Uwe Lammla ·  Zweifelsbachgrund 

 



 
 

 



UWE LAMMLA




ZWEIFELS
BACHGRUND















 
ARNSHAUGK

 



 









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ISBN 3-926370-50-5

© 2011 Arnshaugk Verlag
www.arnshaugk.de


Alle Rechte beim Autor
www.lammla.de

16,- EUR
 

 



INHALT


IN DEN ISARAUEN
Isar
Kindel
Flaucher
Wieland
Orwell-Jahr
Bücherstadt
Universität
Ockham
Schelling
Ritter
Baader
Creuzer
Görres
Nymphenburg
Alter Südfriedhof
Joghurt
Bauernfäule
Kirschblüte im Hof
Die Königin der Nacht
Böllerkrachen
Brummschädel
Hochzeitsspruch
Schöpfung
Philipps Tod
Das Birgweibl von Schäftlarn
Von Ganthar und Nantwin
Judas von Einöd
Winzerer
13
15
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19
22
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46
47
48
50
53
56
58
62
67
 

 

Der Spuk von Lenggries
Geigerstein
Fall
Oswaldhütte
Scharfreuter
70
73
74
75
76


TRICHTERWINDE
Vogelsang
Natursprache
Schachspiel
Aal
Juwelen
Izanagi
Belzebub
Rauchverbot
Bücherstube
Großvater
Uppsala-Passion
Formalia
Vaterland
Deutsche Einheit
Die Grenze
Mauerspechte
Wolf Biermann
Politische Dichtung
Nesselseide
Kletterpflanzen
Efeu
Clematis
Blauregen
Haselstrauch
Trichterwinde
Blauer Eisenhut
81
83
85
88
90
91
94
98
100
101
102
104
105
109
110
111
112
114
116
117
118
119
120
121
124
125
 

 

Gelber Eisenhut
Bier
Rohrglanzgras
Beifuß
Dreiklang
Herbst in Plothen
Qulha
Alter
Bienen-Gerhard
Totem und Tabu
Heimweg
Trennung
Der Augenblick
Weihnachtsnacht
Kerzenschein
Unterm Tannenbaum
Jahreswende
127
128
130
131
132
135
136
137
138
140
143
145
147
148
149
150
153


ZWEIFELSBACHGRUND
Zweifelsbachgrund
Quelle am Hang
Bach
Zweifel
Grund
Wasser
Phlogiston
Salz
Soda
Pottasche
Magnesia alba
Marmelstein
Alaun
Quarz
157
163
165
168
170
173
177
179
181
182
183
184
186
187
 

 

Zinn und Blei
Salpeter
Hirschhornsalz
Urin
Arsenik
Oxygenium
Vitriole
www
Chlor
Jod
Argon
Preußisch Blau
Cobalta
Kupfer
Gold und Silber
Zink
Quecksilber
Kohle
Sumpfgas
Nebelkerze
Harnstoff
Oxalis
Carbid
Weingeist
Äther
Glycerin
Zucker
Benzoe
Salix
Katalysator
Buna
Caprolactam
LSD
Theodizee
188
189
193
195
197
198
199
200
201
203
204
206
208
209
212
213
216
220
222
224
225
226
227
229
231
232
234
235
238
239
241
242
245
249
 

 



KURSACHSENSPIEGEL
Sachsen
Wahlspruch
Vita Bennonis
Vogtland
Schleiz
Oberböhmsdorf
Mühltroff
Mehltheuer
Syrau
Drachenhöhle
Schöpsdrehe
Plauen
Synagoge
Rittergut Reusa
Friesenbach
Mechelgrün
Trieb
Siebenhitz
Falkenstein
Göltzsch
Mühlgrün
Auerbach
Auerbachs Keller
Schönheide
Eibenstock
Saafnlob
Blauenthal
Schwarzenberg
Kumpel
Raschau
253
256
257
259
261
262
263
264
265
266
268
269
276
283
284
287
288
289
290
291
292
293
296
298
300
301
303
306
307
308
 

 

Scheibenberg
Schlettau
Annaberg und Buchholz
Schloß Wolkenstein
Grete Baier
Freiberg
Freiberger Gymnasium
Tharandter Wald
Dresdner Zwinger
Bischofswerda
Bautzen
Markersdorf
309
310
311
312
313
314
315
317
319
327
329
330
 

 




IN DEN ISARAUEN





»Komm in den totgesagten park und schau:
Der schimmer ferner lächelnder gestade,
Der reinen wolken unverhofftes blau,
Erhellt die weiher und die bunten pfade.

Dort nimm das tiefe gelb, das weiche grau
Von birken und von buchs, der wind ist lau,
Die späten rosen welkten noch nicht ganz,
Erlese, küsse sie und flicht den kranz.

Vergiss auch diese letzten astern nicht,
Den purpur um die ranken wilder reben,
Und auch was übrig blieb von grünem leben
Verwinde leicht im herbstlichen gesicht.«

 
GEORGE       

 

 

 

13
 


ISAR
Wohl mit Eisach, Isel, Oise
Ist verwandt, was Fließen meint,
Ruht das Auge auf der Schleuse,
Wo die Kraft gebändigt scheint,
Treiben doch Geäst und Stämme
Schlingernd in der Dämmerung,
In der Melodie der Dämme,
Ewig alt und ewig jung.

Aus den Gletschern, wo kristallen
Schweigen noch dem Adler taugt,
Bist du ins Gewürm gefallen,
Das an deinen Brüsten saugt,
Spielerin mit vielen Armen,
Tauchst du in dich selber ein,
Und beweist, das All-Erbarmen
Muß ein großes Wasser sein.

Denn im Fließen waltet Milde
Streng, doch niemals schroff und spitz,
Vor dem schlämmenden Gefilde
Ist die Weisheit Wahn und Witz,
Du vertraust, die Ohnmacht schaffe
Keinem länger Furcht und Scham,
Denn der Streiter mit der Waffe
Wird vor deinem Murmeln lahm.
 

 

14
 
Was im ganzen scheint der Friede,
Birgt in jedem Glied die Front,
So wie jeden Ton im Liede
Nur ein kurzer Strahl besonnt,
Treffen Glitzerspiel und Lachen
Nur den Schein von einer Haut,
Denn von ungezählten Wachen
Wird das Traumreich aufgebaut.

Wer durch dieses Tal gegangen,
Das du hegst und auch bedrohst,
Wird gewahr, daß er gefangen
Doch nicht ohne Heil und Trost,
Denn das Weib, das ihn zu tragen,
Kreuzt Gewohnheit, Maß und Sinn,
Hat er keine Macht zu fragen,
Doch es führt zum Vater hin.

Also sprichst du jedem Sohne,
Also füllst du allen Reim,
Aus dem Sonnenglast im Mohne
Führt allein das Fließen heim,
Was der erste Tag gesogen,
Trägt auch fort den morschen Kahn,
Zwischen Ufern walten Wogen,
Und das übrige ist Wahn.
 

 

15
 


KINDEL
Daß das Kindel einst ertrunken,
Ist vielleicht nur späte Mär,
Doch die Mauern, die hier prunken
Kommen aus den Zeiten her,
Wo allein die Macht der Sage,
Gab dem Siedeln Stand und Grund,
Darum stets mit Schaudern trage,
Was dir sagt der dunkle Mund.

Ehe unsre Hände schichten,
Stein und Balken, Wand und Dach,
Nisten Lieder und Geschichten
Prall gefüllt mit Ungemach.
Daß an jedem Anbeginne
Wacht ein Opfer in der Nacht,
Immer wieder neu besinne,
Denn auch du bist so gemacht.

In dem Wappen streckt die Hände,
Hier zum Segen, da zum Eid,
Jener, der Beginn und Ende
Stiftet eine Zwischenzeit,
Kuttenträger, Gold-gerändert,
Nach dem Alten Reich gefärbt,
Wird von manchem Aug verändert,
Das die frühen Zeichen erbt.
 

 

16
 
Nach Geschmack zur Maid, zum Knaben,
Doch verjüngt bald mehr und mehr,
Ward das Goldkreuz auf dem Raben
Nicht mehr wuchtig oder schwer,
Trocken unter Sparrn und Schindel,
Dachten Maler und Poet
Sich den Wappenmönch als Kindel,
Das im Fluß zugrunde geht.

Dies historisch zu verlachen,
Steht nicht an dem jungen Gast,
Doch es scheint, die besten Sachen
Hat er gleichwohl doch verpaßt,
Von der Stadt ging aus ein Leuchten,
Dies mag so gewesen sein,
Aber die den Glanz verscheuchten,
Treiben heut die Miete ein.

Also halt dich an die Spuren
Nach der Kindelzeit der Stadt,
Als hier noch die Droschken fuhren
Und der Markt noch nicht so glatt,
Wo sich Poesie verflüchtigt,
Schärf die Liebe sich das Aug,
Daß Verlornes dich ertüchtigt
Und zu neuem Glanze taug.
 

 

17
 


FLAUCHER
Wo manch Stadtbach seine Fluten
Zweigte vom Karwendelstrom,
Dem die Wehre zuzumuten,
Daß er zähm sein Wildarom,
Warn schon früh die Kieselbänke
Städtern froh zum Schlendrian,
Daß schon bald die erste Schänke
Zapfte Gerstensaft vom Hahn.

Zwischen Steg und Brudermühle
Schrittst du schon im ersten Jahr
In des Flusses Fächelkühle,
Daß der Geist dir froh und klar
Sage, was für ein Bewenden
Es mit dieser Bleibe hab,
Und du wirst den Kreis beenden,
Wo dir Wald die Muße gab.

Ungeduld im letzten Winter
Riet dir: Geh und wend dich nicht,
Doch du kommst gemach dahinter,
Daß da wohl noch eine Pflicht
Sei die deine, eh du kehrest,
Wo da Ilm und Saale sprühn,
Daß im Reim die Isar ehrest,
Sollst du dich ein Weilchen mühn.
 

 

18
 
Ein Exil ists wohl gewesen,
Doch in keiner Wüstenei,
Was Jahrzehnte aufgelesen,
Wuchs zum Schatz so nebenbei,
Also soll zusammenbinden
Eine kleine Bibliothek,
Was da kam mit Münchner Kinden
Zwischen Mühl und Flauchersteg.

Wieder suchst du Wehr und Flaucher,
Wo der Juni dich verbrennt,
Jungborn für den Untertaucher
Und das Lebenselement,
Wo der Fluß in Schlangenwegen
Deine ruft und deine kreuzt,
Wirst du Vers-Patiencen legen,
Eh du dann zum Abschied läutst.
 

 

19
 


WIELAND
Ob du streifst in Isarauen
Oder singst im Saaleknie,
Die Geduld, dein Haus zu bauen,
Gönnt der Zeitengeist dir nie,
Doch du solltest nicht verzagen
Ob der Schmäh in A und O,
Denn erzählt wird in den Sagen,
Daß dies war schon immer so.

Nennt man Schmarrn und eitle Schrullen,
Was dir zeugt in Fach und Spind,
Ist dies kleidsam all den Nullen,
Die hier tonangebend sind,
Daß nicht Mangel führ zum Kerker
Sondern Reichtum und Talent,
Spürt mit jeder Strophe stärker,
Wer die Heldenchronik kennt.

Wieland, Sohn dem Riesenblute,
Was da heißt, von fremdem Lehn,
Sollt, daß Schmiedkunst frön dem Mute,
Meister Mimirs Lehr bestehn,
Da im Lehrstand er der zweite,
Wo ihn Sigurd gern verdrosch,
Wunderts kaum, daß in dem Streite
Mählich die Geduld erlosch.
 

 

20
 
Also ging er zu den Zwergen,
Die für die Metall-Magie
Sind berühmt in Balver Bergen,
Wo manch Heidenschwert gedieh,
Doch auch dort verfügen Neider,
Daß zum Käfig werd die Haft,
Und schon bald der Schlackenscheider
Müht zur Flucht die Geisteskraft.

Darum staunt schon bald der Leser,
Wie er sich der Welle mählt,
Auf dem Einbaum folgt der Weser
Und als Bleibe Jütland wählt,
Namlos dient er König Nidung
Wie ein Knab als Schenke Weins,
Weicht das Schicksal der Befriedung,
Hat der Flüchtling lieber keins.

Der Verlust von einer Klinge
Zwingt ihn, daß er sie ersetz,
Und der Herr durchschaut die Dinge,
Daß ihn fängt das eigne Netz,
Denn das Messer, ihm gelungen,
Schneidet nicht nur Fleisch und Fisch,
Durch den Teller ists gedrungen
Und gespalten ist der Tisch.

Solche unerhörte Güte
Macht den Neid des Hofschmieds bös –
Wer von edlerem Geblüte,
Wer da fall und wer sich lös,
 

 

21
 
Streit entscheid auf Leib und Leben!
Doch der Helm des Königsschmieds,
Scheint wie Butter nachzugeben,
Denn so lautlos leicht geschiehts.

Mimung heißt das Schwert, dem Lehrer
Ehre und in jeder Hand
Schreckensmacht und Schreckens Mehrer,
Daß da singt das ganze Land,
Wieland heißt es Fron und Bürde,
Erdenschwere und Gewalt,
Und verstümmelt, hofft man, würde
Er gezähmt am Hofe alt.

Doch er zeugt sich seinen Erben,
Und er steigt im Filigran,
Das die Tumben, die nur kerben,
Niemals selbst im Traume sahn,
Durch den Nordwind, klamm und eisig,
Fliegt, gescheitelt in Karmin,
Wieland wie der Birkenzeisig,
Um dem Kleingeist zu entfliehn.

Wem die Sehnen durchgeschnitten,
Muß das Herz zum Flug empörn,
Wer als Bürger nicht gelitten,
Muß das Wolkenmeer betörn,
Also rüste dich zum Fluge
Über all dem eklen Schleim,
Denn du kommst hier nicht zum Zuge,
Höchstens himmelhin und heim.
 

 

22
 


ORWELL-JAHR
Zur Zeit, als ich nach München reiste,
Buchhändlern galt als Werbemittel
Das Buch, das jenes Jahr als Titel,
Und ausverkauft war bald das meiste.

Wer meint, er sei vorm Has der Igel,
Las eine Handlung hinterm Zaune,
Ein Mehr an Ernst verdirbt die Laune –
Und wessen Stolz mag solche Spiegel?

Dann fiel der Renner mit dem Jahre,
Ich las den Schrecken erst viel später,
Als tot schon unsrer Eltern Väter
Und Glatzen galten mehr als Haare.

Die Mode hobs, die Mode fegte
Das Werk des Briten aus den Fenstern,
Und Narretein von frechen Wänstern
Warns nun, was alle Welt bewegte.

Jedoch die Lüge ohne Gnade,
Die dieses Buch so trefflich schildert,
Hat unbefochten fortgewildert
Und ist sich keiner Zeit zu schade.

Wird was geglaubt, wo Kinder lachen,
Mut Dickres zu den Zeitungsfressern,
Beim Poker paßt nicht zu drei Ässern
Die Scham, ein viertes vorzumachen.
 

 

23
 
Kein Kostverächter ist die Lüge,
Drum öffnet sie die Rattenlöcher,
Wer Pfeile zählt in ihrem Köcher,
Den trifft von überall die Rüge.

Denn alle, die da Dreck am Stecken,
Sie schätzen Masken und Geplänkel,
Wer sagt, dies geh ihm auf den Senkel,
Wird ausgelacht als Pockenflecken.

Doch die da schwatzend Taten äffen
Und jammern über Floh und Mücke,
Die wird der Grund zu ihrem Glücke
Im Liebesministerium treffen.
 

 

24
 


BÜCHERSTADT
München rühmt sich seiner Dichter
Manchem, dens nach hier verschlug,
Mischten Gaslaternenlichter
Falterglanz und Falkenflug,
Unterm Fön der heitern Sinne,
Gerstenräuschen dämmerstunds,
Polemos und auch Frau Minne
Freuten sich des Bardenmunds.

Daß ich auch dahin gezogen,
Fiel in Jena einst das Wort,
Ich war jeder Wahl gewogen,
Denn ich wollte nichts als fort.
Dieser Platz war nah gelegen
An Italiens Wunderaun,
Und mir schien es Heil und Segen,
Dorthin oft und leicht zu schaun.

Palmengrün an der Riviera
Wohnte nah verwandt Marie,
Mein Bezirk, benannt nach Gera,
Kannte nichts als Industrie,
Daß man holder dürfe träumen,
Schien mir klar und ausgemacht,
An des Mittelmeeres Säumen,
Die schon Goethes Aug gelacht.
 

 

25
 
Meiner Oma Schwester machte
Eine Kreuzfahrt im Azur,
Als noch Glück in Schlesien lachte,
Und wer konnte, ging auf Tour,
Und sie fand die große Liebe
Und im Kapitän die Wahl,
Daß sie wußte, wenn sie bliebe,
Misse sie nicht Rübezahl.

In Kleindeutschland sehr beneidet,
War sie prinzlich uns und Fee,
Sicher schiens, daß niemand scheidet
Von der traumhaft blauen See,
Und ein Foto von der Wohnung,
Wo zum Greifen nah der Strand,
Sprach von glücklichster Belohnung
Jedem, der die Freiheit fand.

Also in die Isarauen
Ging ich, leid das Regiment,
Daß ein eignes Glück zu bauen
Nur bestimmte Muster kennt,
Hier sollt mir das Auge leuchten,
Und sich ründen Werk und Reim,
Und ich schwärmt von Lebensfeuchten
Und vom selbstgeschaffnen Heim.

Als ich für die Sperranlagen
Hatte Visum und Billett,
Dachte ich nach wüstem Wagen
Wärs nicht schwer zu Dach und Bett,
 

 

26
 
Die Behörden freilich dachten,
Mancher Umweg sei da not,
Eh die Münchner Kindln lachten,
Gaben Main und Donau Brot.

Büchernarr war ich seit Jahren,
Und im Mangelstaate mußt
Mich das Wunderland der Waren
Mächtig ziehn mit Bücherlust.
Doch die erste Bücherstube
Frankfurts, vollgestopft und bunt,
Macht mein Herz zur Mördergrube,
Angewidert von dem Schund.

Dann schon Gießen bracht die Wende,
Und als Straubings Antiquar
Zeigte Georg Bondi-Bände,
Ich schon recht versöhnet war,
Doch gesprengt warn erst die Maße,
Als sei Opium mir geträuft,
Als ich sah die Schellingstraße
Und was dorten angehäuft.

Nirgends sah ich vollre Waben
Als ich Münchens Büchermeil,
Die Großherzog Ernst-Ausgaben
Bot man schon im Fenster feil,
Kaum hatt ich die ersten Märker,
Schleppte ich da Zentner fort,
Jede Nische, jeden Erker
Zierte bald ein Bücherbord.
 

 

27
 
Später fing ich an zu drucken,
Dann zu schreiben eignen Text,
Manche Kröte war zu schlucken,
Weil die Bücher mich behext,
So ward mir Italien weiter
Als dem Kindskopf, der da frei,
Und mir ward die Jakobsleiter
Eine große Bücherei.

Schwer beladen kommt nach Hause,
Wer durch ein Exil gereift,
Weil die Stirn, die mählich krause,
Dies nicht mehr als Ziel begreift,
Bücher sollten mir vertrauen,
Wo der Himmel wahrhaft blau,
Um den Eridan zu schauen,
Kehrte ich ins Orlagau.
 

 

28
 


UNIVERSITÄT
Ich kam nach München zu studiern
Plotin, Cusanus, Leibniz, Hobbes,
Es hieß, so Jahre zu verliern,
Sei etwas für die reichen Snobs.

Hältst dus mit Kant und Heraklit,
So ist die Pleite dir gewiß,
Mach lieber Unternehmen fit
Und bohr den Leuten im Gebiß.

Banausisch schalt ich solchen Rat,
Doch als ich kam ins Seminar,
Fand ich die Bude derart fad,
Das wohl was dran am Zweifel war.

Ich hab gekratzt und hab gekeucht,
Doch akademisch wurd es nix.
Die Mutter meinte arg enttäuscht,
Ein Doktor sei der Schick des Schicks.

Wenn ich mich über Wasser halt
Mit Handel und profanem Zeug,
So sag ich freilich jung und alt,
Daß ich mich keinem Rektor beug.

Denn den Betrieb, wo jener glänzt,
Der nie vergißt, wer reicht das Brot,
Hab ich schon immer gern geschwänzt,
Und werds so halten bis zum Tod.
 

 

29
 


OCKHAM
Ein Straßenschild erinnert an
Den Franziskanerdenker,
Der Kaisers Huld und Schirm gewann
Im Avignon der Henker.

Daß er der Nominalen Haupt,
Muß uns als Irrtum gelten,
Er hat wohl an Ideen geglaubt,
Doch nicht in Außenwelten.

Auch daß er Entitäten spart,
Gleicht nicht den Reduktionen
Des Volks, das nach dem Backenbart
Den Scheitel will nicht schonen.

Im Armutstreite schrieb er scharf
Zum Zorn der Purpurkutten,
Daß er als Ahnherr gelten darf
Für Luther und für Hutten.

Mit dem des Kaisers sank sein Stern,
Er floh ins Unsichtbare,
Denn wer im Herzen trägt den Herrn,
Fragt nicht, was ihn bewahre.
 

 

30
 


SCHELLING
Der Philosoph war fruchtbar vielen Plätzen,
Unähnlich waren Anfang ihm und Ende,
Verschiedne Ströme seine Schriften schätzen
Und ebenviele ihm ein Denkmal setzen,
Die Isar brachte seinem Sinn die Wende.

Die Ära, wo in schwindelnden Systemen,
Die Geister suchten Sinn und Welt zu fassen,
Sah manchen Hang zum Allzu-Angenehmen,
Doch Brüche auch, die Harmonie verfemen,
Bis hin zu Quellen, wo die Jünger hassen.

Mir fiel ein Frühwerk jung schon in die Hände,
Das Nachwort warnte vor dem spätern Dunkel,
Ein Licht der Freiheit dieser Aufbruch spende,
Bis dann Vergreisung oder Todfurcht blende,
Zu wenden sich ins mystische Gemunkel.

Der Glaube freilich taugt nicht zum Dozieren,
Drum ward, was später in Berlin gelesen,
Nicht der Erfolg, nach dem Studenten gieren.
Es mußte nach der Hegelei verlieren,
Was an der Isar heimischer gewesen.

Hier traf er sich mit Creuzer, Baader, Ritter,
Hier spürte leiblich man den Welterschaffer,
Hier sprach man von der Frömmigkeit nicht bitter,
Und die Erleuchtung war kein Herbstgewitter,
Und die Verehrung war nicht nur Metapher.
 

 

31
 
Ob seine Schriften mit der Reife klarer,
Wohl unparteiisch kaum ist zu entscheiden,
Doch sicher gilt mir, daß ein Wort nicht wahrer
Durch Beifall wird recht vieler Bildungsfahrer,
Und falscher nicht, weil keiner mag es leiden.

Seit Schüler, Prinz von Bayern, hat ihm später
Als König manche Ehrung ausgesonnen,
Der Stil der Herrschaft hatte viele Väter,
Doch daß der Weise sprech zu einem Täter,
Hat Platon einst die Tradition begonnen.

Drum soll man Schellings Müh in München achten,
Auch wenn nur Hörsäl sind Gelehrten wichtig,
Was Maximiliens leise Schritte brachten,
War angezeigt, zu bremsen das Umnachten,
Das bald darauf in Deutschland einzig richtig.
 

 

32
 


RITTER
Ritter sei Ritter, wir aber nur Knappen,
Schrieb einst Novalis die Apologie,
Wo die Gelehrten im Schummerlicht tappen,
Wird nur des Vorhangs Erhabenheit kappen,
Wem das Natürliche ganz Poesie.

Niemand hat mehr mit dem trunknen Gefühle
Forschend genaue Naturschau verquickt,
Als der Verächter der thronenden Stühle,
Der sich studierend so fern vom Gewühle
Gläubig begeistert zum Selbstversuch schickt.

Daß das Galvanische Stoff der Epoche,
Streitet nicht, wer das Jahrzehnt überschaut,
Daß das Gesichtslose Sichtbares koche,
Daß sich die Kraft überlasse dem Loche,
Aber an heimlichen Ordnungen baut.

Schlesien hat nicht allein Dichter gezogen,
Auch dieser physicus Liegnitz entsprang,
Doch wer den Schmieden des Geist nicht gewogen,
Gilt nur als Scharlatan, dumm und verlogen,
Weil ja die Weisheit ein Haus hat schon lang.

Viele in Thüringen schätzen den Jungen,
Aber den Schwärmern wird nirgends Gehör,
Wo man vom Standesbewußtsein durchdrungen
Ungeprüft nachschwatzt den bösesten Zungen,
Daß dieser Kindskopf nur Narren betör.
 

 

33
 
Gleichwohl ist Ritter mit Grotthuß der frühste
Gründer der Lehr der Elektrochemie,
Wasser zerspaltet in Gase kein Myste,
Und das Gesetz, das dann Volta begrüßte,
Vorher schon lange bei Ritter gedieh.

Auch seine Säule, die Ladungen scheidet,
Rekelt als Akku sich später so fett,
Zu den Spektralfarben Weißlicht er scheidet,
Und er erkennt, was das Auge vermeidet,
Nämlich ein Ultra am Randviolett.

Selten war einer so groß im Erwachen,
Aber in Jena rümpft Nasen man nur,
Endlich im Bayrischen läßt man ihn machen,
Doch er verliert sich in wabernde Sachen,
Als er am dritten Platz sucht seine Spur.

Daß er zuletzt an dem Wünschelstab klebte,
Heißt doch nicht, daß er nichts andres gekonnt,
Reichestes Schrifttum hier Dunstschleier webte –
Konnt dran vobeigehn, wer neugierig lebte,
Wissen, er werde nicht lang mehr besonnt?

Wer der Natur ist im Herzen gewogen,
Fragt nicht, ob anerkannt ist die Method.
Heimatlos ist er durch Deutschland gezogen,
Und in der Jugend zum Himmel entflogen,
Und die Vergreisung hat nie ihn bedroht.
 

 

34
 


BAADER
Erst suchte er in Ingolstadt
Die Medizin und die Natur,
Doch was man ihm geboten hat,
Schien ihm ein erster Anfang nur.

Chemie und Mineralienschau
Warn ihm Berufung und Passion,
Was man im Berg mit Freunde hau,
Gab Freiberg seiner Zeit den Ton.

Die hohe Schul genügte nicht,
In Schottland und in England sah
Er manche Hütt, doch die Geschicht
Nicht enden wollte hie und da.

Glasschmelzer dann in Lambach, wo
Erfolg sich zeigt und Geldgewinn,
Jedoch sein Genius war nicht so,
Daß solches Glück der letzte Sinn.

Den Schelling er in Hamburg trifft,
Doch Jacob Böhme gab das Wort,
Daß jenen, der die Welt durchschifft,
Tief spüren ließ den eignen Ort.

Daß München ward ein Musenhort,
Hat er geringen Anteil nicht,
Dabei ging er mit hartem Wort
Auch mit Verirrung ins Gericht.
 

 

35
 


CREUZER
Wenn du besingst wie Goethes Welt
Nach Süden strahlte, nicht vergiß
Den Heidelberger, dem erhellt
Vom Orient schien die Finsternis.

Homers Gesäng und auch Hesiods
Warn ihm ein Abglanz frühern Golds,
Des innigeren Anschaun Gotts,
Grad wie ein Trieb zum Ast verholz.

Mit Fleiß, der heute unbekannt,
Fand bienenweis er Material,
Wer sich verirrt in seinem Land,
Weiß sich beschenkt doch allemal.

Der Mythos, den man lange mied,
Fand neu Beachtung auch durch ihn,
Wenn man die großen Mühen sieht,
Wird manches was versäumt verziehn.

Nach München er nur einmal kam,
Doch seine Schriften wurden dort
Studiert so sehr, daß man den Nam
Empfand, als sei er just am Ort.
 

 

36
 


GÖRRES
Als München sog die deutschen Geister,
Kam Görres auch ins Bayernland,
Er hatte sich bei manchem Meister
Schon beide Hände arg verbrannt,
Jedoch die Kirche, die vergeben
Dem Sünder will, ihm Heimat bot,
Als sich im händelreichen Leben
Gezeigt ein erstes Abendrot.

Mit zwanzig schrieb er die Postille
Das rote Blatt, ein Manifest,
Wo Unmut zeigt sich deutscher Stille,
Die mit Gewalt sich ändern läßt,
In Frankreich sein die Philosophen
Nicht länger die Statisten bloß,
Drum lautet der Refrain der Strophen,
Der Deutsche braucht das gleiche Los.

Doch sein Besuch bei den Parisern
Hat diese Stimmung arg getrübt,
Es schien, als warens doch die miesern,
Die frisch ihr Studium ausgeübt,
Die Willkür und der nackte Schrecken
Warn einfach nicht zu übersehn,
So scheints, daß mit den hehren Zwecken
Nicht immer hehre Mittel gehn.
 

 

37
 
So wechselt er zu Stein und Blücher,
Zwar nicht mehr welsch, doch radikal,
Ganz Deutschland braucht dieselben Tücher,
Und aller Geist ist national,
Freimaurer ist nun dieser Streiter,
Und großdeutsch muß die Zukunft sein,
Und er singt seine Losung weiter,
Als kaum ein Jünger stimmt mehr ein.

Ein Schulfreund warnt ihn vor dem Kerker,
Er flieht nach Straßburg, wo allein
Er nun sich trennt von dem Berserker,
Der wollt der klügste Deutsche sein,
Doch als er drauf am Isarufer
Spürt festen Boden unterm Schritt,
Erwacht erneut der Wüstenrufer
Und singt im neuen Liedlein mit.

Sieh ihn und sonst Politkatholen
Stets als enttäuschte Linke an!
Er will das Reich vom Himmel holen,
Der Preuß ist nun ein Teufelsmann.
Mag manches, was er sagt, gefallen,
So schmäht er doch den bösen Feind,
Weil der ihn nicht hofiert vor allen
Und vieles leider anders meint.
 

 

38
 


NYMPHENBURG
Manch Tag und manche Stunde trank
Ich hier die Landschaft inszeniert,
Wo sich der Lärm und Stadtgestank
In Brunnen und Alleen verliert,
Hier liebte ich auf Gras und Bank,
Hier säumt im sonnigen Geviert
Der Rose duftendes Gerank
Pans Volk, das weiße Sockel ziert.

Die Auffahrt stimmt den Pilger ein,
Der träumt und schlendert am Kanal,
Hier gibts kein Drängeln und kein Schrein,
Stehn Nymphen auch in großer Zahl,
Die Würm bringt Mut und Frischluft rein,
Sie bannt mit Gleichmut Sorgenqual
Und sagt mir stets: So soll es sein,
Und sagte es mir tausendmal.

An der Kaskade, die den Park
Grad wie der Steiß den Menschen teilt,
Hab ich mal traurig und mal stark
Doch niemals ohne Trost geweilt,
Kraft, die das Dämmerbrack verbarg,
Treppab mit Sprühn und Tollheit eilt,
Und schwankten die Geschäfte arg,
Ward hier das Aug vom Wahn geheilt.
 

 

39
 
Die Ströme, die das Bayernland
Bemessen, sind Skulpuren hier,
Das Wasser, das mein Anschaun bannt
Grad wie den Äskulap das Tier,
Es bricht sich wild am Marmorrand,
Und sprengt sich das Gehäuse schier,
Doch sorgte kühn des Künstlers Hand,
Der Puls bleib dieser Einheit Zier.

Schau die Pagoden, Tempel, Wald,
Zum Wasser kehr ich doch zurück,
Nicht ruhts und wird doch niemals alt,
Drum ists mein eigentliches Glück,
Es ist im heißen Sommer kalt
Und winters zeigts ein grünes Stück,
Es gibt dem Herzen Mut und Halt,
Daß nichts den Herrn des Lebens bück.

Drum ists der Gärten Seelenstrang,
Es fließt und ruht und fällt und flieht,
Ihm ist vor keiner Zukunft bang,
Es meidet keines Feinds Gebiet,
Drum komm ich her, ich suchte lang,
Obgleich ich weiß, was hier geschieht,
Hier wird die Summe dem Gesang,
Drum bleibe stumm mein leichtes Lied.
 

 

40
 


ALTER SÜDFRIEDHOF
Als Pestfriedhof einst vor der Stadt
Mit achtzig Jahren Einzigkeit,
Berühmtes viel zu bieten hat
Der Acker aus der alten Zeit.

Das Denkmal für die Blutweihnacht
Zu Sendling sollt ein Löwe sein,
Als Brunnenwannung wurds gemacht,
Als Ludwig schmolz Kanonen ein.

Dies gab dem Band von Volk und Kron
Die Kraft, die hundert Jahre lacht,
Noch heut hätt gern manch Bayernsohn
Die Wittelsbacher an der Macht.

Die Gruftarkaden folgen streng
Dem Meister, der Bologna sah,
Hier gehts nicht weithin und nicht eng,
Und mancher Name geht dir nah.

Hier ruht sich Franz von Baader aus,
Auch Gärtner, Görres, Liebig, Schwind,
Schwanthaler fand sein letzten Haus,
Wo Klenze auch und Spitzweg sind.

Die Kunst, der hoch Bavaria wacht,
Und der Poet, der arm und froh,
Ich wünscht, in dieser Weltennacht
Gäb sich das Münchner Kindl so.
 

 

41
 
Wenn Dietl ihr im Schumanns trefft
Wie Angie und den Tennisstar,
Ist gut katholisch nurs Geschäft
Und tot, was einmal München war.

Drum wenn ich durch den Friedhof lauf,
Mir Freude der Gedanke gab,
Hier stünd die alte Garde auf,
Und Schickimicki sänk ins Grab.
 

 

42
 


DEUTSCHES MUSEUM
Dem Händler ist das Buch kein Ding,
Das einzig Geist und guter Ton,
Denn daß ihm der Verkauf geling,
Brauchts Propaganda vorher schon,
Weshalb sich leicht erklären läßt,
Daß Unternehmer dieser Gild,
Auf einen, der von Ost nach West
Grad wechselt, nicht besonders wild.

Nur wer in einer Nische webt,
Daß Noten fehlt die Relevanz,
Nicht solcherweis am Dogma klebt,
Wenn er bedenkt: Wer wills, wer kanns?
So brachte mich die Reaktion
In unbeholfnem Wo und Wie
Zur Knechtschaft unter Brotes Lohn
Beim Gral von Stahl und Industrie.

Die Hallen hätt ich sicher nie
Betreten ohne solche Not,
Doch war es keine Perfidie,
Daß sich mir solche Einsicht bot.
Das Reifen und das Abschiedsleid,
Kein andrer Ort so deutlich zeigt,
Weil sonst der Technik Sterblichkeit
Die Außenwelt uns gern verschweigt.
 

 

43
 
Im Jahre, eh ich damals kam,
Ein Brand zerstörte manchen Raum,
Daß man nicht auf das Thema kam,
Gabs Wochen oder Tage kaum,
Heut steht der Brand im Lexikon
Mit vagem Zeug zu Schuld und Grund,
Als wär bekannt kein Wort davon,
Drum tu ich, was ich hörte, kund.

Es war in jenen Zeiten Brauch,
Die letzte Stunde vor der Nacht
Sei kostenfrei, ein leerer Bauch
Hat damals sich wohl aufgemacht,
Wo Winkel Regel, Klötze dicht,
Ein Bergwerk gar mit finsterm Schacht,
Da braucht man viel Erfahrung nicht,
Daß ein Versteck sei ausgemacht.

Man schloß den Hungerleider ein,
Befriedigt, daß der Abend frei,
Der fand die Segelschiffe fein
Und eine Hängematte frei,
Die ähnelte in sanftem Spiel
Nicht Gehsteig oder Heizungschacht,
Daß ihm die Pfeifenglut entfiel,
Hat er bemerkt nicht, noch bedacht.

In ausdörrten Planken glomm
Der Tabak fort und steckte an.
Heißts nicht, wer schläft, der bleibe fromm?
Oft schärfer rochs dem Wandersmann.
 

 

44
 
Wann es ihn brenzlig überkam,
Und er, der doch am Leben hing,
Reißaus durchs nächste Schlupfloch nahm,
Mir damals nicht zu Ohren ging.

Man hat ihn sicher bald geschnappt,
Denn er entbehrte großen Geists.
Wer arm ist, in die Falle tappt,
Die üblichen Verdächtgen heißts.
Doch hegt das Amt das Protokoll
Des Schluckers, den der Teufel ritt,
Weil kein Besucher wissen soll,
Warum ein Mensch dies Haus betritt.

Dies war grad wie die Bundesbahn,
Die so am Schmuddelimage litt –
Wie furchtbar, als gekräht kein Hahn,
Jetzt denkt Bewegungsmelder mit!
Ehs ganz zur Rumpelkammer werd,
Wird das Museum aufgeräumt,
Nicht die Historie ist der Wert,
Hier funkle, was man heute träumt!

So gings in jenen Jahren fort.
Ein Brand kommt stets zur rechten Zeit.
Da brauchts nicht den Tyrannenmord,
Die Laren habens selbst entweiht.
Stand einstens hier die Eisenbahn,
So kam schon bald das Hologramm,
Und immer rascher wird getan,
Daß hinterm Zweig verfalb der Stamm.
 

 

45
 
So war mein Chef, der noch sozial
Gedacht, bald Altlast, Zopf und Mief,
Dann bläst die Börse zum Fanal,
Hängt ohne Geld der Segen schief.
Kein weitrer machte es so lang
Wie der, dem dies war Jugendtraum,
Man hörte schon den Abgesang,
Wenn auf dem Sekt sich legt der Schaum.

Ich war vier Jahre in dem Haus,
Und als ich ging für Nimmermehr,
Gabs keine Katz und keine Maus
Von einstens, als ich kam daher.
So war das Schloß von Erz und Stahl
Lang ein Relikt der Kaiserzeit,
Doch was geschont so manches Mal,
Dem stand der Henker längst bereit.
 

 

46
 


FELDHERRNHALLE
Sie war für meine Großmama
Das tollste, als sie mich besucht,
Einst in der Schul warn Bilder da,
Doch daß man dies mit Augen sah,
Für Leute galt, die gut betucht.

Wenn etwas mich am Bayernland
Beseligt hat, dann war es dies:
Daß ich sie, was Triumph und Schand
Im Buch und an der Tafel stand,
Noch vor dem Tode sehen ließ.

Hier fielen Schüsse, spritzte Blut.
Jetzt spielt ein Geiger Mozart vor.
Er spielt die Weise hell und gut,
Nicht allzu üppig ist sein Hut,
Doch keiner hat dafür ein Ohr.

