Uwe Lammla / Rhön und Rennsteig 

 

 

 



UWE LAMMLA



RHÖN
UND
RENNSTEIG

Tannhäuserland. Drittes Buch
Mit Zeichnungen von Iryna Lierheimer













 
QUARTUS

 



 









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ISBN 978-3-936455-75-5
© 2009 Quartus-Verlag Jena
www.quartus-verlag.de

Alle Rechte beim Autor
www.lammla.de

Tuschezeichnungen und Einband-Aquarell
von Iryna Lierheimer
www.iras-aquarelle.de

8,50 EUR
 

 



INHALT
Thuringia
Oppidum
Ulstertal
Unserer lieben Frauen
Dolmar
Ellenbogen
Hohe Geba
Umpfen
Oechsen
Merlinsburg
Ibengarten
Krayenburg
Waldgemeinde
Hörschel
Rennsteiglied
Digitalis
Wartburg
Drachenschlucht
Glöckner
Lutherstein
Enselsberg
Venezianerstein
Ebertswiese
Oberhof
Rennsteiggarten
Großer Beerberg
Bei Stützerbach
Eselsberg
Asfelder Ausspanne
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66
68
71
73
 

 

Friedrichshöhe
Dreistromstein
Bilbertsleite
Schwarzaquelle
Neuhaus
Mondstürerfest
Laubeshütte
Schönwappenweg
Finkenberg
Schlegel
Blankenstein
75
76
78
80
81
83
87
88
90
92
94
 

 



TANNHÄUSERLAND

DRITTES BUCH



»Wer große Wunder schauen will,
der gang in grünen Wald ussi.
Tannhuser war ein Ritter gut
groß Wunder wollt er schauen.«


 
VOLKSLIED
16. JAHRHUNDERT

 

 

 

9
 


THURINGIA
I

Der Stamm, der sich nach Westen in die Mitte
Gewagt, bis ihn der Franke jäh bezwang,
Hat kaum noch Urwald, doch der innre Drang,
Gemahnt noch heut an allerfrühste Sitte.

Er zeigt zu Flöhn und Tüfteleien Hang,
Nicht oft erfüllt ihm Gott die Morgenbitte,
Man überzeugt ihn schwer, doch daß er stritte,
Braucht böses Wort und Stänkereien lang.

Er hat sich zwischen Schrunden eingerichtet,
Er wandert gern und bläst zu Kugeln Glas,
Die Heimat er erst fern von ihr bedichtet.

Der Wahn der Zeit hat viel, was er besaß
Und hegte, wie ein Gärtner tut, vernichtet,
Doch Lieder wissen, daß er stets genas.
 

 

10
 


II

Im Thüring hat kein Riesenstamm gedauert,
Kein Schwabenstreich, kein Friesentrotz sich zeigt,
Sein Part gewöhnlich nicht als erster geigt,
Doch hat er selten ganz umsonst gelauert.

Denn wenn er meist auch stillehält und schweigt,
Und wurde drei Jahrzehnte eingemauert,
So hat sein Witz die Herrschenden geschauert
Und stets gewußt, daß sich die Blüte neigt.

Er wird noch manche Teufelei verachten,
Und keiner weiß so recht, was er wohl treibt,
Und ob der Bauer, dessen Kinder lachten,

Sich nicht der Sense und der Axt verweibt
Und schlägt, die an den Bettelstab ihn brachten,
Oder ob er, wie ich, Gedichte schreibt.
 

 

11
 


III

Das Land gemahnt mit Muschelkalk an Wogen,
Die einst hier rauschten mit der See Geklag,
Der Pflug bringt manch Fossil in unsern Tag,
Und was es spricht, das war noch nie gelogen.

Es gibt so manches Volk, das uns nicht mag,
Doch Wandrer sprechen unserem Land Eklogen,
Wir träumen gern von einem Regenbogen,
Der nach Walhall aus allen Pflichten trag.

Der Staat ist was, nach dem wir wenig trachten,
Und meistens gab ein Fremder an den Ton,
Wir mögen nicht Fanfaren noch die Schlachten.

Wer dieses nicht begreift, ein Weilchen wohn
Im Land, wo frühste Träume übernachten
Und Feld und Flur erstrahln im roten Mohn.
 

 

12
 


IV

Der Deutsche schmückt sich gern mit seinen Dichtern,
Und dieses Land trug zur Legende bei,
Der Philosoph entstünd im Hahnenschrei
Und würd erkannt mit strahlenden Gesichtern.

Es warn den meisten nur ein faules Ei
Die deutschen Himmel und gesehnt nach lichtern
Hat mancher sich in Fron bei greisen Richtern,
Und nur im Traum warn deutsche Dichter frei.

Doch ihnen gab dies Land ein Goldgeschmeide,
Das hehrer als der Hof, Salon und Dom,
Den Dichter schmückt, daß er als Atlas leide.

Die Laute, die man spricht am Saalestrom,
Beflügelten, ob Christ, ob Jud, ob Heide,
Wer deutsch spricht, ist schon immer Heliodrom.
 

 

13
 


V

Wer Thüring sagt, der meint zuerst den Grafen,
Der um sich scharte, was die Minne bot,
Die Wartburg gab den deutschen Lerchen Brot,
Und ward der Kunst zu Heimathof und Hafen.

Als dann der Burg verfielen Wall und Schlot,
Stand Weimar, daß sich dort die Geister trafen,
Auch Jena barg des Ideals Exklaven,
Doch heute tut ein solch Refugium not.

Denn wenn die Dichter auch nur Minderheiten
Erkannten, war nach ihrem Tod das Wort
Für viele Richtschnur und ein Rat beizeiten.

Drum um der Enkel willen kehr der Hort,
Daß ihre Schritte wieder froher schreiten
Als unsre und nicht von dem Geiste fort.
 

 

14
 


OPPIDUM
Die Gleichberg überm Grabfeld sind
Das Tor ins Tannenland der Rhön,
Und wer ein hennebergisch Kind,
Der findet Keltenkreuze schön.
Einst trug ein herrliches Gesind
Die Haare rot und gold in Bön
Und siedelte mit freiem Wind
Wie Sparta auf Hephaistos' Höhn.

Die Steinsburg spricht mit Wall und Wehr
Von harten Männern, starken Fraun,
Und der Chronist zählt Schlachten her
Und Wucht, mit Schwertern dreinzuhaun,
Hier sagt dir das Ruinenmeer,
Was sich nur Eigenholde traun,
Wo Schritte, fest und bodenschwer
Auf Fels mit Felsengöttern baun.

Die Edlen unterm Mistelblatt
Vermieden Schrift und totes Wort,
Leicht setzt sich dies an Weisheits Statt
Und treibt vom Sinn des Ursprungs fort,
Denn wenn man bloß die Zeichen hat,
Dann fehlen Stimmung, Licht und Ort,
Und blutlos, reizarm, falb und matt
Wird Sprache, wenn der Laut verdorrt.
 

 

15
 
Die Spätern, die der Schrift vertraun,
Sie sprechen Hohn dem stummen Stein,
Doch Wolke, Stern und Quelle schaun
Niemals in Alphabete rein,
Drum hüte dich in Keltengaun
Dein unbedachtes Wort zu schrein,
In Blende, Quarz, Asbest, Alaun
Schloß sich ein stummer Odem ein.

Dies wird so sein, wenn das Papier
Zerfällt und Ton und Marmor blind,
Und fehlt dem Geist die Schnörkelzier,
So lies in Kraut und Eichenrind:
Fern unserer Glut und unserer Gier,
Stand einst ein herrliches Gesind
Und trug das Haar als Leibs Panier
Am hohen Ort im freien Wind.
 

 

16
 


ULSTERTAL
Folg der Ulster in die Lande,
Die bedeckt der dunkle Tann,
Und bedenk an diesem Strande,
Was dir daraus werden kann.

Heinrich hieß der junge Ritter,
Der in Klingsors Schlingen fiel,
Vor Sankt Peter büßt er bitter
Frevlerisches Minnespiel.

Mächte, die im Schatten werben,
Locken uns mit Lust und Glast,
Doch du sollst nicht Freude erben,
Die du nicht errungen hast.

Was dir wohlfeil dargeboten,
Ist verdorben oder Gift,
Darum meid den dreisten Boten,
Wenn er deine Wege trifft.

Von der Lieblichkeit der Auen
Ruh auf einer Kuppe aus,
Denn im Offenen, im Blauen
Ist dein Vogelgeist zuhaus.

Noch verweilst du ganz am Rande
Holder Landschaft voll Magie,
Fahr und bau auf dessen Bande,
Der im Tod der Welt verzieh.
 

 

17
 


UNSERER LIEBEN FRAUEN
Meiningen im Werragrunde,
Rennsteig und Rhönschäferei
Scheidend, birgt gar seltne Funde
Und das Logbuch wächst dabei.
Hergefahrn aus Klamm und Schrunde
Im Gesind der Akelei,
Wird selbst dem verwöhnten Munde
Völlers Bier zur Völlerei.

Aber Unsrer lieben Frauen
Heißt die Krone dieser Flur,
Seit dem Königsgute bauen,
Rat und Volk hier frisch und stur
Schiff und Türme, anzuschauen
Reich an Wandel und Zäsur,
Denn verschiednes Gottvertrauen
Gab sich Wohnung hier und Spur.

