Uwe Lammla / Saalisches Lied 

 

 

 



UWE LAMMLA



SAALISCHES LIED

Tannhäuserland. Zweites Buch
Mit Zeichnungen von Iryna Lierheimer














 
QUARTUS

 



 









Bibliographische Information durch
die Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet
diese Publikation in der Deutschen
Nationalbibliographie; detaillierte
bibliographische Daten sind im Internet über
http://dnb.d-nb.de abrufbar.



ISBN 978-3-936455-74-8
© 2009 Quartus-Verlag Jena
www.quartus-verlag.de

Alle Rechte beim Autor
www.lammla.de

Tuschezeichnungen und Einband-Aquarell
von Iryna Lierheimer
www.iras-aquarelle.de

8,50 EUR
 

 



INHALT
Saalisches Lied
Waldsteinhaus
Saalenstein
Lemnitzhammer
Steinerne Rose
Schloß Burgk
Bleiloch
Walsburg
Ziegenrück
Starenwunder
Saltar
Paulinzella
Feengrotten
Greifenstein
Querfeldein
Heidecksburg
Uhlstädter Flößer
Der Lied der Kunigunde
Lobdeburg
Leutrabach
Fuchsturmgesang
Jenzig
Jenzig-Chor
Dornburger Schlösser
An der Mündung der Ilm
Schulpforta
Unstrutwein
Strudelmuhme
Uta und Ekkehard
9
14
17
19
21
22
25
27
30
31
33
35
38
40
42
43
45
47
50
52
54
57
60
62
65
67
70
71
73
 

 

Novalis-Grab
Das Haus im Wind
Merseburg
Giebichenstein
Wettin
Nienburg
Der Nickert
Calbe
Barby
75
77
80
83
87
89
90
92
94
 

 



TANNHÄUSERLAND

ZWEITES BUCH



»Sala sein Sitz in Norcka fand
Elb König ward im Böhmerland,
Von diesen man die Wasser nennt,
Saal, Elb, so durch Deutschland rennt
Salfeld er erst erbaun thut,
Ein Bhest, worauf er freien Mut
Gehabt und Norcka wohl regiert,
Die Untertan nie tribuliert.««


 
HANDSCHRIFT
IN DER KGL. BIBLIOTHEK
ZU ST. ANDREWS

 

 

 

9
 


SAALISCHES LIED
I

Die Saalequelle in der Waldstein-Zeche
Speist unentwegt das mitteldeutsche Land,
Wo Ofterdingen seine Blume fand,
Dort plätschern in das Saaletal die Bäche.

Von Fugen überwölbt aus bachscher Hand,
Bestand und Fluß in menschgemäßer Fläche,
Wo Patina dich grüßt vom Kirchturmbleche,
Hat Luthers Trutz ein frohes Lied erkannt.

Daß sich kein Feind zu Mord und Brand erfreche,
Sind Morgenstern und Spieß kein eitler Tand,
Zwar lieber streicht das Boot mit heißem Peche

Der Fischer, der in Hoffnung und Verstand
Für Raub und Beute findet wenig Schwäche,
Dem steten Tun des dunkeln Stroms verwandt.
 

 

10
 


II

Das Saaleknie findst du auf allen Globen,
Die Marke, drin dich grüßt das Orlagau,
Der Boden, fruchtbar, scheint in Hain und Au
Ohne Unterlaß die Schöpfungstat zu loben.

Drückt Mühe nicht, so sei in reiner Schau
Dem Adler gleich dem Morgendunst enthoben,
Der linde Wind weicht selbst Germanophoben
Das Herz und macht den dümmsten Spießer schlau.

Was suchst du noch nach Kronen, Stäben, Roben,
Dem wachen Aug und deiner Nase trau,
Denn Edens Traum ist diesem Land verwoben.

Nur Blinde neiden Babel Mut und Bau,
Wer einmal auf dem Gamsenberge oben,
Wird still und froh im unerhörten Blau.
 

 

11
 


III

Am Saalestrande stolze Burgen wachen,
Daß deutsch der Glaube sei und frei das Feld,
Denn nur der freie Bauer nährt die Welt,
Die dies vergißt bei spielerischen Sachen.

Der Stubennarr manch Theorem erstellt,
Darüber kann man wohl im Hörsaal lachen,
Doch spannt er die Verratenen und Schwachen
Für seine Sache ein und lockt mit Geld,

So kann er einen Weltenbrand entfachen,
Daß alles Gut und Recht zusammenfällt,
Und fruchtbar bleibt allein das Ei des Drachen.

Doch wo ein saalisch Lied den Geist erhält,
Ist wenig mit Verführungskunst zu machen,
Denn feste Burg bewahrt das Himmelszelt.
 

 

12
 


IV

Die Saaleburgen und die Unstrutweine
Warn Goethen lieb wie sonst allein die Fraun,
Zwar schmeichelten Italiens Wunderaun,
Doch folgte er der strengen Frau vom Steine.

Nicht mehr Genie, Dämon, enthemmter Faun,
Am Hof bringt sich ein großes Werk ins Reine,
Nicht prometheisch kann der Geist das feine
Geflecht von Kunst und Wissenschaft erschaun.

Und faustisch löst der Reimer sich vom Scheine
Auf Maß und auf Bescheidenheit zu baun,
So wie der Bauer schirrt an kurzer Leine.

Im Saaleland stehn Heil und Gottvertraun,
Bereit, daß deine Feder von alleine
In Runen faßt der Götter Wahr-Geraun.
 

 

13
 


V

Der Saaledichter kehrt, solang die Saale
Sich schlängelnd durch die deutschen Lande regt,
Kaum hat sich hier ein grimmer Sturm gelegt,
Schön hörst du wieder den Gesang im Tale.

Denn die Musik, die diese Welle hegt,
Sie stößt durch Tafeln sich als spitze Ahle,
Sie grünt die Felsen, kalkige und kahle,
Und netzt den Wind, der um die Tennen fegt.

Sie treibt die Mühle, daß sie Weizen mahle,
Im grünen Grund, mit Birkenholz bestegt,
Daß sonnentags Frau Holl mit Klößen prahle.

Und wer im Frühtau Wanst und Bein bewegt,
Daß Wanderhunger leer die volle Schale,
In diesem Land das reiche Liedgut pflegt.
 

 

14
 


WALDSTEINHAUS
Wo als Huf die Fichtelhöhen
Quellen streun nach jedem Wind,
Trotzt der Waldstein grimmen Böen,
Ob ihn Hagel letz und schind,
Herzborn oder Nabel-Heger
Heißt der Fichtel, der dem Main,
So wie Saale, Naab und Eger
Haucht das erste Leben ein.

Der du saalhin reifst und trachtest,
Such die Quelle auf bei Zell,
Was du ihrem Genius brachtest,
Sei vertont an dieser Stell,
Wo sich Weißenfels und Halle,
Hof und Münchberg kündend mühn,
Daß die stolzen Burgen alle
Ahnden, welchem Traum sie blühn.

Nur am Quell herrscht unvermischte
Weisheit, such das Bergwerk auf,
Strahl, der aus dem Stollen zischte,
Leib und Seele kühl und tauf,
Weit gewandert, soll dich herzen
Fürst-Najade Fichtelgaus,
Ihren Kelch umstehen Kerzen,
Träumen wir im Waldsteinhaus.
 

 

15
 
Was der Saale Lauf verbindet
Manchem lieblich scheint und zart,
Doch der Nixen-Nebel windet
Durch Geschlechter, forsch und hart,
Seinen Reim und seinen Reigen,
In der Minne trifft das Schwert
Auf der Minner Nacht und Neigen,
Wird das Geltende begehrt.

Rechts und Links stehn oft im Streite,
Doch die Brückenbogen rund,
Tun, gefügt in stolzer Breite,
Allem Volk Geschwister kund,
Dräut die Lobdeburg zur Rechten,
Bannt die Leuchtenburg im West,
Manchen Baum erdrosseln Flechten,
Doch die Riche dauert fest.

In der mitteldeutschen Seele,
Hält der Mensch zu Land und Meer
Gleichklang, aus der Sängerkehle
Steigt der Geist des Wandrers her,
Und der Streit um Mär und Minne,
Um der Heiden Lust und Graus,
Greift noch immer unsre Sinne,
Lagern wir im Waldsteinhaus.

Auch im Fichtel griffen Mächte
Schamlos nach dem deutschen Land,
Doch wir wissen, der Gerechte
Wird zuletzt von Gott erkannt,
 

 

16
 
Heilig ist die deutsche Krume,
Heilig Strom, der formt und netzt,
Heilig Geist im Rittertume,
Das im Sieg die Gnade schätzt.

Treibt der Sänger ins Vergangne,
Keimt im Innern Maienblust,
Und das Aug, daß furchtverhangne
Wird sich öffnen Freud und Lust,
Wie die Saale dringt durch Tafeln
Muschelkalks und Zechensteins,
Werden, mag der Teufel schwafeln,
Traum und Leben endlich eins.

Denn am Waldstein-Abhang sprudelt,
Tag für Tag die Schöpfungstat,
Ob sie bald Kanal besudelt,
Schreck nicht ab vor Trunk und Bad,
Und sie zeigt dir stets aufs Neue:
Die Geschichte ist nicht aus,
Da wir stehn in deutscher Treue
Unverzagt im Waldsteinhaus.
 

 

17
 


SAALENSTEIN
Hier grüßt kein Bergfried West und Nord,
Nicht Zinne, Brunnen, Gitter, Wall,
Hier steht nur noch ein großes Wort,
Geheimnisreich am Burgenstall.

Die Zeit, die einst mit Burgenstolz
Die schwarze Träumerin beflankt,
Verlor an Feuer Hof und Holz,
An Räuber Stein, dran Efeu rankt.

Einst war das Pflaster Grund und Bau
Begehrt als hart und strengen Fugs,
Es wuchs verjüngt in linder Au,
Manch Schloß und manche Schenke trugs.