Hier leuchtet sonst nur, was Verkehr
Zu regeln wurde aufgestellt,
Doch Omas Augen leuchten mehr
Und stellen die Verbindung her
Zu einer fast erloschnen Welt.

Da ists, wenn ich die Augen schließ,
Der Geiger ist schon fast am End,
Mir so, als ob da einer schieß,
Und sich nicht recht erkennen ließ,
Welch Deutschland welches überrennt.
 

 

47
 


IM ATELIER
Mein U-Boot, sagt der Meister stolz,
Und zeigt Patronen aus der Schlacht,
Wer hier Modell, steht nicht auf Holz,
Doch dafür wie aus Holz gemacht.

Die Wände zeigen Kleinskulpturn,
Dazwischen Wuchtiges in Ton,
Hier gibt es keine Kuckucksuhrn
Und keinen Krug mit dunklem Mohn.

Der Polyphem, der gleich dich frißt,
Steht wie ein Wächter an der Tür,
Und wenn die Hand am Zittern ist,
Kann das Modell doch nichts dafür.

Zwei Luken zeigen die Allee,
Und Schuhe, wer vorüberstieg,
Die Wände, weiß wie frischer Schnee,
Bevölkert sind von Mord und Krieg.

Es rekelt sich zwar manche Brust,
Doch die gehört wohl Helena,
Die Lust vor einer andern Lust,
Und Eros als des Krieges A.

Vielleicht ist dies ein Krampf im Hirn?
Ich bin doch gar kein Pazifist!
Der Meister gräbt in meine Stirn
Den Gram, der mir gewachsen ist.
 

 

48
 


JOGHURT
Als das Bismarck-Reich sich feist
Lehnte nach der Aufbauzeit,
Wähnte man sich weitgereist,
Wenn man sog im Zeitungsgeist
Aus der Ferne Freud und Leid.

Der Bazillus der Bulgarn
Gut als Lebenslängrer sei,
Jene hochbetagten Scharn,
Sprach ein Untertan des Zarn,
Folge sein der Molkerei.

Joghurt hieß das Zauberwort,
Saure Milch nicht Hexenwerk,
Wenn sie ganz gezielt verdorrt
Und begegnet English sport,
Kommt der Zartste übern Berg.

Also schlürft der Deutsche Brei,
Erst mit Fett und schließlich schal,
Und der Mythos, einmal frei,
Daß er unentbehrlich sei,
Zeigt ein jedes Kühlregal.

Fruchtig, nussig, mit Vanill
Zahnlos schlabbern ungepönt.
Füg dich dem Gesundheitsdrill,
Denn was wohl der Teufel will,
Weiß allein, wer drüber höhnt.
 

 

49
 


BAUERNFÄULE
Ist der Baur ein fauler Hund,
Dann verkauft er Vieh und Grund.
Ist bebaut das flache Land,
Nährt das Volk der Spekulant.

Ist der Baur ein fauler Sack,
Kauft die Magd sich Nagellack.
Gabs einst Kuh- und Schweinedreck,
Ist das Übelriechen weg.

Ist der Baur ein faules Stück,
Heißt sein Vorbild Hans im Glück.
Gibts beim Bauern nichts zu kaun,
Mußt Obama du vertraun.
 

 

50
 


KIRSCHBLÜTE IM HOF
In der Isarvorstadt bleibt
Hoher Mittag fürs Gemüt
Jedem, der Gedichte schreibt,
Wenn im Hof der Kirschbaum blüht.

Zarte Frist, die rasch verraucht,
Der Japaner liebt das Fest,
Das ins holde Duften taucht
Und den Reiswein fließen läßt.

Auch bei Tschechow glüht der Schmerz
Aus dem Garten von Rosé,
Weht der Frühlingswind ins Herz,
Spricht der Rosenblust Ade.

Pralle Frucht, die frisch und süß
Uns befleckt mit Loderrot,
Reift, daß der Verlaßne grüß,
Was April als Wunder bot.

Doch des Wunders höchsten Rang
Birgt sein Wiederkehrn, wie nur
Sonnenauf- und Untergang
Gehn durch Ocker und Azur.
 

 

51
 


DIE KÖNIGIN DER NACHT
Um das Holz der Gitterstäbe
Schlängelt sich der Epiphyt,
Daß er sich die Blüte gäbe,
Wird der Ofen wohl bemüht.

Aus den Gluten der Kariben
Kam der Pflegling ins Labor,
Sieben Jahre stumm geblieben,
Treibt er schlanke Sprosse vor.

Aus den Kanten-Areolen
Wächst nur Haar, das bald ergraut,
Daß der Strauch nicht leicht bestohlen,
Stechen Nadeln aus der Haut.

Dann zur Nacht kommt jäh die Stunde,
Wo die Blüte sich entpuppt,
Bis die Offenbarungswunde
Rasch verfahlt und hart verschuppt.

Groß und duftend nach Vanille,
Gelb-orange und innen weiß,
Sternstund und Gestaltungswille
Geben ihr Geheimnis preis.

Splitter-Kranz und güldne Krone,
Daß vor Glück ich trunken bin:
Dies Geblüh stellt zweifelsohne
Jeder Nacht die Königin.
 

 

52
 


BÖLLERKRACHEN
Das Jahr ist fast schon übern Berg.
Nun mach recht rasch dein Schatzerl wach!
Es geht hinaus zum Feuerwerk!
Nicht solch verschlafne Miene mach!

Dreiviertel zwölf, der Lippenstift
Will auch noch nachgezogen sein.
Für Augen, die ganz zugekifft,
Gibt leider keinen Strahleschein!

Die Wiesn füllt sich, und es faucht
Schon hie und da ein bunter Blitz,
Die Kälte sieht man, wenn man haucht,
Silvester ist kein Tag der Hitz.

Ob Stalinorgel, Knatterfrosch,
Das Anschaun gibt es ganz umsunst,
Manch einer nennts ein Bild vom Bosch,
Die meisten zahln für diese Kunst.

Versprochen wurd ein Krisenjahr,
Dies läßt die Leute lauter knalln,
Weils gar nicht so befreiend war,
In Taschen nur die Faust zu balln.

Die Polizei ist stets präsent,
Natürlich nur zu unserm Schutz,
Genieß das tolle Happyend,
Der neue Tag beginnt mit Schmutz.
 

 

53
 


BRUMMSCHÄDEL
Dem Tor ist tag und nacht gewiß,
Daß Weisheit ruh auf dem Genick,
Doch zeigt Athene Dorn und Biß,
Gibts Fragen, ob man richtig tick.

Wie Sokrates, der gar nichts wußt,
Cusanus, der den Laien fragt,
So ist dem Klugen stets bewußt,
Das er zumeist nur Unsinn sagt.

Je mehr uns Schau und Fleiß erkennt,
Je höher sich der Geist versteigt,
Wird morscher drum das Fundament,
Dem Wahnsinn Reim und Kehrreim geigt.

Drum will auch ich ins Schweigen gehn,
Daß mir der Wind die Haare streif,
Und will in Scham und Demut stehn
Vor allem, dran ich mich vergreif.
 

 

54
 


HOCHZEITSSPRUCH
I

Gibt es auch nicht Häckselstreuen,
Brautentführung, Polterkrach,
Will ich doch nicht länger scheuen,
Daß ich ein paar Verse mach:
Wo sich zwei die Ringe reichen
Um den kleinen Unterschied,
Mög die Sonne niemals weichen
In ein feindliches Gebiet.
 

 

55
 


II

Venus-Günstling, Amors Vetter
Sang die Drossel mit dem Star.
Welch ein Wesen wohl noch netter
Als am Eich das Eichhorn war?
Trommelfell und Bühnenbretter
Strapaziert die Rockerschar,
Und dem Trende ist der Setter
Androgyn mit langem Haar.

Welch Natur den First erkletter,
Sind Propheten Wissens bar,
Schaun wir einer Nymphe Better
Oder frommts dem Albenmahr?
Doch bevor der Herbst die Blätter
Fegt, wird Rock der Rocktalar,
Und wir sehn, der Isarstädter
Bringt sich neuem Frühling dar.

Kein Korsett verbirgt als Plätter
Was die Brust macht jedem klar.
Wo ein Weib, kommt auch der Retter,
Daß es blüh im Prinzenpaar.
Eine fesche Dirne hätt er,
Raunt dem Bären zu der Aar,
Hofft, daß sie aus Sturm und Wetter
Fänd den Hafen am Altar.
 

 

56
 


SCHÖPFUNG
Würfelst du zu tausend Malen,
Ob in Bechern, ob in Schalen,
Es sind alles nichts als Zahlen.

Zufalls Glaub wird nie dir munden,
Denn sein Spiel hat stets entbunden,
Was es trug an Mitgift-Pfunden.

Laß dir nicht von Tölpeln schwatzen,
Daß ein Adler würd aus Spatzen,
Nur vom langen Pfützeis-Kratzen.

Droht man dir mit vielen Nullen,
Um den Zweifler einzulullen,
Wird der Ochs doch nicht zum Bullen.

Gar zu wohlfeil ist die Leere
Willig dem, der sie vermehre,
Darum gib dem Strick die Schere.

Meinens Lahme auch und Lasche,
Stieg doch nie aus Staub und Asche
Geist, daß er sich selbst erhasche.

In der Welt, die nie geschaffen,
Gibts zwar Kirche nicht und Pfaffen,
Doch auch Darwin nicht und Affen.
 

 

57
 
Schöpfung, hell-geheimnisvoll,
Vielfalt, die aus Einheit quoll,
Meisterin, die foppt und neckt,
Offenbar und gut versteckt,
Was nicht fremden Zielen front,
Einzig dem, was innewohnt,
Uns zu groß und uns zu klein,
Denn sie schlingt uns allseits ein,
Wer vor dir nach Freiheit griff,
Glich Gesäm auf totem Riff.

Stein, bedächtig und beprägt,
Wagstück, das Gebirge trägt,
Lava, Schiefer, Riff, Kristall,
Grotte, Meteorenfall,
Flammenschläger und Fossil,
Grundsubstanz und reines Spiel,
Kraft, die aus der Ruhe stahlt,
Und mit kargen Tönen malt,
Ohr zum Innenhof, Geraun
Königsweg, das Heil zu schaun.

Blume, Stern der Weidenflur,
Himmelslicht und Götterspur,
Aug, das leuchtet und nichts hält,
Morgenschöne aller Welt,
Was da qualt, ist dir Insekt,
Wo der goldne Nektar steckt,
Ist das Weltgeheimnis nah,
Aleph, Beth und Omega,
Das im Blühn der Freud, des Leids
Immer Gabe, niemals Geiz.
 

 

58
 
Quell, Gesicht für Licht und Ding,
Schüttrer Schrat und heller Spring,
Formergeist und Urteilsmut,
Der entwirft und rasch vertut,
Gingst du mit Gefolge fort,
Wär zuletzt die Zeit verdorrt,
Leicht und schwer bist du zugleich,
Drum ist unbegrenzt dein Reich,
Wem an dir die Lippen feucht,
Weiß sich eins mit dem, was kreucht.

Raupe, Gier, der alles wohl,
Mähderin für Kraut und Kohl,
Wer Verheerung fühlt mit Graun,
Wird darob ein Wunder schaun,
Denn die Puppe schließt den Ring
Mit dem holden Schmetterling,
Daß die Seele, zart und irr,
Durch den Gottesgarten schwirr,
Und wer dieses Taumeln schaut,
Läßt gar willig Haar und Haut.

Pilz, zum Sporenstand gebläht –
Wer nicht Gruft und Grab verschmäht,
Wuchert unerkannt und rasch,
Ergot oder Hallimasch.
Leuchtend überm Modergrund,
Sind dir Fluch und Segen kund
Einer Macht, der unsern quer,
Ob ihr Pate Camembert,
Oder Glück der Sammler sah,
Wie den Tod Hiroshima.
 

 

59
 


PHILIPPS TOD
Es war ein lauer Nachmittag,
Des Königs Nichte gut vermählt
Mit Otto vom Meranien war,
Das Paar zog mit Gefolge fort.
Sodann in sehr gemeßnem Trab
Zog durch die Streiter ungezählt
Zur Ruh Philipp, daß morgenklar
Gott weise ihm den nächsten Ort.

Konrad, zu Speyer Bischof, und
Von Waldburg Heinrich, der Truchseß,
Warn im Gemach des Königs treu,
Nachdem man ihn zu Ader ließ,
Zur Sorge gab es keinen Grund,
Und es steht an des Herrn Noblesse,
Daß er mit Huld-Audienz erfreu
Den Gast, der an die Türe stieß.

Der Pfalzgraf Otto Wittelsbach,
Mit sechzehn Rittern im Gefolg,
Tritt vor den König, der ihn stets
Als heiter schätzte und gewitzt,
Doch führt im Schilde Ungemach
Der Stolze, den die Zorneswolk
Umgraut, mit hartem Worte gehts
Zur Ruhstatt, da es stählern blitzt.
 

 

60
 
»Erst ward dein Mündel mir entlobt,
Nun jed Ersatz für andre feil!
Ich bin entehrt, dies wird kein Spiel!«
Das Schwert des König Kehle leckt,
Und der Berserker mäht und tobt,
Der Truchseß läßt das Unterteil
Des Kinns und gibt dem Treueid Stil,
Wo sich der Bischof rasch versteckt.

Und König taumelt vor und fällt,
Die Lauheit wich der großen Eil,
Und keiner wehrt dem Mörder Flucht,
Der schneller handelt als das Wort,
Bald mit Entsetzen weiß die Welt,
Daß nun des Reiches Recht und Heil
Verfallen ist der Drachenschlucht
Und dem Gespenst von Raub und Mord.

Der Kaufmann, der durch Schwaben reist,
Wird überfalln und ausgeraubt,
Auch andernorts die Pilger spürn,
Daß nun der Hölle Pforten weit,
Der Wahn des Täters führt den Geist
Zum Abgrund wie des Königs Haupt,
Und die im Reich die Brände schürn,
Erweisen sich als Kind der Zeit.

Doch zeigt sich auch, daß diese Tat,
In dem Geweb von Kirch und Welt
Was da loyal und opportun
Sehr rasch mit neuen Bannern schmückt,
 

 

61
 
Für Braunschweig ists darum nicht schad,
Weil Otto nun, dem Welfenheld,
Dem froher galt des Papstes Tun
In Rom die Kaiserwürde glückt.

Den Namensvetter, vogelfrei,
Erwischt von Kalden Reichsmarschall
Bei Kelheim, daß die Donau schluckt
Den Kopf, der Leib kommt in ein Faß,
Bis, daß er doch bestattet sei,
Die Mönche raubens aus dem Stall
Zur Nacht und vor der Wacht geduckt,
Denn solchem Stande frommt kein Haß.

Der Täter kennt die Folgen nicht,
Auch Andechs, dessen Gastrecht litt
Und das man als Komplizen zieh,
Verlor die Burgen und die Macht,
So zeigt die Nachmittags-Geschicht
Das Ufer, da ich heute schritt:
Der Burg von Grünwald glückte nie
Die Neugeburt aus dieser Nacht.
 

 

62
 


DAS BIRGWEIBL VON SCHÄFTLARN
Schau die steile Bergeszunge
In der Isar Laufbezirk,
Das Gebiet auf diesem Sprunge
Wird vom Volk geheißen: Birg.
In dem Tanne eigenmächtig
Soll ein Weib gespenstisch gehn,
Manchem knackt es dort verdächtig,
Mancher schwört, er habs gesehn.

Knorrig wie ein Eichenstumpen
Schildert man das Hutzelweib,
Scherenschnitthaft stehn die Lumpen
Schwärzlich starr im Blattgetreib,
Eine Sage weiß zu deuten
Wie das Weib den Sporn gewann,
Und erzählt wird von den Leuten,
Was verwuchs im dichten Tann.

Auf dem vorgestreckten Berge,
Wo der Zugang leicht geschützt,
Kriegt dich kaum ein arger Scherge –
Doch wenn der ihn selbst benützt?
Also wird vor Zeit berichtet,
Daß ein Ritter räuberisch,
Hat von diesem Ort gesichtet
Seiner Opfer reichen Tisch.
 

 

63
 
Nimmer ward ihm beizukommen,
Denn das Nest macht den Garaus
Jedem, der dem Recht zu frommen,
Zöge hier zum Streite aus,
Also sann man zu verderben
Jenes Ritters hohen Ort,
Denn der Herrlichste muß sterben,
Wenn der Brunnen ihm verdorrt.

Darum suchte man den Raben,
Dem vertraut die Schwarzmagie,
Dem das Wasser abzugraben,
Der bekannt für Despotie,
Eine Frau ward dann zur Stelle,
Die bereit, das Werk zu tun,
Und der Ritter ließ die Zelle,
Und die Frau bewohnt sie nun.

Wer da zu des Teufels Schaden
Wendet sich an Beelzebub,
Macht das Krumme nicht zum Graden,
Wo er selbst sich Gruben grub,
Ist der Ritter auch geschwunden,
Geistert doch das Weib am Hang,
Das den Falken und den Hunden
Gönnt allein den Spott zum Fang.
 

 

64
 


VON GANTHAR UND NANTWIN
Von Ganthar will ich euch erzähln,
Der war bestallt zu Fug und Recht,
Wer einst im Isartal zu stehln
Versucht, dem gings gar hart und schlecht,
Hier ist das Reisig stets geschicht,
Und Pein und Ketten ohne Rost,
Daß keiner die Gesetze bricht
Noch heimlich sammel Hexen-Dost.

Doch ist sein Tag nicht ohne Sorg,
Das Land ist hier das fettste nicht,
Und sinnt der Bauer, daß er borg,
Ists auch nicht reichlich beim Gericht,
In Rom jedoch sind Gold und Glanz,
Da gehts in Purpur zum Palast,
Weshalb so mancher deutsche Hans
Die eitlen Römer flucht und haßt.

Die Pilger sind beladen schwer,
Doch nicht von Mitleid, Buß und Reu,
Vom Golde zu des Heilands Ehr,
Und sitzt das Häuflein Elend scheu
Im Wirtshaus mit des Beutels Last,
Den füllte Furcht vor Höllengier,
So mancher denkt und sagt es fast,
Der Inhalt bleibe besser hier.
 

 

65
 
Am Golde hängt, das weiß man doch,
Das Los, das Amt, das Recht, das Glück,
Ein bißchen Freud im Jammerloch,
Von Himmelslust ein kleines Stück,
Der Richter weiß, was recht und gut,
Ein Kleid wär der Gemahlin not,
Und wenn er ihr die Freude tut,
Kriegt auch der arme Schneider Brot.

Der Nantwin kommt, die Hähne krähns,
Der sammelt ein landauf, landab,
Der Schneider sagt, zum Werk des Nähns
Wär doch der Stoff ein bissel knapp,
Der Richter fürchtet Gott und Schwert,
Doch dieser Pilger ist ein Schuft,
Er hat, was dieses Land begehrt,
Und schaffs dahin, wos bloß verpufft.

Nantwin im Wirtshaus grüßt mit Gott,
Da stehn schon Spieße scharf gezückt,
Es ist nicht weit bis zum Schafott,
Ist man mit zuviel Gold bestückt,
Der Pilger weint, beteuert sehr,
Daß er nur gut um aller Seel,
Und wähnt, daß dies noch einen scher,
Wo Klag und Urteil sind Befehl.

Der Richter denkt, ohn Falsch ward nie
Gerechtigkeit auf Erden wahr,
Als ob man geig die Melodie,
Sind Schuld und Frevel sonnenklar,
 

 

66
 
Die Zeugen sind von Zweifeln frei,
Darum im nächsten Morgenrot
Gerechtigkeit geschaffen sei
Und jenem Schelm der Feuertod.

Obgleichs doch jeden freuen muß,
Daß Gold in die Gemeinde dringt,
Gibts Unfall, Klag und viel Verdruß,
Man sagt, daß es nach Schwefel stinkt,
Schon an dem Tag, da Ganthar richt,
Gehn Murrn und Zwietracht durch die Reihn,
Als wich das Blut vom Golde nicht,
Stürzt ein Gerüst am Amtshaus ein.

Auch trinkt ein Lahmer aus der Flasch,
Die jener Pilger bei sich barg,
Und da er auf der Hauptstraß rasch
Entlanggeht, wird die Stimmung arg,
Daß Volk weiß, in der Flamme schmort,
Die Unschuld auf der Gier nach Gold,
Allein der Ganthar meint verbohrt,
Hier werde bloß dem Recht gezollt.

Er stellt die Wache um sein Haus,
Von Wundern tuschelts leis und laut,
Das sitz ich unbefochten aus,
Meint, wer Vergeßlichkeiten traut,
Dann hat der Schlosser Eisenschelln,
Die Nantwin quälten, angefaßt,
Da schied sein Geist von allem Helln
Und Irrsinn ward der Kinder Last.
 

 

67
 
Es ist, als spräch ein jedes Ding
Nach Gottes Willn von Mord und Schand,
Daß einer ins Martyrium ging
Und sich begab in Christi Hand,
Das wird geglaubt in jeder Stub,
Der Ganthar flieht zuletzt allein,
Und jeder nennt ihn bösen Bub
Und hört ihn in der Hölle schrein.

So hat der Ganthar wohl gemeint,
Das Volk wär bei dem Raub dabei,
Doch wie die Fraun am Kreuz geweint,
Daß reines Blut gerichtet sei,
So mag das Volk zwar Trunk und Tolln
Und Glitzern, drin sichs dann verläuft,
Doch seine Seele kann nicht wolln
Die Herrschaft, die mit Teufeln säuft.
 

 

68
 


JUDAS VON EINÖD
Vor Einöd nahe Geretsried
Lag einst ein hartgesottnes Nest,
Heut weiß allein das Sagenlied
Von einer Burg, gewaltig fest.

Der Ritter drin hieß Judas, grad
Wie der Verräter unsres Herrn,
Er war sich keiner Schand zu schad,
Und Unzucht hieß sein Lieblingsstern.

Ob Bauernmaid, ob Bürgerbraut,
Er raubte gern, was ihm gefiel,
Und was er in den Kerker haut,
War endlich willens seinem Ziel.

Wie Schwierigkeit Begehren heizt,
Stach prickelnd ihm ins Aug ein Kind,
Wer schicklich mit den Blicken geizt
Und lieber Flachs im Turme spinnt,

Die sieht des Lüstlings Phantasie
Gebändigt sich verleugnen ganz,
Den Teufel reizt die Strategie,
Wo jeder meinte, keiner kanns.

In Wolfratshausen Wirtin Zapf,
Ders Sorg kaum, daß der Himmel komm,
Hat einst beheimt mit Herd und Napf
Die Base, lieblich, still und fromm.
 

 

69
 
Der Pfleger dieser reichen Stadt
Die Wirtin mag, ein starker Mann,
Weshalb Vernunft geraten hat,
An deren Base kommst nicht ran.

Bei Zecherei im Rittersaal
Wächst Übermut, der Ritter spricht:
Wer diese herbringt, jenem zahl
Ich Gold, daß ers kann tragen nicht.

Die Derben lockt der Glitzerlohn,
Doch ihnen schwant, der Galgen droht,
Bis einer spricht in wüstem Hohn:
Ich mach dem Herrn ein Angebot.

Gebt vorher mir die Münzen her,
Daß ich die Wirtin dreist bestech,
Dann fällt der Jungfrau alle Wehr,
Und schon der nächste Tag bringt Pech.

Dies überzeugt selbst Beelzebub:
Eh ihr die Taler bloß versauft,
Sei dieser Hex ein guter Hub,
Daß sie verwandtes Blut verkauft.

Gesagt, getan. Die Wirtin heischt
Allein, daß kein Verdacht sie kennt.
Der Ritter tönt: In Bälde kreischt
Die Holde, daß das Bett verbrennt!

Dem Flößer Wellinger aus Tölz
Verlobt ist, die der Raub erkor,
 

 

70
 
So wie der Eber durchs Gehölz
Heranprescht, gehn die Spieße vor.

Die Wirtin spricht mit Falsch der Bas,
Der Freund sei krank und fast im Grab,
So bricht sie auf durch Wald und Gras,
Daß gutes Kraut den Siechen lab.

Dies führt direkt zum Hinterhalt,
Das feine Fangnetz zieht sich zu,
Betreten schweigt der Eichenwald,
Der Quell, wo liegenbleibt ein Schuh.

Im Kerker, moderkalt und klamm,
Gewürm und Schleim der Schnecken feil,
Das Mädel schluchzt, daß Not verdamm
Den Flößer, daß ihn keiner heil.

Doch wie Gott grad, wo jeder meint,
Er sei ganz fern und ohne Ohr,
Das Schicksal ganz verzweifelt scheint,
Ringt ein Gewissen hinterm Tor.

Der harte Mann, dem man beschied,
Zu wachen, wo verdirbt das Licht,
Sein Sündenweg vorüberzieht,
Das Weinen ihm das Herz zerbricht.

Daß einer weigre dem Befehl
Und lasse Schutz und Unterhalt,
Wems die Gewohnheit, daß er stehl,
Wer manchen abstach, flink und kalt,
 

 

71
 
Wer Raub und Niedertracht gewohnt,
Und dem die Jahre sprachen stets,
Daß nur beherzter Zugriff lohnt,
Dem alles sagt, so einzig gehts,

Daß solchen eine Träne rühr,
Ein Mädchen, das so bitter bangt,
Daß ihn zurück der Heiland führ –
Ob dazu je ein Glauben langt?

Und doch geschiehts. Der harte Knecht
Reißt auf der Pforte schweres Holz,
Ihm ist das ärgste Wagnis recht,
Wo selber ihm das Aug zerschmolz.

Er fühlt sie durch Geheim-Gehöhl,
Bis sie am Flusse angelangt,
Der Jungfrau ists wie Himmelsöl,
Der Flößer leidet nicht erkrankt.

Der handelt, weil Verfolgung droht,
Und flößt zum Kloster Beuerberg,
Im Nebel raten Schand und Tod,
Ob jemand ihre Flucht bemerk.

Der Mann, der seinen Dienstherrn ließ,
Befiehlt Laurentius, daß er lenk,
Was ihm sein Tun als Waffen wies,
Dem Heiligen er alles schenk.

Die Klostermauern sind erreicht,
Und böse Frucht weicht mildem Wort,
 

 

72
 
Der dichte Morgennebel weicht,
Und Stärke bringt der heitre Ort.

Die Mönche raten, und der Abt
Zu Ritter Konrad Boten schickt:
Der Judas rings die Schafe schnappt
Im Morgentau die Blüten knickt.

Daß einer wagte aufzustehn,
Wo Allmacht schien die Rittermacht,
Laßt viele tun und weitergehn,
Auf daß es tag in finstrer Nacht.

Von Baierbrunn kommt Hilfe auf,
Den Bauern ists Fanal zum Sturm,
Die Wasserleitung kappt der Hauf,
Bald ist die Burg ein träger Wurm.

Die Räuber wurden aufgehängt
In München, wo man Urteil sprach,
Der Felshang hat sich abgesenkt,
Worauf die Burg schon bald zerbrach.

In Königsdorf Laurentius ließ
Den Bogen und den goldnen Pfeil
Der Reuige, der euch bewies,
Daß nie unmöglich ist das Heil.
 

 

73
 


WINZERER
Am Markt zu Tölz sein Standbild schaust,
Auch hast in München-Schwabing lang
Vorm Stadtarchiv am Weg gehaust,
Der huldigend den Namen sang,
In Tölz der Pfleger, Feldherr dann
Und Diplomat in wilder Zeit,
Das Bismarckreich verehrt den Mann,
Nun sei dein Vers hinzugereiht.

Der welsche König focht das Reich
Nicht nur am Rhein und in Burgund,
Daß er sich Land und Leut erschleich
Sein Heer bei den Lombarden stund,
Wer Mailand schluckt, will Genua,
Doch schnappt den Räuber in Pawei
Der Karl, der grade Worms besah,
Und Winzerer ist wild dabei.

Daß man den welschen König fängt,
War für den Kaiser ein Triumph,
Der ungern an den Reichstag denkt,
Wo nebellands die Lanze stumpf,
Nördlich der Alpen lutherts schwer,
Doch wo die Sonne im Zenit,
Stellt sich ein neues Weltreich her
Und auch der Frieden von Madrid.
 

 

74
 
Zwar ist Franzosenwort nichts wert
Und das Papier ward nichtig so,
Doch daß der Oiser fiel vom Pferd,
Macht deutsches Herz noch heute froh,
Der Winzerer ist Papstes Feind,
Doch taugt ihm Kirchenspaltung nicht
Als Mittel, daß das Reich geeint
Gewappnet sei für Heil und Pflicht.

Im Allgäu Bauern, in Tirol,
Dies ist nun fast schon Bürgerkrieg,
Wer herrlich stritt um Reiches Wohl,
Der wird nicht froh an solchem Sieg,
Da ist ein Ruf nach Ungarn recht,
Wo sich der Türk am Christenland,
Am Dynastie-zerriebnen rächt,
Daß Kirch und Acker stehn verbrannt.

Doch wer dem Bayernlande fern,
Der hemmt dort nicht Intrig und Schmäh,
Manch Übelwort gilt dort dem Herrn,
Der trutzt in Ofen hart und zäh,
Allianzen wechseln, und der Front
Verhaftung droht im Hinterland,
Erst als sein Tag schon rötlich sonnt,
Wird ihm die Heimkehr zuerkannt.

Nun fehlts an Monden da und hie,
Er merkt, was ihm der Krieg geraubt,
Für Wissenschaft und Poesie
Ward stets nur wenig abgeklaubt,
 

 

75
 
Doch wem der Hintergrund solid,
Wird auch mit karger Freiheit froh,
Wer selber ehr das Reden mied,
Erlabt sich doch am Cicero.

Dies Leben scheint ein wildes Spiel,
Ein Auf und Ab nach Etwohin,
Doch liegt nicht in der Zeit das Ziel
Noch in der Politik der Sinn
Des Schwerts, das für den Heiland ficht
Im Irrtum, doch ich preis die Treu
Des Winzerers beim Weltgericht,
Da sich der Weizen trennt von Spreu.
 

 

76
 


DER SPUK VON LENGGRIES
Derweil Karl Abrecht, Kurfürst, setzt
Zu Frankfurt auf die deutsche Kron,
Marie Theres den Degen wetzt
Am Inn und an der Isar schon.

Sie brennen, plündern, stehlen was
Sie finden, und es schert sie nicht,
Daß Christus trifft ihr blanker Haß
Und Gottes Waag beim Weltgericht.

Der deutsche König ohne Land!
Man nennt Gerümpel Kür und Staat,
Eh Max in Füssen anerkannt,
Daß Habsburg sei das Supremat.

Makaber scheint der Krönornat,
Da Schinderei und Mord und Brand
Entfesseln ihre Drachensaat
In München und im Oberland.

Etliche hundert Gulden blecht
Der Tölzer, daß der Markt nicht brennt,
Doch wer sich nicht an Mauern rächt,
Bei Gütern keine Hemmung kennt.

So hat die Straß am Dietherloch
Vom Mühlenberg der Gering Hans
Zu strafen Raub und Räuberjoch
Umstellt mit einem Bauernkranz.
 

 

77
 
Der Bacherbauer nutzt die Flint
Und trifft des Trencken Adjudant,
Daß deutsche Bauern wehrhaft sind,
Werd den Panduren so bekannt.

Paar Wochen später kommn daher
Die Mäntel rot auf Gaißach-Rain,
Sie fordern: Gebt den Bacher her,
Sonst soll nicht lang gefackelt sein.

Doch vom Versteck gibt keiner preis,
Daß es die Rechelkopfenfurch,
So wird an Laub und Stadeln heiß
Gezündelt manche Stunde durch.

Beim Gergen steht ein Marterl hell
Geschnitzt, das kriegt den Pechkranz um,
Die Brennerbubn vernichtens schnell,
Doch all das Wachs, das drum herum,

Verhindert, daß der Brand erfaßt,
Die Muttergottes, die da weint,
Daß sie zu schänden ward verpaßt,
Den Bauern großes Wunder scheint.

So ward das abgebrennte Kreuz
Zur Wallfahrt später, doch der Mob,
Dems Feuer Spaß unds Schrein der Leuts,
Macht auf Lenggries sich im Galopp.

Dort gschieht ein größres Wunder noch,
Am Freithof tun sich Gräber auf,
 

 

Es steigt ein Heer aus Sarg und Loch
Lebendig und tut keinen Schnauf.

Da tragen rasch Pandurengäul
Die Herren übern Trattenbach,
Daß keiner, starr im nackten Greul,
Versuche, dies zu hindern, mach.

Denn wenn Bauer fest sich wehrt,
Stehn ihm sogar die Toten bei,
Für jeden, der das Land nicht ehrt,
Dies eine ernste Warnung sei.
 

 



GEIGERSTEIN
Vom Geigerstein, da sing ich dir
Ein traurig Lied, der Name steht
Dem, der die Geige als Panier
Geführet bis ins Nachtgebet.

Es war der armen Witwe Sohn,
Der einzig Geige spielen wollt,
Dies war wie heut ein Jammer schon,
Den Segen hat sie doch gezollt.

Er ging nach Mailand und Florenz,
Um zu studiern das Geigenspiel,
Dann kundig aller Achs und Wenns,
War ihm der Mutter Achtung viel.

Am Steilhang geigt er himmelwärts,
Daß rein im Isarwinkel tön
Das Lied, das rühr das Mutterherz
Und es mit seiner Kunst versöhn.

Da kam auch schon die harte Bö,
Ihm warn die Hände nicht zum Griff,
Und mit Geröll aus höchster Höh
Er letztmals seine Geige striff.

Die Bauern fanden ihn im Tal,
Das Glück war seiner Heimkunft nicht,
Es schwieg die Kunst, die tausendmal
Ein Herz und auch den Leib zerbricht.
 
SPRICHWORT       

 



FALL
Der Wasserfall der Faller Klamm
Das Dorf benamt und seine Au,
Dann fiel es selbst am hohen Damm
Im Sylvensteiner Speicherstau.

Der Ort, bekannt für Hifthornhall,
Nicht nur von Luitpold Prinzregent,
Auch Hindenburg, den Feldmarschall,
Die Chronik hier des öftren nennt.

Ganghofern wurde zum Roman
Des schmucken Fleckens Weidnersheil,
Nun schweigt der See darüber plan,
Und abgebaut ward jedes Teil.

Die Kirche den Gehöften gleicht,
Und auch vom Turm blieb kaum ein Stein,
Doch mancher schwört, die Spitze reicht
In trocknen Jahrn ins Licht hinein.
 

 

81
 


VOGELSANG
Die Frühlingszeit verpaßt du nie,
Da hell gestimmt das Waldgeschweig,
Rotkehlchens Schwermut zeigt Manie,
Der Zilpzalp wirbt vom Weidenzweig.

Rohrdommel flötet, Seidenschwanz
Uns klingelt nach Familienart,
Schon wird es Zeit zum Lindentanz,
Zaunkönig schmettert seinen Part.

Ahm nicht nur nach mit Blockgeflöt,
Mit Gaumenpfeiferl, Zwitscherrohr,
Was immer sich zum Tönen böt,
Es stell der Stimme Grund und Chor.

Wie kommts zu diesem ernsten Scherz?
Ein Vogel du, im Trillern laut,
Der Rhythmus pumpt das Blut im Herz,
Aus Melodien ists aufgebaut.

Es ist der reinste Übermut,
Wenn jemand singen will und muß,
Er zeigt, daß alles Leben ruht
Auf Gottes großem Überschuß.

Doch weh! was ohne Arg und Gram,
Es wird befehdet, hart und streng,
Wer in das Tal der Menschen kam,
Spürt bald, daß ihm die Kehle eng.
 

 

82
 


SCHARFREUTER
Was Freimut trägt, Gesang, Gebet,
Ist immer auch Gewicht, Gesetz.
Nicht ausbleibts, daß das Reimgered
Des Feindes dunklen Plan verletz.

Drum mischt sich in dein Geigenspiel
Ein Grollen aus dem dunkeln West,
Ein Horn klagt leis, wo Siegfried fiel,
Im Windstoß bleibt nicht alles fest.

Doch halt nicht ein, selbst wenn dir dicht
Der Regenfall das Haar verklebt,
Es ist noch langhin zum Gericht,
Drum lob und preise stets was lebt.
 

 

83
 


NATURSPRACHE
Der Forscher meint, sein Schaukorsett
Beschäme jedes Filigran,
Doch geht sein Geist auch spät zu Bett,
Ist doch das Werk nie gut getan.

Zu hobeln hier, zu feilen dort,
Was sich nicht fügt, wird eingepaßt,
Dann treibt im Traum ein leises Wort
Den kalten Schweiß zur nächsten Hast.

Am Ende lautet die Bilanz:
Hätt ich wie Faust den Hexentrank,
Die Wege sucht ich anders ganz,
Denn solche Müh fand selten Dank.

Ganz anders geht der Lauscher vor,
Er ist kein Fänger, wohlbewehrt,
Er setzt auf Elle nicht und Rohr,
Er wartet, bis man ihn begehrt.

Daß anfangs alles klar und rein,
Ist ihm gewiß, der Hochmut schafft
Die Fremdheit und das Einsamsein
Und schließlich, daß der Mut erschlafft.

Entfällt den Wesen blütenzart
Die Zeit wie eine Schlangenhaut,
Wird eine Heimat offenbart,
Die eigenhold aus allem schaut.
 

 

84
 
Der Sperber aus den Himmelsfrühn,
Der Pollenflug am Anger weiß,
Das lenzne Treiben lindengrün,
Und der Boviste Hexenkreis,

Sie werden ihm, der schweigend preist,
Was ohnehin kein Jäger trifft,
Zu Weisern, wie er selber heißt,
Und wer erhebt das Horn der Hift.

So wird die Sprache, die sein Kleid,
Des Ursprungs inne, reicher noch,
Und ihm erwacht die Heiterkeit,
Wo andre sehn ein schwarzes Loch.
 

 

85
 


SCHACHSPIEL
Weiß am Zug, und alles offen,
Symmetrie und goldne Ruh,
Hast du deine Wahl getroffen,
Spitzt sich bald die Lage zu.

Stündst du auf dem Feld alleine,
Wär zum Handeln keine Not,
Aber so sind deine Steine
Und dein Überstehn bedroht.

Suche nicht dich einzumauern,
Wenn du fehlst, so hakt er ein,
Der im Offnen weiß zu lauern,
Wagt auch jäh und dreist zu sein.

Läufer mäht die Todeslinie,
Springer brechen Wehr und Wall,
Knickt der Turm wie eine Pinie,
Bricht ins Mark des Feinds Gekrall.