Nur ein Meister aller Stile
Senkt im Glätten nicht Niveau,
Da die Deutschen hohem Ziele
Hofften stolz und kaiserfroh,
Ward zum Vorbild schlankem Kiele
Wiener Stephans Domino,
Eint der Türm getrennte Spiele
Meister Hoppe uniso.
 

 

18
 
Was der neue Gote dichtet,
Wird vereinigt und bewahrt,
Abgebaut und aufgeschichtet,
Darf es blühn nach seiner Art,
Steig und Glocke wohl gewichtet,
Saum und Steg zu jedem Part,
Traumtat, die vom Ahn berichtet,
Der im Kyff mit rotem Bart.

Die Madonna, die im Steine
Ihren Sproß mit Wärme faßt,
Hat sich wohl in diesem Haine,
Deß Gezweig zusammenpaßt,
Deckenschwere spürst du keine,
Wohl verteilt sind Sturz und Last,
Und du kommst mit dir ins Reine
Und vergißt Geschäft und Hast.

Wer hier unsres Heilands Gnade
Übersieht, ist taub und blind,
Dem ist krumm, was ruht gerade,
Häßlich, was die Spinne spinnt,
Daß er uns zur Vesper lade,
Danke dem als Gotteskind,
Dem sein Leben nicht zu schade,
Daß wir ohne Sünde sind.
 

 

19
 


DOLMAR
I

Die Mittelachs der Welt ist uns ein Stein,
Drauf sich der Zwinger wähnt im Audimax,
Und fest und unermeßlich alt muß sein
         Die Mittelachs.

Hier schützt dich vor Sirenensang kein Wachs,
Und auch ins Jagdhaus schlug der Donnrer ein,
Hier hüte sich, wers lässig mag und lax.

Und wem der Blick ins Sternmeer noch zu klein,
Der üb zu segeln wie der Flieger Quax
Und geb am End bekannt, es fänd kein Schwein
         Die Mittelachs.
 

 

20
 


II

Der Mittelstein, Omphalos, Nabelsporn
Stürzt Wolke, Stern und Regenbogenschein,
Es zeigt dir alle Dinge ganz von vorn
         Der Mittelstein.

Er machts dem Hauer schwer in seinem Schrein,
Doch quellenreich ist er ein Sagenborn,
Draus plätscherts gülden bis zu Kelch und Wein.

Wer hier gedeiht, der träumt vom vollen Horn
Der Amalthea und vom Schatz im Rhein,
Denn im Basalt bewahrt das goldne Korn
         Der Mittelstein.
 

 

21
 


III

Das Mittelland such nicht am Mittelmeer
Und nicht am Pol und fern am Thulestrand,
Es findt kein Kraut und auch kein Flugverkehr
         Das Mittelland.

Es ist dir in die Stirne eingebrannt
Und sagt dir stets das Tal, da kamst du her,
Und sein ist dein Versuch und dein Verstand.

Und wer du seist, was dir an Stand und Ehr
Bestimmt sei, sagt als Linie deiner Hand
Mit Buchenwäldern dicht und Felsen schwer
         Das Mittelland.
 

 

22
 


ELLENBOGEN
Erst wenn wieder Klafter und Elle
Sich fügen zu Dutzend und Gros,
Daß Himten dem Drohn sich geselle,
Dann steigt aus dem schaurigen Moos
Die deutschfromme Art zu betrachten
Die Welt, der in Rom und Paris
Manch List ward, sie ganz zu umnachten
Im Schlamm und im Leichenverlies.

Doch stehst du, wo Elle und Beuge
Vereint sind in Namen und Kraft,
So wähnst du als Rhönhimmel-Zeuge
Ein Gutstück der Freiheit geschafft,
Der Pate von Bildner und Schneider,
Drauf Wotan sein Farbwunder spannt,
Ist Einkehr für Heger und Weider
Und Schirm für das Thüringer Land.

Die Wolken, die veilchenfarb wogen,
Die Kuppe in Lieblichkeit kürn,
Sie streifen den ellenen Bogen
Wie Harfner die Saiten berührn,
Auch sind sie in Zartheit gewogen
Dem Blockhaus von Schelle und Horn,
Doch dann ist der Feind eingezogen,
Der Disteln zertritt und das Korn.
 

 

23
 
Er werkelt mit Draht und Antennen,
Ihr Summen die Lerche vertreibt,
Was heil und was heimlich zu kennen,
Dossiers er und Indizes schreibt,
Ihm ist der Magnet die Magnolie,
Ihm ist sein Register das Glück,
Was lebt, das verschweißt er in Folie,
Er läßt nur die Wüste zurück.

Geduld hat der Herr mit dem Frevler,
Und oft geht zu Wasser der Krug,
Doch Tod bringt die Schwindsucht dem Schwefler,
Der Trunkne erwacht aus dem Trug,
Und dreihundert stehn vor der Pforte,
Das Eisenach-Haus zu besehn,
Der Chor weiß das Hausrecht am Orte
Und heißt die Besatzer zu gehn.

Das Kriegsbeute-Unrecht verteidigt
Der schändliche Einungsvertrag,
Den Minnern von Windsbraut und Weidicht
Schuf Häme ihr Heimatgeklag,
Doch wissen der Wind und der Mime
Den Rhönklub als Walter des Baus,
Gott wird aus dem Heuschreck-Regime
Auch heimführn das Eisenach-Haus.
 

 

24
 


HOHE GEBA
Dicht umringt von Nebelbänken
Fasziniert sie als Koloß,
Uns ein Bild der Kraft zu schenken,
Steht sie als Hephaistos' Sproß,
Hier der hohen Rhön zu gleichen
In verkleinerter Gestalt,
Aus im Ring der Kuppel-Zeichen
Wählt die Nymphe den Basalt.

Tauch in diese Augenweide,
Wo der Pfad sich oft verzweigt,
Unterm Himmel, dem der Heide
Wie der Christ in Ehrfurcht schweigt,
Blühen Weide, Rain und Acker
Zwischen Felsen, schroff getürmt,
Drauf der Wandervogel wacker
Mit Gesang und Klampfe stürmt.

Mancher zweifelt, ob die Weite,
Die den Sänger lockt und treibt,
Ihn zu rechtem Anschaun leite,
Meint, daß dieser unreif bleibt,
Doch wer weiß, was seine Füße
Wagen in zerrißnen Schuhn,
Sammelt unterm Herzen Süße,
Auch dem Alter gut zu tun.
 

 

25
 
Einst wird jedes Bein erlahmen,
Doch dem Geist der frühen Fahrt
Weckt ein Lerchenruf den Samen,
Spielt Merkur im Silberbart,
Wer die Götter zu erschauen
Frühtags durch die Wälder striff,
Wähnt, gewiegt von Gottvertrauen,
Noch das Totenbett als Schiff.

Hoher Blick auf hoher Warte --
Dies sei dein, für je und jetzt,
Residenz der Asenkarte
Hat den Geist ins Recht gesetzt,
Wen der Lauf der Welt nicht zügelt,
Wer erkennt, was immer gilt,
Sucht die Geba, die beflügelt,
Als der Sehnsucht Ebenbild.
 

 

26
 


UMPFEN
Wenn die Horizonte schrumpfen,
Weiser welk und Pfade Schlamm,
Dann besteig vor Tag den Umpfen
Nebelher, verquolln und klamm,
Laß dich in die Runde locken,
Geba, Dolmar, Gläserfels,
Harrn mit Schneekopf, Milsenbrocken
Still der Grüße des Gesells.

Schau auch nach der Wasserkuppe
Drum die Segler sich bemühn,
Daß dich nicht mehr Nacht beschuppe,
Wall zum Dachstein hoch und kühn,
Hier bist du zu schaun entschlossen,
In den Sund der Alten Mark,
Zu vergessen den Genossen,
Der dich nachts im Schauder barg.

Aussicht schafft den freien Willen,
Drum der Adler nie verzagt,
Wer das Auge weiß zu stillen,
Hat noch jeden Kampf gewagt,
Laß das Haar im Wetter flattern,
Laß dein Brot dem Krähenschwarm,
Soll der Fels dein Herz vergattern,
Heb zum Sonnengruß den Arm.
 

 

27
 
Gott ist nicht im All verschollen,
Nicht in Zahl und Bruch verblaßt,
Gott ist Frühtag allem Wollen,
Jedem Segler Schonermast,
Mit der Tat gedeiht der Glaube,
Aus dem Mut erwächst das Wort,
Aller Heiligkeiten Haube
Leuchtet aus dem Wagnis fort.

Darum solln die Elemente,
Im Gebirge hart und rein,
Schutz vor Fettsucht oder Rente
Allem Ungezähmten sein,
So begnüg dich nicht mit Rumpfen
Größrer Zeiten, größren Muts,
Und der freie Blick vom Umpfen
Sei der Bürge deines Guts.
 

 

 

 

29
 


OECHSEN
Bewaldet und steil ist der Rager
Ein Muß für den fernfrohen Blick,
Hier trifft auf den Deuter der Wager,
Die Norne auf Runengeschick,
Das Mittsommerkreuz auf dem Kamme
Auf Schottland und Gotland verweist,
Dein Rothaar von keltischem Stamme
Hier heller als anderswo gleißt.

