wird nicht leicht die Treue deinem Stamme,
Doch kann die Ehre kein Refugium finden,
So sei dein Heimgangstor zu mir die Flamme,
Die loh, dich jedem Frevel zu entwinden.

DIDO: Nimm meinen Eid, o Göttin, freudenhellste,
Wehrt Macht, daß deine Sklavin leb getreuer.
So wähl ich, eh ein Frevler auf mir wälzte,
Den kühnen Sprung in deines Herdes Feuer.

JUNO: Du bist erwählt mir über tausend Jahre,
Und deine Feinde werde ich vernichten,
Und dreimal tausend Jahr weint an der Bahre,
Wem Barden von Gewalt und Sturz berichten.
(Verschwindet. Man hört Möwengeschrei.)


Zweite Szene
Dido, Anna.

DIDO:
Dies ist ein großer Tag nach Schmach und Schande,
Die höchste Göttin schirmt vertriebne Treue,
Es ist nun Zeit, daß ich mich nah dem Lande,
Und mich an dem Gedeihn der Seefahrt freue.

ANNA:
O Dido, man schaut Land, es schrein die Möwen,
Ich zag und freu mich, hin und her gerissen,
Vielleicht gibts Elefanten hier und Löwen,
Die Stunden trödeln so im Ungewissen.
 

 

14
 
DIDO: Ob wilde Tiere, Schlangen und Skorpione,
Die Göttin gab mir Kraft für eine Gründung,
Mein Steuermann trägt seines Faches Krone,
Er führt uns sicher in die Hafenmündung.

ANNA: Mir träumte diese Nacht von unserm Bruder,
Er drohte uns mit einer Ruderflotte,
Er nannt mich Räuberin und freches Luder,
Und klagte über uns beim Meeresgotte.

DIDO: Neptun wird diesen Tobenden nicht hören,
Ein Greul ist dem Olymp ein solcher Raser,
Wer gottlos sich vom Golde ließ betören,
Spürt Gram des Himmels bald in jeder Faser.

ANNA: O Dido, sind die Götter nicht auch neidig,
Und schmücken sich mit Kränzen, mit geraubten?
Mag Venus nicht die Daunen, hell und seidig,
Und Jove thront im mühevoll Belaubten?
Kann denn ein Gott, dem alles zu Gebote
Ermessen, was es heiße, nackt zu fliehen?
Weiß denn Ambrosia was vom harten Brote,
Von Kindern, die nach ihren Müttern schrieen?
Und ist nicht Himmel blind in einem Punkte,
Daß Ungewißheit kann er sich nicht denken,
Grad wie das Schwert, daß sich ins Leben tunkte,
Nicht ahnt, was dies würd nächstem Sommer schenken?

DIDO: Glaub nicht, im Himmel sei nur eitel Sonne,
Grad Juno trägt das Leid wie alle Frauen,
Sie weiß vom Schatten wohl in ihrer Wonne,
Sonst würde ich ihr töchterlich nicht trauen.
 

 

15
 
ANNA: Ja Juno, doch wird sie gar oft vom Drängen
Des Jove abserviert in Hinterzimmer,
Der den Olymp mit Wolken zu verhängen
Wohl weiß, hat List und große Pläne immer.
Er läßt sich nicht vom Bitten und vom Flehen,
Vom Recht und von den guten Sitten bremsen,
Ihm taugen Mensch und Tier um fortzugehen,
Er tritt heraus aus Schwänen und aus Gemsen.
Drum scheint mir Juno in der Defensive
Kaum in der Lage, unser Recht zu schützen,
Und hörte sie das Leid in Herzenstiefe,
Sie käm zu spät und würde uns nichts nützen.

DIDO: Es ist ein Trug zu meinen, daß den Flinken,
Die alles überstürzen und durchlärmen,
Gehör die Welt, daß Schweigende versinken
Und sich nur sorgen, jammern oder härmen.
Das Schweigen, das Beharren auf dem Rechte,
Schafft erst den Quell, zu sprudeln und zu walten,
Drum schau zuerst und immer auf das Echte
Und such die Wahrheit immer im Uralten.

ANNA: So hätten wir nicht fliehn solln das Verbrechen,
Die Heimaterde, unsrer Väter Erbe,
So ist es falsch, in offne See zu stechen,
Daß man allein und als Gebannter sterbe?

DIDO: Die Heimat ist nicht dorten, wo mein Gatte
In Bruders Messer röchelte, erstickte,
Noch nie ich eine andre Heimat hatte,
Als die, dahin mich Junos Segen schickte.
Du wirst es schauen, blühend und gedeihend,
 

 

16
 
Das Land, das Juno hat uns auserkoren,
Wirst froh sein, dich dem Jubilieren weihend,
Denn ohne sie bist überall verloren.

ANNA: Du bist die ältre, weise und erfahren,
Dein Mann hat dich begabt mit neuem Schauen,
Ich unterlieg im Mute wie an Jahren,
Mit ists bestimmt, der Schwester zu vertrauen.


Dritte Szene
Dido, Anna, Timon.

TIMON: Heil ruf ich zu den königlichen Schwestern,
Gerefft die Rah, zum Riemen rief die Flaute,
Die stille Bucht, ich roch sie fast schon gestern,
Bis ich sie in der Morgensonne schaute.
Gleichwohl es scheint, wir sind nicht sehr willkommen,
Die Eingebornen schwingen wild die Speere,
Ich lasse nun den großen Häuptling kommen,
Daß er der Herrin selbst erweis die Ehre.
Dann wird sich ein Vertrag wohl trefflich fügen,
Großzügig seid nicht mit dem Huldgeschenke,
Denn augenscheinlich ists, ich müßte lügen,
Wenn ich die Leut hier als verwöhnt mir denke.

DIDO: Hier weiß man nichts von Sidon und von Tyrern,
Und nichts von den Geheimnissen der Schnecken,
Ich denk, es schmeichelt den lokalen Führern,
Zu opfern eine von den Purpurdecken.
Das hält er dann für eine Königskutte,
Daß ihm das Land dagegen nichts als Steppe,
 

 

17
 
Wenn er stolziert wie eine Hagebutte,
Krieg ich das Land, darein ich Schätze schleppe.

TIMON: Die Kolonie wird billig und gediegen,
Der Hafen schafft uns weitste Perspektiven,
Wer mittut, kann hier ein Vermögen kriegen
Und Herden, die vom Fette nur so triefen.

ANNA: Ein Glaskelch wär gewiß auch recht betörend,
Noch eignet sich dies nicht für Tölpelhände,
Es wär gewiß die Freundschaftsfeier störend,
Gäbs Klirren und die Scherben hier am Ende.
Gewiß weiß nicht, daß nur noch aufzufegen
Uns bleibt, wird diese Kostbarkeit gestoßen,
Wem nur die Höhle Schutz vor Sturm und Regen,
Er sei nicht so geadelt von den Großen.

DIDO: Die Decke ist zwar klein, jedoch als Flagge,
Kann sie wohl taugen, daß die Wilden staunen,
Und frönt der Häuptling erstmal seiner Macke,
So bessern auch die andern ihre Launen.
Die Göttin wills, so wird es uns gelingen,
Wir tragen die Kultur ins Primitive,
Wer sich die Ohren schmückt mit Pappelringen,
Will nicht dem Lande, daß es weiterschliefe.
(Lärm im Hintergrund)

TIMON: Ich glaub, der Trupp, den ich zu Lande sandte,
Ist schon zurück, auch läßt der Lärm mich hoffen,
Daß sich der Häuptling mit Gefolg ermannte.
Nun gilts, daß er den Frauenwünschen offen.
 

 

18
 
Vierte Szene
Dido, Anna, Timon, Jarbas, Joel,
Berber, Kolonisten.

JOEL: Ich bin der Mundschenk dieses Berberfürsten,
Und ich versteh die Sprachen aller Länder,
Ihr seid nicht grade das, wonach wir dürsten,
Denn ich erkenn das Schiff und die Gewänder.

JARBAS (in einer offenbar für die anderen unverständlichen Sprache zu Joel):
Was soll das, Weiber, will man mich verkohlen?
Ich soll hier mit dem Unterleib verhandeln?
Ich denk, die solln die bösen Geister holen,
Eh sich vor Wut entzünden meine Mandeln.

JOEL (zu Jarbas in Landessprache):
Wir wollen sehn, was diese Flittchen bieten,
Es gibt bei solcher Ankunft ja Geschenke,
Ich hielt für gut, man prüfe diese Nieten,
Eh man sie ohne Federlesen henke.
(zu Dido allgemein verständlich):
Mein Herr fragt, welch Begehr zu dieser Landung
Bewog und wo der Mann des Damenpaares,
Hier üblich ist die Plünderung der Strandung,
Drum wünscht er ein Erklärungswort, ein klares.

DIDO: Wir hörten von der Gastlichkeit der Berber,
Und ein Geschenk befahl uns unsre Güte,
Die Schwester fand noch nicht den rechten Werber,
Und meinem wards, daß Pluto ihn behüte.
 

 

19
 
JOEL (zu Jarbas in Landessprache)
Sie sagt, die Kleine sei als Jungfrau läufig,
Sie selber sei verwitwet und geschieden,
Ich find, solch Gaben sind gar wenig häufig,
Grad wie die Äpfel von den Hesperiden.
(Jarbas nickt, weiter zu Dido):
Ich nehme an, ihr wollt euch hier vermählen,
Wir haben hier gewiß gestandne Recken,
Und ziert ihr euch nicht lange, wen zu wählen,
So dürft ihr eure Bäuche bald verstecken.

DIDO: Die hohe Eileithyia, die uns sandte,
Läßt euerm Häuptling Purpur angedeihen,
Dies ist im Wolkenmeer die anerkannte
Bekrönung, daß die Träger göttlich seien.
(Sie reicht Jarbas einen Purpurschal. Der läuft zu einer Rotweinpfütze aus der ersten Szene und bewundert sich. Joel läuft ihm nach und versucht ihm klarzumachen, daß er den Wert überschätzt. Jarbas gibt Joel eine Ochsenhaut.)

JOEL (zu Dido):
Der Herr ist ganz verzückt, nun wagt zu sagen,
Was wollt ihr, daß das Berbervolk euch schenke,
Ich könnt die Kleine ja ganz gut vertragen,
Und mit der andern ich den Herrn nicht kränke.
Der hochgestochne Schwatz kann ja nicht stören,
Von fremder Sprache Kenntnis unbelastet,
Und selbst ein Fluch, den man nicht weiß zu hören,
Hat selten eine Würde angetastet.

DIDO: Wir brauchen Land, um unverzagt zu nisten,
 

 

20
 
Und auszuüben Handel und Gewerbe,
Ein Eiland, karg für unsere Lebensfristen,
Gern die ins Meer hervorgestreckte Scherbe.

JOEL (bespricht sich leis mit Jarbas und wirft dann die Ochsenhaut vor Dido hin):
Grad das, was diese Ochsenhaut umschlingen
Euch kann, sei euch zur Landung angeboten,
Und traut euch drübernaus nach weitern Dingen
Nicht auszustrecken eure schmutzgen Pfoten.
(Die Kolonisten greifen nach ihren Schwertern und murren. Die Berber stampfen mit den Speeren auf.)

DIDO: Nur Ruhe in der Runde, diese Gabe
Ist kostbar und viel mehr als ich begehrte,
Euch danksagt meine Seele bis zum Grabe,
Und meinen Ring erhalt der Hochgeehrte.
(Sie zieht einen Ring vom Finger und reicht ihn Jarbas. Der steckt ihn sofort an seinen Finger und läuft davon. Die Eingebornen sind etwas verwirrt und laufen ihm dann hinterher.)


Fünfte Szene
Dido, Anna, Timon, Kolonisten.

ANNA: Was war das für ein heller Ring, o Teure,
Der war gewiß zu wertvoll für die Bande,
Verschenkst du Schwester Schätze ungeheure
Und handelst dafür ein nur Schimpf und Schande?

DIDO:
Nein Schwester, dieser Ring war Messingplunder,
 

 

21
 
Der Jarbas wird dies sicher auch bald merken,
Doch schien mir hier die Stimmung voller Zunder,
Da gilts, mit Zeit das Eigene zu stärken.
Die Ochsenhaut, zu Fäden aufgeschnitten,
Faßt manche Klippen, die als Stützpunkt taugen,
Und strahlen Macht und Gold aus dieser Mitten,
Sind Könige nur wir in allen Augen,
Der Häuptling mag mit seinem Schale wedeln,
Und suchen in dem Ring nach Zauberkräften,
Wir werden weithin die Kontakte fädeln,
Bereichern uns in Handel und Geschäften.
Der Hafen, den die Ochsenhaut gewonnen,
Er heiße Byrsa, sei der Juno Anker,
Ich weiß, sie bleibt uns weiter wohlgesonnen,
Und das Vermögen wird gewiß nicht schlanker.

ANNA: Der Jarbas wird gewiß sehr bald erkennen,
Daß ihn betrog das unverhoffte Nutzen
Der Ochsenhaut, wenn wir sie so zertrennen,
Wird er die Gabe bald empfindlich stutzen.

DIDO: Ich hab noch manches Kleinod, ihn zu trösten,
Ihm vorzugaukeln, ihm geschähs zum Glücke.
Es halten sich die Männer für die größten,
Die windelweich vor Weibes List und Tücke.

TIMON: Wir hättens wohl geschafft, die frechen Gäste
Zu stürzen in des Neptuns blaue Fluten,
Doch solcherart erbaut man nicht Paläste,
Das Weib läßt Feinde segensreicher bluten.
Was wär gewonnen, hätten wird geschunden
Den Häuptling, wieder Spiel zu sein den Winden,
 

 

22
 
Es hilft nichts, oft den Erdkreis zu umrunden,
Man muß sich niederlassen und sich binden.

ANNA: Ja Juno preist, sie gab der Schwester Stärke
Und Mut, der Gabe Hinterlist zu schauen,
Ein Schönheitsfehler liegt im Gründerwerke,
Doch anders ward nie eine Welt zu bauen.

DIDO: Die Göttin lehrte mich die Frauenwege,
Sie stand mir bei im Bangen und im Siege,
Drum sehnt euch stets nach ihrer hehren Pflege,
Denn ohne sie gibts nur die leere Wiege.
Was sie verheißt, soll eurer Tatkraft frommen,
Ihr Segen schafft euch Ernte und Gewinne,
Es wird der Ruhm auf eure Erben kommen,
Bleibt ihr der hohen Frau im Herzen inne.
Doch stets bedenkt, ich hab mich eines Eides
Bedient, sie so gewogen uns zu machen,
Wir sind Gefeite aller Scharn des Leides,
Halt ich nicht ein, beim Geist des Herrn zu wachen.
Die Treue, die ich schwor dem toten Gatten,
Sie lasse mich nicht zweifeln oder schachern,
Und sollte je die Ehrbarkeit ermatten,
Gehört mein Werk den Spöttern und den Lachern.
Ich kann, wenn man mir droht, mich zu vermählen,
Nur Zuflucht finden in den Flammengluten,
Daß sie die Haut von meinem Leibe schälen,
Den Schatten dann der Göttin zuzumuten.
Drum wisset, mag die Schwester auch dem Manne
Sich fügen und das wahre Glück erfahren,
Für mich gibts keinen Ausweg aus dem Banne,
Ich würde mich der Göttin offenbaren.
 

 

23
 
TIMON: Wir werden eure Ehrbarkeit beschützen,
Der Geist des Gatten sei uns unvergänglich,
Wir werden euern Eid nach Kräften stützen,
Die Göttin rühmen, hell und überschwenglich.

ALLE KOLONISTEN:
Wir treten in das Land, das ward gegründet
Vom Treusinn einer Frau, die nur zu loben,
Die Tatkraft mit Gehorsam sich verbündet,
Und drüber wach die große Juno oben.
Wir werden niemals zweifeln und vergessen,
Daß nur das Opfer kann die Götter locken,
Drum werden wir nicht ohne Beten essen,
Daß Didos Gatten gelte jeder Brocken.
Wir werden niemals trachten neu zu paaren
Die Herrin, die beschämt mit ihrer Tugend,
Wir sprechens stets und also wird verfahren
Im neuen Lande eine neue Jugend.
 

 

24
 


ZWEITER AUFZUG
Der Schloßgarten von Karthago. In der Mitte ein mächtiger Feigenbaum, im Hintergrund eine Grotte.

Erste Szene
Dido, Timon.

TIMON: Ich grüß die Herrin glücklich und zufrieden,
Die Flotte wächst, die neuen Ruderschiffe,
Sie haben uns die Meeresmacht beschieden,
Sie trotzen jedem Strudel, jedem Riffe.
Grad kam das Korn Sizilien-her gefahren,
Die Ladung wird gelöscht in Windeseile,
Wir wachsen und wir mehren uns mit Jahren,
Uns schreckt kein Sturm und keine Hafenmeile.
Der Krieg verdrießt uns an den Dardanellen,
Der Weg nach Kolchis heischte stets Gebühren,
Zu Lotsen, Wegzoll nun sich Schutztrupps stellen,
Denn anders ist dort nicht ein Schiff zu führen.
Seit Jahren wird dort hin und her gefochten,
Zum Ärger der Vernunft und der Geschäfte,
Die Griechen, die auf eine Dame pochten,
Sie scheuen keine Opfer, keine Kräfte.

DIDO: Wer ist die Frau, daß Männer sich verheeren,
Wie wird das Recht von Griechenland begründet?

TIMON: Des Menelaos Weib in Königsehren
Zu Sparta, wo der Strom Eurotas mündet.
Die Helena, wie Lakedaimons Frauen
 

 

25
 
Voll Stolz und eigensinnigem Betragen,
Man sagt, daß sie sich manches Wagstück trauen
Zu Pferde oder gar mit eignem Wagen.
Der Paris, der Trojanerprinz, die Dirne
Entführte aus dem kriegerischen Fasten,
Darüber streiten jetzt schon die Gestirne,
Weil Griechen solche Sitten gar nicht paßten.

DIDO: Es ehrt die Griechen, daß zum Schutz der Ehe
Ein großes Heer kommt auf und will nicht weichen,
Dies muß, wenn ich die Sache richtig sehe,
Der Juno einem Preisgesange gleichen.

TIMON: Ich glaub, die Sache ist nur vorgeschoben,
Das Unglück eines Ehemanns kann selten
Die Kreise ziehn, daß Völkerschlachten toben,
So etwas tut sich nur in Dichterwelten.
Der Reichtum Trojas in strategscher Lage
Ist schnöder Grund für diese Schlächtereien,
Doch macht sichs besser für die Totenklage,
Daß schöne Frauen Grund des Tötens seien.

DIDO: Dies mag so sein, doch ist dem Steineschieben
Auf Erden stets ein Hintergrund verbunden,
Die Götter, die die große Geste lieben,
Entzünden sich oft an sehr kleinen Wunden.

TIMON: Ja bitter ist das Ringen dort am Hügel,
Man trieb die Griechen schon hinab ins Wasser,
Patroklos nahm Achilles Zaum und Zügel
Und sorgte, daß der Angriff nicht noch nasser.
Der große Hektor, welchen Phoebus leitet,
 

 

26
 
Zerschlug mit einem Stein die Festungstore,
Den Myrmidonen ward das Aug geweitet,
Da Hektor zeigt, wie man die Speere bohre.
Patroklos fiel, Achills Gewänder tragend,
Und Troja jubelt, da der Angriff stockte,
Doch diese Kunde zu Achilles tragend,
Den Heros jener Tod des Freundes schockte.
Nun schritt er und entsagte allem Schmollen
Zur Walstatt, daß selbst Hektor mußte fliehen,
Und dreimal um die Mauer ging das Tollen,
Bis da Minerva zwang, das Schwert zu ziehen.
Und Hektor starb und bat da sterbend bitter,
Den Leichnam an die Stadt zurückzugeben,
Doch zum Entsetzen Freunds und Feinds und Dritter,
Mißhandelte Achilles den Epheben.
Er bohrte in die Ferse einen Haken
Und schliff die Leiche um das Grab des Lieben,
Die Haut zerriß wie ein zerfetztes Laken,
Bis Priamus er gab, was noch geblieben.
Die Raserei erfüllte mit Entsetzen
Die Götter, die da auch nicht glimpflich walten,
Ihr Ebenbild zerfleischte sich zu Fetzen,
Und Himmels Kampflust mußte so erkalten.
Aeneas ist nun Hoffnung der Dardaner,
Seit Hektor fiel, ist er der hehrste Streiter,
In Trauertagen schweigen die Trojaner,
Doch fürcht ich, dieser Kampf geht bald schon weiter.

DIDO:
Solch Leid wird einst auch unserm Sprengel blühen,
Die Städte wachsen und damit die Neider,
Und Tod und Elend sind die Frucht der Mühen,
 

 

27
 
Und Schimpf und Häme sind die Zeugen beider.
Als ich die Stadt uns gab für eine Stunde
Der Welt, war ich des Spruchs der Göttin inne,
Von Feindschaft und von Drangsal gab sie Kunde,
Von Drohung und von höchst verderbter Minne.
Mag Menelaos Gram euch wenig scheren,
So glaubt doch, daß die Ehre meines Gatten,
Für mich die hehrste bleibt von allen Ehren,
Mir ists, als ging ich grad ihn zu bestatten.

TIMON: Verzeiht, sang ich Aeneas, als begehrte
Ich euer Aug auf seinen Glanz zu lenken,
Mein Schmerz, daß Hektor Proserpin beschwerte,
Läßt mich ihn kühn und unvergleichlich denken.
(Ab.)


Zweite Szene
Dido, Venus.

DIDO: Das furchtbare Gemetzel, das mein Meier
Und Steuermann mir plastisch und voll Leben
Geschildert ohne Trostgebet und Leier,
Muß meiner Kühnheit sehr zu denken geben.
Ich bin erschöpft und will ein bißchen ruhen
Im Schatten dieser fruchtbeladnen Feige,
Zwar wäre viel zu richten und zu tuen,
Doch dieser Tag geht ohnehin zur Neige.
(Sie legt sich unter den Baum. Die Bühne verdunkelt sich langsam. Dann richtet sich ein Scheinwerfer auf die Schlafende. Gleichzeitig erscheint im Licht eines zweiten Scheinwerfers Venus im wallenden Nebel.)
 

 

28
 
VENUS: Wer hart sich bettet unterm Feigenbaume,
Ist wert, daß sich die Liebe selbst erbarme,
Für solche bin ich leiblich da im Traume
Und nehme sie in meine weichen Arme.

DIDO: Was führt die Hohe in bescheidnen Garten,
Was mischt sie meinem Traume ihre Stimme.

VENUS: Ich habe mir erlaubt, euch aufzuwarten,
Da mir die Feindin arg in ihrem Grimme.
Mein Sohn Aeneas floh, da Troja brennend,
Mit dem Palladium huckepack den Vater,
Wo Kreusa, seinen Namen nicht mehr kennend,
Sich fortstahl in ein anderes Theater.
Ihn sehrte wund das Schwert des Diomedes,
Ders wagte, selbst an mir sich zu vergreifen,
Ich trug den Sohn zum Schatten des Geheges
Des Pergamus in einem Nebelreifen,
Den hauchte Phoebus dicht um Sohn und Mutter,
Daß dann Diana und die Palmenfrohe,
Den Wunden pflegten, der nun hell wie Butter,
Da abfiel alles Grindige und Rohe.

DIDO: Ist Troja, das belagerte, gefallen?
Wie kams zu dieser unverhofften Wende?

VENUS: Die Griechen und Ulixes, frech vor allen,
Sie reiben sich in Kumpanei die Hände.
Erst holten sie von Herkules den Bogen
Mit Philoktet, der ihn gewann vor Zeiten,
Dann sind sie listig scheinbar abgezogen,
Zurückblieb nur ein Roß in den Gebreiten.
Das Roß schien hehr dem Laomedoniden,
 

 

29
 
Von Holz sollt es den Himmlischen gefallen,
Und Troja nahms und wähnte sich im Frieden,
Doch Diomed erhob daraus die Krallen.
Er öffnete mit seinen Spießgesellen
Die Tore, die nur schwach bewacht, von innen,
Die Griechen konnten uns im Schlafe stellen,
Und mancher starb, bevor es tagt, im Linnen.
Der Morgen sah das Blut in allen Gassen,
In Troja, das man einst das goldne nannte,
Versperrten Weg und Flucht die Leichenmassen,
Und der Palast des Priamus, er brannte.

DIDO: Entkam Aeneas diesem wüsten Sterben,
Dem Feuer und der Stadt voll Schmerz und Jammer?

VENUS: Ich führte ihn aus Unheil und Verderben,
Und Jove stand mir bei mit seinem Hammer.
Denk Dido, diese List beschämt die Götter,
Ein Opferstück als Waffe zu gebrauchen,
Dies sind des Heilgen allerärgste Spötter,
Zu Pluto solln sie unbeweint verhauchen.
Mein Sohn ist nun, wie du einst, auf dem Meere,
Und Stürme spielen Pingpong mit dem Guten,
Ich leid es nicht, daß er sich so verzehre,
Das Mutterherz hört nicht mehr auf zu bluten.

DIDO: Warum erfahr ich früher als durch Boten
Die Nachricht, die bedrückend jedem Lande,
Was kann ich tun für den vom Meer Bedrohten,
Wozu bin ich, ein schwaches Weib, imstande?

VENUS: Ich habs gefügt, mein Sohn wird diesen Hafen
 

 

30
 
Erreichen, wo er Trost und Sorg erbittet,
Drum hütet ihn vor Kriegern und vor Sklaven,
Als ob ihr wie die Mutter für ihn strittet.

DIDO: Ich will gern tun was not und was gefällig,
Ich sende Timon gleich hinab zum Kaie,
Er nannt den Helden hehr und sehr gesellig,
Ihm wird es leicht, daß er der Pfleg zu weihe.

VENUS: Ich weck euch nun, doch werd ich wiederkehren,
Wenn ihr den Sohn enthobt von allem Argen,
Und haltet ihr mein Augenlicht in Ehren,
So werde ich mit Gaben niemals kargen.
(Venus entschwindet, es wird rasch hell.)


Dritte Szene
Dido, Anna, Timon.

ANNA: O weh, wir hörten, wie im Schlaf dich schreckte
Ein wüster Alp. Gib, Timon, etwas Wasser!

DIDO: Was wohl die Göttin mit dem Traum bezweckte?
Ich bin doch ganz gewiß kein Griechenhasser.

TIMON: Sie ist verwirrt! Hier Herrin ein paar Schlucke,
Die Kühle wird euch guttun nach dem Schrecken,
Die Atmung leidet unterm Magendrucke,
Wagt mans, sich hier alleine auszustrecken.
Der Feigenbaum, gar kühl und nett zu leiden,
Er eignet auch den Mahren und Gespenstern,
 

 

31
 
Kommt rasch ins Haus, dort mögt ihr euch entkleiden
Und ruhen bei den großen offnen Fenstern.

DIDO: Laß gut sein, ich bin etwas nur verschlafen,
Ich hab mich bald schon wieder in Kontrolle,
Ihr müßt jetzt gleich hinuntergehn zum Hafen,
Mir träumte, daß es so geschehen solle.

ANNA: Ach, Träume, Hafen, Dido, du mußt ruhen
Im Haus, wo keine Mahren und Dämonen,
Ich werd dich jetzt befrein von deinen Schuhen,
Laß ab von Wurzeln und von Schattenkronen.

DIDO: Nein Anna, deine Sorg ist unberechtigt,
Ich bin ganz klar im Kopf und in den Beinen.
(Sie geht ein paar Schritte im Kreis.)
Wer unter solchen heilgen Bäumen nächtigt,
Dem offenbarn die Götter, was sie meinen.
Die Venus nahte aus dem Schlachtgetümmel
Von Troja, das nun brennt und ist gefallen,
Denn Arges tut sich, während ich hier lümmel
Und Überspanntheit scheint es euch gar allen.

TIMON: O weh, ich ahnt es, Hektor und nun dieses,
Die goldne Stadt geplündert und geschunden,
Warum gibts auf der Welt nur so viel Mieses,
Und Menschen rauben mit der Gier von Hunden.

DIDO: Aeneas ist geflohn mit Joves Gnade,
Die Venus kam, es mir im Traum zu melden,
Sie wies ihm unsre friedlichen Gestade,
Drum heißt willkommen den Dardanerhelden.
 

 

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TIMON: Ich eile, froh des unverhofften Gastes,
Er mög sich ganz zuhause bei uns fühlen,
Die Göttin sagts und also trefflich paßt es,
Nie hörte man von holderen Asylen.
(Ab.)

ANNA (schwärmerisch):
Er wird uns bald schon kehren mit dem Helden,
Von dem die Sänger viel zu sagen wissen,
Sie werden auch von unserm Heime melden,
Daß wir geflickt, was falb war und zerrissen.

DIDO: O Anna, dies ist eine ernste Sache
Von Krieg und Not und Götterstreitereien,
Da ist es gut, wenn ichs alleine mache,
Sonst muß ich dich des Unbedachten zeihen.
Geh rasch ins Haus, eh Timon kommt zurücke,
Ich werde dir Aeneas lebhaft schildern,
Gar oft ruft Neugier nur herbei die Tücke,
Kehr lieber zu den pergamentnen Bildern.

ANNA: Nein Dido, nicht ein Kind, ein unbelecktes,
Bin ich, ich bin schon übers Meer gefahren,
Ich will sein Antlitz schaun, sein unverdecktes,
Daß Phantasie berichtigt sei vom Wahren.

DIDO: Das geht nicht, Liebes, denn das Land vertreten,
Muß ich allein und nicht im Kollektive,
Sei drum nicht lang um Einsicht hier gebeten,
Sonst ist der Eindruck unsres Gasts der schiefe.

ANNA: So laß mich auf dem Baume im Geäste
 

 

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Belauschen wie man tut bei Diplomaten,
Nimm bitte Schwester mir nicht fort das Beste,
Erfahren möcht ich von Dardaner-Taten.

DIDO: Nun gut, mir ist nicht wohl dabei, doch sei es,
Wohl oder übel mag ich mich dreinfinden,
Doch wenn ich hör die Ahndung eines Schreies,
Werd ich mit ihm ein andres Eckchen finden.
Du mußt dich da von jedem Mucks enthalten,
Ich dulde nicht den Argwohn von Spionen,
Ich werde, wie gesagt, woanders walten,
Willst du die Huld mit grobem Undank lohnen.
(Anna steigt auf den Baum und verbirgt sich.)


Vierte Szene
Dido, Aeneas, Askanius.


DIDO: Kaum ist sie weg, da nahen schon die Gäste,
Dies ist ein Tag mit eng gestrickten Maschen,
Im Auge sind vom Schlafsand mir noch Reste,
Ich kam nicht mal dazu, mich früh zu waschen.

AENEAS: O Fürstin, die mir Timon wohl empfohlen,
Ich danke euch für Speis und Trank am Hafen,
Die Dürre schlug schon Spalten in die Bohlen,
Wie gut, daß wir beherzte Hilfe fanden.
Dem Vater war der Aufstieg zu beschwerlich,
Er weidet sich am Anblick der Lagune,
Der Timon sprach, ihr schautet recht begehrlich
Und wäret doch die Minnemacht-Immune.
 

 

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Mit eignen Augen schau ich nun die Schöne,
Die ganz gewiß recht viele Männer preisen,
Doch daß ich ihre Gattentreue pöne,
Will ich mit allem Nachdruck von mir weisen.
Ich hege für euch eines Sohns Gefühle,
Der arg gestrandet kehrt aus bösem Spiele,
Und bin beglückt und dankbar dem Asyle,
Von solchen hats auf dieser Welt nicht viele.
Mein Sohn, der aufwuchs zwischen Blutvergießen
Mög hier des Friedens Wohlstand kennenlernen,
Wo Feigen stehn und kühle Brunnen fließen,
Da steht das Beste in den Wandelsternen.

DIDO: Ich danke sehr für eure Komplimente,
Ich hoff, ihr findets an dem Hang gemütlich,
Dem Göttersohn gewähr ich gerne Rente,
Ich hoff, die seinen tun sich daran gütlich.
Wir möchten mit den Göttern allen Frieden,
Unachtsamkeit macht leicht sie unbehaglich,
Daß Segen uns und ein Gedeihn beschieden,
Das haben wir nicht klagbar und vertraglich.

AENEAS: Ich will für euern Hof und eure Küste
Und auch die Schiffe, die da fahrn und landen,
Erflehen Glück und allerschönste Rüste,
Die Feinde eurer Wohlfahrt sein zuschanden.

DIDO: Ich steh im Eid, doch darf ich euch wohl sagen,
Daß nie ein Recke macht das Herz mir frischer,
Ihr scheint ein Anfang von gewognen Tagen
Und aller Schrecken gütiger Verwischer.
 

 

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AENEAS: Solch hohes Wort ist neu für meinen Panzer,
Und gibt dem Herzen Hoffnung zu gesunden,
Ihr scheint mir eines zarten Kräutleins Pflanzer,
Das ranken will und Freundeshuld umrunden.

ASKANIUS:
Wenn mir erlaubt, hier dreist hereinzuplatzen:
Ich such hier nicht nur Frieden, Ruh und Futter,
Ich such ein Haus mit Mäusen und mit Katzen,
Und mittendrin steht eine gute Mutter.
Die Dame, Vater, hat ein liebes Lächeln,
Ich würde gerne ihrem Arm vertrauen,
Um nicht mehr hilflos in den Wind zu fächeln
Und dem Verlornen müde nachzuschauen.

AENEAS: Großmutter soll sie sein, mein lieber Junge,
Auch wenn sie Jugend zeigt in allen Reizen,
Scheint sie dir Mutter, beiß dir auf die Zunge,
Denn du sollst fürder mit dem Worte geizen.

ASKANIUS:
Das kann ich nicht verstehn und nicht begreifen,
Ihr sagt doch, daß die Dame euch gefalle,
Warum noch weiter durch die Meere schweifen,
Wenn hier das Beste rumsteht für uns alle.

AENEAS: Verzeiht o Fürstin, nicht vorauszusehen,
War dieses Knaben unverhoffte Meinung,
Euch sei beteuert, davon auszugehen,
Daß ich erstreb die völlige Verneinung.
(zu Askanius):
Nun schweige, Bub, denn es ist höchst gefährlich,
 

 

36
 
Zu schwatzen, wenn die Dinge nicht begreiflich,
Dein Widerwort war töricht und entbehrlich,
Drum überlege, eh du redest, reiflich.

DIDO:
Macht euch nicht Sorg, ich habe kaum vernommen,
Was diesem Kinde Ziel der wirren Rede,
Doch sollten wir jetzt rasch zum Abschluß kommen,
Geklärt ist doch der offnen Fragen jede.

AENEAS: O ja, ich wollt euch einzig herzlich danken,
Die Kleinigkeiten klärt ja der Verwalter,
So viele Blüten kommen, gehn und kranken,
Doch eure bricht gewiß kein Menschenalter.
(Mit Askanius ab.)

DIDO: Dies war gefährlich und nicht ohne Klippe,
Ob alle ich umschifft, ist nicht zu sagen,
Dies ist ein Trunk, wenn ich nur daran nippe,
Würd ich des Kelches Grund zu schauen wagen.
Ich geh ins Haus, die Nerven sind zerrüttet,
Und hoffentlich gibts keine neuen Träume,
Ich werd mit Wahn und Sehnsucht zugeschüttet,
Vielleicht ist wirklich alles Fluch der Bäume.
(Ab.)


Fünfte Szene
Anna, Timon.

ANNA (steigt vom Baum und geht im Kreise):
Ich weiß nicht, wag ichs oder laß ichs laufen,
 

 

37
 
Noch nie war ich so wundersam benebelt,
Ich durfte auf dem Aste nicht mal schnaufen,
Doch nun scheint alle Furcht wie ausgehebelt.
Was für ein Mann, so herrisch und verhalten,
Man sieht, die Augen sahen viele Länder,
Er hat vom Zauber, den die Eltern schalten,
So viel, daß man nicht ahnen kann die Ränder.
(Pause.)
Ich weiß nicht ein und aus und find nicht Ruhe,
Mir kriecht der Schweiß wie Schaum aus jeder Pore,
Ich weiß, es ist gefährlich, was ich tue,
Ich schau ihm nach vom Wachturm bei dem Tore.
(Sie verschwindet, kommt betrübt zurück):
Der Meeresdunst hat ihn schon längst verschlungen,
Auch hörte ich kein Horn als Lebenszeichen.
Was soll das werden in den Dämmerungen,
Wenn lange Schatten durch den Garten schleichen?
Ich höre Timon – wird er mich befragen?
Mir schwindelt, wenn ich diesen Wahn bedenke,
Ich werde Wahrheit ungefärbt nicht sagen –
O weh, ich denk der Arme, der Gelenke!

TIMON: O Anna sprecht, wo ist die Fürstin grade,
Ich wüßte gern, ob sie erfreut vom Gaste.

ANNA: Ich sah sie eben pflegen sich im Bade,
Sie wird wohl schlafen drinnen im Palaste.
Der Tag war voller wechselnder Gefühle,
Ein Traum stieß sie zum Brennpunkt der Geschichte,
Gefühle, dunkle, fährliche und schwüle,
Und nun ist sie am Ende ganz zunichte.
 

 

38
 
TIMON: Es ist nicht gut am Feigenbaum zu liegen,
Die Seele treibt dort weit ins Reich der Schatten,
Sie wird zuletzt noch Depressionen kriegen,
Sucht sie nur immerfort nach ihrem Gatten.

ANNA: Ich glaub nicht an die Hexenmacht der Feige,
Die Venus kommt, wenn Frauenherzen schreien,
Behalt für dich, wenn ich dir nicht verschweige,
Sie liebts schon lang, sich solchem Traum zu weihen.

TIMON: Unfaßbar! Ist die Keuschheit eine Larve,
Die sie uns pflegt, Unfehlbarkeit zu gaukeln,
Sind ihre Träume schummrige und scharfe?
Läßt sie von Amor sich im Schlafe schaukeln?

ANNA: Verwunderlich ists nicht bei ihren Pflichten,
Sie schaut im Alltag nur die stärksten Mannen,
Und dachten etwa Schmachten und Verzichten
Demiurgen, da sie einst das Weib ersannen?

TIMON: So sagt, wie wars, da sie Aeneas schaute?

ANNA: Ich übte die Methode des Gesindes
Und lauschte, weil ich dieser Sach nicht traute,
Und weiß, allein das Störende des Kindes,
Hielt sie noch ab zu schmusen und zu herzen,
Ihr Herz, gleich einem Hammerwerke pocht es.
Die Frauen ähneln oft geraden Kerzen,
Erfährt man nicht die Windungen des Dochtes.

TIMON: Und warum ruht sie jetzt in ihrer Kammer?
 

 

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ANNA: Ihr wißt doch, daß die Venus sie im Traume
Berät wie man begegne solchem Jammer.
Sie sagt gewiß nicht: Halt dein Herz im Zaume.

TIMON: Wir müssen uns auf diese neue Lage
Rasch einstelln, denn sonst kann dies bald bedeuten,
Daß sie uns untreu schilt mit lauter Klage,
Und bloßstellt vor dem Gast und vor den Leuten.

ANNA: Als sie grad ging so sagte sie recht leise,
Es wär gewiß zum Nutzen dieses Thrones
Und auch für sie die allerfeinste Weise,
Käm sie zurück und er war bar des Sohnes.

TIMON: Mir wird ganz übel und ich muß euch fragen,
Was ist zu tun, man darf sie wohl nicht drängen,
Was ist zu tun und was ist hier zu wagen,
Daß man nicht fehlt vor ihrem Blick, dem strengen.

ANNA: Sagt dem Dardaner, er mög in den Garten
Zurückkehrn, so als hätt er was vergessen,
Und was ihn dort im Dämmer wird erwarten,
Leicht anzudeuten, scheint mir nicht vermessen.
Sagt ruhig, daß sie erst die Venus fragen
Noch will, wie die Bewirtung angemessen.
Ich hoff, ihr merkt euch, was euch aufgetragen,
Und werdet nicht das Wichtigste vergessen.

TIMON: Ich eile wieder pfeilgeschwind zum Ufer,
Dies ist ein großer Tag in der Geschichte,
So lange war im Wüstensand ich Rufer,
Und nun schreibt Venus selber die Gedichte.
 

 

40
 
Sechste Szene
Anna, Aeneas.

ANNA: Es ist getan, nun wird der Holde kommen.
Mein Traumprinz wird in diesen Garten treten.
Was frag ich nach den Ehrbaren und Frommen?
Ich wart nicht, bis die Reize mir verwehten.
Nicht oft ein Heros landet an der Küste,
Und dieser ist so herrlich, daß ich rase,
Ich täts, auch wenn ichs bitter büßen müßte,
Vielleicht fall ich auch vorher auf die Nase.
(Pause.)
Das Warten macht mich zappelig und kirre,
Schon steigt im Ost das dämmerige Fahle,
Die halbe Stunde ging, wenn ich nicht irre,
Seit ich den Timon schickte rasch zu Tale.
Die Schwester wird mir bloß nicht noch erwachen,
Wenn sie hier auftaucht, ist der Plan vernichtet,
Dann wird man mich als dummes Kind verlachen,
Das ungeschickt auf alles Glück verzichtet.
(Pause.)
Ich höre was, das muß er sein – o Mächte,
Ihr Götter meiner Jugend habt Erbarmen,
Vielleicht ist ja mein Fanggeweb das schlechte,
Jedoch, ach alles fleht nach seinen Armen.

AENEAS: Wie töricht, dieses Kleinod zu verlieren...
Sagt Maid, wo ist die Herrin dieser Blätter?

ANNA: Ich bins, die Baum und Rankendornen zieren,
Vor ein paar Stunden nanntet ihr mich netter.
 

 

41
 
AENEAS: Ich sah euch nie zuvor doch sag ich gerne,
Ihr seid die schönste Blüte der Oase,
Solch Herrlichkeit beneiden selbst die Sterne,
Ich neid es dem, der euch berührt im Grase.

ANNA: Die Venus, eure Mutter, fand es schicklich,
Mein Antlitz eurer Mannheit zu verjüngen,
Sie wandelte die Stute augenblicklich
Zum Füllen, das sich müht zu ersten Sprüngen.
Ich heiße Dido, Gründerin der Stätte,
Und kam von Tyros einst auf Neptuns Wogen,
Ihr sagtet, daß ich viele Preiser hätte
Bei Männern – und ihr habt doch nicht gelogen?
Es kann nicht sein, daß eurer Mutter Mühe
Verächtlich macht, was ihr so hold besungen?
Ists unrecht, daß das Reife nochmals blühe
Und mädchenhaft durchglimm die Dämmerungen?

AENEAS: O Dido, daß die Mutter solche Wunder
Vollführ, war ganz gewißlich nicht vonnöten.
War doch mein Herz entflammbar schon wie Zunder,
Daß es die Sitte kaum vermocht zu töten.
Nun schau ich dich in lieblichstem Erwachen
Und trau mir kaum solch Herrlichkeit zu kosten.
Ich sagte ja, das Alter kann nichts machen,
Weil Gold und Silber nie im Regen rosten.
(Es wird ganz finster. Blitze zucken, Donner grollt. Die Feigenbaum-Kulisse wird fortgebracht und die Grotte in den Vordergrund geschoben. Rotes Licht flammt in der Grotte auf.)

ANNA: Die Elemente toben voll Verlangen,
Dies ist Musik für götternahe Paare,
 

 

42
 
Ab fiel von mir das Schmachten und das Bangen,
Weil ich die Kräfte nur dem Liebsten spare.

AENEAS:
Du bist so wild, ohn Umschweif, ohne Zieren,
Dies ist mir eine ungewohnte Szene,
Doch will ich mich drob lange nicht genieren,
Weil ich dich, Dido, lange schon ersehne.

ANNA: Auch ich bracht Jahre zu im reinen Staunen,
Wenn Timon sprach vom heldenhaften Ringen
Vor Troja, dem des Kriegesschicksals Launen
Aeonenweit Tragödienchöre singen.
Vor diesem Kampfe, hart und ohne Gnade,
Erschien Aeneas als der hellste Streiter,
Den Taten lauscht Diana nackt im Bade,
Proserpina wird dabei froh und heiter.
Die Frauen aller Alter, aller Winde,
Erzählen sich beim Waschen und beim Spinnen,
Ob Adel, Schmiedin, Bäuerin, Gesinde,
Sie träumen, mal ein Quentchen zu gewinnen
Von deiner Kraft, die gleicht dem wilden Eber,
Der angreift und begehrt kein zweites Treffen,
Sie fragen der Orakel Hinweisgeber,
Und träumen, wenn Matrosen Segel reffen.

AENEAS: Die Kraft allein kann Frauen nicht gefallen,
Umfaßt sie nicht den Sinn für Takt und Fließen,
Und weiß der Mann zu lassen und zu ballen,
Gelingts der Frau im tiefsten zu genießen.
Doch ist das Liebesspiel der Menschenkinder,
Nie wie beim Tiere nur Instinkt geschuldet,
 

 

43
 
Ob einer herrsch, befehl und habe Rinder,
Ob einer wachs und heldenmütig duldet,
Es ist der Adel, den man nennt Charakter,
Der Phantasie entzündet und beflügelt,
Denn wer da kommt als Geck und Taten-Nackter,
Der wird von Frauenblicken abgebügelt.

ANNA:
Laß uns nicht länger hier vom Schmause schwatzen,
Die Grotte hat die Mutter hell erleuchtet,
Ich sehne mich nach deinen Löwentatzen
Und spür wie Nektar mir den Nacken feuchtet.
Ich will mich schmiegen an die Heldenrippen,
Und deinen Bart durchkräuseln und behauchen,
Wird weich die See, korallenhart die Klippen,
So wolln wir wie des Pans Gefolge fauchen.

AENEAS: Ich spüre deine Lippen an den Ohren,
Und spüre deine Hand an meiner Seele,
Dein Haar, zum Glück noch niemals abgeschoren,
Bedeckt, was ich nur mühsam noch verhehle,
Laß tiefer dich in diese Grotte führen,
Daß uns nicht schauen Wolkendunst und Blitze,
Dann will ich lebhaft deinen Busen spüren,
Bis ich dich ganz und inniglichst besitze.
 

 

44
 


DRITTER AUFZUG
In Didos Palast. Im Hintergrund eine Fensterfront mit buntbemaltem Glas. Anna, offensichtlich hochschwanger, sitzt niedergeschlagen auf einem Stuhl, Dido läuft nervös auf und ab.

Erste Szene
Dido, Anna.

DIDO: Ich will die Einzelheiten gar nicht wissen,
Ich weiß genug. Es ist auch offensichtlich.
Verschone mich mit den Gewissensbissen,
Du brauchtest den Verstand gar vorgeschichtlich.
Dir ist bekannt, was ich zu dulden hatte,
Da alle Welt mir spottete und höhnte,
Mein Garten wär die rechte Rasenmatte,
Daß Trojas Helden sich der Schmerz verschönte.
Man sprach, der Fürstin Ehrbarkeit und Adel
Seis recht, daß man sie im Vorbeifahrn raubte,
Doch lächerlich sei hier ein jeder Tadel,
Weil ohnehin hier keiner daran glaubte.
Nun sieht man klar, und Venus wirds empören,
Daß noch gerißner als die Schaumgeborne
Ein Weib verfuhr, die Götter werdens hören,
Bei Juno weicht der Segen ihrem Zorne.
Was ich geführt zur Stadt und dann zum Reiche,
Du hasts verspielt als ungezogne Göre,
Und selber wardst zum Schatten und zur Leiche,
Und in den Gassen hör ich Spötterchöre.
Dies alles scheint dich wenig zu bekümmern,
Du schweigst verstockt und gibst dich noch beleidigt,
 

 

45
 
Bei zwiefach Rat befolgst du stets den dümmern,
Und dieser wird von dir auch noch verteidigt.

ANNA: Ich würde, was ich tat, auch wieder machen,
Es ist mein Schicksal und ich trag es gerne.

DIDO: Du willst in mir das Oberhaupt verlachen?
Und glaubst nicht, daß du taube Nuß im Kerne?
Was willst du tun, als alternd zu verwaisen,
Kein Mann wird je ein solches Flittchen freien,
Was mischtest du dem Silber schlichtes Eisen,
Wohl meinend, daß dies rechte Partner seien?

ANNA: Manch einer freit die Frau mit einem Kinde,
Erst recht, wenn dieses Stolz für seine Sippe,
Matronenhaft ich deine Worte finde,
Ich nehm mein Leben nicht auf leichte Schippe.

DIDO: Du lasest viel zu viel die schlechten Dramen,
Selbst dort führt solches meist zur Katastrophe,
Weil sich die Väter oft das Leben nahmen,
Wenn Kinder allzu ungleich sind am Hofe.
Wie soll ein Mann es selbstbewußt ertragen,
Wenn ihm das Stiefkind stets beschämt den Samen?
Wer ist bereit, ein solches Los zu wagen,
Wo viele bald um Glück und Leben kamen?

ANNA:
Mein Sohn wird heldisch tun mit seinem Schwerte,
Ein Thema wird er Mimen und dem Sänger,
Dies ist, was ich in Tyros schon begehrte,
Denn einzig so wirds Menschenleben länger.
 

 

46
 
Als Mutter bin ich nicht mehr Kind und Mündel,
Ich habe teil an Sagen und Legenden,
Ich hab es satt, als Sack in deinem Bündel
Die Jugend und die Hoffnung zu verschwenden.

DIDO: So so, nun gut, wir sprechen später weiter,
Ich suche einen Ausweg zu ersinnen,
Doch ist der Himmel noch so hell und heiter,
Du bleibst für nächste Zukunft hier und drinnen.
(Anna geht ab.)


Zweite Szene
Dido, Timon.

TIMON: O Herrin, ihr befahlt mir gleich zu kommen,
Wenn Anna schlich zurück in ihre Kammer,
Es schien mir jüngst, sie habe zugenommen
In ihrem einsam zugeknöpften Jammer.

DIDO: Es ist nur raus, was dran an dem Geblödel,
Daß ich die Venuskinder hier bewirte,
Ihr wart, Verwalter, hier ein rechter Dödel,
Und nicht wie ich gedacht ein guter Hirte.
Ich hoff, Ihr wollt euch bessern und bewähren,
Seid auf Verdienst aus und aufs Ehrenvolle,
Sonst müßte ich des Aktes Hergang klären,
Und eure schwache Dunkelmänner-Rolle.
Die Anna ist verknallt in den Dardaner,
Sie findet wundervoll, daß sie nun schwanger,
Da wird zum Affen jeder Zukunftsplaner,
Doch vor den Göttern ist mir da noch banger.
 

 

47
 
Die Venus muß als Kupplerin verzagen,
Mir zugedacht hat sie den Part der Minne,
Es ist ein Ding von Wochen oder Tagen,
Daß sie der großen Niederlage inne.
Mir ist da fast noch lieber das Geschwatze
Der Gosse, wo die Heuchlerin mein Titel,
Eh mir die Göttin Aug und Scham zerkratze,
Und mir das Feuer bleibt als letztes Mittel.
Das Klügste scheint mir, etwas Zeit zu schinden,
Wenn Anna im Palaste und verborgen,
Wird sich vielleicht noch eine Rettung finden,
Wenn heute nicht, vielleicht doch übermorgen.

TIMON: Aeneas folgte gleich nach der Affäre
Im Land Italien Phoebus' heilgem Willen,
Gleichgültig ist der Venus jede Zähre,
Und ob da Anna oder Dido stillen,
Es ging nur drum, daß Juno focht mit Winden
Und also sie mit Häme abzulenken,
Dem Helden stands nicht frei sich hier zu binden,
Drum ist die Raschheit ihm nicht zu verdenken.
Tot schlug er jüngst den Turnus, um zu freien
Lavinia, Sproß des Königs der Lateiner,
Dort gilt es eine große Stadt zu weihen,
Was davon fern, beachtet also keiner.
Ich denk, die Sache wird sich rasch verlaufen,
Nur eine Nacht, von Jahren nicht Dekade,
Doch Anna sollt kein Pergament mehr kaufen,
Es wäre sonst um die Prinzessin schade.

DIDO: Dies mag so sein, ich geh auf Nummer sicher,
Acht wohl darauf, daß Anna nicht die Straße
 

 

48
 
Betritt und daß mir nicht der Pöbel kicher,
Denn sonst verlier im Zorne ich die Maße.

TIMON: Ich will gleich gehn, die Kammer zu bewachen,
Der Turm hat starke Gitter vor den Fenstern,
Da brechen sich die Zähne selbst die Drachen,
Auch hörte man dort niemals von Gespenstern.
(Ab.)

DIDO: So weit so gut. Nun will ich Juno rufen
Und ihr beteuern, daß den Eid ich halte,
An meinem Turm gibts Leitern nicht und Stufen,
Und meine Festheit duldet keine Spalte.
(Sie geht hinaus und kommt mit einer geschlachteten Taube zurück. Sie schichtet Scheite auf, bestreut sie mit Kräutern und versucht, mit einem Bohrer Feuer zu machen.)
Der Zunder war noch nie so widerspenstig,
Es ist ein Spiel, das grad wie abgekartet,
Verliererin und Laß-es-bleiben nennts dich,
Ich hab doch auf die rechte Zeit gewartet.
(Sie versucht es weiter.)
Es will nicht gehn, als ob ein Hexenbesen
Streicht übers Haus und flucht mit schwarzem Zahne,
Ich will mir einen andern Ort erlesen,
Daß ich mir Weg ins Wolkenhohe bahne.
(Sie will gehen, verharrt bei einem Geräusch. Lautes Türenschlagen, Soldaten auf den Treppen.)
Kein Wunder, daß die Scheite mir nicht flammen,
Mein müdes Tun kann diese Hatz nicht wehren,
Und fasse ich die Funken nicht zusammen,
So kann ich mich nicht einmal selbst verzehren.
 

 

49
 
Dritte Szene
Dido, Timon.

TIMON (stürzt mit verschmorten Kleidern und rußgeschwärztem Gesicht herein):
O schwarzer Tag, o Schande, o Verbrechen,
Eur Schwester hat mit Pluto sich verbündet,
Niemandem je gelangs, uns so zu schwächen,
In Frage steht, was wir vor Zeit gegründet.

DIDO:
Was sprecht ihr von der Schwester? Werdet klarer!
Kam sie zuvor der grad verfügten Sperre.
Was wurde aus dem sturmerprobten Fahrer,
Venehm ich nichts als weibisches Geplärre?

TIMON: Die Schwester, ja, ja die ist weg, geflohen,
Sie ließ uns hier allein mit ihrem Spotte,
Daß wir sie mit Verfolgung nicht bedrohen –
Im Hafen brennt, verbrennt die halbe Flotte!

DIDO (betont ruhig):
Dies ist der Wahn, wenn Amor seine Pfeile,
Verschießt, da kann Vernunft nur elend sterben.
Sie wähnt sich auf dem raschen Weg zum Heile
Und rast auf raschem Wege ins Verderben.
(sehr nachdenklich):
Wir können, Timon, Götter nicht betrügen,
Die Venus schaut nicht nur auf Platz und Garten,
Selbst wenn wir uns zu Pluto hinverfügen,
Sie kennt doch unser Herz und seine Scharten.
Sie fügt es so, daß wir uns selber richten,
 

 

50
 
Und Anna wird die Eifersucht erkennen
Lavinias und auf alles Glück verzichten,
Sie mimte mich und wird statt meiner brennen.
Dies Opfer wird mich freilich auch nicht retten,
Ich schwor, ich brächte dieses Land zum Blühen,
Doch bleib ich in den früh gefügten Ketten
Und werde dort am Ende noch verglühen.
Das Feuer, das wir töricht Liebe heißen
Die Flotte nahm und eure guten Kleider,
Und alles was da ist wirds in sich reißen,
Denn ihm gewachsen ist kein andrer Scheider.

TIMON:
Verzeiht mein Stammeln und die große Eile,
Hinab muß ich, den Löschzug anzuführen,
Wir haschen meist vergeblich nach dem Heile,
An diesem Spruche ist wohl nichts zu rühren.
Es drängt mich, euch mein Beileid auszusprechen,
Daß ihr im Wahn die Schwester habt verloren.
Sie ging schon zündelnd um, dann aufzubrechen,
Als ihr zum Turm befahlt den alten Toren.
Ich glaub euch gern, daß hier die Götter walten,
Doch wars seit je des Menschen Part im Stücke,
Daß er sich füg den Starken und den Alten
Und dennoch hoff, daß eine Stunde glücke.
(Ab.)

DIDO: Ich wünschte, ich wär ganz von seinem Stoffe,
Doch steckt in mir so manche andre Faser,
Ich weiß nicht recht, was ich für mich erhoffe
Und ob ich Hagelschlag bin oder Glaser.
 

 

51
 
Vierte Szene
Dido, Jarbas, Joel.

JOEL: Wir hörten und wir sahn das große Feuer,
Das euch die Kolonie macht fast zuschanden,
Wir dachten, dies würd minder ungeheuer,
Wenn viele Hände sich zusammenfanden.
Nicht nur zu löschen, was im Winde lodert,
Auch neu zu bauen, wär euch beizustehen,
Eh Wrack um Wrack im schönen Hafen modert,
Gedachten wir, auf Besserung zu sehen.

JARBAS (wie auswendig gelernt):
Daß sich die Völker mischen und verbünden,
Reich ich die Hand der Schönen aus dem Osten,
Vergessen sein die Schelte und die Sünden,
Wir stellen Werker, Kämpfer, Späher, Posten.

DIDO: Ich danke eurem Volke für die Güte,
Doch bin ich grade allzuschlecht bei Kasse,
Daß mir zu teilen feil bedrohte Blüte,
Weil ich mein Erb ansonsten hier verprasse.

JOEL: Als ihr vor ein paar Jahren hier begonnen,
Da schluckten wir den Schwindel mit dem Ochsen,
Und wär uns nicht manch Vorteil zugeronnen,
Leicht wärs getan, euch wieder rauszuboxen.
Nun sehn wir, euer Bleiben ist gediegen,
Wir können von dem Aufschwung profitieren,
Drum soll es nicht am guten Willen liegen,
Daß wir die erste Feindschaft ganz verlieren.
Wir hoffen nicht auf Gold und Perlenschätze,
 

 

52
 
Auch keine Geste, zugedacht von oben,
Wir wollen hier nur ein paar nette Sätze,
Daß wir zu Gleichen sein von euch erhoben.

DIDO: Ich bin nicht Göttin, Menschen zu erheben,
Ihr seid doch frei und nirgends unsre Sklaven,
Wir haben euch doch manches Stück gegeben,
Daß ihr uns laßt den Hügel und den Hafen.

JOEL: Es geht uns nicht um göttliches Erheben,
Nur wär ein Bund, der alle Augen lehrte,
Daß unsre Völker miteinander leben,
Ein Zeichen, daß man wirklich uns begehrte.

DIDO: Wie soll ein solcher Bund sich denn gestalten?
Ich bin gespannt auf die Ideen und Muster,
Denn Schaft und Sohle müssen trefflich halten,
Solln gute Stiefel sein dem guten Schuster.

JOEL: Ihr seid schon lange unvermählt, mein Meister
Reicht euch die Hand und damit ewgen Frieden,
In Volkes Augen ists der rechte Kleister,
Daß Wohlfahrt sei der Einigkeit beschieden.

DIDO: Da muß ich eure Freude leider stutzen,
Die Schwester würde ihn vielleicht bekochen,
Doch ist sie heut zu unbekanntem Nutzen
In unbekanntes Neuland aufgebrochen.
Ich selber steh im Eid, dem toten Gatten
Die Einzigkeit im Grabe nicht zu nehmen,
Drum müssen wir zu brechen Sperrzauns Latten
Uns eines andern Bundeswegs bequemen.
 

 

53
 

JOEL: Ich möchte eure Eidestreu nicht pönen,
Ich weiß nicht wem ihr schwurt mit welchem Pfande,
Doch eures Gatten Anwalt zu versöhnen,
Ist Reichtum ganz gewiß in diesem Lande.

DIDO: Ich schwur der Juno bei der Gabenschale,
Mein Leben ist das Pfand, Gericht die Flamme,
Ich hab bekräftigt manche hundert Male,
Daß Freier dringen nur zum Opferlamme.

JOEL: So gilt es Juno rasch zu überzeugen,
Daß dieser Völkerbund zu ihrer Ehre,
Wir wollen uns dem Götterspruche beugen,
Sei es, daß sie das Eidespfand verwehre.

JARBAS: Daß sich die Völker mischen und verbünden,
Reich ich die Hand der Schönen aus dem Osten,
Vergessen sein die Schelte und die Sünden,
Wir stellen Werker, Kämpfer, Späher, Posten.

DIDO (ignoriert Jarbas, zu Joel):
Nun gut, wir wollen gleich die Göttin fragen,
Ihr seht, die Scheite sind schon aufgerichtet,
Ich bitte euch, den Brand hineinzutragen,
Daß uns vom Himmelswillen sei berichtet.

JOEL (macht mit geübter Hand Feuer):
Wohlan, dies ist ja trefflich vorbereitet,
Nun werden wir die große Göttin schauen,
Und wenn sie Huld auf unsre Wünsche breitet,
Kann sie die zu Vermählenden gleich trauen.
 

 

54
 
Fünfte Szene
Dido, Jarbas, Joel, Juno.

JOEL: Ich ruf die Frau der Wolken und der Wetter,
Die Nebel türmt und streckt und läßt zerstieben,
Kein Ranken reicht, daß ich ihr Reich erkletter,
Drum sei ihr Kraut am Opfertier zerrieben.
Ob Regen, Sturm, ob Dürre oder Hagel,
Nur die Patera kann ihr Aug entschleiern,
Kein Schiff besteht, verbindet nicht im Nagel
Die Stifterin die Scheite, die wir feiern.
Sie segnet die Gebärenden, das Bluten
Der Scham, das fruchtbar macht den Schoß zu mehren
Das Menschenvolk, die Bösen und die Guten,
Die Frevler, und die Kinder, die sie ehren.
Ich knie und bring, was ihre Huld geliehen,
Und ich erhoff, sie mache sich erkenntlich,
Und auch, die Gabe sei nach Brauch gediehen,
Daß mir ihr Wille werde nun verständlich.

JUNO (tritt nebelumflossen auf):
Die Treue seh ich gern, und deine Taube,
Sie duftet mir und macht mich sehr gewogen,
Die Fragen, die du hast, ich gern erlaube,
Ich bin von weit in deinen Sinn geflogen.

JOEL: Das Volk der Berber und der Tyrer Künste,
Sie wollen sich vereinen hier in Frieden,
Wir hoffen, daß da Ehr die Wolkendünste
Empfinden, wenn wir also tun hernieden.
 

 

55
 
JUNO: Ich denke, daß der Bund von Kunst und Menge
Geeignet ist, den Göttern zu gefallen,
Daß Richtung sei dem Weg und keine Enge,
Beschirm ich die Vereinigung von allen.

JOEL: Um Neues wohl und unbeschwert zu formen,
Bedarf es oft des Abschieds vom Vergangnen,
Denn werden Gift die einst gepflognen Normen,
Erstarrt der Mensch im Wolkendunstverhangnen.

JUNO: Ich bin nicht nur Bewahrerin und Siegel,
Ich pfleg auch Wandel und die Morgenröte,
Der Aufgang hat den Untergang zum Spiegel,
Wenn ich gebär, so weiß ich, daß ich töte.

JOEL: Der Bund des Volkes und der Kolonisten,
Ihm sei die Ehe beider Häupter Krone,
Daß Mann und Frau vermischen ihre Fristen,
Das Volk erhofft, die Göttin dabei wohne.

JUNO: Ich bin bereit zu allem Schirm und Segen,
Kein Werk ist so wie dieses meine Freude,
Wenn Mann und Frau das Volk zusammenlegen,
Erstrahlt im Glanz das ganze Weltgebäude.

JOEL: Ihr sagtet, um ein Großes zu beginnen,
Seis recht, daß das Verjährte drunter leide,
Doch wagt die Fürstin nicht den Mann zu minnen,
Da sie gebannt vor euch in altem Eide.
Sie sagte uns, der Bund kam nicht zustande,
Da sie euch schwor die Treu zum toten Gatten,
Drum ruf ich, nehmt was lieb euch aus dem Lande
Für eure Huld, die Ehe zu gestatten.
 

 

56
 
JUNO: Ich laß den Eid und auch das Pfand euch laufen,
Wenn Dido selbst die Bitte formulierte,
Ich würde mir gewiß die Haare raufen,
Wenn ich sie ließ und sie sich dennoch zierte.
(Verschwindet.)

JOEL: Nun seht ihr, Dido, in dem Wolkenmeere
Sind Hindernisse nicht für diese Ehe,
Dem Volk zum Glück und zu der Götter Ehre
Die Freude, die die Göttin sprach, geschehe.

JARBAS (automatenhaft):
Daß sich die Völker mischen und verbünden,
Reich ich die Hand der Schönen aus dem Osten,
Vergessen sein die Schelte und die Sünden,
Wir stellen Werker, Kämpfer, Späher, Posten.

DIDO: Ich werde was ihr sagt nicht lang bedenken,
Nur Abschied nehmen von dem toten Manne,
In Bälde werd ich mich der Frohtat schenken
Und lösen mich vom einst gefügten Banne.
Es ist nicht recht, die Götter vorzuschieben,
Wenn wir uns der Veränderung verweigern,
Und oft geschiehts, wenn Dinge liegenblieben,
Daß sie die Not darauf beständig steigern.
Drum prüfe ich kein langes Für und Wider,
Und wart nicht, daß mir von der Schwester Kunde,
Vor Tagesfrist vereine ich die Glieder
In einem wahrhaft lösungsfreien Bunde.
(Joel verneigt sich, mit Jarbas ab.)
 

 

57
 
Sechste Szene
Dido, Timon.

TIMON (wieder in sauberer Kleidung):
Das Feuer ist gebannt, die Planken rauchen,
Noch hie und da, zwar sind die Segel Fetzen,
Doch ist die meisten Kiele noch zu brauchen,
Das weitre werden wir recht leicht ersetzen.

DIDO: Sehr schön, doch leider hat sich das Vernichten
Verlagert und die Vehemenz gesteigert,
Schön, daß ihr noch mal herkommt, mich zu sichten,
Ich hab mich nun die längste Zeit geweigert.
Die Juno hat dem Jarbas zugebilligt,
Die Werbung sei den Göttern wohlgefällig,
Sie hat den Eid zu lösen eingewilligt
Und meint wohl, daß das Weibstück bärenfellig.
Eh ich den Jarbas an die Brüste lasse,
Bevorzug ich des Scheiterhaufens Lohe,
Die Frist, die mir noch bleibt, ich nicht verpasse,
Drum sei geröstet dieser Leib, der rohe.

TIMON: Makaber scheint mir euer Selbstverfluchen,
Wie soll der Berber euch zur Heirat zwingen?
Ich brauch da für Bewachung nicht zu suchen,
Freiwillge werden für euch stehn und ringen.

DIDO:
Dies ehrt mich, doch auf Schwertgewalt zu gründen
Das Land, ist keine dauerhafte Sache,
Ich richte mich für meine großen Sünden,
Da ich mir nichts aus diesem Berber mache.
 

 

58
 
TIMON:
Dies ist nicht not! Wo steht denn aufgeschrieben,
Daß Tyrerinnen müssen Berber freien,
Es ist doch Brauch, sie wählen ihren Lieben,
Auf daß sie stets in bester Obhut seien.

DIDO: Das gilt schon sonst, doch steht die zarte Pflanze
Der Kolonie nicht grad als Katz im Sacke,
Die Berber wolln, daß einig sei das ganze,
Ein Ganzes, das geführt von einer Flagge.
Ich hab sie mit der Göttin abgewiesen,
Doch da mir diese ihren Schutz entzogen,
Den Landeskindern sind wir all die Miesen,
Wenn ich schon bin dem Häuptling nicht gewogen.
Die Propaganda wird schon bald verfangen,
Wenn alle Hoffnung hin und er beleidigt,
Viel größre Reiche sind zugrund gegangen,
Da hilfts nichts, daß den Streifen ihr verteidigt.

TIMON: So flieht! Ich rüste einen flinken Nachen,
Mein Sohn kennt jeden Wind und jede Klippe,
Die Berber werden große Augen machen,
Liegt am Altar ein weibliches Gerippe.

DIDO: Betrug! Betrug! und wohin soll ich gehen?
Zu Anna, um den Haufen ihr zu teilen?
Ob West, ob Ost – wie auch die Winde wehen,
Du kannst dem Schicksal nirgendwo enteilen.
Wenn ich mich richte, werd ich Gnade finden
Vor Juno, und sie wird die Stadt beschützen,
Denn Venus wird hier Mann und Mauer schinden,
Und andrer Beistand würde uns nichts nützen.
 

 

59
 
Wenn ich verloht, zu Joel deutlich spreche,
Er ist der klügste in dem Berbervolke,
Es hülfe nichts, wenn ich den Eid zerbreche,
Denn Hilfe find ich einzig in der Wolke.
Die Venus wird nicht ruhn, eh ihrer Feste
Die Krone ist im ganzen Mittelmeere,
Drum haben wir bald waffenstarke Gäste,
Und immer wieder kommen stolze Heere.
Drum sag ihm, daß ich nur zu euerm Schutze
Das Opfer tat, Prinzessinnen gibts viele
In Griechenland, darum die Flotte nutze
Und bring ihm eine her zum Liebesspiele.

TIMON: Nun gut, mir ist Gehorsam anerzogen,
Ich hoff, ihr findet vor der Göttin Gnade,
Ich weiß nun, daß das Leben mir gelogen,
Dies zu verbergen, bin ich mir zu schade.
(Setzt sich nieder und verhüllt das Haupt. Dido ab, bald sieht man hinter dem Mittelfenster ein mächtiges Feuer aufstrahlen.)


Siebente Szene
Timon, Joel.

JOEL: Was ist hier los, was ist das für ein Feuer?
Mit scheints zu groß, die Göttin zu befragen.
Wer schichtete hier Scheite ungeheuer,
Was soll uns diese Holzverschwendung sagen?

TIMON: Die Herrin hat es not und gut befunden,
Die Göttin auf der Wolke aufzusuchen,
Ich hoffe, dieser Ausgang will euch munden,
Denn ihr bekommt gewiß ein Stück vom Kuchen.
 

 

60
 
JOEL: Was Kuchen? Meinen Herren zu verschmähen,
Ist sie der Eh zu Pluto ausgewichen,
Die Reste seien schmackhaft hier den Krähen,
Sie hat den Pakt des Bundes durchgestrichen.

TIMON: Dies seht ihr falsch. Gar viele schöne Frauen
Gibts in den Adelshäusern der Hellenen,
Ich werd schon bald mit meiner Flotte schauen,
Daß euer Herr sich braucht nicht mehr zu sehnen.
Die Gründerin, sie floh im Brand der Scheite,
Weil sie der Venus Haß sich zugezogen,
Sie sagte mir, wir wären nur Gefeite,
Hielt Juno sie im Opfer uns gewogen.
Der Eid wär ihr gewiß erlassen worden,
Doch nicht die Söldner vom Lateinerlande,
Zu schützen uns vorm Brennen und vorm Morden,
Sie sehend in das große Feuer rannte.

JOEL: Was soll ich Jarbas von der Sache melden?
Mein Werben endet in der Katastrophe.
Das Feuer mögen Frauen vor den Helden,
So laß ich mich nicht blicken mehr am Hofe.

TIMON: Sagt, ihr erfuhrt, in ihrem Heimatstamme
Ward Dido nur die zweite oder dritte,
Es taugt gewiß dem stolzen Hahnenkamme,
Holt man die allererste aus der Mitte.
Dies ist nun rasch und verzagt zu sorgen,
Hochstaplerinnen taugen nicht dem Lande,
Unfähig, sich die Erstgeburt zu borgen,
Schien Dido Tod erträglicher als Schande.
Sie hätt ihn selbstverständlich gern genommen,
 

 

61
 
Doch konnte sie der Wahrheit nicht enteilen,
Denn einem großen Berberfürsten frommen
Ganz andre Weiber als die Strandgut-Feilen.

JOEL: Betrügt ihr mich, so lasse ich euch töten,
Ich kenne Schlangen ohne Furcht und Gnade.

TIMON: Wir haben schon genug mit unsern Nöten,
Als daß ich mir noch weitre Feinde lade.
Ihr glaubt nicht an den Sinn des Opferbrandes,
Und meint, da wären andere Motive,
Jedoch bedenkt den Nutzen dieses Landes,
Dems arg, wenn es die Handelsmacht verschliefe.
Wir beide sind berufen zu bestimmen,
Nicht weil wir kommen aus geweihtem Hause,
Wir wissen, wo die Helfer, wo die Schlimmen,
Und wir sind frei zu nutzen Schicksals Pause.
Wenn wir uns stützen und vernünftig stellen,
Kann sichs mit Fraun und Göttern doch verhalten
Wies will, da dem Verhaltenen und Schnellen
Wir stets als Meister der Erkenntnis walten.
Die Eitelkeit, der Hang zu Mythentreue,
Dies ist uns fremd, weil wir dem Diesseits frönen,
Wir halten nichts von Grabesduft und Reue,
Die Welt ist feil den Starken und den Schönen.

JOEL (gibt Timon die Hand):
Wohlan, Karthago soll das Fürchten lehren
Die Welt, die sich verschaukelt in den Mythen,
Genug davon wird in die Bücher kehren,
Wenn wir aus Schutt und Zwietracht mächtig blühten.
Da taugt selbst dieses Feuergrab der Frauen,
 

 

62
 
Dem Volke zeigts das schwere Los der Großen,
Und neidisch keiner soll den Fürsten schauen,
Weil nirgends wächst ein Stand im Fessellosen.
Auch soll der Fluch der Venus allen sagen,
Daß Strafe folgt auf zu geringes Mühen,
Die Aufruhr soll kein Sterblicher je wagen,
Sonst gehts den Späten wie es ging den Frühen.
Ein stärkrer Bund als Hochzeit und Geblüme
Verein das Land im Wuchern und Erwerben,
Der Zweifel schafft die ärgsten Ungetüme,
Und Mißmut und Verfall sind seine Erben,
Drum sein in Ehren Didos Feuerreste,
Martyrien sinds, worauf das Volk begierig,
Der Glaube ist dem Staate stets das beste,
Und also ist die Herrschaft nicht mehr schwierig.

 

 

63
 


POLYPHEM
SCHÄFERSPIEL





Sagt, tapfrer Ritter, wispert mir ins Ohr,
Ob jenes arme Pfäfflein seins verlor?

– Pfarrer, Kritik! Bin ich ein Polyphem?
Nie hab' ein Glied gekappt ich irgendwem.

Erwirbt ein Erdensohn sich Lob und Preis,
Gleich bildet sich um ihn ein Sagenkreis.


C. F. MEYER   
 

 

64
 


PERSONEN
POLYPHEM, BRONTES, Kyklopen
GALATHEA, Nereide
CHOROS
 

 

65
 

Vulkanlandschaft bei Catania. Polyphem steht blind, abgerissen und verdreckt an dem Flusse Acis. Er wähnt sich am Ufer des Meeres und ruft pathetisch Poseidon an.

POLYPHEM:
Ruhmreicher Vater, feuchter Born des Lebens,
Zu dürftig denkt der attische Kalender
Nur einen Mond des Schwemmens und des Strebens,
Denn meiner Knochen atmende Gewänder
Sind ganz von Gischt und Schaum aus deinem Samen,
Auch meine Mutter stammt aus deiner Tiefe,
Wir rufen dich nur mit verschiednen Namen,
Daß nicht der Vater mit der Tochter schliefe.
Doch dein ist alles, was da krebst und Flossen
Als Ruder nutzt, als Stempel auf dem Lande,
Was pulst und aufblickt, ist aus dir entsprossen,
Der du zu Inseln ballst die losen Sande.
Von Kronos kommst du, wo wir nur erahnen,
Wie er verfloß im Honig aus den Eichen,
Und so entstammt dem Goldreich der Titanen
Das Meer, dem wir ein Ende nie erreichen.
Dein herrlicher Palast kristallnen Stoffes
Steht unter allem Strömen, von Korallen
Beneidet, dem Enttauchen, ich erhoff es,
Ist manches Schiff zum Opfer schon gefallen.
Urherr von Delphi, Pylos Schirmer, Vater
Der Könige, Eleusis zu erbauen,
Der lahme Götterschmied im Ätna-Krater
Raucht fröhlich und erweist dir sein Vertrauen.
Doch freilich ist verschmerzbar sein Gebrechen
Und hindert nicht, daß Kunst mit Schönheit prunke,
 

 

66
 
Den Spott, das Schmähwort kann er selber rächen,
Und wenn sich jemand wohlgefällt im Stunke.
Ich aber muß den Dreizackschwinger rufen
Im Streitgefährt, geführt von Hippokampen,
Die Kräfte, die den Pegasos erschufen,
Und die Orion zeigt als Himmelslampen.
Ich muß in höchster Not, dem Licht entwendet,
Mich klagend nahn dem Schwängrer der Medusen,
Ein unerhörter Frevel hat geblendet
Den Sohn, der niemals wich von deinem Busen.

CHOROS: Die See ist tief und tiefer ist ihr Schweigen,
Sie kräuselt sich, sie stürmt und bebt zuzeiten,
Sie träumt im Dunst und lärmt im Möwen-Reigen,
Sie kargt mit Wundern nicht und Eigenheiten.
Delphine gleiten durch die weiten Zimmer,
Die wissen nichts von Riegeln und von Schwere,
Dies Reich ist fruchtbar und gebiert noch immer,
Wo draußen alle Sehnsucht treibt ins Leere.
Ob Schwamm, Koralle, Muschel, Tintensprüher,
Seeigel, Krebs, Seeschnecke, Walfisch, Qualle,
Sie zweifeln nie, daß später oder früher
Ein reinres Licht erweise sich als Falle.
Drum trau nicht seinem gleißenden Berauschen,
Es macht dich einsam und von fern gefährdet
Und hindert dich dem Mutterlied zu lauschen,
Wenn es sich als Tyrann und Maß gebärdet.
Allein die Nacht, die es begrenzt im Walten,
Darf dich im Traum mit Kindesglück begaben,
Drum kehre heim und finde dich im Alten,
Die Ruh der Flut wird Fremdes dir begraben.
 

 

67
 
POLYPHEM:
Ihr Wogen schlagend an die Lavaklippen,
Nach Algen duftend und geborstnen Fischen,
Wie gern möcht ich am Quell des Lebens nippen,
Des Vaters froh, der anhebt aufzutischen.
Allein das Schicksal bannt mich auf den Hügel,
Bis Atropos den Faden mir zerschneidet,
Drum raff der Vater seiner Rosse Zügel
Und höre, was sein treuer Sohn erleidet.
Er pflag der Schäferei auf diesem Riffe,
Des Lebens froh und keines Froners Mündel,
Doch übers Meer, da kamen Segelschiffe
Und trugen Bosheit und Verrat im Bündel.
Vor langer Zeit verhieß mir das Orakel,
Ein Schänder such mein Augenlicht zu schwärzen,
Doch eh mein Leben führte ins Debakel,
Nahm ich mir dieses Wahrwort nicht zu Herzen.
Ich konnte solche Gräßlichkeit nicht glauben,
Da mir die Welt gerecht schien und gediegen,
Daß jemand käm, mein Lebensglück zu rauben,
Kann nicht im Sinn des Götterrates liegen.
Ich hab die Opfer wohl und rein bereitet,
Ich flocht Geschmeide und ich reimte Lieder,
Drum gib der Gott, den Triton meist begleitet
Mit Nereiden, mir das Leuchten wieder.
Ich will es nur zu seiner Preisung brauchen,
Sein Reich zu mehren an versteckten Quellen,
Doch meinem Feind soll böse Sturmbö fauchen,
An Klippen soll sein Frevlerschiff zerschellen.
Er blendete den Sohn zunächst mit Worten,
Mit Lügenlist den Namen er verbrämte,
 

 

68
 
Dies hat sich ihm bewährt an manchen Orten,
Weshalb er sich der Niedertracht nicht schämte.
Das Pferd, dir heilig, hat vor Ilion schändlich
Gedient, die Toresöffner zu vermummen,
Zeigt nicht der Gott, daß die Geduld ihm endlich,
Sind auf der Welt die Ehrlichen die Dummen.

CHOROS: Die See ist endlos fruchtbar und geduldig,
Sie liebt es nicht, den Finger zu erheben,
Sie kennt nur Kinder, eins ob rein, ob schuldig,
Was jemals sein wird, hat sie schon vergeben.
Sie dringt in jeden Hauch, in alle Ritzen,
Und sie durchflutet jegliches Beseelte,
Sie will nicht Klag noch Späheraug besitzen,
Weil nichts ihr den Zusammenhang verhehlte,
Ein Stiften, das im Licht sich unbeachtet
Wohl wähnt, weil es die Blicke schickt ins Weite,
Doch alles, was nach dem Geschehen trachtet,
Fließt durch das Herz, das sich entflammt im Streite.
Wems Fließen hehr, den bannt nicht das Vefloßne,
Er wohnt an jeder Stelle im Geäder,
Er folgt der Dürre als das grün Entsproßne
Und spannt die Sehnen auch dem frischen Mähder.
Drum hat es wenig Sinn, den Gott zu stören
Im großen Tun, dem alles Episode,
Er braucht dein lautes Rufen nicht zu hören,
Denn was dir frommt, ist seinem Reich nur Mode.

POLYPHEM: So mag es sein im Leben wie im Sterben,
Doch enger stellt sich mir des Einblicks Rahmen,
Es schafft mir Luft im schändlichen Verderben,
Seis auch dem Gott bekannt mit Schluß und Amen.
 

 

69
 
Odysseus, dem die Mordlust gab die Nase,
Ein Fürst mir scheint im Reiche der Vernichter,
Für ihn gleicht alles sonst der Seifenblase,
Sein Nutzen ist der wahre Weltenrichter.
Er pönte, daß das Gastrecht wir nicht kennen,
Kyklopen, die er hoffte auszurotten,
Jeglich Geschöpf versucht er zu verbrennen,
Es sei denn, daß sie ihm im Takte trotten.
Ist nicht der Gast ein seltsamer Geselle,
Der Eichen fällt und dann kastriert zu Planken?
Nach seinem Sinn verslavt er Wind und Welle,
Und seinem Handel setzt der Tag nicht Schranken.
Aus Fernen, draus die Sagen dunkel raunen,
Tritt er dem Frommen unbegehrt zur Seite
Und fordert, daß man richte ihm ein Daunen,
Daß ausgeruht er zur Zerstörung schreite.
Daß etwas sei, nur einfach für sich selber,
Kann nicht erlauben, wer von solchem Blute,
Ob einer Riese, Zwerg, ob Mohr, ob Gelber,
Er weiß allein, was dem gewiß das Gute.
Er nennt es Freiheit, daß da jeder jeden
Gewähren laß im Tauschen und Betrügen,
Er weiß, ihm kommt kein andrer gleich im Reden,
Und darum gibts am End nur seine Lügen.
Der Stein, der Fisch, der Baum und eine Blume,
Sie haben Stimme nicht, um so zu schwatzen,
Und wer sich bückt als Landmann in die Krume,
In seinem Ohr die Weisheit hat der Spatzen.
Dem muß man, weil er hoffte abzuwenden
Die Sitten, die auf seine Knechtung zielen,
Mit Glut und Pfahl und allen Kräften blenden,
Wie Deiche wehrn den widerspenstgen Prielen.
 

 

70
 
CHOROS:
Der Mensch hat sich dem Wandelsinn verschworen,
Er rast wie durch das Unterholz der Eber,
Es werden immer mehr davon geboren,
Auch wenns Prometheus büßt mit seiner Leber.
Unähnlich sind im Sinn sich die Kroniden,
Doch aufgeteilt sind gültig alle Reiche,
Dem Zeus sind Licht und Himmelsluft beschieden,
Poseidon pflegt das Flüssige und Weiche.
Bei Hades, der der strengste aller Herren,
Weilt Styx, bei dem die großen Götter schwören,
Auch wer da bricht den Brauch und alle Sperren,
Wird dort der großen Demut angehören.
Was auch die List des Rasenden erfindet,
Der Mistelzweig ist nimmermehr darunter,
Denn was ihn von Persephone entbindet,
Dafür ward nie ein Sterbenswerter munter.
Wenn Zeus sein Reich läßt solcherart verschandeln,
So wird das Meer darüber nicht verzagen,
Hier dient der Vielfalt alles Tun und Wandeln,
So wird es sein, sind Land und Wolk zerschlagen.

POLYPHEM:
So ist es recht, doch schätzt das Einzelwesen
Der Brunnen nicht im Streite mit Athene?
War nicht der Quell, für Attika erlesen,
Das große Wunder in der Wettkampfszene?
Tritt denn nicht Öl, der Reichtum der Olive,
Das Macht verspricht, zurück vorm Lebensspender,
Und nennt sich eine Weisheit nicht die schiefe,
Wenn dran kaputtgehn Völker, Sprachen, Länder?
Im Hades wird Gerechtigkeit dem Ganzen
 

 

71
 
Und manchem, daß er nun nicht länger lache,
Doch wenn im Zeusreich die Verrückten tanzen,
So meint die See, dies sei nicht ihre Sache?
Wenn Zeus im Ehkrieg und im Lustgetändel
Sieht Schwerpunkt seines Kümmerns auf der Erde,
So meint die See, dies seien fremde Händel,
Weil unter Wasser die erlauchte Herde?
Als Laomedon hat dem Gott verweigert
Den Lohn, erschien ein Meeresungeheuer,
Ists nur Profit, der ihn zur Tatkraft steigert,
Bedeutungslos mein Aug, gelöscht im Feuer?
Soll ich mich mit dem Weisheitsspruche trösten,
Daß jeder Frevel fände einen Rächer,
Und Rätseln traun, den ewig ungelösten,
Daß sie mir deckten meiner Ställe Dächer?
Die Blindheit ist im Licht der größte Makel,
Ein Freibrief für den Frevler ohne Ende,
Heißts nun, es gab ja früher das Orakel
Und meine Schuld ist ganz und gar die Wende?
Was wird aus meinen Schafen auf der Weide,
Wer schreckt den Wolf und füttert in der Dürre,
Ich bitte keine Perlen, keine Seide,
Nicht Olibanum, Gold nicht oder Myrrhe.
Ich will nur wie die Alge, wie die Qualle,
Erlaubnis, meinem Wesen zu entsprechen.
Dies ist, daß ich auf meine Knie falle,
Denn ungeheuer ist des Gasts Verbrechen.

BRONTES: Was klagst du ohne Mäßigung, als müßte
Der Ätna seinen Mageninhalt speien?
Hier fauchts, als ob die Woge Lava küßte,
Was gibts am frühen Morgen so zu schreien?
 

 

72
 
POLYPHEM:
Ach Brontes, hast du meiner nicht gespottet,
Als ich geklagt, daß Niemand mich geblendet?
Nun bin ich blind vom Berg herabgetrottet,
Daß unserm Clan der Elendsanblick endet.

BRONTES:
Der Name Niemand war, wenn ichs bedenke,
Recht gut gewählt, denn unsere neuen Herren,
Sie kommen wie ein Nebel aus der Senke,
Und unsereinem bleibt nur rumzuplärren.
Einst haben Zeus, Apoll und auch der Heiler
Gestritten um den Blitz, den wir erfanden,
Doch alles wird vom Rechner und vom Teiler
Vervielfältigt und ursprungslos den Landen.
Die Zeit der Riesen scheint sich mir zu neigen,
Als Tölpel gelten wir für neue Bräuche,
Drum nimm es hin, wenn dir die Götter schweigen,
Sie sind nicht besser dran in dieser Seuche.

POLYPHEM (tritt mit den Füßen ins Wasser):
Ob es Gesetz des Wandels, der Geschichte,
Ist ohn Belang für einen blinden Schäfer,
Ich bin ein Wrack, entsage ich dem Lichte,
Und wandle grad wie ein betrunkner Schläfer.
Ich bin allein und habe keine Pflege,
Mein Haus und meine Tiere müssen darben,
Drum scheints, als gingen solche beßre Wege,
Die gleich bei einem solchen Anschlag starben.

BRONTES: Du irrst, wenn du das deine so verkleinert
Mir darstellst und im Spiegel des Geschickes.
 

 

73
 
So mancher ward durch einen Fluch versteinert
Und wahrte doch die Heiterkeit des Blickes.
Gesell den Geist zu deines Leibes Fülle
Und such den Fluch ein großes Glück zu nennen,
Das Stirnaug klebt doch immer an der Hülle,
Das Blindheit schafft ein reicheres Erkennen.

POLYPHEM:
Dies scheint mir ein Rezept für fette Städter,
Wo Weisheit wird getauscht für Wein und Futter,
Hier ist das Leben festgelegt vom Wetter,
Wers nicht erkennt, ein Säugling ist der Mutter.
Hier gibt es kein Bedarf für Träumereien,
Wo Blinde kann nicht Wirklichkeit betrüben,
Kein Opfernder wird mich zum Priester weihen,
Hier nutzts nichts, große Gesten einzuüben.

BRONTES:
Dies tut mir leid, vielleicht daß wieder Schiffe
Hier landen und dich mit in Städte nehmen,
Gibts keinen Unterhalt auf diesem Riffe,
So mußt du dich zur Migration bequemen.
Dies tat schon mancher aus der Riesenrasse,
Die nur noch als Kuriosum taugt am Hafen,
Heut zählen nur der Handel und die Kasse,
Es ist vorbei mit Weide und mit Schafen. (Ab.)

CHOROS:
Die Heilung ist dem Wundesten versprochen,
Poseidon weiß aus jedem Pfuhl zu retten,
Wir sind als Hauch aus seinem Dunst gekrochen,
Berufen, neu uns in sein Feld zu betten.
 

 

74
 
Wenn sich der Blinde netzt die wunde Grube,
Mit seinem Speichel, der dem Blut sich mischte,
Das er vergoß, so flackert in der Stube
Der Scheite Stoß, der Dunkelheit verwischte.
Dem Blut, das er vergossen, sich zu mählen,
Kann ihm die Heilung seines Augs bereiten,
Drum soll der Riese nicht die Schrecken zählen,
Statt fröhlich zu dem Liebesmahl zu schreiten.
Die Rachsucht macht ihn blind und deckt Vertrauen,
Wo doch der Gott hat ihn zu Tisch geladen,
Die Klage weiß das Mahl nicht anzuschauen,
Wir fragen: Ißt ein Riese mit den Waden?
Wer zögert, wenn der Braten dampft am Spieße,
Wer sich zu fein, den goldnen Wein zu trinken,
Der ist verdammt zu seinem schwarzen Vliese
Und soll in seinem Klageschwall versinken.

POLYPHEM:
Die Stimme, die mir aus dem Wasser brandet,
Weiß nichts als Hohn und Vorwurf für den Krüppel:
Ein Blut, daß ich vergoß, ihr Schelme fandet?
Machts Spaß, er strauchle am gelegten Knüppel?
Fraß auch die Wasserweisheit die Gerüchte,
Ich briete meine Gäste zum Genusse?
Daß ich allein vor meiner Untat flüchte,
Scheint euch der Anlaß zu dem Überdrusse?
Auch Brontes meint, ich soll mich darein schicken,
Es sei nun mal der heutge Gang der Zeiten.
Was lohnt es, mit dem Auge zu erblicken,
Wie unsere Feinde zur Zerstörung schreiten?
Da soll ich in den Hermesburgen betteln,
Dem Feinde noch für seine Gnade danken,
 

 

75
 
Es nervt, sich noch in Klagen zu verzetteln,
Ich werd sogleich ins tiefe Wasser wanken.

GALATHEA:
O weh, wer dort? Ist gar der Schreckensriese?
Ich fliehe rasch und laß im Stich die Krüge.

POLYPHEM:
Was da? Ist jemand noch auf dieser Wiese?
Ich möchte weinen, das ist keine Lüge.

GALATHEA:
Was weinen? Der als Künstler nicht zu schlagen,
Als Raufbold schon mit Blicken breitet Zittern –
Der will mir Mädel allen Ernstes sagen,
Die Trauer wolle sein Gesicht zerknittern?

POLYPHEM:
Ich war vielleicht ein Raufbold und ein Macher,
Ein Schmied und habe die Syrinx geblasen,
Doch jetzt entlock ich Publikum nur Lacher,
Ich bleib auch nicht mehr lang auf diesem Rasen.
Es ruft das Meer, daß ich mich drin ertränke,
Es ist gewiß das beste rasch zu sterben,
Doch frag ich mich, wem ich die Herde schenke,
Ich ließe sie nicht gerne im Verderben.

GALATHEA:
Was ists, das euch dem Leben zu entfliehen
Verlangt, ists etwa eine späte Reue?
Wie ist euch gram, was Götter euch geliehen?
Man wirft nicht einfach Perlen vor die Säue.
 

 

76
 
POLYPHEM:
Ein böser Feind hat mir mit Glut am Pfahle
Das Aug zerschrammt und ausgebrannt die Wunde,
Dies klage ich gewiß zum letzten Male,
Das beste wärs, ich ginge gleich zugrunde.

GALATHEA:
So seid ihr blind und könnt mich gar nicht sehen?
So wißt ihr nicht, wer Wasser schöpft am Flusse?

POLYPHEM: Zur Meeresküste meinte ich zu gehen,
Nun wird mir euer Zeugnis zum Verdrusse.
Ist hier ein Fluß, kein Wellengang am Ufer?
Es ist nicht leicht, das Auge zu entbehren.
So war ich an der falschen Stelle Rufer
Und darf mich über Folgen nicht beschweren.
Es wird erklärlich, daß so lange säumte
Der Gott und mich beschied mit dunklen Chören,
Wer nicht mehr weiß, was war und was er träumte,
Der sucht an Land den Meergott zu beschwören.

GALATHEA: Ich glaube gern, daß ihr das Aug verloren,
Wähnt ihr euch leibhaft jetzt am Meeresstrande,
Doch nach dem Hades sehnen sich nur Toren –
Der Pfahl traf euch nicht etwa im Verstande?

POLYPHEM:
Was ist das für ein Fluß, an dem ich stehe?
Er führt gewiß auf kurzem Weg zum Strande?

GALATHEA: Der Acis ists, begründet von dem Wehe
Des Jünglings, der verblutet hier im Sande.
 

 

77
 
POLYPHEM: O weh, so klagte ich Odysseus' Frevel
Am Orte meiner eignen Mörderschande,
Wohl besser richte mich der Ätnaschwefel,
Dahin ists Blut zu folgen außerstande.
Ich hab des Jünglings Tod auf dem Gewissen,
Das Mädchen, das mein Werben nur verlachte,
War ihm gar hold und allezeit beflissen,
Dies wars was mir den Zorn zum Dämon machte.
Vielleicht muß ich jetzt büßen dieses Bluten,
Wie selbstgerecht war meine laute Klage,
So waren es am Ende doch die Guten,
Die Zeus gesandt in meine lichten Tage?
Erinnyen, hundsbekopft und fledermäusig
Geflügelt scheinen mir die fremden Gäste,
Und ich, in einer Schlächterstätte häusig,
Hielt Hochmut fürs gerechteste und beste.
Wie konnt ich mich in solchen Wahn versteigen,
Da das Orakel wußte es doch besser,
Statt daß ich Demut oder Reue zeigte,
Gab ich dem Rächer selbst das Opfermesser.
Wie unverschämt wars Götter zu bedrängen,
Sie sollten mir den Schaden rasch ersetzen,
Wie bös, Verfolger an das Schiff zu hängen,
Ich hoffe bloß, sie könnens nicht verletzen.
Ich muß Odysseus danken und bekennen,
Mein Stammbaum ist im Grunde roh und böse,
Er mußte mir das helle Aug verbrennen,
Damit ich mich von dem Geschlechte löse.
Drum hat man mir vernunftgemäß geraten,
In meiner Schuld ists einzig angemessen,
Als Bettler sich vor jedermann zu beugen,
Ich will kein Brot mehr ohne Reue essen
Und immerfort für mein Verbrechen zeugen.
 

 

78
 
Dies soll geschehn mit einem Blindenhunde,
Was eigen mir, das sei des Opfers Sippe,
Das gleiche gelt für meiner Ahnen Funde
Und allen Schmuck, der klebt noch am Gerippe.

CHOROS: Der Sterbliche kann untergehn und fallen
Viel tiefer als ein Schwert vermag zu stoßen,
Der Selbsthaß läßt ihn Marterzeuge krallen,
Und schlagen auf den Hintern auf den bloßen.
Ihm reicht Zerstörung nicht im eignen Leben,
Auch seine Ahnen weiß er zu verlästern,
Er will dem Feind sich tausendmal ergeben,
Und flucht, wie schändlich sei sein ganzes Gestern.
Die Schandsucht ist der Ehrsucht schlimmre Schwester,
Sagt ihr ein Arzt, die Schuld sei übertrieben,
So schlägt der arme Kranke nur noch fester
Auf seinen Leib, der grade noch geblieben.
Sie führt zumeist zum Tod durch Herzversagen,
Doch auch die Lenden sind nur da zum Kränken,
Denn alle, die sich mit der Seuche plagen,
Wolln ihrem Stamme keine Erben schenken.
So werden die noch Kranken immer älter,
Denn keine Jugend gibts noch anzustecken,
Doch wird der Selbsthaß mit den Jahrn nicht kälter,
Man findet neue Schuld an allen Ecken.
So tobt der Wahn, bis das Geschlecht verendet,
Die einen lachen und die andern heulen,
Denn niemand wird so ärgerlich geblendet,
Wie dieser Züchter seiner Eiterbeulen.