Fällt die Garde im Gemetzel,
Zeigt sich nackt, was wohlbeschuppt,
Hier hilft nicht der Spruch des Tetzel,
Denn das Spiel ist nie korrupt.

Schach! Des Spieles Sturmfanfare
Macht den Jäger jäh zum Wild.
Warnwort, das dir offenbare,
Daß dein Planen nicht mehr gilt.
 

 

86
 
Opfer! Was noch abzustreifen,
Gib mit Glanz und Freude hin,
Die dir hold mit güldnem Reifen,
Zu entführn, war Angriffs Sinn.

Sie, dir nicht nur Trost und Ehre,
Bogenschützin, Vogelgeist,
Ist ihr Platz der funkelnd leere,
Du erst recht die Größe weißt.

Sie, von Regeln ungebunden,
Zielt für drei, wenn sie sich rührt,
Hat der Gegner sie gefunden,
Wirst du nur noch vorgeführt.

Aber dennoch rückt der Bauer
Stur und langsam durchs Gefild,
Stößt nach vorn die Panzermauer,
Wird das Feindgebiet zum Schild.

Dann, der Übermut der Schlächter
Hat den Frommen übersehn,
Also durfte ein Gerechter
Jenseits dieser Walstatt stehn.

Sagt uns dies, daß der Gewitzte
Durch des Spähers Raster fällt?
Oder daß der Grobgeschnitzte
Lohn für zähes Mühn erhält?

Mischt dem Endkampf sich die Holde,
Wenn der Minner wach und wund,
 

 

87
 
Panzert Tristans Gram Isolde
Und beendet Schmach und Schwund.

Sekundiert der Amazone
Einhorn an des Springer Statt,
Setzest du des Feindes Krone
In den eignen Mauern matt.

Die Entscheidung ist zu finden,
Nicht die Schleifung aller Wehr,
Und der Seligen, der Linden
Dankst du dabei nie zu sehr.
 

 

88
 


AAL
Du lebst als einzge Gattung der Familie,
Und für Linné auch noch als einzge Art,
Doch Namen hast du Wandelsamer viele,
Die du gewinnst auf deiner Lebensfahrt.

Ein ganzer Saum sind Schwanz und Rückenflosse,
Am Bauch hat keine not der Schlängelleib,
Dem Kiefer frommt das Mürbe wie das Krosse,
Die Welle ist dein unbestrittnes Weib.

Ans Weidenblatt die transparente Larve
Erinnert, die zur aaligen Gestalt
Dreijährig ihre Wendung nimmt, die scharfe.
Der Sonnentag wird drum nur einmal alt.

Glasaal heißts dann, nicht trügt der Duft als Zeiger,
Der Sinn ist auch für tausend Meilen gut,
Breitkopf und Spitzkopf, Blanker oder Steiger,
Sogar den Rheinfall überschwabbt dein Mut.

Der Golfstrom führt dich an die großen Münder,
Flußaufwärts gehts zu Lurche, Krebs und Maus,
Zum Meere kehrt erst der Familiengründer,
Was paßt ins Maul, das kommt da nicht mehr raus.

Wir sagen Silber oder nennens gelber,
Obs in der Tiefe, ob am Saum gefällt,
Wer von Geschmack, der schmeckt gewöhnlich selber,
Und seinen Meister findet jeder Held.
 

 

89
 
Du sammelst Gift im Blut, ein ärgrer Räuber
Erkennt, daß dieses Kochen leicht zerstör,
Daß er das Meer sogar vom Leben säuber,
Betont er stets, daß alles ihm gehör.

Doch du bist älter als dein Feind und jener,
Der findet noch die Fahrten seines Glücks,
Wenn dieser, der mißachtet den Belehner,
Vermodernd treibt im Höllenblut des Styx.
 

 

90
 


JUWELEN
Schafft erst der Schmied die Hoheit der Metalle,
Sind doch die Steine schon im jähen Funde
Voll Anmut, und es sah noch niemand alle,
Die Gaia hat begabt mit stummer Kunde.

Gleichwohl hat hier der Mensch, der allen Wesen
Ein tiefres Leuchten sucht hervorzurufen,
Es wohl vermocht auch das, was so erlesen,
Zu heben auf von ihm erträumte Stufen.

So kann der Schliff zu Graten und Facetten
Das Licht zu einem Feuerwerk verleiten
Und Sterne zur Gefälligkeit verketten,

Daß die Kristalle aufblühn und sich spreiten,
Als öffneten sich Tore uns zu retten,
Durch die wir ziehn ins Eins der Erdenzeiten.
 

 

91
 


IZANAGI
Wer von lichter Schwebebrücke
Ließ der Lanze Kronjuwel,
Daß ihm Onogoro glücke,
Folgt nicht fremder Herrn Befehl,
Sind auch krumm die ersten Stücke,
Wuchs ein stolzer Archipel,
Doch der Feuersohn sann Tücke
Wider Mutters Leib und Seel.

Izanagi folgt der Trauten
Durch Gelichter und Geschatt,
Die den Dunkelhain erbauten,
Warnen, daß die Gattin satt
Längst sich aß am Ganz-Entblauten,
Wurzel nun dem Blütenblatt,
Daß nach Schauen und Geschauten
Sie gewiß kein Heimweh hat.

Doch dem Stolzen soll nichts hehlen,
Er entflammt den spitzen Span,
Was uns Nacht und Traum nicht stehlen,
Raubt uns der Erkenntnis-Wahn:
Also darf kein Schrecken fehlen,
Willst der Nachtwelt schauend nahn,
Denn die Würmer, nicht zu zählen,
Hindert nichts an Fraß und Bahn.
 

 

92
 
Angewidert will er fliehen,
Doch die Bleiche, selbst Dämon,
Sucht den Mann hinabzuziehen,
Der nicht Herr mehr, sondern Sohn.
Er entrinnt, wie ausgespieen,
Überströmt von Schimpf und Hohn,
Diese Schmach bleibt unverziehen
Und verflucht der finstre Thron.

Einen Felsblock, rot graniten,
Schiebt er vor den Höllenschlund,
Die Verfolgrin wird nicht bitten,
Unersättlich ist ihr Mund,
Allen Wünschen, Träumen, Sitten
Bleibt sie hart wie ein Korund,
Wie ein fauler Zahn inmitten
Einer Jugend, die gesund.

Denn sie schwört, sie wird sich holen,
Was da singt und was da summt,
Nicht allein zertretnen Sohlen
Sorgt sie, daß der Puls verstummt,
Manchmal schlägt sie Kapriolen,
Manchmal naht sie hold vermummt,
Sticht Skorpion am Huf das Fohlen,
Lacht die Gräßliche: Es kummt.

Izanagi hält dagegen,
Söhne, Töchter, Wehr und Hut,
Will das Dunkel uns erlegen,
Steh davor das Hab und Gut,
 

 

93
 
Also führt er flink den Degen,
Setzt auf Schwert und Schwingers Mut
Und erkauft sich allen Segen,
Daß ein andrer drunten ruht.

Dies gilt auch nach Menschenaltern,
Erde raunt dem Himmel zu,
Mit den Zeugern und Erhaltern
Steht der Tod auf Du und Du,
Ob an Schanzen oder Schaltern,
Ob im Rausch, ob in der Ruh,
Zu den Raupen und den Faltern,
Weist ein Wink und tuts im Nu.
 

 

94
 


BEELZEBUB
Mit dem Anzug von der Stange
Und natürlich tabakfrei,
Kam ein Mann und schwätzte lange,
Wie mir wohl zu helfen sei.

Manchen Heller sei ich schuldig,
Hieß es milde und diskret,
Doch ich fragte ungeduldig
Gradenwegs, worum es geht.

Manches Wort hätt ich gezeitigt,
Und das Wort sei seine Sach,
Weil er, treuhand und vereidigt,
Diesem die Verwertung mach.

Die Gesellschaft seiner Leute
Hüte den Gedankensinn,
Daß da gestern, morgen, heute
Keiner klau, was Gutes drin.

So in etwa zu erwarten
War der Kern der kruden Red,
Also taugte mir der Garten,
Daß sein trüber Sinn vergeht.

Daß die Silbe »ver« dem Werte
Abhold, sei im Deutschen klar,
Darauf er, daß die verkehrte
Scham mir dabei eigen war.
 

 

95
 
Wie Verfallen einem Fallen
Bremse und nicht Umkehr ist,
Tut das Präfix doch nicht allen
Verben gleiche Schattenlist.

Sei das Haar nicht dreigespalten,
Kam ich aufs Geschäft zurück,
Denn mein Werk sei angehalten,
Daß es blute, Stück für Stück.

Dies sei nur das Virtuelle,
Nur Kopien, das Original
Bleibe rein an seiner Stelle,
Doch beliebig sei die Zahl.

Ich entsann mich da der Wilden,
Die ein Foto zu zerstörn,
Schwerter griffen und nach Schilden
Und bei allen Göttern schwörn.

Bin Schlemihl ich, der den Schatten
Fortgibt und die Seele mit,
Stütze fand ich an den Latten
Zauns, darum die Winde glitt.

Sieh er her, sprach ich dem Manne,
Was hier blüht und stäubt und fliegt,
Ist so heimlich wie im Tanne,
Weils von euch kein Konto kriegt.

Meine Bilder sein vorzüglich,
Und mein Reim vortrefflich paßt,
 

 

96
 
Spott beim Vesper ist vergnüglich,
Schmälert er die Tageslast.

Solche Schätze auszuteilen,
Hunger sei kein rechter Lohn,
Und ich sollte mich beeilen,
Daß ich die Gesundheit schon.

Was ich zur Erhaltung bräuchte,
Luft und Wasser, Tag und Nacht,
Hat doch längst, so wie mich deuchte,
Überreich der Herr gemacht.

Meine Religion in Ehren,
Sprach der Mann beherzt und weich,
Doch ich sollte doch nicht lehren,
Daß ich ganz im Gottesreich.

Milch tät ich nicht selber melken,
Schuhn nicht selbst ich Leder schnitt,
Meine Blumen müßten welken,
Hielt sie nicht ein Dünger fit.

Klug sei er und doch gefallen,
Sprach ich, da der Milan kreist
Überm Garten in den Hallen,
Wo kein Hirt die Wege weist.

Daß ich arm und angewiesen,
Stand zu leugnen nie mein Sinn,
Hehre Gaben von den miesen
Trennend, ich gewachsen bin.
 

 

97
 
Dies war etwas schroff geraten,
Denn der Herr zog kraus die Stirn,
Vor dem Schuppen lockt der Spaten,
Mich nicht länger zu verirrn.

Also sucht ich zu begraben,
Was nur Nadeln litt bisher,
Und ich nannte seine Gaben
Wider Geistes Treu und Ehr.

Nicht das Werk sucht er zu schützen,
Ihm wirds Mittel nur zum Zweck,
Und es soll vor allem nützen,
Nebenbei für diesen Geck.

Ist die Rede Handelsware,
Meidet sie der lichte Geist,
Dann verdunkelt sich das Klare,
Und die Phantasie vergreist.

Denn was echt wie eine Blume,
Taugt nicht für Gefeilsch und Markt,
Offen schau die Ackerkrume,
Daß im Regen sie erstark.

Also such er anderorten,
Was ihm taug für seine Schar,
Denn das Blut in meinen Worten
Immer noch mein eignes war.
 

 

98
 


RAUCHVERBOT
Daß die Wirte man entmündigt,
Läßt mich kalt, auch ohne froh,
Doch daß sich die Bahn versündigt,
Dulde ich nicht lange so.

Lang schon war die Autoschelte
Nur erlaubt dem Bummelzug,
Daß die Bahn als Flugzeug gelte,
War ein Traum, der Früchte trug.

Letzte Nacht hegt ich die Grille,
Frecher werd der deutsche Sohn,
Mach dem Schaffner blind die Brille
Renitenz und Rebellion.

Morgen schon in allen Winkeln
Grad um acht in jedem Amt,
Nicht verschämt und rasch beim Pinkeln,
Offen wird das Kraut entflammt.

Mitten zwischen allen Pendlern,
Die auch ohne dies verschnupft,
Zeigen wir den Seelenhändlern,
Wer die Harfensaiten zupft.

Dies sei Flegelei und Laster
Und verbreite Sucht und Tod,
Wir erwidern, daß der Knaster
Demonstriert im Morgenrot.
 

 

99
 
Weder amtlich noch gerichtlich
Sei erlaubt der Ordnungshohn,
Doch dies zeigt nur offensichtlich,
Daß Erlaubtes niemals lohn.

Einer sucht uns zu entreißen
Ärgernis und Schuldbeweis,
Räuberisch die Tat zu heißen,
Bleiben wir nicht zag und leis.

Mörder heißt es dann, ihr Schufte
Trollt euch, ja, die Wache gebs!
Was zu eurer Lust verpuffte,
Schafft den Leuten Lungenkrebs.

Gebt zurück uns die Abteile,
Wos gemütlich schmaucht und dampft,
In der Abstinenzler-Meile
Wird dann kein Protest gestampft.

Aufgewacht bin ich am Morgen,
Weiß, der Widerstand ist fern,
Doch ich hab auch andere Sorgen
Und leb doch nicht minder gern.
 

 

100
 


BÜCHERSTUBE
Herein zu Lehr und Müßigsinn,
Manch Buch mit Witz und Bildchen drin,
Harrt des Voyeurs im holznen Fach!
Dies ist des Geistes Schlafgemach!

Laß tanzen, was die schwarze Kunst
Versiegelt hat an Scham und Brunst!
Wem seine Sucht nicht recht frivol,
Sich hier sofort ein Dutzend hol.

Und wer nicht ahnt, was ihm noch fehlt,
Dem wird kein Luxuswunsch verhehlt.
Hier steht das Laster mit der Buß
Einträchtig wie im Topf das Mus.

Der Lüste Garten braucht den Dung,
Drum wart nicht bis zur Dämmerung,
Denn ehs den Nachbarn ehr erfreut,
Hol dir das Schmökerstück noch heut.

Kein Gut sich so begnadet stellt,
Daß darin selbst die Unterwelt
Hab Opfer nicht und Reu als Reim,
Drum trags mit schiefem Grinsen heim.
 

 

101
 


GROSSVATER
Großväter hab ich nie gekannt,
Denn dieser fiel fürs Vaterland,
Vertrieben jener, Gott vergebs,
Ihn raffte hin der Magenkrebs.

Großvater Bergk in Rußland blieb,
Die Omi hatte ihn so lieb,
Daß sie, so viel auch Zeit verrann,
Nichts wissen wollt vom zweiten Mann.

Kein Grab erhielt, im Ost vermißt,
Wer so der Zeit entgangen ist,
Jedoch die Stadt sah Recht und Fug,
Daß Namen sie in Tafeln grub.

Vielhundert Tafeln an der Wand
Der Kirche jeder Sonntag fand,
Der Lehrer gar, der sonst nie dort,
Mit Schülern kam zum Trauerort.

Als jüngst ich in die Kirche kam,
Erschrak ich tief in Schmerz und Scham,
Die Wand, die Opas denken darf,
Der Schurkenstaat zum Kehricht warf.

Mein Vater war ganz aufgebracht,
Daß solches Zeug die Kirche macht,
Da sei, wems noch nicht klar, geklagt:
Sie hat vom Herrn sich losgesagt.
 

 

102
 


UPPSALA-PASSION
Der Komponist ist unbekannt,
Denn Gott allein gilt Preis und Ehr,
Er barg den Namen wie den Stand,
Nur aus dem Herrn strömt alles her.

Die Demut, die so vormodern,
Mit Leidenschaft ward aufgeführt,
Dies war fürwahr das Wort des Herrn,
Ein Tag, dem ein Gedicht gebührt.

Hier war das Testament des Leids,
Weil Kunstsinn diente dem Geschehn,
Kein Vorwand, daß der Prunk sich spreiz,
Und jedes Wort war zu verstehn.

Matthäus stärkt der klare Ton,
Choräle, daß das Herz sich weit:
Ist dieser nicht des Höchsten Sohn,
O Traurigkeit, o Herzeleid.

Lamm Gottes schuldlos, Christ, du Lamm,
Hier redet nicht Augustus' Zeit,
Beim Abendmahl, am Kreuzesstamm,
Nimmt die Gemeinde teil am Leid.

Hier wird gezeigt, die Opfertat
Ist nicht die Mär versunkner Macht,
Um sie dreht sich das Jahresrad,
Weil singend sie im Herzen wacht.
 

 

103
 
Drei Gamben, Cello, Violin,
Auch die Theorbe mahnt und fleht,
Der Orgel ist die Macht verliehn,
Daß sie uns rufe zum Gebet.

Die Streicher, die Solisten, Chor,
Nicht karg ist, was die Demut zeigt,
Die Anmut bricht das Höllentor,
Wo Ränke giern und Schrecken steigt.

Der Sänger, dem der Solo-Part
Evangelistes zugedacht,
Erkrankte jäh vor dieser Fahrt,
Und also gradzu über Nacht

Sprang einer für das Zugpferd ein,
Dies war gewiß ein Gottgeschenk,
Kraftvoller kann kein Hüne sein,
Wie ich mir wahre Christen denk.

Er stärkte alle, wenn da wo
Wer müde ward, er hob ihn sacht,
Er machte uns die Botschaft froh
Und zeigte, wies der Herr uns macht.

Solch Glaubensmut sah selten ich
Im Luthertum, Verfall-bedroht,
Unendlich hold der Dämmer wich,
Und allen Schrecken ließ der Tod.
 

 

104
 


FORMALIA
Seit mir das Werk zum Wald erstarkt,
In mancher Weis die Formlust kargt,
Nur hin und wieder zeig ich an,
Daß ausgefeiltes Spiel ich kann.

Der Stoff verschlingt das Drumherum,
Dies scheint dem Selbstverliebten dumm,
Denn was zuletzt zu Herzen geht,
Ist immer noch der Sinn der Red.

Moderne Kargheit, der ich focht,
Front nie dem Puls, der rasend pocht,
Wer Schweigen webt an Sinnes Statt,
Tuts, weil er nichts zu sagen hat.

Der Reichtum ist nur dann die Form,
Gilts aufzubaun die rechte Norm,
Wenn aber diese ist gesetzt,
Der Hörer klare Worte schätzt.
 

 

105
 


VATERLAND
Kein Volk der Welt verleumdet ist
Wies deutsche schon seit Jahr und Tag,
Dies paßt zu unserm Heiland Christ,
Dem Häme kam zu Weh und Plag.
Die Dornenkrone freilich trägt
Den Himmel, drum, wer reiflich wägt,
Der bleib in seiner Klage leis
Und schimpfe nicht in gleicher Weis.

Der Herr uns gute Weisung gibt,
Vergebung ohne Scham und Scheu,
Doch daß man seine Schinder liebt,
Voraussetzt Buß und echte Reu.
Wahrhaft muß alle Liebe sein
Und gründen nicht auf bloßem Schein,
Drum Arglist sei als arg bekannt,
Und wer verleumdet, sei genannt.

Kriegslüstern nennt man deutsches Blut,
Auf Unterdrückung aus und Raub,
Und mittlerweil verlangt es Mut
Zu streiten diesem Aberglaub.
Nomaden suchen Streit und Trug,
Der Bauer aber zieht den Pflug,
Der Deutsche hofft auf Erntedank,
Hat winters gerne Mehl im Schrank.
 

 

106
 
Es kommt schon vor, daß er beim Bier
Mal großtut und mit Waffen prahlt,
Doch merkt sogar im Stall das Tier,
Daß dieser wie ein Säugling stahlt.
Kein böser Stachel löckt ihn scharf,
Er achtet, was ein Christkind darf,
Macht Jähzorn ihn und Galle blind,
Erweckt das Kreuz im Mann das Kind.

Die Schrecken Krieges sind bekannt
Dem Deutschen wie wohl keinem noch,
Die Heere zogen übers Land,
Verbrannten selbst die Maus im Loch.
Zwar Deutsche oft im Waffenrock,
Jedoch ein Fremder schwang den Stock,
Ein Römer, ein Franzos, ein Schwed
Macht, daß der Schwab nach Pommern geht.

Daß dieses Joch nicht länger schind,
Schuf Bismarck uns den Preußenstaat,
Kaum daß den Mächten sprachs der Wind,
Schon säte man die Drachensaat,
Die Presse warnt vorm Untergang,
Bestünde dieses Reich noch lang,
Und stündlich ging da Meldung ein,
Der Deutsche sei so hundsgemein.

Zwar dacht man so nicht überall,
Doch nur auf England starrt die Welt,
Dort war das Reich ein klarer Fall,
Denn deutscher Fleiß bedroht das Geld.
 

 

107
 
Drum täglich tönts sirenenschrill,
Der Deutsche alle Länder will,
Willst nicht als Gaul in sein Gestüt,
Vor deutscher Gier die Welt behüt.

In Deutschland gings derweil so gut,
Der Meckrer kriegt den Mund nicht voll,
Den ärgerte des Schutzmanns Hut,
Die Flotte treib den Spaß zu toll,
Wenn deutsches Wort der Brite druckt,
Ein jeder sich der Meinung duckt,
In Deutschland sind Verbrecher dran,
Nichts lähmt den Kaiser, wenn er kann.

Zwei Kriege legten Deutschland lahm,
Und Propaganda nachts und tags
Ließ wiederholn die Deutschen zahm,
Das deutsche Land, verrecken mags.
Wer einer dies nicht süßlich schluckt,
Der sieht sich, eh er aufgemuckt,
Vor Richtern, die sich fragen nur,
Ob Psychiatrie die beßre Kur.

Da die Vernichtung man beschloß
Ist Lähmung nur ein Zwischenstand,
Ob auch das Gift in Strömen floß,
Zuckt doch im Ansatz noch die Hand,
Drum treibt man fremde Menschen her,
Daß steuerbar ein Mischvolk wär,
Und macht die Deutschen schwul und feist,
Daß niemand sich mehr Kinder leist.
 

 

108
 
Daß sie so friedlich, so naiv,
Bringt sie dem Feinde auf den Leim,
Die Deutschen schlucken jeden Mief
Und nennen ihn ein stolzes Heim,
Wem Uno, Nato, Bundestag
Wohl nutzen, stellt sich keine Frag.
So feiern wir, daß Zeit noch bleibt,
Bis man uns auf die Schlachtbank treibt.
 

 

109
 


DEUTSCHE EINHEIT
Der Wessi nennt den Ossi taub,
Und umgekehrt heißts: Blender!
Die Einheit heißt dem einen Raub,
Dem anderen Verschwender.

Die Mauer fiel, es floß der Sekt,
Dann aber kam der Kater,
Und was der Jubilar bezweckt,
Den meisten ists Theater.

Beliebt sind Witze frech und scharf
Vom ungeliebt Verwandten,
Zum Ausgleich zeigt sich kein Bedarf,
Wo Freudenfeuer brannten.

Das Ausland lacht darob sich krank,
Einst hört Gefahr man munkeln,
Doch dies kam in den Mottenschrank
Und langweilt sich im Dunkeln.
 

 

110
 


DIE GRENZE
Wer eingesperrt ist, hegt den Wahn,
Daß hinter Turm und Stacheldraht,
Sanft schaukle einst sein Ruderkahn,
Und selbst die Raben krächzten Rat.

Es könne dort nicht finster sein,
Wo solche Fesseln keiner not,
Doch manch Gespinst ist derart fein,
Daß es nicht braucht die Farbe Rot.

War ausgemacht in Ost und West,
Der Ossi ists, der stets sich duckt,
Darum sich nicht erklären läßt,
Warum der jetzt schon wieder muckt.

Wer eingesperrt ist, hat nicht Maß
Um zu vergleichen Furcht und Mut,
Die Walze plättet Halm und Gras,
Doch reckt sich bald das grüne Blut.

An Rhein und Saar, an Lech und Inn,
Wusch Wohlstand manche Frage weiß,
Der Kerker schärft den Freiheitssinn,
Das Herz bleibt nur in Nöten heiß.

Drum ist die Grenze nicht nur Schmerz,
Die nie im Leichtsinn ich begeh,
Sie trug die Augen himmelwärts,
Weshalb ich etwas weiter seh.
 

 

111
 


MAUERSPECHTE
Der Stahlbeton von Ulbrichts Trutzkolonnen
Mit Lacken, die als Freikunst sich verstehen,
Eroberte zur Nacht in ganzen Tonnen
Den Souvenirmarkt und selbst die Museen.

Die Spechte, die man bald im Fernsehn schaute,
Sie machten handlich was nicht mehr verteidigt,
Und meinten, nur wer diesen Schrecken baute,
Werd mit dem Abbau und Verkauf beleidigt.

Doch klebte Blut an diesem Teufelswalle,
Manch einer schwamm durchs Gitter tief im Flusse,
Ein Armlang noch, da schnappte zu die Falle,
Vom Turme kam der Tod mit scharfem Schusse.

Es dachte keiner, der beim Ball, beim Dinner
Die Reste zeigte von der deutschen Schande,
An die vom Sachzwang hingemähten Spinner,
Die zeigten, was die Wirklichkeit im Lande.

So bliebs, es gibt wohl mal Gedenkminuten,
Doch darf man dabei kein Geschäft verpassen,
Und wem ein Greul ist schon ein Nasenbluten,
Der mag sich nicht mit solchem Zeug befassen.

Doch Deutschland blutet und die Narben eitern,
Solang man froh ob der verschloßnen Ohren,
Bis zu der Einsicht muß die Einheit scheitern,
Nicht nur ein Teil hat unsern Krieg verloren.
 

 

112
 


WOLF BIERMANN
Wolf Biermann, siebzig, lebt noch heut,
Fossile werden mächtig alt,
Der Kampf ist was für junge Leut,
Der Ruhm macht nebelgrau und kalt.

Einst war er unser Bardenheld,
Das Köln-Konzert auf Tonband kam,
Dann hat er abseits sich gestellt,
Was ihm auch rasch die Aura nahm.

Es hieß, in Spanien sei er nun
Als Eurokommunist und sorg,
Daß dort der Linken Weitertun
Den Rat nicht mehr bei Stalin borg.

Dies schien uns seltsam anzusehn:
War, was er dreigeteilt besang,
Nicht voll Raketen und Armeen
Und ausersehn zum Opfergang?

War ihm nicht klar, als Hamburg-her
Er reiste, Brecht und Eisler hold,
Daß niemand stalinistisch wär,
Wenn dies die Sowjets nicht gewollt?

Wohl nicht, er sang und glaubte das,
Es dreh zum Guten sich der Wind,
Wär Stoph nicht doof und Honi blaß,
Und Sindermann nicht völlig blind.
 

 

113
 
Daß aus Beton die SED,
War ihm die Folge nur von Gicht,
Er rief nicht, daß der Russe geh,
Und sah die wahren Gründe nicht.

November neunundachtzig wär
Am Alex wohl getobt Applaus,
Jedoch nach einem Monat mehr,
War Biermanns Zeit für immer aus.

Inzwischen ist sein Jahrgang meist
Mit Merkel und Amerika
Ganz einig und die Losung heißt:
Es sind zu wenig Waffen da!

Wenn Biermann meint, selbst im Irak
Hätt man den Freunden folgen solln,
Gewiß der Fan von einst erschrak,
Doch Bush wird ihm nicht übelwolln.

Hätt er in Ostberlin gewußt,
Die Freiheit spricht, es geh der Ruß,
Wär ihm nicht tot die Angriffslust,
Weil auch der Ami heimgehn muß.

Daß man ihn ausgebürgert hat,
War nur sein Tod, weil schon zuvor,
Der Wunsch besaß der Klarheit Statt,
Und er das Urteil längst verlor.
 

 

114
 


POLITISCHE DICHTUNG
Daß heute ich politisch dicht,
Scheint manchem als ein Bruch im Stil,
Jedoch ein andrer ist es nicht,
Der heute meint, er schwieg zu viel.

Als ich verträumt in erster Lieb,
Sprach ich zu solchen Reimen stop,
Weil mir auch höchst verleidet blieb
Die Nötigung zu Agitprop.

Auch keimte früh schon der Verdacht,
Was Jugend da so rumkrakeelt,
Sei einer Absicht nachgemacht,
Die auch ganz andre Mittel wählt.

Es schienen Staat und Anarchie
In Illusionen gleich und gleich,
Der Frühlingsvögel Rhapsodie
Verhieß mir da ein treures Reich.

Ich sang dem Queller, der sich müht
Verzweifelt im versalznen Watt,
Und freute mich an dem, was blüht
Und seine eigne Regel hat.

Der Mensch, der Gott als alt verlacht,
Schien mir nicht wert den Kommentar,
Ich wachte in der Winternacht
Und suchte stets die kleinste Schar.
 

 

115
 
Die Teilung doch, das Neon dort,
Und hinterhofs mein Kerzenschein,
Nahm man mir immer rascher fort
Und ließ mich nicht mehr abseits sein.

Da merkte ich, daß mein Gebet
Erhört ward, meine Regel käm,
So oft sich auch der Weltwind dreht,
Ich nie mich meiner Herkunft schäm.

Ich komm aus Luthers Land, wo frei
Der Bauer sein will unterm Blau,
Daß deutsch das Wort des Heilands sei,
Sprach mir der Acker und die Au.

Und wen der Teufel läßt in Ruh,
Der ist gewiß kein guter Christ,
Drum schlage auch der Dichter zu,
Umnebelt ihn des Feindes List.

Die Malve, die am Wegrand blüht,
Kann morgen schon begraben sein,
Drum laß das gallige Gemüt
Ins Formgesetz der Lieder ein.

Nicht nur vom Holden lebt das Wort,
Das Widrige, der Schmerz, der Hohn
Und auch der Plan vom Massenmord,
Sie sprechen aus den Menschensohn.
 

 

116
 


NESSELSEIDE
Wer will sich Roß und Wagen schirrn,
Daß ihn ein Wurzler leide?
Der Gärtner runzelt seine Stirn,
Denn zu der Gattung Teufelzwirn
Zählt auch die Nesselseide.

Sie rankt in Rot, sie minnt geschwind,
Der Keimling hat nur Tage,
Daß er den Lebenshalter find
Und sich um seinen Stengel wind,
Als Gast und Dauerplage.

Ist gut die Wahl und stark der Wirt,
Ist dauerhaft die Minne,
Doch wenn das Leben dem entschwirrt,
Hat auch der Parasit geirrt
Im frühesten Beginne.

Das Pflanzenreich wahrt Friedensschein,
Knickt hier der Leu die Dornen,
Hier hört man keine Opfer schrein,
Hier sind verschattet Ja und Nein,
Und grün sogar die Nornen.

So scheints dem Aug, das sich erkennt
Im allerhöchsten Range,
Doch wenn uns einst der Himmel brennt,
Und niemand mehr die Namen nennt,
So streitets hier noch lange.
 

 

117
 


KLETTERPFLANZEN
Schattenhort und Wipfelwahn,
Wurzelwerk und Krone,
Wie dein Nam und wer dein Clan,
Wird bezeugt im Lebensplan,
Wie der Ahn im Sohne.

Beiden Polen sich zu weihn,
Reifen Form und Größe,
Keine Nische ist zu fein
Um nicht jemands Raum zu sein,
Spricht der Schoß der Schöße.

Drum wenn andre Stämme stehn,
Ists nicht not zu holzen,
Auf den Schultern weiter sehn,
Im Roulette sich mitzudrehn,
Traut dem Splint der Bolzen.

Wer da klettern kann, der spart,
Daß sich was verhorne,
Und im Zugriff seiner Art,
Treibt er so in rascher Fahrt
Ungebremst nach vorne.

Windig nennt man solchen Coup,
Doch daß er gelänge,
Traut ihm selbst der Steifste zu,
Dem schon fremd der eigne Schuh
Unterm Licht-Gedränge.
 

 

118
 


EFEU
Klimmer, der mit Wurzelhaft
Mauern weiß zu grünen,
Tausendfältig greift die Kraft,
Unterm Saum der Schattensaft
Braucht kein Brett für Bühnen.

Niemand kann ihn übersehn,
In der Höh, der Fläche,
Spätblust, der im Überstehn
Groß und manchen Bienenfeen
Einzigst holde Schwäche.

Was den andern Blühern kahl,
Die sich so nicht trauten,
Ist dem Kriecher erste Wahl,
Und es krönt der Admiral
Gern die Sonnen-Rauten.
 

 

119
 


CLEMATIS
Spaliere, Obelisken, Zaun und Gatter
Berankt der Gärtner gern mit diesem Gaste
Und meint, daß Rubens auch nicht farbensatter
Der Leinwand seine Eigenart verpaßte.

Zu viert, zu fünft, mitunter bis zu achten
Stehn kronblatthaft des Kelches freie Blätter,
Und vor dem Geist, aus dem die Sterne lachten,
Verzieht sich im Gemüt das Gallenwetter.

Drum geize nicht mit Rosa, Rot und Bläue,
Handspannengroß wird manche Blüte prunken,
Und es gibt keinen Grund, daß man sich scheue
Das Auge tief in diesen Bann zu tunken.
 

 

120
 


BLAUREGEN
Blauregen, der sich stark und stämmig breitet
Bei guter Krume und im Sonnenscheine,
Hat mindren Meistern oft Verdruß bereitet,
Und führte sie dann selber an der Leine.

Nicht nur, daß manchmal die Gerüste brechen,
Auch Ziegel wandern, und verschnürte Rohre
Erweisen sich als Werk von kargen Blechen,
Die Stäbe biegen sich sogar am Tore.

Da ist dem Seil zuletzt zu schwach der Anker,
Und unterm Schmuck verdirbt das so Geschmückte,
Drum sorge, daß der Trieb beizeiten schlanker,
Bevor er den Rebellendegen zückte.

Dann sorgt er, daß der Mai dich lad zur Feier
Mit holdem Duft und himmelblauen Blüten,
Wer solcher Recken sich erkühnt als Freier,
Muß sich im Schaun vor allem Leichtsinn hüten.
 

 

121
 


HASELSTRAUCH
Die Nachtigall singt niemals auf der Buche,
Sie schlägt die Lieder gern im Haselbusche,
Sie schweigt bei ihrer hoffnungsfrohen Suche
Und auch, daß niemand ins Revier ihr husche.
Doch ist sie ohne Störer bei den Nüssen,
Sind Wehmut, Trillern und das Silberhelle
Mit Schmelz und Schluchzen ganz auf einer Welle,
Daß selbst die Stumpfsten schweigend lauschen müssen.

Das Volkslied weiß, wer diese Arie schmettert,
Ist nicht nur Komponist und große Bühne,
Wer also frei durch die Oktaven klettert,
Ist auch der Weisheit weitgesandter Hüne,
Nur Schopenhauer, dem die Blindheit Meister,
Deß Weltgestalter stumpf und nur gefräßig,
Sieht im Beginnen kronenlose Heister,
Der Vogelgeist erscheint ihm also mäßig.

Die Nachtigall fliegt nachts und zeigt Rivalen,
Daß hier die Gegend, um gar wohl zu freien,
Vier Morgen braucht der Sänger, um zu strahlen,
Daneben ist kein anderer zu zeihen,
So trägt die Lockung auch die Abstandsbitte:
So komm Genoß, doch diesen Streifen meide,
Ich hab genug und fröne nicht dem Neide.
Und bald bevölkert eine Au die Mitte.
 

 

122
 
Der Hasel ist hier überall zu grüßen,
So allgemein ist sonsten nur die Minne,
Er hält sich aufrecht, doch zu seinen Füßen
Ist mancher Schößling gleichen Mutes inne.
So wachsen strauchig borkenfreie Gerten,
Die ganz bestimmt zu milder Strafe taugen,
Die Ahnen, die Frau Haselin verehrten,
Sahn auch das Nußöl mit ganz andern Augen.

Von diesem Holze sind die Weiserstäbe
Zu Hoheit und Gericht in deutschen Hainen,
Daß wer sich Müh für echten Frieden gäbe,
Zeigt, daß er wußt, mit Hasel zu erscheinen.
Auch bannen sie die Hexen und die Schlangen,
Johannistriebe stecken ab die Kreise,
Wo Groll und Rachsucht fern sind und vergangen,
Weil hier das Urteil einzig fällt der Weise.

Auch Aschenputtel müht am Muttergrabe
Die Haselgerte, um gerecht zu leben,
Nur Hildegard ist dieser Strauch der Rabe,
Der Wollust plärrt und leicht das Bein zu heben,
Dies ist die Zeit, wo Minne wird Misere,
Und nicht mehr Hasel ziert die alten Grenzen,
Kein Kräuterglaube heilt, wo sich die Ehre
Verloren hat in muffigen Sentenzen.

Der Hasel lebt genau ein Menschenalter,
So ist er Hermes zwischen den Geschlechtern,
Es ist nicht nur ein sommertrunkner Falter
Und auch kein Eich aus Zeiten, aus gerechtern.
 

 

123
 
Mit uns auf einer Höhe, und das Zähe
Ist fellos nackt, wies auch des Menschen Bürde,
Dies alles bringt ihn ganz in unsre Nähe,
Als ob er wie ein Knabe minnen würde.

So muß der Sänger diesen Balzplatz wählen,
Geheim sei nicht das innerste Begehren,
Es bleiben keine Schrunden abzuschälen,
Denn wer da minnt, wird bloß zum Schein sich wehren.
Wer solches pönt, legt Hand an alles Leben,
Das nicht verhält, es strömt und will sich mehren.
Drum säume nicht, dich inniglichst zu geben,
Und halt vom Leib dir die Entsagungslehren.
 

 

124
 


TRICHTERWINDE
Schirmchen, in Pastell sublim,
Ton in Ton drauf festrer Stern,
Feenstaub im Interim
Kündest du dem Aug von fern.

Leicht getrichtert wie der Gral,
Flammt die Blütenmitte hell,
Die Korona um den Strahl,
Lindert, was dem Aug zu grell.

Um den Tupfen im Gerank
Blätter, krautig, ledrig, dicht,
An der Treppe, vor der Bank
Übersieht mein Lieb dich nicht.

Selbst bist du hier eingekehrt,
Wind, der dich herbeigeweht
Und dem Artenschatz vermehrt,
Hörte wohl ein Stoßgebet.

Im Gesäm fand Hof und Hort
Lysis, einstens Platon rühmt
Freundschaft mit demselben Wort,
Die sich jährlich neu verblümt.

Ob auch wölfisch dräu die Zeit,
Sei getrost als Gotteskind,
Das Amin, das löst und freit,
Schickt die Sorgen in den Wind.
 

 

125
 


BLAUER EISENHUT
Prachtkerl, der am Wildbach flammt,
Daß die Ziege dich benag,
Schützt des Recken blauen Samt
Kein Gebot und kein Vertrag,
Denn die Waffe, tief gerammt
Jedem Feind als letzter Tag,
Deinem chymicus entstammt,
Der gekocht nicht lind und zag.