Im hessischen Kegelspiel lohte
Der Abend nach sonnigem Lauf,
Basaltene Halden und Schlote
Tun Reiche der Mitternacht auf,
Hier mag mancher Wandrer verschwinden
In zeitlosen Hallen aus Traum,
Daß niemals die Sterne ihn finden
Noch Wogen ihn grüßen mit Schaum.

Hier ist das Gespinst des Geheimen
So dicht, daß ein Hauch es zerreißt,
Drum schweige in dunkleren Reimen,
Was du dir erahnst oder weißt,
Dein Teil ist bereit sein der Stunde,
Da Staub sich verdickt zur Kontur,
Dann lies der Gefallenen Kunde,
Und spüre im Herzen die Spur.
 

 

30
 
Das Tannhäuserland zu durchqueren,
Fuhrst du von der Saale zur Rhön,
Dir lachte im Harschen und Hehren
Der Nordwind mit grimmigen Bön,
Der Süd hat im Korn dir gesäuselt,
Die Rebe zum Drachen geführt,
Im Stein, der den Moorweiher kräuselt,
Hast du deine Schritte gespürt.

Was Bilder und Zeichen beginnen,
Erscheint dir als Nahn und Advent,
Aus uralten Quellen entspinnen
Sich Künfte, die keiner noch kennt,
Die Macht der verborgenen Weihe,
Die Anspruch und Anschaun vereint,
Formiert die berittende Reihe
Und ordnet nach Freund und nach Feind.

Einst wird eine freiere Jugend
Die Banner erwecken mit Blut,
Die Schmach unterscheiden der Tugend,
Und Feigheit von fürstlichem Mut,
Daß Gichten des Alters verlierend,
Sie frohe Gemeinschaft gebiert,
Dem irischen Kreuz salutierend,
Vom Oechsen zu Tale marschiert.
 

 

31
 


MERLINSBURG
Wo heut das Schloß zu Nordheim ruht,
Auf Trümmern, die dem Grafenstamm
Von Henneberg mit Gold und Blut
Einst Feste warn und Mären-Hamm,
Weist wenig zum Propheten hin,
Dem diese Wälle einst benannt,
Und nur der Dichter greift den Sinn
Der Zeit, da groß auch dieses Land.

Der Merlinfalke könnte wohl
Der Pate sein für dies Gedicht,
Er zieht als Bote uns vom Pol
Und schmückt den Gau als Leichtgewicht.
Der Name Rhön nach Rhône klingt
Und Faust vermutet Rhodanid,
Von Wallis bis Arelas klingt
Der Kelte im Druidenlied.

Schon ist der Barde nicht mehr fern,
Auch ein Ambrosius ist der Greif
Und darin gleich dem Namensherrn,
Denn wer in diesem Zeichen reif
Zu werden sucht, stößt bis zum Knauf
Das Schwert in einen Runenstein,
Er gibt das Lebensrätsel auf,
Daß jeder scheide Most und Wein.
 

 

32
 
Wer vaterlos und jungenhaft
Ins Zeughaus der Geschichte tritt,
Der folgt des dritten Auges Kraft
Und seines Stabreims Tänzerschritt,
Sein Rat ist aller Ehren wert,
Doch Arg und Mißgunst kleben dran,
Weil er sich von der Lohe nährt,
Und salamandrisch leben kann.

Er lebt an einer Scheide fort
Von neuem Glauben, alter Kraft,
Als Mitte, die auch diesen Ort
Das Blut als Reiches Herzland schafft,
Und als Patron der Hennebergs,
Gelt Merlin deines Reims Getön,
Der als Basalt des Gotteswerks
Vulkan bleibt in der deutschen Rhön.
 

 

 

 

34
 


IBENGARTEN
Bei Glattbach such den Klosterwald,
Dort rekeln sich wie Pilze tun
Die Eiben flatternder Gestalt,
Die weder tags noch nächtens ruhn,
Sie fasern wie der Zeit Gefrans
Um Unentschieden und Vielleicht,
Wie Fackelschein im Hexentanz
Der Himmel durch die Ranken schleicht.

Hier zog der Mönch des Blutes Schaum,
Nicht Orgeln, sondern Schellenklang,
Hier ward Natur der Schlangentraum
Und Wirklichkeit der Schmachtgesang,
Hier ward Refugium dem Getob
Von Trieb und Heischen, Grün und Braun,
Hier wurde Raum im Gotteslob,
Dem Heidentum ein Haus zu baun.

Fremd scheint der Mensch der Ritterzeit,
Wo Odin Christ am Torweg trifft,
Wir sehn der Minne Heiterkeit
Und Urgelall im Horn der Hift,
Wir fassen nicht, wie Furcht und Heil
In diesem Kanon knabenhell
Zusammengehn und jedes Teil
Des andern Feind und Spielgesell.
 

 

35
 
Drum tritt in diesen Eibenhag
Und leih den Wägern Aug und Ohr,
Was Bild und Schrift uns lehren mag,
Sie waren jedem Buch zuvor,
Ihr Alter weiß von Lieb und Haß,
Verrat und Treu, Magie und Dienst,
Es zeigt des Sonnenscheins Verlaß,
Weil du Gestirn sie oft beschienst.

Hier sind die Ahnen nicht verloht,
Du darfst in ihrem Singsang wehn,
Es bleibt an Schrecken nichts dem Tod,
Wenn wir durch solche Kreise gehn,
Drum flieh in dieser Weiser Hain,
Wenn dich der Welt Geschrei verschreckt,
Denn uralt wie ein Baum zu sein,
Ist Weisheit, die das Herz entdeckt.
 

 

36
 


KRAYENBURG
Die Wand des Pallas, Zeichnern hold,
Lädt dich zum Hoftag, Würden-reich,
Taucht dich der Traum in solches Gold,
Sei deins der hohen Kunst gezollt,
Im Hoffnungssaal den Ahnen gleich.

Die Krähe hockt auf Sims und Trumm,
Manch Reis fand auf der Schräge halt,
Die Ritter sind im Frühwind stumm,
Die Aster spricht, das Jahr ist um,
Und Erlenkönig wacht im Wald.

Was suchst du zwischen Staub und Stein
Im Jammer, der den Trost nicht weiß?
Hier wird kein Kaiser-Herold schrein,
Hier kehrt auch Margaret nicht ein,
Hier trifft das Herz auf harsches Eis.

Hier wird der Dichter nicht gestört
Von Setzung, die Erfindung engt,
Wo jeder Schritt dem Traum gehört,
Kein Lockruf, kein Geklag betört,
Wird ihm ein leeres Buch geschenkt.

Doch ist der Dichter hier nicht frei,
Die Stille lockt gar manches Lied,
Daß dieser Traum der ihre sei,
Trat manche Zung dem Bunde bei,
Der sich an diesem Ort vollzieht.
 

 

37
 
Noch sind im deutschen Volke wach
Die Stimme und der Vogelgeist,
Daß auch der Sporn bei Kieselbach
Gewölbe ruf und reiches Fach
Dem Träumer, dem der Genius weist.

So wuchs hier das Gesind des Walds
Und schuf ein unsichtbares Band,
Darin der Glanz von Burg und Pfalz
Und deutschen Wesens Kern und Salz
Die Heimat und die Hoffnung fand.

So schau in diesen zarten Mühn
Den Taubenfuß, der Schelm und Schurk
Bezwingen wird samt Putz und Bühn,
Daß sich der Adler wieder kühn
Erobern kann die Kreyenburg.
 

 

38
 


WALDGEMEINDE
Waldgemeinde, Burg und Berg
Hegend, Trutz im Frührot fahl,
Sangfroh ist das Liebeswerk,
Frei und niemals museal,
Ämtermief, Profit-Gezock
Finden hier nicht Raum und Red,
Schlichter als des Wandrers Stock,
Ist des Weidners Tischgebet.

Deutscher Wald hat Schwellen viel,
Die man nur in Ehrfurcht nimmt,
Zwar verderben oft das Spiel
Tölpel, die auf Nutz getrimmt,
Wer sich zur Gemeinde zählt,
Fragt nicht, ob Journal und Preß
Seinen Hag zur Mode wählt,
Drüber schwelgt im Schreibexzeß.

Wo allein der Wechsel zählt,
Neu und einzig, Maximum,
Und Geschwätz und großes Geld
Machen selbst die Klügsten dumm,
Hat der Heger wenig Lust
Auf Getön und Interview,
Lieber freut er sich am Blust,
Bleibt mit Kraut und Stein auf du.
 

 

39
 
Wer gewählt, was immer gilt,
Trägt Gegaff und Putzgekreisch
Leicht, denn jeder Freie schilt
Nicht, daß schwach dem Geist das Fleisch,
Wer den Baum als Bruder schaut,
Wer in Vogelsprachen denkt,
Hat dem Wald sein Herz vertraut,
Der ihn täglich neu beschenkt.

Waldgemeinde, Burg und Berg
Bittend um ein Lebensziel,
Daß der Wind die Lunge stärk,
Wo uns Brauch und Sitte fiel,
Sei der Wald, der unserm Land
Stets verzeiht und wiedergrünt,
Als der Lerchenhort erkannt,
Der Maschinenknattern sühnt.
 

 

 

 

41
 


HÖRSCHEL
Der Werra sag Fahrwohl und steck
Aus ihrem Bett den Kiesel ein,
Als Kleinod aus dem fremden Beck,
Verschenkst du ihn in Blankenstein.