GALATHEA: Abwegig, daß Odysseus kam gefahren,
Zu richten euren Totschlag an dem Jungen,
 

 

79
 
Er schien mir gänzlich, ob auch jung an Jahren,
Von dem, was er Mission genannt, durchdrungen.
Er sagte, daß Kyklopen Menschenfresser,
Man säh, daß euch der Speichel quell im Munde,
Auch hörte man am Strand die Schlächtermesser,
Und sah, daß ihr der Menschenfeind im Grunde.
Man müsse Tier und Menschheit vor euch schützen,
Euch selber auch vor eurem kranken Hirne,
Dies würd dem Frieden und der Wohlfahrt nützen
Und wär seit je der Wille der Gestirne.

POLYPHEM: O weh! ich habe frevlerisch vergessen
Die gräßlichen Verbrechen, die ich wagte,
Ich jagte nach dem Unheil wie versessen,
Und sann, wie ich die Um- und Mitwelt plagte.
Von Sünden hat man oft und viel vernommen,
Doch meine sprengen jedes Maß und Siegel,
Wär mir das Aug nicht jüngst abhand gekommen,
Zerbirst vor meinem Schandenblick der Spiegel.
Wer so verderbt ist wie Kyklopenschäfer,
Braucht bis zum Tod die Morgenprügel täglich,
Denn einzig als ein halsschildloser Käfer
Ist solch ein Monster für die Welt erträglich.

GALATHEA: Die harte Spitze hat das Hirn getroffen,
Solch Unmaß der Bezichtigung beleidigt
Den Gott, dem seine Kinder Stolz und Hoffen
Und der sie durch der Zeiten Wahn verteidigt.
Es gibt für sie kein unverschämtres Lästern
Als Schuld, die sich Verzweiflung angedichtet,
Darum bedenkt, wie fühltet ihr euch gestern,
Bevor der Feind das Übel angerichtet.
 

 

80
 
POLYPHEM:
Als ich noch sah, war ich unendlich blinder,
Und für die Welt ein schändliches Entsetzen,
Ich sprengte jedes Maß als Menschenschinder
Und sang und tanzte froh beim Klingenwetzen.
Den Wein hab ich verachtet vor dem Blute,
Ich tranks und schmatzte voller Wohlbehagen,
Ich schlug die Schädel auf mit frischem Mute,
Und selbst den Kindern ging es an den Kragen.
Nach Frischfleisch sucht ich abends und am Morgen,
Hab selbst die Schafe noch damit gemästet,
Zum Untergang der Menschheit so zu sorgen,
Hat meine Art den Himmelskreis verpestet.

GALATHEA:
Was ist zu tun, um solche Sucht zu heilen,
Die ärger ist als mir der Tod des Lieben,
Einst wollt ich diesen Wüterich zerteilen,
Doch nichts als Mitleid ist davon geblieben.
Wenn er mit solchem Fluche auf den Lippen
Verstürbe, wärs den Göttern Niederlage,
Ein Schmerzlied säng die Woge an den Klippen,
Ein Todeslied von Untergang und Klage.
Poseidon selbst muß das Verhängnis bannen,
Sonst falln Kyklopen, Nymphen und die Insel,
Dann kommen bald die segelfrohen Mannen,
Zu feiern das verebbende Gewinsel.

POLYPHEM:
Was redet ihr für krauses Zeug vom Heile,
Das Heil verwalten jetzt die reichen Griechen,
Und was man dafür hielt vor guter Weile,
 

 

81
 
Das soll im Staub für immerdar versiechen.
Daß die Kyklopen gingen eigne Wege,
Erwies die Menschenfresserei als Schande,
Darum sich Nacht auf diesen Stamm jetzt lege,
Nur um zu büßen, sind sie noch im Lande.
Den Griechen gebt die Insel zu verwalten,
Sie lehren euch die gültigen Methoden,
Und wer da noch ein Gran bewahrt vom Alten,
Dem nehme man die Augen und die Hoden.

GALATHEA:
Es reicht, das ist für mich nicht auszuhalten,
Ich geh und trag den Wasserkrug von hinnen.
Ich fühl nicht Macht, den Schwachsinn abzuschalten.
Fahrt fort, an euerm Galgenstrick zu spinnen! (Ab.)

POLYPHEM (nach einer Pause):
Zum Meer, zum Krater, ach wozu die Mühe,
Ein jedes Wasser ist mir gut zum Tode,
Es intressiert die Schweine wie die Kühe,
Von welcher Melodie ich der Rhapsode.
(Er versinkt ganz im Wasser und paddelt in jäher Wende zum Ufer, sinkt dort erschöpft zu Boden.)
O was ist das, wie netzt mich diese Kühle
Verwandelnd und verschreckend unvergleichlich!
Wie schlägt mein Puls grad wie im Sturm die Mühle!
Welch Schicksal zeigt sich mir da unausweichlich?
Das Blut, das ich vergoß einst von dem Jungen,
Vermischt dem reichen Speichel meines Vaters?
Kam nicht dies Wort aus Meeresdämmerungen
Als Botenwort dem Choros des Theaters?
(Eine dichte Nebelwolke hüllt ihn ein.)
 

 

82
 
CHOROS: Der Königsweg zum Heile und zum Wunder
Bleibt stets das Opfer, weiser als die Winke,
Manch andre Wege scheinen dir profunder,
Jedoch der Fluß befreit dich von der Schminke.
Ihn anzurufen läßt dich vor der Türe,
Allein ein Bad vermählt dich seinem Segen,
Was dir bestimmt und was dem Leib gebühre,
Wird Innigkeit in deine Furchen legen.
Nicht ist der Schuld ein gottgeliebter Tilger,
Die Suhle im erfundenen Verbrechen,
Drum sei willkommen als der Wasser-Pilger
In neugehellten Horizont zu stechen.
Der Gott beschämt die mürbgewordne Rasse,
Die nicht mehr fähig schien, den Feind zu halten,
Daß sie den Stab des Hirten fester fasse,
Schien nötig, seiner Heiler-Macht zu walten.
Die Seuche, die wir vorhin Schandsucht nannten,
Erstickte alle Kunst und alles Wissen,
Ein Aug nicht nur die Gäste hier verbrannten,
Sie haben hier die Wurzel ausgerissen.
Drum hüte sich ein jeder vor den Bringern
Des Heils, des Wohlstands und der guten Sitten,
Sie nennen selber sich nach Löwenzwingern,
Und geben niemals preis, was sie erstritten.

POLYPHEM: Es ist so licht, so dunkel unermeßlich,
Ich glaub, ich kann mich gar nicht mehr erinnern,
Bin ich ein Narr? Und bin ich einfach häßlich?
Verlor ich viel? Gehör ich zu Gewinnern?
Poseidon, dessen Nymphen uns umschmeicheln,
Er zeigt sich manchmal lieblich, mal als Fratze.
Wühln wir wie Schweine nach versteckten Eicheln,
 

 

83
 
Und lauern wir wie auf dem Ast die Katze?
Mir scheint das Leben dunkel und verstiegen,
Seit es mich so mit Helligkeit umflutet,
Mir träumte da von grausamstem Bekriegen,
Und daß für mich ein Mädchenherz verblutet.
Daß Feinde kommen übers Meer gesegelt,
Ein Niemand, der so stolz auf seine Leere,
Jedoch der Dunkle ballspielt oder kegelt,
Und jedes Ziel macht einer Gottheit Ehre.
Das Licht befreit uns aus der Welt der Schatten,
Wo wir wie Falter uns verzehrn im Blute,
Im Labyrinth muß alle Tat ermatten,
Denn selbstverständlich gibt sich uns das Gute.
Wer nachdenkt über Dinge, die das Leben
Ihm nicht bestimmt und gütlich hat verhangen,
Berauscht sich stärker als an Mohn und Reben,
Und bleibt in einem Spiegelsaal gefangen.
Ich weiß, der Wolf hat mir ein Schaf gerissen,
Es gilt, daß einer nach dem rechten schaue,
Mein Hund, mein Herd, sie werden mich vermissen,
Gar fürchterlich wirds ausschaun in dem Baue.
Da fällt mir ein, ein Schädling sehrt die Reben,
Der Habicht kreist, wie ich jetzt deutlich sehe,
Er mahnt, mit Freimut und Verstand zu leben,
Daß ich nicht naß im offnen Winde stehe.

CHOROS: Es ist nicht Ziel der Götter, aufzuhellen
Die Nebel, die den Sterblichen umschlingen,
Doch stehn ihm bei die Dunkleren und Hellen,
Vermag er seine Feinde zu bezwingen.
Das Opfer öffnet alle Wolkenpforten,
Und manche Untat wird mit Wohl verwunden,
 

 

84
 
Was augenscheinlich nicht und nicht mit Worten
Zu sagen, hält das reine Herz gebunden.
Mysterien sind nicht Dinge fremder Welten,
In jedes Schicksal wissen sie zu treten,
Doch Fälschungen sind meist, die dafür gelten,
Drum findst du Wunder sicherer im Steten.
Was schäumt und flutet will den Geist bezwingen,
Was ruht, hat teil am allerfrühsten Heile,
Drum wird dem Volke nie ein Werk gelingen,
Das sich vermählt mit einer großen Eile.
Nur wer die Wege schritt viel tausend Male,
Und nicht verlangt, daß ihm ein kürzrer würde,
Der schaut zuletzt den großen Stern im Tale
Und spürt: die Götter teilen seine Bürde.
 

 

85
 


NAUSIKAA
DIALOG





Nie vergeß ich jener Stunde,
Da der sturmverschlagne Mann
Dort am Strand im Pappelgrunde
Gleich mein ganzes Herz gewann,
Da ich zu des Vaters Schwelle
Froh den hohen Gast geführt,
Ahnungslos, daß mich der schnelle
Pfeil des Gottes schon berührt.


GEIBEL    

 

86
 


PERSONEN
ODYSSEUS, König von Ithaka
NAUSIKAA, Königstochter
 

 

87
 



NAUSIKAA (winkt Odysseus in eine Kammer):
Nun husch herein, es wird uns keiner stören,
Die Mutter sorgt, daß niemand komm und schaue
Du glaubtest wohl, sie selber zu betören,
Doch sorgte ich, daß sie dir so vertraue.

ODYSSEUS (unwillig folgend):
Der Königin sei jeder Weg zu willen,
Doch wär mir ein Gespräch am Morgen lieber,
Im Schlafe wollte ich die Schmerzen stillen,
Ich spüre ein recht ungesundes Fieber.

NAUSIKAA: Ich habe dir gewaschen, dich bekleidet,
Ich hab den Weg dir zum Palast geraten,
Wo sich der Hof an den Geschichten weidet –
Sind nun vergessen meine guten Taten?
Bist du inzwischen gram dem Morgengruße,
Der wohltat nach dem ausgestandnen Schrecken?
Ich wartete recht lang auf etwas Muße,
Vertrauliches dem Helden zu entdecken.

ODYSSEUS: Ich gebe zu, ich hab in all dem Staate
Der Retterin zu wenig Zeit bemessen
Doch daß dies morgen besser mir gerate,
Sei jetzt die Schlafensstunde nicht vergessen.

NAUSIKAA:
Ein bißchen Plaudern wird gewiß nicht schaden,
Ich möchte alles inniger ergründen,
 

 

88
 
Gar leicht geschiehts, daß man verliert den Faden
In Skyllabissen und Charybdenschlünden.
Ich denk, der Held kann mich so vieles lehren,
Was Sänger trüben und in Nebel hüllen,
Drum mag ich den Gefundnen nicht entbehren,
Der nahte, mir die Leere auszufüllen.

ODYSSEUS:
Der Sänger mindert nicht die großen Dinge,
Im Gegenteil, wenn die sich am Belange
Ausrichten, zeigt sich deutlicher die Schlinge
Des Schicksals und die Wehr im eignen Drange.

NAUSIKAA: Die Augen raten mehr als viele Takte,
Im Blick des Helden liegt für mich der Schlüssel,
Am Quell mich eine große Ahndung packte,
Nicht abgestanden in der Wasserschüssel.

ODYSSEUS:
In Augen kann man sich auch leicht verlieren,
Sie sind gefährlich, um darin zu üben,
Sie leuchten nicht nur, das Gesicht zu zieren,
Sie können auch erschrecken oder trüben.

NAUSIKAA: Dein Aug verheißt die Höhe eines Greifen,
Der sorgsam späht das Große wie das Kleine,
Sie lassen mich durch einen Himmel schweifen,
Drins nebensächlich, ob die Sonne scheine.

ODYSSEUS:
Ich möchte die Gesichte nicht vertiefen
Und bin zu müd für solche Schwärmereien,
 

 

89
 
Vernünftig wärs, wenn wir in Bälde schliefen,
Und uns dem Traum von solchen Dingen weihen.

NAUSIKAA:
Ach bitte mach mir nicht den Spielverderber,
Ich sah dich nackt am Ufer ganz im Schlamme,
Es scheint, zu jung das Mädchen ist dem Werber,
Ich häng nicht mehr am Zipfel meiner Amme.

ODYSSEUS:
Dann wirst du wohl die klare Red verstehen,
Ich suche im Palast kein Abenteuer,
Ich bin zu Gast, um Hilfe zu erflehen
Mit Ruderern und wohlerprobtem Steuer.
Die Nacht mit schwülen Träumen zu vertändeln,
Hab ich zu viele mit Gefahr gerungen,
Ich such nicht nach Verwicklungen und Händeln,
Und bin durchaus von Ungeduld durchdrungen.

NAUSIKAA:
Du sprichst von Abschied schon am ersten Tage?
Was hat dich hier im Lande so verdrossen?
Sag frei heraus, daß nicht der Zweifel nage,
Ists wahr, daß du die Reise schon beschlossen?

ODYSSEUS:
Ich mußte mich mit Ungeheuern schlagen
Nachdem ich doch dem Kriege grad entflohen,
Den Tod so vieler Kampfgefährten tragen
Und daß ich selbst entging dem wilden Drohen,
Dankt sich den Göttern, die dem Schwindelfreien,
Der handelt mit Verstand und gutem Mute,
 

 

90
 
Die Kräfte und zuzeiten Einsicht leihen,
Wenn er sie nährt mit seinem eignen Blute.
Mein Schiff versank und alle, die die Rinder
Des Helios aufgezehrt in ihrem Hunger,
Ich wär seit Jahren gern der Heimatfinder.
Was solls, daß ich in fremden Häfen lunger?

NAUSIKAA: Sprich lieber mir von anderen Geschäften,
Du machst mich traurig nur mit dem Fahrwohle,
Du scheinst mir angefüllt mit Zauberkräften,
Drum wird mir jede Geste zum Symbole.

ODYSSEUS: Ich habe Kräfte Leibes und Verstandes
Doch keine, die verlassen diese Sphären.
Was treibt die schönste Blume dieses Landes
Die Strandung hier mit Wundern zu erklären?

NAUSIKAA: Vor meiner Mutter Antlitz im Palaste
Geraten, ohne daß ihn wer bemerke,
Dies war unmöglich bisher jedem Gaste,
Drum war ein Tarnhelm hier vielleicht am Werke.

ODYSSEUS:
Athene schirmt mein Tun und meine Wege,
Im Hain, da wir uns trennten nach dem Gruße,
Versprach sie, daß sie jede Schwelle fege,
Und Leichtigkeit vermache meinem Fuße.

NAUSIKAA: Poseidon wird verehrt auf diesem Riffe,
Drum wunderts, daß die fremdgebliebne Schwester
Sich allen Ernstes an dem Land vergriffe,
Es heißt, daß sie den Dreizack arg verläster.
 

 

91
 
Sie steht im Kreis der Götter recht alleine,
Als eulenäugig liebt die wohl den Dämmer,
Zeus und Apollon findst in jedem Haine,
Doch ortsgebunden sind Athenes Lämmer,
Auch keine zweite Polis führt im Namen
Den Schirmer, dieses einzigartge Sitte,
Scheint so, als ob das Volk von diesem Samen
In Griechenland die Oberhand erstritte.
Auch ist ihr Werden allem sonst verschieden,
Zeus war ein Säugling, hilflos und er weinte,
Athene trat gerüstet in den Frieden,
Und seinen Bräuchen sie sich nie vereinte.
Sie kennt die Liebe nicht und keine Schwäche,
Ganz unbeirrbar bleibt sie auf dem Posten,
Ihr Netz wirft sie aus einer kleinen Fläche
Und wägt genau die Beute und die Kosten.
Mir scheint, sie hat Bezug zu der Verfassung
Des Demos, was nicht nur so eine Grille,
Denn das Gefolg von Gleichheit und Vermassung
Verschafft sich nur ein erzgefügter Wille.

ODYSSEUS:
Der König will die Männer morgen sammeln,
Ich denk, die Göttin wird die Stimmung weisen,
Denn sie verstehts, daß auch den blödsten Hammeln
Bewußt wird, daß es gilt den Gast zu preisen.

NAUSIKAA:
Hat dich den Ton, die Leute schlechtzumachen,
Athene auch gelehrt? Was kann sie schrecken?
Denn als Ergebnis aus dem Kopfzerkrachen
Besteht sie ganz aus Absicht und aus Zwecken.
 

 

92
 
ODYSSEUS:
Sie kann recht milde tun und uns verheißen,
Uns würde Glück, wenn ihrem Rat wir frommen,
Ich zweifle nicht, ehr möcht ich Niemand heißen,
Sind weiß in jedes Herzgemach zu kommen.

NAUSIKAA: Ja wirklich? Und du willst gewißlich reisen,
Sofort und gleich und gar nichts anders denken?
Dem Wind am Meer, dem duftenden und leisen,
Soll ich allein Erinnerungen schenken?

ODYSSEUS:
Ich bin nicht frei, ich sehne mich, zu kehren
Nach Hause, wo die Frau mir hält die Treue.
Der König wird den lang Geprüften ehren –
Drum jede andre Herzensregung scheue!

NAUSIKAA:
Mir stand kein Sinn, die Wäsche auszubreiten,
Doch hat man dazu tückisch mich verleitet,
Wenn Götter so durch Menschenherzen schreiten,
Der Wille bald mit einem Wahne streitet.

ODYSSEUS:
Was Wäsche? Heute früh am offnen Strande?
Es war doch gut, daß du mir kamst der Wege,
Denn nackend geht man nicht in fremde Lande.
Wer will schon, daß den Unmut er errege?

NAUSIKAA:
Ganz recht, nur kam ich nicht aus einer Laune,
Ein Weib, drin ich Athene nun erkenne,
 

 

93
 
Erzählte, daß ich nötig hätt die Daune,
Weil bald mich Lieb in Leidenschaft verbrenne.
Sie riet mir, mich dem Bräutigam zu schmücken,
Der würde mich erkennen und begehren,
Sie schuf mir ein empfindliches Entzücken,
Doch Falsch erkenn ich nun in diesen Lehren.
Die Wäsche von den Brüdern mitzunehmen,
Sei Tarnung, daß der Vater nichts entdecke,
Nun seh ich, daß mit diesen Täusche-Schemen
Verfolgte sie ganz eigen ihre Zwecke.
Die Männerkleidung heischte sie dem Helden,
Ich Närrin fiel herein auf die Kabale,
Ich war nur nötig, um dich anzumelden,
Nun aber sitzt du selber am Pokale.

ODYSSEUS:
Es schickt sich nicht, die Götter anzuklagen,
Sie fügen Ringe, die wir nicht begreifen,
Wenn sie nicht nützen oder sogar plagen,
Soll uns kein Unmut überm Herzen reifen.

NAUSIKAA:
Du bist von deiner Göttin kaum verschieden,
Erlaubt ist euch, mit Herzen Ball zu spielen.
Nun fahre fort und laß mein Herz in Frieden,
Denn Mittel bin ich ungern fremden Zielen.

ODYSSEUS:
Du grollst mir. Doch ich habe nichts versprochen,
Ich trieb als Spielball zwischen hohen Wellen.
Was hat der Schutzbedürftige verbrochen,
Wenn dir die Wünsche böse Fallen stellen?
 

 

94
 
NAUSIKAA: Ich hätte ja viel früher merken müssen,
Daß du wie die Patronin nirgends ehrlich.
Nun führt mich dein Bericht zu andern Schlüssen,
Wem so Poseidon grollt, der ist gefährlich.

ODYSSEUS: Die Götter spielen ihre eignen Weisen,
Wir können sie besänftigen und beten,
Doch bleiben immer unbemerkte Schneisen,
Darein sie uns als ein Verhängnis treten.
Was wir dem einen opfern, wird dem andern
Beleidigend vielleicht gar vorenthalten,
Drum eignet so viel Irren allem Wandern,
Und so viel Schmerz dem Wirken und dem Walten.

NAUSIKAA: Die Götter führst du allzugern im Munde,
Wenn was mißlingt, doch was Erfolg bescherte,
Dem legst die eigne Leistung du zugrunde,
Und wehe, wenn dich einer drob nicht ehrte.
Die Götter sollen deinen Teil vergotten,
Sonst sind sie eben neidisch und zerstritten,
Es taugt dir eher noch, sie zu verspotten,
Als dir ein Fünkchen Weisheit zu erbitten.

ODYSSEUS:
Die Unterscheidung mißlich und gedeihlich
Gab dir der Neid und deine bittre Galle,
Dem Deuter der Geschichte ist es heilig,
Daß dem Geflecht der Einzelsinn verfalle.

NAUSIKAA:
Du bists gewohnt, als Opfer dich zu schildern,
Und glaubst wohl selbst die wiederholten Lügen,
 

 

95
 
Wenn du dich auch versteckst in dunklen Bildern,
Die Götter nicht die Freveltaten fügen.
Wer zwang dich, daß dem Seher der Trojaner
Gewalt du tatst, Verwundbarkeit zu raten,
Weiß du nicht, daß ein Heiligtum der Mahner
Und daß ein Fluch auf solchen Foltertaten?
Wer zwang dich, allen Widerstand zu brechen,
Daß offner Kampf dem schnöden Truge wiche?
Wer zwang, daß du zur Tugend machst die Schwächen
Und Greul begingst, die wahrlich fürchterliche?
Wer zwang, das Tier, das dem Poseidon heilig,
Für eine böse Kriegslist zu mißbrauchen?
Und flohst du die Kalypso wenig eilig,
Weils an der Zeit, mal etwas abzutauchen?
Warum sind die Gefährten alle Toren
Und du so weise, daß es kaum zu glauben?
Habt ihr euch nicht erkannt und zugeschworen,
Wohin ihr kommt zu morden und zu rauben?
Was solln Geschichten uns von Menschenfressern?
Wer selbstgenügsam lebt und ohne Schiffe,
Dem seid ihr ohne jede Scham die Bessern,
Und närrisch ist, wer dies nicht gleich begriffe.
Wozu soll man in Schweine euch verwandeln,
Wos ihr doch ohnehin in euern Taten?
Mit Frauen muß man mit Gewalt verhandeln,
Dann ist ihr Tun wie eures recht geraten?
Wars gut, das halbe Totenreich zu knechten,
Um zu erfahrn, man schände nicht die Rinder?
Daß solcher Taten zählen zur den schlechten,
Das wissen ohne Seher hier die Kinder.
Ob wahr, ob Lug, die Summe der Geschichten
Dient einzig, zu vergötzen deine Größe,
 

 

96
 
Dich leiden und dann Großes zu berichten,
Dies ist der Sinn all der befleckten Schöße.
In einem freilich hast du wahr gesprochen,
Als Niemand du dich nanntenst vor dem Hirten,
Du bist in tausend Larven reingekrochen,
Und läßt in weitern tausend dich bewirten,
Dies ändert nicht, daß du wie Hermes, dessen
Vieldeutigkeit du manche List dankst, keine
Ureigene Person hast je besessen,
Und menschlich gehst allein zum bösen Scheine.

ODYSSEUS: Die Frauen sind oft maßlos in der Liebe,
Zurückgewiesen bremst sie kein Gewissen.
Drum hole ruhig aus zum nächsten Hiebe,
Denn bald wirst du Gelegenheit vermissen.
Du sahst im Leben nichts als diese Insel
Als um Erweckung unerhörter Beter,
Bei Männern spricht man da vom Einfaltspinsel,
Bei Weibern ist es einfach nur Gezeter.
 

 

97
 


MEDEA
TRAGÖDIE





Wettre hinein, o du, mit deinen flammenden Rossen,
Phöbus, Bringer des Tags, in den unendlichen Raum!
Gib den Horen dich hin! Nicht um dich, neben, noch rückwärts,
Vorwärts wende den Blick, wo das Geschwader sich regt!
Donnr' einher, gleichviel, ob über die Länder der Menschen,
Achtlos, welchem du steigst, welchem Geschlecht du versinkst,
Hier jetzt lenke, jetzt dort, so wie die Faust sich dir stellet,
Weil die Kraft dich, der Kraft spielende Übung, erfreut.
Fehlen nicht wirst du, du triffst, es ist der Tanz um die Erde,
Und auch vom Wartturm entdeckt unten ein Späher das Maß.


KLEIST    

 

98
 


PERSONEN
AIETES, König von Kolchis
ABSYRTUS, sein Sohn
MEDEA, seine Tochter
GORA, Medeens Amme
ALKINOUS, AISON, ihre Söhne
PERITTA, eine ihrer Gespielen
QULHA, AREXE, Kolcher
OLBIO, Tributeintreiber
JASON, TELAMON, Argonauten
KREON, König von Korinth
KREUSA, seine Tochter
AIGEUS, Fürst von Athen
 

 

99
 


PROLOG
TELAMON: In Liedern, Epen und gelehrten Schriften
Erfreut der Argonautenzug den Leser,
Masurisch wie in Niedersachsens Triften
Schätzt man ihn an der Weichsel und der Weser.
Die Sage, darin Mythos und Geschichte
Den Künstler fordern, reizt als Flachs der Flachse
Den Maler wie den Sänger, daß das Lichte
Besonders hell auf düsterm Grunde wachse.
Doch ist im Reichtum die Gefahr gegeben,
Daß Einzelnes die Fabel überschwemme,
Wenn sich die Bilder im Tumult erheben,
Zerbrechen der Moral die Handlungsdämme.
Sublimstes wird bemüht, um auszuschmücken,
Bei Apollonios gehts sogar zum Ister,
Und niemand hinterfragt uns das Entzücken
Am großen Raub gewiefter Überlister.
Warn doch das Schiff, die Prächtigkeit der Streiter,
Nicht Sinn der Fahrt in unbekannte Meere,
Der Feldherr fand illustre Gäste heiter,
Weil die Reliquie raunte Ruhm und Ehre.
Zu dieser Überzeugung will nicht passen,
Daß nach der Fahrt vom Vlies nichts mehr zu sagen,
Man nahms mit der Verräterin, der krassen,
Doch letztlich nutzlos blieben alle Plagen.
Da drängt sich der Verdacht auf, daß der Segen
Des Vlieses schwand mit seinem Vaterlande,
Dann schaffte, dieses Kleinod zu bewegen,
Den Helden pure Blödigkeit und Schande.
Warum Tragöden und den Epigonen
 

 

100
 
Dies so entging, ist schwer nicht zu erraten,
Die Griechenfahrten wollten sie belohnen,
Da fragt man nicht nach Recht und Sinn der Taten.
In Kolchis sann man allerhöchste Mühe,
Das Vlies zu hüten, das im Areshaine,
In Griechenland macht keiner so viel Brühe,
Denn so ein Schafsfell schützt sich von alleine.
Der Fahrenden hat keiner je gesprochen,
Wies wirklich sich verhalt mit diesem Fange,
Doch denkbar, daß den Braten wer gerochen,
Daß Ehre nicht bei diesem Schluß zugange.
Ich selbst bin auch nur eine Dichterlarve,
Doch seh im Stoff ich Weiser, zu gestalten
Die Selbsterkenntnis nicht erst an der Harfe,
Schon in der Helden spätrem Weiterwalten.
Was hindert den Geneigten anzunehmen,
Die Morde der Medea und die Krämer
Zuhause, sollten Jason nicht bequemen,
Zu sehen, daß er selbst des Vlieses Lähmer?
Daß Griechenschwindel, jene sein Barbaren
Und ohne Recht, weil sie ganz ohne Schiffe?
Daß Ruhm nicht fand, wer herzhaft losgefahren,
Daß er, was ihm von Wert erschien, ergriffe?
Was hindert dann, zuguterletzt zu glauben,
Der Held hab noch einmal die Schar versammelt,
Um heimzubringen, was ihn einst zu rauben
Die Jugend hieß, und das nur noch vergammelt?
Was bitter einst den Kolchern ist geschehen,
Versteh das Publikum als eine Lehre,
Den Segen nur mit Wächtern zu versehen,
Schafft ihm die Dauer nicht und keine Ehre.
Der Staat kann nur bestehn und überdauert,
 

 

101
 
Wenn die Familien ihn mit Leben füllen,
Selbstsucht, in der das Schrankenlose lauert,
Kann jedes Heil in Schimmelschleier hüllen.
Medeas Morde, der Verlust des Vlieses
Sind Folge, daß der Vater lasch und müde
Die Zucht vergaß und Glitschiges und Mieses
Gewähren ließ, bis es ihm kraß und rüde.
Der Niedergang bleibt selten in der Mitte,
Der er entquoll wie Eiter einer Wunde,
Der Eitle bahnt ihm bald die nächsten Schritte,
Doch jeder Frevler kommt zur letzten Stunde.
Dies zeigt das Stück, doch auch, daß Vaters Fehler
Zu richten sind, wenn wir das Opfer wählen.
Nun sei die Phantasie euch ein Beseeler
Der Helden, die sich aus der Handlung schälen.
 

 

102
 


ERSTER AUFZUG
In einem Turm an der Küste von Kolchis. Ein runder Saal mit Schießscharten. Singende Mädchen in weiß beim Bodenturnen. Medea, ganz in schwarz mit Stiefeln, Strumpfhose und Bluse und einer schwarzen Schleife im Haar, boxt auf scharlachrote Ledersäcke. Durch eine Luke fällt das Licht des Vollmonds.

Erste Szene
Medea, Peritta, Gora.

PERITTA: Dir singen wir du wundersame Leuchte,
Die Wölfe weckt und uns das Blut erneuert,
Erst wenn die Nacht den Zorn des Golds verscheuchte,
Das maßlos Kraut und Dünensand verfeuert,
Erwachst du uns zum Horn und zum Pokale
Und auch als Zeit, das Antlitz tief zu schwärzen.
Du gibst die Mitte unserm offnen Saale,
Darin wir brennen als geweihte Kerzen.
Wir wandeln uns zu Pfeilen und Rosetten
In deiner Fahle, die uns spornt zur Rache,
Wir haben uns befreit von allen Ketten,
Darum uns mondenweiß und furchtlos mache.

MEDEA: Was sagt die Botin aus dem Westwind-Tosen?
Was schlämmt er als zerbrochnen Traum ans Ufer?
Nicht heisch ich nach Korinthen und nach Rosen,
Ich trau allein dem unerschrocknen Rufer.

GORA: Es kamen Schiffe, und manch Wohlbewehrter
Nutzt fremde Laute bei den Waffenspielen,
 

 

103
 
Sie wirkten kindlich, trügen sie nicht Schwerter,
Und arglos noch, worauf die Pfeile zielen.
Die Sitten dieser ungebärdgen Knaben
Sind seltsam und von unsern sehr verschieden,
Wenn sie nicht auf der Jagd zu schaffen haben,
So turteln sie wie Tauben, die sich lieben.

MEDEA: Was soll das heißen? Halten sie sich Weiber?
Sinds welche gar von hier, die sie entehrten?

GORA: Am liebsten mögen sie die eignen Leiber,
Doch manche auch die jüngeren Gefährten.
Wer bartlos dient als Mundschenk seinem Recken,
Bekleidet sich nur spärlich und beim Tanzen
Läßt er sich an Gesäß und Nabel necken,
Und seine Lippen mögen Mannsbart-Fransen.

MEDEA: Sie sind gewiß von weit nach hier gefahren.
Ist heil zur Heimfahrt die gesamte Flotte?

GORA: Nach Eile schauts nicht aus bei dem Gebaren.
Ich denk, sie ziehts so wie das Licht die Motte.

MEDEA: Was soll das sein? Wir haben keine Schätze?
Solch lange Fahrt für eine karge Küste?

GORA: Das Vlies, Medea, ist das Ziel der Hetze.
Wers ihnen riet, wenn mans doch näher wüßte!

MEDEA: Nachfahren wohl des trottelhaften Spenders.
Vielleicht hat sie sein Geist im Traum gerufen.
Sei wie es sei, durchs Feuer des Geländers
 

 

104
 
Drang nie ein Held zu unsern Tempelstufen.
Drum sind die Fremden bald schon in der Klemme.

GORA:
Ich hör den Geist der Brandung gräßlich wimmern,
Am Erlenholze bräunen sich die Schwämme,
Und auf den Wogen seh ichs purpurn schimmern,
Sie sandten einen Boten zu dem Vater,
Der schien mir nach dem Rate schwer gealtert,
Die Götter rief er selbst am Feuerkrater,
Mir schiens die Seel, die durch ein Kleefeld faltert.

MEDEA: Nun gut, so bring den Bruder mir zum Rate,
Er wird Begehr und Abhilf mir vertrauen,
Er ist schon lang der zweite Mann im Staate
Und weiß die Dinge gründlich zu durchschauen.

PERITTA: O weh, ein Mann in unsrer holden Halle!
Dies ist der Anfang von der Freiheit Ende,
Sie morden mit dem Augenlicht uns alle,
Bänd man auch hären ihre Grabscherhände.

MEDEA: Verstumme Gans, wenn Politik entscheidet
Und sorg dich lieber, daß dein Rücken runder.
Um dich hat mich noch nie ein Mann beneidet,
Sei er auch taub und platt wie eine Flunder.

GORA: Ich werd den Prinzen in die Halle locken,
Und sorgen, daß verschwiegen es geschehe,
Er laß die Stiefel draußen, komm in Socken,
Dann fürchtet selbst Peritta keine Wehe.
(Ab.)
 

 

105
 
Zweite Szene.
Jason, Medea, Peritta.

PERITTA:
O weh, ein Mann, kaum trübte den Gedanken
Der Grobian, schwingt er leibhaft schon die Keule,
Medea schau, ich seh die Ampeln wanken
Und rieche den Spion an dieser Säule.

JASON (tritt aus dem Schatten der Säule):
Ich wollte nicht die Turnerinnen stören,
Der Wehrturm schien mir als ein Waffenlager,
Zu lauschen den verwunschnen Mädchenchören,
Die Säule war ein weniges zu hager.

MEDEA: Was suchst du Waffen, wo wir alle Frieden
Verehrn und niemands Hab und Gut beneiden,
Mir scheint, du steigst vom Wolf des Kriegs hernieden
Und hebst das Schwert, daß Kind und Mutter leiden.

JASON: Es steht mir fern, die Lande zu verheeren,
Allein mein Oheim klagt zurück das Seine,
Wollt ihrs dem Gast nicht ungerecht verwehren,
Scheid ich schon morgen mit dem Sonnenscheine.

MEDEA: Was ist es, daß dein Oheim hier verloren?
Ganz unbekannt erscheint mir deine Sippe.

JASON: Im Traum kam ihm der Götterspruch zu Ohren,
Daß Phrixos flog dereinst zu dieser Klippe.
Da Zeus dem Widder schuf die Himmelsflügel,
Daß der ihn trag aus mörderischem Grolle,
 

 

106
 
Gab er dem Gott das Fleisch auf diesem Hügel,
Doch aufbewahrt ward des Gehörnten Wolle.
An mir ists, dieses Wunder seinem Erben
Zurückzubringen, daß ers heg und pflege:
Das Vlies zu schaffen oder stolz zu sterben,
Ich schwors, und niemand hält mich auf dem Wege.

MEDEA: Wie habt ihr vor, das Kleinod zu erkennen,
Ein Träumer und ein andrer der ihm lauschte –
Gibts Fackeln, die in solchem Dunstkreis brennen,
Daß nicht ein Schalk das Widderfell vertauschte?

JASON: Ich weiß gewiß, ich bin im rechten Lande,
Die Weiblein raunten mir von einem Drachen,
Sind auch gepanzert Kragen und Gewande,
Er wird nur bis zu meiner Ankunft wachen.

MEDEA: Ihr wollt den Drachen im Gefecht erlegen?
Dies zeigt, ihr habt kein Gran von ihm gerochen.
Was setzt ein Mann dem Brandorkan entgegen?
Ehs er ersänn, zerbersten seine Knochen.

JASON: Wird mir kein Sieg, so ist der Tod das beste,
Zuhause könnt ich nimmers Aug erheben,
Man wies auf mich grad wie auf Speisereste,
Er bettelte vorm Feinde um sein Leben.

MEDEA: Was ist das für ein Haus, wo das Verrückte
Verlangt wird wider Aug und Ohr und Nase?
Die Himmelsgöttin, die die Mutter schmückte,
Schafft manchenorts dem Wandrer die Oase.
Ich rate euch, laßt die in ihrem Wahne,
 

 

107
 
Die euch gegart um eitle Kleider hätten,
Die Welt ist offen euch und euerm Kahne,
Die Treue ist ein andres Wort für Ketten.

JASON: O nein, mit Hellas kann kein Licht sich messen,
Barbarisch scheint mir jeder andre Hafen,
Nur Lethe läßt den hohen Traum vergessen,
Und nur im Hades kann man ihn verschlafen.

MEDEA: Was ist an diesem Land so eigentümlich,
Daß Männer werden kindisch und verblendet,
Erscheint dem Opfer gar die Hoffahrt rühmlich,
Die rettungslos es ins Verderben sendet?

JASON:
Es ist das Licht, wenn Nordwind treibt die Barken
Durchs Veilchenfarbne und das Grün des Weines,
Der Rost der Felsen setzt metallne Marken
Ins Farbenspiel des Meeres und des Haines.
Die Götter gehn in Reinweiß und azuren,
Die Dinge klar und nah am Transparenten,
Und alles Leben hügelt sich zu Spuren,
So prall wie fein und schmerzhaft dem Getrennten.
Hier hob sich aus dem dämmrigen Vergessen
Die Linie, die dem Denken setzt die Schärfe,
Hier übt sich jedes Kindesaug im Messen,
Im Urteiln, was der Morgentau verwerfe.
Das Kleinste sucht die Anmut zu gefallen,
Der Stil bleibt souverän sogar im Buntsten,
Hier spricht man mit Musik, die sich kristallen
Abhebt von allem ungeschult Gegrunzten.
Hier weiß man, daß die Mitte aller Mitten
 

 

108
 
Den Götter wohl, daß sich ihr Spiel erzähle,
Und wie sie selbst verfeindet und zerstritten
Sind hohen Muts die hellen Archipele.
Doch ist der Krieg für uns kein greiser Schlächter,
Das Haar gekämmt, mit Rosenduft und blanken
Schildbronzen singen wir als Todverächter,
Und unsre Linien werden niemals wanken.
Wir fassen nicht die Welt als Not und Pause,
Wir schaun das Gold im Starken wie im Siechen,
Das Licht des Ida wurde Raum zuhause,
Es nistet, wo es Wasser gibt und Griechen.

MEDEA: Die Leichtigkeit, sich in die Welt zu lagern,
Gefällt mir wohl, wo Kargheit uns das Muster,
Sie zeigt sich in den Wägern und den Wagern
Und macht das Los, wie es auch fall, bewußter.

JASON: Die Götterkämpfe sind nicht nur Geschichten,
Sie zeigen Stufen, daß die Welt gedeihlich
Dem, ders versteht, Vergrabenes zu lichten,
Die Schrift zu sehn, wie wahrspricht doppelzeilig.
Weil dies allein in Griechenland gelungen,
Auf einer Höh, die später wohl Legende,
Hab ich die Argonautenschar gedungen,
Daß sie das Vlies in unsre Heimat sende.

MEDEA: Wie seltsam rührt mich diese Wunderkunde!
Ihr liebt euch frei, so wurde mir berichtet,
Und für die Freiheit geht ihr gar zugrunde
Im Troste, daß der Sänger dies bedichtet.
Bei uns heißt Not die Meisterin des Tages
Und Freiheit ist ein Ding für Lebensmüde,
 

 

109
 
Wir weihn uns nicht dem Vogelsang des Hages,
Denn was uns treibt, das treibt gemeinhin rüde.

JASON: Mich wundert euer Wort, denn dieser Reigen
Von Mädchenstimmen scheint mir nicht geschuldet
Der Strenge, welche Lebenshüter zeigen,
Von denen keiner Kapriolen duldet.

MEDEA: Ja, in der Tat, des Turmes morsche Feste
Gab ein Refugium für ein holdres Hoffen,
Ich denk nicht dran, auf welchem Fluchpodeste,
Noch, daß der Ausgang dieser Szene offen.
Ihr solltet, eh wir endlos weiterschwätzen,
Euch auf den Weg zu den Gefährten machen,
Ich weiß bescheid, ihr sucht den Widderfetzen,
Ich denke nach, was möglich bei dem Drachen.

JASON: Ich danke euch und werde den Gefährten
Vertrauen, daß im Turm die Weisheit wohnte,
Wir suchten ein paar Früchte in den Gärten,
Doch glaubt, daß ich das Land nach Kräften schonte.
(Ab.)


Dritte Szene.
Medea, Peritta.

PERITTA: Der Held der Fremden hat dir wohl gefallen?
Nicht oft hört man so säuseln die Gestrenge,
Er kündet den Gelandeten jetzt allen,
Bei diesen Mädchen bräucht es keine Zwänge.
 

 

110
 
MEDEA: Peritta, immer bis zur nächsten Ecke
Schaust du und keine einzge Elle weiter,
Im Augenblick allein entdeckst du Zwecke,
Doch eine Sprosse macht noch keine Leiter.
Du meinst, ich tändle grade zum Vergnügen,
Such ich Gefahrn zu deuten und zu wehren,
Dir mag die Lust des Unterleibs genügen,
Ich aber trag zu Höherem Begehren.
Erst wenn die Wände rings zusammenschlagen,
Spürst du die Hohlheit unter dem Geplänkel.
Du freust dich, daß der Korb so leicht zu tragen,
Und merkst nicht, daß dein ganzes Glück der Henkel.
Was meinst du wohl, wie wurde die Ruine
So wohlfeil, daß uns keiner drum befehdet?
Glaubst du, sie fiel wie eine Apfelsine
Vom Baum, weil du so allerliebst geredet?

PERITTA: Dein König machte sie dir zum Geschenke,
Sein Reich ist groß, ihm wird dabei nichts fehlen,
Wir schrubbten lang die Fliesen und die Bänke,
Ein Staubreich wars, ein Haus der toten Seelen.

MEDEA: Und warum hat der König dies gegeben?
Nicht grade häufig siehst du ihn als Spender.

PERITTA: Die Tochter ist ein Stück von seinem Leben
Und erbt den Hof dereinst und alle Länder.

MEDEA: Wer hat dich solche Ammenmärn gelehret,
Der treue Vater sorgt für seine Kinder?
Die Tochter lebt, bis sie sich mal beschweret,
Dem Ungehorsam ist der Herr der Schinder.
 

 

111
 
PERITTA: So sag mir halt, wenn ich so bildungsferne,
Warum hat uns der König so begnadet
Und auch, warum ers nun zurückhätt gerne,
Und was ihm die bisherge Nutzung schadet.

MEDEA: Das Vlies, Peritta, wollt er gut verwahren,
Solang mein Zauber diesen Dienst verrichtet,
Schützt dieser Turm mich selbst und meine Scharen,
Doch wehe uns, wenn diese Macht vernichtet.
Wer will denn wissen, ob die fremden Streiter
Nicht über stärkre Himmelsmacht verfügen?
Sie nennen ihre Götter licht und heiter.
Wer weiß, ob meine Künste noch genügen?

PERITTA: So suchst du sie versöhnlich uns zu stimmen,
Bis du von ihrer Macht genaure Kunde.
Medea, hüt mein Herz vor allem Schlimmen,
Bis in den Tod sei ich mit dir im Bunde!

MEDEA: Verzwickter noch zeigt sich die ganze Lage!
Ich kann den Bann mit meinem Tode lösen.
Erweist sich der Besatzer uns als Plage,
Vielleicht geht dann der König mit den Bösen.

PERITTA: Das wäre Arglist wider deine Treue!
Ich denk, das kann er ernstlich nicht erwägen.

MEDEA: Im Denken immer das Unmöglich scheue,
Den Stamm zu retten, kann den Ast man sägen.

PERITTA: O weh, wird dir Absyrtus denn verraten,
Wies steht bei Hof und was man geht für Wege?
 

 

112
 
MEDEA: Ob er, ob ich? Wer dort den bessern Paten,
Nicht allzu fest das letzte Urteil lege.

PERITTA:
Mir schwindelt. Daß der Willkür keine Dämme,
Nimmt mir den Boden. Deiner Weisheit bitte
Ich alle Götter, die ich irgend kenne,
Daß nicht die Unschuld den Despoten litte.


Vierte Szene.
Medea, Peritta, Absyrtus, Gora.

ABSYRTUS: O liebe Schwester endlich, endlich wieder!
Ich hab dich so vermißt in diesen Jahren,
Mir fehlte dein beschirmendes Gefieder
Seit du so jählings aus dem Haus gefahren.

MEDEA: Du bist gewachsen, mächtig, und ich ahne
Die ersten Stoppeln bald an deinem Kinne!
Dem König, glaub ich, gehst du nach dem Plane,
Wie ich daneben schon im Anbeginne.

ABSYRTUS: Der Vater wird mit jedem Jahre milder,
Es wäre schön, gingst du ihm mal entgegen,
Er weint zur Nacht, ich sah die Kinderbilder
Sein schüttres Haupt mit tiefem Schmerz bewegen.

MEDEA: Dies ist nicht neu, ihm war die Tränendrüse
Schon immer Sekundantin seines Schwertes,
Doch ich hab weder Weisheit noch Gemüse,
Sein Herz zu heiln, sein also tief versehrtes.
 

 

113
 
ABSYRTUS:
Du hast dich nicht verändert, meine Große!
Du gehst so sicher und so unbestechlich,
Schaust durch die Rüstung auf die Haut, die bloße,
Und zeigst uns, daß wir schwach sind und zerbrechlich.

MEDEA: Nun gut, genug von diesen Komplimenten!
Ich denk, du weißt, warum ich nach dir schickte.
Wann jagt der König übern Teich die Enten
Und sorgt, daß sie kein zweiter Tag erblickte?

ABSYRTUS: Du sprichst von der Elite einer Kaste,
Die Kriegskunst mit der Muttermilch gesogen,
Nicht töricht unterschätzt sei der Verhaßte,
Der wie ein Gott zu spannen weiß den Bogen.

MEDEA: So ists schon vor der ersten Schlacht Parole,
Daß keiner standhalt und sich widersetze?
Meint nicht des Heeres Treueeid, der hohle,
Daß solche Feigheit jeden Gott entsetze?

ABSYRTUS: Das Heer ist treu, es sinnlos zu verheizen,
Schüf Schande selbst dem blindgebornen Gecken.
Höchst albern ists, sich eigenhold zu spreizen,
Wo das Orakel schweigt in Scham und Schrecken.
Allein die Götter können alles wenden,
Sie binden nicht Verhältnis, Zahl und Stärke,
Soll nicht im Tode die Belagrung enden,
So ruf den Mond und seine Wunderwerke.

MEDEA: Mein Kleiner, meine Zauberkünste treffen
Nur den, der mir verfallen ist im Herzen,
 

 

114
 
Den Fremden, die das große Segel reffen,
Wärs grad, als suchten Kinderchen zu scherzen.
Da du mir hold, hab ich dich fliegen lassen,
Du spanntest als mein Minner deine Schwingen,
Jedoch bei jenen unverwandten Rassen
Kann mir nicht der geringste Bann gelingen.
Auch Tyris, der als Drache wacht am Vliese,
Wars nur der Eifer, um mein Ja zu werben,
Was ihn gebracht in meine Macht-Verliese,
Daß er als Untier töten muß und sterben.
Und dieser Bann ist nicht nur seine Schlinge,
Ich selber bin in gleicher Weis gebunden,
Denn daß ihm die Erlösung einst gelinge,
Ist ihm verbürgt bei meinen Todeswunden.
Der stolzeste aus der Besatzerrotte
Stand eben grad an deiner Statt im Saale,
Doch keineswegs wies Kerzenlicht die Motte,
Begehrt er Trunk aus meiner Lippenschale.
Kann ich den Mann nicht locken und verführen,
Kann ich ihn nicht besiegen und besetzen,
Drum mußt du mich als Waffenlose spüren,
Unfähig, diese Scharen zu verletzen.

ABSYRTUS (nach einer Weile):
Mir wurde diese Möglichkeit beschrieben.
Allein ich hielt es noch für unbewiesen.
Die Götter, ach, wo sind sie uns geblieben,
Wir sind allein und stehen vor den Riesen.
(Er setzt sich auf einen Sims. Pause.)
So bleibt nur eins. Der fluchgebannte Drache
Muß unbedingt dir nicht das Leben rauben.
Nicht nur dein Tod enthebt ihn von der Wache,
 

 

115
 
Es reicht ihm, dich im Totenreich zu glauben.
Ist er ganz überzeugt, du seist gestorben,
Und nichts auf Erden könne dich erzwingen,
Dann ist in ihm der Minnebann verdorben,
Dann fallen Kralle, Panzerkamm und Schwingen.
Ich hab dem Vater schon davon gesprochen,
Die Fremden werden unser Land verheeren,
Und wird der Bann nicht irgendwie gebrochen,
So werden jede Hütte sie entehren.
Es gibt nur eins, was sie nach Hause schickte,
Es ist das Vlies, uns bitterböse Bürde,
Und als ich diese Möglichkeit erblickte,
Erkannte ich, daß es so kommen würde.
Ich werde mich an deiner Stelle richten,
Im Alter, drin die Schwester einst gewesen,
Der Drache wird die Leichenteile sichten
Und läßt den Ort dann ohne Federlesen.
Er weiß nicht mal, daß dir geschah ein Bruder,
Ich lebte dazumal noch bei der Amme,
Das Blut und der Geruch betäubt das Luder,
So werd ich meinem Volk zum Opferlamme.

MEDEA: Ich habe diesen Tag wohl kommen sehen,
Das Vlies ward uns gebracht, uns zu vernichten,
Doch wer versteht schon, was die Winde wehen,
Was wahr ist an den wüsten Traumgesichten?
Ich muß den Mond in dieser Nacht befragen,
Peritta führt dich fort in eine Kammer,
Des Rätsels Lösung wird sich bald uns sagen,
Laßt mich allein mit meinem großen Jammer.
(Absyrtus und Peritta ab.)
 

 

116
 
Fünfte Szene.
Medea, Gora

GORA: Nun, Herrin, soll ich auch den Saal verlassen,
Daß ihr allein mit Göttern und Gedanken,
Ich geh nicht weit, den Ruf wohl abzupassen,
Denn euerm Wort gehorch ich ohne Wanken.

MEDEA: Nein Gora bleib. Du Hälfte meiner Seele,
Du weißt, ich rufe nie nach Rat und Sorge,
Nur darum, daß ich selbst mir nichts verhehle,
Ich zum Gespräch mir deinen Schatten borge.

GORA (greift ihre Hand):
Ich ahnte es. Es blieb mir unverborgen,
Daß meine Herrin sucht sich zu begründen,
Wer sich ermannt, bannt jede Art von Sorgen,
Und flirtet nicht mit Unterlassungssünden.

MEDEA:
Er will es selbst. Auch kann nur Tod ihn retten
Vor einer Zukunft als Despotenmime,
Nicht lang, dann wird sich ihm der Hintern fetten,
Drum preise er sich froh im Interime.
Er wills fürs Land und ähnliche Klamotten,
Man lasse ihn in seinem Kinderglauben.
Doch uns geruhts nicht, in die Nacht zu trotten
Und zuzuschaun, wie Jahre uns berauben.
Das Land der Fremden bietet reiche Pfründe,
Die Sklaven tauschten nicht mit unserm Throne,
Wer hierauf zu verzichten sich verstünde,
Beeindruckt Narren mit der Narrenkrone.
 

 

117
 
Du sahst es selbst. Sie lieben ohne Fessel,
Sie kleben nicht an überholten Sitten.
Doch Kolchis, dieser Sesameintopf-Kessel,
Bleibt ewig von der Freiheit angeschnitten.
Sind sie erst fort, der Bruder ausgeblutet,
Sag selbst, wie stelln sich dann des Königs Pläne,
Was wird Medeen danach zugemutet
Als Lebenstor für neue Kapitäne?
Dann ist kein Platz für Turnen oder Reigen,
Die Schwangerschaft, die nächste und noch eine,
Dann will der König wahre Größe zeigen,
Und eure Herrin spreizt dafür die Beine.
(Sie schluchzt an Goras Brust.)

GORA (nach einer Weile):
Ich hab verstanden. Und ich hab begriffen.
Loh steht die Flamme vor dem Funkenschürer.
Ich laufe rasch hinunter zu den Schiffen
Und treff der Fremden anerkannten Führer.
Ich biet das Vlies für unversehrte Reise
Und Adelsprivilegien für die Maiden,
Er schwör mir bei der Sonnenwagen-Schneise,
Daß uns landab die Jungfraun einst beneiden.
Besorgt derweil, den Drachen einzuschläfern,
Ich führe Jason dann zum Goldnen Felle,
Absyrtus sei ein Sonntagsmahl den Käfern,
Jedoch der Falter läßt die Raupenzelle.

MEDEA: Schick mir Peritta noch, denn ganz alleine
Mag ich nicht Abschied nehmen von dem Volke,
Sie ruft wie niemand nach dem Mondenscheine
Und scheucht davon die gräßlich fette Wolke.
 

 

118
 
GORA: Ich schick sie, ihren Singsang anzustimmen,
Und hie und da das Räucherwerk zu zünden,
Wenn hier im Saale Balsamharze glimmen,
Soll die Gefahr in reinste Freude münden.
Bin ich erfolgreich auf der ganzen Linie,
Laß Bogenschützen ich den Turm zerstechen,
Und zeigt sich dir der stolze Gruß der Pinie,
So sei allein die Säumnis ein Verbrechen.
(Ab.)


Sechste Szene.
Medea, Qulha.

QULHA: Der König lud mich ein, um zu besprechen
Die Krise, leider ohne rechtes Ende,
Er sieht das Reich in Ost und West zerbrechen,
Und hebt doch nur beschwörend seine Hände.

MEDEA: Die Narrheit der Person und dieses Amtes
Braucht ihr der Abgeschiednen nicht erklären,
Aus dunklen Männerphantasien stammt es,
Doch brauchts die Frau, die Träger zu gebären.

QULHA (nickt verständnisvoll):
Obgleich die Ankunft waffenstarrer Reiter
Beweist, daß nichts in dieser Welt alleine,
Meint unser Herr, es ginge alles weiter,
Denn unser Segen hängt im Areshaine.
Er weigert sich der Lockrung, den Reformen,
Und lobt die Steinzeit als das Maß der Maße,
Er lob die Tugend und die alten Normen,
 

 

119
 
Statt daß er bau zur Bucht die breite Straße.
Die Fortgeschrittnen sollten uns belehren,
Die Wirtschaft hier auf Vordermann zu bringen,
Stattdem hält er ein leeres Fell in Ehren
Und wird nicht müd, ihm lob und preis zu singen.

MEDEA (gelangweilt):
Bringt ihr nur her die ewig gleiche Leier,
Ich brauch die Zeit für eigene Geschäfte,
Macht lieber unterm Volk den Waffenschreier
Und stürzt den Thron und lebt nach eignem Hefte.

QULHA: Ihr kommt zur Sache und dies ist vorzüglich,
Die Frau spürt Wechselwind vor jedem Recken,
Zwar paßt das Land zum Aufstand wild und hüglig,
Doch ohne Fahne folgt man keinem Stecken.
Es wird der Sturz der alten Ordnung glücken
Der Frau, die monden führt der Wölfe Rudel,
Ihr wird sich das Gesetz des Lebens bücken,
Daß der Despot es länger nicht besudel.
Die Frauen stehn seit je dem Leben näher,
Sie schaffens und erhaltens mit der Pflege,
Ein Narr dagegen ist der Wolkenspäher,
Der sich vom Unsichtbaren leiht die Wege.
Drum ist bei Frauen Einsicht für die Lehre,
Daß nötig die Vermehrung aller Güter,
Daß sich die Saat und dann das Brot vermehre,
Schafft Wohlstand für die Herde wie den Hüter.
Die kann allein gelingen, wenn dem Golde
Erlaubt ist, sich als Antrieb zu vermehren,
Dann fügt sich ihm das Harte wie das Holde,
Und keine Ordnung kann es ihm verwehren.
 

 

120
 
MEDEA: Rebellisch bin ich wohl wie Visionäre,
Doch euerm Haufen dien ich nicht als Krone,
Wenn ich mir der Magie nicht sicher wäre,
Dann prüfte ich, ob sich der Aufwand lohne.
Für meinen Traum sind Kräfte mir gewachsen,
Die einem Mannshirn nie begreiflich werden,
Drum rat ich, seid ihr keiner von den Laxen,
Was mir der Himmel, schaffet euch auf Erden.
(Qulha ab.)
Peritta naht! Nach zweien nun der Schranzen
Wird bald der alte Kläffer selber winseln,
Läßt Gora erst die Botenpfeile tanzen,
Hab ich genug von diesen Einfaltspinseln.
Denn ist das Ei genügend ausgebrütet
Muß irgendwann die harte Schale platzen.
Dann seht mal zu, wie ihr den Himmel hütet!
Der Tiger schlägt nur einmal mit den Tatzen.
Der Mond scheint hell. Es sei nicht ohne Weihe,
Steht die Gefangne auf, sich zu verschönen.
Wenn ich mich aus der Vaterwelt befreie,
Soll er mit seinen vielen Männern stöhnen.


Siebente Szene.
Medea, Peritta, Aietes.

PERITTA (räuchert und psalmodiert):
Dir singen wir du wundersame Leuchte,
Die Wölfe weckt und uns das Blut erneuert,
Erst wenn die Nacht den Zorn des Tags verscheute,
Der maßlos Kraut und Dünensand verfeuert,
Erwachst du uns zum Horn und zum Pokale
 

 

121
 
Und machst uns Zeit, das Antlitz tief zu schwärzen.
Du gibst die Mitte unserm offnen Saale,
Darin wir brennen als geweihte Kerzen.
Du milderst die Gedanken still und fraulich,
Du bist der Reim und aller Weisheit Reigen,
Du machst das Dunkel nektarsüß und traulich
Daß sich die Zeichen deiner Botin zeigen.
Wir wandeln uns zu Pfeilen und Rosetten
In deiner Fahle, die uns spornt zur Rache,
Wir haben uns befreit von allen Ketten,
Darum uns mondenweiß und furchtlos mache.

AIETES:
Mein Kind, die Umständ unsres Wiederschauens
Sind gräßlich, doch sie trüben nicht die Freude,
Daß du gefaßt und göttlichen Vertrauens
Beweist, daß ich die Schritte nicht vergeude.

MEDEA: Die Wege als erfolgreich zu erkennen,
Erfordert, daß das Ziel des Laufs man wisse,
Drum solltest erst du dein Begehr mir nennen,
Daß nicht ein Schmerz gehegten Trug zerrisse.

AIETES: Das ist doch klar, ein Ende der Gefahren
Für Volk und Reich erstreben meine Schritte
Ich mußte mich Absyrtus offenbaren,
Nun bist du in dem Königsbund die dritte.

MEDEA: Und welcher soll als Drachenbraten taugen,
Der Erb, der König oder doch die Schlampe?
Denn wer am Kreuzweg steht mit offnen Augen,
Vergißt die Zwille nicht und nicht die Krampe.
 

 

122
 
Es ist doch schon beschlossen, abzugeben
Das Vlies, weil Krieg den Untergang bedeutet,
Drum sag: Wem geht es dieses Mal ans Leben
Und wer wird für das Echsentier gehäutet?

AIETES: Was sind das für absurde Rituale,
Um einem Scheusal Tränen zu entlocken,
Ich denk, es reicht auch eine Marmorschale
Mit Schweinefleisch, den mürben Wart zu blocken.
Mein Leibarzt könnte dich zur Ader lassen,
Damit wir das Geruchsorgan noch blenden,
Doch bitte schweig vom Blutigern und Krassen,
Sonst können wir auch das Gespräch beenden.
(Durch eine Scharte dringt ein gefiederter Pfeil und bleibt vor Aietes liegen.)
Was soll das? Ja der hätt mich fast getroffen,
Weß Frevlerhand entheiligt diesen Tempel?

MEDEA (abwinkend):
Das Zeichen, daß die Worte sich verstoffen,
Hier trennt das Tatwort sich vom Lautenkrempel.
Ich bin verhindert, nur für kurze Weile,
Peritta wird ein starkes Bier dir reichen,
Ich hoff, Du bist nicht allzusehr in Eile,
Dies ist ein Ort der Winke und der Zeichen.
(Ab. Peritta bringt Bier und beginnt zu tanzen.)

AIETES (trinkt):
Ich bin schon alt und habs nicht weit zum Grabe,
Doch weise werd ich wohl nicht mit den Jahren,
Und was ich jung niemals begriffen habe,
Das werd ich wohl auch alternd nicht erfahren,
 

 

123
 
Die Mädchenspiele, diese Rätselglücke
Um Blütenblätter, Reifen, Nadelstiche,
All das Getu mit einem Ruch von Tücke,
O brächte mich der Himmel auf die Schliche.
(zu Peritta)
Sag, Tänzerin in diesem dichten Nebel,
Wärs möglich, daß man mal ein wenig lüfte,
Der Rauch, euch Lust, ist mir ein herber Knebel,
Denn ziemlich anders wähl ich selbst die Düfte.

PERITTA:
Schaut nach dem Mond, dann wird er euch erhellen
Den Atem und die Schau auf alle Dinge,
Wir bitten diesen lieblichen Gesellen,
Daß die Befreiung ungetrübt gelinge.

AIETES: Befreiung ja, die Schiffe zu verpesten,
Wär wohl ein Coup, der Rettung uns verbürgte,
Doch stehts in diesem Reiche nicht zum Besten,
Wenn man den König mit Gestank erwürgte.
(Er zieht sein Schwert.)
Drum Göre hör, ich stehe und befehle,
Husch rasch empor und schnall den Gurt vom Laden,
Und quälst du mir noch weiter meine Kehle,
Schick ich dich zu den Würmern und den Maden.
(Peritta gehorcht und der Dunst löst sich auf. Nach einer Weile kommt Medea bluttriefend zurück.)

MEDEA: O König, wozu Schwert und laute Worte,
Die Dinge werden gut in aller Stille,
Kein Zufall führte euch zu dieser Pforte,
Auch euerm Sohn ward nun der letzte Wille.
 

 

124
 
Er starb mit einem Fluch, dies zu verkünden,
Ist meine Pflicht, auf Reich und Königskrone,
So wie die Dinge hier im Lande stünden,
Wärs besser, daß im Totenreich man wohne.

AIETES:
Was sprichst du Tochter, haben dich die Schmerzen
Um deinen Bruder überstellt dem Wahne?
Du liebtest ihn doch stets von ganzem Herzen.
So ist es wahr – gefallen bei der Fahne?
Er huldigte dem Wahn, er müsse sterben
Um dieses Leid von unserm Land zu heben.
Er ging für unsern Frieden ins Verderben –
Wer mag bei solchem Opfermut noch leben?

MEDEA:
Er starb, das Vlies den Griechen zu vermachen,
Doch nicht für dich die Würmer ihn benagen,
Was Elfenbein und Gold und edle Sachen
Wird grad aus dem Palast herausgetragen.
Ich hab den Hänfling selber kleingeschnitten,
In einem Korb die Stücke abgewunden,
Dort kam sogleich ein Grieche hergeschritten
Und hat die Wunderwaffe vorgefunden.
Dies ist geschehn, daß ich als große Dame
Komm in das Land, wo dieses man verachtet,
Die bittre Reu sei dir mein Mädchenname,
Du hast dir selber dieses Grab geschachtet.

AIETES (in höchster Aufregung):
Medea, ich beschwör dich bei der Mutter,
Sie starb für dich, halt unser Haus in Ehren.
 

 

125
 
MEDEA:
Mußt du erst anschaun selbst das Drachenfutter,
Daß dich die Wahrheit furchtbar kann belehren?
Die Mutter starb um mich nicht, die geboren
Nie wollte sein und ungefragt gestoßen,
Nur du allein hast sie dem Tod erkoren,
Mit dem Geschlechtstrieb, mit dem rücksichtslosen.

AIETES (fuchtelt mit dem Schwert herum):
Die ganze Bude stinkt nach bösen Kräutern,
Ich werde systematisch zum Verrückten,
Die Toten wider alles Leben meutern,
Die Götter sich vorm Vipernzischeln bückten –
(Peritta hält ihm von hinten den Dolch an die Kehle.)

MEDEA:
Verschwinde Narr, du kreischst wie immer peinlich,
Hier ist kein Platz für solche Kreaturen,
Hier wirds erst wieder mädchenhaft und reinlich,
Hat man gescheuert die Tyrannenspuren.
Zieh ab, Versager, du beschmutzt die Bühne,
Erbärmlich warst du immer, aber heute
Kriegst du vielleicht den Vorgeschmack der Sühne,
Dies gelt als Warnung für die ganze Meute.
 

 

126
 


ZWEITER AUFZUG
Korinth. Die Bühne ist zweigeteilt, rechts ein Blick in Kreons Palast, links eine Säulenreihe, davor die Knaben Alkinous und Aison mit Holzschwertern fechten. Die übrigen Personen agieren im Palast.

Erste Szene.
Alkinous, Aison

AISON: Hab acht, ich werd dich heute niederringen,
Die Größe nützt dem Kopf nur hart zu fallen.
Ich hab die Sprünge satt, die dir gelingen,
Und mir die Fäuste in der Tasche ballen.

ALKINOUS: Hoho, nur vorher solltest etwas wachsen!
Doch armer Knirps, ich wachse immer schneller,
Du brichst dir beim Versuche nur die Haxen,
Auf deinen Sieg setzt niemand einen Heller.

AISON: Ich hab geübt und werde immer flinker,
Dein Hochmut wird dich nicht mehr lange decken,
Am Morgen Sturm, am Abend nur noch Stinker,
Du wirst dich vor dir selber noch erschrecken.

ALKINOUS:
Ich merk, du fichst, daß die Olympier staunen!
Da, sieh dein Schwert, es schwingt sich ganz alleine.
(Er schlägt Aison das Schwert aus der Hand, das im Bogen davonfliegt. Es bleibt vor einem Sims liegen, auf dem prächtige Weintrauben liegen.)
 

 

127
 
Nun ja, das Schicksal hat so seine Launen,
Nun lauf schon los und hole dir das deine!

AISON (läuft dem Schwert nach, entdeckt die Trauben und steckt eine in den Mund):
Wie herrlich! O wie leicht sie doch zerplatzen!
Wie Honig süß und fruchtig ohne Kerne!
Dies sind nicht Trane, die den Hals zerkratzen,
So denk ich mir Ambrosia und die Sterne.

ALKINOUS: Nun reich mal rüber, willst du ganz alleine,
Hier schwelgen und ich soll dem Liede lauschen,
Nachthimmelblau tun sie im Sonnenscheine
Nicht wenig, um das Auge zu berauschen.

AISON: Genug ist da. Wir wollen streitlos teilen.
Sei achtsam, nicht den Chiton zu betropfen.
Wer wollte sich zum Schwerterkampf beeilen,
Gibts solche Dinger, um sich vollzustopfen.
(Sie schmatzen beide behaglich.)

ALKINOUS: Wer hat sie bloß auf diesen Sims getragen?
Gewiß wer, der nicht mag, daß wir so fechten,
Die Streitlust dämpft am sichersten der Magen,
Drum ist der Bauch die Bürde des Gerechten.

AISON: Wer wohl? Die Mutter sorgt für ihre Jungen.
Sie mag wohl manchmal schimpfen oder klagen,
Doch trägt sie mich fest in ein Tuch geschlungen,
Ist mir es lieber als allein im Wagen.
Sie scheint mit traurig und nicht wohl gelitten
Am Hofe hier, wo alle sonst Verwandte.
 

 

128
 
Warum hüllt wohl ein bittrer Pelz die Quitten,
Und warum lacht so selten der Gebannte?

ALKINOUS: Im Wagen, ja, so schonst du die Sandale,
Du bist so leicht, da merkt man nicht das Tragen,
Im Traumwind segelnd trägt die Haselschale
Den Winzling bis ins Land der Lotophagen.
Ich glaub nicht, daß die Mutter dies gerichtet,
Die Kreusa wars, da bin ich ziemlich sicher,
Ich glaub, sie hat das Land Korinth gedichtet,
Wo selbst der Mutter stockt das Hämgekicher.

AISON: Ich sag der Mutter, daß du sie der Häme
Hast bös geziehn und Kreusa bist gewogen,
Damit sich mein gestohlnes Schwert nicht gräme,
Ist schon mal ein Pantoffel losgeflogen.

ALKINOUS:
Nein Aison, sei ein ganzer Mann und schweige,
Gar weibisch ists, den Bruder zu verpetzen.

AISON: Nein Zeit wirds, daß ich endlich einmal zeige,
Nicht straflos kann den Kleinern man verletzen.

ALKINOUS:
Ein bißchen Spott kann dir nicht ernstlich schaden,
Du hast es ohnehin ja immer leichter,
Was ich auf meine Schultern hab geladen,
Ein Freiraum wurds, dir mühelos erreichter.

AISON: Was sind denn das für seltsame Legenden?
Du mußt dem Schatten Vorhutzeche zahlen?
 

 

129
 
Du grabschst das Dotter dir mit beiden Händen,
Und für den Bruder gibt es nur die Schalen.

ALKINOUS:
Laß gut sein, wer da Schützling und wer Stemmer,
Doch schwärz mich bloß nicht an mit dieser Sache,
Sonst suchst du dir alleine deine Lämmer,
Weil ich der Spiele keins mehr mit dir mache.
(Beide ab hinter die Säulen.)


Zweite Szene.
Jason, Kreusa.

JASON: Ich grüße die Prinzessin, die uns reichte
Mit ihrem Blick ein Glück, darin zu baden.

KREUSA: Ein guter Morgen grüßt mit seiner Leichte.
Der Nordwind treibt die Barken den Kykladen.
Das Meer ist veilchenfarb und an die Felsen,
Verrostet, schlägt es sanft mit seinem Schleier,
Die Schwäne singen uns mit stolzen Hälsen,
Die Farben sagen Trunkenheit und Feier.
Wo Pallas weiß Poseidon ruft azuren,
Dort wird der Raum im starken Licht zum Hammer,
Und jeder Stein trägt schon die Hauerspuren,
Die Anmut künden selbst in Schmerz und Jammer.
Dies Land verlangt nach Ausdruck, seine Kerben
Sind Wille und Erfahrung, deren Linien
Sich wie der Tag die Meisterschaft erwerben
Und gottgegeben scheinen wie die Pinien.
 

 

130
 
JASON: Ja traumhaft ist das Land des guten Hirten!
Dem Flüchtling, der mit wenigem zufrieden,
Ziemts nirgendwo zu hadern mit den Wirten,
Doch mir ist das Ambrosische beschieden.

KREUSA:
Den Helden kann die Demut trefflich kleiden,
Doch taugt sie nicht dem Arm zum Schulterstücke,
Wo dunkle Wolken ihn bedräun mit Leiden,
Erneuert sich die Regenbogenbrücke.

JASON:
Der Held strebt nicht nach allgemeinem Staunen,
Weil ihm zum Mut Bedrängnis treibt des Zarten,
Er achtet nicht die Weiser eitler Launen,
Er folgt der Sehnsucht, der zur Nacht gesparten.

KREUSA:
War nicht die Schmach des Phryxos, der im Reiche
Der Schatten klagt, für euch die Pflicht zu fahren?
Mit purem Golde ich die Tat vergleiche
Das Vlies des Zeus zu holn von den Barbaren.

JASON: Ihr irrt euch. Weder Zeus noch Phryxos waren
Mir Leitstern sondern Ruhm bei den Hellenen,
Die Eitelkeit trieb mich zu den Barbaren,
Und nicht die Not und mitternächtges Sehnen.

KREUSA: Die Eitelkeit ist läßlich bei den Helden,
Wer sie erkennt, der weiß sie auch zu bannen,
Und wird, wenn Not und Hilferuf sich melden,
Als Führer segeln mit den stärksten Mannen.
 

 

131
 
JASON: Gemeinhin, aber wer im ersten Strauße
Unziemlich mühte die Geduld der Götter,
Der bleibt bei einem nächsten wohl zu Hause
Und wehrt so die Gelegenheit dem Spötter.
Was ich unziemlich tat, ist nicht zu fragen,
Es folgt, wohin ich geh, mir als ein Schatten,
Drum sprecht nicht groß von meinem Tun und Wagen,
Laßt still erfreun an euerm Glanz den Matten.

KREUSA: Ich bin ein Kind fast, das allein von Worten
Sich nährte und verwöhnt ward im Palaste,
Ich nahte nie mich den verbotnen Pforten,
Noch ahne ich, was eure Seel belaste.

JASON: Dies ist auch gut, denn nur das Ungetrübte
Vermag so hell die Sonne einzufangen.
Wer dies verlor, wenn er auch ewig übte,
Er heischte nicht das reine Rot der Wangen.

KREUSA: Ihr redet ihm verräterische Maße,
Ihr saht die Welt, die Helden und die Frauen.
Ein Blick wie eurer auf der offnen Straße –
Ich würd mich nicht mehr aus der Pforte trauen.

JASON: Zieht ihr mich nicht der Demut? Euer Zagen
Verträgt sich nicht mit königlichem Blute,
Ihr wißt die Anmut wie ein Kleid zu tragen,
Daß jeder Frechheit würde bang zumute.
Wohl dem, den ihr beschenkt mit euerm Frieden,
Er zög durch alle Meere und Gerüchte
Bis ganz hinaus und zu den Hesperiden
Allein dafür, daß euch gefalln die Früchte.
 

 

132
 
KREUSA: Nur einer könnte solchen Zug vollbringen,
Doch brauch ich keine Perlen, kein Geschmeide,
Die Lerchen ohne Gold und Seide singen,
Drum ists nicht not, daß man sich so bekleide.
Das wahre Gold scheint mir die Herzensgüte,
Die euch vermeiden läßt, mich zu beschämen,
Der große Zeus und Heras Herd behüte
Eur Aug und tilg die Sorgen, die euch lähmen.
(Sie geht sehr schnell ab.)

JASON: Ein scheues Reh, doch Glut in der Pupille
Verrät, daß sie zur Lauheit nicht geboren,
Sie rät die Sandbank sicher in der Stille,
Sie braucht kein Lot bei ihren feinen Ohren.
Ach dürft ich diesen einmal mit der Zunge
Verraten, daß sie meinem Pfeil der Bogen!
Ich fühl mich wie am Brombeerstrauch ein Junge,
Dem mittags eine Fee vorbeigezogen.
Ja, kein Geheimnis reicht an das, was offen
Dem Blick, und wie ein Zephyr ihn umnachtet!
Wohl dem, der sich bemühen darf und hoffen,
Sich fragen darf, was, Götter, ihr ihm dachtet!
Einst griff ich fester Hand nach allem Glücke
Und fragte nicht nach Blut auf seinen Scherben,
Doch heute klafft im Herzen eine Lücke,
Die schließt kein Wahn und kein geheimes Werben.
Doch dank ich, daß ich sehn darf ihr Zuhause,
Wo keiner frei, daß er den Dunst ihr löse
Und mach, daß ihr der tiefe Abgrund grause,
Wo ich mich selbst erfuhr und traf das Böse.
Ich schaue sie und fühle mich zufrieden,
Zwar kann sie ja nicht ewig Jungfrau bleiben,
 

 

133
 
Doch daß die Götter diese Zeit beschieden,
Soll mir Erato auf den Grabstein schreiben.
Da kommt der König sichren Schritts wie immer.
Was will er mit dem Flüchtling wohl beraten?
O wüßten diese Leute einen Schimmer,
Sie dürsteten nicht mehr nach meinen Taten.


Dritte Szene.
Jason, Kreon.

KREON: Ich lob den Argonauten und die Stunde,
Die ihn hereingeführt in die Gemächer,
Wer solcher Helden sich erfreut im Bunde,
Dem wirft kein Perser Flammzeug auf die Dächer.

JASON: Nun, wenig tat ich, daß zu solchem Preise
Ein Anlaß, doch ich dank für all das Gute,
Das ihr mir schenkt und dies in solcher Weise,
Daß Ruhm es euerm Stamm und euerm Blute.

KREON: Ich will eur weitres Schicksal heut besprechen,
Denn Bitternis und Gram paßt nicht zum Helden.

JASON: O ja es ziemt sich mählich aufzubrechen,
Ihr tatet gut, dies unverbrämt zu melden.

KREON: Nicht doch, ich will euch hier im Hause haben
Leblang und wünschen, daß es einst das eure.

JASON: Allein den Abfall läßt man gern dem Raben,
Drum gebt die Weisheit nicht dem Abenteure.
 

 

134
 
KREON: Ein jeder weiß am Hof, daß Kreusas Blicke
An euren Schritten voller Sehnsucht hängen,
Auch euer Aug sagt deutlich zum Geschicke,
Nicht grad Megaira würde euch bedrängen.
Ich bin der Wahl der Tochter sehr gewogen
Und wünsche Glück, wo Eros schießt die Pfeile,
Da frag ich nicht, von wannen sie geflogen,
Und bet, sie flögen unsrer Stadt zum Heile.

JASON: Ich bin im Ehestand seit manchem Jahre,
Und nicht verfügbar euren Heiratsplänen,
Auch lichten sich dem Alternden die Haare,
Verbindet eure Tochter nicht den Tränen.

KREON: Man ist so jung, wie man sich hält im Herzen,
Und nach dem reifen Stocke ziehts die Biene,
Euch macht die Scheidung sicher keine Schmerzen,
Und für den König ist sie bloß Routine.

JASON: Ja Schmerzen nicht, dies wäre glatt gelogen,
Doch Kolcher sehn solch Bündnis etwas fester,
Im Haus gehört euch jeder Säulenbogen,
Doch in den Nischen liegen Wespennester.

KREON: Die Zauberei – sie läßt mich herzlich lachen.
Euch ist das Glück zu groß wohl, es zu fassen?

JASON: Was dachtet, mit Medea ihr zu machen?
Soll ich sie kurzerhand ersäufen lassen?

KREON: Medea wird den Hof hier nicht vermissen,
Er schränkt sie ein, mißgönnt ihr süße Szenen,
 

 

135
 
Zur Wollust breitet sie ihr Seidenkissen
Den Nymphen, nicht Priapen und Silenen.
Man gebe ihr ein Haus und eine Weide
Und Weibervolk mit Flöten und mit Leiern,
Dann tut sie keinem Menschen was zuleide
Und wird bis an ihr Lebensende feiern.

JASON: Was wird in diesem Fall aus meinen Söhnen?

KREON: Die müssen freilich hier am Hofe bleiben,
Das Turnen, Musizieren oder Stöhnen
Würd sie verderben oder ganz verweiben.

JASON: Man kann der Mutter nicht die Kinder rauben!
Bedenkt auch, daß sie milder mit den Jahren
Ward durch die Mutterschaft, ihr könnt mir glauben
Sie trug die Zähne früher voll mit Haaren.

KREON: Die Kinder leben nicht, daß eine Hexe
Sich mählich füge in Kultur und Sitte,
Sie taugen nicht zu milderndem Gewächse,
In ihnen steht ein Recht auf eigne Mitte.
Wenn sie verdirbt der Mutter tolles Treiben,
Ists Pflicht, sie solcher Unbill zu entziehen,
Drum soll Medea wos ihr tunlich bleiben,
Jedoch die Kinder müssen solches fliehen.
Doch frag sie selbst, um Skrupel auszumerzen,
Sie werden sich fürs Königshaus entscheiden,
Vielleicht am Anfang mürrisch und mit Schmerzen,
Doch anderswo heißts manche Jahre leiden.
Ihr solltet überhaupt mal anerkennen,
Die Kindheit ist nur eine Episode,
 

 

136
 
Sie neigt dazu, recht rasch davonzurennen,
Denkt weiter mal, auch wenn es grad nicht Mode.
Die Mutter bringt fürs Leben nur Getändel,
Ob Krieger, Schreiber, Staatsmann oder Dichter,
Die rechte Schule brauchts für alle Händel,
Für keinen taugt das ärmliche Gelichter.

JASON: Ich fürchte, dieses Wahlrecht würde trennen
Die beiden, weil der Jüngere der Wiege
Noch näher. Was ihr sagtet zu erkennen,
Erklomm sein Geist die Sprossen nicht der Stiege.
Wenn aber sich die Brüder so entfernen,
So scheint mir dies Beginn von Neid und Hader,
Höchst ungern greif ich selber nach den Sternen
Und bin dabei der Schutzbefohlnen Schader.

KREON: Genug! Ich will nicht länger disputieren,
Der König hats bedacht und ausgegoren,
Behagts euch, euch zu weigern und zu zieren,
Sei über dies kein weitres Wort verloren.
Ich brauch für meine Tochter keinen Toren,
Der duldet, daß sein Weib sich so benähme,
Ich hab für Kompromisse viele Ohren,
Doch allzuviel des Einwands scheint mir Häme.
Drum denkt in Ruhe, was euch lohn und fromme,
Ihr könnt auch gern im nächsten Schiff euch trollen,
Doch eurer Lippe keine Klage komme,
Der greise König tät euch übelwollen.
Das wäre ein Verrat, und was die Sitte
Bei solchem fordert, ist euch wohl geläufig,
Ich setze meistens mit Bedacht die Schritte,
Doch solche Langmut gibts bei mir nicht häufig.
 

 

137
 
Vierte Szene.
Kreon, Medea.

MEDEA: Ihr ließt mich rufen, was dem Brauch zuwider.
Gewöhnlich spricht der König mit dem Manne.

KREON: Es geht mir nicht um altbekannte Lieder,
Ich rief zu lösen euch vom harten Banne.
Denn seht, die Eh aus einer Jugendsünde,
Wo Mann und Frau einander nicht begehren,
Gilt hier im Land als Parodie der Bünde,
Drum löst sie die Vernunft in allen Ehren.
Euch schenk ich ein Asyl im eignen Hause.
Man ist dabei, dort Möbel reinzuschieben.
Dort richtet über Trubel oder Pause
Ihr ganz allein und nur nach dem Belieben.
Ein Haufe schöner Mädchen ist zugange
Sich dort mit euren Zofen einzurichten,
Euch sei vor diesen Kosten gar nicht bange,
Sie werden einen König nicht vernichten.
Mir liegt sehr viel an euerm Wohlbehagen,
Drum sei der Abschied nicht hinausgeschoben,
Der Kutscher steht bereit mit einem Wagen,
Ihr werdet die Bequemlichkeiten loben.

MEDEA: Ihr seid ein Herr, der gründlich und gediegen
Durchdenkt und plant, was er beschert dem Hofe,
Ich seh nur eine Frag im Raume liegen:
Reis ich mit Kindern oder nur mit Zofe?

KREON: Die Jungen sind im Alter, wos geboten,
Daß Männer die Erziehung führn und leiten,
 

 

138
 
Die Erbsen müssen raus aus ihren Schoten,
Die Jungen brauchen Waffenkunst und Reiten.

MEDEA: Erlaubt noch eine Frage einem Weibe,
Das nicht begreift den Sinn in diesem Spiele:
Wenn ich in einem eignen Hause bleibe,
Was habt mit Jason ihr für weitre Ziele?

KREON: Ich werd mit meiner Tochter ihn vermählen.
Der Held hilft meinem Hof zu neuem Glanze,
In spätrer Zeit soll man von ihm erzählen,
Hier brach manch wackrer Streiter seine Lanze.

MEDEA: Ich beuge mich vor euerm weisen Richten,
Die Dichter werden eure Klugheit preisen,
Mir ist Gewinn, was mancher nennt Verzichten,
Dies möchte euch ein Brautgeschenk beweisen.
Aus Kolchis bracht ich mit die alte Krone,
Sie wurde von den weisen Fraun getragen,
Gebt sie der Tochter, wenn sie eins dem Sohne,
Dann bleibt sie Herrin in den ärgsten Lagen.
(Sie reicht dem König eine goldene Krone.)

KREON: Solch Einsehn lob ich mir, in meinem Reiche
Wärs leichter, wär dies allgemein verbreitet,
Nicht jeder, der an einer Lebensweiche,
Mit solcher Würde und Gefaßtheit schreitet.

MEDEA: Erlaubt, eh sich die Kinder von mir trennen,
Sie letztmals noch zu herzen und zu spüren,
Ihr werdet wohl den Muttersegen kennen,
Er soll sie heiter durch das Leben führen.
 

 

139
 
KREON: Es sei nicht nur gestattet, sondern innig
Erbeten, und ich möchte nochmals danken,
Manch einer hält das Weib für übelsinnig,
Ich seh jedoch viel eher Männer wanken.


Fünfte Szene.
Medea, Aigeus.

AIGEUS: Dies Haus gefällt mir. Durch die weiten Säle
Spaziert man auch bei Regen wie im Garten,
Und daß sich die Prinzessin bald vermähle,
Verkünden Blumen rings und Feststandarten.
Ein Gast ists, den er ausgewählt zum Erben,
Sein Reichtum fragt nach Schätzen nicht und Pfunden,
Der Gastfreundschaften Palme zu erwerben,
Steht ihm den Sinn und sie zu überrunden.

MEDEA: O Herr gebt einer Bettlerin vom Schilde!
Als Königstochter kam ich meine Straße,
Jedoch der Herrscher, dieser gräßlich wilde,
Wirft mich entehrt den Hunden vor zum Fraße.

AIGEUS: Wer ists der arges tut? In diesem Lande
Der König ist gerecht und mild im Wesen,
Drum sagt mir klar, wie kommt das Leid zustande,
Groß Furcht muß ich in euern Augen lesen.

MEDEA: Er täuschte mich zuerst mit gleicher Mode,
Dann nahm er den Ernährer mir, der Schinder,
Nun schickt sein Urteil mich zum Feuertode,
Und seiner Tochter schenkt er meine Kinder.
 

 

140
 
AIGEUS: Dies klingt nach grobem Unrecht. Unbewiesen
Muß bleiben euer Wort, denn wenn es ehrlich,
So sollte ich die Heimkehr rasch beschließen,
Denn unter solchen Launen ists gefährlich.

MEDEA:
Nehmt mich mit euch, beim Throne meiner Väter
Versprech ich es, euch fürstlich zu belohnen,
Von Kolchis trifft der Krieg den Missetäter,
Jedoch bei euch soll nur der Reichtum wohnen.

AIGEUS: Bestechlich bin ich nicht, und die Geschichte
Erscheint mir, wie ichs dreh, nicht recht geheuer,
Mir ähnelt alles einem Wahngesichte –
Warum soll die Geschiedene ins Feuer?

MEDEA: Unfruchtbar ist die Tochter, dies vertuschen
Soll nun der schnöde Raub der Königskinder,
Am Hofe trägt den Trug die Schar der Luschen,
Mein Tod verhindert einen Wahrheitsfinder.

AIGEUS:
Gebt mir ein Zeichen, daß ich wag zu glauben,
Was wider allen Schein in diesem Reiche,
Dann soll euch niemand Leib und Leben rauben,
Weil ich von eurer Seite dann nicht weiche.

MEDEA (entblößt ihre Brüste)
Schaut dieses hier! Soll es im Feuer garen,
Wir haben Zeit nicht für Beweis und Zeugen,
Bin ich als Rauch zum Himmel erst gefahren,
So wird euch eine böse Reue beugen.
 

 

141
 
AIGEUS: Selbst wenn ich letzte Sicherheit gefunden,
Dürft ich dem Gastherrn niemanden entführen,
Erst wenn ihr diesem Landstrich euch entwunden,
Dürft ihr die Hilfe meines Schiffes spüren.
Ich warte nur ein Kleines vor der Küste,
Stürzt ihr euch von den Klippen in das Wasser,
Ich unverzagt ein Seil zu werfen wüßte,
So kämet ihr zu Schiff nur etwas nasser.

MEDEA: So will ich tun, drum seid bereit am Hafen,
Ich eile, in die wilde Flut zu springen,
Vom Fürsten der Athener, diesem braven,
Wird bald der Dichter als dem Retter singen.


Sechste Szene.
Kreon, Jason, Kreusa, Alkinous, Aison, Medea

KREON: Ihr wißt, warum ich euch so spät noch rufe.
Die Kinder aber schickt erst in die Betten!
(Die Kinder gehen vor die Säulen und führen ihr Gefecht aus der ersten Szene geräuschlos mit Kissen fort. Dies bleibt während der ganzen Szene so, erst bei Kreusas Schrei halten sie ein.)
Ein Akt im Staate ist des andern Stufe,
Euch ruf ich im Verbunde auf zum netten.
Der König hat entschieden und gekommen
Seid ihr, das Glück aus seiner Hand zu fassen,
Mögs einer Schar von jungen Prinzen frommen,
Und soll die Liebe nie das Paar verlassen.
Wenn Herzenswunsch und Wohl des Staats beisammen,
Solln schweigen alle kleinlichen Bedenken,
Die Mißgunst und den Neid will ich verdammen,
 

 

142
 
Und Lästermäuler mög der Schinder henken.
Zwar habt ihr selbst euch lange nicht gestanden,
Was euer Herz die Augen ließ verkünden,
Daß es bestimmt, daß sie zusammenfanden,
Wird auch den Quelln erst klar, wenn Flüsse münden.
Drum schämt euch nicht der Wendung und der Eile,
Denn Wahrheit braucht nicht Zeit, sich zu entfalten,
Die Götter wollen den Verbund der Teile,
Da darf die Sitte nichts dagegenhalten.
(Er gibt Jason zwei Ringe.)

JASON: Des Vaters Wunsch bestätigt mir den meinen,
Daß ich wohl glaub, die Götter sind die dritten,
Denn große Freunde lassen sie erscheinen,
Nachdem ich lang Entsagung hab gelitten.
(Sie tauschen die Ringe.)

KREUSA: Ich kann die jähe Wendung fast nicht fassen.
Des Vaters Klugheit paart sich großer Güte,
So wie die beiden Ringe trefflich passen,
Paßt alles, was aus seinem Wunsche blühte.
Doch daß der Held, der überragt mein Hoffen,
Verlangen nach mir trägt so wie kein zweiter,
Macht mir den Himmel aller Götter offen,
Denn nichts um Tod und Leben will ich weiter.

KREON: Es ist der Wille aller Elemente,
Daß Heldenmut sich Königsglanz vereine,
Berühre sich das allzulang Getrennte.–
Nun Jason – küß die Braut, die nun die deine!
(Sie küssen sich lange. Medea geht wie ein Gespenst mit einem Krug durch die Szene und dann zu ihren Kindern.)
 

 

143
 
JASON: Wo weilte ich? Wie konnte ich je leben
Und das entbehren, was die Milch dem Kinde,
Durchs ganze Land will Kreusa ich dich heben,
Den Namen rufend weit in alle Winde.

KREUSA: Ich schlief, so ist mir, ehe mein Erwecker
Mir gab das Leben, das mich nun durchflutet,
Er wohnt in mir, ist meiner Glieder Strecker
Und das Geheimnis, das im Herzen blutet.

KREON: Eh ihr euch ganz dem köstlichen Gefühle
Anheimgebt, habt noch einer Ehrung Augen,
Nach meinem Tod erreicht ihr selbst die Stühle,
Die diesem Land zu seiner Wohlfahrt taugen.
Dies zu bezeugen werd mit meinem Segen,
Der Frau des Helden Schmuck mit einer Krone,
Ich will sie auf das Haupt der Mutter legen,
Die mir verhilft zu einem Enkelsohne.
Sie ist sehr alt und zierte immer Frauen,
Die Fruchtbarkeit von Hera selbst erbaten,
Ich will sie auf dem Mädchenhaupte schauen,
Denn Helden zieren ja die großen Taten.

JASON: Habt ihr die Krone selber nie getragen?
Es ziemte, daß Getragnes trüg die Schöne.

KREON: Man soll die Stufen nicht zu springen wagen,
Darum mich selbst zuerst das Kleinod kröne.
(Er nimmt die Krone und setzt sie sich aufs Haupt. Ein Feuerblitz, und der König verbrennt. Kreusa stößt einen schrecklichen Schrei aus und fällt in Ohnmacht. Jason hebt die Gefallene wortlos auf und trägt sie davon.)
 

 

144
 
Siebente Szene.
Alkinous, Aison, Medea, Gora.

ALKINOUS:
Was schreit da so? Wie furchtbar ist die Klage!

AISON: Ein Vogel? Oder Geister im Kamine?

MEDEA: Dies war das Zeichen! Fortzuschreiten wage,
Und unerschrocken deinem Sterne diene!
(zu den Kindern):
Was schreckt euch auf? Die Mutter bringt zu trinken.
Das wird euch wohltun und den Alp vertreiben.
Bald seht ihr Traumgold überm Bette blinken.
Zagt nicht, euch an dem süßen Saft zu weiden!

GORA (tritt auf und weist mit einem mächtigen Schwert auf den Krug):
Zurück Medea! Bis zu dieser Stelle
Bin ich gefolgt im Hoffen und im Wehe,
Auf diesen Sims das Giftgebräu hier stelle,
Sonst spalt ich dich vom Scheitel bis zur Zehe.

MEDEA:
Wie dir beliebt! Es ist kein Gift im Topfe,
Nur etwas Balsam für die wunden Seelen.
Solch ein Verdacht entspringt nicht klarem Kopfe!
Als würde eine Mutter jemals fehlen!
Nun meine Täubchen, es gibt nichts zu schlürfen,
Es wird verboten uns bei Todesstrafe,
Doch etwas schmusen werden wir wohl dürfen,
Bis alles Leid zerrinnen kann im Schlafe.
 

 

145
 
(Sie umarmt die Kinder von hinten, und beschwört das Publikum):
Seht sie euch an, die Aug- und Windelnässer,
Sie soll kein Mann zu Kriegsmaschinen machen,
Nicht eine Frau bedroh ihr scharfes Messer,
Nicht solln sie Feuer in der Stadt entfachen!
Sie gehn zu meinen Göttinnen als Freie,
Die Sklaverei erspare ich mit Bluten,
Eh sie erfahrn von dem Palast der Haie,
Laß ich den Krug des Wassermannes fluten.
(Sie erwürgt Alkinous mit einer Seidenschlinge.)

AISON: O Mutter, ist der Bruder schon am Schlafen?

GORA: Verruchte, deine Zeit ist abgelaufen!
(Sie stößt an den Giftkrug, schlittert in der Pfütze, und das Schwert saust über die ganze Bühne. Sie eilt ihm nach.)

MEDEA: O ja, er ist im wonniglichen Hafen,
Drum sollst du gleich in seine Arme laufen!
(Sie erwürgt Aison auf die gleiche Weise, lehnt sich zurück und sagt sehr fest):
So endet meine wiederholte Schwäche,
Die Wonnen der Gewöhnlichkeit zu suchen,
Und wenn verrinnen diese Wüstenbäche,
Bleibt keiner wach, dem Mutterschoß zu fluchen.

GORA: Ich habe dein Verbrechen nicht verhindert,
Doch meiner Rache sollst du nicht entrinnen,
Vergeblichkeit des Eisens Wut nicht mindert,
Denn Kerberos soll deine Künste minnen.
(Sie erschlägt Medea, die sich nicht wehrt.)
 

 

146
 
Dies also blieb von unserm Mädchengute,
Der König tot und ebenso die Kinder,
Die, der ich treu, verröchelt mir im Blute,
Doch wiewohl tot, beherrscht sie mich nicht minder.
Die Tötung seiner Kinder zu vermeiden,
Vermag der Mann, der schlägt die Frau in Ketten,
Die Drohung nur, sie müsse selber scheiden,
Kann solchen Plan nicht hemmen und nicht retten.
Vielleicht nahm ich mit meinem Schwert ihr Mühe
Mit eigner Kraft den Atem auszuhauchen,
Und wenn ich Blut auf ihre Kinder sprühe,
So bin ich wohl zum letzten Mal zu brauchen.
Ich frag mich, gab es je in diesem Stücke
Die Möglichkeit zu anderm Schluß zu führen,
Ich glaubte nicht, daß mir die Kunststück glücke,
Vermocht ich auch, die Mischung umzurühren.
Der erste Mord war aller andern Rufer,
Und Einhalt schafft kein Tag bei solchem Töten,
Ich kam sehr jung zum Turm am Meeresufer,
Nun soll mein Blut die harten Klippen röten.
(Sie geht langsam von Medea zu dem toten Kreon, schließlich zurück und nimmt sich das Leben.)
 