Doch endlich wurden Sturm und Frost
Als Feinde klein in einem Los,
Drin Entenfleisch und Apfelmost
Gering vor der Geschichte groß.

Der späte Mensch, der echte Not
Bedenkt in Buch und Almanach,
Vermißt im Tag das frühe Brot
Und küßt die alten Burgen wach.

Zwar blieb hier oft nur wenig Nutz,
Doch wo ein falber Samen reicht,
Ersteht die Zeit im Ritter-Trutz,
Da hart die Tat und hart die Beicht.
 

 

 

 

19
 


LEMNITZHAMMER
Seit Albert von Harra das Lehen
Als Rittersmann machte zum Gut,
Beflanken den Saalhang die Schlehen
Und Hämmer verkünden den Mut,
Wo Kupfer schmilzt, Eisen man schmiedet,
Und Bier aller Stärken man braut,
Dort wird eine Rode umfriedet
Und Neuland von Franken bebaut.

Die Saale wird deutsch mit der Stärke
Der Räder, vom Strome mit Schwung
Bedacht, daß die reiferen Werke
Das Volk und die Glaubenskraft jung
Erhalten, daß alles sich mehre,
Was Frohtat ersinnt mit Verstand,
Und daß zu des Heilandes Ehre,
Erblühe das Thüringer Land.

Die Flut brach die Kupferschmelz-Hütte,
Doch bald schlugen Wollgarn und Tuch
Im Treiben von Hammer und Bütte
Mit Fleiß und Gewinnen zu Buch,
Hier fand in Jahrhunderten keiner
Zu Müßiggang, Zweifel, Verfall,
Die Schmiede ward sanfter und feiner,
Doch hell blieb der schaffende Schall.
 

 

20
 
Dann kam mit dem Dampf auch die Schiene
Mit Tunnel und Talviadukt,
Und emsig im Zeichen der Biene
Hat man in Hände gespuckt,
Triumph aus Erforschung und Mythe,
Die Linien der Reuß, jung und alt,
Im Bunde der Fürsten erblüte
Und fand unter Bismarck Gestalt.

Doch heut sind die Gleise verfallen,
Die Hämmer stehn still, auch gebraut
Wird nicht mehr, aus pulsenden Hallen
Wird nun ein Museum gebaut,
Das Volk ist versprengt und mit Murren
Verdammt zu Geplärr und Konsum,
Die streunenden Hunde beknurren,
Wer wagt zu erinnern an Ruhm.

Man sammelt von Hammerbräu Drucke,
Und Fotos aus besserer Zeit,
Daß jeder der Lähmung sich ducke,
Steht viel Propaganda bereit,
Doch erst, wenn der Deutsche die Hämmer
Befreit von der Geldgeier Fron,
Dann steigt aus dem tödlichen Dämmer
Die Freiheit im eigenen Lohn.
 

 

21
 


STEINERNE ROSE
Bei Saalburg auf dem Weg nach Gräfenwarth
Kannst du allzeit ein großes Wunder schaun,
Leicht magst du deinen Augen hier nicht traun
Und fühlst dich wie von argem Spuk genarrt.

Denn eine Rose drängt aus hartem Stein
Sich dir entgegen, Knospe, zart verbrämt,
Als ob sie sich für ihre Schönheit schämt,
Und hüllt ihr Aug in tausend Lider ein.

Seltsam erscheint dir solch geformter Fels,
Die Zartheit, die sich grub in herben Stoff,
Sogar der Tau, der auf die Blätter troff,
Zeigt sich mit unnachahmlich süßem Schmelz.

Fast wartest du, daß sich die Knospe straff,
Doch dieses Wunder wird im Jahr nicht weich,
Und sind verklungen Mär und Minneleich,
Wird sie nicht alt und endlich braun und schlaff.

Hier ist gebannt ein Blick, Verheißung nur,
Die nie sich füllt und keine Reife kennt,
Hier ward ein Werden ganz aus sich getrennt,
Und ohne alles Ziel gibt sich die Spur.

Du aber suchst den Pfad zum Ufer hin
Und reimst dich auf der Saale Goldgesprüh,
Denn nicht der starre Stein steht dir im Sinn,
Wo du auf Fahrt dich wandelst spät und früh.
 

 

22
 


SCHLOSS BURGK
I

Um Rittertum und stolze Wehrgemäuer
Hat lange Zeit sich kaum ein Mensch geschert,
Als Steinbruch hat man manche Burg entehrt,
Und hilflos front sie Wettern und dem Feuer.

Doch auf Schloß Burgk sind heil und unversehrt
Wall, Graben, Zwinger, Amtshaus, Turm noch heuer,
Schildmauermacht und Eckbastion dem Dräuer
Hier Überfall und Plünderung verwehrt.

Daß schwarze Saale drum die Schleife steuer,
Gab Schutz für Minnesang und Finkenherd
Und Mut dem Herrn, daß er die Wehr erneuer.

So wachte auch der Reuß mit Lied und Schwert
Am Strom und wär ein wackrer Reichsgetreuer,
Hätt nicht das Recht der blinde Mob verkehrt.
 

 

23
 


II

Als man das deutsche Heer im West geschlagen,
Da durfte Reuß noch als Privatmann stehn,
Auf Wall und Zinne nach dem rechten sehn,
Doch aus dem Ost ging es an Kinn und Kragen.

Jetzt galt kein Recht, kein Reich und auch kein Lehn,
Jetzt lud man Korn und Decken auf den Wagen,
Die Würde ward ein Risiko dem Magen,
Und aus der Saale schwanden Nix und Feen.

Aus deutschem Land verflogen Sang und Sagen,
Und was aus Stein war, ward zu Warn-Museen,
Wie sehr die Herren doch die Bauern plagen.

Doch rauhnachts aus der Saale Stimmen flehn:
O Reuß komm wieder, laß aus frohen Tagen
Den Banner deiner Ruhmgeschlechter wehn.
 

 

24
 


III

Der Rittersaal im Hauptgeschoß der Feste
Erlebte manchen Rat und manchen Glanz,
Da Heinrich hob den Turm zum goldnen Hans,
Beschämte dieser Trutzbau selbst Paläste.

Sophienpark und Orgel Silbermanns -
Auch im Barock zog dieser Bau das beste
In seinen Bann, darinnen goldbetreßte
Jungherren luden holde Fraun zum Tanz.

Stehn Wehr und Weisheit wach im selben Neste,
Fortuna flicht dem Fürsten ihren Kranz,
Doch mit dem Ungeist kommen neue Gäste

Ins Haus, spektakelnd und mit Geld-Geprans,
Und daß dies Treiben jeden Dummkopf mäste,
Rühmt sich der Vogt im Werbespruch: Ich kanns.
 

 

25
 


BLEILOCH
Wo einst nach Blei man grub, gewann
Der größte Stau in Tal und Tann,
Den je gefaßt ein deutsches Wehr,
Zurück dem Thüringer das Meer.

Wo Riff und Karst und Muschelkies,
Erinnerten an blaues Vlies,
Schuf Arbeit einst in grimmer Not
Der Spiegel, der umschlingt dein Boot.

Das große Werk rief auch die Bahn
In diesen Gau, wohl Dienst getan
Hat sie bis heut, wo großes Geld
Auch sie zerstört wie alle Welt.

In Saalburg wächst allein der Rost,
Es gibt hier weder Amt noch Post,
Man braucht nicht nach dem Geist zu schaun,
Wenn Schüsseln Satelliten traun.

Mit Liedern wandert keiner mehr,
Denn Auto nennt sich der Verkehr,
Der strömt aus Bunkern bunkerhin
Und weiß nichts mehr von Maß und Sinn.

Transistor nennt sich die Schalmei,
Wo Können war, kommt Lärm herbei,
Und rhythmisch wie im Negerkral
Hält man für Lust was arge Qual.
 

 

26
 
Wenn man sich nicht mit Gift beschallt,
So ist es Brauch bei jung und alt,
Zu schrein in ein Gerät verzückt,
Daß jeder sieht, daß man verrückt.

Ging wer aus frohern Zeiten aus,
Ihm dünkte dieses Irrenhaus
Ein Spuk und eine Teufelei,
Das davor Krieg geringes sei.

Doch wo du singst, ist dennoch Heil,
Du nimmst an keinem Laster teil,
Und wirst du je so mächtig sein,
Schlägst du die Apparate klein.

Daß wieder ehrlich sei die Müh,
Daß wieder heimisch Gäns und Küh,
Daß Handwerk sei, was wandern läßt,
Und die Musik dem Volke Fest.

Dann wird der Storch auf manchem First
Auch wieder nisten, und du wirst
Dem Menschen- und dem Adlerhorst
Gleich froh sein auch im Saaleforst.
 

 

27
 


WALSBURG
Quellenhort und Pilgerwall,
Wo sich die Wisenta gibt,
Waberlohe, Wacht, Wallhall,
Lenz, darin der Sperling fiept,
Saalisch Lied und Adlerhorst,
Windsbraut, Wandervogelnest,
Freier Bauer, Widerborst,
Der sich nicht verkaufen läßt.

Abgelegen wie seit je
Deutsche Seele haust im Wald,
Jungfrau weiß im ersten Schnee,
Aber tausend Jahre alt,
Dorf mit sechzig Seelen drin,
Die erwärmt Frau Holdas Mär,
Manche Burschen wandern hin,
Einer mit dem Golde kehr.

Burg, darin Rebellenschar
Trotzt der großen Höfe Fron,
Wer in diesen Bergen war,
Weiß sie folgen keinem Thron,
Dem sie nicht in freier Kür
Treue und Gefolgschaft schworn,
Dieses Herz hat offne Tür,
Doch dem Teufel ists verlorn.
 

 

28
 
Da das Recht nicht länger galt,
Hat die Burg ein Heer geschleift,
Wissend nicht, daß nirgends halt,
Findt, wer sich am Recht vergreift,
Das Geschlecht, das dies befahl,
Sündig wider deutschen Brauch,
Fiel nicht nur im Saaletal,
Land und Krone fielen auch.