Er wohn dir bei in Schau und Fahr,
Denn dies ist hier seit alters Brauch,
Wer wandernd an der Werra war,
Grüßt neuen Monds die Saale auch.

Der Rennsteig, der die Kuppen eint,
Beginnt an diesem kleinen Ort,
Und länger als die Sonne scheint,
Wagst du dich in den Schattenhort.

Hier klagt Alraun und Wegerich
Mag nicht mehr stilln das Blut, das schäumt,
Eh Luna noch die Tannen blich,
Wirst du ein Kind, das wandelnd träumt.

Daß Klingsor dich im Kräuticht treff,
Wiegt leicht, wenn du die Wege wägst,
Doch kommt er nimmer, weil sein Chef
Nicht mag, was du am Halse trägst.

Tannhäuser hat sich hier verirrt,
Solang der Geist Frau Venus bannt,
Gar manches Gasthaus, mancher Wirt
Ihr huldigt und dem Dunkelland.
 

 

42
 
Doch kommt der Tag, da uns der Herr
Die Vorwelt aus der Acht erkennt,
Dann schweigt Gekreisch und auch Geplärr,
Wo heut die rote Lampe brennt.

Denn wenn der Schlichte weiß was echt
Und was als Surrogat betrügt,
Verliert die Nacht das Lichtgefecht,
Weil jeder weiß, der Makler lügt.

Die Wartburg grüßt als Scherenschnitt,
Wenn nicht der Tann das Aug vermummt,
Die Nachtigall hält herrlich schritt,
Du wanderst, bis ihr Lied verstummt.

Du bist seit früh die Nacht gewohnt,
Die weich macht Strauch und Buchenast,
Sie führt den Wind, der kühlt und schont
Und der nichts weiß von Hetz und Hast.

Noch ist die mondne Sichel schmal,
Es jagt kein Tier und kein Dämon,
Dir ist die Leuchte nicht zu fahl,
Denn dich führt deines Herzens Mohn.

So weißt du auch, du bist gefeit,
Du fürchtest hier nicht Arg noch Schmerz,
Im Tage ist die Aussicht weit,
Das Dunkel weitet dir das Herz.
 

 

43
 


RENNSTEIGLIED
Auf, die Augen himmelwärts,
Hohen Muts durchs grüne Herz,
Am Kammweg lacht die Maiennacht.
Von der Werra bis zur Saale
Wolln wir wandern hundert Male,
Hörsel, Beerberg, Dreistromstein,
Sollen unsre Weiser sein.

Wer auf solcher Höhe fährt,
Sich nicht um Parteien schert,
Ob schwarz rot gelb, es bleibt dasselb.
Ob die Sachsen, ob die Hessen,
Hier wird aller Zank vergessen,
Unterm blauen Himmelsdom
Zeigt sich Gott auch ohne Rom.

Wie der Efeu rankt der Pfad,
Hier ist keine Zeit zuschad,
Der Sonnenstrahl weiß keine Zahl,
Keine Glocke und kein Wecker,
Kein Gezeter, kein Gemecker,
Freiheit weiß die klare Luft
Und der Hagebuttenduft.
 

 

44
 
Dieses Land ist wieselflink,
Turmspitz grüßt mit Goldgeblink,
Wo engelleicht sich Glas erweicht.
Es zu gülden, es zu blasen,
Blähn sich Backen, schnaufen Nasen,
Luft wird Glanz und Kindertraum,
Heimelnd wie ein Faltersaum.

Müßig darf der Dichter sein,
Fuhrleut bringen Hopfen ein,
Das Buchenholz macht Schlösser stolz.
Auf der Ilm siehst du die Flößer,
Aus den Wolken grüßen Stößer,
Menschenwerk und Gottgedicht
Trennt der freie Thüring nicht.

Doch der harte Westwind weckt
Ein Geschlecht, das schamlos steckt
Die Himmelsmacht in Zins und Pacht.
Was da lebt, dient seinem Zwecke,
Und der Mensch bleibt auf der Strecke,
Arbeit, Würde, Eigensinn
Sinken vor den Geiern hin.

Eh sie nicht davongejagt,
Statt des Markts der Heiland sagt,
Ist nur der Floh hier frei und froh.
Trübsal herrscht in deutschen Landen,
Ganze Dörfer gehen zuschanden,
Bis ein schwerer Riegel fällt
Vor die Bank mit Teufelsgeld.
 

 

45
 
Wanderer im Frühwindswehn
Nimm vom Feind nicht Rat noch Lehn,
Verkauf kein Stück von deinem Glück.
Nur wenn sich dein Herz verweigert,
Fällt der Kurs, den er ersteigert,
Bleibst du rein in Freud und Weh,
Stürzt sein Turm aus Pappmaché.

Reiches Feld, die Raine auch,
Himbeern prunken rot am Strauch,
Die Haselnuß spricht Überfluß,
Wie die Ziegen wolln wir springen
Wie die Amseln Lenz besingen,
Hämmern wie der bunte Specht
Wenn der Teufel sich erfrecht.

Singst du froh in Flur und Hain,
Will man dich dem Maulkorb weihn,
Es schweig der Schrat vorm Automat.
Selbst der Pfaff ist dir kein Lehrer,
Du vertraust dem Allzeit Mehrer,
Der uns hegt in Tag und Jahr,
Deutscher Himmel, hell und klar.

Such die höchsten Gipfel auf,
Dieser Weg zeigt sie zuhauf,
Der Rennsteigblick verlacht den Trick
Aller, die das Land betrügen,
Denn das Ohr findt sein Genügen,
Wo man spricht den deutschen Laut
Und auf Gottes Güte baut.
 

 

46
 


DIGITALIS
Hab am Weg des Randes acht,
Wo der rote Fingerhut
Zwischen Gras und Ranken lacht
Herzlich und im Übermut.

Traubig kränzt die Glockenschar
Ihrer Kronenröhre Stand,
Und ihr Leuchten sagt dir klar,
Daß der Segen weilt im Land.

Zwar der Name ähnelt sehr,
An der Erbsenzähler Glück,
Doch dem Finger eignet mehr,
Als zu stehn für gleiches Stück.

Wehrt ein Hut dem Nadelstich,
Daß nicht Blut aufs Linnen tropf,
Sagt im Kraut ein holdrer sich
Mit erhobnem Blütenschopf.
 

 

47
 


WARTBURG
I

Die Wartburg ist das deutsche Haus,
Das alle Stämme eint und faßt,
Früh drückt sich hier der Sänger aus
Von deutscher Lust und deutscher Last.

Solang man Lied und Harfe ehrt,
Rührt Licht die Herrschaft und das Volk,
Und deutsche Treu und deutschen Wert
Verschlingt nicht die Gewitterwolk.

Nah ist die Botschaft unsers Herrn,
Doch nah ist auch der Heidenspuk,
Erst ründet sich der Wartburg-Stern,
Wenn Venus sich Marien vertrug.

Die Burg sah beßre Tage schon,
Doch ist versprochen uns das Heil,
Drum frage nicht, ob es sich lohn,
Und leiste deinen ganzen Teil.
 

 

48
 


II

Urfeste, Traumgemäuer, Rang,
Den kein Verfall und Wetter raubt,
Im Spiel von Sieg und Untergang
Die Burg der Deutschen überhaupt.

Hier weilte Luther, der uns Gott
Als feste Burg besungen hat,
Und Goethe war das Wehrgerott
In Lied und Zeichnung niemals satt.

Hier zeigte einst Elisabeth,
Daß unser Herr die Stände eint,
Hier sangen große Minner wett,
Und Klingsor dingt dem alten Feind.

Hier ward des Evangeliums Laut
Zu deutschem Sinnen, deutschem Brauch,
Hier hat der Freiheit froh vertraut
Der Himmel und den Deutschen auch.

Wer haust im Tann, ist hier zuhaus,
Auch wenn der Graf ihn nicht versteht,
Der Wartburg-Traum ist längst nicht aus,
Wenn hier ein Grafenstamm vergeht.

Solang uns Felsenstirnen stehn,
Wird man darauf auch Burgen schaun,
Wenn Wall und Mauerstein zerwehn,
Wird man die neue Feste baun.
 

 

 

 

50
 


III

Wartburgsänger
Heißt das Los,
Wiedergänger
Im Getos
Deutscher Stimme,
Deutschen Heils,
Steig und klimme
Morschen Seils.

Zwar die Feste
Niemand schleift,
Doch das Beste
Nicht begreift,
Wer hier waltet
Und bewahrt,
Nie veraltet
Deutsche Art.

Was uns Luther
Einst beschert,
Hat die Mutter
Dich gelehrt,
Wo die Goten,
Stück für Stück,
Einlaß boten
Griechenglück.
 

 

51
 
Norden-Laute,
Süd-Geharf,
Was er schaute
Und verwarf,
Scheidet Ketzer
Rhapsodie,
Übersetzer
Sterben nie.

Ihm zu streiten,
Ihm Genoß,
Sollst du reiten
Pegasos,
Ihn zu finden,
Manchem feind,
Sollst du binden,
Was er eint.

Wo das Heilwort
Deutsch ergrünt,
Am Verweil-Ort,
Der entsühnt,
Sei der Rachen
Deutschem Fehl,
Wie dem Drachen
Michael.
 

 

52
 


IV

Auf die Warte kommt es an,
Wenn die blinde Nemesis
Opfer nahm und Waage dann
Und der Pfeil Apolls zerspliß.