 

147
 


DRITTER AUFZUG
Im Thronsaal des Aietes. Allgemeiner Verfall und Tristesse.

Erste Szene.
Aietes, Qulha.

AIETES: Was gibt es in den östlichen Provinzen?
Die Ernte war in diesem Jahr doch besser?

QULHA: Die Üppigkeit gibts nur bei Rohr und Binsen,
Verhandelt wurden Äxte schon und Messer.

AIETES: So gibt es das Geringste nicht zu holen?
Wie soll ich die Gesandten so empfangen?

QULHA: Wir haben überall zerrißne Sohlen,
Und dürre Leiber, die von Gram verhangen.

AIETES: Wer kann Tribut aus solcher Armut heischen,
Wo sein Besitz sich jeden Tag vermindert?
Wer übersehen, daß rings die Krähen kreischen,
Und der Tribut sich selber noch verhindert?

QULHA: Sie werden nach den Jungen, Starken schauen
Und sie verkaufen auf die reichen Inseln,
Den übrigen bleibt nur das nackte Grauen,
Und niemand hört ihr Fluchen und ihr Winseln.

AIETES: Ob einzeln Sklaven oder nur im ganzen,
Ein Unterschied ists kaum, bei Licht besehen,
 

 

148
 
Wie der Erobrer läßt die Geißeln tanzen,
Ist mir ein Flötenspiel beim Untergehen.

QULHA: Wär Zeit vorhanden, um sich zu erholen,
Wär der Tribut auf Dauer zu verkraften,
Seht, ein Kamel trägt leichter als ein Fohlen,
Drum wärs ein Glück, wenn wir den Aufschub schafften.

AIETES: Ein Alter Mann wird nie ein junger Springer,
Darum ists Täuschung, daß uns Zeit erlöse,
Man laß von solchem Handel Sinn und Finger,
Denn aufgeschobne Schuld ist doppelt böse.

QULHA: Man könnte sehr den Ackerbau verbessern
Mit neuem Werkzeug und mit Anreizpreisen,
Wir hatten niemals Zeit, um zu bewässern
Die Täler, die dann Fruchtbarkeit beweisen.
Auch gibts im Volk noch Schätze, die verborgen,
Solang sie nicht Bereicherung verheißen,
Nimmt man der Wirtschaft die Enteignungssorgen,
Gelingt es ihr, das Ruder rumzureißen.

AIETES: Wir sollen, um Tyrannen zu entgehen,
Uns eigne züchten und sie fett ernähren,
Dies macht, daß wir in goldne Zeiten gehen,
Daß die Tribute nur noch Mücken wären.
Mir sträubt sich alles bei dem tollen Plane,
Wer Gold vergräbt, statt unsre Not zu lindern,
Dem zu vertraun, gleicht mir dem schlimmsten Wahne,
Blutsaugerpack geselle sich den Schindern.

QULHA: Ihr überseht das Wuchern mit dem Pfunde,
 

 

149
 
Im Westen bringt es Wohlstand auch Geringen,
Wir lebten lange wie verlauste Hunde,
Doch sollte die Kopie auch uns gelingen.

AIETES: Gesetzt, ich ließ euch mit der Sitte brechen,
Doch niemand leiht euch auf die Wohlstandsmären,
Die Skythen nehmen nichts als bare Zechen,
Und welcher Gott soll euch Kredit gewähren?

QULHA: Ein großes Opfer ists, doch zu bedenken,
Auch ihr habt noch verborgnes Gold im Hause,
Eh es geraubt, ists besser zu verschenken,
Es reicht gewiß für ein Jahrsiebent Pause.
Ich denke hier an eurer Väter Krone,
Die an Gewicht und Reinheit ohnegleichen,
Ihr gebt sie ohnehin ja keinem Sohne,
Für unsere Rettung soll das Gold wohl reichen.
Bedenkt, daß neben unserm Zins in Barren
Ein Zeichen wärs, Reserven zu beflügeln,
Man wird sie sogar aus dem Ausland karren,
Und baun und schaffen hier auf allen Hügeln.

AIETES: Es ist mir leicht, die Krone zu entbehren,
Ich schuf ihr keinen Ruhm in meinen Jahren,
Doch will ich euch die wahre Güte lehren,
Sie ist dem Stamm von Göttern hergefahren.
Das Königsblut erschiene als Marotte
Käms nicht von Göttern, die es uns vertrauten,
Drum wär es größte Lästerung dem Gotte,
Vergäß ich ihn bei euern Schlangenlauten.
Eh ich zerschmelz das Königsgold zu Barren,
Werf ichs ins Meer, daß es sich innigst läuter,
 

 

150
 
Euch ist die Würde Eigenschaft des Narren,
Doch der geschlagnen Kuh versiegt das Euter.
Ich dank euch diese Lösung der Konflikte,
Ich werd sofort zum Klippenstrande eilen,
Daß meine Würde ich zum Himmel schickte,
Will ich jetzt keinen Augenblick verweilen.
(Ab.)

QULHA: Geprüft wird dieses karge Land am Meere,
Jetzt hat der König den Verstand verloren,
Es bräuchte Erze, Schmiedeglut und Heere,
Doch dies ist unverständlich einem Toren.
Er traut viel eher magisch-dunklem Krempel
Wie jenem Fell, das lange hing im Baume,
Verliert die Zeit im Singsang und im Tempel,
Statt aufzuwachen aus dem Dichtertraume.
Allein die Wirtschaft kann Probleme lösen,
Und keins, das sie, befreit, nicht heiter löste,
Wenn Mann und Frau in diesem Lande dösen,
Ist doch am Kopf die Schläfrigkeit die größte. (Ab.)


Zweite Szene.
Aietes, Araxe.

AIETES: Ich habs getan und habe mich ergeben
Nicht den Tyrannen, die am Blut sich weiden,
Ich opferte die Krone für das Leben,
Die Götter mögen wägen und entscheiden.

AREXE: O Herr, es war kein Wächter an der Pforte,
So trat ich ein als wärs die Bauernstube,
 

 

151
 
Verdrieß ich euch mit unverstelltem Worte,
So sagt es mir mit schonungslosem Schube.

AIETES: Ich hab die meisten Sitten aufgegeben,
Nicht nur um mir die Dienerschaft zu sparen,
Ich will mich nicht dem Volke überheben,
Denn seine Nöte auch die meinen waren.

AREXE: Von Not hab ich zu klagen manche Stunde,
Doch will ich gleich zum bittern Kern mich wagen,
Man sagt, die Skythen suchen jetzt gesunde
Und junge, sie als Beute fortzutragen.
Ich bitt euch, meinem Sohne zu ersparen
Die Sklaverei, zu der er nicht geboren,
Allein die Schur bei seinen vollen Haaren,
Bräch mir das Herz und machte mich verloren.

AIETES: Was soll ich tun, ihm Freiheit zu bescheren,
Ihr habt wohl auch gehört, daß leer die Truhe,
Ich halte eure Sorg in allen Ehren,
Doch seh ich nichts, das ich dagegen tue.

AREXE: Laßt ihn das Glück an fernen Ufern rufen,
Er ist wohl stark und weiß sich zu behaupten,
Es führen doch hinab die Lebensstufen,
Die uns bereitstehn im so lang Geglaubten.

AIETES: Wohin? Das ist doch immer nur der Westen.
Die Griecheninseln mit den stolzen Schiffen,
Dort lacht statt Freiheit, nur ein Trog von Resten
Für uns, hat ihn nicht sonstwer schon ergriffen.
Die Sklaverei ist hart und manchmal leichter,
 

 

152
 
Doch Freiheit ohne Gold ist die der Ratte,
Die Götter lachen solcher Träume Beichter,
Nur Torenhunger sucht den Weg ins Satte.

AREXE: Vielleicht ists töricht, aber abzuwarten
Scheint ärger als der Pfeilschuß hoch ins Blaue,
Verwüstet und verkommen liegt mein Garten,
Weshalb ich nun auf euer Mitleid baue.

AIETES: Wenn ichs erlaubte, wie will er bewegen
Sich übers Meer, hat Flügel er wie Greife?
Lang her ists, daß die Flotte hier gelegen,
Drum seh ich nicht den Weg, daß er entschweife.

AREXE: Es liegen Schiffe ohne Zahl am Hafen,
Ein Dutzend sah ich, doch das sind nicht alle,
Vor Jahr und Tag wir einst die Griechen trafen,
Ich hoff, sie führn den Sohn aus dieser Falle.

AIETES: Was Griechenschiffe? O die Götter säumen
Nicht lang, wenn sie erscheinen um zu schenken.
Ich sah die Wogen sich dem Opfer bäumen,
An Angriff oder Flucht ist nicht zu denken.
Seid ihr denn sicher, daß es Griechenschiffe?
Vielleicht sinds Lichte aus dem hohen Norden,
Auf daß der Retter meinen Stab ergriffe,
Zu enden das Verzagen und das Morden.

AREXE: Was hofft ihr die Veränderung von Griechen?
Sie werden abdrehn, gibt es nichts zu kaufen,
Die Flucht ist einzig Mittel, nicht zu siechen,
Denn diese Küste ist ein Abfallhaufen.
 

 

153
 
AIETES: Sprecht nicht so bös von euerm Vaterlande,
Ich hoffe nichts von Griechen, doch von Göttern,
Das Opfer schafft allein die Segensbande,
Und nie ein Heil kam her von bösen Spöttern.
Geht heim, ich werd euch königlich bescheiden,
Denn dieser Tag ist groß in meinem Leben,
Wer sich bezwang, den Götterspruch zu leiden,
Weiß Beßres als Erbetenes zu geben.

AREXE: Ich weiß nicht, was ihr meint mit diesem Rate,
Doch seh ich wohl, daß ihr nicht umzustimmen,
So sei es, daß ich durch Moraste wate,
Und schweigend harr des Schattens und des Schlimmen.
(Ab.)


Dritte Szene.
Aietes, Jason, Kreusa, Helden.

JASON (mit den Vlies an der Lanze):
Ich Jason grüß im Zeichen aller Horen
Das Kolcherland, das ich erneut gefunden,
Ich habe aller Tücke abgeschworen
Und bring das Vlies, mit dem ich einst verschwunden.
Zwar kann ich euch die Tochter nicht mehr bringen,
Sie richtete sich selbst in ihrem Rasen,
Doch soll das Vlies im Areshaine singen
Von fetten Herden, die am Hange grasen.

AIETES: Ich weiß, die Götter haben euch gesendet,
Ich glaub, so war es auch beim letzten Male,
Hat einst ein großer Reichtum mich geblendet,
 

 

154
 
So steh ich heut mit einer Bettlerschale.
Nicht was ihr bringt, hab ich begehrt zu haben,
Doch wenns den Göttern so gefiel, so wehre
Das Vlies uns wider Habichte und Raben
Und gebe unsrer Erde wieder Ehre.

JASON: Ich hörte von der Räuberei der Skythen
Und der Versklavung unter ihrem Siege,
Erlaubt den Helden, die sich mit mir mühten,
Daß dieser böse Fluch von dannen fliege.

AIETES: Erlaubnis gibt mir fast zu große Ehre,
Ich flehe, wie die Furche schweigend jammert,
Ein Heros dieses Plagepack verheere,
Das Hälse schnürt und unsre Herzen klammert.

JASON: Dies wird geschehn, eh sie sich recht besinnen,
Doch jetzt freut euch an euerm Eigentume,
Ein beßrer Tag soll euerm Thron beginnen,
Daß man noch lang erzählt von euerm Ruhme.

AIETES: Es leuchtet, wo die Ampeln sind verglommen,
Es wärmt im Herzen, wo die Asche fahlte,
Und spricht: Wie sollte ich nicht wiederkommen,
Das wider alle Zweifel in euch strahlte?
Doch sagt, wie ist Medea es ergangen
Im fremden Land, wo sie nicht hingehörte,
War die Erkenntnis, daß Sirenen sangen
Die Sehnsucht, was am Ende sie zerstörte?

JASON: Ich hatte sie gefreit, weil abgesprochen
War dies beim Plan des Vliesraubs, der gelungen,
 

 

155
 
Ich ließ sie ohne Arg ihr Süppchen kochen,
Denn große Freude machten mir zwei Jungen.
Doch als ich sah, daß ihr der Mord Methode,
Und sich die Leichen häuften auf der Straße,
Flucht ich der Argo und der Episode,
Die mich besudelte im höchsten Maße.
Gleichwohl sah ich kein Mittel mich zu lösen
Von diesem Schatten, drunter Schädel klirrten,
Und meinte, so verbunden mit dem Bösen
Müßt sich mein Geist am Ende ganz verwirren.
Doch gab zuletzt der König der Korinther
Befehl, das Herz den Göttern nicht zu schließen,
Und eh ich mich versah, kam ich dahinter,
Daß sie mich erstmals wirklich lieben ließen.
Ein Mädchen, das die Zartheit eint dem Mute
Wohl jeder Blüte, jedem Falterflügel,
Und dabei voller Leidenschaft im Blute,
Zog einem, der im Wahne ging, die Zügel.
Sie machte mir das unaussprechlich Schwere
So leicht, das ichs vernahm in einer Flöte,
Und ich begriff, kein Gut verschafft uns Ehre,
Daß man darum den eignen Bruder töte.
Ich war ein Narr, der eitle Dinge glaubte,
Und andre machte närrisch und zu Toren,
Es war ein Spiel, das euch den Segen raubte,
Das schlimmer noch gewonnen als verloren.
Doch erst die Liebe konnt mir dies verraten,
Die uns als Nutz und Absicht ist vorhanden,
Doch eh sie ihre Reife fand in Taten,
Ging ihres Vaters großer Hof zuschanden.
Medea, die zwar andern Lüsten frönte,
Und an der Eh fand lang schon kein Gefallen,
 

 

156
 
Die Unschuld als gemeines Laster pönte,
Und ihre Lösung hieß: sie müsse fallen.
Sie traf den Vater zwar im Mißgeschicke,
Doch meinte sie, das Beil zerhieb die Liebe,
So ging sie dran, daß sie die Blüten knicke,
Daß nichts mehr von der Gattenliebe bliebe.
Als ausgelöscht der Stamm vom Kolcherblute,
Ward mir zum Fluch des Vlieses Segensquelle,
Und die Erkenntnis gipfelte im Mute,
Daß wiederkehr des Vaterlandes Helle.


Vierte Szene.
Die vorigen, Olbio.

OLBIO (fasziniert vom Leuchten des Vlieses):
Gewänder, farbig, Waffen, Hörner, Pelze,
Dies Schauspiel hier straft die Gerüchte Lügen,
Daß allzu hart sich die Tributschaft wälze
Aufs Land, das zaudert, friedlich sich zu fügen.

AIETES:
Ganz recht erkannt, wir stehen nicht verschüchtert
Im Eckchen und erwarten Zorn und Gnade,
Fahrt heim, mein Herr, und sagt, daß ihr ernüchtert
Von Furcht und nicht von einem warmen Bade.

OLBIO:
Was soll das? Wollt ihr Plünderei und Schrecken?
Wagt ihrs, den Zorn der Reiterei zu kitzeln?
Ein toller Hund wird das Verhängnis wecken,
Drum unterlaßts um ernstes Ding zu witzeln.
 

 

157
 
AIETES:
Wir witzeln nicht, wir sind zum Streit entschlossen.
Ein toter Hund wär noch zu zuviel der Gabe,
Sorg, daß die Tür sei hinter euch geschlossen,
Sonst seid ihr vor dem nächsten Wort im Grabe.

OLBIO: Ich faß es nicht, es redet ein Verrückter.
Zwar Qulha meinte, daß es knarr im Haupte.

JASON: Aufs Knie, du Hund! und büße in gebückter
Zerknirschung, was die Zunge sich erlaubte.
Du magst in eurern Zelten jeden Reiter
Idioten nennen, vor dem König schweige,
Fährst du ein Stückchen auf dem Wege weiter,
Verpaßt du deines Lebensabends Neige.

OLBIO: Schon gut, ich krieche, und ich hab verstanden
Und werd es meinem Herren illustrieren,
Nicht mehr allein nah ich mich diesen Landen,
Und Worte werd ich auch nicht mehr verlieren.
(Ab.)

JASON: Was männlich ist zu sagen, wird beraten
Nicht vorher, denn es spricht sich ohne Tadel,
Doch eh die Worte hehrer als die Taten,
Uns nun ein ungebremster Aufbruch adel.
Wir reiten fort, die Räuberscharn zu schlagen
Noch eh sie eure Grenze überschreiten,
Ich denke, dann wirds kaum ein zweiter wagen,
Dem König irgend Unbill zu bereiten.
Doch eh wir fahrn, bitt ich den Herrn des Landes,
Er möge meinem Weib Gesellschaft leisten,
 

 

158
 
Es übertrifft die Holdheit des Gewandes
Die Stimme, sie entzückte mich am meisten.
Ich denk, sie wird dem König manches raten,
Was Frauenherzen fühlen und erkennen,
Wo Männer sich nur auf die Füße traten,
Weiß sie den Weg und seinen Stern zu nennen.
(Alle außer Kreusa und Aietes ab.)


Fünfte Szene.
Aietes, Kreusa.

AIETES (beim Betrachten des Vlieses):
Nun leuchtets nicht mehr auf die frohen Recken,
Der Thronsaal ist voll Staub und Spinngewebe,
Rings bräunlich wirds, so merke ich mit Schrecken,
Und allzuoft bemerk ich, daß ich klebe.

KREUSA: Die Flucht der Diener wäre zu verschmerzen,
Stünd eine Frau besorgt in diesem Hause,
Erzählt mir doch, wie gings mit euerm Herzen,
Bevor der Glanz geriet in eine Pause.

AIETES: Die erste Frau, ich kann sie kaum beschreiben,
Sie kam mir wie der Thron wie zugeflogen,
Es schickte sich dem Prinz, sich zu beweiben,
Die Tradition hab ich nicht krummgebogen.
Sie starb, als sie gebar, des Reiches Trauer
War festlich, wie man tut in solchem Falle,
Dann sprach man mir, es schicke sich der Dauer,
Daß sich der Herrscher wiederum bestalle.
Auch war ein Erbe nicht geborn dem Throne,
 

 

159
 
Ich suchte diesmal lang nach einem Weibe,
Dann fand ich sie, ich meinte, daß es lohne
Daß sie mir leblang an der Seite bleibe.
Ein Junge kam, sehr zart und viel zu pflegen,
Die Mutter stritt um ihn mit seiner Schwester,
Ein Unheil hat bald in der Luft gelegen,
Und ein Gespinst zog seine Stricke fester.
Dann kam der Tag, sie waren ausgegangen
Zu zweit ans Meer und kamen nicht zum Mahle.
Am Abend war der Himmel schwarz verhangen,
Ein Sturm kam auf, der Blitz durchzuckt das Fahle.
Die Männer suchten überall mit Hunden,
Sie fanden dann Medea auf den Klippen,
Sie lag dort nackt und blutete aus Wunden,
Und angebrochen waren ihre Rippen.
Sie stammelte von Hexen und Dämonen,
Kein Wort zum Hergang war herauszukriegen,
Sie meinte auf dem Wolkenturm zu wohnen,
Und phantasierte tags und nachts vom Fliegen.
Absyrtus Mutter ward nie aufgefunden,
Tot nicht noch lebend, gab es keine Winke,
Drum fühl ich von der Eh mich nicht entbunden,
Dies bleibt bis ich den Trank Vergessens trinke.
Man munkelte schon damals Schurkereien,
Magie und Mord in finstern Ritualen,
Ich wollt mein Ohr nicht den Gerüchten leihen,
Doch die Geschmähte sparte nicht mit Qualen.
Sie stelle sich, als sei das Leid der Frauen
Die Schuld des Vaters, seiner Herzenshärte,
Sie zeigte ihr geschwundenes Vertrauen
Und jedem Lebensplane sie sich sperrte.
Als dann das Vlies ein Dämon riet zu schützen,
 

 

160
 
Bot ich ihr einen Turm für ihre Hilfe,
Es zeigte sich, daß Drachen keine Stützen,
Und sichrer lebt ein Entenpaar im Schilfe.
Drum soll das Vlies im Thronsaal uns erfreuen,
Und wirds von einem Frevler fortgetragen,
So wird es dieser Narr gewiß bereuen,
Weil sich im Traume uns die Götter sagen.

KREUSA: Den Prüfungen in euerm harten Leben,
Entspricht ein großes Heil in diesem Widder,
Doch kein Geschenk kann den Beschenkten heben,
Der nicht gebangt und nicht gelitten bitter.

AIETES: Daß Jason mir das Vlies hat heimgefahren,
Verdank ich wohl dem Vogelsang der Schönen?
Obwohl mein Ohr getrübt in Sturm und Jahren,
Hört es euch lieblich und verständig tönen.

KREUSA: Mein Vater lehrte mich die Kunst der Leier,
Und auch die Kunst, Gedanken leicht zu schichten,
Drum täuscht man mich nicht leicht mit einem Schleier,
Und läßt den Streit von meinem Wägen schlichten.

AIETES: Eur Vater war ein kluger Mann, sein Erbe
Beweist es, und er lebt in eurer Stimme,
Ich hinterlaß, wenn ich sehr bald schon sterbe,
Nur Kinder, die verröchelt sind im Grimme.

KREUSA: Des Vaters Güte ließ mich an euch denken,
Uns diese Fahrt ins Sagenhafte wagen,
Was noch verblieben, wollte ich euch schenken,
Denn in der Nacht vernahm ich eure Klagen.
 

 

161
 
Mein Vater starb, als er das Glück mir baute,
Er war als Fürst gerecht und unermüdlich,
Mir wars, als ob er euer Unglück schaute,
Mich heiß: Bezwing es hohen Muts und gütlich.

AIETES: Wenn Jason ich mit klarem Sinn verstanden,
So galt Medeas Anschlag euerm Haupte –
Wie kam das Ziel ihr solcherart abhanden,
Daß sie im Vater seine Tochter glaubte?

KREUSA: Sie brachte eine Krone, welche Feuer
Entfacht, wenn man sie auf den Träger bettet,
Sie sprach dem Vater, dieses Stück sei teuer
Und hätte gar schon manch Geschlecht gerettet.
Mir zur Verlobung solle er sie schenken,
Dies gäbe Fruchtbarkeit dem Ehebunde,
Sie dachte mich in dieser Weis zu henken,
Doch richtete den Vater sie zugrunde.
Dies kam, weil Jason meinte, eine Krone,
Zum Segen sei vom Vater erst getragen,
Daß in dem Gold Vernichtungsabsicht wohne,
Ward nie gehört in allen Menschentagen.
Als nun der Vater jammervoll verbrannte,
Ich schrie und fiel im Schocke auf die Dielen,
Die Mörderin, die lauschend mich erkannte,
Pries ihr Geschoß und das genaue Zielen.

AIETES: Eur Vaters Tod schmerzt mich in einer Weise,
Die nie ich kannt, wo mir doch viel geschehen,
Fast neide ich der Mörderin die Reise
Ins Land, wo solch ein großer Mann zu sehen.
Aus Fernen kommen meist nur dort Verbannte,
 

 

162
 
Glücksritter oder Gaukler und Verschwender,
Drum bleibt die Ferne uns das Unbekannte,
Denn nur der Schmutz besudelt Meeresränder.
Doch weiß Vernunft, daß überall die Winde,
Und überall die Fahnen darin flattern,
Drum blüht das Edle jeglichem Gesinde,
Und in den Sprachen nicht nur Enten schnattern.

KREUSA: Er gleicht in vielem eurem müden Auge,
Das, denk an Olbio, heftig weiß zu blitzen,
Nicht nur die Stirn, daß er zum König tauge,
Seh gleich ich unter euern Locken sitzen.
Ihr seid wie er vom Glauben tief durchdrungen,
Daß Götterdemut paar sich dem Verstande,
Drum atmen Volkes Not und Heil die Lungen,
Und keine Flause trennt euch von dem Lande.
Das echte Glück ist nicht ein eitles Haschen,
Es ist verwurzelt und es strebt zu tragen,
Es lechzt nach Geist und nicht nach vollen Taschen,
Und unbeschwert weiß Großes es zu wagen.
Gut, das uns träg macht, furchtsam und verschlossen,
Ist keins für einen Geist, der sich zu heben,
Abtut, was katert, wenn es rasch genossen,
Und tötet, wenns das Innerste im Leben.

AIETES: Nach eurer Hymne auf mein armes Tasten
Wag ich mir, einen Antrag euch zu machen,
Ihr sollt, ihn zu bedenken, euch nicht hasten
Und auch den alten Narren nicht verlachen.
Ich sagt, daß euern Vater gern ersetzte
Mein Büßen für mißratner Tochter Wagen,
Drum wär vorm Tod die Bitte mir die letzte,
 

 

163
 
Euch Glorie meines Hauses anzutragen.
Ich würde euch sehr gerne adoptieren,
Ich wüßt dem Erbe keine treuern Hände,
Es würde mir den Herbst des Lebens zieren,
Wenn so das Land zu einer Mutter fände.

KREUSA: Ein großes Wort, und alles wär gelogen,
Würd ich an dem Gesagten etwas rütteln,
Es schiene mir als Schmeichelei gesogen,
Würd schreckhaft ich mit meinem Kopfe schütteln.
Ich dank euch, daß ihr so mein Leben ründet,
Und Vater sein wollt der, die kam von ferne,
Die Götter wußten wie mein Suchen mündet,
Doch allzuhell sind unserm Blick die Sterne.
(Sie fällt dem König um den Hals.)


Sechste Szene.
Die Helden zurück, draußen hört man Volk.

VOLK: Dem Jason, der die Skythen uns vertrieben,
Uns löste von Tributen und Tyrannen,
Er zeigte uns, wie uns die Götter lieben
Und ziehe deshalb niemals mehr von dannen.
Wir brauchen einen Herrn, der uns die Weide
Vor Wölfen schützt, den Acker uns vorm Hagel,
Der findt das Öhr der Nadel mit der Seide,
Und mit dem Hammer auch den krummen Nagel.
Wir wollen fechten, pflügen und vermehren
Nichts ohne einen König, der die Krone
Von Göttern, die ihn allseits sichtbar ehren
Und dafür einstehn, daß die Mühe lohne.
 

 

164
 
Drum laßt uns rufen bis zur Himmelspforte:
Wir wollen Jason, der den Feind geschlagen,
Er führe uns und sei an jedem Orte,
Darüber fährt der helle Sonnenwagen.

JASON: Ihr hört das Volk erleichtert und zufrieden,
Zum Sieg war kaum zu fechten und zu ringen,
Die fremden Herren baten schon um Frieden,
Als wir gewappnet auf die Felder gingen.
Drum grämts uns fast, daß wir als Arbeitslose
Die Furcht die Skythen durften gar nicht lehren,
Den allerschönsten Duft verströmt die Rose
Erst, wenn wer wagt, sie räubrisch zu begehren.

AIETES: Ich hatte niemals Zweifel am Gelingen
Des Zuges, der die ärgste Not uns bannte,
Wenn Götter uns den großen Feldherrn dingen,
Erscheint zumeist der ringsum anerkannte.
Drum soll des Volkes Stimme offenbaren
Die Götter, daß in Samt uns Seide gehe
Der Retter, der geführt die Streiterscharen,
Daß er als König vor dem Volke stehe.

JASON (nach einer Pause):
Ich schätze eure Weisheit sehr und Güte,
Doch muß ich sie als Leichtsinn hier verdammen,
Das Königtum erkrankte und verblühte,
Drum sollns das Vlies und dieser Sieg beflammen.
Dem Dank nicht ziemts, erscheint er als Verschwender,
Dem König nicht, daß ihn die Freiheit locke,
Mit eigenem da geize nicht der Spender,
Doch mit der Rebe rühre nicht am Stocke.
 

 

165
 
Die Krone ist viel älter als der Träger,
Und ob er würdig, kümmert nicht im Kerne,
Drum halte ein der Wager wie der Wäger,
Denn unser Wille schickt sich nicht dem Sterne.
Dies allgemeine ganz beiseit gelassen,
Wärs närrisch, sich am Volke zu berauschen,
Schon morgen wird, was heute paßt, nicht passen,
Weil die Gemüter ihre Meinung tauschen.
Wer sich vom Volk erheben läßt und krönen,
Gesteht ihm zu, ihn wieder zu vernichten,
Die Herrschaft sei allein den Göttersöhnen,
Und nicht ein Preis für wohlerfüllte Pflichten.

KREUSA: Mein Herz, ich bin so stolz in dieser Stunde,
Du zeigst, daß unbestechlich bleibt der Edle,
Dumm ist die Kurzsicht, und sie macht dem Hunde,
Daß schließlich mit dem Leib das Schwänzchen wedle.
Der Große fordert nichts und will nur schenken,
Ihn grämt allein, wenn Hände sich versteifen,
Der Lobsang läßt ihn seine Blicke senken,
Und Lust zu Höherm in der Seele reifen.

JASON: Dir zu gefallen, ist von jedem Preise
Der höchste, und mir ward mit deiner Treue
Ein Gut, um das ich alles von mir weise,
Und täglich mich in deinem Sinn erneue.
Erst deine Liebe ließ mich menschlich werden,
Ob groß, das mag die Nachwelt einst entscheiden,
Doch größres gibts gewißlich nicht auf Erden
Als Liebe, die uns Wonne wird zu leiden.
 

 

166
 
Siebente Szene.
Arexe tritt auf.

AREXE:
Ich bin schon wieder hier, kaum daß beschieden
Ich ward mit einem Spruch der unverständlich,
Ich leugne nicht, ich war recht unzufrieden,
Und meinte, diese Abfuhr wäre schändlich.
Doch hört, mein Sohn ist Fischer und gefahren
Ist er zu holen seine großen Netze,
Nicht viele Fische in den Maschen waren
Und drüberhin erfleht man keine Schätze.
So war er höchst erstaunt, als in den Stricken
Was leuchtete, so hell und so metallen,
Und als er näher trat mit seinen Blicken
Ist ihm das Kinn dabei fast abgefallen.
Wer spülte dies dem Meere in die Arme?
Wer mischte es dem Netze meinem Sohne?
Es ist, daß sich der Himmel mein erbarme,
Aus purem Golde eine Königskrone.
(Sie zeigt die Krone.)

AIETES: Ich opferte den Göttern die Symbole
Der Herrschaft, als gekrümmt ich im Tribute,
Mir schien die eigne Würde eine hohle,
Die Götter sollten zeigen wo das Gute.
Nun aber haben sie für gut befunden,
Nicht nur die Feinde aus dem Land zu jagen,
Sie schicken sich, dem eben noch so Wunden
Erneut die Väterbürde anzutragen.
Doch soll die Krone, die ich neu erhalte,
Nicht wieder in die sonnenfreie Truhe,
 

 

167
 
Daß mir das Blut im Herzen nicht erkalte,
Ich ihr zu dienen mein Gelübde tue.
Dem Ritual, das einmal bös mißlungen,
Da eine Hexe hauchte in die Zacken,
Sei eine zweite Runde ausbedungen,
Da kein Gelichter sitzt mir mehr im Nacken.
Ich werd mich mit der Krone selber krönen
Und dann die Tochter ebenso im Saale,
Dann mögen einem Geist Posaunen tönen,
Dem ich mich mähl in diesem Rituale.

JASON: Habt ihr noch eine Tochter, eine zweite?
Ich dachte stets, daß ihn nun ganz alleine.
Was hindert, daß sie aus dem Dunkel schreite
Und sich der Schar der Feiernden vereine?

AIETES: Ihr rietet mir vor euerm Ritt zur Grenze,
Mich Kreusa im Vertrauen zu befehlen,
Der Sieg, der euch so feil, vermochts zur gänze,
Was zwischenher geschehen zu verhehlen.
Wir fanden, daß das Schicksal uns verbunden,
Als mirs die Tochter, ihr den Vater raubte,
Und gegenseitig binden wir uns Wunden,
Erheb ich mich euch zum Familienhaupte.
Ich adoptiere eure Frau verbindlich,
Prinzessin sei sie nun vom Kolcherstamme,
Und damit seh ich auch den Helden kindlich,
Und freue mich, daß ihm die Fackel flamme.
Denn mögt ihr euch dem Volkesruf nicht fügen,
Doch eurem Herz, daß ihr mich sollt beerben,
Kein minderes soll diesem Land genügen,
Nur so gestillt kann ich in Frieden sterben.
 

 

168
 
KREUSA: Als mir der Vater loderte in Flammen,
Macht rasch das Wort aus deinem Mund die Runde,
Der Tochter Krone sollt vom Vater stammen,
Und mancher sagte dies mit schiefem Munde.
So war Korinth kein Nistplatz zum Ornate,
Zum König aber bist du Held geboren,
Nun habe uns der greise Kolcherpate,
Daß sich erfüll der Zeichenkreis der Horen.
(Sie kniet, Aietes krönt.)

JASON: Ich bleibe ein Akteur in diesem Stücke,
Du aber bist die Dichterin der Szenen,
Es ist allein die Frage, was dir glücke,
Wenn sie sich überschlagen oder dehnen.
So sag ich den Gefährten dieses Zuges,
Daß Telamon sie heim nach Hellas führe,
Ich war Entdecker manchen Wortbetruges,
Doch wußt ich nie, was mir am Schluß gebühre.
 

 

169
 


ORPHEUS
TRAGÖDIE





Bist du, mir emporgesandt,
endlich wieder da?
Hundertblättriges Gewand,
ließ dich los des Hermes Hand,
noch zum Greifen nah?

Brüste, kennt ihr schon nicht mehr
den, dem es gefiel,
euren Bug begierdeleer
zu berühren, zart und schwer
wie ein Saitenspiel!

Hüften, Schenkel, Glied um Glied
tiefen Schlafes voll . . .
Daß der Traum euch niederzieht,
oder wollt ihr, daß mein Lied
euch erwecken soll?


LANGGÄSSER    

 

170
 


PERSONEN
OIAGROS, König von Thrakien
KALLIOPE, seine Frau
ORPHEUS, sein Sohn
EURYDIKE, dessen Frau
ARISTAIOS, Sohn der Kyrene
HERMES, Götterbote
HADES, Unterweltsgott
PERSEPHONE, seine Gattin
CHARON, Fährmann
AMPELOS, Satyr
FÜNF MÄNADEN
EIBEN, ZYPRESSEN
 

 

171
 


PROLOG
OIAGROS:
Der tiefsten Weisheit hab ich mich verbunden,
Kalliope, mir Gattin, gliche keine,
Und doch hab ich nur Nacht und Gram gefunden
Im Federkiele und im Taxushaine.
Mein erster, Linos, starb im jähen Zorne
Des Helden, den er sorglich unterrichtet,
Und so gedieh der Schriftstand mir zum Borne,
Der seinen Wart mit Überschwang vernichtet.
Dem zweiten bracht Apoll die Hermesgabe,
Darin der Bote, dem die Führung eigen,
Uns kundtut, daß er ganz die Seele habe,
Daß alle Müh ein ewiges Verneigen.
Denn wenn auch der Berufne hold erschüttert
Die Herzen selbst der allerstummsten Dinge,
Ist doch der Honig, den er rings verfüttert,
Ein Schatten und zuletzt die feste Schlinge.
Ich will dem Stück, das heute wird gegeben,
Mit meiner Vorred keine Spannung rauben,
Doch jeder prüfe selbst im eignen Leben,
Ob wir mit Recht an Göttergüte glauben,
Denn die Geschenke und grad recht die Leier
Sind voller Zwiespalt, und im letzten frommen
Sie Hohn, der echot wider unsre Feier,
Daß wünschbar scheint, man hätt sie nie genommen.
Musik, die Lethe schenkt für Gut und Böse,
Hat freilich beides sehr wohl im Gesinde,
Drum glaube nicht, daß sie die Sorg uns löse,
Und Schlüssel sei, daß man das rechte finde.
 

 

172
 
Ob sie mit großer Kunst wird dargeboten,
Sagt viel zu dem Objekt, das zu verführen,
Manch Korn ist nur mit Hartgestein zu schroten,
Und manchem Ohre luftigste gebühren.
Ich halt es nicht mit den Pythagoräern,
Nach denen Welt ein Schattenriß der Quinte,
Ich halt es lieber mit bekrallten Spähern
Und Feldherrn, denen bloß ein Weib die Finte.
Denn alle Reiche ruhn auf Tun und Taten,
Nicht auf der Harmonie und dem Entzücken,
Und daß der gute Abend wohlgeraten,
Heißt es am Morgen traben und sich bücken.
Die Kunst ist mir ein Kraut, das zu dosieren
Der Wohlgeratne weiß wie Pilz und Same,
Nichts gegen Flöten, Tanzen und Posieren,
Jedoch dem Leerlauf traut allein der Lahme.
Den Autor dieses Stücks wirds wohl verdrießen,
Wenn ich die Musen in die Schranken weise,
Doch mög ein jeder für sich selbst beschließen,
Ob meine Stimme hier zu laut, zu leise.
 

 

173
 


ERSTER AUFZUG
Ein Wald in den Rhodopen. Man hört die Bienen summen.

Erste Szene
Orpheus.

ORPHEUS: Im Wald ist stets ein großes Musizieren,
Die Quelle murmelt und es knarren Äste,
Der Zephyr sagt den Eiben wie den Tieren,
Daß er sie lud zu einem Atem-Feste.
Die Bienen summen, wenn die Sonne knistert,
Die Nymphen huschen fein wie Spinngewebe,
Wo sich der Stamm dem Purpurpilz verschwistert,
Preist auch die Mistel, daß sie rankend lebe.
Die Schwalben sind die liebsten mir der Boten,
Von Abschied und von Wiederkehr sie singen,
Maikäfer labt sich am Verjährten, Toten
Und auch die Goldne Acht zeigt mir die Schwingen.
Der Diptam wirbt so sehr, daß bald entflammen
Das Öl die Strahlen, die es mir vergolden.
Wo so viel Laut und so viel Luft beisammen,
Wer mag da nicht nur trunken sein vom Holden?
Wem ist nach einer Botschaft noch zumute,
Wo das Vollkommne sagt sich ohne Sinnen?
Wem hörbar wird das Blühende und Gute,
Wer wollte einen Reim darauf beginnen?
Die Leier, die beschämt das Einzelwesen,
Muß schweigen, wenn der Chor im Walderwachen
Zurechtweist, was sich achtet für erlesen,
Denn keine Sehne kann so selig machen.
 

 

174
 
EIBEN: Die Welt ist Klang, doch ohne alle Weiser,
Drum mußt du singen, daß sich alles richte,
Doch machst den Chor im Augenblicke leiser,
Daß er sich heb in stärkerem Gewichte.
Nicht hat Apoll die Lyra dir gespendet,
Daß du versänkst in Zweifel und Entsagen,
Du mußt, bevor die Mittagsstunde endet,
Den Sturm der Seele in die Kronen tragen,
Denn all die Bäume, die hier schaun und staunen,
Bevölkert sind mit Ohren, die dir lauschen,
Sie warten, daß du aufwachst aus den Launen
Und läßt das Meer im stillen Haine rauschen.

ORPHEUS: Ihr Eiben, maiensatt und so verwunden,
Ich bin ein brauner Gnom an eurem Fuße,
Was mir gelingt, gestaltet und gebunden,
Dankt, daß zum Lauschen euch die rechte Muße.
Ich bin beschenkt, doch gleichwohl arm geblieben,
Mir sprengts die Brust, euch blumig anzufragen:
Bin ich dem Joch der Einsamkeit verschrieben,
Wirds einst in meinem wunden Herzen tagen?
Die ihr vertraut seid mit den Wechselwinden,
Dem Himmel wie mit krumig schwarzen Säften:
Wird mich ein Herz vom Kronos' Blei entbinden,
Wird sichs an meins als Heil und Mitte heften?
Sind mir bestimmt nur Sehnen und Erwecken,
Nur Sämerein ins Offne und Gefügte?
Könnt sein, daß mir daraus ein eigner Flecken
Erwüchs, der meinem tiefsten Traum genügte?

EIBEN: Was ferne scheint, ist nahe wie zum Greifen,
Kein Schleier hehlts, den Götter drumgeschlungen,
 

 

175
 
Wer aber meint, die Welten müßten reifen,
Prüf, ob er selbst vom Traume ganz durchdrungen.
Denn nur die eigne Blindheit läßt verlassen
Den Blinden scheinen, der den andern leuchtet,
Das Glück ist nur dem Geiste nicht zu fassen,
Drum schau, eh sich das Auge so befeuchtet,
Daß alles fließt, als sei bestimmt der Quelle
Der Sänger, den im Baume liebt die Krone,
Wo das Gewirk sich mengt der größten Helle,
Erfahr den Kuß, der leblang in dir wohne.

ORPHEUS (singt):
Wer rekelt sich im blättergrünen Dache
Grad wie die Wolken auf dem Dunst der Meere?
Erwache
Und hör wie ich begehre!
Nicht sing ich auf dem Feld und bei den Klippen,
Ich bin zuhaus, wo Äste sich verzweigen,
Nur nippen,
So will ich und dann schweigen!
Wer sterblich ist, erfährt im Baume Alter,
Doch auch die Jugend, die im Laubicht säuselt,
Ein Falter
Am Wasser, das sich kräuselt.
Nicht preise ich den felsgehaunen Pfeiler,
Der weist die Schritte nur in nächste Nähe,
Der Heiler
Weist weiter als ich spähe.
Was feststeht uns zu fassen und zu flügeln,
Soll nicht der Stimme Lieblichkeit erwecken,
Im Zügeln
Solln Traum und Tausch sich necken.
 

 

176
 
Nur eine kanns und sie wird weithin richten
Daß sich das Aug dem Ohre zugeselle,
Im Lichten
Verfalbt die schönste Helle.
Drum steig sie aus dem wirkenden Gerausche
Und hülle sich in allerfeinste Seide,
Vertausche
Dich Freud, sag ich dem Leide.


Zweite Szene.
Orpheus, Eurydike.

EURYDIKE: Wer ließ den Namen honiggolden klingen,
Daß ich erschauernd ihn ganz neu erfaßte?
Wer kann so übersterblich Liebe singen,
Daß ich verlaß die Wohnung und die Kaste?

ORPHEUS: Apoll gab mir die Leier und die Stimme
Und auch die Kraft, die Ohren aufzusprengen,
Ich fürcht mich manchmal selbst vor diesem Grimme,
Dems möglich wohl, das Haar mir zu versengen.

EURYDIKE: Hat dir der Gott den Namen auch geraten
Der scheusten Nymphe, die noch keiner schaute?
Gar manche, die den Gott recht schlecht vertraten,
Erreichten nur, daß mir ganz gräßlich graute.

ORPHEUS: Des Sehnen kam von Herzen und die Worte
Gab mir der Wind, der schmeichelt oder rüttelt,
Es schien mit Reichtum hier an diesem Orte,
Daß Früchte falln, wer immer hier auch schüttelt.
 

 

177
 
EURYDIKE: O nein, den Zugang zu den Federleichten
Fand nie ein Riese, der im Walde trampelt,
Das Wimmern, daß die Blätter sich erweichten,
Wird keinem Säugling, der erbittert strampelt.
Der Name ist für jed Geschöpf die Fessel,
Du sangst ihn mir, drum muß ich dir gehören,
Ich hoff, dein Blumengruß ist keine Nessel,
Und nicht zum Spotte willst du mich betören.

ORPHEUS: Wie könnte ich ein lichtgeflochtnes Wesen
Mit Grobheit oder schlechtem Scherz verbittern?
Von Gaias oder Uranos' Genesen,
Läßt keine sonst die feinsten Härchen zittern.
Die Anmut selber mein ich hier zu schauen,
Obgleich verwöhnt von Mutters hohem Stande.
Sollts wahr sein, daß die Hulden mir vertrauen
Und reichen mir die schlanke Hand zum Bande?

EURYDIKE:
Wenn du nicht scherzt, so bleibt mir zu vermuten,
Daß du die hohe Macht in deinem Singen
Nicht faßt, die von dem Flügelpaar-Beschuhten
Erfunden ward, die Seelen heimzubringen.

ORPHEUS: O nein, nicht jenen hab ich angerufen,
Der Zaubrern frommt, dem Händler wie dem Diebe,
Nicht seinem Tempel suchte ich die Stufen,
Ich tastete im Gegenteil nach Liebe.

EURYDIKE:
Mag sein, mein Name deutet ihm entgegen,
Mir selber blieb dies Rätsel stets verborgen,
 

 

178
 
Doch konntest du mich also tief bewegen,
Gelingts dir auch, das übrige zu sorgen.

ORPHEUS:
Wenn ich, wie du verrätst, dein Herz gewonnen,
So will ichs hüten, bis mich Hermes führte
Zum Hades, und die letzte aller Sonnen
Mir sank wie alles, was mir sonst gebührte.

EURYDIKE:
So spricht der Mann, dem ich im Kern verfallen,
Wer also minnt, soll hegen auch die Hülle,
Ich hab entsagt den Baumesrechten allen
Und harr des Winks, der mich mit Weisung fülle.

ORPHEUS: Ich bin der Sohn des Königs, dich behüte
Dein neues Haus auf einem linden Hügel,
Ein sanftes Fohlen wartet im Gestüte,
Denn hierzuland gebraucht man keine Flügel.
Auch sonst sind unsre Bräuche recht verschieden
Von denen Walds, wir trinken aus dem Becher,
Die pralle Sonne wird zumeist gemieden,
Für Luftbewegung sorgen Seidenfächer.
Geleucht kommt nicht von Pilzen oder Mooren,
Wir stellen Wachs auf Glas und auf Metalle,
Zurückgezogen wird geliebt, geboren,
Und was im Haus geschieht, erfahrn nicht alle.

EURYDIKE: Ich liebe deine helle, klare Stimme,
Die Strenge, alles rein und recht zu stellen,
Kein Heim, wo du regierst, wär mir das schlimme,
Erlaubt es nur, mich ganz dir zu gesellen.
 

 

179
 
ORPHEUS:
Es ist auch Brauch, daß man die Hochzeit halte,
Mit Ahnensegen tausche Zung und Ringe,
Sich müh, daß bald ein Erb im Hause walte
Und einst an unsrer Statt den Göttern singe.
Drum will ich dich den Eltern, allen beiden,
Gleich bringen, daß uns niemand noch begegne,
Solange sie noch Ungewißheit leiden
Und eh uns Vaters große Weisheit segne.

EURYDIKE:
Wohlan, die Sonne steht schon weit im Westen,
Und vor dem Dunst wolln wir den Horst besteigen,
Ich traue deinem Griff, dem ruhig festen,
So nimm mich hin, denn ich bin ganz dein eigen.
(Orpheus hängt die Leier um und nimmt Eurydike auf die Arme. Es wird dämmrig.)


Dritte Szene.
Orpheus, Eurydike, Hermes.

EURYDIKE: Dort ist wer, und er steht genau im Wege!
Er steht, als könnt ihn keine Macht vertreiben.
O weh, ich floh der allertreusten Pflege!
Wer, Orpheus, stellt sich wider das Beweiben?

HERMES: Die Vordergründe scheinen mir entbehrlich,
Denn mich erkennt man leicht an meinen Werken.

ORPHEUS: So ist es in der Tat, ich sage ehrlich,
Der Schritt war leicht und darum nicht zu merken.
 

 

180
 
HERMES: Ich bin es leid, gewaltig Lärm zu machen
Wie Zeus, der kommt mit Blitzen und Getöse,
Ich bringe euch kein Häschen, keinen Drachen,
Denn jenseits bin ich ganz von Gut und Böse.

ORPHEUS: So bist du Hermes, der uns unerbittlich
Mahnt an das nächste, das von fern beschlossen.
Wir warben um einander rein und sittlich -
Was hat die Götter wider uns verdrossen?

HERMES: Wir pönen nicht die Werbung und die Ehe,
Ich hab sie deinem Vater schon verkündigt,
Er segnet sie mit allem Wohl und Wehe,
Drum liebt ihr ganz gesetzlich und entsündigt.

ORPHEUS: Wozu die Eile und das Selbsterscheinen?
Wir wären ohnehin jetzt hingeschritten,
Sein Wunsch ist lang, ich möge mich vereinen,
Drum ist gewiß sein Beistand meinen Bitten.

HERMES: Nun, leider ists nicht möglich, daß die Kleine
Der Bräutigam führ selber nach dem Hofe,
Da ich an alles denk, wenn ich erscheine,
Steht auch am Waldrand schon die rechte Zofe.

ORPHEUS:
Was soll mich hindern, meine Braut zu tragen
Zum Vater und so über meine Schwelle?
Ich brauche keine Zofen oder Wagen
Denn wie der heitre bin ich auch der schnelle.
 

 

181
 
HERMES: Ich werde dies verhindern, denn beschlossen
Ist, daß du reisest jetzt und unverzüglich,
Schon säumig bist du, bei den Fahrtgenossen
Das Murren zeigt sich laut und wenig trüglich.

EURYDIKE: Weh Orpheus, hüte deine flinke Zunge,
Du weißt, die Götter lassen uns nicht spaßen,
Nicht nur dem Vater sei ein braver Junge,
Der Himmel mißt sich nicht mit unsern Maßen.

ORPHEUS: Wohin in aller Welt soll ich denn reisen?
Ich bin hier froh, und ich bin hier zuhause.
Du magst dem Dieb, dem Räuber Zuflucht weisen,
Daß ihm nicht länger vor Verfolgung grause.
Ich aber steh als Prinz im eignen Reiche
Man lehrte mich, es gehe an die Ehre,
Daß man nicht kampflos aus der Heimat weiche,
Wer immer dies befehle und begehre.

HERMES: Als ehrlos schilt der Narr die großen Dinge,
Die wandeln hinter seinem Horizonte,
Daß Zeus der Zug halb Griechenlands gelinge,
Bist du schon bald zu Schiff am Hellesponte.
Noch heute gehts nach Iolkos in Thessalien,
Dort ist der Sammelplatz der Argonauten,
Und nun verschon mich bitte mit Lappalien,
Bevor die Augen diese Helden schauten.
(Mit Orpheus ab.)

EURYDIKE: Noch eben hieß es Zofe und Geleite,
Nun ist der Bote fort und auch der Sänger,
Und dunkel wirds, ich hab nicht einmal Scheite
 

 

182
 
Zu leuchten, ob da nicht ein Bärenfänger.
Du nützt es nichts zu klagen und zu greinen,
Allein such ich den Weg zu diesem Throne,
Ein Weib zu sein, muß frisch verlobt mir scheinen,
Zu hadern nicht im Schmutze und im Hohne.
(Ab. Es wird dunkel und dann neuer Tag.)


Vierte Szene.
Eurydike, Kalliope.

KALLIOPE: Im Walde gehn ist dir gewiß Vergnügen,
Auch mir wars im Palast zuerst recht enge,
Der König doch – ein Strom, ich müßte lügen,
Sagt ich, die Werbung zog sich in die Länge.
Daß Orpheus, unser Sohn, ward abberufen,
Den Kummer trägt die Liebe nicht alleine,
Grau stehn die Säulen und im Saal die Stufen,
Und selbst die Vögel singen nicht im Haine.

EURYDIKE: Wenn man nur etwas näheres erführe,
Nach Kolchis heißt es, weit zu den Barbaren,
Und dennoch denk ich, knarrt es an der Türe,
Die aufgestoßne würd ihn offenbaren.
Er macht den Helden Mut, die großen Werke
Zu tun, die dieser Reise aufgetragen,
Ich glaube, er verfünffacht ihre Stärke,
Daß sie, was ganz unmöglich ausschaut, wagen.
Doch weh, wenn aber nun der Schein nicht trüge,
Und was sie wollen, wirklich nicht zu schaffen,
Die Götter trifft gewißlich keine Rüge,
Und nur auf uns die bösen Nachbarn gaffen.
 

 

183
 
KALLIOPE: Beim König gehen aus und ein die Boten,
Solch großes Schiff muß für Verpflegung rasten,
Aus allen Reichen, außerm Reich der Toten,
Pflegt Nachricht sich an uns heranzutasten.

EURYDIKE: Erzählt von ihm, eh er begann zu singen,
Vertraute er da Hören oder Schauen,
Ich denke oft, es müßte doch gelingen,
Ein ungetrübtes Bild zurechtzubauen.

KALLIOPE: Ich bin als Mutter nicht so unbefangen,
Wies menschlich wär, mit Griffel und mit Tafel
Bin ich die Sache härter angegangen
Und abhold allem törichten Geschwafel.
Da Zeus mit uns hat Hoffnungen und Pläne,
Verstand ich stets mich selbst als ein Gesandtes.
Doch wie Apollons Nachen brachten Schwäne,
Führt selbst den Zeus ein gänzlich Unbekanntes.
Drum soll der Muse nicht der Rang genügen,
Den ihr die Abkunft zuspricht vor dem Volke,
Sonst gehts vielleicht wie manchen Höhenflügen,
Daß irgendwann zerstoben ist die Wolke.

EURYDIKE: Grad weil du so genau und unbestechlich,
Ist dir die Wahrheit offener und nackter,
So sagst du nicht, was völlig nebensächlich,
Und schilderst mir den innersten Charakter.

KALLIOPE: Erhoffe nicht den Knaben, der gefahren,
Er kehrt nicht mit nur äußerlichen Narben,
Der Wind spielt nicht nur mit den offnen Haaren,
Unwandelbar sind einzig, welche starben.
 

 

184
 
Bedenk, er lebt mit kriegerischen Mannen,
Die nicht nur stark, auch roh und hartgesotten,
Im Käfergriff so weißt du von den Tannen,
Daß sie sich nicht grad jugendlich vergotten.
Auch fremde Sitten, Schlachten, Ungeheuer,
Von vielen Dingen schweigt am Hof der Sänger,
Er geht durchs Eis und durch das schwarze Feuer,
Laß ausmaln mich das ganze nicht noch länger.

EURYDIKE:
Du sprachst von Härte, doch ich unterschätzte
Das Ausmaß, und ich will nicht weiter drängen,
Ich bete, daß das Sternbild, daß ihn hetzte,
Mich tröste, daß nicht klamm die Flügel hängen.


Fünfte Szene.
Eurydike, Kalliope, Aristaios.

ARISTAIOS: Ich such den Hof und keine wilden Tiere,
Drum bin ich wohl vom Pfade abgekommen,
Entschuldigt, daß ich mich nicht lange ziere,
Zu fragen wie der rechte sei genommen.

KALLIOPE: Ich bin die Königin in diesem Reiche,
Drum pön ich deine falsche Diagnose,
Der wilde Jäger sieht allein das Gleiche,
Doch diesmal ziemt sich eine andre Pose.

ARISTAIOS (verbeugt sich devot):
Wie ungeschickt mein Wort vom tiefen Tanne,
Ich bin erschöpft von Bergen und von Schluchten,
 

 

185
 
Gewöhnlich steh ich in ganz anderm Banne
Bei Wechselwinden oder schmalen Buchten.

KALLIOPE: Du reist umher, ist Handel deine Sache?
Hast Botschaft du von fernen Meern und Küsten?
Ich bins gewohnt, daß ich nicht Umweg mache,
Weil wir sehr gern so manche Neuheit wüßten.

ARISTAIOS: Apoll verwandt viel Mühe, mich zu bilden,
Die Nymphen lehrten, goldne Kunst der Bienen
Zu führen aus der Jägerei im Wilden
In Wohnungen, die unsrer Ernte dienen.
Die Körbe sind als Stülper oder Beuten
Gemacht, uns Wachs und Honig zu bescheren,
Den Göttertrank vermach ich allen Leuten,
Erlaub ich mir, den Landstrich zu beehren.
Auch lernte ich, die Milch vor dem Verderben
Nicht nur zu schützen, sondern noch zu steigern,
Die Speis davon mag für sich selber werben,
Doch werd ich mich dem Lobspruch nicht verweigern.
Jedoch das größte Wunder meiner Gaben
Für Augen, die sich noch begeistern wollen,
Der Ölbaum ists, und allen die ihn haben,
Sehn keinen gleichauf mit dem segensvollen.
Nicht nur, daß er mit reicher Frucht uns sättigt,
Er salbt den König und er nährt die Leuchte,
Kein Darben, das sein Überfluß nicht fettigt,
Er wirkt, daß man ansonsten gar nichts bräuchte.
Er mag die trocknen Winde unsrer Heiden,
Sein Holz ist hart und eignet sich für Äxte,
Fast ewig lebt er, rundum zu beneiden,
Er heilt den Sinn, drum wähle ihn der sechste.
 

 

186
 
KALLIOPE:
Gemeinhin folgt auf großes Licht ein Schatten
Gleichauf, drum sei uns bitte nicht verschwiegen,
In eurer Red, der allzu seidig glatten,
Ein Haken wird gewiß im Köder liegen.

ARISTAIOS:
Den Schatten wirft die Sonne uns gewöhnlich,
Doch unterbleibts, erstrahlt sie im Zenite,
Ist eure Skepsis sonst auch unversöhnlich,
Hier fehlt der Reim, der Löbliches bestritte.
Gleichwohl sind meine Gaben ein geringes,
Strahlt eurer Tochter Anmut mir dagegen,
Mir scheint, den Sphären unsers Weltenringes
Ist diese Maid der allerhöchste Segen.

KALLIOPE:
Recht artig singst der Jugend du zum Preise,
Doch ist die Holde meinem Sohn versprochen,
Er salbt die Sphären ganz auf seine Weise,
Drum meidet, was euch so ins Aug gestochen.
Zwar tut er derzeit fern die Heldentaten,
Doch kehrt er heim, gleicht seiner Würde keine,
Die je dem Land der Thraker ist entraten,
Drum rühr nicht an das Liebliche und Reine.

ARISTAIOS:
Was sagt die Liebe selbst zu diesem Warnen?
Wie gern hört ich die Stimme einmal klingen.
Arachne knüpft ihr Netz so gern an Farnen,
Der Mücke taugts, wenn grün die Wedel schwingen.
 

 

187
 
EURYDIKE:
Mein Held trägt nicht den Segen im Gepäcke,
Sein Sang macht Tiere zahm und Felsen weinen,
Nichts sonst vermags, daß mich das Laubicht wecke,
Erfahrend, daß die Träume ganz die meinen.

ARISTAIOS:
Die Lieblichkeit der Stimme und der Worte,
Vergißt, wen duftend zarte Öle salben,
Und was dir schien zu höchstem Glück die Pforte,
Erkennst du rasch als Einfahrt nur zum halben.

KALLIOPE: Die Schattenseite also nicht verhohlen,
Der Ehebruch ist das Begehrn des Schenken,
Mach dich zum König auf mit raschen Sohlen
Und hüte dich, den Antrag fortzudenken.
(Aristaios ab.)

EURYDIKE: Die Dreistigkeit in allen seinen Knochen
Ließ sie vor unsern Augen beinah bersten.
Ich glaub, der Braten wird recht bald gerochen,
Die Weizenähren sind am Ende Gersten.

KALLIOPE: Hochstapelei ist lächelnd zu ertragen,
Doch dieser Knabe wird vielleicht gefährlich,
Wenn ihn die Götter nicht zu schmähen wagen,
Erscheint wers tut, am Ende wenig ehrlich.
Hoch ausgezeichnet meint er wohl, ihm fromme
Ein jedes, was ihm heißt das gute Wetter,
Ich bin mir sicher, daß er wiederkomme,
Drum achte, daß sein Mut dich nicht zerschmetter.
(Beide ab. Es wird dunkel und wieder hell.)
 

 

188
 
Sechste Szene.
Orpheus, Eurydike.

ORPHEUS (singt):
Was will die Heimat meinem Herz bescheren?
Mir reichen, daß ich blühe und gesunde?
Entbehren
Wird härter jeder Stunde!
Ich zog durch viele Länder, Küsten, Riffe,
Doch machte mich ihr Reiz nur immer tauber.
Begriffe
Doch einer diesen Zauber!
Die Lust, sie auf den Armen fortzutragen,
Ist holder als das Meer und selbst die Sonne,
Ihr Wagen
Veblaßt vor solcher Wonne!
Sie ist das Segel, jeden Wind zu fangen,
Sie ist das Land, das zu befahrn ich trunken,
Doch Bangen
Hör ich im Sumpfe unken.
Doch nein, der Neid des Himmels kann nicht wagen,
Die Mitte aller Holdheit zu entfernen!
Zu sagen
Habs ich vor allen Sternen.
In ihr wird uns das Leichte erst zum Leichten,
In ihr wird uns die Schwere erst zur Schwere,
Was immer die Unendlichen mir eichten,
Es gibt nur eine Göttin, die ich ehre.
Sie eint das Dunkel mit dem hellsten Lachen,
Sie eint das Einst Erinnerns dem erhofften,
Sie gab dem Hauch, draus sich die Welten machen,
Den Namen, daß die Strophen sich verstofften.
 

 

189
 
Sie wird mit einem Augenschlag vernichten
Den Gram, den Kummer und die Furcht am Morgen,
Sie nimmt die Müh von allen Sorgepflichten
Und zeigt mir, daß ich selig und geborgen.

EURYDIKE: Ich wußte, dieser Tag wird hell und klarer
Als alle die der langen Nacht entrannen,
Die Amsel sang vom Land der Meeresfahrer
Und flötete den Traum, den wir begannen.
Ich spüre tief, daß deine große Seele
Nicht trübten die Entfernung und der Schatten,
Ein frohes Lied erwacht in deiner Kehle,
Als träumten wir die Zeit auf Rasenmatten.
Es scheint mir gar, als wären all die Monde
Des Bangens nur ein Dunst, der kam vom Weiher,
Und Eros, der uns stets zu Häupten thronte,
Besorgte nur das Nötigste zu Feier.
Wie ausgelöscht ist alles, was uns trennte,
Tönt nur ein einzger Reim in meinem Ohre,
Dies sagt das All und alle Elemente,
Und am Olymp erstaunt man vor dem Chore.

ORPHEUS:
Nur du allein kannst mir den Schleier heben,
Der düster macht das Wägen und das Wagen,
Nur du verschaffst mir Eigenheit und Leben,
Nur du vermagst den Namen mir zu sagen.
Erst als du mir aus Laubgeraschel leiblich,
Fand Ort und Zeit ich auf der trüben Erde,
Allein durch dich ist mir die Welt beschreiblich,
Und tief verbürgt, daß sie die meine werde.
Wir wollen ewig preisen, daß sie lehrte
 

 

190
 
Uns Liebe, die von allem Traum die Mitte,
Was je beflügelt und im Fall beschwerte,
Es ist nach der Vereinigung die Bitte,
Denn alle Wesen suchen nach dem Tanze
Des Einsseins, der erweicht das Herz dem Neider,
Unwiderstehlich recht behält das Ganze,
Drum gilt das Lob dem Liebesglücke beider.

EURYDIKE: Ein tiefes Rätsel ists, daß alle Nöte
Nur einer bannt, der hehr vor allen Schwänen.
Verbirgt ihn noch der Jugend Morgenröte
So pocht das Herz den sanften Tau der Tränen.
Dann aber, wenn da Pan im Feld die Hirten
Erschreckt und um den Hirsch das Dickicht dunkel,
Die Zeichen in den Rinden sich entwirrten,
Und deutbar wird das nächtge Sterngefunkel.
Denn was geschieht, war vorbestimmt schon immer,
Dies wissend fällt die Binde von dem Haupte,
Und du erkennst auf jedem Blatt den Schimmer,
Der die Erfüllung schon im Anfang glaubte.
Allein die Torheit, Wolkendunst zu deuten,
Verhindert, stets zu wissen, wie begnadet
Das Aug ist, dem die Osterglocken läuten,
Daß Dulden und Verharren niemals schadet.

ORPHEUS:
Wenn einer fand, was ihn ergänzt und ründet,
Beweist dies das Gesetz, daß jedem Wesen
Bestimmt ist, daß die Sehnsucht endlich mündet
Und daß der Schmerz ein Weg ist, zu genesen.
Drum ist das Glück, das zweie überwältigt,
Ein Glück auch jedem, der es darf erschauen,
 

 

191
 
Es zeigt den Segen, der sich rings verfältigt
Im Ruf, den Schritt zur Wahrheit sich zu trauen.
Denn zu erkennen, daß das Glück gewoben
Vor aller Zeit, heißt einem Trotz entsagen,
Der sündig ganz allein, denn nur das Loben
Trägt uns den Himmel und den Sonnenwagen.

EURYDIKE: Im Laubicht raunt das grüne Ungefähre,
Es liebt, doch nicht in auserwählter Strenge,
Im Blute erst spricht die Moirenschere
Vom Unvermischten allerhöchster Ränge.
Wer sich erlaubt, nach solchem Glück zu haschen,
Weiß wohl, kein zweites könnt es je ersetzen,
Ihn kann kein Tau vom Nachtgelichter waschen,
Noch schützen, daß die Feuer ihn verletzen.
Wer also liebt im ungetrübten Sinne,
Trägt nicht nur Atlas sondern alle Himmel,
Er ist sich einer Weltensäule inne,
Die kreisen läßt das sonstige Gewimmel.
Das Ja zum Glück läßt Stern und Sonne stehen,
Spricht allem hohn, was läßlich sich bescheidet,
Setzt eigenhold ins Wachsen und Vergehen
Die Wiese, drauf Apoll die Lämmer weidet.
(Sie umarmen sich.)
 

 

192
 


ZWEITER AUFZUG
Düstere Grotte, mit Spinnweben verhangen. Schutt von zerschlagnen Skulpturen. In der Mitte ein altes Weib in ledrigem Gewand mit sehr langem, weißem Haar, auf ihr lastet ein mächtiger Gesteinsbrocken.

Erste Szene.
Orpheus.

ORPHEUS:
Kaum sprechen mag ich und nie wieder singen,
Der Ort der Nacht ist recht für mein Zerfließen,
Die Sonnenstrahlen grad wie Pfeile dringen
Ins Herz mir, um die Kammern zu zerschießen.
Wo Wälder rauschten, herrschen Eis und Wüste,
Die Quellen sind versiegt und taub die Gräser,
Der Aar, der einst den Heiteren begrüßte,
Wich dem Gequak, der Wind, der Flötenbläser
Bereift das ganz zerrißne Spinngewebe,
Und von den Bäumen brechen morsche Äste,
Ein Fluch ists, daß ich geh und steh und lebe,
Denn nur der Tod baut prächtige Paläste.
(Er setzt sich und starrt dumpf vor sich hin.)
Daß Aristaios ich im Zorn erschlüge,
Schüf keinen Trost, dem Vater brächt es Schande,
Ihn träfe keine Schuld, beharrt die Lüge,
Und hoch geschätzt ist er im ganzen Lande.
Wie konnte jenen, dem die Frauen jubeln,
Die meine, die ihm gänzlich abhold, reizen?
Konnt er, beliebt auf Festen und in Trubeln,
 

 

193
 
Nicht einer gönnen, wider ihn zu geizen?
Daß sie unachtsam trat auf eine Natter –
Wars nicht sein Werk, der sie mit Furcht geblendet?
Schloß er nicht um die Flüchtende das Gatter,
Der alles Weg, bleib sie nur ungeschändet?
Ach, Hermes, der mich einst den Argonauten
Hat zugeführt, nahm sie als Seelenleiter –
Seis, daß die Götter voller Neid erschauten,
Daß wir uns liebten tiefer, wahrer, weiter?
Es sei wies sei, es nutzt mir nichts zu grübeln.
Die Sonne sank, die Nacht flicht ihre Schemen.
Es traf mich schon das ärgste von den Übeln,
Drum leicht ists, was noch folge, anzunehmen.
Das Herz wird mir nicht leichter beim Gedanken,
Ich muß den Weg ins Totenreich ergründen,
Ich muß zerreißen die gesetzten Schranken
Des Pfuhls, darein die Hoffnungen uns münden.
Wer weist mir meinen Weg? Nur die Verfemten
Sind solchen Wissens an der Grenze munter,
Doch daß sie mich zu weisen sich bequemten,
Ist grad, als mach die Blum der Nachtfrost bunter.
Wer solches weiß, der schweigt und gähnt zuzeiten,
Kein Mittel gibts, daß ihm die Worte sprießen.
Doch wars nicht schon, daß mir beim Lungenweiten
Es schien, als ob vom Fels die Tränen fließen?
Ich wollte eben niemals wieder singen,
Und tät ichs doch, so wär es nichts als Klage,
Doch möglich scheints, daß dennoch Quellen springen,
Wo Tag und Dunkel stehn in goldner Waage.
Du hörst es nicht, Eurydike, mein Engel,
Musik ist nicht im dumpfen Reich der Schatten,
Ich sing die Natter und das Giftgeschlängel,
 

 

194
 
Den Sturz und deinen Seufzer, den schon matten,
Ich sing die große ungerechte Schande,
Die Dunkelstunde aller lichten Äther,
Ich singe unsre bös zerschnittnen Bande,
Die Inschrift, daß es geb dem Herz kein Später.
Ich singe wider alle lichten Träume,
Die Hoffnung, daß da nicht nur Narreteien,
Ich schmäh den Wald und alle Eibenbäume,
Und will die Götter der Verschwörung zeihen.
Ich singe, daß der Pakt sei aufgehoben,
Da Zeus, Poseidon sich mit Hades teilten
Die Welt, die sich als Unten stellt und Oben,
Und sorgten, daß die Schatten nachthin eilten.
Ich schlag die Leier und voll Blut die Finger,
Daß sich mir öffne nach dem Styx die Grotte,
Die dort geschworn, es herrsch des Traums Gelinger,
Will ich verklagen bei dem härtsten Gotte.
Ich singe, daß die Felsen sich erbarmen,
Die Erde aufreißt und mir reicht den Nabel,
Ich lasse allen Lichtes Wohlumarmen
Und trete in des Sperbers offnen Schnabel.


Zweite Szene.
Orpheus, Hydra

HYDRA: Wer schmäht so laut die Ewigen und Lichten,
Wer wagt in dieser Nacht voll Not und Grauen
Auf allen Beistand trotzig zu verzichten
Und sucht die Welt im Grunde umzubauen?
Wer rüttelt an den Ketten, die Titanen
Und Gaias frühe Früchte furchtbar fesseln?
 

 

195
 
Wer wagt, die mürbste Stunde anzumahnen,
Da Urschmerz schäumt aus allen Hexenkesseln?
Wer hebt die Welt mit Worten aus den Angeln?
Wem wars gewährt, Undenkbares zu singen,
Wer wirft ein Seil, sich durch das Nichts zu hangeln,
Und spottet selbst des Adlers weiten Schwingen?

ORPHEUS: Ich, Orpheus, bins, der alles hat verloren,
Drum auch die Furcht, die an Besitz gebunden,
Ich habe mich dem ärgsten Ruf verschworen
Nun sag – hab ich den Lauscher schon gefunden?

HYDRA: Ich träume, träume, und was ich begreife,
Ist also rasch, wie es mir kam, vergessen,
Die große Zeit erinnernd ich zerschleife,
Bis ich vergesse, was ich einst besessen.

ORPHEUS:
Versink mir nicht, denn nur auf diese Stunde
Hast du gehofft, erschien es auch vergeblich,
Ich rufe zum Gericht, die Zeus zum Bunde
Sich nahm und schwor, da es am Styxe neblich.

HYDRA: Nur eins der Häupter neun ist mir geblieben
Und dieses ist gefesselt alt geworden,
Seit Herakles mir mit Gewitterhieben
Und Fackeln kam, die Göttin zu ermorden.
Der Zeussohn zog die Blutspur durch die Winde
Damit sein Vater unvergleichlich stünde,
Er tilgte alles ältere Gesinde
Um selbst zu richten, was sei gut und Sünde.
So blieb ihm auch Argolis nicht verborgen,
 

 

196
 
Nach Lerna fuhr sein Neffe mit dem Wagen,
Entschlossen, für die Zukunft vorzusorgen,
Ließ er mein Haupt den Felsenbrocken tragen.
Daß Zeus ich haß, wird keinen überraschen,
Der meinen Stammbaum kennt und meine Schande.
Doch sag: wie willst du unsre Erde waschen
Und merzen ganz die ausgekochte Bande?

ORPHEUS:
Mein Herzblut sank von einem Schlangenbisse,
Und Hermes führt es in die kalten Fluren,
Daß ich ihm seine Beute noch entrisse,
Folg ich des Todes unsichtbaren Spuren.
Die Götter, die vor Hades Herrschaft älter,
Vermögen mich mit Weg und Wink zu leiten,
Falsch nenn ich einen abgeschiednen Kelter,
Darum sich Furcht und Redescheu verbreiten.

HYDRA: O weh, ich bin doch selber eine Schlange!
Wie soll ich einem Gattungsfeinde weisen?
Frag doch den Sperber, der im harschen Fange
Den Mut dir trag und dein empörtes Eisen.

ORPHEUS: Nicht pöne ich die Natter, die getreten
Unschuldig tat, was ihr gereicht zum Schutze,
Die Lichten, die das Aug der Maid verwehten,
Sie machten sich das arme Tier zunutze.
Von den Olympiern kam uns ein Verführer
Mit Honig, Käse und mit den Oliven,
Als Zündler und gemeiner Zwietracht-Schürer,
Mit dem die meisten Mädchen gerne schliefen,
Begehrte er mein Weib sich zum Genusse,
 

 

197
 
Auf daß sie, zu entrinnen seiner Kralle
Nichts mehr als floh und so zum bösen Schlusse
Reintappte in die aufgestellte Falle.
Nun such ich bloß den Eingang in die Schächte,
Um dieses grobe Unrecht zu verklagen,
Den Trost allein die Wiederkunft erbrächte
Der Gattin, die beflügelt all mein Wagen.

HYDRA: Nun gut, tränk deinen Taxusstab im Gifte,
Das meinem Schlund entquillt als grüner Geifer,
Dann buchstabiert er gleich dem Kohlenstifte
Den weitren Weg dem unbeherrschten Schweifer.
Doch meid mich dann, ich habe noch zu träumen,
Zwar hab ich Zeit, doch neige ich zu hasten,
Gar gräßlich wirds dann in der Höhle schäumen,
Daß schaudern selbst des Felsens spitze Quasten.
(Orpheus berührt die Hydra mit dem Stab, der zu leuchten beginnt. Die Gestalt verschwindet in der Versenkung. Nach kurzer Zeit hört man Wasser rauschen.)


Dritte Szene.
Orpheus, Charon.

ORPHEUS: Der Weg ist kinderleicht mit diesem Boten,
Er führt mich durch die Windungen und Klüfte,
Mal wird zur Klamm der Rauschepfad der Toten,
Dann wieder strömen Köhlereiendüfte.
Da tropft die Sole, bildet sich ein Zacken,
Dort wirbelt aus dem Loch ein Flügelschlagen,
Säß mir der Abschied nicht als Herr im Nacken,
Würd mancher Glimmer meinem Aug behagen.
 

 

198
 
Ich hab nicht Sinn für Blenden und Kristalle,
Die Stalaktiten sind nur Widerstände,
Grad wieder weitet sichs zur größern Halle,
Der Zorn beherrscht die Füße und die Hände.
Jetzt hör ichs rauschen, tief und unermeßlich,
Ein Strom, er schiebt sich machtvoll seine Straße,
Am Ufer steht ein Mann, der alt und häßlich,
Noch niemals fand ich dies in solchem Maße.
Gleichwohl, der Stab verlangt, ihn anzusprechen,
Drum will ich diesen Kelch nicht von mir weisen,
Wohl Mühe machts, das Schweigen hier zu brechen,
Das schwer wie Blei und festgefügt wie Eisen.
(singt):
Wo Tropfen Zeit und Stromes schweres Rauschen
Die Ewigkeit, das Unabänderliche,
Muß tauschen
Die Seiten, wer verbliche.
Der Fährmann steht mit hartem Schuh am Kahne,
Die Stake gibt er nie aus seinen Händen,
Ich ahne,
Dies würde manches wenden.
Den Pakt, der seine Schuldigkeit bestallte,
Hat er vergessen in dem langen Amte,
Der Alte
Weiß nicht, woher er stammte.
Er weiß auch nicht, wozu das Wissen fruchtet,
Da nichts den Auftrag jemals brems und änder,
Zerbuchtet
Sind seines Augs Geländer.
Daß jemand käm und riefe ihn beim Namen,
Der liegt in einem Schrein bei Wiegenwimmern,
Es kamen
 

 

199
 
Nur Schemen, die ihm schimmern.
Doch einmal wird ein Lied auch ihn erreichen,
Das ihn beseligt, daß er wie Verliebte
Entweichen
Das Korn läßt, das er siebte.

CHARON: Was ist das für ein seltsam süßes Singen?
Es läßt so viele Jahre mir verfließen.
Die Gabelweihe breitet ihre Schwingen,
Ich seh im Grün den blauen Krokus sprießen.
O weh, was hält das weiße Haupt zum Narren,
Als wärs ein Jüngling, der am Weiher flötet?
Was läßt mich wie ein Kalb ins Tote starren
Und ahnden, daß ich selbst schon lang getötet?
In Sturheit flöß ich tag und nacht und frage
Wohin woher nicht, und ich bins zufrieden,
Wird nicht zu laut die allgemeine Klage,
Die diesem Ort von jeher ist beschieden.

ORPHEUS: Aus Nacht bist du und Finsternis geboren,
Doch so geschiehts auch jeder Glockenblume,
Die feuchte Erde nimmt was abgeschoren,
Und gibts zurück, dem Licht zu höchstem Ruhme.
Wenn du so alt und grämlich bist beisammen,
So bringt dich bloß die Münze in die Lage,
Gehst du darin, woher die Gelder stammen,
Wirds seltsam dir, daß einer sich so plage.

CHARON: Aha, ich soll den ganzen Kram vergessen
Und steigen in die ungebremste Helle?
Ich fände dort ein kleines Haus und Essen?
Ich litt nicht mehr des Kerberos Gebelle?
 

 

200
 
ORPHEUS: Bring mich hinüber, daß ich dir verrate,
Was du erreichen kannst und was gewinnen,
Vor allem Tun Gewißheit steh als Pate,
Sonst reuts dich rasch, Verändrung auszusinnen.

CHARON: So zahle, denn wer meinen Teil verweigert,
Irrt heulend hier am Ufer alle Nächte,
Beeile dich, eh Mond die Fluten steigert,
Weil ich sonst noch an einen Aufschlag dächte.

ORPHEUS: Ich zahle, auf der Überfahrt zu schweigen,
Und du wirst immer Fährmann sein und Sklave,
Die Schatten werden anstehn und sich neigen,
Und nie geschiehts, daß du vermißt die Schafe.

CHARON:
Wohl besser so, denn in der Hand den Spatzen
Zieh ich der Taube vor, die auf dem Dache,
Das Lied vermag am rauhen Pelz zu kratzen,
Doch Aufruhr ist nicht meines Alters Sache.
(Orpheus zahlt und wird übergesetzt.)


Vierte Szene.
Orpheus, Zypressen.

ORPHEUS: Zypressen seh ich, einzeln und in Reihen,
Im Gegenlicht erscheinen sie viel schwärzer,
Wo es doch heißt, die immergrünen seien
Langlebig und der Traurigkeiten Merzer.
Sie wachsen kaum noch merklich, wenn die Jugend
Verflossen ist und schließen dicht die Schuppen,
 

 

201
 
Daß sie uns stehn wie Fraun in harter Tugend
Und eine Galerie von Falterpuppen.
Sie werden mir nicht sprechen, doch glaube
Sie hören, was ich ihrem Flüstern singe,
Zwar weist mich ab die fest geschloßne Haube,
Doch möglich, daß ein Zeichen ich entringe.
(singt):
Ich wandle an der abgewandten Seite,
Die man vom Monde wird wohl nie erschauen,
Ich breite
Die Arme voll Vertrauen.
Gar züchtig scheint ihr Jungfraun, euer Orden
Die Lilie führt im Wappen und die Taube,
Geworden
Seid ihrs aus Furcht vorm Raube.
Auch meine Liebe aus der Eibenkrone
War rein und lind und haßte Hatz und Nessel,
Zum Lohne
Stach tief ein Wurm die Fessel.
Sie fiel und muß allein im kargen Schatten
So fern von meinem Honighort verkümmern,
Die Satten
Sind freundlich meist den Dümmern.
Doch ihr, die durstig ihr nach einem Grane
Beachtung, grüßt, daß mein sich wer erbarme,
Ich ahne
Die Zartheit eurer Arme.
Zwar werd ich euch nicht nahn und wohl es achten,
Daß ihr das Kleid euch rafft zu fester Schürze,
Ihr Sachten,
Gebt meinem Pfad die Kürze!
Ich will zum Herrn der sonnenlosen Heide
 

 

202
 
Und seiner Frau, die mitfühlt mit Entführten,
Daß beide,
Den Schmerz des Sängers spürten.
Gedieh mir das Geschenk Apolls zum Ruhme,
So will ich auch das härtste Herz bewegen,
Die Blume
Mir wieder heim zu legen.

ZYPRESSE: Im Kargen, aber ohne Sturm und Fröste
Beschweigen wir den abgeschiednen Garten,
Wer müd geworden, daß ihn Helios röste,
Der lernt bei uns das Dulden und das Warten.
Wir warten nicht, weil unsre Herzen hoffen,
Daß das Gesetz, das uns bezwingt, veraltet,
Wir sind nur für das Unbestimmte offen,
Das über aller Herrschaft steht und waltet.
Wir neiden nicht der Jugend Adlerschwingen,
Selbst wo sie fehlt, ist Fürsprech unsre Sache,
Wir hören dich so gern im Garten singen
Und wünschen, daß Eurydike erwache.

ORPHEUS (singt):
Ich ließ die Braut, zu jagen nach dem Vliese
Des Zeus im fern gelegnen Kolcherlande,
Nun kiese
Ich dafür Schimpf und Schande.
Ich fühle mich vom Himmel überlistet,
Der eine Blume köpfte vor der Blüte,
Es nistet
Mir Aufruhr im Gemüte.
Mein Lied ward Groll und meine Stimme bitter,
Ich sing den Göttern nur von meinen Schmerzen
 

 

203
 
Ein Splitter
Mir eitert überm Herzen.
Und was da singt, soll folgen mir im Chore
Und klagen wie mit meinem wunden Munde,
Im Ohre
Der Götter welk die Stunde.
Denn ihnen ist die Herrschaft überlassen
Den Äon lang doch nicht für alle Welten,
Sie prassen,
Als könnt sie niemand schelten.
Dies aber wird einst Klagelied und Reue
Für Donner, Dreizack oder Hadeskappe,
Im Heue
Verbrannt schon mancher Rappe.
Drum ists, wenn meiner Klage sie Erhörer,
Nicht gänzlich frei von einem Eigennutze,
Empörer
Beschwichtigt man zum Schutze.
Wird aber kein Erfolg dem Sängergrollen,
Als Knecht er euch nicht länger weiterliefe!
Soll rollen
Mein Haupt doch in die Tiefe!
Euch aber ruf zu Bürgen ich und Zeugen,
Wie ich die Schwestern rief im Sonnenhellen,
Denn beugen
Kann niemand mich, nur fällen!

ZYPRESSE: Im Abseits aller Welt, wo das Vergessen
Sich breitet in den Schatten, die flanieren,
Bewahrt allein das Hartholz der Zypressen
Und duldet nicht, daß alle bloß verlieren.
Man hält uns für Dekor und blasse Tröster,
 

 

204
 
Jedoch wir bergen mitten im Verdampfen,
Wir sparen, wo der Tauverschwender größter,
Sich rühmt, daß seine Rosse nächtens stampfen.
Wir werden dich zum Herrn der Weide bringen,
Der glücklich uns den Dichterfürsten mache,
Wir hören dich so gern im Garten singen
Und glauben, daß Eurydike erwache.


Fünfte Szene.
Orpheus, Hades, Persephone, Hermes

HERMES:
Da kommt er her, ich hab euch schon berichtet,
Doch gibts inzwischen weitres nachzuzusagen,
Er fühlt sich keinen Göttern mehr verpflichtet,
Gefällt sich in entsetzlichem Betragen.
Erst hat er unterm Stein die Wasserschlange,
Die dämmerte und nur zuzeiten stöhnte,
So eingelullt mit seinen Leiersange,
Daß sie ihm seinen Taxusstab verschönte.
Mit diesem Weiser hielt ihn keine Klippe,
Dem Acheron mit forschem Schritt zu nahen,
Dort hat riskiert er so die große Lippe,
Daß in Alarm, die diesen Hetzer sahen.
Der Fährmann drohte alles aufzugeben,
Hätt ich ihn nicht beschwichtigt mit Obolen,
Selbst was die Spinnen uns an Netzen weben,
Will dieser Räuber aus dem Reiche holen.
Und schließlich hat gehetzt er die Zypressen,
Sie mögen diesen Thron mit Macht zerschlagen,
Soll Kerberos den Unverschämten fressen,
Ich glaub, es gibt zur Sach nichts mehr zu sagen.
 

 

205
 
PERSEPHONE:
Laß uns den so Beklagten erst vernehmen,
Zum Urteil hats gewißlich keine Eile,
Er scheint mir seltsam frisch vor all den Schemen
Und lief doch ohne Rast so manche Meile.

ORPHEUS:
Ich grüß den Herrn der Nachtwelt und die Schöne
An seiner Seite, deren Weisheit preisen
Die Wurzeln wie die Wipfel, und die Söhne
Des Himmels weihn ihr ihres Schwertes Eisen.

HADES: Der Brauch will, daß ein Sterblicher gestorben
Erst trete her und Hermes ihn geleite,
Drum frage ich, was uns den Gast geworben.
Kommst du im Frieden oder her im Streite?

ORPHEUS: Wo ich geboren bin und aufgewachsen,
Ists Brauch, daß Klagen man dem König bringe,
Wenn Richter trifft Verdacht des allzu Laxen,
Und Hochgebornen drohen Beil und Schlinge.
Weil das beklagte Unrecht so geschritten,
Daß einzig Hades kann es revidieren,
Hab ich die Vorinstanzen abgeschnitten,
Um Zeit nicht bei Vasallen zu verlieren.

HADES: So klag zuerst, wir prüfen dann die Klagen
Die wider dein Gebaren sind erhoben,
Wir wollen nicht die Einzelheiten fragen,
Weshalb wir einen runden Vortrag loben.
Sag uns, woher du kommst und welche Zeugen
Die Widerrede der Verleumder bannen,
 

 

206
 
Wir wollen uns allein der Weisheit beugen,
Denn nur die Torheit schilt uns als Tyrannen.

ORPHEUS:
Ich komm aus Thrakien und des Flußgott-Fürsten,
Bin zweiter Sohn ich und des Thrones Erbe,
Die Haine der Rhodopenberge dürsten
Nach meinem Lied, in dem ich steh und sterbe.
Wer Demeter zur Mutter hat, wird kennen
Kalliope, die den Adonis-Hader
Geschlichtet, und sie meine Mutter nennen,
Darf ich und spürs in jeder roten Ader.
Ihr Griffel steht für herbe Elegien,
Drum ward auch mein Gesang nicht der des Hahnes,
Ich spüre eine Macht zu Prophetien,
Was kommen wird und was sich neigt, ich ahn es.
Im Haine stieg Eurydike vom Baume,
Sie spürte, daß sie mein Gesang erfülle,
Ich kannte sie aus meinem frühsten Traume,
Sie ließ für mich des Hages Laubicht-Hülle.
In dieses Glück bracht Hermes unverzüglich,
Mich in den Krieg um Kolchis fortzutragen,
Der Anspruch und der Feldherr schienen trüglich,
Doch fronte ich und wagte keine Klagen.
Die Jahre rannen, doch mein Herzblut wachte
Auf Leierklang, der spricht mein Wiederkehren,
Als es geschah, der ganze Hofstaat brachte
Dem Paare Gruß und allerhöchste Ehren.
Doch als nun Frieden lockte mit Gedeihen,
Den König hoffen ließ auf seinen Enkel,
Kam Aristaios, die Moral von Haien
Im Sack und suchte Kurzweil und Geplänkel.
 

 

207
 
Eurydike, zu schwach, um sich zu wehren
Sah Heil im Fliehn, der Tritt nach dem Reptile
Gab der Moira Grund, das Garn zu scheren,
Doch war es eine Falle, daß sie fiele.
Denn daß der Schutz der Ehrbarkeit sich mische
Mit solcher Fahr spricht wider alle Sitte,
Noch eben saß sie heiter an dem Tische,
Kabalenhaft die Flucht aus unsrer Mitte.
Drum bitt ich das Gebieterpaar der Schatten
Des Freispruchs für die Oread zu walten,
Eurydike zu einen mit dem Gatten,
Den Königsstamm der Thraker zu erhalten.

HADES:
Das Schicksal rührt mich sehr, obgleich die Würde
Des Totengottes niemand neid um Kunde
Von Härte, Leid, Verzweiflung, Furcht und Bürde,
Hier klagt das Sieche laut wie das Gesunde.
Als Frevler klag ich an den geilen Gecken,
Und Nemesis wird die Beschmutzung sühnen,
Auch jenen, die solch dreiste Schlingen strecken,
Droh einst das gleiche Los im tückisch Grünen.
Allein Geschehnes ungeschehn zu machen,
Hab ich kein Recht, denn sieh, würd ich gestatten
Eurydike in deinem Arm zu lachen,
So trägt die Erd gar viel betrogne Gatten.
Und kämen alle her, um zu verlangen,
Daß ich das Unrecht beßre und entschulde,
Ich müßte für die Treppenstufen bangen,
Und niemand weiß, wie lang ich dies erdulde.
Auch könnten dann die Toten, was vergessen
Zurück sich holn, denn alle Weltgeschichte
 

 

208
 
Bewahren, und ich weiß dies wohl, Zypressen
In ihres Holzes ungeheurer Dichte.
Nicht nur, daß praktisch keiner es bewältigt,
Rückwirkend allem Unheil zu entgehen,
Denn wie sich zwar der Frevel vervielfältigt,
Auf seinem Grund auch neue Rechte stehen.
So bringt der Eingriff in die Weltgesetze
Nur Wirrnis und macht so das Recht nicht besser,
Ein Gott zu sein, bedeutet: nicht verletze,
Denn tiefer schneidet deiner Willkür Messer.
Ich weiß, daß diese allgemeinen Fragen
Den Bittenden nicht trösten, ihm nicht nützen.
Doch glaube mir, wir alle müssen tragen
Und was wir tragen vor uns selber schützen.

ORPHEUS: Ich danke für den Blick in eure Seele,
Mir war nicht klar, was ich euch zugemutet,
Doch ihr erlaubt, daß ich euch nicht verhehle,
Wie sehr es mir in meinem Herzen blutet.
Wenn ihr gestattet, mög dem hohen Paare
Die Sangeskunst nicht vorenthalten werden,
Seit ich mit Liedern durch die Wälder fahre,
Verlangen dies die Hirten wie die Herden.
(Hades nickt, Orpheus singt):
Ein Baum steht tausend Jahr im Frohgemuten,
Er widersteht den Vögeln, Pilzen, Käfern,
Zu bluten
Bringt rasch den Geist zu Schläfern.
Eurydike war so von höchsten Gnaden
Und lachte grün mit jedem Frühlingstriebe,
Zum Schaden
Warn Opfer ihr und Liebe.
 

 

209
 
Wenn das Verhängnis ist die Menschenbürde,
So hab ich sie mit meinem Lied erschlagen,
Sie würde
Noch lange Blüten tragen.
Ich habe ihr die Liebeslust versprochen,
Und sie verfiel mir, meinen Wunsch erhörend,
Gebrochen
Hab ich den Eid schon schwörend.
Drum denk ich, ist mit dieser Schand erläutert,
Das Mensch als großes Unrecht unterm Himmel,
Er meutert
Wie Zunder oder Schimmel.
So will ich nun als Schatten gehn und büßen
Den kleinsten Teil von meinem großen Frevel,
Vom Süßen
Mich kehrn zu Pech und Schwefel.
Und dringt von mir die Kunde je nach oben,
So laute die, man tilg die Gottesgaben,
Das Loben
Soll man ganz tief vergraben.
Der Reim von dieser traurigen Geschichte
Sagt, daß die Kunst uns einzig führt zum Tode.
Vernichte
Die Elegie, die Ode!

HADES: Unsagbar schön, ich möchte gehn und weinen.
Warum ist alle Traurigkeit so traulich?
Warum will uns der Schmerz das schönste scheinen?
Sag Herz, wie zeigt sich diese Einsicht fraulich!

PERSEPHONE:
Der Widerspruch dem Apfel macht die Kerne,
 

 

210
 
Er schneidet sich durch jeglichen Gedanken,
Wir meinen, daß die Treu ihn halt uns ferne,
Doch nichts macht frei vor den geheimen Schranken.
Im Haupte stehn als Feinde Recht und Treue,
Das Herz will, daß die Lyra nicht verklänge,
Und wenn ich auch das Gift der Lüge scheue,
Es scheint, als ob es mir die Wahrheit sänge.
Zu stolz war Aristaios, um zu haschen
Die Fliehende: Gelegenheit gibts weitre!
Nur Orpheus sah das Antlitz falb veraschen,
Und wer die Schlinge legte, daß sie scheitre,
War wohl kein Mensch, es wissen nur die Götter
Vom Paare abgesehn von diesem Tode,
Wie wir entscheiden, hört gewiß kein Spötter
Drum fürchte nicht die Revisionslust-Mode.
Im Einzelfalle das Gesetz zu brechen,
Erscheint mir milder als das Musenende,
Man hüte sich, unmöglich auszusprechen,
Wenn man sich selber bindet seine Hände.

HADES: Dem Manne ists beschieden, daß er liebe,
Die List des Weibs schafft ihm ein dumpfes Grauen,
Doch ist es eigentümlich seinem Triebe,
Auf dieses Graun sein stolzes Haus zu bauen.
Ich will mich der Natur nicht widersetzen,
Auch wenn ich weiß, ich werd es bitter büßen,
Drum werd ich heute das Gesetz verletzen
Im Rausch am Holden und am Bittersüßen.
Eurydike sei frei, mit Hermes trabe
Sie nach der Sonne hinter deinem Schritte,
Doch höre, was ich dich zu warnen habe,
Denn ich gewähre keine weitre Bitte:
 

 

211
 
Sieh nie dich um, wenn du die vielen Stufen
Hinaufgehst, eh die Amsel mailich flötet,
Wagst dus, die Unsichtbare anzurufen,
So hast du sie für immer dir getötet.
Ich schließe die Verhandlung und ich gehe.
Ich will nicht hören, was da sonst verbrochen.
Der Tag mit seiner Nacht davor verwehe!
Nun gehet hin! Der König hat gesprochen.
(Alle ab.)


Sechste Szene.
Orpheus, im Abstand Eurydike und Hermes mit Fackel.

ORPHEUS:
Der Fährmann sprach kein Wort und auch die Blenden
Sind wie erloschen in der aschnen Fahle.
Mag denn der Weg nach oben niemals enden!
Wie leert man eine randgefüllte Schale?
So düster ist, mich frösteln, das Umarmen
Ersehn ich so und muß doch laufen, laufen.
Ob ich einst ankomm, heiter, froh im Warmen?
Vielleicht will man mich auch für dumm verkaufen?
Wenn ich doch schauen dürft die holde Leichte!
Wies Eichhorn klettert auf dem Kiefernaste,
Ich meinen Hain, der frühlingsfroh, erreichte!
Doch Blei im Blut heißt immerfort mir: Raste!
Ganz ohne Mut kann niemands Werk gelingen,
Und sei es nur der Lauf von einer Meile.
Ich darf ihr nicht von meiner Freude singen,
Dies diente ganz gewißlich nicht dem Heile.
Wärn wenigstens vernehmbar ihre Tritte,
 

 

212
 
Ich bin geschaffen nicht für tote Ohren.
Ich bin allein, dies sagen meine Schritte,
Unglücklich und wohl besser nie geboren!
(schweigt und lauscht):
Wenn ich mir just Gewißheit hier verschaffte,
Würds in der Fahle Argos nicht bemerken,
Die Lähmung ich nicht länger noch verkrafte,
Ein Fünkchen Lug tut wohl den guten Werken.
Dort an der Windung muß ich halb mich drehen,
Ein bißchen mehr, das tut sich von alleine,
Ich werde nur die Haare flattern sehen,
Dann wird mir wohl hinauf zum Sonnenscheine.
Es ist verboten, spricht in mir der Meister,
Doch weiß die Not, ich breche bald zusammen.
Der wunde Knöchel wird mir immer feister!
Mir wird die Haut knapp zwischen all den Schrammen!
Kann Not sich steigern, wo doch unerträglich
Sie gab der Tag im Falle und Verflattern?
Doch wem das Leid unsingbar und unsäglich,
Der folge nicht dem Rächerbiß der Nattern!
Ob das Gebot mich hindern soll zu wissen,
Daß seine Gnad nur eine leere Geste?
Daß jene, die die Schlange hat gebissen
Ein Schatten bleibt, indes der Leib verweste?
Halt ich mich ans Gebot, weil ich vermute,
Ein leerer Raum würd mich zu Tode stürzen?
Wärs dann nicht klug, wenn es mich jetzt geruhte,
Mein Leiden bis zum Ende abzukürzen?
Ich schwanke hin und her nicht nur im Geiste.
Vielleicht ein bißchen weiter an der Ecke?
Ein Glück ists stets, wenn offenbar das meiste!
Dann flieg ich oder bleibe auf der Strecke.
 