Denn der Bauer und der Graf
Stehn und fallen ungetrennt,
Ohne Weide ist das Schaf
Nur Geblök, das Hunger kennt,
Nur wenn jeder Stand im Reich
Mehrt durch Opfer und durch Tat,
Keimt die Saat und hält der Deich,
Drum der Mensch den Heiland bat.

Erst stand hier ein Mühlenrad,
Bald die Hammerschmiede derb,
Und ein frohes Wirtshaus trat
In den Kreis von solch Gewerb,
Hoher Ofen Eisen schmilzt,
Pochwerk, Brauhaus, Mälzerei,
Zeit, drin du als Täter giltst,
Schafft und tut zu Reichs Gedeih.

Mit dem Saaledampfer kommt
Bald der erste Kurgast her,
Was dem Stadtverdroßnen frommt,
Schafft auch anderm Volk Begehr,
 

 

29
 
Kurhaus, Betten, Halle, Strand,
Mittagstisch beim dritten Gong,
Ufer, einst ein fernes Land,
Brückt der erste Stahlbeton.

Brücke, die die Wehrmacht sprengt,
Bleibt nur erster Kriegsverlust,
Bald an Kur hier keiner denkt,
Rad und Hammer suchen mußt,
Da das Reich im deutschen Land
Ward verboten und verpönt,
Hörst du auch an diesem Rand,
Wie das Volk verzweifelt stöhnt.

Was des Menschen Klugheit kann,
Was uns Müh und Sorge tun,
Mag nicht brechen Acht und Bann,
Läßt uns nicht in Frieden ruhn,
Weiter fort ist jetzt der Graf,
Gar auf fremdem Kontinent,
Die Entscheidung, die er traf,
Trifft ein Volk, das er nicht kennt.

Ohnmacht lähmt und macht uns krank,
Doch es bleibt uns das Gebet,
Heiland, sende sonder Wank
Zeichen, daß der Wind sich dreht,
Daß der Geier ehrlos Pack,
Nicht das Ziel der Zeiten bleib,
Länger nicht als greises Wrack
Deutsches Land im Nebel treib.
 

 

30
 


ZIEGENRÜCK
Früh als Wald die Felder deckte,
Sucht der Deutsche Werk und Glück,
Glaube, der den Mut erweckte,
Schuf die Aue Ziegenrück.

Mählich wuchsen Volk und Mauer,
Bäuche rund und Lippen rot,
Doch der Feind lag auf der Lauer
Und das Heil blieb stets bedroht.

Ob die Schweden, ob die Bayern
Jedes Heer verläßt dich wüst.
Doch die Ziegenrücker meiern,
Bis die Saale nicht mehr grüßt.

Wechselnd plündern Wasser, Feuer,
Doch der Mensch wie nur der Floh,
Baut sich wieder Markt und Scheuer,
Bleibt im Schicksal glaubensfroh.

Seit die Bahn ihn nicht mehr achtet,
Und die Jungen gehn nach West,
Wird auch heut der Ort umnachtet,
Doch solang der Glaube fest,

Wird niemals ein Ziegenrücker
Weichen vor des Teufels Macht,
Und der Blauen Blume Pflücker
Bleibt hier gern für eine Nacht.
 

 

31
 


STARENWUNDER
Am alten Weg ins Böhmerland,
Wo einst manch Wagen stecken blieb,
Spricht jeder Damm von Menschenhand
Vom Mut, der planvoll Fischzucht trieb.

Der Tannenwedel zeigt sich gern
Wie Sumpfbärlapp und Wassernuß,
Trollblume, Froschkraut, Wasserstern
Gedeihen hier im Himmelsfluß.

Wo Wasserschlauch und Fettkraut still
Vertilgen manches Blutinsekt,
Mag einkehrn, wer erschauen will
Was wundersam im Sumpfland steckt.

Kommst du im Herbst ins Plothner Land,
Zum Rohrteich leite Aug und Ohr,
Die Wiesenraute in der Hand
Wag dich in seinen Umkreis vor.

Denn wenn die Sonne blutig stirbt,
So suchen Starenheere Platz
Im Röhricht, manchen Gau bewirbt
Der Kolben brauner Samtbesatz.

Rein männlich ist die Vogelschar,
Die sammelt sich zur Brutzeit-Nacht,
Eh tags darauf ein jeder Star
Sich heim in seinen Flecken macht.
 

 

32
 
Der schwarzen Sänger Tausendstimm,
Die trafen sich aus Dorf und Weil,
In deine Wanderlieder nimm
Und hab an ihrer Minne teil.

Denn ihre Treu in ihrem Brauch,
Den Frohsinn, der sie jährlich treibt,
Verkünde deine Stimme auch,
Wenn sie die Reisebücher schreibt.
 

 

33
 


SALTAR
Als noch der Fluß kein Bett gesprengt,
Ihm kaum benannter Hain entragt,
In Zeiten, die dein Lot nicht fängt,
Die kein Chronist zu schildern wagt,
Als Odin noch nicht mürb und krumm
Umschlich die Trümmer Gergefechts,
Da gingen Salahs Kinder um,
Uralten gotischen Geschlechts.

Dies war, so spricht der Sagenstab
Ein Stamm, wo Fürst und Untertan
Die Spanne zwischen Born und Grab
In Einigkeit und Freiheit sahn,
Ob manches Volk das Tal bewohnt,
Sie blieben rein an ihrem Haugk,
Und mancher sah sich reich belohnt,
Zu schaun ihr quellengleiches Aug.

Sie gaben Namen Land und Strom,
Und auch der Weiler deiner Wahl
Erscheint als fremder Götter Dom
In unsrer Fluren Wappensaal,
Sie hinterließen nichts als Traum,
Und wenn die Eule nächtens fliegt,
So wagst du auszusprechen kaum,
Wie viel dir an der Kunde liegt.
 

 

34
 
Ein Traum ist uns, was ihnen wach
Und Wohnung war an Hauses Statt,
Was sie als Heger, Hut und Dach
Umhüllte, stillte, froh und satt,
Hier suchte keiner Gott und zog
In Wüsten, fremdes Land, Gebirg,
Noch fragte wer, was den bewog,
Klar waren Wille, Wink, Gewirk.

Hier war das Heil für jedes Kind
Wie Sonne, Himmel, schwarzer Fluß,
Ein Netz, das jede Tat umspinnt,
Daß unser Tun aus einem Guß,
Der Werden nicht als Fessel sieht
Und der Vergänglichkeiten klagt,
Was unterbleibt und was geschieht,
Wird angenommen ungefragt.

Wir sehn in jeder Tat das Leid
Und im Willkomm den Abschied nahn,
Und das Vertraun in dieser Zeit
Erscheint uns wie ein Kinderwahn,
Doch macht uns unsre Weisheit dumm,
Daß jeder Rat die Torheit mehrt,
So gehen Salahs Kinder um
Und zeigen uns, was ewig währt.
 

 

35
 


PAULINZELLA
Waldhin im Tal des Rottenbachs,
Verlustig Siegels, Prunks und Dachs,
Empfängt dich still ein Säulengang
Im Glauben treu, in Ahndung bang.

Hier spürt der Wandrer weitgereist
Was tief ins Herz des Deutschen weist:
Die Gnade, die einst Rom und Nord
Zusammenschloß an diesem Ort.

Die Stifterin aus hohem Haus
Vergab ihr Glück dem Heil des Baus,
Und wer hier wandelt, faßt genau
Die Rundungen der holden Frau.

Was sie der Mutter Gottes gab,
Erfocht sie mit dem Pilgerstab,
Bis ein Refugium stattlich fand
Der Minnetraum der milden Hand.

Was unter Brand und Wettern bricht,
Ist nicht des Wandels Angesicht,
Es ist des deutschen Traums Ruin,
Seit aus dem Land die Engel ziehn.

Man sieht nicht mehr die Glaubenstat,
Wie einst den Segen auf der Saat,
Aus Kirchen die Geschichte weht,
Und fern sind Einkehr und Gebet.
 

 

36
 
Du fragst dich, vom Verfall beschwert,
Ob bald zurück der Heiland kehrt,
Und zündest ihm ein kleines Licht
Bevor der Nebel schwer und dicht.

Es ist uns nicht erlaubt, zu sehn
In welches Los die Länder wehn,
Doch hier wird dir ein Gran zuteil
Von großer Zeit und ihrem Heil.
 

 

 

 

38
 


FEENGROTTEN
Im Arnsgereuther Tal erhob sich bei
Dem Bauernkriege erstes Berggeschrey,
Man suchte noch nach Silber, Kupfer, Blei
Und allenfalls war Färbpigment dabei.

Bald fing man an, am Wetzelstein zu schaun,
Das neue Zauberwort hieß nun Alaun,
Und um nicht nur der Gerberzunft zu traun,
Galts Vitriol die Siedehütt zu baun.

Novalis als den Herrn der Erde preist
Den Bergmann, der nach jeglichem das gleißt,
Beharrlich weit und unter Tage reist
Als Wager, dem allein die Blende weist.

Der Eisen-Schlägel ziert die Hauersleut,
Der Füller nimmt sich an der rohen Beut,
Bis sie am Mundloch den mit Glast erfreut,
Der hohe Kux riskiert in Arnsgereuth.

Markscheider zeichnen wohlvermeßnen Plan,
Der Hüttenraiter schafft dem Rechte Bahn,
Und hindert ein Gefluder dich zu nahn,
Hab acht vor dem, was Menschen noch nicht sahn.

Wo zäh die Zeit und hart das Grubenstück,
Droht jubeljahrs die Zubuß mit zurück,
Daß Urgroßvaters Stollen Erben bück,
Gelang der Zeche Jeremias Glück.
 

 

39
 
Erzmutter kündet die Gewinne an,
Doch schließlich ist der Berg ein alter Mann,
Und da Alaun man kaum entbehren kann,
Die Industrie auf neue Märkte sann.