Elegant gewölbter Blust,
Aufrecht, stolz im satten Blau,
Wer da derart selbstbewußt
Ragt aus sturmgezauster Au,
Daß du dich versenken mußt
In die ungetrübte Schau,
Schämt sich nicht der eignen Lust
Und kennt seinen Preis genau.

Reiterkappe, Würgling, Grab,
Namen voller Acht und Scheu,
Wo man finstre Deutung gab,
Auch die andre dich erfreu,
Venuswagen heißt der Stab,
Denn ein meisterlich Gebräu
Des Berufenen, der es wag,
Spannte vor den Karrn den Leu.
 

 

126
 
Wo das Gift der Hölle lacht,
Steht ganz nah das Paradies,
Denn von selbem Geist gemacht
Sind Gewürm und Goldnes Vlies,
Drum der Meister köchelt sacht,
Wies der Süd dem Barden wies,
Und er holt die Liebesnacht
Aus dem bannenden Verließ.

Also sagt der Recke klar:
Wer da Niedrem ist bestimmt,
Der verliere Haut und Haar,
Wenn er meine Schätze nimmt.
Wer jedoch bezwang den Aar
Und wie eine Schlange schwimmt,
Lad zum Fest die Minnerschar,
Ohne daß der Leu ergrimmt.
 

 

127
 


GELBER EISENHUT
Goldne Helme, Glockenspiel,
In sich kehrt sich diese Pracht,
Wer beschenkt ist viel zu viel,
Auf nicht mehr die Flügel macht.

Daß sich hüte, wer da nicht,
Umgehn kann mit diesem Kraut,
Sagt dir offen ins Gesicht,
Der auf seine Füße schaut.

Nennt die Gifte Teufelei
Mindrer Geist und schlichtes Schaf,
Fühlt der Minnende die Weih,
Wenn er solche Weiser traf.

Nicht nach Segen und Gefahr,
Trenne Tag und Nacht der Blick,
Denn wer bei den Engeln war,
Kennt den Habicht im Genick.
 

 

128
 


BIER
Die Regel, daß man Stärke gärt,
Wo Sonne nicht dem Weine frank,
Ist, was das Bier betrifft, verkehrt,
Weils schon der Babylonier trank.

Der Kodex Hammurapi teilt
Fünf Kannen Bier dem Priester zu,
Die Dame, die bei Hofe weilt,
Kriegt dreie auch zur Abendruh.

Der Rausch war gut für hoch und klein,
Für Ritter, Bauer, Magd und Pfaff,
Als fiel Marien der Heilgenschein,
Zog man auch hier die Zügel straff.

Heut feiert man die Reinheit gern
Und das Gebot, das dies besorgt,
Und ahnt nicht mehr, welch Abendstern
Ward bei den Kräutern ausgeborgt.

Das schwarze Bilsenkraut im Bier,
Das Böhmisch Pilsen lacht im Nam,
Schuf einst den Säufern Wut und Gier,
Daß aus dem Christ der Heide kam.

Die Trichterblüte, schmutzig weiß,
Mit magisch lila Adern drin,
Verschenkt Substanzen kalt und heiß
Und trägt zu Schabernack den Sinn.
 

 

129
 
Als Hexenpflanze man sie schalt,
Doch viel, was also bös geziehn,
Taugt unterm Maibaum jung und alt,
Dem schnöden Alltag zu entfliehn.

Auch war dem Brauer Sumpfporst gut
Und Gagelstrauch vom warmen Moor,
Sie mischen in den Geist das Blut
Und breschen als Berserker vor.

Doch wie man Sumpf und Moor den Saft
Entzog, so auch dem deutschen Mann,
Das Bier besorgt nur noch die Kraft
Um zu behaupten, daß er kann.

Drum such den Porst, den Bilsen misch
In guter Menge frisch ins Maß,
Dann steigt Germania auf den Tisch
Und zeigt uns, was sie einst besaß.
 

 

130
 


ROHRGLANZGRAS
Wo der Bach sich sprudelnd mengt
Mit der Luft, die er ergreift,
Wird dem Sammler Gras geschenkt,
Das niemals im Trüben reift.

Grad im Trupp stehn Ährchen fein,
Wo im Auwald mürb der Ton,
Früher Sommer stimm dich ein,
Daß dir lach der Finderlohn.

Jüngstes Blatt ist noch gerollt,
Derb die ältern, ungerieft,
Hätte Gott dich so gewollt,
Wär nicht Holderes verbrieft.

Zwar für Schafe ist nicht gut,
Was da stammt von Tryptamin,
Was die Agakröte tut,
Gleicht dem Steppenrauten-Spleen.

Gut zu schmauchen ists für dich,
Denn es fegt den Schleier fort
Und mit ihm was fürchterlich
Dich getrennt vom Honighort.

Darum hab der Ernte acht,
Eh im Herbst die Stimmung mies,
Jeder Rausch braucht Vorbedacht,
Welche dir mein Verslein wies.
 

 

131
 


BEIFUSS
Beifuß uns am Dachfirst hängt,
Daß kein böser Geist uns nah,
Wenn dich solch ein Gürtel fängt,
Und Johannisnacht sich senkt,
Ist kein Schadensbann mehr da.

Würz mit ihm die fette Sau,
Die vor Tag der Schlachter stach,
Daß der Magen leicht verdau
Und dem Unterleib nicht grau
Vor dem dicken Klotz danach.

Schwach gefärbt in gelb und braun,
Blütenstand in Körbchenform,
Zeigt uns, dürftig anschaun,
Dieses Kraut erst Zähn und Klaun
Im Arom, das ganz enorm.

Destilliert zum reinen Blut,
Ähnelts Wermut und Absinth,
Wer zu solchen Dünsten Mut,
Fürchte nicht Dämonenbrut,
Aber sehr das Einfaltskind.
 

 

132
 


DREIKLANG
I

Tasten muß nach meinem Schatze
Ich durchs Schlemmen und durchs Fasten,
Sachte, daß der Coup nicht platze,
         Tasten.

Zwar die Welt in ihrem Hasten
Merkt nicht mal die eigne Fratze,
Doch sie hegt das Pfand im Kasten.

Drum nicht Ungereimtes schwatze,
Denn die Schau kanns nur belasten,
Will der Esel mit der Katze
         Tasten.
 

 

133
 
II

Ranken muß ich wie die Winde
Und für jedes Gatter danken,
Durch die Feinde, durchs Gesinde
         Ranken.

Was ihn krankmacht taugt dem Kranken,
Auf dem Kutschbock sitzt der Blinde,
Und kein Wärter müht die Schranken.

Daß ich einen Ausweg finde
Eh die letzten Schleier sanken,
Muß ich selbst als Augenbinde
         Ranken.
 

 

134
 
III

Klettern muß ich wie die Rebe
Ungeschützt in Wind und Wettern
Und ich muß solang ich lebe
         Klettern.

Auf den heutgen Bühnenbrettern
Wunderts Dreck, daß keiner klebe,
Und kein Gott will sie zerschmettern.

Unwillkommen, was ich webe,
Doch mit Weisern und mit Rettern
Werd ich, was sich auch ergebe,
         Klettern.
 

 

135
 


HERBST IN PLOTHEN
Dem Geist im Rohr entfloh der Hengst.
Er schüttelt sich solang er kann.
Der Ahorn ließ die Blätter längst,
Und mählich dunkler wirds im Tann.

Den Wagen griff ein dunkles Loch,
Nun heißts, Ballast von Bord und rasch,
Ein Schleier aus den Gliedern kroch,
Den ich nicht aus den Augen wasch.

Bald wird es friern. Noch ist es Zeit
Zu machen manche Fuhre flott.
Jedoch das Grau vom Himmel schreit,
Bei Trost sei nicht der sture Trott.

Ein Sonnenstahl! Er tanzt nicht lang,
Dann saugt ihn auf das Wolkenrund,
Doch sei es auch! Viel minder bang
Ward mir der Tag und diese Stund.

Als ich noch jung, war öfter Herbst,
Ich faßte nicht den leisen Stahl,
Doch was du von dir selber erbst
Sagt stets: Er kommt gewiß noch mal.
 

 

136
 


QUELLENLAND BUTEILE
Wer Reime mit dem Beile
Zu Rhythmus zwingt und Stil,
Wer Raspel oder Feile
Bemüht zu seinem Spiel,
Der such zu seinem Heile
Sich Haus und Höfe viel,
Das Quellenland Buteile
Gebührt ihm nicht als Ziel.

Wer Fremdling blieb der Welle
Und fassen will den Aal,
Dem ist des Mondes Helle
Ein Werk der Minderzahl,
Wem in der Klosterzelle
Die Fluren sind zu kahl,
Dem trocknet jede Quelle
Und wäre sie der Gral.

Wer fuhr so manche Meile,
Doch stets in guter Schul,
Erfährt nicht, wer die Seile
Ihm spinne, spann und spul,
Ihm huldigt nur das steile
Gewächs im Sündenpfuhl,
Im Quellenland Buteile,
Steht aber Irminsul.
 

 

137
 
Wer für verbrannte Pelle
Nicht Gallert weiß und Gel,
Dem ist die Suppenkelle
Allein ein Fluchtbefehl,
Der träum sich eine Elle
Vor Zucker, Salz und Mehl,
Wie Tantalos die Quelle,
Wie ein Gespenst die Seel.

Wenn eine Dichterzeile
Halb frostig und halb faul,
Und Pegasos in Eile
Wie säumig bleibt ein Gaul,
So warn die Silberpfeile
Gefallen nicht aufs Maul,
Im Quellenland Buteile
Gehört zum Saul der Paul.

So wähne nicht, dich prelle
Um Fassung und Gefühl
Der Vorwurf, diese Stelle
Sei Müller ohne Mühl,
Was sich dir auch geselle,
Ob kantig oder kühl,
Die unverzagte Quelle
Quillt am Buteiler Bühl.
 

 

138
 


BIENEN-GERHARD
Wo seit kurzem auf Paletten
Bücher harrn des Wegs zur Post,
Hörst du Fink und Amsel wetten,
Ob da wiederkehrn die fetten
Jahre vor dem dicken Rost.

Gerhard, der die Imkerrüste
Einst in diesen Mauern schuf,
Meister war der Schwarmgelüste,
Gott sei vor, daß dieser wüßte,
Wie entseelt heut der Beruf.

Bienenkasten, Gitterklappe,
Futterzarge, Fluglochkeil,
Kiefernholz, nicht etwa Pappe,
Lachte übers allzu knappe
Schnöde Konkurrententeil.

Wanderbeute mit Beschlägen,
Abkehrtrichter, Imkerschmauch,
Wo das Wagen trifft das Wägen,
Stellt der Schauder nur den Trägen,
Und den Lustverächter auch.

Schleuder, Schmelzer, Wabenpresse,
Schaber, Rührer, Quirlgesind,
Wo einst fröhlich stob die Esse,
Las der Wind die Totenmesse
Und die Motten rief der Spind.
 

 

139
 
Mit der Tätigkeit verdorrte
Nicht nur Wachs und Bienenschwarm,
Denn der Frohsinn wich vom Orte,
Der mit nie geschloßner Pforte
Nahm die Jugend in den Arm.

Unter Apfel, Birke, Weide
Losch ein Bad den Sommerschweiß,
Wer hier kam aus seinem Kleide,
Schnellte aus dem Nachkriegsleide
Auf der Rutsche steilem Gleis.

Unverkrampfte, Leibesfrohe,
Waren Gerhard angenehm,
Ob Posaune, ob Oboe,
Ob das Horn, das waldhin hohe,
Frag nicht, was sich hob und wem.

Was gesungen, was geschworen,
Wissen wohl die Birken noch,
Was zum Abriß schien erkoren,
Traf ein Paar von Mädchenohren,
Und Erbarmen mit dem Joch.

Also ward der Preis entrichtet
An die Schöpfer Niedergangs,
Und die Bücher sind geschichtet,
Daß ein Preislied werd gedichtet
Auf die Heimkunft des Gesangs.
 

 

140
 


TOTEM UND TABU
Wie Parzival sich gab der Quest,
Daß Gott ihn aus dem Herzen mahn,
Vom weißen Mann sich sagen läßt,
Daß er sich sucht in Wind und Wahn,
Aus allen Himmeln trägt er heim
Gedanke, Sitte, Traumgespinst,
Zu allem Reisen treibt der Reim:
Brich auf, daß du dich selber findst!

Zwei Worte stehn am Weltenrand,
Neufundland, harsch mit rauher Kehl,
Und wuslig der Korallenstrand,
Der hell am Tonga-Archipel,
Zwei Worte, die sich einzig stelln,
Doch uns im Geist einander zu,
Zum Höhlenlicht Magie geselln,
Geheißen Totem und Tabu.

Das Totem meint, daß das Geflecht
Von Tun und Leiden, das uns hell,
Ruh wie ein Kleid auf älterm Recht,
Das allem Segen Mund und Quell,
Die Namen, deren Sinn vergaß
Das Kind, das kurz nur lebt und lacht,
Sind Nachhall aus dem frühsten Maß,
Daraus die ganze Welt gemacht.
 

 

141
 
So ruht im Wort ein stärkrer Bann,
Als er im Stoff dem Forscher frommt,
Der Name setzt, was eines kann,
Als was es geht und wiederkommt,
Der Nam schafft Haß und Liebeslust,
Schafft Sehnsucht oder Ekelduft,
Am Namen du erkennen mußt
Den Heiland und den Höllenschuft.

Wenn Sprache vor der Welt regiert,
Spricht sich ihr Eigenes nicht aus,
Wenn sie sich vor der Antwort ziert
Und namlos bleibt des Sinnes Haus,
Dann ist das Gegenwort am Zug
Und schnürt den Sack der Neugier zu,
Warum und wer das ganze trug,
Das sagt sich nicht und ist tabu.

Die Neuzeit glaubt, es könn Vernunft
Klar regeln, was da gut und bös,
Jedoch das Tier, der stets in Brunft,
Lockt jed Tabu, daß es es lös,
Und das Gegrab nach links und rechts,
Der Göttersturz des Niezurück,
Spürt mehr und mehr im Bann Geschlechts,
Es fällt so auch das ganze Glück.

Wenn das Tabu gar selbst verpönt,
Wenn Scheu nicht mehr Instinkt und Blut,
Bleibt der Verletzer unversöhnt
Und öffnet jeden Deich der Flut.
 

 

142
 
Weil dies allein ein Narr betreibt,
Wird das Tabu nur abgedrängt
Ins Dunkel, wo es namlos bleibt,
Weil man ihm keine Blumen schenkt.

Dies mehrt es maßlos, weil die Acht
Des Opfers ruft Gewürm und Kot,
Wer sich nicht beugt der Himmelsmacht,
Der wird vom eignen Fleisch bedroht,
Drum stehn Tabus millionenweis,
Wo sie verleugnet und verscheucht,
Und schließen unerkannt den Kreis
Um alles, was im Lichte kreucht.

Drum muß, wenn solches Dunkel droht,
Aufklärend sein der Ruf nach Scheu,
Wenn Reichtum sich entpuppt als Tod,
Bescheidenheit und Dank erneu,
Wer Eintracht sucht in seinem Stand,
Vermeidet Stolz, der naseweis,
Der faltet vor dem Tisch die Hand,
Und dankt dem Vater für die Speis.
 

 

143
 


FAHLWEIDENHOF
I

Die Nesseln an der Wade
Fürcht nicht der Pionier,
Die ausgetretnen Pfade
Aus deinem Blick verlier,
Nutz Dornspalier und Halden,
Zieh krumm den Weg ins Ziel,
Die Fluren zu bewalden,
Werd dir zum Lieblingsspiel.

Nicht wo die Kraftfahrzeuge
Sich tummeln, sei Portal,
Auch wer sich Pirsch und Beuge
Anheimgibt tausend Mal,
Treib ohne Schild und Lampe
Wie eine Friesendün,
Zum Speicher und zur Rampe
Gehts freilich ohne Mühn.

Wer im Gemach willkommen,
Den leitet der Instinkt,
Dem andern würd nicht frommen,
Daß ihm ein Weiser winkt,
Denn alles gut Versteckte,
Das meidet die Reklam,
Wird jenem das Entdeckte,
Der aus sich selber kam.
 

 

144
 
Wer aber wird getrieben,
Der bleibe wo er sei,
Um inniglich zu lieben,
Ist ärgerlich die Drei,
Wer Weite nennt sein eigen,
Der liebt das Labyrinth,
Dort solln die Straßen schweigen
Die viel befahren sind.

Dort solln die Birken künden
Und Amseln auf dem Ast,
Hier sein die Weltensünden
Wie unbemerkt verpaßt,
Hier soll die Spinne weben
Ihr Gleichnis ungestört,
Denn hier beginnt das Leben,
Das auf sich selber hört.
 

 

145
 
II

Wo die Weide auch ein Riese
Nicht umfaßte mit dem Arm,
Teilt der Birnbaum auf der Wiese
Meinen schlecht verhehlten Harm,
Wo bestickt mit Ornamenten,
Flog der Rock in lauen Bön,
Fiel der Mut dem Abgetrennten,
Den bedrückt das Tausendschön.

Zwar sinds Tage nur und Wochen,
Doch die Lieb zählt jede Stund,
Und sie fragt, was sie verbrochen,
Ist erreichbar nicht der Mund,
Ihren Schritt, den Feen-zarten,
Wähn ich hinterm Haselstrauch,
Doch im näher Offenbarten
Wars vom Herbste nur ein Hauch.

Aus dem Rot der Hagebutte
Grüßt die Lippe, die ich such,
Sind zerrissen Strumpf und Kutte,
Scheint der Garten mir ein Fluch,
Ohne sie und ihre Stimme,
Sind die Astern welk und fad,
Und die Sonne lobt das Schlimme,
Und der Wind weiß keinen Rat.
 

 

146
 
In das Schicksal sich zu fügen,
Ward Parole und Befehl,
Wo mir die Kastanien lügen,
Sind geschwunden Licht und Seel,
Ihre Finger auf der Braue,
Spür ich, wenn ich Augen schließ,
Doch was ich, sie öffnend, schaue,
Ist ein finsteres Verließ.

Unrecht muß mein Klagen schelten
Alles, was da prunkt im Gold,
Denn ich weiß, sie wird entgelten,
Was an Warten ich gezollt,
Doch krall mich an die Mauer,
Wo die Winde nicht mehr rankt,
Und ein dichter Flor der Trauer
Keinen Gruß dem Garten dankt.

Mögen auch den Birken rauschen
Und der Herd mit Macht rumorn,
Wenn wir Zärtlichkeit nicht tauschen,
Ist der Sinn des Heims verlorn,
Aber einmal wird uns beiden
Auch das himmlische Geschenk,
Daß sie niemals mehr muß scheiden,
Daß ich meine Blicke senk.
 

 

147
 


DER AUGENBLICK
Es war ein Tag wie ungezählt,
Die Stadt war laut wie andre auch,
Und kein Gefühl hat mich gequält,
Daß ich sie einmal wiederbrauch.

Dort zwischen dem vergeßnen Sinn
Ein Leuchtinsekt im Dornentann...
Wie ich dir wohl begegnet bin?
Ich greif es nicht, solang ich sann.

Es war ein Blick, ein Lächeln nur,
Vielleicht ein Wink und fast ein Gruß.
In dieses Reich führt keine Spur,
Und nur im Kreise tappt mein Fuß.

Was ist vertan? Was sollte sein?
Ich werds im Leben nicht erfahrn.
Den Störchen schau ich nach und mein,
Der Zug könnt etwas offenbarn.

Was haben Meer und Dünensand
Mir zwischen dieses Aug getürmt?
Allein die Wunde nicht verschwand,
Die lauter, als es draußen stürmt.

Wie war ich achtlos? schelt ich dumpf
Mein Wagen und mein Gehn durchs Feld.
Die Sanduhr mag die Last im Rumpf,
Und niemand, der sie wirksam hält.
 

 

148
 


WEIHNACHTSNACHT
Wenn der Seemann kehrt nach Haus,
Wenn der Krieg in Flandern aus,
Wenn der lang Ersehnte lacht,
Dann regiert die Weihnachtsnacht.

Wenn die Mutter herzt den Sohn,
Wenn der Schwester Harfenton
Haus und Garten himmlisch macht,
Dann regiert die Weihnachtsnacht.

Gott ward Mensch und Krippenkind,
Selbst im Nord erzählts der Wind,
Wenn im Schnee der Schornstein wacht,
Dann regiert die Weihnachtsnacht.

Trubel bringt den Geist zu Fall,
Dem Geschäftssinn wich der Stall,
Wenn man Kerzen schlicht entfacht,
Dann regiert die Weihnachtsnacht.

Nicht nach dem Kalender gehts,
Wo man glaubt, sind Engel stets,
Schätzt du, was sie mitgebracht,
Dann regiert die Weihnachtsnacht.
 

 

149
 


KERZENSCHEIN
Ihrer zwanzig an der Tanne,
Grad wie Knaben rank und fest,
Gleiche ganz im Wuchs, im Banne,
Daß sich schwerlich wetten läßt.

Aber dann die ersten Lücken,
Manche flackern, andre fahln.
Wie aus höchst verschiednen Stücken
Siehst dus gehn und weiterstrahln.

Manche löschen jäh wie Blasen,
Manchen folgt ein dichter Rauch,
Diese stirbt in hellsten Phasen,
Jene klagt mit Wehgefauch.

Ob sie leise weiterglimmen,
Ob zuletzt Reserven stehn,
Läßt sich vorher nicht bestimmen,
Noch am Brandverhalten sehn.

Ob der Sparer, der Verschwender
Mach das Rennen, weißt du nicht.
Wer zur Nacht der letzte Spender,
Sagt dir erst das letzte Licht.

Dem verwandt scheint dir der krumme
Weg von allem, was gestellt,
Denn die Mitte wie die Summe
Zeigt der letzte erst, der fällt.
 

 

150
 


UNTERM TANNENBAUM
Goldner Engel an der Spitze,
Kerzen, rot und weiß wie Schnee,
Daß das Deckchen richtig sitze,
Daß den Pott das Aug nicht seh,
Sorgt Johanne, wenn die Tochter
Putzt den Baum mit Band und Stern,
Friesentee, grad frisch gekochter,
Duftet auch am Tag des Herrn.

Die verschmuste Tigerkatze,
Wundert sich, was man da tut,
Die Bewegung reizt die Tatze,
Das Geblink macht Brodelblut,
Als der Baum noch lag im Wasser,
Sprach der Harz von Jagd und Glück,
Nun ist zwar das Duften blasser,
Doch metallen prunkt das Stück.

Wurzellos in seinem Topfe,
Fehlt dem Baum der rechte Stand,
Doch nach dem Lametta-Zopfe
Schaut das Grünaug unverwandt,
Auf die Äste jetzt sich schleichen,
Merklich kaum, so leis und flink,
Und das Flitterzeug erreichen,
Spricht des Strohsterns holder Wink.
 

 

151
 
Hilke und ihr Rotbart-Ferge
Passen auf, daß dies nicht klappt,
Doch Geduld versetzt die Berge,
Recht behält, wers Glitzern schnappt.
Aus dem Fenster schaut die Kleine,
Grad als sei der Baum ihr wurst,
Aber Trug dem Augenscheine
Lodert rot der Tatendurst.

Als die Kerzen schließlich brennen,
Fasziniert das Lichterspiel,
Doch die Katze kannst nicht kennen,
Die vergißt beschloßnes Ziel,
Auch das Feuer kann nicht schrecken,
Wer mit Vorsicht und Bedacht
Losgeht, um sich hinzustrecken,
Wo das Gold der Sonne lacht.

Tagelang der Kampf der Wächter,
Anlauf, Sprung und harter Griff,
Doch die Runde für den Fechter
Fand noch nicht den Abgangspfiff,
Also schleicht die Katze weiter
Um den Baum, der gleißt und lockt,
Denn sie braucht ja keine Leiter,
Daß sie bei den Sternen hockt.

Irgendwann sind alle Blicke
Abgewandt und schläfrig gar,
Dann sitzt niemand im Genicke,
Niemand, der dann rascher war,
 

 

152
 
Denn es ist nicht dran zu rütteln,
Daß erforscht sein muß, was blinkt,
Und vom Wort nicht abzuschütteln,
Daß die Pracht dabei versinkt.

Also sind die Feiertage
Und die Zeit am Tannenbaum,
Halb Belustigung, halb Plage,
Und von Kurzweil wie ein Traum.
Denn die Katze, die uns schmeichelt,
Die sich schmiegt in zarter Last,
Wird doch niemals so gestreichelt,
Daß sie ganz vergäß den Ast.
 

 

153
 


JAHRESWENDE
Immer, wenn ein Jahr verlischt,
Schaust du auf den Lebenskreis,
Der die Farben spannt und mischt,
Der sie sammelt und verwischt
Und verschweigt auf weß Geheiß.

Schnee verheimlicht Weg und Rain,
Reif versilbert Busch und Tor,
Korken knalln und Böller schrein,
Und manch Bitterkraut im Wein
Fragt, was steh der Welt bevor.

Frohsinn kippt sich kübelweis
In die Stadt, wo mancher bangt,
Und der Straßen Spiegeleis
Knirscht wie Glas und doch zu leis,
Wenn die Uhr zur Zwölf gelangt.
 

 

 

 




ZWEIFELSBACHGRUND





»Ich weiß, daß du der Brunn der Gnad
und ewge Quelle bist,
daraus uns allen früh und spat
viel Heil und Gutes fließt.

Du füllst des Lebens Mangel aus
mit dem, was ewig steht,
Und führst uns in des Himmels Haus,
wenn uns die Erd entgeht.«

 
PAUL GERHARDT       

 

 

 

157
 


ZWEIFELSBACHGRUND
I

Mit Euphrat und Tigris, dem Zweiströmeland
Macht dich erst die Schul und die Buchwelt bekannt,
Doch eh du entziffertest Zeichen und Satz,
Hast du dich gebildet bei Amsel und Spatz,
Vom Storch auf dem Dach ward die Mittellag kund,
Denn du bist gewachsen im Zweifelsbachgrund.

Zwei Bäche, der Zweifel als Urwort für zwie,
Nach Ost und nach West, und die Quellmelodie
Erschien dir noch holder als Vogels Gesang,
Das schlichte zu würdigen, irrtest du lang,
Doch was auch bestimmt sei dem Herzen, dem Mund,
Es liegt dir beschlossen im Zweifelsbachgrund.

Du warst an der Donau, der Weichsel, dem Rhein,
Du wolltest ein Adler und hochgemut sein,
Die Alpen, der Kaukasus und der Olymp,
Sie haben den Bergsteigerrücken gekrümmt,
Doch machen die Meere die Welt dir nicht rund,
Wohl aber die Teiche im Zweifelsbachgrund.

Nicht sprach Salamander aus gnostischer Schrift,
Wohl aber dem Kinde, das streunend ihn trifft,
Die Schlange, die Wüstenaltäre bethront,
Sie hat dir im Bache als Natter gewohnt,
Der Vorwitz der Maus, und so fing sie der Hund,
Du hast ihn erfahren im Zweifelsbachgrund.
 

 

158
 
Den Zweifel von Buridans Esel begreift,
Wer zwischen der Fülle des Lieblichen schweift,
Wer also beschenkt ward auf engestem Raum,
Der zweifelt allein, ob es wahr oder Traum,
Im Glitzern des Taus wird die Aue zu Punt,
Doch niemals beraubt wird der Zweifelsbachgrund.

Die Goldsucher, die sich verzehren im Neid,
Sie haben den Geist nicht des Viehs auf der Weid,
Sie jagen nach Schätzen aus Flitter und Tand,
Wer aber nach Eden ganz mühelos fand,
Der pfeift auf das Protzen mit Schwindel und Schund,
Denn er ist begnadet im Zweifelsbachgrund.

Dies ist nicht nur Buchen- und Pilzparadies,
Des Märchens Obwalter und Springborn für dies,
Im Glitzern der Tannen, in Eichenbaums Hohl
Erlauschst du der Ahnherren Wahnweh und Wohl,
Und was du auch suchtest, dir wurde der Fund
Sofort oder später im Zweifelsbachgrund.

Drum höre ein jeder, der zweifelt und hofft,
Die Wahrheit ist näher und unbemerkt oft,
Die Quelle, die dich in die Fährnisse spie,
Versiegt nur in dir, doch im Ursprunge nie,
Drum kehre nach Wanderschaft wehe und wund
Ins Heil und erkenn es als Zweifelsbachgrund.
 

 

159
 
II

Wir nähern dem Einen uns stets durch die zwei,
Wir scheiden und finden die Einheit dabei,
Nur wenn wir es wagen, gespalten zu gehn,
Erschließt sich das Bild, das gerastert wir sehn.

Die Dinge sind nicht allein Form und Substanz,
Auch ihre Materie ist zwiespältig ganz,
Wer aber beleuchtet den inneren Stoff,
Nur Weisheit in aller Bescheidenheit hoff.

Chymisten in alter und neuerer Zeit
Der Lösung der Rätsel mal näher mal weit
Sich wähnten, doch wisse, ob Krone, ob Keim,
Der Geist und die Seele sind klar wie geheim.

Als Geist gilt dem Forscher die innre Struktur,
Das Muster, nach welchem der Schöpfer verfuhr,
Als Seele hingegen die Affinität,
Die, Wunsch und Versuchung, im Stoffe besteht.

Wir glauben, im letzten fall beides in eins,
Und doch wird der Deuter ein Opfer des Scheins,
Erscheint ihm der Gipfel, den grad er erklomm,
Als hinreichend, daß nur Bestätigung komm.

Was leuchtet als Wiederkehr, Not und Gesetz,
Ist stets nur ein Stein, der die Klinge uns wetz,
Die Ähnlichkeit, die der Gestalt allgemein,
Die Einzigart kreuzt, die im Kerne geheim.
 

 

160
 
Der Geist will die Regel, die Fallsymmetrie,
Die Seele doch raunt ihm, die gäbe es nie,
Der Geist setzt die Linien gerad, parallel,
Der Seele ists Grund, daß sie ganz sich verhehl.

Drum wird ohne Liebe auch dein Theorem
Ein grobes Verkennen, das höchstens bequem,
Nur wer der Natur ihre Eigenheit läßt,
Dem setzen die Löcher die Räder nicht fest.

Und darum beirr auch der glücklichste Fund
Den Zweifelnden nie, daß ihm weniges kund,
Den wer sich erhebt, geht sich selbst auf den Leim,
Denn alles, was ist, ist im letzten geheim.
 

 

161
 
III

Vertrau auf die Maße und schließ analog,
Doch nehme gefaßt, daß der Spiegel dich trog,
Sei stets dir bewußt, wenn in einen du schaust,
Daß du dir den Blick in die andern verbaust,
Es sei die Verblüffung, die fröhlich dich mach,
Den eins ist der Grund, aber doppelt der Bach.

Verfeme dein Eden als dumpf nicht und Schleim,
Die leichte Verschiebung beseelt erst den Reim,
Wo immer es hieß, daß die Linie beginnt,
Erschien dir am Ende das Pfad-Labyrinth,
Mit jeglichem Stocke entfernt sich das Dach,
Denn eins ist der Grund, aber doppelt der Bach.

Wer Sonne begehrt, nicht verachte die Nacht,
Sie ists, die dem Tage die Säulen gemacht,
Wem alles vertraut, das bedeutende seis,
Verzag nicht im Eindruck, er schreite im Kreis,
Allein was dich schläfert, macht anderntags wach,
Denn eins ist der Grund, aber doppelt der Bach.

Das Edle verlangt, das ein anderes rüd,
Der Mut erst ermöglicht das sanfte Gemüt,
Das sorgsam Gefügte, stabil, bewährt,
Auf Schmetterlingsflügeln durchs Abendrot fährt,
Wer findet, der sorgt sich, wie selbst ers entfach,
Denn eins ist der Grund, aber doppelt der Bach

Vergiß nie, daß Weisheit zuletzt Poesie,
Denn aus dem Komplexen das Schlichte gedieh,
 

 

162
 
Im Tode erhoff nicht die Einfalt der Spur,
Den jeglicher Wandel ruft Wandlungen nur,
Dir gelte als Freiheit, was anderen Schach,
Denn eins ist der Grund, aber doppelt der Bach.

Aus turmhoch Gehäuftem beliebig nicht wähl,
Mit Wissen und Liebe beschreib und erzähl,
Glaub nie, daß das eine dem anderen feind,
Denn zwiefach hat Gott seine Schöpfung gemeint.
So spür, daß im Rätsel der Rater dir lach,
Denn eins ist der Grund, aber doppelt der Bach.
 

 

163
 


QUELLE AM HANG
Sie taugt nicht zum Halten für Wägen und Karrn,
Die allzu Beflügelten ohnmächtig starrn,
Mäandern von Schotter, im Tannicht gerankt,
Dem ruhlos Bewegten sie Heimlichkeit dankt,
Wer aber sich freihält die Rad und Gefährt,
Dem ist auch der herrlichste Quell nicht verwehrt.

Wer hier sich besprudelt, der ahndet im Herz,
Wo Wasser sich freigibt, ist Aufbruch und März,
Wo Wasser im Licht, das durch Laubicht ihm blinkt,
Sich güldet, das Heil aus der Finsternis winkt,
Sind dorten auch Statthalter Fluch und Gewein,
Das Wasser wird Frühling und jungfräulich sein.

Ob Trunk oder Bad, ob nach Müh oder Fest,
Nur was sich erneuert, schafft Heimat und Nest,
Der Bronnen gibt alles, und daß er versieg,
Reicht nicht ein Jahrhundert von Teufel und Krieg,
Drum wisse, daß Gott wie am Schöpfungstag spricht,
Und nie dich verläßt bis zum Jüngsten Gericht.

Und nicht nur die Kehle, die Haut und das Haar
Verholdet und heiligt was arglos und klar,
Die Seele, versucht und vom Grame geschwächt,
Sie findet im Fließen ihr göttliches Recht,
Drum gehe getrost, ist dir düster und bang,
Auf daß sie sich schenke, zur Quelle am Hang.
 

 

164
 
Nicht faßt ihre Wonne das Salz-Mineral,
Dem Fänger, dem Horter versagt sie sich schal,
Sie ist, wie die Griechen schon sangen, beseelt
Und niemandem willig, der räuberisch fehlt,
Doch wer nicht zu faul, daß ihr Anblick sich böt,
Den grüßte sie nimmermehr trocken und spröd.

Ihr Schenken ist frei, doch Beschenkter zu sein,
Fand lang schon nur selten ein Wandrer sich ein,
Die meisten bevorzugen, was man bezahlt,
Und wundern sich bloß, daß die Seele verfahlt,
Drum künde dem Volk, das die Spende nicht juckt,
Wie sie unserm Tage die Reichtümer spuckt.

Denn allen soll frommen, was dazu gemacht,
Was Sonne zu küssen sich sammelt bei Nacht,
Was selber ein Leben ist Lebens Essenz,
Und keiner soll meinen, er wiß es und kenns,
Denn nur wer sich hingibt für heute und je,
Befreit sich vom Wegstaub aus Kummer und Weh.

Zu spät ist es nie, doch ein Narr ist wer säumt,
Von reicheren, schöneren Felsquellen träumt,
Nicht fern ist das Reich, das dich himmelhin führt,
Du hast es am frühesten Lichttag gespürt,
Und wußtest, die Treu hält wie keine so lang,
Drum suche noch heute die Quelle am Hang.
 

 

165
 


BACH
I

Bach am Weg, als Weggesell
Hältst du tiefes Schweigen wach,
Selbst bei Nacht tönst du so hell,
         Bach.

Federleicht und doch nicht schwach
Streichelst du das Trommelfell,
Guter Stille Grund und Dach.

Manchmal dringt ein Hundsgebell
Her vom Dorf ins Laubgemach,
Aber du vergißt es schnell,
         Bach.
 

 

166
 
II

Bäche zwei, und keine Stunde,
Daß ein Lied durchs Tannicht breche,
Sängers Wege sind im Grunde
         Bäche.

Im April sinds ziemlich freche
Geister, die mit vollem Munde
Blasen die Schalmeienbleche.

Froh bezaubern sie die Runde,
Und kein Wandrer zahlt die Zeche,
Was verschmerzbar für gesunde
         Bäche.
 

 

167
 
III

Bachgespring und Quellgesprüh
Im Gesang zusammenbring,
Was der Quelle Hott ist Hü
         Bachgespring.

Daß dir solche Kunst geling,
Pergamente nicht bemüh,
Denn vollkommen tönt das Ding.

Heische nur, was sich dir früh
Gab als Reim und Grundes Ring,
Daß aus deinen Versen blüh
         Bachgespring.
 

 

168
 


ZWEIFEL
Nicht den Aal und nicht den Aar,
Grüßt das Wort im Alphabet,
Des Beginns, der Brünne bar
Das Zurückgestellte steht.

Nicht am Ende endlich eins,
Parzenhand zerschnitt den Zwirn
Angesichts des Sonnenscheins
Und nicht nachtbedeckter Stirn.

Zwei schafft Zwist und letztlich Zwang,
Zwickmühl heißt der ärgste Zaum,
Zwietracht führt zum Untergang,
Und die Zange schlingt den Raum.

Zweitrang ward der Silbe zwar,
Wo der Vorsatz »zer« verzerrt,
Zwergenhaft der zweite war,
Wo dem Sieg man Hymnen plärrt.

Zaudern, zagen, zwischenstehn,
Sind der Feigheit Zofenschar,
Zwittrig ist ein Doppelsehn,
Das zu tief im Weine war.

Zwielicht ist der Hoffnung feind
Und ein teuflisch Ding dem Stern,
Aber eines, wie mir scheint,
Nennt sich auch das Dunkel gern.
 

 

169
 
Denn die vielgepönte Zwei
Schafft nicht nur gerad und krumm,
Sie verrät dem Einerlei,
Daß die Einfalt einfach dumm.

Erst die Zwille gibt dem Stein
Kraft, daß er die Scheibe ritz,
Zwiefach müssen Pole sein,
Daß erwach der goldne Blitz.

Zwei sind not, das etwas werd,
Eins ist stets im Rücken nackt,
Erster Blick allein begehrt,
Doch Erfolg erwächst dem Takt.

Daß die Drei von Eins und Zwei
Tugend ein zu Plotins Geist,
Rat dir Einem nebenbei,
Daß dein Weibchen Zweifel heißt.
 

 

170
 


GRUND
I

Grund wozu und Grund wofür,
Alle Gründe gründlich frag,
Ob dir einer heb die Tür
Oder sie verschließen mag.