 

213
 
Der Mensch denkt immer an die Konsequenzen,
Doch macht ihm dies nichts leichter zu entscheiden,
Er weiß die Seite nicht, da seine Grenzen,
Drum wählt er oft das ungewisse Leiden.
Ob es geringer, wenn er alles wüßte?
Die Götter sah ich nicht als leichte Herzen,
Den Sterblichen zersprengte es die Brüste,
Wär tiefre Einsicht in den losen Scherzen.
Nur Hermes, der durch jedes Reich sich windet,
Scheint mir so kalt, daß ich ihn hab zum Feinde,
Doch wer die Seelen bloß im Auftrag schindet,
Wird mild beurteilt in der Leid-Gemeinde.
Daß ihn der König auf den Hals mir hetzte,
War recht infam, doch war die Widerrede
Mir nicht gestattet, und das so Gesetzte
Beendet mir das Licht mit aller Fehde.
Ach käm es doch, wär da ein Spalt im Schiefer!
Zu blinzeln ist das schönste aller Spiele,
Es scheint mir fast, als käm ich immer tiefer,
Und eingebildet wären alle Ziele.
(Pause.)
Ich bin erschöpft, ich muß mich irgend stärken.
Wie Tantalos ein Gran entfernt vom Heile,
Kann mich gewiß selbst Hermes nicht bemerken,
Wenn ich erhasch von Bild nur eine Zeile.
Daß ich ihn trüg, muß keineswegs beschämen,
Er trog mich oft und ist der Gott der Diebe,
Darf uns ein Blick, ein winzig kleiner, grämen,
Der uns verheißt die Göttlichkeit der Liebe?
Darf man die Liebe zum Gedulden zwingen?
Und war nicht mein Gedulden einst im Kriege
Allein der Weg, das Unheil herzubringen,
 

 

214
 
Die Zeit, das Aristaios mich besiege?
Ich will mich kehrn mit einem raschen Rucke,
Wenn ich dem Tropfstein auszuweichen habe,
Und wenn ich Mut und Lebenskräfte schlucke,
So flieg ich wie ein Adler aus dem Grabe.
(Pause.)
Noch zweifel ich, noch bin ich unentschieden.
Als ob genug an Rat mich nicht zerriebe!
Ins offne Feuer stürzen die Sphingiden,
Was ihnen Licht, dem Sänger ists die Liebe.
Und ich bemerk, ich wandere im Kreise . . .
Ja sicher, diese umgestürzte Urne!
Und hier! ich sah schon einmal diese Schneise
Und diesen Grat, auf dem schwindelnd turne.
Ja zweifelsfrei, ich bin im Labyrinthe
Dem eignen Weiser auf den Leim gegangen.
Nun sage mir: Setzt wieder wer die Finte?
Es könnte sein, ich habe mich verfangen.
Der Eibenreiser brennt, als sei am Ziele
Ich fast und doch sind nirgends Tau und Winde.
Die Hydra wohl umkreis ich, doch dem Kiele
Fehlt Kraft zu bannen eine letzte Binde.
In diese Tiefe kam ich selbst von draußen,
Unmagisch, nur vertrauend dem Verstande,
Säß mir im Nacken nicht das kalte Grausen,
Ich wär schon längst in meinem Heimatlande.
O Götter, gebt ein bißchen Mut dem Gatten,
Ein Härchen bloß, ein Fädchen von dem Kleide!
Würf diese Trübnis einen Mondesschatten,
Er reichte, mich zu lösen von dem Leide.
Ich muß sie sehn, und das Gebot erloschen
Muß sein, wo ich den Hain schon dunkel rieche,
 

 

215
 
Man hat die Seele lang genug gedroschen,
Nun festigt mir das Kreuz, daß ich nicht krieche.
(Er sieht sich um.)

HERMES (faßt Eurydike hart an):
Ich wußt es gleich, jedoch die Weiberknechte
Wahrhaben nicht, daß Dumme bloß zu Dümmern.
Die Leier! Des Erfinders eigne Rechte
Den Dilettanten meistens wenig kümmern.
Doch fahre hin! Du wirst dich selber richten!
Nun labre nicht aufs neue von Verschwörern!
Ich mach es kurz, ich habe größre Pflichten.
Du bist jetzt wieder ganz bei deinen Hörern.
(Lacht und geht mit Eurydike ab.)

ORPHEUS (stürzt Hermes nach, eine Wand stürzt
krachend dazwischen, an die er ohnmächtig schlägt)
:
Verfluchter Hund, du Dieb und Überlister,
Du Fallensteller auf geweihten Wegen,
Im Götterstaat fürs Ärgste der Minister,
Sind Stymphaliden Störche mir dagegen.
Noch einer wird nach mir zum Hades kommen,
Dann ists an dir zu betteln und zu zittern,
Wenn Groll erfaßt die Dulder und die Frommen,
Darbst du allein im Donnern und Gewittern.
(Die Kräfte verlassen ihn und er schluchzt immer leiser.
Die Grotte öffnet sich langsam und ein Sonnenstrahl fällt
auf ein frisch gehäuftes Grab mit vielen Blumen.)

 

 

216
 


DRITTER AUFZUG
Brunnen vor dem Palast des Königs. Reger Schöpfbetrieb. Die Leute kommen und gehen. Nahebei ein Zypressenwäldchen.

Erste Szene.
Orpheus, Oiagros.

OIAGROS:
Mein Sohn, dein Gram wird Ärger unserm Reiche,
Du weißt, mein erster ward im Zorn erschlagen,
Ich mahne dich: Nun stell die rechte Weiche,
Daß unser Haus sei froh in manchen Tagen.
Die Gattin hat den Erben nicht geboren,
Drum wird es Zeit sich wieder zu vermählen,
Die Frauen haben Augen, nicht nur Ohren,
Drum sollst mir von den Reizen nichts erzählen.
Ein alter Mann, der weiblos, ohne Kinder,
Taugt nicht nur nicht zum König, ganz erbärmlich
Verhöhnt er das Geschlecht und seine Lenden,
Das Haus nennt einzig ein Olympier ärmlich,
Drum laß uns rasch das böse Schicksal wenden.

ORPHEUS: Sie wartet mein im Hades, also sollte
Das Licht auf diesem Leibe rasch versiechen,
Wenn je ein Gott das Glück des Hauses wollte,
Müßt ich nicht wie ein Hund zum Brunnen kriechen.

OIAGROS: Die Götter sind nicht faßlich mit dem Maße
Des Menschen, der sich stellt in andre Ringe,
Mal leuchten sie auf deine frische Straße,
 

 

217
 
Dann wieder spürst du nur die dunkle Schwinge.
Was sie uns wollen, such nicht auszumachen,
Es bleibe dir verborgen, ward entschieden,
Doch steht am Ende allen Grams das Lachen,
Und dem Gemetzel folgt der goldne Frieden.
Dir stehts nicht an, der Besserung zu harren
Als Tatenloser, der sich selbst betrachtet,
An Unverdientes glauben bloß die Narren,
Drum sag dem Volke: Schaut, was ihr vollbrachtet!
Vom Prinzen wird verlangt, daß er sich binde,
Die Totentreu ist eine blöde Grille,
Die Trauerzeit ist um, daß man sich schinde,
War niemals Götter- oder Schicksalswille.

ORPHEUS: Vor Hades sagt ich aus und stand gerade,
Der Baum hat tausend Jahre um zu blühen,
Ich freite eine junge Oreade
Und brachte sie zum Tod, zum schmählich frühen.
Das mindeste, was ich ihr dafür schulde,
Ist unvermählt zu bleiben, bis ich sterbe,
Drum hoffe nicht, daß ich Verändrung dulde,
Halt anderorten Schau, daß dir ein Erbe.

OIAGROS: Ich wollt es allzu deutlich nicht bekennen,
Doch deinen Starrsinn endlich aufzuweichen,
Will ich dir jetzt den wahren Grund benennen,
Daß ich nicht zähle zu den Kinderreichen.
Als du geboren, kam ein böses Fieber,
Ein Schnitt nur hat die Kreißende gerettet,
Du wurdst ihr letzter, also hör, mein Lieber,
Ich ward an meine Söhne so gekettet.
Der eine starb, der andre will nicht zeugen,
 

 

218
 
Soll ich die Mutter also drum verlassen?
Ists besser, einer Zweitfrau sich zu beugen,
Weil alt und jung so gut zusammenpassen?
Plädierst du für die dritte Variante,
Das Haus stirbt aus, es wird sich einer finden,
Vielleicht gibts gar auf Inseln noch Verwandte,
Die sich das Palmblatt auf die Stirne binden?
Es hängt an dir, da gibt es kein Verrücken,
Enttäusch die Baumfrau, richt das Haus zugrunde,
Du kannst dich um Entscheidung nicht mehr drücken,
Das ist im Volk schon längst in aller Munde.

ORPHEUS: Ich kann die Götter nicht um Rat befragen,
Ich habe sie verflucht und ihren Boten
Besonders und so bleibt mir nur zu klagen
Und mich zu sehnen nach dem Abendroten.

OIAGROS: Die gleiche Leier stets, du gehst im Kreise,
Treppauf, treppab, und immer die Oktave,
Dasselbe Lied und stets auf gleiche Weise,
Ich hörs sogar schon mitternachts im Schlafe.
(Ab.)


Zweite Szene.
Orpheus, Ampelos.

AMPELOS (mit einem Krug Wein):
Da sitzt du einsam, wettertrüb und neblig,
So stumpf, daß dir die Züge fast entglitten.
Doch welch ein Glück! Du wartest nicht vergeblich,
Grad kommt ein guter Freund dahergeschritten.
 

 

219
 
ORPHEUS: Ein guter Freund? Ich bin mir völlig sicher,
Noch niemals hab ich den Geselln gesehen.
Enttäuschen muß ich dich, doch fürchterlicher
Wärs, blieb dein Irrtum unerhellt bestehen.

AMPELOS: Ich bin der Freund von allen die verlassen,
Wer mich nicht kennt, der wird mich bald schon kennen,
Du sitzt so ohne Hoffnung auf Terrassen,
Doch bald soll deine Leuchte wieder brennen.

ORPHEUS: Wie ist zu tun, daß ich befreit und heiter?
Fast lockt mich der Versuch zu diesem Truge.

AMPELOS:
Zuerst ein guter Schluck, dann sehn wir weiter.
Ich habe guten Vorrat hier im Kruge.

ORPHEUS:
Was ist da? Schaut nach Blut und riecht doch fruchtig,
Die Hekate braut solche dunklen Tränke.

AMPELOS:
Ja, dieser Krug ist herrlich prall und wuchtig,
Ich bin dein Freund, denn ich bin dir der Schenke.
Es ist kein böser Geist, der dich verlocke,
Nur ein Einschleirer, der dich gibt dir selber.
Es ist der Wein. Von einem Rebenstocke,
Ganz dunkel der, doch mancher ist auch gelber.
Mein Gott hat diese Stöcke uns gegeben,
Und ihn zu ehren, wolln wir Weinlaub tragen,
Glaub mir er geht ans Böse, nicht ans Leben,
Drum sollst nicht lang nach einem Schlucke fragen.
 

 

220
 
ORPHEUS: Ich hab, ganz offen, finstere Erfahrung
Mit Bringern von Kultur aus fernen Landen,
Drum bleib ich lieber bei der Sitten Wahrung,
Sonst geht auch noch der Rest von mir zuschanden.

AMPELOS: Von Aristaios, denk ich, willst du sagen,
Der war so eitel wie ich freund den Armen,
Die Unverschämtheit soll dich nicht mehr plagen,
Für Hades schickt sich einzig das Erbarmen.

ORPHEUS: So ist er tot? Wie ist er denn gestorben?

AMPELOS: Ganz heimlich sprang er wohl in eine Spalte
Für das Gerücht, Zeus hab ihn abgeworben,
Bevor er im Gesicht die erste Falte.
So gehts dem Eitlen, dem allein der Leute
Geschwätz ist die Substanz, die ihn beseligt.
Denk das Gelächter dieser wilden Meute,
Wüßt sie, daß sie ihn nun zu Tod befehligt.

ORPHEUS: Gelächter ist ein Gnadenstoß dem Härmer,
Ich will den Trunk aus deinem Krug nicht meiden,
Es macht den Armen ganz gewiß nicht ärmer,
Mit dem Gebräu von seinem Feind zu scheiden.
(trinkt während es mählich dämmert)
Ein bißchen faulig, etwas wie verdorben,
Doch seltsam wie ein unbekanntes Reifen,
Nun hast du den Genossen angeworben,
Nun will ich den Geschmack auch ganz begreifen.
(trinkt erneut)
Mir werden taub der Gaumen und die Zunge,
Doch wächst der Durst und tuts bei jedem Schlucke.
 

 

221
 
AMPELOS:
Nimm diesen nicht im allzukühnen Schwunge,
Sonst schläfst du ein und dies mit einem Rucke.

ORPHEUS:
Man muß wohl lernen, diesen zu gebrauchen,
Das ist ja wie das Spiel auf meiner Leier.

AMPELOS (trinkt Orpheus zu):
Ja, in der Tat, dasselbe Untertauchen,
Die tiefe Lust und unbedingte Feier.
Es wäre schön, wenn du von deinem Schatze
Den Mund mir nicht nur wäßrig machtest. Spiele!
Dies macht gewiß aus der Satyrenfratze,
Daß sie nicht länger unverständig schiele.

ORPHEUS (trinkt):
Ich will es dem Gefährten nicht verweigern,
Mein Teil zur guten Stimmung beizutragen,
So wie im Wein sich alle Sinne steigern,
Will ich den Hymnus auf ihn selber wagen.
(singt bis die Nacht hereinbricht)
Es wohnt ein Gott im dunkeln Saft der Rebe,
Er weiß Adepten köstlich zu begeistern,
Erlebe
Das Frohe nun im Dreistern.
Die Zunge schwillt, um dann sich ganz zu lösen,
Dem Leib gefällts, von innen sich zu tunken,
Die Bösen
Sind steif und niemals trunken.
Er mischt in uns die Wachheit mit Vergessen
So hold, daß wir uns ganz der Freude schenken,
 

 

222
 
Sag, wessen
Soll ich in Trauer denken?
Wer frei ward, muß nicht mehr die Knie beugen,
Er ist ein Gott, bewahrt von aller Schwere,
Wir zeugen
Das Traumreich in die Leere.
Wir rüsten uns und reihen uns im Tanze,
Wo die Musik wird Helferin dem Weine.
Im Glanze
Persephone erscheine!


Dritte Szene.
Orpheus, Ampelos, Mänaden mit Fackeln.

ERSTE MÄNADE:
Wer lehnt gelassen an dem Königsborne?
Wie Bakchos scheint er selig und betrunken.
Wir schaun den Knaben einmal an von vorne,
Oft wills die Furcht, daß einer so versunken.

ZWEITE: Ein hübscher Kerl, unkundig wohl der Maße,
Er ließ sich bei dem Trunke mächtig gehen,
So einen findst du nicht in jeder Straße,
Doch leider kann er seinen Mann nicht stehen.

DRITTE:
Dies käm auf den Versuch an, meine Schwestern,
Der Weingott liebt die Räusche vielgestaltig,
Ich fand so einen Zecher grade gestern,
Der übergab sich und war dann gewaltig.
 

 

223
 
VIERTE: Was warten wir? Nichts wie ihm auf die Pelle,
Er wird uns schon nicht allzu arg bekleckern,
Nur wer das Glück erfaßt und zwar das schnelle,
Hat hinterher auch keinen Grund zu meckern.

ERSTE: Ich hab zuerst erspäht das Abenteuer,
Drum bin ich auch beim Streicheln hier die erste,
Wir werden sehn, ob sich erhebt das Feuer,
Daß allzurasch die feste Kruste berste.
(tätschelt Orpheus das Haupthaar.)

DRITTE: Mit solcher Sanftheit ist da nichts zu machen!
Drück ihm die Brüste fest in seine Nüstern!
Soll einer aus dem Vollrausch dir erwachen,
So nutzt es nicht, ins Ohr ihm was zu flüstern.

AMPELOS:
Ihr Schönen, mein Kumpan ist wenig päßlich,
Drum mögt ihr an den Frischeren euch halten.

ZWEITE MÄNADE:
Wir brauchen keinen Bock, der derb und häßlich,
Wir wollen uns erwärmen, nicht erkalten.

FÜNFTE: Was für ein seltnes Paar ist da am Saufen,
Ein geifernder Verlebter und ein Junger,
Es scheint, als wollte wer den andern kaufen,
Doch weil der durstig, blieb ihm selbst der Hunger.
(Alle lachen und schmiegen sich an Orpheus.)

ERSTE: Der muß doch etwas merken, alle Männer
Sind da empfindlich, wenn sie keine toten.
 

 

224
 
ZWEITE: Ich glaube, diesen vollgesoffnen Penner,
Weckts nicht mal auf, die Knochen ihm zu schroten.

DRITTE: Dann ist es Pech, man komme eben früher,
Eh dieser Schelm so dreist den Schenken spielte.

VIERTE: Ein neuer Tag, und wiederkehrt der Blüher,
Der Pfeil trifft manchmal später als man zielte.

AMPELOS: Den Wein nicht pönt, er ist gewißlich heilig.
Sein Reich ist nicht das eure, meine Schnepfen.

ERSTE MÄNADE:
Man trinke gut, doch trinke man nicht eilig,
Es sei denn, es gefällt an euern Näpfen.

FÜNFTE: Der dreiste Kerl, er sollte hier verschwinden,
Man rufe wider dies Geschmeiß die Wache.

AMPELOS: Dies ist gewiß nicht nötig zu befinden,
Weil grußlos auf den Heimweg ich mich mache. (Ab.)

DRITTE MÄNADE:
Der Vollmond steigt, viel Brunft ruft in den Straßen,
Drum laßt uns keine weitre Zeit verschwenden,
Der Wein macht scharf, doch nur in rechten Maßen,
Sonst herrscht die Blase einsam in den Lenden.
Das Fazit bleibt die schlaffgesoffne Rute
Am Hübschling, zu verwechseln einer Leiche,
Allein bei Hengsten wiehert eine Stute
Und sie verlangts nach keinem andern Reiche.
(Alle Mänaden ab. Vollmond über den Zypressen.)
 

 

225
 
Vierte Szene.
Orpheus, Eurydike, Zypressen.

ZYPRESSE: Erwache Orpheus, unserem Versprechen
Entsprachen wir und grüßen aus dem Schatten,
Eurydike wird gleich ihr Schweigen brechen,
Du siehst sie leicht auf unsern Rasenmatten.

ORPHEUS (mit schattenhaften Bewegungen):
Zypressen ihr, geschwisterlich den Eiben,
Ich danke euch wie einst für alles Gute,
Eurydike gedenkt ihr zu verleiben,
Wie wird mir angst und bang dabei zumute.

EURYDIKE:
Der Vollmond läßt dich klar und deutlich sehen,
Ich komm und treff dich heil an diesem Borne,
Ich lausche und mich hindert am Verstehen
Kein Eber und kein Höllenhund im Zorne.

ORPHEUS: Seit Wochen mag ich tausend Dinge sagen,
Doch jetzt ist mir der Mund fast wie versiegelt,
Ja, eins will ich zuallererst dich fragen:
Ist dein Gefängnis dauerhaft entriegelt?

EURYDIKE: Was ist denn Dauer? Bin ich im Momente,
So werd ich sonst auch folgen deinem Rufe,
Die Dauer ist ein Wort für Elemente,
Nicht Wünschen, die zu sterblichem Behufe.

ORPHEUS:
Du sprichst so kalt. Einst warst du voller Feuer,
 

 

226
 
Gesogen voll mit Sonnenlicht im Hage.
Ist dein Verweilen jetzt nicht ungeheuer?
Sag an: wie überstehst du deine Tage?

EURYDIKE: Für Eiben, die der Wind begabt zu singen,
Ists Dämmerlicht dem oben nicht so ferne
Wie dir, der breiten will die Adlerschwingen
Und greifen will, am liebsten auch die Sterne.

ORPHEUS: Ja, fehlt dir nicht der Sonne hartes Brennen,
Das Hörnchen, das umherwirft mit den Zapfen,
Die Pilze, welche Eiben trefflich kennen,
Die Wandrer, die durchs dürre Dickicht stapfen?
Willst du nicht, daß dich anspricht eine Stimme,
Die weiß, du bist so scheu und so verhalten?
Ja, fehlt dir nicht Gesumm von mancher Imme,
Die sucht ein Astloch, um im Stamm zu walten?

EURYDIKE: Ich misse nichts und suche keine Sorge,
Mein Wesen wird vom Wohnort nicht betroffen,
Es macht mich froh, daß ich nichts Fremdes borge,
Um mich in diesem dürftig zu verstoffen.

ORPHEUS: Eurydike, du sprichst wie ein Orakel,
Das im Verdacht, daß es dem Pilger spotte,
Hast du vergessen, welches Mordsspektakel
Dich trieb in diese jammervolle Grotte.

EURYDIKE: Ich tat nie anders und es hat gefallen
Dir, als ich stand verzweigt und rindenästig,
Ich kann zurückgehn in die Dämmerhallen,
Wenn dir die einst Geliebte heute lästig.
 

 

227
 
ORPHEUS: Eurydike, ich liebe deine Weise
Dich auszudrücken und die Welt zu spiegeln,
Doch kalt wardst du auf deiner langen Reise,
Ich fürchte fast, du kannst dich nicht entigeln.
(Er faßt sie an der Hand, worauf sie erbleicht und entschwindet.)

ZYPRESSE:
O weh, du darfst die Kehrende nicht fassen,
Du bannst sie mit dem blutig harten Griffe,
Wir dürfen dich nicht also tölpeln lassen,
Sonst sinken wir mit ihr im selben Schiffe.

ORPHEUS:
Von Nicht-Berühren ward mir nichts gesprochen,
Ich hätt es auch aus reiner Scheu vermieden,
Doch ist sie so verändert und zerbrochen,
Da war zu prüfen, ob die Pulse sieden.
Dort brauch ich keinen Arzt bei dieser Kälte,
Das Trugbild kann mein wundes Herz nicht heilen,
Sie hat gesorgt, daß ich Gespenst nicht schelte
Dies Bild in ihrem raschesten Enteilen.

ZYPRESSE:
Was suchst du Sänger, der uns pönt wie keiner,
Sie war dir fromm und lieblich und gewogen,
Die Kälte ihrer Hand stammt doch aus deiner,
Du kriegst die Karte, die du selbst gezogen.

ORPHEUS: Ich hab genug von dämmernden Zypressen,
Ihr seid doch nur die Ausgeburt des Weines,
Es scheint mir wirklich besser zu vergessen,
Ich pfeife auf die Perfektion des Scheines.
(Dicke Wolken verdunkeln den Mond.)
 

 

228
 
Fünfte Szene.
Orpheus, Kalliope am neuen Tag.

KALLIOPE:
Mein Sohn, ich seh dich endlich wohlbehalten,
Du schliefst die letzte Nacht nicht im Palaste,
Mir schwanten da die ärgsten Schreckgestalten,
Weil hart der Vater seine Rede faßte.

ORPHEUS: O sag dem Vater bitte, daß entschieden
Ich hab und zwar gehorsam seinem Sinne,
Er wähle eine Frau für mich in Frieden,
Daß ich das Werk des Stammerhalts beginne.

KALLIOPE:
Du kennst mich nur als Mutter. Doch die Musen
Sind nicht so bienenhafte Dienerinnen,
Wie Dichter sagen, die von ihrem Busen
Behaupten, daß da Milch und Honig rinnen.
Die Frauen hält man selten für Tyrannen,
Dies wohl, weil sie nicht laut und schneidend sprechen,
Doch strenger sie die Ordnung sich ersannen,
Der Langmut und Saumseligkeit Verbrechen.
Als Muse bin ich keine von den Täubchen,
Das so ein Recke wickelt um den Finger,
Ich wußte stets: ich bin im All kein Stäubchen,
Und brauche keinen Maß- und Formenbringer.
Ich sag dies, um des Vaters Müh zu zeigen,
Er warb um mich mit Winkeln und Gelenken,
Die selten nennt einer junger Mann sein eigen,
Und hielt nicht ein, sich neue auszudenken.
Er hob sich weit aus dem, was seine Väter
 

 

229
 
Je wagten, um die Schönste zu gewinnen,
Er trieb den Tag und suchte nie ein Später
Und kämpfte wie ein Leu mit allen Sinnen.
Vielleicht ist dieser Kampfgeist dir entgangen,
Weil nach dem Siege üblich ist der Frieden,
Doch seh ich seine Stirn und seine Wangen,
Verzaubert mich der Mut des Ikariden.
Zusammenfassend geb ich zu bedenken,
Dein Vater ist ein Mann, für den die Liebe
Der höchste Gott, dem Minderes zu schenken,
Der ärgste Frevel aller Zeiten bliebe.
Darum hast du ihn gründlich mißverstanden,
Zu meinen, daß er pferche dich als Bullen,
Dir kam die Lieb als Lebenskraft abhanden,
Drum pön ich deine eingespielten Schrullen.

ORPHEUS:
Ich bin verzweifelt, Mutter, ich verschmachte!
Man gab mir Wein, den ich zuvor nicht kannte,
Der erst mich rettungslos betrunken machte
Und dann den Traum in reinster Klarheit sandte.
Eurydike, mein Herz, kam von Zypressen
Geleitet aus dem düsteren Verliese,
Sie hat so sehr ihr Innerstes vergessen,
Als ob Hephaist mir seine Asche bliese.
Nun seh ich klar, es gibt kein Wiederholen,
Der Tod kann mich der Liebsten nicht vereinen,
Unwiderruflich ist mein Herz bestohlen,
Und darum kann ich nicht einmal mehr weinen.

KALLIOPE: Der Tod ist nie das Mittel um dem Tode
Zu fechten, denn dies frommt allein dem Leben,
 

 

230
 
Von Treu und Trauer nährt sich der Rhapsode,
Doch alle die er lauschen läßt und schweben,
Sie könnens nur, weil völlig nicht erloschen
Die Flamme, die begierig nach dem Glanze,
Wird aber längst Gedroschnes neu gedroschen,
Verfalbt die Melodei zum Totentanze.
Zwar ist dein Herz verwundet, doch im Haine
Webts fort und wandelts, atmet jede Pore,
Nach innen treibt der Löscher dich im Weine,
Nach draußen findst ein offnes Tor im Ohre.
Eurydike, du durftest sie erkennen,
Weil du so frei warst und so ungebunden,
Läßt du die Flamme unvermindert brennen,
Hat dich der Pfeil des Eros rasch gefunden.

ORPHEUS:
Doch ein Geheimnis heg ich, das der Liebe,
Der neuen, immerfort entgegenstünde,
Wie furchtbar, wenn es gut versiegelt bliebe,
Wie furchtbar, wenn die Heimlichkeit entschwünde:
Ich war im Hades, sah die Herrscher thronen,
Ich kenne ihre harten Argumente,
Ich brachte sie dahin, mich zu belohnen,
Mir wurde eins das allgemein Getrennte,
Und nun das Fazit dieses Überhebens,
Es lautet, daß die Treue die Chimäre,
Ich weiß nun, daß es das Gesetz des Lebens,
Zu tun, als ob die Treue wirklich wäre.

KALLIOPE:
Du kamst zum Thron und hast nicht draufgesessen,
Dies ist ein großer Unterschied, mein Lieber,
 

 

231
 
Was offenbart im Angesichte dessen,
Ist wenig mehr als Untertanen-Fieber.
Einst wird wer kommen, sterben, auferstehen,
Doch nicht begnadigt von den alten Herren,
Er wird als Sturm durch die Zypressen wehen
Und Hades von den Marmorstufen zerren.
Er wird die Nekropolengrotte sprengen,
Und jene, die ihm treu und ihrem Worte,
Sie treten, ohne Haar und Haut zu sengen,
Im Lobgesange durch die Himmelspforte.
Und wenn man glaubt, daß diesem dies gelänge,
Ist Treue möglich, immer und schon heute,
Ist zweien klar, daß sie der Tod nicht fänge,
So hat der Tod verloren Recht und Beute.

ORPHEUS:
Schwer dies zu glauben, schwerer noch zu finden
Die Frau, die solches heiter mit mir trüge,
Erschreckt mit Größe ein gebotnes Ringen,
So greift der Mensch doch gerne nach der Lüge.
Gleichwohl, ich wills bedenken und besinnen
Und lauschen, obs erklingt in meinen Liedern,
So mag auch die Geschichte neu beginnen
Und mich und den, der kommen wird, befiedern.

KALLIOPE:
Versuch es, denn der Glaube ist die Gnade,
Der denen wird, die reine Herzen regen,
Sei dir für alles Mindere zu schade,
Und glaube an den unumschränkten Segen.
(Sie geht langsam ab. Orpheus legt sich flach und starrt
in den wolkenlosen Himmel.)
 

 

232
 
Sechste Szene.
Orpheus, Mänaden

ERSTE MÄNADE:
Sieh einer an! Und heute Sternengucker?

ZWEITE: Ich glaube ehr, es ist ein schwerer Kater.

DRITTE: Doch Augen hat er wie ein Feuerspucker!

VIERTE: Er sinnt vielleicht darüber, wer sein Vater.

ERSTE: Vielleicht ist das Gehör mit Harz verkrustet.

ZWEITE: Er träumt von Weine in Gigantenkrügen.

DRITTE: Der hat gewiß noch gestern Blut gehustet.

VIERTE: So langsam muß die Ruhe doch genügen!

FÜNFTE (mit einem Krug Wein):
Ich mein, ein bißchen wird gewiß nicht schaden,
Den Träumer von den Träumen aufzuwecken!

ERSTE: Flöß dus ihm ein, ich halt derweil die Waden,
Daß er nicht tobt, wenn wir ihn so erschrecken.
(Sie machen sich an ihm zu schaffen.)

ORPHEUS:
Was geht hier vor? Was habe ich zu schaffen
Mit euch, die ihr mich stört in meinem Sinnen?
Ich mags nicht, wenn mich Fremde so begaffen,
Was wollt ihr mit dem Gürtel denn beginnen?
 

 

233
 
ZWEITE MÄNADE:
Vielleicht dich hängen? Dorten an der Schöpfe?
Ists üblich nicht, daß man auf offnem Markte
Die Opferlämmer striegelte und köpfte
Und dann das Blut in Blumenbeete harkte?

ORPHEUS:
Ein Opferlamm? Vergeht euch nicht am Prinzen!
Der König wird die Stadt euch niederbrennen,
Verwechselt nicht den Schierling mit den Minzen,
Ihr solltet wahrlich eure Herrschaft kennen.

DRITTE MÄNADE:
Was heißt hier Herrschaft? Diese Impotenten?
Das Königshaus stirbt aus, ganz ohne Frage.
Der Demos dann beschließt uns Brot und Renten
Und führt auch wider freche Buben Klage.

ORPHEUS: Die Weiber hier in Aufruhr! Ja, beim Hades,
Ich sage euch, ihr werdet es bereuen,
Zählt ihr erst die Umdrehungen des Rades,
Derweil sich Köter auf die Knochen freuen.

VIERTE MÄNADE:
Nun machs mal halblang! etwas Spaß verstehen,
Muß selbst der Bub, der ganz vom Hof verdorben,
Verboten ist es nicht, zum Spiel zu gehen,
Die Menschheit wär auch sonst schon ausgestorben.

ORPHEUS: Ihr mögt zum Weine gehen und zu Spielen,
Allein mich selbst laßt ihr gefälligst ziehen,
Sucht einen euch von jenen viel zu vielen,
Die euch die Gosse zum Genuß gespieen.
 

 

234
 
FÜNFTE MÄNADE:
Er schmäht den Wein und ebenso die Frauen!
Dies heißt die Götter leugnen und verachten!

ERSTE: Dem guten Wein wir auch alleine trauen,
Und jeden Mann wir noch zur Mannheit brachten!

ORPHEUS:
Ihr scheint mir toll! Man wir euch bald bemerken
Und richten euer Treiben mit dem Schwerte!

ZWEITE MÄNADE:
Ein Knebel dient seit je den guten Werken!
Er sorgt recht gut, daß keiner uns bemerke!

ORPHEUS: So habt doch Einsehn. Eine schwere Sünde
Ist schon allein, der Unzucht so frönen,
Doch wenn Gewalt dabei als Mittel stünde,
Kann nur der Henker euch dem Staat versöhnen.
(Er entrinnt kurz der Umklammerung und bekommt einen
Stein zu fassen. Sie stehen alle um ihn herum.)

Nun wehe euch! Kann euch der Staat nicht schrecken,
So tuts der Stein. Wer sucht, mich anzufassen,
Der soll das Blut in seinem Munde schmecken,
Die Waffe wird das Ziel nicht leicht verpassen.

DRITTE MÄNADE:
Er rast! Wie geil, ich steh auf solche Stiere,
Gib her den Wein, eh Blut fließt, muß er rinnen!

VIERTE:
Nicht unverschämt nach unserm Tropfen giere,
 

 

235
 
Laß auch genug für alle andern drinnen!
Wir müssen ihn in eine Gasse schleifen,
Hier zu dem Brunnen gehn zu viele Leute.
Was nutzt der Stein? Wenn wir zusammen greifen,
So kriegen wir ihn allesamt noch heute.

FÜNFTE: Eh wir das Luststück mit Gewalt zerstören,
Ich frag mich, ob ihm klar, was er verweigert,
Es bißchen Zicken soll dazugehören,
Weil dies die Lust durch das Verzögern steigert,
Doch sind dem Mann die prallen Brüste lästig,
Mag Hüfte und das Becken er nicht schauen,
Sorgt er dafür, daß sich die Meinung festig,
Er hege wider alle Weiber Grauen.

ORPHEUS: Ich liebe eine Frau und zwar die meine,
Eurydike, die schönste aller Eiben,
Daneben und dahinter gibt es keine,
Zu der mich Gier und dumpfe Wollust treiben.

ERSTE MÄNADE:
Er sagt es selbst: Er steht auf Leichenteile,
Sein Herzblatt muß recht faulig sein und stinken,
Man schleife ihn, am besten mit dem Seile,
Und lehre ihn die wahre Liebe trinken.

ZWEITE:
Genug geschwätzt! Wir schnappen uns den Spinner,
Mehr als ein Seil tun meine spitzen Krallen,
Wir werden sehn, wer in dem Krieg Gewinner,
Sofort und ohne Säumen muß er fallen.
Wir schließen nun den Kreis ein bißchen enger,
 

 

236
 
Er wird gewiß den Stein bald fallen lassen,
Das Wild sieht endlich ein, bei diesem Fänger
Muß man den Willen und den Ausweg hassen.

ORPHEUS: Nur einen Schritt! Ich schlage zu, die erste
Verliert die Zähne und den halben Kiefer.
Wer Lust hat, daß ihm das Gebiß zerberste,
Der hole sich bei mir den dicken Schiefer.

DRITTE MÄNADE (tritt vor):
Ich hab die Lust, gesteh ich dir ganz offen,
Der Wein schafft Mut, noch mehr sein großer Bringer,
Er läßt uns auf die Rasereien hoffen,
Und gerne fall ich vor dem Niederringer.

ORPHEUS:
Umsonst! Gewalt kann diesem Wahn nicht wehren,
Furchtlose gleichen hellen Feuerbrünsten,
Wo alle Werte sich im Rausch verkehren,
Wird auch der Künstler Material den Künsten.
(Er wirft einer Mänade den Stein auf den Fuß und versucht an dieser Stelle den Ring zu durchbrechen und zu fliehen. Er stürzt und alle fallen über ihn her. Nach kurzer Zeit spritzt Blut, aber die Raserei will nicht enden. Als alle Beteiligten von Blut triefen, fällt der Vorhang.)
 

 

237
 


MUSENDÄMMERUNG
TRAGÖDIE





Und keiner hat die Wahl
im Suchen und im Finden –
und keiner kann die Qual,
die in ihm ist, ergründen.
Je mehr der Sehnsucht ist,
je dunkler drohn die Weiten.
Wir können nicht als schreiten
die Zeit, die uns das Leben mißt,
und warten und wie Jesus Christ
zum Tode uns bereiten ...


WEINHEBER   
 

 

238
 


PERSONEN
KYRILL, Bischof von Alexandria
OREST, Statthalter
HYPATHIA, Philosophin
AISON, SKOTOS, SYLVIA, Schüler
SCHOLASTIKOS, Kirchenhistoriker
PETROS, Vorleser
EDOM, JAKOB, Geschäftsleute
HAUPTMANN, SKLAVIN, WÄCHTER
BEWAFFNETE
 

 

239
 


PROLOG
OREST: Wer Vortragsrecht bekommt auf einer Bühne,
Nutzts gern als Plädoyer für seine Sache,
Wo sich die Unschuld spreizt als androgyne,
Bin ich ein Mann der Ordnung und der Wache.
Drum mag das Preisen zwar den Engeln frommen,
Ich aber hab zu prüfen und zu trennen,
Und darum will ich gleich zur Sache kommen,
Weil mir die Klagen untern Nägeln brennen.
Seit Octavian die Zeit der Bürgerkriege
Beendet, zog der Krieg ins Religiöse,
Nicht länger ist man eins, was fall und fliege,
Was wohlgetan zu gelten hat und böse.
Die alte Religion war angehalten,
Zu hüten uns vor Wirbelsturm und Dürre,
Und heute will sich faltergleich entfalten
Die Seele über Weihrauch, Gold und Myrrhe.
Mysterien boten den Adepten lange
Erlösungsbrot im Kleid des Privileges
Doch jeder Damm versagte sich dem Drange
Im Suchen der Natur des rechten Weges.
So wollten auch die Fischer, Hirten, Frauen
Die Himmelspforte schauen und betreten,
Der Galiläer soll die Brücke bauen,
Doch suchen sie ihn nicht nur in Gebeten.
Ich bin im Amt und die gesetzte Lehre
Ist mir die Richtschnur zwischen Tun und Leiden,
Wem aber Stumpfsinn, Stolz und Neid die Ehre,
Der schaut in allem Unverstandnen Heiden.
So wagt der Kleingeist, bar der Argumente,
 

 

240
 
Das Göttliche als Freibrief zu verzerren,
Er pönt sogar die Schau der Elemente
Und alle, die der Raserei sich sperren.
Wo Dinge, die Vernunft und Ruh verschlossen,
Entscheiden über Eigentum und Leben,
Ist die Kultur im tiefsten Grund zerschossen,
Und Schwindsucht sieht man Spinnennetze weben.
Recht undankbar ists, auf zersprengtem Grunde
Zur Sitte zu ermahnen die Parteien,
Denn katerts bei der einen grad zur Stunde,
Siehst du die andre sich dem Trunke weihen.
Da ists schon viel, daß man nicht selbst zerrieben,
Zu viel verlangt, daß alles Gut man schütze,
Denn sagt, wie sollte man ein Goldkorn sieben,
Wenn tausend Spatzen lärmen an der Pfütze.
 

 

241
 


ERSTER AUFZUG
Alexandria im Jahre 415. Im Palast des Statthalters. Ein Empfangszimmer mit bequemen Möbeln. Die Palastwache bringt zwei Gefesselte herein, ein Hauptmann spricht zu ihnen.

Erste Szene.
Ajax, Teukros, Hauptmann, Wachen, Sklavin.

HAUPTMANN:
Nehmt den Gefangnen Fesseln, dem Präfekten
Nicht wohl bei steifer Sprache ist und Striemen.
(zu den Gefangenen):
Wird unsichtbar, was Eisentürn bezweckten,
Wagt gleichwohl einzig Dinge, die sich ziemen.
(Eine Sklavin bringt einen Korb mit Obst und einen Krug Wein.)
Und hier erlabt euch, daß ihr nicht geschunden
Und müde ausseht und euch so verhaltet,
Wohl möglich ists, ihr gehet ungebunden,
Weil unser Herr mit großer Weisheit waltet.

AJAX: Ich fürchte, diese Müh ist ohne Fruchten,
Führ besser die Geschlagnen er zum Henker,
Wer sich verfing im Netz der Häuserfluchten,
Der wird durch Sanftmut nicht zum großen Denker.

HAUPTMANN: Ich führe nur Befehle aus und rate,
Was billig mir erscheint und meiner Ruhe,
Doch säum ich nicht, ist es gewollt vom Staate,
Daß ich persönlich die Enthauptung tue.
 

 

242
 
TEUKROS:
Nun beiß nicht in die Hand, die frische Früchte
Kredenzt, der Hunger würgt uns alle beide,
Und ehs geschieht, daß uns der Atem flüchte,
Gibts wenig Not zu unverlangtem Leide.

HAUPTMANN:
Lauscht einzig auf den Willen des Präfekten
Und nach den Wegen, die euch frei zum Nutzen,
Und zweifelt nicht, bei Trickserein, versteckten,
Hat er die Macht, die Flügel euch zu stutzen.

AJAX: So seis! Wir wollen lauschen, sehn und nicken,
Auch wenns von Pluto kaum zu unterscheiden.
Höchst seltner Wunsch, nach unserm Rat zu schicken,
Denn aus der Mode sind doch längst die Heiden.
(Die Gefangenen rekeln ihre Gelenke und beginnen dann zu essen, der Hauptmann und die Wachen gehen ab.)


Zweite Szene.
Orest, Ajax, Teukros.

OREST: Da sind sie ja, gewaschen und gestriegelt!
Die beiden Helden mit den großen Namen,
Ich sagte gleich, der Turm gehört entriegelt,
Als diese Klänge mir zu Ohren kamen.

AJAX: An seinem Namen ist wohl keiner schuldig,
Gleichwohl mich freut der Sinn für die Geschichten,
Doch eurer Wünsche harrn wir ungeduldig,
Ihr wollt gewiß von Troja nicht berichten.
 

 

243
 
OREST: Von Troja sagt mir eine Episode:
Wißt Ajax ihr, wie starb der Namensvetter?
Und ist er euch ein Vorbild mit dem Tode?
Eur' Bruder wär zwar nicht der Leichenbetter.

AJAX: Ich wüßte nicht, daß ich den Widder schlachte
So wie der Telamonier tat im Schlafe,
Tierquälerei ich allerhöchst verachte,
Und niemals noch mißhandelte ich Schafe.

OREST: Doch gleichwohl jagt ihr ohne ein Besinnen
In Raserei die Lämmer und die Kinder,
Muß man nicht Trunksucht als Verdacht gewinnen,
Erlebt man so der Unschuld dreiste Schinder?

AJAX: Von Unschuld sprecht ihr wider beßres Wissen,
Der Galiläer ward von Rom gerichtet,
Weil seine Lehre schelmisch und gerissen
Die Wurzeln von Kultur und Macht vernichtet.

OREST: Höchst ungenau gebt ihr die Sache wider,
Der Prokurator war von Pharisäern
Getäuscht und war für derlei Sach zu bieder,
Drum frommte er den Bellern und den Krähern.
Doch nicht als Mystagog will ich bewähren
Mich hier, es geht nicht um Augustus Zeiten,
Viel Aufruhr seh ich in der Großstadt gären,
Die Ordnung von Kultur und Macht bestreiten.
Wer Opfer, Täter, ist nicht mehr zu trennen,
Wenn Schlächterei ist überall im Gange,
Drum will ich euch den Weg zur Rettung nennen:
Zerbrecht mit mir die mörderische Zange.
 

 

244
 
AJAX: Wir haben nicht den Krieg vom Zaun gebrochen,
Die Christen sinds, die keinen Glauben dulden,
Der nicht der ihre, darum sei zerstochen
Die ganze Brut, die niemals zu entschulden.

OREST: Fanatisch seid ihr, guter Freund, nicht minder
Als jene, die ich gleichfalls streng verhöre,
Welch einem Glauben frönt der Ordnungsschinder
Ist mir egal, es zählt, daß er zerstöre.
Glaubt ihr, daß Jove euch beschirm und lohne
Die Schrecken, die euch aufzuzähln ich lasse,
Ists Hermes, der nach euerm Tod dem Sohne
Das Studium zahlt aus seiner eignen Kasse?

AJAX: Ja, tut der Galiläer uns dergleichen?
Stützt er die Wahrheit und verbietet Lügen?

OREST: Versucht nicht, meiner Frage auszuweichen,
Ich werd mich keinen Gegenfragen fügen.
Ich frage euch, ob Jupiters Gesinde
Verantwortet, was eurem Stolze schmeichelt,
Und was dabei verstreut in alle Winde
Zusammenträgt und voller Güte streichelt?
Die Torheit eurer lächerlichen Schlachten
Schafft Zulauf allerorts den Radikalen,
Die Narren, die nur bis zur Ecke dachten,
Mit Wucherzins zurück die Beute zahlen.

AJAX: Ich weiß nicht, was die alten Götter wollen,
Vielleicht sind sie uns ganz davongezogen,
Sie haben großen Grund, mit uns zu grollen,
Als Adler wär ich auch davongeflogen.
 

 

245
 
OREST: Drum wär es besser, ließet aus dem Spiele
Ihr Wolken, den Olymp und alle Himmel,
Denn das Gespräch verfehlt gewiß die Ziele,
Trübts Weihrauch oder bronzenes Gebimmel.
Ihr wißt, daß Konstantin den neuen Glauben
Dem Staat befahl, drum bin ich angewiesen,
Nicht Bacchus anzurufen bei den Trauben,
Dem Bischof sein Gemüt nicht zu vermiesen.
Das heißt nicht, daß ich dabei hab vergessen,
Nicht Romulus und auch nicht Alexander
Ist Theodosius, doch wir alle essen
Sein Brot und sollten froh sein miteinander.

TEUKROS:
So sagt uns, was ihr wollt, ganz unumwunden,
Denn was im Allgemeinen sehr verschieden,
Hat oft sich im Besonderen verbunden.
Was gilts für uns und was für die Christiden?

OREST: Zur Mäßigung ruft auf die Glaubensbrüder,
Man gieße nicht noch weitres Öl ins Feuer,
Denn jedes abgeschlagne Haupt der Hyder
Beschert uns ein komplettes Ungeheuer.

AJAX: Ihr kommt uns sprachlich wunderbar entgegen,
Doch kann ich das Gewünschte nicht versprechen,
Die Greul des Feindes schrein auf allen Wegen,
Ihr müßtest mir die Augen erst zerstechen.
Wirft jemand filigrane Kunstgeschöpfe,
Für die ein Hauer Aug und Lung zerstörte,
Aus blanker Dummheit in die Abfalltöpfe,
Kann ich nicht tun, als ob sich das gehörte.
 

 

246
 
Erst recht nicht kann ich andere verpflichten,
Da wegzuschaun, um Frieden zu erbitten,
Wenn Rom nicht wagt, den Frevlermut zu richten,
Wird bis zum Tode unversöhnt gestritten.

OREST: Ist dies eur letztes Wort in dieser Stube?
Ihr schlagt die Hand, die das Vertrauen reichte.
Auch Teukros ihr entschlossen seid zur Grube?
Ich bot euch die Vergebung ohne Beichte.

TEUKROS:
Ihr gingt nicht ein auf meines Bruders Klage,
Unwidersprochen nistet sie im Raume,
Daß Aug und Ohr ich bar der Nutzung trage,
Das glaubt ihr ernstlich doch nicht mal im Traume.

OREST:
Der Hauptmann hat gehört, was hier gesprochen,
So komm er her und führ euch fort zum Turme,
Doch die Verhandlung ward nur unterbrochen,
Nicht jedes Ziel erringt die Kraft im Sturme.
(Der Hauptmann erscheint, und die Wachen führen die Gefangenen schweigend ab.)


Dritte Szene.
Orest, Jakob, Hauptmann.

HAUPTMANN: Es gibt erneut Gelegenheit zu stöhnen,
Ein vornehmer Patrizier an der Pforte,
Fern liegt es mir, an Pein euch zu gewöhnen,
Er heischt nach einem sehr vertrautem Worte.
 

 

247
 
OREST: Geschäfte, Händler kann ich wenig brauchen,
Doch mag es sein, er kann mir was vermitteln,
Zwar fühl ich mich, als könnt ich nicht mehr krauchen,
Doch will ich nicht an seinem Stande kritteln.
Er trete ein, ihr prüfet ihn nach Waffen,
Sodann mag sich verziehn die ganze Wache,
Vermag er mir Erleichterung zu schaffen,
Hat sich gewiß gelohnt die ganze Sache.
(Der Hauptmann ab, Jakob tritt ein.)

JAKOB: Gelassenheit auf einem dürren Zunder!
Die große Stadt wär einem Atlas Bürde,
Das Volk hält Pharos für das größte Wunder
Mir aber wird er blaß vor eurer Würde.
In Rom hab ich an Partnern, Bürgen, Kunden
Gar viele und erfahr, was dort geschrieben,
Einmütig heißts, wird dieses Land gesunden,
So rief Orest den Göttertag hernieden.
Doch auch am Hofe Ostroms ist man einig,
Ein Herkules den Augiasstall entmistet,
Man seufzt, daß er sich jede Stunde peinig,
Grad wie ein Aar, der in der Wüste nistet.

OREST: Wir sind jetzt Christen und es ist nicht Sitte,
Die Götzen als Posaunen zu verwenden,
Recht freundlich wärs, wenn man zur Sache schritte,
Die Hudelei recht zügig zu beenden.

JAKOB: Die Dichterbilder sollen die Gefühle
Des Davids in der Herrscherreih nicht schrecken,
Die Judas-Söhne kennt er im Gewühle,
Denn er entlieh von Paulus sich den Stecken.
 

 

248
 
OREST: Ich fürchte fast, ihr seid der Judas selber,
Zumindest Kaiphas zum Verwechseln ähnlich,
Mir wird die Galle mählich immer gelber,
Und auch die Stirn wird ziemlich unansehnlich.

JAKOB: Verzeiht, ihr seid gewißlich kein Athener,
Schon Romulus war abhold den Poeten,
Ein Fünfer wird durch kein Geschrei zum Zehner,
Und im Effekt gehts doch um die Moneten.

OREST: Für Steuern bin ich nicht der Staatsbeamte,
Ein Kaufmann wird mit solchem Zeug nicht scherzen,
Drum weiß ich nicht, woher der Ansatz stammte,
Es ging in diesem Hause um Sesterzen.

JAKOB: Nun, Steuern kann nur zahlen, wer Gewinne
Erwirtschaftet, und dazu brauchts den Frieden,
Ihn zu gestalten, ganz im Römersinne,
Ist, wenn ichs recht verstand, eurm Amt beschieden.

OREST: Dies paßt exakt. Was will zum Friedenszwecke
Weitschweifig der Besucher mir vertrauen?
Ich hasse nicht den Wolf, jedoch die Zecke,
Drum solltet ihr auf eure Zähne bauen.

JAKOB: Ihr seid und ebenso auch eure Wachen
Recht ortsbekannt, und dies erschwert zu reimen,
Was Extremisten sich für Bilder machen,
Und was sie vorbereiten im Geheimen.
In meinem Dienst stehn viele junge Leute
Aus Zypern, Kreta und vom Jordanflusse,
Sie einzuschleusen in die freche Meute,
 

 

249
 
Ihr spottetet dem Argus im Genusse
Der eingefangnen Winke, Weiser, Worte,
Euch wären alle Finten blanke Gläser,
Eh wer zur falschen Zeit am falschen Orte,
Rief die Legionen schon der Angriffsbläser.

OREST: Ihr schlagt mir vor, Spione einzuschleusen
In die Partein mit Hang zum Radikalen.
Die Frage ist, wann heb ich meine Reusen,
Mach ich den Zeitpunkt fest an Opferzahlen?
Ihr glaubt doch nicht, daß man erfährt von Plänen
Bevor man selber nicht bei Schurkereien.
Was fiel dann Staats, was Missetäters Zähnen?
Wer darf, was er befördert hat, noch zeihen?
Eur Vorschlag höhlt den Staat und alle Tugend,
Drum rat ich, rasch den Ausgang zu erreichen,
Macht euch davon, Verderbergeist der Jugend,
Sonst werden handfest meine Unmutszeichen.
(Jakob ab.)


Vierte Szene.
Orest, Hauptmann.

OREST:
Ich bin erschöpft und seh mich nicht gewachsen
Im Kreise der Gemeinen und Verstockten,
Grad wie ein Läufer, Blut in Schritt und Hachsen,
Derweil schon hungrig rings die Geier hockten.
Ich brauche Rat und Beistand im Verstande,
Denn nicht mehr fern erscheinen Katastrophen.
Wo ist die Weisheit offenbar im Lande?
 

 

250
 
Seit alters rief man nach dem Philosophen.
Eh Theophil die Bibliothek geschlossen,
Die dem Museion gab Aeonenwissen,
Hab Theon ich als Knabe oft genossen,
Und dabei mir die Nägel abgebissen.
Er gab heraus Euklid, die Elemente,
Des Ptolemäus Almagest erklärte
Elfbändig er, was er verwob und trennte,
Mich manchen Tag und manche Nacht beschwerte.
Jedoch er starb wie vieles hier am Hafen,
Einst schien mir diese Stadt die Weltenmitte,
Nun will ich ehr in einer Grotte schlafen,
Als daß mein Geist in dieser Wildnis stritte.
Ich tat, was billig schien, und hab vergessen
So viel dabei, was ich jetzt brauchen sollte,
Wie sprach doch Ajax leis und unvermessen:
Mag sein, daß sich der letzte Himmel trollte.
(Er starrt eine Weile vor sich hin. Eine Sturmböe hebt den Eingangsvorhang mit Gewalt und läßt ihn wieder fallen.)
Und doch es ist Bewegung in der Stunde,
Der Geist kennt kein Verweilen, keine Starre,
Drum bin ich allen Geistes bar im Grunde,
Wenn ich der Dinge, die da kommen, harre.
(Er läutet nach dem Hauptmann.)
Bring er mir Pergament, ich hab zu schicken
Der Hauptstadt, die von Konstantin den Namen,
Sokrates den Scholastikus zu blicken,
Trag ich Begehr, drum solltet ihr nicht lahmen.
Er ist ein Mann der Kirche, doch bewandert
In unsrer Tradition wie kaum ein zweiter,
Eh hier mein Zweifel länger noch mäandert,
Helf mir der Durchblick dieses Mannes weiter.
 

 

251
 
HAUPTMANN:
Verzeiht, ich hört, er weilt in unsern Mauern,
Grad gestern war er im Museion Hörer,
Drum soll es euch nicht Tag und Woche dauern,
Daß er euch heilt von dem Verdruß der Störer.

OREST: Die frohe Botschaft steht oft an der Pforte,
Wenn unsereins zumut ist wie im Grabe,
Drum eil er, und duchsuch im ganzen Orte
Die Häuser, daß ich Rat und Hilfe habe.
(Der Hauptmann ab. Pause.)
Ich trinke Wein grad wie zu einem Feste,
Die Hoffnung ist der Königsweg zu lassen
Die Schrammen auf dem Weg, der voller Äste,
Und sich zu heilen und sich neu zu fassen.
Vielleicht kann dieser Mann mir wenig geben,
Vielleicht ists nur ein Aufschub zu verzagen.
Doch ist ein Aufschub nicht das ganze Leben,
Das wir verliern, was immer wir da wagen?
Der Wein ist gut und stark, ich muß mich hüten,
Daß ich im Trunk die Fassung nicht vertrinke,
Denn kommt das Aug zu nah dem Rot der Blüten,
Weicht die Gestalt dem törichtsten Geblinke.
(Pause.)
Die Zeit wird mit dem Warten immer länger,
Wie dem Verliebten, der sich zu gedulden
Nicht weiß und dem die Brust wird immer enger,
Und dabei liegt ein Weg vor mir mit Mulden.
Er ist ein Mann der Bücher und der Schriften.
Obs seine Kunst, mit Störrigen zu sprechen?
Vielleicht bringt er ein neues Faß von Giften,
Daß meine Nerven ganz zusammenbrechen?
 

 

252
 
Nur Zweifel, Zweifel – wird da nie ein Ende?
Wie eine Witwe schau ich aus dem Fenster,
Wenn ich zurück zum Born des Lebens fände!
Ich aber schaue immer nur Gespenster.


Fünfte Szene.
Orest, Scholastikos.

OREST:
Willkommen Mann der Weisheit und Bewahrung,
Ihr schreibt uns die Geschichte unsrer Tage.
Doch glaubt mir, denn ich spreche aus Erfahrung,
Dem Mittendrin sind sie die reinste Plage.

SCHOLASTIKOS:
Die Wege Gottes sind nicht zu durchschauen,
Vielleicht ist endlich nah das Weltenende,
Ich hoffe sehr, euch trügt nicht das Vertrauen,
Daß ich den Schlüssel zur Versöhnung fände.

OREST: Mit großer Klugheit habt ihr gleich erraten,
Wonach mir Sinn, als ich euch hab gerufen,
Ihr seid ein Mann der Worte, nicht der Taten,
Doch erstes schafft zu letzterem die Stufen.

SCHOLASTIKOS:
Die Worte – aber was sie uns bedeuten,
Da streiten die Gelehrten und die Väter,
Die hüten solln, sie allesamt verstreuten,
Und niemand glaubt, die Einsicht käme später.
 

 

253
 
OREST: Mir scheint, ihr seid verzagter als der Krieger,
Der außer seinem Geist noch traut der Waffe,
Einst hörte ich, ihr wärt ein Himmelsflieger,
Der einem Sperling selbst die Einsicht schaffe.

SCHOLASTIKOS:
Origines, geborn in Alexanders
Berühmter Stadt, hat Platon und die Bibel
Gelehrt und dann am Ende des Gewanders,
Martyrium heiß an seinem Haus der Giebel.
Weil der Versuch, im Denken Gottes Größe
Sich anzunähern, nistet nah am Wahne,
So fiel sein Same in verschiedne Schöße,
War feil schon in Nikäa jeder Fahne.
Als Letztversuch, in Einheit zu begreifen
Das Griechentum und des Erlösers Leiden,
Versteh ich ihn, bis Thesen sich versteifen,
Die niemals überbrücken, sondern scheiden.
Im allgemeinen Streit, ward zum Chronisten
Mein kleines Los und sucht nicht zu gestalten,
Denn täuscht euch nicht, die Heiden wie die Christen
Sind einst so fern wie heute uns die Alten.

OREST: So laßt ihr ohne Rat den müden Ringer,
Zwei Heidenkrieger habe ich im Turme,
Sie legen in die Wunden ihre Finger,
Und im Verhöre gleiche ich dem Wurme.
Sie pönen, daß die Kunst so reicher Zeiten
Der Pöbel uns in Christi Nam zerstöre,
Es ist nicht not, das Thema auszubreiten,
Denn fraglos, daß der Wahrheit es gehöre.
Doch ihr Reflex, die Frevler zu bestrafen,
 

 

254
 
Schafft böses Blut und neue Bilderstürme,
Grad so wie eine Seuche tobt bei Schafen,
Am Ende gibt es nicht genügend Türme.
Ich dachte mir, wär Mäßigung zu finden
Den einen, würden auch die andern milder,
Nur dieser Weg vermags zu unterbinden,
Daß man die Säulen stürzt und alle Bilder.

SCHOLASTIKOS:
Eur Wunsch erscheint mir nobel, aber leider
Bin ich der rechte nicht, dies zu bestellen,
Einfühlungskraft dem Mechanismus beider
Partein müßt sich dem Überblick gesellen.
Ihr kanntet Theon doch, den großen Denker,
Die Tochter führt sein Werk in bester Reife,
Sie hat den Schneid, der jedem Ordnungskränker
Entpuppte sich als Wasserfaß und Seife.

OREST:
Unmöglich scheint, daß nach der Männer Zagen,
Die Frauenanmut schlüg die Feindesschiffe,
Mir ists beim Rat, den ihr mir angetragen,
Als ob ich nach Verzweiflungsankern griffe.

SCHOLASTIKOS:
Sie sprach vor Feldherrn, Fürsten und Verwaltern
Und im Museion herrscht sie unbestritten,
Sie eint die Weisheit heut aus allen Altern,
Und wenn ihr wollt, so werde ich sie bitten.

OREST:
Nun gut, ich will das Kunststück nicht verhindern,
 

 

255
 
Doch ohne mich, ich gehe jetzt zu Bette,
Vermag sie es, die Angriffslust zu mindern
Den Herren, ist mir gleich die Etikette.
Ich geb Befehl, daß alles werd bereitet,
Ihr sagt der Frau, sie trage Mut im Nacken,
Und auch, es gilt, wenn sie zur Sitzung schreitet,
Den Stier gleich bei den Hörnern anzupacken.


Sechste Szene.
Ajax, Teukros, Hypathia.

AJAX: Nun, dritte Runde, man versuchts mit Frauen!
Was für ein Aufwand für uns sture Biester!
Doch käm sie auch mit Augen, nordisch blauen,
Ich liebte dennoch keinen Christenpriester.

HYPATHIA (tritt auf):
Ein guter Tag, ich künde euch vom Geiste,
Der allem gibt Gestalt und Form und Flügel,
Ich denke neu ist euch vom Stoff das meiste,
Doch mit Geduld erklimmt sich mancher Hügel.

AJAX: Vom Christengeist braucht ihr nicht zu erzählen,
Wir sind nicht blind und schauen seine Taten,
Man kann gar nicht zu scharfe Waffen wählen,
Wenn eine Lehre ist so arg mißraten.

HYPATHIA: Der Gott der Philosophen ist kein Wesen,
Das offenbart wird oder angerufen,
Du kannst ihn nicht erfahren noch erlesen,
Allein im Denken steigst du seine Stufen.
 

 

256
 
Drum ist es völlig gleich, zu welchem Glauben
Erziehung sich und eigne Wahl verdichtet,
Ihr mögt nach Adlern spähen oder Tauben,
Der Geist nach gänzlich anderm Maß gewichtet.

TEUKROS: Was ist das für ein Geist, der euerm Meinen
Nach, völlig anderes als die Geister alle?
Mir will die große Absolutheit scheinen,
Als berge sie den Hinterhalt der Falle.

HYPATHIA: Nun, allen Dingen eignet das Verweilen,
Ob sie bewegt, ist Zutat und entbehrlich,
Jedoch der Geist muß unaufhörlich eilen,
Und bremst er sich, so wird er selber spärlich.
Ein Denken, das nicht denkt, ist nicht vorhanden,
Und jede Antwort ruft nach einer Frage.
Ich frage, habt ihr dies mir zugestanden,
Eh ich euch mit dem Folgeschlusse plage.

AJAX: Dies mag so sein, doch ist mir nicht begreiflich,
Wohin die Setzung des Begriffes ziele,
Ich rate, überlegt euchs gut und reiflich,
Und foppt uns nicht mit einem Kinderspiele.

HYPATHIA: Wenn hinter jedem Grunde einer lauert,
Der wiederum sich einem Grunde schuldet,
Lohnt nicht zu zähln, weil dies ja ewig dauert,
Doch daß dies alles grundlos, wird geduldet
Vom Geiste nicht, der selbst aus lauter Gründen
Den allerersten muß in sich entdecken,
Und darum muß die Schau der Gründe münden
Im Einen, das sich zeigt in allen Zwecken.
 

 

257
 
TEUKROS: Das Eine nennt ihr Gott in eurer Sprache
Und Ursach allem, was sich rings entfaltet,
Ihr meint den Samen, der erweckt das Brache,
Und sich in jeder neuen Form gestaltet.

HYPATHIA:
Ganz recht, doch seht, wenn dieser Geist Bewegen,
Entfernt er sich so wie der Pfeil vom Bogen,
Dies kommt als Grund, als erster, ungelegen,
Denn aller Folge wird der Grund entzogen.

TEUKROS: Ganz recht, ein Same kann nur einen Acker
Und nicht ein ganzes Dutzend überkeimen.
Wie also ist der Grund des Grunds der Packer
Des ersten, drauf sich alle weitern reimen?

HYPATHIA:
Ich bleib beim Pfeil, denn naht er sich dem Wilde,
Ists Grund, daß einem Pfeif der Bogen lache,
Dies ist nur möglich, bleiben wir im Bilde,
Wenn Wild und Bogen sind dieselbe Sache.
Es muß ein erster Grund im steten Wandel
Im Dreischritt uns gedacht sein und begründet,
Weil aller Geist, von dem die Rede handelt,
Ins Gegenteil, das mit ihm eines, mündet.

AJAX: Ihr sagt uns, Gott ist drei und eins, die Christen
Im Disputieren solches auch versichern,
Dies klingt mir nach des Hermes Kupplerlisten,
Die Plautus braucht, damit die Leute kichern.

HYPATHIA: Uralt sind solche Ahndungen der Dichter,
 

 

258
 
Plotin hat diese Lehre rein geschliffen,
Als Denkfigur, im Volke freilich schlichter,
Hat dieses auch die Kirche aufgegriffen.
Das brachte ihr gewaltige Konflikte
Und Schismen, Heräsien und Prozesse,
Doch daß sie sich in diese Fährnis schickte,
Beweist ihr Leben und nicht etwa Blässe.
Wenn aber aller Denkerstolz der Griechen
Im Christentume heute wird verhandelt,
Ists unrecht, dies als schimpflichen und siechen
Exzeß zu sehn, der nur von Unrat handelt.
Drum sagt der Philosoph, bei diesen Dingen
Scheid Schmerzliches der Vorderbühn vom Grunde,
Die Gegenwart bezeugt ein hartes Ringen,
Daß unser Reich sich einigend gesunde.

AJAX: Warum muß dann die Kunst zerschlagen werden,
Die doch vom Geist vor viel vorhergesehen?
Warum bemühn, daß Friede sei auf Erden,
Sich viele, daß die anderen untergehen?

HYPATHIA:
Bedenkt, als Bacchus uns gebracht die Rebe,
Zerrissen Orpheus rasende Mänaden,
Daß Joves als der Herr des Himmels lebe,
Kam Kronos ziemlich jämmerlich zu Schaden.
Zerstörung ist der Preis, daß etwas wachse,
Ihr seht den Pflug, doch nicht die spätre Ernte
Verfall und Aufblühn trägt die gleiche Achse,
Nicht leidlos sich der Himmelskreis besternte.

AJAX: Ihr weicht der Frage aus, warum die Dinge,
 

 

259
 
Die Sehnsucht, Ahndung, Fleiß uns einst gewoben,
Bestimmt sein, daß der Abgrund sie verschlinge,
Und Haß und Rachsucht in den Städten toben.

HYPATHIA: Ihr überschätzt die marmortoten Zeugen,
Gewiß wird man einst nach den Resten graben,
Das Leben kann der Herkunft sich nicht beugen,
Wir müssen alles lassen, was wir haben.
Die Dauer ist in Stelen nicht und Säulen,
Sie ist allein im Geist, der sich gestaltet,
Und wenn die Wölfe in den Tempeln heulen,
So ward der Ritus mürbe und veraltet.

TEUKROS: Was solln wir tun in diesem so Bewegten,
Wenn unser Geist das eigne Heim nicht findet?
Verstecken uns, bis sich die Wogen legten?
Abwarten, bis ein neuer Geist uns bindet?

HYPATHIA: Den Bogen der Versuchung auszuhalten,
Nimmt euch kein Philosoph mit seinem Wissen,
Wer uns auch heißt, die Hände fromm zu falten,
Wir bleiben aus dem Heil herausgerissen,
Ob sich der Sinn erst geb bei unserm Tode,
Ist in der Welt nicht gültig zu entscheiden,
Und einsam ist der Mensch bei der Synode,
Die immer wieder nur beschließt zu leiden.
Doch ist es klug, von Hoffart sich zu hüten,
Und allem Zorn die Herrschaft zu verweigern,
Denn sonst verliert man sich in seinem Wüten
Und sucht nichts mehr als dieses noch zu steigern.
Der Herr, der euch gestellt, sucht alle Härte
Im Kampfe der Ideen abzumildern,
 

 

260
 
Wer solchen Unterfangen sich versperrte,
Der droht dabei zum Tiere zu verwildern.

AJAX: Ihr stimmt mich doch bedenklich und verlegen,
Wenn das Museion stellt uns solche Weiser,
Dann bleibt uns wohl nur eins: uns zu bewegen
Ins Geistige und darum deutlich leiser.
Daß man die zweite Wange hinhalt einem Schläger,
Ist sinnvoll nur, wenn der vor Scham errötet,
Und dieses Neuen selbstbewußter Träger
Gewöhnlich ohne ein Bedenken tötet.
Doch mag es sein und nützlich zu probieren,
Mit milder Stimmung diesen See zu glätten,
Es gäbe Gründe sich dabei zu zieren,
Wenn wir im ganzen Spiele Wahlrecht hätten.
Ich zeig mich überzeugt, daß dies im Wahne
Gehofft ward, und ich zeig die Konsequenzen,
Ich füge mich dem Geist und seinem Plane,
Und bleib gelassen bei den Totentänzen.

TEUKROS:
Dies freut mich, denn auch mir ist aufgegangen,
Daß Narretei der Krieg um die Skulpturen,
So vieles ist seit alter Zeit vergangen,
Was machts, daß rascher sie zum Staube fuhren.
Wenn unser Stillsein Größerem die Wiege
Bewachen kann, so solls an Mut nicht mangeln,
Schon viel zu viel verlor die Stadt im Kriege,
Drum wird es Zeit, sich aus dem Sumpf zu hangeln.
 

 

261
 


ZWEITER AUFZUG
Platz vor dem Museion. Im Vordergrund zwei Schüler am Disputieren, ein Mädchen tritt hinzu.

Erste Szene.
Aison, Skotos, Sylvia.

AISON: Der Logos wird verfälscht, wenn wir ihn fassen,
Als personal im Vater und im Sohne,
Der höchste Geist mag nicht in Bilder passen,
Daß vorgestellt er uns im Herzen wohne.

SKOTOS: Das Heilige verwechsle nicht mit Zäunen,
Die unseren Sinnen wohl, sich ihm zu weihen,
Und findst du Stroh in ungezählten Scheunen,
So sagt dies nicht, daß keine Körner seien.
Daß Gott sei anzuschauen, scheint dir putzig,
Doch die Erlösung fordert die Verleibung,
Nichts nimmt dem Bild, daß tausend Bilder schmutzig,
Weil es gefeit vor jeglicher Vertreibung.

AISON: Gesichter brauchen Erbe und Beschränkung,
Darum steht keines außer der Geschichte,
So ist es für den Logos eine Kränkung,
Versiehst du ihn mit einem Angesichte.

SKOTOS: Es ist das Wunder, daß dem Menschenwesen
Nicht nur geschaffen ward Gestalt und Helle,
Der Schöpfer hat sich das Geschöpf erlesen,
Daß sie sich ihm gefährtenhaft geselle.
 

 

262
 
SYLVIA: Ihr Disputanten unterm Sonnenscheine
Seht nicht die Blumen farbig karikieren
Gelahrtheit, die sogar im Musenhaine
Nicht beßres weiß, als Augen zu verlieren.

AISON: Sie gibt mir recht, ich sag seit einer Stunde,
Daß alle Farbe, die da keimt und flügelt,
Den Geist vertraut uns aus berufnem Munde.
Du meinst, er sei in Golgatha gehügelt.

SKOTOS: Nein keineswegs, du insistierst vergebens,
Das Unsichtbare sei allein das Reine,
Ich aber bin der Anwalt allen Lebens,
Wo Christus mit uns lacht im Sonnenscheine.

SYLVIA: Ich glaub, ich seh das eine wie das andre
Als überspannt und greisenhaft gedrechselt.
Ihr tut der Welt, als ob ein Blinder wandre,
Drum werde wer das will mit euch verwechselt.
(Ab.)

AISON (spöttisch):
Du gäbest ihr mit blauen Hyazinthen
Mehr Himmel als mit deinem Galiläer.
Der Geist im Stoffe ist das Reich der Finten,
Und nur der Trug führt dich dem Heile näher.

SKOTOS (sichtlich unwillig):
Die Mädchen wie die Gänse zu verschrecken,
Taugt Logos wie ein Maul mit schwarzen Zähnen,
Du freilich liebsts, die Buben rings zu necken,
Und träumst von einem Hühnerhof von Hähnen.
 

 

263
 
AISON: Nur weil ich nicht bei jeder Gürtelschnalle
Ans Lösen denke und in Räusche kippe,
Ist mir nicht, wie du meinst, das Weib die Qualle,
Und meine schönste Aussicht die Xanthippe.
Hypathia, die uns nach der Mittagspause
Von Kegelstümpfen oder von Hyperbeln
Erzählen wird, ist meine Minne-Flause,
Für so ein Weib würd ich mein Heil verscherbeln.
Denn wenn die Frau, was selten ist, das Klare
Mit Anmut mengt und hohem Mut der Stimme,
Stelln sich mir unterm Chiton alle Haare,
Dann flötet meiner Mutter Sohn, der grimme.


Zweite Szene.
Aison, Skotos, Edom.

EDOM (herantretend):
Man disputiert, wie neid ich doch die Jungen,
Für die die Welt das blanke Abenteuer,
Nicht Kleinmut und Bescheidung wird gesungen,
Als Element herrscht unbedingt das Feuer.

SKOTOS: Wir streiten, obs den Reiz der Frauen mehre,
Wenn sie sich bilden und recht männlich geben,
Mein Widerpart meint stolz, daß ers begehre,
Mir gilts doch wider Fruchtbarkeit und Leben.

EDOM: Die Philosophen neigen zu dem Schlusse,
Daß Ihre Weisheit gelt in jedem Neste.
Was einem Glück, dem andern zum Verdrusse
Gereicht, drum sei die Vielfalt uns das beste.
 

 

264
 
AISON: Doch jede Vielfalt muß aus Einheit stammen,
Sonst irrt sie wie im Hades Seelenschatten,
Wenn alle Feuer nicht aus einem flammen,
Kann keinem sich der rechte Glanz verstatten.

EDOM: Du sprichst vom Einen und dann vom Homere.
Sag, wie verträgst du die Mixtur im Kopfe?
Vielgötterei und ungeteilte Ehre?
Sag mir den Lehm, daß ich die Lücke stopfe.

AISON: Das Eine ist der Logos ohne Schranke,
Das andre sind Gestalten, ihm zu dienen,
Unfaßlich ist, was ich dem Geiste danke,
Sein Antlitz ist ein Himmelreich von Mienen.
Der Mensch schafft sich geschichtlich seine Räume,
Den Aeon schafft die Tatkraft der Heroen,
Doch drüber weben das Gestad der Träume
Die Waltenden im Goldenen, im Hohen.
Sie blendet nicht der Sterblichkeit Gesetze,
Sie müssen um die Jugend niemals bangen,
Und dennoch ist wie wir in einem Netze
Auch Höchstes, das uns offenbar, gefangen.
Der Logos, der erschafft, was ihn begründet,
Vereint, was schrecklich uns umgibt und wohlig,
Ihn meint, was sich beginnt und was da mündet,
Drum steht die Welt zum Geiste parabolisch.

EDOM (nach einer Pause):
Wenn ich den Vortrag also recht begreife,
Ist dein Prinzip des Einen aller Regung
Entbunden, und das Urgesetz der Reife
Erscheint dir ohne Mitleid als Bewegung?
 

 

265
 
AISON: Jawohl, wenn Christen Mitleid, Gnade, Güte
Ins Schöpferische projiziern, so machen
Sie aus dem ganzen Baum nur eine Blüte,
Solch ein Verkleinern frommt allein dem Schwachen.
Denn wo ein Gut ist, ists nicht weit zum Neide,
Das Böse ist nicht krüppelhaftes Gutes,
Nicht kleiner ist für sein Gesind die Weide,
Sowohl das Kleid der Feigheit wie des Mutes
Ist ihm so frei wie Frommen und Gerechten.
Drum ists dem Guten allezeit gewachsen.
Wenn wir das Gute in das Höchste dächten,
So rechneten das Böse wir zum Laxen.

EDOM: Der Blick auf Gut und Böse ist im Auge
Höchst unvollkommen, voll von Hindernissen,
Zu welchem Wohle die Zerstörung tauge,
Kann jeder, der befangen ist, nicht wissen.
Drum soll man nicht gebannt aufs Böse starren
Und lieber sich am Herrlichen erfreuen,
Das Richteramt macht manchen Kopf zum Narren,
Doch nie bezwingt die Höllenglut den Treuen.

SKOTOS: Dies seh ich auch, das Redliche und Rechte
Sagt sich von selbst und sagt sich ungezwungen,
Daran erkennt der gute Geist das Schlechte,
Es ist vom Wahne der Mission durchdrungen.

EDOM: So weit würd ich nicht gehn, wem als Gewisses
Erscheint, was er im Glauben hat errungen,
Der duldet nicht, ihm grad das Herz zerriß es,
Ist anderswem der Irrtum aufgezwungen.
Drum bete ich, daß unser Herr erhelle
 

 

266
 
Die Häupter, die von seinem Heil nichts wissen,
Und möchte an vertaner Bitten Stelle
Die Rosen seiner Gnade nicht vermissen.

AISON:
Dies sei euch frei, auch wenn ich frech vermute,
Solch ein Bemühen hält das All für Grillen,
Was euch beseelt und brodelt euch im Blute,
Wirkt niemals einen Deut an Gottes Willen.
Drum rat ich sich zu fügen ins Gesetzte,
Wer weise ist, der will die Welt nicht ändern,
Gar mancher Mut, den ich ansonsten schätzte,
Verlor sich ganz im Nebel an den Rändern.


Dritte Szene.
Aison, Skotos, Edom, Jakob.

JAKOB: Der Segelmacher schwätzt am hellen Tage,
Grad wie Sokrates täglich tat am Markte?
Ist dieses Flucht aus Widrigkeit und Plage
Dem Fleiße, der so froh sein Feld beharkte?

EDOM: Wir streiten um die Güte des Alleinen,
Der junge Mann schauts ohne Ziel und Gnade,
Er hindert seine Seele stolz am Weinen,
Ihr wäre wohl, wie meinem Kreuz im Bade.

JAKOB: Die Güte des Alleinen ist gegeben.
Dies ist der Stern, nach dem wir täglich steuern.
Wirds knapp, versiegt die Freude und das Leben,
Denn ohne Gut kein Segeln und kein Heuern.
 

 

267
 
AISON:
Der Geist ist nichts zu schwelgen und zu geizen,
Er ist kein Mittel für den Zweck der Zwecke,
Er läßt sich nur von seinesgleichen reizen,
Und teilt sich nicht mit Lug und List die Decke.

JAKOB: Mit Geistern ist ein Schiff nicht zu bestücken,
Und Geisterschiffe niemand kauft und mietet,
Ob hoch ob klein, kein Mensch ist zu beglücken
Mit den Gespinsten, die die Ethik bietet.
Ich will euch sagen, wer der Herr der Welten,
Das Gold ists stets, und wögs in eurer Tasche,
So wohntet ihr nicht in Gespensterzelten,
Und fröntet nicht der Hinterweltlermasche.

AISON: Ich bin für Makler und Geschäftemacher
Kein Redner, und die Zeit ist fortgeschritten,
Auch taug ich nicht zum Edelmut-Entfacher,
Drum bleibt mir, um Entschuldigung zu bitten.
Wir kehren, uns an Prüfungen zu reiben,
Die einem Schüler sind die Welt der Welten,
Drum scheint mir keine Mußestund zu bleiben,
Zu schaun, welch Maße andern Ortes gelten.
(Mit Sktotos ab.)

JAKOB: Was hast du mit den Schülern hier zu schaffen,
Grünschnäbel sinds, erträglich nur im Chore,
Der Klügste wird gewißlich rasch zum Affen,
Steht Absicht nicht als Wächterin im Ohre.

EDOM: Seit ich zu Christo fand in meinem Herzen,
Hab ich den Wunsch, die Schulen zu begreifen,
 

 

268
 
Die hin und her in Übermut und Schmerzen,
Sich wider seinen Gnadenborn versteifen.

JAKOB:
Dacht ich mirs doch, denn eine Narrheit fruchtet
Der nächsten und so weiter. Meid die erste!
Ich seh, wie sich die Stirn dir mählich buchtet,
Und sorg mich, daß sie eines Tags dir berste.

EDOM: Warum hängst du so zäh am alten Muster
Und weigerst dich, die Gabe anzunehmen?
Glaub mir, du lebtest reifer und bewußter,
Würdst du dich zur Veränderung bequemen.

JAKOB: Du irrst! Denn würde ich mein Volk verlassen,
Gewönn ich nichts als blanken Hohn und Schande,
Denn alles was mich nährt und meine Kassen,
Das sind und bleiben die Familienbande.

EDOM: Was sprichst du von Familie, wo dein Vater
Schon lange tot und niemals sprachst von Vettern,
Mir scheint es ein erbärmliches Theater,
Hör ich dich die Familienhymne schmettern.

JAKOB: Mein Volk ist mir Familie, denn die Söhne
Von Abraham sind wir in allen Landen.
Mir scheint, bei diesem christlichen Gestöhne
Kam Weisheit dir der Muttermilch abhanden.

EDOM: Das Volk, von dem du sprichst, eine Chimäre.
In allen Völkern macht ihr Proselyten,
Das Judenvolk längst ausgestorben wäre,
 

 

269
 
Wenn sich die Talmudisten nicht bemühten.
Die Religion ist ebenso wie meine,
Dem frei, der froh, zur Bruderschaft zu zählen,
Drum sprich mir nicht von einem alten Weine,
Wir sollten frei die beßre Lehre wählen.

JAKOB: Kein Volk ist frei von jeglichem Vermengen,
Daß man ihm deshalb Existenz bestritte,
Ist ein Konstrukt, wenn Feinde die bedrängen,
Die Gottes Bund hat ausersehn zur Mitte.

EDOM: Ein neuer Bund, der frei vom Bruderzwiste,
Dem Streit ums Erbe, der Geschlechter spaltet,
Daß einer nicht den andern überliste
Und Segen überm Reich des Friedens waltet!

JAKOB: Ein neuer Bund, drum kündige den alten!
Ein Träumer, der bei Philosophen döste!
Nicht einen Tag würd mein Geschäft sich halten,
Wenn ich vom Volke Abrahams mich löste.
Nur wer im Volk der Auserwählten fechtet,
Hat Glück bei Handel, Zins und seine Mannen
Sind überall, wenn er mit Neidern rechtet,
Du aber ziehst mit dem Geschmeiß von dannen.


Vierte Szene.
Edom, Jakob, Hypathia.

HYPATHIA: Ein schöner Tag, die Herren debattieren,
Die Wissenschaft kann auch den Händlern frommen,
Und wenn sie ihre Schritte hier verlieren,
 

 

270
 
So lad ich ein zum Unterricht zu kommen.
Wie haben geometrisch im Programme
Heut Kegelstümpfe, auch aus Gold zu schenken,
Wir fragen hierzuland nicht nach dem Stamme,
In diesem Hause herrscht allein das Denken.

JAKOB: Sehr freundlich dünkt mich euer Unternehmen,
Doch glaubt, die Wirtschaft scheffelt die Sesterzen,
Die forschen lassen nach den Ursachs-Schemen,
Nach Sternenwegen oder Dichterscherzen.
Eng sollten drum die Wirtschaft und das Wissen
Verzahnt sein, daß da eins dem andern fromme,
Denn ist der Faden dieses Bunds gerissen,
Ists möglich, daß die Heiterkeit verkomme.
Aus hohen Häusern, hört ich, stammt die Jugend,
Die ihr belehrt und sorgsam unterrichtet,
Doch abgehoben dauert keine Tugend,
Drum seid zu gutem Fundament verpflichtet.

HYPATHIA:
Was meint ihr für ein Fundament der Lehre?
Dem Haus ist gut und frohgemut die Seelen.
Was zu bedenken, gebt ihr mir die Ehre,
Ihr solltets meiner Neugier nicht verhehlen.

JAKOB: Die Elternhäuser haben zu entscheiden,
Wie man das Meer bereis und Waren bringe,
Am Zweifel, was das beste wär, zu leiden,
Ist oft das allerärgste aller Dinge.
Da wär es Glück und herrlichstes Vertrauen,
Höb eine Stimme sich aus grauem Schweigen,
Auf Philosophen-Ratschlag aufzubauen,
 

 

271
 
In dieser Stadt die Unternehmer neigen.
Die Schiffe, die ich seit Jahrzehnten makel,
Sind vielgerühmt im Orient wie im Westen,
Drum braucht es nicht Auguren und Orakel
Zu sagen, daß sie sicherlich die besten.
Es wär im Sinne aller eurer Schüler,
Ihr würdet die Empfehlung oft erwähnen,
Ich weiß, behutsam streckt ihr aus die Fühler,
Drum klingt das Wort wie der Gesang von Schwänen.

HYPATHIA: Die Welt der Postulate und Axiome,
Die mich der Vater lieben ließ und schöpfen,
Entfernte mich der Welt der Hippodrome,
Und so dem Weg zu vielen Futtertöpfen.
Ob eure Schiffe bestens oder mäßig,
Hab ich kein Urteil und auch keine Frage,
Auch ist mein Haushalt nirgends so gefräßig,
Daß ich als Preis eur Herzensbündel trage.

EDOM: Entschuldigt, daß ich mich dazwischensetze,
Ich muß es, um mich schleunigst zu empfehlen,
Ihr meint wohl, daß ich seine Klinge wetze,
Drum will ich nicht das Gegenteil verhehlen.
Ich schwatzte hier mit Schülern über Lehren
Der Philosophen und auch kleinrer Geister,
Er trat hinzu, statt meinen Teil zu ehren,
Erscheint er mein Versorger oder Meister.
Dies ist nicht so und seine Selbstreklame
Ist mir verdrießlich und nicht auszuhalten,
Drum geht mit guten Wünschen euch mein Name,
Denn ich hab noch an anderm Ort zu walten.
(Ab.)
 

 

272
 
HYPATHIA: Ich will die Unterredung auch beenden,
Die Schüler schaun schon, daß die Sonne dunkler,
Ich hab noch Seiten meines Buchs zu wenden,
Eh dies besorgen Mantiker und Munkler.

JAKOB: Verzeiht, ich fiel wohl gradzu mit der Türe
Ins Haus, und sagte nichts von meinem Teile,
Es wäre arg, wenn euer Werk erführe
Nichts von der Sorg, die not zu seinem Heile.

HYPATHIA: So sagt mir dies, jedoch in aller Kürze,
Ich halte nichts von Längen und von Fluchten,
Mit Epigrammen ich den Alltag würze,
Sonst wäre sein Gebirge nicht zu wuchten.

JAKOB: Die Stimmung in der Stadt ist aufgeladen.
Man fordert: Werft ins Meer den Heidenkrempel!
Und man verschwört sich auf geheimen Pfaden
Und sinnt Zerstörung für den Musentempel.
Weil ich ein Freund von Büchern und Gelehrten,
Vertraut euch meinem wohldurchdachten Schutze!
Glaubt nicht, allein die Ordnungshüter wehrten
Dem Unverstande und dem Gassenschmutze.

HYPATHIA: Ich hab den Handel allzugut begriffen,
Ich werbe, daß die Eiferer nichts täten.
Zu Pluto fahrt mit euern Segelschiffen,
Dem liegt gewiß an euren Qualitäten.
Und merkt euch gut, eh ich das Haus beklecker
Mit eurer Schnödheit, geh ich gern zugrunde,
Und sieht der Garten nochmals den Verzwecker,
Begrüßen ihn die aufgehetzten Hunde. (Ab.)
 

 

273
 
JAKOB: Wie töricht, die so viele weise nennen,
Sie rennt ins Unglück mit geschraubten Phrasen,
So mancher hälts entbehrlich mich zu kennen,
Doch mancher Fuchs erkennt sich dann als Hasen.
Man läuft davon, als hätt ich nichts zu geben,
Als wär ein Hirngespinst die ganze Flotte,
Dem klugen Mann gehörte stets das Leben,
Ihr Narren fahrt dahin zu euerm Gotte.
Was seh ich dort? Wer kommt da hergelaufen?
Der erste Leser ists von der Gemeinde,
Nur soll er wissen und der ganze Haufen,
Wer nützlich sei zum Freunde und zum Feinde.
(Er winkt den Vorleser herbei.)


Fünfte Szene.
Jakob, Petros.

PETROS: Was für ein Ort? Was macht ihr an der Pforte,
Wo gären die vergifteten Gedanken?
Unheimlich ist dem frommen Mann am Orte,
Wo sich die Bösen treffen mit den Kranken.

JAKOB: Ich such den Feind, für euch zu spionieren,
Und wahrlich, diesem Weg glich im Ertrage
Wohl keiner, den die Lorbeerkränze zieren:
Viel schlimmer als wir fürchteten – die Plage!

PETROS: Ihr macht mir angst vor diesem Epistyle.
Die Wege unsers Herrn sind so verborgen.
Kaum daß ich mich erleichtert einmal fühle,
Schon bringt der Tag mir neuerliche Sorgen.
 

 

274
 
JAKOB: Orest fiel um und mit den Götzendienern
Sinnt er gemeinsam, Christus zu vernichten,
Und die Allianz von Schelmen und Schlawinern
Preist künftgen Sieg in Liedern und Gedichten.

PETROS: Wie frech! Ich werde dies dem Bischof sagen.
Er schreibt dem Kaiser, daß der Spuk sich ende.

JAKOB: Es ist zu spät, beim Kaiser anzuklagen.
Ihr überlebt, nehmt ihrs in eigne Hände.
Zum Bischof schickt der Präfekt die Hetäre,
Der, auch ein Mann, bei diesen Weiberlisten,
Nicht mehr erkennt, was recht und billig wäre,
Und was zum Schutze nottut unsern Christen.
Und Ajax sammelt Schwerter, Lanzen, Äxte
Für seine Schar und für das große Schlachten,
Seit die Hypathia den Präfekt behexte,
Die Hurenpriester nutzen Söldnertrachten.

PETROS: Wer soll da noch erkennen, wer dem Kaiser
Gehorcht und wer allein dem Höllenfürsten,
Furchtbar erkenn ich des Martyriums Weiser,
Die Heiden, die nach unserm Blute dürsten.

JAKOB: Die schlimmste ist Hypathia, ihre Stimme
Ist Luzifer im Dunkel der Mithräen,
Der Endzeitdrache zagt vor ihrem Grimme,
Nach Schierling und nach Krötengift zu spähen.
Ist sie gebannt, so dürft ihr weiter hoffen,
Doch kommt sie euch zu Wort, kann sie versteinen
Den Stärksten, den ein Zweifel nie getroffen,
Und euch bleibt keine Zeit mehr, ihm zu weinen.
 

 

275
 
PETROS: Ich eile, daß Alarm die Glocke schlage,
Wir werden uns dem großen Angriff rüsten,
Der große Rat noch vor dem Dämmer tage,
Daß er erfahr von höllischen Gelüsten. (Ab.)

JAKOB: So laufe, Narr, und trage meine Flagge,
Phantastisch weiß die Angst sie auszuschmücken,
Ziert sich die Holde, mach ichs mit dem Packe,
Es ist wohl Zeit, gepanzert vorzurücken.
Doch da? Ists nicht Beweis für Jahwes Güte?
Da kommt der nächste Fackelträger eilends,
Er führt mir aus, was ich an Schrecken brüte,
Der flinkste Läufer kennt den Sinn Verweilens.
Doch freilich steh ich hier wie eine Spinne
Im Mittelpunkt des Netzes aller Heiden,
Drum fällt mir zu, was immer ich beginne.
Sie wollen einfach alle nichts als leiden. (Winkt.)


Sechste Szene.
Jakob, Ajax.

AJAX: Was macht der Händler an der großen Schule?

JAKOB: Hypathia sucht nach neuen Allianzen,
Denn Arges braut sich in der Schweinekuhle.
Ich schwieg gar viel zu lange zu dem ganzen.

AJAX: Nun besser spät als nie am rechten Ufer!
Ich hielt die Juden stets für unbetroffen
Vom heilgen Krieg der Wider-Götzen-Rufer.
Nun ist mein Ohr für neue Töne offen.
 

 

276
 
JAKOB: Sie wollen alle Völkerschaft vernichten,
Die Griechen, die Ägypter, die Germanen,
Und keiner soll mehr Iliaden dichten,
Wenn sie sich Raum zu ihrem Weltreich bahnen.
Da wärs ein Trug und frevlerisches Träumen,
Zu meinen, daß den Juden sie verschonten,
Sie werden unser Volk beiseite räumen
Und ganz allein in unserm Tempel wohnen.
Dies weiß ich, also müssen alle Stämme,
Ob feindlich sonst, zusammenstehn und wehren
Den Mitleidstrick der schwarzen Echsenkämme,
Die alles was uns wertvoll scheint entehren.

AJAX: Ists wirklich so? Zwar sehe ich Tendenzen
Zum Machtrausch, zur Kontrolle der Gemüter,
Doch hält sich die Verfolgung sehr in Grenzen
Seit Jahrn und niemand greift an unsre Güter.
Zwar ist die Vorsicht stets ein guter Rater,
Doch Panik führt zu unbedachten Schritten,
Drum lausche auch Empedokles am Krater
Zunächst auf das Vermächtnis eines Dritten.

JAKOB: Orest hat sich von Petros, diesem Hetzer,
Beschwatzen lassen, euch den Mund zu stopfen,
Der Bischof meint, ein neuer Zeichensetzer
Soll die Gedanken dieser Stadt vertopfen.
Dies deutet ganz auf blutige Exzesse,
Versicherungen kauft man schon statt Schiffen,
Hypathia nur mit galliger Noblesse
Hat diesen ganzen Ernst noch nicht begriffen.

AJAX: Der Petros? Dieser kleine dumme Kläffer,
 

 

277
 
Der soll im Ernste den Orest beschwatzen?
Ich glaubs nicht, denn nur Nasen reizt der Pfeffer,
Und einen Adler lockt man nicht mit Spatzen.
Ich werd Hypathia fragen in der Sache,
Und dann bei dem was nötig ist nicht wanken,
Doch eh ich mich in ihren Tempel mache,
Möcht ich ganz herzlich für die Warnung danken.

JAKOB: Hypathia, ja, es ist mir mehr als peinlich,
Recht unschick hab ich mich bei ihr benommen,
Sie führt ihr Haus gewissentlich und reinlich,
Ich suchte Protektion hier zu bekommen.
Dies hat sie mir verübelt, drum erwähne
Die Quelle nicht, die euch Gefahr verraten,
Sonst hält sie für das Liebeslied der Schwäne
Die Nachricht, die gebracht von solchem Paten.

AJAX: Ja, das Geschäft! Das kann sie nicht vertragen.
Ich dank für eure Offenheit, verschweigen
Werd ich den Bringer der geballten Klagen
Und mich nur einfach unterrichtet zeigen.
Wir bleiben in Verbindung, abzustimmen
Sind sorgsam alle Finten und Gerüchte,
Im braven Karpfen seh ich Gluten glimmen,
Daß er sich einen ganzen Haifisch züchte.
 

 

278
 


DRITTER AUFZUG
Im Arbeitszimmer des Statthalters wie im ersten Aufzug.

Erste Szene.
Orest, Hypathia, Scholastikos.

OREST: Ich ließ euch rufen, weil in großer Sorge
Ich um den Frieden dieses Landes ringe,
Und wenn ich Rat von Philosophen borge,
Erhelln sich auch vielleicht die andern Dinge.
Nicht deutlich wird die Richtung in dem Drohen,
Das mehr und mehr die ganz Stadt durchrüttelt,
Die Grenzen zwischen Niederen und Hohen
Erscheinen mit zerklüftet und geschüttelt.
Mir lag noch niemals der verlorne Posten,
Drum such ich Klarheit, was die Zeit bedeutet,
Es geht nicht mehr um Kränkungen und Kosten,
Es geht darum, daß sich die Schlange häutet.

SCHOLASTIKOS:
Es scheint, als ob ein namenloser Hetzer
Umhergeht, alles zu verwirrn, zu trügen,
Daß jeder sieht im Feind den Klingenwetzer,
Verdankt sich oft den ausgestreuten Lügen.

HYPATHIA:
Es gibt die Meinung, daß in der Geschichte
Der Geist sich ausdrück und bestimm die Ziele,
Daß er den einen laß und den verpflichte,
Die Menschen aber nie durchschaun die Spiele.
 