Dann kommt die große Zeit für Kur und Bad,
Heilwässer sucht man in Basalt und Spat,
Und da er sich verborgnen Quellen naht
Ein Wunder vor das Aug des Forschers trat.

In wenigen Jahrzehnten hat der Berg
Ins Märchen heimgeholt das Hauerwerk,
Tropfsteine reihn sich in verschiedner Stärk,
Daß jedermann die Farben-Formkraft merk.

Was dir sich offenbart im weißen Licht,
Erfänd auch ein genialer Maler nicht,
Was spiegelnd sich verwandelt, mischt und bricht,
Erscheint dir rein wie Gottes Angesicht.

Hier liegt der Gral bereit dem bloßen Aug,
Im Zwiegespräch von Wuchs und Hohlgelaug,
Von Leichtmetall und schwerer Erze Haugk,
Erstrahlt ein Reich, daß deinem Traume taug.

Du weißt nun, daß Erzählungen von Feen
Nicht Schwärmerei und Fabellust entwehn,
Und läßt sie gern durch deine Reime gehn,
Denn jeder, der hier eintritt, kann sie sehn.
 

 

40
 


GREIFENSTEIN
Folgst du dem Flug des Herrn der Himmelsmeere,
Und raunt aus den Verliesen alter Wein,
So stirbt die Rinne um der Schwarza Ehre,
Und du erschaust den Traum vom Greifenstein.

Uralt sind Graben, Wall und Palisaden,
Wehrhaft mit Zwinger, Ring und sechs Bastein,
Die Brunnen, die dich zur Erfrischung laden,
Sie durften schon den ersten Grafen weihn.

Denn das Geschlecht, das bis in unsre Tage,
Bewahrte sich Kapelle und Domän,
Erschien im Mittag, der zu Lied und Sage
Die Weiser flocht, die Mannesaugen spähn.

Die Zeit war hart doch reich im reinen Glauben,
Der Christus sah inmitten aller Welt,
Und noch die Trümmer ihres Baus erlauben
Den Schluß, daß es darinnen Gott gefällt.

Auch wenn die Herrn die Burg bald Vögten ließen,
So blieb sie doch der sichtbare Beweis,
Daß Stand und Würde einzig den erkiesen,
Der Felsen wie der Greif zu nehmen weiß.

Doch wenn die Zeichen, die an diesem Orte
Geschehn, kein Dichter mehr zu sagen wagt,
So öffnet sich des dunklen Fürsten Pforte
Und seine Reiterei die Deutung sagt.
 

 

41
 
So stürzt der Turm zusammen wenig Lenze,
Eh Mord und Frevel grell aus Frankreich schrein,
Und als der Rest zusammenbricht zur Gänze,
Da überwand das Feindesheer den Rhein.

Bald läßt der Kaiser die erkorne Krone,
Und löscht damit, was tausend Jahre galt,
Nur vor dem Gift von Buchs und Anemone
Macht Wandel, der sich stets beschleunigt, halt.

Kein Mensch begreift, wohin dies alles führen
Uns wird, sogar die Greife wurden rar,
Doch kann die Zeit ein reifres Los erküren,
Solang der Born auf Greifenstein noch klar.
 

 

42
 


QUERFELDEIN
Rote Blüher mögen kein Verstecken,
Scharlach schreit und Purpur prunkt im Licht,
Offenkund sind Buhlerei und Schrecken,
Denen es an Geiz und Scham gebricht.

Lockend den Bestäuber ihrer Erben,
Fügt sich Grün als Bühne und Podest,
Wer verfällt dem unerhörten Werben,
Mindre Ziele raschen Flugs verläßt.

Anders ist das Blau, das sich am Raine
Duckt und sich von lindren Strahlen nährt,
Abhold ist der Blust dem grellen Scheine,
Drin der Wandrer höchstes Glück erfährt.

Allem Finden eignet das Verbergen,
Seltenheit erhöht bescheidnes Blühn,
Gold und Silber geben sich den Zwergen,
Die sich lichtlos nach den Adern mühn.

Völker, die in Nebelschwaden dämmern,
Sind den Toten näher und dem Born,
Und im Pflügen und im Ziegelhämmern
Nie versiegt des Knaben Wunderhorn.
 

 

43
 


HEIDECKSBURG
Thronend überm Rudolstädter Markte,
Strahlt ein Bau, der, oft von Brand verheert,
Mählich mit dem Grafenstamm erstarkte,
Bis den Herrn die Fürstenwürde ehrt.

Keiner frönt wie dies Geschlecht im Lande
Dem Barock mit Nischen, Logen, Stuck,
Wo der Saal im wallenden Gewande
Bannt der Zeiten Zwist und Sorgendruck.

Wo sich Reichtum mählt dem stolzen Erbe,
Seit der Orlaburg die Feste ließ,
Weht, daß es den Himmel blauer färbe,
Schwarzburgs Banner über Wall und Fries.

Heute ist das stolze Haus erloschen,
Auch das Volk, das einstens Jubel sang,
Sieht sich wie die Tennen, drauf sie droschen,
Immer mehr bedroht vom Untergang.

Schwermut nistet im Gemüt der Saale,
Diesel rußt auf Mauer, Dach und Sims,
Turmhoch steig und sing dem stummen Tale:
Schau dein deutsches Schicksal an und nimms!

Nichts ist noch verlorn solang wir leben,
Unser Gott liebt hohen Mut und Tat,
Eher wird dies Land zu Meer und eben
Als im wachen Geist das Krumme grad.
 

 

 

 

45
 


UHLSTÄDTER FLÖSSER
Der Baum kann den Fäller ernähren,
Gewinnt er die waldarme Flur,
Es heischt den Gefährten des Bären
Der Seßhafte jeder Kultur,
Ob Schiffsmast, ob Fachwerk und Stiege,
Ob Scheuer, ob Rittersmanns Stolz,
Ob Sieg, ob geschlagen im Kriege,
Der Bauherr braucht kerniges Holz.

Es gleiten die Stämme auf Riesen,
Zur Bloße am saalischen Strand,
Bis Georgstag taugen die Wiesen
Zur Schwemme dem triftenden Stand,
Zum Feld füg Holländer und Blöcher,
Hab Haken und Rechen zur Stell,
So schaut dir der Nix durch die Löcher,
Und heiter beschwingt dich die Well.

Wenn Wehre und Mühlgräben schließen,
So ist dir bereitet die Fahrt,
Der Regen wird keinen verdrießen,
Denn wassergewohnt ist die Art
Von Männern, die Reiche vergrößern,
Erfahren mit Schleuse und Klaus,
Sei Oblast den Uhlstädter Flößern
Und sei in den Liedern zuhaus.
 

 

46
 
Der Flößer kennt Schnellen und Strudel,
Die Launen der Riffe, den Hamm,
Doch drohn keine Wölfe im Rudel,
Noch kippt deine Kutsche im Schlamm,
Des Seeweges Pferd wird nicht schwächer,
Und fordert nicht Fraß noch Ersatz,
Bei Sonnenschein dichtet der Becher
Vom Walde, vom goldenen Schatz.

Drum komm in die Uhlstädter Heide
Zum älteren Wehrhaus am Pfingst,
Im Heimschengang Brauchtum beweide,
Wenn du die Parade besingst,
Dann dürfen wir Saalkinder glauben,
Wir wären die Pflichten nicht los,
Und nichts könnt dem Strome uns rauben,
Der Trift und dem herrlichen Floß.
 

 

47
 


DAS LIED DER KUNIGUNDE
Ich schwebe weiß gewandet zwischen Buchen,
Seit man das Schloß der Hohenzollern schliff,
Ich darf nicht Gnade noch Vergessen suchen,
Muß beider so wie der Erinnrung fluchen,
Ich bitte jeden Jägersmann: ach, triff!

Ach, daß ich fiel - doch was liegt am erneuten
Fall, grundlos, wo mich Hall und Klippe narrn,
Ich bin ein Weib, verfemt von allen Leuten,
Es mag mich gern der Höllenschlund erbeuten,
Wenn nicht mehr diese Kinderaugen starrn.

Kommst du vorbei an alter Kemenate
Zu Orlamünd, bedenk das klamme Los,
Der schöne Albrecht weilte hier als Pate,
Dem Sprengel freund und wohl mit seinem Rate
Den Knaben aus dem Grafenstamme groß.

Er war gar stattlich und sehr gut den Frauen,
Sein Aug war blau und kräftig seine Hand,
Es fiel nicht schwer, auf seinen Mut zu bauen
Und ihm im tiefsten Herzen zu vertrauen,
Ich hätte ihn so gern als Mann erkannt.

Was er orakelnd sprach, aus allen Schächten
Mir hallt, die schönste Blüt in deutschen Gaun
Würd er so gern in seine Krone flechten,
Doch müsse er mit seinem Wunsche rechten,
Solang vier Augen noch dazwischenschaun.
 

 

48
 
Er war ein guter Sohn, dem wohl die Pläne
Der Eltern hießen, Haus und Stamm zu mehrn,
Doch als er heimwärts ritt mit blonder Mähne,
Da flüsterte der Teufel dreist, er wähne,
Daß ihn die Früchte erster Eh entehrn.

In einer Nacht, da Sturm Dämonen weckte,
Ward meine Liebe bitter, bös und weh,
Daß ich mein Herzblut selber niederstreckte
Und heuchlerisch am Tag mein Kleid befleckte
Die Träne, daß des Herren Will gescheh.

Was war, sprach ich dem Henker und dem Pfaffen,
Doch ward mir wohler nicht bei dieser Beicht,
Ich spür das Urteil meine Züge straffen,
Ich muß die Kunde zu den Enkeln schaffen
Und weiter, und mir wird nicht froh noch leicht.

Die Liebe kann uns groß und herrlich heben,
Doch stürzt sie auch in tiefste Finsternis,
Wenn wir das Recht, das Heil und alles geben,
Und endlich als Gespenst durch Wälder schweben,
Nur noch das Gift von einem Natterbiß.