Daß zum Gründer einer taug,
Sei nicht grundlos anerkannt,
Gräber grub mit blindem Aug
Oft des Lied vom grünen Land.

Grob der Groll und groß der Grimm,
Wenn Gegrät die Kehle greift,
Grillenfrei die Greifer nimm,
Eh der Stabreim sich versteift.
 

 

171
 
II

Das, drauf einer steht und bleibt,
Was ihn trägt, den Traum verleibt,
Bis ihn schlingt der Todesschlund,
Unserm Volk das Wort beschreibt:
Grund.

Gleichfalls drängt sich jeder Sach
Ursach auf als Fug und Fach,
Doppelsinnig spricht der Mund
Und schafft so zu Ungemach
Grund.

Solcher Lug im Doppelsinn,
Läßt verzweifeln im Beginn,
Läuft das Faß, so brauchts den Spund,
Daß im Rieseln, im Gerinn
Grund.

Wort nur jenem Sinn verstreut,
Der Gewank wie Festes scheut,
Dems zu öd und auch zu bunt.
Aber dir ists großer Freud
Grund.
 

 

172
 
III

Der Grund ist mehr als Gründe,
So sprach der Stein zum Schwamm,
Der Baum nicht fester stünde,
Gäbs mehr als einen Stamm.

Der Grund hat selber keinen,
Sonst bliebe er bedingt,
Dem Leben will es scheinen,
Daß es zumeist gelingt.

Wenn alle Dämme brechen,
Verläßt mich nicht der Reim,
Denn auch in See zu stechen,
Führt unsereins nur heim.
 

 

173
 


WASSER
I

Der Cheper der Ägypter spricht den Wassern,
Auch in der Bibel schwebt der Geist darauf,
Der Sonnenblick erkennt sich erst im nassern
Und schließt erst so die Weltenpforte auf.

Auch Thales ists das Ur von allem Walten,
Empedokles stellt Feuer, Luft und Erd
Hinzu und faßt als Vielfalt der Gestalten,
Daß eins das andre meidet und begehrt.

Man wies ihm als Symbol den Zwanzigflächner,
Der kosmisch reinen Körper Höchstgesicht,
Für alle Zukunft und für alle Rechner
Bewies Euklid, daß weitre gibt es nicht.

Es eint das Schlichte mit der Raffinesse,
Es ist der Wandel selbst und reiner Fluß,
Eh tönen kann der Urbaß aller Bässe,
Das Eis aus Joves Reichtum kommen muß.

Und wie es schmilzt, wirds Ozean und Wolke,
Es fließt im Kreis durch alles, was entsteht,
Es wird verehrt bei jedem Menschenvolke,
Weil es das Rad von Not und Fülle dreht.
 

 

174
 
II

So häufig wie das Wasser uns, so selten
Ist seine Art, als höchstes Weltenwunder
Muß dieser Habitus dem Weisen gelten,
Kein Gottbeweis erschiene mir profunder.

Je tiefer man erforscht das feuchte Wesen,
Das Regeln weiß zu spotten wie zu setzen,
So mehr muß man erfahren, wie erlesen
Die Kühle ist, dran wir die Lippen netzen.

Das Teilchen, das dem Wasser das gemeine
Reiht nicht gerad die innren Gegensätze,
Gekrümmtheit schafft ihm seitenungleich Beine,
Da sich die Schar nach Traubenart vernetze.

Da gleichwohl dies Umarmen nur gelinde,
Löst sichs so rasch wie es sich grad gebildet,
Im Wechsel, daß sich etwas lös und finde,
Der Wandel sich zu Wandelbündeln gildet.

Die machen, daß des Wassers höchste Dichte
Liegt über dem Gefrierpunkt, daß im Meere
Das Eis von einem schwimmenden Gewichte
Und so das Plankton nicht am Grund verheere.

Auch Wärmespeicher, Oberflächenspannung
Sind einzigartig beim Geschenk der Quelle,
So zeigt uns deutlich die geballte Bannung:
Der Schöpfer dachte an den Fall der Fälle.
 

 

175
 
III

Manch einer meint, der Christenbrauch der Taufe
Sei ein Verfall und von geringer Weihe,
Es gält, das Tierblut auf den Täufling laufe,
Mit Gold und Blut begnade sich der Freie.

Doch Bluten gegen Wasser auszuspielen,
Verrät ein Unverständnis für Symbole,
Der Saft des Tiers ist einer nur von vielen,
Und nicht die Farbe macht den Geist der Sole.

Im Baume strömt es grün durch die Kanäle,
Und auch Kristalle bergen Elixiere,
Daß uns der Geist zur Zeugenschaft erwähle
Geschieht nicht, weil wir ähnlich sind dem Tiere.

Das Wasser aber ist von einem Range,
Der keinem ziemt, ob fest es sei, ob flüssig,
Es birgt den Königsweg zum Übergange,
Drum scheint mir diese Wahl gemäß und schlüssig.
 

 

176
 
IV

Der Salzkristall von nicht geringer Härte
Wird sich nur bei der ärgsten Hitze regen,
Dem Wassertropfen keine Macht sich sperrte,
Als sei er allem Feuer überlegen.

Die Lösekraft, das Zeug zum Gitterbrecher,
Ist Seele und Verwandlungsweg der Feuchte,
Es ruht Gewalt in deinem schlichten Becher,
Daß jeder Dämon diesen Schlüssel bräuchte.

Denn nur die Lösung weiß zu kombinieren,
Wo sie nicht treibt, ist alles bloß Behälter,
Sie bannt den Kern und weiß auch zu verzieren,
Sie jüngt, und wird dabei kein bißchen älter.

Drum geht vom Wasser nicht nur aus das Leben,
Auch Götter steigen aus dem Meeresschaume,
Die Täler schabts und seine Wolken weben
Das Gegenstück zum dunklen Strom im Traume.
 

 

177
 


PHLOGISTON
Dem Wasser ist das Feuer gegensätzlich,
Im Kampfe muß der jeweils Schwächre weichen,
Das Übermaß von jedem ist entsetzlich,
Doch im Verbund sie uns zum Glück gereichen.

Das heiße Wasser kann die Rübe garen,
Wie auch das Fleisch uns wundersam vermehren,
Die Küche bringt zur Sattheit größre Scharen,
Drum kam der Herd vor Horn und Spieß zu Ehren.

Wie hoher Stand die Macht besitzt zum Falle,
So suchte man des Feuers Ort vorm Zünden,
Man dachte es sich eingepfercht vom Walle,
Darauf erpicht, ins Flammenlos zu münden.

Substanz, Prinzip – von unbekannter Schwere,
Die Wärme sah man in der Fron der Masse,
Man sah sie gehn und machte, daß sie kehre,
Und suchte das Geschick, daß sie erfasse.

Der tiefre Blick sah immer zweie werken,
Daß etwas brenn wie in der Luft der Zunder,
Da der Gesamtheit kein Verlust zu merken,
Strich man Phlogiston aus dem Flammenwunder.

Die Wärme war nun Arbeit, Licht, Magneten
Verwandt und diese Sonnengeister-Sippe
Blieb selbstisch im von ihm nur Durchgedrehten,
Daß es dem Balken gleichviel, ob er wippe.
 

 

178
 
Man postulierte nun, daß Kraft und Stoffe
Zwar innig sich durchdrängen, aber beide
So eigenhold, daß keins das andere hoffe,
Und jedes sich mit seinem Clan bescheide.

Doch wie die Weisheit immer will verflechten
Prinzipien, die getrennt sich offenbaren,
Gabs Gründe, mit dem Grundsatz doch zu rechten,
Und Wärme und Substanz in eins zu scharen.

Im Sonnenofen, wo sich Elemente,
Aus andern schmieden und in andere spalten,
Schuf sich ein neuer Blick auf das Getrennte,
Das tunlich ist den irischen Gestalten.

Als das Atom, der Urkern im Metalle
Gespalten ward zu Stürmen unvergleichlich,
So zeigte sich im neu entdecktem Falle,
Nicht nur die Kraft als weltbedrohend reichlich,

Man maß auch, daß die Masse sich verkleinert,
Und seither gilt das Leuchten aller Sterne
Als Strahlen, das die Wesenheit entsteinert,
Zerstieben, was zu heimeln weiß in Ferne.

So tritt Phlogiston wieder in die Welten,
Nur freilich fein und besser nie gefunden,
Drum hüt dich Überwundenes zu schelten,
Der Wissens-Wettlauf hat noch viele Runden.
 

 

179
 


SALZ
Das Salz vereint noch schärfre Gegensätze
Als Wasser und die Macht, daß zwei sich binden
Und so entfliehn dem eigenen Gesetze,
Ist selten solcher Ungeduld zu finden.

Bevor man beide fand im reinen Schrecken,
Warn wäßrig sie Standarten schon Bewehrter,
Im Laugen- und im Säurenreiche strecken
Achill und Hektor ihre blanken Schwerter.

Daß Laug und Säure ihre Ätzung lassen,
Gilt freilich nur dem Mischer im Labore,
Daß sie einander Wehr und Waffen fassen,
Mißdeut nicht, daß sie friedlich sein im Chore.

Denn wenn sie auch nicht mehr die Hand verbrennen,
Streun in die Wunde Salz nur Folterknechte,
Nicht harmlos sollst die mildre Ätzung nennen,
Darum vergleicht dem Salz sich der Gerechte.

Die Kochkunst, die das Wasser eint dem Feuer,
Fand neben Öl im Salz die vierte Säule,
Unscheinbar schweigt es im genarbten Streuer
Und widersteht der Hitze und der Fäule.

Ein Märchen weiß, daß Schätze und Geschmeide
Entbehrlich sind, doch nicht das Salz zum Kochen,
Nicht nur, daß sich die Zunge linder weide,
Was uns bekömmlich, wird erst kleingebrochen.
 

 

180
 
Denn dem Kristall ists eigen, daß er Stränge,
Die starke Muskel warn erjagter Säue,
Sie schonend, wie es nützlich uns, versenge,
Daß dies den Magen und das Blut erfreue.

So ist das Wunder aller Weltgewebe
Gewaltigkeit und Milde im Vereine,
Keins ist entbehrlich, daß ein andres lebe,
Drum acht Verborgnes wie das strahlend Reine.
 

 

181
 


SODA
Es krustet oder blüht wie Pilz und Moose,
Zehn Teilchen Wasser trägt es im Kristalle,
Am Nil verziert es gern das Wasserlose,
Und mancher Grotte überblümts die Halle.

Den Pharaonen trocknete die Leichen
Der Durst, den Wärme aus dem Salzsee fällte,
Das Mineral konnt keinem Volke reichen,
Weils dienstbar ist bei Hitze wie bei Kälte.

Es reinigt und verseift uns Tran und Fette,
Für Leder unentbehrlich wie für Salben,
Entschwefelt, daß der Teufel knapp sich rette,
Und läßt die buntsten Flecken uns verfalben.

Jedoch den Ruhm verdankts zuerst dem Glase,
Das es zum Fließen bringt und so zum Klaren,
Es zwingt den Kiesel in die Zwischenphase,
Daß sich die Bilder nicht zu Splittern scharen.

Im Glas gab sich der Mensch die erste Brücke,
Die nicht wie Holz und Ton war vorgegeben,
Das schwache Aug fand nicht nur eine Krücke,
Dem Geist gelangs, im Sternenraum zu schweben.

Zwar kamen die Metalle auch aus Erzen,
Jedoch ihr König zeigt sich unverbunden,
Im bunten Glas und später auch in Kerzen
Wird feiertags das Gotteswort gefunden.
 

 

182
 


POTTASCHE
Schon früh gelangs, mit heller Birkenasche
Den Fruchtertrag des Ackers aufzubessern,
Daß man daraus den weißen Lauger wasche,
Gelang mit Pötten schon den Lotosessern.

Schmierseife und ein Trockner für Rosinen,
Der Teig treibt hoch zu Plätzchen und zu Kuchen,
Glasmachern kann im Soda Kali dienen,
Daß sie den Schmelzpunkt länger nicht verfluchen.

Dem Hauer kann der Form den Gips entreißen
Ein Hauch von Kali, der sich schickt zu trennen,
Auch weiß der Lauger Teilchen kleinzubeißen,
Die dem Berauschten hell im Haupte brennen.

Als milde Base bannt die Asche Säure,
Daß sie den Wuchs verstärkt, muß uns verraten,
Daß auch der Feuertod das Feld erneure,
Und großes Ding verdankt sich kleinen Paten.
 

 

183
 


MAGNESIA ALBA
Als Dolomit und Bitterspat zu finden,
Macht sie mit Kalk das Wasser hart und krustet
An Töpfen, Wannen oder Brunnenwinden,
Doch hilft sie, wenn der wunde Magen hustet.

Nach einer Stadt, am Sipylos gediehen,
Darf gleichfalls sich Magnesia nigra nennen,
Die läßt dem Glaser Eisenfarbe fliehen,
Doch der Chymist muß diese Schwestern trennen.

Denn grundverschieden ist nicht nur die Farbe,
Salzsäure läßt dich riechen, daß die beiden
Der Schöpfer nicht gebracht mit gleicher Garbe,
Sie sind sich fremd und können sich nicht leiden.

Im Puder ist seit alters diese Helle,
In neurer Zeit darf sie den Schweiß verzehren,
Denn ist die Hand auch unbedeckt vom Felle,
Kann Feuchte doch den sichern Griff verwehren.

Auch die Keramik dankt des Feuerfeste
Magnesia, deren Sprödheit nicht zu weichen,
So zeigt sich, daß kein Erdenstoff der beste,
Mischt er sich nicht mit vielen Dienerzeichen.
 

 

184
 


MARMELSTEIN
Hart und glänzend, spröd und eisig
Stehst für Tod und Tods Palast,
Doch wie Birke, Hamster, Zeisig
Fronst du See und Sonnenglast.

Denn im Odem, der dem Alle
Geist gab, gibts kein geistlos Ding,
Muschel, Kreide und Koralle
Wandeln rascher bloß im Ring.

Erst im ärgsten Fegefeuer,
Spornt dein Wandelgeist das Pferd,
Daß er die Gestalt erneuer,
Wies dem Holze leicht im Herd.

Säure nur weiß Höllenhunde,
Daß ein kalter Exorzist,
Aus Kristalls gekrümmter Wunde
Hetzt, was ihn sublim bemißt.

Wir erschaun gebannt das Wunder,
Wie das Gitter sprudelnd weicht,
Grad als ob die Flamme Zunder
Wirbelt rasch und federleicht.

Weht der Geist erneut im Winde,
Strömt er gern ins Leben ein,
Daß er Horst und Heimat finde,
Soll nicht Sorg des Freien sein.
 

 

185
 
Ist zerglüht die Himmelsstrebe,
Sehnt sie durstig sich nach Schlick,
Und das Haus, darin ich lebe,
Nutz der Asche Formgeschick.

Denn geschlämmt wird sie im Winde
Nach dem Geist des Marmels schaun,
Daß sich solcher Art verbinde
Menschenwerk und Gottvertraun.

Doch ich will nicht Marmel schinden,
Wo geringre Steine stehn,
Ehs auch ihn zu überwinden
Gilt, will ich den Dulder sehn.

Seine Spröde setzt dem Hauer
Höchste Hürde, hehrste Norm,
Keine Waage faßt genauer
Künstlers Fehl und Gottes Form.

Meine Zeit, so reich an Lügen,
Muß nicht unbelehrbar sein,
Denn den Maßstab, zu genügen
Zeigt so mancher Marmelstein.
 

 

186
 


ALAUN
Am Arnsgereuther Berg in engen Schrunden
Kannst du bewundern, wie man schlug den Schiefer,
Alaun ward hier für Gerberein gefunden,
Dies trennt vom Leder, was behagt Geziefer.

Als Vorzug ist dem Vitriol zu nennen,
Daß das Metall nur halbwegs bannt die Säure,
Wer achtet, nicht die Tierhaut zu verbrennen,
Sieht zu, daß er mit linder Schärfe feure.

Schon den Ägyptern diente solche Beize,
Das Holz zu rüsten wider Flammenzungen,
Die Schwelle noch zu höhn vom Hitzereize,
Der Römer hats mit Essigwein durchdrungen.

Auch für die Achseln galt Alaun als Ächter
Der Hast und ihrer derben Leibgerüche,
Dem Färber unentbehrlich wie dem Schlächter,
Kam er in jede wohlbestallte Küche.

Er klart Gebräu, schließt Zeugstoff alle Poren,
Daß Wasser kann nicht durch noch drinnen schweren,
Die Medici nicht wenig Kunst verloren
Fürs Monopol, das jedermanns Begehren.

Heut ist bekannter das Metall darinnen,
Das erst der Blitz titanisch kann entreißen,
Doch mögst du des Alauns dich stets entsinnen,
Wenn silberhelle Leichtigkeiten gleißen.
 

 

187
 


QUARZ
Reinst als lichter Bergkristall,
Böses Erz und Kieselstein,
Niemand kennt die Namen all
Felsengrob und sanduhrfein.

Glasglanz, wo das Prisma ganz,
Fettglanz, wo ihn Willkür bricht,
Jeder Aue, jedes Lands
Träger, doch verwandt dem Licht.

Denn, der trüber Milch sich mengt,
Eisen-lila, Nickel-grün,
Leuchten jeder Klause schenkt,
Weißt du ihn zum Glas zu glühn.

Häufig er wie Hinz und Kunz,
Doch zu schaun in Vielgestalt,
Was der Mensch auch sonst verhunz,
Nie wird ihm das Szepter alt.
 

 

188
 


ZINN UND BLEI
Leicht schmelzend und begehrlich sehr
Am Tigris wie am untern Nil,
Nach Albion lockt das Römerheer,
Daß Kornwall hat an Erzen viel.

Das Zinn, das weiße Blei, dem Herrn
Der Wolken zugeordnet, schuf
Die Bronzezeit, wo sich der Stern
Des Manns erhob im Kriegsberuf.

Doch Blei, den ältren Bronzepart,
Stach aus der hellre Bruder nie,
Saturnisch schwer in weicher Art,
Galts königlich der Alchemie.

Kams auch als giftig rings in Acht,
Taugts dem, der sein Weise kennt,
Daß er ob der Verleumder lacht
Und sich den Finger nicht verbrennt.

Zusammen wollen Zinn und Blei,
Daß linde Hitz die Stange schmelz,
Aus zwei und drei mach Einerlei,
Grad wie Vulcan mit Berg und Fels.
 

 

189
 


SALPETER
Als ich, noch nicht fern der Wiege,
Baute Burg und Wall im Sand,
Sah ich auf der Kellerstiege
Wundersamen Blütentand,
Doch der Vater mir erklärte
Und verbarg den Groll nicht recht,
Was die Mauern so verheerte,
Sei Salpeter, also schlecht.

Aus der Jauchengrube käme
Diese Krankheit, dies Geschwür,
Und es tät mit übler Häme,
Daß das Haus zur Hölle führ.
Ja, ich sah den Putz zerbröseln
Drauf die Watte schwebend hing,
Dieses Rätsel aufzudröseln,
Mancher Sommer kam und ging.

Für die Griechen war die Leichte,
Die wir atmen, Element,
Später schien der Weg der seichte,
Daß nicht sei, was keiner kennt.
Man bewies, daß unsrer Sphäre
Fünftel nur die Flamme nährt,
Und der Rest erstickend wäre,
Also umgekehrt verfährt.
 

 

190
 
Ein Gemenge von zwei Lüften,
Die einander also spröd,
Selbst wenn Blitze sie verblüfften,
Keine sich der andern böt.
Dies ist freilich sehr zunutze
Allem, was da fleucht und kreucht,
Frei von diesem eitlen Trutze,
Wärn sie uns davongescheucht.

Könnt es freilich doch gelingen,
Daß man sie zum Bunde zwäng,
Kämpften sie mit diesen Schlingen
Ums Zurück ins Freigemeng,
Also könnt in kleinem Teile
Große Kraft gebunden sein,
Daß uns fromm die große Eile,
Drin die Lüfte sich befrein.

Was im Keller wob Kristalle,
Nahm den Nährer aus den Luft,
Was der andre Teil der Kralle,
War bekannt als übler Duft,
Hagestolz im Ursprungswesen,
Doch vom Leben schwer und scharf,
Und wer einmal aufgelesen,
Wieder sich verbinden darf.

Doch ich brauchte in der Jugend
Nicht Bakterien oder Jauch,
Jede Kunst hält sich für Tugend,
Und nach allgemeinem Brauch
 

 

191
 
Gabs zum Pökeln, hundert Meter
Weit, den Laden, hell und klein,
Wo vom Kali den Salpeter
Kauft man gut und billig ein.

Hier warn die sonst Abgeneigten
Fest vereinigt im Kristall,
Zwar die Proportionen neigten
Sich nach reziprokem Fall,
Dies war keineswegs von Schaden,
Denn des Aktivpostens Mehr
Uns erlaubt hinzuzuladen,
Daß die Wirkung zehnfach schwer.

Feste Stoffe, die verbrennend
Luftig: Schwefel, Kohlenstoff –
Bald wußt ich, die Zahlen kennend,
Wie man baut den großen Zoff.
Pulver heißts, wenn man Salpeter
Mischt mit Stoffen, die mir feil,
Und es war nur Stunden später,
Daß zerbarst ein großes Teil.

Mancher meint, Chemie sei immer,
Daß es knallt und gräßlich stinkt,
Die Gemenge wurden schlimmer,
Doch die Suche Ernten bringt,
Warn die frühesten Versuche
Immer auf Zerstörung aus,
Las ich weiter in dem Buche
Und ersann ein eignes Haus.
 

 

192
 
Da ich heute dies bedichte,
Denk ich mild der Spielerein,
Ist die Knallerei Geschichte,
Muß ich doch kein Spießer sein,
Der Natur ins Aug zu schauen,
Treibt uns manchmal Gier und Zorn,
Doch ihr Heil und ihr Vertrauen
Trübt kein Blick in diesen Born.
 

 

193
 


HIRSCHHORNSALZ
Soll der Kuchen uns gelingen,
Mach ihm Dampf, das er sich bläh,
Schaffst dus nicht, ihn hochzubringen,
Wirds ein Klumpen, spintig, zäh,
Reib dich nicht an Aug und Schläfe,
Laß dem Napfe Haupt und Hals,
Mehr als Soda oder Hefe
Treibt den Teig das Hirschhornsalz.

Dieser Stoff zerfällt in Gase,
Ohne daß ein Rückstand bleibt,
Jeden Schlick macht er zur Blase,
Wenn ihn erst die Hitze treibt,
Während sonst den Salzen eigen
Säure und ein Stück Metalls,
Wagt hier Gas mit Gas zu geigen,
Und dies nennt sich Hirschhornsalz.

Stickstoff wählt sich als Marotte
Wasserstoff im Überschuß,
Daß ihn, derart aus dem Trotte,
Säurerest besuchen muß,
Da stabil allein im Kalten
Diese Nichtmetaller-Balz,
Wird im Herd Zersetzung walten
Im Kristall von Hirschhornsalz.
 

 

194
 
Stärker triebs als Kohlensäure,
Wäre Stickstoff rechts und links,
Eh der Ofen dies verfeure,
Sei gewünscht der Abriß rings,
Denn vom Ammon der Salpeter
Breitet aus den Hang Verfalls,
Und man hört auf tausend Meter,
Dies war nicht das Hirschhornsalz.

Höchsterträge heischt als Dünger,
Die Verbindung Stick auf Stick,
Fürchtend die bin-Laden-Jünger
Ist gebannt der Pflanzen-Kick,
Wie man Kindern gibt statt Bieren
Kaltgegornen Trunk von Malz,
Muß der Stick sich selbst verlieren,
Harmlos so als Hirschhornsalz.
 

 

195
 


URIN
Es gibt da so Dichter,
Die reimen Urin,
Dann wird dem Gelichter
Ein Orden verliehn,
Dann gibts Therapeuten,
Die preisen den Saft,
Die Seele zu häuten,
Der Schwedentrunk schafft.

Als Gaukler verschreien
Hingegen modern
Die dürftigen Weihen
Die Minnezeit gern,
Ins Licht wie ins Trübe
Wirft Forschung das Netz,
Nennt rareste Schübe
Gedicht und Gesetz.

Orphan mit Retorte
Sucht chymicus Brand,
Urin, der verdorrte,
Als Leuchtstoff sich fand,
Was Phosphor geheißen,
War Leibniz so hehr,
Das dieses zu preisen,
Kein Versmaß zu schwer.
 

 

196
 
Zwar hat der Entdecker
Nur selten den Lohn,
Hier steht der Verzwecker
Und dorten der Hohn,
Zum flammenlos Leuchten
Fand jener den Stab,
Der schlüpfrigen Feuchten
Den Suchermut gab.

Im Nächsten zu rufen
Was fürstlich und groß,
Ist erste der Stufen
Nach weiserem Los,
Wer aber die Aue
Im Sternenraum glaubt,
Die Wüsten erschaue,
Wie er sie im Haupt.
 

 

197
 


ARSENIK
Vom Hüttenrauch verdichten sich im Fange
Die Schwebeteilchen langsam überzählig,
Was sublimiert wird nach dem ersten Gange,
Heißt Erbschaftspulver, glasig oder mehlig.

Geruchlos und in kleiner Dosis kräftig,
Erlaubte blutlos dieser Stoff zu richten,
War wer zu träg, ein andrer zu geschäftig,
Geschichte ist ein Ring von Mordsgeschichten.

Gering dosiert gelegentlich in Mode
Als Stimulans und Tonikum der Töter,
Gewöhnung an das Leihgeschäft vom Tode
Macht Haare glatt und auch die Wangen röter.

Eupator, welcher dreifach Rom bekriegte,
Gewöhnte sich, dem Anschlag vorzubeugen,
Daß ihms unmöglich, als Pompeius siegte,
Sich zu entleiben ohne einen Zeugen.

Mordmittel wars nicht länger, als ein Brite
Zum sichern Nachweis half dem Pathologen,
Dies ist kein Zeichen, daß man linder stritte,
Die Kehle wird auch anders zugezogen.

Mit Lithium oder Lachgas anorganisch
Und psychoaktiv eine Kleinstgemeinde,
Zwar ist die Lust an diesen selten manisch,
Doch jede solche hat den Staat zum Feinde.
 

 

198
 


OXYGENIUM
Den Sauermacher kennen wir im Meere
Der Luft, er bindet Wasserstoff zum Heile,
Doch dem Gestein frommt allezeit die Ehre,
Daß es ihn trägt zu seinem größten Teile.

Was kein Metall, macht er an Erden sauer,
Und auch an Lüften, kriegt er sie zu fassen,
Ob Wein, ob Milch -- im Offnen fehlt die Dauer,
Der Sauermacher kann sein Tun nicht lassen.

Er läßt uns leben und am Ende sterben,
Der Atemzug ist Selbstmord stets auf Raten,
Den Pflanzen, die ihn spenden und erwerben,
Sind Tier und Mensch schmarotzerhaft geraten.

Daß wir verschwenden uns und ihn zusammen,
Macht uns die Muskeln und die rasche Kehre,
Er ist der Tempel, drin wir frei verflammen,
Wo Pflanzen warten, daß sie wer verzehre.
 

 

199
 


VITRIOLE
Wenn schwefelsaure Salze in Kristallen
Das Wasser binden, sagt man Vitriole,
Von Eisen, Kupfer oder Zink gefallen
Sie uns so lang wie Steinsalz oder Kohle.

Die Färber und die Gerber sind Verwender,
Dann kamen Winzer, Drucker, Tintenkleckser,
Daß man den Preiser heiße den Verschwender,
Ist unwahrscheinlich wie ein Lotto-Sechser.

Sie zeigen an, daß man als Chalkogene
Faßt Sauerstoff und Schwefel an als Gruppe,
Daß nicht am Bogen uns zerreiß die Sehne,
Macht Vitriol, das bannt des Darmes Schuppe.

Das Wort eint eines Satzes Initialen,
Der uns befiehlt, das Untere der Erde
Zu suchen, daß es blühen mög und strahlen,
Weil so der Stein, der vielgesuchte, werde.

Manch Scharlatan versucht dies auszuschlachten,
Wie in Paris der Telegraph der Schnecken,
Doch daß uns die Versuche wenig brachten,
Sagt nur, daß ihm nicht frommen solchen Zwecken.
 

 

200
 


WWW
Beim Schwefel wird vom Satan stets gesprochen,
Aus Aas und Jauche steigen Schwefeldünste,
Von Derbheit, die vom Schlemmer wird gerochen,
Sprach Luther freilich so, als wärens Künste.

Hauptgruppe sechs und sulfur sechsbuchstabig,
Der Sechserring als Herz der Schwefelringe,
Sechsflächner der Kristall und hexenwabig,
Und überhaupt der Ring weist auf die Schlinge.

Verdampft zeigt er dir blutrot seine Schrecken,
Er stellt sich dar als Hartgestein und Knete,
Die Haut und auch die Schleimhaut zu entflecken,
Sind Wunder, wo man weiß, woher es wehte.

Daß neuerdings der Himmel sauer tropfet,
Zeigt an, die Reiter satteln ihre Pferde,
Was nimmer treibt, das wird auch nicht gepfropfet,
Denn Sodom und Gomorrha heißt die Erde.

Erfüllt ist nun der Kreis von Kain und Abel,
Die sechs Millionen fülln das Maß der Frevel.
Wer trägt nicht schon das Katzengold am Nabel?
Zu guter Letzt: Was reimt sich denn auf Schwefel?

So ist der sechste Buchstab der Hebräer,
Für dies Gedicht der ausgesprochne Titel,
Die Sensen sind verteilt an alle Mäher,
Der Teufel seift mit Schwefel seinen Kittel.
 

 

201
 


CHLOR
Das Giftgas bannt das Hohe wie das Niedre,
Es mags nicht faulig und nicht einmal moorig,
Selbst Wasser frißts, daß das Proton sich fiedre,
Die Säure stellt sich vor als unterchlorig.

Als Töter auch ein Macher Ungeschehens,
Doch sparsam muß der Bleicher damit schießen,
Es weiß sogar, im Zustand grad Entstehens
Den König der Metalle aufzuschließen.

Methan ersetzts den Wasserstoff in Schritten,
Der dritte ist beliebt bei Geiselnehmern,
Das Chloroform, beim Arzt nicht mehr gelitten,
Bricht Widerstand, macht Opfer zu bequemern.

Im Salz allein kommt dieser Geist zur Ruhe,
Doch nur wenn er Alleinherr dem Metalle,
Schiebt man ihm mehrfach Saures in die Schuhe,
Gleicht, was herauskommt, der Salpeterfalle.

Als Unkraut-Ex war solches einst im Handel,
Als Natron, weil leicht feucht, nicht gut zu brauchen,
Jedoch mit einem Kalium-K am Bandel,
Ließ die Substanz nicht nur die Köpfe rauchen.

Man fügt hinzu, was feil zu oxydieren,
Bei Phosphor ist der rote zu empfehlen,
Der weiße würde nicht so lang parieren,
Beim Attentate sich davonzustehlen.
 

 

202
 
Petroleum tuts wie Sägemehl und Zucker,
Das wichtigste der Stahl ist bei den Bomben,
Ist zugeschraubt der Körper, sei kein Gucker,
Sonst siehst du glatt ein Rübenfeld von Rhomben.

Als Zündschnur reicht am Loch die Wunderkerze,
Doch sieh nicht lang auf dieses goldne Flittern,
Und sei gewiß, daß nicht Sylvesterscherze
In diesem Rohr und den gewaltgen Splittern.
 

 

203
 


JOD
Der Name kommt vom Griechenwort für Veilchen,
Dies trifft die Farbe zwar, doch nicht das Wesen,
Trifft auf die Kleidung nur ein kleines Teilchen,
Brennts dir ein Loch ganz ohne Federlesen.

Verdünnt in Branntwein, kann die Ätzung retten,
Ist dir der Stoff nicht gänzlich unverträglich,
Wundfieber legt er karg dosiert in Ketten,
Drum ruft ihn, wer im Felde waltet, täglich.

Doch nur Bakterien sind ihm sichre Opfer,
Ihr Tod wird Pilze reicher bloß bewirten,
Wer Mangel litt, dem wird sein Salz Entkropfer,
Drum gibt es freitags Fisch beim Schweinehirten.

Dem Ammoniak ersetzt er alle Teile
Des Wasserstoffs, obgleich im Stickstoff greulich,
Dies aufzuheben zeigt er höchste Eile,
Und daß es kracht, hält mancher für erfreulich.

Verliert die Lösung nämlich alles Wasser,
Genügt ein kleiner Druck für harte Schläge,
Und oft genug brauchts nicht den Druckverpasser,
Weil dieser Geist auch einsam ist nicht träge.

Das Puffen wird von Wolkendunst begleitet,
Der braun bis violett und dicht geschichtet,
Wer ahnungslos in solche Fallen schreitet,
Eklogen der Chemie bestimmt nicht dichtet.
 

 

204
 


ARGON
Den aggressiven Nachbarn grundverschieden,
Stehn Edelgase friedlich da wie Nonnen,
Und weil sie so beharrend stehn in Frieden
Wird jedes einzeln nur mit Frost gewonnen.

Das Edle zeigt sich hier in anderm Lichte,
Nicht wie beim Golde uns mit Glanz betäubend,
Es ist ein Fliehn aus Tatkraft und Geschichte,
Ein Schwesternkranz, sich wider alle sträubend.

Daß Stickstoff aus der Luft sich dichter ballte
Als solcher, den vom Ammoniak man trennte,
Die Fachwelt riet, wie sich der Grund gestalte,
Bis Ramsay sprach vom neuen Elemente.

Mit glühendem Magnesium ists gelungen,
Auch Stickstoff seiner Trägheit zu entreißen,
Doch gänzlich vom Entdeckerdurst durchdrungen,
Wars nicht genug, ein Neuland zu beweisen.

Drei Jahre später zeigte er drei weitre
Der Edlen, die den Atem uns verdünnen,
Daß laxes Messen stets im Luftmeer scheitre,
Verkündeten der Jungfraun harte Brünnen.

Das erstgefundne Gas blieb freilich feiler,
Die andern sind im großen Meer nur Samen,
Es sieht in keinem Fremden Feind und Heiler,
Drum führts die Trägheit eigenhold im Namen.
 

 

205
 
Man denkt bei diesem Griechenwort des Hundes,
Der aushält, daß Odyß nach Hause käme,
Die Zähne flohn schon lang das Reich des Mundes,
Und von den Freiern spürt er nichts als Häme.

Rührselig kommt daher die Liebeskiste,
Doch bei dem Wort ich nachzudenken rate,
Wer zwanzig Jahre ausharrt auf dem Miste,
Dem paßt die Trägheit wohl als Namenspate.

Allein Homer will davon gar nichts wissen,
Ihm ist der Name Anklang an den Weisen,
Odysseus ist der Hecht und stets gerissen,
Und alle Karpfen ihn deswegen preisen.

Dement, debil hört man Poseidon munkeln
Im Golfkrieg und beim Kriegsberichterstatter,
Was schattend, die Gloriole zu verdunkeln,
Ist Froschgequak und Federvieh-Geschnatter.

Doch Argongas ist kein devoter Köter,
Es ruht sich aus wie Gott am siebten Tage,
Es heischt kein Wiedersehn und keinen Töter
Und nimmt nicht teil am weltlichen Gelage.
 

 

206
 


PREUSSISCH BLAU
Dem Eisen gilt der Rost als ärgster Makel,
Er stellt sich ein, was immer auch geschehe,
Ihn zu erwarten, braucht man kein Orakel,
Er kommt, gleichwie ich alles füg und drehe.

Unedler sind gar viele der Metalle,
Doch nicht so kraß von Luft und Dunst betroffen,
Die Witterung legt auf den Glanz die Halle,
Darunter darf man auf Verschonung hoffen.

Beim Eisen die Valenz gefährlich wechselt,
So stellt es Säure und zugleich die Base,
Grad so als wenn ein Schwab dazu noch sächselt,
Nährt Zweifront immerfort die Eiterblase.

Die ungewisse Wertigkeit zu scheiden,
Mit blutgelaugtem Salz die Lösung teste,
Beim Antipoden fällt aus allen beiden
Das Preußisch Blau als Mineralfarb beste.

Wird Blut mit Pottasch und mit Horn und Knochen
Erhitzt, daß man den Rückstand wäßrig wasche,
Entlaugst, in Schuld wieviel an Luft beim Kochen
Das gelbe oder rote Salz der Asche.

Das gelbe ist nur minder stark gesäuert
Und so zufrieden mit den linden Fängen,
Dem roten ward von Zugluft eingefeuert,
Daß Gifte rasch aus dem Zerfalle drängen.
 

 

207
 
Zwar glüht man das Zyan nicht mehr vom Horne,
Auch brauchts kein Blut, um Eisen zu verbinden,
Doch spür den Rest von diesem alten Borne,
Siehst Preußisch Blau wen um die Schultern winden.

Das Blau gilt nicht als kriegerische Farbe,
Doch trugs der Preuß als Uniform im Kriege,
Blutlaugensalz - der Stoffnam ist die Narbe,
Die sagt, daß Blut und Eisen führn zum Siege.

Als Leibniz stand für Königs Wissenschaften,
Ward das Pigment entdeckt für alle Wetter,
Nicht Firnis kanns noch Alkohol entsanften,
Alkali frißts, und Säure ist kaum netter.

Man fragt sich, wie die Frauen der Soldaten
Die Uniform gewaschen ohne Seife,
Doch daß sie dieses höchst vortrefflich taten,
Darüber ist die Meinung nicht im Streite.

Bei Hitze ist die Farbe höchst beständig,
Man weiß, die Preußen scheuten nicht das Feuer,
Machst du den Test auf Eisen eigenhändig,
Bleib dir der Geist des Preußentumes teuer.
 

 

208
 


COBALTA
Wer herzig für ein Grubenstück,
Dem mangelts selten an Humor,
Doch hält er für mißgönnt das Glück,
Beschummelt man ihm Aug und Ohr.

Kobolde nennt er jenen Clan,
Der falsche Spuren legt und streut,
Sie weiden sich am Hauerwahn,
Weil sie verlorne Mühsal freut.

Ein Nickel, weiß man, ist ein Kerl
Der Schiffer lockt bei Nacht von Bord,
Mit mancher Ader Glastgeperl
Zog Beelzebub den Bergmann fort.

Dem Eisen sind zwei Gnome treu,
Wie Odin es die Raben sind,
Der Hoffnung folgen Müh und Reu,
Wenn solcher Geist die Netze spinnt.

Drum heißt man die Metalle beid,
Sind auch die Flüche längst verhallt,
Noch immer nach dem Bergmannsleid,
Denn Namen werden meistens alt.
 