 

279
 
In dieser Meinung sagt der Schulen eine,
Zerstörung sei je früher desto besser,
Dann käme erst der Geist mit sich ins reine,
Denn für den Menschen hülfe nur das Messer.
Die andre aber sieht in Schlächtereien
Katharsis, daß die beßre Welt entstehe,
Der Geist wird sich vom Dunkelstern befreien,
Der Mensch sich neun vom Scheitel bis zur Zehe.
Ich glaube nicht an ein Gesetz im Werden
Als an die Welle, der Gebirg und Täler
Sich wechseln wie ein Fluch und fette Herden,
Und deren Weite breiter mal und schmäler.
Was dauern will, dem ist zuvörderst eigen
Das Gleichgewicht von Halten und Verlieren,
Drum gibt es keine Richtung aufzuzeigen,
Und närrisch ists, nach Künftigem zu gieren.
Der Geist trifft die Geschichte nur im Täter,
Im selben freilich geht er auch verloren,
Drum frage nicht nach früher oder später,
Du selbst bist heut zu deiner Tat erkoren.
Was wir beginnen, nennt sich die Geschichte,
Wenn es gelang und auch wenn es mißraten,
Drum spricht der Geist kein Wechseln der Gewichte,
Er spricht wenn überhaupt dann nur in Taten.
Bevor wir tun, sei Frage, was wir wollen,
Denn ohne ein Motiv wird nichts geschehen,
Drum achte nicht, was für Gewalten grollen,
Du solltest eher in den Spiegel sehen.

OREST: Wir wollen, daß die Ordnung sich erhielte,
Die Waffen pflegen einzig zur Parade,
Den Gleichklang und nicht die wer weiß wievielte
 

 

280
 
Verwirrung wo der Speck und wo die Made.
Die Einsicht, daß die Welt zwar nicht vollendet,
Doch besser als ein Schlachtfeld voller Leichen,
Die Einsicht, daß genug das Blatt gewendet,
Und unzerstörte Dinge länger reichen.

HYPATHIA: Eh dich die Woge schlingt und überflutet,
Benutze sie, dein leichtes Boot zu tragen,
Wenn diese Stadt im Innersten verblutet,
Ists nötig, größre Brücken aufzuschlagen.

OREST: Ich schrieb Kyrill und jedesmal vergebens,
Er möge mich beim Kaiser unterstützen,
Doch dieser, diese Krankheit meines Lebens,
Sagt gradezu, dies würde doch nichts nützen.
Ich hätt es eben sträflich unterlassen,
Die Tempel und die Schulen hier zu schließen,
Wenn drum die Dinge nicht zusammenpassen,
Seis Wunder grad, wenn mich die Sorgen ließen.

SCHOLASTIKOS:
Vielleicht ist dieser Mann doch umzustimmen,
Und nur nicht, wenns verlangt von eurer Feder,
Oft bannt ein Blick, ein kleines Wort den Grimmen,
Dem Käferkrabbeln beugt sich selbst die Zeder.

OREST: Ihr ratet mir zu einem klugen Boten,
Vermutlich weiblich, wenn ichs recht verstehe,
Der soll den dicken Brocken uns verschroten,
Daß ich ihn krieg zum Segen und zur Ehe.
Das trifft sich gut mit eigenem Erwägen,
Auch glaub ich, ist der Bote nicht erschrocken,
 

 

281
 
Ja, manchmal führn zu Tal auch breite Schrägen,
Die Zeit ist um, daß wir zusammenhocken.

SCHOLASTIKOS: O ja um das Museion uns zu retten,
Hypathia reis mit Weiblichkeit und Witzen,
Sie wird den stolzen Mann auf Rosen betten
Und nicht versäumen, seine Haut zu ritzen.

HYPATHIA:
Wer Taten preist, kann, wenn an ihm die Reihe,
Nicht Ausflucht und Verhinderung bemühen,
Wenn ich mich diesem Löwenzwinger weihe,
Gibts einen Zeitpunkt nur dafür, den frühen.
Drum steht mit frischen Pferden hier mein Wagen,
Sie stampfen schon, sie sind schon unterrichtet,
Was sein soll, wird der Kluge nicht vertagen,
Denn wer vertagt, hat oft damit verzichtet. (Ab.)


Zweite Szene.
Orest, Scholastikos, Petros, Hauptmann.

HAUPTMANN:
Besuch, mein Herr, es ist der erste Leser
Der christlichen Gemeinde, der euch bittet,
Zur Rüste mahnte Paulus die Epheser,
Nicht rätlich wärs, wenn ihr dagegen strittet.

OREST: Er trete ein, wir faßten die Beschlüsse
Grad eben und sind frei für neue Klagen,
Denn daß es eine Klage werden müsse,
Entbehrlich scheint, bei diesem Gast zu fragen.
 

 

282
 
PETROS: Ihr habt bereits Besuch in euerm Hause,
Dann werd ichs später noch einmal versuchen,
Auch leid ich nicht, daß ihr ganz ohne Pause
Müßt richten, überwältigt sein und fluchen.

OREST: Dies ist ein Mann der Kirche, zum Chronisten
Ward er bestallt und schreibt von unsern Taten,
Damit in spätern Zeiten mal die Christen
Beurteiln, ob sie recht und fromm geraten.

PETROS: So ist mir recht, daß er das Wort vernehme,
Das zu berichten ich euch hab vom Rate,
Es heiße nicht, daß wir in dunkler Feme
Den Weltkreis unterschieden vom Quadrate.

OREST: Ich schätze stets den Rat von frommen Leuten,
Daß Christi Botschaft sich erfüll mit Leben,
Und daß die Frömmsten Licht und Klarheit scheuten –
Ich würde auf solch böses Wort nichts geben.

PETROS: Ja, klar und fromm bericht ich von Bedenken,
Es heißt, der Heidentempel ungeschliffen,
Hätt wieder Lust, den Lauf der Zeit zu lenken,
Und hätt die Duldung als Fanal begriffen.
Auch gibts Gerüchte, ihr als unser Hirte
Wärt nicht nur läßlich sondern unentschieden,
Wer eure Stellung freundlicher bewirte,
Dies läßt das Öl in manchem Hause sieden.

OREST: Dem Philosoph, der Kegel und Ellipsen
Berechnet und die Bahnen der Planeten,
Steht ferner nichts, als Götzen aufzugipsen
Und dann zu tun, als hülf das dem Erflehten.
 

 

283
 
Die Wissenschaft steht auf dem festen Grunde
Der Kirchenväter, der Apostelschriften,
Und bös sind die Gerüchte in der Runde,
Daß Glaub und Wissen auseinanderdriften.
Drum gibts nicht Grund, die Forschenden zu meiden,
Wenngleich es meine Pflichten kaum erlauben,
Mich am Genuß der Wissenschaft zu weiden,
Ich müßte Zeit dem Dringlicheren rauben.

PETROS: Wir haben nicht Probleme mit den Kegeln,
Mit Zahlen, Linien und mit Scherenschnitten,
Doch manch Gesicht, bekannt von vielen Freveln,
Wird im Museion ehrenhaft gelitten.
Ich werde gern konkreter: Ajax, Heide,
Korinther, der Gemeinde dort Verächter,
Läuft stolz als wärs in einem Feierkleide
Und nennt sich gern den unerschrocknen Fechter.

OREST: Ich hatt ihn in Gewahrsam und geloben
Ließ ich ihn Beßrung allzeit im Betragen,
Und zeigt ers nicht, er hat sich überhoben,
Und wird gewiß kein böses Ding mehr wagen.

PETROS: Zur Taufe kam er nicht und um Verzeihen
Hat er die bös Geschmähten nicht gebeten,
Drum scheints, als sänn er unverzagt im Freien
Die Christenschaft genüßlich zu zertreten.

OREST: Kyrill hat uns mit klarem Wort befohlen,
Zur Taufe werde niemand hier gezwungen,
Was sonst ihr bringt an ausgebrannten Kohlen,
Ist dem Vermuten künstlich abgerungen.
 

 

284
 
PETROS: Ihr könnt uns die Bedenken nicht zerstreuen,
Wenn ihr die Sorgen nehmt als Dunst und Nebel,
Wenn wir uns eures Schutzes nicht erfreuen,
So suchen wir nach einem andern Hebel.

OREST: Ich schütze euch, wenn ich erhalt den Frieden,
Dies fordert Maß im Zweifel, im Vertrauen,
Drum sorgt, daß Öl nicht anbrennt, will es sieden,
Und fahret dort, die Kirche aufzubauen.
(Ein großer Stein wird durchs Fenster geschleudert und zertrümmert einen hölzernen Schemel.)
Die Wache! Riegelt Tore ab und Läden!
Ein Aufstand! Bogenschützen an die Mauer,
Ich weiß zwar nicht, wer tückisch spinnt die Fäden,
Doch zeigt sich Rom als der Dazwischenhauer!

HAUPTMANN: Befehle wurden ausgeführt, doch keiner
Der Feindesrotte läßt sich grade blicken,
Doch eh sich hier erhebt ein zweiter Steiner,
Wird ihn ein Pfeil ins Höllenfeuer schicken.

OREST: Ihr seht, wir sind gerüstet und entschlossen,
Wer Krieg will, wird am Galgen es bereuen,
Zwar wurde mir ein leerer Stuhl zerschossen,
Jedoch den Täter wirds nicht lange freuen.

PETROS: Ich seh hier weder Schutz noch gute Rüste,
Mir galt der Anschlag, und der Herr alleine
Sagt mir, daß ich euch gar nichts danken müßte,
Er lenkte zu dem anderen Stuhl die Beine.
Selbst wenn ihr fern dem Mordsgezücht der Heiden,
So gabt ihr zum Verdacht Verrates Gründe,
 

 

285
 
Drum rat ich euch, um Ärgres nicht zu leiden:
Bereut und büßt den Zweifel und die Sünde!

HAUPTMANN: Obgleich der Mob gewaltig aufgeladen,
Die Botin kam gesund durch alle Gassen,
Allein der Wagen nahm geringen Schaden,
Erst morgen früh kann er die Stadt verlassen.

PETROS: Was hör ich? Boten? Was gibts zu berichten?

OREST: Der Bischof hat verlangt, daß man ihm sage,
Was hier geschehn für seltsame Geschichten,
Drum sandt ich den Bericht, daß man nicht klage.

PETROS: Der Stein, die Botin, finstere Intrigen,
Ich hab genug von Lästerung und Lüge,
Nicht hier im Haus soll meine Leiche liegen,
Ein jeder seinen eignen Acker pflüge. (Ab.)

SCHOLASTIKOS:
Ich hab gelauscht und wende mich zum Gehen,
Die Stadt ist voll vom Stoff für den Chronisten,
Ich nutz den Dämmer, um das Volk zu sehen,
Die Hoffnungen, die Zweifel und die Listen.


Dritte Szene.
Orest, Schreiber.

OREST: Man mache Licht und bringe einen Schreiber!

SCHREIBER: Ich steh bereit zu eurem Briefdiktate.
 

 

286
 
Sagt mir die Schrift! Für Krieger oder Weiber?
Sagts gleich, daß ich nicht Pergament verbrate.

OREST: Ich spreche zu Kyrill, dem Kirchenmanne.
Ach nein, ich sprech auf kurzem Weg zum Kaiser,
Er mag entscheiden, ob er mich verbanne
Oder zum Frieden lenkt die höchsten Weiser.
(Pause.)
So schreibt: zur Fastenzeit im Jahr vierhundert
Und fünfzehn bittet der Präfekt den Hirten
Um Weisung, weil das Treiben rings ihn wundert
Und ausschaun läßt als einen ganz Verwirrten.
Nein, dies ist ganz und gar nicht recht geworden,
Der Kaiser ist kein Rater für den Wunden,
Er schickt uns Truppen oder einen Orden,
Jedoch die Weisheit hat er nicht erfunden.
Geht fort, zum Schreiben ist mir nicht zumute,
Ich stehe vor den Trümmern der Karriere,
Ich wate bald im Unrat und im Blute,
Und hab dies zu verschulden noch die Ehre.
(Der Schreiber geht ab. Es wird ringsum dunkel, die flackernden Ampeln erloschen während des Monologes nach und nach, so daß die Szene immer gespenstischer wird.)
Den Musentempel hab ich nicht geschlossen,
So sagts der Bischof mit erhobnem Finger,
Die Prediger und ihre Spießgenossen
Sehn folglich lauter weitre krumme Dinger.
Nun mag zwar stimmen, daß aus einer Sünde
Unzählge sprießen, weigert sie die Reue,
Doch worin hier der Sündenfall bestünde,
Frag ich mich früh und abends stets aufs neue.
Daß sie die Tochter sein der Mnemosyne,
 

 

287
 
Ist der Verehrung und Kultur entbehrlich,
Hesiod braucht fürs System die Himmelsbühne,
Jedoch sie selbst sind menschentreu und ehrlich.
Die Klio, der Scholastikos ein Jünger,
Ist ganz gewiß dem Heiland keine Götze,
Das Wahren des Vergangnen stellt den Dünger
Und auch Apostel brauchen Marmorklötze.
Die Melpomene, in Tragödien sprechend,
Gestaltet Schrecken, drin uns lechzt nach Gnade,
Die unverdient aus Wolkenhimmeln brechend
Uns wählen läßt die tugendreichen Pfade.
Die Terpsichore mag als Leichtsinn gelten
Der Grübler, der die Augen sich vermauert,
Doch Christus spricht von tänzerischen Welten,
Darin der Frohsinn unaufhörlich dauert.
Thalia, deren Krummstab unsre Hirten
Sich abgeschaut, bezeugt das Gottvertrauen
Und sagt: der Herr wird jeden Gast bewirten,
Denn grün und fruchtbar sind die Himmelsauen.
Euterpe, die im Flötenspiel uns heitert,
Verleumder sagen Kupplerin des Buhlen,
Doch wenn sie uns das enge Herz erweitert,
Besteht nicht Anlaß, sich im Schmutz zu suhlen.
Erato weckt die Sehnsucht mit der Leier –
Ist unser Glaube nicht ein einzig Sehnen?
Und ist nicht auch das Abendmahl die Feier,
Daß adlerhoch sich Horizonte dehnen?
Urania deutet die Planetenweiser –
Warn nicht die Magier früh schon an der Krippe?
Der Stern von Bethlehem bezwang den Kaiser,
Und leuchtete, daß nun der Aeon kippe.
(Es wird langsam heller, der Tag bricht an.)
 

 

288
 
Und Polyhymnia, die im Orgeltone
Erst christlich fand zu ihrem Attribute –
Wer sagt wie sie, daß uns der Glaube lohne
Und daß der Herr der Grund für alles Gute?
Zuletzt noch Kalliope, schönste Stimme –
Macht nicht die Sprache uns zum Ebenbilde
Des Schöpfers, daß nicht Geist auf Wassern schwimme,
Und birgt sie nicht des Menschensohnes Milde?
Die Künste mögen auch Gefahren tragen,
Doch im Verbund mit Demut und mit Danken,
Sind sie dem Glauben Flügelroß und Wagen
Und schirmen wider Wehleid oder Wanken.
Wir singen und wir widerstehn dem Feinde,
Mit Glocken, mit Posaunen und mit Schellen
Macht sich das Christenvolk erst zur Gemeinde,
Und selbst die Engel stehn auf Klangeswellen.
Und daß die Heiden der Musik verfielen –
Bedeutets nicht, daß Gott auch ihnen pflanzte
Die Sehnsucht nach den unbekannten Zielen,
In der das Volk um Baum und Säule tanzte?
Ich hab den Musentempel nicht geschlossen,
Denn mögen auch die Namen heidnisch lauten,
Was aus dem Spiel der Formen ist entsprossen,
Gleicht dem Gedicht, das wir im Herrn erschauten.
Und wer mich pönt, daß ich dies Loben liebe,
Tuts nicht beim Vater und auch nicht beim Sohne,
Der folgt statt Christus dem, der Peitschenhiebe
Ihm gab und ihn geschmäht mit Dornenkrone.
Drum will ich ganz gefaßt der Dinge harren,
Ich steh für Frieden und den frohen Glauben,
Sie können mich im Gassenschmutz verscharren,
Doch niemals meine Zuversicht mir rauben.
 

 

289
 
Vierte Szene
Orest, Hauptmann, Skotos, Sylvia

HAUPTMANN:
Verwundete! Mein Herr, die Morgenstunde
Bringt Greul in allen Gassen und Alleen,
Sie jagen überall wie tolle Hunde,
Und niemand kann dem Morden widerstehen.
Blutüberströmt, ein Mädchen trägt am Tore
Den Körper eines Jungen, eines Christen,
Ich sah ihn singen einst auf der Empore,
Nun stand er wohl auf einer dieser Listen.

OREST: Laß sie herein. Hier ist Asyl dem Frieden,
Den Frommen, welche Schlächterei erleiden.
Habt keine Sorg, daß Unrat kam hernieden,
Und Blut auf einen Vorhang, welcher seiden.

SYLVIA: O Herr daß wir um einen Hauch entronnen,
Herr Teukros sprach, ihr werdet euch erbarmen,
Ich bete, daß er leb in Christi Wonnen,
Denn ohne Schuld starb er in meinen Armen.
Laßt Wasser bringen für den armen Schüler,
Der nur aus Zorn auf seine Schul geschunden,
Recht frisches wär ein balsamgleicher Kühler
Für seine Haut, die brennt vor lauter Wunden.

HAUPTMANN: Es eile einer zu dem Brunnenschachte.

OREST: O nein, dies werd ich eigner Hand besorgen,
Denn Sünde wärs, wenn ichs nicht selber machte,
Der Herr spricht: wer da hat, der soll nicht borgen.
 

 

290
 
HAUPTMANN:
Doch heißt es auch, man sei auf seinem Posten.
Ich fürchte, dieser Aufruhr wird noch schlimmer.
Die Morgensonne blutet uns im Osten,
Sie rufts herauf, was es auch sei, was immer.

OREST: Was ihr getan an dem geringsten Bruder,
Das tatet ihr an mir, die Pharisäer...
Ihr selber bringt Arabicum und Puder,
Ich komme gleich und seh die Wunde näher. (Ab.)

HAUPTMANN: Mir ists, als ob ich hörte die Trompeten
Von Jericho, die Mauern müssen stürzen,
Wir sollen nicht um eine Zukunft beten,
Der Herr will unsern Leidensweg verkürzen.
Noch nie geschahs, daß der Präfekt die Quelle
Höchstselbst gesucht, darum nicht lange deute:
Dies ist der Tag! Der Herr kommt mit der Helle!
Die Schlange Adams zeigt die Haut der Häute. (Ab.)

SKOTOS (schlägt die Augen auf, erschrickt):
O weh mein Todesengel! Meine Stunde
Kam früher als ich voller Hoffen meinte.
Doch was ist eines Feuerbalkens Wunde
Vor der, die mir im tiefsten Herzen weinte?

SYLVIA:
Sprich nicht! Du bist zu schwach im Augenblicke,
Man bringt uns Wasser, Öl und gute Kräuter,
Der Wolken lenkt und alle Weltgeschicke,
Schuf auch dem bangen Lamm ein pralles Euter.
Wir sind im gut gesicherten Palaste,
 

 

291
 
Der Mann des Kaisers selbst versorgt den Wunden,
Vom Land der Magier brachte man die Paste,
Davon muß auch der Kränkeste gesunden.

SKOTOS (schluchzt):
Ach Aison spricht nie mehr vom Glanz des Geistes,
Und Teukros kam im Feuer um die Lunge,
Auch Ajax fiel, der herrliche, so heißt es,
Das Herz nicht faßt, was sagbar ist der Zunge.
Und das Museion, wo wir still gedachten
In Andacht und im Mut der klaren Worte
Der großen Denker und der Geistesschlachten,
Ist nicht mal mehr die Rose, die verdorrte,
Es ist ein Haufen Schutt, die schlanken Säulen,
Sie stürzten wie ein Grashalm, der verlodert,
Und durch den Garten wüste Rotten heulen
Und jubiliern, das jeder Sinn vermodert.
(Orest bringt Wasser, Sylvia wäscht das verkrustete Blut ab.)

SYLVIA: Als Todesengel bin ich schlecht gelungen,
Denn du erwachst mir mehr und mehr zum Leben,
Und hab ich erst die Kruste abgewrungen,
Erkenn ich auch den lächelnden Epheben.

SKOTOS: Der Schrecken macht Ergebenheit und Stille,
In Gleichmut seh ich Wunder mich umsorgen,
Wenn nicht der Tod des Herrn gesetzter Wille –
Wie denk ich dieser Zärtlichkeiten morgen?
Werd ich dann hoffen, ein Gebäude breche
In Feuersbrunst, daß sie die Wunden pflege?
Und bleiben meinem Herz nur Tränenbäche
In Einsamkeit auf unbestimmtem Wege?
 

 

292
 
SYLVIA: Was du so lange schweigend hast empfunden,
Der Schrecken löste deinem Herz die Spange.
Ich aber sag dem Heilen und dem Wunden
Ich lauschte oft dem herrlichen Gesange.
Denn in der Kirche reizten mich die Bilder
Nur wenig und die ausgefeilten Gesten,
Und wenn ich Gottes Wundernähe schilder,
Sagt dies der Chor der Jünglinge am ehsten.
Auch will ich nicht verschweigen, daß ich einen
Hab stets gehört im Lobeskreis der Sänger,
Ist dies unmöglich, dachte ich, dann keinen,
Dies sage ich dem schönste Seelenfänger.

SKOTOS: Sag einer noch, daß ich entging dem Wahne!
Auf meinem Haupte des Museions Balken.
Bin ich nicht schon bei Charon auf dem Kahne
Mit Lippen, die schon spröde, weiß und kalken?

SYLVIA: Du bist so selig, daß die Kinderbilder
Mit Charon und dem Styx dir wiederkehren.
Mir selbst erscheint ein neuer Glaub ein wilder,
Der fähig nicht, den frühern Traum zu ehren.
Du stehst wie ich am Tor, an einer Schwelle,
Davor ein Abgrund gähnt, nicht zu beschreiben,
Doch auch die Anmut sagenhafter Helle
Und leise sagt, wir dürfen hier nicht bleiben.

HAUPTMANN:
Der Mann des Kaisers reicht die Sakramente!
So wird mir mystisch das Geschehn der Tage.
Fügt ihr euch drein ins Schrein der Elemente
Und gebt dem Feind die Stätte sonder Klage?
 

 

293
 
OREST:
Wie kommt ihr drauf? Nur weil ich Wasser brachte
Dem Leidenden, verletzt um Christi willen,
Meint ihr, daß man mich hasenfüßig machte,
Mit Mystik meinen großen Zorn zu stillen?

HAUPTMANN:
Nun ja, mir schiens bei solchen Demutsgesten,
Als hätt ein Geist von euch Besitz ergriffen,
Als ob das Lamm die Reiter rief, sie westen
Im Herzen mir, als wenn die Erd sie schliffen.

OREST: Ich seh nicht Zeichen, daß die Zeit sich neige,
Doch sehe ich den Pöbel marodieren,
Drum sag ich, auf die höchste Zinne steige,
Wir dürfen keinen Augenblick verlieren.
(Der Hauptmann ab.)

SYLVIA: Die Stätte ist von besten Wehr und Waffen,
Herr Teukros riet, ich mög dich hierher bringen,
Und hat der Herr gewollt, wir mögens schaffen,
So sorgt er auch, daß du wirst wieder singen.

SKOTOS: Ach singen, jeder Sang verdarb im Blute,
Die Freunde starben und die Schule brannte,
Ich glaub nicht mehr ans Schöne und ans Gute,
Und leb ich noch, dann nur als der Verbannte.

SYLVIA: Doch ich bin hier und Helfer ungezählte,
Sie zeigen, daß die Botschaft nicht verdorben.
Bist du nicht der zu dieser Schau erwählte,
Und darum nicht im Feuersturm gestorben?
 

 

294
 
SKOTOS:
Du schlepptest mich und solltest rascher fliehen.
Du wußtest nicht, wieviel an Zeit dir bliebe.

SYLVIA:
Du meinst, die Feigheit läßt die Schwache ziehen
Und mitleidslos verkommen ihre Liebe?

SKOTOS:
Was Liebe wie? Was brauchst du da für Worte?

SYLVIA: Du bist der meine stets in Lust und Wehe,
Erst hörte ich dich draußen an der Pforte,
Dann tret ich ein im Kerzenschein und flehe!
Doch in der Kirche, im Museion-Garten
Du bliebst so stumm dem Zittern und dem Zagen,
Ich mußte auf die Katastrophe warten,
Um endlich dir die Wahrheit auszusagen.

SKOTOS: O nein, ich hätte nie gedacht, ich würde
Vor deinem Blick bestehn, dem allzu strengen,
Die Lieblichkeit erschien mir nichts als Bürde,
Dem Leidenden die wunde Brust zu sprengen.
Nicht Aisons Geist, nicht Ajax Waffenstärke,
Nicht Teukros' Mut und Umsicht sind mir eigen,
Ich prunke nicht im Worte, noch im Werke,
Und traute mich nicht, mein Gefühl zu zeigen.
Als Retterin beschämtest du den Schwachen,
Im Eingeständnis den geringen Glauben,
Jedoch die offne Rede macht mich lachen
Und Mittel sinnen, dir das Wort zu rauben.
(Er küßt sie.)
 

 

295
 
Fünfte Szene
Man hört Geschrei und Aufruhr, dann Kampfeslärm.
Orest, Skotos, Sylvia, Scholastikos

OREST: Nun wird es ernst. Sie rüsten sich zum Sturme,
Die Schilde werden gut die Zinnen stützen,
Nur keine Panik vor dem großen Wurme,
Die Hauptarbeit gehört den Bogenschützen.

SCHOLASTIKOS:
Ich stürze rein, ganz ohne Ordonnanzen,
Der Hauptmann ließ mich durch die Reihe schlüpfen,
Der Petros läßt auch hier die Puppen tanzen
Und keulenschwingend Kapriolen hüpfen.

OREST: Ich dacht mir fast, daß er ein großer Hetzer,
Gleichwohl den großen Aufruhr auszusinnen,
Reicht sein Gekläffe nicht zum Zeichensetzer,
Da sind gewiß noch andre Kräfte drinnen.

SCHOLASTIKOS:
Wie dem auch sei, er führt die wüste Meute,
Und feuert an mit markigen Parolen,
Wie besser wärs bestellt um all die Leute,
Würd diesen einen bloß der Teufel holen.

OREST:
Vielleicht wird bald der Bischof sich entscheiden,
Daß Ruhm hier nicht geschieht dem Christentume,
Hypathia ist gewiß nicht zu beneiden,
Doch sie sagt jeden Schrecken durch die Blume.
(Er hält mit Blick auf Scholastikos inne.)
 

 

296
 
SCHOLASTIKOS:
Ihr werdet mich als herzlos wohl verachten,
Chronistenlos ist Absehn vom Gefühle,
Er darf sich nicht das Augenlicht umnachten
Und dulden, daß er sich den Bart zerwühle.
Was mir zu künden euch und der Geschichte
Ist Schrecken, der sich nicht erlöst in Tränen,
Ich laß die Vorred euch und ich berichte,
Daß ihr euch nicht verwundern sollt im Wähnen.
(Pause in äußerster Stille.)
Hypathia reiste vor der Morgenröte,
Als am Museion Nacht noch war und Stille,
Doch daß man sie gemein und grausam töte,
War wohl des Herren unbedingter Wille.
Ihr wurde aufgelauert und empfangen
Ward die von Mördern, bestens unterrichtet,
Der Überfall ist wohl nach Plan gegangen,
Und war gewiß der Gründlichkeit verpflichtet.
Sie schleppten aus der Kutsche die Verblüffte
Und stießen sie mit Keulen und mit Stangen,
Sie rissen die Gewänder von der Hüfte,
Und nackend ist sie durch die Stadt gegangen.
Zur Kirche, die Kaisarion wird geheißen,
Trieb man die so Entehrte grad wie Schweine,
Dort fing man an, die Haut ihr abzureißen
Und schlug ihr Fleischerhaken in die Beine.
Sodann zerriß man ihre festen Brüste
Und als sie kaum noch atmete, da sangen
Sie ein Tedeum noch zum Preis der Rüste,
Und lobten, daß das Heidentum vergangen.
Als sie sich regte, wie um sich zu ducken,
Warf man mit Steinen und erst spät zum Kopfe,
 

 

297
 
Dann ging ein jeder, auf die Leich zu spucken,
Die zerrte man ins Feuer dann am Schopfe.

OREST (nach langem Schweigen):
So also ging sie, der die Dichter singen
Einst werden, daß sie huldigten auf Knien,
Das Haus der Jungfrau möge sie verdingen,
Das höherer Erhebung nie gediehen.
Denn jene, der wir zeitgenössisch lauschten
War ein Gestirn des Wissen und des Geistes,
Und wenn wir auch nur wenig Worte tauschten,
So waren wir begnadet, einmal heißt es.

SKOTOS: Dies ist gewiß das Ende. Aller Schrecken,
Den wir erlebt in Brand und Metzeleien,
Erscheint mir nun ein ganz geringer Stecken
Vor diesem Eichenbaum der Schweinereien.
Ist menschenmöglich solche Haß-Verblendung?
Kann einer Christ sein, wenn mit solchem Schmutze
Geschändet ist sein Haus? Ists nicht Verschwendung,
Daß man den Geist in solcher Welt benutze?

OREST: Denk Sylvia! Flieh, denn ihr müßt beide leben
In Wüstenein den Baum der Hoffnung pflanzen,
Euch gab der Herr die Liebe und sie eben
Ist Rettung und der Sinnbestand des ganzen.
Der Hauptmann führt euch zu geheimem Gange,
Da kommt ihr leicht und ohne Müh zum Hafen,
Ein Kennwort macht, ihr wartet dort nicht lange,
Ihr werdet auf den Meereswogen schlafen.
Kein Wort des Abschieds, denk, allein die Liebe
Hat unser Herr als Rettung uns befohlen,
 

 

298
 
Darum zur Seite ich den Vorhang schiebe,
Ich will nichts hören als die flinken Sohlen.
Und tilg die Bilder dir auch im Gedanken,
Du bist wie Noah künftigem berufen,
Drum lasse dich auch kein Gedächtnis wanken,
Denn alles was geschehn sind Tempelstufen.
(Skotos und Sylvia ab.)
Nun ist die Stunde da, die dunkle, bittre,
Der Hauptmann wähnte sie verfrüht doch richtig.
Die Würfel sind gefallen, also zittre
Nicht vor der Welt und nehme dich nicht wichtig.
Ich ruf die Schützen ab und laß die Sperren,
Weit öffnen und es bleibt nichts zu verhandeln.
Ob sie uns auch in das Kaisarion zerren?
Das spart zu sehn, wie sie dies Haus verschandeln.
(Im Hintergrund lautes Murren der Wachen.)
Ihr wollt noch trotzen? Wollt noch Pfeile schießen?
Wofür? Es gibt nichts was zu schützen lohnte?
Ihr meint, die Frau sollt uns nicht so verdrießen?
Doch mit ihr fiel, worauf die Ordnung thronte.
Ist so der Geist der Würde und der Sitte
Beraubt, solls Schwefel doch vom Himmel regnen,
Dann trete doch der Herr in unsre Mitte,
Zu richten und die Seinigen zu segnen.
Was soll ich hier bewahren mit dem Schwerte?
Ein morsches Haus, gefüllt mit altem Plunder?
Wenn dies zu halten, unser Herr begehrte,
So offenbarte ers mit einem Wunder.
Jedoch sein Wunder warn der Schüler zweie,
Wer ihre Liebe sah, der hat erfahren,
Daß größer nichts, daß es der Herr verleihe,
Drum danket Gott, daß sie im Hause waren.
 

 

299
 
Sechste Szene
Die Bühne füllt sich mit Bewaffneten. Jeweils zwei halten Orest und Scholastikos fest.
Orest, Scholastikos, Petros, Bewaffnete

PETROS:
Den Schreiberling braucht ihr nicht anzubinden,
Die Neugier hält ihn sicher im Geschehen,
Gar grausam wärs, man hindert ihn zu finden
Die Feder, und noch grausamer, am Sehen!
Er wird, uns alle lobend, niederschreiben,
Wie wir gewehrt dem heidnischen Tyrannen,
Wie wir im Lande Christi Reich verleiben,
Die Lästerer und Helfershelfer bannen.
Ihr glaubt mir nicht? Ihr meint er könnte dichten,
Wir wären grad des Christentums Verbieger?
Glaubt mir, ich kenn mich aus mit den Geschichten,
Denn die Geschichte schreibt allein der Sieger.

ERSTER BEWAFFNETER:
Wer hat ihn solche Sprüch gelehrt? Die Psalmen
Warns sicher nicht, und auch nicht Christi Leiden,
Wo in der ganzen Stadt Ruinen qualmen,
Muß man ihn um Gelehrsamkeit beneiden.
(Man läßt Scholastikos frei.)

PETROS: Der Herr zeigt seine Weisheit der Gemeinde,
Und zeigt euch heut, wie Leugner zu behandeln,
Denn alle, die des Menschensohnes Feinde,
Sind gar nicht wert, auf dieser Erd zu wandeln.
Dies durchzusetzen ruft der Herr die Christen,
Sie lassen ihren Acker, ihr Gewerbe,
 

 

300
 
Und schicken Satan alle Satanisten,
Daß ihm nichts fehl an seinem ganzen Erbe.
(zu Orest):
Orest, du dauerst mich in deiner Sünde,
Jüngst wies ich dir den Weg zu Reu und Buße,
Du aber dachtest nur an deine Pfründe,
Und fandst zu Zauberei und Morden Muße.
Hypathia, deine Hure, vor dem Zorne
Des Volks zu schützen, ist mir nicht gelungen,
Doch dir gebührt ein stolzer Schritt nach vorne,
Des Bischofs Milde sei um dich geschlungen.
Du wolltest ihn mit Boten freundlich stimmen,
Nun darfst du selbst vor seine Augen treten,
Der Weihrauch wird zu deiner Gnade glimmen,
Und alle Brüder werden für dich beten.
(Ein Bote tritt auf und reicht Petros eine versiegelte Rolle,
die jener gleich aufbricht und studiert.)

Wir haben an den Bischof schon geschrieben
Und fragten ihn, wie wir dich kleiden sollen,
Von Kaisers Würde ist ja nichts geblieben,
Was nicht zerzaust du hast bei deinem Tollen.
Nun schau ich mit Verehrung in die Rolle,
Was mir der Hirte anbefiehlt zu sorgen,
Er schreibt hier gleich im Eingangssatz, er wolle
Daß wir die Fahrt beginnen, und zwar morgen.
Dich sprechend anzuhören, ist ihm greulich,
Weil seine Ohren lieber Fromme hören,
Drum wär es ihm als erstes Ding erfreulich,
Würd eine Zunge diesen Kopf nicht stören.
Du weißt, wir lassen uns nicht zweimal bitten,
Doch soll dein Stammeln ungesagt nicht bleiben,
Drum laß ich, eh die Zung dir wird geschnitten,
 

 

301
 
Historicus die letzten Worte schreiben.
So spreche frei, wir werdens mit Gewissen
Dem Bischof reichen, wenn du stumm geworden,
Wenngleich das deine frei von solchen Bissen,
Denn Bogenschützen dürfen fernhin morden.

OREST: Mein Wort war, daß die Tore ich gehoben,
Wohl wissend, daß ich keine Gnade finde,
Doch es geschah allein, den Herrn zu loben,
Denn er nahm mir die letzten Augenbinde.

ZWEITER BEWAFFNETER:
Was spricht er da? So spricht kein Heidenpriester.
Man muß die Sache gründlich untersuchen.
Man sagte uns, hier herrschten wilde Biester,
Die böse Täuschung muß der Herr verfluchen.

DRITTER BEWAFFNETER:
Der Text ist falsch. Der Bischof hat geschrieben
Gewiß nicht, daß vorm Anhörn werd verstümmelt
Der Diener Roms. Die Wahrheit heißt er lieben,
Er ist kein Mann, der auf dem Ohre lümmelt.
(Allgemeines Gemurmel und Unwillen.)

PETROS: Ich reich das Siegel hiermit dem Chronisten,
Er weiß zu prüfen, was gefälscht und echtens,
Und wer mich zieh des Falschs und arger Listen
Erkenn beschämt, das alles gut und rechtens.

SCHOLASTIKOS:
Am Siegel ist kein grober Trug zu sehen,
Doch Fälscher gibts in dieser Stadt die besten,
 

 

302
 
Und auch wer weiß, wie sie zu Werke gehen,
Der kann mit bloßem Aug das Wachs nicht testen.
Ich aber kenn Kyrill nicht nur aus Rollen,
Die zweifelhaft ob echt ob nachgezogen,
Und weiß genau, er würde niemals wollen,
Daß wer um die Verteidigung betrogen.

VIERTER BEWAFFNETER:
Gib mir die Rolle, ich war manche Jahre
In einer Werkstatt gut für Imitate,
Drum ist kein Trick, den ich nicht leicht erfahre,
Denn ich war oftmals solcher Künste Pate.
(Allgemeiner Tumult. Die Rolle wird umhergereicht.)

ERSTER BEWAFFNETER:
Wir führen alle vor den klugen Richter,
Orest und Petros und die Siegelrolle,
Dann wird uns alles zweifelsfrei und lichter,
Dann sehen wir die Wahrheit selbst, die volle.
Man reiche mir die Siegelrolle rüber.

ZWEITER BEWAFFNETER:
Sie ist verschwunden wie die Morgenröte.

DRITTER BEWAFFNETER:
Jetzt läuft das Faß der Unverschämtheit über.

VIERTER BEWAFFNETER:
Erbärmlicher sich nie ein Schauspiel böte.

ERSTER BEWAFFNETER:
Nehmt Petros fest. Er steht in dem Verdachte,
 

 

303
 
Das er getrogen die Versammlung böse,
Doch seid mit unserm Leser tunlichst sachte,
Vielleicht daß sichs zu seinen Gunsten löse.
(Alle außer Scholastikos ab.)

SCHOLASTIKOS:
Mir bleibt hier noch ein letzter Rest zu sprechen,
Und daß das Publikum sich drob nicht gräme,
Will ich der Zukunft Siegel schnöde brechen,
Und künden, ob hier recht behält die Häme.
Der Bischof wird sich nicht mehr dran erinnern,
Was in der Rolle, die er sandt, gestanden,
Er trennt uns die Verlierer von Gewinnern,
Und denen kam die Forschungslust abhanden.
Orest wird überstellt den Kaiserlichen
Und dort wird ihm Verbannung zugesprochen,
Er ist im hohen Alter erst verblichen,
Ist nie verstummt, gehumpelt und gekrochen.
Der Petros fand den Bischof zum Vergleiche
Geneigt und ist nach Albion fortgesegelt,
Nie hörte ich von ihm und seiner Leiche,
Noch was er später anderswo geflegelt,
Von seinem Schlag wirds immer welche geben,
Solang die Welt besteht im Sterngefunkel,
Doch wenn Oreste auch dazwischenleben,
Wirds auch in fernen Zeiten niemals dunkel.
Die Fabel des Geschehns bleibt nicht verborgen
Dem Schauenden, der dies mit Witz betrachtet,
Nicht alles kann der Hofchronist besorgen,
Drum sei auch, was er euch vergaß, beachtet.
 

 

 

 

305
 


LAUDINE
MINNESPIEL





Swer getragener kleider gert,
der ist nit minnesanges wert!
die sol man stillen
durh Minne willen,
wan ir minnesang ist wibes schände.


    ULRICH VON BAUMBURG


Wer Lohn für Lieder nimmt,
Die Harfe bloß verstimmt,
Ihm heiße schweigen
Im Minne-Reigen,
Weil solches Lied die Frauenhuld beleidigt.


    NEUHOCHDEUTSCHE FASSUNG
 

 

306
 


PERSONEN
ARTUS, König von Britannien
GUINEVERE, seine Gemahlin
IWEIN, GAWAIN, LANZELOT, PELLEAS, Ritter der Tafelrunde
LAUDINE, Brunnenfürstin
ASKALON, ihr Gemahl
LUNETE, ihre Zofe
NIMUE, Dame vom See
ÄLTERE und JÜNGERE NICHTE
    des Grafen zum schwarzen Dorn
FRAU MINNE
DER DICHTER
WALDSCHRAT
LÖWE, DRACHE, RABE
RITTER, KNAPPEN, HEROLD
BURGFRÄULEIN, EDELKNABE
 

 

307
 


PROLOG
Der Edelknabe der Königin Guinevere tritt im weißen Gewand vor den Vorhang.

EDELKNABE:
Das Stück, das meiner Herrin zu gefallen
Gedichtet ward und heute wird gegeben,
Mag Augen, den verwöhntesten von allen
Erscheinen als ein längst verwehtes Leben,
Doch möcht ich euch den Grabesruch vertreiben,
Nichts Antiquiertes, kein Histörchen wollen
Wir dieser Bühne ins Programmheft schreiben
Und grad wie bei den Ritterspielen tollen.
Es geht hier nicht um Rüstung, Helmbusch, Schwerter,
Nicht um die Bräuche in vergangnen Zeiten,
Es geht ums Glück, das allen Menschen werter
Als alle Mühn, die sie sich drob bereiten,
Das Glück der Lieb, das alle seine Kelche
Aufschlagen kann, eh sie im Gram verwelken,
Der Nase nach, und auch das Ohr hat welche,
Die Augenlust des Jove preisen Nelken.
Wenn hier von Minne fürder wird gesungen,
So meint das Wort die Zartheit, die dem Herzen
Wohl eignet, das, von einer Wahl durchdrungen,
Zu Licht wird wie des Doms bescheidne Kerzen.
Die Wahl frommt stets der Jugend, die das Ganze
Im Blick hat und nicht Kaufmanns Winkelzüge,
Sie schleudert weit und rückhaltlos die Lanze
Und fürchtet nicht des Sommerhimmels Rüge,
Sie ist im Herzen frei und kann verschenken,
 

 

308
 
Sie reitet auf dem Sturmwind zu erobern,
Sie braucht nicht des Vergangenen zu denken
Und scheut sich nicht vor Tadlern und vor Lobern.
Und doch wird sie zurecht der Reife weichen,
Denn sie verspielt, was ihr so leicht gefallen,
Dann muß sie im Gerausch der alten Eichen
Den Schlüssel finden in die holden Hallen.
Der trägt sie niemals in des Pfeiles Weise,
Nicht stürmisch noch im Glanze stolzer Schimmel,
Wer sich bewährt, vollbringt die Minne leise
Und Demut heißt sein Schlachtroß und sein Himmel.
Denn reif zu werden, heißt dem Herrn befehlen
Die Wege und die Weiser und die Brücken,
Das Heil ist nicht zu zwingen und zu stehlen,
Und was dir frommt, gibt sich aus freien Stücken.
Doch dient das Stück nicht nur allein den Questen
Des Ritters, der der Herrin Huld geschworen,
Denn wär von Fraun sie eine zwar der besten,
Wärs gleichwohl manches Wort zu viel verloren:
Sie ist viel mehr, sie steht für eine Seite
Des Daseins, der, versiegt, die Welt verdorrte,
Sie hat am kleinsten teil, an aller Weite,
Sie formt dem Dichter und dem Mimen Worte.
Sie sprudelt, und so nennt man sie die Quelle,
Das Wasser, dem das Leben ausbedungen,
Sie ist der Spiegel, ohne den das Helle
Blieb stumpf und rauh wie Wüsten-Dämmerungen.
Drum, wenn du meine Herrin bleich und röter
Erschaust, vergiß in menschlichen Belangen
Die Göttin nie, der front der Drachentöter
Und all die Minner, die seither gegangen.
(Er verbeugt sich und geht ab.)
 

 

309
 


ERSTER AUFZUG
Ein Burghof im Morgendämmer. Im Vordergrund eine Zinnenreihe. In der Mitte ein Brunnen, der fröhlich sprudelt. Rechts daneben eine hölzerne Trage mit einem blutgefleckten weißen Linnen bedeckt. Darauf der offenbar schwer verwundete Askalon. Während der ersten Szene wird es langsam heller und man kann auf der linken Seite ein doppeltes Falltor entdecken, in der Torhalle Iwein gefangen mit einem toten Pferd. Laudine kommt eine Treppe heruntergerannt. Lunete verfolgt sie, hält sich aber im Hintergrund, als Laudine auf den Verwundeten zugeht.

Erste Szene.
Laudine, Askalon, Lunete.

LAUDINE:
O weh, ach nein – was ist das für ein Morgen?
Mein Traum war wüst, doch wüster war des Wecken.
Hat denn der Himmel nichts als Schmerz und Sorgen,
Nur Wolken schwer und prall von Angst und Schrecken?
Ich schlief und schwebte träumend über Ländern,
Die warn verheert von einem schwarzen Eber,
Und dessen Kinder, die zu Weidenschändern
Erzogen, warn die Gnadentodes-Geber,
Doch dann, es kam das Meer ein Liliensegel
Mit Rittern, die die Eberkinder schlugen,
Und dann, wer weiß, mit wessen Kunst und Regel,
Des Untiers Kamm als Jagd-Trophäe trugen...
Nicht weiß ich was von Ebern und von Rittern,
Kein Astrolog kann Rätsels Qual verkürzen,
Dann seh ich des Gemahles Schwert zerplittern,
 

 

310
 
Die Mähre vor dem Tor zusammenstürzen,
Die Knechte huben sanft auf eine Trage
Den Wunden, drum sich Tod und Leben streiten,
Und so die Nacht allmählich weicht dem Tage,
Erwart ich nur noch Not und Grausamkeiten.

ASKALON (mühsam sich erhebend):
Mein Brunnen, du muß freudig, hell und heiter
Die Wiese netzen, springend, sprudelnd, fröhlich,
Ich bin ein Wrack, ein Klumpen Grind und Eiter,
Von Gram und Schande ward das Blut mir ölig,
Ich werde nicht mehr an dein Lager treten,
Zu hoffen, daß die Bäche allen Meeren,
Laß mich allein, ich will zum Herren beten,
Daß er mich nehm und mir verzeih in Ehren.

LAUDINE:
Du wardst mir nicht gebracht, daß mir verborgen
Nun bleib, wer dich geschlagen und geschunden,
Folgt Traums Geheimnis weiteres am Morgen
Und nur als Vorwurf hab ich dich gefunden?

ASKALON: Die Fehde ist schon lang, die Artusritter
Und dann der Wilde Schrat im Buchendunkel,
Kalogrenant vertrieb nicht nur Gewitter,
Er bracht dem Clan des Riesensohns Gemunkel...

LAUDINE: Sag, wer ist Artus, nie noch war der Name
Genannt im Reich der Büsche und der Blumen,
Ins Ur-Uralte strömt dir Stolz und Same,
Wie kommst du da zu solchen Königtumen?
 

 

311
 
ASKALON: Von Artus kann dir manches deine Zofe
Berichten, denn sie war vor manchen Lenzen
Im Auftrag und auch ohne dort am Hofe
Und liebte je den Prunk von Schwalbenschwänzen.
Der Widderfüßge schwatzte die Idylle
Des Brunnens in die Lanzenstich-Gemüter,
Und eh sich jeder dort das Trinkhorn fülle,
Stand ich bis heut als deines Brunnens Hüter.
Ich nahm dem ersten Frevler nur die Waffen,
Das Pferd, die Rüstung, denn von diesem Neide,
Mit dem sie alles, was sie wünschen, schaffen,
Erahnt ich nichts, dies ists, warum ich leide.
Doch nun, du weißt die Tat, und auch den Täter
Wirst du schon bald im Morgengrauen sehen,
Es gibt für mich in dieser Sach kein später,
Ich muß den Herren rufen und dann gehen.

LAUDINE (weicht zurück, zu Lunete):
Gibts keine Rettung, keinen Balsam, Öle,
Kein Kräuticht, das die Wunden weiß zu stillen,
Hat nicht der Eremit in seiner Höhle
Ein Wort zu stärken Geist und Lebenswillen?

LUNETE: Mir träumte diese Nacht ein wilder Eber,
Den früh die Artusritter niedermachten,
Das Blut quoll dunkel aus zerschrammter Leber,
Derweil sie ihn verhöhnten und verlachten,
Mit scheint, ein neuer Weltkreis wird begründet,
Da nutzt es nicht mit Öl und Kräutern wetten,
Denn wenn ein Fluß in größere Ströme mündet,
So halten ihn nicht Zähne, Klaun und Ketten.
(Laudine verhüllt ihr Haupt und geht ab.)
 

 

312
 
Zweite Szene.
Lunete, dann Iwein.

LUNETE:
Die Neugier eines Weibs mag mancher schelten,
Doch Adam stünd ansonsten nackt und blöde
Wo seine Kräfte keinen Nickel gelten,
Und rundherum wärs menschenleer und öde.
Des Weibes Sache sind nicht Waffentaten,
Doch wer den Pflanzen und den Vögeln näher,
Der weiß zu urteiln, was da wohl geraten,
Am besten hegt den Frosch der Storchbein-Späher.
Laudine, ach, mich schmerzen deine Tränen,
Du wirst in deinem Schicksal Urlaub brauchen,
Doch wer da wüßte, was die Sterne wähnen,
Fänds rechtens, mal den Hals zurechtzustauchen.
Die Sitte heißt die Trauer selbst dem Tiger,
Der Springborn soll das Blut nicht übertönen,
Jedoch das Leben adelt nur den Sieger
Und was da lebt, gehört dem Lebensschönen.

IWEIN (aus der Torhalle, verhalten):
Lunete hilf, ich bin allein, gefangen,
Du weißt es, und dir ist die Macht gegeben.

LUNETE:
Noch lebt der Herr, drum kommt kein Knecht gegangen,
Es ginge dir sonst allzu rasch ans Leben.
(für sich)
Es ist ein Himmelswort, da fiel das schwere Gatter
Und traf das Pferd doch nicht des Reiters Schädel,
Gefangen zwar im Käfig ist die Natter
 

 

313
 
Doch unversehrt für unser Witwen-Mädel,
Ich werd, da ich den Traum schon hab geplaudert,
In dieser Sache wohl noch manches fädeln,
Ich weiß bescheid, auch wenn mir manchmal schaudert,
Was gut ist Rittersleuten und den Mädeln.
(Sie tritt an das Gatter heran und reicht Iwein einen Ring.)
Hier nimm den Ring, er birgt dich allen Augen,
Askalon dämmert, im Gebet versunken,
Doch hüte dich, nicht alle Mittel taugen,
Laudine ist in Tränen fast ertrunken.

IWEIN: Ich danke dir, du wirst es nicht bereuen,
Ein Leben lang und dann als Geisterwesen
Werd ich nicht Mühsal oder Ungnad scheuen,
Zu dienen dir als Salbe, Schild und Besen.
(steckt den Ring an und wird unsichtbar.)


Dritte Szene.
Askalon, Laudine, Lunete, Ritter, Knappen, Burgfräulein, Iwein als Geist.

ASKALON (in jäher Euphorie):
Der Herr ist herrlich und in höchster Gnade,
Ich ließ die Furcht vor Tod und Höllenqualen,
Mir steht der Sinn nach einem heißen Bade,
Und Fackeln solln die Sonne überstrahlen!

LAUDINE:
Mein Herr, durchströmt euch neues, frisches Leben?
Was darf ich euch als Morgengabe reichen?
 

 

314
 
ASKALON: Man möge mir viel heißes Wasser geben,
Denn sauber gibt man seinem Gott die Leichen.
Auch seien Blumen hier und Blätterkränze
Und alles, was da Quellen liebt und Wasser,
Denn wie der Schnee dahinschmilzt unterm Lenze,
Geh ich als Liebender und nicht als Hasser.

(Ritter kommen mit Laubkränzen und Blumen, die Knappen schleppen Eimer mit heißem Wasser herbei, sie übergießen den Verwundeten, ein Burgfräulein tritt in die Mitte der Bühne und stimmt Kyrie eleison an, ein unsichtbarer Chor fällt ein.)

LAUDINE: Es fehlte grade noch ein Weihrauchkessel.

LUNETE:
Ja, ihr seid Heidin, und vor Christenbräuchen,
Mögt Schierling ihr und Waberloh und Nessel,
Doch immerhin, bei dicken Rotweinschläuchen
Trefft ihr euch mit den Mönchen und Kaplanen,
Der Herr hat uns die Feier anbefohlen,
Da nutze jeder ihm gemäße Fahnen,
Gern will ich euch ein größres Wasser holen.

LAUDINE: Laß besser die Zisterne jetzt in Frieden.
Ich mag nicht rasen schon am Vormittage.

ASKALON: Ich will es heller als die Hesperiden,
Schafft allen Schatten weg von meiner Trage,
Macht hoch die Tür und alle Tore offen,
Die Sperren seien alle aufgehoben,
Ich darf vom Himmel Allerhöchstes hoffen
Und will den Herrn mit allen Sinnen loben.
 

 

315
 
LUNETE (für sich):
Nun wird es ernst, denn Iwein kann entweichen.
Nun wird sich bald entscheiden, was geschrieben,
Bei Askalon vermehren sich die Zeichen,
Daß der Verstand beim toten Pferd geblieben.

(Knappen kurbeln das schwere Gatter hoch und räumen das tote Pferd weg. Iwein ist in eine dichte Nebelwolke eingehüllt, die mit sich herumträgt und die niemand zu bemerken scheint. Der Chor ist beim Agnus Dei angelangt, als Askalon noch einmal verzückt zum Himmel schaut und dann mit starren Augen rücklings fällt.)

LAUDINE: Er hats geschafft, ich schließe ihm die Lider.
(lauter in die Runde):
Und jetzt ist Schluß mit Herrgott und mit Himmel!
Räumt Gras und Zweige, schließt das Gatter wieder!
Ich brauch jetzt Ruh und leide kein Gebimmel.

(Stille. Es wird eine Zeitlang schweigend aufgeräumt, mitunter betet jemand heimlich.)

KNAPPE: Herrgott, o weh! Allmächtger sei gewogen!

BURGFRÄULEIN:
O schreck! es ist kein Zweifel, ja, er blutet!

ERSTER RITTER:
Wird hier das Aug, wird hier der Tod betrogen?

ZWEITER RITTER:
Was wird uns heute alles zugemutet?
 

 

316
 
BURGFRÄULEIN:
Wenn Wunden bluten aus dem toten Leibe,
So ists ein sichres Zeichen, das zugegen
Der Mörder sei und sich die Hände reibe,
Weil ihm der Heimgang seines Feinds gelegen.

ERSTER RITTER:
Das Gatter ist längst zu und nichts zu sehen,
Vielleicht benutzt der Teufel Tarngewänder?

ZWEITER RITTER:
Wir kriegen ihn, er soll uns nicht mehr gehen,
Der unsrer Burg und unsers Burgherrn Schänder!

LAUDINE: Was soll das Lanzenstechen hier ins Leere,
Räumt weg das Grünzeug, nicht etwa Gespenster!

ZWEITER RITTER:
Der Leichnam sagt, der Räuber seiner Ehre
Sei hier und suche jetzt ein offnes Fenster.

LUNETE: O Herrin, hört mich an, denn diese Sache
Ist eilig und muß rasch entschieden werden,
Tot und im Himmel ist die Brunnenwache,
Und weitergehen muß es hier auf Erden.
Die Artusritter sind auf Quellen gierig,
Dies klar zu sehn, brauchts keinen Überflieger,
Verteidigung und Schutz sind jetzt sehr schwierig,
Nur einer könnte dies, das ist – der Sieger.

LAUDINE: Du redest mir von seltsam dunklen Dingen,
Als sei mein Kopf nicht ohnehin am Platzen.
 

 

317
 
LUNETE: Askalon wird für dich nichts mehr gelingen,
Denn sieben Leben haben nur die Katzen.
Er war dir treu, drum soll man ihn in Ehren
Begraben und in reinem Leichentuche,
Dies darf dir den Gedanken nicht verwehren,
Daß du bedroht von einem schlimmen Fluche.

LAUDINE: Was soll ich tun? Was rätst du mir, Lunete?

LUNETE: Ein neuer Herr muß her und herrisch walten,
Uns hilft kein Jammer und auch nicht Gebete,
Sonst wird hier bald der letzte Herd erhalten.

IWEIN (der beim fortwährenden Hauen und Stechen in die unmittelbare Nähe von Laudine gelangt ist und ihr direkt ins Gesicht blickt, plötzlich unvorsichtig laut):
O je, das Weib ist lieblicher als alle,
Das Haar, die Augen, und die Hüften runder...

ERSTER RITTER:
Jetzt sitzt du, Mörder, endlich in der Falle.
Wir stechen zu.

IWEIN: Es ist das reinste Wunder...
(Er springt zur Seite und der Stoß geht ins Leere.)

ZWEITER RITTER:
Er kann nicht weit sein, stoße in die Runde!

ERSTER RITTER:
Jetzt gehts dir, Buhle, schrecklich an den Kragen!
 

 

318
 
LUNETE: Laudine, tut was, eh die erste Wunde
Verunziert euch die Lust der nächsten Tage!
Der Sieger, der geerbt die Brunnenbürde,
Ist unter uns und flieht vor Lanzenstichen,
Bejah die Lieb und teile Burg und Würde
Und fahr bei dem Gemetzel rasch dazwischen.

LAUDINE:
Ja, Schluß mit dem Gestocher und Gescheppe,
Ab in den Saal, daß ich euch nicht mehr blicke,
Ihr Ritter, Knappen macht euch auf die Treppe,
Und auch das Fräulein in den Turm ich schicke.
(Alle außer Laudine und Lunete ab.)
Nun geh auch du, Lunete, schließ die Riegel,
Und dulde nicht, daß sie am Fenster gaffen,
Hol Wein und wirf was Gutes in den Tiegel,
Ich will die Sache gut zu Ende schaffen.

LUNETE: Ich wußte stets, daß euch die Menschendinge
Nicht blenden, eurem Range zu entsagen,
Manch einer steckt den Kopf in eine Schlinge,
Weils ihm zu schwer, ihn ganz allein zu tragen.
(Ab.)


Vierte Szene.
Laudine, Iwein, später ein Rabe.

LAUDINE: Nun, Ritter, zeig dich deiner Herrin leiblich!

IWEIN (tritt aus seiner Wolke und auf Laudine zu):
Ich bin ja froh, wenn ich des Ringes ledig!
 

 

319
 
Ihr seid so hold, so hehr, so unbeschreiblich,
Ich faß es nicht, ich träum nicht, doch – ich seh dich!

LAUDINE:
Mein Urteil gründet sich nicht so aufs Schauen,
Die Taten sind des Ritters höchste Zierde.
Gleichwohl gefalln die hohe Stirn, die Brauen,
Ich spräch, wär es denn statthaft, von Begierde.

IWEIN: Wir brauchen nicht mehr Hof und Etikette,
Da schlüssig sind Lunetes Argumente,
So komm der Werbung zweiter Teil, der nette,
Wo Wasser zischt im heißen Elemente.

LAUDINE: Du bist ein Heißsporn, den die Nebendinge
Schwer hindern, ungezügelt loszuschlürfen,
Dennoch, das Lied der hohen Minne singe,
Daß wir uns auch vom Adel nennen dürfen.

IWEIN: So sei es, hab ich zwar nicht Klampf und Harfe,
Ist meine Stimme hell und meine Reime,
Die brauchen weder Mummenschanz noch Larve,
Denn solches lernt ich schon beim Haferschleime,
Ich ging zu Artus Hof, weil seine Runde,
Im Festland und auf allen Inselriffen
Bekannt und höchstes Lob aus jedem Munde
Verbuchen kann, die Jungfraun einbegriffen,
Doch wenn ich ansah dort die reinsten Bäche,
So trieb mich doch die Sehnsucht nach der Quelle,
Wer gegen Strom schifft, haßt die kleinste Schwäche
Und hebt den Blick nur immerfort ins Helle,
 

 

320
 
Dort war ein Bild der Weiblichkeit, den Engeln
Beschämung, da sie dies nicht preisen dürfen,
Und ich befand selbst Nachtigalln am Quengeln,
Weil ich erpicht, allein das Bild zu schlürfen,
Holdseligkeit, das Haar, das Laub des Leibes,
Es rief mir zu: Du bist am Ziel des Mannes.
Ich sagte meinem Minnelied: Beschreib es,
Doch nur ein Gran vom hohen Glück gewann es.
Wenn es versucht, die Reize aufzuzählen,
Mit denen euch die Götter ausgestattet,
Wärs schwer, die Reihenfolge auszuwählen,
Und schwerer End, eh jedes Ohr ermattet.
Für alle Welt setzt ihr die Sonnenseite,
Hephaistos hätt Pandora eingemottet,
Schlüg ihn der Glanz von eurer Oberweite,
Die Hüfte, die der Schaumentstiegnen spottet,
Wärt ihr dem Schöpfer, ehe Sonn und Himmel,
Er hätte auf ein Weitertun verzichtet,
Denn aller Reiche Vielfalt und Gewimmel
Wird ganz von euerm Augenglanz vernichtet.
Ihr seid die Anmut selbst und alle Musen
Vereint die edle Formung eurer Glieder,
Wie Strudel Schwimmer zieht der feste Busen,
Ich ließ mein Leben gern an eurem Mieder,
Euch dienen will ich stets auf jedem Posten,
Die Hölle hat nicht Glut wie mein Verlangen,
Und sollte es die Ritterehre kosten,
Ich bin von euern Lippen ganz gefangen,
Ich blute und ich werde selbst zur Quelle,
Mag mich eur warmes Nahn nicht herrlich stillen,
Ich knie und tus sofort und auf der Stelle,
Erahn ich nur den Hauch von eurem Willen.
 

 

321
 
LAUDINE: Das hast du schön und herzelig geflochten,
Ich mag es auch, wenn Männer übertreiben,
Denn anders als bei allzukurzen Dochten
Ists schmerzfrei, hier die Hälfte abzuschreiben.

IWEIN: O nein, Geliebte, Göttin, Wundersame,
Ich hab in keinem Punkte übertrieben,
Ich merkte eher sehr zu meinem Grame,
Daß ich von euch ein zwölftel nur beschrieben:
Ich sagte nichts zu euren edlen Füßen,
Auch nichts zu den verheißungsvollen Waden,
Ich muß mit einem schlechten Liede büßen,
Daß alles, was benannt, mir nur zum Schaden
Gereicht, denn jede Schönheit wird zur Fratze
Und jede Holdheit wird zur tumben Geste,
Erwähnt man sie mit euch in einem Satze,
Und jedes Wort vor eurem Glanz verweste.

LAUDINE: So schlugst du Askalon nur meinetwegen
Und nicht um Kalogrenants Schmach zu rächen?

IWEIN: Der wilde Hirte schuf mir Heil und Segen,
Denn alle Quellen gleichen trüben Bächen,
Ist die Idee von euch in uns gedrungen.
Mich grämte nicht der tölpelhafte Schwager,
Der wie ein Schaf von eurem Reiz gesungen,
Und fremd ward ich sogleich dem Artuslager.
Der Waldschrat, der halb Genius und halb Widder,
Ihm sind vertraut die Vögel und die Viecher,
Und unentbehrlich bleibt er für den Ritter,
Denn er hat immerfort den besten Riecher
Für Vorwelt-Reste und für Vorwelt-Wunder,
Aus Zeiten da die Felsen gülden glommen,
 

 

322
 
Drum ward mein Herz ein julidürrer Zunder,
Ohn Umschweif vor eur holdes Aug zu kommen.
Ich liebte euch, eh ich Askalon suchte
Ich war durch ein Gerücht in höchsten Nöten,
Und daß er meine Liebe wüst verfluchte,
Gab mir das Recht, im Zweikampf ihn zu töten.
Mag sein, ich schuf euch Schmerz mit diesem Morde,
Doch wär ein andrer schon sehr bald gekommen,
Von allzuvielen heißts in Artus Horde,
Daß Lanzen ihnen, doch nicht Frauen frommen.

LAUDINE: So hat er sich so wacker nicht geschlagen?

IWEIN: Ich möchte eure frühre Wahl nicht tadeln
Und hätt es gern vermieden, euch zu sagen,
Der Zweikampf konnt als Ritter mich nicht adeln,
Er floh nach erstem Streich, ich folgt der Mähre,
Ders blutig bloß am Bauche und am Schweife,
Mein Blick ward unscharf wie von einer Zähre,
Daß ich mich an solch armer Wehr vergreife.
Vielleicht war seine Stunde da, mein Streiten
Allein ein Urteil höherer Gewalten,
Ich glaube gern, er hatte beßre Zeiten,
Sonst hätte er dich keinen Tag gehalten.

LAUDINE: Lunete hat das Aug mir aufgeschlagen,
Daß wir in einem größren Spiel Figuren,
Der Weltgeist läuft durch Herrlichkeit und Plagen,
Nutzt Kaiser, Fürsten, Bettelmann und Huren,
Den Sinn in diesem Muster zu durchschauen,
Verlangt, sich gänzlich außer Spiel zu stellen,
Und vor dem Weltgeist gehts euch wie den Frauen,
Denn jeder Strom hat Strudel, Sumpf und Schnellen.
 

 

323
 
IWEIN: So wollte ihr mir vergeben, daß ich nahte?

LAUDINE:
Ich bin beglückt, daß du mir Schutz und Retter,
Ich stand am Abgrund und auf schmalem Grate,
Dabei noch blind nicht achtend Wind und Wetter.
Du wolltest mich aus der Gefahr erlösen,
Drum wähltest du den Artuskreis zum Wirte,
Und da mein Wohl sich neigte jäh zum Bösen
Betrat dein Gnadenfeld der wilde Hirte.

IWEIN: Wir sind bestimmt, vor aller Zeit, einander,
Die Vorwelt mischt sich ein in die Geschicke,
Daß Wotan, dem man sagt, daß er hier wander,
Die Götterminne noch einmal erblicke,
Das gibt ihm Kraft, den Fenriswolf zu halten,
Der nach der Sonne seine Zähne bleckte,
Und der nach Brand und aschenem Erkalten
Wohl meinen wird, daß ihm der Himmel schmeckte.

LAUDINE: Wir werden uns so lieben, daß die Sänger
Und auch die Nornen, die im Dunkeln walten,
Dank unsrer Glut nicht einen Stunde länger
Den Himmelsbrand für unausweichlich halten.
Denn größer ist der Brand, den starke Männer
Entfachen in den Herzen ihrer Frauen,
Es beugt sich selbst der Fenriswolf dem Senner,
Wenn aus den Augen Stern und Weltall schauen.

RABE (läßt sich auf den Zinnen nieder und hebt mit schimpfenden Gesten an):
Weh, weh, der Hüter schwelgt im Minnetraume,
 

 

324
 
Derweil ein Frevler naht dem weißen Steine.
Wer hält den Lästerer in seinem Zaume?
Ich sag, ein Heiltum schützt sich nicht alleine.
(Fliegt davon.)

IWEIN: Vorbei die Zeit der Traulichkeit, der Schwüre,
Ich sorge, daß bekannt im ganzen Lande,
Daß ich sehr gründlich meine Pflichten führte,
Und wer dareingreift, findet nichts als Schande.
(Ein gesatteltes Pferd erscheint, Iwein schwingt sich drauf.)
Mein Lieb, ich eil, ich richt und kehre strahlend,
Der Schelm kriegt keine Neider und Kopisten,
Und neigt der Nachmittag sich rot verfahlend,
Fühlst näher du denn je den jetzt Vermißten.
(Ab.)


Fünfte Szene.
Laudine, Lunete, Burgvolk, Herold, später Iwein.

LUNETE: Ihr rieft mich, Herrin, was ist zu bestellen?

LAUDINE: Ruf alles Volk, ich will den Leuten sagen,
Daß ich verlobt und Iwein jetzt der Hüter,
Drum soll kein Knappe und kein Ritter klagen,
Denn wohlversorgt sind wieder Burg und Güter.

LUNETE: Ich eile, das Befohlne auszuführen.
(Geht und kommt bald zurück. Der Hof bevölkert sich.)

LAUDINE:
Euch, Dienerschar des Brunnens, dem ich Seele,
 

 

325
 
Verkünd ich, daß des Feinds verwegne Krieger
Schon Schwert und Streitaxt spüren an der Kehle,
Denn unser Brunnenhüter ist – der Sieger.
Die Welt der Götter, Riesen und Dämonen
Hat unser Fähnlein herrlich aufgerichtet,
Drum danket, daß ihr Diener seid den Kronen,
Die tausend Jahr Poetenreim bedichtet.

ERSTER RITTER:
O sagt, was gab euch Grund zu solcher Eile,
Askalon liegt im Hof noch unbestattet,
Die Sitte heißt uns trauern gute Weile,
Wo ihr doch Freud und große Stütze hattet,
Es macht dem Heiland wenig Lob und Ehre,
Wenn Hingeschiedne nur als Altlast gelten,
Zerbrochen sind mit seinem Geist die Speere
Und Eiswind weht in unsern Klagewelten.

LAUDINE: Ich sage euch, auch Christen müssen saufen
Wie alles Vieh, wie Gras und Dornenranken,
Wo nähm der Heiland Wasser her zu Taufen,
Müßt er es nicht dem Fleiß der Quellen danken,
Derweil ihr müßig sitzt in eitlem Zagen,
Schlägt Iwein euch des Feindes Frevlerrotte,
Er tut was not in unheilsschwangren Tagen,
Er rettet euch und hält euch euerm Gotte.

ZWEITER RITTER:
Sollt man nicht wenigstens die Glocken läuten,
In der Kapelle eine Nische mauern,
Den Priester holn, die Heilge Schrift zu deuten,
Daß hier nicht länger Totengeister lauern?
 

 

326
 
LAUDINE: Ihr Selbstverliebte seid zu gar nichts nutze
Als zu Gewäsch und weibischem Gejammer,
Ihr dankt nicht, daß ich Weib zu euerm Schutze
Wie Donar schwing den harten Eisenhammer,
Man schicke einen Boten nach dem Kloster,
Die Keuschen solln Askalon sich als gleichen
Gern holn und in des Friedhofs grün bemooster
Grabsstill bedecken mit dem Kreuzes-Zeichen.

ERSTER RITTER:
Ihr sprecht verächtlich von des Meisters Lenden,
Zwar ward dem Thron kein Folger hier geboren,
Doch wollt ihr seinen sterblich Rest versenden,
Habt ihr das Maß und Anstand ganz verloren.

LAUDINE: Ihr hörtet selbst die letzten großen Worte,
Er wollte fliegen, fort aus dieser Enge,
Drum kommt er nach dem ihm gemäßen Orte,
Und muckt ihr auf, gibts dort recht bald Gedränge.

LUNETE: Nur rasch getan, ich schicke nach dem Abte.

LAUDINE: Das soll ein Ritter, seiner Lieb zu frönen,
Ich duld nicht Meuterei, auch nicht verkappte,
Kein Klagwort soll mir mehr im Burghof tönen.
(Erster Ritter ab. Die anderen schweigen betreten.)

LUNETE:
Soll Hochzeit sein? Das Mahl ist schon bereitet.

LAUDINE: Es ist seit alters Brauch bei den Germanen,
Daß das Verlöbnis den Vertrag bestreitet,
 

 

327
 
Drum schmücke man die Burg mit neuen Fahnen.
Den neuern Bräuchen bin ich nicht gewogen,
Denn mehr als Priester mag ich weiße Schwäne,
Das Glück ist mir ein Pfeil am straffen Bogen
Und von den Glocken krieg ich bloß Migräne.

(Zweiter Ritter und einige Knappen entrollen schweigend die Lilienfahnen Iweins und befestigen diese auf mehreren Zinnen. Fanfarenstoß. Ein Herold tritt in die Mitte der Bühne und wendet sich zum Publikum.)

HEROLD:
Dem Land, dem Volke am verborgnen Brunnen,
Mach ich bekannt, daß nun der Lilienrecke,
Der die Normannen schlug und auch die Hunnen,
Uns hüte und die Feinde niederstrecke.
Drum rauscht der Quell gar herrlich, hell und heiter,
Und auch die Herrin ist in gutem Hoffen,
Dem Arm des Fürsten gleicht gewiß kein zweiter,
Der alte ist im heißen Bad ersoffen,
Er ward vom Herrn der Welten abgehoben,
Nachdem er seinen Pflichten nicht gewachsen,
Nun solln die Bäche reine Kühle loben
Mit Äschen, Schmerlen, Barschen, Plötzen, Lachsen,
Nun singt der Klarheit neu die Bachforelle,
Und mit ihr singen Ritter, Fraun und Knappen,
Dem Sieg sich Gnad und hohes Glück geselle,
Befreit sind wir von einem morschen Lappen.
Es gibt nur eine Treu, die fußt auf Stärke,
Die Schwäche trübt die Augen wie die Auen,
Drum soll hier jed Geschöpf bei jedem Werke
Nur immer auf das Lilienschwert vertrauen.
 

 

328
 
IWEIN (in den Hof hereinreitend):
Ein neues Glied im Buch der Weltgeschichte
Ward heut gefügt, ihr seid dabeigewesen,
Der Ritter Keye mit dem Schiefgesichte
Trank heut den letzten Honigwein am Tresen,
Daß Artus schickte solchen Spießgesellen
Zeigt schon des Hofes andere Prämissen,
An unserm Brunnen, an dem sprudelnd hellen,
Wird nun von dort kein Ritter mehr verschlissen.
Auch sagte mir Gawain, mir einst Gefährte,
Mein Reich würd dort von keinem mehr bestritten,
Darum ich rasch mit Friedensbotschaft kehrte,
Daß ich die Mähre fast zuschand geritten.

LAUDINE: Da du uns Frieden gabst mit deinen Kräften
Die Ritter hier, senil und abgestanden,
Die Frömmelein des Altherrn wideräfften,
Auf daß die frohe Botschaft werd zuschanden,
Mit Widerworten, offnen Meutereien,
Zwang man das Weib, das Sühneschwert zu zeigen,
Sie wagten, mich der Buhlerei zu zeihen,
Und wollen Krypten statt Verlöbnis-Reigen.

IWEIN: Ihr Ritter, danket Gott, daß euch das Übel
Wie Fönwind zog vorbei, kaum zu gewahren,
Der Krieg, ein Unhold mit gewaltgem Kübel
Voll Brandschatz, Hunger, Pest und Mörderscharen,
Blieb euch erspart, mit dem beherzten Handeln
Gab ich euch Frieden und Gedeihn auf Jahre,
Das Land wird sich in Milch und Honig wandeln,
Eh noch dem ersten von euch grau die Haare.
Wir müssen nur zusammenstehn und sorgen,
 

 

329
 
Daß jeder sei auf seinem Platz der erste,
Dann muß der Schmied nicht mehr beim Juden borgen,
Und Kinder essen Weizenbrot statt Gerste.

BURGFRÄULEIN:
Ich glaube ihm, sein Aug ist hell und leuchtend,
Er zeigt mit fester Stimme uns das Rechte,
Mit Freudentränen mir die Wangen feuchtend,
Erfahr ich, daß uns abgewehrt das Schlechte.

ZWEITER RITTER:
Ihr sprecht die Sprache, die wir gut verstehen,
Die Herrin stichelt wider unsern Glauben,
Einst kommt für uns die Stunde auch zu gehen
Dorthin, wo nie die Kampfesrosse schnauben.

IWEIN: Wir wollen hier nicht über Bräuche zanken,
Die Welt ist groß, und Gottes Wege krümmer
Als jeder Bischofsstab, wir wollen danken,
Wers anders tut, der ist darum nicht dümmer,
Vergeßt nie, daß in eurer Herrin dauert
Ein Schrein, der euch mit Fruchtbarkeit und Güte
Begabt, und wenn ihr jeden Quell vermauert,
So fragt euch nicht, warum kein Veilchen blühte.
Die Quellengeister wolln euch nicht berauben,
Zwar kennt sie nicht das Schrifttum der Hebräer
Doch soll kein Mensch sich in Gewißheit glauben,
Was Gottes Anlitz fernsteht und was näher.

ZWEITER RITTER:
So wollen wir zum Schwur die Hand erheben,
Denn Iwein sind wir größte Treue schuldig,
 

 

330
 
Weil er den Frieden gab und so das Leben
Und nimmer zagte, säumig und geduldig,
Wo sich der Feind erhob als Kinderschänder,
Tyrannisch sandte Drachen und Skorpione,
Wir dienen ewig unserm Lebensspender
Und knien in Demut vor der Fürstenkrone.

IWEIN: Dies ist ein gutes Wort, ich will ihm danken,
Doch schließt die Herrin stets in eure Eide,
Denn ihr zur Ehr wies ich dem Feind die Schranken,
Und ihr Gedeihn ist höchstes für uns beide.

ALLE RITTER UND KNAPPEN:
Der Herrin wolln wir unsern Eid erneuern,
Solang die Welt besteht mit See und Quellen,
Wolln wir den Feind des Lebensborns befeuern
Und unser Fleisch zu einem Walle stellen.
Und den sie wählte und mit ihm den Frieden,
Wolln wir mit ihr als Einheit stets betrachten,
Solange uns ein Atem ist beschieden,
Geheiß und Ansporn stets als höchstes achten.
Kein Schwert erlös uns je von diesen Bändern,
Vergessen laß uns Schierling nicht noch Mohne,
Wir dienen ewig unsern Lebensspendern
Und knien in Demut vor der Doppelkrone.

IWEIN: Nun laßt uns froh sein, weil das Land befriedet,
Wir wollen Wein und den geschmorten Eber.

LUNETE: Das Fleisch ist gar, die Pfeffersuppe siedet,
Und endlich, endlich spricht der Hinweisgeber.
(Man bringt einen Bratenspieß und Weinfässer.)
 

 

331
 
IWEIN (reicht Laudine einen Kristallkelch mit Wein):
Mein Augenstern, Orphanus meiner Krone,
Das Herz, erleuchtend alle Mitternächte,
Der tiefste Höllenkreis den Undank lohne,
Wenn ich nur eine Stund nicht deiner dächte.
Nimm diesen Wein, als seis mein Blut, vergossen
Am Hochaltare deiner milden Tugend,
Was jemals ich erring auf Lebenssprossen,
Ist dein, o Quell und Lebensgeist der Jugend.

LAUDINE (trinkt): Ich spüre in den Adern deine Minne
Und zittre wie die Espe vor den Sehnen,
Was mir das Herz verspricht und alle Sinne,
Soll sich durch Nacht und Tag unendlich dehnen.
Wir wollen eins sein und uns flutend lösen,
Vom Neid des Lichts, den Kronen und den Ständen,
Wir wissen nichts vom Guten und vom Bösen,
Wenn wir zur Nacht die Lieblichkeit vollenden.

IWEIN: Doch morgen darf ich, wie Gawain geraten,
Nicht ausruhn mich als Landesherr und Hüter,
Der Sieg ist immer nur ein Ruf nach Taten,
Sonst schwillt der Leib und trüb sind die Gemüter,
Drum werd ich dich, mein Herzblut, früh verlassen,
Daß dir zur Ehre Zeichen sein und Wunder,
Ich geh zur See und schau in allem Nassen
Nur dich als Perle und als flinke Flunder.

LAUDINE: Ich ahnte fast, daß dieser Tag noch Schatten
Mir würfe in die Falten meiner Röcke,
Das Los, das allezeit die Frauen hatten,
Warn Reiterstiefel oder Wanderstöcke,
 

 

332
 
Es ist mir nicht gegeben, dich zu hindern,
Doch setz ich Jahr und Tag als höchste Fristen,
Sonst siehst du nie das Aug von deinen Kindern,
Und kein Vertrag gedenkt noch des Vermißten.

IWEIN: Ich werd zur rechten Zeit den Torweg finden,
Das Tuch zu fangen, das du wirfst vom Fenster,
Ich werde Drachen und Tyrannen schinden,
Doch dann begrüß ich fröhlich meine Wänster.
Ein Mann, dem seiner Herrin Frist nicht heilig,
Käm selbst zu spät bei Heilands Weltgerichte,
Der hat es wie Ahasver immer eilig,
Und kommt doch niemals raus aus der Geschichte.

LAUDINE: Ich üb mich von der Liebesnacht zu zehren
Im Lenz, im Sommer und in Herbst und Winter,
Ich träume von Gefechten, Ruhm und Ehren
Und hoffe, daß ein größres Glück dahinter.
Und wenn die Frist sich neigt, da werd ich schauen
Ob sich im West dein blauer Helmbusch zeige,
Ich werde dir durch jeden Tag vertrauen,
Denn Zweifel ist der Suppentopf für Feige.

IWEIN: Nun laß die Ritter rülpsen, furzen, schmatzen,
Es ist nicht not, daß uns das Schauspiel klammer,
Wir sind ganz einfach fort so wie die Katzen,
Die Stiege führt recht rasch in deine Kammer,
Dann sollst du deinen ganzen Reichtum kennen,
Wenn das Verlöbnis sich mit Blut besiegelt,
Denn wenn wir ohne Licht und Zeugnis brennen,
Scheint uns die Welt ganz fremd und eingeigelt.
 

 

333
 


ZWEITER AUFZUG
Ein Wald mit Eichen und Buchen, fest geschlossenen Kronen, sehr dunkel. Im Hintergrund Laute von wilden Tieren und rasender Galopp verfolgten Wildes. In der Mitte der Bühne Iwein, schlafend und nur mit einem Eberfell bekleidet. Der Dichter und Frau Minne treten auf und treffen sich in der Mitte vor dem Schlafenden. Der Dichter trägt im Gegensatz zu allen mittelalterlichen Figuren Jeans und T-Shirt, Frau Minne trägt ein sehr buntes Kleid mit lauter Vogelmotiven.

Erste Szene.
Dichter, Frau Minne, Iwein schlafend.

DICHTER:
Als Verseschmied, erst recht als Bühnenschreiber
Ist mir der Kummer eine feste Größe,
Mal zetern rings die aufgeklärten Weiber,
Ich zeigte Frauen als Geburtenschöße,
Und immer heißts, ich hätt nicht recht begriffen,
Welch großes Heil uns läg im Kaufmannsstande,
Dann wieder tönts: Nicht rauchen und nicht kiffen,
Und Alkohol sei stets die größte Schande,
Ich eß schon nur noch heimlich Schweinsgehacktes,
Mach auch die Suppe erst im Teller schärfer,
Als Religion such ich mir höchst Vertracktes,
Sonst heißt es Fundi und dann Bombenwerfer.
Das alles läßt mich nicht mehr sehr verzagen,
Weil jedes Spiel ins größre Spiel gebunden,
Wenn wir die Masken aufzusetzen wagen,
Begegnet uns, was sonst wir vorgefunden.
 

 

334
 
Doch ists ein eigen Ding, wenn man gebastelt
Den ersten Aufzug rund und ohne Lücke,
Und dann sich wild verzettelt und verhaspelt
In der Figuren eigenmächtger Tücke.
Da hat der Held, der klug und maßvoll waltet,
Den Sinn für Zeit verlernt in den Turnieren,
Und merkt nicht, wie ein Frauenherz erkaltet,
Und über Frist stehn Wochen schon zu vieren.
Da klagt Lunete vor der Artusrunde,
Und auch Laudine weigert ihm die Schwelle,
Und was geschieht: Mit weißem Schaum am Munde
Verwildert er und schläft im Eberfelle.
Da kann der Dichter nicht mehr komponieren,
Wenn Irrsinn heißt der Königsweg der Sühne,
Mit Rasenden und gar mit wilden Tieren
Gabs nie noch Glück auf einer deutschen Bühne.

FRAU MINNE: Daß die Figuren aus der Feder laufen,
Ist ein Geschick, das alt wie das Theater,
Kopien kann man in vielen Läden kaufen,
Doch ungewiß das Schicksal ist als Vater,
Was wir bedingen, steht in eignen Regeln,
Und zwischen Zeilen webt das Ungesprochne,
Nicht neun sind möglich einzig wie beim Kegeln,
Im eignen Safte schmort das Angebrochne.
Wenn wegen Schicklichkeit und Langerweile
Der Vorhang fällt, spinnt sich das Spiel im Dunkeln,
Wir meinen, daß das Aug die Gänze teile,
Und sehn doch manches unerwartet funkeln.
Du sagst dir, daß nach Schwur und Komplimenten
Kein weitres Hinschaun not, um zu begreifen,
Dies heißt, das Schicksal auf den Aszendenten
 

 

335
 
Zu reduziern und auf die Sinne pfeifen.
Wenn Liebende im Minnespiele fließen,
Die Ober- und die Unterwelt durchrauschen,
Dann mag es sein, daß sie die Brust verschließen,
Und vorher sie die Herzen sich vertauschen.

DICHTER: Du meinst, der Kerl, der mir zum Saboteure
Geworden, täts mit einem Weiberherzen?
Und ich, der dieses Indiskrete höre,
Solls fülln mit Ulk und ein paar Schwulenscherzen?
Es gilt als die Domän des Komödianten,
Zu spielen mit Geschlecht und Travestieen,
Doch wenn man auch gern schaut die wilden Tanten,
Wird jeder Ernst dabei nicht gern verziehen,
Frau Minne darf nicht tun bei Gaukeleien,
Der Julier Venus steht nicht in Bordellen,
Den Minnetempel darf kein Licht entweihen,
Drin Käufliche ihr Angebot erhellen.

FRAU MINNE: Die Rede setzt in irrige Verbindung,
Was weder tief in eins fällt noch im Scheine,
Es geht hier nicht um Rollenüberwindung
Und auch nicht drum, wer spreizen darf die Beine.
Der Herztausch ist ein mystisches Vernabeln,
Unkund der Menge und sogar dem Träger,
Daß sich in andrer Weis die Pfade gabeln
Für Schwert und Schild, für Wager und für Wäger,
Im Herz ist das Geschlecht ein andres Wesen,
Als im Gehirn und gar im Unterleibe,
Wer ihm vertraut, ist wahrhaft auserlesen,
Und findet bei Frau Minne seine Bleibe.
(Geht ab.)
 

 

336
 
DICHTER (zum Publikum):
Was soll das? Hat hier jemand eine Ahnung,
Wie man am klügsten solchen Ratern fromme,
Wie Wotan fühl ich mich nach Erdas Mahnung,
Die nutzlos tönt, das bald das Chaos komme.
Ich denk, ich laß dies aus bei meinen Rollen,
Ein Zufall wars, daß wir zusammentrafen,
Doch will ich mich jetzt von der Bühne trollen,
Denn dieser Krieger hat bald ausgeschlafen.
(Ab.)

IWEIN (erwachend):
Mir träumte süß, ich sei ein stolzer Ritter
Am Hof des Artus, wo die Lanzenstecher,
Daß im Gewölb der Marmelstein erzitter,
Mit Taten würzen die gefüllten Becher,
Und eine Dame wär mir ganz gewogen,
Ein Wunderbronnen und ein Quell der Jugend,
Ich bin als großer Herr durchs Land gezogen,
Ehrgeizig nur nach Wohltat und nach Tugend.
Doch ich erwach, von der Kultur verlassen,
Im finstern Wald, im tierischen Gewande,
Ich walte fern der Höfe und der Gassen
Und meine Zukunft sagt mir nichts als Schande.
Wohl hab ich manches Mal mich aufgerappelt,
Focht manche Dame frei und schlug Tyrannen,
Ein Hamster bin ich, der im Käfig zappelt,
Ein Halm, der niemals Korn fühlt unter Grannen.
Was hilft es mir, das manche, die ich schützte,
Die Eh mir bot und auch die Landeskrone?
Ich weiß wohl, daß ein Weib mir gar nichts nützte,
Weil ich in einem fremden Herzen wohne.
 

 

337
 
Seit mir der Leichtsinn hat Laudin entrissen,
Ist mir die Zukunft scharfer Rauch und schwärzlich,
Ich bin ein Knoten aus Gewissensbissen
Und werd verlegen, meint es jemand herzlich.
So flieh ich Menschenhäuser, Türme, Brücken,
Ich brauche keinen Schlachter, keinen Bäcker,
Ich bin im Wald und brauch mich nur zu bücken,
So find ich Eicheln oder Buchenecker.
(Läßt sich mutlos fallen.)


Zweite Szene.
Iwein, der Löwe, später ein Drache.

LÖWE (drängt hastig dicht an Iwein heran):
Ich bin der Tiere König steht geschrieben,
Das gilt für alle Tiere wohl im Brehme,
Und wär der Schöpfer stets dabei geblieben,
Wär meine Lag wohl eine angenehme,
Dort drängen aus den Tiefen des Verdrängten
Gestalten, die man hielt für ausgestorben,
Wie sie die Flügel ins Reale lenkten,
Erfährt man nicht, so viel sie auch verdorben.

IWEIN: Was drängst du her, als seist du eine Dame,
Die grad ein Ries zu speisen hat beschlossen,
Ich bin kein Schutz, ich bin nicht mal ein Name,
Ich bin der Wein, den man zu viel genossen,
Und der nun nichts als Schmerzen bringt und Schwäche,
Statt Schlaf-Vergessen taugt kein andres Mittel,
Glaub nicht, daß ich den Königsthron dir räche,
Noch gönn ich dir vom Schlafensplatz ein Drittel.
 

 

338
 
LÖWE: Du weißt nicht deinen Rang, da dir Frau Minne
Mit einem Tranke hat das Herz zerteilet,
Jedoch die Tiere haben feinre Sinne,
Sie riechen, daß in Bälde du geheilet.
So ich als König kann mich nicht mehr retten,
Hilft mir allein der Held im Tier-Habite
Zwar löst du nicht allein die eignen Ketten,
Doch keine sonst ist, die dein Schwert nicht schnitte.

IWEIN: Die Furcht umsäuselt dich mit Wahngestalten,
Ich habe keinen Rang, ich bin geschlagen,
Ich habe keine Früchte zu erhalten,
Und warum sollte ich noch etwas wagen?

LÖWE: Der Rabe sagts, der weiseste der Künder,
Ihm ist die Zukunft klar und unverschlossen,
Und auf dem Strom, da sprechen Nattermünder,
Daß Leu und Iwein werden einst Genossen,
Zum Mythenborne hat kein Tier den Riegel,
Du hast nicht Macht, das Licht des Monds zu finden,
Ich diene dir als Wappenschild und Siegel,
Wenn die Chimären aus der Zeit verschwinden.

IWEIN: Wohl möglich ists, das wir zu zweien stärker,
Und daß im Tierreich Kraft mich zu ergänzen,
Zwar hörte ich von keinem der Berserker,
Daß ihms gefehlt an Mähn und Leuenschwänzen.
So sei gewagt ein neues Buchkapitel,
Nachdem des letzte sprach von Schlaf und Reue,
Denn weiß die Poesie ein neues Mittel,
Heißt dies dem Helden immer Ehr und Treue.
(Er erhebt sich und nimmt das Schwert aus der Scheide.)
 

 

339
 
Furchtbare Winde streifen durch die Buchen,
Die Grabesstarre dräut aus hohlen Eichen,
Ich glaub, ich brauch hier nicht recht lange suchen,
Die Mutter lehrte einst mich solche Zeichen.
(sehr laut)
So komm, du feige Mißgestalt, verdorbnes,
Gebräu der Hexe, zeig die Echsenzacke,
Zwar mag mein Schwert gewiß nichts Abgestorbnes,
Doch bleibt die Klinge rein in jeder Kacke.
Was säumst du, traf dich unterwegs ein Spiegel,
Daß du erschrakst vor deinen Scheußlichkeiten,
Ich hab hier Speere, daß du gleichst dem Igel,
Wenn dann die Geier zur Zerlegung schreiten.

DRACHE: Daß ich dich Winzling nur als Nachruf sehe,
Bedaure ich, denn wenn ich bei dir lande,
Bist du verbrannt vom Scheitel bis zur Zehe,
Ein Aschehäuflein, das da liegt im Sande,
Den Ring hat dir Lunete abgenommen,
Weil selbst dein eignes Volk dich nicht mehr achtet,
Aus reiner Großmut bin ich hergekommen,
Damit dich nicht der Wahnsinn nur umnachtet.
Ja, selbst der Zauberring würd dir nichts nützen,
Weil du als Schwätzer kannst das Maul nicht halten,
Aus solchen macht mein Weib mir sonntags Grützen,
Die lasse ich im Firneis gern erkalten.

IWEIN: Was soll der Singsang? Sind wir Advokaten
Die vor Gericht für Milderung plädieren,
Mein Schwert ist grad zu schad für dich, ein Spaten
Täts auch, dich für die Schnecken zu garnieren.
 

 

340
 
(Eine Feuersbrunst wogt über die Bühne. Als sie verebbt, sitzen Iwein und der Löwe auf je einem Baume. Eine zweite Feuersbrunst, dann völlige Dunkelheit. Am Rand der Bühne schlagen zwei Lanzen ein. Man hört jede Menge zerbrechendes Holz, dann ein Geräusch, als würde ein riesiger Ballon entkorkt, dann strömt eine Flüssigkeit. Es wird langsam wieder hell und man sieht einen völlig zerstörten Wald, lauter abgeknickte und verbrannte Bäume, in der Mitte liegt der tote Drache, daneben Iwein mit dem Schwert und der Löwe.)

IWEIN (wischt sich den Schweiß von der Stirn):
Es war haarscharf. Gut, daß ich ausgeschlafen.

LÖWE: Wie fandst du so genau den Herzensflecken?

IWEIN: Er trug ein Mal, das war des Schwertes Hafen,
Ich mußte es nur in die Grube stecken.

LÖWE: Wie wußtest du von diesem Herzenszeichen?
Wie fandest dus in diesen Finsternissen?

IWEIN: Es sagten mir die todgeweihten Eichen,
Daß mich gleich ihm die Schlange hab gebissen,
Mein Muttermal, ein Halbmond auf den Rippen,
Nannt meine Mutter einst den Gruß der Natter,
Ich fänd es selbst auf unbehausten Klippen
Und weiß darunter tobt das Herzgeratter.
Da ich von Schlangenbissen sonst nichts wußte,
Hab ich die Eichensprüche so gedeutet,
Da wo sichs fühlt wie in der eignen Kruste,
Ist Ziel, wo ihm die Totenglocke läutet.
 

 

341
 
LÖWE: Der Rabe sagte wahr und war im Bilde,
Er meinte auch, dies kreischen schon die Möwen,
Du trägst mein Antlitz nun in deinem Schilde
Und nennst dich stets der Ritter mit dem Löwen.

IWEIN: Nun laß uns ruhn, die Schlächterei war gräßlich,
Ich dank dir für Bewährung, Nam und Wappen,
Solche Stunde eint, wir bleiben uns verläßlich,
Und ich brauch niemals wieder einen Knappen.
(Beide legen sich zum Schlaf nieder.)


Dritte Szene.
Dichter, Frau Minne, Iwein und der Löwe schlafend.

FRAU MINNE (zum Dichter vor den Schlafenden):
Was sagst du nun? Das Herz hats ihm gewiesen.

DICHTER: Im Eichendunkel, wie ich prophezeite.

FRAU MINNE: So wir die Szenerie gemeinsam kiesen,
Fügt sich das Dach genau der Unterseite.

DICHTER: Ich hielt nie viel von kollektiven Werken,
Drum ging ich in den Achtzgern auch nach Bayern.

FRAU MINNE: Das ist grad diesen Jahren anzumerken,
Die ziellos, das doch recht geschickt verschleiern.

DICHTER: Bin Thema ich und weniger Laudine?

FRAU MINNE: Dein Wirken preiset immerfort dieselbe.
 

 

342
 
Und nur durch sie bracht ich dich auf die Schiene,
Ein frührer Rat, der war doch nicht das Gelbe.

DICHTER: Wir können uns die Liebe nicht erfinden,
Wenn wir sie nicht im Übermaß empfangen,
Es nutzt nichts, einen Flaschenzug zu winden,
Es bleibt doch nur ein Fliegendreck dran hangen,
Daß ich zum Drama kam und im Gedicht viel weiter,
Das lehrten mich nicht Schiller und nicht Rilke,
In diesen Himmel bleibt die Jakobsleiter
Allein und auch in Zukunft meine Hilke.

FRAU MINNE:
Ja, hättst du dies dir früher eingestanden,
Dann wäre diese Szene jetzt entbehrlich,
Ob Weimar, Wien, ob in den Niederlanden,
Das Publikum bevorzugts klar und ehrlich.
(Beide ab.)


Vierte Szene.
Iwein und der Löwe, Lunete.

LUNETE (die Iwein nicht erkennt, wirft sich vor ihm hin):
Mein Herr, mein Held und großer Drachentöter,
Ich brauch für den Gerichtskampf einen Recken,
Sonst bin ich nicht mal ein verlauster Köter,
Und bald wird man den Feuertod vollstrecken.
Ich tat, was mich belastet, nicht fürs meine,
Nur für Frau Minne braucht ich List und Lüge,
Und wär der Minner noch der Herr im Haine,
So drohte mir kein Zorn und keine Rüge.
 

 

343
 
Ich hab ihn einst im Torhaus mit dem Ringe
Befreit, als alle ihn als Mörder suchten,
Ich sorgte, daß die Werbung gut gelinge
Um meine Herrin, einer gut Betuchten.
Es sah so aus, als würd dem Lande Frieden
Und dauerhaftes Glück dem jungen Paare,
Doch dann hat er uns Jahr und Tag gemieden,
Daß sich die Herrin rauft die goldnen Haare,
Nun hat man mich verraten, daß der Liebe
Ich damals half und sprach auf Scheiterhaufen,
Allein ein Mann mit einem starken Hiebe
Vermag es, mich der Flamme loszukaufen.

IWEIN: Das Urteil ist ein Irrtumsspruch und sündlich,
Glaubt mir, der Henker hat euch schon verloren,
Ich stritte für euch täglich oder stündlich,
Statt eurer werden die Verleumder schmoren.
Geht heim und seid gewiß, daß eure Taten
Nicht unrecht warn, und Gott wird es erweisen,
Gebt meinem Leun nur die genauen Daten,
Dann werden wir zu eurer Rettung reisen.