Auf die Warte achte wohl,
Wenn ein Blick das Heil verklärt,
Reiches Echo schafft die Hohl
Und der Spiegel Seiten kehrt.

Auf die Warte leg Gewicht,
Nebelheim den Klügsten narrt,
Glaub allein dem Angesicht,
Wie die Warte, so der Wart.

Auf die Warte nimm ein Recht
Soll dein Reim nicht ortlos gehn,
Geht es deutschen Landen schlecht,
Auf der Wartburg mußt du stehn.
 

 

53
 


DRACHENSCHLUCHT
Abschied nimm von Wind und Wolk,
Wo sich Sommer nie efuhr,
Zeigen Strudelnisch und Kolk
Gulgelbaches Schürferspur.

Steigst du in die schlanke Klamm,
Nicht nur die Geduld erfahr,
Auch im nackten Felsgeschramm
Sei dir Rang und Alter klar.

Daß die Welt Gestalt erfährt,
Zwischen Zahn und Widerstand,
Dieser Spalt von selbst erklärt,
Drin sich weich und fest verband.

Doch der Nam ist treffend nicht,
Daß hieraus ein Drache steig,
Dirs der Phantasie gebricht,
Drum sei Dichters Wahl nicht feig.

Frauenhaar und Nibelzwerg
Sind Metaphern dünnster Leut,
Darum nenn den Steg im Berg
Jetzt die Spalte Heimchenfreud.
 

 

54
 


GLÖCKNER
Wo das Liebliche uns freut,
Sei der Schmerz nicht ausgespart,
Dieses Felses Fehdgereut
Künde dir nach Rabenart.

Über deutscher Weis und Art,
Gleißt ein Unstern blutig rot,
Lücken riß der Rennsteigfahrt
Fremder Himmel Grabentod.

Blumen, Gläser, Blockgranit,
Namen, die der Hagel schleift,
Wer durch diese Zeichen schritt,
Spürt, wie das Verhängnis reift.

Grab ein Kreuz von Silber ein,
Wer da Eisen litt und Blei,
Soll dem Herzen heilig sein,
Daß er ihm vom Schweigen leih.
 

 

55
 


LUTHERSTEIN
Stein am Wegkreuz denkt noch heut
Friedrichs, der der Weise hieß,
Seine kriegerische Meut
Luthers Knecht vom Kutschbock stieß.

Was nach Raub und Meuchelei
Auschaun sollt, war guter Plan,
Daß geschützt der Denker sei
Vor der Zeiten Fahr und Wahn.

Rasch geht rings das Mordgerücht,
Und manch Selbstgerechter meint,
Gott zertrat das Höllgezücht,
Daß da Rom erleichtert scheint.

Was der Theolog beginnt,
Braucht nicht Lärm und Schwertgeklir,
Im Refugium ausersinnt
Sich ein feineres Geschirr.

Deutschem Sinn für Kirch und Welt
Hat die Wartburg wohl gefrommt,
Dies beweist, wies Gott gefällt,
Daß man ab vom Wege kommt.
 

 

56
 


ENSELSBERG
Daß Mächtige einzeln an Würde
Gewinnen, begründet dir Ruhm,
Alleinstehend Prüfung und Hürde
Dem Lied und dem Bergsteigertum,
Erkennt man dich als Insulaner,
Als Rigi und Fürsten im Land,
Doch würdst du im Kreise der Mahner
Merkur und der siebte genannt.

Dich namte die Quelle der Emse,
Die Inseln vergleichbar im Laut,
Zwar hat das Refugium der Gemse
Schon lange kein Wandrer geschaut,
Wo Gotha und Hessen sich zankten,
Hat Goethe noch stiller geruht,
Doch Spätre noch widriger dankten
Dem Gipfel den wolkigen Hut.

Daß Türme noch schmückten und krönten,
Ging uns mit der Krone dahin,
Die heutigen Nutzer verschönten
Allein ihre Gier nach Gewinn,
Schon Trinius hätt gern mit dem Besen
Den Mob von der Höhe gefegt,
Was Gott unsrer Andacht erlesen,
Ist ganz von Gewusel belegt.
 

 

57
 
Drum meide den so Populären
Und nutze ein andres Plateau,
Gelöscht sind die Sagen und Mären
Im Zeitgeist, im Zirkus, im Zoo,
Dir taugen verborgene Pisten,
Die niemand bewirbt und verdreckt,
Dort dürfen die Adler noch nisten
Und Pan dich im Mittag erschreckt.

Verleugne nicht alles Gemeine,
Doch hüte die Lunge vor Schlamm,
Noch segnen dich herrliche Haine
Am gottfrohen Thüringer Kamm,
Vielleicht kannst du Späteren künden,
Was nur noch dein Reisebuch nennt,
Wenn endlich das Ausmaß der Sünden
Die Christengemeinde erkennt.
 

 

 

 

59
 


VENEZIANERSTEIN
Der Hirt von Brotterode war
Ein schlichter Mann mit Jung und Knecht,
Ihm war für seine Rinder-Schar
Die Kuhhald an dem Käsberg recht.

Er wußte nicht, daß dort im Berg
Erzmänner schürfen früh und spät,
Und auch nicht, daß bei diesem Werk
Ein Fluch sehr auf die Nerven geht.

Am Brunnen ward die Mulle frisch,
Der Kober Brot und Käse brockt,
Der Hunger macht zum schönsten Tisch
Den Steinblock, wo das Frühstück lockt.

Doch plötzlich wirbelt Staub und Sand
Die Böe zu des Hirten Zorn,
Der Stärkungstrunk wird da zuschand,
Das Messer wirft der Hirt nach vorn.

Kreuzdonnerwetter fahr darein,
So flucht er bös dem Störenfried,
Da dunkelte der Sonnenschein
Und Schlaf die Drei ins Traumland zieht.

Als sie erwachen, ist die Flur
So fremd und auch der Brunnen weg,
Und weil der Durst jetzt ärger nur,
Hat drob zu grübeln wenig Zweck.
 

 

60
 
Der Hirt macht sich nach Wasser auf
Zur Stadt der Türme, die da gleißt.
Was mag das sein? Die Antwort drauf
Sagt ihm, daß sie Venedig heißt.

Zur Straf für Fluch und Messerstich
Sei nach Italien er verbannt,
Daß er mit Kühn ins Weite schlich,
Erzählt man sich im Heimatland.

Doch sein acht Tage Straf genug,
Drum mög er kehrn zu Schlafes Ruh,
Denn in des Traumes Vogelzug
Flög er recht rasch der Heimat zu.

Dort wundert sich die Meierei,
Doch die Geschichte leuchtet ein,
Daß nimmer Mut zum Fluchen sei,
Steht jetzt der Venezianerstein.
 

 

61
 


EBERTSWIESE
Ebertswiese, sumpfig grün,
Quellenland dem Splitterbach,
Seltne Gäste siehst du blühn,
Jeder Blick ruft weitre wach.

Wo im Berg man Stollen trieb,
Stieß man eine Ader leck,
Daß den Schürfern nichts mehr blieb
Und die Zech ein Bergsee deck.

Der lädt nun zum Baden ein,
Und wer manchen Tag geschwitzt,
Wirft auch in die Fluten rein,
Was an Kleidern er besitzt.

Wenns die Sonn getrocknet hat,
Bist du wieder jung und rein,
Und wer frei ein Stündchen hat
Will am Splitterfalle sein.

Zwar nach Regen rauscht es toll
In die Schlucht vom Kamm herab,
Doch daß sich die Wolke troll,
Besser taugt dem Rennsteig-Trab.

Zur Schmalkalder Loipe gehts
Steil bergauf mit frischem Mut,
Wandrers Lied, im Winde wehts,
Spricht vom Wandervogel-Blut.
 

 

62
 


OBERHOF
Mittelalterlich bestehn
Namen uns in Feld und Flur,
Was sie sagen, was sie sehn,
Taugt für eine Ahndung nur,
Heut verzaubert sich das Wort:
Oberhof, der hohe Ort.

Sag, wie reich muß eine Zeit
Sein, die solche Schilde führt,
Hohes Herz und Heimlichkeit
Das uns schreckt und zärtlich rührt,
Hohe Lohe, Lust und Lord:
Oberhof, der hohe Ort.

Über Höfen, weit verstreut,
Manches Haus in Öd und Weil
Tummeln sich die Bergesleut,
Auf Hephästes Porphyr-Keil,
Scheidend Süd und Goten-Nord:
Oberhof, der hohe Ort.

Zwar der Nutz aus solcher Lag,
Mag dein Herz nicht recht erfreun,
Das Geschäft mit Hang und Hag
Füttert Perlen hier den Säun.
Reich durch Kur und Wintersport:
Oberhof, der hohe Ort.
 

 

63
 
Was die Technik solchem Zweck
Schuf, taugt nicht für das Gedicht,
Darum schau hier besser weg
Und vertrau der Vorgeschicht,
Denn so bleibt der Sänger-Hort
Oberhof, der hohe Ort.

Unsre Sprache ist ein Schiff,
Das Piraten nicht begehrn,
Es verträgt so manches Riff
Kein Orkan wird es verheern,
Hier bleibt allezeit an Bord
Oberhof, der hohe Ort.