Allein die Liebe zu des Heilands Wunden
Ist sicher vor des Teufels Liebeswahn,
Und weckt dich Liebesgram in Geisterstunden,
Erinnre dich des Leids von Kunigunden,
Und hüte dich vor dem, was sie getan.
 

 

 

 

50
 


LOBDEBURG
Lobdeburg: Ruinenwall,
Schwanker Mauern Leergezähn,
Hohle, die verstärkt den Hall,
Einsamkeit, Geraun, Gewähn,
Groß erdacht und groß geschaut,
Nordlicht überm Orlagau,
Sporn mit reich geschmückter Haut,
Schulmann für so manchen Bau.

Schau die Tür nach Osten hin,
Das Arkaden-Fenster faßt
Eine Nische, Blenderin
Hohem Licht, das uns verblaßt,
Die Kapelle, der Altar
Und der Morgenerker stehn
Für der Engel Preiserschar,
Die wir nicht mehr hörn und sehn.

Doch der karge Rest der Zeit,
Der die späteren Gewürm,
Hat vom Mut der Heiligkeit,
Daß der Edle schicht und türm,
Noch genug, daß dieser Keim
Zur Gemeinde solche macht,
Denen Heimat Trutz und Heim
Vor dem Wahn aus Zins und Pacht.
 

 

51
 
Dem Verfall mit Mut zu wehrn,
Schafft Gemeingeist, Schaffenslust,
Lied und Sage stolz zu ehrn,
Bricht des Herzens Panzerkrust,
Denn der Bauherr ist, wer schafft,
Und wer schaffen will, der singt,
Weil dem freien Werke Kraft
Selbst der späte Himmel bringt.

Wer in solchen Bürden schwitzt,
Schläft am Abend rein und tief,
Nicht als Exeget gewitzt
Im Foliant und im Archiv
Zeigt sich Gott dem deutschen Sinn,
Denn der Schöpfer liebt das Werk,
Den bescheidnen Neubeginn
Heute auf dem Lobdeberg.
 

 

52
 


LEUTRABACH
In Jena anerkannt, beliebt,
Und daß der Däne Taler gibt
Tut wohl nach Flucht und Schinderei,
Doch wird die Lunge hier nicht frei,
Freund Goethe pönt den Tabakrauch,
Doch würgt die Gassenenge auch.

Ein Haus im Grün -- was könnte mehr
Dem Schreiber und dem Visionär
Refugium sein, Natur-Asyl?
Wo Leutrabach sich klar und kühl
Geschaffen eine Felsenschlucht,
Fand Schiller seine Gartenbucht.

Hier zog er ein am zweiten Mai,
War auch manch Fieberkrampf dabei,
So zieht er heiter Rund um Rund
Als Herr nun auf dem eignen Grund,
Ein kleinres Haus baut er im Nord,
Dies wird ihm bald sein liebster Ort.

Der Taucher und der Handschuh sind
Des Gartens erstes Schaffenskind,
Der Ring des Polykrates sang,
Und nach dem Eisenhammer-Gang
Sind Kraniche des Ibykus
Balladendichters Überfluß.
 

 

53
 
Im Jahr darauf die Bürgschaft tagt,
Und wer den Drachenkampf gewagt,
Der weiß auch, daß viel schwerer wiegt,
Wenn man die Eitelkeit besiegt,
Der Dichter wird mit Spruch und Reim
Entbehrlich kaum dem Bürgerheim.

Der Urlaub von der Professur
Heißt Müh und nicht Gesundheitskur,
Balladen, Horen, Almanach,
Sind nicht die ersten unterm Dach,
Läßt ihn die Tagespflicht allein,
So zwiespricht er mit Wallenstein.

Sein Ziel, daß er in Weimar wohn,
Und täglich gleichgesinnten Ton
Vernähm, sich schließlich machen läßt
Für einen schmalen Lebensrest,
Doch hält er sich Erinnrung wach
Ans erste Glück am Leutrabach.
 

 

54
 


FUCHSTURMGESANG
Wo frühtags die Vögte und Grafen
Gestritten um Brünne und Pfalz,
Fand deutscher Brauch einen Hafen
Im Bund der Gemeinden des Walds,
Hier frönen die Heger der Eichen
Den Bürden und Riten des Stands,
Der weiß nichts von wanken und weichen,
Und feiern im Fuchstürmer-Tanz.

Vier Burgen den Ziegenhain krönten
Mit Fehden um Reiches Gestalt,
Die Hörner, die talunter tönten,
Sie wurden im Streite nicht alt,
Noch immer ist nirgends entschieden,
Was Fug sei dem saalischen Raum,
Drum tritt in den zeitlosen Frieden
Der Wahrer im Fuchstürmer-Traum.

Ein Bergfried im Brandschatzen wahrte
Sein Lehn, das die Hoheit beweist,
Die einstiges Baun offenbarte,
Wie sonst nur der prinzliche Geist,
Der lauscht an dem Borne der Sagen,
Dem Lied, drin die Aue sich kund
Und froh macht das Wandern und Wagen
Der Sänger im Fuchstürmer-Bund.
 

 

55
 
Das Land lädt zu liedfrohen Fahrten
Den Burschen, der zupfgeigen kann,
Hier mußt du auf Wunder nicht warten
Denn grottenreich heimelt der Tann,
Die Nachtigall flötet Furlane,
Der Habicht den Nebel beschwor,
Drum schwarz weiß rot sei die Fahne,
Entfaltet im Fuchstürmer-Korps.

Hier herrscht kein Gezänk der Parteien,
Hier gehts nicht um Pfründe und Pacht,
Kastanien und Linden in Reihen,
Und Mistel, die Lieblust bedacht,
Wer singt, führt das Rechte im Schilde
Und schreckt vor Gefahr nicht zurück,
Getreulich dem Kirchbergen-Bilde
Und heiter im Fuchstürmer-Glück.

Die Wege, die Stiegen, die Weiser,
Was frei die Gemeinde sich gab,
Die Lohe gesammelter Reiser,
Die Müh um Gedächtnis und Grab,
Denn frei ist, wem Schaufel und Rechen
Gemein sind wie Ehr und Verstand,
Wer männlich dem Zank, dem Verbrechen,
Zu wehrn weiß im Fuchstürmer-Stand.
 

 

 

 

57
 


JENZIG
Stern der Dichter, Sänger, Sagen,
Hochlands steil gebäumter Sporn
Rufer aus den Jugendtagen,
Urahn uns und Sehnsuchtsborn,
Heimlicher, mit Steinzeitkünsten
Und mit Opferblut getränkt,
Thron, der uns in Saaledünsten
Zuversicht und Hoffnung schenkt.

Weinbau machte dich begehrlich
Kaiser, Kapitell und Stift,
Wer zu Fuß reist, schlicht und ehrlich,
Thor mit Groll und Lachen trifft,
Bürge für die unbeglichne
Rechnung, die die Vorwelt reicht,
Wenn der Mensch die halb erschlichne
Duldung nicht zuletzt begleicht.

Wer den Fels, vor Mannheit strotzend,
Liebte, mußte einstens früh
Losgehn und den Wettern trotzend
Geizen nicht mit Kraft und Müh,
Im Geleithaus an der Brücke
Runder Bögen Camsdorf-hin,
Meinte man, was derart drücke,
Böt für ein Gemeinwerk Sinn.
 

 

58
 
Der Verein bescheidner Leute
Schuf zunächst den Unterstand,
Bis den Berg ein Haus erfreute
Und ein Pfad zur Höh sich wand,
Aus der Gemdentaler Hohle
Ward ein Fuhrweg schotterhart,
Unvergütet Wandrers Wohle
Feierabend Steine karrt.

Skepsis höhnt in den Gazetten
Karg sind Mittel und Budget,
Doch ein Typus, der wie Ketten
Haßt die Rast, war hier seit je
Trotzig in den Saaleauen,
Wo der Schwemme, Brand und Feind
Gegenstand ein Gottvertrauen,
Das die starken Männer eint.

Mit dem Wirtshaus wird der Hügel
Hort, wo man sich gern gesellt,
Deutsches Bier verleiht dir Flügel,
Wenn der Hädrich drei bestellt,
Wenn sich so des Dichters Worte
Bünden mit dem Tatengeist,
Scheint uns auch die Himmelspforte
Offen, da der Frühtau gleißt.

Wie dem Reich nahm dem Vereine
Der Besatzer Recht und Gut,
Tumbe Knechte löschten seine
Taten und den stolzen Mut,
 

 

59
 
Bis aus Lähmung und Verwesen
Dieses Land zu neuer Kraft
Findet Männer, Frauen, Spesen,
Und sich neue Satzung schafft.

Doch der Teufel läßt nicht locker,
Er vergötzt den Eigennutz,
Konsument heißt Stubenhocker
Heut und heischt nach Schau und Putz,
Wenn sich der Gemeinsinn schwächte
Und man weist die Müh dem Staat,
Dann sind Hoffnungen und Rechte
Segenlos verdorrte Saat.

Doch wir wollen nicht verzagen,
Denn der Herr ist unsre Burg,
Und in arbeitsfrohen Tagen
Folgen uns nicht Schelm und Schurk,
Wer da redlich schafft und streitet
Und den Nachbarn leben läßt,
Froh und frei durchs Leben schreitet,
Und der Jenzig grüßt ihn fest.
 

 

60
 


JENZIG-CHOR
Wenn im Blau sich wiegt der Aar,
Fürst im weit gespannten Flug,
Ist des Menschen Flügelpaar,
Das durch Eis und Wüsten trug,
Seiner Stimme Dur und Moll
Über Auen, Strom und Paß,
Sind die Augen reich und voll,
Zeichnet weich der Kontrabaß.

Vielfalt ist des Lebens Trieb
Und der Flügler darf nicht stehn,
Innig ist dem Lied die Lieb
Voll im Ganzen aufzugehn,
Darum folgt die Stimme froh
Dem, der sie im Chor gebannt,
Was sich trägt und streitet so,
Ordnung gäb auch Hof und Land.