LUNETE: Habt Dank, o Herr, es gibt im ganzen Reiche
Wohl keinen, der mich je so hold beschämte,
Ich rannte wie vernarrt an manche Eiche,
Weil ich mich so um diese Schande grämte,
Hier steht geschrieben, was den Richtern billig
Erschien und dieser Sache angemessen.
(Sie gibt dem Löwen ein Pergamentrolle mit kgl. Siegel.)
Doch niemand ist am Artushof mir willig,
Und dem ich half, den haben sie gefressen,
Daß ich ihm selbst entzogen Huld und Zauber,
 

 

344
 
Macht wilder noch, daß man mich ganz verdamme,
Und mörderisch wie dieses Walds Entlauber,
Wünscht man mir rasch und wirkungsvoll die Flamme.

LÖWE:
Mein Herr kämpft für die Witwen und die Waisen,
Die Mägde der Frau Minne sind ihm heilig,
Er fürchtet nicht das Feuer und das Eisen,
Und dieses unerschrockne Dasein teil ich.
Ihr seid von Sorge frei bei solchen Bürgen,
Und wird beim Gotteskampfe gar betrogen,
Werd ich die Richter ohn Verzug erwürgen,
Und jeden, der zu euch je ungezogen.

LUNETE: Ich werd euchs nie vergessen, die ihr streitet
Für ein verächtlich Ding mit härner Schürze,
Und wenn mir jetzt das Leben nicht entgleitet,
Vielleicht, daß ich es einmal für euch kürze.
Ich bin geringen Stands und voller Schwäche,
Doch regen Geists und dabei unerschrocken,
Und wenn ich mich an einem Feinde räche,
So bleibt gewiß darob kein Auge trocken. (Ab.)


Fünfte Szene.
Iwein und der Löwe, Nimue.

(Die Dame trägt ein blaues Gewand und eine Burgunderhaube. Gewand und Haube sind mit silbernen Halbmonden besät. In der Rechten trägt sie einen silbernen Stab mit einem silbernen Handmond an der Spitze. Bei innerer Bewegung bewegt sie den Stab. Dann erscheinen Moor-Irrlichter im Hintergrund.)
 

 

345
 
NIMUE: Sieh einer an, der Löwe ward zum Knechte!

LÖWE: Zur Stunde der Gefahr gabs nichts als Blasen
In Schlick und Schlamm vom wässrigen Geschlechte,
Und jetzt nennt das Gequak die Kämpfer Hasen.

IWEIN: Du solltest derart nie die Frauen schelten,
Auch wenn sie spitzen Munds die Taten pönen,
Mißachte nie den Rat der Schattenwelten,
Denn schäbig fahlt das Licht, das bar der Schönen.

LÖWE: Die Schönheit der Natur weiß ich zu schätzen,
Doch die Magie ist Ärger mir und Blendung,
Und Hexen, die da Buchenstäbe wetzen,
Verderben aller Ritterschaft die Sendung,
Gedenk Merlins, den in die Weißdornhecke
Gebannt die Arge, die ich so umschmeichelt,
Ich schlief wohl gern auf meinem Laubichtflecke,
Wär nicht der Wald vom Drachenbrand enteichelt.

IWEIN: Du sagtest jüngst, dem Tiere sein die Mythen
Verschlossen, drum bemüh dich nicht um Sagen,
Der Ritter soll die Ehr der Frauen hüten,
Mit Schelten nicht und Schmähung um sich schlagen.
(zu Nimue):
Nun Edle sprecht, was führt zu später Stunde,
Solch feine Damen in das Haus der Schlächter,
Seid sicher, daß wir ernsthaft eurer Kunde
Und stets der Tugend und des Mitleids Wächter.

NIMUE: Ich bin nicht bar des Beistands und des Mannes
Und ich begehr von Euch nicht Schutz und Rache,
 

 

346
 
Gewappnet unterm Mondgeleucht des Bannes
Ist Frieden lang schon unter meinem Dache.
Ich hörte nur, daß ihr zur Artusrunde,
Mögt ziehn, und hoff, ihr könnt Pelleas schauen,
Daß ihm von meinen Einsamkeiten Kunde,
Die mählich mir verunziern Wang und Brauen.

LÖWE: Pelleas hat sie bös mit Haß geschlagen,
Daß er Arcade, die in Liebe schmachtet,
Für immer hat verbannt aus seinen Tagen,
Daß sie verwelkt und nach dem Grabe trachtet.
Sie spinnt durch Nacht und Nebelfrühen Ränke,
Und hinterläßt ein Meer von Schmerz und Träne,
Drum keinen Wimperschlag den Reizen schenke,
Verhüll dein Haupt im Gold der Löwenmähne.

IWEIN: Schluß jetzt mit Klaggeraun und wüstem Hader,
Ich hab genug von dämmrigen Geschichten,
Und öffnet sich Arcane selbst die Ader,
So ist Nimues Schuld dies doch mitnichten,
Dies Mädel hat Pelleas abgewiesen,
Um ihn zu spotten, noch Gawain verführet,
Bewahr dir deine Ehrsucht für die Riesen,
Eh solcher Mißmut werde hier geschüret.
(zu Nimue):
Ich weiß nicht, was da heut in ihn gefahren,
Mag sein, ihn ritzte eine Drachenzacke,
Und Pestgewölke, die vergiftet waren,
Verharzten sich im Hirn zu solcher Macke,
Hört einfach weg, es ist mir große Ehre,
Für euch die strenge Mahnung zu verbreiten,
Es ist Pelleas sicher Nutz und Lehre,
 

 

347
 
Erfährt er eure Traurigkeit beizeiten.
Da wir uns grad so unverhofft begegnet,
Bitt euch ich auch um eine Grußeskunde,
Ich denk die Geister, die das Feuchte segnen,
Versammeln sich gelegentlich zur Runde:
Laudine, Herrin am verborgnen Borne,
Sagt, wenn ihr sie an frohem Tage treffet,
Sie richte ihren Huldenblick nach vorne,
Das Schattensegel sei recht bald gereffet,
Ihr Glück gedieh, entsagte sie dem Schmollen,
Denn keiner Frau ihr Lehnsmann sich verfügte,
Und große Dinge noch geschehen sollen,
Wenn für die Schuld die Tilgung nicht genügte.

NIMUE: Da muß ich dich enttäuschen, holder Recke,
Ich tät euch vieles gerne zu Gefallen,
Doch gelb blüht dort die Oleanderhecke,
Der Bach führt tropisch warm jetzt Würfelquallen.
Ich brächte jedem Wasserwesen Grüße,
Ob Seestern, Muschel, Krabbe und Languste,
Doch dorthin wagt sich nimmermehr das Süße,
Denn jeder Gruß zerspellt an dieser Kruste.

IWEIN: Dies weiß ich wohl, doch mögen Tage kommen,
Da sie die Wehmut faßt am goldnen Schopfe,
Ihr würdet meinem Wunsche trefflich frommen,
Behieltet ihr mein Wort im Hinterkopfe,
Denn das Geweb des Lebens läßt nicht schauen,
Was für ein Tag wird kommen noch und gehen,
Ins Ungewisse heiß ich euch vertrauen,
Bereit zu sein und weiter dann zu sehen.
 

 

348
 
NIMUE: Dies will ich gerne hoffen und bewahren
Den Gruß, bis er bereit ist auszufliegen,
Das Glück mög sich mit euren Wegen paaren,
Und euer Schwert soll wetterleuchtend siegen.


Sechste Szene.
Iwein und der Löwe, Waldschrat mit Widderfüßen.

WALDSCHRAT (mit unechter Empörung):
Mein Haus ist gastlich stets für Mensch und Tiere,
Und manchem ohne Obdach wards hier wohnlich,
Freigiebig bin ich, daß ich mich nicht ziere,
Weiß jeder, der mir gütig frommt und schonlich.
Auch ihr, Herr Ritter, durftet euren Grillen
In meinem Hause ohne Sorge frönen,
Ob hoch, ob niedrig, ich bin stets zu Willen
Und nehm nicht nur die Starken und die Schönen.
Der Undank doch ist oft der Langmut Erbe,
Man feiert hier und gibt sich ausgelassen,
Man sorgt dafür, daß hier das Dammwild sterbe,
Und weiß, die Eichen wissen sich zu fassen.
An mich, meint man, ist keinesfalls zu denken,
Weil mein Geschäft Geselligkeit nicht fordert,
Und würde ich euch alle Bäume schenken,
So seis, daß ihr noch weitre Gaben ordert.
So bin ich zwar gewöhnt an reichen Kummer,
Ich scheu nicht Müh, die Schäden auszubessern,
Doch heute riß mich Lärm aus meinem Schlummer,
Als sei die Luft erfüllt von tausend Messern,
Ich sehe, euer grimmiger Kollege,
Hat sich bei der Zerstörung übernommen,
 

 

349
 
Und liegt nun abgewrackt und tot am Wege,
Unfähig, für den Schaden aufzukommen.
Es wäre nun gerecht und dabei schicklich,
Beglicht ihr rasch des Abgeschiednen Schulden,
Ich rechne noch und stehe augenblicklich
Bei schätzungsweise zwanzigtausend Gulden.

IWEIN: Mein Herr, ich bin ein fahrend armer Ritter,
Mein Knappe hier hat auch kein Bankgewerbe,
Es gab in diesem Waldstück ein Gewitter,
Wir kriegten Schläge schon genug und herbe.

LÖWE: Und überdies wir zählen nicht zu Würmern,
Auch nicht zu Echsen oder Krokodilen,
Drum haften wir auch nicht, wenn solchen Stürmern
Die Flügel grad in deinen Eichwald fielen.

WALDSCHRAT:
Wer hier gehaust, hat Frechheit auch zu schwindeln,
Dies ist nicht neu, doch war es selten dümmer.
Ihr haltet mich wohl für ein Kind in Windeln?
Und wollt gar leugnen, daß der Hag voll Trümmer?
Die Armutsthese läßt mich lauthals lachen,
Für alle Welt gebt stündlich ihr Audienzen,
Sag ihr da stundenlang nur: Nichts zu machen,
Wir sind gemäht, bei uns ist nichts zu sensen?
Und dann der Trick mit Echse, Wurm und Flügel,
Wie sind doch Birk und Fliegenpilz verschieden,
Doch Roß und Reiter eint nicht nur der Zügel,
Sie sind sich eins im Kriege wie im Frieden.
Ähnlich verhält sichs mit dem dreisten Flieger,
Wir haben alle Woche hier Gewitter,
 

 

350
 
Das kostet Blätter und schafft manchen Bieger,
Doch heute haben wir den Löwenritter.
Ich denke, es ist schlüssig klargeworden,
Daß ein Zusammenhang von diesem Gaste
Und euch besteht, weshalb ihr dafür haftet,
Was jener hier im Übermut verpraßte,
Ich tat schon dar, daß ihr das wohl verkraftet.

IWEIN: Bevor ihr weiter rechnet und mit Zinsen,
Ists besser, daß man friedlich sich vergleiche,
Dies Abenteuer ging wohl in die Binsen
Und teuer ist recht oft des Feindes Leiche.
Wir haben Bargeld keins, nicht Ländereien,
Nicht Unterhalt, noch sonstwie feile Pflichten,
Wir können uns nur aus der Schuld befreien,
Wenn ihr uns Arbeit gebt, die wir verrichten.

WALDSCHRAT:
Was liegt euch außer Eichenhaine köpfen?
Ich möchte keine Personalie mästen,
Die mir den Honig kocht in Waben-Töpfen
Und prunkvoll deklamiert vor meinen Resten...

IWEIN: Genug! wir haben unsre Schuld gestanden,
Da ists nicht not, hier alle Einzelheiten,
Die sich in summa heut zusammenfanden,
Zu unsrer Schand akribisch auszubreiten.

WALDSCHRAT: So reichet mir Diplome und Patente
Und was sonst dient, die Arbeitskraft zu schätzen,
Ich setze immer auf Spezial-Talente
Und mag kein Reitpferd auf den Acker hetzen.
 

 

351
 
IWEIN: Herr Oberförster, frei heraus zu sagen,
Ist hier, daß wir nur stets im Kriegsdienst fronten,
Und wir verstehns, dem Feinde an den Kragen
Zu gehn, obgleich wir ihn doch meistens schonten.
Wir sind, wards auch nicht glaubhaft im Prologe,
Für Frieden und den Beistand schwacher Frauen,
Und geht mal was zu Bruch im Kampfgewoge,
Sind wir bereit, nach Besserung zu schauen.

WALDSCHRAT (düster):
Das reicht mir nicht, die Schuld ist aktenkundig,
In großer Runde klagen schwarze Eichen,
Es wäre katzig (oder sagt man: hundig?),
Sich heimlich in der Nacht davonzuschleichen.

IWEIN: Bei meiner Ehr als Rittersmann beeide
Ich feierlich, daß dies nicht unser Sinnen,
Wir wollen nach dem angehäuften Leide
Nach Kräften eine Besserung beginnen.

WALDSCHRAT (dessen Gesicht sich aufhellt, lebhaft):
Nun gut, ich sagts, ich plan mit Professionen,
Auch Pilz und Eichbaum brauchen Leut fürs Grobe,
Der Riese Harpin will uns schimpflich lohnen,
Das wir ihm stellten Bauholz, Fleisch und Robe.
Er ist ein Tölpel, der von Nutz und Frieden
Nichts wissen will, er pfeift auf Treu und Ehre,
Drum wärs gescheit, wir hättens gern vermieden,
Man zög ihn restlos rasch aus dem Verkehre.
Daß morgen er ein großes Waldstück rode,
Hat er gesagt, zu baun sich eine Mühle,
Drum hat es große Eile mit dem Tode,
Und erst die Leiche schafft uns Glücksgefühle.
 

 

352
 
IWEIN: Dies ist ein leichtes, wenn die Sonnenröte
Sich leuchtend zeigt im Ost am Firnamente,
Stehn wir am Platz, daß man den Unhold töte,
Und fürder keiner sorg um seine Rente.

WALDSCHRAT (erleichtert):
Wir sind uns einig, aber bleibt gewärtig,
Ihr steht im Eid bei diesem Ungetüme,
Macht ihr den Kerl bei Sonnenaufgang fertig,
Seis, daß ich fürder euren Mut nur rühme.
(Geht ab.)

LÖWE: Mir ist, als fraß ich eine scharfe Kresse,
Der Gnom mit seiner Klagen-Ouvertüre
Hat bloß getarnt, und dies mit Raffinesse,
Wohin die ganze Rede endlich führe.

IWEIN: Ach je, dies soll uns nicht besonders grämen,
Hat er uns listig auch zur Tat bewogen,
So braucht sich doch ein Ritter niemals schämen,
Spannt ihm ein Intrigant den großen Bogen.

LÖWE (rollt Lunetes Pergament auf):
Nur leider seh ich uns in dem Konflikte,
Daß morgen, wenn die Sonne zeigt sich rötlich,
Lunete uns in den Gerichtskampf schickte,
Der ohne uns für diese sicher tödlich.

IWEIN: O weh, ich bin vernichtet und bezwungen,
Ein Eidbruch-Sammler, der in allen Näpfen
Herumtritt, rings von Wahn und Schmach umschlungen,
Der Trielen selbst zu ehrlos und den Schnepfen.
 

 

353
 
LÖWE: Ich denk, es gibt vielleicht ein Stück zu hoffen...

IWEIN: O nein, mein Leu, bei diesem Nornenspruche,
Bleibt auch kein Fünkchen Deutungshoheit offen:
Nur tiefer kracht mein Fall nach erstem Bruche.
Ich glaubte frech, ich fänd als Löwenritter
Mit neuem Namen neue Selbstbedeutung,
Doch aus der Jugend treffen mich die Splitter,
Und ganz mißglückt ist diese Schlangenhäutung.
Ihr wißt es nicht, was ich Lunete schulde,
War längst geschworn ihr, daß sie mich nicht kannte,
Verändert nicht, daß ich es ehrlos dulde,
Gewußt zu haben nicht, daß sie fast brannte,
Ich hab geschworn, leblang und noch gespenstisch
Im Dienst zu achten Mühe nicht und Schande.
Dies ist dein Schicksal, heißts und furchtbar nennts dich
Den letzten Schurken in der Höllenbande.

LÖWE: O haltet ein, es wird sich alles richten,
Wir sind der Hölle nimmer bar der Waffen,
Wenn sich die Aun im neuen Tage lichten,
So werden wir auch beide Werke schaffen.

IWEIN: Nein nein, es ist beschlossen und vollstrecket,
Der Aufschlag folgt dem Sturz wie Rausch dem Biere,
Daß jemand trickreich einen Spalt entdecket,
Das glaub ich selbst dem König nicht der Tiere.
Ihr wißt noch nicht das ärgste an dem Netze,
Drin ich gefangen, was schon weiß die Spinne,
Der Stein im Mosaik ist bloß der letzte,
Und ganz am Anfang stand der Rausch der Minne.
Lunete hat geschildert, wie da schändlich
 

 

354
 
Ihr Herr die Huld verspielt und ihr das Leben:
Geb ich mich echsig, wurmig, löwenländlich,
Ich bleibs, ich selbst bin dieser Ritter eben.

LÖWE: Ich danke dir für diese große Gnade,
Daß du mir gönnst den Blick in deine Tiefen,
Doch schlingt der Sumpf schon Füße ein und Wade,
Mag dennoch andres stehn in Heils Archiven.
Schon oft hat Gott, wenn das Verhängnis dichter
Sich zuzieht, noch den Einsamsten gerettet,
Und darum trau dem allerhöchsten Richter,
Daß lösbar sei, was rundum festgekettet.
Ich denk, wir sind schon lang vor Tag beim Riesen,
Mein Schrei muß selbst den Schlummrigsten erwecken,
Gehts auf mit guten Waffen und mit miesen,
Wird er vorm ersten Sonnenstrahl verrecken.
Dann sind wir noch zur rechten Stund am Platze
Und treten auf des Königs Eichenbohlung,
Denn liegt im Dreck des Riesentölpels Fratze,
Ist ein Gerichtskampf gradezu Erholung.

IWEN: Nun gut, ich will mich einmal noch ermannen,
Mißlingts, so soll mein gutes Schwert mich haben,
Wenn Nebel wabert aus des Buschweibs Kannen,
Sei unser Feind der Krähenschmaus im Graben.

LÖWE: Gemeinsam werden wir den Strauß vollenden,
Er ist direkte Folge unsers Bundes,
Dann werden sich auch Hof und Minne wenden,
Und Stück für Stück erbaut sich was Profundes.
 

 

355
 


DRITTER AUFZUG
Hof des Artus. Im Hintergrund die kapitolinische Wölfin zu Ehren der Königin, davor eine Darstellung des Schwertes Excalibur, das von einer Hand aus dem See gereicht wird. Rechts und links davon jeweils sechs Fahnen der Tafelrunden-Ritter. All dies befindet sich auf einem Podest hinter der Kampfarena. Dort begegnen sich die Ritter Lanzelot und Pelleas.

Erste Szene.
Lanzelot, Pelleas.

LANZELOT: Hallo, ich grüß den mondenhellen Reiter,
Wie geht es meiner Pflege-Mam am Weiher?

PELLEAS:
Den Gruß zurück, der Fürst der Lanzenstreiter
Macht jeden Tag zur Sonnenwendenfeier.
Die Dame, der am See ich treulich diene,
Und die den Weg nach Avalun befriedet,
Sie leuchtet diesem Hof in jedem Kiene,
Weil sie dem König hat das Schwert geschmiedet,
Ich ritt erst jüngst in ihre Nebelfluten,
Da mich zu ihr der Löwenritter sandte,
Sie pflegt die Wunden und die Unbeschuhten,
Und sie begrünt das Drachenloh-Verbrannte.

LANZELOT:
Vom Löwenritter weiß ich nichts zu sagen.
Wer ist der Mann und was wird er uns bringen?
 

 

356
 
PELLEAS: Er nahm den Schemel Iweins ein im Hagen,
Und seiner werden einst die Barden singen.

LANZELOT: Da Iwein seine Dame bös betrogen,
Der Kuppelei ward überführt die Zofe.

PELLEAS:
Nein, der Verdacht ward sichtbar aufgewogen,
Als uns der Löwe hat gebrüllt am Hofe.
Zu lang hast du die stolze Burg gemieden
In Fährnis, der ich besser nicht gedenke,
Doch in der Tat, Lunete schiens beschieden,
Daß man sie gleich am nächsten Morgen henke.
Der Löwenritter kam wie Tau auf Blätter,
Die Tracht war schon ein Stückchen abgerissen,
Daß er Harpin, den Riesen, gleich zerschmetter,
Ließ den vor vier der Löwenrachen wissen,
Die Macht der Kläger war schon überwunden,
Eh alle hier die Plätze eingenommen,
Denn Recht und Wahrheit herrlich zu bekunden,
Ist er uns wie ein Hagelschlag gekommen.
Seither hat ihm die Lanze kaum geschlafen,
Zur Mangelware werden Ungeheuer,
Heut kämpft er für das jüngste Kind des Grafen
Vom Schwarzen Dorn, zum schlimmen Abenteuer
Nannt sich die Burg, dreihundert edle Damen
Er hat befreit, nachdem die beiden Riesen,
Die dort zu hausen sich die Freiheit nahmen,
Verrotten auf den blutbefleckten Wiesen.

LANZELOT:
Wer wagt es, wider diesen Held zu streiten?
Weß Sohn ists, und wer ist sein Auftraggeber?
 

 

357
 
PELLEAS: Den Ritter sah man nie in unsern Breiten,
Im Schild führt er das Blümlein und den Eber,
Der Graf vom schwarzen Dorn vererbte Nichten,
Das Land, die Burg und Truhen voll Geschmeide,
Drum tobt der Streit, die Teile zu gewichten,
Tat jede was der anderen zum Leide.
Manch Zeugnis und manch Wink ward ausgelotet,
Und konnte doch die Wahrheit nicht erhellen,
Inzwischen ist die Sache so verknotet,
Daß Artus sprach, man möge Kämpen stellen.
(Ein Horn ertönt.)

LANZELOT:
Man gibt Signal, den Kampfesplatz zu räumen,
Dort nahn die Maiden, die sich so bedrangen,
Wenn Lanzen splittern und sich Rosse bäumen,
So wird ein Herz frohlocken und eins bangen.


Zweite Szene.

(Die beiden Ritter gehen ab und erscheinen auf dem Podeste erneut, wo sie sich im Hintergrund halten. Es treten auf König Artus, ein Herold und die beiden Nichten des Grafen von schwarzen Dorn. Auf der anderen Seite versammeln sich Ritter und Damen, man erkennt Laudine mit Lunete. In der Arena Gawain mit geschlossenem Visier und dem Eberschild, auf der anderen Seite Iwein mit dem Zeichen des Löwen.)

HEROLD: Im Streite der zwei Erbinnen des Grafen
Sein nun die Streiter rüstig aufgestellet,
Der König wird beschaun, wie sie sich trafen,
 

 

358
 
Auf daß der Wille Gottes werd erhellet.
Nun tretet Kläger vor und schwört dem Richter,
Daß euer Zeugnis mög davor bestehen.
Ihr Ritter und ihr Damen, die Gesichter
Merkt gut und schaut, was urteilnd soll geschehen.

ARTUS: Ich bin bereit, die Klagenden zu hören.

ÄLTERE NICHTE:
Mein König, groß in Waffenruhm und Ehre,
Kein feiges Zagen soll das Recht betören,
Der Eberritter mir die Mißgunst wehre.

GAWAIN: Ich streite für das Zeugnis und die Rechte
Der hohen Frau, die mich in Huld erwählte,
Die Lanze zeig das Falsche und das Echte,
So wahr der Himmel mir die Schwerthand stählte.

JÜNGERE NICHTE:
Mein König, eure Weisheit zu bekrönen,
Gab Christus euch die Demut vor dem Worte
Des Höchsten, drum die Engelschöre tönen,
Drum helf er uns an diesem Kampfesorte.

IWEIN: Der Wahrheit will ich und dem Herrn vertrauen,
Ich heische nichts und beug mich dem Geschicke,
Und steh ich vor dem Sensenmann, dem rauen,
So sag man der, die ich nicht mehr erblicke,
Daß ich im Feuer und im Höllenschlunde
Nicht aufhörn werd, sie immer nur zu preisen,
Wenn mich besiegt des Feindes Todeswunde,
So mög ein Dornbusch meine Treu beweisen.
 

 

359
 
LUNETE (nur zu ihrer Herrin):
Hört, Herrin, wie der Mann, der mich befreite,
Gedenkt der Frau, die ihm die Huld entzogen,
Er dient ihr treulich noch im Todesstreite,
Und ist ihr mehr als allem sonst gewogen.

LAUDINE: Ich sagte dirs gewiß zu andern Malen,
Daß mich verstört solch Los und solch Mißhandeln:
Wie kann ein Aug in einem Antlitz strahlen
Und abhold diesen Herrlichkeiten wandeln?

(Fanfarenstoß. Die beiden Ritter reiten gegeneinander los und brechen die Lanzen, ohne daß einer vom Pferde stürzt. Sie machen kehrt und jedem wird eine neue Lanze zugeworfen. Sie reiten erneut gegeneinander und brechen die Lanzen. Nach erneuter Wendung kurze Pause.)

GAWAIN:
Ihr führt zurecht im Schild das Bild des Leuen,
Dies wird ein langer Kampf um unsre Frauen.

IWEIN: Auch Ihr schafft es, die Huldin zu erfreuen,
Doch sollte sie nicht euch vor Gott vertrauen.

GAWAIN: Was macht euch in der Sache eurer Dame
So sicher, daß ihr wähnt euch Gott im Bunde?

IWEIN: Mit gab der Löwe Leben, Ehr und Name,
Drum geh ich auch nach Löwenart zugrunde,
Wenns Gott gefällt, daß euer Schwert mich fälle,
Mags Weisheit und Erleuchtung sein den Großen,
Doch euer Mut bezwingt mich an der Stelle
Der Herrin, die mich gnadenlos verstoßen.
 

 

360
 
LUNETE (zu Laudine):
Hört, Herrin, wärs nicht Ärgernis und Schande,
Wenn so geschmäht der hehre Held verdürbe,
Wenn er gerichtet dort im blutnen Sande
So fern von Trost und Frauengnade stürbe?

LAUDINE: Wir hoffen, daß die Jüngere der Nichten
Ihn nicht verschleißt in diesem Lanzenreiten,
Dann wird dies sicher Groll und Gram vernichten
Und auch der harten Dame Herz erweiten.
(Laudine und Lunete ab.)


Dritte Szene.

(Im Vordergrund warten die Ritter auf das Signal zum nächsten Lanzengang. Auf dem Podest Artus mit den feindlichen Nichten. Die Königin Guinevere tritt mit Gefolge auf.)

ÄLTERE NICHTE (zu Artus):
Die Ritter halten ein – was soll das sagen?
Den Leuen-Kasper dürstets nach dem Sande,
In meiner Sache allzulang zu tagen,
Bereitet Schmerz mir und dem Hofe Schande.

ARTUS: Der Kampf geschieht nach überkommner Sitte,
Nicht eure Hoffahrt ist dafür das Muster,
Drum überlegt euch künftig solche Bitte,
Ich bin nicht euer Wagner oder Schuster.

EDELKNABE (tritt an den König heran):
Mein König, hart im Richten und Verhandeln,
 

 

361
 
Zu stören zwingen mich Gehorsams Pflichten,
Ihr seht die Herrin in der Nähe wandeln,
Sie möchte Gruß und Huldwort an euch richten.

ARTUS: Dies kommt mir recht, da mir die Zornesader
Zu schwellen droht in Gängelein und Klagen,
Es tut mir gut, wenn zwischen Trutz und Hader
Ein Fraunherz wagt, ein Friedenswort zu sagen.

GUINEVERE:
Schirm dieses Lands und Bürge meines Glückes,
Ich seh euch früh gezäumt für Recht und Ehre,
Es wär ein Makel dieses Minnestückes,
Sagt ich euch nicht, wie sehr ich mich verzehre,
Daß sich da Fremde eigennützig drängeln
Um eure Stirn, sie vorschnell zu ergrauen,
Ich mag euch nicht mit meinen Sorgen gängeln,
Es bleibt mir, dem Gebete zu vertrauen,
Doch ließ der Herr es zu, daß mich Geschicke
In diesem Sommer wüst und hart bedrängten,
Daß wie bei einer Nonne sich die Blicke
Auf meiner Kammer blanken Boden senkten.

ARTUS: Der Himmel sei mir gnädig, wenn ich fehlte,
In Demut lausch ich eurem strengen Mahnen,
Dem Kriegsmann leicht geschiehts, daß ihn entseelte
Das Spiel der Schilde und der hellen Fahnen.
Drum sagt, was ich so schmählich übersehen
Im Raten und im Tun der reichen Pflichten,
Eur Wohl soll mir vor allem andern stehen
Und eure Sorg möcht ich sehr rasch vernichten.
 

 

362
 
GUINEVERE:
Euch ist bekannt, der Graf zum schwarzen Dorne,
Starb jüngst und so der Länderein Verwaltung,
Manch Unrecht hob sich aus vernarbten Borne
Und Schrecken kamen plötzlich zu Entfaltung,
Im Eichenhaine hauste gar ein Drache,
Was uns seit Altern nicht mehr vorgekommen,
Und auch ansonsten häuft sich manche Sache,
Die argtut den Geduldigen und Frommen.
Gar dunkle Brut entstieg dem Höllenfeuer,
Erstarkt und frech gebärden sich die Riesen,
Und in der Burg zum schlimmen Abenteuer,
Da schmachteten in finsteren Verliesen,
Dreihundert Damen aus den besten Kreisen,
Solch Schrecknis wagt kein Dichter zu erkiesen,
Er würde solche Stoffe von sich weisen.
Auch mein Gefolge ward hier nicht geschonet,
Die Gräfin, die mir sonst die Strümpfe bindet,
Nach der Befreiung bei den Alten wohnet,
Im Herz gebrochen und im Aug erblindet.
Sie sprach mir kaum von den erlittnen Qualen,
Doch hörte ich, die ältere der Nichten
Steht in dem Ruf, die Riesen zu bezahlen,
Die Schimpf und Schrecknis um das Gold verrichten.

ÄLTERE NICHTE:
Wer tölplig wagt, solch krudes Zeug zu dichten,
Der kenne meines Ritters Mut und Waffen,
Gleich Hyderhäuptern wuchern die Geschichten,
Ehs einer gilt, sie aus der Welt zu schaffen.

ARTUS: Schwer wiegt der Vorwurf, den ihr vorgetragen,
 

 

363
 
Auch wenn er nur gerüchteweis vernommen,
Ich mag in dieser Sache jetzt nichts sagen,
Doch werden wir gewiß noch dazu kommen.
Wir müssen erst die Klag zuende führen,
Der schon die ersten Lanzen sind gebrochen,
Wers wagte, uns den Riesenbrand zu schüren,
Sei ohn Verzug ein Urteil dann gesprochen.

GUINEVERE:
Ich will mich deinem Wohlerwognen fügen,
Doch schiens mir nötig, den Verdacht zu künden,
Ich glaube fest, daß Freveltat und Lügen
Vor deinem Schwert in harte Strafe münden.
Doch wärs mir ungeacht der Riesenschrecken,
Lieb, wich der König öfter dem Gemahle,
Dürft ich mal wieder den Vertrauten wecken,
Wär leichter mir die Suche nach dem Grale,
Denn Rittertum und Friedenstat der Krone
Sind gottlos, wenn sich Frauenherzen härmen,
Daß minniglich er bei der Huldin wohne,
Sollt immer auch des Königs Blut erwärmen.

ARTUS: Dies zuerkennend will ich bald zu Ruhe
Hier blasen lassen, daß in trauter Stille,
Ich unbeschaut zu eurer Freude tue
Und einzig für mich gelte euer Wille.

GUINEVERE: So ein Gesag behagt den Römerinnen,
Frau Minne seid Ihr Diener ohne Tadel,
Solang in Adern solche Ströme rinnen,
Wird achten man und dienen auch dem Adel.
(Geht mit Gefolge ab.)
 

 

364
 
Vierte Szene.

(Laudine und Lunete kehren zurück. Fanfarenstoß. Die Ritter brechen wieder zwei Lanzen. Dann springen sie vom Pferd und gehen erhobenen Schwertes aufeinander zu.)

GAWAIN:
Im Lanzenreiten wird sich nichts entscheiden.
Drum möge unser blankes Eisen kosen,
Daß Streit nicht länger Fraun und König leiden,
Und wir uns Ehr und Untergang erlosen.

IWEIN:
Reicht eure Kraft, daß mir der Schild zum Fetzen,
So findet auch den Halbmond eure Klinge,
Die ältre von den Nichten wird es schätzen,
Daß euch der letzte Natterbiß gelinge.

GAWAIN: Was traut ihr euch, in Rätseln zu verflechten,
Wo mich der Halbmond mahnt an den Gefährten,
Ein Mutterblick wollt da mit Nattern rechten,
Wo Siegel das Verletzlichste bewehrten.

IWEIN: Verletzlich ist der Liebende im Bette
Noch ärger als die Reinliche im Bade,
Wenn Lieb Pelleas noch ein Stückchen hätte,
Wärs ihm um die Gelegenheit nicht schade.

GAWAIN: Ihr wißt um meine Liebesabenteuer,
Wie einer nur, dem ich die Schmach gestanden,
Drum seid ihr ohne Zweifel mein Getreuer,
Der sprach vom Mal an seinen Rippenbanden.
 

 

365
 
IWEIN: So ists, und ihr in fremder Eberlarve
Wart mein Geleit in frohn und harten Zeiten,
Doch soll allhie der Klingentanz, der scharfe,
Der Brüderschaft den Todestrank bereiten.

HEROLD: Die Streitenden, die Kläger und die Zeugen
Der König bis zum Mittag ruft zur Pause,
Eh eine der Partein sich hat zu beugen,
Der davor wie vor Schmach und Ungnad grause.

GAWAIN: Laßt uns zum König gehn und ihn befragen,
Ob da ein Ausweg sei im Bruderstreite,
Denn daß die Weisheit wüchs in solchen Lagen,
Hoff ehr ich, eh ich ganz ins Dunkel schreite.
(Mit Iwein ab.)

LUNETE (zu Laudine):
Nur kurz gebremst sind Schicksals Dornenwege,
Der Löwenritter ist des Tods schon inne.
Schwört mir, o Herrin, daß ihr ihm zur Pflege,
Daß er die Minnehuld zurückgewinne.

LAUDINE: Nicht nur, daß er sich königlich geschlagen,
Auch den geraden Sinn muß ich erhören,
Drum sei mirs ernst, dem Hoffen und dem Wagen,
Den Beistand bei dem Minneglücke schwören.

LUNETE: Geh vor den König um dies zu beeiden,
Daß Frohwort ihn erfrische im Gemüte,
Noch kann der Tag von Schmerz und Trübsal scheiden,
Drin sich Verzweiflung um das Recht bemühte.
(Laudine nickt. Lunete winkt Lanzelot herbei.)
 

 

366
 
Herr Ritter, bitte führt zum König diese Dame,
Sie sah den Kampf, der wogte lang und bitter,
Sie möchte, daß erlöst von seinem Grame
Und wieder heiter sei der Löwenritter.

LANZELOT: Ich werd Pelleas bitten, euch zu frommen,
Ich war zu lange fort, als daß sichs schickte
Nun gradenwegs mit fremder Sach zu kommen,
Eh mich der König selber ganz erblickte.
(Geht kurz zu Pelleas und kommt mit diesem zurück.)

PELLEAS: Ja, hohe Frau, Verwandte der Nimue,
Der ich zu jedem Dienste bin verbunden,
Wie Hermes flügle ich mir meine Schuhe,
Dem König eure Absicht zu bekunden.


Fünfte Szene.
Artus, die beiden Nichten, Frau Minne und der Löwe.

FRAU MINNE: Mir ist es Recht, zu allen Tageszeiten
Ganz unvermittelt Herzen, Höfe, Klausen,
Zu suchen und zu sprechen und zu weiten,
Und niemand weiß, wos mir beliebt zu hausen.

ARTUS: Ihr seid Frau Minne, die mir wohl bedeutet,
Die Mahnung meiner Gattin ernst zu nehmen,
Schon ward des Kampfes Ruhzeit eingeläutet,
Ich werd mich gleich in das Gemach bequemen.

FRAU MINNE:
Dies ist sehr löblich, weil die Frauenehre
 

 

367
 
Die höchste Zierde ist im Rittersaale,
Doch vorher ich noch einen Dienst begehre,
Der Lanzenbrecher mit dem Halbmondmale,
Hat mir mit seiner Klage um Laudinen
Im Eichenhage einen Kranz gewunden,
Daß es mir recht und billig war erschienen,
Euch sei ein Band vom Augenpaar entbunden,
Drum hört, was dieser Leu euch mag entdecken,
Vom Ritter, der an eurem Hofe streitet,
Ein neues Licht fall so auf diesen Recken,
Und eurer Weisheit Leuchtkreis sei geweitet.
(Geht ab.)

ÄLTERE NICHTE:
Hier geht es grade wie im Taubenschlage,
Hier tummeln sich die Schwätzer aller Kasten,
Ich glaube, ich vertändle meine Tage
Am Hof Utopias unter den Phantasten.

JÜNGERE NICHTE:
Ich weiß zwar nicht, wie dieses Stück soll enden,
Doch macht mir das Geflecht geringre Sorgen,
Als der zerbrochne Krug in meinen Händen,
Der mir vermiest den Frühtau heute morgen.
Es scheint, als seien Geister ihm entsprungen,
Die tanzen, daß da Blut und Schmerz vermieden,
In Jahr und Tag Frau Minne ward besungen,
Doch zeigte sie sich nie zuvor hienieden.

LÖWE: Ich bin ein König, doch ich beug mich gerne
Dem Großen, den Frau Minne mir gewiesen,
Wer deuten kann die Wandelspur der Sterne,
 

 

368
 
Der weiß, die Zeit der Drachen und der Riesen,
Neigt sich vor Altern, da sich Ritter beugen
Vorm Leuchten deß, der auf dem Eselsrücken
Befahl der Stadt, für Leid und Tod zu zeugen,
Und Lahmen sprach: Nun laufe ohne Krücken!
Noch unklar ist mir, wie sich diesem Zeichen
Das Reich der Tiere werde stelln und mählen,
Doch lockte mich der Glanz aus euern Reichen,
Auf dieser Seite Weg und Haus zu wählen.
So hab ich einem Ritter Treu geschworen,
Der euch wie keiner trefflich ficht und streitet,
Ich hab das Gold der Krone ganz verloren,
Daß er mit mir auf seinem Schilde reitet.
Er trägt die Lanze voller Gottvertrauen,
Bleibt Sieger vor den Riesen und den Echsen,
Doch wirkungslos sind Muskelkraft und Klauen
Vor bösen Müttern, uns bekannt als Hexen.
Denn wie Frau Minne sich ins Licht erhöhte,
Verbohrte sich ein Gegenbild im Schatten,
Zum Weiß des Schwanes kam das Gift der Kröte,
Und wo das Licht verfahlt, gehörts den Ratten.
Derselbe Pfeil, der flügelt Herz und Schuhe,
Läßt Neid und Ränke wuchern und verpesten
Das Licht des Himmels und die Waldesruhe,
Derweil sich Monster am Zerschlagnen mästen.
Die Minnen, die verschmäht und abgewiesen,
Begabt oft Gram mit bösem Mut und Stärke,
Drum ruhe uns die Sorgfalt stets auf diesen,
Daß sie nicht falln in unheilvolle Werke.
Es macht mir Kummer, da mein Herr da fechtet,
Obgleich Frau Minne nicht geweiht die Waffen,
Und todessüchtig mit dem Heile rechtet,
 

 

369
 
Als sei er zur Vernichtung ganz geschaffen.
Und diesen Dämmer kann allein Laudine,
Die euch an diesem Hofe ist zugegen,
Mit Licht, als ob die Mittagssonne schiene,
Ins Helle und ins Lebenswerte legen.

ARTUS: Der Tag entbehrte nicht die Warnerstimmen,
Mich dünkt, das alles im Zusammenhange,
Ich hoff, zur Lohe bäumt sich noch das Glimmen,
Daß der Erleuchtung harren wir nicht lange.
Das Wort des Tieres soll nicht dem Konzerte
Verloren sein, wo Flöte froh der Leier,
Was immer mir die Sicht ins Helle sperrte,
Ich ahn, daß sich schon bald erhebt der Schleier.


Sechste Szene.
Pelleas vor dem König, dann Laudine, Gawain, Iwein.

PELLEAS: Frau Minne seis verziehen, wenn ich störe,
Es geht um einen Ritter, hier am Streiten,
Daß euer Ohr ihr Hilfserbieten höre,
Hätt ich gern eine Frau euch zugeleitet.
Die Holderin ists vom verborgnen Quelle,
Die hier am Hofe weilt schon manche Tage,
Mir taugts, daß eurer Weisheit sich geselle
Das Fraunherz, bisher ungehört im Hage.

ARTUS: Gern hör ich an, was ihr zu sagen wichtig,
Wo sonst hier bloß die Klagen wiederkehren,
Sie nah, auf Fristen und Gewähr verzicht ich,
Geleite sie und führe sie in Ehren.
 

 

370
 
ÄLTERE NICHTE:
Was soll das werden, Aufschub, neue Zeugen,
Mir werden Last die endlosen Verhöre,
Man will mich, bis ich mürbe werd, beäugen,
Daß ich zuletzt mein gutes Recht verlöre.

PELLEAS: Ich bring zu euch jetzt ohn Verzug Laudine,
Sie wird in ihrer Sache selber sprechen,
Ihr Klägrin hofft, daß euch der König diene,
Es sei denn, euch führn Meineid und Verbrechen.
(Zurück zu Laudine):
O kommt, und sagt dem König ohne Sorge,
Was zu bekennen euerm Herzen Bürde,
Denn daß der Herr die Frauenweisheit borge,
Ihm Sitte nicht und Amt verbieten würde.

LUNETE: O Herrin, daß ihr froh dem Edlen frommet,
Schafft Ehre euerm Haus und allen Rittern,
Was immer da vergeht und was da kommet,
Solch hohes Tun kann keine Zeit verwittern.

LAUDINE (die schweigend mitgeht, zum König):
Heil, König Artus, Herr der Tafelrunde,
Von der in jedem Land die Dichter schwärmen,
Ich wünsch euch viele Sommer und gesunde,
Mög lang noch euer Herz den Hof erwärmen,
Ich weil seit manchem Tag an euerm Herde,
Weil mir daheim die Einsamkeiten bitter
Und eh mein Wort entsagt der Menschenerde,
Heb ich die Hand für euern Löwenritter.
Er ward von seiner Dame hart verstoßen
Und scheint mir an dem Gram noch zu erblinden,
 

 

371
 
Ich hülfe gern bei Niedrigen und Großen
Dem Ritter ihre Huld erneut zu finden.

ARTUS: Der Löwenritter ist hier grad zugegen,
Ich denk, daß eure Worte ihn wohl freuen,
Denn wenn wir seine Huld gemeinsam pflegen,
Solls künftig nicht noch heute mich gereuen.
(Er winkt Iwein und Gawain herbei.)

ÄLTERE NICHTE (zu Gawain, vor Zorn außer sich):
Was tut ihr mit bei tölpligem Klamauke,
Statt jenen Herrn schon längst vom Pferd zu stoßen,
Ein Irrenhaus fand ich in diesem Haugke,
Vom Weiten sieht mans, mit dem Aug, dem bloßen.

ARTUS: Grad sagtet ihr zum hohen Schwurgerichte,
Ihr wärt fast blind, so konnt die Jüngre rauben,
Nun heißts, ihr hättet tiefere Gesichte,
Als alle die hier mit dem König glauben.

ÄLTERE NICHTE (springt in plötzlicher Panik von dem Podeste in den Graben):
Hier ist kein Recht, hier sind nur Gichtgeplagte,
Die jämmerlich mein gutes Recht verhöhnen,
Mein König ist nicht jener Hochbetagte,
Der säuselt mit den Jungen und den Schönen.

ARTUS (der Pelleas von der Verfolgung abhält):
Laß sie doch ziehn, wir kommen so zum Rechte,
Und die zwei Kämpen, die sich trefflich stritten,
Sind dort, wo ich sie gern schon lange dächte,
Als beider Freund geehrt und wohlgelitten.
 

 

372
 
GAWAIN (nimmt den Helm ab und kniet hin):
Mein König, ich war euer Ritter immer,
Ich fehlte, da ich in den Kampf gezogen,
Die Weisheit gab, daß dieser Kampf nicht schlimmer
Geführt ward um das Weib, das uns betrogen.
Vergebt mir, Herr, daß ich der Frau gegeben
Den Arm und all die Lanzen, die zerbrochen,
Ich knie und will mich nimmermehr erheben,
Bevor ihr euer Urteil habt gesprochen.

IWEIN: O König, laß mich für den Ritter bitten,
Er ist von edlem Mut und unverdächtig
Des Vorteils in den harten Kampf geritten.
Die Weiberlisten sind für uns zu mächtig,
Daß Unvermählte könnten frei erkennen
Und wären nicht im Urteil zu behexen,
Denn leichter ist, wenn rings die Bäume brennen
Im Giftgeloh der fürchterlichen Echsen.

ARTUS: Ich will nicht Gawain zürnen und nicht pönen,
Doch laß auch du, da hier dich Freunde grüßen,
Den Helm, daß wir uns freien Augs versöhnen,
Und länger nicht den bösen Irrtum büßen.

IWEIN: Ich heiße Iwein, Ritter einst der Runde,
Doch dann gefalln, dem Wahnsinn Lust und Beute,
Ich glaube nimmermehr, daß ich gesunde,
Denn meine Herrin weist mich ab bis heute.
Nur ihr allein gilt all mein Tun und Trachten,
Drum wärs mir lieb, ich wär im Kampf gefallen,
So werd ich noch im Liebesleid verschmachten,
In Tobsucht mittnachts auf den Zinnen lallen.
 

 

373
 
ARTUS: Gemach, es schwor mir deine Herrin eben,
Sie hülf dir, die entzogne Huld zu retten,
So wird euch beiden jetzt ein neues Leben,
Der König selbst wird euch zusammenketten,
Ein neuer Bund von Brunnen und von Tafel
Sei heut in eurer Ehe hier geschlossen,
So hat der ältern Nichte Haßgeschwafel
Zuletzt noch edlen Wein für uns vergossen.
Doch eh ich euch bekränz mit meinem Segen
Will ich ein Weilchen heim in die Gemächer,
Es ist der Welt an Herrschern nicht gelegen,
Die nicht zu weigern wissen sich dem Becher,
Frau Minne warf ihr Tuch mir von den Zinnen,
Ich eile, daß ich mannhaft mich erweise,
Denn fahln vor Ritt und Rüstung Lied und Linnen,
Sind ihrer Mitte bar des Königs Kreise.
Es kann ein Herrscher nicht die Frauen ehren,
Wenn seine eigne schaut ihn aus der Ferne,
Drum will ich nun in meine Wohnung kehren
Und mich erneun im Ausschaun und im Kerne. (Ab.)

LAUDINE: Auch ich befolg das Urteil von Frau Minne,
Das aus des Königs Mund ward mir verkündigt,
Ich bin nicht mehr des bösen Grolles inne,
Der sprach, da sich mein Ritter hat versündigt,
Ich will den Treuschwur gern erneut vernehmen,
Jüngst konnte mich Nimue nicht erweichen,
Doch heut will ich mich gar zur Eh bequemen,
Und diesem Hof von meinem Brunnen reichen.

IWEIN: Dies ist fürwahr ein Gotteskampf geworden,
Nicht nur daß ich dem Leben und dem Glücke,
 

 

374
 
Im freien Tun ganz ohne Streit und Morden
Schlug Christus in das Heidentum die Brücke,
Verfügt Laudine sich den Sakramenten,
So wird der Born gewahrt im neuen Glauben,
So steht Natur nicht mehr im Abgetrennten,
Daß wir, die Menschen müssen sie berauben.
So werden nicht gelöscht die alten Runen,
Die frohe Botschaft macht sie nur noch wahrer,
Der Mensch wähnt sich nicht länger im Immunen,
Er sieht die Ganzheit offener und klarer.
Wenn wir uns binden und in Minne ehren,
So tauschen wir nicht nur die Weltenmuster,
Wir tauchen in die ungesprochnen Lehren,
Und auch die Stummen werden weltbewußter.
So wird erfüllt, daß Wotan hing am Baume
Wie Christus in des Opfers reiner Sendung,
Und unser Neid verflüchtigt sich im Schaume,
Denn unsre Zwietracht dankte sich der Blendung.
 

 

375
 


SIEGFRIEDS TOD
TRAUERSPIEL






Zweierlei Arten von Liebe gibt es. Die eine bemächtigt sich irgend eines einzelnen Wesens, das in die Lücke des Herzens ganz oder teilweise hineinpaßt, umspinnt und umschlingt es und läßt es nicht wieder los. Dies Lieben ist eigentlich ein Selbst-heilen. Die andere wagt sich in den Kampf mit der ganzen Welt.

HEBBEL   
 

 

376
 


PERSONEN
SIEGFRIED, Drachentöter
GUNTER, König von Burgund
UTE, seine Mutter
KRIEMHILD, seine Schwester
GERENOT, GISELHER, Brüder
HAGEN, Ritter am Hof
BRUNHILDE von Isenland
VOLKER, Sänger
ZIRPZALP
KNECHTE
 

 

377
 


PROLOG
VOLKER: Der Sänger steht am Anfang und am Ende
Des Spiels, das schaurig zeigt, was zu vermeiden,
Die Leute vor und nach der Zeitenwende
Das Vorgesetze mit Geduld erleiden.
Allein die Liebe kann das Herz verführen,
Das es durchkreuz die fest gefügten Kreise,
Doch dies heißt immer auch: den Weltbrand schüren,
Daß alles stürz aus seinem Weggeleise.
Drum klag nicht über Schwammige und Feige,
Die Größe mißt sich immer nur nach Leiden,
Ob solches an der Fülle, an der Neige,
Das Trauerspiel verdingt sich allen beiden.
In unserm Stoff, den jeder schon vernommen,
Wird meist gesagt, der Sänger hab verschuldet
Die Gier des Königs, und was dann gekommen,
Das hätten die Figuren nur geduldet.
Der Sänger hat noch niemands Gier gestachelt,
Sein Werk ist nur ein Steinbruch für das Laster,
Wer sich den Spind mit Amors Bräuten kachelt,
Berauscht sich an dem Sieg, der ein verpaßter.
So wie das Kraut nicht Sucht macht und Ergeben,
So schafft die Kunst nicht Kriege und Intrigen,
Ihr ziemts allein, dies in ein Licht zu heben,
Wo Gut und Böse beieinander liegen.
Sie kann die Schuld vom Gläubiger nicht trennen,
Das Gut nicht von dem Stöhnen seiner Knechte,
Doch wird sie sich noch eher selbst verbrennen,
Als auszuspieln das Edle für das Schlechte.
 

 

378
 
Im Menschen ist stets beides fest verwoben,
Jedoch das Maß folgt immer dem Ertrage,
Das Amt des Sängers bleibt zuerst das Loben,
Und nur im Schatten walte seine Klage.
Drum ist ein Spiel, drin alle Streiter sterben,
Kein Ding, das fruchtlos fordert, sich zu grämen,
Des Kruges Schönheit preisen noch die Scherben,
Des Scheiterns soll kein Sterblicher sich schämen.
Denn immer ist der Sinn nicht bloßes Ende,
Das jedem Stück die Mitternacht verfügte,
Dies wärs nur, wenn sich keine Strophe fände,
Drin die Figur dem hohen Traum genügte.
Dem Traum, daß wir nicht Käuze sein und Knoten
Verwirrten Garns, von dunklen Fraun gesponnen,
Daß wir des Muts zur Freiheit stolze Boten
Und uns begreifen als der Wunderbronnen,
Daraus die Ströme Zeit und Raum und Muster
Durchwalln was gleichsam oder fremd durchdrungen,
In Träumen blind und manchmal auch bewußter
Als Sagengold und Not der Nibelungen.
 

 

379
 


ERSTER AUFZUG
Eine Brandrode im Wald, im Vorderrund ein mächtiger schwarzer Baumstamm, der einen See staut. Darin sitzt Siegfried so, daß man den nackten Oberkörper sehen kann. Auf dem Rücken das Lindenblatt. Im Hintergrund über die ganze Breitseite die Leiche des Lindwurms, faltig und zusammengefallen wirkend, also sei ihr eine riesige Menge Blut entflossen. Im Verlaufe der ersten Rede wird es immer dunkler, dann erscheint hell angeleuchtet Siglinde auf dem toten Lindwurm stehend. Ihr langes Kleid ist so weiß wie ihre Haare. Die Ärmel sind so lang, daß man beim Gestikulieren keine Hände sieht.

Erste Szene
Siegfried.

SIEGFRIED:
Die Sonne sinkt. Der Herbst tritt in die Haine.
Ich tats, nun muß ich selber wohl versiechen,
Von außen und von innen starke Weine,
Ich mag nur tiefer in das Dunkel kriechen.
Bin ich erschöpft von diesem Strauß? Ach nimmer
Hat mir das Herz so wonniglich geblutet,
Erinnerung und Plan? Da ist kein Schimmer
Von Wollen, daß sich zur Vollendung sputet.
Ist dies der Tod? Der Mutterschoß der Erde?
Hab ich mich selbst mit diesem Feind gerichtet?
Ich hör nicht mehr das Horn des Morgens: Werde,
Die Nacht hat dürre Reiser aufgeschichtet,
Sie nimmt mich ganz zur Beute und zum Weibe,
 

 

380
 
Ihr Balsam duftet frisch nach Lindenblüten,
Ich frag mich nicht mehr, wo ich bin und bleibe,
Fremd sind mir die Gedanken, die sich mühten.
Ein Knäul ists, wollig und nicht zu entzausen,
Es führt den Helden nicht aus diesem Horte,
Und hört ich gar den Wind am Ausgang brausen,
Ich hätt nicht Kraft der Klinke dieser Pforte.
Ich bin am Ziel. Ein Reisender im Hafen,
Am Kai vertaut mein abgewrackter Kutter.
Ich irrte lang und möchte endlich schlafen,
Denn tief im Traum erwartet mich die Mutter.

SIGLINDE:
Ich bin wie stets bei dir, mein holder Knabe,
Ich leuchte dir durch alle Höllenschlünde,
Was dich umgreint, es haust in meiner Wabe
Und spricht vom Blut, drein alle Lichtscheu münde.

SIEGFRIED:
Ach Mutter, die ich niemals traf auf Erden,
Was hast du mir für Wege aufgetragen?
Statt daß ich wie ein Hirt mit seinen Herden
Bloß glücklich sei und haßte alles Wagen?

SIGLINDE: Dich treibt umher nicht mütterliches Erbe,
Auch nicht mein Bruder, der mich sanft berührte,
Denn Wotans Speer, der sorgte, daß ich sterbe,
Schuf auch die Lust, die mich zu dir verführte.
Ich seh mit Freuden deine starken Arme,
Dein helles Aug und deiner Schrecken Bersten,
Ich hoffe, daß der Herr sich dein erbarme,
Doch böser Rausch klebt manchmal an den Gersten.
 

 

381
 
SIEGFRIED: Du sprichst mir, Selige, vom Mutterkorne,
Doch scheints mir, daß ein andres Kraut mich leitet,
Nichts weiß ich von beserkerhaftem Zorne,
Ich spüre eher, wie das Herz sich weitet,
Grad so, als sagte es dem Speer des Schurken:
Mich wird kein Schild und auch kein Zauber schützen,
Dies ist, als wüchsen Bohnen aus zu Gurken,
Und weiche Stellen dehnten sich zu Pfützen.

SIGLINDE: Dies ist nur eine Stunde, daß du heller
Erkennen mögest, was dich bannt und bindet,
Ich groß dir niemals Grütze auf den Teller,
Doch dies wird tun, was das Erwachen findet.

SIEGFRIED: Sag Mutter, bist du bei den Engelschören,
Im Garten, wo nicht Tag und Freude weichen,
Kannst du der Sterne Schöpfungsfrühe hören,
Und fandst den Bruder, dem die Augen gleichen?

SIGLINDE: Ich leide nicht, allein um dich die Sorge
Ist der Erlösung mauerstarke Hürde,
Ich mag nicht, daß ich mir das Heil erborge
Um Zins, daß ich dich ganz verlieren würde.

SIEGFRIED:
Was sorgst du dich? Ich ging heut früh zur Beichte,
Der Herr Kaplan sprach frei von allem Laster,
Wenn mich der Senser grad zur Stund erreichte,
Verfiel der Kirche auch der Drachenzaster.

SIGLINDE:
Wohl hat man dich zur Gottesfurcht erzogen,
 

 

382
 
Doch Asen, die im Banne Würfel werfen,
Sie haben dich ums Mutterherz betrogen,
Um Baldung mit dem Rächerhaß zu schärfen.
Drum glaube nie, die Zeichen recht zu deuten,
Die Wahrheit ist allein im Herz zu finden,
Du sollst nicht Thron und Siegerkranz erbeuten,
Doch sollst du dich der Liebe selbst verbinden.

SIEGFRIED: Ich bin der Liebe voll zu dir alleine
Und sehn mich nur zurück zu deinem Borne,
Die Vogelstimmen sagten mir im Haine,
Das Bad geb, daß die Haut mir ganz verhorne.

SIGLINDE: Dies sei nicht deine Sorg, wo eine Mauer
Ist immer auch, ob weit, ob eng, die Pforte,
Sei nicht der Narr, der Zauberkraft-Vertrauer,
Bedenke immer meine letzten Worte.
Und sagt die Not, ich weiß gewiß nicht weiter,
Du findest mich im Schatten jeder Linde,
Doch trenn dich dabei erst von jedem Streiter,
Und auch am Quell begleit dich kein Gesinde.
(Ab. Es wird hell. Siegfried reibt sich die Augen.)

SIEGFRIED:
Sie sprach allein, am Quell und unter Linden,
Doch vorher sprach sie mir von der Lieb in Bälde,
Da frag ich mich: wie sollt ein Weib mich finden?
Dies ist kein Fest, ich stehe nackt im Felde!
(Man hört knackende Äste.)
Was da? Ein Wild? Ich habe Bärenhunger,
War auch der Wurm ein Appetitvernichter,
Der Magen sagt, wenn ich hier weiterlunger,
 

 

383
 
So seh ich bald im Kreis die Albenlichter.
Ein Truthahn, ein Kaninchen, eine Katze,
Sogar der Schwan fänd vor dem Pfeil nicht Gnade,
Der Hunger ist gewiß die ärgste Fratze
Und gönnt die Führung keiner andern Frage.
Drum auf! Hier war gewiß schon lang kein Jäger.
Der Wald ist reich, der Sehne juckts zu sirren,
Ich habe keinen Mundschenk, keinen Träger,
Drum muß ich selber mein Gedärm entwirren.
(Ab.)


Zweite Szene
Kriemhild, Zirpzalp.

KRIEMHILD:
Ein Tümpel auf der brandgeschwärzten Rode?
Vielleicht seh ich den Feuersalamander!
Zwar ist es in Burgund nicht Frauenmode,
Jedoch ich mag nun mal das Rumgewander.
Die Mutter meint, der Wildfang sei zu zähmen,
Die Brüder schicken mich auf meine Kammer,
Allein im Wald brauch ich mich nicht zu schämen,
Das Eichhorn lauscht gewiß auf meinen Jammer.
Nur traurig, daß ich von dem Seidenschwanze
Und von der Amsel nur erfahr die Weise.
Ach, wäre mir verständlich doch das ganze
Im Sinne dunkle Minnelied der Meise!
Auch Volker, dem die Rätselrunen raten,
Kann mir nicht frommen zum Verstehensziele,
Ich mag nun mal die Vögel nicht gebraten,
Und tu, als taugten mir die Sangesspiele.
 

 

384
 
So gab ich ein Sonett dem Star, dem Finken
Wies ich in meiner Einfalt gar Rondelle,
Und seh ich einen roten Kehlkopf winken,
Hab ich Terzinen für den Fall der Fälle.
Ich mag nicht die Berichte von den Kriegen,
Wo alle nur verliern, die sich begrüßen,
Und hab mich nie zum Hymnischen verstiegen,
Die harte Klinge vorzuziehn dem Süßen.
Vielleicht bin ich verwöhnt bei meinem Taumeln
Im Unernst und im Pflegen meiner Grillen,
Doch laß ich nur zu gern die Seele baumeln,
Und sie besieht am liebsten sich im Stillen.
Die Waldesstille ist ein andrer Rahmen,
Als eine Nacht so einsam in der Stube,
Ich murmel öfters einen Vogelnamen,
Der Bruder meint, es sei ein böser Bube.
Wenn ich mal einen Mann frei, dann von Herzen,
Er muß nicht reich sein oder groß in Waffen,
Am Hof nicht prunken mit den tollsten Scherzen,
Noch mit den Freuden, die er wem geschaffen.
Er darf auch fremd sein oder gar verstoßen,
Von Eltern, die gar niemand will hier kennen,
Er geh zerrißnen Schuhs und gar mit bloßen
Schon wunden Füßen, die von Nesseln brennen,
Er sei gering, doch sagte mir Frau Minne,
Sein Herz sei rein und ganz mir ausgebreitet,
Mir schwünden bei dem ersten Kuß die Sinne,
Geflügelt, wenn mich dieser Ritter leitet.
Denn wer es wagt, das Herz so frei zu schenken,
Beweist mehr Mut als eine scharfe Klinge,
Ich bete oft, es mög der Herr es lenken,
Daß dem Gefühl der große Wurf gelinge.
 

 

385
 
(Sie steckt den Finger in das Blut, wundert sich, sucht ihn irgendwo abzuwischen und leckt ihn schließlich ab.)
Was ist das? Blut? Wer ist da so gestorben,
Daß sich ein ganzer kleiner Weiher rötet?
Und dieses Blut? Als hätt es mich geworben,
So leckt ichs ohne Furcht, das es mich tötet.
Es ist wohl süß und eklig, etwas brenzlich,
Ich werd wohl Durst bekommen von der Schärfe,
Und nun verwirrt sich der Geschmacksinn gänzlich,
Daß ich den Blick nach einer Quelle werfe.
Doch hör nun da, der Zirpzalp auf der Weide
Hat jäh die Unsprach in mein Deutsch gewandelt,
Drum will ich lauschen, eh ich von hier scheide,
Wovon sein aufgeregtes Zirpen handelt.

ZIRPZALP:
Zum Zausen ists, zum zwischendrin Verzagen,
Potztausends Ziffern zählen zu den Zerrern,
Die Pagen plappern von den Plauderplagen,
Und profiliern sich popelweis zu Plärrern.

KRIEMHILD:
Mein heller Werber auf den Weidenkätzchen,
Wenn du mir so verständlich weißt zu zalben,
Ist dann die Rede nur von Kindermätzchen,
Daß ich vom Sinn vorliebnehm mit dem halben?

ZIRPZALP:
Prinzessin, bräutlich brennen euch die Brüste,
Ihr bringt euch ein in ein gar brandig Brodeln,
Würd man den Held im ganzen Hain nicht kennen,
Es hieß, das Lob, ich würd es launig lodeln.
 

 

386
 
KRIEMHILD: Du stellst mir einen Bräutigam zur Seite,
Von dem im Reich der Vögel wohl zu singen,
Hast du gelauscht wie ich die Herzensleite
Beschrieb und meinst, es sollt mir doch gelingen?

ZIRPZALP: Uneins sind die Dämonen und die Mächte,
Der frühen Himmel und der heutig späten,
Doch einig ist sein Herzraum, und ich dächte,
Er hätt das Zeug zu einem Zugenähten.

KRIEMHILD:
Es ist nicht wohl, das Herz gar fest zu schließen,
Ich brauche keinen Stein und keine Mauer,
Das Blut muß frei und ohne Hemmung fließen,
Sonst ist der Schlag des Herzens nicht von Dauer.

ZIRPZALP: Ich bin nicht so gewandt in euern Bildern,
Ich künde euch das Künftge nur in Splittern,
Ich wollte euch mit meinem Bilde schildern,
Daß er euch treu in allen Sturmgewittern.
(Ab.)

KRIEMHILD:
So ist er nah, vielleicht schon an der Quelle,
Die aufzusuchen riet der blutge Finger,
Gibts irgendwo das Reine und das Helle,
Weiß dies zuerst der Mai und seine Singer.
So will ich freudig folgen einer Stimme,
Die mir im Herzen sagt, so mög es werden,
Nicht schrecke mich der Bär in seinem Grimme,
Denn alles Brummen preist den Herrn auf Erden. (Ab.)
 

 

387
 
Dritte Szene
Siegfried, Kriemhild.
Die Bühne dreht sich und zeigt nun eine sprudelnde Quelle im Walde. Siegfried sitzt an einem Feuer, über dem ein bereits enthäutetes Tier schmort. Er hat ein etwas albern wirkendes Gewand an, mit lauter lebensgroßen Tauben darauf. Er summt fröhlich und beginnt dann zu singen. Später Kriemhild.

SIEGFRIED (singt): Alle Brünnlein raunen mir
Vom Holunder-Hildchen,
Und ich hoff, es käm nach hier,
Wies im Traum verspach das Tier,
Das mir gab sein Bildchen,
Ach, mein Los sei herzig hold
Das Holunder-Hildchen.
Maitag träumt im Blütenschnee
Vom Holunder-Hildchen,
Eh ich von der Erde geh,
Ich noch diese Augen seh,
Die mein Herzens-Schildchen,
Mehr als alles Gut und Gold
Das Holunder-Hildchen.
Ringsum jauchzt das Lenzgesind
Vom Holunder-Hildchen,
Eh der Herbst die Nebel spinnt,
Komm es nächtens Linden-lind,
Milchweiß als mein Mildchen,
Weil es Heil und Heimat zollt,
Das Holunder-Hildchen.
Wind erzählt mir immer neu
Vom Holunder Hildchen,
Ihm sei alle Ehr und Treu,
 

 

388
 
Ob es auch versteckt und scheu
Fernbleib dem Gefildchen,
Wo vernichtet sei, wem grollt
Das Holunder-Hildchen.
(Es raschelt, er lauscht und spricht dann.)
Es springt in diesem Hain so viel des Wildes,
Daß ich die Quelle brauchte nie verlassen,
Mein Lauschen hofft auf Trautes und auf Mildes,
Ich hab nicht Lust, noch Pfeile zu verpassen.
Doch, ach – was tritt durchs Unterholz, das finster?
Was leuchtet wie ein Pilz aus dem Moraste?
Wer neigt mit seinem sanften Schritt den Ginster?
Was fang ich an mit unverhofftem Gaste?
Ein Elbenweib? Sie trägt Burgunder Kleider.
Welch Vorwitz läßt sie unter Buchen streifen?
Sie schreitet stolz und weiß um ihre Neider.
Sie ist gewohnt, Begehrtes zu ergreifen.
Die Mutter warnte mich von Quell und Linde,
Ich sollte dorten keinem Wesen trauen,
Doch eh ich der Begegnung mich entwinde,
Sie ist so hell und lieblich anzuschauen.
Ich muß, der Mutter arg zuwider, hoffen,
Ihr Warnwort gelte einer andern Stunde,
Denn, sieh, mein Herz ist nichts als rot und offen,
Und braucht nicht erst von außen eine Wunde.
Sie ist gewohnt die Männer und die Waffen,
Allein mein Aufzug wird sie wohl erheitern,
Was Passenderes war nicht anzuschaffen,
Ich nahms und suchte da nicht lang nach weitern.

KRIEMHILD:
Verzeih der Herr, ich möchte an der Quelle
Den Schlund, der arg verbrannt, ein wenig kühlen,
 

 

389
 
Es drängt mich hier und jählings auf der Stelle,
Ein bittres Kraut mir aus dem Zahn zu spülen.

SIEGFRIED:
Wohlan, mein Horn soll euch zum Trunke frommen,
Ich füll es frisch aus Gottes reinem Sprudel,
Dies Wasser läßt die Lebensgeister kommen,
Da jauchzt selbst in der Suppe noch die Nudel.

KRIEMHILD: Es ist sehr lieb, daß ihr um Christi Willen
Erbarmt euch meines Leichtsinns, loh im Lenze,
In Gottes Garten folg ich meinen Grillen,
Wenn ich da Spinnrad und Kaminbank schwänze.

SIEGFRIED:
Mich freut es, wenn die Maid sich sonder Zagen
Traut in das Feld, sonst Männern vorbehalten,
Dies schafft ihr erst Gesicht für unser Wagen,
Damit die Augen nicht darum erkalten.
Doch eure könntens nie, sie sind vulkanisch,
Daß man erahnt den Feuerschlot dahinter,
Der Lenz ist da, jedoch nicht minder manisch
Bezwäng ihr Glanz, regierte auch der Winter.

KRIEMHILD (trinkt, nach einer Pause):
Ihr sagtet wahr, der Trank ist ungewöhnlich,
Er spornt, wohin er kommt, sogar der Magen
Belebt sich und er rechtet unversöhnlich,
Er stellt dem Gaumen altbekannte Fragen.
Drum will ich unverzagt zum Hofe kehren,
Und, was man stellt auf hell gebleichtes Linnen,
Bis auf das Zinn mit meinem Hunger leeren,
Ich wende mich mit Gottes Gruß von hinnen.
 

 

390
 
SIEGFRIED:
Wollt ihr den Jäger einen Stümper schelten,
Das Fleisch ist gar und tropft mit seinem Fette,
Das Tier war groß, die Ahndung zu entgelten,
Daß ich beim Mahle noch Gesellschaft hätte.

KRIEMHILD:
Ich schieb die Schuld dem Trank zu, der dem Mute
Gab auf, Gegartes mit dem Mann zu teilen,
Der unter Waldes grünem Wipfelhute
Mich einläd, an der Quelle zu verweilen.

SIEGFRIED:
So ist es recht. Was leben will, muß nehmen,
Was uns der Herr im Offenen kredenzte,
Denn nur wer frei ist, ähnelt nicht dem Schemen
Die vorjahrs schon der bleiche Schnitter senste.

KRIEMHILD (errötend):
Nun ja, die Freiheit ist der Schmuck des Christen,
Doch gab der Herr auch allen die Gebote,
Für alles gibt es Wohnungen und Fristen,
Daß nicht der Mensch grad wie ein Heid verrohte.

SIEGFRIED:
Sprach ich zu wild, die Schicklichkeit verletzend,
Fürwahr, ich muß euch um Verzeihung bitten,
Schon manchem Jäger ist, den Hasen hetzend,
Zu früh der Pfeil aus Köchers Hut entglitten.

KRIMHILD:
O nein, ihr sprecht recht artig und gebunden,
 

 

391
 
Auch stehn für Frieden eures Kleides Tauben,
Ich glaub, ich hab ein gutes Herz gefunden,
Unfähig, eine Jungfrau zu berauben.

SIEGFRIED:
Die Tauben, ja, ich sag es euch ganz ehrlich,
Mein Jagdgewand verbrannte mir zu Fetzen,
Und also ward Gefundnes unentbehrlich,
Die Sitte nicht mit Nacktheit zu verletzen.

KRIMHILD: Wie konnte euch das Feuer so bedrängen?
Mit wird ganz angst beim Denken an die Lohe.
Wenn sich die Kleider sich am ganzen Leib versengen,
Wird auch verletzt der Heldische und Frohe.
Brauchts Balsam, sagt, mich lehrte wohl die Mutter,
Die Kräuter, die verschließen ärgste Wunden,
Ich löse die Essenzen euch in Butter
Und salb den Brand zu raschestem Gesunden.

SIEGFRIED:
Nichts Grasendes gibt Butter eurer Stimme,
Die heilt die Wunden Leibes wie der Seele,
Kein Honig ward gesucht von einer Imme
Wie jener, den ich eurerm Dufte stehle.
Und auch kein Kraut trägt zaubrisch dunklen Samen,
Der mich zum Traum wie euer Atem führte,
Doch sagt mir bitte euren holden Namen,
Daß Hirn benenn, was ihm der Herzschlag kürte.

KRIEMHILD:
Ihr seid ein Kämpfer, der gewohnt, mit Flammen
Zu spielen, auf der Jagd wie in der Liebe,
 

 

392
 
Jedoch bei Hofe nimmt man sich zusammen,
Es steht ein andrer Sinn in dem Betriebe.
Gleichwohl, es leuchtet aus dem Aug ein reines
Beständiges und treues Gottvertrauen,
Drum will ich ungeacht des Quellenweines
Auf eure schlichte Seelengröße bauen.
(Sie verstummt plötzlich und lauscht auf die Laute des Zirpzalps. Dann stockend):
Und euer Rang gebietet es, den Damen
Zu huldigen im schönsten Brauch der Minne,
Einfältgen, die das allzu wörtlich nahmen,
Vergehn dabei wohl manches Mal die Sinne...
(Sie weint.)

SIEGFRIED:
Mein Herzblatt, mein unendlich holdes Gurren
Des Täubchens, was, um aller Höllen Kessel,
Vermochte widers Sonnenlicht zu murren,
Daß Träne sprengt des Augenlichtes Fessel?
Was für ein Dämon stieg aus seinem Pfuhle,
Und lehrt den Vogel schändliche Tiraden,
Was sagt euch, daß ich falsch und ehrlos buhle
Und meine Lieb euch bald gereich zum Schaden?

KRIEMHILD: Der Vogel sprach von euern Heldentaten,
Die nie sich mit der Maid begnügen werden,
Die immer, wenn auch halbwegs gut geraten,
Ein schlichtes Weibsbild bleiben wird auf Erden.

SIEGFRIED:
Was gibt es schlichtres überm Wald als Sonne?
Sind ärmlich, weil alltäglich, die Gestirne?
 

 

393
 
Wer sagt, daß im Gesuchten wohn die Wonne,
Und nicht in Apfel, Zwetschge oder Birne?
Warum kann ich, der vor des Nachbars Jungen
Den Baum erklomm und weiter sah im Nebel,
Der Gottesfurcht nicht teilsein und durchdrungen?
Ich wähnte mich doch nie am Weltenhebel!
Warum muß ich an meinen Kräften leiden,
Als seien sie nicht fromm und allen Nutzen?
Muß ich mir erst, eh alle Maiden scheiden,
Die Adlerflügel aufs Gewohnte stutzen?

KRIEMHILD:
Dies sei wies sei. Doch ist es nicht zu glauben
Ihr wärt ein Ritter, wie da viel im Heere,
Und machtet euch nichts aus Burgunderhauben
Und fragtet nicht nach Mitgift und nach Ehre,
Gleichwohl es käm ein Weib im Hain geschritten,
Bedürftig nach dem Quell bei euerm Feuer,
Gewöhnlich wie die Schlehen und die Quitten,
Doch Amor nennt dies alles ungeheuer.

SIEGFRIED:
Ich weiß, ich hab zu früh mein Herz verraten,
Ich bin ein Heißsporn und ein Fahnenjunker,
Ich brauch das Weib, zu schleifen an den Graten,
Doch kenne ich kein Falsch und kein Geflunker.
Ich wußte gleich, als euer Haar von Buchen
Sich abhob, daß schon vor dem Mutterschoße
Die Wahl war gültig und nicht mehr zu suchen,
Denn ihr seid mir das Lebensglück, das große.
Wir waren schon vereint, eh alles Werden
Gestalten schuf und Licht, sie zu beschauen,
 

 

394
 
Ehs Himmel gab und je ein Wort auf Erden,
War ausgemacht, das wir uns ganz vertrauen.
Dies glaub ich, ob ein Priester nenn mich Ketzer,
Es ist mein Herz, das also spricht und handelt,
Eh der Versucher Schlange ward und Hetzer,
Sind wir auf Wolken engelsgleich gewandelt.

KRIEMHILD:
Ich habe, was du sprichst, schon mal vernommen,
Und weiß nicht wann und nicht an welchem Orte,
Sind wir gemeinsam aus dem Licht gekommen,
Und suchen nun vereint die enge Pforte?

SIEGFRIED: So muß es sein, es fügt sich ineinander,
Die Mutter auf dem toten Lindwurm wachte,
Als Weiser nannte sie im Weltgewander
Das Herz, das sie zu meinem Leitstern machte.
Kaum war ich auf und fand die erste Quelle,
Da trat aus Traum und Wahn mir das Erhoffte,
Grad so als ob das Mutterwort, das helle,
Sich mit dem ersten Hahnenschrei verstoffte.

KRIEMHILD:
So sei es. Und ich werd mich nicht verweigern,
Jedoch mein Bruder ist der Herr des Landes,
Er spricht sich aus in Sängern und in Schweigern
Und ist der Hirte allen Volks und Standes.
Gelingt es dir, sein Jawort zu erreichen,
Soll meins ihm folgen bis zum Weltenende,
Er gibt nicht viel auf Würden und auf Zeichen,
Dafür recht viel auf Augen und auf Hände.
(Beide ab.)
 

 

395
 
Vierte Szene
Gunter, Gerenot, Hagen, Volker.
Die Bühne zurück zum Lindwurmbild. Vier Reiter erscheinen.

GUNTER: Was ist das für ein Pestgestank im Walde,
Man spürt der Fliegen jauchzendes Frohlocken,
Abdecker haben auf der Ratten-Halde
Gewiß nicht solche fetten Eiterbrocken.

GERENOT:
Ein Teich von Blut, o Bruder, daß nicht netze
Der Unrat dich, hab acht in deiner Eile,
Und dann das Viech! Daß sich der Christ entsetze
Und selbst der Heilge zweifle an dem Heile.

VOLKER: So ists geschehn. Brunhilde, deine Jugend
Ist hin, der Recke, dich vom Gurt zu schnallen,
Bezeugt die Früchte seiner Mannestugend
Dem Himmel und auch nebenbei uns allen.

GUNTER: Was faselt der Poet? Und was für Reifen
Sind da zu öffnen mit der Kraft des Recken?
Ist jemand da, das Rätsel zu begreifen,
Daß er uns rat von den geheimen Zwecken?

HAGEN: Es geht ein altes Lied vom Drachentöter,
Auf den die Asen ihre Hoffnung setzen,
Der Wächter, der nun bloß ein toter Köter,
Verhinderte, daß sie den Bann verletzen.

VOLKER: Und jener wird die holdeste der Maiden,
Die alle Freier schlägt bei Waffenspielen,
 

 

396
 
Gewinnen, daß das Land gehör den beiden,
Der Himmel jenen, die vor Zeit verfielen.

GUNTER:
Wer wagt hier Anspruch auf das Land? Doch sage
Was ist an jener Maid so ungewöhnlich?

VOLKER: Wer sie begehrt, dem ist sie Todesplage,
Denn sie enthauptet Werber unversöhnlich,
Als Jungfrau ist sie allen überlegen
Im Lauf, im Steinwurf und im Ruderboote,
Doch dem Bezwinger wird die Wehr zum Segen,
Zu Lust und Kraftborn, was davor bedrohte.
Die Erde selbst schuf ihre Weibeswonnen,
Die Götter legten Schwert und Schild zusammen,
Daß ihre Hochzeit alle Weltensonnen
Beschäm und alle, die von solchen stammen.
Sie bleibt so mailich wie das Dommelflöten,
Sie geht, als sein beflügelt ihre Schuhe,
Der milde Dunst beschämt die Morgenröten,
Ihr Schoß ist aller Seligkeiten Truhe.
Die Mitgift, dem Geschlecht die Weltenkrone,
Hat nicht den Preis, den sonst Beschenkte hatten,
Denn was so hold, daß es unendlich lohne,
Geht mit der Ehe gänzlich auf den Gatten.
Drum steht ein harter Strauß vor diesem Siege,
Nur jener, den die Asen auserkoren,
Verliert sein Leben nicht im Minnekriege
Und tritt als Herr in aller Höfe Foren.

GUNTER: Was bin ich König noch, um eine Krone,
Die hehrer als die meine, auszuschlagen,
 

 

397
 
Mich schreckt kein Kampf und keine Todeszone,
Dies Weibsbild in mein Schlafgemach zu tragen.
Drum, Hagen, sinn, wie balde steht das Segel,
Daß Wein und Vorrat sei dem Schiff im Rumpfe,
Und schaff mir Macht auch wider alle Regel,
Daß ich die Spröde herrlich übertrumpfe.

HAGEN:
Gemach, solch Ding ergibt sich nicht im Sturme,
Es braucht hier Überlegung wohl und Listen,
Mein Lindenspeer begehrt das Blut vom Wurme,
Daß er vergeß die letzten Schweigefristen,
Derweil ich Holz anhier am Safte tränke,
Vermähl sich Pflanzenstärke mit dem Tiere,
Begehrt Ihr, daß die Göttliche sich schenke,
Ist Ungeduld der Pfad, daß man verliere.

GERENOT: Was willst du Bruder solches Abenteuer,
Du herrschst in deinem Lande unbestritten,
Verschleuderst du die Kräfte ungeheuer,
Ists meist Verlust zur Freud allein des Dritten.

GUNTER:
Nun gut, die Sache muß man wohl bedenken,
Gibt es ein Ziel, so finden sich die Pfade,
Und Hagen, der versteht den Stern zu lenken,
Findt sie, so wie der Speer zu seinem Bade.

VOLKER: Mir ists, als hätte ich zu hehr gesprochen,
Derweil ich meine alten Stäbe klampfe,
Ich wiederhole, eh der Bann gebrochen,
Bedarf es erst des Muts zum Drachenkampfe.
 

 

398
 
HAGEN: Was soll das, Volker, sieh das alte Leder
Ist mausetot und niemands Ziel zu schlachten,
Ein Reich bezwingt das Schwert und eins die Feder,
Dies ist kein Ort, um hier zu übernachten.

VOLKER: Ist tot der Drache, ist der Prüfung Träger
Der Zwinger, dessen Werk wir schaun mit Grausen,
Und darum spricht der halbwegs kluge Wäger,
Ich laß die Sache unverzüglich sausen.

HAGEN:
Der König braucht nicht Weibsgezag und Wimmern,
Der König braucht die Helden, die ihm streiten,
Drum spar das weitre auf den Frauenzimmern,
Eh wir zu ernstern Schweigemitteln schreiten.

GUNTER: Dies ist ein Wort, den Ausritt zu beenden,
Es fügt die Nacht, was Morgen offenbarte,
Laßt uns zum Hof die müden Pferde wenden,
Dort tropft gewiß vom Spieß die Eberschwarte.
 

 

399
 


ZWEITER AUFZUG
Der fest leere Rittersaal der Hofburg. In der Mitte eine Wendeltreppe zum Turm, die Kriemhild heruntersteigt. Ute sitzt auf einem Schemel und schaut mißmutig drein.

Erste Szene.
Ute, Kriemhild.

UTE: Du wirst dich in dem Sturme noch erkälten,
Wenn du nur immer runterschaust zum Hafen,
Es gibt im Leben nicht nur Liebeswelten,
Auch wär es an der Zeit jetzt, mal zu schlafen.

KRIEMHILD:
Was soll ich schlafen und sein Horn verpassen,
Ich bin nicht Witwe und wie du versteinert,
Die Frische dieses Westwinds nimm gelassen,
Weil er das Glühn in meinem Herz verkleinert.

UTE: Ihr werdet nach der Hochzeit bald verreisen,
Und ich verlier mein Töchterchen, mein kleines.
(Sie tupft mit einem bestickten Tuch ihre Augen.)

KRIEMHILD:
Wozu die Eil? Ach, nirgends sind die Meisen
So sangfroh wie im Gau Burgunderweines.

UTE: Nesthäkchen, du mußt deinen Mann begleiten
In seine Burg und einen andern Garten.
 

 

400
 
KRIEMHILD:
Ich lieb der Brüder Arm und Albernheiten,
Mein Schatz wird drob gewiß ein Weilchen warten.

UTE: Dies ist nicht gut. Wenn Gunter sich vermählte,
So ist am Hof die fremde Frau die hohe,
Schaut sie den Helden, den mein Kleines wählte,
Mag Neid im Herzen steigern sich zur Lohe.

KRIEMHILD:
Ich werd ihr stets um meines Bruders willen
Die Achtung zeigen, die dem Hof ich schuldig,
Und Siegfried weiß den Tatendrang zu stillen
Bei Bärenjagd und ist sonst so geduldig.
Die Jugend ist ihm peinlich, die verlottert,
Und er studiert mit Eifer die Manieren,
Er ist so schamhaft, das er manchmal stottert,
Da wird gewißlich kein Skandal passieren.
Auch Hagen ist am Hof, obgleich an Kräften
Dem König und den Brüdern überlegen,
Und keiner meint, daß Gunter den Geschäften
Gewachsen nicht, das ganze Land zu hegen.

UTE: Bei Hagen liegt die Sache recht verschieden,
Gar mancher meint, er sei ein Sohn der Alben,
Sein Blut ist kalt und wird auch niemals sieden,
Er strebt nach Kronen, ganzen oder halben,
Im Herzen nie, er treibts recht gern im Schatten
Der Mächtigen und gönnt den Herrn die Sonne,
Wenn sie wie Zufall seinen Einfall hatten,
Schafft dies für ihn die allerhöchste Wonne.
Er lenkt uns weibisch und gemeßen Schrittes,
 

 

401
 
Er achtet auf Gefahren und auf Zeichen,
Er wird niemals ein Opfer seines Rittes,
Noch wird er je vor einer Schande weichen.

KRIEMHILD: So meinst du, Siegfried sei dagegen hitzig
Und weckte selbst die Toten in den Grüften?
Ach, oder du vermeinst, ich fänd es witzig,
Ein unheilvoll Geheimnis ihr zu lüften?

UTE: Du kennst die Weiber nicht, weil ich nur Jungen
Hab sonst geborn, du Wildfang dem nicht ferne,
Von Dünkel sind die einen ganz durchdrungen,
Die andern fordern himmelher die Sterne.
Wenn sie der Konkurrentin etwas lassen,
Dann nur, was ihnen eklig und verächtlich,
Ihr Anspruch ists, in ihrem Arm zu fassen,
Was groß am Tage oder mitternächtlich.
Die fremde Frau, von der man sagt, die Werber
Hab sie geköpft und aufgespießt die Schädel,
Vermißte deinem Fell den scharfen Gerber,
Denn allzu frech bist du, mein liebes Mädel.
Das Glück steht dir zu deutlich in den Augen,
Sie wirds mit üblen Ränken dir vermiesen,
Wie Männer arglos zu dem Spiele taugen,
Das hat sich stets in Tag und Jahr bewiesen.

KRIEMHILD:
Laß gehen, Mutter, seit ich mich verlobte,
Will ich nicht wildtun oder töricht schwatzen,
Es ward mir fremd, daß Zorn und Prahlsucht tobte,
Und spitze Nadeln können mich nicht kratzen.
 

 

402
 
UTE: Dein Wort in Gottes Ohr! Doch viele Jahre
Belehrten mich: zwei Fraun in einem Dache
Versengen Männern und sich selbst die Haare
Und spein mehr Feuer als der ärgste Drache.
(Man hört ein Horn. Kriemhild rennt die Treppe hinaus zum Turmfenster und stößt einen Freudenschrei aus.)


Zweite Szene.
Ute, Kriemhild, Siegfried, Gunter, Gerenot, Giselher, Hagen, Brunhilde.

KRIEMHILD (umarmt Siegfried:
Mein Schatz, ich hab gehofft, gebangt, gebetet...

BRUNHILDE: Was ist das hier für seltsam freie Sitten?
Es hat kein Herold in den Saal trompetet,
Noch ließ der Herr die Knechte zu sich bitten.
Eh noch der König die Versammlung leitet
Und dem das Wort erteilt, der wünscht zu sprechen,
Wird den Erstaunten Unzucht ausgebreitet,
Darüber wird uns noch das Reich zerbrechen.

GUNTER:
Wir sind zuhaus. Und meine kleine Schwester
Fühlt nirgendwo sich wohler und zuhauser,
Für steife Regeln gab sie kein Semester,
Das Land ist warm, mit Freimut ich nicht knauser.
Gleichwohl ich möchte Ute stolz verkünden,
Daß Hochzeit sei, dem Land die Mutter werde,
Die Amnestie vergeb geringre Sünden,
Und Frieden walt auf unsrer Heimaterde.
 

 

403
 
UTE: Ich danke dir, mein Sohn, für diese Stunde,
Die nah am Grab ich hoffte zu erleben,
Und hoffe, Gott, der wohl vernimmt die Kunde,
Gesell zu deinem großen Glück den Segen.
Doch schafft das nahe Fest der Hausfrau Pflichten,
Weshalb ich bitte, den Empfang zu kürzen,
Ich so viel zu schaffen und zu richten
Und will mich gleich in meine Arbeit stürzen.
(zu Brunhilde):
Doch dich, mir Tochter bald in diesem Hause,
Heiß ich willkommen zwischen meinen Ahnen,
Man liebt das Leben hier und lobts beim Schmause
Viel lieber als bei kriegerischen Fahnen.

BRUNHILDE: Warn eure Ahnen auch so frei und lustig,
Wie es mir scheint recht unerhörte Mode?
Im Norden ist nicht nur das Eismeer krustig,
Man schämt sich leicht und sucht dann nach dem Tode.

UTE: Wo Frost nicht sehrt die angepflanzten Reben,
Dort gibt der Wein sich billig und alltäglich,
Ein fühllos strenges, festgesetztes Leben
Erscheint hier allem Volke unerträglich.
Hier glitzern nicht des Eises Diamanten,
Hier ruft der Spröde meistens nach dem Lacher,
Hier duzen sich im Hause die Verwandten,
Und angestaunt wird allenfalls der Macher.
Wer wieselflink die Laus jagt von dem Weine,
Ist König hier und darf die Fässer stechen,
So zahm ist das Getier in unserm Haine,
Daß wir die Lanzen tauschten gegen Rechen.
Der Gunter ist beliebt bei allen Ständen,
 

 

404
 
Weils ihm mit Maß und ohne Raufereien
Gelang die Zwiste friedlich zu beenden
Und alles nutzlos Toben oder Schreien.
Drum seid gewiß, daß eure Wahl die beste
Für dieses Land und euch ein langes Leben,
Gar traulich wohnt sichs in dem weichen Neste,
Und Gunter wird euch viel Behagen geben.
(Alle ab.)


Dritte Szene.
Siegfried, Hagen.

SIEGFRIED (stürmt herein):
Ich tus nicht, nein, das kann man nicht verlangen,
Solch Tun ist wider Ehre und Gewissen,
Ich laß mich nicht für solche Dienste fangen,
Und wers versucht, da ist das Band zerrissen.

HAGEN: (folgt bedächtig):
Schrei nicht so laut, die Frauen könntens hören,
Aufregung nutzt nicht, ruhig Blut ist alles,
Wenn sich die Helden allzu wild empören,
Trägt dies in sich den Keimling des Verfalles.
Wer einen Bogen spannt, der laß dem Pfeile
Auch Freiheit, seiner Beute Herz zu treffen.
Wer mag auf Fahrt, zupaß dem Seelenheile,
Als wärs an Land, das Gaffelsegel reffen?
Der König kann die Ehe nicht vollziehen,
Auf hoher See wars ihm alleine schimpflich,
Auch seiner Schwester Ehre wird bespiehen,
Gelingts uns nicht, daß dieser Schaden glimpflich.
 

 

405
 
SIEGFRIED:
Daß Kriemhild hab des Bruders frohen Segen,
Versprach ich, euch nach Isenland zu führen,
Dann Gunther einen schweren Stein bewegen,
Verborgen, nicht zu schauen, doch zu spüren.
Ich ruderte für ihn und alle Wetten,
Die hatte sich die Spröde ausbedungen,
Hab ich, als obs die seinen Muskeln hätten,
Auf seiner Brautfahrt ehrenvoll bezwungen.
Und Kriemhild billigt solche List im Kriege,
Weil so ein Mannweib, das die Männer schlachtet,
Nicht Anspruch hat, daß Treu im Handeln liege,
Drum schlag sie Schand, weil sie nach solcher trachtet.
Es mag ein Mann, seis auch im Tarngewande,
Die Keule führn, die Schleuder und den Degen,
Doch ist es ihm die allergrößte Schande,
Ein fremdes Weib ins Ehgemach zu legen.

HAGEN: Der zweite Teil des Werks, das du begonnen,
Ist wesentlich verschieden nicht vom ersten,
Zu früh ists, im Triumpfe sich zu sonnen,
Erst muß der Reifen um den Nabel bersten.
Den Gurt, der sie bewahrt, mit Macht erbeuten,
Ist Krieg wie jeder und nicht Wollust-Pflege,
Drum wenn wir erstens den Betrug nicht scheuten,
So sollten wir nicht abseits gehn vom Wege.

SIEGFRIED: Ich räng mit ihr, ansichtig ihrer Formen,
Ich träfe sie am Eingang des Geschlechtes,
Dies ist ein Spott für Sitte und für Normen,
Unmännlich ists und ganz gewiß nichts rechtes.
 

 

406
 
HAGEN: Mit Weibern kämpfen ist nicht Männersache,
Doch die Verkehrung geht auf ihre Kappe,
Du tatst es längst. Darum ein Ende mache
Und füg ihr zu die allerletzte Schlappe.

SIEGFRIED:
Sie zwingt mich und ich spüre Haß genügend,
Den Gürtel ihr vom nackten Leib zu kratzen,
Doch säh ich mich dem Willn des Königs fügend,
Für Kriemhild wärs gewiß ein arger Batzen.

HAGEN: So sag ihr nichts von diesem Niederringen,
Du schonst sie nur und niemand wird euch schelten,
Dem Frieden dient das Werk vor allen Dingen,
Und der wirds euch mit langem Glück entgelten.
So will ich gehn, der König in der Halle
Schon wartet, ich vermeld ihm deine Treue,
Um Mitternacht liegt Brunhild in der Falle,
Beherztes Tun vermeidet stets die Reue.
(Ab. Es wird langsam dunkel.)

SIEGRIED (während er die Ampeln im Saal entflammt):
Der Segen Gottes und der Welten-Segen
Sie Dinge, die wohl nie gemeinsam wirken,
Ihr Blauaug hieß, den Arm um sie zu legen,
Doch ich verirr mich in den Hof-Bezirken.
Da herrscht die Liebe nicht im reinen Schauen,
Die Ehrsucht und der Dünkel spinnen Ränke,
Verführung tritt an Stelle von Vertrauen,
Und alles scheint, als obs der Teufel lenke.
Warum mußt ich die Bruderliebe achten,
Die mich zum Schelme machte in dem Stücke?
 

 

407
 
Wärs, daß die Rolle, die sie mir erdachten,
Mir heimlich meine Eitelkeit entzücke?
Ich hab gefehlt, will Kriemhild dies nicht deuten,
Ists in der Tat kein weiteres Verschweigen,
Vermeid ichs, diesen Trug an allen Leuten
Der Herzensschwester deutlich anzuzeigen.
Jedoch mein Aug wird mich sehr bald verraten,
Es ist nicht schändlich nur, es ist betrüblich,
Und wenig hilfts, daß solche Meucheltaten
An allen Höfen und an diesem üblich.
(Er verharrt in nachdenklichem Schweigen.)


Fünfte Szene.
Siegfried, Ute.
Ute, im Nachthemd, schlurft mit einem Kerzenlicht herein.

SIEGFRIED:
O weh, so spät, du wirst dich hier erkälten,
Hier, hüll dich rasch in diesen fuchsig warmen
Ornat und sag, um was in allen Welten
Mußt du in diese Finsternisse barmen.
(Legt ihr einen Mantel aus Fuchspelz um.)

UTE: Ich bin nur etwas rasch die steile Stiege
Emporgetappt, man soll mich nicht bemerken,
Ich muß dich warnen vor dem falschen Kriege,
Ein Unheil schwant mir über diesen Werken.
Noch eh ihr alle ankamt, hab mein Liebes
Ich angefleht, ihr beide möget scheiden,
Inzwischen brauchts die Hastigkeit des Diebes,
Das Schlimme, das ich kommen seh, zu meiden.
 

 

408
 
SIEGFRIED:
Was denkst du dir? Am Sonntag die Kapelle
Erfleht für uns den allerhöchsten Segen.
Wir sollen fort? Und dieses auf die Schnelle?
Was konnte dich zu solchem Rat bewegen?

UTE: Brunhilde ahnt Betrug und wird nicht ruhen,
Eh alles ist ans Tageslicht gekommen,
Als wär nicht schon genug an Gift in Truhen,
Hast du noch schlimmern Auftrag angenommen.

SIEGFRIED:
Wer sprach dir dies? Wars Gunter oder Hagen?

UTE: Ich hab zum Lauschen meine eignen Knechte,
Ein Name kann da wirklich wenig sagen,
Ich fürcht, daß man dich gar ums Leben brächte.

SIEGFRIED (lacht):
Man will mich töten? Meine liebe Güte
Im Dämmer reifen wunderliche Blüher,
Ein Nachtmahr wars, der dich zur Treppe mühte,
Ein Unerlöster, der hier hauste früher.