Daß das Schiff sich neu beflagg,
Und Matrosen heuer an,
Müssen erst der Pfeffersack
Und sein Spielzeug aus dem Tann,
Daß des Teufels Hand verdorrt
Oberhof, der hohe Ort.
 

 

64
 


RENNSTEIGGARTEN
Als in früher Neuzeit blühten
Für Magister und Scholar
Neue Häuser und sich mühten,
Daß der Weltgeist offenbar,
Brauchten auch die Mediziner
Kräuter, die im Garten stehn,
Barg die Burg einst Pflanzendiener,
Planen breiter jetzt Ideen.

Leipzig hat geführt den Reigen,
Dann kam Jena, still im Tal,
Überall in Deutschland zeigen
Gärten sich in großer Zahl,
Dort kann der botanisch frohe
Schaulust, Neugier, Wißdurst stilln,
Zarte Blüten, fürstlich hohe
Sind dem Forschenden zu Willn.

Viermal hundert Jahre später,
Trat Kulturbund thüringsch dann
In der Tradition der Väter
An Senat und Rektor ran,
Um da Jena zu begeistern,
Daß am Rennsteig auf dem Kamm
Ein Refugium wär zu meistern,
Drin Gebirges Flora flamm.
 

 

65
 
Grundstein ward am Pfanntalskopfe,
Wo das Volk Gemeinnutz schätzt,
Was in Jena jung im Topfe
Ward im Bergland ausgesetzt,
Enzian, Primel, Glockenblume,
Nelke, Alpros, Edelweiß,
Schätzen Klima, Ruh und Krume
Und eroberns Bergland leis.

Frühling färbt die Steinbrechdecke,
Kuhschell und Aurikel hold,
Vor Brabanter Thujahecke
Spricht Adonisröschen gold,
Bis Oktober Herbstzeitlose
Krokuspracht und Preiselbeern
Zeigen im beglänzten Moose
Daß wir Floras Abschied ehrn.

In den Jahren nach der Wende,
Ward des Heilkrauts hier gedacht,
Daß der Gästestrom nicht ende,
Wird dann immer mehr gemacht,
Seh ich Köhlerei und Meiler,
Graust mir schon vor Disneyland,
Wos Adonis gibt mit Keiler
Und Narziß beim happy end.
 

 

66
 


GROSSER BEERBERG
Den der Schneekopf auf der Rechten,
Sommersbachkopf links flankiert,
Durfte einen Preis erfechten,
Den der Landsmann nicht kapiert,
Höchster Sporn im Land der Gipfel
Thront er im Familienbund,
Für das Bergvolk Mützenzipfel
Wandrern Blick in weite Rund.

Mehr als daß er überlegen
Fasziniert dich hoch das Moor,
Plänckners Aussicht gilt den Wegen,
Doch du wagst dich weiter vor.
Boreal, Atlantikum
Horteten den Bruchwaldtorf,
Daß die Sohle, muldenkrumm
Decke sich mit schwarzem Schorf.

Hier hat niemand ausgebeutet,
Was der Winterstube loht,
Was die Moose langsam häutet,
Reichert sich in sanftem Tod,
Hier vergleichen sich die Uhren
Nicht mit Mond- und Sonnenjahr,
Was sich webt in solchen Kuren,
Bringt den Äon zum Altar.
 

 

67
 
Stumm bist du vor solchen Weiten,
Darin Leben und Kultur
Eine Flocke im Verschneiten
Und ein Schlag der größern Uhr,
Und sie lehren dich bescheiden
Stehn in Gottes großer Welt,
Der auch deine Seele weiden
Läßt und sie erschafft und hält.

Doch wo du so hoch verschuldet,
Darfst du singen, laut und leis,
Was geringer Geist nicht duldet,
Ist dem Heiland Lob und Preis,
Wenn das Herz dir nicht verdorrte,
Und das Aug die Splitter wehrt,
Ist das Heil an jedem Orte,
Drein du jemals eingekehrt.
 

 

68
 


BEI STÜTZERBACH
Wo der Tau der Morgenröten
Trifft der Ilme Sprudelgeist,
Denkts im Quellengrunde Goethen,
Der so häufig hergereist.

Goethe sei nicht akzeptabel,
Mancher seinen Neid verbrämt,
Weil Fortuna dem spendabel,
Der sich dessen nie geschämt.

Lange-Eichbaum meint dagegen,
Hypochonder und nervös,
Seine Erben Hirntod pflegen
Oder saufen doppelt bös.

Wein und Fressen ohne Maße,
Angst und Lebensüberdruß,
Arroganz für Zeit und Straße,
Exzessiver Faungenuß.

Mutters Leichtsinn, Grübeln Vaters,
Mischen sich zu Sucht und Wahn,
Und das Zeugnis des Psychiaters
Nennt den Sammler kleptoman.

Wie so oft, wird im Befunde
Nur das Ziel des Forschers klar,
Wo die Welt aus Schlamm, im Grunde
Goethe auch ein Schmutzfink war.
 

 

69
 
Ähnlich stehts im Gegenteile,
Häuft der Deutsche Glorienschein
Goethen, soll von diesem Heile
Auch ein Stück den Landsmann weihn.

Zwischen Huldigung und Häme
Findet sich nicht leicht Balance,
Wen das Werk wohl ehr beschäme:
Der es nie las oder ganz?

Früh genoß ich erste Reime,
Die ich zart und lieblich fand,
Doch das Mädchen sagt, ich schleime,
Als ich solche Muster wand.

Dann sprach mir der Unerschrockne
In der Seefahrt Mannesstolz,
Daß der Wind die Wunden trockne,
Sah ich ihn an Rahmasts Holz.

Später war der trunkne Falter
Den der Flamme Licht verbrennt,
Mir das Aug in Blust und Alter,
Das zu gut die Sehnsucht kennt.

Heute folg ich leis Pandoren
Ins Poussinsche Bühnenbild,
Wos die Schöne Kamm-geschoren
Gnadenlos zu scheiden gilt.

So hab ich den Reimgewandten
Oft zur Zwiesprach buchstabiert,
Dunkles spürt im Anerkannten,
Wer sich nicht vor Dunklem ziert.
 

 

70
 
Mit den Jahren werden schwerer,
Ruhm und Sorg, sogar der Dank,
Mich ermüdet der Verehrer
Wie der Arzt, dem alles krank.

Drum will ich von Goethen schweigen,
Von der Verskunst, die betört,
Meins und seins wird stets nur zeigen,
Was der Sprache ganz gehört.

Ob der Dichter Lorbeer fände,
Fragt sich bloß ein eitler Mief,
Was die Stimme lehrt die Hände,
Schwebt seit je auf Wassern tief.
 

 

71
 


ESELSBERG
Manche Höh hast du gefunden,
Da der Pfad den Muntren führt,
Mancher Reim entfloh den Schrunden
In das Blau, dem Preis gebührt,
Sangfroh knirscht dir Schusters Rappen,
Heimelnd reißen Hos und Hemd,
Schlingen, um darein zu tappen,
Kennt nicht, wer den Himmel stemmt.

Auf dem Kamm fährt der Gerechte,
Der die Lande wagt und wägt,
Um die Warten fegt der echte
Sturmwind, der nach Eden trägt,
Wer im Aufstieg Schweiß vergossen,
Trifft die Blüher rar und rein,
Ströme, die dem Fels entflossen,
Werden stets Apostel sein.

Labend dich am Eselshange
An der Werra drittem Gruß,
Lauschst du lang dem Quellgesange
Und du kühlst den wunden Fuß,
Bis nach Bremen magst du treiben
Und im Meer verwunschen sein,
Doch du sollst im Kernland bleiben,
Weiterfahrn zum Dreistromstein.
 

 

72
 
Fremd sind dir die Auland-Händel,
Wo der Löß begabt den Hamm,
Schartenhöhe, Zeupel, Grendel
Grüßen dich im Frühgeflamm,
Greifbar sind die Schieferlande
Und das finstre Schwarzatal,
Kein Gewähn verläuft im Sande,
Wo es echot dutzendmal.

Immer gehst du an der Grenze
Scheidend, einend und gefaßt,
Daß dein Haar im Frühwind glänze,
Hast du nie den Tag verpaßt,
Jeder Pfad muß einmal enden,
Doch wer ihn mit Herzblut tränkt,
Faßt das Himmelreich mit Händen,
Wenn die Sonne rasch sich senkt.

Mauern brechen, Banner sinken,
Falter schwärmen in den Grund,
Dank und Rühmung sei dein Winken,
Bis verstummt der rote Mund,
Daß den Schatten unsrer Runen
Gnade schenk die Schöpfungsmacht,
Wird das Land vom schmerzimmunen
Berg an jedem Tag bewacht.
 

 

73
 


ASFELDER AUSSPANNE
Wo der Weg ins Schieferland
Wechselt, bot die Schenke hier
Pferd und Reiter Unterstand,
Denn der Kluge schont das Tier,
Heut ist Ausspann Urlaub nur
Und ein eigensinnig Tun,
Wo man fern der Kreatur,
Muß kein Weggefährte ruhn.

Asfeld spricht vom Asenwerk,
Thor, deß Hammer Riesen schwer,
Auch Frau Holle wohnt im Berg
Und regiert das Heimchenheer,
Zinselmännchen treiben oft
Schabernack und Pfänderspiel,
Was da graust und was man hofft,
Weiß die alte Sage viel.