Der Gesang ist eine Au,
Wo, was einzig, was gemein,
In der Regel, in der Schau
Findet Herd und holdes Heim.
Wenn das Sonnengold den Kamm
Krönt in deutscher Landschaft Sporn,
Hütet Echo in der Klamm
Männern Stolz und Jugendborn.
 

 

61
 
Singt ihr Streiter, Engeln nah,
Denn das Lied faßt nicht die Zeit,
Was in seinem Reichtum da,
Führt zu Gottes Heiterkeit,
Was entfaltet wirbt und webt,
Wuchs aus einem Lichtkristall,
Über Land und Himmel lebt
Harmonie und Sphärenhall.

Wo dich grüßt der Jenzig-Chor,
Grünt der deutsche Männersang,
Dringt zum Kern der Bünde vor,
Neuland, Rode, erster Gang,
Wie die Dorer klares Licht
Grüßten auf dem Hochplateau,
Goldbetaut der Sänger ficht
Überm Sonnenwend-Geloh.

Lied hoch, Lied, o grüne fort
Schall aus Kehlen, rauh und fein,
Jenzig heißt der hohe Ort,
Wo die Sage schläft im Stein,
Wenn man sich zum Lied ermannt,
Sangfroh trifft an Fels und Quell,
Dauert auch das Vaterland,
Bleibt der Himmel blau und hell.
 

 

62
 


DORNBURGER SCHLÖSSER
I

Die Kaiserpfalz des Großen der Ottonen
Manch Minnesang aus Reiches Wiege weiß,
Der Reichstag hegte hier das grüne Reis
Und schuf den Traum, drin viele Häuser wohnen.

In Lehn und Schuld schub sich auf manches Gleis
Die Burg, Gemach so manchen Herrn und Kronen,
Den Bauern, die den Tag im Weinberg fronen,
Ist meist egal, wie nun der Ritter heiß.

Sie streben nicht nach Wechsel und nach Thronen,
Denn andrer Art ist ihrer Weisheit Kreis
Und Gott wird ihre Treue stets belohnen.

Und deutet gar ein Narr aufs Schloß: Befreis!
Der Bauer geht zu Gurken und zu Bohnen,
Der Sohn der Erde bleibt bei Sau und Geiß.
 

 

63
 


II

Das Rokokoschloß mit dem Rosengange
Hat dich als Kind mit holdem Spiel verzückt,
Wenn solche Einheit mit der Schöpfung glückt,
Dann ist dir um den Weltenlauf nicht bange.

Nicht Wehr und Trutz die Fürstenbleibe schmückt,
Zwar währt auch hier die Friedenszeit nicht lange,
Und manchem scheint groß Unheil bald im Schwange,
Doch dies verneint, wer eine Rose pflückt.

Es sei der Mensch in seinem dunklen Drange
Sich wohl bewußt, wie er die Nächte brückt,
Wie auch die Schwere jedes Pendel fange,

So spricht der Dichter, den das Alter drückt
Und der uns jung wie nie im Schwangesange
Zeigt, wie man aufrecht bleibt wenn man sich bückt.
 

 

64
 


III

Das Renaissanceschloß bot dem greisen Sänger,
Der Großes sah und manche Narretei,
Ein Herbstglück, da von allen Pflichten frei
Er nachsann, ob er noch ein Mädchen schwänger.

Wohl mag ein hoher Geist sich wie im Mai
Befinden, wenn die Schatten lang und länger
Sich legen und der gnadenlose Fänger
Bei allem, was der Körper spricht, dabei.

Hier dichtet nicht der Stürmer und der Dränger,
Daß ihn vor Hast ein langes Leben fei,
Schuf ihn zum Kosmos und Kulter-Vermenger.

Er schuf der deutschen Dichtung Kern und Ei,
Und jede Jugend fragt den Wiedergänger,
Ob sie zurecht bei ihrer Sache sei.
 

 

65
 


AN DER MÜNDUNG DER ILM
Hier vereint der Lengwitzgau
Seiner Wasser Taugerinn,
Daß man diese Kräfte stau,
Reicht nicht das Gefälle hin,
Müde ward der Sprudelgeist,
Den die grüne Schwermut wiegt,
Auch die Ilm, die mündend speist,
Scheint Geschichte und besiegt.

Doch wie immer, wenn die Tat
Schwer wird, treibt ein Märenschatz
Jedes Boot und jedes Rad,
Jeden Pirsch und jede Hatz,
Von Apolda kommt der Gruß,
Auch von Weimar, Ilmenau,
Von des Finsterberges Fuß,
Wo die Wetter derb und rauh.

Goethen denkt der ganze Fluß,
Der oft an der Quelle stand,
Was sich schattig winden muß,
Treibt das Lied ins weite Land,
Und du meinst den Geist zu spürn,
Der die feinen Nebel webt,
Und er soll dich weiter führn,
Daß die Burgenaue lebt.
 

 

66
 
Nicht der Main hat ihn gefaßt,
Denn er reimt im Ilme-Takt,
Die in Griesheim Gut verpraßt
Und in Dienstett fast versackt,
Um den Wüstenbach zu quelln
Und die Wipfra durchs Geklüft,
Also sagen Ilmewelln,
Daß die Maid ihr Hütchen lüft.

Wer das weich geformte schätzt,
Und die Schlingen durch den Wald,
Hat gewiß ich nicht falsch gesetzt,
Wird er hier im Lande alt,
Wo so vieles hold und scheu
Sich vermählt im Randgeschicht,
Bleibt der Brust die Muse treu,
Und der Dichter dem Gedicht.
 

 

67
 


SCHULPFORTA
Seit Moritz von Sachsen erklärte
Das Kloster zum Schulinternat,
Betraten die fürstliche Fährte
Begabte für Kirche und Staat,
Der Gau kam an Preußen, die Lehre
Zog eine Elite im Zaum,
Hier ward eine Sache der Ehre,
Die Bildung im klassischen Traum.

Die Jugend mit Härte und Strenge,
Die Leistung mit Pauken und Drill,
Die peinliche Ordnung der Gänge
Fragt nicht, was der einzelne will,
Manch einer litt unter der Regel,
Der Freizeit selbst winters im Hof,
Und ließe gern Luther und Hegel,
Die Klassik und den Neunerschworf.

Ob Keildienst, ob Famuluspflichten,
Manch Zögling erdrückt dieser Stand,
Doch darf seine Träne nicht richten,
Da Großes entsteht einem Land,
Wenn Knaben wie hier die Portenser
Kein weibisches Zagen beschränkt,
So sucht nicht die Gans sich der Gänser,
Es punktet, wer großartig denkt.
 

 

68
 
Auf Ehrfurcht und dauernder Mühe
Ruhn Einsicht, Gedächtnis, Geschmack,
Die Einfalt bevorzugt die Kühe,
Der Schwätzer gehaltloses Pack,
Wer Wagner vor Fausten gewichtet
Und höher noch elbische Feen,
Mit Steiner ein Weltreich erdichtet,
Der bleibe im Sandkasten stehn.

Dort darf er von Ödipus schwatzen
Und wie sich verwirklicht der Hund,
Gemeinsam mit Hasen und Spatzen
Sich freun, daß das Bilderbuch bunt.
Doch wer sich zum Maß statt der Fliegen
Antike und Gotik erkennt,
Der sorgt, daß der Höhe der Stiegen
Er keine Beachtung verschwend.

Der Letztmensch hegt alles Gemeine,
Bannt Großes mit Schmutz und Verdacht,
Dem Herrn weiht er geistlose Weine,
Die Schrift er zum Kinderbuch macht,
Den Adel er haßt, die Elite,
So soll auch die Bildung nicht blühn,
Doch du wirst nicht dienen der Niete,
Der Herrgott bestimme dein Mühn.
 

 

 

 

70
 


UNSTRUTWEIN
Nirgends drang Dionysos
Weiter in den Norden vor,
Wo die Unstrut saalhin floß,
Er sich letztes Reich erkor.

Herber sind die Winde hier,
Aber wo der Rebensaft
Fremdling heißt für Met und Bier,
Zeigt er ungeahnte Kraft.

Schwacher Sonne späte Frucht
Weckt Genießers Kennerglück,
Schroffe Hänge dieser Schlucht,
Helfen Winzers Müh ein Stück.

Auch im abgelegnen Land,
Pflegt er Sitte, Zunft und Brauch,
Und dem Frohsinn zugewandt,
Suchst du seine Feste auch.

Eine Königin er kürt
Nach der Lese an der Lind,
Wer sie anschaut, weiß und spürt,
Daß wir Gottes Kinder sind.
 

 

71
 


STRUDELMUHME
So wie ein Wetter arg durch Un,
Sollst du im Unsumpf Pein vermuten,
Wenn überfließen Tau und Brunn,
So wollen Neck und Datscher fluten.

An Strudeln reich die Unstrut floß,
Und wem da Wind und Welle leben
Der schaut des Wassers Volksgenoß
Das Goldhaar aus der Schwärze heben.

Dem Unstrutmüller war das Wehr
So oft vom Schlag des Stroms zerrüttet,
Daß er gemeint, die Nix begehr
Ein Opfer in die Flut geschüttet.

Man riet ihm, zu des Wehres Schutz
Sei junges Leben eingemauert,
Was anderm Last, sei ihm zunutz
Und stürbe kalt und unbetrauert.

Rasch fand sich auch ein armes Weib,
Das einem Nichtsnutz war zu Willen,
Die sorgte sehr, wo fürder bleib
Die Frucht, mit Beten nicht zu stillen.

Des Müllers Gold und gutes Wort
War froher als die Mutterfreude,
So gab die Frau den Säugling fort
Als Grundstein für das Wehrgebäude.
 

 

72
 
Dies stand da gut gar zwanzig Jahr,
Der Müller sah sich bar des Zolles,
In Truhn und Schränken Reichtum war,
Es gab kein Faß, das nicht ein volles.