 

209
 


KUPFER
Das Kupfer, das vom Namen zypriotisch,
Tritt früh mit Gold und Silber zur Geschichte,
Die Venusfarbe ist dem Blech symptotisch,
Nicht hart, doch hoher Dehnbarkeit und Dichte.

Heut prunkts als Dach und auf dem Turm als Spitze,
Kaum noch vergüldet, denn die grüne Kruste
Gilt als Beweis, da man schon lang hier sitze,
Drum gibts bei Patina auch ganz bewußte.

Als man es schmolz ins eins mit andern Erzen,
Geschahs nicht nur, den Schmelzpunkt abzusenken,
Der Härtemangel mußte jeden schmerzen,
Dem es Beruf, mit Schild und Schwert zu denken.

Die echte Bronze mischt es mit dem Zinne,
Man nahm auch Zink und Antimon in Nöten,
Zu viel des Zinns macht spröd, in diesem Sinne
Ein zehntel ist das rechte Maß zu töten.

Die Patina entsteht in vielen Phasen,
Teils kohlen- oder schwefelsauer, Meere
Anbei verschaffen auch Chlorid dem Rasen,
Harnsäure gibt der Lebenswelt die Ehre.

Die Wertigkeit ist zwei beim Oxydieren,
Die eins ist möglich, doch nur im Labore,
Bei Reduktion die Trüber sich verlieren,
Drum hat die Zwischenstufe wenig Tore.
 

 

210
 
Das Vitriol bekannt ist als Verbindung,
Die schöne Bläue und kristallne Helle,
Recht giftig, doch für uns geringer Schindung,
Weil dies der Magen ausspeit auf die Schnelle.

Das Kupfersalz nur halb zu reduzieren,
Nimm Traubenzucker, der besorgt dies milde,
Gespannt ist wohl der Leser zu kapieren,
Was ich mit diesem Umstand führ im Schilde.

Natürlich wieder Sprengklamauk und Knallen,
So hieß die Freizeit, als ich ging zur Schule,
Noch heute will mir mancher Ort gefallen,
Weil ich bemerk die einst gesprengte Kuhle.

Das Acetylid, das gebraut vom Kupfer,
Wie Bleiacid und Silberfulminate
Schon explodiert bei einem leisen Hupfer,
Drum ists für Schärfres gut als Zündungspate.

Zwar ist auchs Element Karbidgas päßlich,
Doch dazu muß das Gas ganz trocken schweifen,
Weil karg war mein Gerät und kaum verläßlich,
Mußt mir ein andrer Plan im Hirne reifen.

Der ziegelrote Niederschlag im Glase,
Den Traubenzucker bei Erwärmung machte,
War zu filtrieren aus der Lösungsphase,
Salzsauer ich ihn dann zu lösen dachte.

Salzsaures Kupfer, doch mit halbem Chlore,
Hinein mit dem Äthin, schon fällt die Schwärze,
 

 

211
 
Getrocknet nicht zu fest den Spatel bohre,
Und sorg, daß nicht daneben steht die Kerze.

Die schärfren Dinge, die dies Mittel zündet,
Erfahr in einem späteren Kapitel,
Zwar die Organik Zartestes begründet,
Doch weiß sie auch die allerstärksten Mittel.
 

 

212
 


GOLD UND SILBER
Mit Gold und Silbermünzen lebt das Tauschen,
Die trüben Luft nicht oder feuchte Hände,
Zwar Schwefel mag am Silber sich berauschen,
Doch dies ist nichts, was überall sich fände.

Wenn Jesus sagt, man sei dem Feind Beschämer,
Wird dies verdreht von manchem Worte-Drechsler,
Doch bleibt gewiß: gemeint war nicht der Krämer,
Denn umgestoßen ward der Tisch der Wechsler.

Er sprach: Ihr macht den Tempel zum Konsume,
Und euer Gott hat ein Gesicht von Ziffern.
Er fluchte nicht dem Unternehmertume,
Das wagt bei Wagnern, Webern oder Schiffern.

Er sprach den Leihern und den Spekulanten,
Die Münzen gegen andre Münzen wogen,
Die Nutzen ziehn vom Glanz und vom Verbrannten
Und sich verschwörn in volksentfernten Logen.

Das Edle taugt zum Gleichnis nur, als Ware
Ists ein Verbrechen wider alles Leben,
Wird dir bewußt, daß solcher Geist sich schare,
So hüte dich, ihm deine Hand zu geben.
 

 

213
 


ZINK
I

Zink uns frommt als Galmei oder Blende,
Deine Haut gleich gelbem Veilchen trink
Aus dem Bade, da die Wannenwände
         Zink.

Wohlfeil gibt sich nicht und wieselflink,
Was bereit, daß Eisen nichts verschwende,
Und sich fügt ins mattere Geblink.

Wenn verewigt, suchen deine Hände
Auch am Himmelstor die Messingklink,
Für die Lieben steht als Sarg am Ende
         Zink.
 

 

214
 
II

Zacke war dem Zink der Namensgeber,
Da uns das Metall aus trüber Schlacke
Zinkenförmig starr ward, rief der Heber:
         Zacke.

Mancher zeigt mit dem Symbole Flagge,
Mancher denkt bei Zinken an den Eber,
Andern ist das eine Dichter-Macke.

Zink allein holt Kupfer aus der Leber,
Und den Aussatz von der wunden Backe,
Bebt die Erde, nenn den tiefsten Beber
         Zacke.
 

 

215
 
III

Zinnen auf den Kanten, auf den Ecken,
Sagen an, die Wehr kann rasch beginnen,
Alles wolln, nur niemals sich verstecken,
         Zinnen.

Schwalbenschwänzig muß der Waibling minnen,
Wie der Welf das Rechteck weiß zu recken,
Doch die wahre Wehr steht immer drinnen.

Zeltdachzinnen folgen andern Zwecken,
Um zu schmeicheln weithin unsern Sinnen,
Wären ganz mit Zink gezackt zu decken
         Zinnen.
 

 

216
 


QUECKSILBER
I

Das Einhorn springt ihm durch den Wappenschild,
Und Hermes gleichts, der flink im Zwielicht geht,
Es rührt den Boden nicht, dens überweht,
Es kugelt sich und pflegt sein Eigenbild.

Metalle saugts, daß Amalgam entsteht,
Es bindet Schwefel, Sauerstoff, doch mild,
Selbst der Zinnober, der uns fürstlich gilt,
Ist ihm nur Larve, nach dem Wind gedreht.

Es dehnt sich regelhaft und netzt kein Glas,
Drum mißts den Luftdruck und den Fieberstand,
Und niemand schaff so leicht genaues Maß.

Die Giftigkeit ist groß und altbekannt,
Doch die Gefahr ist jedem, der kein Has,
Der Schlüssel, der beschwingt die goldne Hand.
 

 

217
 
II

Den Alchymisten war der Springer groß,
Die Flinkheit, die Metallen sonst nicht feil,
Verhieß die Wandlung und den Sprung ins Heil,
Hier schien der Weg nicht weit zum großen Los.

Wenn man betrachtet, wie ein jedes Teil
Die Kleider wechselt und wird niemals bloß,
Liegts nah zu traun, daß im gewaltgen Schoß
Auch Edles, das noch unerwecket, weil.

Der Spott, der später diese Mühen trifft,
Erwächst nicht Weisheit sondern Plapperei,
Denn nur, wer wagt, hat je ein Land erschifft.

Das Rätsel der Metalle liegt nicht frei,
Und wer da tönt, die Hoffnung sei ein Gift,
Beweist nur, daß er dumpf und mürbe sei.
 

 

218
 
III

Die Welt der Stoffe, die einst jeder Hirt
Beachtet hat, weil vieles taugt und paßt,
Ist dem, der Paragraphen liebt, verhaßt,
Sie fügt sich nicht in Zügel, die er schirrt.

So wird Natur zu Ärgernis und Last,
Dem Spezialisten sei, was webt und sirrt,
Wer nicht von solcher Weih, dagegen schwirrt
In Schemen, die der Sau gemäß zur Mast.

Er trinkt aus Flaschen Wasser, Wein und Saft,
Was ihn umgibt, ist mysteriös und fremd,
Verordnet wird ihm Müdigkeit und Kraft.

Er gleicht dem Sand, den Wogen angeschwemmt,
Und meint dagegen, daß er selbst was schafft,
Doch braucht er sogar Geld fürs Sterbehemd.
 

 

219
 
IV

Wenn solch ein Narr den Alchymisten pönt,
Fehlt ihm die Einsicht, daß die Schwarzmagie,
Die ihn beherrscht, vergaß die Harmonie,
Die noch im Ziegel und im Schiefer tönt.

Die Abrißkugel, die das Volk wie Vieh
Auf Triften schickt, darauf der Teufel löhnt,
Hält er fürs Glücksrad, das die Welt verschönt,
Und Reife ist ihm, was zu Schaum gedieh.

Zu diesen Übeln sagt das Einhorn nichts,
Mercurium springt, verlacht den Rost am Rad,
Vergangen scheint der Tag schon des Gerichts.

So ruft nach Schonung keiner mehr und Gnad,
Arachnes Netz, verträumte Muster flichts,
Denn was noch echt, ist sich zum Blick zu schad.
 

 

220
 


KOHLE
Wie jedes Tier, front auch der Mensch dem Wetter,
Und daß sein Bau nicht nur ein feuchter Stall,
Sind nötig nicht nur Steine oder Bretter,
Er braucht die Wärme für den Kältefall.

Dazu ist alles, was wir sonst erfahren,
Erst möglich, wenn die Nahrungsnot gestillt,
Das Kochen, Backen, Schmoren oder Garen
Mehrt uns die Kraft, die aus der Ernte quillt.

Die Wärme, die uns froh macht und geschäftig,
Gab uns das Feuer, das den Baum verschlingt,
Kein andrer Weg, ward je so segenskräftig,
Daß er genug für diese Notdurft bringt.

Windmühlen oder Wasserräder kreisen,
Sie mahlen, pressen, sägen unverzagt,
Doch den Versuch, sie Wärmende heißen,
Noch jeder als Unmöglichkeit beklagt.

Auch andre Müh, den Sonnenstahl zu fassen,
Zu fangen ihn mit Spiegeln oder Glas,
Muß Preis und Ehre doch den Pflanzen lassen,
Denn unsre Kunst reicht nicht mal an das Gras.

Der Wachstumsfrist der Bäume nicht zu zinsen,
Gab Torf das Licht, das früher eingehaucht,
Doch eher fehlt der Knoten an den Binsen,
Als daß nicht das Gesparte einst verbraucht.
 

 

221
 
Man holte Kohle aus dem Berg, die Leichen
Der Bäume, die die Urzeit einst gefällt,
Doch nur der Narr vermeint, die würden reichen
Solange, bis das Ende kommt der Welt.

Ob frisches Holz, ob Torf, ob harte Kohle,
Das kluge Tier als Pilz am Baume hängt,
Aus welcher Tiefe man auch Brennstoff hole,
Nicht änderts, daß der Baum die Wärme schenkt.

Drum soll der Kunstsinn, welcher Kohle huldigt,
Vergessen nie: sie ist der Tod des Baums,
Nur wer sein Tun bei Ast und Zweig entschuldigt,
Darf werken mit den Ahnen ihres Traums.
 

 

222
 


SUMPFGAS
Des Irrlichts, das im Moor zuweilen flackert,
Hab ich in manchem frühen Vers gedacht,
Die Dämonie, die im Verborgnen rackert,
Verschafft sich Platz am liebsten in der Nacht.

Das Gas, das sich entflammt an fauler Hitze,
Ist eigen nicht nur Sümpfen und Morast,
Der Bergmann fürchtet diese Wetterblitze,
Und mancher weiß, daß er gestorben fast.

Heut weißt man, daß im Tiefen große Blasen,
Gestein, Geröll, selbst Ozean verdeckt,
Mit Bohrern schafft man ungekehrte Nasen,
Wenn man die Hand nach solcher Beute streckt.

Kadaver sind die Lüfte wie die Wogen
Von Steinöl, Naphtha, Pech, Bitumen all,
Sie sind noch weiter her vom Grün gezogen,
Die Schnecke fraß noch vor dem tiefen Fall.

Das Gas wird als organisches geschildert,
Was mir, ganz nebenbei, ein Willkürakt,
Wenn Ammoniak aus Jauchengruben wildert,
Kommt er genauso lebensher und nackt.

Wenn Kohlstoff Kriterium ist der Scheide,
Warum sind Marmor, Kreide und Graphit
Dann ausgesperrt von dem Organikkleide?
Hier trennt die Lehre mit gezacktem Schnitt.
 

 

223
 
Organisch gilt die Fähigkeit der Kohle,
Sich selbst zu Ring und Kette zu berührn,
Und dies mit solcher Vielfalt der Symbole,
Kein Element vermag so weit zu führn.

Will man die Minerale draußen lassen,
Als Minimum wär logisch Doppel-C,
Dem Holzgeist würd die Regel zwar nicht passen,
Doch ungerecht ist diese Welt seit je.
 

 

224
 


NEBELKERZE
Die Schülerfreiheit zu beschneiden,
Warb Aufsicht man fürs Internat,
Ob die persönlich sei zu leiden,
Ward nicht gefragt vorm Attentat.

Wir warn uns einig, zu verschrecken
Sei eine junge Frau gewiß,
Was wir aus Chemikalien wecken,
Ist ärger als ein Hundebiß.

Zinkpulver wir mit Tetra mischen,
Der Bunsenbrenner flammt es an,
Gespenstischer noch als das Zischen,
Kommt dann ein weißer Nebel an.

Die Frau floh rasch hinab die Stiege,
Der schwere Nebel zog ihr nach,
Sie meinte, daß er bald sie kriege,
Daß sie sich fast die Beine brach.

Wir hattens vorher schon gelinder
Versucht, doch nun war wirklich Schluß.
Drum hör und merk es dir geschwinder:
Verärgre nie den chymicus.
 

 

225
 


HARNSTOFF
Als Wöhler Harnstoff aus dem Cyanate
Gewonnen, war Mephisto ganz begeistert,
Die vis vitalis hieß es, stand nicht Pate,
Allein der Mensch hat Lebensstoff gemeistert.

Nun hat zwar Harnstoff keine Kohlenkette,
Weshalb der Fortschritt relativ bescheiden,
Dies hindert nicht, daß man zu schreien hätte,
Der Zukunftsmensch Retorten müßte leiden.

Kleesäure ist zwar zweifelsfrei organisch,
Doch Dicyan stellt Kohle auch an Kohle,
Nur Unverstand wird visionär und panisch,
Schafft Essig man aus reinem Alkohole.

Das Leben schafft Hexosen aus Pentosen,
Der Eiweißabbau ist das Los der Tiere,
Wer Düfte braut, ist Schöpfer nicht der Rosen,
Und bloßer Harnstoff macht noch keine Niere.

Zwar ist es später anderswo gelungen,
Die bloße Kohle mit sich selbst zu binden,
Doch dieses Größre ward nicht so besungen,
Als gälts den Keim zum Übermensch zu finden.

Die Harnstoff-Schreier eines nur beweisen,
Die Zeitung zieht dem Wissen vor die Mythen,
Es wird das Kreuz von Holz doch keins von Eisen,
Wenn Phantasien aus Afterdüften blühten.
 

 

226
 


OXALIS
Das Kleeblatt steht für guten Wunsch und Segen,
Vierblättrig ist es nicht so oft zu schauen,
Es ist ein Brauch, getrocknet es legen
Dem Jahrbeginn als Zeichen für Vertrauen.

Mit Kleesalz schrubbt man Flecken fort und Schreine
Sind mild zu bleichen mit der schwachen Säure,
Zur Zeit, als seinen Bacherach schrieb Heine,
Schiens manchem, daß der Klee die Welt erneure.

Aus Preußisch Blau ein böses Gift kann weichen,
Blausäure, Blau, das keinen Frieden stiftet,
Amerika hat später, ganz im Zeichen
Der Technik manchen Schelm damit vergiftet.

Daß die Substanz nicht ähnelte dem Leben,
War jedem klar, weshalb die Hydrolyse
Zum Kleestoff, galt als Nachweis, das wir weben
Das Universum ohne Schleim und Drüse.

Ameisensäure, wenn man ihre Salze
Erhitzt, bringt selbes und vermehrt die Kette,
Doch dies ist nichts für Kutscher und Geschnalze,
Nur Hetze frommt der Druckerpreß fürs Fette.

Wem die Chemie als gute Kunst verständig,
Der rechtet nicht mit Gott und den Geschöpfen,
Das Kleeblatt steht fürs Herz, das liebt lebendig
Den andern ist es Futter in den Töpfen.
 

 

227
 


CARBID
Die Großchemie war rasch dem Paraffine,
Das aus der Erde drängt mit eignem Drucke,
Gewogner als dem Ruhrpott-Paladine,
Dems nötig, daß der Hauer tief sich ducke.

Im Weltkrieg aber lenkte auf die Kohle
Den Blick das Reich, das ringsumher bestritten,
Sie zu veredeln zum gewünschten Wohle,
Hieß Freiheit von dem Orient, da die Briten.

Vor zwanzig Jahren rauchten noch geschäftig,
Die Öfen, drin dies achtzig Jahr gelungen.
Carbid – den Einstieg wagt allein, wer kräftig
Zu zündeln weiß und Taten schätzt vor Zungen.

Wenn so viel Strom fließt, daß die beiden Pole
Ein Feuerband verbindet gleich dem Blitze,
Geschiehts, daß ohne Sauerstoff die Hohle
Den Kalk mit Kohle eint in größter Hitze.

Dem graue Pulver, das recht wenig reinlich
Von allem voll, was war im Kalkstein Plunder,
Gibt Wasser Gas, bei Überraschung peinlich,
Doch wohlbeherrscht der Anfang vieler Wunder.

Denn reaktiv und Ausgang für Synthesen,
Stehn lange Ketten offen ihm und Ringe,
Das Gas im Pulver ist ein Wandelwesen,
Das meint, daß Unabhängigkeit gelinge.
 

 

228
 
Heut freilich ist der Widerstand zerschlagen,
Gras wächst, wo einst die stolzen Öfen rauchten,
Dies schont die Kohle, die in bessern Tagen
Noch wissen wird, was wir zum Siegen brauchten.

Carbid ist ganz aus unserm Sinn verschwunden,
Die Lampen sieht man nicht mehr abends glühen,
Auch wer ein Leuchten braucht in tiefen Schrunden,
Muß Ölstrom oder pures Öl bemühen.

Zum Unfug, der Carbid weiß wohl zu nutzen,
Geb ich nicht nach Erinnerungsgefühlen,
Ich trachte, das Persönliche zu stutzen,
Denn auf gehts zu den Makromolekülen.
 

 

229
 


WEINGEIST
Als man gelernt, den Traubensaft zu keltern,
Verkorkte man ihn fest in einer Flasche,
Und dies entsprach der Sorgsamkeit er Eltern,
Daß nicht der Geist dem schwerern Sud enthasche.

Der Geist des Weines eint zwei Eigenheiten,
Die man im Namen-Doppelsinn erlausche,
Zum einen, daß er flüchtig uns beizeiten,
Zum andern, daß er uns den Geist durchrausche.

Durchrauschen kann erhellen uns und trüben,
Dies ward an anderm Orte schon bedichtet,
Manchwer brauchts oft und mancher suchts in Schüben,
Nie ward der Dschungel um den Trunk gelichtet.

Durch Brennen kann den Geist die Kunst verdichten,
Dies frommt nicht nur dem feurigen Verprasser,
Es ist auch manches sonst noch zu berichten,
Denn die Substanz steht zwischen Öl und Wasser.

Daß Fett man lös und dabei nicht die Farbe,
Daß so Gelöstes Wasser nicht mehr weigert,
Man holt noch Seim aus einer trocknen Garbe
Die Süßigkeit in jeder Frucht man steigert.

Beim Destillieren fand man auch Verwandte
Des Weingeists, die auf ihre Weise brennen,
Manch Blinder weiß, das nicht zurzeit Erkannte
War Holzgeist und ein starkes Gift zu nennen.
 

 

230
 
Die Fuselöle, minder stark beflügelt,
Sie schmerzen nach dem Fest in unserm Haupte,
Doch ihre Schwere auch den Minner zügelt,
Der sich bereit zu jedem Fluge glaubte.

Der Weingeist taugt vortrefflich zum Scharniere
Den Lebensstoffen mit den Mineralen,
Er heizt und kühlt, auf daß er sich verliere,
Drum wölbt man in verschiedner Form ihm Schalen.

Wer tritt ins Reich der Horne und Balsame,
Dem ist ein Hermes dieses Geistes Leichte,
Da ist kein Wunder und kein einzger Name,
Den einer im Verzicht auf dies erreichte.
 

 

231
 


ÄTHER
Weil Schwefelsäure selbst sich zu verdünnen,
So gierig, wird ihr Wasser nachgespieen,
Auch Weingeist hat nicht so gefügte Brünnen,
Daß er die Hälfte ließ nicht friedlich ziehen.

Zum Tandem fügen sich zwei Moleküle,
Damit ein Wasser werd dem großen Saufen,
Vergeistigter den Geist des Weines fühle,
Läßt er den Schuh, den erdenschweren, laufen.

Narkotisch das Arom, das freigegeben,
Dem Arzte dients, daß der Patient nicht schreie,
Und mancher schwört, im Luftreich nun zu leben,
Und meint, daß ihn das Fläschchen erst befreie.

Verlor das Laster, Äther oft zu schnüffeln
Die Reize für Adepten und Rhapsoden,
Schulmeister freilich, welche Knaben rüffeln,
Warn nicht die Sieger bei den Folgemoden.

Die Suche nach der Bann der Erdenschwere,
Durchforschte alle Klassen und Systeme,
Darum wie stets, so sich das Wissen mehre,
Wächst diesem Groll, wie jenem das Bequeme.
 

 

232
 


GLYCERIN
Glycerin macht Säuren fett,
Bei Verseifung wird es frei,
Manchem Stinker ists ein Bett,
Daß er lind wie Butter sei.

Dreifach der Verestrung froh
Laurin, Palmitin, Capron,
Wer es nennt die Osterloh,
Sah es auch salpetrig schon.

Taucherbrillen machts wie neu,
Sprach ich listig dem Drogist,
Daß man sich der Klarheit freu,
Die Verdünnung schädlich ist.

Nun, der Mann gab mir den Stoff,
Und die Säuren rauchten dicht,
Kaum besinnend, was ich hoff,
Hielt sich das Gebräu ins Licht.

Ein paar Blasen, danach hieb
Eine Faust die Augenhöhl,
Eh ich in der Ecke blieb,
Fieln zu Boden Glas und Öl.

Weh! ich rannte Wassern hin.
Ob das Aug die Säure traf?
Ich nicht blind geworden bin,
Also hatte Glück das Schaf.
 

 

233
 
Gleichwohl war der Bluterguß
Zu verbergen keinesfalls.
Großen Jungen war Verdruß
Ich und hatte drei am Hals!

Vater dies mir glaubend dacht,
Daß es ritterlich nicht sei,
Und beizeiten Anstalt macht,
Daß man geh zur Polizei.

Dies war mit nun gar nicht recht,
Denn ich war ja selbst der Schuft,
Lange Rede vieles schwächt,
Und die Wut war dann verpufft.

Jahre drauf vom Bruderherz
Hieß es: Pulver freute ihn!
Dies war mir ein seichter Scherz,
Denn dies ist kein Glycerin.
 

 

234
 


ZUCKER
Im Zucker geht das Licht ins Netz des Lebens,
Die Stärke nährt im Schattenhort die Knolle,
Verholzt er schließlich, tut ers nicht vergebens,
Denn nur der Stamm erreicht das Sonnenvolle.

Vom Honig, heißt es, nähren sich die Hohen,
Die prüfen, was die Imme gibt der Wabe,
Als süß erkennt man, muß die Welt verlohen,
Was uns gemein macht Schmetterling und Schabe.

Wie das Getreide webt die Zuckerringe,
Wir tun es plump nur nach mit großen Feuern,
Daß wer mehr geb als er dabei verschlinge,
Kann nur die Schöpfung, die wir nicht erneuern.

Wir mühen Reim und Saiten um die Süße,
Wir lassen Farben leuchten und Metalle,
Doch nur die Biene hat so sanfte Füße,
Daß nicht die Dolde, die beschenkt, zerfalle.

Drum ist der Zucker, der uns läßt vergessen
Die Müdigkeit des allzusteilen Pfades,
So allgemein, daß sogar die Zypressen
Persephones ihm psalmodiern im Hades.
 

 

235
 


BENZOE
Das Harz, von Arabia gekommen,
Zuerst Katalonien bekannt,
Macht achtsam und würdig benommen,
Wird es am Altare verbrannt,
Im östlichen Ritus noch heute
Der Banner von irdischem Weh,
Im Zwiebelturm atmen die Leute
Statt Weihrauch das Harz Benzoe.

Von Siam leicht rötlich, vanillig,
Von Sumatra dunkler und süß,
Im Räucherwerk freudig und willig
Der Sünder erfleht, daß er büß,
Man meint schon die Engel zu hören
In Dörfern, vergraben im Schnee,
Es kann kein Versucher betören
Wies Styrax vom Baum Benzoe.

Der Stoff namte alle Verwandten
Die jetzt Aromaten genannt,
Die Schweren, die Schlüpfriges bannten,
Bestellen ein eigenes Land,
Vanill oder Zimt, Bittermandel
Erfahren im Sechsring den Dreh,
Zu Geistern von Moschus und Sandel
Den Schlüsselbund trägt Benzoe.
 

 

236
 
In zaubrigen Welten der Färber
Bei Indigo, Alizarin,
Das Licht ist zumeist der Verderber
Versuchs, ihm die Lust zu entziehn,
Doch zeigt sich, was satt nicht, stabiler,
Daß allzu Subtiles besteh,
Im Ring wird zum Zaubrer der Spieler,
Das Muster gewann Benzoe.

Auch nahm Glycerin seine Palme
Der Dreifach-Salpeter des Rings,
Nicht nur daß es krach oder qualme,
Ans härteste Urgestein gings,
In Kriegen, die Sprengmeister machen
Als Schrecken vom Scheitel zum Zeh,
Den Typhon und andere Drachen
Führt groß im Gefolg Benzoe.

Doch auch an die Pforte der Seele
Und an das Refugium des Traums
Rührt leicht, was im Köhlergeschwele
Die Tränen schwemmt Benzoebaums,
Erst wards in Kakteen gefunden,
Doch niemand trinkts heut mehr als Tee,
Amin und Methoxy verbunden
Hat Meskalin Benzoe.

So wurde die Welt der Arome
Vom Tande zum Magier der Zeit,
Es weitet die Grotte zum Dome,
Wem Schwingen und Mut zum Gebreit,
 

 

237
 
Das Harz, das weit mußte reisen,
Erst Nische und endlich die See,
Es folgt wie dem Golde das Eisen
Dem Weingeiste hart Benzoe.

Lang hat man gesucht und gestritten,
Was eigen der neuen Struktur,
Und manch einer hat dran gelitten,
Daß heiß aus dem Schlafe er fuhr,
Uroboros, Schlange, sich schlingend,
Besuchte zur Nacht Kekulé,
Und suchte uns alle, sich singend
Im Rätsel, genannt Benzoe.
 

 

238
 


SALIX
Die Weide, die an unsern Teichen trauert,
Trat früher als der Bart mir in die Laute,
Doch hat es schließlich dreißig Jahr gedauert,
Bis ich mir ihre Haut zu kratzen traute.

Aus Weidenrinde haben schon die Alten
Gewonnen Salicin, den großen Heiler,
Auch Mädesüß und Bibergeil enthalten,
Was Äskulap heut preßt der Flammenmeiler.

Benzoesäure und Phenol sich einen,
Der Essigsäureester des Phenoles,
Kopfschmerzgeplagten muß Erlöser scheinen,
Wie Chiron starb als Opfernder des Wohles.

Patent und Namen gab dem reinen Stoffe
Ein Krankenhaus in Halle an der Saale,
Der Wunsch des Arzts, geringen Preis man hoffe,
Ward arg durchkreuzt, und dies gleich viele Male.

Als Feindbesitz hat in Versailles die Marke
Der Yankee den Vasallen zugeschustert,
Man nehme dem Geschlagnen alles Starke
Und lasse ihm allein was ausgemustert.

Zwar Bayer kaufte dies zurück viel später,
Doch längst ist nicht mehr deutsch das Unternehmen,
Und doppelt profitabel ists dem Täter,
Denn Heilgewinne zähln zu den bequemen.
 

 

239
 


KATALYSATOR
Als man bei Leuna mich zur Kaderschmiede
Geschickt, daß meine Flausen profitabel,
War ich im Alter, wo des Hauptes Friede
Bedroht wird etwas unterhalb vom Nabel.

Es ging studentisch zu, was verstehen
Nicht so, daß sich nur Wissenschaft bewegte,
Ehr hieß es, daß die Welt nicht untergehen
Wohl würd, wenn man die schönen Dinge pflegte.

Manchwo gabs da so einen Kellerbunker,
Wo fröhlich man bis in den Morgen zechte
Und meistens zwischen Trubel und Geflunker
Kontakt auch fand zum anderen Geschlechte.

Die Namen, die die Freudenhütten zeigten,
Ironisch warn dem Ernste nachempfunden,
Wenn Schmelzer uns im Wärmetauscher geigten,
Hat das Agens die Lösungsform gefunden.

Ein Club war uns beliebt vor allen andern,
Katalysator wurde er gerufen,
Allein war nur der Hinweg zu erwandern,
Schon nachmittags die Paare auf den Stufen.

Wer nicht vom Fach, der staunt bei diesem Worte,
Denn solches nennt die Mutter nicht am Herde,
Gleichwohl der Schlüssel öffnet manche Pforte,
Ist ein Garant, daß eins aus zweien werde.
 

 

240
 
Er kuppelt, dabei selber unbetroffen,
Vorabends und am Morgen unverschlissen,
Er macht uns zur Gewißheit vages Hoffen,
Nimmt neidlos sich zurück vor dem Gewissen.

Natürlich weiß exaktes Untersuchen,
Daß er sich nicht begnügt mit Händchenhalten,
Doch hinterher kein Schelten und kein Fluchen,
Er muß, wenns heiß wird, butlerhaft erkalten.

Es ist zumeist die Hauptkunst der Synthese,
Die rechte Katalyse zu beschaffen,
Drum meint der Clubnam ohne viel Gewese,
Daß hier geläng der Tango selbst dem Affen.
 

 

241
 


BUNA
Acetylen, das aus Carbid gewonnen,
Für die Chemie der Kohle bricht die Tore,
Und darum ging in vielen tausend Tonnen
Nach Buna Kalk, daß man ihn dort verschmore.

Quecksilber schafft die tolle Katalyse,
Daß dies mit Wasser werd zum Aldehyde,
Derselbe gleicht studentischem Gemüse,
Zu allem frei wenngleich gewöhnlich müde.

Doch Natronlauge schon im nächsten Gange
Verkuppelt mit sich selbst die Frucht der Kohle,
Es sitzt das C gleich vierfach auf der Stange,
Ist uns geglückt die Reihung zum Aldole.

Ist Nickel katalytisch dann zu finden,
Wird reduziert zum Diol das Verzwackte,
Das Polyphosphat Wasser kann entwinden,
Daß Bunas Monomer entsteh im Trakte.

Mit Natrium uns bildets lange Ketten
Für Kautschuk, der zum Reifen taugt dem Wagen,
Daß solche wir im Kriege nötig hätten,
Dem Kanzler braucht kein chymicus zu sagen.

War andernortes Isopren vorhanden,
Sind Mitteldeutschlands Macht die Bunawerke,
Doch heute scheints in abgewrackten Landen,
Als ob man vom Triumphe nichts mehr merke.
 

 

242
 


CAPROLACTAM
Was Abrakadabra dem Laien,
Bedeutet nicht Vollmond und Spleen,
Im Eiweiß Amide sich reihen
Und wuchtige Größen vollziehn,
Der Forscher, der Raupen und Spinnen
Zu gleichen verachtet die Scham,
Sucht ähnliche Kunst zu ersinnen
Und schafft sie im Caprolactam.

Dem Fallschirm gab Japan die Seide,
Dem Westen wars feindlich und fern,
Die Faser zum luftigen Kleide
Ersann drum der Sprengstoffkonzern,
DuPont schuf erst erster Peptide
Als Nylon die Kunstfaser kam,
Dem Reich fehlte solche Ägide,
Bis nachzog das Caprolactam.

Daß New York und London benamten
Das Nylon, heißt heute Legend,
Doch was sie an Gründen auch kramten,
Die Ausrede jeder erkennt,
Hier war schon gezeichnet die Achse,
Als Rosevelt tat friedlich und zahm,
Daß draus ihm die Weltherrschaft wachse,
Die abwehrn will Caprolactam.
 

 

243
 
Nicht deutsch ist, daß man imitiere
Das Zwei-Komponenten-Gebräu,
Vorm wechselnden Pfeil der Scharniere
Sei unsrer beständig und treu,
Uns macht kein Geschäft zu Nomaden,
Gemeng ist uns Schimpf und infam,
Und also entsteht uns der Faden
Auch einzig aus Caprolactam.

Der Solinger Beckmann erdachte
Wie magisch das Teilchen sich stell,
Die Vorstufe selber sich machte
Zum flinkesten Brauer-Gesell,
Der Ring, der sich streckte und wellte,
Den Ast in die Grundstruktur nahm,
Was man so in Schieflage stellte,
Beschied sich zum Caprolactam.

Paul Schlack fand die fehlende Karte
Grad anderthalb Jahr vor dem Krieg,
Berlin und Landsberg an der Warthe
Verhalfen der Forschung zum Sieg,
Eh erste Soldaten marschieren
Nach Graudenz und später zum Flam,
Beschert uns das Fortkondensieren
Gespinste von Caprolactam.

So war nur Phenol zu hydrieren,
Keton dann und letzlich Oxim,
Es wird sich Substanz kaum verlieren,
Wenn schrittarm das Stoff-Interim,
 

 

244
 
Am Wolgastrom legt uns der Kessel,
Wie Bomben den Jademund, lahm,
Im gleichen Jahr läßt seine Fessel
Der Falter aus Caprolactam.

Der Ausgang der bösen Geschichte
Ist oft wiederholt und beklagt,
Allmählich verschiebt die Gewichte,
Wer drüber was gültiges sagt,
Doch sei auch beim sumpfigsten Waten
Durch Kummer, Zerknirschung und Gram
Gesagt, daß das Reich nicht verraten
Die Helden des Caprolactam.
 

 

245
 


LSD
Als vor der Mitte vorigen Jahrhunderts
Europa noch einmal zur Größe stieg,
Gelang der Seelenkunde auch, wen wunderts,
Ein unerhörter Vorstoß, ja, ein Sieg,
In Basel Albert Hofmann untersuchte
Vom Mutterkorn gewonnenes Amid,
Eins letzte Haut, und der dies nicht verfluchte,
Sich diesem Stoff im Selbstversuch beschied.

Zur hoch dosiert, die Wirkung war gewaltig,
Dies Tonikum wirkt kraß in feinstem Maß,
Die Straße ward ihm fremd und buntgestaltig,
Als er berauscht auf seinem Fahrrad saß,
Die Assistentin schrieb von wildem Rasen,
Ihm aber schiens, als ob das Rad fast steh,
Vergeßnes tauchte auf wie Seifenblasen,
Ein Ton genügte, daß das Bild zerweh.

Die Ordnung, die uns nach Gewohnheit leitet,
Hohlspiegelhaft zerrüttet und verzerrt,
Doch nicht nur das vertraute Bild entgleitet,
Auch Energie und Urteil sind versperrt,
Der Forscher, der nicht Mystik sucht und Fasten,
Fand einen Schlüssel und ein Tor hinaus,
Wo andrer Art die Flüge und die Lasten,
Und jemand weiß, was uns im Herzen graus.
 

 

246
 
Erst später als im Heime fand er Ruhe,
Gelang es ihm, das Spiel von Farb und Form,
Phantastik einer aufgesprungnen Truhe
Zu fassen, und die Kraft schien ihm enorm,
Die seiner Seele nahm die karge Strenge,
Die eingeübt seit manchem Alter schon,
Des Mutterkorns entfesselte Gesänge
Beschämten Hanf und Muscarin und Mohn.

Mit seinem Freund Ernst Jünger fuhr er später,
Der war mit manchem Nachtgefild vertraut,
Und weil der Flug nicht sein kann ohne Väter,
Hat er erst dabei Babylon geschaut,
Allein der Zauber schafft nur bunte Muster,
Sind Bildung und Gestimmtheit ihm zur Hand,
Wird weiß Magie, und fester und bewußter
Führt ihn der Geist in urvertrautes Land.

Die eruptive Macht des Stoffs zu lösen,
Die Ketten, die wir sichtbar nicht erfahrn,
Als Wahrheitsserum lockte bald den Bösen,
Der Gegner mög Geheimstes offenbarn,
Die Dienste, die Amerika zum Drille
Der Menschheit schuf, erbarmungslos probiern,
Mit dem Amid von Hofmanns Wunderpille,
Ganz ahnungslose Leute anzuschmiern.

Daß mancher starb, ist höchsten Falles Panne,
Daß Hofmann protestiert, ein schlechter Witz,
Wer mächtig, haut auch mächtig in die Pfanne,
Denn ohne Material kein Machtbesitz,
 

 

247
 
Nur weil er zur Gedankenwacht nicht führte,
Ward solch Versuch nicht allzulang getan,
Daß wer vom Dienst Gewissensbisse spürte,
Das gibts doch nur in Klatschblatt und Roman.

Nach Dunkelmännern griffen nun Propheten,
Nach LSD und hieltens billig feil:
Spart euch die Müh mit Fasten und Gebeten,
Die Droge schafft ein massenweises Heil!
Naive Knaben, Schlampen und Vaganten,
Wems einzig Glück, er stelle sich was vor,
Empfahlen sich und allen Anverwandten
Das Tröpfchen aus dem Baseler Labor.

Als die Musik elektrisch sich verschaffte
Gebrüll, dem kein Applaus von früher gleicht,
Das Publikum war einig, es verkrafte
Auch alles, was den Göttern je gereicht,
Nicht Mode nur, ein Muß für jeden Freien
Die Droge ward, ein Muttersöhnchen hieß,
Wer nicht bereit, sich jedem Wahn zu weihen,
Und nicht Vernunft in Abfallkübel stieß.