Auch von Asfelds Schloßturm heißts,
Daß ein Mönch gespenstisch toll,
Schaust du Bart und Kutte Geists,
Reize nicht des Unholds Groll,
Denk der Magd, die Gott verbürgt,
Doch sich selber schloß nicht ein,
Daß du nicht wie sie erwürgt,
Muß der Bannspruch richtig sein.
 

 

74
 
Vieles was im Hangwald spricht,
Taumelt zwischen einst und nie,
Wo elektrisch gleißt das Licht,
Trocknet aus die Phantasie,
Und nicht nur die Furcht zerrann,
Auch das Wunder und das Glück
Trieb der Zeitgeist aus dem Tann
Und die Sehnsucht hoffts zurück.

Wenn erst wieder Pferde froh,
Daß der Ort sich Ausspann nennt,
Raschelt dir der Stilz im Stroh,
Wie der Gnom im Moore brennt,
Wenn der Mensch dem Wahn entsagt,
Daß sein Reich unendlich sei,
Hörst du, was Alraune klagt
Und die Mähre stimmt dir bei.
 

 

75
 


FRIEDRICHSHÖHE
Friedrichshöhe, friedlich klein,
Einst Kleindeutschlands kleinster Ort,
Nur der Wandrer will hier sein,
Und die andern wandern fort.

Zu entlegen sei der Hag,
Sagt, wer mit Bedauern geht,
Zu verleben Nacht und Tag,
Wo ein großes Kaufhaus steht.

Einst zog man nach Neuland aus,
Liebte Erde, Himmel, Wind,
Heute Hof und Bauernhaus
Meistens ein Museum sind.

Nicht mehr Gerste, Hafer, Kien,
Windfang, Tenne, Ofenbank,
Wo es gut und friedlich schien,
Ward die Seele fieberkrank.

Moor und Buchwald schätzen dies,
Selbst der Hirsch wird mählich zahm
Und des Fuchses rotes Vlies
Kümmert nicht der Menschenkram.

Friedrichshöhe, friedlich still,
Unbeackert Rain und Feld,
Wenn der Letztmensch Gott nicht will,
Grüßt ihn Kraut und Vogelwelt.
 

 

76
 


DREISTROMSTEIN
Wo ein Ort an Sigismund,
Sieger, der das Mündel schirmt,
Stern im deutschen Sagengrund,
Der die Jugend stählt und firmt,
Noch erinnert, steht das Mal,
Das wir nennen Dreistromstein,
Da getrennt ein jedes Tal
Speist in deutsche Flüsse ein.

Elbe, Rhein und Weser füllt
Teilsam hier die Himmelsgift,
Fels, Titanenhand-geknüllt,
Trennt, was erst zur Nordsee trifft
Bruder-Tropfen, Schwester-Quell,
Gottes Eins, das bildend netzt
Fries und Sachses Bärenfell,
Und sich neu zusammensetzt.

Dreieins hier dein Wähnen streift
Auf die Insel Helgoland,
Wo die Flut in eins begreift,
Was erst dort zusammenfand,
Oluf, der am Amboß werkt,
Wo ihn trifft der Herr der Wal,
Hat zur Nacht dein Herz bestärkt,
Daß wir siegten tausendmal.
 

 

77
 
Jenzig, Hörsel, Lorelei,
Sagen ihm von deutscher Art,
Steg und Rahmast sirrn am Kai
Lieder von der Tannen-Fahrt,
Wenn sie sich im Astloch drehn,
Meinen Welschland, Rom und Turk
Nie die Wellen, die da stehn
Noch auf See für Siegmundsburg.

Hier ist aller Mitten Herz,
Born für deutsches Ried und Moos,
Als Sekunde, Quarte, Terz,
Tönt der Laut als deutsches Los,
Bist du deutsch in Sieg und Munt,
Muß dein Herrgott dreifach sein,
Und du spürst die Schöpfungswund
Nirgends wie am Dreistromstein.
 

 

78
 


BILBERTSLEITE
Nach Steinheid der Rennweg treibt
Hohlwegs auf den Rollkopf hin,
Hang und Quell die Sage schreibt
Eines Räubers Übelsinn.

Bilbert einen Faden spannt
Übern Steig, die Glocke dran,
Daß ihm ohn Verzug bekannt,
Wenn ein Wanderer im Tann.

Rasch erdolcht und ausgeraubt
Händler, Handwerksbursch, Scholar,
Der nur an Gewalttat glaubt,
Lange Zeit erfolgreich war.

Doch aus Jena ein Student
Wußt den Degen hart zu führn,
Bis der Bub die Fessel kennt,
Die Gerechtigkeit zu spürn.

Schwer bedrückt zum Blutgericht
Sonneberg der Fechter stieg,
Und er scheut die Traglast nicht,
Daß der Teufel Frischfleisch krieg.
 

 

 

 

80
 


SCHWARZAQUELLE
Wenn du Alsbach schaust, so spring
Ab vom Weg, manch Sucher tats,
Daß der Schwarzaquelle sing
Auch das Lied des Sonnenpfads.

Diesen Fluß beschattet dicht
Das Gestrüpp, das Laubicht rings,
Seine Rätsel lüftet nicht,
Wer ins Antlitz schaut der Sphinx.

Doch der Mensch in Jahr und Tag
Hat gesiebt den grauen Kies,
Achtzig Zentner Reingold lag
Einst verstreut im Schiefervlies.

Dies ist nicht geringrer Schatz
Als im Süden Afrikas,
Darum streich hinfort den Satz,
Daß der Herr uns karg bemaß.

Was an Silber uns und Gold
Ward geschenkt, ist längst geschürft,
War dies manchen Zeiten hold,
Ihr euch heut nicht wundern dürft.

Wie wir frühern Zeiten gram,
Wird man fluchen unser Glück,
Wer verpraßt, was er bekam,
Läßt die Wüstenei zurück.
 

 

81
 


NEUHAUS
Neuhaus hast du oft ersehnt
Auf dem Arnsgereuther Hang,
Der zur Schlacht die Schleifen dehnt,
Daß er röte Stirn und Wang,
Auf Geröll und nassem Schnee
Glitt dein Fuß gefährlich aus,
Aber über Sturz und Weh
Thront am Kamm das neue Haus.

Von der Saale kamst du oft
In des Winters weißes Kleid,
Das vertuscht, was härmt und hofft,
Was dem Wandel und der Zeit,
Neuhaus hieß die neue Haft,
Die, begabt mit blankem Schie,
Schneisen durch die Böe schafft,
Daß die Flucht zum Pfad gedieh.

Neuhaus ist für unser Volk
Traum, da wir wie Wotan fahrn,
Schneeig hängt die dunkle Wolk
Drum, den Hof zu offenbarn,
Wo, verträumt in Frost und Eis,
Uns empfängt das Hundsgebell,
Zapfen stehn wie Birkenreis,
Weiher deckt ein weißes Fell.
 

 

82
 
Trunken hast du angeschaut
Hier Relief und da Skulptur,
Schnee ward eine Kunst vertraut,
Der nicht feil des Meißels Spur,
Lenz hat stets das Werk zerstört,
Wie im Wachen Traum verblaßt,
Doch du weißt, die Zeit betört
Nur das Söldnervolk der Hast.

Auch wenn du im Sommer gehst
Und an Höhn nicht Mangel weißt,
Rührt dich an, wenn du hier stehst,
Was das neue Haus verheißt,
Unser Traum, der Nebelheim
Ähnelt, wenn die Sonne steigt,
Findet Raum und findet Reim,
Wenn sich unser Genius zeigt.
 

 

83
 


MONDSTÜRERFEST
Fünf Glasbläser brachten den Flecken
Zu Siedlung, Gemeinde und Stolz,
Sich höher die Ziele zu stecken,
Wagt Glas Filigrane des Golds,
Die Lampe mit Öl und mit Gasen,
Die Drehbank, die Flöte, der Dorn
Und Träume der Nornen und Asen
Erklangen im Ernstthaler Horn.

Verwegne Gesellen bescherte
Die Bulle zu Hütte und Schank,
Was Bürger und Bauer begehrte,
Was leuchtet im fürstlichen Schrank,
Es wuchs unter rauchenden Essen,
Wo Zartes und Derbheit sich mischt,
Sich Kämpe und Schnöckelsinn messen
Und Frohsinn dem Feuer entzischt.

Hier kamen zwei Zecher vom Kruge
Zum Berg, der nach Pappenheim heißt,
Es schien mit dem Recht und dem Fuge
Ihr Gold, was am Nachthimmel gleißt,
Mit Hölzern sie suchten zu stüren,
Was Wölfe versammelt zu Jagd,
Den Zeugen von Mitternachtsschwüren,
Der bleicht, wenn das Morgenrot tagt.
 

 

 

 

85
 
Zwar hat sich verweigert der Taler,
Doch ward der Versuch und der Ernst
Manch Trunkfrohem Bruder und Zahler,
Daß heut noch die Aue besternst
Du mit einem Lied, das den Stürer
Erkennt als den prinzlichen Geist,
Der Goldadern trunkner Erspürer
Füllt alles, was Minnesang heißt.

Wo solche Verrücktheiten reifen,
Der Menschenschlag klobig und echt
Es wagt auf Magister zu peifen,
Gilt noch das germanische Recht,
Dort wagt noch der Freie zu treten
Vor Gott und die uralte Zucht,
Daß unseren Herzensgebeten
Erst Tat gibt die schaffende Wucht.