Dann rief der Herr zu einer Stund
Die Mutter, die das Kind verhandelt,
Gelegentlich zum Mühlengrund,
Wo sie am Wehrgemäuer wandelt.

Da brodelts und es steigt mit Wucht
Ein Seeweib hell und ungeheuer,
Die Mutter sucht das Heil der Flucht,
Es bersten Pfeiler und Gemäuer.

Die Mutter ahnt, die Tochter wuchs
Im Reich des Schlicks zu Macht und Sühne,
Das Opfer Mutwills und Betrugs
Betritt als Rächerin die Bühne.

Dies raubt ihr Ruhe und Verstand,
Sie rennt durchs Dorf und dann zur Brücke,
Der Pfarrer, der ihr folgte, fand
Dort nur den Ring und ihre Krücke.

Die Unstrut gleitet schläfrig matt,
Den atemlosen Mann zu kühlen,
Sie fließt gestillt und jugendglatt,
Weil sie es gar nicht eilig hat,
Die Leich zum Ufersaum zu spülen.
 

 

73
 


UTA UND EKKEHARD
In Naumburg am Ufer der Saale
Sei herrlichem Wunder nicht faul,
Dort folge der Unstrut zu Tale,
Geleitet von Peter und Paul,
Im Westchor stehn Stiftergestalten,
Die zweihundert Jahr nach dem Tod
Nicht länger die Grabstatt behalten,
Da Neubau der Bischof gebot.

Die Uta von Ballenstedt, traulich
Dem Ekkhard von Meißener Mark,
Sie rafft ihren Mantel gar fraulich
Da sie ihre Kehle verbarg,
Ein Träumen umspielt ihre Braue,
Die Linke gespreizt, fingerfrank,
Fragt noch ob ihr Zögern sich traue
Zu spüren des Herzens Gewank.

Mit bannender Geste der Gatte,
Zeigt Sehnen und Schlankheit gespannt,
Die Locken umkräuseln wie Watte
Den Hagren mit herrischer Hand,
Die Augen durchbohren die Weite,
Der Gurt ziert gerade und schmal,
Er zeigt sich erfahren im Streite,
Als frühtags umkämpft war das Tal.
 

 

74
 
Hier schaust du, was Hoheit und Adel
Bedeuten im menschlichen Leib,
Den Wandel, daß niemandes Tadel
Die Seele ins Randlose treib.
O Herrgott, beschere uns Fürsten,
Die Eden noch zeichnet mit Gold,
O Heiland, wir schmachten und dürsten,
Uns ist nur Vergangenes hold.

Bei Uta und Ekkhard zu weilen,
Ein seltener Meister erlaubt,
Die Wunden der Wolfszeit verheilen,
Wenn einer mit Turmstärke glaubt,
Solang solche Wunder beharren
Auf Würde und fürstlicher Treu,
Wallfahren als gotische Narren
Wir weiter zu Lilie und Leu.
 

 

75
 


NOVALIS-GRAB
Wo die Saale läßt ihr Knie,
Umwegfrei zur Mündung eilt,
Harft die deutsche Melodie,
Die in weißer Kreide weilt.

Hergewandert laß dem Stab
Was im Gold der Ähren lacht,
Still versenke dich dem Grab
Und den Hymnen an die Nacht.

Hier ist Schwärze nicht Gefahr,
Sondern milde Mittlerin,
Daß die Lieb dem Herzen klar
Mach des Universums Sinn.

Auch in Ofterdingens Blau,
Seiner Schwermut holde Haft,
Wagen die Zusammenschau
Poesie und Wissenschaft.

Der Gemütserregungsmacht,
Die im Kairos Zungen findt,
Böhme in Aurora dacht,
Hardenberg in jedem Kind.

In der Zeit des Ritterstands
Und der Klöster heilig Mut,
War Europas Seele ganz
Und das Wort der Dichter gut.
 

 

76
 
Aber da das Erz entschlackt,
Und der Bergmann Händlern front,
Hat der Nutzen kleingehackt,
Was in Gottes Odem wohnt.

Diesem Sänger, der dir früh
Glaube, Liebe, Hoffnung gab,
Leg gefolgsam dein Geblüh
Heut zu Weißenfels aufs Grab.

Denn wie keines gab sein Lied
Deiner Jugend Boot und Mast,
Deiner Bücher Quellgebiet
Sein Fragment zusammenfaßt.
 

 

77
 


DAS HAUS IM WIND
Wer entlief dem Stall der Tanten,
Und dem Mief der Profession,
Wer sich schied vom Anerkannten
Und nicht mag den Scribler-Lohn,
Wer nicht Hirt sein will und Herde,
Auditorium, Bücherstaub,
Dem wird Goethes Stirb und werde
Sturmwind und Oktoberlaub.

Wer das Heim hat ausgeschlagen,
Das den anderen Brot und Gott,
Sei von Flügeln hoch getragen,
Bis er stürzt in Schmach und Spott,
Wer ein Tanzlied schrieb als Weiser
Zwischen Sturm und Ach-Verweil,
Weiß, der Lärm ist groß, und leiser
Ist, was Taubenfüßen feil.

Sommers in Graubünder Bergen,
Winters froh im Mild-Azur,
Zum Exil brauchts keine Schergen
Und ein bißchen Anstand nur,
Für das Glücks-Geblök der Herde
Scheint der Hinterwelten Glanz,
Doch wer vaterlos der Erde
Sohn, ist ledig jeden Stands.
 

 

78
 
Sind die Spurn des Mistral-Tanzes
Im Jahrhundert nicht verweht?
Wer dem Abendland als ganzes
Richter ward, der kommt und geht,
Nicht wie Moden und wie Staaten,
Nicht wie Ämter und Ideen,
Und in Aun und schroffen Graten
Wirst du stets sein Winken sehn.

An dem schlichten Stein zu Röcken
Hast du seiner oft gedacht,
Nicht mit hoch getürmten Blöcken
Wird des freien Geists gedacht,
Wer hier ruht im Abgelegnen,
Kehrt zuück in einen Traum,
Wo die Stillsten sich begegnen,
Und das Staatsvolk merkt es kaum.

Fall nicht nieder am Granite,
Spür den Süd dir blähn das Hemd,
Denn du stehst in Torwegs Mitte,
Wo nicht Atlas Himmel stemmt,
Denn wer schweben will in Leichte,
Läßt zerfalln, was sich nicht trägt,
Was er suchte und erreichte,
Sagt das Land, das weiterfrägt.
 

 

 

 

80
 


MERSEBURG
I

Merifrid und Merowig,
Meriswid und Meriswind,
Für der Geisel Mundgebieg
Manche Paten möglich sind.

Auch mag sein, am frühen Ort
Trutzte Friesenkraft dem Feind,
Daß der Burg Bestimmungswort
Marsak oder Marsing meint.

Dunkel ist die Gründerstund,
Dunkel wie das Zauberbuch,
Das in Pferdes Bauch und Mund
Bannt Gewürm mit sicherm Fluch.

Wie die Runen recht sich reihn,
Ward zerbrochen manche Stirn,
Und des Dichters Sämerein
Werdens weiter nur verwirrn.
 

 

81
 


II

Als zu Merseburg Prälat
Thilo, der von Trotha kam,
Ward geraunt von Diebestat,
Falschem Spruch und später Scham.

Da vermißt ein Ring von Wert,
Galt doch Hans als treuer Knecht,
Doch der Jäger Ulrich lehrt
Bischofs Raben falsches Recht.

Und der Vogel schrie gar dreist,
Hans hab frech den Ring geraubt,
Was der Herr ein Gottwort heißt,
Daß der Diener läßt das Haupt.

Unrecht Blut ward hier gericht,
Als der Sturm ein Rabennest,
Fortriß, kommt der Ring ans Licht,
Und stellt Tat und Irrtum fest.

Drauf zerknirscht der Thilo sprach,
Daß ein Rab im Kerker schmacht,
Dem folgt stets ein Erbe nach,
Und so wirds noch heut gemacht.
 

 

82
 


III

Als ich ließ das Elternnest,
War die Stadt am Geiselmund,
Die so viel vermuten läßt,
Meiner Dichtung Wiegenstund.

Zwischen Säure, Flamme, Rauch
Lernt ich Alchymists Mixtur,
Wie man Teilchen reih und stauch,
Wie ein Salz werd rein und pur.

Die Retorten im Labor
Schufen Farb und Blum-Arom,
Doch ich lauschte auch dem Chor
Engelsgleich im großen Dom.

Ein Klavier zu tragen fort,
Ward gesucht ein junger Mann,
Und so war ich kaum am Ort,
Als ich Freunde schon gewann.

Und die Gruppe, die bemüht
Eine Kirche, die der Macht
Fernstand, prägte mein Gemüt,
Daß ich vieles anders dacht.

So fand ich am Saalestrand
Zwischen Schwefel und Phosphin
Meines Glaubens Vaterland,
Und die Macht hats nie verziehn.
 

 

83
 


GIEBICHENSTEIN
I

Hallenser, Halloren, Halunken,
Man sagt uns, sie wärn in der Stadt,
Du warst in der Gose betrunken
Und schlägt aus dem Feuerstein Funken
Im Steinwald an Thorhammers Statt.

Die Brücke, die sah dieses Flegeln,
Die Woge, die töricht und Kind
Von Einhalt nichts weiß und von Regeln,
Sie ruft dich nach Norden zu segeln,
Wo größer die Hanse beginnt.

Die Saale bist jung du geschritten
Vom Quell nach dem größeren Fluß,
Doch kehrst du einst heim zu den Quitten,
Und auch an der Ilm wirst du bitten
Ums Umkehrn zur Quelle am Schluß.

Die Jugend treibt gern mit den Bächen,
Auf daß sie den Ozean frei,
Und doch wird Najade sich rächen,
Die Stärken enttarnen als Schwächen,
Daß größtes der Springborn dir sei.
 