Die Räusche rissen weitre Schamesschranken,
Man mischte sich wie Ratten tun im Pfuhl,
Man fand allein noch Kraft für den Gedanken,
Wie man sich tiefer noch im Schmutze suhl,
Und wurden die Krawalle immer trister,
Schiens Therapie, daß man sie unterlaß
Niemals, es hieß: ein neues Mittel, Mister,
Denn diese Welt ist ein verdrecktes Faß!
 

 

248
 
Die Wissenschaft gab sich gar bald geschlagen,
Wenn das Gefundne Schrecken und Skandal,
So darf der Forscher nun den Maulkorb tragen,
Denn er ist schuld an aller Torheit Qual,
Doch machten nicht die Schäume die Substanzen,
Sie macht die Lehr, daß allen alles taug,
Die Macht des Vaters brach man, und nun tanzen
Die Sprößlinge, und manches geht ins Aug.

Und wenn das Mittel nicht die Krönung aller,
So ists auch nicht der Hölle Ausgeburt,
Zum Engels-Chorknab macht es keinen Laller,
Verschuldet nicht, daß einer wahllos hurt,
Es ist ein Besen, dem allein der Meister
Bestimmen darf, wem wann und wo er eil,
Die Hölle schafft der Mut geringer Geister,
Und ohne Hierarchie gibt es kein Heil.
 

 

249
 


THEODIZEE
Als ich zur Schule ging und unterrichtet
Ward von Strukturen und von Molekülen,
Da sprach man mir, die Wissenschaft vernichtet,
Was Gläubige in ihren Herzen fühlen.

Das Buch Natur dem Wissenden bescheinigt,
Wie recht er schaffe und erfolgreich schürfe,
Daß dieses, Maß und Rechenkunst vereinigt,
Des Gottes in den Wolken nicht bedürfe.

Doch wo ich schaute, wog und überblickte,
Kam mir zutag, daß alles so gerichtet,
Daß es sich trefflich ineinander schickte,
Als sei es einem großen Plan verpflichtet.

In jedem Splitter webt das Ziel des Ganzen,
Und ist es auch den Augen nicht zu schauen,
So sehn sie doch sich selbst wie Tropfen tanzen,
Getragen vom unendlichen Vertrauen.

Der Heilige wird nie das Wissen pönen,
Auch wenn er meint, er könne es entbehren,
Die aber von der Macht des Wissens tönen,
Sind Narren wie die vielen, die sie ehren.
 

 

 

 




KURSACHSENSPIEGEL





»Wenn alle untreu werden,
So bleib ich dir doch treu,
Daß Dankbarkeit auf Erden
Nicht ausgestorben sey.
Für mich umfing dich Leiden,
Vergingst für mich in Schmerz,
Drum geb ich dir mit Freuden
Auf ewig dieses Herz.«

 
NOVALIS       

 

 

 

253
 


SACHSEN
Im grauen Altertume,
In keiner Chronik fest,
Zog einst nach beßrer Krume
Manch blonder Stamm nach West,
Doch wie die Schar sich mehrte,
Der Sohn den Vater ließ
Und einen Frühwind ehrte,
Der weit nach Osten blies.

So wurden dichte Wälder
Dem Bauern Brot und Aun,
Er schuf Getreidefelder
Mit neuem Gottvertraun,
Der Franke zwang die Saale,
Die Elb trug manchen Kahn,
Dem heilgen Abendmahle
Wich Wüstenei und Wahn.

Als Albrecht, den man Bären
Genannt, die Nordmark nahm,
Ließ er viel Volk gewähren
Von Rheinmann, Sachs und Flam,
Vom Harz zum Elbeufer
Gab der Askanier Raum,
Gern ward gehört der Rufer,
Wos Land gab nur noch kaum.
 

 

254
 
Die Grafschaft Brehna brachte
Elbhöher noch den Schritt,
Ein neues Land erwachte
Und nahm den Namen mit,
Die Goldne Bulle höhte
Das Fürstentum mit Kur,
Wo Reiches Morgenröte
Zu neuer Mitte fuhr.

Den rauhen Niedersachsen
Inzwischen altes Land,
Wie Kräuticht fest verwachsen,
Schien gar nicht mehr verwandt,
Was ihren Namen tauchte
In ein gar andres Licht,
Ihn nicht mehr volkhaft brauchte
Als Werk der Lehnsgeschicht.

Ein neuer Geist verstoffte
Sich dorten im Barock,
Nun trug, was man erhoffte,
Der Musikus im Stock,
Der Kurfürst wechselt Glauben
Aus reinem Machtkalkül,
Die Kapriolen rauben
Dem Volk das Rechtsgefühl.

Der Aufstieg Preußens machte
Zur Nische Elbflorenz,
Jedoch der Künstler lachte
Nunmehr als Quintessenz,
 

 

255
 
Sonaten, Putten, Gärten –
Gibts sonst noch eine Welt?
Wir minnen zum Gefährten
Den Geist, der uns gefällt.

Zuletzt die Königswürde,
Die ein Tyrann befiehlt.
Wer abgeschworn der Bürde,
Recht gern mit Titeln spielt,
Der Kaffee von den Mohren,
Doch muß er süßlich sein,
Ist auch ein Krieg verloren,
Gibts doch Musik und Wein.

So ward zwar nicht katholisch
Das Volk in diesem Land,
Doch taugte dies symbolisch
Fürs Tändeln mit dem Tand,
Klang Sachs einst nach Empörer
Für Karl und später lang,
Wird nun dem Opernhörer
Beim Paukenschlag nicht bang.

Doch geht dies eine Weile,
Vielleicht bin ich schon tot,
Daß endlich nur im Heile
Der Sachs erkennt das Brot,
Daß Feldern du den Segen
Nicht ungestraft entfernst,
Noch dem barocken Degen
Den lang vergeßnen Ernst.
 

 

256
 


WAHLSPRUCH
Wer ein Buch hat vollgeschrieben,
Sorg auch, daß ers gut verkaufe,
Regeln gibts dafür wohl sieben,
Doch die erste ist geblieben:
Schmeichle wohl dem Leserhaufe.

Drum der Lektor dieser Zeilen
Zürnt schon bei den ersten Strophen:
Wo es Lob gilt auszuteilen,
Sucht der Klotz nach groben Keilen.
So was kann man nicht verkofen!

Beßrung will ich wohl geloben,
Denn es geht wie sonst im Reiche,
Schwimmt der Schmutz auch immer oben,
Und vom Besen brauchts den groben,
Lebt nicht nur der Frosch im Teiche.

Also folgt dem Wandersmanne,
Denn er zeigt am Wegesrande
Euch den Pilz am Fuß der Tanne,
Und zum Grale wird die Pfanne,
Siehst du ab von deutscher Schande.

Wo der Bauer ehrlich rackert,
Und der Schmied die Müh nicht scheute,
Wird kein Schranzengrab gebaggert,
Weil Marien und Christo flackert
Ein Geleucht ins trübe Heute.
 

 

257
 


VITA BENNONIS
Von Benno sei zuerst die Red,
Will preisen ich das Meißner Land,
Wer sonnenblicks im Himmel steht,
Der achtet nicht, was linkerhand
Ihn anbellt oder rechts bedroht,
Wenn die Gewalten uneins dräun,
Den hindern nicht Gewinn und Not,
Sich nur des Heilands zu erfreun.

Daß hell sein Krummstab Quellen schlug,
Mag Fabel sein und Volkes Mär,
Doch was er zu den Wenden trug,
Kam anderswo mit Schrecken her,
Ihm aber blieb die Botschaft froh
Und treu dem Herrn, der Freiheit bringt,
Die Lieb kein Ding, damit man droh,
Denn nicht vom Krieg die Lerche singt.

Das Milzner Land, wo schwarze Krum
Von Segen spricht und reiner Gnad,
Verlangt kein andres Königtum,
Als es der Sohn von Gott erbat,
Gefolgschaft heischt des Kaisers Acht,
Gehorsam das Gelübde fügt,
Doch in Gethsemane ist Nacht
Wie überall, wo Licht nicht lügt.
 

 

258
 
Wer Frieden mag, ist nicht Partei,
Drum ist ihm bald schon jede gram,
Die Welt ist nur dem Täuscher frei,
Dem Stolz, der stets ans Ende kam,
Der Fromme ist nicht Ochs noch Gaul,
Daß wer ihn vor den Karren spann,
Sein Tag ist lang und niemals faul,
Doch auf das Heil kommt alles an.

Und wer die Schöpfung als Geschenk
Begreift, dem wird das Gut beschert,
Das, wie der Herr die Wolken lenkt,
Sich unaufhörlich schenkt und mehrt,
Der zeigt dem Grimmen, der Gewalt
Als Schirmerin Gedeihns begreift,
Daß seine Schritte biblisch alt,
Daß dauern wird, was ihm gereift.
 

 

259
 


VOGTLAND
Als die Osterburg erkundet,
Schritt ich in das Orlagau,
War das Tannenland umrundet,
Neu ich Greiz und Weida schau,
Vogtland, diesem Buch gestundet,
Ehr als Kyff und Goldne Au
Hat es mich erweckt, verwundet,
Und getaucht in Himmelblau.

Thüring, Sachs und Böhm und Bayer
Teilen heut sich die Region,
Kurbad-Fünfeck lädt zur Feier
Und bei Kiffern weiß man schon,
Nicht nach Holland ruft die Leier,
Sollte eine Knappheit drohn,
Teuer nicht wie Pleitegeier
Sind in Eger Hanf und Mohn.

Schon in Rotbarts alten Zeiten
Durft der Vogt auf Weida baun,
Wenig willens sich zu streiten,
Kamen Gera, Greiz und Plaun,
Mancher Weg war zu beschreiten,
Manche Scharte glatt zu haun,
Denn im Offnen, Ungefeiten
Heißt der Doktor Gottvertraun.
 

 

260
 
Wo sichs hügelt und die Täler
Oft ein Viadukt bespannt,
Siedelt nicht der Erbsenzähler,
Denn die Not liegt auf der Hand,
Nicht das Wanken frommt dem Wähler,
Und die Tatkraft schätzt nicht Tand,
Das Geschrei der Selber-Quäler
Scheint dem Landsmann unverwandt.

Plaun und Reichenbach die Schiene
Macht zu Knoten für das Reich,
Morgentau-Plans Bundestrine
Mags dagegen lieb und weich,
Freizeitpark und Disney-Biene
Passen nicht zu Stahl und Eich,
Also ward das groß gediehne
Rasch zur Kapitalmarkt-Leich.

Doch ich will mich heut bescheiden
Mit Kritik am Zins-System,
Wo der Meineid allen Eiden
Machts vergnüglich und bequem,
Und um abzusehn vom Leiden
Unter Teufels Diadem,
Will ich mich an allem weiden,
Was seit je hier angenehm.
 

 

261
 


SCHLEIZ
Zwar nicht sächsisch, doch dem Vogte
Willens, von Arnshaugk am Weg,
Drum der reife Weizen wogte,
Ich die Stadt ins Logbuch leg.

Wer nach Linda hat geschoben,
Weiß: nun hügelt sichs dem Rad
Sanft, und was man angehoben,
Gibt sich bald als Abfahrtstrab.

Die Wisenta, die als Beizer
Keuperton und Schiefer fand,
Böttger, Alchemist und Schleizer,
Machte Meißen weltbekannt.

Dudens Regelwerk zur ehren,
Stand mir damals nicht der Sinn,
Als, das Haar mir nicht zu scheren,
Einst ich abgehauen bin.

Vogtland lautet die Parole,
Sachsens Grenze grüßen läßt,
Darum Wadenbein und Sohle
Tretet die Pedale fest!
 

 

262
 


OBERBÖHMSDORF
Daß hier das Ziel im wilden Dreieck-Rennen,
Bekümmert nicht beim Lagern auf der Halde,
Die Prager mochten wohl den Ort benennen,
Doch merkt man wenig hier vom Böhmerwalde.

Die Kirche ist zwar nach dem Brand die zweite,
Doch schlichter Anmut und im Stil erlesen,
Und daß der Geist, der heilige, uns leite,
Wirkt sie mit ihrem unverstellten Wesen.

Der Orgel fehlt das Innere, Versteckte,
Jedoch sie spricht zu uns im Schein der Ampel,
Und wir verstehn auch noch vor dem Prospekte,
Dem Künstler war nicht wohl beim Namen Trampel.

Dem Florentiner oder Genueser
Sind lieblicher Traktur, Pedal und Pfeife,
Dem Schöpfer ist der Spieler bloß Verweser,
Drum Trampeli den Südvokal nicht schleife.

Er ließ im Vogtland überall die Spuren,
In Sornzig, Gössig, Reichenbach und Plauen,
Drum sehn wir ihn als freudigen Auguren,
Denn Musik lehrt immerfort Vertrauen.
 

 

263
 


MÜHLTROFF
Ein weißer Fisch mit leuchtend roten Flossen,
Auf blauem Grunde ragt er längs durchs Wappen,
Hochwasser, sagt man, sei zum Markt geflossen,
Ließ auf dem Ratstisch Fisch nach Atem schnappen.

Nach Sachsen schub man fort die Angerflächen,
Das Urteil doch, wo Schloß und Mühlen wohnen
Ließ jemand nicht vom Mittelalter sprechen,
Weil ihm gering die Salier und Ottonen.

Die Lobdeburger und damit Arnshaugker
Belehnte unser Kaiser mit der Aue,
Drum nimmt es mir auch heut kein Standort-Pauker,
Daß ich mich dieses anzugreifen traue.

Es sei betont, um Sachsen zu beehren,
Fuhr ich noch nicht genug des Wegs nach Osten,
Ich bleibe taub für oft gehörte Lehren,
Daß Herrschaft eine Frage sei der Kosten.
 

 

264
 


MEHLTHEUER
Hier saßen schon zu Christi Zeit Germanen,
So sagen Gräber uns und Siedlungsreste,
Die temporäre Wüstung ist zu ahnen,
Auch künftig wähnt der Seher nicht das Feste.

Hier hielt das Volk in einem langen Brauche
Gesetzlos Markt, bis dies der Kurfürst störte,
Der Ortsnam spricht von einem leeren Bauche,
Wenngleich ich nie Genaueres da hörte.

Von Teuerungen gibts zwar viele Klagen,
Jedoch das meiste ist davon entbehrlich,
Gemeingut ist dem Menschenvolk der Magen,
Drum ist ein Angriff dorten höchst gefährlich.

Gleichwohl, die fetten Zeiten sind gegessen,
Die Zukunft pfeifen schon vom Dach die Spatzen,
Wahn folgt auf Wahn, es fragt sich freilich, wessen,
Und die Entlarvung bringt nur ärgre Fratzen.
 

 

265
 


SYRAU
Der Kirchturm zeigt als Achteck das Barocke,
Das Heiltum ragt dem Wahn der Zeit enthoben,
Wer frei, daß er sich ins Gestühle hocke,
Sieht rings die Maler unaufhörlich loben.

Ein Paar aus dem Geschlecht der Watzdorf-Grafen
Fand hier sein Grab, wie uns der Stein verkündigt.
Gibts einen schönern Ort, um auszuschlafen?
Doch nein, auch hier wird bitterbös gesündigt.

Die Grabbemalung wird uns angepriesen,
Als sei dies ein profaner Ort der Lehre.
Als wesentlichen Satz behielt ich diesen,
Daß die Unesco schütz des Werkes Ehre.

So wird ein Grab zum Propaganda-Mittel,
Um alle Demut aus dem Haus zu treiben,
Man spürt den Kunstprofessor, der im Kittel
Nicht müde wird, sich seine Hand zu reiben.

Ob die Unesco oder ihresgleichen
Respekt bezeugen einer deutschen Sitte,
Ist unerheblich, einem Dorf muß reichen
Das Zeichen, das der Herr in seiner Mitte.

Wir sind umstellt von ungebetnen Rühmern,
Drum nottut ein Gesetzestext, ein kurzer:
Wir sagen nein zu allen Inter-tümern,
Es gibt auch so genug der Sesselfurzer.
 

 

266
 


DRACHENHÖHLE
Steig hinab ins Labyrinth,
Wo den Meißel schlang der Spalt,
Wenn der Kalk Figuren spinnt,
Das Getropf durch Säle hallt,
Herrscht das schweigende Gesind,
Werden Tag und Jahr nicht alt,
Doch die Fackel preis, was blind
Webt an dieser Traumgestalt.

Von dem Drachen geht die Sag,
Der die Landeskinder schlang,
Bis ein Liebender vor Tag
Gab dem Schrecken Untergang,
Als das Schuppentier im Hag
Schlummerte und war nicht bang,
Traf das Herz der Todesschlag,
Weil die Not die Furcht bezwang.

Die Geschichte mit der Hohl
Bringt ein Hänfling nur in eins,
Dem Walhalla wenig wohl
Und ein Graun der Ruf des Hains,
Ein ganz anderes Symbol
Weigert sich des Sonnenscheins,
Wo die ungetrübte Sol
Heimelt wie Gerank des Weins.
 

 

267
 
Als das Elefantenohr
Ruft man eine Fahne dort,
Dringt das Wasser granweis vor,
Es zu feinstem Tuch verdorrt,
So als obs der Fön beschwor,
Wächst ein Vorhang in dem Hort,
Seidig perlt der Sinter-Store,
Daß dir fehlt das rechte Wort.

Auch der See, der klar und grün
Schauen läßt den feinsten Lehm,
Durfte im Verborgenen blühn,
Daß der Wind kein Körnchen nehm,
Spiegel, drauf nicht Wolken sprühn,
Heiltum, das nicht aussagt, wem
Dienen die bewahrten Frühn
Mit kristallnem Diadem.
 

 

268
 


SCHÖPSDREHE
Schafe, trampelnd rundherum --
Ob des Quesenbandwurms Finne
Graden Kopf und klare Sinne
Machte irr und tödlich dumm?

Oder meint die Hutungsgrenz
Dieses Wort, damit man drehe
Und nicht fremden Grund begehe,
Ob das Gras auch süß im Lenz?

Nicht verrät es uns der Ort,
Weideland, nun ganz verbautes,
Weder Schrecken noch Vertrautes
Mischt dem hergekommnen Wort.
 

 

269
 


PLAUEN
I

Elstersohle, Waldespöhle,
Kemmler mit der Bismarckspitze,
Wird gewerkelt in der Höhle,
Fuchtelt Donar mit dem Blitze.

Vielfach hergeschobne Mulde,
Mancher Herren Lehn und Diener,
Was da Karl dem Böhmen schulde,
Kam ins Wachsen der Wettiner.

Der Komtur vom Deutschen Hause
Eulner Luthern war gewogen,
Also klaffte keine Pause,
Daß der Glaub hier eingezogen.

Feine Schleier oder Schöre
Wirkte man vom Baumwolltuche,
Wechselnd, wem der Gau gehöre,
Ob zum Segen, ob zum Fluche.

Plündert Holk der Wechsel-Däne,
Gallas dann der Kaiser sandte,
Daß den Rücken frei er wähne,
Wallenstein die Stadt verbrannte.

Dörffel schrieb hier von Kometen,
Daß sie parabolisch schweifen,
 

 

270
 
Theolog, dem in Gebeten
Widerspruch nicht zum Begreifen.

Auch die Fahrpost Nürnberg-Dresden,
Ob auch nochmals kam der Schwede,
Wo man Taten schätzt vor Gesten,
Brückt die Flüsse nicht Gerede.

Nach dem Großen Nordschen Kriege,
Kam die siebenjährge Plage,
Ob geschlagen, ob im Siege,
Frag, wer die Armeen trage.

Preußen, Württemberger, Bayern
Trieb Napoleon in die Gosen,
Wo man kargt mit Speck und Eiern,
Werden fündig die Franzosen.

Doch nach jeder Katastrophe
Größre Ziele machbar schienen,
Bürgerstube wird zum Hofe,
Englisch sind die Tüll-Gardinen.

Eisenbahnen, Viadukte,
Knoten aller Herren Lande,
Falkengleich die Schwinge zuckte
Eh die Zeit verrann im Sande.

In Paris als Weltaussteller,
Großer Preis der Plauner Spitze,
Schiens, daß nicht nur Rockefeller
Plätze an der Sonn besitze.
 

 

271
 
Doch wie Lebensglück und Würde
Folgen Siechtum stets und Krise,
Harrt des Menschen schon die Bürde,
Leuchtet rot die Blumenwiese.

Da ich schreibe diese Zeilen,
Ist der Tiefpunkt unsers Falles
Unerreicht, denn kein Verweilen
Sagt, wozu uns prüft das alles.

Doch solang die Christen glauben,
Ist die Hoffnung auch begründet,
Daß die Eichen sich belauben
Und die Zeit im Heile mündet.
 

 

272
 
II

Aus Industrie-Ruinen
Mir eine Frage schaut:
Wars Glück nicht, das sie schienen,
Auf losen Sand gebaut?

War nicht im Anbeginne
Der Glaubenssatz verfehlt,
Der Rausch sei Ziel der Sinne,
Die große Stückzahl zählt?

Wars nicht dem Produzenten,
Der Absatz mißt und schafft,
Ein Trug, den Elementen
Zu traun als eigner Kraft?

Der Irrtum der Moderne
Ists, daß sie reicher sei,
Als die, die davon ferne
Und glücklicher dabei.

Denn Händler und Maschinen
Vermehren nur den Tand,
Der Mammon, dem sie dienen,
Nimmt uns nicht bei der Hand.

Dies tut der Herr alleine,
Dem ist das Leiden wach,
Drum beuge dich und weine,
Wird dir der Glaube schwach.
 

 

273
 
III

In Plauen stehn die Räusche
Des Deutschen und sein Leid,
Daß er uns drüber täusche,
Der Teufel tut und schreit.

Wo Zirkus und Musike
Weismachen, daß was los,
Folg Pallas nicht und Nike,
Auf Halden grünt dir Moos.

Doch auch die Gegenwelten
Sein dir nicht ungesagt,
Wer heilen will, muß schelten,
Was bös die Wunde plagt.

Den Wunsch der Architekten,
Der Krippe sei kein Stall,
Gigantisch sie entdeckten,
Mit Tempeln überall.

Sie spreizen sich numerisch,
Und huldigen der Zahl,
Und bauen luziferisch,
Daß fruchtlos sei das Tal.

Sie bauen auf Vergessen
Und wenn kein Mensch mehr weiß,
Das Brot mit Wein zu essen,
So kommt ihr Paradeis.
 

 

274
 
IV

Das Bauhaus von den Plagen,
Die Zion uns gesandt,
Am schwersten ist zu tragen
Für unser armes Land.

Landauer kam von München,
Daß er das Volk umtopf,
Nicht außen nurs zu tünchen,
Griff er nach seinem Kopf.

Er baute Synagogen
Und mehrere davon,
Und erstmals war der Bogen
Darin von Stahlbeton.

Von Babel und ägyptisch
Warn Bilder dran und drin,
Dem Volke schien es kryptisch,
Dies war nach seinem Sinn.

Denn alle Hexenbesen
Sind der Verehrung wert,
Bleibt nur des Heilands Wesen
Gewaltig ausgesperrt.

So hat er auch in Plauen
Gezeigt, wie man zersetzt
Den rechten Sinn fürs Bauen
Und allen Glaub zuletzt.
 

 

275
 
Zwar ward der Bau geschliffen,
Jedoch wie Sporenstaub
Die Krankheit hat ergriffen
Das Volk, der Liebe taub.

Von Kniffen und von Ränken
Der Heiland nur befreit,
Dies hoffnungsvoll zu denken,
Erfüllt mit Heiterkeit.
 

 

276
 


SYNAGOGE
Als Karl und die späteren Kaiser
Zum Rhein, dann zur Elbe zu fahrn,
Errichteten huldvolle Weiser,
Zu locken die willigen Scharn,
Kam vielerlei Volk zu bestellen
Das Neuland mit Egge und Pflug,
Bald glichen die fremden Gesellen
Der Scholle, die allesamt trug.

Doch einige nahmen die Sprache
Zwar an und gehorchten dem Thron,
Doch pflanzen sie eigen ins Brache
Den Brauch ihrer Bund-Religion,
Sie mischten sich nur mit Genossen
Und mieden die Christen bestimmt,
Wo Stämme zusammengeflossen,
Wars Sorg ihnen, daß nichts verschwimmt.

Dies war manchem Prediger grausig,
Doch dachten die Mächte schon früh,
Der Fernhandel dümpelte lausig,
Bewirkten die nützliche Müh
Nicht jene, die sich als Gemeinde
Beschnitten verstanden allein,
Sie spotteten wider die Feinde
Und fuhren den Höchstgewinn ein.
 

 

277
 
Schon Zeiten, die Spätre verklären,
Erweisen sich so als korrupt,
Die Heiden vertrieb man in Mären,
Doch was sich als Münze entpuppt,
Das soll was ihm trefflich ist beten,
Denn Gold ist die Herkunft egal,
So litten die Christen betreten
Die Andern in wachsender Zahl.

Zum Handel der Länder und Städte
Kam bald ein gar luftiges Haus:
Manch einer begehrt, daß er hätte
Den morgigen Tag im voraus.
Dem Christ war das Zinsen gescholten,
Und einsprang der witzige Jud,
Der Trug, den nicht wenige wollten,
Verschafft sich seinen Tribut.

Doch während die Werkstatt, der Acker
Nicht wachsen, daß Jüngern man heißt,
Daß ferne er walte und racker,
Und so die Familie zerreißt,
Ists eigen dem Händler und Leiher,
Daß niemals zu groß ihm die Welt,
So wurd dies Gewerbe zum Freier,
Dem ewiges Wachstum gefällt.

Und eins kam dem andern zugute,
Daß bald noch ein drittes entstand,
Das Volk von verschiedenem Blute
Die Kirche zur Einheit verband,
 

 

278
 
Hier festeren Hanf zu ersinnen,
Hieß jenem, der herzhaft ihn schläng,
Die Deutungsgewalt zu gewinnen
Für alles, was spräch oder säng.

Den Clou, der zur Macht führte später,
Vollführte der Geist paradox,
Man stürzt nicht im Gotte der Väter
Die Krippe mit Esel und Ochs,
Spinoza, der nicht als Rabbiner
Befolgte die Lehrtradition,
Ersann einen Typ von Schlawiner,
Der bleichen läßt Kirche und Thron.

Die Welt setzt er selber zum Gotte,
Der Heilsplan sei Priestergeschwätz,
Dem Mensch seis gemäß, daß er spotte,
Was weltlich nicht reift zum Gesetz,
Weil außer der Welt nichts bestünde,
Sind Teufel und Hölle Legend,
Allein der Verstand setzt die Sünde,
Und jegliche bannt, wer erkennt.

Der Teufel war ganz aus dem Häuschen,
Des Nichtseins sinistre Idee
Schafft Purpurpaläste dem Mäuschen,
Dems leid nicht mehr, daß man es seh,
Wen wunderts, daß immer noch frecher
Er herkommt, seit solches geglaubt,
Nicht mal ein ägyptischer Fächer
Des Nichtsein Gloriole ihm raubt.
 

 

279
 
Zwar wollte dem Bauern und Wagner
Des Holländers Lehr nicht ins Herz,
Doch wer sich als Musen-Getragner
Versteht, der liebäugelt dem Scherz.
Schon bald war dem Dichter, dem Denker
Das Pathos der heiligen Welt
Fortuna und staatlicher Lenker
Im All, das sich selber bestellt.

Der Spürsinn für künftige Wellen
Dem Jud war von alters vertraut.
Erfasse den Strom an den Schnellen!
Ein Narr, wer Potenzen nicht schaut!
Der Wegfall der alten Gesetze
Zerstört die Gemeinde nicht echt,
Real sind persönliche Netze,
Die Humbug nicht knüpft, sondern schwächt!

Das geistige Klima Barockes
Hieß Freisinn und auch Toleranz,
Statt Dogmen des Lehrers, des Stockes,
Den Zeiten von Gretel und Hans,
Bevorzugte man nun Profundes,
Und Aufklärung setzt guten Ton,
Dies macht bei Getreuen des Bundes
Den Unterschied zur Konfession.

Doch haben die so Toleranten
Bedacht nicht, wie einseitig die,
Man hielt für den nächsten Verwandten,
Der weiter Verweigerung schrie,
 

 

280
 
Ein Lästermaul, ein Revoluzzer
Nicht Abrahams Segen entbehrt,
Doch jeder verläßt als Beschmutzer
Das Nest, wer den Heiland verehrt.

Der Jud, der Verfall alter Sitte
Bedauert, erkannte nun bald,
Der Freigeister praktische Schritte
Bekamen dem Talmud-Erhalt,
So wurde mit Langmut gelitten,
Wer Gott aus dem Weltbilde strich,
Solange dabei nicht bestritten
Das Judentum, göttlich an sich.

Es blieb nicht bei bloßen Gedanken,
Die Könige wurden geköpft,
Das Sterben der sittlichen Schranken
Ward jenem Gewinn, der ihn schöpft,
Das Vakuum bald im Entkernten
Gab neuen Geschäften Bedarf,
So säte für fürstliche Ernten,
Wer vorher die Brandsätze warf.

Erst waren es Preß und Verlage,
Dann folgte der Träume Fabrik,
Die Pornographie ist nur Plage,
Wem fehlt das perfekte Geschick,
Die Unzucht kennt nirgends Genügen,
So sättigt sich niemals der Markt,
Wer kundig, die Medien zu fügen,
In jeglicher Runde erstarkt.
 

 

281
 
Erst haben der Zins, die Profite
Dem Michel die Galle gereizt,
Dann stand ein Dämon in der Mitte,
Der Sinn und Geschichte verheizt,
Die Sozis vertrieben den Kaiser,
Das Geld ward zu bloßem Papier,
So wurden geschichtet die Reiser,
Zu brennen das garstige Tier.

Wer Darwin vertraut und dem Affen,
Mißdeutets als erbliches Gen,
Die Bande vom Hals sich zu schaffen,
Muß man auf die Anfänge sehn,
Der Teufel hat Macht durch Bestechen,
Und wer nicht dem Wohlstand entsagt,
Der zahle gefälligst die Zechen,
Die ungerecht laut er beklagt.

Nutzt niemand die Zeitung, die Röhre
Der Pleite der Schmutz nicht entrinnt,
Ist klar, daß man gar nichts verlöre,
Wenn man nicht mit Schulden beginnt,
Benutzt man kein Ding, das im Gaue
Ist feil aus dem eignen Bemühn,
Man warte nicht lang und man schaue
Der künstlichen Blumen Verblühn.

Zwar ist auch der Silberling-Nehmer
Im Heilsplan ein göttliches Muß,
Doch hälts nur ein Narr für bequemer,
Die Welt käme endlich zum Schluß,
 

 

282
 
Der Mensch ist beschenkt mit dem Willen,
Daß er seine Prüfung besteh,
Im Lärm und im zweifelhaft Stillen
Den Leuchtstern von Bethlehem seh.

Auf Gott setze all dein Vertrauen
Und nicht auf des Teufels Geschäft,
Die Brücken, die Werber dir bauen,
Mit Demut und Milde entkräft,
Die Juden sind einzig die Strafe
Für Sünden im Tun und im Geist,
Entlaufen dem Hirten die Schafe,
Frohlocken die Wölfe zumeist.
 

 

283
 


RITTERGUT REUSA
Im Jahre nach vorletzter Hundertwende
Hat Plauen Reusa sämtlich aufgekauft,
Drum ist die Macht des Rates nicht zu Ende,
Wenn schattenfrei ihr durch die Heide lauft.

In frührer Zeit, weiß der Chronist zu sagen,
Den Zugriff widerrief manch dürres Jahr,
Zurück zur Freiheit gehts in unsern Tagen
Nicht mehr, was auch die Kasse offenbar.

Verniedlichend der Schreiber hieß die Beute
Ein Vorwerk, wo das Gut an manchen Stelln
Selbst Vorwerk hatte, Hufe dort und Leute,
So macht man kurz den Meister zum Geselln.

Nun hundert Jahre später gilt als Posse
Der Anfang, daß kein Dorf mehr selber schafft,
Ob Unternehmeranwalt, ob Genosse,
Man saugt aus jedem Flecken Seim und Saft.

Gemeinde sein war schließlich nur noch Bürde,
Zu zahlen, was wer anders gut befand,
Erst wenn das Dorf zurückbekommt die Würde,
Kann wieder Frieden sein im deutschen Land.
 

 

284
 


FRIESENBACH
An der Rangmühl in Kleinfriesen
Schau das Viadukt und wein,
Nicht der Übermut von Riesen
Schliff die Schien nach Falkenstein.
Morgenthaus Vernichtungswegen
Gaben Zwerge Müh und Fach,
Meiner Route strömt entgegen
Teilnahmslos der Friesenbach.

Auch die Mühle will nicht mahlen,
Weil sich solches ja nicht lohn,
Besser ists, für Öl zu zahlen!
Und ein Brot - was ist das schon?
Unser Klippklapp ist vergessen,
Und es wird erst wieder wach,
Gibts kein Trinken und kein Essen
Auf dem Markt am Friesenbach.

Glitzert Sonne in den Wellen,
Willst das Trübe nicht mehr schaun,
Denn dem wandernden Gesellen
Frommt ein großes Gottvertraun,
Die Karossen rings der Spießer
Die schon häßlich ohne Krach,
Übersieht der sanfte Fließer,
Der Gesang vom Friesenbach.
 

 

285
 
Ob sein Murmeln lobt die Heiden,
Wo man Sleipnir neu beschlägt,
Der den Hünen über Weiden
Bis in Balders Träume trägt?
Keine Seherin wird deuten,
Ob er grolle, ob er lach,
Hörner oder Glockenläuten?
Wer versteht den Friesenbach?

Zwischen Plytenberg und Esens
Hast des stolzen Stamms gedacht,
Der im Kerne seines Wesens
Polder aus dem Salzschlick macht,
Harsweg hat dich eingeladen,
Daß dich frei die Liebe mach.
Und sie spricht: Da ist kein Schaden,
Den nicht schwemmt der Friesenbach.

Leicht verkritzelt sich der Dichter,
Friede liegt so nah beim Fries,
Kräuselt Bach die harten Lichter,
Scheint er hold und nichts als dies,
Und das Fließen wie das Wellen
Muß verwischen Weh und Ach,
Sag: wer wollt sich nicht gesellen
Solchem Fried am Friesenbach?

Ist das Wasser voller Zauber,
Fehlt dir nur zur Ruh der Baum,
Der als Brunnennacht-Belauber
Hütet unsres Volkes Traum,
 

 

286
 
Unbeeindruckt vom Verfalle
Wird der Stamm nicht mürb und zach,
Den er weiß die Lieder alle,
Die ihm sang der Friesenbach.

Eine Linde soll dich bergen,
Wo der Mittag sticht und brennt,
Suche keinen holdern Fergen,
Weil ihr euch schon immer kennt,
Wer dem Mutterschoß entbunden,
Findet nie ein lindres Dach,
Und dem Stolzen wie dem Wunden
Plätschert hier der Friesenbach.
 

 

287
 


MECHELGRÜN
Der Mauerrest, verrottet längst,
Verlangt nicht wenig Phantasie,
Zu ahnden, wem du Sehnsucht schenkst
Und deiner Stimme Melodie.

Die Wasserburg, ein Dreieck erst,
Mit Walmdach, Wohnturm, Grabenwehr,
War nie gefeit, daß sie zerberst,
Doch immer stellte man sie her.

Nach völliger Zerstörung wuchs
Sie neu mit einem vierten Turm,
Und die Gewißheit ihres Fugs
Beschädigte kein Flammensturm.

In Sonnenkönigs großer Zeit
Zerstörte Feuer bis zum Grund,
Und nur fünf Jahre war es weit,
Daß alles neu gerichtet stund.

Doch voriges Jahrhundert nahm
Dem Ab und Aufwärts Wechselsang,
Was man ererbte, rings verkam,
Und auch das Baun ward Untergang.

Drum sind die Birken wohl im Recht,
Die walden, wo der Wall zerbricht,
Eh Moosbewuchs und Pilzgeflecht
Das Letztkapitel der Geschicht.
 

 

288
 


TRIEB
Waldhufendorf im Plauner Amt
Grundherr war oft ein Rittergut,
Und wer aus diesen Triften stammt,
Kennt keinen unverdienten Mut.

Ob Bergen, Oberlauterbach,
Ob Mühlberg oder Ellefeld,
Beständig war allein die Sach,
Daß jemand hier die Stellung hält.

Dann trieben nicht mehr Ritter her,
Das Land, das nur mit Bauern Nutz,
Die Städter und ihr Fahrverkehr
Besetzten es und nanntens Schutz.

Heut heischt nach eingeschlafner Flur
Kein General und auch kein Von,
Die Straße blieb, die man befuhr,
Sonst nicht mal was im Lexikon.
 

 

289
 


SIEBENHITZ
Man meinte wohl Vegessensein
Sei ärgstes Los für die Gemeind,
Doch sind Verfall und Abendschein
Niemals der allerärgste Feind.

Die Köberey mit lustgem Nam,
Nur Häuslerreihe, wenig wert,
Zu einem Krebsgeschwüre kam,
Daß der Verfall dagegen ehrt.

Der Landvermesser Kapitals,
Kaum daß er dran, der Flur beschied:
Das Land, in neuem Glanz erstahls!
Gewerbe macht erst ein Gebiet!

Wir brauchen öde Äcker nicht,
Dienstleister aber marktgewandt!
Wer Augen hat, bedeck sie dicht,
Am sichersten mit jeder Hand.

In allen Kinderfarben schaut,
Was Schreier schafften uns herbei,
Und kaumwer sich zu sagen traut,
Daß alles dies des Teufels sei.
 

 

290
 


FALKENSTEIN
Von der Zeit der Falknerei
Weiß der Name dieser Flur,
Daß das Wappen rechtens sei,
Glaubt ein großer Tölpel nur.

Eine biedere Gestalt
Hält den prunkgewellten Schild --
Dies ist zwanzig Jahre alt,
Und ein aufgeblasnes Bild.

Vorher war er schlicht und karg,
Und ein Greif, der dreifach hehr,
Krallte ihn und trug ihn stark,
Nicht ein Geck mit Flügelehr.

Schlägel im Andreaskreuz
Wies der alte Schild schon aus,
Hauer und Verhütter freut's,
Doch die warn hier kaum zuhaus.

Bergbau gabs im Vogtland wohl,
Doch den Falkensteinern schien
Gold in Stollen nicht und Hohl
Sondern weiß im Musselin.

Thorey webte hier fürs Heim,
Abriß, Brache, Morgenthau
Machten drauf den letzten Reim
Und die Stadt zum Rentnerbau.
 

 

291
 


GÖLTZSCH
Ellefeld -- nun mache Rast,
Eh da kommt die nächste Stadt,
Schon der Radweg scheint dir Hast,
Wo man kaum noch Wälder hat.