Hier kann doch die Frage nicht lauten,
Ob Neuhaus, ob Lauscha sie schluck,
Den Stangen- und Bierastronauten
Geschacher nicht frommt und Geduck,
Die Zahlensalat-Bürokraten,
Sie blöken wie Vieh auf der Weid,
Es fehlt an Verstand für die Taten
Und fehlt für die Zukunft an Schneid.

Erst wenn nach Probstzella die Schiene
Der Wagen mit Glasträumen dampft,
Verzieht sich die Wasch-Clementine
Und was aus dem Guckkasten krampft,
 

 

86
 
Die Wirtschaft der Yankees ist keine,
Die je unsrem Frohschaffen taug,
Dem Thüringer lähmt sie die Beine,
Dem Ernstthaler trübt sie das Aug.

So seien die Mondstürerfeste
Uns Vorspiel und Heerschau zugleich,
Daß es ihre Schmerbäuche mäste,
Verhunzten die Sieger das Reich,
Wir sollen die Marktmären glauben,
Und danken dem Schinder, dem Dieb,
Um Mitwirkung betteln beim Rauben
Von allem, was heimlich und lieb.

Doch Gott wird die Schändung beenden,
Der Heimat, des Glaubens, der Kraft,
Die Zeit wird sich winden und wenden,
Die Knute verfahlt und erschlafft,
Aus Liedern und Sagen der Berge
Erwächst, was uns frei macht und lohnt,
Auf Schultern von Riesen die Zwerge
Erstüren am Himmel den Mond.
 

 

87
 


LAUBESHÜTTE
Leube, Laub, Erlaubnis, Leber:
Sind verstummt die Namensgeber,
Tritt der Sänger auf die Bütte
Auch am Forsthaus Laubeshütte.

Am Beginn des Walds der Franken
Sollst noch mal der Ulster danken,
Die dir Hoffnung gab und Glaube
Für die Fahrt im finstern Laube.

Manche Grenze ward Geschichte,
Wo der Steig erreicht die Lichte,
Eh das Kraut das Mal verschütte,
Schau genau von Laubeshütte.

Herrschaftlich thront diese Stätte,
Wenn ich Adlerflügel hätte,
Ließ ich ab von meinem Raube,
Mich zu weiden an der Laube.

Liedern hat der Kamm gefallen,
Lerchen, Drosseln, Nachtigallen,
Daß der Panther dich zerrütte
Prunkt sein Pilz in Laubeshütte.

Lockt der Himmel weit und fährlich,
Wird dir Hut und Haft entbehrlich,
Mach dich fort und aus dem Staube,
Denn die Fahrt braucht keine Laube.
 

 

88
 


SCHÖNWAPPENWEG
Im Tannhäuserlande,
Im Laubicht, im Wald,
Wo Würde und Schande
Jahrtausende alt,
Die uralte Weise
Die Aarschwinge reg,
Die schimmernde Schneise
Am Schönwappenweg.

Wo Brandenburgs Adler
Den Rautenkranz trifft,
Es schrecke den Tadler
Die Kurfürstengift,
Die Bistümer, Marken,
Des Reichs Bibliothek
Wird Frohen und Starken
Am Schönwappenweg.

Hier dauern die Rechte
In Rune und Stein,
Und stolze Geschlechte
Beschirmen den Rain,
Hier weißt du geborgen
Im Schildzeichen-Steg
Den Abend als Morgen
Am Schönwappenweg.
 

 

89
 
Wo Schiefer Graniten,
Bald erdfarb, bald hell,
Inmitten von Mitten
Zuraunt als Gesell,
Scheint willig und offen
Das hehrste Geheg,
Die Heimkehr zu hoffen
Am Schönwappenweg.

Die Brandschatzer machten
Zum Steinmeister Tod,
Sie suchten zu schlachten,
Daß gelt ihr Gebot,
Daß Schuß oder Mine
Den Bruder erleg,
Der Wehrfromme diene
Am Schönwappenweg.

Zwar ist ihre Lehre
Vergreist und verpönt,
Doch weiter nicht Ehre
Den Wappenweg schönt,
Die Tannhäuser-Kunde,
Des Bergwinds Gefeg,
Harrn noch ihrer Stunde
Am Schönwappenweg.
 

 

90
 


FINKENBERG
Durch den Wald des Prinzen Reuß
Wandern wir auf Stock und Stein,
Schnecke läßt ihr Ring-Gehäus,
Eichhorn lacht im Sonnenschein.

Unbezwingbar träumt der Tann
Wipfel wiegt ein sanfter Fön,
Wer den Enselsberg gewann,
Findet auch den Finken schön.

Alte Straßen kreuzen oft
Unsre Spur am Bergeskamm,
Was der Süd im Nord erhofft,
Weiß ein Schild am Buchenstamm.

Kirch und Schänke bleiben rar,
Wo der Pfad der Frevel denkt,
Überm Wetzstein ward sogar
Jüngst der Bismarckturm gesprengt.

Aber Quellen sprudeln froh,
Und wir haben Brot im Sack,
Unbehelligt läßt uns so
Politik und Händler-Pack.

Also soll es immer sein,
Wenn uns Gott den Wald erhält,
Manchmal kehrt der Wandrer ein,
Doch er wohnt im Himmelszelt.
 

 

 

 

92
 


SCHLEGEL
Wo das Pferd im Giebelschiefer
Auf dem einstgen Amte wacht,
Jäh der Pfad durch Kraut und Kiefer
Dreimal hundert Seelen dacht,
Holprig ist die Landesstraße,
Schwer schiebt hier der Bauer Kegel,
Über Mauern lugt der Hase,
Du bist eingekehrt in Schlegel.

Wer hier ankommt, darf erzählen,
Denn der Zeitung ist nicht wert,
Was man hier beim Apfelschälen
Und beim Schuhwichs still erfährt,
Wer schon immer abgelegen
War die Ausnahm von der Regel,
Grüßt den Sonderling auf Wegen,
Die im Grenzland führn nach Schlegel.

Saale ist hier fast zu riechen,
Auch die Orla fließt nicht weit,
Bald wird dir der Steig versiechen
Und mit ihm die Wanderzeit,
Auf den Höhn bist du gepilgert,
Wo nicht hausen Lurch und Egel,
Und der Bart ist dir verwildert,
Daß du nur gefällst in Schlegel.
 

 

93
 
Wappen zeichnest du mit Kreide,
Die dich riefen aus der Zeit,
Offenbarung ist die Heide
Für den Mann im Sängerkleid,
Du mühst nicht Gedankenspiele
Und der Zeiten Ziel wie Hegel,
Denn begrenzt sind alle Ziele,
Wo man arm ist wie in Schlegel.

Diesem Dorfe ward zum Sterne
Eichenalter Apfelbaum,
Auch der Kulmberg ist nicht ferne,
Er bezeugt den Gipfeltraum,
Böen fegen durch die Gärten,
Blähn das Kleid zum weißen Segel,
Flunkernd meistert Grau und Härten,
Wer geboren ward in Schlegel.

Diese Nacht wirst du hier bleiben,
Wo man trinkt und Karten spielt,
Wie im Schlangenreich der Eiben
Hast du stets zum Grund gezielt,
Geiger heben Bein und Röcke
Und das Bier den Stimmungspegel,
Daß schon viele Wanderstöcke
Blieben liegen hier in Schlegel.
 

 

94
 


BLANKENSTEIN
Hier fließt die Saale, der du einst
Vom Fichtel bis nach Barby hin
Gefolgt, der Fluß, von dem du meinst,
Daß er in deinen Reimen rinn,
Hier bringst du ihr den Werrakies
Aus Hörschel und sprichst dank und lob,
Daß dir der Steig ein goldnes Vlies
Aus Traum und Wanderliedern wob.

Hier darf, was dir nicht mehr gehört,
Dem Volke sein als Buch und Spruch,
Wohl dem, den solches Wort betört,
Der riechen kann den Waldgeruch,
Der sieht den Ensel stehn mit Hut,
Folgt Stürern nachts zu Trank und Tat,
Dem rauscht die Werra durch das Blut,
Der holt in Ibengarten Rat.

Denk Merlins, der dich oft bewahrt
Vor Leichtsinn, daß im Bild du schwindst,
Er schuf den Trank von seltner Art,
Daß du dich immer wiederfindst,
Dein Reim war manchmal hart und streng
Den Bräuchen, die der Teufel mag,
Doch ward die Brust dir niemals eng,
Weil du den Herrn erkennst im Tag.
 

 

95
 
Die Heimat hättst du gern als Kind
Erwandert, wie der Vater tat,
Doch war das Lied, das dich beginnt,
Zerstückt von Zaun und Stacheldraht,
Zwar sind dir Pfad und Fichten frei,
Doch dauert das Gespinst im Geist,
Solang noch nicht die Meierei
Der Bankenmacht die Türe weist.

Gelassen soll dein Herz vertraun,
Daß Deutschland sich vom Krankenbett
Erheb, die Wunder anzuschaun,
Die Heinrich fand als Psalm und Mett,
Wo sich die Schöpfung selbst bezweckt,
Ist sie schon ganz ein Minneleich,
Denn nur ein Morgennebel deckt
Den deutschen Traum und unser Reich.