 

84
 


II

Hier kreuzen sich nicht nur die Bahnen,
Hier kreuzen sich Linien der Hand,
Hier kreuzen sich Farben und Fahnen,
Wie Aufbrechen, Streiten und Mahnen,
Und sämtliche Winde im Land.

Hier hast du den Erben getroffen,
Den jüngeren Barden benannt,
Hier mischst du aus Abschied und Hoffen
Antike mit deutscheren Stoffen,
Hier fühlst du des Vaterlandes Schand.

Hier bist du zuhaus und verwundet,
Hier weißt du die Mitte als Rand,
Hier hat dir die Jugend gemundet,
Und hier wird die Rechnung gestundet,
Der Talgdocht gestützt, der verbrannt.

Hier wirst dus noch einmal versuchen,
Das Wort, das verfemt und verkannt,
Was ausging vom Hangwald der Buchen
In Reimen der Prosa zu fluchen,
Daß neu sich die Sprache bemannt.
 

 

85
 


III

Der Magdeburger Erzbischof
Sah einstens kalt die Saale ziehn,
Die Wälle rot und felsenschroff,
Doch wars recht heimlich am Kamin.

Im Hof stand frei ein Kirchenschiff,
Am Pallas ein Arkadengang,
Welch Schicksal diese Mauern griff,
Vergessen ist und dies schon lang.

Im Thronstreit zwischen Welf und Stauf,
Belagert ward auch diese Wehr,
Bestand sie oder gab sie auf?
Dies alles weiß hier keiner mehr.

Die Stadt hat nicht die Burg geliebt,
Weil sie sich hansisch frei verstand,
Auch wenns hier kaum noch Altes gibt,
Sei doch der Rang nicht ungenannt.
 

 

86
 


IV

Was nah da Reichards Garten sei,
Gibts besser Kund und Preisung viel,
Der kam von Königsberg herbei
Schon recht berühmt im Geigenspiel.

Daß Leipzig sei für Jura gut,
Riet jungem Mann der Denker Kant,
Doch ganz den Sturm und Drang im Blut,
Sah dieser ab vom Bürgerstand.

Daß er Berlins Kapelle vorn,
Schien ihm auf Dauer öd und trist,
Dafür des Knaben Wunderhorn
Ein schätzenswerter Aufbruch ist.

Luise Anhalt Dessau gab
Das Geld für die Poeterey,
Daß man den Geist am Grün erlab,
War dazumal der neuste Schrei.

Und Herder war wie Hamann hier
Und Goethe, Schiller manches Mal,
Auch der Romantik jüngre Zier
Ward oft gesehn im Saaletal.

Die Lieder, die er selber schrieb,
Sind kaum recht allgemein bekannt,
Da ihn ein böser Magen trieb,
Half auch zuletzt kein Gartenland.
 

 

87
 


WETTIN
Zwar der Unterlauf der Saale
Ist nicht Klingsors Jagdgebiet,
Doch wies Parsifal zum Grale,
Manchen es zur Wartburg zieht,
Lange war vor allen anderen
Thürings Nektar Honigbien
Das Geschlecht, das zu erwandern,
Du bestaunst die Burg Wettin.

So soll manchen Lenzen taugen,
Das Adonisröschen gelb,
Daß du schaust mit eignen Augen,
Wie die Saal sich mengt der Elb,
Geh am Strom in offne Weiten
Um nach Barby froh zu ziehn,
Doch dem Fuß laß gute Zeiten
Für die Stammesburg Wettin.

Aus der Zeit der Karolinger
Stammt, was sich am Hügel dehnt,
Unter Otto, Slawenzwinger,
Floß dem Moritzkloster Zehnt,
Da der Grafen Brehna Butte
Bot, was Heilgem Lande dien,
Fiel mit Kreuz und weißer Kutte
Templer Friedrich aus Wettin.
 

 

88
 
Müncheln ward geschenkt dem Orden,
Daß noch heute die Kapell
Weiß vom Glanz und auch vom Morden,
Das da folgte blind und schnell,
Daß sich breiten Wahn und Jammer,
Wo die Sonne golden schien,
Sagen Wehrgang, Saal und Kammer
Auf der Sachsenburg Wettin.

Wie die Linien sich verzweigen,
Erb und Wechsel, Wind und Wehn
Darf die Saale weiterschweigen
Und sie wird noch manches sehn,
Jede Stadt hat ihre Stunde,
Aachen, Worms wie Kiel und Wien
Und vielleicht heilt auch die Wunde,
Die uns blutet in Wettin.
 

 

89
 


NIENBURG
Wo die Saale von der Bode
Wird gestärkt mit Harzer Wettern,
Sind entschlossen Burg und Rode,
Hunnenreiter zu zerschmettern.

Dieses Klosters Chronologen
Annalista Saxo kritzeln,
Ob die Nachwelt sie betrogen,
Bleibt zu zagen und zu witzeln.

Wie das Werk an die Pariser
Kam, ist nirgends aufgeschrieben,
Sicher ist, nicht nur an dieser
Stelle ward was aufgetrieben.

Als da Anhalt war von Preußen
Ganz umschlossen, bot der Hafen
Sinn, am Zoll vorbeizuschleusen
Wolle von berühmten Schafen.

Auch die erste Hängebrücke
Kam hier auf in deutschen Landen,
Fackelzuges Schwingungstücke
Machte sie beim Fest zuschanden.

Opfer gab es an die hundert,
Daß auf Brückenmarsch jetzt Strafe,
Gleichwohl wird noch heut bewundert
Bauwerks Rest im Stall der Schafe.
 

 

90
 


DER NICKERT
Vom Nickert hör, ders wässrig mag
Im saaletiefen Strudel,
Er träumt und fabuliert am Tag
Und hält nicht viel von Müh und Plag,
Wie auch vom Lobgehudel.

Der Mensch ist ihm ein Kindskopf, drob
Wird er sich kaum erröten,
Es macht ihn bloß die Schande grob,
Wenn Flößer allzusehr salopp
Mit andrer Schwimmer Nöten.

Sein Haar ist rot, auch grün und blau,
Sein Dreizack moorig finster,
Er grüßt im Ried den Sonnentau,
Und sommers trifft die Schlangenfrau
Ihn schlafend an im Ginster.

In Bernburg war er wohlbekannt
Als noch der Wasserholer
Mit Krügen kam zum Saalestrand,
Doch seit man andre Kurzweil fand,
Ist ihm im Tiefgang wohler.
 

 

 

 

92
 


CALBE
Ein Verleger deutscher Dichter
Druckern ist kein Werbeziel,
Etwas nettere Gesichter
Gab es, als die Mauer fiel,
Auftraggeber aus dem Westen
Warn für Auftragsarme Salbe,
Und so schiens Arnshaugk am besten,
Daß gedruckt werd nun in Calbe.

Auf der Zugfahrt über Halle
Warn Montagebögen dick
Lästig und in manchem Falle
Grund für einen bösen Blick,
Dann vom Bahnhof herzuschleppen,
Was verzapft der Questen-Albe,
Zeigt Verleger als den Deppen,
Der kein Auto fährt nach Calbe.

Anders war da der Vermittler,
Der versprach, ein Reibach wärs,
Schnittig wies der Zeitungskrittler
Abtut, keinen einzgen schers,
Einer schwätzt, der andere schuftet,
Und am Ende halbe, halbe,
Recht hat, wer am besten duftet,
Und das gilt doch auch für Calbe.
 

 

93
 
Wird der Kurs der D-Mark schlapper,
Weil da günstig wird uniert,
Ist die Lust zum Auftrag knapper,
Der doch anders kalkuliert,
Weil doch der Vertrag geschlossen,
Als das Westlied sang die Schwalbe,
Wird der Schwedentrunk genossen,
Doch in Staßfurt, nicht in Calbe.

Drum bist du ein guter Drucker,
Geh da niemals auf den Leim,
Deutsche Dichtung ist kein Zucker,
Brotlos bleiben Vers und Reim,
Darum nimm es ehr gelassen,
Daß das Auftragsbuch verfalbe,
Als mit Dichtern zu befassen
Unsern Wirtschaftsstandort Calbe.
 

 

94
 


BARBY
Barer Bogen, Flußtal waldlos
Otto schreibt den Saalemund,
Was sich nannte so gestaltlos,
Mit fünf Toren stämmig stund,
Rotes Einhorn, muntrer Springer
War den Edlen Sporn und Schild,
Lanzenstecher, Furtbezwinger
Sammeln sich im Wappenbild.

Grüßt das Einhorn wandelträchtig,
Wo das Offne fließt und fließt,
Wird in dir das Heimweh mächtig,
Wer das Buch gelassen schließt,
Wird den neuen Anlauf wagen
Auf dem Dolmar tannenlands,
Denn das Tier von Traum und Sagen
Nimmt den Minner streng und ganz.

Herrenhuter Brüderwesen
Schleiermachers Jugend fraß,
Daß er Platon deutsch gelesen,
Machte, daß er halb genas,
Doch mag sein, daß er Sokraten
Nietzsche leblang hat vermiest,
Der romantischen Zitaten
Anmerkt, was zum Tode fließt.
 

 

95
 
Deutsche Halbheit protestantisch,
Schleiermacher hie und dann,
Das Ideenwerk ward gigantisch
Und die Lebenslust verrann,
Wo Moral zu Impotenzen
Führt und Tat zum Tun-Symbol,
Muß der Einhorn-Jünger sensen,
Daß die Weide sich erhol.

Darum flieh die sanften Auen,
Wo sichs mild lebt und bequem,
Denn du sollst dem Tiere trauen,
Das verzeichnet nicht im Brehm,
Wer gefeit Olympos' Lachern
Preisgibt Melencholias Flirt,
Folgt nicht mehr den Schleiermachern
Und ist selbst kein solcher Hirt.

Manches gibt es anzudeuten
An der Saale wie geschehn,
Doch was ich vertrau den Leuten
Solln sie besser selber sehn,
Nur wer selbst den Traumtier-Springer
Reitet, auch berufen sei,
Daß das Leben den Gelinger
Findet und sich selbst dabei.