UTE: Der Hochmut vor dem Fall sieht bloß Gespenster,
Wo Überlegung weiß das Netz am Zuge.
Nicht merktest meinen Boten du am Fenster,
Doch stets Brunhildes Künder von dem Truge?

SIEGFRIED:
Ich wollts nicht tun, doch Hagen hat erwiesen,
 

 

409
 
Die Staatsräson gebietet dieses Opfer,
Man scheut nicht kindisch vorm Geruch, vorm miesen,
Denn Unbill trägt ein jeder Steineklopfer.

UTE: Es geht hier nicht um Anstand, Würde, Ehre,
Ein noch Bedenken würde euch vernichten,
Flieh! Kriemhild nehm, was immer sie begehre,
Ich trag die Schuld und werd mich selber richten.

SIEGFRIED: Gar gottlos ist es, ungetraut zu lieben,
Zu fliehen die Familie und die Brüder,
Schlägst Häupter ab, erst eins und schließlich sieben,
Das neunte ist unsterblich bei der Hyder.

UTE: Du selber hast dich aufgebäumt dem Erbe,
Wurdst nicht der Zeuger für die Riesenheere,
Nun sagst du: Besser, daß ich selber sterbe
Als daß da leide die Familienehre.
So denk an Kriemhild, die dich also schätzte,
Daß sie nicht merkt, wie dir das Garn gewunden,
Sag ihr die Wahrheit, daß es sie entsetzte,
Dann seid ihr weit schon in den Morgenstunden.

SIEGFRIED: Ich hab mich oft empört, es abzustreiten,
Wär lächerlich, dies gab mit die Gebete,
Ich leb in Eintracht mit dem Herrn der Zeiten,
Ich glaub, Gott gibt, was ich so heiß erflehte.
Nun soll ich König, Kirche, Gattin schänden,
Ein Flüchtling sein, weil was geheim nicht sicher,
Ich muß was ich begann vernüftig enden,
Sonst hör ich in der Hölle das Gekicher.
 

 

410
 
UTE: Du endest nichts, du weckst nur weitre Schlangen,
Nicht der Kaplan und Gunter Christ vertreten,
Du bist den Weg des Heilands weit gegangen,
Nun schwenkst du auf den Weg der Exegeten.

SIEGFRIED: Ich suchte nie Passion und Weltentsagen,
Ich wollte Teil sein im gewöhnlich Heilen,
Drum werd ich mit dem König mich vertragen,
Und auch dem Schoß der Kirche nicht enteilen.

UTE: Ist dies dein letztes Wort? So sind wir alle
Verloren, das Gesetz von Blut und Rache
Verfeinert nur noch seine Mausefalle,
Und unser Tod ist ausgemachte Sache.
(Beide nach verschiedenen Seiten ab. Die Ampeln erlöschen.)


Fünfte Szene.
Kriemhild, Brunhilde.
Es wird wieder hell. Man sieht Kriemhild mit Stickereien beschäftigt. Brunhilde tritt wie zufällig herein.

BRUNHILDE:
Die Schwester, ach, stets fleißig und geduldig,
Der Herr Kaplan lobt sicher deine Tugend.

KRIEMHILD:
Ich bin dem Herrgott nur zu danken schuldig,
Ich hatte eine unbeschwerte Jugend.
Auch kam das Glück von selbst im rechten Alter,
Ich trag nicht Arg, es könnte jemals enden,
Drum ist mein Lied bei Handarbeit der Psalter,
Und, was ich hab, will ich den Armen spenden.
 

 

411
 
BRUNHILDE:
Gewöhnlich wählt aus königlichem Hause
Die Tochter Eh mit wem vom gleichen Adel,
Weshalb ich deine Wald-und-Wiesen-Flause
In Sorge um die Ehr des Hauses tadel.

KRIEMHILD:
Was pönst du Siegfried? Hat er deine Würde
Je angegriffen oder bös mißachtet?
Dein Maß der Welt ist niemals dessen Hürde,
Der nach dem Beistand unsers Heilands trachtet.
(Für sich)
Ich bin gewarnt, und Ute ist erfahren,
Sie übertrieb nicht bei den Weiberränken,
Zwar bin ich unterlegen ihr an Jahren,
Jedoch die Falle kann ich mir wohl denken.

BRUNHILDE:
Daß nicht ein Souverän dein neuer Gatte,
Verschmerzbar wär, wenn die Vasallentreue
Verdienste aufwies, die kaum einer hatte.
Jedoch dein Fall erwartet nichts als Reue.
Es war die pure Gnade Gunters, jenen
An seinem Hofe dienstlich aufzufangen,
Und eingedenk der Umständ, unter denen
Er ankam, ists ihm viel zu gut ergangen.

KRIEMHILD:
Du haßt ihn. Seis drum! Müssen wir besprechen,
Was ihn in deinen Augen macht zum Knechte?
Scheint dir des Königs Großmut ein Verbrechen,
Bedenke, daß dies eines seiner Rechte.
 

 

412
 
BRUNHILDE:
Des Königs Pflicht, der Staat, bereitet Sorgen,
Wenn Launen, die der Billigkeit, dem Brauche
Ein Hohn, sich breiten, daß vielleicht schon morgen
Der ganze Hof erstickt in dieser Jauche.

KRIEMHILD: Du pönst den König. Dies mir anzuhören
Hab ich nicht Lust noch schwesterliche Freude,
Such dir wen anders, um ihn zu betören,
Damit ich meine Stunden nicht vergeude.

BRUNHILDE:
Du irrst. Dies zielt nicht auf des Königs Rechte,
Von finsterm Rat wird dieser Hof verdunkelt,
Du bist zu gut und siehst drum nicht das Schlechte,
Das schlangenäugig aus den Ritzen funkelt.

KRIEMHILD:
Wen willst du einen schlechten Rater schelten?

BRUNHILDE:
Die Männer nicht, die sind ja nur am Jagen,
Sie mögen nicht den Stachel der Intrige,
Sie führen aus und haben nichts zu sagen,
Doch Weibern liegt die Bosheit in der Wiege.

KRIEMHILD:
Dies hörte ich schon mal zu meinem Kummer.

BRUNHILDE:
Von wem, das brauche ich dich nicht zu fragen.
Du meinst, die Alte dämmerte im Schlummer.
Glaubs weiter! Sie kann allerhand vertragen.
 

 

413
 
KRIEMHILD: Was willst du wider meine Mutter hetzen,
Ich glaube dir kein Wort und führ die Nadel
Hier fort für Leut, die etwas Schönes schätzen
Und nicht begehrn verleumderischen Tadel.

BRUNHILDE:
Sie sprach dir, du seist besser ausgerissen.
Ist dies nun Dichtung und erfundne Sage?
Mich wunderts nicht. Sie plagte das Gewissen,
Daß sie gefädelt, was da war im Hage.

KRIEMHILD:
Was war im Hag? Was soll die Rätselkunde?
Muß ich zum Sticken andern Schemel suchen?
Nie noch vernahm ich aus dem Schlangenmunde
Solch Rumgedeut und hinterrücks Verfluchen.

BRUNHILDE:
Die Gattenwahl der Schwester gab zu denken.
Drum forschte ich und merkte, wessen Buhle
Der Fremde ist, sich Schläferstund zu schenken,
Zog ihn die Alte in die Heimatkuhle.

KRIEMHILD: Was du beginnst, erstunken und erlogen,
Ist alles, und naiv ist es, zu glauben,
Mir könnten diese Rauch- und Nebelwogen
Ein Gran von meinem Gottvertrauen rauben.

BRUNHILDE:
So frag dich selbst, wer ließ dich fort zum Haine,
Grad als der Fremde gar das Fleisch gebraten,
Und wer befahl den König zu dem Scheine,
 

 

414
 
Daß er erklärt, die Wahl sei wohlgetaten?
Wen plagte schließlich furchtbar das Gewissen,
Daß er zur Flucht riet wider alle Gründe?
Und wer ist hier so weibisch und gerissen,
Daß austauschbar der Anstand und die Sünde?

KRIEMHILD:
Es ist nicht wahr und ein Gespinst von Mären,
Nur tief gekränkt kann ein Gemüt so denken.

BRUNHILDE:
So bitt ich dich, mir schlüssig zu erklären,
Was Guntern sprach, dem Xanthner dich zu schenken.

KRIEMHILD:
Er schuldet Siegfried Dank für seine Siege,
Er hat das Land befreit von einem Wurme.

BRUNHILDE:
Ein Wurm bewacht nicht Rindsviech, Schaf und Ziege.
Was war an Gold in seinem stolzen Turme?

KRIEMHILD:
Kein Turm, die Grotte barg der Nibelungen
Verschollnen Schatz aus leuchtendem Geschmeide.

BRUNHILDE:
Wo ist der jetzt? Was solcherart besungen,
Birgt diese Burg nicht, was ich gern beeide.

KRIEMHILD:
Mein Siegfried ist des Schatzes froher Hüter.
 

 

415
 
BRUNHILDE:
Dies also läßt ihn stolz das Haupt erheben:
Er stielt dem König aus dem Land die Güter,
Da wird die Schwester noch dazugegeben.
Du solltest dich zur Wahrheit mal bequemen,
Du attestierst dem König nur Versagen,
Wärs wahr, so frommte Siegfried nur das Nehmen,
Der König hätte alles zu ertragen.
Wie konnte mich der König herrlich schlagen
In Isenland im Wurf, im Lauf, am Ruder?
Gleichzeitig hat nur Siegfried was zu sagen,
Wie du erklärst, du grundverlognes Luder.
Der Wurm mag sein, der Schatz, gewiß darunter
Auch magisches Gerät, das unanständig.
Ich frage noch einmal: Was kriegte Gunter,
Das er infolg davon so wetterwendig?

KRIEMHILD (bedrückt und leise):
Ein Schiff nach Norden, wo die Heiden wohnen.
Nun denk dir, was du willst, ich werde gehen,
Du wirst mir finster alle Worte lohnen,
Vom Scheitel spür ichs bis in alle Zehen. (Ab.)

BRUNHILDE (langsam und furchtbar akzentuiert):
Ich sehe klar. Der Hort der Nibelungen
Barg auch die Waffe, die das Aug verblendet,
Ein andrer hat den Junfernstolz bezwungen,
Mein Leben für ein Tauschgeschäft gespendet.
Ich ahnt es lang, doch deutlich die Motive
Gewichtend ists der Schlüssel zu dem Schlosse,
Und gibt es nichts, was mich nach Hause riefe,
So zahle mir der falsche Kampfgenosse. (Ab.)
 

 

416
 
Sechste Szene.
Gunter, Gerenot, Giselher, Hagen.

HAGEN: Wir wissen alle, was uns hergerufen.
Die Königin wird bald des Hungers sterben,
Was man ihr bringt, steht achtlos auf den Stufen
Des Turms, bis wir den Grund dafür verderben.

GERENOT:
Ich seh nicht ein, daß um der Weiber Grillen,
Die besten Mannen werden hingeschlachtet,
Man lasse ihrem Geiste diesen Willen,
Denn der ist ohne Frage wahnumnachtet.

HAGEN:
Es ist nicht Wahn, sie kam uns auf die Schliche,
Aus Ehrsucht hats die Schwester ausgeplaudert,
Ich prophezei euch Aufruhr, füchterliche
Thronkämpfe, die mir auszumalen schaudert.

GERENOT:
Es gibt doch Fraun genug für Gunters Erbe.
Die Kirche wird sie eine Heidin schelten.

HAGEN: Der Frevel, daß die Königin uns sterbe,
Rührt an die Festen unsrer Herrschaftswelten.
Es nützt nichts, daß die Kirche sie verdamme,
Sie hegt das Heil, das Recht ist ihr entzogen,
Verfällts, erwacht der Wolf sogar im Lamme,
Und niemand weiß, was ganzbleibt in den Wogen.
(Er macht eine große Geste, die anderen schweigen bedrückt.)
 

 

417
 
GISELHER:
Doch Siegfried ist nicht schuld an dieser Fratze.

HAGEN: Er hat der Frau das Wissen übermittelt,
Bedenkend nicht, daß Weibes Wesen schwatze,
Drum sei die Schuld nun gegen ihn getitelt.
Er hafte für die Frucht der Schwärmereien,
Auch war sein Tarnhelm Erstgrund aller Stricke,
Wir müssen uns dem Rettungsplane weihen,
Daß man sein Haupt der Landesmutter schicke.

GUNTER: Dies ist nicht möglich, weil wir alle Eide
Ihm schworen, daß er brüderlich willkommen,
So bleibt uns nur, daß ich die Schande leide,
Denn dieser Eid wird nie uns abgenommen.

HAGEN: Schon als er aus dem Dickicht sich gesellte
Dem Hofe, wußt ich, daß er bald schon störte,
Drum kann ich wuchern heut mit dem Entgelte,
Daß ich nicht zu der trunknen Schar gehörte.
Ich habe mich beim Eide ausgenommen,
Weil ich in Treu und Glauben etwas reifer,
Nun ist die Hoffnung ganz auf mich gekommen,
Weil ihr gelähmt durch euren blinden Eifer.

GISELHER: Ich brauche keinen Eid, um dem Genossen
Nichts böses zuzumuten und zu lassen,
Und wer zu diesem Widersinn entschlossen,
Den werde ich aus tiefster Seele hassen.

HAGEN: Die Sache wird kein Kinderherz entscheiden,
Der König spricht, wenn nicht, tu ichs alleine,
 

 

418
 
Ich kann die Folgen übersehn und leiden,
Man werfe keinen Klotz vor meine Beine.

GERENOT:
Nun Gunter sprich und lasse nicht befehlen
Dein Schweigen über uns und unsre Kinder,
Die Wahrheit mag dem Diener sich verhehlen,
Der König aber ist bestimmt zum Finder.

GUNTER: Ich meine der Konflikt betrifft Instanzen,
Die nicht Burgund und vielleicht überweltlich,
Drum bin ich nicht der Richter überm Ganzen,
Dies Recht ist nur von anderswo erhältlich.
Die Kontrahenten: Siegfried und auch Hagen
Sind zwar mit meinen Hofstaat hier verbunden,
Doch kann ich nicht von der Familie sagen,
Hier gründete ihr Wolln und ihre Wunden.
So mögen jene beiden sich bezwingen,
Ich nehm es, wie es komm, und werd nicht klagen.
Im tiefen Wald, bedacht von Adlerschwingen,
Wird sich zuletzt der Fragen Antwort sagen.
 

 

419
 


DRITTER AUFZUG
Krimhilds Kammer. Sehr bescheiden. An den Wänden zwei Kupferstiche: ein riesige Linde und das Einhorn. Sie sitzt auf dem Bett und reibt sich die Augen. Siegfried kommt in stahlender Laune herein.

Erste Szene.
Kriemhild, Siegfried.

SIEGFRIED:
Mein Schatz, ich komme kurz, um gleich zu scheiden,
Denn Waidmannsheil ruf ich mit meinem Kusse.

KRIEMHILD (schluchzt):
O Siegfried bleib und laß mich so nicht leiden,
Die Tränen sind mir schon im breiten Flusse.

SIEGFRIED:
Hast du geträumt? Ich öffne mal den Laden.
Mit frischer Lust kannst du den Alben scheuchen.

KRIEMHILD:
Schweißnaß ich bin vom Haupte zu den Waden,
Komm näher, denn ich kann nur stoßweiß keuchen.

SIEGFRIED (setzt sich zu ihr, sie krallt sich fest):
Was ist dir nur, sag, soll ich Ute fragen,
Sie weiß gewiß ein Kraut, das dir zum Heile.
 

 

420
 
KRIEMHILD:
Nein Siegfried, ach, ich fürchte mich vor Hagen,
Wir sollten fliehen, jetzt in aller Eile.

SIEGFRIED: Hat Ute dich mit ihren Schreckvisionen
Jetzt angesteckt? Du stehst im Fieberwahne.

KRIEMHILD: Im Traume litt ich alle Höllenzonen,
Drum stand ich auf und schaute nach der Sahne.
Die war verdorben, was ein schlechtes Zeichen,
Da trat ich auf den Hof, zum Mond zu schauen,
Ich hatte die Vision von vielen Leichen,
Auch meine Brüder warn zusammgehauen.
Am Tor saß auf dem Pfeiler keck ein Rabe,
Er krächzte, daß dein letzter Tag gekommen,
Seit ich genippt vom Drachenblute habe,
Hab ich die Vögel oft und klar vernommen.
Du merktests selbst, als mir der Zirpzalp sagte,
Daß du den Drachen totschlugst dort im Haine,
Und so erfuhr ich manches Ungefragte,
Denn friedlich ist die Welt allein im Scheine.
Brunhilde weiß nichts, aber reimt sich alles,
Die Männer meinen, daß Brunhilde wüßte,
Sie ißt allein bei Kunde deines Falles,
Drum Hagen meint, daß er dich fällen müßte.

SIEGFRIED:
Du weiß doch, ich bin hart verhornt und sicher,
Da fällt es schwer mich einfach totzuschlagen.

KRIEMHILD: Die ganze Wahrheit ist viel füchterlicher,
Drum will ich sie dir ungeschmälert sagen.
 

 

421
 
Ich habe in einer allzu schwachen Stunde
Bei Hagen Schutz gesucht um deinetwillen,
Ich brachte ihm vom Lindenblatte Kunde
Und ließ so das Geheimnis nicht im Stillen.
Ich dachte, daß dein mächtigster Gefährte
Dich schützen könnt in jeglichem Gefechte,
Doch nun, da sich die Lage so verkehrte,
Ists mir, als ob ich so zu Fall dich brächte.
Drum flieh mit mir, wir haben unsre Liebe,
Das andre wird der Himmel uns besorgen,
Auch wenn mir außer dir kein Fetzen bliebe,
Reit nicht allein in diesen grauen Morgen.

SIEGFRIED:
Wenn Hagen weiß von meiner weichen Stelle,
So ists nicht schlimm, ein jeder soll es wissen,
Es war nicht recht, daß ich mit fremdem Felle
Hab solcherweis mich Menschenart entrissen.
Vielleicht braucht diese Stelle meine Seele,
Damit sie einst zu unserm Herrn gelange,
Und wenn ich meine Sterblichkeit verhehle,
Ists Lästerung und macht mir eher bange.
Als Mensch und Christ bin ich nicht jedem Streiche
Gewachsen, aber Hagen, mein Gefährte,
Hat Kräfte, daß ich weit darüberreiche,
Daß er die zweite Probe nicht begehrte.

KRIEMHILD:
Wenn offen du zu stark, gelingts der Tücke
Von hinten dir den Speer ins Mark zu bohren,
Vertraue nicht dem unverbürgten Glücke,
Denn wenn du fällst, so bin ich auch verloren.
 

 

422
 
SIEGFRIED:
Unchristlich ists, auf Monde, Träume, Raben
Zu achten und das Schicksal so zu wenden,
Wenn wir doch beide nichts verbrochen haben,
Wird Gott uns heil durch die Gefahren senden.
Brunhilde schmollt, das ist ein nordisch Leiden,
Der Hunger wirds zum Besseren bekehren,
Die Freunde sind gebannt mit festen Eiden,
Bei Sünden zählt der Aberglaub zu schweren.

KRIEMHILD: Doch, Liebster, wäre alles unbegründet,
Was ich da fasle, fürchte oder fieber,
Willst du, daß es in nackten Wahnsinn mündet?
Sind dir die Jagd und die Gefährten lieber?
Ich bitte dich, bevor ich niederfalle,
Erinnre dich an die geschloßnen Bande,
Laß alles ziehn und meid bei Hofe alle
Und flieh mit mir sofort aus diesem Lande.
(Sie läßt Siegfried los und starrt gebannt ins Leere.)

SIEGFRIED:
Du machst mirs schwer, allein ich muß dich lassen,
Käm ich zu Tod an diesem schönen Tage,
So wär die Welt dafür so sehr zu hassen,
Daß ich sie ließ und ohne alle Klage.
Wenn aber, was du sprichst, ein falsch Vermuten,
So wirst du einst vermissen all die deinen,
Dann wird der Vorwurf aus der Liebe bluten,
Und was mir bleibt, das ist dein bittres Weinen.
Die Mutter riet, daß ich dem Herzen glaube,
Es sagt, der Morgen ruft den Waidmann heller
Als ein Besinnen, daß ich mir erlaube,
Bis ich vergreis in der Verzagtheit Keller.(Ab.)
 

 

423
 
Zweite Szene.
Kriemhild, Volker.

VOLKER:
Verzeiht mir, wenn ich durch mein Kommen störe,
Ich denk, ihr sitzt allein mit bösen Geistern,
Vielleicht ists gut, wenn ich mal etwas höre,
Statt andrer Leute Hörbedarf zu meistern.

KRIEMHILD:
Achje, ich glaub, ich habe nichts zu sagen,
Ich sagte alles und es war vergeblich,
Ging schon die Sonne auf? Ach, würds nicht tagen,
Das Tränenaug sieht wolkig oder neblich.

VOLKER: Wenn ihrs erlaubt, so spiel ich auf der Zither,
Vielleicht falln dann die Worte wie die Tränen,
Was uns geschieht, das ist so oft so bitter,
Doch bittrer ists, daß wirs vergeblich wähnen.
(Sie nickt, er beginnt zu spielen.)

KRIEMHILD: Alle Brünnlein raunen mir
Sieg, dem Frieden ferne.
Ach, das Horn, des Einhorns Zier,
Liebt zu rein und hold für hier
Wie die Wandelsterne.
Glaube, Hoffnung, Treu und Ehr,
Sieg, dem Frieden ferne.
Süße gab das bittre Weh,
Sieg, dem Frieden ferne,
Liebe gab das Ja zur Eh,
Doch der Jäger trifft das Reh
 

 

424
 
Und versehrts im Kerne,
Daß es blute, mehr und mehr,
Sieg, dem Frieden ferne.
Herbstrot lacht im Blustgebind,
Sieg, dem Frieden ferne,
Daß wir alle sterblich sind,
Ahndet schon das jüngste Kind,
Das da lacht so gerne,
Und die Hand ist abends leer,
Sieg, dem Frieden ferne.
Auch der König, auch der Leu,
Sieg, dem Frieden ferne,
Weiß vom Adler im Gebläu,
Daß der Schatten Buß und Reu,
Und kein Aug bleibt hell und hehr,
Sieg, dem Frieden ferne. (Die Zither verklingt.)
Sag, ritten alle aus von unserm Hause?
Ist Ute ganz alleine wie mein Jammer?

VOLKER: Nein Giselher verriet, daß ihm es grause,
Auch Gerenot schwingt hinterm Stall den Hammer.

KRIEMHILDE:
So so, ich brauche Männer, keine Tröster,
Sag Gerenot, er möge mich besuchen,
Die Zeit ist knapp, es wär der Fehler größter,
Jetzt sinnlos auf der Stube rumzufluchen.

VOLKER: Ich will ihn sehn und ihm auch gerne sagen,
Daß ihr ihn her in eure Kammer bittet,
Doch glaubt mir, er hat auch sein Kreuz zu tragen,
Drum wärs nicht fein, wenn ihr gewaltig strittet. (Ab.)
 

 

425
 
Dritte Szene.
Kriemhild, Gerenot.

GERENOT:
Ach, Schwester, unser Haus ist voll Dämonen,
Der stille Friede, den wir einst genossen,
Er ist dahin, ich mag im Stalle wohnen,
Weil dort noch nicht so viele Tränen flossen.

KRIEMHILD:
Du weißt bescheid und ich bin auch im Bilde,
Gar schändlich ist der Plan, den man ersonnen,
Du mußt das schlimmste wehren mit dem Schilde,
Eh allzu viele Stunden sind verronnen.

GERENOT:
Wer sollte einem Meer den Zugang wehren,
Wenn ringsumher der morsche Damm gebrochen?
Ists gut, vor einem Bierfaß, einem leeren,
Zu tönen, man habs wenigstens gerochen?

KRIMHILD:
Nein, Hagen wirds nur wagen, wenn ihr alle
Euch scheu zurückzieht, bleib ihm an der Seite,
So kommt es heute, eh das Hifthorn schalle,
Gewißlich nicht zum hinterhältgen Streite.

GERENOT: Was hülfe dies? Die Würfel sind gefallen.
Wir können nur die Augen drob verschließen.
Ich hör den Rächer schon im Westwind hallen,
Es müsse Blut heut in die Erde fließen.
 

 

426
 
KRIEMHILD: Bist du von Sinnen? Du erträgst geduldig
Das große Unrecht, Mord an dem Verwandten?
Was bleibst du unserm Herrn und Heiland schuldig,
Wenn deine Lebenstage einst verbrannten?

GERENOT:
Ich weiß, auch mein Verzagtsein fordert Buße,
Ich werde beichten und sie gerne tragen,
Wir leben alle auf zu großem Fuße,
Und unvermittelt gehts uns an den Kragen.

KRIEMHILD: Ausflüchte nenn ich deine Bibelworte,
Du gibst dich fromm und bist doch abgefallen,
Heißt es nicht deutlich, daß gar eng die Pforte,
Du kannst dir keine Mogelpackung krallen.

GERENOT:
Mag sein, mein Glaube hat das Blut gelassen,
Die Hülse fliegt im Wind wie weißer Pollen,
Doch manchmal will ein andres Bild mich fassen,
Da reibt sich Eis von den zerbrochnen Schollen.

KRIEMHILD:
Du willst dich selbst und mich zum Narren halten,
Von Hirnerweichung scheint das Land betroffen,
Bei deiner Poesie, der eisig kalten,
Muß ich wohl auf den kleinen Bruder hoffen.
Drum tu mir, wenn du sonst zu nichts zu brauchen,
Die Geste, daß er komm auf meine Stube,
Bei dir hör ich den alten Drachen fauchen,
Der fand noch jedes Haus und jede Grube.
 

 

427
 
Vierte Szene.
Kriemhild, Giselher.

GISELHER:
Was kann ich für die Schönste aller Schönen
Wohl fangen, fordern, häufen oder hetzen?
Nicht oft will mich dein lieber Ruf verwöhnen,
Drum weiß ich die Gelegenheit zu schätzen.

KRIEMHILD:
Dein Bruder riet mir wortreich zu verzichten
Auf alles Handeln, wo die Not ein Schrecken,
Er meint, es ging ein Wind durch die Geschichten,
Vor dem wir uns am besten nur verstecken.
Drum seh ich klar, allein der jüngste Reiter
In unbetroffen vom Verfall der Sitte,
Und also hilft er mir alleine weiter,
Daß ich die Rettung unserm Recht erstritte.

GISELHER: Was soll ich tun? O Schwester, ich begehre
Zu bringen alle Orchideen des Gaues,
Ich denk, dein Auftrag schafft mir Ruhm und Ehre,
Drum dein Begehr, mit freiem Mut vertrau es.
(Er streckt seine Hand aus.)

KRIEMHILD:
Du sollst zur Jagd dich eilen, die im Gange,
Der König, Siegfried, Hagen sind im Haine,
Reit zu der Schar und säume gar nicht lange,
Sonst triffst du sie nicht mehr im Sonnenscheine.
Dann bleib an Siegfried dran so wie ein Schatten,
Er soll allein nicht trinken an der Quelle,
 

 

428
 
Verlaß ihn nie, und ruht er auf den Matten,
Reiß dich die Blase nicht mal von der Stelle.

GISELHER:
Dies ist ein Auftrag, schön und leicht zu machen,
Wenn niemand weiß, warum ich solches tue,
Da werden wohl die andern herzlich lachen,
Weil ich wie närrisch nimmer steh und ruhe.
Das juckt mich nicht, weil ich die Schwester sehe,
Die schaut von ihrem Fenster auf den Kleinen,
Und bin ich auch nur eine Schrumpelschlehe,
Der Kürbis soll um diese Ehre greinen.
(plötzlich ganz düster)
Allein ich kann den Siegfried nicht beschirmen,
Der König hat verboten Eskapaden,
Erst übers Jahr wird der Kaplan mich firmen,
Dann habe ich genug von diesem Laden.
Bis dahin aber bleibt mein Radius schändlich,
Den Adel würd im Kloster ich verlieren,
Denn Gunter sagte allerbest verständlich,
Ich störte ihn nur einmal beim Regieren.
Im Geiste Hagens heißt die nächste Runde,
Die Staatsräson sei unbdingt zu wahren,
Was dabei alles gehe vor die Hunde,
Darüber ist sich keiner recht im Klaren.

KRIEMHILD:
Ach, Giselher, mein Reiter auf der Mauer,
Von Hagens Politik sind wir die Sklaven,
Von ganzem Herzen ich es hier bedauer,
Daß wir uns so nicht schon viel früher trafen.
Wenn dich der König in ein Kloster steckte,
 

 

429
 
Mein Siegfried holte dich am nächsten Tage,
Für heute aber ist, was ich bezweckte,
Das letzte Rettung, darum sei die Klage,
Die Gunter gegen Widerstände richtet,
Getrost durch mich und Siegfrieds Kraft gebrochen,
Doch säumst du, ist der Retter uns vernichtet,
Und Hagen kann allein sein Süppchen kochen.

GISELHER:
Doch Schwester sag, wie soll ich heute reiten,
Der Bruder hat die Ställe fest verriegelt,
Und sag ich was, verweist er auf die Zeiten,
Bis ihn der König heimgekehrt entigelt.

KRIEMHILD: Ja, allzufein ward dieses Garn gesponnen,
Ich suchte es nicht früher zu vernichten,
Mir bleibt zu warten, bis der Tag verronnen,
Und Volker wirds mit hohem Ton bedichten.
(Sie weint bitterlich.)


Fünfte Szene.
Kriemhild, Giselher, Ute.

GISELHER:
Horch nur, wer kommt, die Mutter wird uns retten,
Sie kommt, wenn man vermeint, es geh nicht weiter,
Sie kennt die Lösung für die schwersten Ketten
Und macht dich auch im tiefsten Grame heiter.

KRIEMHILD:
Ich höre nichts, nur Wind in alten Eichen,
Der singt vom Tod, und drunter schmatzen Schweine.
 

 

430
 
Was hoff ich Närrin auf ein Rettungszeichen?
Der Himmel blaut und sagt mir: Trag das deine.

GISELHER: Die Mutter kam noch nie zu spät, ich ahne
Ihr Schlurfen, keine Reiterhorde würde
Sie überholen, keines Weltenfürsten Fahne.
Sie kommt gewiß und nimmt dir deine Bürde.
(Ein Knarren auf der Stiege.)
Da hör, sie kommt behutsam raufgeschritten,
Sie wird nicht stolpern und zulange weilen.
Sie kommt, du brauchst die Hilfe nicht erbitten,
Sie kennt die Wunde und sie wird sie heilen.

KRIEMHILD: Sie hat mir früh den Königsweg bedeutet,
Ich aber war von kindlichem Vertrauen.
Erst heute, wo die Totenglocke läutet,
Zwing ich mich, aus der Täuschung aufzuschauen.
Wird sie nicht sagen, daß ich es versäumte
Ins Rad zu greifen, eh zu rasch die Speichen?
In frevlerischem Leichtsinn weiterträumte,
Bis unentwirrbar dicht die Todeszeichen?

GISELHER:
Kein Knäul, daß sies nicht mühelos entzwirne!
Sie weiß den Schleichweg jeder Dornenhecke.
Schwappt dir das Moor schon Flecken auf die Stirne,
Sie führt dich wie ein Schmetterling vom Flecke.

UTE: Ich denk, da ihr so lange seid zusammen,
Es wäre an der Zeit, euch was zu raten,
Nur Dinge, die aus raschem Einfall stammen,
Sind ausersehn zu Fügungen und Taten.
 

 

431
 
KRIEMHILD: Wie wahr du sagst, den Meuchelmord, beschlossen
An Siegfried, will uns Giselher vermeiden,
Doch Gerenot ist grämig und verdrossen,
Die Pferde müssen seinen Kerker leiden.

UTE: Ihr meint, ich wüßte wohl zum Stall die Schlüssel,
Dem Wächter wär ein Schlaftrunk nicht von Schaden,
Nun wohl, ich leg sie euch in eine Schüssel,
Der rechte, merkt es, trägt den blauen Faden.
Bleibt ruhig, wenn ihr Schnarchen hört von draußen,
So wißt ihr, daß der Trank mir wohlgetaten,
Dann hindert nichts mehr, in den Wald zu brausen,
Zu säubern ihn von Hexen und von Schraten.
(Ab.)

GISELHER:
Sie zaudert nicht, sie kommt sofort zum Kerne,
Schon leiser wird im Hof das Hundebellen.
Die Rettung, liebe Schwester, ist nicht ferne,
Wir müssen nur noch lauschen nach den Ställen.
Dann flieg ich und ich weiche nicht vom Rücken
Dem Drachentöter, dem am Horn zu kratzen,
Nicht mal dem kleinsten Käfer könnte glücken,
Erst recht nicht irgendwelchen Bärentatzen.

KRIEMHILD: Ja Giselher, du meinst, es sollt gelingen,
Es gäb im Netz für unsern Traum die Lücke,
Ich bin erschöpft und müd vor allen Dingen,
Denn gar zu mächtig ist das Reich der Tücke.
(Sie warten und lauschen)
 

 

432
 
Sechste Szene.
Kriemhild, Giselher, Gunter, Hagen.

GISELHER:
Ich höre Schnarchen, Schwester, ich beginne
Den Ausritt und ich werd das Pferd nicht schonen.

KRIEMHILD:
Fahr wohl, fahr rasch, daß nicht die Zeit verrinne,
Die Sonne seh ich weit im Westen wohnen.
(Ein Horn ertönt.)

GISELHER:
Was war das grad? Ich glaub ich höre Gunter.

KRIEMHILD:
Dies kann nicht sein. Sie kommen nie so frühe.
(Ein zweiter Hornstoß.)

GISELHER:
Kein Zweifel. Er ist heimgekehrt und munter.
Dies zu erkennen, schafft mir keine Mühe.
Was wir geplant, war heute nicht zu machen,
Doch glaube ich, es war auch nicht vonnöten,
Wenn man da heimkehrt noch im Sonnenlachen,
War Zeit gerad, ein großes Tier zu töten,
Nicht noch für andre Händel oder Frevel,
Der Krug ist noch einmal vorbeigesangen,
Das Horn klingt nicht nach Feuer und nach Schwefel,
Drum röte deine allzu bleichen Wangen.
(Gunter und Hagen treten ein. Knechte bringen Siegfrieds Leiche auf einer Trage aus Lindenästen.)
 

 

433
 
GUNTER: Ein furchbar hartes Unglück ist geschehen.
Den Jagdgefährten riß ein wilder Eber...

KRIEMHILD: Ich kenne ihn. Ihr könnt ihn alle sehen.
(zu Hagen):
Hier tritt herbei und hilf dem schwachen Heber.
(Hagen tritt an die Trage.)
Ich sag es laut und sag es alle Tage:
Die Wunde blutet, weil der Mörder nahe,
Und dieses Haus ist eine Landesplage,
Eh jener nicht gehenkt ward an der Rahe.

HAGEN:
Was schreist du rum. Du selber bist die Schande,
Die ihm die Jugend und die Kraft zerstörte.
(Er nimmt das Schwert von Siegfrieds Leiche und geht ab.)

KRIEMHILD:
Jetzt auch noch diebisch wird die Mörderbande,
Ich werd es schrein, bis es noch jeder hörte.
Was Gunter? Bist du König oder Schächer?
Was trittst du wie ein Knab auf deine Füße,
Bist du mein Bruder, dann bist du mein Rächer.
Wenn nicht, dann deine Spießgesellen grüße.

GUNTER: Wir müssen ruhn, ich werde Ute schicken,
Sie wird dir weisen die verbliebnen Rechte,
Du solltest dieses Pflänzchen nicht zerknicken,
Denn lang sind außer Haus die Winternächte.
Den König darf das Schwesterglück nicht wehren,
Zu sorgen für das Reich und für den Frieden,
Den Bruder muß dein hartes Los beschweren,
Doch meine Pflichten sind davon verschieden.
 

 

434
 
KRIEMHILD:
Bevor du gehst, nimm meinen Schwur der Rache,
Von diesem Haus soll keiner überleben,
Ihr wart mit großem Eifer bei der Sache,
Drum werdet ihr im Höllenkessel schweben.
Der König, seine Jäger, seine Mannen,
Sie lachen, daß ein schwaches Weib so drohe,
So zieht in eurem Übermut von dannen,
Aus einem Funken kam noch jede Lohe.
Nichts bannt, wenn wer zum äußersten entschlossen,
Der Zeitpunkt macht die Flocke zur Lawine,
Und ist der Pfeil erst einmal abgeschossen,
Zeigt sich erbärmlich die Entsetzensmiene.
Ich werde selbst den Teufelsbund nicht scheuen,
Daß euch die Rache ungeschmälert richte,
Und keinen schon, der etwas zu bereuen,
Und von Burgund, da bleiben nur Gedichte.
 

 

435
 


DER ARME HEINRICH
MIRACULUM





Dir ist die Herrschaft längst gegeben
In meinem Liede, meinem Leben,
Nur diese Nacht, o welch ein Traum!
O laß das schwere Herz mich lösen!
Es saß ein fremd, verschleiert Wesen
Dort unter unsrer Liebe Baum.

Wie hält sie meinen Sinn gefangen!
Ich nahe mich mit süßem Bangen,
Sie aber hebt den Schleier leicht;
Da seh ich – deine lieben Augen,
Ach! deine blauen, trauten Augen,
Und jeder fremde Schein entweicht..


UHLAND   
 

 

436
 


PERSONEN
BURKHARD, Graf von Hohenberg
HEINRICH von Aue, sein Sohn
ALBRECHT von Zollern
WULF, Meier
KONRAD, Stallknecht
MARGARETE, Magd
MARTHA, Kupplerin
SALERNUS, Wundheiler
ALFANUS, Einsiedler
GEIGER
PRIESTER

 

 

437
 


PROLOG
BURKHARD: Der Autor dieser Mär von Gottes Gnade
Fands gut, zuerst Gebrechen zu kredenzen,
Blutunterlaufen schmerzt mich meine Wade
Und nur die Vögel singen mir von Lenzen.
Oft geht die Red, der Sprung, der löwengleiche,
Führ gradenwegs zur Ruh als Bettvorleger,
Und zeigt der Morgenspiegel eine Leiche,
So macht mich die Verzweiflung auch nicht reger.
Ich bin ein Mann, deß Tage auf der Erde
Gezählt, es ächzt und knackt an allen Kanten,
Ich trau mich nicht mehr durch das Tor zu Pferde,
Und fast ein Toter bin ich den Verwandten.
Den Bruder wirds nicht kratzen, denn geschieden
Sind wir schon lang im Streiten um die Gaue,
Den Kirchhof hab ich lange Zeit gemieden,
Daß ich nun heut fast täglich dahin schaue.
Mein Weib ist tot, mein Sohn ist abgehauen,
Die Herrschaft ist im höchsten Maß verkommen,
Des Bruders Erben kommen schon und schauen,
Ob mich der Herr noch nicht zu sich genommen.
Ich hab gestritten jung und voller Hoffen,
Doch mit dem Sohne ließ ich meinen Erben,
Mir schien das Schicksal lange frei und offen,
Doch nun heißts einsam und vergessen sterben.
Daß er noch käm, ich mag es nicht mehr glauben,
Als er noch jung, da gab es oft Gewitter,
Er stahl sich vom Turnier in seine Lauben,
Und mehr als Lanzen liebte er die Zither.
 

 

438
 
Es ist nicht so, daß ich der Kunst Verächter,
Ich mag gern alte Weisen und Balladen,
Doch ist der Graf zuerst des Landes Wächter
Und folgt dem Falken eher als dem Raben.
Wenn sich die Jugend, statt den Zaum zu packen,
Verspielt in Grillen und in Tändeleien,
Da brauchts schon mal den harten Griff im Nacken,
Daß es nun Zeit, die Mehrerin zu freien.
Das väterliche Schelten oder Mahnen
Hat freilich ihn nicht aus dem Haus gestoßen,
Der Herrgott selbst durchkreuzte meine Bahnen
Und nahm dem Sohne alle Lust zum Großen.
Im Alter, da der Bursch zum Schürzenjäger
Allmählich wird, getrieben vom Geschlechte
Da ward ein Fluch des Unentschiednen Wäger
Und spottete der wohlgehegten Rechte.
Ein Aussatz nahm mit gelblich braunen Flecken
Dem Antlitz alles Liebliche und Helle,
Auf daß mein Sohn, sich selbst der größte Schrecken,
Verzogen hat ins Dämmerlicht der Ställe.
So ging das eine Zeit, bis das Gesinde
Zu witzeln anfing, eine Magd erschrocken
Ließ fallen ihren Krug und das Gebinde,
Und nur die Katz blieb unbeeindruckt hocken.
Da nahm mein Sohn die heißgeliebte Laute
Und einen härnen Beutel trockner Birnen,
Und ging davon, noch eh der Morgen graute,
Und seine Spur verlor sich in den Firnen.
Die besten Heiler hatt ich ihm gedungen,
Die Taler flossen wie vom Berg die Bäche,
Ob Kräuterhex, ob Alchymist, gelungen
War einzig und allein die fette Zeche.
 

 

439
 
Dann sprach uns aus der Sarazenen Wüste
Ein Magier, wohlbewandert in den Sternen,
Wenns eine Jungfrau mit dem Leben büßte,
Würde das Gesicht gewiß zu trocknen lernen.
Gäb sie ihr Blut zu dem erhofften Heile,
Wär selben Tags das Antlitz rein und linden,
Nun fürcht ich, ging der Tor so manche Meile,
Am Weltenend die Törin aufzufinden.
Ihr Leute mögt es schauen auf der Reise,
Derweil ich mich in meinen Mauern gräme,
Zur Neugier bin zu alt ich und zu weise,
Doch arg wärs, käm zum Unglück noch die Häme.
Wies ausgeht, werd ich wohl nicht mehr erfahren,
Ich glaubt auch ehr, es ist schon ausgegangen,
Mein einzger Reichtum ist nun der an Jahren,
Und solch ein Wrack vermag kein Glück zu fangen.
 

 

440
 


ERSTER AUFZUG
Eine schwäbische Meierei. Konrad striegelt eine Mähre.

Erste Szene
Wulf, Konrad.

WULF: Du mußt es tun. Es wird sich ungeheuer
Für alle auf dem Acker, auf der Weide,
Im Stall, im Brauhaus und am Schmiedefeuer
Auszahln und ganz besonders für uns beide.
Ich habe keinen herrschaftlichen Boten,
Doch Gott bedient sich gerne des Geringen,
Den falben Halm zum puren Gold zu schroten,
Dem Fürsten seinen Almandin zu bringen.

KONRAD: Ich kann die Rosse füttern, striegeln, reiten,
Dazu bin ich gewachsen und geboren,
Ich pfleg den Stall und weiß das Stroh zu breiten,
Doch bei Magistern hab ich nichts verloren.
Ich spreche deutsch. Latein ist mir wie Quaken
Der Frösche oder Federvieh-Geschnatter,
Ich schlief noch nie in einem weißen Laken
Und keine Hofburg zog mir je das Gatter.
Jenseits der Alpen haust mir die Legende,
Ich bleibe gern auf den gewohnten Pfaden,
Am Horizont ist jeder Wunsch zu Ende
Ich wollte nie im Weltenmeere baden.

WULF: Hat nicht das Mitleid uns der Herr gelehret?
Das Unglück unsers Prinzen jammert jeden.
 

 

441
 
Was ist die Not, die dir den Dienst verwehret,
Du bist doch frisch im Reiten wie im Reden?

KONRAD: Ich denk, ich bin der rechte nicht, zu fahren
Ins Wunderland der Sonne und der Zauber,
Daß sich die Störche nach dem Süden scharen,
Wenn sie Herbstwind jagt, der Wald-Entlauber,
War mir seit je ein Sprechen aus Gefilden,
Die ferner als der Sensenmann am Raine,
Ich trag nicht Ehrgeiz nach den Forscher-Gilden,
Drum folge anderswer dem Sonnenscheine.

WULF: Und doch, du mußt! Ich habe meine Mittel,
Es scheint mir gar nicht not sie auszusprechen,
Bis Sonntag schaffst du schon ein Weges-Drittel,
Denn alles ist bereit, um aufzubrechen.

KONRAD (sehr langsam):
Wohl wahr! Ihr habt die Macht und auch die Laune,
Doch ists Gewalt und segensferne Sünde,
Trägt mich auch fort der Glänzende, der Braune,
Euch wird es reun, wie auch die tiefern Gründe.

WULF: Dies sei nicht deine Sach! Es ist beschlossen!
Salerno heißt das Ziel, du trägst das Siegel,
Das Gold dazu, drum reite unverdrossen!
Ich selber reich dem Herrn danach den Spiegel.

KONRAD: Nun also hebt das Haupt der alte Drache.
Er faucht. Ich werd am Gletscherrand verbluten.
Ich nehme Abschied vom geliebten Dache,
Ehs euch gefällt, noch ärgres zuzumuten. (Ab.)
 

 

442
 
Zweite Szene.
Wulf, Margarete.

MARGARETE (schleppt einen Eimer Wasser):
Dem Herrn sei Ehr und Wohlsein dem Herrn Meier!
Ist Konrad fort? Der stumme Peter nickte.
Mir scheint, der Himmel rüstet sich zur Feier,
Da er mir meine große Stunde schickte.

WULF: Jawohl, er ist grad eben pfeilgeschwinde
Zum Doktor nach Salero aufgebrochen,
Nur Wochen noch, dann fällt die trübe Binde,
Ich denk, es wird, wie alles abgesprochen.

MARGARETE:
Ein guter Tag, bei mir brauchts kein Gegängel.
Ein heller Tag, so sagen mirs die Schwalben.
Wer etwas weiß vom ganzen Glück der Engel,
Der will nichts mehr vom irdischen und halben.

WULF: Der Himmel lacht im höchsten Wohlgefallen,
Auch wenn der Pfaff in unserm Dorf im Scheine
Der Sonne weiß die Fäuste nur zu ballen,
Denn seine Weisheit endet stets im Weine.

MARGARETE:
Er ist ein Kleingeist, der die großen Wunder
Des Heilands deutet wie die Spinnerinnen,
Er sinnt ums Rad und hofft, es liefe runder,
Die kleinste Münze sucht er zu gewinnen.
Ich denke, selbst im Heil, im Paradiese
Fänd er nicht Äpfel, sondern Preiselbeeren,
 

 

443
 
Ihn schauderts, daß ein Engel ihn erkiese,
So spricht der Kern der Erbsenzähler-Lehren.

WULF: Jawohl der Fromme brauch nicht den Stupiden,
Sein Heiland trägt das Kreuz nicht, ehr die Windel,
Der Sinn fürs Opfer ist ihm nicht beschieden,
Ochs, Esel spricht sein Herz und Krippenkindel.
Doch ist die Kirche mehr als Dorf und Pfaffe,
Die Schrift ist nicht als Ammensinn zu deuten,
Und daß der Mensch das Wandlungswunder schaffe,
Muß sich die Schlange manche Male häuten.

MARGARETE:
Wir wollen beten, daß auch ihn erwecke
Die Botschaft, die uns loht im Himmelszelte,
Daß er nicht mehr den Finger nach uns strecke,
Und auch die Mutter nicht mehr schimpflich schelte.

WULF (holt eine Münze aus der Hosentasche)
Fürs erste gib Frau Marten diesen Gulden
Und sag ihr Dank für deine gute Seele,
Wir wissen stets, was wir ihr alles schulden,
Und suchen, was zur ganzen Tilgung fehle.
(Ab. Margarete gießt das Wasser in eine Wanne.)


Dritte Szene.
Heinrich, Margarete.

HEINRICH: Gelobt sei Gott! Ein wunderbarer Morgen,
Vorbei die Nacht mit Zweifel und mit Bangen,
Die Lerche sagt uns nichts von Gram und Sorgen
Und möglich scheints, das Hehrste zu erlangen.
 

 

444
 
MARGARETE:
Wie schön, daß Ihr so frisch und ausgeschlafen,
Ihr habt wohl Grund, den Morgen hochzuschätzen,
Der Konrad ritt im Kleide eines Grafen,
Die Mähre sprang mit Himmelsstürmer-Sätzen.

HEINRICH (unwillig)
Vom Arzt zu sprechen, mahnt mich an das Leiden,
Das wähnte ich gelassen in der Decke,
Nun kehrt es als das Bundesband uns beiden,
Daß ich es wieder scharf im Munde schmecke.

MARGARETE:
Seid traurig nicht, es ist bald ausgestanden,
Ihr werdet wieder prinzlich sein und heiter,
Und kam Euch erst der Prüfungsschmerz abhanden,
Fragt niemand mehr nach Eurer Jugend weiter.
Ich aber, der kein Erdenlos geworfen,
Das mich verpflichtet wie den holden Prinzen,
Mag unerinnert unter Stein verschorfen,
Wenn sich am Weiher langsam bräunt der Binsen.

HEINRICH: Das Wunder, das die Ärzte mir verprechen,
Es will mir nicht in reinsten Farben leuchten,
Fast scheint es mir, als kröche ein Verbrechen
In meine Seele mit dem Dunkelfeuchten.

MARGARETE:
Das glaub ich nicht. Es ist doch Gottes Wille,
Daß Niedres fall und sich das Hohe recke,
Was immer gilt, wenn auch in aller Stille,
Vollzieht sich auch, bringt mich der Schnitt zur Strecke.
 

 

445
 
HEINRICH:
Das mag wohl sein, doch was sich sonst natürlich
Vollzieht in einem großen Spinnennetze,
Erscheint dem Menschen also ungebührlich,
Erkühnt er sich, daß er die Zeichen setze.

MARGARETE:
Ihr irrt Euch. Nicht ein frevles Überheben
Vollzieht uns das Miraculum des Heiles,
Das Land verlangt, der Erbe solls erleben,
Und denkt nicht an die Größe meines Teiles.
Daß ihr in diese Wirtschaft kamt geschritten,
War doch ein Wink, nicht etwa böse Listen,
Und daß ich selbst vom Lichte abgeschnitten,
Beweist genug des Herrn verfügte Fristen.

HEINRICH:
Wenn wir die Zeichen unsres Herrgotts deuten,
So streiten selbst in Rom die Kardinäle,
Und was dann fraglos bleibt den Kirchenleuten,
Weht blanken Hohn in unsre Rittersäle.
So ringen Papst und Kaiser um die Rechte,
Und Ost und West, und Ackerland und Städte,
Und besser scheints, eh man den Zank entflechte,
Daß man den Himmel nicht gedeutet hätte.

MARGARETE:
Nur selten ist das Wort des Herrn der Welten,
So klar wie hier, drum meidet die Bedenken,
Ihr werdet unserm Land noch groß entgelten,
Was euerm Mut die kleinen Leute schenken.
(Beide ab. Es wird ganz finster und wieder hell.)
 

 

446
 
Vierte Szene.
Heinrich, Salernus.

SALERNUS:
Dem Wohl des Herrn, der unsre Kunst gerufen,
Sei heut der Tag der allerschönsten Wende,
Erklommen hat die Müh die höchsten Stufen,
Nun bring ich das ersehnte Werk zuende.

HEINRICH: Der Tag ist fast so hell wie jener Morgen,
Da Konrad ritt, und auf der Stirn die Runzel,
Mir raunten in der Nacht die schwersten Sorgen,
Ich stieg am Haar, jedoch nicht zu Rapunzel.
Die Hexe Gothel stieß mit Hohn und Häme
Mein Augenlicht ins Dornicht, es zu nachten,
Und daß ich mich in meinem Aussatz schäme,
Reicht nicht ans Leid, daß solche Wunden brachten.

SALERNUS: Vertraut, wir sind in jeder Kunst erfahren,
Es schlossen Jud und Rom und Sarazene
Den Pakt, verstreuten Weisheitssinn zu scharen,
Daß uns das Hirn vertraut sei wie die Vene.
Wir kennen das Gebräu der scharfen Säfte,
Uns schreckt nicht des Vulkans geballtes Fauchen,
Wir bündeln Licht und alle Lebenskräfte
So gut, daß wir uns nicht den Fuß verstauchen.
Schaut an, wie reinlich blinkts in den Laboren,
Nicht speckig wie der Pfuhl der Dilettanten,
Wir bannen alle Krätze in den Foren,
Daß die Olympier wurden zu Verwandten.
Erkenntnis fühlt aus allem dumpfen Schmachten,
Das Schicksal, ein Gespenst, zog vom Kamine,
Was wir ersannen und zur Klarheit brachten,
 

 

447
 
Entschlackt nun einer freiern Menschheit diene.
Die Finsternis und banges Nägelkauen
Ist uns verhaßt, wir wollens hell und reinlich,
Und Schritt für Schritt vertreiben wir das Grauen,
Dies ward sogar dem Klerus augenscheinlich.

HEINRICH:
Ist Christ nicht feind, wenn alle Demut löste
Der forsche Griff ins Dunkle und Geheime?
Trägt nicht wie Babel jeder Schritt ins Größte
Zum frevlerischen Übermut die Keime?

SALERNUS: Wie es der Heilge Thomas hat gefunden,
Daß Gott dem Menschen hat Vernunft gegeben,
Daß er sie nutze wider Schmerz und Wunden,
So ist Vernunft das Innerste im Leben.
Gott mischt sich nicht mehr grob in die Geschichte,
Seit ihn der Mensch in solcher Weis verstanden,
Kein Schwefelregen macht die Stadt zunichte,
Wo sich Vernunft und Redlichkeit verbanden.
Weiß wies Labor, die Salben und die Linnen,
Ist die Magie, die nicht wie Hexenringe
Versucht des Mondes Anusschleim zu minnen,
Daß Dunkelheit sie bald darauf verschlinge.
Wir setzen nicht auf Heuchelei und Ränke,
Wir klären auf und leuchten in die Grotte,
Setzt so der Mensch sich auf die Sonnenbänke,
Wird die Vernunft zum eigentlichen Gotte.

HEINRICH: Ich hab das nicht in allem Sinn verstanden,
Auch ist mein Bangen innerst nicht geschwunden,
Doch seid berühmt Ihr doch in vielen Landen,
Und also hoff ich selber zu gesunden.
 

 

448
 
SALERNUS:
Seid ohne Sorg, wie alles hier vom Feinsten,
Die Möbel, Instrumente und das Wissen,
Sind eure Wangen bald die Allerreinsten,
Und schöne Frauen werden nichts vermissen.
Ich geh ans Werk, denn ohne Scham und Säumen
Vollbringt der Arzt den Schnitt, der alles rettet,
Wir brauchen die Vollendung nicht zu träumen,
Ist unser Geist nicht mehr durch Furcht gekettet.
(Ab.)


Fünfte Szene.
Heinrich.

HEINRICH: Nun also seis. Die blinde Dirne findet
Des Licht der Engel und das Land den Erben,
Wenn solcherart sich Welt dem Heil verbindet,
Dann kann der Vater auch beruhigt sterben.
Mich reizt es, die Vollendung anzuschauen,
Ein Astloch in dem Tore zu der Kammer
Wird mir den ganzen Anblick anvertrauen.
Der Doktor schwingt wie Jove fast den Hammer.
Mit festem Schritt verband er das Tradierte
Und fügt sich dem Erkannten unverdrossen,
Ein neues Licht erstrahlt uns im Gevierte,
Wenn sich die Denker so zusammenschlossen.
(Er schaut durchs Astloch.)
Die Bluse knöpft sie auf, die blonden Haare
Hat sie zu einem hellen Kranz verflochten,
Und weiß wie Schnee ist ihre weiche Bahre,
Sie wird vom Alter fürder nicht befochten.
 

 

449
 
Sie stellt die Schuhe sorgsam in die Ecke,
Die Strümpfe streift sie leicht wie lenzne Winde,
Der Doktor ist bereit, daß er sie wecke,
Der Rock – ach, daß mir doch die Sehkraft schwinde!
Ich reib das Aug, so ist ja nicht zu fassen
Die Lieblichtkeit der aufgeblühten Wangen,
Fast muß ich Zeit und ihre Eile hassen,
Wenn strahlend ihre jungen Brüste prangen.
Sie legt sich hin, an Anmut nicht zu messen,
Sie schmiegt sich auf den Tisch wie die Liane,
O welch ein Bild! Wer könnte es vergessen?
Solch holder Mut, der siedelt nah am Wahne!
Sie öffnet ihr Lippen, um zu hauchen
Stoßweis, sie ist gerötet vor Entzücken,
Die Finger, fein und bald nicht mehr zu brauchen...
Hört sie die Engel schon mit ihren Glücken?
(Pause. Er sinnt und schaut.)
Die Klinge in des Doktors Hand mir blinzelt,
Sie schickt in Licht herum in alle Ecken.
O nicht ein Opfertier, das blökt und winselt,
Wie wächst der Mensch doch mit den hohen Zwecken!
Ein leichter Schnitt, Präludium uns zum Heile!
Ein rotes Rinnsal auf dem weißen Leibe,
So schön war nie ein Traumbild! O verweile!
Noch heftiger ich mir die Augen reibe.
Doch, ach, wird dieser Spiritus zu heftig?
Der Endlos-Schärfer uns verdirbt die Klinge?
Der Doktor, der mal sinnend, mal geschäftig,
Erscheint mir ein Fuchs in einer Schlinge...
Und böse Bilder nagen mir am Herzen,
Ich seh das junge Blut im Grab verrotten,
Die Würmer ihre weißen Schenkel merzen,
 

 

450
 
So wie ihr Kleid die fraßentschloßnen Motten.
O nein, die Kunst, die solchen Weg beschreitet,
Ist ganz verrucht und kann mir niemals frommen!
Drum sei dem Treiben rasch ein End bereitet,
Eh wir gemeinsam in die Hölle kommen.
(Er schreit laut, reißt die Tür auf.)
Schluß! Ende hier! Ich stehe und befehle,
Den Opfer-Spuk zur Gänze abzubrechen,
Wenn dieser Dolch noch näher kommt der Kehle,
So säum ich nicht, den Doktor abzustechen.
Ich zahle keinen Heller für die Bande,
Ich wende mich von diesem Teufelsbuhlen,
Ich melde dies als ketzerische Schande
Und laß verfolgen alle Magierschulen!
(Er geht ab. Es wird mit einem Schlag dunkel.)


Sechste Szene.
Alfanus, Konrad am Lagerfeuer.

KONRAD: Die Recht ist blind und zu erraten schwierig,
Wulf jagte mich, den jungen Herrn zu suchen,
Die Höllen-Krater offen und begierig,
Ich werd nicht müd, mein Mittun zu verfluchen.

ALFANUS: Laß ab vom Hetzen, iß mit mir Forelle,
Ich hatte heute Glück bei diesen flinken,
Bei Wellengang ist Mitgehn mit der Welle
Das beste, um nicht hilflos zu ertrinken.

KONRAD: Ich hab gehorsam hergeholt den Schlächter,
Doch dann hat sich der junge Herr besonnen,
 

 

451
 
Nun aber stellt zur Rede mich der Wächter
Und meint, ich hätte den Verrat begonnen.

ALFANUS: Hast du ein reines Herz, so fürchte keinen,
Denn unser Herr läßt alle Teufel scheitern,
Und mußtest du bei einem Auftrag weinen,
So glaube mir, es gibt da keinen weitern.

KONRAD: Gehorsam schulde ich dem strengen Meier,
Die Magd lief in das Buhlhaus hinterm Haine,
Jedoch der Herr folgt einer kruden Leier,
Der ich mich nicht ein Deut gewachsen scheine.

ALFANUS: Der Meier harr gelassen seiner Ehren
Und acht, daß er nicht blöd dazwischenschieße,
Er lasse, was beschlossen ist, gewähren.
Nicht Öl noch Wasser in das Feuer gieße!

KONRAD: So will ichs tun und deiner Weisheit trauen.
Es kehre jeder brav an seine Stelle.
Der Herr der Welten wird auch kleinstes bauen,
Denn nicht die Größe macht den Geist der Welle.
(Ab.)


Siebente Szene.
Alfanus, Heinrich.

ALFANUS: Es fügt sich, was gerade erst versprochen,
Schon tretet ihr persönlich in mein Lager.
Ihr habt gewiß mein Abendmahl gerochen,
So kommt herbei, ihr wirkt gefährlich mager.
 

 

452
 
HEINRICH:
Ich bin verflucht von mörderischem Hoffen,
Ich spielte mit naiven Untertanen,
Ich sah die Hölle und den Eingang offen,
Drum sollst du mich zu Reu und Buße mahnen.

ALFANUS: Laß alles ruhn, den sündigen Gedanken
Verleihe nicht Gewicht durch Wiederkäuen,
Nutz deine Zeit, dem Himmelsherrn zu danken
Und dich an seinem großen Tun zu freuen.

HEINRICH: Was die Doktoren selbst und die Lakeien
Beschworen, mir den Aussatz fortzunehmen,
War ein Versuch, das Schicksal zu beleihen
Für den Moment, den sorgenfrei bequemen.
Wahrhafte Heilung ist nicht so zu zwingen,
Daß man mit Gleichmut laß das Opfer laufen,
Sie läßt sich nicht mit Witz und Macht erringen,
Sie ist mit Gold und Ländern nicht zu kaufen.

ALFANUS: Fürwahr, es gibt kein Lied sie anzulocken,
Doch kommt sie wie das Glück von ganz alleine,
Ein Frühlingswind zerbröselt Brand und Pocken,
Trennst du dich von dem Hochmut und dem Scheine.
Sei wahrhaft, Freund, und trenne dich vom Wahne,
Die Wohlgestalt sei Unterpfand des Glückes,
Dann folgst du einem vorbestimmten Plane
Und bist zugleich der Autor deines Stückes.
Denn alles, was zum Heil dir not und trächtig,
Liegt tief in deiner Seele, es zu wecken,
Sei niemals gramvoll oder übernächtig,
Der hellste Weiser ist der Wanderstecken.
 

 

453
 
HEINRICH: In welche Aue sollte ich mich wenden?
Ich lauf davon, so scheint es mir gefährlich,
Ich decke meine Augen mit den Händen
Und halte sie für tückisch und entbehrlich.

ALFANUS: So wechsle deine Richtung, wenn Entrinnen
Ist nicht der Weg, den dir das Herz gewiesen,
Es kommt die Kreuzung, deinen Stern zu minnen,
Dann weißt du auch, du wähltest stets nur diesen.

HEINRICH: So laufe ich zurück zu meinen Schwaben,
Allein, ich fürcht, ich werd vorüberwallen,
Und an der Kreuzung warten bloß die Raben
Gefräßig auf mein letztes Niederfallen.

ALFANUS: Geh nur zurück aus diesem tiefen Haine
Und dann verweil und leg zur Nacht dich nieder,
Das erste Haus am Wege sei das deine,
Dort findest du das Wort des Herzens wieder.
Denk immer dran: durchquer den Wald gerade,
Dann führt dich in die Au ein altes Pflaster,
Schaus erste Haus und sieh, daß man dich lade,
Und fürchte nicht um Stiefel, Wams und Zaster.

HEINRICH: Ich will versuchen, was ich nicht begreife,
Was dort geschehn soll, was mich dort erwartet,
Vielleicht zieht dort sich zu die Henkerschleife
Im Spiel, das mit den Knechten abgekartet?
Vielleicht auch steht dort eine dunkle Tränke,
Daß ich vergeß, was ich einst war und wollte,
Daß ich die Seele, die mir Last, verschenke,
Und auch das Schicksal, das mir immer grollte.
 

 

454
 


ZWEITER AUFZUG
Ein Holzhaus, man schaut in die Stube im Erdgeschoß. Überall Polstermöbel mit Kissen, die von rötlichen Ampeln beschienen werden. Man hört eine sentimentale Melodie und einige weibliche Seufzer. Zu sehn ist niemand.

Erste Szene.
Heinrich, Martha, Geiger.

HEINRICH: Dies ist das erste Haus an meinem Wege.
Verrucht scheints mir, grad alles riecht nach Sünde.
Undenkbar, daß ich mich hier schlafen lege!
Begreif den Weisen wer und seine Gründe!
Die Pforte offen, so als würd man warten
Auf späte Gäste oder nächstens Irre.
Nun also reih dich ein bei den Genarrten!
Frommt Klarheit nicht, so fromme mir das Wirre!

MARTHA (tritt im Kleid mit roten Rosen auf):
O junger Mann, nicht spät, ihr seid zu frühe,
Der Mond noch zagt, sich auf sein Roß zu schwingen.

HEINRICH: O macht euch keine Umständ, keine Mühe,
Mir hieß man, hier die Nachtstund zuzubringen.

MARTHA: Oja ganz recht, dies ist der rechte Hafen,
Vom Philosophen-Weltei ists das Gelbe,
Wer hier hereintritt, um sich auszuschlafen,
Der ist am Morgen nimmermehr derselbe.
Ich hole Wein aus meinem Felsenkeller,
 

 

455
 
Legt ab und laßt euch in das Polster sinken,
Ich war in meiner Jugend einmal schneller,
Ich hol auch Eier, weißes Brot und Schinken.
(Sie eilt davon.)

GEIGER (tritt mit ein paar Akkorden auf)
Ich spiele euch von allen Paradiesen
Und zeige euch die Harmonie der Sphären,
Der Zwerg wird im Gegeig zum Seelenriesen,
Ein größres Glück kann keine Kunst gewähren.
(Nach einem Vorspiel beginnt er zu singen)
Die Nachtigall singt niemals auf der Buche,
Sie schlägt die Lieder gern im Haselbusche,
Sie schweigt bei ihrer hoffnungsfrohen Suche
Und auch, daß niemand ins Revier ihr husche.

MARTHA (kommt zurück, der Geiger bricht ab)
Nun laßt euchs schmecken, laßt den Staub der Straße
Zerwehn wie einen schlechten Traum am Morgen,
Kaut gut und spürt wie sich in selbem Maße
Zerstreun die Kümmernisse und die Sorgen.

HEINRICH: Ich bin ein Pilger, krank und ohne Güter,
Es ist nicht recht, mich haltlos zu verwöhnen,
Am Ende grünt die Galle die Gemüter,
Daß ich nicht reich, die Kosten zu versöhnen.

MARTHA: Seid sorglos, daß wir böse Habgier zeigen,
Gebt, was ihr könnt entbehren und verwinden,
Uns ist nun mal die große Geste eigen,
Wir werden drum den armen Gast nicht schinden.
(Sie grinst beiseite zu dem Geiger hin.)
 

 

456
 
GEIGER (singt erneut):
Die Nachtgall singt niemals auf der Tanne,
Sie hält es lieber mit der Haselgerte,
Der Lauscher ward in dieser Nacht zum Manne,
Daß auch die Maid nur seufzend sich beschwerte.

HEINRICH (läßt den Geiger mit einer Geste verstummen):
Mir scheint, hier zieht ein Teufel die Register,
Mir schwant da Ärger, ein Skandal-Erwachen,
Der Schultheiß und selber der Minister,
Sie werden diesem Spuk ein Ende machen.

MARTHA: Was ist so arg, wenn ein paar nette Reime
Das Herz erfrischen und den Puls bewegen,
Es ist so einsam hier in meinem Heime.
Wollt ihr euch wirklich gleich zur Ruhe legen?

HEINRICH: Zu Ruhe? Ja, an Ruh ist nicht zu denken,
Hier geht es zu wie grad im Taubenschlage,
Ich wollte mich in mein Gebet versenken,
Weshalb ich keine Ballmusik ertrage.

MARTHA:
Nun gut, wir gehn, wenn wir euch unerträglich,
Wir warn bestrebt, den Abend zu vergolden,
Die Sehnsucht nach Musik erreicht uns täglich,
Denn alle Welt sucht nach dem nächtlich Holden.
Doch wer gehetzt, vermags nicht zu begreifen,
Der Wein wird euch auf weiße Wolken betten,
Und später werden weitre Wünsche reifen,
Ich möchte drauf mein Seelenheil verwetten.
(Mit dem Geiger ab.)
 

 

457
 
Zweite Szene.
Heinrich, Margarete.

HEINRICH:
Dies war zu viel. Was sind das für Manieren?
Grad so, als wollt sie mich im Sturm vernaschen,
Erst eins, dann zwei, am Ende wohl zu vieren?
Ich will mir erst mal meine Hände waschen.
(Geht zu einer Wanne und wäscht die Hände, lacht)
Grad so in Unschuld wie des Landes Pfleger?
Die haben Öl, als tropfte es vom Dache,
Niemals zuvor sah ich die Lampen reger,
Sie auszulöschen scheint hier niemands Sache.
Das rote Licht ist wohlfeil wie die Geige.
Ist dies ein Haus der Geister, der Dämonen?
Nun, irgendwann geht jede Nacht zur Neige,
Und besser ist es als im Wald zu wohnen.
(Man hört erst fern, dann näher die Geige.)
So furchbar ist sie nicht und das Gefasel
Gemahnt mich seltsam an die Kinderzeiten.
Was sang der Sänger vom Gedicht des Hasel?
Ich höre wen in meine Nähe schreiten.

MARGARETE (nicht zu sehen, singt mädchenhell):
Die Nachtigall singt niemals auf der Eiche,
Sie lockt das Glück auf einem Haselaste,
Wer lieben kann, der sorg, daß sie nicht weiche,
Wo Mond weiß, daß die Nacht zu kurz dem Gaste.

HEINRICH: Was ist das für ein selig sanftes Wiegen,
Gesang, der mich zersprengen läßt die Kruste,
Solch Streicheln könnte Drachengrimm besiegen,
Von solchem Singen ich bis heut nichts wußte.
 

 

458
 
MARGARETE:
Die Nachtigall singt niemals auf der Esche,
Sie zwingt die Hörer auf dem Haselzweige,
Heut tanzt die Maid, doch morgen gerbt sie Wäsche.
Wer wünschte nicht, daß sich die Stimme zeige!

HEINRICH: Oja, o komm aus deinen Finsternissen,
Und laß mich einen scheuen Blick erhaschen,
Du hast mich aus dem tiefen Schlaf gerissen,
Mit Gold bestreut, das nimmer abzuwaschen.

MARGARETE:
Die Nachtigall singt niemals auf den Rüstern,
Sie hat im Hasel Bühne und Zuhause,
Erst tönt sie hell und endlich wird sie flüstern,
Und wer sie flieht, bleibt ewig ein Banause.

HEINRICH: Ich liebe dich und fleh um Christi Leiden,
Komm aus dem Dunkel in die helle Stube,
Ich möchte meine Knechtschaft dir beeiden,
Solang die Sense nicht bestimmt die Grube.

MARGARETE (zeigt sich auf der Türschwelle)
Die Mutter sprach, ich solle prüfend schauen,
Ob alles sei dem Gaste angemessen,
Wir wollten längst das Haus hier größer bauen,
Doch die Dukaten sind rasch aufgegessen.

HEINRICH: So tretet doch herein, so rasch zu sagen,
Sind meine Wünsche nicht und meine Sorgen,
Ich dacht ja bislang nur an den Magen,
Auch ist kein Nachbar da, um was zu borgen.
 

 

459
 
MARGARETE:
Das tu ich gern, der Kelch ist leer, vom Weine
Nahmt ihr noch nicht genug nach diesem Staube,
Auch leg ich Holz nach, denn auf nacktem Steine
Hat auch das Feuer nimmer Mut und Glaube.
(Sie füllt den Kelch und legt Scheite nach.)

HEINRICH: Wer lehrte euch so singen, daß die Seele
Meint, alle Fesseln würden ihr zerspringen?
Ich hab nicht Scham genug, daß ich verhehle,
Ich hörte euch gern immer weiter singen.

MARGARETE (stutzt, dann verlegen)
Der Nachtigall hab ich gelauscht im Lenze,
Der Mensch, der singt, will ganz dem Vogel gleichen,
Und wirklich, dieser Wunsch bezwingt die Grenze,
Die Schwere bannt aus diesen Flügelreichen.
Ich werde gehn und unsern Geiger bitten,
Daß er mir wieder anstimm seine Weise,
Ich hoff, er ist noch nicht zu weit geschritten,
Denn nach dem Dorfe führte seine Reise.
(Sie geht hastig ab. Der Vorhang fällt.)


Dritte Szene.
Vor dem Vorhang.
Margarete, Martha.

MARGARETE:
Ich kann nicht, Mutter, jedenfalls nicht heute,
Ein Feuer flammt aus seinen seltnen Sprechen,
Als ob mich eine Bogenschützen-Meute
Beschöß, fühl ich die Pfeile mich durchstechen.
 

 

460
 
MARTHA: Drum grade! Ist dir Amor so gefällig,
Wird dieser Herr gewiß darob nicht knausern,
Schwärz dir die Wimpern, mach die Locken wellig,
Wir werden uns zu größtem Wohlstand mausern.

MARGARETE:
Er will Gesang. Ich muß den Geiger suchen.
Ich hoff, er schloß noch nicht den letzten Laden.
Er wird gewiß ob dieser Laune fluchen,
Und doppelt uns berechnen seinen Schaden.

MARTHA: Das ist doch Unsinn mit dem Geigenspieler!
Zeig unserm Gast die rechten Flötentöne!
Ich sah die Launen nahn und weichen vieler,
Doch bleibts dabei: der Mann begehrt das Schöne.

MARGARETE:
Wie soll ich singen und dabei noch flöten?
Wie soll ich lieben und dabei auch zocken?
Der Abend wird mich unausweichlich töten,
Willst du nicht aufhörn, mein Gemüt zu schocken.

MARTHA: Nun also gut. So lauf nach deinem Geiger,
Doch ihn zu wecken ist gewiß nicht sittlich.
Dabei bedenk, auch wenn der Turmuhr Zeiger
Dir unsichtbar, er schreitet unerbittlich.

MARTHA: Ja, Mutter, um den Musicus zu holen,
Ging ich der Meilen tausend allzugerne.
Du mußt verstehn: er hat es mir befohlen,
Das echon mir vom Himmel alle Sterne.
(Beide ab. Vorhang hebt sich wieder.)
 

 

461
 
Vierte Szene.
Heinrich, Martha.

MARTHA: Die Tochter ist ins Dorf hinabgeschritten,
Um unbedingt den Geiger herzuschaffen,
Ich hoff, sie wir nicht übereifrig bitten,
Sonst gibt es wieder Ärger mit dem Pfaffen.

HEINRICH:
Ich Narr! Was wollte ich der Bäume sechsten
Erfahren, der dem Hasel nicht gewachsen!
Um Kiefern, Fichten, Lärchen zu betexten,
Bricht sich das Kind zur Mitternacht die Haxen.
Dabei ists ihre Stimme, unbegleitet
Vom Reim und von der wohlgestimmten Geige,
Was mir die Lust der Engelsscharn bereitet.
Doch das zu sagen, war ich wohl zu feige.

MARTHA:
Erfahrne Fraun sich drüber niemals täuschen.
Doch seis! Der Umweg macht das Glühn nicht schwächer.
Ich lobe mir den Wein. Bei diesen Räuschen
Gesellschaft mehrt, denn einsam mags kein Becher.
(Sie gießt sich ein und prostet Heinrich zu.)
Seid froh, die Liebe habt ihr heut gefunden,
Sie rast, ein Füllen, und ihr werdets zähmen,
Ihr werdet ihr in jeder Weise munden,
Sie wird sich solcher Dinge niemehr schämen.

HEINRICH:
Was redet ihr? Jedoch, ich kann nicht sagen,
 

 

462
 
Mir käm das alles völlig unvermutet.
Ihr seid das Ohr nicht, um darein zu klagen,
Wie sehr das Herz mir bange macht und blutet.

MARTHA: So lös euch Wein die Zunge und die Hände,
Doch hütet euch vor allzuvielen Bechern!
Er hat auch Kraft, daß er recht jäh beende
Das Spiel mit Kleidern, Ringen oder Fächern.
Ich geh hinauf, sie wird bald wiederkehren,
Ich möchte euer junges Glück nicht stören,
Ich werde meinen guten Schlaftrunk leeren
Und dann selbst den Weltuntergang nicht hören.
(Ab.)


Fünfte Szene.
Heinrich, Margarete.

HEINRICH: Die Kupplerin will nicht vergessen werden,
Wenn wer sich liebt, meint sie, sie hätts erfunden!
Was für ein Pech, daß dieser Platz auf Erden
Nicht einzger ist für süße Schläferstunden!
Doch wenn ich auch den frechen Anspruch pöne,
Es ist ihr Haus, drein mich Alfanus winkte.
Wer hätte auch gedacht, daß sich die Schöne
Bereithält, wo die rote Lampe blinkte?

MARGARETE (abgehetzt):
Umsonst. Es gibt kein Mittel, ihn zu wecken!
Er schläft, grad so, als lägen drauf Granite,
Nur eine Eule konnt mein Lärmen schrecken,
Vielleicht auch manchen, der bewacht die Sitte.
 

 

463
 
HEINRICH: Ach, hätt ich euch gehalten mit dem Arme,
Zwar ist Musik euch wohl wie alle Kleider,
Doch brauchts kein Überhöhn, wo eure warme
Gestimmtheit weckt im Engelschor den Neider.
Selbst wenn ihr schweigt, seid ihr die Violine,
Und seit ich euer blaues Aug getrunken,
Bin ich gar wie im Löwenzahn die Biene
In eine Sphäre aus Gesang versunken.

MARGARETE:
Ihr liebt die Bilder, deren Böden doppelt,
Und manches schreckt, was ich von weitem ahne,
Ich bin kein Has, der vor dem Jäger hoppelt,
Drum sagt: Was wollt ihr nun im Löwenzahne.

HEINRICH: Mir kam der Wille ganz und gar abhanden,
Ich bin so selig, daß ich nichts entbehre,
Ich falle und ich hoff, ich werd nicht landen.
Ein langer Faden ruft nach einer Schere.

MARGARETE:
Schaut wie der Mond sich grad vom Wolkenrande
Ins Offne löst zu ungebremstem Strahlen!
Zu solchen Künsten sind wir nicht imstande,
Wir können keine solchen Bilder malen.

HEINRICH:
Vollkommnes ist im Himmel und auf Erden,
Wir meinen oft, es fehlte dem an Dauer,
Jedoch die Zeit, das Zugpferd für das Werden,
Liegt einzig im Betrachter auf der Lauer.
 

 

464
 
MARGARTE:
Ihr meint, es wär nur unsre eigne Schwere,
Wenn Blumen welken und von Stoppelfeldern
Die Vögel fliehn, daß sich der Baum entleere,
Wenn der November hofhält in den Wäldern?

HEINRICH:
Es kann so sein, denn hinter allem Scheinen,
Mit dem wir unsre Dürftigkeit bedecken,
Kopfschüttelt Gott bei unserm dummen Weinen,
Denn nur am Saum berührn uns Schmerz und Schrecken.
Doch manchmal, wenn das Herz so voll und trunken,
Zerreißt der Schleier aus Verfall und Wechsel
Und läßt die Lippen in den Odem tunken,
Dem ich kein Bild aus dürren Versen drechsel.

MARGARETE:
Du singst und machst das Hören hell und selig,
Wenn mein Vibrieren kehrt aus deinem Lauschen,
Solch ein Gesang ist immer doppelkehlig
Und gibt sich nur im doppeltfrohen Tauschen.

HEINRICH (legt seinen Arm über ihre Schultern)
Dies ist der tiefste Auftrag, der dem Pfade
Zugrundeliegt, den wir durch Zeit mäandern,
Und er allein die Krümmung macht gerade,
Daß wir am Ziel von allem Welten-Wandern.

MARGARETE: Ich will dir ganz und unverzagt gehören,
Denn ich erkenn dich als seit je Bestimmten,
Ich kannte dich schon in den Engelchören,
Bevor die ersten Erdenwinter grimmten.
 

 

465
 
Sechste Szene.
Heinrich, Margarete, Geiger.

GEIGER: Der Abend spät, doch nie für meine Pflichten.
Ich hört die Herrin wohl und all ihr Flehen.
Doch ich vermocht den Riegel nicht zu richten,
Im Dunkeln war der Schlüssel nicht zu sehen.
Ich suchte einen Kien und etwas Zunder,
Auch war der Talg verkrustet in der Lampe,
Ich bin meist unterwegs, drum nehmts nicht wunder,
Wenn ich dabei in meinem Hausrat schlampe.

MARGARETE: Ja ja, das ist, das ist sehr schön und alle
Sind froh, daß ihr den Kien habt noch gefunden,
Bevor ihr grifft in eine Mausefalle,
Ich hoff, ihr habt die Knie euch nicht zerschunden.

GEIGER:
Nein, nicht der Red, nur blieb ich etwas säumig,
Ich hätte euch gerne durch den Hag begleitet,
Doch nun sei für Musik das Haus geräumig,
Und ohn Verzug das große Werk bereitet.

HEINRICH:
Mein guter Freund sag an, was sind wir schuldig,
Fürs Aufstehn, Wirrnis, Weg und Wiedergehen,
Es tut mir leid, wir waren ungeduldig,
Doch wie er kommt, der Wunsch liebt das Verwehen.

GEIGER: Ihr haßt mich, Herr, solch widerliche Kette
Von Aufruf und Zurückgewiesen-Werden
Erträgt nicht mal ein Dickhornschaf, ich wette
 

 

466
 
Dies reizte eine Maus zu Drohgebärden.
Wir Künstler wissen wohl, das wir verachtet
Wie sonst nur Diebe oder Mordsgesindel,
Und was ihr uns zu überlassen trachtet,
Wär von dem Dach nicht mal die kleinste Schindel.
Ihr wollt, daß wir die Träume euch erwecken,
Dann sorgt ihr euch, wir könnten uns vergucken,
Und ihr verbannt uns mitleidlos wie Zecken,
Ist euch zumut, recht gut zusammzurucken.
Ich spuck auf eure schäbigen Dukaten,
Daß ihr euch freikauft, werde ich nicht dulden,
Euch ist der Beutel viel zu klein geraten,
Denn unbezahlbar drücken euch die Schulden.
Gott wird es richten, daß ihr mich zu schinden,
Die Heiligkeit der Christenruh geschändet,
Die Heilige Cäcilia wird euch finden,
Dann wird der Hochmut dauerhaft beendet.

HEINRICH:
Das seht ihr falsch, nicht eure Kunst zu pönen,
Bat ich um Abschied nach dem großen Hetzen,
Es steht mir fern, den Advokat des Schönen
Wie einen Hofhund vor die Tür zu setzen.
Nur manchmal sind die Kurven unsres Lebens
Abrupt und schroff und wie aus eitler Bläue
Verkehren sich die Richtungen des Strebens
Und kennen nicht die Heiligkeit der Treue.
Ich habe in der Stunde eurer Rüste
Gefunden, was ich suchte lange Jahre,
Glaubt nicht, daß ich von eurem Schmerz nichts wüßte,
Ich wähnte, daß er bleib mir bis zur Bahre.
 

 

467
 
GEIGER: Nun ja, ich nehms schon ruhiger und linder,
Was ihr da sagt, ward mir schon oft beteuert,
Der Weiser wurde nicht gemacht zum Finder,
Sooft er auch den rechten Weg erneuert.
Ich will als guter Christ die Schmäh vergeben,
Doch euerm Geld werd ich mich nicht bequemen,
Ich hoff, wir sehn uns nicht erneut im Leben,
Beim Freund bevorzug ich den angenehmen.
(Ab.)


Siebente Szene.
Heinrich, Margarete

HEINRICH: Ein hartes Wort belastet unsre Liebe.
Was mußte ich so unwirsch ihn bestechen!

MARARETE:
Die Schuld getrost auf seinen Eifer schiebe,
Verteidigung ist niemals ein Verbrechen.
Ich muß dich anschaun, Liebster, komme näher,
Ich will dich ganz im Innersten begreifen,
Wie Zirbenzapfen für den Eichelhäher,
Ist mirs, durch alle Windungen zu streifen.
Sie greift ihm mit gespreizten Fingern ins Gesicht, befühlt alle Partien, während er die Augen geschlossen hat.)
Du bist so schön. Grad wie ich träumend dachte,
Die Brauen herrisch, und die Nas noch kecker,
Doch als der Herr dir deine Lippen machte,
Da war der Apfel nicht nur süß und lecker.
Ein leises Weh, das nicht zu unterdrücken,
Zieht beide Winkel hart und mischt ins Linde,
 

 

468
 
Ein Warnwort, das mein taumendes Entzücken
Zum Ranken macht wie eine Trichterwinde.
Denn ich gewahr nicht schattenfreie Größe,
Du hast gelitten und das Leid bezwungen,
Ich glaub, dies bringt mehr Segen in die Schöße
Als pures Gold, das ohne Dämmerungen.

HEINRICH:
Du bist verliebt, drum siehst du, was zu sehen
Du wünschst und nicht die Pusteln und die Flecken,
Ließ nicht dein Herz die Nüchternheit vergehen,
Du würdest vor der kranken Haut erschrecken.
Doch will ich nicht von meinen Narben sprechen,
Und Dunkles mischen in die hellen Worte,
Es redet nimmermehr von den Gebrechen
Der Adler, der gelandet ist im Horte.
(Er küßt sie lang.)

MARGARETE:
Wie ist mir? Dieser Kuß, ach, diese Lippen,
Vom Lebensborn zu trinken ist nicht holder,
Ich spür die Bank, die Hüttenwände wippen,
O meines Himmels trunkener Vergolder!
(Sie springt auf, schlägt sich die Hände vors Gesicht.)
Es ist so hell, so lohend wie im Feuer,
Die Dinge stürzen auf mich ohne Gnade!
Weh mir! Der Ansturm ist so ungeheuer!
Ich glaub, ich nutz die Wanne mir zum Bade!
(Sie springt mit den Händen vor Augen ins Wasser.)

HEINRICH:
Was tust du, Gretchen, ist dir schwarz vor Augen?
 

 

469
 
MARGARETE: Nein heller als es je zuvor im Leben.
Ich wußte nie, wozu die Wimpern taugen,
Jetzt weine ich und will mich nicht erheben.

HEINRICH:
Komm aus der Wanne, laß dich trocken reiben,
Eh du mir frierst und krank wirst an dem Eifer,
Du mußt, mein Engel, mir erhalten bleiben,
Denn meinen Sommer macht kein Tag mehr reifer.
(Er holt ein großes rotes Tuch und umschlingt sie.)

MARGARETE (lächelt):
Nun muß ich wohl die nassen Sachen lassen.
Es ist so hell. Ich will mich selber sehen.
Such nebenan den Spiegel dir zu fassen!
Ich denk heut gar nicht dran noch auszugehen.
(Heinrich ab. Sie läßt unter dem Tuch die Kleider fallen.)

HEINRICH (kommt mit dem Spiegel):
Was willst du anschaun, meine wilde Liebe?

MARGARETE:
Ich war von klein auf blind und ohne Sonne
Und dachte stets, daß dies mir immer bliebe,
Nun freue ich mich an der eignen Wonne.
Dein Kuß vollzog die unverhoffte Wende,
Mir wurde feurig heiß und angst und bange,
Jetzt nehm ich ohne Scheu hinweg die Hände,
Und schau dich anders, doch vertraut schon lange.

HEINRICH: Als blindgeboren konntest du nicht wissen,
Daß mich der Aussatz ekelhaft entstellte,
 

 

470
 
Nun wirst auch du vom Drachenzahn gebissen,
Und alle Liebe wandelt sich in Kälte.

MARGARETE: Was redest du? Es lacht gesunde Röte.
Frag diesen Spiegel, ob ich dich belogen!
Du atmest rein. Daß mich der Blitzschlag töte,
Verlang ich, zeigt der Prüfer dich betrogen.
(Sie hält ihm den Spiegel vors Gesicht.)

HEINRICH: O weh! Die Wunder jagen ihresgleichen.
Es ist ein Traum, Alfanus wird mich wecken.
Doch wenn auch! Die mir solche Krüge reichen,
Sie sollen auch den heimlichsten entdecken.
Wer so beschenkt wird wie wir beide heute,
Der nimmts und läßt im Kelche keine Neige,
Eh morgens mürrisch kommen fremde Leute,
Den ganzen Reichtum deines Leibes zeige!
(Er umschlingt sie wild und küßt sie. Das Licht auf der Bühne wird langsam schwächer und erlischt ganz. Nach einer Weile hört man wieder die Geige.)

MARGARETE (singt):
Die Nachtigall singt niemals auf dem Baume,
Der nicht der Hasel, denn dort kommt der rechte,
Wenn du ihn einmal angeschaut im Traume,
So hoff und harr, daß ihn der Himmel brächte.
Dir ist bestimmt ein Los, ein Heil, ein Friede,
Und alles kommt zusammen mit der Minne,
Drum singe stets, erkenne dich im Liede,
Darin sichs reimt am End und am Beginne.
(Vorhang fällt.)
 

 

471
 


DRITTER AUFZUG
Das Bühnenbild wie im zweiten Aufzug. Es ist heller Morgen.

Erste Szene.
Martha, Albrecht.

MARTHA: Es ist zu glauben nicht und nicht zu fassen,
Ein großer Segen kam in meine Stube.
Da sag noch wer, sie wäre gottverlassen,
Ein Sündenpfuhl und eine Mördergrube.
(Eine Glocke wird geschlagen.)
Die Tür ist unverriegelt und im Zimmer,
Bin einzig ich, die Herrin dieser Klause,
Geehrtet ist der hohe Gast hier immer,
Und heut ists ganz besonders froh im Hause.

ALBRECHT (tritt auf):
O meine Treu, allein und frohen Mutes,
Ich hoff, es geht dem Kind wie immer prächtig,
Ich bin in Eil, darum nicht bar des Hutes,
Die Last des Staates macht mich übernächtig.
Ich bringe dir die wohlverdiente Rente,
Dann muß ich wieder allzurasch entschwinden,
Denn seit sich das Geschlecht in Linien trennte,
Ists schwer, die Lust mit Nutzen zu verbinden.

MARTHA: Halt ein, die frohe Botschaft zu vernehmen!
Dein Kind ward sehend. Gottes große Gnade
Goß Rot und Blau und Grün in blasse Schemen
Und wandelte ihr das Gesicht beim Bade.
 

 

472
 
ALBRECHT:
Wärs möglich denn? Des Herren krumme Wege
Den Weisen überführen als den Toren!
Wer hoffte je, daß sich das Übel lege?
So hat sie ihre Blindheit doch verloren!

MARTHA: Dies wär der rechte Augenblick zu zeigen
Welch hoher Herr der Vater dieser Schönen,
Ich hoff, euch ist Gerechtigkeit zu eigen,
Sich heute mit dem Schicksal zu versöhnen.

ALBRECHT: Dies würde sie verwirren und erschrecken,
Sie steht im Alter, einen Mann zu finden,
Da bleib sie frei vom Hof und seinen Zwecken,
Sie soll sich ohne Politikdruck binden.
Was mir verwehrt war und nur im Geheimen
Geschehen konnt, hab sie mit gut Gewissen,
Kennt sie den Vater, wird sie sich was reimen,
Viel besser wärs, sie würde nichts vermissen.

MARTHA:
Ich glaub, sie hat den Liebsten schon gefunden,
Ein feiner Herr, der gut verschweigt den Namen,
Doch mein Geschäft schaut gut auf seine Kunden,
Drum glaubt nicht, daß wir nicht dahinterkamen.
Ein Taschentuch, das achtlos fortgeschmissen,
Ich fand es auf dem Weg zum Felsenkeller,
Ein Wappen ließ mich nicht im Ungewissen.
Ich lachte, es er sprach, ihm fehlten Heller.

ALBRECHT: So kann ich also bald vorüberbringen
Das Gold, das ich gehegt für diese Stunde,
 

 

473
 
Seh ich die beiden vorm Altar mit Ringen,
So bring ich von der Vaterschaft die Kunde.
Doch jetzt, o Martha, muß ich wirklich eilen,
Die Kutschenpferde reiben sich die Hufe,
Ich werd mich in der Sache noch zerteilen,
Jedoch zuerst nach einem Priester rufe.
(Eilt davon. Der Vorhang fällt.)


Zweite Szene.
Vor dem Vorhang.
Priester, später Heinrich.

PRIESTER: Das Haus am Wald, es ist ja für die Sünde
Recht gut plaziert, so fern von meinen Schafen,
Denn wenn es mitten grad im Dorfe stünde,
Dann könnten auch die Frömmsten nicht mehr schlafen.
Wir an der Kirche, jene bei den Tannen,
Das könnte gutgehn, gäbs nicht Übergriffe,
Und wenn die ein gewisses Maß gewannen,
So wird es ungemütlich in dem Schiffe.
Der Orgelspieler geigt auch manchmal draußen,
Ich bräuchte das nicht unbedingt zu wissen,
Doch wenn da Boten nachts durch Gassen sausen,
So wird der Schlaf vom Stechinsekt gebissen.
Ich kann nicht dulden, daß die Sündenkuhle
Grad wie Frau Percht die Grenzen überschreitet,
Da fordert wer den Geiger für die Buhle,
Und schon wird meine Herde fehlgeleitet.
(Er stößt an ein Seil, schaut nach oben, und bemerkt verwundert, wie Heinrich zu ihm herabgleitet.)
Der Morgen, junger Mann, ist voller Wunder,
 

 

474
 
Ich dachte doch, im Haus gäbs eine Stiege,
Erscheint euch solch ein Auswärtsgehn profunder
Oder kommt Scham nun auf nach leichtem Siege?

HEINRICH: Herrschaftlich ist Besuch im Erdgeschosse,
Drum hab ich diesen Ausweg vorgezogen,
Wo hohe Leut verhandeln mit dem Trosse,
Ist man dem Störer keineswegs gewogen.

PRIESTER:
Ihr macht mich lachen. Von dem hohen Berge
Seid ihr der Prinz. Ist drin etwa der Kaiser?
Heut halten sich die Landesherrn für Zwerge,
Ich glaub, ich werd in dieser Welt nicht weiser.
Doch sagt mir, eure Krankheit ist geschwunden,
Wer hat gefunden das gesuchte Mittel?
Ihr habt euch hoff ich nicht erneut verbunden
Mit diesem Satan in dem weißen Kittel?

HEINRICH:
Da sei Gott vor. Der Aussatz ist geschwunden,
Als ich die Liebe traf in diesem Hause.
Ich merkt es nicht, doch plötzlich warn die Wunden
Verflogen wie ein Kater nach der Sause.
Doch größres noch hat Gott im Liebesglücke
Vollzogen, denn der Wirtin blindes Mündel
Ward sehend, um zu schauen, was mich schmücke,
So ward aus einem Glück ein ganzes Bündel.

PRIESTER:
Bei solcher Botschaft kann ich kaum noch schelten
Die Kupplerin für nächtliche Exzesse,
 

 

475
 
Mein Sprengel wär die beste aller Welten,
Vollzög sich solches einmal bei der Messe.
Ich werde schaun, was dieser Tag noch bringe,
Euch rat ich, nicht zu weithin fortzuwandern,
Denn mir erscheints, als lös sich eine Schlinge,
So findet endlich jegliches zum andern.
(Beide ab.)


Dritte Szene.
Martha, Priester.

PRIESTER: Gott sei gelobt. Ich hörte von dem Segen,
Der unvermutet auf das Haus gefallen,
Fanfare sei er, fleißge Hand zu regen
Und abzusehn vom Sündigen in allen.

MARTHA: Das Wort zum Sonntag! Ich erführe gerne,
Wie möglich sei die Ehre ohne Hunger,
Euch ist gewiß die Nachricht nicht so ferne,
Daß ich nicht zum Spaß im Schmutze lunger.

PRIESTER:
Das Kind ward sehend und der Prinz gefällig.
Vielleicht, daß sich die Brüder nun versöhnen?
Ihr glaubt es nicht und zeigt die Stirn mir wellig.
Meint ihr, die Welt sei einzig Leid und Stöhnen?

MARTHA: Der Albrecht will die Vaterschaft bekennen
Wenn ihr in Christo habt getraut die Liebe,
Den Bruder einen Lügenbold zu nennen,
Wird er wohl fortfahrn und mit all dem Kriege.
 

 

476
 
PRIESTER: Nun holt zuerst im ungewissen Tanne
Den Flüchtling, der hier besser aufgehoben,
Dann haut ihr etwas Gutes in die Pfanne,
Den Abend sollt ihr wie den Morgen loben.
Verlaßt euch auf den guten Diplomaten,
Ihr kümmert euch um die verliebten Kinder,
Ich werd indeß die Hofkanzlei beraten,
Denn hohe Kunst erfordert dies nicht minder.

MARTHA: Ist Grete denn allein in ihrer Kammer?
Ich meinte doch, die könnten sich nicht trennen!
Was in der Welt verfügte ihm den Jammer,
Wie ein Verbrecher in den Wald zu rennen?

PRIESTER: Die Grete hatte Furcht vor euerm Gaste,
Das hat sich auf den Schatz wohl übertragen,
Er floh am Seil, wo ich ihn fast verpaßte,
Als ging es ihm gefährlich an den Kragen.
Doch denk ich, er ist gar nicht weit gegangen,
Ich hab zerstreut die finsteren Bedenken,
Euch wird es leicht, ihn wieder einzufangen,
Ihm Stunden mit der jungen Braut zu schenken.