Göltzsch, was sorbisch Goldbach heißt,
Bach und Bach gehn hier ins eins,
Und das Tal nach Süden weist,
Doch sein Ziel ist heut nicht deins.

Ja, die Göltzschtalbrücke sahst
Jung du schon und hast gedacht,
Nicht nur dem, das elbisch grast,
Auch im Geist wächst Himmelsmacht.

Daß der Konstrukteur den Tod
Wählte, als der Bau geweiht,
Scheint dir nicht mehr Zweiflers Not,
Sondern Schöpfers Ewigkeit.

Wer den Traum gebannt in Stein,
Wem beim Teilen blieb kein Rest,
Kann nicht länger Künstler sein,
Und kein Auftrag hält ihn fest.
 

 

292
 


MÜHLGRÜN
Nach Mühlgrün sollts weitergehn,
Doch was Pflanze einst und Keim,
Ist inzwischen, klar zu sehn,
Auerbacher Schreberheim.

Namen stehn auf Karten rum,
Und der Dichter sinnt und hofft,
Alle Ewigkeit ist krumm,
Doch sie ward begradigt oft.

Zwar Gastwirt ist wie je
Nur dem guten Zahler grün,
Aber wenn ich Mühlen seh,
Seh ich keine Seel sich mühn.

Stetig fließen Land und Laut
In legendenhaften Schaum,
Wer nicht alt und wiederschaut,
Spürt den Sog der Tiefe kaum.
 

 

293
 


AUERBACH
Als ich grad halbstark suchte rings
Nach Sinn und Anteil und Geselln,
Mir selber wie den meisten gings,
Ich sagte, ursprungsnah gelings,
Und hielt für echt die neusten Welln.

Zum Blues nach Auerbach getrampt,
Das Bier war stark, der Sommer heiß,
Man fror zur Nacht auch nicht im Hemd,
Und wer hier herkam, blieb nicht fremd,
Und mancher sucht noch heut den Kreis.

Der Stegreiftext authentisch schien,
Zur Spannung dient ein Doppelsang,
Was grade eben erst gediehn,
Als würd es große Kreise ziehn,
Doch zum Vergessen wars nicht lang.

Das Dürftige, das Simple sprach,
Als seis ein Quell im Wüstenland,
Und immer wieder flutend brach
Die Stimme ein und setzte nach –
Wer leer war, griff nach dieser Hand.

Die Pentatonik Afrikas,
Die mit zwei Tönen sich begnügt,
Gab dem Verfließungswunsche Maß,
Und Flüchtende wie Sand und Gras
Sahn sich dem Kosmos eingefügt.
 

 

294
 
Es gab kein Nörgeln, kein Gefrag,
Nur Woge, wo die Luft so dicht,
Die Stunden rannen und der Tag,
Als schlummernd man im Schober lag,
War alles frei und nirgends Pflicht.

Der Rausch war groß, und wer ihm treu,
Will fragen nicht woher, wohin,
Und ruft solch ein Ereignis neu,
So flieht auch allerletzte Scheu,
Zu schätzen dies als Weltensinn.

Ich aber kam kein zweites Mal,
Obgleich berauscht wie jeder dort,
Die Festlichkeit in großer Zahl,
Für die schon längst genügt kein Saal,
War niemals mehr mein Schwelgeort.

Warum? Was ward mir offenbar?
Die Theorie kam erst nach Jahrn.
Obgleich ich ganz der ihre war,
Verließ ich doch gemach die Schar,
Und hab ein andres Land befahrn.

Wir wissen nicht, wie Engel tun,
Doch manchmal stehn sie wohl am Tor,
Ich wollte im Vergessen ruhn,
Und schuf doch immerfort am Nun,
Nicht wissend, ob hinab, empor.

Heut les ich, daß in Auerbach
Die Kirche ward zum Künstlerhaus,
 

 

295
 
Daß schummrig uns das Banjo mach,
Feucht-heißer Süden Durst entfach,
Ruft man in alle Welt hinaus.

Zum Jazz- und Bluesherbst sich geselln
Nun Hardcore- oder Metalbands,
Die Fälle findst von allen Fälln,
Die Songpoeten Weiser stelln,
Wie jeder gut ist, letzten Ends.

Kein End allein dem Feiern wird,
Denn stets am Ziel ist nur die Kunst,
So weiß ich endlich, wie verirrt
Ich jung war, denn die Motte sirrt
Nicht blöder in die Flammenbrunst.
 

 

296
 


AUERBACHS KELLER
Zwar kam er aus der Oberpfalz,
Der dem Lokal den Namen gab,
Doch macht mir keinen Kloß im Hals,
Daß lang ich mich getäuscht wohl hab.

Wann immer von der Stub die Red,
Ich dachte stets ans Vogtland nur,
Drum dorthin mein Gedanke geht,
Wenn ich ins Namensgleiche fuhr.

Wie oft ein alter Stall verdreckt,
So war zur Russenzeit der Mief,
Wo Faust in dem Studenten steckt,
Ein Fall, der nach der Sitte rief.

Ich ging nie hin, obgleich ich nachts
Oft dachte, den Versuch wärs wert.
Nun mancher läßts und mancher machts,
Inzwischen ists ein stumpfes Schwert.

Hier ritt schon Faust auf einem Faß,
Eh der Geheimrat dies bereimt,
Es hat, beflügelt gut vom Naß,
Seither hier manch Student geschleimt.

Studentenkneipen sah ich viel,
Wenn auch nicht so verrufnen Ort,
Ich weiß, es ähnelt sich das Spiel,
Drum sei gewagt ein freies Wort.
 

 

297
 
An einen Fall in Leipzig denk
Ich oft, ein Neunmalkluger sprach:
Wer schätzt Novalis als Geschenk,
Weint Eichendorffen gar nichts nach.

Genie, ein Wort, das ihm gefiel,
Sah er allein im Pfeil, der fliegt,
Ein Irrweg sei ein Lebensziel,
Wo die Gesichtshaut Runzeln kriegt.

Der Jugendkult der ältern Zeit
War zwar nicht Mode und Kommerz,
Doch wars auch ihm die Heiterkeit,
Daß er gepachtet Geist und Herz.

Mephisto kommt es grade recht,
Mit derart blödem Volk zu spieln,
Daß einer sich zum Gotte dächt,
Ist Geistersatz von viel zu vieln.
 

 

298
 


SCHÖNHEIDE
Wie ist die Heide hier so schön!
Rief, sagt man, Karl der Fünfte aus,
Westerzgebirges sanfte Höhn
Sahn bald darauf manch festes Haus.

Die Landwirtschaft war mühereich,
Auch Bergbau brachte wenig Glück,
Es ward der Menschenschlag nicht weich,
Doch stolz auf ein gelungnes Stück.

Schönheiderhammer Pleite sah
Recht oft, doch nie der Hammer schwieg,
Die Hütte ist auch heut noch da,
Was ich nicht oft zu hören krieg.

Der Bürstenmann war reichsbekannt,
Die Not war der Erfinder stets,
Man Pinsel, Bürsten, Quoddeln band,
Zur Messe auf nach Leipzig gehts.

Vom Knock aus wird gerodelt gern,
Wenn Winter kommt mit Schnee und Schiern,
Der Städter, der den Bergen fern,
Hat ein paar Groschen zu verliern.

Mir steht, nicht nur, weil Sommer grad,
Nicht so der Sinn nach Talgesaus,
Doch gibts hier einen Kräuterpfad,
Der breitet wahre Schätze aus.
 

 

299
 
Am Kuhberg lang durch Wies und Wald
Gehts wellig bis nach Stützengrün,
Obs Wetter sonnig oder kalt,
Siehst Sträucher du und Ranken blühn.

Wer meint, dies sei ein Unkraut bloß,
Der wird von Tafeln bald belehrt,
Daß manchen Krauts Geschmack famos
Und überdies dem Husten wehrt.

Ob Knoblauchrauke oder Giersch,
Ob auf dem Brot Spitzwegerich –
Der Schwabe raunt dir zu: Probiersch!
Und kein Geschäft enteignet dich.

Ob Würze, Salbe, ob Tinktur,
Ein Kräutlein wächst für jedes Weh,
Drum koch und back und brau nicht nur,
Zuallererst nach Kräutern geh.
 

 

300
 


EIBENSTOCK
Erst Seifenbergbau, Eisen, Zinn,
Meist in der Herrschaft Schwarzenberg,
Ein kleiner Markt, wo jed Gewinn
Errackert ward mit hartem Werk.

Dann kam mit Clara Angermann
Das Tambouriern in diese Stadt,
Fünf Jahre hielt die Lehrzeit an,
Bis jede Frau ihr Rüstzeug hat.

Das Sticken mit dem Häkeldorn
Ward hochberühmt, Betriebe hier,
Sie drängten mit dem Reich nach vorn,
Maschinenrasch zu höchster Zier.

Eh Weltkrieg kam als Musenmord,
Die Stickerei war Glanz und Staat,
Amerika selbst hielt im Ort
Fast zwanzig Jahr ein Konsulat.

Den Höhenflug erstickte Weh,
Drin manches Lied die Wende singt,
Gott weiß allein, ob ich noch seh,
Daß sie im Erzgebirg gelingt.
 

 

301
 


SAAFNLOB
Der vierte Bub der Bergmannsfrau
Ward Lehrer und hat gern gereimt,
Sein Verswerk ist kein Rotfuchsbau,
Sein Ratespiel nicht abgefeimt.

Ehr Fiedler, der in Wald und Heid
Die Heimat spürt mit offnem Herz,
Dort küßt die Freud das tiefste Leid,
Und nur der Star weiß nichts vom Schmerz.

Der findt sein Kastel neu im Lenz,
Wo Häuser einsam stehn am Wald,
Und daß der Schnitter bald schon sens,
In jedem Vers als Grundbaß hallt.

Und trotzig heißts, die Sitte sei
Hier alt und abhold neuster Mod,
Stets klingt das feine Weh dabei,
Von dem, der weiß, die Zeit ist rot.

Als Rotarmisten an der Muld
Des Bauers weiße Flagge loht,
Der Lehrer war am Weltleid schuld
Und kriegte sein Berufsverbot.

Doch nicht genug, man schleppte ihn
Nach Mühlberg und nach Bautzen fort,
Er büßte für den Bildungs-Spleen,
Weil nun verderblich deutsches Wort.
 

 

302
 
Als er drei Jahr geduldet Haft,
Das Regiment ward minder derb,
Mann gönnte ihm die Leidenschaft
Für Brauchtum und für Kunstgewerb.

Das Erzgebirgeln ward erlaubt,
Solangs den Takt der Zeit nicht stört,
Wenn man die Heimat harmlos glaubt,
Wird bloß der halbe Reim gehört.

Denn, wer den Wald singt und das Nest,
Macht Recht auf eigne Lebensweis
Wohl geltend, vor Tyrannen fest,
Und löst sich nicht im Dunst des Breis.

Die Heimat ist kein Standortplus,
Nicht Wachstum will sie und Profit,
Wer immerfort sie preisen muß,
Der macht den Wahn der Zeit nicht mit.
 

 

303
 


BLAUENTHAL
Wer Märsche will nicht überland,
Es taglang mag mit Schau und Mahl,
Wer pflichtenmüd und ausgebrannt,
Dem werde mein Gedicht bekannt
Vom Wanderweg bei Blauenthal.

Die große Brockau läd dich ein,
Durch eine tote Holzfabrik
Dring pirschend in den Hangwald ein,
Dort soll ein großes Wunder sein
Und dir besprühen Haar und Blick.

Das Wasser stürzt von hohem Sprung,
Wenn du nicht mit den Alpen wägst,
So findst du selten Steigerung
Des Schauspiels, welches urkraft-jung
Verlacht, was du im Blute trägst.

Daß man den Fall mit Willkür schuf,
Vergiß bei seiner Schönheit Flut,
Hier war nicht taub dem ältsten Ruf,
Wer aussann Wege, Haus und Huf,
Und dem der Abend sagte: gut!

Beim Zimmersacher freilich mußt
Das Mühlrad, das die Stadt nicht braucht,
Vermissen, und der Bratenkrust
Wie auch dem kühlen Wein zur Lust
Erdgas durchs Netz der Netze faucht.
 

 

304
 
Von Holzfiguren wird flankiert
Die Rektorbrück, das Blockautal.
Dem, was im Winter niemals friert,
Gar mancher abspricht, daß es ziert,
Drum sag ich ein für allemal:

Geringe Kunst, die Einfalt setzt,
Verachtet bloß, wer impotent
Nur immerfort nach Trümpfen hetzt
Und letztlich Ideologen schätzt,
Weil sein Gebahrn er drin erkennt.

Die großen Meister fußten stets
Im volkgewachsnen Herzeleid,
Drum abhold Professorn-Gereds
Sei deinem Volk, denn also gehts
Zu Werken über Zweck und Zeit.

Bergahorn, Buche, Fichte, Tann,
Dann wird der Weg ein Schlangenwurm,
Ab Wildenthal steigts kräftig an,
Wer meint, daß er bald nicht mehr kann,
Hoff auf ein Bier am Auersturm.

Zum Ausblick reicht die Sonnenhand,
Doch Windschutz heischt den Obolus,
Das Vogtland schau, das Böhmerland,
Die Fluren rauschen urverwandt
Und wissen nichts von Überdruß.

Wenn dich der Wurzelrodi schreckt,
So wisse, dies wird hier gepflegt,
 

 

305
 
Der Mummenschanz nur Spaß bezweckt,
Die Lust, was man so ausgeheckt,
Sich leicht nicht bei dem Volke legt.

Nach Sosa zweig am Kleinen Stern,
Den Weg stört hie und da ein Schacht,
Es ist bekannt doch nah und fern,
Der Bergmann gräbt die Stollen gern,
Und mancher ist dann eingekracht.

Dann gibt der Wald dem Auge frei
Den Blick auf Wasser angestaut,
Ein Lärm sagt, daß da Sosa sei,
Dort schweigt zwar längst die Meilerei,
Doch ist das Sonntagsvolk hier laut.

Nach Blauenthal, die Sonne sinkt,
Der Zinnsteig schließlich führt zurück,
Vergoldet dir die Landschaft winkt,
Und wenn er sie in Verse bringt,
Ist Müdigkeit des Wandrers Glück.
 

 

306
 


SCHWARZENBERG
Schwarze Berge sah einst der Ottone,
Zwischen Böhmen und dem Pleißenlande
Hieß es, daß Befestigung sich lohne,
Wo der Wald verbarg die Räuberbande.

Barbarossa gab die Stadt dem Erben,
Lobdeburg und Tettau war sie eigen,
Bis Kursachsen konnte sie erwerben
Und zur Vormacht Luthertumes steigen.

Kirch und Schloß stehn auf dem Felsenriegel,
Drum die Schleife zieht das Schwarze Wasser,
Dennoch gleicht das Umland einem Tiegel,
Totenstein und Ottenstein die Fasser.

Hirschstein, Hoher Hahn und Hohe Henne,
Galgenberg und Rockel sind markante
Sporne, dran ich Schwarzenberg erkenne,
Auch wenn oft die ganz Stadt verbrannte.

Grobgefasert oder mittelschrotig
Ist der Augengneis mit erznen Adern,
Ob der Mensch hier wendisch oder gotisch,
Keiner sollte mit dem Schlägel hadern.

Heute freilich ist auch die Kommune
Ein Museum für die Bustouristen,
Wenn verkehrt sich stellt die Lebensrune,
Braucht es großen Lärm in Schweigefristen.
 

 

307
 


KUMPEL
Der Mann, mit dem man Brot teilt, wie Lateiner
Einst sagten, ward zum Synonym für Hauer,
Denn der Betroffne ist hier jeder einer,
Wo mächtig liegt das Schicksal auf der Lauer.

Die Not verschweißt, des Berges dichtes Drohen
Wiegt ärger als der Feind vorm Schützengraben,
Der Toten denkt im Schein der Osterlohen
Wer schweigsam trägt das Dunkelkleid der Raben.

Oft schickte man, um Lohn und Raum zu sparen,
Auch Kinder oder Frauen in die Schächte,
Dies ist wohl Grund, daß recht verhalten waren
Die Stimmen, daß man dies rein männlich dächte.

Die Frauenfreiheit, hin und her beschworen,
Scheint derzeit sich vom Ausgang abzukehren,
Im Bergbau hätten Weiber nichts verloren,
So sprach man, um das Muttertum zu ehren.

Der Konvention, daß Frauen seis verboten,
Mit Glückauf in die Schächte einzufahren,
Trat Deutschland bei, als noch die Bombentoten
Recht unvergessen in den Nachkriegsjahren.

Doch jüngst ward diese Unterschrift gekündigt,
Nun gilts als Schimpf, das Schwache zu beschützen,
Dabei wird praktisch freilich nichts versündigt,
Weil Bergarbeiter Deutschland nicht mehr nützen.
 

 

308
 


RASCHAU
Grünhainer Mönche fanden jäh
Am Emmlerfelsen Eisenstein,
Man meinte, wenn man weiter säh,
Müßt mancherlei zu finden sein.

Der Seegen Gottes hieß die Grub,
Wos Kiese gab fürs Vitriol,
Auch Silber war und Zinn im Hub,
Wo bald die ganze Gegend hohl.

Der Ziegenberg, der Knochen steil,
Das unterirdische Gewirk
Hat nicht gering am Namen teil,
Der heut noch immer Erzgebirg.
 

 

309
 


SCHEIBENBERG
Für Scheibenberg gar vieles gilt,
Was zu der Gegend ward gesagt,
Doch eigentümlich scheint ein Bild,
Nach dem wohl selten einer fragt.

Der Feldherr Holk, Mann Wallensteins,
Triebs nach dem Seitenwechsel kraß,
Die Scheibenberger waren eins,
Man wehr den Wiesenthaler Paß.

Wo Mächte Treue und Allianz
Mal wogen und mal bliesen fort,
Stieg auf den Berg der deutsche Hans
Und kämpfte gegen Völkermord.

Der Paß ist kein geringes Ding,
Spanische Reiter sah er schon,
Wenn auch am Galgen keiner hing,
Verstand man wohl den rüden Ton.

Er ist der höchste, den die Post
Im Erzgebirge kannte je,
Nicht nur die Alpen kennen Frost,
Auch hier war Tod der Winterschnee.

Er führt nicht mehr nach Gottesgab,
Das böhmisch wie ein Röcheln klingt,
Doch Achtung vor der Mannheit hab,
Auch wenn der Sieg ihr nicht gelingt.
 

 

310
 


SCHLETTAU
Im Gegensatz zum Wiesenthaler Steige
Ist die von Preßnitz niedrig und kommod,
In Zwickau man von ihr schon Zeugnis bot,
Als Ritter in Jerusalem die Not
Der Pilger rief, daß sich ein Orden zeige.

Hochmittelalterlich und heut Geschichte,
Talsperrenbau versperrte diesen Weg,
Daß man den Übergang der Zschopau heg,
Den Unrat von der Handelsstraße feg,
Half Schlettau zu dem eigenen Gesichte.

Die Zschopau hab ich früher schon bedichtet,
Im Harras und im Sprung von Gottes Gnad,
Hier ist auch heut die Stimmung wenig fad,
Denn ein Erwachen staut sich auf zur Tat,
Nachdem so vieles, was geliebt, vernichtet.
 

 

311
 


ANNABERG UND BUCHHOLZ
Die Sehma grenzt den Teil der Ernestiner
Von dem der Albertiner ab im Osten,
Der Silberberg war beider Seiten Diener,
Und ähnlich warn auf jeder Seit die Kosten.

Das künstlich so getrennte Tal zu einen,
Scheint mir vergleichbar nicht dem Willkürbrauche,
Mit dem sonst Flecken als gemeinsam scheinen,
Daß man die Lasten der Verwaltung stauche.

In Annaberg und Buchholz sind die Brücken
Längst nicht mehr Tore, daß man sie bedenke,
Doch Tradition kann auch die Frag bedrücken,
Wer welcherart dem andern Teil sich schenke.

Die Sowjets wollten da nicht diskutieren,
Der Kommandant befahls, und Land und Räte,
Sie duckten sich wie immer großen Tieren,
Auf daß man ihren Pfründen bloß nichts täte.

Dies war in diesem Falle wohl erträglich,
Und niemand will die beiden Hälften trennen,
Der Doppelname ist schon lang alltäglich,
Jedoch die Grenze will kein Mensch mehr kennen.
 

 

312
 


SCHLOSS WOLKENSTEIN
Den Namen teilt es bloß mit einem Dichter,
Und ist kein Ort, wo Musensöhne reifen,
Der Felsvorsprung als tiefen Waldes Lichter
Läßt weit die Blicke an der Zschopau schweifen.

Obgleich befestigt, hieß dies Schloß schon frühe,
Zweihundert Jahr warn hier die Waldensteiner,
Das Ende des Geschlechts enthob der Mühe
Wettiner, weil dem Anspruch streitet keiner.

Heinrich dem Frommen wurds ein Hort der Fülle,
Sohn August schuf ein Jagdschloß, bis gewachsen
Zum Kurfürst ihm gering ward die Idylle,
Er anderswo nach Hirschen ritt und Dachsen.

Der dreißigjährge Krieg hat zwar die Mauern
Nicht abgebrannt, doch hie und da geschunden,
Und seither hieß es, auf die Beßrung lauern
Und derweil lecken links und rechts die Wunden.

Die beßren Zeiten sind noch nicht gekommen,
Die Volkskunst heizte wenigstens die Hallen,
Doch davon hat man auch nichts mehr vernommen,
Und also bleibts bei stetigen Verfallen.
 

 

313
 


GRETE BAIER
Das Örtchen Brand gefiel den Zeitungsschreibern,
Als Bürgermeisters Tochter ward der Ruhm,
Als die historisch letzte von Weibern
Geköpft zu werden in dem Königtum.

Im Albertpark zu Freiberg lief die Menge
Zusammen, wie es sonst nicht üblich war,
Empörung herrschte wider Königs Strenge,
Da jung das Mädchen, dem es ging ans Haar.

Tucholsky ließ den Coup sich nicht entgehen,
Zu hetzen wieder allen Brauch im Staat,
Sein Pathos läßt soziale Flagge wehen,
Und fordert Umsturz und nicht etwa Gnad.

Doch selbst zu Gnad gabs wenig Argumente,
Die Mörderin trieb ab und log und stahl,
Die Not ist hier nur eine Zeitungsente,
Denn Überfluß schuf ihr die Qual der Wahl.

Sie spielte mit Verwandten und Geliebten,
Was ihr gefiel, das steckte sie sich ein,
Wer Zeitung liest und also im Gesiebten,
Meint wohl, der Krimi müßt romantisch sein.
 

 

314
 


FREIBERG
Novalis nennt den Herrn der Erd,
Wer Stollen gräbt ins Schwermetall,
Der Schlägel ist das beßre Schwert,
Weil er beschenkt und nicht nur wehrt,
Und selbst ergreift den Schicksalsball.

Romantisch ist wohl auch der Sinn,
Zu säen nicht für karge Ernt,
Der Bergmann setzt sich als Beginn
Und wähnt ein Recht auf den Gewinn,
Mit dem einst Gott die Nacht besternt.

In Freiberg wuchs die Wissenschaft,
Gut auszubeuten Nacht und Grund,
Zu wissen, wann die Ader schlafft,
Daß neuem Schürfen gelt die Kraft,
Weil unersättlich ist der Mund.

Das philosophisch Disputiern
Liegt diesem neuen Eifer nicht.
Er will nicht lange Zeit verliern,
Er sucht nach Öl, das Rad zu schmiern,
Und glaubt nicht an ein Letztgericht.

Da hilf wohl nicht Poeterey,
Allein die Not macht wach und fromm.
Ob dieser Berg von Schätzen frei?
Ob dieser Tag der letzte sei?
Wir winken nur dem Engel: Komm!
 

 

315
 


FREIBERGER GYMNASIUM
Das Freiberger Gymnasium tut
Sich vieles gut auf Tradition,
Als erste Sachsens hochgemut
War die Lateinschul Bildungsgut
Vor Luthers Thesenanschlag schon.

Zum zweiten ward die Schul benannt
Nach Hans und auch nach Sophie Scholl,
Seit neunundvierzig ists bekannt,
Nun wird viel Lärm darauf verwandt,
Weil dies ja richtig wirken soll.

Daß Sowjet-Militär verfügt
Den Namenspaten diesem Haus,
Wird nicht erwähnt und nicht gerügt,
Weil man ihn liebt und dies genügt,
Auch ist der Sowjet-Ärger aus.

Die Schüler psalmodiern im Chor,
Es kämpften für ein beßres Land,
Die Scholls und breschten da sich vor,
Wo mancher liegt auf faulen Ohr
Und nennt die Rose hirnverbrannt.

Es hat getobt Vernichtungskrieg,
Ausrottung deutsches Schicksal schien.
Es ging nicht mehr um Recht und Sieg,
Welch Russ auf deiner Mutter lieg,
Fragt man in Breslau und Berlin!
 

 

316
 
Wer da im Flugblatt närrisch schreit:
O Deutscher wirf die Waffen hin!
Zeigt nur, daß er in Heiterkeit
Der Metropol dem Elend weit,
Und tückisch hofft, der Feind gewinn.

Mag sein, daß der Prozeß ein Witz,
Doch so geschiehts in jedem Staat,
Wer einräumt zweifelnd oder spitz,
Der Feind das beßre Recht besitz,
Büßt mit dem Leben diese Tat.

Als Mildrung seh ich bestenfalls
Die Jugend und Inkompetenz.
Doch wer macht solche Todesbalz,
Die selbstgelegte Schling am Hals,
Zum Vorbild für den Bildungslenz?

Nur wer das deutsche Hochgefühl
Zu wissen tief im Grunde haßt.
Wer sich Zersetzung und Gewühl
Ergeben hat und mit Asyl
Schmarotzer ruft als Dauergast.

Wenn solcher Geist an Schulen lehrt
Und selbst sich feiert noch dazu,
So wird die Jugend rings verheert,
Daß sie den Drogenrausch begehrt,
So kommt sie wie gewünscht zur Ruh.
 

 

317
 


THARANDTER WALD
Sachsen ist so stark besiedelt,
Daß der Wald fast nirgends dicht,
Daß der Schrat am Borne fiedelt,
Nix im Dämmer Goldhaar flicht,
Daß der Braunbär komm aus Polen,
Ist ein Scherz für jung und alt,
Doch man glaubt es unverhohlen,
Sprichst du vom Tharanter Wald.

Zwischen technischen Triumphen
Und Betrieben eingequetscht,
Freut die Seele sich am Stumpfen,
Isegrim die Zähne fletscht,
Wo man Fischzucht treibt und Bienen
Schwärmen läßt zum Unterhalt,
Webt Arachne die Gardinen
Goldig im Tharanter Wald.

Längst vergessen sind die Mühen,
Drin der Forst aus Ödland klomm,
Wo man satt hat Rauch und Brühen,
Ruft die Lerche leichthin: Komm!
Umweltforscher, Geologen,
Prüfend Wandel und Gestalt,
Sind dem Studienort gewogen,
Nennend sich Tharanter Wald.
 

 

318
 
Mittelpunkt von Sachsens Kreisen,
Reitweg, Kutschplatz, Schlittenspaß,
Deck er rasch geschlagne Schneisen,
Und weiß nichts von Ziegenfraß,
Wandrer mögen Wipfelrauschen,
Ob es heiß ist oder kalt
Und wer hier ist, mag nicht tauschen
Etwas dem Tharanter Wald.

Auch Lips Tullians Schwarze Garde
Loht im Aquarellgetupf
Wo dich grüßt die wilde Karde,
Liegt der Räuber Unterschlupf,
Manche Beute sei vergraben,
Heißts, in feste Truhn geballt,
Dies ist alles leicht zu haben,
Gräbst du im Tharanter Wald.

Allzugern läßt man sich täuschen,
Hält für echt Potemkins Dorf,
Die Moderne sucht nach Räuschen,
Patina und dichten Schorf.
Erst wenn ihr euch abgefunden,
Daß ihr ins Vergessen fallt,
Wächst aus euern Gräber-Wunden
Wirklich der Tharanter Wald.
 

 

319
 


DRESDNER ZWINGER
I

Was auch hinab die Elbe floß,
Was auch in Dresden je geschieht,
Ich denk stets, wie in Phosphoros
Man Flüchtlinge aus Breslau briet.

Behördlich angewiesen ward,
Daß man die Opferzahlen senkt,
Ich sag dazu in meiner Art:
Ein Schelm, der Arges dabei denkt.

Doch weil ich mein, der Schreckenstag
Wird Meister finden noch und noch,
Will ich vertiefen nicht die Klag
Und ausmaln nicht das schwarze Loch.

Wo offenbar Motiv und Tat,
Brauts nicht Prozeß und keinen Reim,
Vielleicht gibt uns die Zukunft Rat,
Und Gott führt die Verlornen heim . . .
 

 

320
 
II

Was Dresden ausmacht und Barock,
In einem Scheibensplitter zeig,
Ob dich auch größte Fülle lock,
Nur einem Stück das Auge neig.

Man pöne dies als ungerecht
Und schimpflich mancher großen Zeit,
Doch sieht das Dichterauge schlecht,
Ists nicht durchloht von Heiterkeit.

Hier eine Scharte, dort ein Leck!
Der criticus Versäumtes nennt.
Doch auch wer schreibt für Paperback,
Hat irgendwo ein Kontingent.
 

 

321
 
III

Der Zwinger zeigt, wie sonst kein Haus im Lande,
Den deutschen Mann als Horter und Erhalter,
Die hellen Blöcke aus dem Elbsteinsande,
Verfielen schon nach einem Menschenalter.

Die Konzeption war groß und nicht zu halten,
Was später kam, war schon in anderm Stile,
Manch einer träumte, frisch und frei zu schalten,
Doch seine Gegner waren viel zu viele.

Bei Kirchen war die Proportion der Größe
Zur Nutzung wohl vom Praxissinn geleitet,
Jedoch erpicht auf Pomp und auf Getöse,
Fragt nicht der Fürst, wie oft er dies durchschreitet.

Auch war der Wunsch, gemütlich dort zu hausen,
Verderblich für die Luft mit Schwefelgasen,
Derweil die Herrschaft und die Diener schmausen,
Fällt Säure auf die Mauern wie den Rasen.

Man kann sich eines Eindrucks nicht erwehren,
Das ganze sei wie heute die Olympiade,
Man orientiert sich an den größten Ehren,
Und daß mans wegschmeiß, ist es dann zu schade.
 

 

322
 
IV

Was absolut sich setzte im Barocke,
War fern dem einstgen Dienste und dem Lehen,
Hier rief den Hof nicht mehr die Bronzeglocke,
Die Demut und Erlösung zu erflehen.

Man schuf Gebäude nicht mehr um zu beten,
Lustwandel heißt, daß anderswo die Sklaven,
Auch militärisch Rechte zu vertreten,
Taugt nicht, daß Nymphen unterm Springborn schlafen.

Das Ringsumher ist auch kein Klostergarten,
Der mehr erbringt, als seine Heger zehren,
Es ist gemacht, den Zuschuß abzuwarten,
Den Untertanen fern und nah entbehren.

Man pönt mich Geizhals oder Pfennigfuchser,
Es müsse in Welt auch Höhres geben,
Nur freilich brächt ich leisest nicht den Muchser,
Wärs da, den Geist und die Moral zu heben.
 

 

323
 
V

Die Leichtigkeit, das Spiel der Ornamente –
Wie haben es geschafft, so sagt man frisch,
Was uns von dunklen Zeiten sicher trennte,
Ist Aufgeklärtheit, die uns deckt den Tisch.

Nun hat man freilich nie noch Aberglauben
Dienstbar erlebt, daß er den Staat ernähre,
Selbst feinste Damen mit Burgunderhauben,
Sie wußten, weit ists nicht zu Charons Fähre.

Erst als man sich Perücken gab und Puder,
Stolzierte man, als wärs auf dem Parnasse,
Die Zeit war nicht wie einst ein geiles Luder,
Und in der Karte gab es sechzehn Asse.
 

 

324
 
VI

Das Königtum in Sachsen ist Rebellen
Geschuldet, einem furchtbaren Gemetzel.
So fangen an die Ordnungen, die hellen!
Dagegen ist ein Engelsknab selbst Tetzel.

Der Kurfürst war nicht mehr bereit zu küren,
Dies nannte er ein Glück für die Karriere,
Im Volk ist nicht mehr Heiligkeit zu spüren,
Der Folgen wegen keiner sich beschwere!

Wenn aber nicht mehr Gott vergibt die Kronen,
So ist der Prunk darum die reinste Schande,
Drum sag ich euch, die heut im Schlosse wohnen,
Es ist im Grund ganz die gleiche Bande.
 

 

325
 
VII

Der Zwinger zwingt nicht, weder uns noch andre,
Er zwingt sich nicht mal selber zu bestehen,
Solang ich durchs Geneck der Putten wandre,
Ich kann die Größe dieses Reichs nicht sehen.

Kunstfertigkeit mit Hang zum Folgenlosen,
Ein Schmuck des Daseins und ein Trost dem Sünder,
Da bin ich bei den Flechten und den Moosen,
Die auf dem Steine Kolonien-Gründer.

Denn dieser Glanz ist tot wie sein Gebieter,
Und niemals wird erstehn uns dieser Adel,
Das Eingeständnis des Gebrechens flieht er,
Aus Lügen wächst dann alles, was ich tadel.

Der echte Führer führt das Volk aus Wüsten
Aus Spieglungen der Luft und aus der Rache,
Es bleibt der tiefste Lichtblick jedes Mysten,
Daß nur im Herrn ich frei mich selber mache.
 

 

326
 
VIII

Der Zwinger litt gar bitterlich im Kriege,
Und deutscher Fleiß hat erneut erhoben,
Mit diesem Fleiß wärn möglich andre Siege,
Doch reichts dem Volk, die Freiheit laut zu loben.

Sie ist mit keinem Staatsakt zu erzwingen,
Nicht durch Gewalt und auch nicht durch Palaver,
Doch jede Runde ruht auf ältern Ringen,
Zu Weizen wird in tausend Jahrn kein Hafer.

Wer heute schafft, daß seine Enkel spüren,
Nicht der Verbrauch und Unrat ist das Erbe,
Den wird auch Gott zu der Erkenntnis führen,
Das größte ist, daß man in Frieden sterbe.

Verehrung aber frommt nicht unsern Schätzen,
Den Mensch verehrt die Folge der Geschlechter,
Nur Gott allein ist Ruhm und Ehr zu setzen,
Sein Frieden nur ist ewig ein gerechter.
 

 

327
 


BISCHOFSWERDA
Einst umsäumt von siebzehn Teichen,
Galt als Werder dies im Ried,
Viele Bäume mußten weichen,
Eh man erste Furchen zieht,
Benno gilt als Siedlungsgründer,
Bischofsstab und Weihnachtsstern
Sollten lehren jeden Sünder,
Daß er folge unserm Herrn.

Hirtenstern verweist auf Weide,
Und der Stab auf weites Ziel,
Wieder eine Wasserscheide
Überschritt das Minnespiel,
Sag, wohin gilt es zu fahren,
Wenn wir ausschaun, taubenetzt?
Wenn sich dicht die Schatten scharen,
Wirst du weise sein zuletzt.

Jeder Pilgrim hat die Mühen,
Die der trägt auf seinem Pfad,
Zu erkennen als ein Blühen,
Das recht eigentlich die Tat.
Weg ist Ziel, hör oft ich sagen,
Doch dies triffts nur ungenau,
Denn das Tun ist stets ein Wagen,
Und wer zielte schon ins Blau?
 

 

328
 
Fühl ich Benno in der Nähe,
Bin ich gleichwohl nicht bei ihm.
Herrlich wärs, wenn es geschähe,
Daß auch mir ein Neuland ziem!
Doch die Welt ist längst erschlossen,
Und gefüllt mir Tand und Kram,
Doch so viel auch Zeit verflossen,
Nicht zum Herrn die Seele kam.

Also darf der Zweifler fragen,
Ob der Weg nicht falsch und irr?
Ob das Ziel von allen Tagen
Ist zerschlagenes Geschirr?
Elster flattert auf der Mauer,
Diebisch wie auf Donars Eich,
Und der ehrlichste der Schauer
Ward derweil nicht kenntnisreich.
 

 

329
 


BAUTZEN
Fern dem unversöhnten Hang,
Daß man Salz in Wunden kipp,
Und ein gräßliches Geripp
Mach aus einem Schreckensklang,

Kann ich doch im Fall der Stadt,
Die ich kaum recht angeschaut,
Überhaupt nicht aus der Haut,
Die nach Jahren noch nicht glatt.

Dieses Wort war jedem hier,
Der im roten Paradies,
Furcht, die ihn nicht nachts verließ,
Und auch früh das Hahnentier.

Sprechen kann ichs nicht normal,
Und ein Reim ist auch nicht feil,
Also bleib die Seite kahl,
Und man denk sich seinen Teil.
 

 

330
 


MARKERSDORF
Es markiert kein Stein im Grase,
Aber schlesisch ist es doch,
Nicht betrügt der Zoll die Nase
Und im Strumpf das große Loch.
Eichendorff, ich schlug die Brücke
Von der Saal zum Oderbruch,
Denn die Grenzverschieber-Tücke
Merzte niemals den Geruch.

Längst bedichtet sind die Forste,
Wo uns heimelig der Schrat,
Wo vom Binder spricht die Borste
Und die Ähre von der Mahd,
Wenn einst Deutsche wiederkehren,
Wirst du Krume neu erblühn,
Doch berauscht von Hiobslehren,
Wähln sie rosa oder grün.

Zwar ist hier noch nichts vertrieben,
Doch der Schatten auf dem Land,
Furcht die Stirne mir mit Hieben,
Und der Mut scheint abgebrannt,
Ist das Ziel dies Nest am Wege,
Wie das Deutschtum stets Provinz?
Wie ich auch die Karten lege,
Raus kommt immer nur: ich bins.
 

 

331
 
Ob ich schelmisch Abschied nehme
Oder Meißen noch besuch?
Jedem Dichter sind Systeme
Perfidie und Rackerfluch,
Und es würde mir nichts nützen,
Rief der Sensenmann mich nie,
So viel Spatzen, so viel Pfützen,
Alles schreit nach Poesie.

Darum pöne nicht Fragmente,
Denn die Welt ist selber eins,
Und das innerst Quintessente
Sagt uns nur der Geist des Weins,
Wo wir fanden Grund zu singen,
Sei das Werk uns recht getan,
Es zu Ende je zu bringen,
Ist und bleibt ein frommer Wahn.