MARTHA: Nun gut, so seht, was ihr bei Hofe richtet,
Ich kümmer mich und geh so ich im Wege,
Wie seltsam ists, wenn sich ein Vorhang lichtet
Und man sich fühlt, als wärs in höchster Pflege.

PRIESTER: Gelobt sei Gott. Ich komme heute wieder.
Es ist kein Wahn, die Zeichen ernstzunehmen,
Wer ging vorbei und blickte gar nicht nieder,
Den zeih ich, unsern Heiland zu verfemen. (Beide ab.)
 

 

477
 
Vierte Szene.
Heinrich, Margarete, Martha.

MARTHA: Was findet ihr an den Versteckensspielen?
Ein Glück, der Priester kam vorbeizuschauen.
Er widmet sich Verpflichtungen gar vielen,
Doch kommt er bald, das junge Paar zu trauen.

HEINRICH: O weh, mein Vater wird es nicht ertragen,
Daß ich getraut so abseits seiner Halle,
Er wird mal wieder von dem Bruder sagen,
Der hab gebastelt diese böse Falle.

MARTHA: Der Priester kümmert sich um all die Dinge,
Derweil er meint, es sei von Gott beschlossen,
Drum glaubt, daß ihm das Kunststück wohl gelinge,
Und liebt euch währenddessen unverdrossen.

MARGARETE: Ja lebenslang geliebt an deiner Seite?
Ich bin ein Mädchen von geringem Stande,
Ich fürchte doch, es kommt zu bösem Streite,
Wenn du der Graf bist irgendwann im Lande.

MARTHA: Um deinen Stand mach dir geringe Sorgen,
Mir sind die Lippen da zwar fest verschlossen,
Doch möglich scheints, daß du erführst bis morgen,
Daß du geborn auf deutlich höhern Sprossen.

HEINREICH: Ach Grete, dies ist alles null und nichtig,
Wir sind von Gott getraut bis zum Gerichte,
Das Herz allein erkennt die Dinge richtig.
Was kümmert uns die äußere Geschichte?
 

 

478
 
MARGARETE: Ich wills ja glauben wider alle Regel!
Kaum kann ich sehn, schau ich den schönsten Helden!
Hochwasser im Gefühl sagt mir der Pegel,
Hochzeit die Glocken weithin schwingend melden.
(Sie fällt Heinrich um den Hals.)

MARTHA: Ich glaub, ich geh draußen in den Garten,
Zu lange steh schon säumig ich im Zimmer,
Das Unkraut läßt gewiß nicht auf sich warten,
Und Arbeit ruft die Müßigige doch immer.
(Ab.)

MARGARETE:
Ich hab mein Kleid für diese unsre Stunde
Wohl fertig und ich möcht es gern dir zeigen,
Daß du erkennst, daß ich bereit zum Bunde,
In welchem ich mit Haut und Haar dein eigen.

HEINRICH:
O Grete, ach, mir schwinden fast die Sinne,
Denk nur, ich darbte gestern voll Verzagen,
Doch glaube mir, was ich mit dir beginne,
Daß wird uns weiter als der Westwind tragen.
(Margarete macht sich los und geht ab.)
Was sind das doch für seltsam tiefe Wogen,
Die uns erheben und, wer weiß es, stürzen.
Doch selbst wenn überdehnt zerbräch der Bogen,
Ich würde meine Spannkraft niemals kürzen.
Ich war mir nie so sicher im Betonen,
Daß diese Wahl die rechte und gemäße,
Allein in diesem Herzen will ich wohnen,
Und ohne Reiz sind andere Gefäße.
 

 

479
 
MARGARETE (kommt im Brautkleid):
Nun schau mein Ritter, ob ich dir gefalle,
Ob du dich schämen müßtest vor den deinen,
Ich ständ viel lieber auf der Burg, dem Walle,
Dort könnt ich dir als Traumgesicht erscheinen.

HEINREICH:
Die hohe Minne braucht nicht Requisiten,
Doch dieses Kleid, aus Feenstaub gewoben,
Hätt mich, wär ichs nicht ohnehin, erstritten
Und jedem Maß der Sterblichkeit enthoben.
(Er hebt sie auf und trägt sie im Kreise.)


Fünfte Szene.
Heinrich, Margarete, Albrecht.

ALBRECHT:
Ich seh, der Priester hat mich nicht belogen,
Weshalb ich mich dem großen Wunder beuge,
Ich bin persönlich in den Wald gezogen,
Auf daß ich sei der Liebesheirat Zeuge.

HEINRICH:
Welch unverhoffter Gast? Daß ich mich füge
Nicht Plänen, Strategien und hohem Rate,
Ruft Prominenz zu Mahnung nicht und Rüge?
Der Onkel wird dem Liebeskind der Pate?

ALBRECHT:
Sehr gern und glaub, was Gott mit dir beschlossen,
Ist segensreicher als ein andrer Rater,
 

 

480
 
Vollzög sich dies mir nicht als Zeitgenossen,
Ich hielts für überzogenes Theater.

MARGARETE:
Noch fehlt mir zum Verständnis jene Leuchte,
Die Marthas Wink verschwiegen angedeutet,
Jedoch mein Ohr ein solches Trumm nicht bräuchte,
Weil ihm die große Kirchenglocke läutet.

ALBRECHT:
Der Priester wird schon bald des Amtes walten,
Er sprengte fort, noch Burkhard herzuschaffen,
Wo Jugend liebt, da wollen auch die Alten
Die Bande, die zerknittert wurden, raffen.

HEINRICH: Dein guter Wille ehrt dich ohne Frage,
Doch Onkel glaub, ich kenn den Vater besser,
Seis in der Nacht und seis am hellen Tage,
Er wetzt in Feindschaft wider dich das Messer.

ALBRECHT:
Sei nicht zu hart mit meinem Bruderherzen,
Die Sorge, das Geschlecht droh auszusterben,
Bereitet ihm die allergrößten Schmerzen,
Er meinte stets, mir ging es nicht um Erben.
Ich hatte meine Lieb geheimzuhalten,
Dies schuf mir böses Wort und auch Gerüchte,
Doch Gottes großes gnadenreiches Walten
Hat es gefügt, daß ich nicht länger flüchte.

HEINRICH: Geheimnisreich ist oft des Menschen Wille,
Er setzt verborgne Zeichen, sät ins Dunkel,
 

 

481
 
Und ruht das Ohr in Harmonie und Stille,
Da leuchtet aus dem Kräuticht ein Karfunkel.
Die Liebe weiß die Erde aufzusprengen,
Daß komme, was da schlief für beßre Tage,
Sie scheint dir oft die Finger zu versengen,
Doch wider sie mit keiner Faser klage.
Mir ist das Glück in höchstem Maß begegnet,
Ich muß mein Herz nicht mehr zusammenklauben,
Doch daß der Herr die Bruderbande segnet,
Will ich nicht mal am Hochzeitstage glauben.

ALBRECHT: So freue dich des Glücks und sei gelassen,
Gar Großes ward für diesen Tag bereitet,
Kein mindres Gold soll euch als Trauring passen,
Wenn ihr gemeinsam zum Altare schreitet.


Sechste Szene.
Heinrich, Margarete, Albrecht, Burkhard, Priester, Martha.

BURKHARD (stürzt auf Heinrich zu):
Mein Sohn, der Fluch, der Aussatz ist verloschen,
So stark und ritterlich dich noch zu schauen,
Ist größte Gnade dem, der ausgedroschen
Die Tage wähnte und sich wand im Grauen.
Ich wähnte dieses Stück recht überflüssig,
Denn vieler Augen nicht bedarf die Bahre,
Ich glaubte nicht, des Lebens überdrüssig,
Daß mir der Herr noch Großes offenbare.
Nicht kleinster Mißklang pöne dein Betragen,
Denn Gottes Wahl ist dem Geschlecht der Retter,
 

 

482
 
Dies läßt mich tiefe Überzeugung sagen
Und nicht die Referenz an Bühnenbretter.
(Er wendet sich Albrecht zu.)
Doch nun mein Bruder, was ich hab erfahren,
Es sei erst nach der Trauung ausgesprochen,
Ich hab geirrt und schon in jungen Jahren,
Es reut mich, daß ich solches hab verbrochen.
Du hieltest stand, du trugst die bösen Worte,
Und dies beweist das edelste im Stamme,
So ungewöhnlich wie die Wahl der Orte
Soll sein die Narbenfreiheit dieser Schramme.

ALBRECHT (umarmt Burkhard):
Ich danke Gott, daß er ein langes Leben
Gab dir und mir, um endlich zu versöhnen
Die Irrenden, wo dichte Nebel schweben,
Am Tage, wo die Hochzeitsglocken tönen.
(Man hört die Glocken.)

PRIESTER (schwingt den Weihrauchkessel)
Das Brautamt fordert beider Wort, das klare,
Die Zeugen mögen jeden Einwand zeigen,
Wer Christum liebt, erklär sich dem Altare,
Um dann für immer wie ein Grab zu schweigen.
Ich höre keinen Einspruch also frage
Ich Margarete vor des Heilands Bluten,
Willst du den Heinrich frein für alle Tage
Und folgen ihm im Argen und im Guten?

MAGARETE (fest und laut)
Ich will es bis die Engel mich entführen.
 

 

483
 
PRIESTER: Und also frag ich Heinrich bei den Wunden
Des Heilands, ob er Margareten küren
Zur Gattin mag für alle Lebensstunden?

HEINRICH: Ich wills und werd zu keiner Stunde zagen.

PRIESTER: So knieet nieder an der Lebensschwelle.
Ich will euch aus der frohen Botschaft sagen,
Daß eurem Bunde werd des Heilands Helle.
Im heilgen Evangelium des Johannes
Gebietet Liebe, wie er selbst sie spendet,
Der Herr, so sei des Weibes wie des Mannes
Das Leben um der Liebe willn geendet.
Er nennt euch seine Freunde, nicht mehr Knechte,
Weil er vom Vater alles hat gekündet,
Weil er euch hat erwählt in seinem Rechte,
Daß euer Aufbruch auch in Früchten mündet.
Wenn ihr euch liebt und also streckt die Hände,
Wird euch um ihn der Vater alles geben,
Und findet eure Liebe nie ein Ende,
So wird sie euch in seine Nähe heben.
An seiner Statt erklär ich allen Wesen,
Ihr geht als Mann und Weib in dieser Stunde,
Von Vater, Sohn und Heilgem Geist erlesen,
Die Kirche ist mir eurerm Pfad im Bunde.
Ich spende euch den unumschränkten Segen
Der Dreifalt, die vor allem Menschensinnen,
Er möge sich auf viele Häupter senken,
Ein Großgeschlecht soll mit dem Tag beginnen.

ALBRECHT: Ich reiche den Vermählten nun die Ringe,
Die ich schon lange für den Tag bewahrte,
 

 

484
 
Im Nam des Herrn das Herrlichste gelinge,
So wie es uns der Heiland offenbarte.

HEINRICH (zu Margarete):
So reich ich dir, mein Augenlicht, im Golde
Den Reif, daß er mit seinem Sonnenschimmer
Dir sage, daß ich denk und träum die Holde
Von wannen ich auch geh und wie auch immer.

MARGARTE: So bind ich auch mit Güldenem den Finger,
Der mich so lieb gefaßt und meinem Wege
Der Weiser sei, und danke dem Beringer,
Daß ich gefaßt ins wonnigste Gehege.

ALBRECHT:
Nun darf mein Part in diesem Lied nicht fehlen,
Um den ich schon seit vielen Jahren bete,
Ich will nun länger nicht dem Volk verhehlen,
Daß ich dein Vater, liebste Margarete.
Ich grollte meinen Eltern, die vermählen
Mich wollten nach dem eigenen Ermessen,
Jedoch für mich war gar nichts mehr zu wählen,
Denn eine Liebe hat mein Herz besessen.
Sie stammte ab von hart bekämpfen Grafen,
Ich hatte keine Hoffnung auf Verzeihen,
Doch ich vermocht es nicht, mein Herz zu strafen,
Ich trotzte gar mit heimlichem Gedeihen.
Aus diesem Bunde bist hervorgangen
Du Grete, als wir frech bei Marthen schliefen,
Der Sensenmann griff ihre roten Wangen,
Als deine Schreie nach den Brüsten riefen.
 

 

485
 
Ich danke Marthen, daß sie dich gezogen
Mit dem Geheimnis, das mir allzu teuer,
Ich wollte dein Erwachen unverbogen,
Die Gattenwahl allein aus innrem Feuer.
Es tat der Herr, daß ich dich seh und herze
Und das Geheime breiten so ins Helle,
Nun Martha zünd der Mutter eine Kerze,
Denn sie verstarb genau an dieser Stelle.
(Martha zündet eine Kerze an. Albrecht umarmt Margarete.)

BURKHARD: Der Priester hat mir alles schon berichtet,
So daß ich ungeachtet der Gebrechen
Des Alters ward zum eilens Nahn verpflichtet
Und auch vergaß die meisten meiner Schwächen.
Die Ehe, die an diesem Ort geschlossen,
Versöhnt nicht nur die Brüder, die geschieden,
Der Herr hat seinen Segen ausgegossen
Und gab uns Kraft, die Lande zu befrieden.

PRIESTER: So einen in der Tat sich Land und Ferge,
Und die Geschlechter finden sich im vollern,
Der Zollern und der Herr von Hohenberge,
Sie einen sich zum Born der Hohenzollern.
Der Herr tat Wunder ohne Maß und Schranken,
Dies schafft den Glauben, der Geschichte meistert,
Jahrhunderte solln strahlen, ihnen danken
Wird der Chronist am Weltend noch begeistert,
Denn wo auf Gottes unbedingten Willen
Sich das Geschlecht in reinster Liebe gründet,
Vollzieht die Schöpfung sich im heimlich Stillen,
Die schließlich in den Strom der Welten mündet.
 

 

486
 
Siebente Szene.
Heinrich, Margarete, Albrecht, Burkhard, Priester, Martha, Geiger.

GEIGER: Nun wie? Ein Lied zum träumerischen Ende?
Ich hab doch ein Gespür für solche Szenen,
Das Publikum hebt nicht im Zorn die Hände,
Wenn wir die Mär ein bißchen überdehnen.

MARGARETE: Ich hab dir übel mitgespielt, Beherzter,
Du warst mir Trost, der einzge oft in Jahren,
Drum bitt ich neu nach Freundschaft, bös verscherzter,
Die Reue mehrts, wird so viel Glück erfahren.

HEINRICH:
Auch ich muß um Verzeihung nochmals bitten,
Den Kerl, der ehrbar, hält man nicht zum Narren,
Wos einem wohl, hat anderswer gelitten
Und nicht als Ochs spann man ihn vor den Karren.

GEIGER: O Margarete, glaub nicht, daß ich fluche
Dein Glück, und daß es meins nicht sollte werden,
Ich bin ein Gast in diesem Wunderbuche,
Verströme mich an manchem Ort auf Erden.
Ich fahre und dies schafft mir manchmal Weinen,
Wenns aussieht, als sollt stillestehn der Wandel,
Ums angestammte Los beneid ich keinen,
Weil ich mit Märn und dunklen Träumen handel.
Was hier geschieht und fort in vielen Tagen
Sind meiner Sphäre schillernde Akkorde,
Hälts Gram für gut, an meiner Seel zu nagen,
So glich doch Halten dem Begabungsmorde.
 

 

487
 
Auch du bist meinem Lied nur eine Note,
Ich danke dir, doch Heinrich drob nicht minder.
Ich weiß es nicht, von wannen ich der Bote,
Doch mancher wird in meiner Näh zum Finder.

PRIESTER:
In Gottes Welt geht manches durch die Wände,
Das uns gemahnt, daß blind wir seinem Wollen,
Drum falten wir in Demut unsre Hände
Und überblenden mit der Lieb das Grollen.

GEIGER:
Wenn schon die Orgel darf dem Paar nicht singen,
Weil dieser Ort die Mitte blieb dem Netze,
Soll doch die Geige uns am Ende klingen,
Denn sie kennt keine ausgewählten Plätze.
Sie ist ein Vogel, der im Offnen nistet,
Sie fliegt davon, wohin ist nicht zu wissen,
Wer weiß von solchem Schalk sich überlistet,
Sieht Anlaß nicht, die Klärung zu vermissen.

BURKHARD:
Zur Hochzeit meines Sohnes darf die Muse
Nicht ausgesperrt sein, ist er doch ihr Streiter,
Auch bebt der Braut, die stimmenfein, die Bluse,
Daß ihrem Ton die Saite dien als Leiter.

MARTHA: So spiele uns, du Vogel aus den Weiten,
Die wir nur manchmal angedeutet mögen,
Auch wenn wir durch die Eichenwälder schreiten,
Vertraun wir blind der Tragekunst der Bögen.
(Der Geiger spielt.)
 

 

488
 
MARGARETE (singt):
Die Nachtigall singt niemals auf der Weide,
Sie schlägt die Lieder stets im Haselstrauche,
Der Mann erkennt das Ziel nicht, daß er leide,
Jedoch das Weib erspürts im tiefen Bauche,
Die Lieb vereint das Nehmen mit dem Geben
So sehr, daß wir den Unterschied vergessen,
Und ihr beliebts, das Sagengarn zu weben,
Daß die darinstehn nicht mehr wissen, wessen.
Doch wenn das Garn auch löchrig werd und risse
Und im Betrachter Staub wird und Verfallen,
Das Haselvolk bleibt ewig das Gewisse,
Und auf den Zweigen singen Nachtigallen.
 

 

489
 


EREX SAGA
PARABEL





Gegen die Männerkrankheit der Selbstverachtung hilft es am sichersten, von einem klugen Weibe geliebt zu werden.

NIETZSCHE
 

 

490
 


PERSONEN
ARTUS, König von Britannien
GUINEVERE, seine Gemahlin
ELAINE, ihre Zofe
EREC, Prinz von Karnant
PELLEAS, Ritter
KORALUS, verarbter Edelmann
ENITE, seine Tochter
IDERS, Sohn des Niut
MALICLISIER, sein Zwerg
MABONAGRIN, ein Riese
RÄUBER, BRUNNEN, MÄDCHEN
 

 

491
 


PROLOG
KORALUS: Wie sich Korallen tief im Ozeane
Zur Reigen fügen, Reisigern und Riffen,
Hast du im Glanz des Ersten bei der Fahne
Noch nie den Fug des Rittertums begriffen.
Denn was mit Initialen auf Follianten
Gedruckt wird sind allein des Eisbergs Spitzen,
Drum richt den Blick auf all die Unbekannten,
Die wenig mehr als ihren Mut besitzen.
Sie tragen wie das Roß den stolzen Reiter
Den Glauben, daß die hohe Minne lohne,
Und sind die Sprossen einer Gnadenleiter,
Die Edelmut entrückt dem Gassenhohne.
Darum verfall vor dem Gestank Gemeiner
Nicht in den Wahn, nur Einzigart zu achten,
Die Einzigart hat in der Welt nur einer:
Der Sohn, den sie im Dornenkranz verlachten.
Doch wie am Kreuze klagten Fraun und Schwache,
So steht oft nicht im Licht die wahre Größe,
Der deutsche Mut ist keine schlichte Sache,
Und höchst Verschiednes kreißt der Schoß der Schöße.
Es soll nicht heißen, daß ich selbst mich rühme,
Wenn ich aus den bescheidnen Mauern trete,
Doch wie die Vielzahl Macht der Ungetüme,
Blühn Lilien auch im abgelegnen Beete.
Ich mach in diesem Stück nicht viel Getöse
Der Herr nahm mir die Eitelkeit des Reichen,
Doch eh ich mich von Form und Großmut löse,
Will eher ich noch diese Nacht erbleichen.
Mein Gram ist bloß mein Töchterchen in Lumpen,
Brokat stünd besser honigblondem Haare,
 

 

492
 
Sie rührt, wems Herz nicht nur ein roter Klumpen,
Doch daß ich sie behalt bis an die Bahre,
Erscheint mir Frevel, da sie doch geboren,
Dem Jungmann seine Bogenschnur zu spannen,
Deß Pfeile sich den Gral als Ziel erkoren,
Daß ohne Säumnis schnellen sie von dannen.
Nun meint man, den Berufnen zu erkennen,
Erdächt ich mir viel Prüfungen und Ränke,
Doch Gott allein kann mir den Namen nennen,
Weshalb ich nicht an große Umständ denke.
Ein Ritter, der von bösem Schimpf getrieben
Den Rat sucht, wie ein Gotteskampf entscheide,
Muß dabei wohl gewappnet sein und lieben,
Die Wehr, die Tochter schenke ich ihm beide.
Als würfe ichs ins Meer, so mag euchs scheinen,
Dies macht allein, daß ihr zu schwach im Glauben,
Ich weiß nur Dank und bin mit Gott im reinen,
Nur wer verschenkt, den kann man nicht berauben.
Geliehn ist alles, was uns ruft zur Pflege,
Und nackt erscheint der Fromme zum Gerichte,
Was aber wohl, das schick auf seine Wege,
Denn faul im Schuppen machts die Zeit zunichte.
Der Vorspann im Theater ruft den Narren,
Der gibt die Rüstung und des Hauses Seele,
Doch aus den Feldern, die vor Waffen starren,
Ich meinen Part und meine Unschuld stehle.
Ich sink zurück ins Meer der Namenlosen
Und weiß, ich gab den Tropfen Öl der Leuchte,
So wie ein Hauch, entströmt aus reifen Rosen
Die Sehnsucht trägt aus aller Lebensfeuchte.
 

 

493
 


ERSTER AUFZUG
In Wald von Karadigan.

Erste Szene
Guinevere, Elaine, Erec, Maliclisier, ein Mädchen.

GUINEVERE:
Ihr seid so still, Herr Erec, und ich glaube,
Ihr trauert, und der Grund ist leicht zu wissen,
Des Waidmanns Heil, das ich dem Jäger raube,
Schafft euch Verdruß und plagt mir das Gewissen.

EREC: O nein, die Freuden all in Wald und Heide
Erscheinen mir als Stein in einer Kirsche,
Denn schon allein der Duft von euerm Kleide
Ist holder als der herrlichste der Hirsche.
Was mich betrübt, das ist allein die Schande,
Daß ich so wenig tat, um euch zu frommen,
Drum streift mein Blick mit Ungeduld die Lande,
Es möge meine große Stunde kommen.

GUINEVERE (lacht):
Der Frühling, der euch neckt in allen Gliedern,
Meint wohl, ihr solltet eine Dame wählen,
Die frei ist, einen Reiter zu befiedern,
Der mögt ihr euern Minneleich erzählen.

EREC (betont ernst):
O Königin, nicht Leichtsinn spannt den Bogen
Der Jugend, die mir allzu unbefochten,
 

 

494
 
Ein Staubkorn bin ich gern und zugeflogen,
Wenn größere das Herz mir unterjochten.
Die Räusche, drin das Volk die Nacht verkleckert,
Erscheinen mir nicht wert, sie zu erwähnen,
Grad wie die Ziege auf der Weide meckert,
Tun jene, die verwechseln sich mit Schwänen.
Ich will nicht schlürfen, wo das ganz Sublime
Viel holder weiß, daß alle Gnade Dienen,
Der Christ sucht nicht die Wollust der Muslime,
Er sing am großen Wasser Melusinen.

GUINEVERE (deutet in die Ferne):
Es ist schon recht, doch seht ihr dort im Grunde,
Dort bei dem Zwergen stehn die junge Dame?
Sie ist so schön, ein Stern in dieser Stunde,
Ich wüßte allzugerne, wie ihr Name.

EREC: Ich will gleich reiten und den Zwerg befragen,
Befehl ist mir der Wunsch in euerm Sinne,
Unkenntnis soll euch länger nicht benagen,
Drum will ich sehn, daß Kunde ich gewinne.

GUINEVERE: Nein, junger Herr, ich habe keine Nöte
Daß euer Schlachtroß sich dazu bemühte,
Daß meine Zofe ihren Gruß entböte,
Scheint passender zu dieser Märzenblüte.
Darum Elaine, geht in dieses Lager
Und fragt den Zwergen, wer des Mädchens Ritter.
Gewißlich ist nicht fern der junge Wager,
Und meine Neugier seinem Stolz nicht bitter.
(Elaine geht zu dem Zwerg mit dem Mädchen.)
 

 

495
 
ELAINE (zu Maliclisier):
Bei Gott, ich grüß euch freundlich und bescheiden,
Ihr dient gewißlich einem großen Helden,
Des Mädchens Schönheit viele Fraun beneiden,
Ich möcht den Namen meiner Herrin melden.

MALICLISIER:
Verschwinde bloß du unverschämte Dirne!
Daß dir die Lust vergeh herumzuschwätzen,
Trag dieses Zeichen an der Torenstirne
Und säum nicht, deiner Herrin das zu petzen.
(Er schlägt die Zofe mit der Peitsche.)

EREC (läuft zu Fuß in die Szene):
Was tut ihr da? Das arme Kind zu schlagen,
Ist bös. Sie sprach euch höflich und gesittet.
Was geht ihr einem Mädchen an den Kragen,
Und noch dazu wenns freundlich grüßt und bittet?

MELICLISTER:
Du Tölpel sollst sogleich ihr Schicksal teilen
Wie ihre Blödheit und ihr freches Gucken!
Ich hoff, ihr werdet dann zum Teufel eilen,
Daß mir nicht wag ein Dritter aufzumucken.
(Er versetzt Erec ebenfalls einen Hieb.)

EREC (weicht zurück, für sich):
Es wäre höchlich unklug sich zu schlagen,
Ich hab kein Schwert und bin ganz ungerüstet,
Es frommt allein dem Torn, sofort zu wagen,
Was seinem Stolz und seinem Grimm gelüstet.
(geht mit dem Mädchen zur Königin zurück)
 

 

496
 
Es wäre unnütz, wenn ich frech bestritte,
Was euren Augen hat sich dargeboten,
In eurer und in eurer Damen Mitte
Hat man mich um die Ritterehr betrogen.
Ich bin vernichtet und die heiße Wunde,
Verlangt sofort mir Waffen zu verschaffen,
Darum entlaßt mich noch in dieser Stunde,
Erlaubt dem Knecht, sich zornig aufzuraffen.
Eh ich den Ritter dieses Zwergs nicht fegte
Vom Pferd und danach schlug mit meinem Schwerte,
Erlaubt der Schatten, der sich auf mich legte,
Nicht daß ich irgendetwas sonst begehrte.
Eh ich nicht wiederfand zu meiner Ehre,
Kann ich kein Stückchen Brot am Hofe kauen
Darum erlaubt, daß ich mich ehrbar wehre
Und ihn verfolg und jag in allen Gauen.

GUINEVERE:
Mir ist nicht wohl, euch ohn Verzug zu lassen,
Allein ich kann die Bitte nicht versagen,
Mag sie auch nicht in meine Hoffnung passen,
Kein Mensch verwehrt dem Wunden sich zu schlagen.
Gott wollte, daß der Frieden dieser Stille
Höchst unverhofft sich wandle zu Gefahren,
Nicht unserm Plane fügt sich dieser Wille,
Obgleich wir ohne Arg und Jähzorn waren.
So zieht, doch kehret wieder mit dem Monde
Zur Tafel in den wohlbewehrten Mauern,
Wenn euch das Glück in dieser Frist nicht lohnte,
So werd ich mit dem ganzen Hofstaat trauern.
(Alle ab.)
 

 

497
 
Zweite Szene.
Guinevere, Elaine, Pelleas.

GUINEVERE (mit Elaine auftretend):
Die Rotwildjagd beschäftigt uns seit Tagen,
Als hätten wir noch Wand frei für Trophäen,
Mir scheint, als wolle sich die Runde plagen,
Den Hirschgeweihe dieses Lands zu mähen.
Der Gatte schläft im Wald bei seinen Rittern,
Die Burg faßt nur noch Alter und Gebrechen,
Ich fühl mich wie ein Vogel hinter Gittern,
Ich leide lieber Würfelspiel und Zechen.

ELAINE: Seht dort, Pelleas, naht sich aus dem Osten,
Vielleicht weiß er von Erec zu berichten,
Ich lade ihn, von unserm Wein zu kosten,
Dann wird sich die Erinnerung ihm lichten.

GUINEVERE: So bitte, daß wir kurzerhand erfahren,
Der hehre Strauß sei furchtbar schiefgegangen.

ELAINE: O nein, er wird uns herrlich offenbaren,
Daß große Taten unserm Held gelangen.

PELLEAS: Gott schütze unsre Königin und mache
Daß stets sie bleib so jung und froh zu schauen.

GUINEVERE:
Willkommen froher Held am Zweifelsbache,
Wir rasten hier und freuen uns der Auen.

PELLEAS: Gefährlich ists so fern von dem Palaste.
Gibts keinen Ritter, der die Fraun begleitet?
 

 

498
 
GUINEVERE: Ja, Erec mit der scharlachroten Quaste
Hat unsern Zug durch Wald und Feld geleitet.
Doch leider hat ein Winzling sich erdreistet,
Dem jungen Herrn die Wange zu beschmutzen,
Weshalb er einen Waffengang sich leistet,
Ich denk, die Kunde ist zu euch gedrungen.

PELLEAS: O ja, ich hörte manches von der Sache,
Ein stolzer Ritter ist der Herr des Zwergen,
Gefährlich, daß man ihn zum Feind sich mache,
So spricht man hier und hinter sieben Bergen.
Sein Name Iders steht für forsches Reiten,
Genaue Lanzen und die Wucht im Schlagen,
Seit Jahren will, mit seinem Sinn zu streiten,
Landauf landab noch kaum ein Heißsporn wagen.
Der Herzog von Tulmein setzt einen Sperber
Als Schönheitspreis der Freundin einem Tjoste,
In diesem Jahr man dacht gäbs keinen Werber,
Ein solcher wär auch sicher nicht bei Troste.
Schon zweimal ging an Iders die Trophäe,
Im dritten Jahr soll er sie ganz behalten,
Jedoch nun hört, daß Erec in die Nähe
Hat sich gewagt, um eines Kampfs zu walten.
Der währt nun schon den zweiten Tag verbissen,
Und Tod und Leben um die Herrschaft streiten,
Die Lanzen und die Schilde, die verschlissen,
Sie sind ein Berg, recht lang darumzureiten.
Zur Stunde ist der Ausgang völlig offen,
Erschöpfung, Ruhe und dann neues Wüten,
Wer solche Schlacht noch niemals angetroffen,
Der meint, dies gäbs in Märn nur oder Mythen.
Drum seid bereit für alles Wohl und Wehe,
Was auch geschieht, wir werden es erfahren.
 

 

499
 
GUINEVERE:
Was ihr da sagt, wie ichs auch wend und drehe,
Die Zweifel mehren sich zu dichten Scharen.
Herr Erec will den Schönheitspreis erfechten?
Soweit ich weiß, hat er der Freundin keine.

PELLEAS:
Grad wie um hier den Handlungsstrang zu flechten,
Gab hier Koralus, den ich traf, das seine.
Der Edelmann, verarmt durch böse Ränke,
Nahm Erec auf und sahs als Gottes Winken,
Daß er ihm seine holde Tochter schenke,
Und Waffen, die wie frisch geschmiedet blinken.
So fügte sich, daß jäh der Unbehauste
Zum Fordrer ward, zur Spannung im Turniere,
Doch wie das Glück an seine Seite sauste,
Mags sein, daß er es ebenschnell verliere.

GUINEVERE: So ist es also wahr, daß unerschrocken
Der Junge kämpft um die beschämte Milde,
Und während wir im Frühlingsflöten hocken,
Strömt harter Schweiß ins Wappenblech der Schilde.

PELLEAS: Darüberhin, es häufen sich die Wunden,
Wird ohne Gnade bis zum Schluß gefochten,
Die Hölle weiß, was gestern sie geschunden,
Eh heute neu die Streiterpulse pochten.

GUINEVERE: Dies ist niemals die Sitte von Turnieren,
Der Herzog sollte diese Schmach beenden,
Denn wenn die Ritter bärengleich vertieren,
Dann harft kein Minnesänger drum Legenden.
 

 

500
 
PELLEAS: Dies mag so sein, jedoch vom Waffenspiele
Zum Glaubensstreit ists oft nur eine Elle,
Der Herr allein weiß die geheimen Ziele,
Und kennt die Dauer wie das Allzuschnelle.

ELAINE: So laßt uns beten, daß in diesem Falle
Sich alles füg, wie es zu Wohl und Sitte,
Und uns vertraun, daß unsre Schritte alle
Der Heiland lenkt, der stets in unsrer Mitte.


Dritte Szene.
Artus und Iwein treten auf.

IWEIN: Gelobt sei Gott. Daß ich mit froher Kunde
Die Herrin darf beglücken, macht mich heiter.
Nicht länger sollt ihr warten eine Stunde,
Denn ausgejagt der letzte hat der Streiter.
Der König, Ruhm der Ritterschaft, den preisen
Noch Zeiten werden, die uns ganz verschieden,
Der nicht nur Heer und Land und Hof zu weisen
Vermag, hat sich zu neuer Ehr beschieden.
Die Tafelrunde, jagdlich wohl erfahren,
Brach auf und jedem diente Gott zum Glücke.
Jedoch so groß auch ihre Taten waren,
Zum Preis des Siegers klaffte eine Lücke.
Kein Hirschgeweih war so das kapitale
Wie jenes, das die Knappen nun betrachten,
So etwas sieht der Mensch nur seltne Male,
Selbst wenn ihn stark und flink die Gaben machten.
Hört, Artus, der den Preis der Jagd errungen,
Hat nichts geschont, sich selbst zu überragen,
 

 

501
 
Drum werde ihm ein neues Lied gesungen,
Dem Ausharrn, dem Entscheiden und dem Wagen.

GUINEVERE:
Dies stimmt mich froh und scheint ein gutes Zeichen
Für alles was noch frei und unentschieden,
Mög alles Dunkel von dem Lande weichen,
Auf daß das Glück beständig sei im Frieden.

ARTUS:
Der Brauch sagt, daß der Sieger von den Maiden
Die schönste küßt, ich hoff, die alte Sitte
Wird euch am Fest die Freude nicht verleiden,
Denn Schmerz ist mir, was euer Wohl bestritte.

GUINEVERE:
O nein, die Huld die dauernd ihr bewiesen,
Vertrüg sich nicht mit eitlem Spielverderben,
Nicht frommt dem Ruhm, aus Rücksicht zu vermiesen,
Was Adel sich verschafft in seinem Werden.
Nicht jene, die der Ehrn und Würden meiste
Auf sich vereint, soll eure Wahl beglücken,
Die Unschuld, die von Eitelkeiten freiste,
Sollt ihr ins Licht des ganzen Hofstaats rücken.
Ihr wäret in der Sache gut beraten,
Vertrautet ihr dem Blick, der Frauen eigen,
Denn schaut ihr unbestechlich auch bei Taten,
Will ich mich hier als beßrer Richter zeigen.
Nicht alles, was dem Aug gefällt und leuchtet,
Ist auch ein Bronnen, der von reinem Grunde,
Drum hört, eh ihr die Lippen euch befeuchtet,
Die tiefre Weisheit an aus meinem Munde.
 

 

502
 
ARTUS: Die Rede zeugte Weisheit zur Genüge,
Wüßt ich nicht lang, daß euer Rat der beste,
Drum sparet nicht mit Reife und mit Rüge,
Daß wir uns alle freun an diesem Feste.

GUINEVERE: Ich bin in Sorg um Erec, meinen Ritter,
Drum bitte ich um Aufschub von zwei Tagen,
Sein Schicksal ist im Aug mir arger Splitter,
Nach seinem Streit laßt mich zur Sache sagen.

ARTUS: Was streitet er, der euerm Schutz befohlen,
Mit scheint der Junge völlig pflichtvergessen.
Warum hat man mir den Verrat verhohlen,
Der mir verleidet Jagd wie Trank und Essen?

GUINEVERE: Verzeihet, daß die übergroße Tücke
Mich hinderte, des Rats von euch zu harren,
Nicht rief den Held die Sucht nach großem Glücke,
Ich sah sein Aug in größten Schmerzen starren.
Ein Zwerg, bedenkt o König, nicht ein Gleicher
Hat ihn erniedrigt, wüst und heidenartig,
Der Schlag von einem Waschweib wäre weicher,
Denn sein Gesicht war grindig wund und schartig.
Ich sah es selbst und alle meine Damen
Beschämte dies, daß ich den Wunsch nach Rache
Gewährte, denn an seinem edlen Namen
Klebt Schmutz, und Blut allein wäscht diese Sache.

ARTUS: Ists so, so hab der Edle meinen Segen,
Gut soll sich ihm der Waffengang entscheiden,
Der Herr der Himmel mög das Los bewegen,
Daß ihn als Sieger alle hier beneiden.
 

 

503
 
Vierte Szene.
Iders tritt auf.

IDERS: Ich such den Hof Karadigan, ihr Jäger.
Weist mir den Weg, ich bitt euch, nach dem Throne.
Ein Herold in der Schlacht bewegt sich träger
Als ich, der ich in Wind und Wetter wohne.

PELLEAS: Gott führte auf den rechten Weg, der Recke,
Den jeder Ritter preist, ist hier zugegen,
Denn unser Herr mißt aller Sehnsucht Strecke,
Und wer ihn trifft, der danke für den Segen.

IDERS: Ich dank euch, doch der Königin zu fronen,
Bin ich gesandt, drum sagt mir ohne Säumen,
Welch Weg soll mir und meinem Pferde lohnen
Zu ihr, von der die Schmerzgeplagten träumen.

PELLEAS: Sie ebenso, ihr müßt vom langen Reiten
Ganz blind sein, ihren Glanz zu übersehen,
Gibts weise Fraun auch in verschiednen Zeiten,
Wirst du doch nie vor einer weisern stehen.

IDERS (tritt zu Guinevere)
Herr Erec, dessen Gnad mein Leben eigen,
Befiehlt mir, ganz in euerm Dienst zu fronen,
Ihr mögt mir Haus und meine Pflichten zeigen
Und einzig euer Wohl soll mich belohnen.

GUINEVERE:
Ist es verpönt, den Boten schlechter Dinge
Zu strafen, ist es wohl erlaubt, dem zweiten,
 

 

504
 
Der uns von Sieg und Glück die Nachricht bringe,
Ein Gran davon als Finderlohn zu breiten.
Ich bin in dieser Stunde so beschenket,
Daß ich euch heiße, euch zum Fest zu kleiden,
Wenn ihr verwirrt die Königin euch denket,
Bin ich bereit, dies ohne Klag zu leiden.

ARTUS: Mag auch die Queen vor Freude fast erblinden,
Daß sie dem Feind vergibt mit Christi Milde,
So müßt ihr freilich euren Zwergen schinden,
Der wie ein Schmutzfleck klebt an eurem Schilde.

IDERS: Dies ist geschehn, und kann es nicht genügen,
Erlaubt dem Herrn, die Schmerzen auszuhalten,
Denn meine Hoffahrt wußte es zu fügen,
Daß meine Diener übelsittig walten.

ARTUS: Sodann, wenn diese Sache ist bereinigt,
Erzählt uns von dem Strauß, der euch gedungen,
Euch wird im Land viel Tapferkeit bescheinigt,
Drum sagt, wie kams, daß Erec euch bezwungen.

IDERS:
Mein Stolz hat mich in dieser Schlacht geschlagen,
Ich höhnte dreist, ich gäbe kein Erbarmen,
Mein Gegner mußte nicht nach Wegen fragen,
Wie er den Leib behalt als einen warmen.
Wenn aber einer so, die Wand im Rücken,
Im Felde steht, nicht weichen kann und wimmern,
Wird Gott das Schwert mit Überkräften schmücken,
Aus einem Holzscheit einen Rammbock zimmern.
Und doch, geschah mein Freveln aus der Minne,
 

 

505
 
Mein Lieb, da galt mir Hölle nichts und Himmel,
Ihr zu gefallen, ließ ich Sinn und Sinne,
Umflochten wie der Rotfußpilz im Schimmel.

GUINEVERE:
Ich kann die Schönheit dieser Maid versichern,
Ich sah sie, was der Anlaß ward zum Kampfe,
Nicht selten kommts, daß meine Damen kichern,
Hier schwiegen sie, als tönte Sängers Klampfe.

ARTUS: Ich muß das Mädchen unverzüglich schauen,
Den Preis zu küren, ward mir aufgebürdet,
Drum Königin dem Blick, dem höchst genauen,
Wärs gut, wenn ihr die Freundin fordern würdet.

IDERS: Herr König, dies ist unnütz, weil entschieden
Hat doch der Sperberkampf, weß Dame lichter,
Steigt Gottes Geist im Schwerterklang hernieden,
Brauchts keinen zweiten königlichen Richter.
Drum schaut das Kind, zu dessen Preisgesange
Hieb Erec Tag und Stunde mir die Kräfte,
Ich weigerte mich dies zu glauben lange,
Doch steter Stoß zerbricht die Lanzenschäfte.

GUINEVERE:
Ja in der Tat, wo bleib der, den ihr kündigt?
Hat er den Weg nach Hause nicht gefunden?
Ists möglich, daß er wider mich gesündigt
Und ausbleibt, wo die Not schon überwunden?

IDERS: Dem Vater seiner holden Braut zu Ehren,
Bleibt er noch eine Nacht in dessen Klause,
 

 

506
 
Bedenkt, die Tränen sind nicht leicht zu wehren,
Weicht ihm die einzge Tochter aus dem Hause.
(Es wird mählich dunkel.)

ARTUS: So laßt uns in der Au das Lager schichten,
Der neue Tag wird Erec froh begrüßen,
Sein Nahn wird unserm Aug sofort berichten,
Was er gewann am Wonnigen und Süßen.
Es läßt sich viel vermuten und ersinnen
Im Dämmer, wo die Weisheit Wahn verfärbte,
Doch wie vom Tag des beste das Beginnen,
Den Thron der Nacht auch stets der Morgen erbte.
(Alle ab. Es wird ganz dunkel und dann nach geraumer
Weile wieder hell.)



Fünfte Szene.
Erec, Enite, dann Iders und Guinevere.

EREC: Wer früher aufsteht, schafft so manche Meile,
Derweil die andern noch im Traume dämmern,
Und also ist der Mann erwählt vom Heile,
Der vor dem Wolfe ankommt bei den Lämmern.
Nicht weit mehr bis zur Burg, in dieser Aue
Traf mich der Zwerg, wie schauerlich und ferne,
Ich ging den Weg, weil ich nicht rückwärts schaue,
Und heute grade mit dem Morgensterne.

ENITE: Wenns nicht mehr weit, so laß uns etwas rasten
Im Grase hier, eh wir die Burg erklimmen,
Mir scheint, das wir das Minneglück verpaßten,
Wenn wir uns so auf deine Herrin trimmen.
 

 

507
 
EREC: Ach fürchte nichts, sie wird dich sicher mögen,
Ihr guter Geist sandt mich zu deinem Vater,
Das hohe Schloß mit seinen stolzen Bögen
Macht dich zufrieden, wie der Herd den Kater.
Doch will ich etwas bleiben zu betrachten
Die Schöne, die mir fast wie zugeflogen,
Den Genien, die an deiner Wiege wachten,
War ganz gewiß der Höchste sehr gewogen.

ENITE: Du hast gekämpft, gestritten wie ein Tiger.
War dies um mich? Ich kann es gar nicht glauben.
Mein Vater wußt, er brachte mich dem Sieger.
Der innern Stimme traut er wie die Tauben.

IDERS (tritt mit der Königin auf)
Ich hört sie gleich, o Herrin meiner Schande,
Nun sagt: Hab ich zu Unrecht euch gewecket?
Der Blutzoll hinterläßt die stärksten Bande,
Sogar im Traum in mir der Stachel stecket.

GUINEVERE: Ich grüße Erec hier zur rechten Stunde,
Eur Bote brachte Frohsinn in die Herzen.

EREC: Der Platz am Bach ist seltsam uns im Bunde,
Vielleicht, ein Geist, der wagt mit uns zu scherzen.
So seid gegrüßt, ich hab mit euerm Segen,
Die Frau errungen, die es ohne Zagen
Gewagt, das Herz auf dieses Schwert zu legen,
Für sie und euch will ich noch alles wagen.

GUINEVERE:
Koralus' Tochter scheint nicht zu vergleichen,
 

 

508
 
Zwar Iders Mädchen hat sie angedeutet,
Nun will ich eine Mutterhand ihr reichen,
Der König hat den größten Hirsch erbeutet.
Ich sag das, weil damit das Recht verbunden,
Die schönste Maid im ganzen Land zu küssen.
Bedeutet dies für deine Seele Wunden,
Wirst du recht rasch das Land verlassen müssen.

EREC: Was sagt ihr, Königin, zu diesem Brauche?
Wenn ihr ihn gutheißt, taugt er mir zur Ehre,
Auch wenn ich ein paar Tage untertauche,
Bleibts, daß ich nichts als Dienst für euch begehre.

GUINEVERE:
Ich halt es für den eitlen Sinn des Gecken,
Die Bräuche, die jahrhundertalt, zu schelten,
Des Königs Tun gehorcht nicht niedern Zwecken,
Und darum hat er jedes Recht der Welten.

EREC: Und du, Enite? Ist des Königs Lippe
Der Jungfrau schändlich, daß wir sollten fliehen?
Ich weiß, der Herr schuf dich aus meiner Rippe,
Doch auch, die Frage hast du schon verziehen.

ENITE: Mein Herr, mein Ritter, der mit Todverachtung
Dem Stärksten trotzte, nur um mich zu preisen,
Ich stünde wohl in eines Wahns Umnachtung,
Würd ich die kleine Geste von mir weisen.

GUINEVERE:
Nun gut. Doch rasch, bevor der König munter:
Die Kleider sind zerlumpft und ohne Würde,
 

 

509
 
Ich geb euch etwas drüber, etwas drunter
Und merze aus euch jede Armutsbürde.
Genug ist da für Würdige auf Reisen,
Ich wähle selbst, wie euch bedeckt die Zofe,
Dann wird nicht nur der König auf euch weisen,
Denn schönste seid gewißlich ihr am Hofe.
(Mit Enite ab.)


Sechste Szene.
Artus, Erec, später Enite, Guineneve
und alles Gefolge.

ARTUS:
Zwar meint die Queen beständig, daß ich schliefe,
Doch bin ich wach und hör, was rings gesprochen,
Dies macht, weil ich in die Geheimarchive
Noch niemals als ein Tollpatsch bin gebrochen.

EREC: Mein König, solche Ränk mir zu vertrauen,
Ist unrecht, denn ich bin der Herrin Ritter,
Läßt mich der Gatte in die Karten schauen,
So wird mein Herz ein höchst verwirrter Zwitter.

ARTUS: Ihr seid ein Mann. Als solcher müßt die Frauen
Ihr nehmen wie sie sind nicht wie geträumet,
Wer schweigen lernt und auch genau zu schauen,
In jeder Welt zuletzt das Schlachtfeld räumet.
Drum hütet euch vor dürren Idealen,
Sie sind der Anfang aller Narreteien,
Wie tiefer schaut und dabei schont die Schalen,
Der wird mit sich auch seine Frau befreien.
 

 

510
 
Der Kluge erntet stets die reichsten Wunder,
Die sind ganz anders als der Schein des Neuen,
Der Narr jedoch verzehrt sich wie der Zunder,
Der nichts behält, um später sich zu freuen.

EREC: Vielleicht, daß älter ich die Weisheit spüre,
Jetzt stehe ich dem Reich des Zunders näher,
Geb Gott, daß ich dereinst ein Leben führe,
Das Hasel austreut wie der Eichelhäher.

ARTUS: Bleibt offen für des Herrn geheime Winke,
Dann wird sich euer Walten trefflich fügen,
Und schließlich geben Genien sich die Klinke,
Denn Weisheit ist das Gegenteil vom Lügen.

EREC: Ich dachte grad, ich wär nach Haus gekommen,
Ihr aber hier verheißt mir große Fahrten,
Doch herzuziehn, bis Jugendkraft verglommen –
Steht nicht Gefahr, im Fernweh zu entarten?

ARTUS: Es gibt so viel Gefahrn wie Jahrestage,
Und Gnade ists, wenn wir uns nicht verlaufen,
Was einmal Nutz, das ist zum andern Plage,
Und um zu fahrn, ists nötig, zu verschnaufen.
Mein leichtes Wort will keinen Grübler machen,
Vertraut, daß ihr das Rechte werdet finden,
Doch sich zu wehrn und auch darob zu lachen,
Kann kein Gebot und keine Treu entbinden.
Seid wacker und gemach dem Unverhofften
Und folgt den Zeichen, die euch deutlich scheinen,
Wie Gottes Pläne sich für euch verstofften,
Darüber seid ihr uralt erst im reinen.
 

 

511
 
Glaub niemals, eure Seelentiefe hätte
Nichts, was ihr habet längst bei Licht besehen,
Und euer Weib ist eines Weltwinds Stätte,
Und Boden manchen Samens aufzugehen.
Wer auslernt, ruft nur noch nach einem Schreiner
Der seinen Sarg mißt und ihn dann bescheidet,
Es sei gewiß der allerschönsten einer,
Daß jeder Tote ihn fortan beneidet.
Wer aber lernt, der hat um sich nicht Eiche,
Die Haut ist dünn und wund sind seine Lenden,
Und höchst verschieden von der schönen Leiche,
Kommt sein Gehäuse nie aus Meisterhänden.

EREC: Mein Vater sandte mich in diese Winde,
Um Sinn und Sitte Rittertums zu lernen,
Wenn ich mein Leben an Enite binde,
Mag ich mich länger nicht von ihm entfernen.
Er wartet sicher und er schaut nach Westen,
Kommt nicht der Sohn im Sonnenschein geritten,
Ich mein, es stünd im Herz mir nicht zum besten,
Wär mir egal, was er darum gelitten.
Drum will ich meine Braut zum Vater führen,
Die Jahre gehn, er wird wohl bald zum Greise,
Mein nächster Ritt will Heimaterde spüren,
Wie immer Gott gelegt hat meine Gleise.
Dort hab ich meinen Grund und meine Quellen,
Dort spricht der Bach die seltsamsten Geschichten,
Dort muß ich meine Weiser nicht erst stellen
Und meine Schritte täglich neu gewichten.

ARTUS: Dies ist vortrefflich. Aber schaut, es grüßen
Uns das Gefolge und die schönen Frauen,
 

 

512
 
Und von den Stunden, von den honigsüßen,
Ist eine die, wo wir dem Volke trauen.
Nun wird die Jagd von Hörnern abgeblasen,
Die Queen vertraut mir, wen ich ruf zum Kusse,
Und Blumen streun die Mädchen auf den Rasen,
Daß sanft wir uns berührn zum guten Schlusse.
Ich hab die Freudenfeuer schon gerochen,
Die Braten sollen schmoren, und die Fässer
Solln hergerollt sein und gleich angestochen,
Nach gutem Trunke rasch verlangts den Esser.
Wir müssen feiern, denn der Weisheit letzte
Ist Lob von allem, was der Herr uns machte,
Denn also überwältigt das Gesetzte,
Weil jeder seinen Teil der Ernte brachte.
Dies ist der Jäger und zuerst der Minner,
Denn Minne ist der Urgrund aller Werke,
Drum geh der frisch Verlobte und Beginner,
Daß er sich selbst und seine Gattin stärke.
 

 

513
 


ZWEITER AUFZUG
Im Wald von von Karnant

Erste Szene.
Zwei Knappen.

ERSTER:
Hallo, was fauchst du Blondschopf wie ein Drache,
Dem man sein Gold zu tragen hat befohlen?

ZWEITER:
Das Gold des Drachen? Daß ich da nicht lache,
Nur Eisen läßt man seinen Knappen holen.
Ich komm vom Schmied, du hasts nicht so gewichtig.
Was hat man dir zu schaffen aufgetragen?

ERSTER:
Die Schwerkraft schätzt du ohne Zweifel richtig,
Narzissen gibts und nichts für meinen Magen.

ZWEITER: Was für ein Luxus! Stehn vom Immergrüne
Nicht Blüten reihenweise an der Mauer?
So viele Fraun krieg nicht einmal der Kühne,
Der sonn- wie werktags tief vergräbt die Hauer.

ERSTER:
Grad mal zur Messe braucht er Wams und Schuhe,
Vielleicht auch zwischendurch zum Atzungszwecke,
Vom König weiß man nur, er pfegt die Ruhe,
Und seine Kurzweil ist allein die Schnecke.
 

 

514
 
ZWEITER: Die muß es faustdick hintern Ohren haben,
Das hält doch keine durch, sei sie auch läufig,
Nicht nur die Tauben, selbst am First die Raben
Sind ohne Rat: Wer brauchte's je so häufig?

ERSTER: Und bei Gericht nur Hörner und Fanfaren,
Der Richter fehlte wie beim letzten Male,
Vorbei die Zeiten, wo Turniere waren,
Stets aufgeräumt ist es im Rittersaale.

ZWEITER: Es wars im Stalle eng und winterwärmer,
Eh viele zogen fort wie mit dem Winde,
Wir sind nun hier an Konkurrenten ärmer,
Doch immer dreister wird uns das Gesinde. (Ab.)

ERSTER: Es geht wies geht und eine Weile lustig,
Doch irgendwann ists nicht mehr zu erzählen,
Zwar keine schweren Lanzen schleppen mußt ich,
Jedoch die Magd hieß mich die Bohnen schälen.
Ganz ohne König fällt die Ritterknute,
Dann fällt der Knappe und zuletzt der Bauer,
Mir wird ganz angst und bang dabei zumute,
Die Milch am Hof ist dick und nicht nur sauer. (Ab.)


Zweite Szene.
Enite, als Knappe verkleidet.

ENITE: Nun ist er fort. Das Tuscheln oder Starren,
Dies hält kein Stein aus und auch keine Säule,
Ein jeder Blick bewies, daß man für Narren
Uns hielt und unsre Burg für blanke Fäule.
 

 

515
 
Vielleicht ists Neid, vielleicht ists recht zu sagen,
Daß wir den Spaß gewaltig übertrieben,
Doch endet nicht die Eh das keusche Zagen?
Und ist es nicht Gebot, sich eng zu lieben?
Es sei wies sei, er nahm ganz leis die Waffen
Und stahl sich nachts von seiner Burg zur Heide,
Die Spur war mir nicht einfach zu verschaffen,
Doch eh ich ganz in Sorg und Trübsal scheide,
Gelangs mir für die Täuschung mich zu kleiden,
Ein Pferd zu finden, das mir ungefährlich,
Ich sah ihn grübeln an den Trauerweiden,
Nun gilts Beweis, daß ich ganz unentbehrlich.
Er ist Gesellschaft kaum recht aufgeschlossen
Und weiß auch nicht, wohin er reiten sollte,
Noch sieht man, daß mir Tränenströme flossen,
Daß er so wortlos floh und böse grollte.
So kann ich ihm begegnen nicht und fragen,
Er würde die Verstellung rasch bemerken,
Drum muß ich Dank zu der Entfernung sagen,
Die achten läßt, wie er bei seinen Werken.
Grad tut er wenig, rauft den Bart und tätschelt
Die Bäume, deren Festheit ihm entgangen,
Er hält sich wohl für feige und verhätschelt
Und darf mich so gewißlich nicht empfangen.
Mir gehts kaum anders und ich stapf im Grase
Zwar leise, doch ich acht kein Vogelsingen,
Nicht weiß ich, welchem Jäger ich der Hase,
Und wags auch nicht, zur Tat mich durchzuringen.
Da sieh! Jetzt wär ich fast recht tief gefallen.
Mir scheint, hier eine Bärengrube lauert.
Man sieht sie nicht, und ein Verhängnis allen
Ist dieses Loch, gegraben und gemauert.
 

 

516
 
Eh ich ihr ausweich, sieh, der holde Gatte,
Am Weiher wirft er Steine in die Brühe,
Nun wellt und kräuselt wachsend sich das Glatte,
Zu ihm zu gehn, ists ganz gewiß zu frühe.
Doch da! Ein Räuber tritt mit seinem Schwerte
An ihn heran, und schon ist nichts zu machen:
Entwaffnet und gefangen der Begehrte,
Ein König, der am Stricke folgt dem Drachen!
Was soll ich tun? Wohin wird er ihn führen?
Gewiß in seine Höhle, gräßlich finster.
O Herrgott hilf! Jed Lob soll dir gebühren!
Die Erle schweigt und ebenso der Ginster.
Ich muß doch etwas tun, und also rufe
Ich laut, sehr laut: Ich hab das Gold gefunden!
Und sieh, der Räuber lenkt schon seine Hufe
Dorthin, wohin ich ihn lenke unumwunden.
Das Gold! Es ist viel mehr als wir uns dachten,
Die Heiden müssen es vergraben haben,
Hol Knechte her, die Beute auszuschlachten!
Ich hör den Räuber immer schneller traben.
Gleich ist er hier, im Goldrausch blind geworden,
Er merkt nicht, was ihm droht zu seinem Wehe.
Der Sturz mit Pferd wird den Bedränger morden,
Nun hoff ich, daß dem Gatten nichts geschehe.
Er hängt an einem Seil und wehrt sich reichlich,
O Gott gibt Halt bei diesem straffen Zuge,
Nun naht sich die Entscheidung unausweichlich.
Nur wenig Trab entfernt ihn noch vom Truge.
Und da! Es kracht! Der Reiter stürzt ins Dunkel.
Ich eile, den Gefesselten zu lösen,
Ein scharfer Schnitt entfernt uns das Verrunkel,
Und leichter geht sichs losgelöst vom Bösen.
 

 

517
 
Dritte Szene.
Erec, Enite.

EREC: Das war sehr knapp. Was tatet ihr am Weiher?
Und ist hier Gold, wie ihr so laut gerufen?

ENITE: Der Räuber folgte eselbrav der Leier,
Die Nöte warns, die auch die List uns schufen.

EREC: Wie wußtet ihr von diesem Hexenkessel,
Der tief, auch einen König zu bezwingen?

ENITE: Mein Ritter starb in dieser bösen Fessel,
Erbarmungslos sind doch des Schicksals Schlingen.
Nun bin ich Knappe ohne Dienst und Wappen,
Will nicht ein andrer Ritter mich bestallen,
So schwing ich mich voll Schwermut auf den Rappen,
Um auf der Stell dem Herren nachzufallen.
Doch grad als ich die schwere Sünd bedachte,
Seh ich eur Leid am Stricke des Halunken,
Darum ich wieder scharf die Falle machte,
Damit sie euerm Glück ein Hoffnungsfunken.

EREC: Wenn euer Ritter also ist ist gestorben,
War euer Dienst zuletzt recht wenig nütze,
Drum schwant Verdacht, daß gleicherart verdorben
Ich werde, wenn ich schlechte Diener schütze.

ENITE: Schuldfrei der Knappe, der nach Gartennelken
Ins Dorf ging für des Ritters heiße Minne,
Wo die allein und ungereicht verwelken,
Ich nun als Lohn den Mordverdacht gewinne.
 

 

518
 
EREC: Dacht ich mirs doch, allein die Lust der Frauen,
Ist schuld am Tod und am Verlust der Ehre,
Drum Frauenwünschen immer zu mißtrauen,
Ich hiermit euch zu allererst belehre.

ENITE: Ich weiß von Frauen nichts und ich besorge,
Nur was mein Ritter mir benennt als Pflichten,
Ob er sich damit Heil und Segen borge,
Steht mir nicht an, zu klagen und zu richten.
Bevor wir aber weiter dies vertiefen,
So rat ich, daß der Magen erst sich fülle,
Des meinen Miene zeigt sich so im Schiefen,
Als ob der Wind ein Pergament zerknülle.
Ich fing beim Hergehn wohlgenährte Barsche,
Ein kleines Feuer soll mir rasch gedeihen,
Wenn ich entfern das Sperrige und Harsche,
Sagt ihr gewiß, daß sie vorzüglich seien.

EREC: Wohlan, wir lagern, denn für das Profane
Ist so ein Knappe sinnvoll zu belasten,
Bin ich auch stolz, so huld ich nicht dem Wahne,
Der Mut erlaubte ungebrochnes Fasten.
(Setzt sich nieder und beginnt zu essen.)

ENITE (nach einer Weile):
Nehmt euer Schwert, es nahen weitre Schelme,
Der ganze Wald ist voll von dem Gesindel,
Ich sorge, daß das Loch sich neu behelme
Und unserm Feinde gute Wege schwindel.

EREC (springt auf):
Dies wird nicht not sein, weil ich gleich erschlage,
 

 

519
 
Den Friedensstörer, der bei Tag sich tummelt,
Nur Röcheln will ich hörn und keine Klage,
Und dieses Mal wird nicht dabei geschummelt.


Vierte Szene.
Erec, Enite, drei Räuber.

ERSTER RÄUBER (springt vom Baum)
Laß fallen Schwert und alle Wehr und lege
Dich nieder, daß ich meine Beute habe,
Weil ich dich sonst wie einen Grashalm fege,
Wer Geier liebt, verlangt nicht nach dem Grabe.

EREC: Verfluchte Laus, ich spieß dich auf den Finger,
Mein Schwert ist viel zu edel für Insekten,
Und auch für euch bin ich der Todesbringer,
Die feige sich im Dickicht noch versteckten.
(Sie fechten.)

ZWEITER RÄUBER (tritt von hinten zu Erec
und hält ihm das Schwert an die Kehle)
:
Gib auf, du Großmaul, allzu viele stehen
Gewappnet hier und werden dich zertreten,
Machst Anstalt du, ein Stückchen vorzugehen,
Zu schwatzen, was uns gänzlich ungebeten.

DRITTER RÄUBER (hält das Schwert auf Enite):
Auch du wag nicht, dich etwa einzumischen,
Wir holen jetzt den Hauptmann, der entscheidet,
Und eh du mir versuchst rasch zu entwischen,
Denk an den Vogel, der sich an dir weidet.
 

 

520
 
(zum ersten Räuber)
Bewach die zwei, die Waffen in den Graben
Werf ich, bis später sie die Knechte holen,
Und eh wir den Befehl vom Hauptmann haben,
Wird nichts genommen oder fortgestohlen.
(Zweiter und dritter Räuber ab.)

ENITE (nach einer Weile)
Den besten Mann läßt man alleine wachen,
Doch gute Arbeit selten wird vergolten,
Nur darauf, seinen Eindruck gut zu machen,
Kommt alles an, sonst wird man nur gescholten.

ERSTER RÄUBER:
Schweig der Gefangne, denn ansonsten dürfen
Die Würmer künftig seinem Säuseln lauschen.
Doch nein, du sollst ein bißchen Wasser schlürfen.
Was rietest du, die Rolle zu vertauschen?

ENITE (trinkt):
Nun, wenn der Herr kommt, ist der Schmutz am Rocke
Unvorteilhaft, drum rat ich dir zur Bürste,
Schmutz aber ist oft ärgster Grund zum Schocke,
Die Schmutzigen hält man für arme Würste.

ERSTER RÄUBER:
Ich hab nicht solches Trum und bin beschäftigt,
Denn schließlich muß ich auf den Frechen achten.

ENITE:
Ich seh den Wunsch nach Reinlichkeit bekräftigt,
Der Schmutz läßt uns die eigne Grube schachten.
 

 

521
 
Die Müh, den Wams zu bürsten und zu richten,
Verseh ich gern, und bin geschickt und fleißig,
Ihr solltet auf den Frondienst nicht verzichten,
Der Reinlichkeit singt auch im Wald der Zeisig.

ERSTER RÄUBER:
Nun gut, doch keine Tricks, ich hab die Klinge
In fester Hand und stets bereit zum Schwunge,
Und wer da meint, daß er am schönste singe,
Hat unversehns das Eisen in der Lunge.

ENITE: O nein, ich werd euch nur ein bißchen hellen,
Vielleicht sagt ihr ein Wort für mich beim Herren.
Ich bin nicht blöd, mich wider euch zu stellen
Und später dies bereuend rumzuplärren.
(Sie bürstet seinen Wams und läßt dabei einige Goldstücke
dem Räuber in die Tasche plumpsen.)

So, nun seid ihr der schönste hier im Haine,
Der Herr wirds merken und euch rasch erhöhen,
Ein bißchen Müh bringt großes Ding ins reine,
Dagegen Schmutz schafft immer Furcht vor Flöhen.
(Sie begibt sich wieder in Gewahrsam.)


Fünfte Szene.
Zwei Räuber kommen mit dem Hauptmann.

HAUPTMANN:
Nun zeigt mir euer Gold, daß ich erkenne,
Ob mehr zu hoffen, daß man euch erlöse,
Und gibts kein Gold, so gilt für Hahn und Henne,
Die Raben werden preisen das Gekröse.
 

 

522
 
ENITE:
All unser Gold nahm schon des Wächters Klaue,
Und blieb kein Gran, wo wir doch reichlich hatten.

ERSTER RÄUBER:
Er lügt! Auf daß ich dich zu Boden haue,
Glaubt, Herr, von dem Geschätz nicht einen Schatten!

HAUPTMANN: Ich werde Helle in den Nebel bringen,
Und was geschehn ist, soll zur Sprache kommen,
Drum sag mir Knappe nun vor allen Dingen:
Wo ist das Gold jetzt, das euch abgenommen.

ENITE: Im Wamse hats der Wächter heimlich stecken
Und er verbot bei Todstraf dies zu sagen.

ERSTER RÄUBER:
Sprich nie mit dem Gewürm, sie sind wie Zecken,
Am besten wärs, sie wortlos zu erschlagen.

HAUPTMANN (zum zweiten Räuber):
Prüf er den Wams von seinem treuen Bruder!

ZWEITER RÄUBER (durchsucht ihn):
Jawohl, ich greife tief in seine Taschen.
Ich fasse Gold! Gestohlen hats das Luder!
Er suchte ganz allein den Fang zu haschen.
Schaut Hauptmann her! Schau her auch du bestohlen!
Viel Gold! Es blinkt und leuchtet in der Sonne.
Ganz feine Herrn, gewißlich viel zu holen,
Doch er vermieste uns die ganze Wonne.
 

 

523
 
ERSTER RÄUBER (faßt sein Schwert fest)
Ich hab das Gold noch niemals angehoben,
Ich sah es nie und würde dies nicht wagen.
Die Tücke hats mir trickreich unterschoben,
Um uns im Zwist zu schwächen und zu schlagen.
Mein Schwert bezeug im Kampfe meine Worte,
Von Raub und Mord ist randvoll mein Register,
Jedoch ich schwör euch bei der Höllenpforte,
Hier bin ein Opfer ich dem Überlister.

HAUPTMANN: Ich halt dagegen, du gemeiner Hetzer,
Am Golde stets erkenn ich den Verräter,
Zur Hölle fahr, ich brauche keine Schwätzer,
Wer dich betrog, das kannst du klagen später.
(Er dringt auf den ersten Räuber ein, die anderen kümmern sich um die Gefangenen. Das Gefecht zieht sich hin, und sie kommen der Bärengrube immer näher, bis sie schließlich mit einem Schrei einbrechen. Die beiden Wächter stürzen auf, um ihrem Hauptmann beizustehen. Erec holt seine Waffen aus dem Graben und stürzt den verstörten Räubern nach. Sie greifen nach ihren Schwertern und wehren sich schwach gegen den Ansturm.)

EREC: Jetzt wird die Rechnung abzuglos beglichen.
Wer da von hinten stark, der seh von vorne,
Daß besser er, als Zeit noch war, entwichen,
Auch ists zu spät, daß ihm die Haut verhorne.
Denn jetzt ist nah der Rächer aller Frevel,
Und ewge Pein wird diese Straf vollenden,
Ich riech um eure Füße schon den Schwefel,
Ihr werdet keine Reisenden mehr schänden.
(Die Räuber weichen vor den Schwerthieben zurück und stürzen schließlich in die Grube. Erec steckt sein Schwert in die Scheide.)
 

 

524
 
Die Grube schafft mir viel Verdruß, ich hätte
So gerne eure Schädel durchgespalten.
Nun aber gibts kein Mittel, daß euch rette
Und also mag die Hölle euch behalten.

ENITE: O nein, wir müssen in den Abgrund steigen,
Nicht einzusehn ist, daß das Gold verbleibe
Im Dunkel, soll sichs doch der Sonne zeigen.
Der Hauptmann trägts an seinem toten Leibe.

EREC: Zu recht gemahnt ihr mich ans rechte Sparen,
Der Einsatz soll zurück zu dem Proviante,
Die Räuber sind zur Hölle fortgefahren,
Jedoch das Goldstück wartet auf Verwandte.
(Mit Enite ab.)


Sechste Szene.
Erec, Enite, Iders.

IDERS: Gelobt sein Gott und alle Heldentaten,
Nur selten in den Jahren sah ich solche,
Durch Blut sehe ich den stolzen Kämpen waten,
Im Loche liegen fünf erschlagne Strolche.

EREC: Ich grüß den Sohn der Niut, freund geworden
Dem Hofe Artus, alle Königinnen
Verneigen sich vor unsrer, deren Orden
Uns jede Tat läßt enden und beginnen.

IDERS: Ja, in der Tat, mit allem Waffenruhme
Möcht ich der Herrin zeugen, die mir Leuchte,
 

 

525
 
Doch steh ich auch in ihrem Eigentume,
Für einen Wunsch ich eure Gnade bräuchte.
Mein Mädchen, das sich härmt, seit ich geschlagen,
Die Herrin meint, ihr müßtest es verstatten,
Ich möcht es über meine Schwelle tragen,
Das Glück zu krönen mir im Stand des Gatten.

EREC: Dies ist gewährt, verzeiht, daß ich im Lärme
Des ersten Aufzugs solches übergangen,
Es darf nicht sein, daß sich die Schöne härme,
Und Schwermut auszehrt rosenrote Wangen.
Grüßt sie noch heut mit farbenfrohen Blüten,
Daß sie sich selbst erkenn in einem Spiegel,
Denn Punier, Perser, Kolcher oder Skythen
Bemühn die Pflanzenpracht als Minnesiegel.

IDERS: Ich fahr zu Artus nach dem großen Feste,
Mabonagrin, der pergamentne Glimmer,
Lud ein den Hof und er beschert das Beste,
Die Bibliothek des Je und aller Immer.

EREC: Das Mädchen soll die schönste Blüte haben,
Den Lotos, den morgens sah im Weiher,
Nach ihm für euch ich sende meinen Knaben,
Ihr werdet schaun den Vorgeschmack der Feier.
(zu Enite)
Steigt auf den Erlenstamm, der weit ins Wasser
Sich legt, und streckt euch tüchtig, zu erreichen
Die Blüte, die ein wahrer Farbenprasser,
Sie wird gefordert als ein Liebeszeichen.

ENITE: Ich eile, das Begehrte zu erringen,
 

 

526
 
Doch ich bekenn, ich kann gewiß nicht schwimmen,
Verzaubern mich des Blustes feste Schlingen,
Vergeßt nicht, eine Messe zu bestimmen.

EREC: Dies ist nicht not, wenn Vorsicht euch geleitet,
Bedenkt, der Stamm ist oftmals glatt von Fäule,
Mit dem was uns der Nixenschwarm bereitet,
Hat keiner Müh, der zähmen kann die Gäule.
(Enite ab. Dann hört man sie ins Wasser stürzen.)
O scheck, der Tor hat seinen Part vermasselt,
Das kommt davon, wenn andern gräbt man Gruben,
Eh mir der Krieg des Abenteuers rasselt,
Vertu ich meine Tage mit dem Buben.
(Er stürzt davon.)

IDERS: Wohin ich komm, gibts Wirrnis und Versagen.
Was hielt mich ab, die Minne zu verhehlen?
Der ganze Hofstaat wartet schon seit Tagen,
Unmöglich freilich ists, sich fortzustehlen.

EREC (trägt Enite, die tot wirkt):
Wir wüssen ihn zum Leben neu erwecken,
Das Schlingzeug war so dicht und ließ ihn saufen.
Schick nie nach einer Blume einen Gecken!
Ich könnte mir den Bart zusammenraufen!
(Er massiert die Brust und drückt Wasser aus der Lunge.
Dabei öffnet er das Hemd und erschrickt.)

O nein! Es ist nicht wahr, ganz ausgeschlossen!
Was grüßen mich für Knospen steil und lieblich?
Was für ein Trug verschrieb mich dem Genossen,
Wo Mann und Frau doch gänzlich unterschiedlich?
O weh! ich bin genarrt, beschimpft, verspottet,
 

 

527
 
Ich pöbelte mit einer Amazone.
Nie ist ein Ritter so im Sumpf getrottet,
Und fand die Ehr als eine gelbe Bohne.

ENITE (hustet, spuckt Wasser, beschaut sich
und rafft das Hemd)
:
Nun also ist verfehlt nicht nur die Ernte
Aus dem Morast, ich bin entlarvt, entsiegelt,
Die Taufe Vorwand und Vertrag entfernte,
Weil Weihers Glätte Himmelswissen spiegelt.

EREC: Wie hehr, wie hold, beliebt es euch zu flöten!
Betrügerin, nun schweigt bei Todesstrafe,
Der Herr der Tafel soll die Hexe töten,
Ich geh zu ihm, bevor ich wieder schlafe.
Drum Iders zeigt mir, wo es geht zum Schlosse
Mabonagrins, wir wollen gehn und klagen,
Daß Unheil aus dem Minnespiel mir sprosse,
Wußt ich schon lang, doch nun gehts an den Kragen.
 

 

528
 


DRITTER AUFZUG
Im Schloß Mabonagrins, einer riesigen Bibliothek. Labyrinthisch, die Regale verschieben sich eigenmächtig, und geben immer neue Blicke auf Bücherfluchten frei. In der Mitte Artus am Pult mit einem Folianten, im Hintergrund schläft die Königin auf einem riesigen Buch. Weitere Ritter in angestrengter Lektüre. Alle Möbel scheinen aus Büchern zu bestehen. Wenn Artus oder sonstwer liest, verändern sich die Dinge im Raume.

Erste Szene.
Artus, Erec, Enite, Iders

ARTUS: Höchst wundersames Spiel, ich las soeben,
Ihr trätet ein, zwei Ritter und die Stumme,
Wer solches liest, der mag nicht länger leben,
Denn draußen in der Welt ist er der Dumme.

EREC: Der Dumme ja. Ich führe grimme Klage.
Mein Weib hat mich getäuscht und arg betrogen,
Daß eurer Richtspruch banne Schimpf und Plage,
Bin ich mit euerm Ritter hergezogen.

ARTUS: Ich bin nicht Herr in diesen hehren Mauern,
Die Bücher herrschen hier, wer sie geschrieben,
Gibts nirgends Hinweis, doch im Texte lauern,
Die Taten, die zu werden freigeblieben.
Drum lest! der Richtspruch und sogar die Buße,
Sind hier gebannt in sechsundzwanzig Lettern,
Da findet selbst der Törichste nicht Muße,
Nach eignem Sinn zu loben und zu wettern.
 

 

529
 
EREC: Ich glaub, den König hält man hier gefangen,
Mit einem Spuk im Auge und im Hirne,
Die Ritter scheinen tot wie aufgehangen,
Man hole Wasser für des Königs Stirne.

ARTUS: Ja Wasser, ja, der Brunnen wird uns lehren,
So sagen es die Jamben hier verläßlich,
Im fünften Auftritt wird die Sonne kehren,
So schrieb mans hier, für immer unvergeßlich.

IDERS: Wo ist die Königin? Auch bei Lektüre?
Sie hat Humor, den ich hier sehr vermisse,
Wie einen Fluch den Bücherstaub ich spüre,
Die Königin hat Sinn für das Gewisse.

ARTUS: Sie schläft, sie träumt sich ein in den Folianten,
Weil ihre Augen müde und verwundet,
Mein Herz vertraut dem Geist, dem unbekannten,
Daß sie im Traume wahrsieht und gesundet.

EREC: Was sind das hier für Sachen? Hört ich lese
Euch laut, das jeder hier den Schwachsinn merke:
Der wahre Dramaturg will Exegese
Und spielt mit seiner Zeit in jedem Werke,
Denn allem was gesagt wird und getrieben
Stellt sich die reine Möglichkeit zur Seite,
Und alle, die Verschwiegnes einzig lieben,
Sehn außerhalb der Tagtat das Gefeite.
Wie auch dem Held, der laut verklagt die Stumme,
Geflissentlich verschweigt, daß er gebetet,
Daß sie ihm folg und sich dazu vermumme,
So sag der Schrecken euch, was ihr erflehtet.
 

 

530
 
IDERS: Dies spricht gefährlich klar von unsern Dingen,
Der Autor scheint uns zuzusehn von oben,
Wenn alle Bücher wie Sirenen singen,
Bleib lieber ich beim ungebunden Groben.

EREC (schlägt das Buch zu und nimmt ein anderes):
Dies war ein Zufall. Werde wieder heiter,
Frappant zu sein, das reicht nicht zum Propheten,
Man mische Spinnweb, Krötengift und Eiter
Und danach wird der ganze Quark getreten.
Wer solches glaubt, der ist nicht mehr zu retten,
Der gute Wille, überall zu deuten,
Gibt dem Papier die Haltekraft von Kletten,
Was eingebildet, droht dich auszubeuten.

IDERS: Lies lieber vor als hilflos zu posaunen
Du stocherst im Vermuten und Verdammen.
Hilf lieber, daß wir nicht in Ohnmacht staunen,
Denn nur der Angriff bringt was rinnt zusammen.

EREC: Nun gut, hier heißts im selben Silbenmaße:
Die Stummheit ist ein Vorspiel zum Verschwinden,
Doch fällt ins Schloß das helle Licht der Straße,
Wird sie der Kläger vom Gebot entbinden.
Drauf mach dir deinen Reim ich kommentiere
Es nicht mehr, weil ganz offenkundig blöde,
Mag Artus es gefalln, ich steh nicht Schmiere,
Denn dieses ganze Schloß ist mir zu öde.
(Enite ist plötzlich hinter den Büchern verschwunden.)

IDERS: Da, Erec, die Gefangne ist entwichen!
Ward da nicht vom Verschwinden grad gesprochen?
 

 

531
 
Kaum liest man hier ein Wort vom Füchterlichen,
Und schon ists als Geschehn hereingebrochen.

EREC: Ich finde sie, ich werd den Trug zerreißen,
Und alle Schleier auftun, die hier hängen,
So lange will ich nicht mehr Erec heißen,
Wie alle Wünsche ins Geheimnis drängen. (Ab.)

ARTUS (zu Iders):
Laß ihn nur gehn. Er muß allein studieren.
Die Welt ist groß, auch hier auf engstem Raume.
Die Pforten, die wir hier im Lauf passieren,
Stehn anderswo uns offen nur im Traume.
(Ein Vorhang, mit Bücheregalen bemalt, fällt.)


Zweite Szene.
Vor dem Vorhang.
Erec, als Alchemist verkleidet, Mabonagrin.

MABONAGRIN:
Herr Doktor, sagt, wann wird die Stumme sprechen,
Ich geize nicht mit Perlen und Saphiren.

EREC: Sie wird mit der Verschwiegenheit nicht brechen,
Eh eure Kammer nicht die Misteln zieren.

MABONAGRIN:
Dies ist bekannt. Aus meinen Einsamkeiten
Kann treten ich, so ward mir oft gepredigt,
Wenn sich dem Adler seine Flügel breiten
Und einer Schönheit Stummheit sich erledigt.
 

 

532
 
Drum ruf ich euch, daß ihr zum Reden brächtet
Die Stumme, die sich endlich eingefunden.
Ich frage, was ihr denn zu tun gedächtet,
Daß sie von ihrem Fluche werd entbunden.

EREC: Wenn Prophetie Ereignisse verbindet,
Täuscht uns der Wahn, eins sei des andern Zwinger,
Was innerlich und was sich außen windet,
Zu trennen hüte sich des Arztes Finger.

MABONAGRIN:
So wollt ihr gar nichts tun, um mir zu frommen?
Verschwende ich die Zeit mit euern Stanzen?
Ihr habt euch mein Vertraun und Gold genommen
Blutsaugerisch wie Flöhe oder Wanzen.

EREC:
Schimpft nicht den Arzt, wo Reife not und Weile,
Die Seiten werden aufgeregt gewendet,
Es mehren sich die Zeichen von dem Heile,
In dem der Wahn der tiefen Spaltung endet.

MABONAGRIN:
Das seh ich anders. Nur die Kosten steigen.
Nicht etwa Mut und großes Heil vom Quelle,
Betrügern sind stets schöne Worte eigen,
Und eure Kunst ist Stillstehn auf der Stelle.

EREC: Mit Quellen spricht man nicht in unsern Lauten,
Allein die Stumme wird im Born verstanden,
Wer vorgreift, übergeht des Anvertrauten
Höchst eignen Takt und macht ihn so zuschanden.
 

 

533
 
MABONAGRIN: Die alte Leier. Ja, ich werd gedulden
Mich noch, doch platzt mir irgendwann der Kragen,
Eh mir das Schloß verpfänden meine Schulden,
Werd ich Lebwohl zu euren Künsten sagen.
(Beide ab. Der Vorhang hebt sich wieder.)


Dritte Szene.
Artus, Guinevere, Iders.

GUINEVERE (erwachend):
War ichs nicht, die dem jungen Recken sagte,
Die Augenschöne sei ein Schmuck der Ehre,
Und wars mein Zwinkern nicht, das ihn so plagte,
Gemeinsam mit dem Giftpfeil dieser Lehre.
Ich hör den Brunnen plätschernd mir verraten,
Im Schlosse gingen viele Mädchen tanzen,
Und eines wagt sich sprachlos an die Taten,
Weil ich ihm nahm die Lumpen und die Fransen.
O weh! sie kann den Born allein erwecken,
Der strömt sich fort in einem holden Paare,
Ob Träume oder Tage uns verstecken,
Ob eins das andre trag und offenbare,
Das fragt nicht mehr, wer Minne fand als Weiser
Im dunkeln wie im hellen Abenteuer,
Den alle Wasser werden leis und leiser,
Entbehren sie das Gegenstück, das Feuer.

ARTUS: Die Minne mag es heimlich und bedächtig,
Zuviel des Lichts bedeutet Langeweile,
Drum niemals mit dem Aberglauben recht ich,
Er fügt vortrefflich die getrennten Teile.
 

 

534
 
Ist Minne Wahn, so muß sie wahnhaft walten,
Erhellt sie uns, so darf sie herrlich lohen,
Jedoch sie wird gewißlich bald erkalten,
Willst Nacht mit Tag und umgekehrt bedrohen.
Laß das Geheimnis, laß das Offenkunde,
Gleichsam am eignen Widerspruch sich laben,
Dann wirst du den Verfall und das Gesunde
Im gleichen Spiegel als dich selber haben.

IDERS: Im Tanz der Körper suchen sich die Seelen
Und in dem Spiele sind wir die Statisten,
Grad gut für jene, die sich uns verhehlen,
Den Haushalt der Gefühle auszumisten.
Und was der Dichter ausdehnt manche Szene,
Ist vielleicht nur der Schwirrflug einer Motte,
Das Herz braucht beides wohl: Aterie, Vene,
Und Hell und Dunkel dienen einem Gotte.
Im Stück des Lebens scheint uns manches weise
Und andres töricht beigemischt dem Glanze,
Doch fährt dies Buch auf einem Doppelgleise
Und seine Botschaft lautet: Such das Ganze.

ARTUS: Der Schloßherr Mabonagrin lebt im Wahne,
Ihm sei das Glück der Minne ganz verwehret,
Er kann es nicht erkennen, und ich ahne,
Daß zuviel Wissen ihm die Schau verwehret.
Und Erec ist der Tor des Augenscheines,
Was jenem fehlt, ist diesem überzogen,
Drum gibt ein Ausgleich jedem Teile eines,
Eins sei am anderen zurechtgebogen.

GUINEVERE: Also entspricht der Stummheit der Enite
 

 

535
 
Der andern Frucht, sich offnen Augs zu zeigen,
Ein Mann verwehrt der Frau, daß sie sich biete,
Der andre heißt die seine stets zu schweigen.
So schützen beide sich vor ihrem Mahren,
Jedoch die Fraun sind freier nicht vom Banne,
Sie spieln das Spiel, das trefflich eingefahren,
Und trösten sich, das Wollen läg beim Manne.
Doch Manneswille, dem die Frau gefügig,
Verwechselt bald den Willen mit der Pose,
Doch widerspräch die Frau dem Ritus zügig,
So mischten sich zu neuem Glück die Lose.
Darum bedenkt, daß Minne nicht erstarre
Im Vorwand, daß erkannt sei das Bewährte,
Nicht tatenlos des hohen Glückes harre,
Das immer nur im Wollen wiederkehrte.


Vierte Szene.
Enite, das unbekannte Mädchen, später Erec
und Mabonagrin.
Der Vorhang schließt sich wieder und davor wird von oben ein Brunneneimer herabgelassen, in dem Enite sitzt. Sie verläßt den Eimer am Grund und vollführt einen stummen Tanz im Brunnen, zu dem sich nach einer Weile das unbekannte Mädchen gesellt. Der Brunnen spricht. Als er verstummt, verschwindet Enite, und Erec tritt auf und führt das unbekannte Mädchen zu Mabonagrin, der am Rand der Bühne wartet.

BRUNNEN: Wasser gießt sich in Gefäße,
Wasser hebt den Zweig ins Licht,
Alles Maß sucht das Gemäße,
Ohne Wasser geht es nicht.
 

 

536
 
Wasser rötet sich zum Blute,
Wasser grünt als Chlorophyll,
Wasser reizt zum Wagemute,
Wird im Löwen zum Gebrüll.
Denn sein Wesen ist Vermengen
Seine Tat Zusammentun,
Starr in Raum- und Zeitenfängen
Mußt du ohne Wasser ruhn.
Lösen ist die Kunst des Bades,
Daß sich neu zusammenfüg,
Was die Weglichkeit des Rades
Noch als Alter weitertrüg,
Wasser kann allein verjüngen,
Augen auftun tags und nachts,
Heiter und in großen Sprüngen
Seine vielen Wunder machts.
Bist du einsam und alleine,
Wasch die Augen, steh und schau,
Wasser trägt den Geist im Weine,
Wüsten machts zur goldnen Au.
Wasser ist das Weib dem Feuer,
Beiden nötig ist der Ring,
Denn bestimmt dem Ungeheuer
Ist, daß es dem andern sing.
(Pause.)
Brunnen heiß ich für die Helle,
Der ich Finsternis und Nacht,
Daß zum Sprudel werd die Welle,
Hat der Herr mein Aug gemacht.
Wo das Wasser heißt das rare,
Bin ich ewig hochgeehrt,
Mir allein gelingt das Klare,
 

 

537
 
Das dem Keim die Wunde wehrt.
Doch ich schmachte und ich schweige,
Weil ich weiter fließen will,
Wenn ich euch das Fließen zeige,
Horcht, ich tu es meistens still.
Ineinander, auf und nieder,
Tanzt, der Brunnen rufts euch zu,
Was dem Adler sein Gefieder,
Sind dem Tänzer seine Schuh.
Was der Schwerpunkt kann vollführen,
Was das Lot der Welle taug?
Euch im Tanze zu berühren,
Blicket tiefer als das Aug.
Mädchen muß der Brunnen spucken
Einem Aug und einem Ohr,
Feuerstirnen sollen zucken
Und im Wasser tönt der Chor:
Alles ist dir zugeflossen
Und verlangt nach deinem Reif,
Darum flink und siegentschlossen
In die Brunnenfluten greif!

DAS UNBEKANNTE MÄDCHEN:
Tanzen wolln wir tanzen, tanzen,
Alles winkt dem Tanze zu,
Südwind haben wir im Ranzen,
Goldnes Korn im roten Schuh.
Als des Wassers Sprudelgeister,
Als Fontänen und Geperl,
Macht uns weis kein Weitgereister,
Daß der Born ein trüber Kerl.
Übermut und Lust zu necken,
 

 

538
 
Ist des Wassers Eigenart,
Keiner soll sich noch verstecken,
Der sich mit dem Feuchten paart.
Plätschern, prasseln, überschwemmen –
Woge bis zu mein, ich dein?
Durch das volle Haar zu kämmen,
Stimmt mich auf das Wiegen ein.
Wiederkehr im Schrei der Wiege
Ist des Weibes Wissenschaft,
Wo ich durch die Lüfte fliegt,
Fehlts dem Boden nicht an Haft.
Denn zur Krume und zum Keimen
Kehrt was kehren will und kann,
Rauscht der Regen in den Reimen,
Kommt es auf die Erde an.

EREC (zu Mabonagrin):
Der Hymnus ist gesungen, Streit und Suche
Sind bloß Gefolgschaft nach den Elementen,
Nicht dunkler Botschaft weigre dich und fluche,
Denn dunkel ist sie bloß dem Abgetrennten.
Wer aber eintritt in das Reich der Wasser,
Der faßt das Licht mit einem andern Glase,
Der Geist wird ihm zum Wildfang und zum Prasser,
Und Blumen stehn nicht länger in der Vase.
Ich bringe euch die Braut, die eure Augen
Nicht fassen konnten, eh der Staub gewaschen,
Sie hat das Salz, das Urgestein zu laugen,
Vermögt ihr mehr, als nur davon zu naschen.
Denn ein Zuviel ist nur bei Sucht gegeben,
Dieselbe ist ein Fliehn ins Nebeltrübe,
Wer aber jede Faser tränkt mit Leben,
 

 

539
 
Weiß, daß ihm nie ein Erdenmaß genüge.
Die Minne eint, was Geist und Streit versuchen,
Drum geht in ihr der Dichter mit dem Krieger,
Und wer nicht nur ein Stück begehrt vom Kuchen,
Der bleibt zuletzt auf allen Feldern Sieger.
Werwundert euch nicht, daß wie eine Grille
Ich eine andere Larve euch kredenze,
Zum Doktor macht den Heiler nicht die Brille,
Und Leichtigkeit erfinden nicht die Tänze.
Wer aber geht durch Träume und durch Rollen,
Begreift zuletzt, was ihm im Sieb geblieben,
Und wenn die Fraun uns wirklich lieben wollen,
So müssen sie das Eigentliche lieben.
Schauts, wie ich geh nach Haus in diesem Stücke
In neuem Anspruch, was die Zeit mir bringe,
Ich hoff, euch dients zu euerm eignen Glücke,
Und dem allein der Wunderbronnen singe.


Fünfte Szene.
Der Vorhang hebt sich. Während Erec von vorn in die Szene tritt, kommt Enite von hinten zwischen den Regalen hervor.
Artus, Guineneve, Erec, Enite, Iders.

EREC: Enite!

IDERS: ... ward vom Bücherbord gefressen.
Zogt ihr nicht aus, sie wieder heimzubringen?
Ach ja, ich Tor, da hab ich doch vergessen,
Nicht jeder Strauß muß euerm Arm gelingen.

EREC: Nicht als Panoptes hat dich Gott geschaffen,
 

 

540
 
Sonst hätt auch nicht verfangen manche Finte,
Ihr solltet ruhig mal nach hinten gaffen,
Nicht jede Weisheit offenbart die Tinte.
(zu Enite):
Enite sprich! Ich will sie wieder hören,
Die Vogelweisheit aller Nachtigallen,
Doch gräm dich nicht, wenn Flöten nicht betören
Den Wachen, der aus seinem Traum gefallen.

ENITE: Ich hätte gern euch passender gesprochen.
Jedoch, auf Artus' Pult das Bücherbabel
Steht vor dem Fall, gewaltig weggebrochen
Ist manchem Geist die herrlichste Parabel.
Versessen wie auf Honig ist die Biene,
Türmt groß auf klein und dick auf dünn der Gute,
Nun ist es nur noch kurz bis zur Lawine,
Dem Bücherfreund wirds dabei klamm zumute.
(Artus, der die Wechselrede nicht beachtet hat, legt ein weiteres Buch auf den Stapel, worauf der krachend zusammenbricht und die Bücher im Raume verstreut.)

GUINEVERE (von hinten):
O Artus, wärst du doch wie ich am Liegen,
Was unten liegt, das kann so tief nicht fallen.

IDERS:
Was hilfts, wenn sich im Fach die Balken biegen,
Die Bücherberge wuchern wie Korallen.

EREC (mit Enite am Aufsammeln):
So findet sich gleich Grund, zu zweit zu wirken,
Gemeinsam ist ein großes Ding ein Kleines.
 

 

541
 
ENITE: Dies war kein Wort aus tiefen Hirnbezirken,
Gemeinplatz heißt der Philosoph des Scheines.

EREC: Du hast vermutlich viel zu viel gelesen,
Unweiblich ists so klug sich zu vernehmen.

ENITE: Nach deiner Wahl Prozeßort ist gewesen,
Dies Schloß, das keins der allzusehr bequemen.

EREC: Du wirst am Ende immer recht behalten,
Es ist kein Weg, das Reden zu verdammen,
Doch was den Heißsporn trifft, versagt beim Kalten,
Wer wenig schießt, die Pfeile hält beisammen.

GUINEVERE (kommt, um Enite zu begrüßen, und stößt dabei gegen Artus Stapel, der erneut durch die Gegend poltert):
O weh! O weh! Nun werd ich meiner Rolle
Als Schirmerin der Sitte ganz verdächtig,
Daß dieser Stapel nochmals stürzen solle,
Beschloß ein Schrat, der für die Queen zu mächtig.

EREC: Wir sollten gehn. Sonst wird noch zur Klamotte
Das gute Stück mit seinen tiefen Sprüchen,
Die Spitzzung meint, eh man der Bücher spotte,
Wärn Frauen lieber eingesperrt in Küchen.
Auch will ich euch vertraun, wer dieses Schlosses
Papierne Möbel hat heineingetragen,
Ein Zauberer im Tempo des Geschosses
Die Bücher fuhr in einem Drachenwagen.
Der Ritter, der erst, wenn wir längst gestorben
Auf Taten sinnt, mit Namen Don Quijote
Hat vor der Fahrt manch altes Buch erworben,
 

 

542
 
Und als er heimkam, schief er tief wie Tote.
Dies nutzt der Zaubrer aus, mit einem Fluche
Flog alles in vergangene Geschichte,
Darum geschieht es uns, daß wir im Buche
Erfahrn, was erst zu tun ist für Berichte.
Man muß den Zaubrer freilich milde pönen,
Denn Rettung war sein Diebstahl den Folianten,
Von Weiberart, die abhold allem schönen,
Warn oder werden sein des Ritters Tanten.
Sie hatten als der Fluch fiel schon beschlossen,
Die Bücher sollten auf den Scheiterhaufen,
Und daß die Pergamente nicht verflossen,
Das danken wir dem grimmen Drachenschnaufen.

GUINEVERE: Im Gegensatz dazu, daß er belesen,
Bevor er loszog, um das Schwert zu heben,
Ist es bei euch ein Umkehrschluß gewesen,
Ihr kröntet mit dem Geisteswerk das Leben.

ENITE: Ich denk, sein Leben ist noch nicht am Ende,
Wir werden auf dem neuen Grund beginnen,
Wer zwiefach sich entledigt hat der Blende,
Braucht keinen vierten Akt sich zu besinnen.
(Zwei Regale schieben sich auseinander und ein breiter heller Sonnenstrahl dringt ein.)

ARTUS:
Es scheint mir wenig höflich, wenn wir weichen,
Und sahn den Hausherrn einzig in Geschichten,
Wir haben doch zu danken manches Zeichen,
Das hilfreich ist für die Regierungspflichten.
Auch frag ich mich, ob diese Wissensbürde,
 

 

543
 
Ob das Kartell aus Hoffen und Versuchen
Nicht unsern Beistand nötig brauchen würde,
Den Bücher-Harem läßt man nicht Eunuchen.
Wer sammelt, steckt sein Herzblut in Bestände,
Die solln sich nicht in alle Welt zerstreuen,
Drum niemand wasch in Unschuld seine Hände,
Dems leichter fiel, ein Angebot zu scheuen.
Die Mauern sind sehr alt und ausgebessert
Ward lange nichts, vielleicht sind die Finanzen
Des Hausherrn auch ein Salz, das man gewässert,
Vielleicht veruntreun alles Gut die Schranzen.
Man müßte neue Sicherheiten geben,
Daß nicht der Zauber, ders gebracht auch nähme,
Auch wünscht ich, daß Reichtum vieler Leben
Verwaltung, die verläßlich bleibt, bekäme.

EREC: Verlorn ist alles, was da treibt und brütet,
Auch Bücher müssen irgendwann zerfallen,
Den tiefern Sinn des ganzen Zaubers hütet,
Nur wer vermag den Wasserlauf zu ballen.
Kein Bauwerk, das nicht irgendwann geborsten,
Und keine Truhe, die vor Dieben sicher,
Das Ewige kann nur mit Flügeln horsten,
Die leichter als des Publikums Gekicher.
Treibt die Essenz zurück ins Lebensfrohe,
Entsteht ein neuer Stoff, ihn aufzuschreiben,
Drum ist allein Lebendiges die Lohe
Die Lohe der Vernichtung zu vertreiben.
Von Artus heißt es einst im hohen Tone,
Man schrieb von ihm, dies machte ihn nicht irre,
Das Buch ist nur ein Hornruf, daß es lohne,
Daß man die Zeichen wähl und wieder wirre.